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- 22.08.202522 min
Sie ist die längste Eisenbahnstrecke der Welt - die Transsibirische Eisenbahn. Ende des 19. Jahrhunderts will das Zarenreich mit ihr einen Traum wahrmachen: den Raum besiegen und Russland in die Moderne katapultieren. Von Elsbeth Bräuer (BR 2018) Credits Autorin: Elsbeth Bräuer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Rainer Buck, Herbert Schäfer Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Benjamin Schenk Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: MDR (2025): Weltgeschichte vor der Haustür Hans Christian Andersen liebte das Reisen – vor allem mit dem Zug. Er lernte das Osmanische Reich kennen, Portugal oder Großbritannien. Eine seiner ersten Reisen führte ihn 1831 nach Deutschland - der Anlass war eine unglückliche Liebe. Das Reiseziel Deutschland hatte mit seiner Vorliebe für Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck oder Heinrich Heine zu tun. In die Sächsische Schweiz zog es ihn wegen seiner Schwäche für Berge, Felsen, Täler und Höhlen. Und die Stadt Dresden faszinierte ihn so sehr, dass er danach immer wieder zurückkehrte. ZUR FOLGE Linktipps BR (2025): Glacierexpress Neben der Transsibirischen Eisenbahn ist die Fahrt mit dem Glacierexpress eine der berühmtesten Eisenbahnreisen der Welt. In acht Stunden erlebt man zwischen St. Moritz und Zermatt knapp 300 Kilometer Schweizer Alpenlandschaft in ihrer schönsten Form. Seit 88 Jahren gehört die Reise mit dem "langsamsten Schnellzug der Welt" zu einer der aufregendsten und bequemsten Möglichkeiten, die Alpen zu entdecken. Die dreiteilige Dokumentation gibt es in der ARD Mediathek. JETZT ANSEHEN BR (2024): Die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland – Vom Adler zum ICE Neun Minuten dauert die Jungfernfahrt der Lokomotive "Adler". Sie läutet 1835 auf den frisch verlegten Schienen zwischen Nürnberg und Fürth das Eisenbahnzeitalter ein. Seitdem hat sich viel getan in der Geschichte der Eisenbahn... Von Inga Pflug (BR 2020) JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte gibt es auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ZITATOR So versank gewissermaßen die europäische Welt hinter uns, und es gab keine Mittel und Wege, die Verbindung mit ihr wieder herzustellen. Aber eine ganz neue und kaum geahnte Welt stieg dafür vor uns auf und sprach in beredter Weise, mit lebhaften Bildern zu unseren Sinnen. Die Eisenbahn brachte durch den unendlich langen Einschnitt, den sie in den asiatischen Kontinent macht, überall neues Leben hervor. SPRECHER Sie ist eine Bahn wie keine andere. Die Transsibirische Eisenbahn, von der der deutsche Journalist Eugen Zabel schwärmt, ist längst ein Mythos. Über 100 Jahre später fasziniert sie immer noch Reisende und Russlandfans. Nicht nur für Eisenbahnromantiker ist es ein Traum: Einmal die große Reise von Moskau nach Wladiwostok antreten, über 9.000 Kilometer Schienen, während am Fenster eine endlose Schneelandschaft vorbeizieht, die Eisenbahn sanft rattert und es in den Gängen nach russischem Tee riecht. MUSIK SPRECHER Das Zarenreich im 19. Jahrhundert. Alexander III. herrscht über ein riesiges Imperium – von St. Petersburg im Westen bis zur Pazifikküste im Osten. Doch der Zar hat ein Problem. In den entfernten Gebieten kann er seine Herrschaft schlecht durchsetzen, der Handel mit Sibirien wird erschwert durch schlammige Straßen und unpassierbare Gebiete. Daher geistert jahrzehntelang eine Idee durch die russischen Ministerien. Ein „stählernes Band“ soll Russland wie einen Gürtel zusammenhalten – die Transsibirische Eisenbahn. Es wird die längste Eisenbahnstrecke der Welt werden, ein Viertel des gesamten Erdumfangs. Der Historiker Prof. Benjamin Schenk hat ein Buch darüber geschrieben: „Russlands Fahrt in die Moderne“. 1 O-TON Das war ein Zeitalter, wo man weltweit daran dachte, große Distanzen mithilfe dieser modernen Infrastruktur zu erschließen. Es war auch die Zeit der großen Verkehrsprojekte auf dem amerikanischen Kontinent, es war die Zeit, wo man den Suezkanal baute und Jules Verne sein Buch schrieb "In 80 Tagen um die Welt", und wo man davon träumte, dass man mithilfe dieses modernen Verkehrsmittels nun Raum und Zeit besiegen könne. SPRECHER Der Mann, der für diesen Traum kämpft, heißt Sergei Witte. Sein Herz schlägt für die Schienen. Der Manager berät den Zaren zu Eisenbahnprojekten, wird Verkehrs- und später Finanzminister – er will das Zarenreich moderner machen. In seinem Buch „Die Memoiren des Grafen Witte“ von 1921 beschreibt er, welch großen Stellenwert die Eisenbahn für ihn und den Zaren hat: ZITATOR Die Idee, das europäische Russland mit Wladiwostok zu verbinden, war einer der größten Träume von Alexander III. [...] In meiner Funktion [...] setzte ich mich hartnäckig für die Notwendigkeit ein, die große Sibirische Bahn zu bauen. So sehr die früheren Minister den Plan abwendeten, so wollte ich ihn durchführen, erinnere ich mich an mein Versprechen an den Kaiser. Als Finanzminister war ich in einer besonders guten Position dafür, denn was man für den Bau der Bahn am meisten brauchte, war Geld. SPRECHER Was die Eisenbahn angeht, hinkt Russland hinterher. Mit Neid blicken viele in die USA und nach Kanada: Dort schnaufen und rattern schon Züge quer über den Kontinent. Nun soll auch Russland mit einem großen Kraftakt in der Moderne ankommen. Doch wie jedes Großprojekt hat die Transsibirische Eisenbahn ihre Feinde. Bevor sie gebaut wird, wird um sie gestritten – über 30 Jahre lang. Zu teuer, sagen die Kritiker, größenwahnsinnig, ein Projekt, das sich nie lohnen wird. Und dann ausgerechnet Sibirien – das „Reich der Kälte“, groß, wild und unwegsam. 2 O-TON Sibirien war für Russen, aber auch für Menschen in Westeuropa ein Land, das sehr, sehr weit weg war und ein nicht sehr gut ausgebildetes System von Wegen und Straßen hatte und das wirklich schwer zugänglich war. Und ein Grund, warum man zum Beispiel Sibirien als einen Ort der Verbannung und des Gefängniswesens genutzt hatte, war, dass man nicht nur schlecht hinkam, sondern auch schlecht wegkam. Also es war ein Ort, der im Volksmund als das „größte Gefängnis der Welt“ galt. SPRECHER In diesem Gefängnis gibt es Land im Überfluss. Manche versprechen sich davon reiche Gewinne - im Ackerbau und der Viehwirtschaft. Doch die Produkte zu transportieren ist schwierig. Man fährt die Ware mit Schlitten über zugefrorene Wege, unbefestigte Straßen werden schnell mal zu gefährlichen Schlammlöchern. Besonders schlimm ist es im Frühjahr und Herbst. Im Russischen gibt es sogar ein eigenes Wort für diese „Zeit der Wegelosigkeit“: Rasputiza. Die Transsib soll ein kleines Wirtschaftswunder in Gang setzen - und die Regierung hofft, sich damit auch militärisch besser aufzustellen. Schließlich spricht Alexander III. im Jahr 1890 ein Machtwort für die Transsib: ZITATOR Es ist Zeit, allerhöchste Zeit. SPRECHER Im Mai 1891 tut Alexanders Sohn, der spätere Zar Nikolaus II., den ersten Spatenstich – und zwar im Pazifikhafen Wladiwostok, das heißt übersetzt „Beherrsche den Osten“. An gleich fünf Stellen gleichzeitig beginnen die Bauarbeiten. Doch die Verantwortlichen haben sich bei der Planung verschätzt. Die Eisenbahn kostet weit mehr als erwartet. Der russische Staat soll das Projekt finanzieren – doch der sitzt auf dem Trockenen. Also müssen Kredite aus dem Ausland her, und zwar schnell. Wie begeistert man Investoren und Touristen? Die Verantwortlichen setzen auf die Pariser Weltausstellung. Während in Sibirien die Schienen verlegt werden, läuft die Werbetrommel in der französischen Hauptstadt heiß. Die Weltöffentlichkeit soll Sibirien als Zukunftsprojekt kennenlernen. 3 O-TON Man kooperierte mit der internationalen Schlafwagengesellschaft und stellte in einen dieser Pavillons auf der Pariser Weltausstellung Waggons der Luxusklasse und die Besucher der Weltausstellung konnten nun diesen Waggon besuchen, sie konnten dort Platz nehmen und Tee trinken, und während sie dort saßen, ungefähr eine Stunde, wurde an den Fenstern dieses Zuges ein gewaltiges Landschaftspanorama vorbeigezogen, und dieses Landschaftspanorama sollte den Menschen, die in diesem Zug saßen, die Illusion erwecken, dass sie sich im Zug befinden und gerade durch Sibirien fuhren. Und als sie dann nach einer Stunde diesen Zug wieder verließen, wurden sie empfangen von Personal auf dem Bahnsteig, was nun chinesische Trachten trug, um diese Illusion perfekt zu machen, als hätte man in dieser Stunde im Kopf diese Distanz zwischen Moskau und Peking in diesem Zug der Luxusklasse zurückgelegt. SPRECHER Es ist ein genialer Marketing-Coup. Sibirien – das ist auf einmal nicht mehr dieses verschnarchte Hinterland mit seinen öden Landschaften und gefährlichen Sträflingen. Sibirien, das ist die Zukunft! Im Westen überschlägt man sich vor Begeisterung. In Paris werden Luxus-Reiseführer unter den Journalisten verteilt – auf Englisch, auf Französisch, auf Deutsch. Schon bald kaufen sich Reisende die ersten Zugtickets. Denn auch wenn sich der Bau noch bis 1916 hinzieht: Ab 1903 können die Touristen schon lange Teilstrecken zurücklegen. 4 O-TON Wenn man sich die westlichen Berichte anschaut, und wir haben vor allem westliche Berichte, weil in Russland wurde viel weniger darüber geschrieben und diskutiert, dann ist es tatsächlich dieser Traum, den wir auch bei Jules Verne finden. Diese Technik, die uns eben hilft, Raum und Zeit zu erobern und auch diese Faszination, dass dieses Russland, was lange Zeit als unterentwickeltes Land galt, dass Russland die Ressourcen und das Knowhow aufbringt, um dieses gewaltige Verkehrsprojekt zu realisieren. SPRECHER Auf der Strecke sind auch Luxuszüge einer belgischen Firma, der Compagnie Internationale des Wagons-Lits, unterwegs – sie bieten alle Annehmlichkeiten eines Vier-Sterne-Hotels. An Bord gibt es ein Klavier, eine kleine Bibliothek, in manchen Wägen sogar einen Raum mit Fitnessgeräten für die müde gesessenen Beinen. Im Speisewagen bringt einem das Personal im Frack und weißen Handschuhen ein mehrgängiges Menü. Auf der langen Reise haben die Touristen genug Zeit, um ihre Gedanken festzuhalten. Der Engländer Harry de Windt beschreibt 1901 seine Fahrt mit der Transsib in „From Paris to New York by Land“. Er ist erstaunt darüber, dass Sibirien ganz anders ist als angenommen: ZITATOR Klimatisch ist die Reise wunderbar in der Winterzeit, dann zeigt sich Sibirien von seiner besten Seite. Nicht das Sibirien des englischen Dramatikers, mit heulenden Schneestürmen, angeketteten Verurteilten, Wölfen und Peitschen, sondern ein lächelndes Land voller Versprechen und Fülle, sogar unter den endlosen Schneedecken. Die Landschaft ist natürlich öde, aber an den meisten Tagen ist der Himmel blau und wolkenlos und es scheint eine strahlende Sonne, die man so oft vergeblich an der Riviera sucht. SPRECHER Die Transsibirische Eisenbahn beschreibt De Windt als „fahrenden Luxuspalast“. Abends versammelt man sich ums Klavier, und die Stunden vergehen schnell, wenn man den russischen Frauen beim Singen und Spielen zuhört, Glinka und Tschaikowsky. In „From Paris to New York by Land“ beschreibt de Windt aber auch, dass es in der Transsib oft langweilig ist - und wie das auf die Stimmung drücken kann. ZITATOR Alles ist sehr traurig und deprimierend, vor allem, wenn man gerade frisch aus Europa kommt. Der Zug hat einen Vorteil, er rattert und knattert nicht, während er sich wie ein stilles Gespenst durch die desolaten Steppen stiehlt. Als Heilmittel gegen Schlaflosigkeit wäre er unschätzbar, und wir schlafen viel. 6 O-TON Das war natürlich kein ICE und auch kein TGV, das waren sehr langsame Geschwindigkeiten, die die Passagiere dort erlebten. Es ist auch sehr abhängig von den Zügen. Die Züge der höheren Klasse fuhren vielleicht maximal 80 Stundenkilometer, aber die meisten Züge waren noch viel langsamer unterwegs, weil auch die Gleise und das Gleisbett keine höhere Geschwindigkeit zugelassen haben, also man zuckelte relativ gemütlich durch die Landschaft. SPRECHER Mit den Reisenden ändert sich auch das Sibirienbild. 7 O-TON In Russland hat sich langsam dieses Bild von Sibirien als das Reich der Kälte und das größte Gefängnis der Welt verändert und wurde ersetzt durch ein Bild, das vergleichbar ist mit dem Wilden Westen in Amerika, also das war dann Russlands wilder Osten. Das heißt: Man träumte davon, dass dieses Sibirien, das ja so dünn besiedelt ist und wie ein weißes Blatt Papier daliegt, dass das ein Raum ist, wo ganz neue große Projekte zu realisieren sind und man darauf hoffte, dass Sibirien wirklich so dieses russische Zukunftsland wird. SPRECHER Doch für diesen Traum vom Zukunftsland müssen viele hart anpacken. Zum Höhepunkt des Baus 1895/96 arbeiten 80.000 Männer gleichzeitig an der Transsib. Beim Bau der Eisenbahn seien so viele Arbeiter gestorben, schreiben sowjetische Historiker, dass die Schienen geradezu auf Knochen verlegt seien. Das ist wohl übertrieben und sollte vor allem das Zarenreich in ein schlechtes Licht rücken. Doch ein raues Leben war es allemal. Die Arbeiter leben in Erdhütten, viele sterben an Krankheiten und Erschöpfung. 8 O-TON Die Arbeiter spielten kaum eine Rolle, das ist aber auch relativ typisch für diese großen Infrastrukturprojekte, dass man oft die Ingenieure der Eisenbahnbrücken feierte und die Administratoren, die verantwortlich waren, diese Entscheidungen zu treffen, aber über die Menschen, die wirklich die Arbeit gemacht haben, diese Bahn zu bauen, über die hat man sehr wenig gesprochen. SPRECHER Auf den Baustellen trifft man auf italienische Steinmetze, russische Bauern, Chinesen und Mongolen – und Sträflinge. 20.000 Gefangene arbeiten auf den Baustellen. Der Reisende Sir Henry Norman behauptet, zivilisierte Menschen trügen in der Gegend einen Revolver und Vorsichtige sogar zwei. Doch das ist nicht die einzige Gefahr. 9 O-TON Es gab Unfälle, das hatte auch damit zu tun, weil die Devise war: so schnell und so billig wie möglich diese Bahn zu bauen. Das heißt, man baute einspurig, das war eine einspurige Bahnlinie an vielen Strecken, und man baute mit sehr leichtem Material, und das führte natürlich zwangsläufig dazu, dass die Bahn nicht so sicher war wie Bahnlinien, die solider konstruiert waren. SPRECHER Für eine Baustelle hätte man sich kaum schwierigere Bedingungen aussuchen können: Tauende Permafrostböden, meterhohe Hochwasser, Erdrutsche und Temperaturen bis -50 Grad. Der Baikalsee ist eine besondere Herausforderung. Bis die Schienen entlang des Ufers so weit sind, transportiert man die Passagiere im Winter mit Pferdeschlitten übers Eis. Weil man beim Bau an Material spart, ereignen sich häufig Unfälle. Wenn die Züge wegen der Unfallgefahr langsamer fahren, dauert die Fahrt von Moskau nach Wladiwostok statt einer Woche schon mal einen Monat. MUSIK SPRECHER Nicht alle Reisenden fahren mit den Luxuszügen der Compagnie Internationale des Wagons-Lits. Die meisten Passagiere nutzen die einfachen Züge der Russischen Staatsbahn. So auch die etwa drei Millionen Menschen, die mithilfe der Transsibirischen Eisenbahn umgesiedelt werden. Es sind bäuerliche Kolonisten aus der Ukraine, Weißrussland oder dem Westen der russischen Gouvernements. Der Reisende Richard Penrose beschreibt 1901 in „The Last Stand of the Old Siberia“ die Ausmaße dieser Migration: ZITATOR Die Zahl der Auswanderer steigt rapide, alle Züge und Boote sind überfüllt, und entlang der Flüsse sieht man viele Emigranten, die auf Flößen ihrem neuen Heim entgegentreiben, mit Familien, Pferden, Schweinen und ihrem ganzen Hausrat. SPRECHER Die Armut treibt die Auswanderer nach Sibirien. Sie erhoffen sich eine bessere Zukunft und eine neue Heimat. Nur gehört diese Heimat schon jemandem: der angestammten, nomadischen Bevölkerung, die oft vertrieben wird. 10 O-TON Es ging natürlich darum, diesen Raum, der als wild, als barbarisch und unzivilisiert beschrieben wurde, den zu erschließen, mit bäuerlichen Kolonisten aus dem Westen des Zarenreiches, und diese Kolonisten stellte man sich vor als Kulturbringer, die also die europäische Zivilisation in diese asiatischen Gebiete brachten, aber man nahm natürlich auch die Urbevölkerung dort wahr. Und die waren im russischen Diskurs ähnlich wie die „Indianer“ in Amerika, die galten als Wilde, galten als unzivilisiert, und die hoffte man mithilfe dieser modernen Technik und dieser ganzen Infrastruktur, die diese Technik auch bringt, auf ein höheres Zivilisationsniveau zu bringen im Duktus der damaligen Zeit. SPRECHER Der ganz große Handelsboom, den man sich von der Transsib verspricht, tritt nicht ein. Doch viele profitieren vom Handel. Besonders landwirtschaftliche Produkte laufen gut. Die Butter aus Sibirien ist legendär, sie wird mit speziellen Kühlwaggons auf die europäischen Großmärkte gebracht, darunter London. Mit der Eisenbahn kommt für viele Städte der Aufschwung. Einige werden ganz neu gegründet – zum Beispiel das heutige Nowosibirsk, das an der Kreuzung der Bahnlinie mit dem Fluss Ob liegt. 11 O-TON Das war erst mal eine Eisenbahnsiedlung, die aus wenigen Barracken bestand. 1891 begann man ja mit dem Bau und diese Stadt hatte 1900 bereits 18.000 Einwohner. Das heißt, wir sprechen hier von einem Städteboom in Sibirien, das zog sich entlang der Bahnlinie bis nach Wladiwostok fort, der vergleichbar ist mit der Urbanisierung und mit dem Explodieren der Städte auf dem nordamerikanischen Kontinent in der gleichen Zeit. Da erleben wir ähnliche Prozesse, wie Städte aus dem Bode schießen wie Pilze und das ist natürlich im Wesentlichen der Transsibirischen Eisenbahn zu verdanken. SPRECHER Aus halbvergessenen Orten werden über Nacht blühende Handelszentren. In vielen sibirischen Städten gibt es Zeitungen, Büchereien, Kinos, Schulen, Hospitäler und Museen. Doch die Transsib schafft nicht nur Gewinner. Manche bekommen von der Eisenbahn wenig mit. Die Verlierer, weit weg von den Bahnlinien, versinken langsam in der Bedeutungslosigkeit. 12 O-TON Das schönste Bild hat eigentlich Tschechow geschaffen mit seinem „Kirschgarten“, wo man dieses Bild hat von dieser Datscha des alten Russlands, die weit weg liegt von einer Eisenbahnlinie und man hört nur in der Ferne den Klang der Lokomotive und damit hat Tschechow eben deutlich gemacht, dass dort, wo die Zukunft und das Leben und die Dynamik ist, das ist da, wo die Eisenbahn ist, und in der russischen Provinz hat die Eisenbahn nicht hingefunden und das ist der Ort, wo das Leben langsam stillsteht. SPRECHER Die Transsibirische Eisenbahn soll nicht nur die Wirtschaft ankurbeln. Sie soll sich auch militärisch lohnen und Gebiete im Fernen Osten sichern. Doch der Plan geht nicht auf. Ein Teil der Eisenbahn führt über chinesisches Territorium, bis zum Gelben Meer – ein Gebiet, auf das die Japaner ein Auge geworfen haben. 13 O-TON Die Japaner haben das mit großem Argwohn gesehen, dass sich die Russen dort ausbreiten in der Region, und ein wesentlicher Anlass auch dieses Kriegs, der dann ausbrach – Japan überfiel ja dann Russland – ein wesentlicher Anlass war eben der Bau dieser Bahnlinie. Das heißt, man hatte eigentlich die Bahn gebaut, um diese Gebiete sicherer zu machen und letztendlich war der Bau dieser Bahn der Anlass für den Krieg, der für Russland fatale Folgen hatte. SPRECHER 1905 verliert Russland den Krieg mit Japan. Und noch ein Kalkül geht nicht auf: Die Eisenbahn soll die Herrschaft des Zaren stärken. Doch mit der Transsib transportiert man auch umstürzlerische Flugblätter, viele Eisenbahnarbeiter werden Revolutionäre: Sie rufen 1905 an vielen Orten in Sibirien unabhängige „Republiken“ aus. 1917 bricht die Revolution aus. Der letzte Zar, Nikolaus II., wird ein Jahr später von den Bolschewiki erschossen. Die Revolutionswirren wirken sich auch auf die Bahn aus. 14 O-TON Zunächst brach der Einstrom von westlichen Touristen auf der Bahnlinie komplett ein und die Bahn diente anderen Zielen, sie diente zum Beispiel auch dem Ziel, dass die Menschen, die aus Russland flohen, die alte Elite, dass die zum Teil auf der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Wladiwostok fuhren oder weiter nach Schanghai, um dann ins Ausland zu kommen und sich vor den Bolschewiki zu retten, und es dauerte dann doch einige Zeit, bis man die Transsibirische Eisenbahn wieder in einen zivilen Zustand versetzte.
- 22.08.202523 min
Ob Pilger, Kreuzritter oder Handelsreisende: Die Menschen im Mittelalter waren - anders als landläufig bekannt - sehr mobil. Sich seinerzeit auf den Weg zu machen war indes meist kaum bequem - und nicht selten ein lebensgefährliches Unterfangen. Von Lukas Grasberger Credits Autor: Lukas Grasberger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Susanne Schroeder, Jerzy, May, Peter Weiß Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Rainer Leng, Florian Wagner, Prof. Anthony Bale Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: SWR (2025): Der römische Traum – Eine Anno-Story Ein packender Hörspiel-Podcast im Anno-Universum: Zwei junge Männer verkaufen sich selbst in die Sklaverei – im Glauben, dass sie im Römischen Reich aufsteigen können. Was als verzweifelter Traum beginnt, wird zur abenteuerlichen Odyssee durch Kolonien, Intrigen und Machtzentren eines Imperiums. "Der römische Traum" erzählt die offizielle Vorgeschichte zu "Anno 117: Pax Romana" – als epische Audio-Serie mit deutschen Top-SchauspielerInnen, exklusivem Soundtrack von den Anno-Komponisten und live aufgenommen vom SWR-Symphonieorchester. ZUM PODCAST Linktipps BR (2007): Kalenderblatt 29.08.1887 Die ersten bayerischen Pilger reisen organisiert nach Santiago de Compostela: Im Mittelalter sind Hunderttausende von Menschen quer durch Europa bis nach Santiago de Compostela gepilgert - an das Grab des Heiligen Jakobus. Ein besonderer Jakobs-Pilger in der Neuzeit war der Münchner Prälat Monsignore Hermann Geiger. Er brach als erster mit einer bayerischen Reisegruppe nach Santiago auf; und erschloss den Jakobsweg so für Pilgerströme aus Bayern. JETZT ANHÖREN BR (2024): Marco Polo – Der Abenteurer und sein Mythos Sagenhafte Reichtümer, weise Herrscher, seltsame Bräuche. Marco Polos Bericht von seiner Asienreise macht ihn zum bis heute berühmten Abenteurer. Doch was davon ist wahr, und wer war der Mann hinter dem Mythos? Autor: Niklas Nau (BR 2018) JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte gibt es auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO STURM & PFERD SPRECHERIN Ein kalter, dunkler Januartag im Jahr 1484. Der Regen peitscht der einsamen Gestalt ins Gesicht, die sich zu Pferd der freien Reichsstadt Ulm nähert. ZITATOR „Nie auf meiner ganzen Reise geriet ich so außer mir wie hier, denn Nässe macht den Menschen von Natur aus trist und völlig unordentlich“ SPRECHERIN ...so wird sich der Mönch Felix Fabri an die letzte Etappe, die Rückkehr von seiner Pilgerreise nach Jerusalem erinnern. Doch dann, als die Häuser Ulms am Horizont auftauchen, hellt sich Felix Fabris Stimmung auf. Als er sich endlich dem heimatlichen Kloster nähert, weicht letzte Beklommenheit purer Willkommensfreude. Der Ankömmling wird überschwänglich empfangen, Felix Fabris Prior begrüßt ihn... ZITATOR „…ohne auf seine Würde und sein hohes Alter zu achten, und rannte wie ein Jüngling, als wolle er ein Feuer löschen.“ SPRECHERIN Denn seine Ordensbrüder hatten Felix Fabri eigentlich für tot gehalten. Fabris Briefe aus dem Heiligen Land - sie waren nie angekommen. SPRECHERIN Eine Szene, die die Gefahren und Unwägbarkeiten einer typischen Reise im Mittelalter lebendig werden lässt – einer Pilgerreise. Felix Fabri war seinerzeit einer von Vielen: In Massen strömten die Menschen damals gen Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostela. Doch nicht nur Geistliche oder Adelige gingen auf religiös motivierte Reise. Dies taten im Mittelalter auch einfache Stadt-Bürger oder Bauern – wenn deren Ziel auch nur der nächstgelegene Wallfahrtsort gewesen sein mag, wo man für die Linderung körperlicher Leiden betete oder – in einem Ablass - um die Vergebung von Sünden. Die Vorstellung jedenfalls, dass die Gesellschaft im Mittelalter statisch war, dass kaum einer je sein Dorf oder seine Stadt verließ – diese Vorstellung sei grundfalsch, sagt der Historiker Rainer Leng. O-Ton 1 Leng Also auch der einfache Bauer, von dem man früher immer dachte, der kommt nie über sein Dorf hinaus, war regelmäßig unterwegs. Die Forschung spricht hier von einer hohen horizontalen Mobilität, was letztlich bedeutet, dass auch die einfachen Leute gereist sind. Regelmäßig die Verwandtenbesuche oder auch der Bauer auf einem kleinen Dorf reiste natürlich regelmäßig auf die Märkte in den nächsten größeren Städten, um seine Waren zu verkaufen oder um Geräte einzukaufen, die der Dorfschmied nicht machen konnte. Und das übliche: Verwandtschaften, religiöse Reisen….“ SPRECHERIN Vor allem der Adel war im Mittelalter viel auf Achse: Rainer Leng, der an der Uni Würzburg zum Thema Mittelalterliche Geschichte lehrt und forscht, spricht von „Reisekönigtum“ und „Herrschaft aus dem Sattel“. Denn im Mittelalter hatten Kaiser und Könige keinen festen Herrschaftssitz. Sie waren dauernd im Reich unterwegs. Auch Fürsten pendelten zwischen ihren jeweiligen Teilresidenzen. Oft schickten die Fürsten und Könige ihre Vertreter, um mit anderen Herrschern zu verhandeln. Diplomaten, Gesandte und Adelige reisten, um politische Allianzen zu schmieden oder Verträge zu unterzeichnen. Die professionellen Briefboten – sie waren wohl am meisten unterwegs, damals, im Mittelalter. Bis zu 80 Kilometer legten sie pro Tag zu Fuß zurück, um Nachrichten zu überbringen. Schließlich zogen per Pferd viele Ritter und Soldaten umher: Zu verschiedenen Schlachtfeldern innerhalb Europas - oder zu Kreuzzügen, etwa ins Heilige Land. O-Ton 2 Leng Das mittelhochdeutsche Wort für Krieg ist Reise. Also ursprünglich kommt unser Wort Reisen von unterwegs sein, um Krieg zu führen. SPRECHERIN ...sagt Rainer Leng. O-Ton 3 Leng Wenn wir beim Reiseanlass „Krieg“ sind, man hat im Mittelalter den Krieg im Winter eigentlich immer zu vermeiden versucht. Und nur im Sommer Krieg geführt. Selbst früher war es gefährlich, wenn man mit einer ganzen Armee hochgerüsteter Fußkämpfer und Pferde in ein Regenwetter kam und alles im Matsch stecken blieb. (…) Das Wetter konnte insbesondere bei Alpenüberquerungen hochgefährlich werden. Und es konnte Reisen auch prinzipiell verhindern. O-Ton 4 Wagner Weil da ging es ja um Leben und Tod, und die Ausbildung des Pferdes für Ritter war höchst aufwendig und es war ein absoluter Luxus, es war im Prinzip der Ferrari des Mittelalters. Also die Ausbildung hat zwölf Jahre lang gedauert. SPRECHERIN ...weiß der Münchner Fotograf Florian Wagner. Er hat sich wie die alten Ritter auf den Weg gemacht, ist mit Pferden und Zelten durchs österreichische Mühlviertel gezogen. O-Ton 5 Wagner Was wichtig ist, ist erst einmal, wenn ich jetzt diese Strecken mache: Es kann ja mal passieren, dass du dein Ziel nicht erreichst. Dann brauchst du eine Möglichkeit, dein Pferd so anzubinden, dass es am nächsten Tag noch da ist, als Erstes. (...) Das zweite Thema ist, der Mensch will ja auch versorgt sein. Entweder du nimmst Proviant mit, dazu gab es entweder Wagen oder Packpferde. Es waren genügsame Pferde, es waren stabile Pferde, die viel kleiner waren, als man das glaubt. Und es gab auch ein Gesetz, dass ein Ritter, wenn er vorbei reitet an deinem Land, dann darf er so viel Nahrung für sein Pferd mitnehmen, wie er braucht und tragen kann für ein Pferd. Das heißt, das Thema war erledigt, aber wenn der Ritter selber und seine Gefolge, der hatte ja auch Knappen und so weiter, wenn die nichts zu essen hatten, dann durften sie jagen. SPRECHERIN Leicht war das Gepäck damit keineswegs. O-Ton 6 Wagner Du musst ja auch die Waffen mitführen, du musst ja auch die Ausrüstung mitführen, du musst ja auch eventuell ein Zelt mitführen, du musst ja auch Feuer machen können. SPRECHERIN Die Zelte der Reisenden des niederen oder hohen Adels waren meist aus strapazierfähigem Leinen, das man mit Wachs oder Leinöl gegen Wind und Wetter imprägnierte. Die Zelte der einfachen Ritter oder Soldaten waren mit Stroh, die der Fürsten und Könige jedoch mit Teppichen ausgelegt: Mobile Paläste, die innen zudem mit kostbaren Stoffen ausgeschlagen waren. Luxusherbergen auf Zeit, die zuweilen gar mit transportablen Kaminen geheizt wurden. Der Adel musste im Mittelalter auch unterwegs kaum auf eine Annehmlichkeit verzichten, sagt Anthony Bale, Autor des Buchs „Reisen im Mittelalter: Unterwegs mit Pilgern, Rittern, Abenteurern.“ O-Ton 7 Bale Sprecher OV „Ich beginne mein Buch mit zwei sehr wohlhabenden Reisenden: Lady Lutrell und Henry von Derby, der spätere König von England Henry IV. Dieser reiste nach Preußen, dann ins Heilige Land, und nach Venedig. Stets mit einer unglaublichen Menge an Gepäck. Kutsche für Kutsche, Wagen für Wagen beladen mit Unmengen an Essen: Gemüse wie Gewürze; Knoblauch, Zwiebeln, Erbsen, Lauch, alles Mögliche. Dazu zahlreiche Tiere, die man schlachtete, einmal aber auch einen Leoparden. Als er sich auf den Weg machte, nahm er einfach alles aus seinem Haushalt mit. Und das war eine Zurschaustellung von Wohlstand, Macht und Patronage. Die adeligen Reisenden konnten sich ziemlich frei bewegen.“ SPRECHERIN Einen überall gültigen und anerkannten Personalausweis, Reisepass oder Reisefreiheit – das alles gab es im Mittelalter nicht. Aber das heißt nicht, dass Reisende keine Dokumente brauchten. Ganz im Gegenteil. Sie mussten etliche Schriftstücke dabeihaben, welche die Ausreise aus dem eigenen Herrschaftsgebiet oder das Durchreisen durch andere Königreiche oder Fürstentümer genehmigten. Anthony Bale: O-Ton 8 Bale Sprecher OV Dafür war ein formaler Geleitbrief erforderlich. Einfache Menschen auf dem Land mussten, wenn sie Leibeigene waren, die Erlaubnis ihrer Herren einholen, um zu reisen. Zudem musste der örtliche Geistliche seine Zustimmung geben.“ SPRECHERIN Auch Priester oder Mönche konnten nicht auf eigene Faust aufbrechen – etwa zu einer Pilgerreise, sagt der Würzburger Historiker Rainer Leng. O-Ton 9 Leng „Kleriker durften auf gar keinen Fall reisen ohne Erlaubnis ihrer jeweiligen geistlichen Oberen, also etwa des Abtes, wenn es ein Mönch war. Bürger allerdings dürften sehr wohl reisen, wann immer sie wollten, wohin auch immer sie wollten.“ SPRECHERIN Hatte man einmal die Erlaubnis, sich auf den Weg zu machen, blieb da noch immer die Frage der Finanzierung. Einfache Reisende führten Empfehlungsschreiben an Verwandte und Bekannte mit sich, mit deren Hilfe man kostenlos an Essen und Trinken oder eine Schlafgelegenheit kam. O-Ton 10 Leng Natürlich konnte man es, wenn man nicht genug Geld hatte, auch auf die billige Art und Weise versuchen. Also dann halt eben hinter einer Hecke schlafen und sich irgendwie durchzubetteln. (...) Die große Masse ging natürlich zu Fuß, das war das einfachste Verkehrsmittel und im Übrigen auch das billigste und das schnellste. SPRECHERIN Sich durch den Flickenteppich deutscher Königreiche und Fürstentümer zu bewegen – dies war kein kostengünstiges Unterfangen. Für die Benutzung von Straßen war Wegezoll zu entrichten. An Landesgrenzen, strategisch wichtigen Stellen wie Stadttoren – oder an Flüssen, die zum Gütertransport genutzt wurden, kassierten Mautstationen die Reisenden ab. ATMO PFERDEGESPANN AUF PFLASTERSTRASSE Der mittelalterliche Straßenzwang besagte, dass Kaufleute und Händler bestimmte Waren nur auf bestimmten Straßen transportieren durften: Je nach Fuhrwerk und Größe des Pferdegespanns waren Gebühren zu entrichten. Dafür garantierten die von den Landesherren eingesetzten Dienstmänner und bewaffnete Geleitreiter dafür, dass die Wege verkehrstauglich und vor Überfällen sicher sind. Die Bediensteten der Landesherren wachten darüber, dass Reiter und Fuhrwerke keine Schleichwege nahmen, um Mautzahlungen zu entgehen. Betreiber der Mautstationen notierten akribisch Art und Wert der transportierten Waren, Herkunft und Ziel der Reisenden. Eine Bescheinigung darüber war an der nächsten Zollstation vorzulegen – wo sich das bürokratische Procedere wiederholte. O-Ton 11 Bale Sprecher OV Ähnlich wie heute gab es auch damals schon ein recht etabliertes System, seine Identität nachzuweisen. Eine Verwaltungskultur mit Pass- und Zollwesen, das ziemlich modern anmutet. Dem Zahlungswesen der Zollstationen entgehen konnten Reisende nur, wenn sie – etwa als Pater oder Bruder eines Ordens - einen Geleitbrief vorlegen konnten. SPRECHERIN Entrichtet wurden Gebühren jeweils in der lokalen Währung. Vor Reiseantritt galt es, die entsprechenden Geldstücke in ausreichender Menge zu besorgen, etwa bei Geldwechslern, die auf Märkten zu finden waren. Denn auch die Herberge oder der ortskundige Führer mussten in bar bezahlt werden. O-Ton 12 Leng Das liebe Geld musste man natürlich physisch mit sich tragen, in einem Geldbeutel, den musste man sichern. Man musste schauen, dass man vielleicht noch ein paar Reserven in die Kleidung einnäht, Vorsorge gegen Überfälle treffen. SPRECHERIN Wer nicht über üppige Bargeldreserven verfügte, schloss sich besser einer Gruppe an. O-Ton 13 Bale Sprecher OV Für Reisende im Mittelalter gab es zwei Hauptgefahren: Krank zu werden –oder ausgeraubt und betrogen zu werden. Gegen Zweiteres half, sich in Reisegruppen zusammenzutun. Die Gesellschaft anderer Reisender oder eines Führers, die die Sprache des jeweiligen Gastlandes beherrschten, erleichterte das Fortkommen. Entlang der Reiserouten etablierten sich Herbergen und Hotels unterschiedlicher communities. In Venedig oder Jerusalem etwa kamen Reisende aus dem gleichen Land gemeinsam unter. Reisegefährten gleicher Herkunft halfen sich mit praktischen Tipps, und kümmerten sich umeinander. Vor allem für allein reisende Frauen war es ratsam, auf Schutz und Expertise vertrauter Mitreisender zu verlassen. SPRECHERIN Der Geschichts-Professor Rainer Leng spricht von prototouristischen Strukturen - also einem Netz an Reisewegen und Herbergen, das sich im Laufe des Mittelalters entwickelte. O-Ton 14 Leng Man weiß also, wo man lang zu gehen hat, man weiß, welche Wirtshäuser man aufzusuchen hat. Es ist in der Szene sogar bekannt, welcher Wirt welche Fremdsprachen spricht und wo die Pilger oder Reisenden eines bestimmten Landes ihre typischen Anlaufstellen finden. Die Kommunikationsnetzwerke sind gut ausgebaut. Alleine durch die vielen Reisenden, die zwischen den vielen Orten und Stationen hin- und herreisen, verbreiten sich Nachrichten wahnsinnig schnell. So kann man dann auch sein Kommen ankündigen, also die richtigen Leute muss man fragen, an die richtigen Leute die Informationen einspeisen und häufig sind diese Knoten im Kommunikationsnetzwerk. SPRECHERIN Als Reiserouten nutzte man bis tief ins Mittelalter hinein die Straßen des ehemaligen römischen Imperiums. Wege führten bevorzugt oberhalb von Tälern oder am Fuß von Bergen entlang. Die Talsohle war oft sumpfig, Pfade an Flussläufen zuweilen überschwemmt. Schließlich fürchtete man die „schlechte Luft“ an Gewässern, von der man dachte, sie könnte Krankheiten übertragen. Die Sorge vor Seuchen - sie war generell ein ständiger Begleiter, sagt Florian Wagner, der sich in Theorie wie Praxis intensiv mit dem „Reisen im Mittelalter“ beschäftigt hat. O-Ton 15 Wagner Du bist durch ein Dorf gegangen, die haben das oft nicht zugegeben, dass sie irgendeine Krankheit im Ort haben... und du hast das als Reisender dann ins nächste Dorf getragen, und bist halt unter Umständen auch dran gestorben. SPRECHERIN Damit Durchreisende ihrerseits keine Krankheiten einschleppten, lagen deren Herbergen oft abseits der Stadtzentren. Geschlafen wurde meist zu mehreren in einem Bett, nackt. Waschen konnte man sich am Brunnen im Hof, zur Verrichtung der Notdurft ging es in den Stall. Hygienische Verhältnisse, die die Verbreitung von Infektionskrankheiten begünstigten, sagt der Mittelalter-Experte Rainer Leng. Doch nicht nur Pensionen und Hotels waren Seuchenherde. Gesundheitsgefahren lauerten nicht nur zu Lande, sondern auch auf dem Wasser - etwa bei der Fahrt übers Mittelmeer gen das Heilige Land. O-Ton 16 Leng Das enge Zusammenleben auf dem Schiff förderte natürlich auch Krankheiten und Seuchen. Man geht heute davon aus, dass bei den Reisen von Venedig nach Jerusalem zehn Prozent aller Reisenden nicht überlebten. SPRECHERIN Neben Krankheiten machten auch Angriffe von Piraten oder das Kentern von Schiffen in Stürmen das Reisen zu einem lebensgefährlichen Unterfangen. Da gerade längere Fahrten von Pilgern oder Händlern zu einer „Reise ohne Wiederkehr“ werden konnten, regelte man zu Hause seine Angelegenheiten: Der Reisende verfasste sein Testament, um die Hinterbliebenen zu versorgen und um einen geregelten Übergang seiner Güter zu gewährleisten. Zur Vorsorge kam die Vorbereitung der Reise, die im Laufe des Mittelalters einfacher wurde. Nach und nach erschienen Reiseführer, die sich mit Erfindung des Buchdrucks rasant verbreiteten. Ein Vorläufer war der Codex Calixtius, eine reich illustrierte Handschrift. O-Ton 17 Bale Sprecher OV Der Codex Calixtus ist eines der frühesten Werke, die man einen Reiseführer nennen könnte. SPRECHERIN ...betont der Professor für Literatur des Mittelalters und der Renaissance an der University of Cambridge, Anthony Bale. O-Ton 18 Bale Sprecher OV Der Codex Calixtus beschreibt die Strecke nach Santiago de Compostela im Norden Spaniens. Aber nicht nur das: Diese Sammelhandschrift schildert Gefahren und Unannehmlichkeiten, vor denen Reisende sich hüten sollten. Von Moskitos über Pferdefliegen bis hin zu Naturgefahren. Der Codex Calixtus gibt auch konkrete Tipps, um das Beste aus einer Reise zu machen – etwa, wie man Geld wechselt, was man unterwegs am besten isst, die Entfernung bis zum nächsten Ort, ja sogar, wie man bestimmte Worte übersetzt. Ab 1300 etwa erlebte dieses Genre des Reiseführers einen regelrechten Boom. Zum einen, weil Pilgerfahrten so populär wurden. Andererseits, weil die Reisen von Händlern immer weiter führten und abenteuerlicher wurden. Die Beschreibungen wurden nach und nach angereichert mit naturwissenschaftlichen Betrachtungen und anthropologischen Beschreibungen, zur Wesensart bestimmter Völker und ihrer Religionen. ZITATOR „In Äthiopien findet man auch Menschen, deren Füße sieben Fuß Breite besitzen. Wenn sie sich hinlegen, bedecken sie sich mir ihren Füßen, die ihnen Schatten spenden. Wie sie laufen, ist ein Wunder.“ SPRECHERIN Eine Textpassage aus Jean de Mandevilles „Von seltsamen Ländern und wunderlichen Völkern“ aus dem 14. Jahrhundert. Darin schildert der Autor Begegnungen und Erlebnisse einer Reise, die ihn angeblich ins „Heilige Land“, den Fernen Osten und nach Afrika führte. Es war eines der meistverbreiteten Reisebücher des Mittelalters, nur die Reiseabenteuer des Marco Polo in Asien wurden mehr gelesen. Mandeville beschreibt darin im wahrsten Sinne unglaubliche Begebenheiten, wie etwa von Schnecken mit großen Schneckenhäusern, die von Menschen bewohnt werden können, nachdem sie das Schneckenfleisch verzehrten, oder von menschenartigen, aber hundsköpfigen Wesen. O-Ton 19 Leng Im Mittelalter selbst genoss die Schrift eine hohe Autorität. Also was im Mittelalter geschrieben war, das hat man in der Regel geglaubt. (…) Und jeder Reisende, der einen Reisebericht schrieb, in dem er behauptete, auf diese Völker auch getroffen zu sein, der wurde geglaubt. So hat man etwa im Mittelalter den Reisebericht des Jean de Mandeville ernst genommen und geglaubt. Umgekehrt, ein Marco Polo, der tatsächlich sehr weit nach Osten kam, bis nach China, der aber von all diesen Völkern nichts berichtet, den hat man im Mittelalter für einen Lügner und Aufschneider gehalten. SPRECHERIN Aus heutiger Perspektive sind viele Geschichten Mandevilles offensichtlich Fantastereien. Mittlerweile haben Wissenschaftler durch Quellenkritik aufgedeckt, dass Jean de Mandeville viele der von ihm beschriebenen Länder noch nicht mal selber bereist hat. Und doch übe – jenseits der Frage von Echtheit und Wahrheitsgehalt – der Bericht Mandevilles über seine Reisen bis heute eine Faszination auf ihn aus, sagt der britische Historiker Anthony Bale. O-Ton 20 Bale Sprecher OV Denn die eigentliche Frage ist: Erzählt uns das Reisen etwas über die Welt – oder etwas über uns selbst? Blicken wir über uns selbst hinaus, wenn wir reisen, oder nehmen wir nur uns selbst mit, wohin auch immer wir gehen? Man kann dies speziell bei den Berichten von Pilgerreisen im Mittelalter beobachten. Die Menschen damals wollten nicht das Jerusalem des 14. Jahrhunderts kennenlernen. Das war ihnen lästig. Sie wollten das Jerusalem der Bibel sehen. Und sie wollten nicht, dass banale Alltagsbeschreibungen diese Wahrnehmung stören. SPRECHERIN Die Erzählungen Mandevilles, sagt Anthony Bale, stünden an der Schwelle zwischen einer mittelalterlichen – und einer modernen Wahrnehmung der Welt. Sie weisen in eine neue Zeit, in der die Reisen, anders als im Mittelalter, bald dem reinen Vergnügen, der Unterhaltung und Entspannung dienen sollten. Doch dies wiederum ist eine andere Geschichte…
- 08.08.202538 min
Nach dem Krieg wird Schostakowitschs Musik verboten und er muss eine schwere Entscheidung treffen. Dann stirbt Stalin. Ist Schostakowitsch jetzt frei? Vier Noten erzählen von einem zwiespältigen Sieg über das System. Host & Autor Malte Hemmerich (SWR/WDR 2025) *** CREDITS Host & Autor: Malte Hemmerich Regie: Felicitas Ott & Malte Hemmerich Es sprachen: Nadine Kettler, Stefan Roschy, Boris Konecny & Oliver Jacobs Technik: Andreas Völzing Redaktion: Tuula Simon & Greta Hey Technische Leitung: Katrin Tiefenthaler Sounddesign: Tuula Simon Grafik: Chris Veit Distribution: Alexandra Klockau, Celine Frohnapfel & Lena Hofbauer Eine Produktion von SWR Kultur und WDR3. *** BESONDERER LINKTIPP DER REDAKTION: BR: Klassik für Klugscheisser Mit ihrem Musikwissen prahlen - das können Laury und Uli ganz hervorragend: Welche Drogen werden im Orchestergraben eingeschmissen? Was verbindet Pokémon und Tschaikowsky? Welche Strukturen verhindern Diversität in der Branche? Und warum hatte Wagner einen Fetisch für Samt-Unterhosen? Bei uns bekommt ihr längst vergessenen Gossip und überraschende Fakten zur Musik. ZUM PODCAST: https://1.ard.de/kfk_podcast *** LINKTIPPS Am 9. August 1975 starb Dmitri Schostakowitsch, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Musik ist ein akustisches Tagebuch der sowjetischen Geschichte - voller Codes, Klüfte und Kontraste. Ausschnitte aus seinem Leben zeigen, wie dicht sein Leben mit dem Weltgeschehen verwoben war: Dmitri Schostakowitsch 50. Todestag: https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/dmitri-schostakowitsch-komponist-50-todestag-100.html Auf dem Laufenden bleiben mit den beiden Newslettern von BR-KLASSIK: Regelmäßige Infos über Programmhighlights, Neues und Hintergründe aus der Klassikszene sowie über die aktuellen Veranstaltungen der Klangkörper des BR: https://www.br-klassik.de/footernavi/newsletter/index.html Die ganze Welt der Klassischen Musik, Neuigkeiten, Kritiken, Veranstaltungstipps und Sendungen gibt es bei BR-Klassik unter: http://www.br-klassik.de/ Ihr liebt Podcasts? Dann registriert euch für den Newsletter "Die Podcast-Entdecker": Er liefert euch Podcast-Tipps von Bayern 2 direkt in euer Postfach: Bayern 2-Newsletter: https://www.br.de/radio/bayern2/service/newsletter/newsletter-podcast-entdecker-anmeldung-100.html *** Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 08.08.202531 min
Schostakowitsch hat einen Weg gefunden, zwischen Regimetreue und Widerstand zu balancieren - doch dann kommt der Krieg. Seine 7. Sinfonie wird zum Propagandawerkzeug. Schafft Schostakowitsch es, sich treu zu bleiben? Host Malte Hemmerich, Autor Felix Kriewald (SWR/WDR 2025) *** CREDITS Host: Malte Hemmerich Autor: Felix Kriewald Regie: Felicitas Ott & Malte Hemmerich Es sprachen: Nadine Kettler, Stefan Roschy, Boris Konecny & Oliver Jacobs Technik: Andreas Völzing Redaktion: Tuula Simon & Greta Hey Eine Produktion von SWR Kultur und WDR3. *** BESONDERER LINKTIPP DER REDAKTION: NDR: Urban Pop - Musiktalk mit Peter Urban Peter Urban ist ein absoluter Musik-Insider, der mit seiner unvergleichlichen Art Geschichten erzählen kann. Er war schon auf über 5.000 Konzerten, trifft bis heute die Großen des Musikgeschäfts und ist selbst Musiker. Im Podcast Urban Pop trifft er auf den NDR-Musikjournalisten Ocke Bandixen. Sie reden über Weltstars von Bowie bis Springsteen, von Johnny Cash bis Taylor Swift, über Bands von den Beatles bis U2, über Insider-Stories und Musik-Historie. Ein Muss für alle Fans von guten Gesprächen über gute Musik. ZUM PODCAST: https://1.ard.de/urban-pop *** LINKTIPPS Am 9. August 1975 starb Dmitri Schostakowitsch, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Musik ist ein akustisches Tagebuch der sowjetischen Geschichte - voller Codes, Klüfte und Kontraste. Ausschnitte aus seinem Leben zeigen, wie dicht sein Leben mit dem Weltgeschehen verwoben war: Dmitri Schostakowitsch 50. Todestag: https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/dmitri-schostakowitsch-komponist-50-todestag-100.html Auf dem Laufenden bleiben mit den beiden Newslettern von BR-KLASSIK: Regelmäßige Infos über Programmhighlights, Neues und Hintergründe aus der Klassikszene sowie über die aktuellen Veranstaltungen der Klangkörper des BR: https://www.br-klassik.de/footernavi/newsletter/index.html Die ganze Welt der Klassischen Musik, Neuigkeiten, Kritiken, Veranstaltungstipps und Sendungen gibt es bei BR-Klassik unter: http://www.br-klassik.de/ Ihr liebt Podcasts? Dann registriert euch für den Newsletter "Die Podcast-Entdecker": Er liefert euch Podcast-Tipps von Bayern 2 direkt in euer Postfach: Bayern 2-Newsletter: https://www.br.de/radio/bayern2/service/newsletter/newsletter-podcast-entdecker-anmeldung-100.html *** Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
- 08.08.202534 min
Um sein Leben und seine Kunst zu retten, schreibt Schostakowitsch eine Sinfonie ganz nach Stalins Geschmack. Es scheint, als würde er sich damit vom Volksfeind zum Volkshelden komponieren. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Host & Autor Malte Hemmerich (SWR/WDR 2025) *** CREDITS Autor & Host: Malte Hemmerich Regie: Felicitas Ott & Malte Hemmerich Es sprachen: Tuula Simon, Nadine Kettler & Stefan Roschy Technik: Andreas Völzing Redaktion: Tuula Simon & Greta Hey Eine Produktion von SWR Kultur und WDR3. *** BESONDERER LINKTIPP DER REDAKTION: WDR: Zeitzeichen - Der Geschichtspodcast Der tägliche Podcast über Geschichte von der Antike bis heute, über Europa und die Welt, über die Geschichte der Menschheit: 15 Minuten zu historischen Persönlichkeiten und Erfindungen. Von George Washington bis Rosa Luxemburg, vom Büstenhalter bis Breaking Bad. ZUM PODCAST: https://1.ard.de/alles-geschichte-zeitzeichen *** LINKTIPPS Am 9. August 1975 starb Dmitri Schostakowitsch, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Musik ist ein akustisches Tagebuch der sowjetischen Geschichte - voller Codes, Klüfte und Kontraste. Ausschnitte aus seinem Leben zeigen, wie dicht sein Leben mit dem Weltgeschehen verwoben war: Dmitri Schostakowitsch 50. Todestag: https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/dmitri-schostakowitsch-komponist-50-todestag-100.html Auf dem Laufenden bleiben mit den beiden Newslettern von BR-KLASSIK: Regelmäßige Infos über Programmhighlights, Neues und Hintergründe aus der Klassikszene sowie über die aktuellen Veranstaltungen der Klangkörper des BR: https://www.br-klassik.de/footernavi/newsletter/index.html Die ganze Welt der Klassischen Musik, Neuigkeiten, Kritiken, Veranstaltungstipps und Sendungen gibt es bei BR-Klassik unter: http://www.br-klassik.de/ Ihr liebt Podcasts? Dann registriert euch für den Newsletter "Die Podcast-Entdecker": Er liefert euch Podcast-Tipps von Bayern 2 direkt in euer Postfach: Bayern 2-Newsletter: https://www.br.de/radio/bayern2/service/newsletter/newsletter-podcast-entdecker-anmeldung-100.html *** Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 08.08.202532 min
Schostakowitsch lebt in Todesangst - weil er die falschen Töne komponiert hat. Töne, die den Diktator Stalin höchstpersönlich verärgern. Wieso hat ein Diktator Angst vor Musik und warum muss ein Komponist um sein Leben fürchten? Host & Autor Malte Hemmerich (SWR/WDR 2025) *** CREDITS Autor & Host: Malte Hemmerich Regie: Felicitas Ott & Malte Hemmerich Es sprachen: Tuula Simon & Nadine Kettler Technik: Andreas Völzing Redaktion: Tuula Simon & Greta Hey Eine Produktion von SWR Kultur und WDR3. *** BESONDERER LINKTIPP DER REDAKTION: SR: Interpretationssache Was macht Über-Songs wie Let it Be, Nothing Else Matters, Skyfall oder Beethovens Mondscheinsonate so "über"? Das findet Roland Kunz in "Interpretationssache" raus. Er hört genau hin: Warum klingen diese Stücke, wie sie klingen, und was genau macht sie unsterblich? Er erzählt die Geschichten dahinter: wie Leonard Cohens Hallelujah vom Flop zum Megahit wurde, oder warum Marni Nixon sich jahrelang nicht als Sängerin der West Side Story zu erkennen geben durfte. Und vor allem durchforstet er Archive, CD-Schränke und Streaming-Portale, um die schönsten, spannendsten und schrägsten Cover-Versionen zu finden. ZUM PODCAST: https://www.ardaudiothek.de/sendung/interpretationssache-der-musikpodcast/urn:ard:show:f126cdef7014cac1/ *** LINKTIPPS Am 9. August 1975 starb Dmitri Schostakowitsch, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Musik ist ein akustisches Tagebuch der sowjetischen Geschichte - voller Codes, Klüfte und Kontraste. Ausschnitte aus seinem Leben zeigen, wie dicht sein Leben mit dem Weltgeschehen verwoben war: Dmitri Schostakowitsch 50. Todestag: https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/dmitri-schostakowitsch-komponist-50-todestag-100.html Auf dem Laufenden bleiben mit den beiden Newslettern von BR-KLASSIK: Regelmäßige Infos über Programmhighlights, Neues und Hintergründe aus der Klassikszene sowie über die aktuellen Veranstaltungen der Klangkörper des BR: https://www.br-klassik.de/footernavi/newsletter/index.html Die ganze Welt der Klassischen Musik, Neuigkeiten, Kritiken, Veranstaltungstipps und Sendungen gibt es bei BR-Klassik unter: http://www.br-klassik.de/ Ihr liebt Podcasts? Dann registriert euch für den Newsletter "Die Podcast-Entdecker": Er liefert euch Podcast-Tipps von Bayern 2 direkt in euer Postfach: Bayern 2-Newsletter: https://www.br.de/radio/bayern2/service/newsletter/newsletter-podcast-entdecker-anmeldung-100.html *** Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
- 25.07.202523 min
Es gilt als ein statisches Wunder und als triumphales Bauwerk, selbst ein halbes Jahrhundert nach seiner Erbauung: visionär, radikal modern, offen - das Münchner Olympiastadion. Organisch eingefügt in eine künstlich geschaffene, natürlich anmutende Landschaft. Von Susanne Hofmann (BR 2022) Credits Autorin: Susanne Hofmann Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Thomas Birnstiel, Ruth Geiersberger, Peter Veit Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Stefan Behnisch, Prof. Fritz Auer Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: Tatort Geschichte – True Crime meets History Bei Tatort Geschichte verlassen Niklas Fischer und Hannes Liebrandt, zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit: eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. "Tatort Geschichte" ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie. ZUM PODCAST Linktipps SWR (2024): Die Olympischen Spiele 1972 – Münchens Sommertragödie München wollte 27 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein neues Deutschland präsentieren - heiter und offen. Doch die Terroranschläge machten aus dem Sportfest eine Tragödie. Von Michael Kuhlmann (SWR 2022) JETZT ANHÖREN ARD alpha (2024): Das Münchener Olympiastadion Nach dem Hofbräuhaus ist das Olympiastadion von 1972 Münchens berühmtestes Gebäude - und kunsthistorisch das wohl bedeutendste. Warum eigentlich? Was hat das spektakuläre Netz aus Stahl und Glas mit Seifenblasen zu tun? Was mit Demokratie? Und wie kam Architekt Frei Otto auf diese Verbindung von Baukunst und Ingenieurstechnik? Ein junger Kunsthistoriker geht diesen Fragen auf den Grund. Er entdeckt das Bauwerk für uns neu und zeigt so, was das Stadion zu einem Meilenstein gemacht hat. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN Es ist Ende Oktober 1965 – aus dem Radio singen die Rolling Stones ihren Nummer Eins-Hit „I can’t get no satisfaction“, in Bonn ist Ludwig Erhard gerade zum zweiten Mal zum Bundeskanzler gewählt worden, und im Münchner Rathaus bekommt der Oberbürgermeister der Stadt München, Hans-Jochen Vogel, Besuch: Besuch von Willi Daume, einer Schlüsselfigur im Sport und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Er stellt dem Oberbürgermeister eine große Frage: 1a. ZUSPIELUNG Fritz Auer 00.50 „Sitzen Sie fest auf ihrem Stuhl? Und Vogel hat ihn gefragt, ja, wie meinen Sie das – politisch oder komfortabelmäßig? Und hat gesagt, Herr Vogel, wie wär’s, wenn Sie sich bewerben würden für die Austragung der Olympischen Spiele in München 1972!? Puh - Vogel hat einmal durchgeschnauft, da sagt er, da brauch ich ein bisschen Zeit … Vier Tage nur hat er gebraucht … und dann hat er gesagt okay, wir bewerben uns.“ ERZÄHLER So ging damals die Erzählung, erinnert sich der Architekt Fritz Auer. Die Zeit drängt, die Bewerbungsfrist läuft in nur zwei Monaten ab. Innerhalb weniger Tage bringt Hans-Jochen Vogel den Münchner Stadtrat hinter seine Entscheidung, München bewirbt sich offiziell für die Olympischen Spiele und – erhält den Zuschlag. Die Ausschreibung zum Bau des Olympiageländes mitsamt dem Stadion gewinnt ein Architekturbüro aus Stuttgart: Behnisch und Partner. Sie haben bis dahin eher überschaubare Projekte geleitet – Landratsämter, Schulen und Kindergärten gebaut. Mitbegründer des Büros ist der Architekt Fritz Auer. MUSIK ERZÄHLERIN Was in den Jahren darauf folgt, ist die Realisierung eines kühnen architektonischen Entwurfs, ein gewaltiger gemeinsamer Kraftakt und längst prägender Teil der Geschichte der Stadt München und der jungen Bundesrepublik. In München sieht man dem Bau mit Selbstbewusstsein und Zuversicht entgegen. Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel: 1b. ZUSPIELUNG Vogel „Es handelt sich sowohl der Funktion als auch dem Bauvolumen nach um eines der größten Bauvorhaben, das in unserer Stadt in diesem Jahrhundert abgewickelt wird. (…) Wenn wir es vernünftig machen, wenn wir uns von Übertreibungen freihalten, wenn wir, wie der Bundeskanzler es sagte, all unseren Gästen, die zu uns kommen, menschlich und freundlich begegnen, dann glaube ich in der Tat, dass die Bundesrepublik einen großen ideellen Nutzen davon haben kann.“ ERZÄHLER Dabei ist die Ausgangslage auf den ersten Blick eher bescheiden. Zunächst einmal: München hat keine einzige olympiataugliche Sportstätte. Auch die Infrastruktur steckt noch in den Kinderschuhen - der Mittlere Ring, heute eine Hauptverkehrs-Ringstraße, ist noch lange nicht fertig, der Bau der ersten U-Bahn hat erst begonnen. Und als der Olympia-Architekt Fritz Auer, damals Mitte 30, sich ein Bild von München macht, ist er zunächst nicht besonders begeistert: 2. ZUSPIELUNG Fritz Auer „Ich fand die Stadt schrecklich - gegenüber Stuttgart erst mal eben und grau, kein Baum, gar nichts. So war mein erster Eindruck.“ MUSIK ERZÄHLERIN Doch München ist eine aufstrebende, junge Stadt, regiert vom einst jüngsten Oberbürgermeister Europas, Hans-Jochen Vogel. Fast die Hälfte der Stadtbevölkerung ist unter 30 Jahre alt. Siemens hatte sich nach dem Krieg hier angesiedelt, genauso wie das Messe- und Verlagswesen und die Filmindustrie. Die Stadt wächst rasant und die Aussicht auf die Olympiade beflügelt den Aufschwung. Die Stimmung der Zeit ist geprägt von Fortschrittsglaube und Optimismus, der parteiübergreifend wirkt. Daran erinnert sich auch der Architekt Stefan Behnisch, der Sohn des Architekten Günther Behnisch, der den Olympia-Bau plante und leitete. 3. ZUSPIELUNG Stefan Behnisch SB 22.35 „Politisch gab es eine Allianz zwischen Vogel, Strauß und Brandt - die Figuren kann ich mir heute überhaupt nicht in einem Raum vorstellen. Ja, aber die haben das gemeinsam getragen. Und das hat dem Projekt den Rücken gestärkt. Auch die Stimmung damals, die Aufbruchsstimmung, mehr Demokratie wagen… und man war auf der Suche nach einer zukunftsfähigen Gesellschaft, die eben dieses Bittere überwinden konnte. Und die 50er und 60er-Jahre waren ja bitter. Teilweise ungeheuer spießig. Und ich glaube, diese Stimmung hat viel getragen, … In Rekordzeit hat München damals Ungeheures geleistet, ihre Stadt für die Zukunft fit gemacht. Und heute zehrt die Stadt noch davon.“ MUSIK ERZÄHLER Die Austragung der Spiele gab München und ganz Deutschland die Chance, sich der Welt nach dem verheerenden, von Deutschland angezettelten Weltkrieg neu zu präsentieren. Es galt, das preußisch-militärische Image Deutschlands zu überwinden. Das Olympiagelände mit seinen Sportstätten sollte für die junge Demokratie stehen, eine klare Abkehr von den Berliner Olympischen Spielen von 1936 mit ihrem auftrumpfenden Nationalismus und ihren Bauten, die Macht und Größe des Deutschen Reiches demonstrierten. Das neu zu errichtende Münchner Stadion sollte die Visitenkarte des gewandelten Deutschlands werden – ebenfalls ein Gegenentwurf zum monumentalen Berliner Stadion. Es herrschte, so der Olympia-Architekt Fritz Auer… 4. ZUSPIELUNG Fritz Auer FA2 30.25 „…einfach der absolute Wille der Politiker und des Olympischen Komitees: Wir wollen dieses Zeitdokument für eine junge Demokratie - fast egal, was es kostet.“ ERZÄHLERIN Heiter sollten die Spiele und ihre Bauten sein, leicht, dynamisch, unpolitisch, unpathetisch und frei von Ideologie. 5. ZUSPIELUNG Auer 3:58 „Es gab Leitlinien für die sogenannte Ausschreibung des Wettbewerbs, also die Aufgabenstellung. Und da waren drei Begriffe genannt: Spiele der kurzen Wege, Spiele im Grünen also, sprich Landschaft und Verbindung von Sport und Kunst.“ ERZÄHLER All das verkörperte der Entwurf der Architekten Behnisch und Partner aus Stuttgart. Er sah eine Art Voralpenlandschaft vor, hügelig mit einem See, künstlich geschaffen auf dem drei Quadratkilometer großen Areal Oberwiesenfeld, Brachfläche und früherer Flugplatz, nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt. Und, durchaus symbolträchtig: Der Trümmerberg aus dem Zweiten Weltkrieg sollte begrünt und zum Olympiaberg transformiert werden. Die Sportstätten sollten in das Gelände eingebettet werden und ihre Dimension so bescheidener wirken. Oder, in den Worten von Willi Daume, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees: 5b. ZUSPIELUNG Daume „Die Lösung ist trotz der gebotenen Größenordnung so, dass immer ein menschliches Maß gewahrt ist. … Ich möchte es mal ganz kühn sagen: Die Landschaft, so wie sie dort entsteht, entspricht fast der von Olympia. Es wird eine großartige Bereicherung nicht nur der Stadt München, nicht nur der deutschen Architektur sein, sondern alle Ausländer, die nach hier kommen, werden sich hier wohl fühlen, es ist eine ideale Stätte der Begegnung, auch mit der Münchner Bevölkerung – wir sind hochzufrieden.“ MUSIK ERZÄHLERIN Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit allerding beherrschte schon bald das geplante Olympiastadion, genauer: sein Dach. Eine Zeltdachkonstruktion, wie man sie noch nie gesehen hatte. Leicht und transparent, wie ein riesiges, freischwebendes Spinnennetz. Davon waren Politik und Öffentlichkeit fasziniert. Fritz Auer: 6. ZUSPIELUNG Auer FA1 20:21 „Weil diese Konstruktion, diese sogenannten leichten Flächentragwerke … sehr immateriell wirken, also eigentlich wie ne Wolke über einer statischen Landschaft - wenn man‘s in Musik ausdrücken würde, wär die Landschaft der Kontrabass und das Dach wär die Oberstimme dazu - und die Oberstimme ist was Leichtes. Die schwingt und tut und bindet alles zusammen.“ MUSIK ERZÄHLER Vorbild und Inspiration für das Zeltdach war der deutsche Pavillon auf der Weltausstellung in Montreal 1967 – ein Werk des Architekten Frei Otto. Eine Weltneuheit, die Staunen erregte: Den Pavillon überwölbte ein Dach von rund 8.000 Quadratmetern, bestehend aus einem Seilnetz mit einer darunter gespannten weißen Folie. So leicht und luftig war bisher kein Gebäude überdacht worden. ERZÄHLERIN In München aber war die Fläche fast zehn Mal so groß. 75.000 Quadratmeter sollte das Zeltdach hier überspannen, in etwa die Fläche von acht Fußballfeldern. Denn die Schwimmhalle und die Sporthalle mussten überdacht werden, im Stadion mindestens die Hälfte der Zuschauerplätze, zudem die dazwischenliegenden Wege im Olympiapark. Niemals zuvor war so eine Konstruktion realisiert worden. ERZÄHLER Schon das Modell des Stadions war unkonventionell. Die Architekten hatten sich dafür einfacher Materialien bedient – Sägemehl zum Modellieren der Landschaft, Zahnstocher als Dachstützen und für das Zeltdach: Nylonstrümpfe von Fritz Auers Frau. 7. ZUSPIELUNG Auer 24:34 „Der Damenstrumpf hat Ähnlichkeit zum späteren Seilnetz in seiner Verformungsart. … und der Damenstrumpf von meiner Frau, der war so fleischfarben, fürchterlich sah das aus, das spätere Modell, … da haben wir dann Strumpfrohlinge von Firma Hözen, … die haben damals uns Rohlinge, also weiße, geliefert für das Wettbewerbsmodell, so sah’s dann besser aus später.“ ERZÄHLERIN Die Pläne zeichneten die Architekten von Hand und mit einfachen Hilfsmitteln, erinnert sich Fritz Auer. 8. ZUSPIELUNG Auer FA1 18:40 „Es gab den Rechenschieber, es gab noch keinen Taschenrechner, also noch keinen elektronischen Rechner, … die Riesenanlagen, das musste alles gezeichnet werden - die Grundrisse, Schnitte, alles im Maßstab eins zu 200, das muss man sich mal vorstellen. Da ist ein Stadion - Umgriff ist dann immerhin also etwa einen halben Meter breit und ein Meter über die Länge gemessen. Das musste man alles mit Stangenzirkeln zeichnen, jede Sitzreihe - alles wurde per Hand noch gemacht.“ ERZÄHLER Monatelang rangen Architekten und Ingenieure darum, ob und wie man diesen kühnen Entwurf der Zeltdach-Landschaft überhaupt umsetzen könnte. Das Dach würde sich ständig mit dem Wind bewegen, quasi atmen – wie konnte man trotzdem seine Standfestigkeit gewährleisten? Wie sollte das Dach den Schneemassen trotzen und seine Form behalten? MUSIK ERZÄHLERIN Der Leichtbau-Experte Frei Otto hatte dann die Idee, das Stadiondach in mehrere Segmente zu unterteilen und so den Bau zu ermöglichen. Für die Stadionüberdachung kam erstmals ein Computer zum Einsatz. Zur Berechnung der Kräfteverhältnisse schrieb ein Informatiker extra ein Programm – Neuland auch hier. Stefan Behnisch: 9. ZUSPIELUNG SB 00:15 „Es war eine Gleichung - nach der Erzählung meines Vaters - mit über einer Million Unbekannten. Weil jeder Knoten ja vorberechnet sein musste… da wir hier über ein sphärisches Netz sprechen, nicht über ein glattes, elastisches Netz, sondern ein starres, sphärisches Netz, mussten die es genau so vorberechnen. Wenn das am Boden liegt, lag es ja wie ein Leintuch in Falten, und da mussten die aber jeden Knoten im Prinzip auf einen Millimeter genau richtig verankern und schrauben. Denn wenn das dann hochgezogen wird, durfte ja nicht eine Überbelastung an einer Stelle sein, das musste ja alles stimmen.“ ERZÄHLER Die Berechnungen stimmten, das Seilnetz wurde erfolgreich aufgerichtet, die knapp 80 Meter hohen Pylonen im Boden verankert. Zunächst hoffte man, dass das Dach 15 Jahre halten würde. Doch es erweist sich als beständiger als vermutet – bis heute sind nur kleinere Reparaturen angefallen. Erst nach einem Vierteljahrhundert mussten die Dachplatten ausgetauscht werden, sie waren milchig geworden. Die scheinbare Leichtigkeit des Daches war allerdings schwer erkauft, erklärt der Architekt Fritz Auer. 10. ZUSPIELUNG FA2 34.20 „Diese sogenannte leichten Flächentragwerke sind gar nicht so leicht. Denn die Abspann-Kräfte müssen ja irgendwo hingehen, und die gehen in riesige Fundamente, das Randseil vom Stadion hat Fundamente von einer Größe von dreigeschossigen Häusern an beiden Enden. 4.000 Tonnen sind da drin an Vorspannung, und die mussten in die Erde, und man sollte das möglichst wenig sehen, damit diese leichte, luftige Wolke entsteht.“ MUSIK ERZÄHLERIN Ausgeklügelte Ingenieurskunst, eine Pionierleistung – und doch war es dem Olympia-Architekten Günther Behnisch ein Dorn im Auge, dass das Dach so viel Aufmerksamkeit auf sich zog, wie er in einem Radio-Interview 1972 darlegte. 11. ZUSPIELUNG Günther Behnisch „Es ist nicht das Wesentlichste unseres Entwurfes. Wir haben hier eine olympische Landschaft geschaffen, in dieser Landschaft treffen sich und verknoten sich die markantesten Punkte und Aktivitäten dieser Gegend – Fernsehturm, Wasser, Berg Hügel, Fußgängerwege – … und ein Teil dieser Anlage muss überdeckt werden.“ ERZÄHLER Günther Behnischs Sohn Stefan ergänzt 50 Jahre später: Für seinen Vater sei das Dach notwendiges Übel gewesen, hatte lediglich dienende Funktion: Nämlich die Menschen zu schützen, die sich in der olympischen Landschaft aufhalten. 12. ZUSPIELUNG SB 17:37 „Er hätte sich ein Klima in Deutschland gewünscht, das erlaubt, Olympische Spiele ohne Dächer zu machen, aber es geht halt nicht… Er hätte gut ohne das Dach leben können. Aber wenn ein Dach, dann war das schon das richtige Dach, weil es sich in die Landschaft miteingefügt hat und die Landschaft vielleicht bis zum gewissen Grad ergänzt hat.“ MUSIK ERZÄHLERIN Für die Weltöffentlichkeit war das geschwungene, quasi schwebende Dach freilich eine Sensation und half, das neue Image Deutschlands in der Welt zu prägen – weltoffen, modern, bunt. Die Fernsehübertragung der Spiele fand in Farbe statt. Dies stellte zusätzliche Anforderungen an die Architektur – wie die Spiele vier Jahre zuvor in Mexiko gezeigt hatten. Fritz Auer: 13. ZUSPIELUNG Fritz Auer 21:33 „Da hatten die Farbfernsehleute große Probleme bei ihren Aufnahmen, weil in Mexiko das Stadion, das hatte ein schattenspendendes Dach für sich in so einem heißen Land gehört. Und das schattenspendende Dach hat natürlich auch große Schatten geworfen, auf das Spielfeld und auf die Laufbahn. Und dann haben die natürlich immer die Mühe gehabt, wenn die Spieler oder die Läufer in der Sonne sind, Blende zu, wenn es in Schatten sind, Blende auf. Das kann doch nicht wahr sein, das muss doch die junge deutsche Bundesrepublik und ihre technologischen Experten müssen doch in der Lage sein, ein lichtdurchlässiges Dach für München zu kreieren.“ ERZÄHLER Gelungen ist das mit transparenten Acrylglasplatten, die in das Stahlseilgewebe eingefügt wurden. Sie wurden vorher mehreren Härtetests unterzogen, sie mussten sich unter Schneelast und im Falle eines Brandes bewähren. Das Dach durfte schließlich weder brennen, noch schmelzen und abtropfen. Außerdem mussten die Dachplatten für Reparaturarbeiten begehbar und leicht zu reinigen sein. ERZÄHLERIN Als man endlich ein Material gefunden hatte, das all diesen Anforderungen genügte, stellte sich das nächste Problem: Wie sollten die Platten in der Seilkonstruktion verankert werden? Zwar war das Netz relativ starr, gab aber doch im Wind nach und verschob sich an den Knotenpunkten des Netzes um mehrere Zentimeter. 13b. ZUSPIELUNG Fritz Auer 23.40 „Also musste man Lösungen finden, dass die Platten sich nicht berühren …und dann brechen. Also das musste vermieden werden. Und dadurch wurde das gelöst, dass wir Neopren-Fugen einfügten, die zugleich auch der Wasserleitungen einigermaßen dienen und vor allem auch gegen Schneerutsche hilfreich waren. Gegen diese schweren, befürchteten Lawinen, die da runterkommen könnten vom Dach und … die Platten mussten auf dem Seilnetz, auf diesen Knoten dieses Netzes mussten die schwimmend quasi verlegt werden. Deshalb war da als Verbindungselement Gummipuffer aus der Automobilindustrie eingesetzt.“ ERZÄHLER Zusammen mit den Platten wurden diese speziell für das Olympiadach entwickelten Puffer schließlich montiert, mithilfe ebenfalls nur für diesen Einsatz hergestellter Geräte. 14. ZUSPIELUNG Collage von der Eröffnung der Spiele ERZÄHLERIN Für München, die Erbauer des Olympia-Ensembles und die beteiligten Politiker war es ein Triumph, als am 26. August 1972 die Nationen ins Stadion einzogen. Das Stadion war in frühlingshafte Pastelltöne getaucht– lindgrün, himmelblau, gelb, orange und weiß. Farben, die der für das Design der Spiele zuständige Grafiker Otl Aicher ausgesucht hatte. Nichts sollte an die Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold erinnern, alles sollte frisch, leicht und unbeschwert wirken. Deshalb trugen die Polizisten auch statt Uniformen hellblaue Anzüge und weiße Schiebermützen eines französischen Designers. Fritz Auer erinnert sich an die Eröffnung der Olympischen Spiele: 14b. ZUSPIELUNG Auer 38.44 „Also, es war ein Traum. Dieser Zirkus aus bunten Menschen, der Berg, die Kontur des Bergs bestand aus Menschen, weil da waren viele Bürger, die hatten keine Eintrittskarten oder kam einfach nicht mehr ins Stadion rein. Die haben sich auf den Berg gesetzt, und der Berg war voller bunter Menschen - so etwas Tolles!“ ERZÄHLER Die Bilder des bis auf den letzten Platz gefüllten Stadions und des Olympiaberges gingen um die Welt. 15. ZUSPIELUNG Auer 39:54 „Wir hatten es geschafft, aber nicht wir allein. Da standen so viele dahinter, bis zu den Handwerkern, die auf dem Dach waren, die bergsteigerische Leistung vollbracht haben an den steilen Stellen. Das waren bergsteigerische Leistungen, die mussten sich anseilen - aber das war ein Geist durchweg. Da gab‘s nicht die so genannten Bedenkenträger, die alles klein geredet haben, das hätte nicht geklappt.“ ERZÄHLERIN In der New York Times lobte man das Dach als Zitator: „das auffallende strukturelle Symbol der Spiele, das durch „kühne Kurven die aufregendsten Perspektiven des Olympiaparks biete“. ERZÄHLERIN: Und resümierte: Zitator: „Diese Spiele können die Wunden der Vergangenheit heilen.“ ERZÄHLERIN: Der britische Observer schrieb: Zitator: „Keine Spur von Militarismus. Das haben die Bayern gut gemacht.“ ERZÄHLERIN: Und der italienische „Corriere della Sera“ kommentierte: ZITATOR „Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass sich die Deutschen geändert haben, das Stadion in München hat ihn geliefert.“ MUSIK ERZÄHLER Die Spiele von 1972 waren ein Einschnitt. Sie ließen Deutschland in einem anderen Licht erscheinen. Zugleich legte sich mit dem Olympia-Attentat ein dunkler Schatten über die Spiele – er wird immer mit dem Olympiastadion verbunden sein: Die Geiselnahme von Sportlern der israelischen Nationalmannschaft durch eine palästinensische Terrorgruppe mit 17 Toten am Ende – 11 Sportlern, einem deutschen Polizisten und 5 Terroristen. ERZÄHLERIN Seit 1995 erinnert ein schwerer Granit-Quader direkt unter einem der Tragseile des Zeltdaches an das Attentat und deren Opfer. Täglich ziehen an dem Klagebalken Hunderte, Tausende Menschen vorbei, beim Joggen, beim Gassi-Gehen mit dem Hund, auf dem Weg zum Picknick auf dem Olympiaberg. ERZÄHLER Denn mittlerweile sind der Park und das Stadion zum lebendigen Teil der Stadt München geworden – so wie es seine Erbauer geplant und sich erhofft hatten. Aus dem olympischen Dorf der Männer wurde eine Wohnanlage, aus dem olympischen Dorf der Frauen eine Studentensiedlung. München profitiert davon, dass man beim Entwurf des Olympiageländes die Nachnutzung schon mitgeplant hatte, wie Franz Josef Strauß 1972 betont. 16. ZUSPIELUNG Strauß: „Das ist nicht nur gedacht für eine einmalige Sportveranstaltung von 14 Tagen Dauer, das wird von nachhaltiger und dauernder Wirkung für das gesamte Bild der Stadt München sein.“ MUSIK ERZÄHLERIN Die olympische Landschaft, in die man 1972 Schilder gestellt hatte mit der Aufforderung: „Rasen betreten erwünscht!“, ist seitdem eine grüne Lunge der Stadt, Ort des Spiels und der Begegnung.
- 25.07.202525 min
Es ist ein Bauwerk, das die Grenzen des Vorstellbaren sprengte - und das ohne moderne Technik: der Florentiner Dom mit seiner gewaltigen Kuppel. Ein Blick hinter eines der größten Bauprojekte der Renaissance und auf das Genie dahinter: Filippo Brunelleschi. Von Susanne Hofmann (BR 2025) Credits Autorin: Susanne Hofmann Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Friedrich Schloffer Technik: Andreas Caramelle Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Bernd Kulawik, Ross King Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: W. M. Thackeray: Vanity Fair - Jahrmarkt der Eitelkeit Diese Frau will nach oben, dazu gehören zur Londoner High Society, mitspielen auf dem "Jahrmarkt der Eitelkeit": die smarte Becky Sharp mit den unvergesslich grünen Augen - und eine Waise von zweifelhafter Herkunft - stürzt sich mit brillant manipulativer Schauspielkunst auf den Hochzeitsmarkt. In einem typisch viktorianischen Roman wäre sie, die stets freundliche, tugendhafte Amelia, die Heldin gewesen, doch der Satiriker William Makepeace Thackeray sprengte mit "Vanity Fair" 1847/48, untertitelt mit "Roman ohne Held", einfach mal eben das Konzept des bis heute so populären viktorianischen Sittenromans. "Jahrmarkt der Eitelkeit" zählt bis heute zu den bedeutendsten englischen Romanen, Charlotte Brontës widmete ihm begeistert "Jane Eyre". Mit Becky Sharp erschuf Thackeray eine der gerissensten Anti-Heldinnen der Literatur, die alle Figuren der "Bridgerton"-Erfolgsserie blass aussehen lässt. Percy Adlon liest den mehrfach verfilmten Klassiker der Regency-Ära in einer gekürzten Fassung in acht Folgen. ZUM PODCAST Linktipps BR (2021): Die Gärten von Florenz Filmautorin Eva Severini entdeckt die großen und kleinen Gärten von Florenz - den privaten Park der Grafen Torriggiani, den Renaissancegarten der Villa Medici in Castello oder den Garten der Villa Gamberaia. JETZT ANSEHEN SR (2025): UNESCO Weltkulturerbe – Schätze für die Ewigkeit in Florenz Florenz beherbergt die größte Ansammlung von Kunstwerken, die auf der ganzen Welt bekannt sind. Den David von Michelangelo, die Venus von Botticelli, den Glockenturm von Giotto, die Domkuppel von Brunelleschi. Dies war 1982 für die UNESCO ein Grund, um die Stadt zum Weltkulturerbe zu erklären. Eine große Verantwortung für eine relativ kleine Stadt. Wie soll man all diese Schätze erhalten? Der Film schaut den Meisterinnen und Meistern der Restaurierungskunst bei ihrer Arbeit zu und zeigt so die Renaissancestadt Florenz aus der Werkstattperspektive. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK & ATMO Glocken, Menschenmenge ERZÄHLERIN Es ist ein Festtag, wie ihn selbst die Stadt Florenz in ihrer glanzvollen Geschichte selten erlebt hat. Der 25. März 1436. Das Geläut von Kirchenglocken und der Duft von Weihrauch ziehen durch die Gassen. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Die betuchten Herrschaften tragen ihre Festgewänder – bodenlange Kleider aus purpurrotem oder königsblauem Samt und golddurchwirktem Brokat für die Damen, enganliegende Beinkleider und Säbel für die Herren. Man feiert nicht nur den Beginn des Neuen Jahres. Der fällt damals in Florenz traditionell auf den Festtag Mariä Verkündigung. Die stolze Stadt Florenz – Heimat der Medici und aufstrebende Kunst-Metropole – legt Wert auf kulturelle Eigenständigkeit, dazu gehört auch ein eigener Kalender. Am Neujahrstag von 1436 kommt jedoch noch ein besonderer Anlass dazu: Die Weihe des Doms zu Florenz, der Kathedrale Santa Maria del Fiore. Papst Eugen IV. persönlich weilt in der Stadt, er leitet die Zeremonie. Von seiner Residenz, der Kirche Santa Maria Novella, zieht er in einer feierlichen Prozession zum Dom, flankiert von Kardinälen, mehreren Dutzend Bischöfen sowie Mitgliedern der Florentiner Regierung. Um die schaulustige Menschenmenge auf Abstand zu halten, hat man eigens eine Art Laufsteg für den Papst und seine Entourage gezimmert. Auf der hölzernen Plattform schreiten sie über den Köpfen des Volkes einher und ziehen in den Dom ein. MUSIK ERZÄHLERIN Es erklingt die eigens komponierte Motette eines damaligen Weltstars, des franko-flämischen Komponisten Guillaume Dufay: Nuper rosarum flores. Ein gregorianischer Choral über die biblischen Zeilen „Terribilis est locus iste” bildet die Grundlage – “Ehrfurchtgebietend ist dieser Ort”. Noch heute gilt die Komposition als herausragendes Werk der frühen Renaissance. Und ist damit eine angemessene Würdigung des Bauwerks, das hier besungen und von den Florentinern gefeiert wird, so der Musikwissenschaftler und Architekturhistoriker Dr. Bernd Kulawik. Er lehrt an der Technischen Universität Wien: 1. ZUSPIELUNG Bernd Kulawik Dass das das mit Abstand größte architektonische Wunderwerk seit der Antike sein würde, das war klar. … der größte imposanteste Kirchenraum, den man überhaupt haben konnte. Und das ist ganz klar: Wer den baut, ist der Star. Das ist ein Könner ohnegleichen. MUSIK ERZÄHLERIN Dieser Könner ist der gelernte Goldschmied Filippo Brunelleschi. Er kommt ein halbes Jahrhundert zuvor, 1377, in Florenz zur Welt. Damals ist der Dombau schon seit mehreren Generationen im Gange. Ein überaus ehrgeiziges Unterfangen, allein schon in seinen Ausmaßen. Das Gebäude soll 150 Meter lang werden und mit seiner Kuppel mehr als 100 Meter in den Himmel ragen. Schließlich wollte man der Welt zeigen, wer man war und insbesondere den ewigen Konkurrenten, den Stadtstaat Siena im Süden der Toskana, ausstechen. Um Platz für das Gotteshaus zu schaffen, ließ man ein ganzes Stadtviertel abreißen, auch zwei alte Kirchen mussten weichen, so der kanadisch-britische Kunsthistoriker Ross King. Er ist für sein Buch „Das Wunder von Florenz“ in die Geschichte des Florentiner Doms eingetaucht. 2. ZUSPIELUNG King 8.16 Making a cathedral was a work of centuries. In those days, the work of many decades at least. And after a century of building the Florentines still had not reached the east end of the cathedral where they were going to have this massive dome. OVERVOICE Einen Dom zu bauen, war zu dieser Zeit das Werk von Jahrhunderten, zumindest aber vieler Jahrzehnte. Und nach einem Jahrhundert Bauzeit hatten die Florentiner noch immer nicht das östliche Ende des Doms erreicht, wo sie diese gewaltige Kuppel errichten wollten. MUSIK ERZÄHLERIN Menschen wurden neben der Dauerbaustelle geboren und starben, ohne, dass sie darauf hoffen durften, die Vollendung des Bauwerks zu erleben. Fassade und Wände des Längsschiffs wuchsen nur langsam aus dem Boden. Als auch noch die Pest wütete und einen Großteil der Bevölkerung dahinraffte, verzögerte sich der Dombau weiter. Doch auch diese Krise überwanden die Florentiner. Nur für ein strukturelles Problem hatten sie keine Lösung. Und dieses Problem war gewaltig und für alle sichtbar, die hier lebten – wie der Goldschmied Brunelleschi. Im entstehenden Dom klaffte ein riesiges Loch über dem Altarraum. Hier, über einem achteckigen Grundriss, sollte sich eine mächtige Kuppel erheben – nur, wie sollte man die erbauen? Darüber rätselte die gesamte Stadt, so der Architekturhistoriker Bernd Kulawik. 3. ZUSPIELUNG Kulawik Als Brunelleschi geboren wurde, das kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, gab es … auf der ganzen großen weiten Welt niemanden, der gewusst hätte, wie man das technische Problem löst, diese Kuppel zu errichten. ERZÄHLERIN Wie um Himmels Willen sollte man eine Spannweite von rund 45 Metern überwölben? Das entspricht der Länge eines halben Fußballfeldes. Und damit nicht genug: Die Kuppel sollte erst in einer schwindelerregenden Höhe von rund 40 Metern beginnen, also ungefähr in der Höhe eines 12-stöckigen Wohnhauses. Nie zuvor war ein derart ehrgeiziger Bau realisiert worden. Der Kunsthistoriker Ross King. 4. ZUSPIELUNG King And what they planned for, was something that was absolutely gargantuan and it was unprecedented in size. And so, what they were hoping is that in future – they knew in 1367 when the townspeople voted for this audacious plan they knew, when the time came for them to build this, they would all be dead. And so, it was still a generation or two away. But they believed sincerely that someone would come into their midst and show them how it could be built. And that’s of course going to become Filippo Brunelleschi, he is going to become this architectural messiah who arrives with the beautiful plan of how exactly he is going to do it. OVERVOICE Sie planten etwas Gigantisches, in seiner Größe nie Dagewesenes. Als die Florentiner 1367 für diesen kühnen Plan stimmten, war ihnen klar, dass sie alle bereits tot sein würden, ehe es zu dem Bau kommen würde. Aber sie glaubten fest daran, dass ein, zwei Generationen nach ihnen jemand kommen würde, der wissen würde, wie man die Kuppel bauen könnte. Und dieser Jemand sollte Filippo Brunelleschi sein, eine Art architektonischer Messias. Er sollte erscheinen, mit einem wunderbaren Plan zur Umsetzung. ERZÄHLERIN Für den Architekturhistoriker Bernd Kulawik ist dies eines der spannendsten Kapitel der Architekturgeschichte überhaupt: 5. ZUSPIELUNG Bernd Kulawik Das Irre ist eben: Brunelleschi wurde dann erst geboren. Dass er so genial ist als Ingenieur und Techniker, dass er das Problem lösen kann, das haben die dem Moment, wo die die Größe beschlossen haben, noch gar nicht gewusst, nicht ahnen können. MUSIK ERZÄHLERIN Die Florentiner planten in ihrem Stadtzentrum also quasi die Errichtung eines Luftschlosses. Ein Bauwerk zu entwerfen und zu beschließen, ohne zu sagen, wie man es bautechnisch ausführen, ja, ob es überhaupt halten würde – für heutige Architekten ist das völlig unvorstellbar. Ross King: 6. ZUSPIELUNG King So … really what they took both in 1367 and then in 1420, when Brunelleschi was given the task of building it, what they took in each case was a huge leap of faith. They believed that they were going to somehow be able to do this against the odds. Because B for example did not have a single mathematical equation he could have worked with, he didn’t have any sort of knowledge of how the structure was going to behave when it was built to that size. And so, it was a leap into the dark, because they simply did not know what problems they were going to encounter. To quote the late Donald Rumsfeld, the American politician, there were all sorts of unknown unknowns that they were going to be faced with as they started building the dome. OVERVOICE Sie unternahmen also einen riesigen Sprung ins Ungewisse, sowohl 1367 als auch 1420, als man dann Brunelleschi mit dem Bau der Kuppel beauftragte. Sie glaubten daran, dass sie es allen Widrigkeiten zum Trotz irgendwie schaffen könnten. Brunelleschi hatte keine einzige mathematische Gleichung zur Verfügung, mit der er hätte arbeiten können. Es war also ein Sprung ins Ungewisse, sie hatten keine Ahnung, welche Probleme beim Bau auf sie zukommen würden. ERZÄHLERIN Obwohl die Kathedrale der Sitz des Bischofs ist, handelte es sich nicht um ein Bauvorhaben der katholischen Kirche. Bauherrin war die Wollweberzunft, die Arte della Lana, die reichste Gilde der Stadt Florenz. Bernd Kulawik: 7. ZUSPIELUNG Kulawik Die aber eben vor allen Dingen deswegen so reich war, nicht, weil die alle so fleißig gewebt haben, sondern weil die ganz groß im Tuchhandel aktiv war, über Florenz lief auch der Großteil des Seidenimportes aus China - also sprich, die Tuchhändler waren das eigentlich. MUSIK ERZÄHLERIN Die Vertreter der Wollweberzunft waren selbstbewusst. Sie hatten Florenz zum europäischen Zentrum der Textilverarbeitung sowie des Handels mit Stoffen gemacht. Auch politisch hatten die Wollweber was zu sagen. Etliche Mitglieder der Stadtregierung gehörten ihrer Zunft an. Florenz war zudem die Heimatstadt der Medici. Die einflussreiche Bankiers-Familie prägte die Entwicklung der Stadt entscheidend – finanziell, wirtschaftlich, politisch und kulturell als wichtigste Mäzene der Florentiner Geschichte. Die Medici hatten im frühen 14. Jahrhundert ihre eigene Bank gegründet, die schnell zur wichtigsten Bank Europas avancierte. Unter anderem verwaltete sie das Vermögen des Vatikans. Das gab den Medici Einfluss auf die Kirchenpolitik, sie stellten später sogar selbst zwei Päpste. Außerdem finanzierten sie diverse Königshäuser in Europa und mischten bei Handelsgeschäften mit. Diese wickelten sie zum Teil in Goldflorin ab, der Währung der Stadt Florenz. Ross King: 8. ZUSPIELUNG King The Florin was the most reliable currency in Europe at that time because the Florentines very zealously guarded the gold content in the coin and made sure they weren’t counterfit. … Things like that made the Florentines incredibly wealthy. And the next part of the story is, that this wealth is going to be put into the service of art and architecture. OVERVOICE Der Goldflorin war die verlässlichste Währung im damaligen Europa, weil die Florentiner über den Goldgehalt ihrer Münzen mit großer Aufmerksamkeit wachten und sicherstellten, dass sie nicht gefälscht wurden. … Das machte die Florentiner unglaublich reich. Und dieser Reichtum würde in den Dienst von Kunst und Architektur gestellt werden. ERZÄHLERIN Florenz hatte um 1400 nur noch rund 40.000 Einwohner, denn der schwarze Tod hatte einen Großteil von ihnen das Leben gekostet. Florenz war eine Stadtrepublik, ihre Bürger lebten nach ihren eigenen Gesetzen. 9. ZUSPIELUNG King About 5.000, all of them men above the age of 29, had the right to vote and hold political office. By our standard that’s not very democratic, but by the standard of most of the rest of Europe that’s not bad. And so, the Florentines were quite proud of their political system, and they thought they represented a kind of beacon of liberty, at least in Italy. There was a kind of civic pride that they had about themselves and their city. And why not? It was a very prosperous city and a city in which a lot of people did hold a political stake because of the voting rights and office holding rights. OVERVOICE Etwa 5.000, allesamt Männer über 29 Jahre, hatten das Wahlrecht und konnten politische Ämter bekleiden. Nach unseren Maßstäben ist das nicht sehr demokratisch, aber nach den Maßstäben des Großteils des restlichen damaligen Europas ist es nicht schlecht. Die Florentiner waren daher ziemlich stolz auf ihr politisches System und hielten sich für eine Art Leuchtturm der Freiheit, zumindest in Italien. Sie empfanden eine Art Bürgerstolz auf sich und ihre Stadt. Und warum auch nicht? Florenz war eine sehr wohlhabende Stadt, in der viele Menschen aufgrund ihres Wahl- und Ämterrechts politisch aktiv waren. ERZÄHLERIN Und die majestätische Kuppel des Doms sollte Ausdruck des Florentiner Selbst- und Machtbewusstseins werden. Um den besten Entwurf für die noch fehlende Kuppel zu ermitteln, richteten die Florentiner 1418 einen Wettbewerb aus. MUSIK ZITATOR1 Wer ein Modell oder eine Zeichnung für die Errichtung der Hauptkuppel des Domes anzufertigen wünscht und für Standgerüste, Baugerüste und andere Dinge oder für Hebemaschinen aller Art zum Zwecke der Errichtung und Vollendung besagter Kuppel – soll seinen Entwurf vor Ende September einreichen. Derjenige, dessen Modell ausgewählt wird, erhält 200 Goldflorine. ERZÄHLERIN 200 Goldflorine, für einen Handwerker der Zeit entsprach das dem Verdienst von mehr als zwei Jahren. Die Ausschreibung erregte unter den Steinmetzen, Zimmerleuten und Maurern - Architekten als Berufsstand mit eigener Ausbildung gab es damals noch nicht – in der gesamten Region Aufsehen. Das Rennen machte schließlich ein Außenseiter: der Florentiner Goldschmied Filippo Brunelleschi. Er war bis dahin nur als Baumeister kleinerer Kapellen in Erscheinung getreten. Seine Vision sah im Unterschied zu den anderen Entwürfen vor, die Kuppel ohne das bislang übliche hölzerne Stützgerüst zu bauen. Aus gutem Grund, so Bernd Kulawik: 10. ZUSPIELUNG Kulawik Ein Gerüst, das so hoch reicht und das dann erst das eigentliche Kuppel-Gerüst trägt, das hätte wahrscheinlich alle Wälder der Toskana gekostet und hätte trotzdem nicht funktioniert. ERZÄHLERIN Ein Gerüst bis hinauf zur Spitze der Kuppel, also auf eine Höhe von mehr als 100 Metern, wäre wohl schon unter dem eigenen Gewicht in sich zusammengefallen – wenn man überhaupt imstande gewesen wäre, ausreichend lange und starke Baumstämme zu beschaffen. Und trotzdem stößt Brunelleschi mit seiner Idee, die Kuppel mithilfe eines freischwebenden Gerüsts zu mauern, auf immense Skepsis. Den Bauherren fehlte offensichtlich die Phantasie, sich vorzustellen, wie das funktionieren sollte. 11. ZUSPIELUNG Kulawik Das war eine heftige Diskussion damals … in der Dombau-Behörde, da wurde Brunelleschi dann rausgetragen, wie ein Verrückter, weil man ihn weghaben wollte und der Meinung war, was der da erzählt, ist sowieso alles Unsinn. Und dann hat er ein Modell aus Stein und aus Ziegeln gebaut, um zu zeigen, dass man die Kuppel, so wie er sich das denkt, ohne solche Gerüste, bauen kann. Und dann hat man ihn erst gelassen. 12. ZUSPIELUNG King The key thing for him was to get the job to build it, I think he was supremely self-confident, he believed that if you give me the chance to do it, I will be able to solve these problems. Under his breath he might have admitted – I do not know what all of these problems are going to be, but I do think I can solve them, when the time comes. OVERVOICE Das Wichtigste für ihn war, den Auftrag für den Bau zu bekommen. Ich glaube, er war äußerst selbstbewusst und glaubte: Wenn man mir die Chance gibt, werde ich diese Probleme lösen können. Unter vorgehaltener Hand gab er vielleicht zu: Ich weiß zwar nicht, welche Probleme das sein werden, aber ich glaube, ich kann sie lösen, wenn es so weit ist. ERZÄHLERIN Jetzt endlich kann Brunelleschi loslegen. Er hat eine Mammutaufgabe zu bewältigen, die ihn auf den unterschiedlichsten Gebieten fordert. Er ist Bauleiter, Tüftler, Statiker, Baumaschinen-Erfinder und Logistiker in einer Person. Es gilt, tonnenweise Material zu organisieren und heranzuschaffen – feinsten weißen Marmor aus den Steinbrüchen von Carrara, rund 100 Kilometer von Florenz entfernt, dazu große Sandsteinblöcke und Millionen von Ziegelsteinen aus den Brennereien rund um Florenz. All diese Materialien sucht er eigenhändig aus, verhandelt mit den verschiedenen Gewerken, organisiert die Transporte und ihr rechtzeitiges Eintreffen auf der Baustelle und ist Chef einer wechselnden Belegschaft von gut 100 Handwerkern und Bauarbeitern. MUSIK Schritt für Schritt setzt er seinen Entwurf um, und er weiht niemanden in seine Pläne ein. Keine einzige Zeile, keine Berechnung, keine Skizze in seiner Handschrift ist erhalten. Vielleicht hat er bewusst alle Spuren verwischt, weil er Ideenklau befürchtet. Die Kuppel, die in den nächsten 16 Jahren vor den Augen seiner zunächst skeptischen, schließlich vor allem staunenden Zeitgenossen in den Himmel wächst, besteht aus zwei Schalen. Die innere, unten rund drei Meter starke, trägt die dünnere äußere. Dazwischen liegt ein Gang, in dem sich die Bauleute bewegen und heute die Touristen bis zur Spitze hinaufsteigen können. Die Ziegel, aus denen die Kuppel gemauert wird, lässt Brunelleschi im sogenannten Fischgrätenmuster legen. So verkeilen sie sich ineinander und geben sich gegenseitig Halt. Außerdem verlegt er im Gemäuer dicke horizontale Balken, die vermutlich eine Art inneren Gürtel bilden und die Wände zusammenhalten. Ganz genau weiß man das selbst heute noch nicht, obwohl man die Domkuppel mit allem durchleuchtet hat, was die moderne Technik zu bieten hat: Laserstrahlen, Metalldetektoren, Georadar und so weiter. Um die insgesamt knapp 30.000 Tonnen Material, die für die Kuppel gebraucht werden, in luftige Höhen zu befördern, erfindet Brunelleschi, quasi en passant, diverse Gerätschaften und Maschinen. 13. ZUSPIELUNG King Probably, Brunelleschi’s greatest invention was his ox hoist, a very powerful hoist with 3 gears, it was a three gears hoist … so he could send small loads up very quickly and very heavy loads with great security and power. … One of the greatest innovation of the 1400 comes from Brunelleschi and that is a clutch mechanism, it’s the first clutch mechanism in history, so every time you shift gears in your car … you can thank Brunelleschi because of the fact that he is the one who figured out the reversable clutch. OVERVOICE Brunelleschis größte Erfindung war wahrscheinlich sein Ochsen-Aufzug, ein sehr leistungsstarker Flaschenzug mit drei Gängen, damit konnte er kleine Lasten sehr schnell und große Lasten sicher und kraftvoll in die Höhe befördern. Eine der größten Innovationen des 15. Jahrhunderts stammt damit von Brunelleschi, nämlich ein Kupplungsmechanismus, der erste Kupplungsmechanismus der Geschichte. Jedes Mal, wenn Sie in Ihrem Auto den Gang wechseln, können Sie Brunelleschi danken, denn er hat die Kupplung für den Vor- und Rückwärtsgang erfunden. ATMO Pferde ERZÄHLER Angetrieben wurde der Lastenaufzug von einem Ochsengespann, das unter dem Gewölbe im Kreis lief. Kraft dieser Bewegung wurde die Last mittels eines Gewindes nach oben befördert. Dank der Gangschaltung konnte man den leeren Aufzug mit wenigen Handgriffen wieder nach unten schicken, um ihn dort neu zu beladen, ohne dass die Ochsen anhalten und umdrehen mussten. 14. ZUSPIELUNG King He was unquestionably a genius, he was a mechanical genius, but he was also a great manager. I mean, he ran a huge work force with great efficiency, and he also could deal with the politicians and the wardens of the wool guild in Florence, so he did have quite a few people skills. But he was an eccentric character to say the least. … He was very secretive and that was because of the fact that he did not want anyone else to get the credit for his inventions. He wanted the dome to be known as Brunelleschi’s dome. OVERVOICE Er war zweifellos ein Genie, ein Genie der Mechanik, aber auch ein großartiger Manager. Er leitete eine riesige Belegschaft mit großer Effizienz und konnte auch mit den Politikern und den Vorstehern der Wollzunft in Florenz umgehen. Er besaß also einiges an zwischenmenschlichem Geschick. Aber er war, gelinde gesagt, ein exzentrischer Charakter. … Er war geheimniskrämerisch, weil er nicht wollte, dass jemand anderes die Anerkennung für seine Erfindungen bekam. Er wollte, dass die Kuppel als Brunelleschis Kuppel bekannt wurde. MUSIK ERZÄHLERIN Um das zu erreichen, musste er die Kuppel zu seinen Lebzeiten fertigstellen, durfte also keine Zeit verlieren. Und es galt, zunächst noch einen Rivalen aus dem Feld zu schlagen: Den berühmten Bildhauer Lorenzo Ghiberti, der ihm als gleichberechtigten Bauleiter und eine Art Controller zur Seite gestellt worden war. 15. Kulawik 18.00 Und da hat Brunelleschi sich krankgemeldet. Und dann stand die Baustelle still, weil Ghiberti technisch das gar nicht durchdrungen und verstanden hat, wie das gehen soll. Und da hat man eingesehen: Okay, wir brauchen den Ghiberti nicht, aber wir brauchen unbedingt Brunelleschi. ERZÄHLERIN Seine Bauleute stammten zum großen Teil aus armen Familien und bekamen nur einen geringen Lohn, so Ross King. Für einen Knochenjob, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauerte. Ihr Arbeitswerkzeug, wie Hammer, Meißel oder Maurerkelle, mussten sie selbst mitbringen. Wenn es regnete oder stürmte, ruhte die Baustelle und die Belegschaft blieb ohne Lohn. Dann veranstaltete man eine Art Lotterie unter den Arbeitern. Zog man das große Los, wurde man während der arbeitsfreien Tage bezahlt. 16. ZUSPIELUNG King 28.50 And its very dangerous work, because by about 1426 they had reached a point were the dome was curving inward and they were working many of them on the inward curving surface without any sort of wood beneath them to catch them if they fell. So one of the things B did to keep them safe he appears to have invented some sort of safety harness for them, so if you were working on the hight on an inward curving surface with the abyss beneath you would be clipped/tethered essentially to the wall itself, rather like a mountaineer or a window cleaner today on a high rise OVERVOICE Und es war eine sehr gefährliche Arbeit, denn um 1426 hatten sie einen Punkt erreicht, an dem sich die Kuppel nach innen wölbte, und viele von ihnen arbeiteten auf der nach innen gewölbten Fläche, ohne dass sie Holz unter sich hatten, das sie im Falle eines Sturzes hätte auffangen können. Zu ihrer Sicherheit erfand Brunelleschi offenbar unter anderem eine Art Sicherheitsgurt für sie. Wenn man also in der Höhe auf einer nach innen gewölbten Fläche arbeitete und sich darunter ein Abgrund befand, war man praktisch an der Wand festgeschnallt bzw. angebunden, ähnlich wie ein Bergsteiger oder Fensterputzer heute in einem Hochhaus. ERZÄHLERIN Im Laufe der 16 Jahre, die Brunelleschi auf der Baustelle arbeitete, ereigneten sich dort nur zwei tödliche Unfälle. Auch das eine beachtliche Leistung des Bauleiters. Die Arbeiter mussten nicht nur Wind und Wetter trotzen, sie mussten auch schwindelfrei sein und körperlich fit: 17. ZUSPIELUNG They did not have to go jogging or go to the gym before they started work because they got their exercise on the site because of course the first thing they had to do was to climb the stairs to get up into their place of work. …most of them, before the dome was completed, were doing I suppose 400 plus steps up. Many of them would go down for lunch… anyone who’s climbed the dome knows that it takes you a certain amount of time, even someone who is in relatively good shape … and so what B ultimately decided he would do by 1426, some 6 years into the construction of it, is: serve them lunch on the platform. … he watered the wine down, he didn’t want them getting drunk on the job, … Some of them would use the hoist to go up and down, they would climb into the bucket, that brought the bricks up and they would go down for their lunch in that bucket. Obviously, it would have been very dangerous, probably a lot of fun … so he put a stop to that. OVERVOICE Sie mussten vor Arbeitsbeginn nicht joggen oder ins Fitnessstudio gehen, sondern konnten direkt auf der Baustelle trainieren. Denn natürlich mussten sie zuerst die Treppe zu ihrem Arbeitsplatz hinaufsteigen. … Die meisten von ihnen haben vor Fertigstellung der Kuppel vermutlich über 400 Stufen erklommen. Viele von ihnen gingen zum Mittagessen hinunter und … jeder, der schon einmal auf die Kuppel gestiegen ist, weiß, dass man dafür eine gewisse Zeit braucht, selbst wenn man relativ fit ist … und so beschloss Brunelleschi im Jahr 1426, also etwa sechs Jahre nach Baubeginn, ihnen das Mittagessen oben auf der Plattform zu servieren. … den Wein verdünnte er, damit sie sich bei der Arbeit nicht betranken… Einige der Arbeiter benutzten den Lastenaufzug, um rauf und runter zu kommen, sie kletterten in den Eimer, der die Ziegel nach oben brachte, und ließen sich in diesem Eimer zum Mittagessen hinunterbefördern. Natürlich war das sehr gefährlich, wenngleich wahrscheinlich auch sehr lustig… Aber Brunelleschi hat ihnen das verboten. MUSIK ERZÄHLERIN Und so wächst die Kuppel langsam, aber stetig in den Florentiner Himmel, rund 30 Zentimeter im Monat. Für ihre Schalung werden Ziegel verschiedenen Zuschnitts und in hundert verschiedenen Größen verbaut. Je nach Position und Neigungswinkel kommen andere Ziegelsteine zum Einsatz. Wie bei einem gigantischen dreidimensionalen Puzzle. Während der 16-jährigen Bauzeit liegt Florenz im Krieg mit den Städten Lucca und Mailand. Die militärische Auseinandersetzung kostet die Florentiner viel Geld. Und Brunelleschi selbst wird von seiner Baustelle wegbeordert und zum Kriegsdienst einberufen. Doch schließlich ist es vollbracht, das Wunder von Florenz. Der große Kunstmäzen Lorenzo de Medici schwärmt: ZITATOR1 Niemals zuvor gab es etwas Großartigeres und Genialeres MUSIK ERZÄHLERIN Majestätisch thront die Kuppel über der Stadt, weithin sichtbar. Rot leuchten ihre Dachziegel, weiß die Marmorrippen dazwischen. Geleitet von einer Mischung aus Größenwahn, Gottvertrauen und grenzenlosem Optimismus, hatten die Florentiner ihrer Stadt ein Monument errichtet. An diesem Meilenstein der Baugeschichte sollten sich alle künftigen Bauwerke messen.
Ein Besuch von Außerirdischen! Auch das war ein ernst gemeinter Vorschlag, um das Wunder der steinernen Giganten zu deuten. Inzwischen hat die Ägyptologie die Zusammenhänge rekonstruieren können, die den Bau der Pyramiden erklären. Ein Wunder bleiben sie trotzdem. Von Thomas Morawetz (BR 2009) Credits Autor: Thomas Morawetz Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Andreas Neumann, Rahel Comtesse, Christian Schuler Technik: Marcus Huber Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Mélanie Flossmann, Schütze (inzwischen Direktorin & Konservatorin am Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München) Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Besonderer Linktipp der Redaktion: NDR: Philipps Playlist Mit Musik lässt es sich wunderbar aus dem Alltag herausträumen! NDR Kultur-Moderator Philipp Schmid stellt jede Woche neue handverlesene Playlists zusammen. Von Pop bis Klassik – die Musik ist für ihn ein Anlass, sich gemeinsam mit seinen Hörerinnen und Hörern auf fantasievolle Gedankenreisen zu begeben. Zum Beispiel auf einen Roadtrip, ans Meer oder in den Weltraum. Das Entspannende an diesen Ausflügen: Ihr könnt euch dabei bequem auf der eigenen Couch zurücklehnen, bügeln, kochen, spazieren gehen oder euch im Bett einkuscheln. Der Radiopreisträger Philipp Schmid kennt die richtige Musik für jede Stimmung und für jede Lebenslage. Zu den einzelnen Stücken jeder Folge improvisiert er am Klavier. ZUM PODCAST Linktipps BR (2023): Cheops-Pyramide – Auf den Spuren verborgener Kammern Die Cheops-Pyramide ist die größte und älteste Pyramide von Gizeh. Sie ist eines der sieben Weltwunder der Antike und eines der am besten untersuchten Bauwerke der Welt. Trotzdem birgt sie noch Geheimnisse. Nun präsentieren Forscher erstmals Aufnahmen aus einem dieser Räume. JETZT ANHÖREN ZDF (2021): Der Nil – Lebensader für die alten Ägypter: Geheimnisse des Pyramidenbaus Im alten Ägypten sorgt der Nil mit seinen Überschwemmungen für gute Ernten. Er ist auch die wichtigste Wasserstraße, die den Bauboom der Pharaonen überhaupt erst möglich macht. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Gleich am Wüstenrand beginnt das Wunder, das Weltwunder. Dicht hinter dem Grünstreifen des Niltals im Südwesten vom heutigen Kairo erhebt sich das Plateau von Giseh. Gelbe Steinmassen ragen aus gelbem Sand hervor, gigantische Quadrate, die sich zur Spitze hin verjüngen. In der flachen windigen Gegend haben sie die Größe von Bergen, aber sie sind von Menschen erschaffen – die Pyramiden von Gizeh, Triumphe der Perfektion. Die ägyptischen Könige Cheops, Chefren und Mykerinos haben an diesem Ort drei Ausrufezeichen in die Menschheitsgeschichte gesetzt. ZITATOR: „Das sind Bauten, die sogar die Zeit fürchtet, und es fürchtet doch alles in der sichtbaren Welt die Zeit... SPRECHERIN …schreibt der arabische Schriftsteller Umara el-Jamani im Mittelalter… ZITATOR: … Mein Auge erquickt sich an diesen einzigartigen Bauten, aber meine Gedanken quälen sich mit der Frage, was sie bedeuten sollen!“ SPRECHERIN Nicht nur el-Jamani hat diese Frage gequält. Denn schon in der Antike war wesentliches Wissen über die Pyramiden verloren. Der erste Gelehrte, der eine Beschreibung des versunkenen Ägypten der Pyramidenzeit versucht, ist der Grieche Herodot [sprich: Herodót]. Als er im 5.Jh.v.Chr. das Land bereist, stehen die großen Pyramiden bereits seit 2000 Jahren. Herodot erfährt Ungeheueres: 100.000 Sklaven soll Cheops für den Bau zur Fronarbeit gepresst haben. Und noch schockierender: Um an Geld zu kommen, habe Cheops die eigene Tochter in ein Bordell gesteckt. Dafür wollte sie dann auch ein Denkmal von sich selbst hinterlassen: ZITATOR So hat sie jeden, der sie besucht hat, gebeten, ihr dazu wenigstens einen einzigen Stein zu schenken. Von diesen Steinen, heißt es, sei die Mittlere der drei Pyramiden gebaut, die vor der großen steht. SPRECHER Typische Geschichten, wie sie die Pyramiden im Lauf der Zeit inspirieren, Geschichten, die bereits Herodot sammelt und interpretiert. Herodot ist ein Kind seiner Zeit, er erlebt in Athen die erste Demokratie der Geschichte, und Tyrannenhass gehört zum Lebensgefühl. Für Herodot kann ein Werk wie die Pyramiden nur das Ergebnis brutalen Zwangs sein. Er findet in Ägypten genau die Geschichten, die in seinem Weltbild schon angelegt sind. SPRECHERIN Und so wird in den nächsten Jahrhunderten weiter gestaunt und spekuliert. Am Ende der Antike hat man sogar vergessen, dass in den Pyramiden einst Könige bestattet wurden. Und überhaupt – wo steht von ihnen eigentlich etwas in der Bibel? SPRECHER Sind die Pyramiden also nicht die Kornkammern, die Josef für den Pharao erbauen ließ? Und die unglücklichen Sklaven – waren sie nicht das Volk Israel in ägyptischer Gefangenschaft? SPRECHERIN Im späten Mittelalter erzählt der arabische Historiker Al-Makrizi, der Herrscher Saurid habe den Bau der Pyramiden befohlen, weil er von einer bevorstehenden Sintflut geträumt hatte. ZITATOR Da befahl Saurid, die Pyramiden zu bauen, … füllte sie an mit Talismanen, Wundern, Schätzen, Götzenbildern, außerdem wurden an die Pyramiden und an ihren Decken, Wänden und Säulen alle Geheimwissenschaften … aufgezeichnet, … und überhaupt ihre sämtlichen Wissenschaften, deutbar für den, der ihre Schrift und ihre Sprache kennt. SPRECHER Bis in die Neuzeit denken die Menschen bei den Pyramiden an grausame Despotien, an steinerne Tresore für gewaltige Schätze und verschlüsselte Weisheiten. Als Anfang des 19.Jh. die wissenschaftliche Erkundung der Bauwerke beginnt, wird zwar schnell wieder klar – die Pyramiden sind alte Königsgräber! Aber die Lust an Mutmaßungen bleibt ungebrochen: Sollten sie wirklich nur Gräber gewesen sein? SPRECHERIN Oder nicht vielmehr ein monumentales Urmodell der Mathematik und Astronomie? Oder ganz modern: Waren die Pyramiden Windbrecher gegen Wüstensandstürme? Oder – Verdunstungsanlagen? Sie hätten an ihren großen Außenflächen herauf gepumptes Grundwasser verdunstet – und somit das Wetter in der Wüste verändert. SPRECHER Nicht zu vergessen natürlich die Pyramiden als Werke außerirdischer Intelligenzen. Alle diese Deutungsversuche sind zwar typisch für die Zeit, aus der sie stammen, aber nicht für die alte ägyptische, in der die Pyramiden erbaut wurden. MUSIK SPRECHERIN Cheops, Chefren, Mykerinos – Vater, Sohn und Enkel – leben um die Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus. Sie sind Könige der 4. Dynastie im Alten Reich. Die Geschichte Ägyptens ist also noch relativ jung. Es ist die Kupferzeit, seit etwa 500 Jahren gibt es bereits die Hieroglyphen, aber Aufzeichnungen über den Pyramidenbau existieren aus dieser Zeit nicht. Die Ägyptologen müssen das Rätsel der Pyramiden also anders lösen. SPRECHER Am besten nähert man sich ihm zunächst über die Person, die drin liegt – dem König. SPRECHERIN Während in Europa noch späte Steinzeit herrscht, hat sich in Ägypten der König bereits ein einzigartiges Machtpotential geschaffen. Er gebietet über einen riesigen Beamtenapparat und kontrolliert alle Ressourcen des Landes. Doch nicht nur das materielle Leben hat er fest im Griff. SPRECHER Dem König ist es gelungen, die alten Hoffnungen im Volk auf eine Wiedergeburt im Jenseits in seiner Person zu bündeln. Er ist der, der für sein Land wiedergeboren werden muss. Schon früh betreiben die Ägypter deshalb viel Aufwand, um den Körper des verstorbenen Königs zu mumifizieren und zu erhalten … Zusp Floßmann (4:02) … und natürlich mit dem Aspekt, dass die ägyptische Welt gespiegelt ist im Jenseits, dass oben auch jemand herrschen muss, der das Ganze eben dann überwacht und regiert. SPRECHERIN Mélanie-Catherine Floßmann, Ägyptologin am Münchner Institut für Ägyptologie. Und der König wird für sein Volk sogar als Gott neu geboren. Im Jenseits identifiziert er sich mit Re, dem Sonnengott. Zusp. Floßmann (9:25) Das heißt, wir haben zwei Könige parallel. Den verstorbenen König im Jenseits oben als Herrscher des Jenseits und den jetzigen, diesseitigen König, der eben die aktuellen Regierungstätigkeiten auf Erden vollzieht. SPRECHER Der neue König garantiert also die Kontinuität der Regierung auf Erden, der tote, göttlich wiedergeborene König garantiert den Fortbestand der Weltordnung. Und diese Garantie bekommt Gestalt im Königsgrab und Königskult. SPRECHERIN Die Ägypter glauben, dass ihr König nach seinem Tod zum Nordhimmel aufsteigt und sich dort unter die Zirkumpolarsterne mischt. Diese Sterne geraten nie unter den Horizont, sie sind wie ewige Lichter. Der Eingang zu den Königsgräbern liegt deshalb schon immer im Norden. Die vielfältigen Kultanlagen aber, die später zur Pyramide gehören, sind nach Osten hin ausgerichtet, zum Sonnenaufgang. So wird der König wie Re, der Sonnengott, jeden Tag im Osten wiedergeboren. SPRECHER Nordung und Ostausrichtung. Das sind die astronomischen Vorgaben, nach denen Pyramiden-Bauplätze eingemessen werden. Messtechnisch mit enormer Präzision, aber unerklärbar nicht. Den Babyloniern etwa haben die Ägypter zur selben Zeit nichts voraus, weder an astronomischen noch an mathematischen Kenntnissen. MUSIK SPRECHERIN So weit, so gut, aber für welche Idee steht dann gerade die spezielle Form der Pyramide als Grabbau? Mélanie-Catherine Floßmann: Zusp. Floßmann (13:36) Wir haben die Pyramide zum Teil als Urhügel, … aus dem dann bei der Weltentstehung das ganze Leben, die Welt sozusagen, emporgekommen ist. Eine weitere Möglichkeit, ebenfalls recht umstritten in der Ägyptologie: Die Pyramide hat die Form von Sonnenstrahlen, die sich eben durch die Wolken brechen … (14:07) Und natürlich nicht zu vergessen, sie soll eben ne Himmelstreppe für den König sein für den Jenseitsaufstieg. SPRECHER Die Ägyptologen wissen also gar nicht so genau, was es mit der Bedeutung der Pyramidenform auf sich hat. Immerhin verrät aber die Baugeschichte, wie es zur Erfindung der klassischen Pyramide kommt. Der Quantensprung von der flachen Grabanlage zur Pyramide gelingt König Djoser [sprich: Dschóser], dem Begründer der 3. Dynastie um 2650v.Chr. Seine Pyramide ist gut 62 Meter hoch und steht in Sakkara [sprich: Sakkára]. Sie sieht aus wie eine riesige sechsstufige Treppe, die von vier Seiten nach oben begehbar ist. SPRECHERIN Djoser türmt als erster auf einen flachen Grabbau eine Pyramide auf. Allerdings hat sein Bau noch keine horizontal umlaufenden Steinschichten, sondern vier schräg nach oben gelehnte Mauerwände um einen Steinkern herum. Sozusagen die erste Zwiebelschale. Die nächste außen angelehnte Mauerschicht, die zweite Schale, ist kürzer, so entsteht von oben weg die erste Stufe – und so weiter. Das ist gerade noch nicht das Patent, auf das die Pyramiden hinauslaufen werden – aber immerhin: Djoser ist der erste König, der mit seinem Grab eindeutig hoch hinaus will. SPRECHER Den nächsten großen Schritt zur Pyramide mit umlaufenden Steinreihen schafft König Snofru, der Vater von Cheops. Snofru experimentiert mit neuen, riskanten Bautechniken. Er müht sich während seiner Regierungszeit sogar mit mehreren Pyramiden ab. Allein an verbautem Material gemessen, ist er der größte Baumeister der ägyptischen Geschichte. Er verbaut 3.750.000 Kubikmeter Stein. Sein Sohn Cheops eine Million Kubikmeter weniger. SPRECHERIN Berüchtigt ist Snofrus sogenannte Knickpyramide in Dahschur. Hinter dem harmlosen Namen müssen entsetzliche Nervenzusammenbrüche stecken. Monumental soll der Bau werden, an die 125 Meter Höhe sind geplant, aber der Boden gibt nach, erste Risse ziehen sich durch die Kammern. Dann ein verzweifelter Rettungsversuch: Auf halber Höhe wird der Neigungswinkel der Pyramide abgeflacht. Hilft alles nichts. Die Knickpyramide wird die größte Bauruine Ägyptens. SPRECHER Ein Albtraum. Snofru ist nicht mehr der Jüngste und braucht endlich ein Grab: Und tatsächlich beginnt er nun mit einer dritten, der „Roten Pyramide“. Sie wird als erste im neuen Stil erbaut, mit waagrecht umlaufenden Steinschichten, was den Druck auf die Kammern im Inneren verringert. Sie scheint gerade noch zu seinen Lebzeiten fertig zu werden. Gewaltig, die dritthöchste ägyptische Pyramide. Das Patent ist gefunden. SPRECHERIN Soviel verrät die Baugeschichte der Riesen also doch: Bis zum Weltwunder von Gizeh hat es kühne Versuche und riesige Pleiten gegeben. Vom Himmel gefallen ist das Wissen der Ägypter, wie man eine Pyramide baut, sicher nicht. MUSIK SPRECHER Frank Müller-Römer ist gelernter Ingenieur. Nach seiner Pensionierung hat er 1996 zum ersten Mal vor der Cheops-Pyramide gestanden und wusste, dass er herausfinden wollte, wie sie gebaut werden konnte. Nach sechs Jahren Ägyptologiestudium legte er tatsächlich eine Doktorarbeit vor, in der er eine schlüssige Theorie aufstellt, wie die Riesen gebaut werden konnten. Soviel ist auf jeden Fall klar: Aus allen Pleiten seines Vaters, hat König Cheops viel gelernt. Zusp. Müller Römer (9:37) Also hat man einen Baugrund gesucht, der sehr fest ist, der sehr stabil ist. Man muss sich ja vorstellen, die Cheops-Pyramide mit etwa 2,5 Mio Kubikmetern, d.h. also über 3 Mio Tonnen Gewicht, die übte auf den Untergrund eine enorme Bodenpressung aus. Die ist viel, viel stärker als das, was wir heute mit unseren Hochhäusern auf die Erde setzen, eine ganz gewaltige Last auf den Boden, der muss sehr fest sein. Und der Untergrund in Giseh ist ganz fester Kalkstein … wie ne Art natürlicher Beton, der hält dieses eben aus. SPRECHERIN Zwischen 7 und 9% der Baumasse der Cheopspyramide geht auf das Konto eines natürlichen Felskerns, der vor Ort aufsteht. Das Wunder der Cheopspyramide ist nun die Messgenauigkeit, mit der der Koloss in den Sand gesetzt wird. Die 230 Meter langen Seiten differieren voneinander im Durchschnitt nur um ganze 2,3 cm. Und das Fundament ist so exakt waagrecht angelegt, dass sich zwischen Nord und Süd gerade einmal ein Gefälle von 22 Millimetern ergibt. Zusp. Müller-Römer (11:02-11:32) (11:02) Man vermutet, dass man diese Waagrechte hergestellt hat, indem man eben Kanäle gebaut hat, … also mit Ton ausgekleidet, mit Wasser gefüllt hat, und Wasser bietet ja dann wie die Wasserwaage einen sehr exakten waagrechten Horizont. SPRECHER Die Ägyptologie hat sich heftig den Kopf zerbrochen, wie die Menschen es damals fertig bringen konnten, in überschaubarer Zeit derartige Bauwerke zu errichten. Im Zentrum aller Überlegungen stehen Rampen. SPRECHERIN Nur welche? Man weiß, dass die Arbeiter die Steine auf Rollschlitten ziehen. Wenn sie über eine Rampe hinauf müssen, darf die Steigung nicht zu hoch sein. Und die Rampe wird immer länger, je höher die Pyramide wird. Unter diesen Voraussetzungen ist die Hochrechnung ernüchternd: Die Cheops-Pyramide ist 146 Meter hoch. Soll die Steigung bei mäßigen 5% bleiben, wird die Rampe nach und nach so lang, dass sie am Ende die zehnfache Masse der Pyramide selbst hat. Außerdem wäre sie drei Kilometer lang – aussichtslos. SPRECHER Ein anderer Vorschlag: Die Rampe schlängelt sich um die Pyramide herum. Doch dann müsste die Rampe den Bau mehrfach umrunden und wäre am Ende ebenfalls mehrere Kilometer lang. SPRECHERIN Frank Müller-Römer ist bei seinem eigenen Lösungsvorschlag zunächst nach dem Ausschlussverfahren vorgegangen. Er hat die bislang vorgelegten Bauvarianten durchgerechnet und ist zur Ansicht gelangt, dass keine funktioniert. Zusp. Müller-Römer (13:20; 14:08) Man muss von Grundvoraussetzungen ausgehen, dass sicherlich der König mit Blick auf seine Lebensdauer und die Bauzeit für einen große Pyramide nicht gesagt hat, ihr habt ja ewig Zeit, sondern die Forderung war, mit Sicherheit, in kurzer Zeit eine Pyramide zu bauen. D.h., es muss ein Bauverfahren geben, das auf allen 4 Seiten zeitgleich Baumaßnahmen ermöglicht. … (14:08) Mein Vorschlag ist nun, dass parallel zu diesen Stufenabsätzen des kernförmigen Mauerwerks steile Rampen gebaut sind und dort mit Seilzug, mit einer Art Seilwinde, die auch archäologisch belegt ist im Alten Reich, dann steil über diese steile Winde Steine nach oben gezogen werden, so dass man auf diese Weise auf allen vier Seiten mit verschiedenen Rampen, mit verschiedenen Winden, die Pyramide relativ schnell, relativ zügig bauen kann. SPRECHER Es geht also nicht darum, Rampen mit möglichst geringer Steigung zu bauen. Frank Müller-Römers Ansatz rechnet sogar mit relativ steilen Rampen. Das funktioniert, weil zusätzlich Seilwinden von oben ziehen. Außerdem sind steilere Rampen kürzer, und so können an einer Seite mindestens zwei Rampen gebaut werden. Das heißt, mindestens doppele so viele Blöcken können gleichzeitig nach oben gezogen werden. Unten jedenfalls, weiter oben werden die Rampen dann weniger, aber im unteren Drittel sind dann schon 70% der gesamten Baumasse verbaut. Zusp. Müller-Römer (15:25) Man weiß, Cheops hat etwa 23 Jahre geherrscht. Die Pyramide ist gerade noch zu seinen Lebzeiten fertig geworden. Meine Berechnungen waren etwa so bei 22 Jahren. Also eine Größenordnung hin oder her, man kann natürlich jetzt streiten über Kleinigkeiten, aber zumindest die Größenordnung stimmt. MUSIK SPRECHERIN Wie steht es nun mit den 100.000 Sklaven, von denen Herodot später gehört hat? Hier sind sich die Ägyptologen einig: Die Zahl ist eine Phantasiezahl. Inzwischen kommt man für den Bau der Cheops-Pyramide auf eine hochgerechnete Zahl von 12 bis 15.000 Arbeitern, das wäre etwa 1 bis 2% der geschätzten Gesamtbevölkerung. Und höchstens ein Viertel aller Arbeiter dürfte direkt an der Pyramide beschäftigt gewesen sein. SPRECHER Und waren die Arbeiter wirklich Sklaven, die Vermesser, Steinmetzen, Maurer, Architekten und Ingenieure? Auch hier weiß man inzwischen mehr. Mélanie-Catherine Floßmann: Zusp. Floßmann (16:15) Das sind natürlich alles Facharbeiter, die eine jahrelange Ausbildung genossen haben, bzw. in einen größeren Betrieb mit eingearbeitet waren und dieses Wissen immer wieder weiter tradiert haben. SPRECHERIN Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass diese wertvollen Fachleute später – wie aus Hollywood-Filmen bekannt – mit dem König lebendig in die Pyramide eingemauert würden. Sobald die eine Pyramide fertig ist, ziehen die Arbeiter weiter zur nächsten. Der nächste König kann schließlich mit seiner eigenen gar nicht früh genug beginnen. SPRECHER Während dessen beginnt aber vor allem der Kult des verstorbenen Königs an seiner nagelneuen Pyramide. Denn in einer Pyramidenanlage ist die Pyramide selbst sozusagen „nur“ das Grab. Der eigentliche hochaufwendige Königskult wird in dem großen Bezirk um die Pyramide herum zelebriert. Dieses Areal beginnt schon unten im Niltal. Zusp Floßmann (6:37) Wir haben einen Taltempel. Von dem Taltempel gibt es einen Aufweg bis zum Pyramiden-Tempel. Hinter dem Pyramiden-Tempel haben wir die Pyramiden-Anlage. … Und ganz wichtig, … wir haben richtige Stadtanlagen. SPRECHERIN Den Bewohnern dort geht es gut. Der Totenkult ist ein wunderbares Einkommen für die lebenden Beschäftigten. Denn zu Lebzeiten hat der König im ganzen Land Domänen eingerichtet, extra für die täglichen Güter, die sein Kult später erfordert. Täglich kriegt nun seine Jenseitsexistenz Nahrungsmittel als Opfer. Aber nur symbolisch, nach dem Opferritus teilen sich die Beschäftigten die Gaben untereinander auf. MUSIK SPRECHER Wie geht es weiter mit den Pyramiden nach Cheops? Sein Sohn Chefren will noch höher hinaus. Das schafft er aber nur mit Tricks. Er baut höher im Gelände, auf kleinerer Grundfläche und mit einem steileren Winkel. Ganz klar: Cheops bleibt Platzhirsch. Wiederum der Nachfolger Mykerinos baut die kleine Pyramide in Gizeh – dafür aber eine umso aufwendigere Pyramidenanlage. SPRECHERIN Das wird der Trend für die nächsten Dynastien – kleinere Pyramiden bei großartigeren Kultanlagen. Tausend Jahre später, im Neuen Reich, hat die Pyramidenform ihre Exklusivität als Königsgrab verloren. Nun sind es tatsächlich die Facharbeiter, die selbstbewusst für sich kleine Pyramiden bauen, während sie für die Könige die Felsengräber im Tal der Könige anlegen. Diese Könige heißen übrigens erstmals Pharaonen. SPRECHER Und auch das noch: Wie steht es mit den Labyrinthen, die in den Pyramiden Grabräuber tödlich in die Irre führen sollen? Noch einmal zum griechischen Historiker Herodot und seiner Ägyptenreise. Eine Etappe hatte ihn zur Pyramidenanlage von Amenemhet III. geführt. Mélanie-Catherine Floßmann: Zusp. Floßmann (23:28-24:11) Es gab wohl über 120 verschiedene Kulträume und Kapellen und Säulenumgänge und die verschiedensten Raumeinheiten. Jetzt stellen wir uns Herodot vor, der im 5.Jh. da anreist, … und er wird jetzt … von einem Raum in den nächsten hinein geführt und hat für sich dann auch einfach diese Assoziation – ja, das ist ein labyrinthartiges Gangsystem, … aber Labyrinthe hat es in Ägypten bei Pyramiden niemals gegeben. SPRECHERIN Na ja. Noch so ein typisches Missverständnis. Sie waren einfach unbegreiflich früh unfassbar gut, die alten Ägypter. Eines wird man ihnen einfach lassen müssen: Die Pyramiden sind schlicht ein Wunder.
Atombomben zünden im eigenen Land? Speicherseen aus der Erde sprengen mit nuklearen Sprengköpfen, ganze Bergketten pulverisieren für eine Autobahn? Oder gleich einen Durchbruch vom Atlantik zum Pazifischen Ozean mit einigen Nuklearexplosionen graben - und dafür Millionen Menschen umsiedeln? Klingt absurd. Und doch gab es in der Zeit des Kalten Krieges in den USA und der Sowjetunion ernstzunehmende Projekte dazu. Von Markus Mähner (BR 2025) Credits Autor: Markus Mähner Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Burchard Dabinnus, Hemma Michel, Friedrich Schloffer, Peter Veit Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Linktipps Deutschlandfunk (2024): Die Atombombe – Wie die schlimmste Waffe aller Zeiten Frieden schaffen soll Russlands Präsident Wladimir Putin droht offen mit seinen Atombomben. Seither diskutiert der Westen wieder über nukleare Abschreckung. Können Atomwaffen tatsächlich Kriege verhindern? Die Geschichte liefert Antworten. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk Kultur (2020): Atomwaffen in Deutschland – Leben mit der Bombe Seit über sechs Jahrzehnten lagern US-amerikanische Atombomben in Deutschland. Im Kalten Krieg waren es tausende, heute sind es knapp zwei Dutzend. Sie schützen uns im Rahmen der Nato, sagen die einen. Sie machen uns zum Angriffsziel, sagen die anderen. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Ein Werbefilm der Amerikanischen Atomenergiebehörde, der AEC… AEC 2: "The 100kT Nuclear Explosion excavated more than 6 Million cubic Yards of Earth in a Matter of Seconds. SPRECHER Er beschreibt begeistert, wie in nur wenigen Sekunden gut viereinhalb Millionen Kubikmeter Erde weggesprengt wurden. AEC 2: The result was a crater more than 12000 Feet in Diameter, the length of 4 Football-Fields and 325 Feet Deep - the height of a 32-storey Building. Created in less time than it takes to describe it." SPRECHER Ein Krater blieb, der so tief war wie ein 32-stöckiges Hochhaus! Wie war das zu schaffen? – Die AEC schwärmt in dem Film von den Folgen eines Kernwaffentests im Testgelände Nevada vom 6. Juli 1962, dem sogenannten Project Sedan. Und diese hocheffiziente Sprengung war angeblich ohne gravierende Nebenwirkungen zu haben. Denn: 95 Prozent der freigesetzten Radioaktivität verblieben im Krater, hieß es. Die restlichen 5 Prozent seien gleich daneben niedergegangen, so die AEC. MUSIK SPRECHERIN Die Wirklichkeit jedoch sah ein wenig anders aus: Tatsächlich war der radioaktive Niederschlag ungefähr fünfmal so hoch wie erwartet. Ein Wissenschaftler mit Studenten von der Universität Utah war zufällig genau an diesem Tag mit Geigerzählern unterwegs. Auch wenn sie über 600 Kilometer von der Sprengung entfernt waren, so war die radioaktive Belastung doch so hoch, dass sie unverzüglich in die Universität zurückkehrten. Noch Monate später wurde – wenn auch nur geringer - radioaktiver Fallout bis in die Nähe von Chicago nachgewiesen. Über 2000 Kilometer entfernt! Heute geht man davon aus, dass durch Sedan etwa 7 Prozent der Bevölkerung der USA, also ungefähr 13 Millionen Menschen radioaktiv belastet wurden. SPRECHER Sedan war nur einer von vielen Kernwaffentests, die die USA im Namen der „friedlichen“ Erforschung dieser unglaublichen Kraft durchführten. Das sogenannte „Plowshare“-Programm sollte zeigen, dass man damit Häfen, Kanäle, Straßen oder Speicherseen bauen könnte. AEC 1: This is the peaceful potential of nuclear explosives that the US is developing for all mankind in a program it calls PLOWSHARE." - Musik SPRECHER „Friedliche Nukleare Sprengungen für den Nutzen der ganzen Menschheit“. Nichts weniger versprach der Werbefilm der AEC. Kaufman 21 Well, I was fascinated by it because I happened to come across it while working on a different project, and I thought: This cannot be true! But it was! It's it's another example of the idea that science has all the answers, when sometimes science doesn't. VO: Ich bin zufällig darüber gestolpert und dachte mir: Das kann nicht wahr sein! Aber es war Wirklichkeit! Ein weiteres Beispiel für die Vorstellung, die Wissenschaft hätte Antworten auf alle Fragen. Aber so ist es einfach nicht! SPRECHERIN Scott Kaufmann, Historiker an der Francis Marion Universität in South Carolina, hat sich ausführlich mit dem Projekt Plowshare beschäftigt und letztlich ein ganzes Buch darüber geschrieben. Darin setzt er sich unter anderem mit seiner eigenen Verwunderung auseinander. Seiner Verwunderung darüber, wie Menschen in den 1950er und 1960er Jahren der Idee verfallen konnten, Kernwaffen im eigenen Land einzusetzen, lediglich, um Gräben – wenn auch recht große – zu graben. Eine Verwunderung, die er heute wohl mit den meisten Menschen teilt. SPRECHER In den Nachkriegsjahren war das anders. Damals galt die Kernenergie als verheißungsvolle Energiequelle für ein paradiesisches Zeitalter: Kaufman 19 [...] We have to keep in mind that there was and I think still is enormous faith in science. [...] And if we look back at the 1950s, which is when Plowshare began, there was this idea that everybody would have their own private plane, that they would fly around. That we [...] would get to the moon by the end of the century and even have bases on the moon. This faith in science and what it could do for us, what it could achieve. And that's a part of Project Ploughshare: This faith in science. You tie into that Dwight Eisenhower's idea that he gave 1953 called „Atoms For Peace“: VO: Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt einen starken Glauben an die Kraft der Wissenschaft. Besonders in den 1950er Jahren, als das Projekt Plowshare anfing. Man dachte: Jeder würde bald seinen Privatjet haben, man würde Mondbasen bauen. Dieser ungebremste Glaube an die Fähigkeiten der Wissenschaft spiegelt sich auch in Dwight D. Eisenhowers berühmter Rede vor den Vereinten Nationen wider, der „Atoms for Peace“-Rede von 1953: Eisenhower: "It is not enough to take this weapon out of the Hands of the soldiers. It must be put in the Hands of those who have the Know-how to strip its military casing and adapt it to the Acts of Peace. The United States knows that if the fearful trend of atomic military build-up can be reversed, this greatest of destructive forces can be developed into a great boon, for the benefit of all mankind. ZITATOR „Wir müssen diese Waffe nicht nur dem Militär wegnehmen, wir müssen ihre zerstörerische Kraft in die Hände derer legen, die sie so weiterentwickeln können, damit sie ein Segen für die gesamte Menschheit wird,…“ Kaufmann 19b [...] So you have that in mind. And add to that the idea that this would be cheaper. It would be faster. You put it all together and you end up with this idea: yes, we can control the atom! Yes, we can make the atom do our bidding! And by doing that, we can use the atom to lead us down the path of progress, the path of modernity and do it far faster and far cheaper than by using conventional means! VO: Und wenn man zu diesen Gedanken auch noch die Vorstellung hinzufügt, es würde alles viel billiger und schneller machbar sein, dann kommt man schnell zu dem Schluss: Ja, wir können die Kraft des Atoms kontrollieren und ihm befehlen was es für uns zu tun hat! MUSIK SPRECHERIN Der Glaube an die Kontrollierbarkeit einer nuklearen Kettenreaktion spiegelt sich nicht nur in Werbefilmen wie „Unser Freund, das Atom“ von Walt Disney aus dem Jahr 1956 wider: SPRECHER 1957 nehmen die USA das erste Kernkraftwerk in Betrieb. Ein Jahr später stellt Ford Pläne für das Nucleon vor, ein mit Atomkraft betriebenes Auto. Gleichzeitig läuft die Nautilus, das erste US-Atom-U-Boot, vom Stapel. MUSIK SPRECHERIN Dass das Atom nicht immer nur unser Freund ist, zeigt wiederum ein Vorfall im März 1958: Ein US-Kampfjet verliert versehentlich eine Atombombe über einer kleinen Farm in South Carolina. Zwar war die Bombe nicht mit spaltbarem Material versehen; der Auslöser explodierte dennoch und hinterließ dort, wo sich einmal die Farm befand, ein 10 Meter tiefes und 25 Meter breites Loch – und einen Zweifel an den Glauben der Beherrschbarkeit des Atoms: Denn was wäre passiert, wenn die verlorene „Atombombe“ tatsächlich spaltbares Material an Bord gehabt hätte? SPRECHER Als der ein wenig aus dem Ruder gelaufene Kernwaffentest „Projekt Sedan“ im Juli 1962 stattfindet, ist das Projekt Plowshare schon viele Jahre alt und bereits in der Krise. Einen Monat später, im August, wird das erste Vorhaben des Plowshare-Programms offiziell als beendet erklärt: das Projekt Chariot, dessen Anfänge schon fast zehn Jahre zurückreichen. Scott Kaufman: Kaufman 1 What they wanted to do was to build a port using nuclear explosives. And the idea was that the port would be located near coal and oil reserves, so that way the people could use the port to ship out the coal and oil. VO: Sie wollten einen Hafen mit Hilfe von Kernwaffen bauen. Ganz in der Nähe von Kohle- und Ölvorkommen, die dann verschifft werden sollten. MUSIK SPRECHERIN Damit wollte man zeigen, welche Möglichkeiten solche Bomben für friedliche Projekte hatten. Dennoch war man sich der Gefahr der radioaktiven Strahlung wohl bewusst. Es musste also in einem wenig besiedeltem Gebiet stattfinden. Arthur Larson, stellvertretender Arbeitsminister in der Regierung Eisenhowers, hatte damals die Idee: ZITATOR „Warum nicht einen einigermaßen abgelegenen Ort – wie zum Beispiel Alaska – finden, der einen Hafen braucht, und die ganze Arbeit mit einer einzigen Explosion erledigen?“ SPRECHERIN Frei nach dem Motto des damaligen US-Verteidigungsministers „Far more bang for the buck!“ - „Mehr Wums für Piepen!" SPRECHER Edward Teller, der „Vater der Wasserstoffbombe“ und glühendster Befürworter des Plowshare-Programms ist begeistert! Und sogleich ist auch ein Ort gefunden: Cape Thompson an der Westküste Alaskas. Einziges Problem: Die Nähe zu Russland. Kaufman 5b If you can't guarantee which way the wind is going to be blowing that day - what if the wind not blows from the west, but blows from the east: You're then going to have radioactivity falling over the Soviet Union, which is not that far away, and the Soviets are not going to be happy about that. VO: Was ist, wenn der Wind an dem Tag nicht aus Westen, sondern aus Osten weht? Dann wird Radioaktivität über der Sowjetunion niedergehen. Die ist nicht weit entfernt. Und die Sowjets werden darüber nicht erfreut sein. SPRECHERIN Dass in dem Gebiet auch eine indigene Bevölkerung wohnt, scheint erst einmal niemanden zu stören. Besonders nicht Edward Teller, der Zweifel darüber, ob diese weiter jagen und fischen könnten, ein für allemal aus dem Weg räumt: MUSIK ZITATOR „Wir interessieren uns nicht dafür, den Eskimo als Jäger zu erhalten. Wir wollen ihm die Gelegenheit verschaffen, in einer Kohlenmine zu arbeiten.“ SPRECHERIN Um die Bevölkerung in der 30 Meilen von Cape Thompson entfernten Stadt Point Hope zu beschwichtigen, reist im August 1958 Gary Higgins dorthin, leitender Wissenschaftler des Plowshare-Programms. Er versichert den Bewohnern, die freigesetzte Radioaktivität sei ungefährlich. Es könnten lediglich einige Scheiben in ihren Häusern kaputt gehen. Und ja, die müssten sie ohnehin für so ungefähr ein Jahr verlassen – nur um sicher zu gehen. Falls irgendetwas schieflaufen würde - was eigentlich unvorstellbar sei – dürften sie selber entscheiden, ob sie zurückkehrten oder nicht. SPRECHER Doch Higgins spricht lediglich mit den aus den USA zugezogenen Bürgern, nicht mit den Ureinwohnern, den Inupiat – die von der AEC stark unterschätzt werden: Nicht nur schreiben sie Briefe mit Bitte um Aufklärung an die Atomenergiebehörde, sie unterrichten auch andere Indigene aus ganz Alaska, was die US-Regierung mit ihrem Land vorhat. Daraus entsteht die erste landesweite Zeitung für Indigene. Kaufman 4 You had indigenous people, Eskimos, living in the area who said: We're very well aware of what happened to Hiroshima. We're very well aware of other accidents that have taken place with nuclear explosives, such as one near Bikini Atoll that ended up killing a Japanese sailor and injuring others because of the fallout. And they said: we have no evidence that you can do this safely. And there is no way that we are going to support this if you can't do this safely. And the opposition of those individuals in Alaska expanded to include scientists, politicians and others throughout the country. It became nationally known what the Atomic Energy Commission wanted to do and generated intense opposition. VO: Die Indigenen aus der Gegend sagten: Wir wissen genau, was in Hiroshima passiert ist. Wir kennen auch andere Unfälle mit nuklearen Sprengstoffen, wie zum Beispiel dem nahe des Bikini-Atolls, bei dem ein japanischer Matrose starb und andere durch den radioaktiven Niederschlag verseucht wurden. Es gibt keine Belege dafür, dass dies hier nicht passiert. Und solang dies der Fall ist, werden wir das auf keinen Fall unterstützen. Und der Widerstand dieser Indigenen in Alaska wurde landesweit bekannt und löste heftigen Widerstand in den ganzen Vereinigten Staaten aus. SPRECHERIN Das Problem war also größer als gedacht. Da half es auch nicht, dass die AEC bereits im Jahr 1959 – Alaska war soeben 49. Bundesstaat der USA geworden - Wissenschaftler in das Gebiet sandte, um Umweltverträglichkeitsuntersuchungen anzustellen. Kaufman 5 The Atomic Energy Commission, the AEC, did hire scientists, local scientists, who conducted what were called bioenvironmental surveys to try to learn more about the geology, the geography, the plants, the animals, the people living in the area. And what they were discovering was if you test something like this, if you conduct this experiment it increasingly became clear you're going to have an enormous amount of fallout that is going to cause radioactive that can have enormous amount of fallout that's going to affect the plants on which the reindeer eat - the reindeer which the locals eat. It's going to get in their systems. It is going to cause immense harm to the local ecology, is going to cause immense harm to the human population. And this would be an absolute disaster. VO: Man wollte mehr über die Geologie, Geographie, Pflanzen, Tiere und Menschen in der Region erfahren. Dabei wurde immer deutlicher: Wenn man solche Tests durchführt, kommt es zu enormen Mengen radioaktiven Niederschlags, der von den Pflanzen aufgenommen wird. Und die werden von den Rentieren gegessen. Und die Rentiere werden von der lokalen Bevölkerung gegessen. Es wird also sowohl der lokalen Ökologie als auch der Bevölkerung enormen Schaden zufügen. Das wäre eine absolute Katastrophe. SPRECHER Denn die nukleare Sprengkraft, um die es hier ging, war um einiges höher als man das bisher kannte. Kaufman 2 It started out around 500 kilotons and they reduced it to about 260 kilotons. So they kept changing the amount, but we're still talking about a huge amount of explosives. Just to give you an idea what I'm talking, what I'm explaining here: The bomb that was used in Hiroshima, Japan, that killed 100,000 people was 17 kilotons, so 17,000 tons of TNT. At Chariot we're talking about at a minimum. 260 to 280 kilotons, so many times more powerful than what was used on Japan. VO: Sie begannen mit einer Sprengkraft von etwa 500 Kilotonnen. Die wurde später auf etwa 260 Kilotonnen reduziert. Es handelt sich aber dennoch um eine riesige Menge Sprengstoff: Die Bombe, die in Hiroshima eingesetzt wurde und 100.000 Menschen tötete, hatte 17 Kilotonnen, also 17.000 Tonnen TNT. Bei Chariot sprechen wir von mindestens 260 bis 280 Kilotonnen, also um ein Vielfaches stärker als die Atombombe von Hiroshima. MUSIK SPRECHERIN Als dann auch noch die Forscher, die man nach Kap Thompson entsandt hatte, zu vehementen Gegnern des Projekts werden und öffentlich dagegen Stimmung machen – allen voran der Geograph Don Foote und die Biologen Leslie Viereck und William Pruitt – gerät das Projekt Chariot immer mehr ins Stocken. Im August 1962 wird Chariot endgültig offiziell als beendet erklärt. Da hat es bereits nahezu 4 Millionen Dollar aufgefressen. Ein Hafen entstand zwar nicht, aber etwas vielleicht viel Wichtigeres: Kaufman 7 Yes, we learned a lot about the people, about the animals, about the plants, the geography of that region. So certainly in that respect, Chariot provided us with an enormous amount of information. But luckily the blast itself did not take place. VO: Ja, wir haben eine Menge über die Menschen, die Tiere, die Pflanzen und die Geographie dieser Region gelernt. Ein Glück, dass die Sprengung nicht stattgefunden hat. MUSIK SPRECHER Ein Grund, warum man sich Anfang der 1960er Jahre immer weniger für den Hafen am Cape Thomson interessiert, ist wohl auch, dass ein anderes, viel größeres Projekt immer mehr Form annimmt. Ein Projekt, das als zentrales Vorhaben des Plowshare-Programms gilt, und für das wohl auch der Hafen in Alaska nur als Testlauf geplant war: AEC 5: "The most dramatic example so far is in central america… SPRECHER … der Bau eines neuen Mittelamerika-Kanals - als Alternative zum engen Panama-Kanal. SPRECHERIN Der bereits 1904 gebaute Panamakanal war mit dem Wirtschaftsboom der USA nach dem Zweiten Weltkrieg zu klein geworden. Und so entstand in den 1950er Jahren die Idee, einen neuen Kanal zu bauen. Kaufman 9 There's two things to keep in mind about the Panama Canal: It is not a Sealevel Canal it uses a set of locks to raise and lower ships between the Atlantic and Pacific Oceans and vice versa. And the locks are only about 1100 feet long. And they're about 110 feet wide. That restricts the size of ships that can use the Panama Canal. [...] The other issue is what if somebody, whether it be a government, a terrorist organization, decided to make life as difficult as possible for the United States by launching an attack internally or externally against the locks? If you damage those locks, the canal becomes unusable. And for the United States, which relied very heavily on those locks, not only descend commercial ships through the canal, but also military ships. That was very worrisome. VO: Beim Panamakanal gibt es zwei Dinge zu beachten: Er ist kein Meeresspiegelkanal, sondern nutzt Schleusen zum Heben und Senken von Schiffen zwischen Atlantik und Pazifik und umgekehrt. Die Schleusen sind nur etwa 330 Meter lang und etwa 33 Meter breit. Das schränkt die Größe der Schiffe ein, die den Panamakanal nutzen können. [...] Und: Was wäre, wenn jemand - sei es eine Regierung oder eine Terrororganisation - einen Angriff auf die Schleusen startet? Werden diese Schleusen beschädigt, wird der Kanal unbrauchbar. Und für die Vereinigten Staaten, die stark auf diese Schleusen angewiesen waren, war es sehr beunruhigend, da nicht nur Handelsschiffe, sondern auch Militärschiffe den Kanal passierten. MUSIK SPRECHERIN Deswegen wollte man einen neuen Kanal bauen, der keine Schleusen benutzte. Doch ohne eine „saubere Bombe“, also eine nukleare Sprengung, die praktisch keinen radioaktiven Fallout verursacht, konnte man dieses Projekt nicht umsetzen. Kaufman 3 People who were involved in Project Plowshare, both scientists and non scientists, such as members of Congress, believed that it was possible to control the atom, to control the amount of radioactive fallout. So what they want to do was to create what they called „a clean explosive“, one that would have very little radioactive fallout, cause very little radioactivity and not pose a danger to plants, animals or humans in the area. VO: Alle, die am Projekt Plowshare beteiligt waren, glaubten, dass es möglich sei, das Atom und die Menge des radioaktiven Niederschlags zu kontrollieren. Sie wollten daher einen sogenannten „sauberen Sprengstoff“ entwickeln, der nur wenig radioaktiven Niederschlag und Radioaktivität verursacht und keine Gefahr für Pflanzen, Tiere oder Menschen in der Umgebung darstellt. MUSIK SPRECHERIN Eine Entwicklung die nur mit dem uneingeschränkten Glauben an die grenzenlosen Fähigkeiten der Wissenschaft möglich ist. SPRECHER Ein Glaube, den die Atomenergiebehörde zweifellos hatte: AEC 4: Safety and Technology - the two inseperatable Parts of the Plowshare program" SPRECHER Sicherheit und Technologie – zwei untrennbare Teile des Plowshare Programms. SPRECHERIN Die Wirklichkeit sah anders aus. Scott Kaufman: Kaufman 3b: The problem was: Trying to develop a clean explosive proved very, very difficult and ultimately was one of the reasons why Plowshare failed. VO: Plowshare scheiterte schließlich daran, dass sie es nicht schafften, eine „saubere Bombe“ zu entwickeln. SPRECHER Und somit scheiterte auch der Plan eines zweiten Mittelamerika-Kanals. Denn hierfür wäre eine unvorstellbare Sprengkraft nötig gewesen – selbst für die kürzeste geplante Route. Kaufman 10 [...] But we're talking about now, not kilotons of explosives, but megatons - many, many megatons of explosives! We´re talking about hundreds of megatons to build either one of those waterways. To give you an example: what I'm talking about: to build the Sasarti-Morti one of the explosives would have to be 35 megatons. Now that would make it over 2000 times as powerful as the bomb used on Hiroshima, Japan. [...] Now that's just we're talking about one explosives of hundreds of various sizes that would have to be used. [...] And by the end of 1963 you have something called a limited test ban treaty, which banned any above ground or atmospheric nuclear test that could lead to fallout over another nation's borders. Well, if you're exploding a bomb of 35 megatons, you're going to have fallout over another nations borders. Especially we're talking about countries as small as Costa Rica, Nicaragua and Panama. Unless you can build a truly clean explosive which the Atomic Energy Commission never achieved, you're not going to be able to build a canal as they were. VO: Wir sprechen hier nicht nur von Kilotonnen Sprengstoff, sondern von Megatonnen – vielen, vielen Megatonnen Sprengstoff! Wir sprechen von Hunderten von Megatonnen für den Bau einer dieser Wasserstraßen. Für den Bau müsste eine Bombe 35 Megatonnen stark sein. Das wäre über 2000-mal stärker als die Hiroschima-Bombe. Das wäre aber nur eine Bombe von Hunderten, die eingesetzt werden müssten. Ende 1963 wurde ein Atomteststoppvertrag geschlossen, der alle oberirdischen oder atmosphärischen Atomtests verbot, die zu radioaktivem Niederschlag über den Grenzen anderer Länder führen könnten. Wenn man eine solche Bombe zündet, wird der radioaktive Niederschlag sicherlich über den Grenzen anderer Länder niedergehen. Besonders über so kleine Länder wie Costa Rica, Nicaragua und Panama. Solange man aber keinen wirklich sauberen Sprengstoff herstellen kann - was der AEC auch nie gelungen ist - wird man keinen solchen Kanal jemals bauen können. MUSIK SPRECHERIN Zusätzlich zu dem radioaktiven Niederschlag wären wohl auch durch solche Sprengungen unterirdische Erschütterungen entstanden, die Erdbeben-ähnliche Ausmaße angenommen hätten. Etliche Gebäude wären beschädigt oder sogar komplett zerstört worden. Der Bau eines Kanals entlang der Grenze von Costa Rica und Nicaragua hätte wohl auch die beiden Hauptstädte der Länder, San José und Managua, betroffen. Man ging davon aus, dass man weit über eine Millionen Menschen hätte umsiedeln müssen. Kaufman 12 ...and for how long? I mean, are we talking about moving them for a few months? For a year? Permanently? Nobody seemed to know! SPRECHER Und für wie lange, auch das schien keinem klar zu sein, sagt Scott Kaufman. MUSIK SPRECHERIN Ein weiteres gescheitertes Projekt des Plowshare-Programs war das sogenannte Rulison-Projekt. Hier sollte durch eine Explosion ein unterirdisches Gas- und Ölfeld in Colorado erschlossen werden – im Grunde eine Art Fracking mit Nuklearsprengköpfen. Kaufman 16: Now did it work? Well, yes, Rulison did cause a chimney. Yes, natural gas did flow into the chimney created by the blast. But there were [...] big problems with it: [...]: The gas was radioactive and even though the AEC argued the level of radioactivity was safe, and when you're asking customers to buy irradiated natural gas to use in their homes, they're not going to do it. VO: Hat es funktioniert? Nun ja, Rulison hat tatsächlich einen Schornstein verursacht, in den Erdgas strömte. Aber es gab große Probleme damit: Denn das Gas war radioaktiv, und obwohl die AEC argumentierte, der Radioaktivitätsgrad sei unbedenklich, fand man keine Kunden, die radioaktives Gas zuhause benutzen wollten. MUSIK SPRECHER Anders als in den USA wurden in der Sowjetunion etliche Gasvorkommen so erschlossen. Und nicht nur das: Dämme und Speicherseen wurden mittels Kernwaffen-Explosionen gebaut. Das Programm „Atomexplosionen für die Volkswirtschaft“ lief auch viel länger als das US-Pendant „Plowshare“, das 1978 eingestellt wurde; nämlich bis zum Ende der Sowjetunion im Jahr 1989. SPRECHERIN Doch war die Sowjetunion wirklich erfolgreicher mit der praktischen Anwendung von Nuklearsprengköpfen? Schafften sie es im Gegensatz zur AEC eine „saubere Bombe“ zu entwickeln? Kaufman 23 Well we have to keep in mind that the Soviet Union, the communist system has seen the environment as something to be exploited for the benefit of the state. Plus: you have a very secretive system, one where the Communist Party controls the media, controls information, and so you put those two things together and it makes it easier for the Soviets to conduct these kinds of experiments and not have the people know. And again: the idea is: You were doing this for the benefit of the state? So who cares? The end result though is you have some areas of the Soviet Union that are in terrible shape. Of course we have Chernobyl. We have Lake Chagan, we've got rivers in the Soviet Union that are still radioactive. Yes, it has had some successes. But in many respects has caused so much damage to the Soviet Union to harm so many people. VO: Wir müssen bedenken, dass die Sowjetunion die Umwelt als etwas betrachtete, das zum Vorteil des Staates ausgebeutet werden konnte. Hinzu kommt, dass die Kommunistische Partei die Medien und die Informationen kontrollierte. Diese Kombination erleichterte es den Sowjets, solche Experimente durchzuführen, ohne dass die Bevölkerung davon erfuhr. Das Endergebnis sind jedoch einige Gebiete der Sowjetunion, die in einem schrecklichen Zustand sind. Es gibt den Tschagan-See und Flüsse in der Sowjetunion, die immer noch radioaktiv sind. Ja, es gab einige Erfolge. Aber in vielerlei Hinsicht hat es der Sowjetunion großen Schaden zugefügt. MUSIK SPRECHERIN Auch wenn die Vorstellung Kernwaffen im eigenen Land für Bauvorhaben einzusetzen, heutzutage abschreckend und unglaublich erscheint: Ganz vom Tisch sind solche Gedankengänge nicht. Kaufman 15 + 22 Well, I think whatever you're talking about, any kind of a nuclear explosion - clean or not - it's going to raise serious concerns. But the idea is still out there. In 2010, the Deepwater Horizon Oil rig caught on fire, exploded in the Gulf of Mexico. 10s of thousands, if not millions of gallons of oil coming to the surface, and so one reporter for CNN said: Why don't put a nucleus close of down in the well and seal it. That never happened, but the idea was out there. And then President Trump, in his first term, talked about using nuclear explosives to try to divert hurricanes or even stop them entirely. Now that idea, I would argue, was as crazy as his proposal to inject bleach to deal with COVID. It would have released enormous amounts of radioactivity. But again, the idea was out. I argue that the idea died back in the 1970s, but given you have people talking about it like Donald Trump as recently as about 2017/2018, who knows....? VO: Ich denke, jede Art von Atomexplosion – ob sauber oder nicht - wird ernsthafte Bedenken hervorrufen. Aber die Idee ist immer noch da. 2010 explodierte im Golf von Mexiko die Ölplattform Deepwater Horizon. Millionen Liter Öl strömten ins Meer. Und da sagte ein CNN-Reporter: Warum platzieren wir nicht einen Atomsprengkopf in der Bohrung und versiegeln sie? Das geschah nie, aber die Idee war da. Und dann sprach Präsident Trump in seiner ersten Amtszeit davon, mit Atomsprengstoffen Hurrikans abzulenken oder sogar ganz zu stoppen. Diese Idee, würde ich behaupten, war genauso verrückt wie sein Vorschlag, Bleichmittel gegen Covid zu injizieren. Aber trotzdem war sie da. Eigentlich starb ja die Plowshare-Idee in den 1970er Jahren. Wenn man allerdings solche Reden von Donald Trump hört... wer weiß?
- 14.07.202523 min
Robert Oppenheimer hat mit der Atombombe eine Massenvernichtungswaffe entwickelt, die die gesamte Menschheit bedroht. In seiner Person verdichtet sich die Frage nach den Grenzen der technischen Machbarkeit und der Verantwortung des Wissenschaftlers. Von Brigitte Kohn Credits Autorin: Brigitte Kohn Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Thomas Birnstiel, Peter Weiß, Christian Baumann Technik: Susanne Herzig Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Dr. Alexander Blum Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025 Linktipps Deutschlandfunk Kultur (2021): Nukleare Bedrohung – Atomwaffen kontrollieren – oder verbieten? Atomwaffen verbieten - einen entsprechenden Vertrag haben 122 Staaten unterzeichnet. Nicht dabei: die Nuklearmächte. Und für die Bundesregierung ist Rüstungskontrolle realistischer als ein Verbot. Über die reden die USA und Russland immerhin wieder. Moderation: Monika van Bebber. JETZT ANHÖREN NDR (2021): Nichtverbreitungsvertrag zu Atomwaffen auf der Kippe? Nichtverbreitungsvertrag zu Atomwaffen auf der Kippe? Der mehr als 50 Jahre alte sogenannte Atomwaffensperrvertrag soll die nukleare Abrüstung voranbringen. Doch die Atommächte modernisieren ihre Arsenale. Hat der Nichtverbreitungsvertrag noch eine Zukunft? JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN: Aus dem Protokoll der Anhörung des Physikers Julius Robert Oppenheimer durch die US-amerikanischen Atomenergiekommission im Jahr 1954: FRAGESTELLER – Zitator 1 Mr. Oppenheimer. Sie hatten schreckliche moralische Skrupel? OPPENHEIMER – Zitator 2 Ich kenne niemanden, der nach dem Abwurf der Atombombe nicht schreckliche moralische Skrupel gehabt hätte. FRAGESTELLER: Zitator 1 Ist das nicht ein bisschen schizophren? OPPENHEIMER: Zitator 2 Was? Moralische Skrupel zu haben? MUSIK ERZÄHLERIN 50 Jahre zuvor. Robert Oppenheimer wird am 22. April 1904 in New York geboren. Beide Eltern, ein Textilingenieur und eine Malerin, sind Juden und haben deutsche Wurzeln. Der Vater ist mit 17 Jahren nach New York gekommen und hat es hier zu Reichtum gebracht. Robert ist der ältere von zwei Söhnen, ein sensibles und ungeheuer aufgewecktes Kind mit dichten schwarzen Locken und ausdrucksvollen wasserhellen Augen. Beide Eltern vergöttern ihn und fördern ihn nach Kräften. Ihre Ansprüche an Roberts Leistungsbereitschaft und auch an die innerfamiliäre Harmonie sind hoch, und das erzeugt manchmal Druck. ERZÄHLER: Er sei ein gehorsamer und grässlich guter Junge gewesen, sagt Oppenheimer später von sich selbst. Was ihm gefehlt habe, sei die gesunde Möglichkeit gewesen, sich auch mal danebenzubenehmen. ERZÄHLERIN: Die Eltern sind fortschrittlich eingestellt und nicht religiös. Sie schicken ihren Sohn auf die Schule der Society for Ethical Culture, Gesellschaft für ethische Kultur, die sich einem weltlichen jüdischen Humanismus verpflichtet fühlt, sagt Alexander Blum, Physikhistoriker am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. 01 O-TON DR. BLUM Seine Eltern wollten sich assimilieren in der amerikanischen Haute Volee. Die religiösen Traditionen waren nicht wichtig, aber gewisse kulturelle Elemente des Judentums kann man durchaus wiedererkennen. Es ist ein sehr optimistisches Weltbild, ein Weltbild, wo auch der Verstand und die Wissenschaft als positive Kräfte gesehen werden, die, wenn der Mensch sie zu gebrauchen weiß, die Welt zu einem besseren Ort machen können. MUSIK ERZÄHLERIN: Die Schule betont die Handlungsfähigkeit und die moralische Verantwortung des Einzelnen. Vom Menschen hänge alles ab, der Mensch dürfe sich viel zutrauen, er müsse sich aber auch stark in die Pflicht nehmen. Die Erwartungen sind also auch hier sehr hoch. Der Glaube an eine übergeordnete, göttliche Instanz, die lenkt oder schützt, spielt kaum mehr eine Rolle. ERZÄHLER: Oppenheimers enger Freund, der Physiker Isidor Isaac Rabi, überliefert in späteren Jahren, Oppenheimer habe skeptisch auf seine Schulzeit zurückgeblickt. Die übermittelten Moralvorstellungen hätten seine Fragen nach der Stellung und Aufgabe des Menschen im Universum nicht zufriedenstellend lösen können. ERZÄHLERIN: Aber es gibt viele engagierte Lehrer an dieser Schule, die Robert vor allem für die Naturwissenschaften begeistern, aber auch für alles andere: moderne Literatur, Sprachen, Philosophie, Psychologie. Seine vielseitigen Begabungen verführen ihn oft dazu, sich zu zerfleddern, sich zu viel zuzumuten und sich von Gleichaltrigen, die ihn manchmal hart schikanieren, zu isolieren. ERZÄHLER: Auch an der Universität Harvard bedeuten ihm Bücher mehr als Freunde, und sein ruheloser Geist probiert sich ohne festen Plan in zahlreichen Fächern aus. Aber die Physik fesselt ihn auf Dauer am meisten, denn sie bietet mehr Neuland als jede andere Wissenschaft. 02 O-TON DR. BLUM Da hat sich wahnsinnig viel getan um die Jahrhundertwende. Paul Dirac, einer der Pioniere der Quantenmechanik, beschreibt die Zeit als das Goldene Zeitalter der Physik, in der jeder mittelmäßige Physiker erstklassige Entdeckungen machen konnte, weil mit der Quantenmechanik ein ganz neuer mathematischer Rahmen gegeben war, mit der man die Welt in einem ganz neuen Blickwinkel betrachten konnte. ERZÄHLERIN: Nach seinem Abschluss in Harvard geht Oppenheimer nach Europa, denn dort lehren die führenden Kapazitäten. 03 O-TON BLUM: Anders als bei der Relativitätstheorie, die man auf einen Menschen, letztlich auf Einstein, zurückführen kann, war die Quantenmechanik wirklich ein kollaboratives Projekt, zu dem Wissenschaftler in verschiedenen Zentren, die über Europa verstreut waren, beigetragen haben. Und Oppenheimer hat die eigentlich alle abgehakt. Er ist von Cambridge nach Leiden zu Ehrenfest, war dann in Göttingen bei Max Born, in Zürich bei Wolfgang Pauli. Diese Generation, etwas älter als er, die die Quantenmechanik begründet haben, da hat er wirklich bei allen vorbeigeschaut. ERZÄHLERIN: Oppenheimers Lehrer finden ihn begabt und kreativ, aber auch sprunghaft und arrogant. Und ungeschickt. Beim Experimentieren im Labor gehen ihm oft die Instrumente zu Bruch. Von Einsamkeit und Versagensängsten gequält, gerät er in eine tiefe seelische Krise. MUSIK ERZÄHLER: Manchmal fühlt er sich wie versteinert, dann wieder kochen die Aggressionen hoch. Dem Laborleiter will er mal einen vergifteten Apfel aufs Pult gelegt haben, so kolportiert er es selbst – doch sicher belegt ist das nicht, manche führen die Geschichte auf seine überhitzte Phantasie zurück. ERZÄHLERIN: Langsam findet Oppenheimer wieder in die Spur, dank seiner wachsenden Liebe zur theoretischen Physik. Quantentheoretisch und mathematisch, bisweilen auch philosophisch orientiert, bietet sie ihm den Zufluchtsraum des abstrakten Denkens und bringt ihm die Geheimnisse des Universums näher. Wenige Jahre später wird sie ihm die Grundlagen für den Atombombenbau liefern – mit verheerenden Folgen. 04 O-TON Dr. BLUM: Alles, was Oppenheimer gemacht hat, von seinen ersten Arbeiten zu Molekülen bis hin zur Atombombe, das war alles Quantenphysik, letztlich. ERZÄHLERIN: 1929 tritt er eine Stelle an der Universität von Berkeley in Kalifornien an und macht die Quantenphysik auch in Amerika bekannt. Seine Studenten verehren ihren jungen exzentrischen Lehrer, der immer mit seinem geliebten breitkrempigen Hut und einer Zigarette im Mundwinkel vor der Tafel steht und gern auch mal privat ein paar Drinks ausgibt. Neben seiner Lehrtätigkeit schreibt Oppenheimer viel beachtete Aufsätze, unter anderem zur Zusammenführung von Quantentheorie und Relativitätstheorie. MUSIK ERZÄHLER: Allerdings ist er oft zu ungeduldig und sprunghaft, um alle Probleme im Detail zu durchdenken. Eigenschaften, die er wohl auch ab dem Jahr 1942, als er für das so genannten „Manhattan-Projekt“, die Entwicklung der Atombombe arbeitet, auch nicht ganz ablegen kann. Der Physiker Oppenheimer hätte im Laufe seines Lebens eigentlich gerne, wie so einige seiner damaligen Kollegen, einen Nobelpreis gewonnen, doch die zeitaufwändige Leitung des „Manhattan-Projekts“ hat ihm das möglicherweise auch vermasselt. Dazu der Physikhistoriker Alexander Blum: 05 O-TON DR. BLUM: Wenn man das Manhattan-Projekt rausschneidet und sich nur die Arbeiten anguckt, die er letztendlich geschrieben hat, dann ist er ein solider, aber nicht herausragender Physiker im 20. Jahrhundert. Er hat sich mit Fragen beschäftigt, die dann sehr wichtig wurden, und die Frage ist immer: Wenn er nicht der Leiter des Manhattan-Projekts gewesen wäre, sondern sich der reinen Wissenschaft hätte widmen können, ob er dann nicht gewisse Entdeckungen gemacht hätte, die andere dann stattdessen gemacht haben. MUSIK ERZÄHLERIN: Entspannung findet der ehrgeizige junge Dozent in der Wüste von New Mexico, eine Landschaft, in die er sich verliebt hat und die er oft besucht, um sie auf langen Ausflügen auf dem Pferderücken zu erkunden. Reiten ist seine Passion, außerdem die Literatur und das Studium des Sanskrit. Die Bhagavad Gita, eine jahrtausendealte heilige Schrift des Hinduismus, zieht ihn sein Leben lang in ihren Bann. ERZÄHLER: Die Bhagavad Gita lehrt die Menschen unter anderem, die Pflichten ihres Standes zu erfüllen und die Pflichten anderer Stände zu respektieren, ohne sich einzumischen. Die Konsequenzen von Handlungen seien abhängig vom Zusammenwirken der Stände und vom Wirken einer höheren Macht, aber nicht vom Willen und den ethischen Maßstäben eines Einzelnen. ERZÄHLERIN: Der Gedanke der Pflichterfüllung gibt Oppenheimer innere Ruhe. Er kann nun die Fragen nach Gut und Böse und individueller Verantwortung, die seine Jugend geprägt haben, zugunsten der Frage zurückstellen, was er selbst zum Gesamtzusammenhang beitragen kann. Und da liegt für ihn die Antwort auf der Hand: Es sind seine wissenschaftlichen Fähigkeiten, die die Gesellschaft braucht; für andere Bereiche gibt es andere Experten. MUSIK Doch die Weltwirtschaftskrise verursacht seit Anfang der Dreißigerjahre viel Not und stört den Gesamtzusammenhang erheblich. 1933 ergreift Hitler in Deutschland die Macht. ERZÄHLER: Das erfüllt Oppenheimer mit Wut und Sorge um das Schicksal der deutschen Juden. Aber es gibt für ihn eine andere Lehre, die verspricht, Gerechtigkeit herzustellen und die verstörte Welt zu heilen: Das ist der Kommunismus. Oppenheimer interessiert sich dafür wie viele andere junge Intellektuelle auch. Zwar tritt er nie in die Kommunistische Partei der USA ein, aber er beteiligt sich an vielen Aktivitäten und knüpft viele Freundschaften, auch zu Frauen. Er ist selbstsicherer und geselliger geworden und gilt sogar als sehr charmant. MUSIK ERZÄHLERIN: Die Medizinerin Jean Tatlock, ist Oppenheimers erste große Liebe. Sie ist oft schwermütig, melancholisch. Sie setzt ebenfalls Hoffnungen auf den Kommunismus. Die beiden fühlen sich eng verbunden, aber es ist kompliziert, und Jean schreckt vor einer Ehe zurück. ERZÄHLER: 1940 heiratet Oppenheimer eine andere, die Botanikerin Katherine Puening Harrison, genannt Kitty. Sie bekommen einen Sohn und eine Tochter. Seit 1942 lebt die Familie in Los Alamos, New Mexico, denn der inzwischen 38jährige Oppenheimer hat die Stelle des wissenschaftlichen Leiters des Manhattan-Projekts bekommen, das die erste Atombombe der Welt entwickeln soll. Man will schneller sein als Hitlerdeutschland, wo man ähnliche Aktivitäten vermutet. 07 O-TON BLUM: Die sehr reelle Möglichkeit einer Nazibombe war für die meisten das Hauptargument, da mitzumachen, und ich würde auch sagen, ein völlig legitimes Argument. ERZÄHLERIN: Mehrere Hundert Menschen arbeiten in Los Alamos, darunter exzellente Physiker aus verschiedenen Ländern. Oppenheimer ist ein guter Leiter, der die Leute motivieren, Ergebnisse zusammenführen und die Arbeit zügig vorantreiben kann. ERZÄHLER: Wenn man ein Wissenschaftler sei, so glaube man, dass es gut sei, herausfinden, wie die Welt funktioniert, sagt er später. Wenn man auf reizvolle technische Herausforderungen stoße, dann packe man sie an und arbeite so lange an ihnen, bis man Erfolg habe. Und so sei es auch bei der Atombombe gewesen. 08 O-TON DR. BLUM: Man sitzt da in der Wüste, während draußen die Welt brennt und man weiß, man ist dabei, das alles zu entscheiden, und das würde die Welt dann auch grundlegend verändern, das ist schon alles sehr aufregend. MUSIK ERZÄHLERIN: Kitty Oppenheimer ist mit ihrem isolierten Hausfrauendasein im Schatten einer bedrohlichen Zukunft unzufrieden und trinkt viel zu viel. Robert magert ab und raucht ununterbrochen. Als er sich einmal eine Stippvisite nach Berkeley mit Übernachtung bei seiner Ex-Geliebten Jean Tatlock gestattet, beschatten Agenten der US-Armee ihr Treffen. Es wird das letzte sein, denn Jean geht es schlecht. 1944 bringt sie sich um. ERZÄHLER: Sie sei froh, einer kämpfenden Welt die Last ihrer gelähmten Seele abnehmen zu können, schreibt sie in ihrem Abschiedsbrief. ERZÄHLERIN: Auch im Labor gibt es Konflikte. Hitlerdeutschland steuert seinem Untergang entgegen, auf die Existenz einer Nazibombe deutet nichts hin, und immer mehr Physiker von Los Alamos zweifeln an Sinn und Zweck ihres Tuns. Aber Oppenheimer ist ziemlich gut darin, ihnen die Skrupel auszureden. Im Mai 1945 kapituliert Deutschland, und Präsident Harry Truman beschließt, die Bombe über Japan abwerfen zu lassen, einem Mitglied der feindlichen Achsenmächte, das sich gegen die Kapitulation sinnloserweise noch sträubt. ERZÄHLER: Truman wird den Abwurf der Atombombe sein Leben lang mit dem Argument verteidigen, sie habe den Krieg abgekürzt und „das Leben Abertausender junger Amerikaner“ gerettet. Viele Projekt-Mitarbeiter damals und Historiker heute vermuten eher, die Bombe sei eingesetzt worden, um den Anteil der Sowjetunion am Sieg und damit auch den Einfluss der kommunistischen Großmacht in der Nachkriegszeit zu schmälern. ERZÄHLERIN: In Los Alamos finden damals jedoch viele, das sei kein ausreichender Grund, um eine Massenvernichtungswaffe mit unkalkulierbarer Zerstörungskraft gegen die japanische Zivilbevölkerung zu richten, noch dazu ohne Vorwarnung und ohne letztes Ultimatum. Sie wollen Präsident Truman dazu bewegen, sich auf einen demonstrativen Test zu beschränken. ERZÄHLER: Oppenheimer wehrt das Ansinnen heftig ab. Leute, die nichts von der japanischen Mentalität verstünden, sollten die Entscheidung besser militärischen Experten überlassen, hält er dagegen und setzt sich durch. MUSIK ERZÄHLERIN: Und so berät er das Militär bei der Auswahl der zu bombardierenden Städte und versorgt die Piloten mit genauen Anweisungen zu Wetterlage und Flughöhe, damit der zu erwartende Schaden möglichst groß ausfällt. Die Welt soll sehen, welche Risiken das nukleare Zeitalter bereithält, und das Kriegsführen im Zukunft einstellen. Alexander Blum geht davon aus … 09 O-TON BLUM: … dass er mehr wollte, als einfach nur der Vater der Atombombe zu sein, sondern er wollte der Vater des durch die Atombombe entstandenen Weltfriedens sein. Da hat er sich wohl auch zurechtgelegt, dass, wenn die Atombombe wirklich das Ende aller Kriege darstellen sollte, dann werde sie wohl auch einmal im Krieg eingesetzt werden müssen. ATMO Atombombe ERZÄHLERIN: Am 6. August 1945 legt die Atombombe Hiroshima in Schutt und Asche, drei Tage später fällt eine weitere auf Nagasaki. Zehntausende Menschen sterben in Sekunden, Zehntausende Monate und Jahre später an den Folgen ihrer Verletzungen oder der Strahlung. Das Trauma dieser ungeheuren Zerstörung wirkt in Japan und in der Welt bis heute nach. ERZÄHLER: Nun bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten. So heißt es, frei übersetzt, in der Bhagavad Gita. ERZÄHLERIN: Die amerikanische Öffentlichkeit feiert ihn als den neuen Prometheus, der den Menschen das atomare Feuer gebracht und den Krieg beendet habe. MUSIK Doch Oppenheimer selbst fällt in eine Depression. Die zahllosen Toten belasten ihn unendlich, und dass die Atombombe nötig gewesen sei, um den Frieden herbeizuführen, daran zweifelt er irgendwann auch. ERZÄHLER: Sein Zustand sei schrecklich gewesen, überliefert seine Frau Kitty. Sie habe nicht gewusst, wie es weitergehen solle. ERZÄHLERIN: Doch eine Hoffnung bleibt Oppenheimer: dass die Menschheit des nuklearen Zeitalters die Gefahr ihrer atomaren Vernichtung ernst nehmen und lernen könne, in Frieden zu leben. 1947 wird er Direktor des Institute for Advanced Study in Princeton und setzt sich als Berater der Regierung und der amerikanischen Atomenergiebehörde für internationale Waffenkontrollabkommen ein. Die Wissenschaftsgemeinde unterstützt ihn, doch viele Kollegen finden ihn zu nachgiebig und schwach im Umgang mit Politikern. ERZÄHLER: Im Gespräch mit dem US-Präsidenten legt er seine Schuldgefühle offen: Er habe Blut an seinen Händen, sagt er. Peinlich berührt befiehlt Truman seiner Sekretärin, ihm Oppenheimer, das Cry-Baby, künftig vom Hals zu halten. MUSIK ERZÄHLERIN: Seit 1949 verfügt auch die Sowjetunion über eine Atombombe. Das Wettrüsten des Kalten Krieges beginnt, die Atomwaffenarsenale wachsen. Die US-Regierung beschließt die Entwicklung einer Wasserstoffbombe mit noch sehr viel höherem Vernichtungspotential. Oppenheimer steuert ein paar wissenschaftliche Ratschläge bei, aber das Sofortprogramm geht ihm zu schnell, er plädiert für Verhandlungen mit den Sowjets. Damit macht er sich die Atomenergiebehörde zum Feind – die zudem von der antikommunistischen Hysterie der McCarthy-Ära befeuert wird. ERZÄHLER: Man wirft Oppenheimer Folgendes vor: erstens, dem Kommunismus zugeneigt zu sein, was die Möglichkeit einschließt, Spionage zugunsten der Sowjets in Los Alamos zumindest nicht verhindert zu haben. Zweitens, und das wiegt noch schwerer: durch seinen Widerstand gegen die Wasserstoffbombe nationale Interessen zu beschädigen. ERZÄHLERIN: Man will Oppenheimer politisch kaltstellen. Dazu muss man ihm seine Sicherheitsfreigabe streitig machen, also die Berechtigung, Zugang zu geheimen Regierungsinformationen zu haben. 1954 wird der Sicherheitsausschuss der Atomenergiebehörde einberufen, der Oppenheimer auf den Zahn fühlen soll. ERZÄHLER: Es ist nur eine interne Überprüfung, keineswegs ein juristisches Verfahren. Aber sie gerät zum öffentlichen Tribunal, weil die Presse Zugriff auf die Protokolle der Anhörung bekommt. Der Mann, der nur wenige Jahre zuvor als „Amerikas Prometheus“ gefeiert wurde, steht nun unter extremem Druck. 10 O-TON DR. BLUM: So wird das Ganze eben wirklich zu einer Bewertung seines ganzen Lebens und seiner gesamten Karriere. So was, und dann noch in einer feindseligen Atmosphäre, das ist für jeden anstrengend, wenn man sich für alles, was man je gemacht hat, rechtfertigen muss. Sowohl auf politischer als auch auf persönlicher Ebene, weil diese Sachen bei ihm sehr verquickt sind dadurch, dass seine Frauengeschichten sehr eng mit der kommunistischen Partei verbunden waren. MUSIK FRAGESTELLER – Zitator 1 Sie hatten schreckliche moralische Skrupel? OPPENHEIMER – Zitator 2 Ich kenne niemanden, der nach dem Abwurf der Atombombe nicht schreckliche moralische Skrupel gehabt hätte. FRAGESTELLER: Zitator 1 Ist da nicht ein bisschen schizophren? Das Ding zu machen, die Ziele auszusuchen, die Zündhöhe zu bestimmen und dann über den Folgen in moralische Skrupel zu fallen? Ist das nicht ein bisschen schizophren, Doktor? OPPENHEIMER: Zitator 2 Ja. Es ist die Art von Schizophrenie, in der wir Physiker seit einigen Jahren leben. ERZÄHLERIN: Der deutsche Dramatiker Heinar Kipphardt hat aus den Protokollen der Sicherheitsanhörung ein Theaterstück verfertigt. Für ihn ist Oppenheimer keine rundweg positive Figur, sondern jemand, der sich oft herauswindet und sich in Allgemeinplätze flüchtet. MUSIK OPPENHEIMER: Zitator 2 Die Welt ist auf die neuen Entdeckungen nicht eingerichtet. Sie ist aus den Fugen. FRAGESTELLER: Zitator 1 Und Sie sind ein bisschen gekommen, sie einzurenken, wie Hamlet sagt? OPPENHEIMER: Zitator 2 Ich kann es nicht. Sie muss das selber tun. ERZÄHLERIN: Oppenheimer ist mit Kipphardts Theaterstück übrigens nicht einverstanden, denn der Autor legt dem Hauptdarsteller eine fiktive Schlussrede in den Mund, die seine Reue zum Ausdruck bringt. Aber der wirkliche Oppenheimer bereut seine Rolle im Manhattan-Projekt durchaus nicht – allen Skrupeln zum Trotz. ERZÄHLER: Er sei als Physiker dem wissenschaftlichen Fortschritt verpflichtet und habe seine Aufgabe erfüllt. Die Gesellschaft müsse lernen, mit den Ergebnissen umzugehen, das ist sein Standpunkt. Alexander Blum findet ihn nicht sehr überzeugend. 11 O-TON ALEXANDER BLUM: Er ist berühmt, weil er sich als erster diesem Dilemma hat stellen müssen, der Verantwortung des Wissenschaftlers, aber er ist nicht dafür berühmt, dass er es besonders elegant gelöst hat. Letztlich war die Lösung, die er versucht hat anzubieten, eben dieses Fortschrittsnarrativ. Dass letztlich Wissen nicht verhindert werden kann und auch nicht schlecht sein kann und letztlich nur dazu dienen kann, die Menschheit voranzubringen und einer rosigen Zukunft zuzuführen. Diese Fortschrittsnarrativ war schon damals am Kippen und ist heute unpopulärer denn je. MUSIK ERZÄHLERIN: Zum Schluss wird ihm die Sicherheitsfreigabe aberkannt, und das ist das Ende seiner Laufbahn als Politikberater. Oppenheimer nimmt die Entscheidung fast demütig an. Zwar freut er sich, als man ihm später in der Kennedy-Ära hohe Preise zukommen lässt. Aber inzwischen ist er schwer an Kehlkopfkrebs erkrankt. Dem Tod sieht er mit Ruhe und Würde entgegen. Robert Oppenheimer stirbt am 18. Februar 1967 im Alter von 62 Jahren.
- 11.07.202529 min
Vor 80 Jahren, am 16. Juli 1945, beginnt mit dem Trinity-Test in der Wüste New Mexikos das Atomzeitalter. Mit der ersten nuklearen Explosion erlangt die Menschheit an diesem Tag die Fähigkeit, sich selbst zu vernichten. Die grausamen Einsätze der Atombombe im August 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki haben die Nukleartechnik mit dem gewaltsamen Tod von hunderttausenden Menschen in Verbindung gebracht. Seither wurde keine Atomwaffe mehr in einem Konflikt eingesetzt, obwohl seit dem Ende der 40er Jahre ein atomares Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion einsetzte. Die technische Entwicklung von thermonuklearen Bomben hat dazu die Fähigkeit gebracht, die Menschheit gleich mehrere Male zu vernichten. Credits Autoren: Christian Schaaf & Michael Zametzer Redaktion: Eva Kötting & Heike Simon Linktipps Alles Geschichte (2021): ATOMWAFFEN – Overkill und Abrüstung Mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki brach ein neues Zeitalter an. Nun war es möglich, Kriege mit einer nie dagewesenen Zerstörungskraft zu entscheiden. Gleichzeitig wuchs die Erkenntnis, dass Atomwaffen die Menschheit an den Rand ihrer Auslöschung bringen konnten. Die Welt stand zwischen Overkill oder Abrüstung. (BR 2015) JETZT ANHÖREN BR (2024): Der Weg der Hiroshima-Bombe Es war am 18. September 1942 als Belgien und die USA einen Vertrag über den Verkauf von 4200 Kilo Uran schlossen. Auf der einen Seite des Tisches saß damals der US-General Nichols - führend beteiligt am Bau der ersten Atombombe. Auf der anderen Seite: Edgar Sengier, Chef der Uranminen im damaligen Belgisch-Kongo. JETZT ANHÖREN BR (2023): Wo Oppenheimer die Atombombe gebaut hat – Leben in Los Alamos Robert Oppenheimer hat die Atombombe in Los Alamos in New Mexico entwickelt. In dieser Doku von 1990 geht es um das seltsame Leben in dem abgeschirmten Ort und um die Gewissensbisse der Forscher. Ein Porträt eines geheimnisvollen Ortes, lange bevor der Kinofilm "Oppenheimer" gedreht wurde und mit Zeitzeugen, die heute nicht mehr leben. Der Kinofilm "Oppenheimer" zeigt, wie der Forscher fast an seiner Entwicklung, der Atombombe, zerbricht. In der Doku von 1990 geht es um das wirkliche Leben in dem abgeschirmten Forschungsort Los Alamos. Auch ohne Dramatisierung durch Hollywood zugleich faszinierend und erschreckend. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 04.07.202523 min
Der erste heiße Konflikt im Kalten Krieg erschütterte die Welt - auch die Bonner Republik. Im Juni 1950 überschritten Soldaten des kommunistischen Machthabers Kim Il-sung den 38. Breitengrad, die Trennlinie zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Einflussbereich in Korea. Doch der Konflikt sollte Bonn und Westalliierte zu Bündnispartnern verschweißen. Für Westdeutschland begann ein unverhofftes Wirtschaftswachstum. Von Volker Eklkofer und Simon Demmelhuber (BR 2020) Credits Autoren: Volker Eklkofer & Simon Demmelhuber Regie: Martin Trauner Technik: Helge Schwarz Es sprachen: Andreas Neumann, Hemma Michel & Peter Veit Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Thomas Schlemmer Linktipps Alles Geschichte (2024): Der Koreakrieg – Wie aus Brüdern Feinde wurden Der Koreakrieg, ein Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg zwischen 1950 und `53, forderte mehrere Millionen Menschenleben. Wirklich beendet ist er bis heute nicht. Im Juli 1953 wurde nur ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Von Isabella Arcucci (BR 2013). JETZT ANHÖREN ZDF (2020): Pulverfass Korea – Konflikt ohne Ende Manche Experten sehen im Koreakrieg das wichtigste weltpolitische Ereignis nach dem Zweiten Weltkrieg. Niemals wirklich beendet, beeinflusst er weiter internationale Beziehungen. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK Erzähler Sonntag, 25. Juni 1950. In Korea beginnt der Sommermonsun. Es gießt in Strömen. In den frühen Morgenstunden entladen sich heftige Gewitter entlang des 38. Breitengrads. Im Tosen des Sturms nehmen die südkoreanischen Soldaten an der Grenze zu Nordkorea den anschwellenden Geschützdonner ebenso wenig wahr wie ihre amerikanischen Militärberater. Der Angriff des kommunistischen Diktators Kim Il-sung, eines engen Verbündeten der UdSSR, überrollt den unvorbereiteten Gegner. In Blitzkriegsmanier stoßen Kims Truppen vor, besetzen die Hauptstadt Seoul und kontrollieren bereits im August weite Teile Südkoreas. Erzählerin Die Welt ist geschockt, der Kalte Krieg ist plötzlich heiß geworden. Die erst fünf Jahre zuvor gegründeten Vereinten Nationen greifen militärisch ein. Weil bei der entscheidenden Sitzung des Sicherheitsrats der Vertreter der Sowjetunion fehlt, fällt der Beschluss für eine Kampftruppe, die mit Gewalt Frieden schaffen soll. Mehrere Nationen stellen Kontingente, Anfang Juli übernehmen die USA das Kommando. Erzähler Während die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten zum Gegenschlag rüsten, flackern in Westdeutschland Kriegsängste auf. MUSIK Erzählerin Nach den aufwühlenden Ereignissen der letzten beiden Jahre – Währungsreform, Berlin-Blockade, Gründung von Bundesrepublik und DDR, erste Bundestagswahl, Regierungsbildung – ist die Sehnsucht nach einer Verschnaufpause groß. Doch mit einem Schlag ist alles anders. Am anderen Ende der Welt tobt Krieg. In einem Land, das wie Deutschland seit 1945 in eine sowjetische und eine amerikanische Einflusszone geteilt ist. In einem Land, in dem die Gegensätze zwischen Ost und West ebenso heftig aufeinanderprallen. Ist das ein Omen? Droht ein deutsches Korea? Zitator Der Überfall der nordkoreanischen Kommunisten auf Südkorea und die Kampfhandlungen dort erfüllten die deutsche Bevölkerung mit großer Unruhe. Erzähler …schreibt Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, in seinen „Erinnerungen“. Mit der grassierenden Furcht der Menschen hat sich auch der Historiker Dr. Thomas Schlemmer vom Münchner Institut für Zeitgeschichte beschäftigt. Zuspielung Schlemmer 1 Man darf sich das nicht so vorstellen, dass die Leute massenhaft auf die Straße gegangen wären, um zu demonstrieren. Die Unruhe spielt sich hauptsächlich im privaten Umfeld ab. Ja, man merkt es zuhause in den Familien. Der Zweite Weltkrieg ist grad‘ fünf Jahre zu Ende, der doch fast in jeder deutschen Familie tote Familienangehörige gefordert hat. Das ist noch sehr präsent gewesen, entsprechend auch die Angst. Und dazu kommt etwas, was man heute auch vergessen hat, und das ist die Realität der deutschen Teilung. Wenn es denn zu einem deutschen Korea gekommen wäre, hätten hier erstmals Deutsche auf Deutsche geschossen - und das zu einer Zeit, wo die deutsche Teilung ja auch erst seit einem Jahr harte Realität war. ATMO Aufgeregtes Gemurmel MUSIK Erzählerin Im Bundeskanzleramt herrscht Nervosität. Augenzeugen berichten von der panischen Angst Adenauers in den Tagen nach dem Kriegsausbruch. Was, wenn die DDR mit dem Segen Moskaus die junge Republik angreift? Die Gefahr scheint Adenauer durchaus real. Der Kanzler weiß, dass Ostdeutschland seit 1948 eine paramilitärische Truppe aufstellt. Die kasernierte Volkspolizei zählt mittlerweile 60.000 Mann unter Waffen. Ihr stehen in Westdeutschland nur schwache Polizeikräfte gegenüber, die zudem auf Länderebene organisiert sind. Diese Ordnungshüter, bemerkt Adenauer sarkastisch, wären nicht einmal in der Lage, demonstrierenden Kommunisten die Plakate abzunehmen. Erzähler Erst als im Juli 1950 klar wird, dass die USA tatsächlich bereit sind, Südkorea mit einem massiven Militäreinsatz zu verteidigen, legen sich die ärgsten Befürchtungen in Bonn. Und der Politfuchs Adenauer erkennt die Chancen, die sich im Windschatten des Koreakriegs für seinen halbsouveränen Staat bieten. Erzählerin Die Bundesrepublik ist nach wie vor ein besetztes Land. Neben dem Grundgesetz gilt ein Besatzungsstatut, das den Westmächten, vertreten durch einen amerikanischen, englischen und französischen Hochkommissar, Kontrollrechte einräumt. Erzähler Adenauer fürchtet Stalin und die Sowjetunion. Für ihn liegt das Heil im Westen, hier möchte er eine souveräne Bundesrepublik als gleichberechtigten Partner fest verankert sehen. Um diesem Ziel näherzukommen, will er Westdeutschland fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wiederbewaffnen. Durch einen eigenen Verteidigungsbeitrag soll die Bundesrepublik Vertrauen schaffen, sich aus der Pariarolle des Kriegsverlierers befreien und zum Verbündeten der westlichen Welt aufsteigen. Erzählerin Ein riskantes Vorhaben. Denn die Menschen in Ländern wie Großbritannien, Frankreich oder Italien haben den totalen Krieg des Dritten Reichs und die Verbrechen von Wehrmacht und SS längst nicht vergessen. Erzähler Aber Adenauer macht Druck. Mitte August 1950 fordert er in der „New York Times“ eine „starke deutsche Verteidigungsmacht“. Rückendeckung bekommt er unter anderem von Englands Kriegspremier Winston Churchill, der auf die Schaffung einer Europaarmee drängt. In den USA findet der Kanzler vor allem im Pentagon viel Zustimmung. Auch bislang unerbittliche französische Regierungsmitglieder äußern angesichts des Koreakriegs Verständnis. Sogar der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher lässt sich im September zu einer Erklärung hinreißen: Zitator Wir sind bereit, wieder Waffen zu tragen, wenn die westlichen Alliierten mit uns das gleiche Risiko und die gleiche Chance der Abwehr eines sowjetischen Angriffs übernehmen und sich mit größtmöglicher Macht an der Elbe etablieren. Erzählerin Damit ist Adenauer ein echter Coup geglückt. Von nun an steht die Frage der deutschen Wiederbewaffnung auf der Tagesordnung aller internationalen Treffen. Noch im September 1950 stimmen die Westalliierten der Bildung einer 30.000 Mann starken Polizeitruppe zu. So entsteht der halbmilitärische Bundesgrenzschutz, aus dem später die Bundespolizei hervorgeht. Das Projekt Europaarmee scheitert zwar am Widerstand der französischen Nationalversammlung, doch das schadet der westdeutschen Integration keineswegs. Für westliche Sicherheitsinteressen wird die Bundesrepublik bald unverzichtbar. Während sich der Kalte Krieg verschärft, wächst sie immer stärker in die westliche Welt hinein und wird zum Verbündeten aufgewertet. MUSIK ATMO Kriegslärm & Schreie Erzähler Zurück nach Korea. Hier rollt seit September 1950 die Gegenoffensive der UNO-Truppen. Das Kommando hat der legendäre amerikanische Fünf-Sterne-General Douglas McArthur, ein egozentrischer Militär mit Hang zu goldbetressten Mützen. Beide Seiten führen den Krieg mit äußerster Brutalität. Massaker sind an der Tagesordnung, Flächenbombardements der US-Luftwaffe radieren ganze Landstriche aus. Rücksicht auf die Zivilbevölkerung gibt es nicht. Erzählerin Als die UN-Streitkräfte den Nordkoreanern heftige Niederlagen zufügen und zur chinesischen Grenze vorrücken, schickt Mao tse-tung im November 1950 hunderttausende Zwangs-Freiwillige zur Unterstützung Nordkoreas an die Front. Im Frühjahr 1951 droht die Lage vollends zu eskalieren. Der in den USA äußerst einflussreiche General McArthur fordert die Ausweitung des Koreakriegs auf China und den Einsatz von Atombomben. US-Präsident Truman zieht die Notbremse und entlässt McArthur. Die Entscheidung Trumans wird in den USA scharf kritisiert, New York empfängt den gefeuerten Rückkehrer McArthur demonstrativ mit einer Konfettiparade. Im Mai frisst sich die Front zwischen Nord- und Südkorea fest – genau dort, wo der Krieg begann, am 38. Breitengrad. Auf Initiative der Sowjetunion beginnen im Juli Waffenstillstandsverhandlungen, doch erst zwei Jahre später wird die Waffenruhe im Grenzort Panmunjon besiegelt. Das Land bleibt geteilt, bis heute gibt es keinen Friedensvertrag. MUSIK Erzähler In Westdeutschland ebbt der Koreaschock in der zweiten Jahreshälfte 1950 allmählich ab. Das robuste Vorgehen der Amerikaner stärkt das Vertrauen in die westliche Führungsmacht. Die Menschen widmen sich wieder ihren Alltagsproblemen. Erzähler Und davon gibt es nicht wenige, denn der junge Staat steckt tief in einer Gründungskrise. Trotz Währungsreform kränkelt die Wirtschaft. Zwar ist der Schwarzmarkt kollabiert, die Läden sind voller Waren, doch die Löhne stagnieren und die Arbeitslosenzahl klettert auf über zwei Millionen. Zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene leben in Armut, sozialer Sprengstoff sammelt sich an. Erzählerin Noch im Sommer 1950 stellen die USA auf Kriegswirtschaft um. Die westliche Führungsmacht fährt die Rüstungsproduktion hoch und ist zur Versorgung der Koreatruppen sogar gezwungen, im Ausland einzukaufen. Das ist die Stunde der westdeutschen Nachkriegswirtschaft. Bislang humpelte sie mehr schlecht als recht auf einem Bein, der Binnenkonjunktur. Jetzt darf sie in die Bresche springen und den Weltmarkt versorgen. Auf amerikanischen Druck heben die Siegermächte sogar die nach 1945 erlassenen Produktionsbeschränkungen für die Schwerindustrie auf. Erzähler Zwar verursachte der Bombenkrieg immense Schäden in zahlreichen deutschen Städten, doch nur ein Viertel der Industriekapazität ist zerstört. Trotz einiger Demontagen sind ausreichend Produktionsstätten vorhanden, es gibt qualifiziertes Personal und mit mehr als zehn Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen ein riesiges Arbeitskräftereservoir. Milde als „Mitläufer“ entnazifiziert oder gar als „entlastet“ eingestuft, besetzen viele alte Manager erneut die Chefetagen. Thomas Schlemmer: Zuspielung Schlemmer 2 Und was haben sie anzubieten? Stahl haben sie anzubieten, Maschinen haben sie anzubieten und Kraftfahrzeuge haben sie anzubieten. Vor allem zivile Kraftfahrzeuge haben sie anzubieten, die dann stärker nachgefragt werden, nachdem eben amerikanische Kraftfahrzeugfirmen jetzt Militärfahrzeuge herstellen. Und chemische Industrieprodukte, Kohlechemie, Petrochemie. Und diese vier Warengruppen – Stahl, Kraftfahrzeuge, Maschinen und Produkte der chemischen Industrie, die stützen die erste Phase des deutschen Exportwunders. MUSIK Erzählerin Mehr und mehr kommt die Außenwirtschaft in Schwung. Was immer die Welt benötigt, Made in Germany liefert. Während Korea in Gewalt und Blut versinkt, verdoppeln sich im Zeitraum Juni 1950 bis Juni 1951 die Ausfuhren. Der Koreaboom übertrifft die kühnsten Erwartungen. Es sind nicht nur altbekannte Konzerne wie BASF, Siemens oder AEG, die die Hochkonjunktur beflügeln. Auch Mittelständler fassen international Fuß. Diese Industrieunternehmen ziehen andere Branchen mit nach oben. Zehn Jahre lang glänzt die Wirtschaft mit einem Wachstum von rund 8 Prozent jährlich. Bereits 1952 wird die Bundesrepublik Mitglied beim Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Sie spielt nun in der ersten Liga, ist kreditwürdig. Erzähler Die 50er Jahre sind die Zeit der Traumkarrieren. Adolf Dassler, schon im „Dritten Reich“ Sportschuhersteller, packt wieder an. Die deutsche Fußballnationalmannschaft, die 1954 das „Wunder von Bern“ vollbringt, trägt seine Schuhe mit den drei Streifen. Heute ist Adidas eine Weltmarke. Max Grundig, der 1930 sein erstes Radiogeschäft eröffnet, wird führender Rundfunkgeräteproduzent Europas, 1953 produziert er fast 40.000 Radios. Gustav Schickedanz baut eines der größten Versandhäuser der Welt auf, sein berühmter Quellekatalog erscheint erstmals 1954. Heinz-Horst Deichmann, als junger Soldat an der Ostfront schwer verwundet, studiert von 1946 bis 1952 Theologie und Medizin. Ab1956 leitet er das Familienunternehmen und macht sich einen Namen als größter Schuheinzelhändler Europas. Reinhold Würth übernimmt 1954 im Alter von 19 Jahren den Schraubenladen seines verstorbenen Vaters und zeigt, dass er den Dreh raus hat. Er schafft ein Schrauben- und Dübelimperium, betreibt Hotels und Spitzenrestaurants und baut eine Kunstsammlung mit 18.000 Werken zusammen. MUSIK Erzählerin Der Aufschwung macht die Westdeutschen wohlhabend, die Nachfrage nach Konsumgütern wächst. Bald fehlen den Betrieben Arbeitskräfte, DDR-Flüchtlinge, Übersiedler und ab 1955 erste Gastarbeiter füllen die Lücke. Das individuelle Realeinkommen verdoppelt sich bis 1960, bis 1973 verdreifacht es sich. Man kann sich wieder etwas leisten: Radio, Kühlschrank, Fernseher, VW-Käfer, Italienurlaub. Erzähler Vor allem aber kann die Regierung Adenauer eine großzügige Sozialpolitik betreiben. Sie verschafft Flüchtlingen und Vertriebenen Grund und Boden, entschädigt sie für ihre Verluste, versorgt Kriegswitwen und -waisen, bringt eine Rentenreform auf den Weg und vergisst auch Opfer des Nationalsozialismus nicht. Die sozialpolitischen Maßnahmen sorgen für Ausgleich und tragen dazu bei, dass sich die Masse der Deutschen von Hitlers Führerstaat abkoppelt und die Demokratie annimmt. Die nationalsozialistische Tätergemeinde geht währenddessen spurlos in der Nachkriegsgesellschaft auf. Zuspielung Schlemmer 3 Diese Verteilungsspielräume, die werden eben durch des geschaffen, was man gemeinhin das Wirtschaftswunder nennt, und ein Katalysator dieses Wirtschaftswunders ist eben der Koreakrieg, weil er der westdeutschen Industrie neue Expansionsmöglichkeiten eröffnet. Die Gießkanne war sehr gut gefüllt und es werden schon spezifische Gruppen besonders bedacht: Das sind eben die Alten und das sind die Opfer des Krieges. Und da entsteht auch eine Art von Zusammengehörigkeit und von Gemeinschaft, die bestimmte politische Gräben hinwegreicht. MUSIK Erzählerin Im Oktober 1954 gehen Konrad Adenauers Bewaffnungswünsche endlich in Erfüllung: Westdeutschland wird Gründungsmitglied des Verteidigungspaktes Westeuropäische Union und tritt der NATO bei. Die Pariser Verträge beenden auch die Besatzungszeit und geben der Bundesrepublik die staatliche Souveränität zurück. Pazifistische Gruppen wie die „Ohne-mich-Bewegung“ protestieren vergeblich gegen die Militarisierung. Der Bundestag stimmt dem Vertragswerk gegen alle Bedenken im Februar 1955 zu. Erzähler Nun gilt es, die Bundeswehr aufzubauen und für Bewaffnung und Ausstattung zu sorgen. Ein Bundesland steht dabei buchstäblich Gewehr bei Fuß: Bayern. Erzählerin Bayern steckt zu Beginn der 1950er Jahre mitten im Wiederaufbau. Viele Städte sind noch von verheerenden Kriegsschäden gezeichnet. Würzburg und Donauwörth haben besonders unter den Bombenangriffen gelitten: Drei Viertel der Gebäude liegen in Schutt und Asche. Nürnberg ist zur Hälfte, München zu einem Drittel zerstört. Zwei Millionen Vertriebene müssen versorgt werden. Noch immer lebt ein Drittel der Bewohner Bayerns von der Landwirtschaft. Die Gewerbe- und Industriebetriebe, die schon vor dem Krieg hier ansässig waren, kommen aber langsam wieder in Fahrt. Erzähler Doch in Bayern schlummert noch ungenutztes ökonomisches Potential. Brachliegende Relikte der NS-Kriegswirtschaft, ihre Produktionsanlagen und Experten warten auf ein Comeback. Zuspielung Schlemmer 4 Bayern ist lange der so genannte Luftschutzkeller des Reiches, das heißt, der strategische Bombenkrieg reicht über eine bestimmte Linie nicht hinaus. Und deswegen ist Bayern lange Zeit vergleichsweise sicher vor Bombenangriffen. Viele Industriebetriebe werden entweder nach Bayern verlagert oder in Bayern neu aufgebaut. Und des trifft vor allem zukunftsfähige Industrien im Bereich des Kraftfahrzeugbaus und im Bereich der optischen Industrie, im Bereich der chemischen Industrie und im Bereich des Flugzeugbaus. Und aller Demontagen und Zerstörungen zum Trotz sind da viele Kerne nach wie vor vorhanden und lassen sich aktivieren. Erzählerin Zudem verlassen bedeutende Unternehmen wegen des Kalten Kriegs die „Frontstadt“ Berlin, andere wandern im Streit mit dem SED-Regime aus Mitteldeutschland in den Süden ab. Siemens verlegt seine Konzernzentrale nach München, BMW gibt den Standort Eisenach auf und produziert Autos in Bayern. Die sächsische Auto Union schlägt in Ingolstadt Wurzeln. Erzähler Der Umbau der bayerischen Wirtschaft braucht Zeit, das „Wirtschaftswunder“ setzt daher erst mit Verspätung ein. Aber eine andere Folge des Koreakriegs, die Wiederbewaffnung, ist purer Kraftdünger für eine ökonomische Sondersparte: Rüstung und Wehrtechnik. Schon der Bundesgrenzschutz braucht Standorte, Dienststellen, Fahrzeuge und Bekleidung, dann in weit größerem Ausmaß die Bundeswehr. Das bringt großen Unternehmen und kleinen Betrieben Aufträge und schafft Arbeitsplätze. Erzählerin In Teilen des Freistaats, vor allem im Süden, ist die Rüstungsinfrastruktur aus der NS-Zeit noch intakt. Alles was sie braucht, ist eine kleine Aufbauspritze. Thomas Schlemmer vom Münchner Institut für Zeitgeschichte: Zuspielung Schlemmer 5 Des is eine Mischung aus dem, was schon da ist, beispielsweise Oberpfaffenhofen, das ist ein Luftfahrterprobungszentrum von Hitlers Luftwaffe schon, Messerschmitt in Augsburg und in Regensburg, BMW in München, BMW kennt man heute hauptsächlich eben aufgrund seiner Kraftfahrzeuge, is aber der führende mit Daimler Benz zusammen Flugzeugmotorenhersteller der Luftwaffe; aus dem dann MTU auch hervorgeht, die ja bis heute in dieser Sparte aktiv sind. Hat a so a bissel verkehrsstrategische Gründe auch – die Autobahn nach Berlin, die Donau als Wasserstraße, das spielt für Ingolstadt ne gewisse Rolle, Nürnberg immer schon ein Standort der elektrotechnischen Industrie gewesen, die ja auch wehrmäßig wichtig ist, optische Industrie in München – Rodenstock – spielt da eine ganz große Rolle. Also das sind ja keine neuen Firmen, die man dann hier hochzieht, sondern das ist die Entwicklung des Bestandes, der sich hier tatsächlich vor 1945 auch schon hier im südbayerischen Raum konzentriert hat mit einigen Ablegern eben auch in Nürnberg und Fürth. Erzählerin Vor allem ein Politiker treibt die Entwicklung unermüdlich voran: Franz Josef Strauß, zunächst Atomminister, dann von 1956 bis 1962 Bundesverteidigungsminister. Zuspielung Schlemmer 6 Franz Josef Strauß setzt bewusst auf die Förderung der heimischen Rüstungsindustrie, weil er sich davon struktur- und rüstungspolitische Effekte erhofft. Erzählerin Strauß will sich nicht nur auf die Schutzmacht USA verlassen. Er setzt auf eine eigenständige europäische Rüstungs- und Verteidigungspolitik, von der deutsche Unternehmen profitieren sollen. In erster Linie aber will Strauß, dass seine bayerische Heimat ein großes Stück vom Kuchen abbekommt. Seine Standortpolitik reicht vom Kasernenbau in strukturschwachen Gebieten bis zum Flugzeugkauf bei bayerischen Firmen. Mit lukrativen Aufträgen greift das Bonner Verteidigungsministerium auch kriselnden Unternehmen unter die Arme. Zuspielung Schlemmer 7 Einen erhält beispielsweise die Auto Union, später Audi. Der erste Kübelwagen, der Munga, stammt aus Ingolstädter Produktion. Es ist ein ganz wichtiges Zwischenprodukt, der die Firma in einer schwierigen Zeit am Leben hält. Zitator Franz Josef Strauß, heißt es anerkennend in Bonn und München, kümmert sich um alles – vom Atomsprengkopf bis zum Uniformknopf. MUSIK Erzähler Der Koreakrieg endet 1953. Er fordert drei bis vier Millionen Tote, darunter knapp 40.000 Amerikaner und 400.000 Chinesen. Bei uns ist er heute fast vergessen, doch er hat wichtige wirtschaftliche und politische Entwicklungen angeschoben. Er hat den Westdeutschen ein unerwartet rasches „Wirtschaftswunder“ beschert und der Bundesrepublik geholfen, nach der totalen Niederlage 1945 als souveräner Staat in den Kreis der Völkerfamilie zurückzukehren. Aber er hat auch die Gräben zwischen Ost und West vertieft und die deutsche Teilung verfestigt – bis hin zum Mauerbau 1961, dessen Folgen wir heute noch spüren. Zuspielung Schlemmer 8 Ich würd sagen, der Koreakrieg ist ein wichtiger Katalysator. Er beschleunigt etwas. Und er beschleunigt vor allem die drei großen W, die diese 50er Jahre ausmachen: Er beschleunigt den Wiederaufbau, er beschleunigt das Wirtschaftswunder und er beschleunigt die Westintegration. Und ein viertes W könnte man noch nennen, subsummierend unter die Westintegration, die Wiederbewaffnung. Diese vier Punkte werden alle schneller durch den Koreakrieg.
- 04.07.202523 min
Nach dem Zweiten Weltkrieg kümmerten sich vor allem professionelle Baufirmen um die Beseitigung der Trümmer, mit Hilfe tüchtiger Frauen. Aber nicht sie, sondern die "Trümmerfrauen" wurden zum Mythos. Von Marita Krauss (BR 2021) Credits Autorin: Marita Krauss Regie: Martin Trauner Technik: Siglinde Hermann Es sprachen: Katja Amberger, Detlef Kügow, Christiane Blumhoff, Jerzy May Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Else Rau Linktipps ARD Archivradio (2025): Reportage über Trümmerfrauen in Berlin vDas Bild der fröhlich anpackenden Trümmerfau prägt bis heute unsere Wahrnehmung vom Wiederaufbau der zerbombten deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon während des Krieges hatte Goebbels Propagandaministerium Schauspielerinnen in den Trümmern fotografieren lassen, um nach alliierten Luftangriffen Zuversicht in der Bevölkerung zu verbreiten. Nach dem Krieg prägen wieder Frauen die Aufräumarbeiten, vor allem auch, weil viele Männer umgekommen oder in Kriegsgefangenschaft sind. Sie machen aber im Gegensatz zur Nazi-Propaganda keinen Hehl daraus, wie hart diese Arbeit ist. Gut zu hören hier im Beitrag aus Berlin vom 21. Juni 1947. JETZT ANHÖREN ZDF (2022): Ein Tag in Dresden 1946 Elli Göbel ist eine von über 500 Trümmerfrauen, die helfen, die zerbombte Stadt wieder aufzubauen. Die fiktive Biografie zeigt Schicksal und Lebenswirklichkeit. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN Sie holen mit bloßen Händen Steine aus den Trümmern, klopfen Mörtel von Ziegelsteinen, schichten Ziegelhaufen auf, schieben schwere, mit Trümmerschutt gefüllte Loren – Frauen, und zwar nur Frauen erscheinen auf Fotos der unmittelbaren Nachkriegszeit als die Heldinnen des Neuanfangs. MUSIK ERZÄHLER Solche Fotos der Jahre 1945 und 46 sprechen Bände. Die deutschen Frauen, so suggerieren sie, packen an, sie beseitigen den Schutt, den der Krieg der Männer hinterlassen hat, sie ziehen den Karren aus dem Dreck. Die Frauen waren diejenigen, heißt es, die ganz allein und ohne professionelle Hilfe den Schutt wegräumten. ZITATORIN Die Trümmerfrauen sind zum Symbol für den Aufbauwillen und die Überlebenskraft der Deutschen in der Nachkriegszeit geworden. Ohne ihre Schwerstarbeit wären die deutschen Städte lange Zeit Schutthalden geblieben, ohne ihre unermüdliche Tätigkeit das Überleben der Familien nicht gesichert gewesen. ERZÄHLER So steht es auf der Internetplattform des Deutschen Historischen Museum Berlin. Über die Trümmerfrauen, so scheint es, gibt es wenig Dissens, sie gehören mittlerweile zum offiziellen Geschichtsbild. Von „Trümmermännern“ wird selten gesprochen. Es ist auch nicht von den Baufirmen die Rede, die Abriss und Wiederaufbau mit Hilfe professioneller, meist männlicher Bauarbeiter bewältigten. Unerwähnt bleiben ebenso die alliierten Besatzer, die mit schwerem Gerät, logistischer Unterstützung, Manpower und Unmengen von Material halfen. Nein, es waren die deutschen Frauen. ERZÄHLERIN Aber wer die Bilder der Ruinenstädte kennt, weiß, dass das nicht ausgereicht haben kann: Mehrstöckige Häuser mussten eingerissen werden, meterhohe Mauern waren zu stützen oder zu sprengen, enorme Schuttberge von Straßen und Plätzen zu räumen. Alles durch die deutschen Hausfrauen mit bloßen Händen? ERZÄHLER Grund genug also zu fragen: Gab es denn diese Trümmerfrauen überhaupt, die – zur Arbeit für geringen Stundenlohn dienstverpflichtet – öffentliche Straßen und Plätze von Trümmern und Schutt befreiten, diesen auf Loren luden und abtransportierten, alles im Dienste der Gemeinschaft? Eine Bestandaufnahme. MUSIK ERZÄHLERIN Bei Kriegsende 1945 bestand die Bevölkerung in Deutschland überwiegend aus Frauen, Kindern und alten Menschen. Die Männer, die den Krieg überlebt hatten, kamen oft erst nach Jahren zurück. Die Frauen wurden daher notgedrungen zu Heldinnen des Alltags: Mit Improvisation, Hamstern, Geschick und Schwarzmarktkäufen hielten sie ihre Familien über Wasser. ERZÄHLER Der Zeitzeuge Christian Hallig beschreibt den Alltag dieser Frauen der Trümmerzeit in den letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende: ZITATOR Hetzen nach Lebensmitteln auf Karten, stundenlanges Anstehen, um die mageren Rationen zu ergattern. Die Kinder versorgen. Tätig als Krankenschwester, als Wehrmachtshelferinnen, an den Flakbatterien oder in den Fabriken beim Granatendrehen. Und als Briefträgerinnen, Schaffnerinnen. Zu Hause immer die Feuerpatsche und den Eimer mit Wasser bereit, wenn die Bomben wieder einmal die Wohnung durchgeblasen haben. Krieg aus. Nun erst recht ran. Denn die Männer sind gefallen, vermisst oder noch in Gefangenschaft. … Stets ist der Tag zu kurz, er müsste zehn Stunden mehr haben, um das zu schaffen und zu organisieren, was das Überleben ermöglicht. ERZÄHLERIN Aus Hunger wurde bei Kriegsende auch geplündert. Die Münchnerin Else Rau, Jahrgang 1910, berichtete im Gespräch mit der Autorin Carlamaria Heim von der großen Plünderung der Wehrmachtsbestände im Münchner Bürgerbräukeller unmittelbar vor dem Einmarsch der Amerikaner am 30. April 1945. Die hungrigen Frauen und Männer schleppten heim, was sie tragen konnten. Else Rau war mit ihrer Mutter zusammen aufgebrochen, um auch etwas zu erwischen und kam mit einer schweren Kiste wieder aus dem Lagerkeller nach oben: O-TON Else Rau Komm i rauf – Nacht. Na war neba mir a Frau, na hat’s g‘sagt: ‚Hab‘m Sie wos dawischt?‘ ‚Ja‘, hob i gsagt, ‚aber glaub’n‘s, i glaub i muas lieg‘n lass‘n, i kann‘s nimmer hoamtrag’n. Und mei Mama had ma an der Stimm erkannt. ‚Els, Els,‘ hat’s g’sagt, ‚kumm her!‘ Na hamma de Kistn aufn Schlittn nauf und hamma’s hoamg’fahr’n. Na samma hoam. Na hamma de Kistn aufg‘stemmt. Dann war‘n da Fleischdos‘n drina. I konn Eahna sag’n: Also mei Mamma hat direkt zerst a Gsetzl g‘woant vor lauta Freid, glaub‘m‘s des? Also i hab‘s gar net fass‘n kenna. Und mir hab‘m an Kater doch g‘habt, gell, der hat doch a so an Kohldampf g‘habt. De erste Dos‘n de ma aufgmacht hab‘m, den ersten Bissen hat d’Katz kriagt. ERZÄHLERIN Einen Tag später ergatterten die Münchenerinnen und Münchner auch noch Wein. Else Rau: O-TON Else Rau Mir san nüber. Dawei san die Leut bis zu de Wadl im Wein gewatet. Wissen‘s, des war die – i versteh’s vielleicht scho – die Gier, und an Hahn, an Zapfhahn ham‘s net g’habt, da ham’s de Spund eintret’n, da ist der Wein rausg’laufa. Na hat d‘Mama zwoa Putzkiebi voll Wein und an Suppenhafa a voll a no hoamg‘schleppt, gell, oiso na hamma a no an Wein g‘habt, Da drin san lauter so kloane Garterln gwesen. Und de oiden Leit – mei, de jungan, de warn ja meistens gar net da - und de hab‘m nachat a eanan Wein g‘habt und hab‘m dann g‘sunga und war‘n fröhlich, gell – wissen S‘, des war – de hab‘m so richtig an, i mecht fast sag‘n, ned as Kriegsende, sondern mehr oder wenicher an Sieg g’feiert – mecht i fast sag‘n. Des war für uns boid a Sieg. Weil ma was z‘Essn g‘habt ham. MUSIK ERZÄHLER Der Krieg war zu Ende, doch nun standen die Deutschen vor der gigantischen Aufgabe, die Trümmer zu beseitigen. Antonie Rasch aus Haunstetten bei Augsburg in einem Interview: ZITATORIN Ein schauerliches Bild bot sich uns, als wir wieder in unsere Straße kamen. Unser Haus war schwer von Brandbomben getroffen. Nur noch die Grundmauern standen, außerdem noch die beiden Kamine und die fielen nach einem schweren Gewitter in sich zusammen. Das Haus war völlig unbewohnbar. … Dem Wiederaufbau des Elternhauses galt unser ganzer Ehrgeiz. Als mein Bruder am 22. Juli 1945 aus der amerikanischen Gefangenschaft nach Augsburg kam, haben wir beide sofort beschlossen: „So, jetzt bauen wir das Haus wieder auf.“… Zuerst mussten wir Unmassen von Schutt aus dem Trümmerhaufen räumen…. Meine Aufgabe war es, die noch brauchbaren Ziegelsteine mit einem Hammer vom Mörtel zu befreien. Die Steine mussten picobello sauber sein, sonst hielt der neue Mörtel nicht an den Ziegeln und die ganze Arbeit war umsonst. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich Steine klopfte, in meiner Erinnerung kommt mir die Zeit wie eine Ewigkeit vor. Es war eine Sträflingsarbeit. Ich weiß noch gut, einmal habe ich mit einem Helfer um die Wette gehämmert. Wir schafften 300 Steine an einem Tag, das war unser absoluter Rekord. Die harte Arbeit machte mir damals nichts aus, ich hatte mein Pflichtjahr auf dem Land in Waal bei Buchloe absolviert und konnte zupacken wie ein Mann. ERZÄHLER Elisabeth Widmann, 1945 Mutter einer dreijährigen Tochter, ebenfalls aus Haunstetten: ZITATORIN Mit dem Aufbau ging es nur zögerlich voran. Mein Mann hatte gleich eine Stelle als Maurer wieder angenommen. Wir brauchten ja Geld. Und Arbeit für Maurer gab es in jener Zeit genug. Er konnte also nur in seiner knappen Freizeit an dem Haus arbeiten. Ich kümmerte mich damals in erster Linie um unsere Tochter und die Versorgung der Familie. Die schwere Arbeit auf dem Bau konnte ich ja nicht verrichten. Steine klopfen und Nägel gerade biegen gehörte jedoch zu meinen Aufgaben. Auch rührte ich schon mal den Mörtel an, bis mein Mann von der Arbeit heim kam, so dass er gleich loslegen konnte. MUSIK ERZÄHLERIN Frauen, die in den Trümmern arbeiteten, die für den privaten Wiederaufbau Steine klopften, die als „Trümmerspechte“ aus den Trümmern Brennholz zogen, solche Frauen gab es also viele. Doch immer arbeiteten Frauen und Männer gemeinsam in den Ruinen der Städte. Was aber war mit der "deutschen Trümmerfrau", die ganz allein die Städte von den Trümmern beseitigte? Wie ist dieser Mythos entstanden? ERZÄHLER Bereits in der NS-Zeit wurden Trümmerfrauen-Fotos inszeniert. Es sind NS-Propagandabilder des Fotografen Hugo Schmidt-Luchs überliefert, der 1944 in Hamburg Schauspielerinnen zu einem „Trümmerfrauen-Fotoshooting“ zusammengeholt hatte. Sie stehen bei strahlendem Sonnenschein hübsch, jung und lachend, mit Röcken, ungeeignetem Schuhwerk und natürlich ohne Handschuhe auf Ziegelhaufen und geben sich in der Kette Ziegelsteine weiter. „Gemeinsam sind die Schwachen stark“, signalisieren diese Bilder. Ob die Fotos noch im Rahmen der NS-Propaganda Verwendung fanden, ist nicht bekannt. Sie sind jedenfalls der Prototyp der Trümmerfrauen-Fotos, wie sie noch heute in Schulbüchern zu finden sind. MUSIK ERZÄHLERIN Trümmerfrauen – oder vielmehr das, was man dafür hielt – blieben auch nach Kriegsende ein Motiv für Fotografen. Doch die fotografierten Frauen waren oft nicht, was man sich heute vorstellt. Dies beweist ein Foto, dessen Geschichte sich nachverfolgen lässt: Lachende junge Frauen mit den charakteristischen Kopftüchern stehen auf einem schmalen Sims, von dem aus es scheinbar tief nach unten geht. Sie reichen sich Steine weiter. Dieses Bild findet sich unter verschiedenen Bezeichnungen im Internet, unter anderem als „Trümmerfrauen in Würzburg, 1945“. Auch in einem bayerischen Schulbuch ist es abgebildet, zusammen mit Fotos zu deutschen Soldaten auf dem Weg in die Kriegsgefangenschaft, Kindern, die in Ruinen spielen, und einem Bild mit Menschen, die auf dem Trittbrett eines überfüllten Zuges mitfahren. Dort wird es bezeichnet als „Trümmerfrauen in München“. ERZÄHLER Was zeigt das Bild nun wirklich? In der Originalbeschriftung der Kontaktabzüge steht: „Pg-Frauen arbeiten am Färbergraben“. Es handelt sich also um einen Schutträum-Einsatz ehemaliger NS-Parteigenossinnen, die wegen ihrer Mitgliedschaft in der Partei nach Kriegsende zu gemeinnütziger Arbeit beim Schutträumen verurteilt worden waren. Auch diese Frauen arbeiteten übrigens zusammen mit Männern, wie sich an einem weiteren Foto dieser Räumaktion zeigen lässt. Doch der Fotograf hatte für das Foto alle Frauen zusammengeholt und das Bild später dann auch noch so beschnitten, dass ein Loch in der Straße wie ein dramatischer Abgrund wirkte. „Trümmerfrauen“ bei der Arbeit erschienen ihm attraktiv. ERZÄHLERIN Verpflichtende Räumaktionen waren nichts Neues. Bereits während der NS Zeit wurden Frauen, Schülerinnen und Schüler oder Angestellte von Betrieben im Rahmen des so genannten „Ehrendienstes“ am Wochenende zur freiwilligen Trümmerräumung aufgerufen. Dieser typische NS-Begriff „Ehrendienst“ taucht wieder Anfang 1946 in Würzburg auf: ERZÄHLER Frauen und Männer wurden unter dieser Bezeichnung dazu verpflichtet, eine bestimmte Zahl von Tagen Trümmer zu räumen. Auch in anderen Städten, so in Kassel, musste jede Frau acht Tage im Jahr Trümmer räumen. In West-Berlin wurden ab Juni 1945 Frauen wie Männer als „Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen im Baugewerbe“ dienstverpflichtet. Sie verdienten 60 oder 70 Pfennige pro Stunde und erhielten bei der Lebensmittelzuteilung Schwerarbeiterzulagen. In Berlin arbeiteten im Juli 1946 rund 41.000 weibliche und etwa 37.000 männliche Hilfskräfte bei der Trümmerräumung mit. Solche Dienstverpflichtungen sind der historische Boden, auf dem die Erzählung von den Trümmerfrauen entstand. ERZÄHLERIN Doch ebenso real sind die amerikanischen Besatzer, die in allen zerstörten Städten von Anfang an mit schwerem Gerät, mit Lastwagen und Personal halfen: Denn es bestand ein hohes Risiko, dass Menschen ums Leben kamen, wenn Fassaden einstürzten. Mit Trümmerfrauenarbeit allein hätte man nirgends die öffentliche Sicherheit garantieren können. Schwerarbeiten leisteten dann auch deutsche und ungarische Kriegsgefangene oder internierte NS-Profiteure. In einem amerikanischen Wochenbericht für den Regierungsbezirk Schwaben vom November 1945 heißt es: ZITATOR Die Reparaturarbeiten an der Reichsautobahn schreiten voran, wir beschäftigen dafür SS-Männer. Für den Bau von Lechbrücken wurden 60 Gefangene herangezogen. ERZÄHLERIN Ehemaligen Nationalsozialistinnen wurde mit dem Entzug der Lebensmittelzuteilung gedroht, sollten sie sich weigern, ein gewisses Pensum an Trümmerräumarbeiten zu leisten. MUSIK ERZÄHLER Das Bild der heldenhaften Trümmerfrau, die Deutschland mit bloßen Händen aufräumte, setzt sich also aus vielen Mosaiksteinen zusammen, zu denen die Dienstverpflichtung ebenso gehört wie die Inszenierung durch die Fotografen. Gespeist wurde es damals sicher auch von dem Wunsch nach einem Vorbild, nach Menschen, die anpacken, um einen Weg aus den Trümmern zu finden. ERZÄHLER Der Alltag der Frauen in den Jahren nach 1945 war auch ohne zusätzliche Schwerstarbeit anstrengend und zermürbend. Die eigentlichen Hungerjahre standen der Bevölkerung noch bevor: Die offiziellen täglichen Rationen sanken auf 1.500 bis 1.000 Kalorien. Ohne markenfreie Zusatzernährung ging es den Menschen schlecht. Es brach die Zeit der Ersatzprodukte an: Trockenmilch, Trockenei, als Ersatzkaffee den „Muckefuck“ aus Zichorien. Statt Essig nahm man Rhabarber- oder Berberitzensaft. Fleischpflanzerl wurden mit püriertem Salat von roten Rüben gestreckt. Und die Kochbücher des Jahres 1946 enthielten jede Menge Kartoffelrezepte. Eine Zeitzeugin: ZITATORIN Jeden Tag ging ich aus dem Haus, um irgendetwas Essbares für meine Familie zu suchen. Da stand plötzlich einmal ein Wagen mit Spinat, ein anderes Mal einer mit Blattsalat. Oder eine Bäckerei verkaufte etwas, das wie schwarzer Kuchen aussah und ein klein wenig süß schmeckte… Was Kartoffeln anbelangte, hatte ich mit dem Himmel einen Vertrag abgeschlossen: ‚Lieber Gott, wenn Du mir nicht hilfst, immer wieder Kartoffeln zu organisieren, lege ich mich ins Bett und rühre keinen Finger mehr!‘ Ich brauchte mich nicht ins Bett zu legen. Es geschahen Dinge, die Wunder ersetzten. ERZÄHLER Da es auch an allem anderen fehlte, musste die Hausfrau nicht nur beim Kochen improvisieren. Dunkle Sachen wusch man mit dem Sud von Efeublättern oder mit Ochsengalle, für helle Wäsche nahm man Kastanien oder Kartoffelschalen. Zum Einweichen für die große Wäsche empfahlen die Frauenzeitschriften „Der Silberstreifen“ oder „Der Regenbogen“ Holzaschenlauge. Und was man nicht mehr weiß bekam, konnte man auch färben. Um alte Kleidungsstücke neu erscheinen zu lassen, griff man notgedrungen ebenfalls auf die Natur zurück und färbte mit den Schalen Roter Rüben Textilien karminrot, mit Spinatbrühe hellgrün, mit Birkenlaub grüngelb, mit Sauerampfer maisgelb. Auch die Kosmetik war nun sehr naturnah: Regenwasser oder dünner Aufguss aus Lindenblüten- oder Kamillentee dienten als Gesichtswasser und die Haare wurden mit einer stark verdünnten Spirituslösung massiert, wenn sie zu sehr unter den „Wuckerln“ gelitten hatten, den Röllchen aus Papier oder Holz, auf die sie über Nacht aufgedreht wurden. MUSIK ERZÄHLERIN Kultur bot ebenfalls eine wichtige Möglichkeit, sich vom Alltag abzulenken; doch auch hier war der Hunger immer dabei. Else Rau erlebte im Münchner Prinzregententheater am 15. November 1945 die Operneröffnung mit Fidelio: O-TON Else Rau Im Vorraum vom Prinzregententheater da hab‘n de Ami so a Art Küch‘ eingerichtet g’habt, gell, mit eahnerne Gulaschkanonen und wia ma da so im Theater g’sess‘n san, gell, mia ha’m, Guat‘l hamma koa g’habt, na hat a jede drei Erbs’n im Mund g’habt, wissen’s zum Zutzl’n, drum dass ma was im Mund g’habt hat. Auf oamoi kumma da Gerüche, Gerüche nach Gulasch. Zwiefin und feine Gewürze und Fleisch und Gulasch, Gulasch, Gulasch – i kon Eahna sag’n, des is immer intensiver wor’n, und ‘s Wasser is‘ uns im Mund z’amg’lauf’n, oiso i kon Eahna sag’n, wir san mim Schlucka nimmer nachkumma. Oiso es war phantastisch. Dabei hab‘n de nacha in der großen Pause g‘sehn, dass die herauß‘d eahnare Gulaschkanonen da in Tätigkeit g‘setzt ham und ham da ‘kocht. Meine Güte, oiso des war unbeschreiblich, was ma da für a Gier kriagt hat. Also Fidelio und Gulasch, is für mich ein Begriff! ERZÄHLER Der Alltag der Frauen war Abenteuer genug und ein täglicher Kampf ums Überleben. Neben Essensbeschaffung, Haushalt, Kindererziehung und manchmal etwas Freizeit bestimmte Erwerbsarbeit ihr Leben. Da ganze Jahrgänge an jungen Männern durch den Krieg dezimiert worden waren, mussten viele Frauen damit rechnen, ledig zu bleiben. Umso wichtiger wurde die Arbeit für sie. Auf dem Land war das zunächst vor allem die Tätigkeit auf dem Bauernhof: So arbeiteten evakuierte Städter und Städterinnen, aber auch viele der Flüchtlinge aus den Sudetengebieten, aus Schlesien oder Ostpreußen für Unterbringung, magere Ernährung und geringen Lohn auf den Feldern und im Stall. In der Stadt wurden Frauen hingegen immer mehr in qualifizierten Berufen tätig. Waren bereits in den Zwanzigerjahren Berufe wie Büromädchen, Stenotypistin, Sekretärin, Telefonistin oder Laborantin üblich geworden und hatten die Arbeit als Dienstmädchen in der Hauswirtschaft abgelöst, so ging nun der Aufstieg der Frauen weiter. Ein Bericht des Münchner Wiederaufbaureferats für 1946 hält fest: ZITATOR Von dem patriarchalischen Zustand, dass der Mann die Familie ernährt und die Frau das Hauswesen besorgt, hat sich die Großstadtfamilie schon lange entfernt. … 37,8% der Erwerbstätigen sind Frauen. … Allerdings verbirgt sich hinter dem überraschend hohen Anteil der Frauenarbeit eine weittragende soziale Umschichtung…Bei der letzten Zählung im Herbst 1946 waren im Angestellten- und Beamtenverhältnis schon mehr Frauen tätig als in Lohnarbeit. ERZÄHLERIN Für die Frauen brachte also die Nachkriegszeit den Aufstieg in Berufe, die gerade nichts mit schwerer Handarbeit zu tun hatten. Doch schon seit den Fünfzigerjahren wurden „Trümmerfrauen“-Denkmäler errichtet, zunächst 1952 in Dresden und in Berlin. Noch ehrte man auch die Männer. So stehen vor dem Roten Rathaus in Berlin seit 1958 zwei Bronzestatuen, die „Aufbauhelferin“ und der „Aufbauhelfer“. Doch bald verengte sich der Fokus auf die Frauen: Ehrungen für die unbekannten Trümmerräumerinnen, die angeblich allein den Wiederaufbau bewältigt hatten, fanden immer wieder engagierte Streiterinnen und Streiter. In vielen deutschen Städten entstanden „Trümmerfrauen“-Denkmäler. ERZÄHLER Zum Mythos der Trümmerfrau trug auch die neue Frauenbewegung der Siebzigerjahre bei, die auf die Suche nach den Frauen in der Geschichte ging und den eigenen Müttern ein Denkmal setzte – den starken Müttern der Nachkriegszeit, die in einer vaterlosen Gesellschaft die Kinder alleine großgezogen, für Essen und das alltägliche Überleben gesorgt hatten. Da diese Alltagsarbeit, tatsächlich das millionenfache Schicksal der Nachkriegsfrauen, nicht spektakulär genug schien, trat die „Trümmerfrau“ im engeren Sinne in den Mittelpunkt, die „wie ein Mann“ anpackte und mit schwerer Arbeit den Karren aus dem Dreck zog. MUSIK ERZÄHLERIN Ihr Mythos überlagert und verstellt in der Rückschau den Blick auf die Frauen der Trümmerzeit und damit auch auf das spezifisch weibliche Nachkriegsschicksal.
- 04.07.202523 min
Der Zweite Weltkrieg war kaum vorbei, NS-Deutschland und Japan hatten kapituliert, da erkannten die Westalliierten und die Sowjetunion, dass sie keinen Draht mehr zueinander fanden. Das Ergebnis war der Auftakt zum "Kalten Krieg". Von Rainer Volk (BR 2007) Credits Autor: Rainer Volk Regie: Rainer Volk Es sprachen: Krista Posch, Axel Wostry, Helmut Stange Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Prof. em. Dr. Rolf Steininger Besonderer Linktipp der Redaktion: SR: Interpretationssache Was macht Über-Songs wie Let it Be, Nothing Else Matters, Skyfall oder Beethovens Mondscheinsonate so "über"? Das findet Roland Kunz in "Interpretationssache" raus. Er hört genau hin und erzählt die Geschichten dahinter. So wie beim berührenden Soundtrack von „Schindlers Liste“: Eine der besten Filmmusiken, die der große John Williams in seiner langen Karriere geschrieben hat. Roland erzählt, warum John Williams sich diesem Oscar-prämierten Film erst nicht gewachsen fühlte und was den Soundtrack von Schindlers Liste so außergewöhnlich macht. ZUM PODCAST Linktipps Radiowissen (2020): Potsdamer Abkommen – Eine Konferenz und ihre Folgen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg? Darüber berieten im Sommer 1945 die Siegermächte USA, Großbritannien und Sowjetunion in Potsdam. Die Konferenz stand im Zeichen wachsender Spannungen zwischen Ost und West. JETZT ANHÖREN ZDF (2020): Welt am Abgrund Ende der fünfziger Jahre beginnt das nukleare Spiel der Supermächte - die USA und die UdSSR stationieren Atomraketen in Europa. Und im geteilten Deutschland stehen sich die beiden Militärblöcke NATO und Warschauer Pakt direkt gegenüber. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1: Roosevelt – Jalta-Bericht Erzählerin: Es ist der 1.März 1945. In Washington bilanziert Präsident Roosevelt vor dem US Kongress die Konferenz von Jalta. Er spricht von einem erfolgreichen Kraftakt der drei Großmächte für den Frieden, sieht einseitiges Handeln, Einflusssphären und Machtgleichgewichts-Denken am Ende. Übersetzer „Als Ersatz schlagen wir eine Weltorganisation vor, der sich alle friedliebenden Nationen anschließen können. Ich bin sicher: der US-Kongress wird diesem Ergebnis als Anfang einer stabilen Friedens-Struktur zustimmen. Darauf können wir eine bessere Welt für unsere Kinder und Enkel – ihre und meine – aufbauen; eine Welt, auf der sie leben können und müssen. Das ist die eine Botschaft, die ich für Sie habe. Ich empfinde sie sehr tief – und ich weiß, es geht ihnen heute und in Zukunft ähnlich.“ Erzählerin: Wenige Wochen später sind diese Worte bereits veraltet. Nicht nur, weil Roosevelt am 12. April 1945 stirbt – also noch vor der deutschen Kapitulation -, sondern weil auch vom Weltfrieden kaum mehr die Rede ist. Wichtige interne Papiere der Siegermächte des Weltkriegs zeigen, dass schon bei der Konferenz von Jalta - im Nachhinein betrachtet –die Teilung der Welt in Ost und West beschlossen und der „Kalte Krieg“ eröffnet worden ist. Zu Beginn des Treffens, am 4.Februar 1945, ahnt das keiner der Anwesenden. Im Gegenteil: die Gesprächs-Atmosphäre auf der Halbinsel Krim ist freundlich. Stalin, später der Bösewicht schlechthin für den Westen, wird von einer Wochenschau als Sieger der Schlacht an der Oder gelobt: O-Ton 2: The distinguished man, on whose sturdy shoulders falls the responsibility of the government of Russia came to the conference with the enviable prestige of being the architect of the greatest land victory of the war.” O-Ton 3: (Lautsprecher/Leipzig) „Alle Personen in dieser Stadt werden unver¬züglich und vorbehaltlos alle Anordnungen und Befehle der Militärregierung …. Sabotage und Plündern sind verboten. Auf jedes dieser Verbrechen steht die Todesstrafe… Behalten Sie ihre Lebensmittelkarten… Im Freien darf man sich nur zwischen acht und zehn Uhr des Morgens… weitere Ankündigungen werden folgen.“ Erzählerin: Als die Alliierten sich den Deutschen im besiegten Land als neue Herren vorstellen – hier eine Lautsprecherdurchsage aus Leipzig – sind Euphorie und gegenseitiges Wohlwollen der Sieger jedoch schon verflogen ATMO Erzählerin: So schreibt der britische Premierminister Winston Churchill dem neuen US-Präsidenten Truman am 12.Mai ’45 per Telegraph einen langen, sorgenvollen Brief über die Strategie der Sowjetunion: Zitator 2: „Ich habe mich stets um die Freundschaft der Russen bemüht; aber ihre falsche Auslegung der Jalta-Beschlüsse, ihre Haltung gegen Polen, ihr überwältigender Einfluss auf dem Balkan, …die Verkoppelung ihrer Macht mit der Besetzung und Kontrolle so ungeheurer und weiter Gebiete… beunruhigen mich ebenso sehr wie Sie. Wie wird sich die Lage in ein bis zwei Jahren darstellen, wenn die britischen und amerikanischen Armeen nicht mehr existieren und die Franzosen noch keine beachtliche Armee aufgestellt haben…?! Erzählerin: Zwar ist Churchill bald ohne Amt, denn seine Konservative Partei verliert Ende Juli 1945 bei Unterhauswahlen die Mehrheit; doch der Nachfolger Attlee und der neue Außenminister Bevin teilen seine Meinung. Der Innsbrucker Zeithistoriker, Professor Rolf Steininger, einer der besten Kenner der Zeit des „Kalten Krieges“, sagt resümierend: O-Ton 5: Steininger – GB/45: „Wir haben in London eine Entwicklung, die schon seit dem Frühjahr 45 – man kann sogar noch weiter zurück gehen, aber Frühjahr 45 von tiefem Misstrauen gegenüber der sowjetischen Politik getragen ist – von der sogenannten „russischen Gefahr.“ Erzählerin: Bei der Potsdamer Konferenz von Juli bis Anfang August 1945 bestätigen die Weltkriegs-Alliierten zwar die Jalta-Vereinbarung, Deutschland aufzuteilen in Besatzungszonen und einen Kontrollrat für gesamtdeutsche Fragen einzusetzen. Auch werden die Bedingungen für die Kapitulation Japans und die so genannte „Oder-Neisse-Linie“ als künftige Westgrenze Polens diskutiert. Doch Truman ist nicht Roosevelt. Der Neuling im Weißen Haus, bisher mit Weltpolitik wenig befasst, hat sich rasch eingearbeitet. Rolf Steininger hält den Sohn eines einfachen Farmers aus Missouri keineswegs für ‚überfordert’ mit der Materie: O-Ton 6: (Steininger – Truman) Truman ist massiv unterschätzt worden. Truman ist so „down to earth“ – ein Mann der praktischen Politik. Er ist auch jener, der zum ersten Mal Molotov sagt: Haltet Eure Verträge ein – dann wir auch. Und er ist auch schon von einem tiefen Misstrauen getragen.“ Erzählerin: Diese Haltung Trumans bildet sich im Laufe des Jahres 1945 allmählich heraus. Bezeichnend ist, wie er bereits in Potsdam gegenüber Stalin ein Weltereignis quasi ‚im Nebensatz’ ankündigt: den Abwurf der ersten Atombombe. O-Ton 7: (BBC-Hiroshima) „Scientists, British and American have made the Atomic Bomb at last. The first one was dropped on a Japanese city early this morning. It was…… Erzählerin: Zwei Tage nachdem die britische BBC – wie alle anderen Radiosender der Welt auch – den Abwurf von Hiroshima meldet, greifen Sowjettruppen am 8.August auf dem asiatischen Kriegsschauplatz ein. Briten und Amerikaner sehen die schnellen Erfolge als Beweis für die Schlagkraft Moskaus. Das vergrößert den Argwohn gegenüber Stalin. Prompt lehnt Truman eine sowjetische Beteiligung an der Besetzung der japanischen Insel Hokkaido ab; umgekehrt verweigert Stalin den USA den Wunsch, auf der Insel-Gruppe der Kurilen einen Stützpunkt zu errichten: Zitator 1: „Wünsche dieser Art werden normalerweise entweder einem besetzten Land vorgelegt oder einem alliierten Land, das unfähig ist, einen bestimmten Teil seines Landes selbst zu verteidigen… Ich glaube nicht, dass die Sowjetunion in eine dieser beiden Kategorien eingereiht werden kann.“ Erzählerin: In Europa schnürt sich das Problemknäuel im Herbst und Winter 1945-46 weiter zu: Vor allem verschlechtert sich überall die Ernährungslage: in Frankreich, Italien, Großbritannien, aber auch in Deutschland sind Lebensmittel knapp. Dazu kommt: das glorreiche Großbritannien ist praktisch pleite. Der berühmte Welt-Ökonom John Maynard Keynes, damals Berater der Londoner Regierung, nennt angesichts der Lage drei Bedingungen, um die Situation zu stabilisieren: Zitator 2: „Diese Bedingungen sind a) eine intensive Konzentration auf Ausweitung der Exporte, b) drastische und unmittelbare Einsparungen unserer Überseeausgaben und c) substantielle Hilfe von den Vereinigten Staaten unter Bedingungen, die wir akzeptieren können.“ Erzählerin: Die Verhandlungen mit den Amerikanern sind zwar erfolgreich; Großbritannien wird der Großteil seiner Schulden aus dem Pachtleih-Gesetz, das im Krieg zum Einkauf von Kriegsgütern diente, erlassen. Darüber hinaus kann der Schatzkanzler ein Darlehen zu niedrigen Zinsen aufnehmen. Aber: London kann diese 3,75 Milliarden Dollar nicht wie gewünscht einsetzen. Daran sind die Sowjets Schuld: Der Innsbrucker Zeithistoriker Professor Rolf Steininger: O-Ton 8: (Steininger – Geld/GB) „Die Briten waren in einer schwierigen Situation. Die Sowjetunion hat sich nicht an die Viermächte-Vereinbarung gehalten, sie hat nicht Lebensmittel in die Westzonen geschickt. In London standen die Hausfrauen Schlange vor den Brotläden – das war noch nicht einmal im Krieg vorgekommen. Das große Darlehen aus den USA, was die Briten für sich eigentlich nutzen wollten, müssen sie nun nehmen, um die Deutschen in ihrer Zone durchzufüttern – die Millionen mehr sind als geplant.“ Erzählerin: Kurz: das Bild ist düster – und es besteht wenig Aussicht auf Aufhellung. Während britische und amerikanische Diplomaten lange Denkschriften an ihre Regierungen schicken, deren Warnungen vor der Sowjetunion auf ein unterschiedliches Echo stoßen, wendet sich Winston Churchill an die Weltöffentlichkeit. Am Ende des ersten Nachkriegswinters, genauer: am 5.März 1946, hält er an der Universität von Missouri in Fulton einen Vortrag über die Lage in Europa und schildert dem Publikum ungeschminkt die Tatsachen, wie er sie sieht: O-Ton 9: (Churchill – Iron Curtain) „From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic… lay all the capitals of the ancient Europe… lie in what I must call the Soviet sphere.“ Übersetzer (Zitator 2): „Von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria ist ein Eiserner Vorhang über Europa herabgelassen worden. Hinter dieser Linie liegen alle Hauptstädte der alten Staaten von Zentral- und Osteuropa. Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia: Alle diese berühmten Städte, und auch die Bevölkerung um diesen Städten liegen in einer Sphäre, die ich Sowjetische Sphäre nennen muss.“ Erzählerin: Heute weiß man: die Ansprache ist genau berechnet. In London haben der Premier und der Außenminister sie gelesen; auch US-Präsident Truman kennt ihren Inhalt. Denn er reist gemeinsam mit Churchill in der Eisenbahn nach Fulton. Als ihn Journalisten nach Ende der Veranstaltung dazu befragen wollen, stellt sich der US-Präsident jedoch überrascht und weicht aus. In den USA ist die Mehrheit der Bürger nämlich dafür, möglichst schnell abzurüsten und die eigenen Soldaten heim zu holen. Noch ist der „Kalte Krieg“ nicht mehrheitsfähig. Das Weiße Haus und das US-Außenministerium brauchen also eine Gelegenheit, der Welt Moskaus Haltung zu zeigen. Sie bietet sich bei der großen Außenminister-Konferenz im Frühjahr 1946 in Paris. Das Treffen behandelt vordergründig Friedensverträge mit den ehemaligen Verbündeten Hitlers – zum Beispiel (mit) Italien. Premierminister Attlee beteuert: O-Ton 10: (Attlee – Paris) „We’re discussing these treaties…we are trustees of the unborn children of the future.“ Übersetzer (Zitator 2): „Wir besprechen diese Verträge frei und offen, vor aller Welt. Wir fühlen hier den Druck der Weltmeinung. Mögen unsere Ohren dafür offen bleiben, denn kein Land, kein Herrscher kann es sich leisten, sie zu ignorieren. Wir sind Abgesandte einzelner Länder, aber gemeinsam sind wir für alle Menschen der Erde verantwortlich, die Friede und Sicherheit wollen. Wir sind Treuhänder der ungeborenen Kinder der Zukunft.“ Erzählerin: Das Pathos trägt gewisse Früchte – die Friedensverträge werden 1947unterzeichnet. Doch sind sie fast nebensächlich. Bei den wahren Kernpunkten, der Deutschlandpolitik, habe sich in Paris gezeigt, so Rolf Steininger, wie groß der Graben zwischen West und Ost im Sommer 1946 bereits sei: O-Ton 11: Steininger - Pariser AMK) „Diese Außenminister-Konferenz, endet im Juli, wenn sie so wollen, mit einem totalen Desaster. Molotov bewegt sich kei¬nen Millimeter. Bevin rastet fast aus. Es gibt diese wunderbare Szene, wo er um den Tisch herumläuft und den Molotov am Kragen schüttelt und fragt: Warum sagst Du immer „Njet“? Aber: Bevin hat klare Vorgaben vom Kabinett was zu tun ist im Ernstfall. Und Bevin schlägt vor: wenn die Sowjetunion nicht zurück¬kehrt zu einer gemeinsamen Deutschlandpolitik, sprich auch einer gemeinsa¬men Wirtschaftspolitik, Nahrungsmittel in die Westzone, dann wird Großbritan¬nien seine Zone alleine organisieren.“ Erzählerin: Die Briten haben für ihre Ansichten inzwischen bei den Amerikanern einen wichtigen Verbündeten: Lucius D. Clay. Der damals 49jährige General und stellvertretende Militärgouverneur der US-Zone drängt Washington im Sommer 1946 rascher Tatsachen zu schaffen – bis hin zur Bildung einer westdeutschen Regierung. Aber Außenminister James F. Byrnes zieht kleinere Schritte vor – wenngleich auch sie eindeutig sind: O-Ton 12: (Byrnes-Ankündigung) „Hier ist das Große Haus der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart, der Stadt des Länderrats. Es mag dies mit ein Grund sein, warum der Außenminister … eine volle Klarlegung der Richtlinien, die die Vereinigten Staaten bis zum heutigen Tage befolgt haben und die in Zukunft eingeschlagen werden sollen.“ Erzählerin: 6. September 1946, der Reporter von Radio Stuttgart kündigt eine Rede von Byrnes an, die dieser vor deutschen und amerikanischen Honoratioren hält. Sie genießt seither einen geradezu legendären Ruf, als „Rede der Hoffnung“: O-Ton 13: (Byrnes-Rede) The American people, who fought for freedom…Das amerikanische Volk, das für die Freiheit gekämpft hat, will die Deutschen nicht versklaven. Das amerikanische Volk will dem deutschen Volk die eigene Regierung zurückgeben; das amerikanische Volk will dem deutschen Volk helfen zurückzufinden zu einem Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt… Nations of the world.“ O-Ton 14: (Steininger/Byrnes) „Trotz aller Papierknappheit wurde die Rede in hunderttausenden von Exemplaren in der amerikanischen Zone verteilt. Und wenn sie die Reaktionen (nehmen): die Ministerpräsidenten, der Geiler, der Ministerpräsident, hat Tränen in den Augen; Erhard – der spätere Wirtschafts¬minister – ist begeistert. Das heißt: hier wird eine Schneise geschlagen. Zum ersten Mal sehen die Deutschen. Plötzlich: der große, der große Bruder, die USA, bieten uns die Hand zur Zusammenarbeit – nicht Partner – zur Zusam¬menarbeit an. Das war wie ein Durchatmen, wie frischer Wind. Man wusste: jetzt geht’s los.“ Erzählerin: Die Welt erhält durch die Byrnes-Rede den ersten eindeutigen Hinweis: die USA denken nicht, wie nach Ende des 1.Weltkriegs, an einen Rückzug auf den eigenen Kontinent. General Clay lässt den klärenden Worten von Byrnes im Herbst 1946 Taten folgen. Er trifft dabei, nicht nur wegen der ökonomischen Notlage, auf einen ausgeprägten Kooperationswillen in London. Im dortigen Außenministerium schreibt der Leiter der Deutschland-Abteilung um die gleiche Zeit ein Memorandum, in dem er betont, wie wichtig bessere wirtschaftliche Verhältnisse aus Sicht der Deutschen sind: Zitator 2: „Wir müssen darauf achten, dass der Teil Deutschlands, der auf westlichen Ideen beruht, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich attraktiver ist als der Rest. Wenn wir dies tun, können wir darauf hoffen, dass Ost-Deutschland früher oder später unter westlichen Einfluss gebracht werden kann, oder dass der sowjetische Einfluss dort zumindest zu einem gewissen Grad ausgeglichen wird.“ Erzählerin: Eine der wichtigsten westlichen Ideen ist die Demokratie: in der britischen und der amerikanischen Zone haben bereits erste Wahlen stattgefunden, teilweise sind die Länderverfassungen durch Referenden demokratisch ‚abgesegnet’. Die hohe Wahlbeteiligung und die Mehrheiten für bürgerliche Parteien zeigen den Besatzern: die Deutschen wollen den Weg des Westens mitgehen. Lobend erklärt Botschafter Robert Murphy, politische Berater der US-Militärregierung, im Radio: O-Ton 15: (Murphy) „Amerikaner mit denen ich gesprochen habe, haben mir ge¬gen¬über ihre Bewunderung dafür ausgedrückt, wie sich Deutsche bemühen, eine Demokratie aufzubauen. Sie haben mit Interesse die Wahlen in der ameri¬ka¬nischen Zone verfolgt.“ O-Ton 16: (Musik – „Glenn Miller – „705“) Erzählerin: Freiheit – das haben die Deutschen bis dahin nur in den Medien, wie hier in der Musik alliierter Radiosender – erfahren. Nun schaffen die Briten und Amerikaner auch wirtschaftliche Voraussetzungen. Die Besatzungszonen, faktisch ‚Kleinstaaten’ mit schwierigsten Ein- und Ausfuhrbedingungen für Waren, werden Ende 1946 zusammengeschlossen zur „Bi-Zone“. Die Wochenschau berichtet: O-Ton 16: Bizonen-Abkommen/Wochenschau „Der englische Außenminister Bevin und der amerikanische Außenminister Byrnes unterzeichneten gegen Jahres¬ende ein Abkommen, das die amerikanische und englische Zone zunächst wirt¬schaftlich vereint. Das Abkommen tritt am 1.Januar 1947 in Kraft. Damit ist der erste Schritt zur wirtschaftlichen Einheit Deutschlands getan. Ein hoffnungsvol¬ler politischer Abschluss des alten Jahres, der für das neue Antrieb und Ankur¬belung der Wirtschaft verspricht.“ Erzählerin: Für die Sowjetunion ist die Bizone jedoch ein Affront. Moskau betont in allen Verhandlungen verbal die Bereitschaft, weiter eine gesamtdeutsche Lösung anzustreben – wenn es Reparationen aus den Westzonen erhält. Doch darauf wollen sich Amerikaner und Briten nicht mehr einlassen. So kommt es im ersten Halbjahr 1947 zur Eskalation des „Kalten Krieges, symbolisiert durch zwei Daten – den 12. März, den Tag der „Truman-Doktrin“ und den 5. Juni, den Tag des „Marshall-Planes“. Der Grund dafür aber ist nicht allein die wirtschaftliche Stabilisierung Deutschlands. Attlee, Bevin, Truman und der seit Januar ’47 zum Nachfolger von Byrnes bestellte US-Außenminister Marshall haben ebenso sehr Krisengebiete auf dem Balkan, in Ostmitteleuropa und im Mittleren Osten im Blick: Zitator 1: In Polen werden die Parlamentswahlen im Januar 1947 von der Sowjetunion manipuliert – die von ihr protegierten so genannten „Block-Parteien“ erhalten 93 Prozent der Stimmen. In der Tschechoslowakei propagiert der kommunistische Ministerpräsident Gottwald ein Bündnis aller Slawen unter Führung der Sowjetunion; in Griechenland kämpfen linke Guerrilla-Verbände gegen die Regierung. Im Iran weigert sich Moskau entgegen den Vereinbarungen, seine Truppen zurückzuziehen Erzählerin: In diese Querelen hinein beginnt in Moskau das nächste geplante Außenminister-Treffen der Alliierten – am 10.März 1947, also zwei Tage ehe Präsident Truman im US-Kongress seine berühmte Rede hält. // Geschichtsforscher wie Rolf Steininger sehen die Diskussionen in der Sowjet-Hauptstadt als letzten Lackmus-Test vor der Teilung der Welt: O-Ton 17: (Steininger – Moskau) „Der große Test für einige, für einige war’s gar kein Test mehr, ist dann die Außenminister-Konferenz im März/April 1947. Die Briten haben den Eindruck: die Sowjets wollen eine Lösung. Die Russen wollen aber gleichzeitig massiv Reparationen. Und wir kennen alle diesen berühmten Spruch von George Marshall, dem Außenminister: Die Ärzte diskutieren und der Patient stirbt. Und da sehen Sie: es gibt da keine Annähe¬rungspunkte mehr. Da ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Und vor allen Dingen die USA – organisieren jetzt das, was sie sozusagen „kontrollieren“ können.“ Erzählerin: Im Frühsommer 1947 ist die Kriegskoalition am Ende. West und Ost haben das Vertrauen zueinander verloren. Es geht – und das erstaunt im Rückblick – weniger um eine konkrete Kriegsgefahr, als um Befürchtungen vor einer Machtzunahme der jeweils anderen Seite. Wichtig ist: die Pläne beider Seiten bleiben defensiv, auch der bereits kurz erwähnte „Marshall-Plan“, der – und das unterstreicht das Gesagte über Deutschland und Europa – sich an den ganzen Kontinent richtet: O-Ton 18: (Steininger - ERP) „Es ging den Amerikanern nicht nur um Deutschland in dieser Phase, sondern auch um Westeuropa. Es ging um die Stabilisierung Frankreichs, es ging um die Stabilisierung Italiens – das waren die Länder mit den stärksten kommunistischen Parteien. Und die Furcht in Washington war noch nicht einmal so sehr, dass die Sowjets durchmarschieren. Sondern die Befürchtung war, dass die sowjetische „Fünfte Kolonne“, d.h. die kommunisti¬schen Parteien das Ruder übernehmen würden. Erzählerin: Wie klar die beiden Machtblöcke im Laufe des Jahres 1947 bereits fertig ‚betoniert’ sind, zeigen interne Analysen der US-Regierung. So schreibt der US-Diplomat George Kennan im November 1947: Zitator 1: „Die Kriegsgefahr ist mancherorts äußerst übertrieben worden. Die sowjetische Regierung will keinen und erwartet keinen Krieg mit uns in der vorhersehbaren Zukunft. …Die politische Ausbreitung des Kommunismus konnte zumindest zeitweilig zum Stillstand gebracht werden.“
- 20.06.202523 min
Das alte Rom ist die Mutter der imperialen Idee. Sie wurde von Julius Caesar unabsichtlich begründet und seitdem immer wieder aufgegriffen: von byzantinischen Herrschern, Karl dem Großen, den heilig-römischen Kaisern oder von russischen Zaren und Napoleon Bonaparte. Vielleicht, bei genauerem Hinsehen sogar von der EU. Von Ulrich Zwack (BR 2020) Credits Autor: Ulrich Zwack Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Christian Schuler Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Julian Traut Besonderer Linktipp der Redaktion: SWR: Das Wissen Täglich Neues aus Gesundheit und Geschichte, Wissenschaft und Weltgeschehen. Wichtige Zusammenhänge, gründliche Recherchen, überraschende Hintergründe über die unterschiedlichsten Themen: „Das Wissen“ spricht mit Menschen, die sich auskennen, reist an die wichtigsten Schauplätze und sammelt so Erkenntnisse um sich den drängendsten Fragen von heute, gestern und der Zukunft zu stellen ZUM PODCAST Linktipps SWR (2025): Der römische Traum – Eine Anno-Story Ein packender Hörspiel-Podcast im Anno-Universum: Zwei junge Männer verkaufen sich selbst in die Sklaverei – im Glauben, dass sie im Römischen Reich aufsteigen können. Was als verzweifelter Traum beginnt, wird zur abenteuerlichen Odyssee durch Kolonien, Intrigen und Machtzentren eines Imperiums. "Der römische Traum" erzählt die offizielle Vorgeschichte zu "Anno 117: Pax Romana" – als epische Audio-Serie mit deutschen Top-SchauspielerInnen, exklusivem Soundtrack von den Anno-Komponisten und live aufgenommen vom SWR-Symphonieorchester. Jetzt abonnieren – ab 20. August geht’s los! ZUM PODCAST SWR (2021): Das Erbe des Römischen Reiches Das Limesmuseum in Aalen ist Basisstation für Dieter Moors Erzählung über das Erbe des Römischen Reiches. Die Reise geht weiter Rund ums Mittelmeer nach Bosra und Lepis Magna und endet bei Pont du Gard in Frankreich. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN: Paris ist die Stadt der Liebe, München leuchtet als Isar-Athen, New York preist sich als Big Apple. Viele Städte schmücken sich mit wohlklingenden Beinamen. Doch Rom ist einzigartig: Rom ist golden. Rom ist ewig. Denn Rom ist mehr als nur eine Stadt. Rom ist eine Idee. Nicht nur die einer Stadt, sondern die eines ganzen Reiches. 1. ZUSP: OT-Traut Das Besondere am Römischen Reich ist, dass es in seiner jahrhundertelangen Geschichte immer wieder transformiert wurde und auch durch verschiedene Ideen ergänzt wurde: Also das Römische Reich ist als historisches Gebilde eigentlich ein schwieriger Begriff. ERZÄHLER Der Münchner Historiker Dr. Julian Traut ist Spezialist für bayerische Landesgeschichte. Daneben beschäftigt er sich aber auch immer wieder mit dem römischen Reichsgedanken und den Veränderungen, die er im Lauf der Zeit erfuhr. 2. ZUSP: OT-Traut (weiter) Es gab verschiedene römische Reiche, die römische Republik, das römische Kaiserreich. Als das Römische Reich zerbricht, kommt es dann zu verschiedenen Neuinterpretationen. Und es wird an die römische Reichsidee angeknüpft. ERZÄHLERIN: Die Vorstellung von Rom als Reich, das nicht sterben darf, liegt unter anderem darin begründet, dass einige biblische Texte wie das Buch Daniel, die Johannes-Apokalypse oder der 2. Thessalonicherbrief seit dem Altertum oft so interpretiert wurden, dass das Ende des Imperium Romanum den Weltuntergang einläuten würde. MUSIK ERZÄHLER: Ausgehend von einer am Tiber gelegenen, zunächst ziemlich unbedeutenden, Kleinstadt eroberten die Römer nach und nach ein ganzes Weltreich. ERZÄHLERIN: Nichtsdestotrotz ging es in Rom selbst ständig drunter und drüber; balgten sich Patrizier und Plebejer um die Macht. Bis im Jahrhundert vor Christi Geburt immer häufiger herausragende Einzelpersönlichkeiten nach der Alleinherrschaft strebten und der inzwischen arg in die Jahre gekommenen Republik den Garaus machten. ERZÄHLER: Der erste, der aus diesem Ringen siegreich hervorging, war Gaius Julius Caesar. Ein genialer Feldherr, herausragender Staatsmann, brillanter Schriftsteller und meisterhafter Ränkeschmied. ERZÄHLERIN: Anfang 44v.Chr. ließ sich er sich vom Senat - gewissermaßen Roms parlamentarischem Oberhaus - zum Diktator auf Lebenszeit ernennen. Damit schien er die traditionelle römische Republik beseitigt und sich zum Alleinherrscher aufgeschwungen zu haben. Ob er zusätzlich nach dem Königstitel strebte, ist bis auf den heutigen Tag umstritten. Nicht umstritten ist dagegen, dass rund 60 Senatoren den Diktator Caesar als lupenreinen Tyrannen betrachteten und am 15. März des Jahres 44 v. Chr. mit 23 Dolchstichen ermordeten. ERZÄHLER: Damit war Caesars Modell der Alleinherrschaft übers Römische Imperium kläglich gescheitert. Dennoch gehen die deutsche Bezeichnung Kaiser oder der in mehreren slawischen Sprachen gebräuchliche Titel Zar direkt auf seinen Namen zurück. MUSIK ERZÄHLERIN: Zum ersten Kaiser im eigentlichen Sinn wurde Caesars Adoptivsohn Octavian. der nicht nur das Vermächtnis seines Adoptivvaters antrat, sondern auch dessen Namen erbte. Er riss zwar ebenfalls die Alleinherrschaft an sich, vermied dabei aber tunlichst alles, was ihn als Usurpator hätte erscheinen lassen können. Stattdessen hielt er sich demonstrativ an die traditionellen republikanischen Spielregeln. Begnügte sich nach außen mit der Stellung eines Primus inter pares, also gleichsam eines Ehrenvorsitzenden unter ihm gleichrangigen Bürgern. Seine eigentliche Macht stützte er allerdings ebenfalls auf die lebenslange Sicherung wichtiger Amtsbefugnisse. Die eines Dictators war nicht darunter. Aber der lebenslange Titel eines Imperators oder die jährliche Verleihung der Amtsgewalt eines Volkstribuns bescherten ihm z.B. auf Dauer den Oberbefehl übers Militär oder das Vetorecht gegenüber den Inhabern anderer Staatsämter. ERZÄHLER: Auch auf religiöser Ebene spielte Octavian eine Sonderrolle. Nicht nur, dass er lebenslang das Amt des Pontifex Maximus bekleidete, das gewissermaßen dem eines Papstes über den römischen Götterkult entsprach - er ließ sich vom Senat obendrein den Ehrennamen Augustus verleihen. Das bedeutete der Erhabene und erhob den Kaiser gewissermaßen zu einem Wesen zwischen Mensch und Gott. ERZÄHLERIN: Die kaiserliche Hofpropaganda und unterwürfige Provinz-Obrigkeitsvertreter machten die sakrale Weihe, die den Herrscher dadurch umgab, im ganzen Reich publik. So frohlockte eine zeitgenössische Inschrift im kleinasiatischen Halikarnassos: MUSIK ZITATOR: Das Göttliche hat den Menschen, den Caesar Augustus gesandt, auf dass unser Leben glücklich werde. Den Vater seines Vaterlandes, den Heiland des ganzen Menschengeschlechts, dessen vorausschauende Fürsorge die Gebete aller nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen hat. ERZÄHLER: Nun hing In der Antike der Himmel wesentlich tiefer als heute. Deshalb wurde Augustus von vielen auch ganz konkret als Erlöser betrachtet, gefeiert und verehrt. Hatte er doch für inneren und äußeren Frieden, Rechtssicherheit und Wohlstand gesorgt und die Weltherrschaft Roms gesichert. Kurzum: Er hatte sich als Götterliebling erwiesen und das sagenhafte Goldene Zeitalter wieder heraufgeführt. Und das dank übermenschlicher Fähigkeiten, die ihm die Götter verliehen hatten. ERZÄHLERIN: Diese Fähigkeiten bildeten die Basis für den kaiserlichen Herrscherkult, denn sie waren nach damaligem Glauben göttlicher Natur. Darum hatten sie auch Anspruch auf kultische Verehrung. Der Herrscher selbst konnte offiziell allerdings erst nach dem Tod zum Gott erhoben werden. Vorausgesetzt, seine Herrschaft wurde als eine gute betrachtet. Dann wurde er, wie z.B. Caesar, Augustus, Claudius oder Trajan vom Senat zum divus, zum Vergöttlichten, erklärt, der dasselbe Recht auf religiöse Verehrung besaß wie die herkömmlichen Staatsgötter Jupiter & Co. Erst als sich das Kaisertum im 3. Jahrhundert vom Prinzipat zum absolutistischen Dominat wandelte, führte der Herrscher bereits zu Lebzeiten regelmäßig den Titel dominus et deus - Herr und Gott. MUSIK ERZÄHLER: Seit Augustus blieb die römische Reichsidee eng mit dem Kaisertum verbunden, galt das Imperium Romanum als Idealstaat - in dem die verschiedensten Völker in Rechtssicherheit, Wohlstand und Frieden unter der Regentschaft eines von den Göttern eingesetzten Monarchen zusammenlebten. ERZÄHLERIN: Konstantin der Große stellte schließlich das Christentum dem Heidentum gleich und leitete dadurch die vollständige Christianisierung des Imperiums ein. Auf den ersten Blick bedeutete das den Verlust des sakralen Nimbus der Kaiser. Aber in Wahrheit war das Gegenteil der Fall. Denn der Herrscher war jetzt zwar kein Gott mehr, galt aber als Stellvertreter Gottes auf Erden. Und das erhob ihn selbstverständlich weiterhin himmelhoch über alle Normalsterblichen. So schrieb der Kirchenvater Eusebius von Caesarea über das Wesen der Regentschaft Konstantins des Großen: MUSIK ZITATOR: Christus übt die oberste Herrschaft über die ganze Welt aus und steht über allen Dingen. Er ist das Wort Gottes, durch das unser gottgeliebter Kaiser, gleichsam in Übertragung der göttlichen Machtfülle und Nachahmung Gottes, die Angelegenheiten dieser Welt regelt und lenkt. MUSIK ERZÄHLERIN: Gegen Ende des 5. Jahrhunderts brach die Westhälfte des Imperiums unter dem Ansturm völkerwandernder Germanenstämme zusammen. Die Osthälfte bestand dagegen noch fast ein Jahrtausend lang fort. Auch wenn sie nach der Ausbreitung des Islam ständig an Ausdehnung und Macht einbüßte. ERZÄHLER: Heute wird das Oströmische Reich nach seiner Hauptstadt Konstantinopel, alias Byzanz, meist als Byzantinisches Reich bezeichnet. Den Oströmern selbst wäre das jedoch nie in den Sinn gekommen. Bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanischen Türken im Jahr 1453 nannten sie sich ausschließlich Rhomaioi. - Römer. ERZÄHLERIN: Aber auch im Westen blieb die Romidee weiterhin lebendig, betrachtete man den Fortbestand des Imperiums zumindest theoretisch als gegeben. Auch wenn der Thron bis zur Krönung Karl des Großen durch den Papst am Weihnachtstag des Jahres 800 gewissermaßen verwaist blieb. Julian Traut: 3. ZUSP: OT-Traut Das Römische Reich, das Karl der Große begründet hat, setzt sich weniger aus einem einheitlichen Reichsgebiet zusammen, sondern ist mehr als eine politische Idee zu verstehen, als Bezugspunkt, als Ort der Kaiserwürde. Und der Papst als Spender dieser Kaiserwürde tritt da in den Vordergrund. Das Römische Reich, das dann später unter dem Titel des Heiligen Römischen Reich später noch mit dem Zusatz Deutscher Nation Bestand haben sollte, ist also ein supranationales und weniger politisch als mehr ideelles Gebilde. ERZÄHLER: Rein äußerlich stellte Karls Krönung die Wiederherstellung des einstigen Westreichs dar. Doch erfolgte die Neubelebung nicht nur gemäß römischer, sondern auch nach fränkischer Überlieferung. Das wies der Romidee teilweise eine ganz neue Richtung. Zwar blieb das Kaisertum weiterhin mit sakraler Weihe umgeben und stützte auch Karl seine Herrschaft nicht zuletzt auf die Schlagkraft seiner Truppen. Aber beides war nun auch mit germanischen Vorstellungen in Form des von Gott dem rechtmäßigen Herrscher verliehenen Königsheils und des Heereskönigtums verbunden. Hinzu kam die durch die päpstliche Salbung symbolisierte Vorstellung vom Gottesgnadentum. Dadurch wurde Karls Reich nicht nur zum neuen Rom, sondern auch zum neuen Jerusalem erhoben. ERZÄHLERIN: Indes war Papst Leo III. eigentlich gar nicht dazu berechtigt, jemanden zum Kaiser zu erheben. Da das römische Reich in Gestalt des oströmischen ja noch konkret fortbestand, wäre allein der oströmische Kaiser befugt gewesen, einen Mitkaiser zu ernennen. Aber Nikephoros I. dachte gar nicht daran, einen ungehobelten Frankenkönig als Amtskollegen zu betrachten. ERZÄHLER: Deshalb versuchte Karl, seine Legitimation durch eine betont römische Amtsführung zu beweisen: Er ließ für den Bau der Aachener Pfalzkapelle antike Säulen aus Rom und Ravenna importieren; wies die wichtigsten Gelehrten seiner Zeit an, die antike Literatur zu pflegen; schuf eine straffe Zentralverwaltung. Und wirklich: Als in Konstantinopel auf Nikephoros I. der wesentlich kompromissbereite Michael I. folgte und Karls Kaisertum anerkannte, galt auch der Frankenherrscher als rechtmäßiger Erbe der alten Caesaren und sein Reich wirklich als Westteil des Imperium Romanum. ERZÄHLERIN: Dann dauerte es erst einmal anderthalb Jahrhunderte, ehe 962 mit der Kaiserkrönung Ottos I. die lange Reihe der römischen Kaiser deutscher Herkunft begann. MUSIK ERZÄHLER: Nun gehörte es seit der Spätantike zu den Hauptpflichten des Kaisers, als Schirmherr der Kirche aufzutreten. Dadurch wurden ihm folgerichtig nicht nur weltliche, sondern auch kirchliche Rechte eingeräumt. Wie die oströmischen Kaiser beriefen jetzt auch die römisch-deutschen Synoden und Konzilien ein, setzten nach Gutdünken Bischöfe und Äbte ein und ab - und manchmal sogar den Papst. ERZÄHLERIN: Das zeugte nicht von Größenwahn, sondern entsprach den Erwartungen, die man in Kaiser und Reich setzte. Das Imperium war ja nicht als nationaler Flächenstaat gedacht, sondern als Universalmonarchie, deren Macht sich vor allem auf die Loyalität von Menschen aus den unterschiedlichsten Weltgegenden gegenüber dem von Gott - zum Herrschen bestimmten - Regenten stützte. ERZÄHLER: Wohl erstreckte sich das Heilige Römisches Reich im Hochmittelalter von Antwerpen bis nach Breslau, von Hamburg bis nach Siena. Aber von echter Weltherrschaft kann da trotz aller Größe kaum gesprochen werden. Ein starkes Machtzentrum, mit dem sich auch das Ausland gut stellen wollte, bildete es jedoch allemal. So berichtete der Mönch und Chronist Widukind: MUSIK ZITATOR: Der Kaiser wurde durch seine vielen Siege weithin berühmt. Deshalb besuchten ihn auch oft Gesandte von den Römern, Griechen und Sarazenen und brachten Geschenke: Goldene, silberne, bronzene, gläserne und elfenbeinerne Gefäße, Teppiche, Balsam, Gewürze und Tiere wie Löwen, Kamele, Affen und Strauße. ERZÄHLERIN: Aber das Heilige Römische Reich hatte nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Vor allem in Frankreich und in Italien polemisierte man ständig gegen die Vereinnahmung des Imperium Romanum durch die deutschen "Barbaren" Ja, selbst die Römer wollten vom Kaiser, der ihren Namen trug, nichts wissen. Als Otto III. die Tibermetropole tatsächlich zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches machen wollte, setzten sie ihm so zu, dass er nur knapp mit dem Leben davonkam. MUSIK ERZÄHLER: In Rom wurde auch der ideologische Krieg zwischen Papst und Kaisertum um die religiöse Führungsrolle im Abendland begonnen. Der Kaiser, so erklärte Papst Gregor VII. im Jahr 1076, maße sich eine Stellung an, die nach Christi Willen allein dem Papst als Nachfolger des Apostels Petrus zukomme. Die Antwort Heinrichs IV. erfolgte postwendend. In einem hochfahrenden Brief setzte er den Papst kurzerhand ab: MUSIK ZITATOR: Du wagtest zu drohen, du wolltest uns unserer von Gott verliehenen Gewalt berauben, als hätten wir das Reich von dir, und als ob die Kaiserkrone in deiner und nicht Gottes Hand läge, der uns zur Herrschaft berufen hat. Steig herab vom angemaßten Stuhl des heiligen Petrus. Steig herab, steig herab! ERZÄHLERIN: Nach den bisherigen Gepflogenheiten wäre die Angelegenheit damit erledigt gewesen. Aber jetzt folgte etwas völlig Neues: Der Papst verhängte seinerseits über den Kaiser den Kirchenbann. ERZÄHLER: In diesem Stil ging es über 150 Jahre lang weiter. Man setzte einander ab, ernannte Gegenpäpste und Gegenkaiser. Nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. konnte der Papst die Auseinandersetzung schließlich zu seinen Gunsten entscheiden. Seitdem besaßen die Kaiser in kirchlichen Angelegenheiten keinerlei Mitspracherecht mehr. ERZÄHLERIN: So gingen Kaiser und Reich aus der Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst erheblich geschwächt hervor. Den Rest besorgte sehr viel später der Dreißigjährige Krieg. Er ließ das Heilige Römische Reich ausgeblutet, verstümmelt und als Spielball fremder Mächte zurück. Trotzdem bestand es noch gut 150 Jahre lang weiter. MUSIK ERZÄHLER: Neben dem oströmischen und dem Heiligen Römischen entstanden ab dem Mittelalter auch andere Kaiserreiche. Etwa das bulgarische oder das serbische - und natürlich vor allem das russische. Denn als nach dem Fall von Konstantinopel die orthodoxe Kirche ihres kaiserlichen Schutzherren beraubt war, wollten die Großfürsten von Moskau an dessen Stelle treten. Deshalb begannen sie sich dem Ausland gegenüber dadurch zu legitimieren, dass sie Moskau zum Dritten Rom erklärten und sich selbst zu Zaren. ERZÄHLERIN: Als Zar par excellence gilt bis heute Peter der Große. Dabei hat gerade er das Wort Zar durch Imperator ersetzt. Also durch den ursprünglich rein militärischen Namenstitel der römischen Kaiser. Denn Peter wollte weniger als spätantiker oder mittelalterlicher kaiserlicher Schirmherr der orthodoxen Gläubigen betrachtet werden, denn als auf der Höhe der Zeit stehender, absolutistischer Monarch einer neuen europäischen Großmacht. Bis 1917 bezeichneten sich auch seine Nachfolger nur noch als Imperatoren. MUSIK ERZÄHLER: Ganz anders Napoleon I. von Frankreich. Als Ziehsohn der Französischen Revolution, genialer Feldherr, Machtmensch und Politiker war er der vielleicht modernste Monarch seiner Zeit. Trotzdem bediente er sich, als er Ende 1804 das französische Kaisertum schuf, einer betont traditionellen Formensprache: 5, ZUSP: OT-Traut Napoleon war es einerseits, der das Heilige Römische Reich deutscher Nation nach tausend Jahren beendet, im August 1806 so also mit einer großen Tradition bricht, andererseits sich aber dann selber schon durchaus in der Tradition der römischen Reichsidee und des Kaisertums sieht. Er vollendet sozusagen die Französische Revolution, krönt sich selbst zum Kaiser, aber er tut dies in Anwesenheit des Papstes und lässt sich auch vom Papst salben. Napoleon benutzt also verschiedene Versatzstücke, die sich vor allem in der Repräsentation zeigen. Er trägt den Lorbeerkranz. Es werden verschiedene Herrschaftssymbole kreiert, die an die römische Kaiseridee anknüpfen und so begründet er das französische Kaisertum MUSIK ERZÄHLER: Das 65 Jahre nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gegründete Kleindeutsche Kaiserreich wurzelte erklärtermaßen nicht im alten Rom, sondern im freien Germanien des fälschlich zum teutschen Volksheiland hochstilisierten Cheruskerfürsten Hermann. Hitlers Drittes Reich berief sich ebenfalls kaum auf römische Traditionen, aber dafür umso mehr auf die irrationale arische Rassentheorie. Anders Mussolini in Italien. Denn zu dessen erklärten Zielen gehörte bekanntlich die Wiederherstellung des Imperium Romanum unter zeitgemäßen Bedingungen. ERZÄHLERIN: Was Deutschland betrifft, ist die römische Staatsidee mithin bereits 1806 abrupt abgerissen. Lediglich der Bundesadler erinnert immer noch ein wenig daran. Lässt er sich doch unmittelbar vom den obersten römischen Staatsgott Jupiter verkörpernden Adler herleiten, den schon die römischen Legionen auf ihren Feldzeichen trugen. ERZÄHLER: Dafür hat Franz II., der letzte heilig-römische Kaiser, die Reichsidee bereits 1804 in seine Heimat verpflanzt und als Kaiser Franz I. von Österreich den imperialen Traum der alten Römer einfach weitergeträumt. Sein neues Kaiserreich besaß ja auch wirklich alles, was ein echtes Kaiserreich ausmacht. Es war ein Vielvölkerstaat und sein Kaiser ein Vielvölkerbeherrscher von Gottes Gnaden. Das ließ sich schon allein an seinem sogenannten großen Titel deutlich ablesen. Selbst in stark verkürzter Form: ZITATOR: Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Galizien und Illyrien; König von Jerusalem etc. Herzog von Lothringen, von Krain und der Bukowina; Großfürst von Siebenbürgen; Herzog von Friaul, Ragusa und Zara; Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien; Herr von Triest, und auf der Windischen Mark; Großwojwode der Woiwodschaft Serbien etc., etc. ERZÄHLERIN: Heute gibt es in Europa gar keinen Kaiser mehr. Doch ist zusammen mit der Kaiserwürde auch die römische Reichsidee erloschen? Ja und nein. Nach der Regentschaft selbstgefälliger Potentaten sehnt sich niemand mehr zurück. MUSIK Aber wenn man die Vorstellung akzeptiert, dass die EU lediglich einen Paradigmenwechsel vollzogen hat, indem sie das Gottesgnadentum eines Einzelnen durch einen freiheitlich-demokratischen Grundwertekatalog ersetzt, kann die Europäische Union durchaus als zeitgemäße Fortsetzung des römischen Traums gelten. Denn auch sie umfasst Gebiete mit vielen Völkern, in denen Wohlstand, Frieden und Recht herrschen. MUSIK ERZÄHLERIN: Folglich ist es vielleicht doch mehr als nur reiner Zufall, dass die Gründungsverträge der Staatengemeinschaft in Rom geschlossen wurden - jener Stadt, in die schon seit über 2000 Jahren alle Wege führen.
- 20.06.202525 min
Sie ist die Frau mit dem vielleicht schlechtesten Leumund in der gesamten römischen Geschichte: Agrippina, Schwester, Ehefrau und Mutter berüchtigter römischer Kaiser wie Caligula und Nero. Weil sie zielgerichtet selbst nach Macht strebte, wurde sie von den Zeitgenossen als Monster dargestellt. Von Imogen Rhia Herrad (BR 2019) Credits Autorin: Imogen Rhia Herrad Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Merki, Johannes Hitzelberger Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Werner Eck Besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2025): Ein Zimmer für uns allein Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? ZUM PODCAST Linktipps WDR (2023): Agrippina die Ältere: vom Volk geliebt, vom Kaiser verbannt Sie gilt als Staatsfeindin: Die römische Adelige Agrippina, Mutter des späteren Kaisers Caligula, wird auf die Insel Ventotene verbannt. Dort stirbt sie am 18.10.33. Nach dem Tod ihres Mannes, dem Feldherrn Germanicus, wird Agrippina die Ältere beschuldigt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein. Sie wird auf die Insel Pandateria verbannt, die heute Ventotene heißt. Dort verhungert Agrippina. Bis heute ist ungeklärt, ob sie die Nahrung verweigert hat oder ob sie ihr verwehrt worden ist. JETZT ANHÖREN BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Giftmöderin“ Agrippina und der berühmteste Muttermord der Antike Im Römischen Reich herrscht 59 n. Chr. ein Mann, der bis heute als Sinnbild römischer Gewalt und Dekadenz gilt: Kaiser Nero. Auf den Thron hat ihn seine Mutter Agrippina verholfen, die weithin als Giftmörderin bekannt ist. Von der harmonischen Mutter-Sohn-Beziehung ist in diesem Jahr allerdings nicht mehr viel zu sehen. Nero plant das, was in der Antike als schändlichste Tat überhaupt gilt, den Muttermord. Zusammen mit unserem Gast Prof. Dr. Martin Zimmermann beleuchten wir die dunkle Seite der Antike. JETZT ANHÖREN WDR (2018): Nero, römischer Kaiser (Todestag 09.06.0068) Er war Künstler. Lieber noch als er Kaiser war. Und in beiden Jobs begabt. Begabter jedenfalls, als er uns im kollektiven Gedächtnis geblieben ist seit Peter Ustinovs schauerlich-brillanter Verkörperung im Film "Quo Vadis": Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, Herrscher über ein Weltreich. Das Volk verehrt ihn als Showtalent mit politischer Fortune, bis er im sechsten Amtsjahr versagt. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN Es ist das Jahr 15 nach Christus. In Rom hat vor einem Jahr Kaiser Tiberius die Nachfolge seines Adoptivvaters Augustus angetreten. Im fernen Germanien stehen acht Legionen, die Roms Westgrenze entlang des Rheins bewachen. Ihr Oberkommandierender ist der Adoptivsohn des Kaisers, Germanicus Caesar. ERZÄHLER Ungewöhnlich für einen römischen Feldherrn ist, dass Germanicus seine Familie mit nach Germanien gebracht hat – den kleinen Sohn und seine schwangere Ehefrau. Im sechsten November bringt sie eine Tochter zur Welt, die wie ihre Mutter den Namen Agrippina bekommt. Bereits ein Jahr später kehrt die Familie nach Rom zurück: ins Zentrum der Macht. ERZÄHLERIN Werner Eck, Professor Emeritus für Alte Geschichte an der Universität Köln, hat sich ausführlich mit Agrippina beschäftigt. Ohne ihren familiären Hintergrund, sagt er, ist Agrippina nicht zu verstehen. In ihr liefen nämlich die beiden maßgeblichen Familien der frühen Kaiserzeit zusammen. ZUSPIELUNG 1 (Werner Eck) Und daraus resultierte dann ihre Stellung. Dann kam natürlich hinzu, dass sie im Jahr Fünfzehn nach Christus geboren wurde hier in Köln, als ihr Vater Oberkommandierender des römischen Heeres am Rhein war. Der Ruhm von Germanicus ist immer noch vorhanden gewesen, und darauf hat sie sich ja auch in der Zukunft immer wieder bezogen. MUSIK ERZÄHLERIN Als Agrippina fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Germanicus war ein römischer Superstar. Bei den Soldaten und beim Volk war er beliebt wie sonst niemand. Nun trauert ganz Rom mit der Witwe und ihren Kindern. Der römische Autor Sueton berichtet: ZITATOR Durch kein Trostzusprechen, durch keine Edikte konnte der Trauer des Volkes Einhalt geboten werden. Man schleuderte Steine gegen die Tempel und stürzte Altäre um. ERZÄHLERIN Agrippinas Mutter ist überzeugt, dass Kaiser Tiberius seinen designierten Nachfolger vergiftet hat. Der strahlende Kriegsheld Germanicus war wesentlich populärer als der alte, übellaunige und misstrauische Kaiser. Agrippinas Mutter glaubt, dass Tiberius einen Umsturzversuch des Germanicus befürchtet und den vermeintlichen Rivalen deswegen vorsichtshalber aus dem Weg geräumt hat. Jetzt spinnt sie selber Intrigen; vielleicht plant sie nun sogar, den Kaiser zu stürzen. Jedenfalls verbannt Tiberius sie aus Rom auf eine einsame Insel und lässt sie schließlich umbringen. ERZÄHLER Als Agrippina etwa vierzehn ist, wird sie verheiratet. Im siebten Jahr ihrer Ehe bringt sie ihr einziges Kind zur Welt. Im gleichen Jahr stirbt Tiberius, ohne einen Erben zu hinterlassen. Sein Nachfolger wird sein nächster Angehöriger – ausgerechnet ein Sohn des Germanicus: Agrippinas älterer Bruder Caligula. ERZÄHLERIN Die Geschwister haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Verbannung und der Tod ihrer Mutter, das Hofleben voller Argwohn und Intrigen und die lange Trennung haben in allen tiefe Spuren hinterlassen. Der plötzliche Umschwung muss ihnen wie eine Erlösung vorkommen. ERZÄHLER Caligula ist mit fünfundzwanzig der älteste des Quartetts. Agrippina ist zweiundzwanzig, Drusilla einundzwanzig und Livilla zwanzig Jahre alt. Eine Zeitlang werden die drei jungen Frauen fast so etwas wie Mitkaiserinnen, wie der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio verwundert erzählt. ZITATOR Gegen seine Schwestern erwies er sich anfangs außerordentlich zärtlich und ehrerbietig. Er erteilte ihnen die Erlaubnis, bei den Schauspielen den Ehrensitz mit ihm zu teilen. Auch ließ er sie in die Gelübde, welche Staatsbeamten und Oberpriester alljährlich für ihn und den Staat taten, mit einschließen, und die Huldigung, die man ihm leistete, ließ er zugleich auch ihnen leisten. ERZÄHLERIN Wenn also die Konsuln im Senat einen Eid auf den römischen Staat schwören, dann schwören sie nun nicht nur auf Staat und Kaiser, sondern auf Staat, Kaiser und die drei kaiserlichen Schwestern. Das Bild der jungen Frauen wird auf offizielle Münzen geprägt. Caligula präsentiert sich im Quartett. So etwas hat es noch nicht gegeben. MUSIK ERZÄHLER Und dann geht es alles jäh in Scherben. Etwa zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung stirbt Caligulas Lieblingsschwester Drusilla. Der junge Kaiser kann den Verlust nicht verwinden. Plötzlich sieht auch er, so wie einst sein Vorgänger Tiberius, an jeder Ecke Feinde und Verschwörer. Er beschuldigt seine beiden überlebenden Schwestern, gemeinsam mit einem Senator ein Komplott gegen ihn gesponnen zu haben. Der Senator wird hingerichtet, Agrippina und Livilla in die Verbannung geschickt. ERZÄHLERIN Basieren die Vorwürfe auf Fakten? Auf Gerüchten? Hat es die Verschwörung überhaupt gegeben? Gibt es vielleicht nicht einmal Gerüchte, sondern nur einen jähen Stimmungsumschwung des labilen Caligula, der in seinem jungen Leben schon zu viel Verlust und Verrat erlebt hat? ERZÄHLER Oder haben die Schwestern, die ehrgeizig, klug und in der politischen Welt Roms gut vernetzt sind, tatsächlich gegen ihren Bruder intrigiert? Auszuschließen ist es nicht. In späteren Jahren wird Livilla erneut als Verschwörerin ins Exil geschickt, wo sie schließlich stirbt. Hat vielleicht Agrippina damals schon geplant, ihren eigenen kleinen Sohn als Anwärter auf den Caesarenthron in Position zu bringen? MUSIK ERZÄHLERIN Sie wird auf der Mittelmeerinsel Pontia festgehalten. Es ist dieselbe Insel, auf der ein Jahrzehnt zuvor ihre Mutter den Tod gefunden hat. Über ein Jahr verbringt Agrippina dort. Sie muss sich gefragt haben, ob sie das Eiland je wieder verlassen wird. ERZÄHLER Und wieder wendet sich das Glück. Caligula fällt tatsächlich einer Verschwörung zum Opfer. Sein Nachfolger wird sein – und natürlich auch Agrippinas – ältlicher Onkel Claudius, der letzte lebende männliche Vertreter der Dynastie. Er hebt die Verbannung auf und gibt Agrippina ihr eingezogenes Vermögen zurück. Einige Zeit später stirbt Agrippinas erster Ehemann. ZUSPIELUNG 2 (Werner Eck) Und zwar in dem Augenblick war er tot, als Claudius, der damalige Kaiser, als er seine Ehefrau Messalina hat hinrichten lassen – man könnte auch sagen, ermorden lassen. ERZÄHLERIN Messalina war in ein etwas undurchsichtiges Komplott verstrickt. Davon gibt es viele am kaiserlichen Hof. Wahrscheinlich wollte sie Claudius absetzen und stattdessen ihren jugendlichen Liebhaber zum Kaiser machen. Claudius hat das erfahren und seine Gattin umgehend beseitigen lassen. ZUSPIELUNG 3 (Werner Eck) Und damit war Claudius frei als Ehemann. Und da hat nun Agrippina alles drangesetzt, um ihn zu heiraten. Da war sie sozusagen in der Top-Position. ERZÄHLER Nicht alle Römer sehen das mit Freude. Römische Frauen haben in der politischen Öffentlichkeit nichts zu suchen. Aber Agrippina hat keine Lust, im Hintergrund zu bleiben. Sie lässt sich gemeinsam mit Claudius sehen. Sie macht ihren Einfluss geltend. Die konservativen Senatoren sind empört. Noch über ein Jahrhundert später wird diese Empörung in der Darstellung des Geschichtsschreibers Cassius Dio deutlich – auch er ist schließlich ein Senator. ZITATOR Sobald Agrippina Kaiserin war, wusste sie alles gleich so einzurichten, dass sie sich Claudius ganz zu eigen machte. Niemand wagte, bei ihr Anstoß zu erregen, da sie mehr Macht als selbst Claudius besaß und öffentliche Audienzen veranstaltete, was in den Staatsprotokollen angezeigt wurde. ERZÄHLERIN Das alles wirkt so, als habe Rom nun nicht einen Herrscher, sondern zwei: Kaiser und Kaiserin. Vor dieser Annahme allerdings muss man sich hüten, warnt Werner Eck. ZUSPIELUNG 4 (Werner Eck) Sie war nicht Kaiserin, obwohl sie meistens ja so betitelt wird. Die Stellung einer Kaiserin, die gab es in dem Sinn nicht, dass damit ja absolut Null, irgendwelche Recht verbunden waren. Sie konnte Einfluss ausüben, und das hat sie weidlich getan, aber sie hatte dazu keinerlei primäres Recht. Wenn sie Einfluss ausüben wollte, dann ging das eben über den Ehemann. Oder über andere Personen, die dann entsprechend handelten, weil sie eben in der Top-Position war. MUSIK ERZÄHLER In der römischen Gesellschaft wird sehr viel Geschäftliches und Politisches über Beziehungen abgewickelt. Agrippina gehört dem vornehmsten Adel an. Ihr Urgroßvater war der erste Kaiser Augustus, ihr Vater der noch immer berühmte Held Germanicus. Sie ist reich, gut vernetzt, und sie ist ehrgeizig. Sie will ganz oben sein. Sie will der Welt ihren Stempel aufdrücken. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet. Die Übersetzung aus dem Lateinischen stammt von Andreas Schäfer und ist im Magnus-Verlag erschienen: ZITATOR Um auch verbündeten Völkerschaften ihre Macht zu zeigen, setzte Agrippina es durch, dass in der Stadt der Ubier, in welcher sie geboren war, eine Kolonie gegründet wurde, die nach ihr den Namen erhielt. ERZÄHLERIN Die Ubier sind ein germanischer Stamm. Wahrscheinlich will aber Agrippina nicht so sehr den Germanen einen Machtbeweis liefern, sondern vielmehr ihren Standesgenossen in Rom. Sie verwandelt die germanische Siedlung in eine römische Kolonie: nun steht mitten in Germanien ein Stück Rom, und aus Germanen sind, weil Agrippina es so will, Römer geworden. Und nicht nur das, erklärt Werner Eck. ZUSPIELUNG 5 (Werner Eck) Sie ist die einzige auf ganz endlos lange Zeit, die dann es vermocht hat, dass eine römische Kolonie dann auch ihren Namen getragen hat. Denn Köln hieß ja damals Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Das ist der sozusagen entscheidende Punkt: die Bewohner dieser Stadt nennen sich nun nach Agrippina. ERZÄHLER Agrippina hat sich verewigt. Damit hat sie sogar ihren berühmten Vater, den Eroberer und Feldherrn überflügelt. Er trug den Ehrennamen Germanicus, weil er die Germanen im Krieg besiegt hat. Jetzt tragen Germanen Agrippinas Namen. Sie hat die Landkarte verändert. ERZÄHLERIN Das ist erst der Anfang. Agrippinas Ehrgeiz erstreckt sich auch auf ihren Sohn, der inzwischen dreizehn Jahre alt ist: ein Teenager. Nero. Nach seiner Geburt, so berichtet Tacitus, hat Agrippina Wahrsager über sein Schicksal befragt. ZITATOR Sie gaben ihr zur Antwort, er werde dereinst herrschen und seine Mutter töten. Darauf sprach sie: Mag er mich auch töten, wenn er nur herrscht! ERZÄHLER Diese Anekdote ist sicherlich eine spätere Erfindung. Aber ein bisschen fängt sie doch Agrippinas große und zielstrebige Ambition ein: Sie will Macht für sich und ihren Sohn, egal um welchen Preis. Diese Ambition ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, erklärt der Historiker Werner Eck. ZUSPIELUNG 6 (Werner Eck) Aus ihrer Abstammung her hat sie nun ein exzeptionelles Anspruchsdenken gehabt. Dass sie, weil sie eben auf Augustus zurückgeht, dass sie ein originäres Recht habe, am politischen Prozess teilzunehmen. ERZÄHLERIN Augustus ist nach seinem Tod unter die Götter versetzt worden. Man hat ihm mitten auf dem Forum in Rom einen Tempel errichtet. Er hat eigene Priester, die für seinen Kult zuständig sind. Von diesem Gott stammt Agrippina ab. Jedes Mal, wenn sie in ihrer Sänfte über das Forum getragen wird und den Tempel sieht, wird sie daran erinnert. Sie ist felsenfest überzeugt, dass ihr und ihrem Sohn die höchste Macht im Staate zusteht. ERZÄHLER Auch der junge Nero ist ja ein Nachfahre des vergöttlichten Augustus. Claudius stammt dagegen aus einer nicht ganz so vornehmen Linie der Dynastie. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Agrippina bald nach ihrer Hochzeit beginnt, Nero als Anwärter auf den Thron ins Gespräch zu bringen. ERZÄHLERIN Claudius hat einen eigenen Sohn, der drei Jahre jünger als Nero ist. Dennoch überzeugt Agrippina den Kaiser, Nero zu adoptieren. Damit steht ihr Sohn nun an erster Stelle in der Thronfolge. ERZÄHLER Die antiken Geschichtsschreiber sind sich einig: Agrippina hat den ältlichen Claudius ausgetrickst. Und der kommt ihr allmählich auf die Spur. Sueton erzählt: ZITATOR Gegen das Ende seines Lebens hatte er bereits manche nicht undeutlichen Zeichen gegeben, dass er sowohl über seine Verheiratung mit Agrippina als auch über die Adoption des Nero Reue empfand. In der Tat verfasste er nicht lange darauf ein Testament, indes kam ihm, ehe er weitergehen konnte, Agrippina zuvor... ERZÄHLERIN Nach fünfzehn Ehejahren, so stellen es die antiken Autoren dar, sieht Claudius endlich klar. Er will das Kuckucksei Nero aus dem Nest schubsen und seinen eigenen Sohn wieder zum Thronfolger machen. Daraufhin schreitet Agrippina zur Tat. Am 13. Oktober des Jahres 54 erkrankt Claudius nach einem Gelage. Er leidet üble Magenschmerzen und stirbt schließlich in den frühen Morgenstunden. ZITATOR Dass er durch Gift ermordet wurde, steht allgemein fest, nur wo und von wem – darüber weichen die Angaben ab. ERZÄHLER So wie hier Sueton sind sich auch die anderen Geschichtsschreiber durchaus nicht sicher, wann und wo und wie Claudius das Gift gereicht wurde. Offensichtlich kursieren in Rom zahlreiche einander widersprechende Gerüchte. Niemand weiß etwas. Trotzdem – vielleicht auch gerade deshalb – sind alle überzeugt: hinter Claudius‘ Tod steckt Agrippina, die ihrem Sohn den Weg zur Macht sichern will. ERZÄHLERIN Stimmt das? Oder ist doch der magenleidende, weit über sechzig-Jährige Claudius, der immer gerne reichlich isst und trinkt, doch eines natürlichen Todes gestorben? Auch heute noch sind sich Historiker nicht einig, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gegen einen Giftmord spricht. ERZÄHLER Nun ist der Kaiser tot, und Rom hat einen neuen Kaiser. Sueton erzählt: ZITATOR Nero war siebzehn Jahre alt, als er aus dem Palast trat und auf der Freitreppe des Palastes als Imperator begrüßt wurde. Seiner Mutter überließ er die ganze Leitung der Staats- und häuslichen Angelegenheiten. Auch gab er am ersten Tag seiner Regierung der Prätorianergarde als Parole: „Die beste Mutter“. ERZÄHLER Die folgenden fünf Jahre gelten den antiken Zeitgenossen als „Goldenes Jahrfünft“, als gute und wohltuende Zeit. Sie sind vermutlich auch die glücklichsten im Leben Agrippinas. Bis der jugendliche Nero alt genug ist, selber das Ruder zu übernehmen, leitet sie gemeinsam mit dem Philosophen Seneca – Neros Erzieher – und dem Kommandanten der Prätorianergarde die Regierung. MUSIK ERZÄHLERIN Agrippina hat ihr Ziel erreicht: Sie ist an der Macht. So groß ist ihr Einfluss, dass er sogar ganz offiziell sichtbar wird. Der Historiker Werner Eck: ZUSPIELUNG 7 (Werner Eck) Es gibt Goldmünzen, die offensichtlich unmittelbar nach dem Tod von Claudius und der Übernahme der Herrschaft durch Nero geprägt wurden. Und auf diesen Münzen erscheint nicht nur das Portrait von Agrippina. Das Entscheidende war, dass dort auf diesen Münzen der Name Agrippinas im Nominativ erschien. Das heißt, sie ist als handelnde Person damit benannt. Und der Name ihres Sohnes, der auf der Rückseite stand – ihr eigener stand auf der Vorderseite – und der Name des Sohnes erschien im Dativ. Das heißt: sie tut etwas für Nero. MUSIK ERZÄHLER Eine Statuengruppe zeigt Agrippina, wie sie Nero einen Kranz aufsetzt. Man könnte das so verstehen: Agrippina krönt Nero. Das ist noch nie dagewesen. Und es wird Jahrhunderte dauern, ehe im Römischen Reich wieder eine Frau so sichtbar über eine solche Machtfülle verfügt. ERZÄHLERIN Immer weiter testet Agrippina die Grenzen des Machbaren aus. Sie nimmt an einer Versammlung des Senats teil – allerdings im Hintergrund, hinter einem Vorhang verborgen. Das mag uns nicht sonderlich gewagt erscheinen, doch der Historiker Tacitus – auch er ein Senator – ist hellauf empört, als er diese Begebenheit berichtet. Frauen haben im Senat einfach nichts zu suchen. Und dann kommt es noch schlimmer. ZITATOR Ja sogar, als Gesandte der Armenier vor Nero kamen, war Agrippina schon im Begriff, zum Thronsitz des Kaisers emporzusteigen und zugleich mit ihm den Vorsitz zu führen, wenn nicht Seneca, während die übrigen vor Schrecken erstarrten, Nero aufgefordert hätte, der herankommenden Mutter entgegenzueilen. So wurde unter dem Schein kindlicher Ehrfurcht einem Skandal begegnet. ERZÄHLER Erschreckend und skandalös wäre es, schreibt Tacitus, wenn die Mutter des jugendlichen Kaisers gemeinsam mit ihm eine ausländische Gesandtschaft empfinge. Damit würde die Tatsache offiziell sichtbar, dass sie seine faktische Mitregentin ist. Respekt vor der Tradition und vor der Form ist ungeheuer wichtig in Rom. Darüber hat Agrippina sich trotz ihrer großen politischen Klugheit hinweggesetzt. Das war ihr großer Fehler, sagt Werner Eck. ZUSPIELUNG 8 (Werner Eck) Eine Frau hat an der Politik direkt nicht teilzunehmen. Und das hat Agrippina dann für eine kurze Zeit ostentativ missachtet, diese selbstverständliche Struktur römischer Politik. Und das ist dann – hat zu ihrem Ende geführt. ERZÄHLERIN Ein letztes Mal in Agrippinas wechselhaftem Leben wendet sich das Glück. Nach fünf Jahren gemeinsamer Regierung beschließt der nun zweiundzwanzig-Jährige Nero, dass er alleine regieren will. Tacitus schreibt lapidar: ZITATOR Zuletzt fand er sie mehr als lästig, wo man sie auch immer sich aufhalten ließ, und er beschloss, sie zu töten. ERZÄHLER Die antiken Autoren berichten übereinstimmend von mehreren Mordkomplotten, die scheitern. Vielleicht ist das symbolisch gemeint und soll darstellen, wie mächtig, wie lebendig, wie beinahe übermenschlich Agrippina ihren Zeitgenossen erscheint. Vielleicht illustriert es auch einfach nur die Tatsache, dass Nero große Schwierigkeiten hat, willige Mörder zu finden. ERZÄHLERIN Agrippina ist bekannt, einflussreich und beim Volk und bei den Soldaten beliebt. Die Prätorianer weigern sich, ihr ein Haar zu krümmen. Erst bei dem Kommandanten der römischen Flotte wird Nero fündig. Dieser täuscht ein Schiffsunglück vor, um Agrippina zu ertränken. Sie entkommt, schwimmt an Land und verbarrikadiert sich in ihrem Landsitz. Tacitus berichtet davon so packend, dass man glauben möchte, er habe die Details von einem Augenzeugen erfahren. ZITATOR Im Schlafgemach war schwaches Licht und eine einzige Sklavin bei Agrippina, die banger und banger wurde. Jetzt war alles still. Plötzlich ließ sich Lärm vernehmen. Als hierauf die Sklavin das Zimmer verließ, rief sie ihr nach: „Auch du lässt mich allein!“ Die Mörder stellten sich um das Bett, und zuerst schlug der Schiffshauptmann die Kaiserin mit einem Knüttel auf den Kopf. Als dann der Centurio zum Todesstoß das Schwert zog, rief sie, ihren Leib hinhaltend: „In den Mutterleib stoße!“ und erlag unter vielen Wunden. MUSIK ERZÄHLER In der Darstellung des Tacitus wird Agrippina in ihrer Todesstunde zur römischen Heldin. Sie stirbt allein und tapfer, hingemeuchelt von vielen – so wie Julius Caesar. Das ist bemerkenswert, denn Tacitus hat für wenige Angehörige der kaiserlichen Dynastie ein gutes Wort übrig. Schnell spricht sich herum, wer hinter der Tat steckt. Nero wird bis zu seinem eigenen Tod knapp zehn Jahre später das Odium des Muttermörders nicht mehr abschütteln können. ERZÄHLERIN Dennoch bleiben Agrippinas glühender Ehrgeiz, ihr Streben nach Macht und Herrschaft in römischen Augen so ungeheuerlich, dass sie über Jahrhunderte nur als Giftmörderin und Monster dargestellt wird. Erst heute, in einer Zeit, die mächtige Frauen auch als positiv oder einfach als normal betrachtet, können wir zurückblicken und Agrippina als hochbegabte Politikerin sehen, die sehr viel erreicht hat – und am Ende durch ihren Ehrgeiz und die starren Gesetze ihrer Welt gescheitert ist.
- 20.06.202524 min
"Veni vidi vici" - Ich kam, sah, siegte: Julius Cäsar ist einer der Super-Promis der Weltgeschichte. Er eroberte Gallien, siegte im Bürgerkrieg, führte dabei das Ende der Republik herbei und legte die Grundlagen für die neue Ordnung des römischen Kaisertums, ohne es selbst zu wissen. Dass er einem Attentat zum Opfer fiel, hat die Faszinationskraft eher noch gesteigert. Von Brigitte Kohn (BR 2009) Credits Autorin: Brigitte Kohn Regie: Martin Trauner Es sprachen: Sabine Kastius, Thomas Loibl, Stefan Wilkening, Michael Habeck, Andreas Neumann Technik: Roland Böhm Redaktion: Hildegard Hartmann Im Interview: Prof. em. Dr. Christian Meier Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2025): Schlechte Gesellschaft – Die ARD Polit- und Psychokrimis Verborgene Machenschaften, gesellschaftliche Abgründe und private Tragödien mit Tiefgang. Dieser Podcast entlarvt abgebrühte Schurken, toxische Verstrickungen, undurchsichtige Unternehmen und raffinierte Regierungen. Relevant, politisch und mit absoluter Nervenkitzel-Garantie – „Schlechte Gesellschaft“ gibt es in der Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt. ZUM PODCAST Linktipps Deutschlandfunk (2023): Cäsar, Hitler, Putin – Tyrannenmord – Darf man einen Tyrannen töten? "Gibt es einen Brutus in Russland?", fragte ein US-Senator kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Es war eine Anspielung auf den Mann, der Cäsar umgebracht hat. Die Frage, ob Tyrannenmord legitim sein kann, stellte sich schon öfter. JETZT ANHÖREN Radiowissen (2020): Kleopatra – Königin der Königinnen Geheimnisvoll, exotisch, erotisch, attraktiv, klug, selbstbewusst und ehrgeizig. Kleopatra gilt als Schönheitsideal ihrer Zeit, der führende Staatsmänner wie Cäsar und Marc Anton bedingungslos verfallen. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN: Rom. 44 vor Christus, der 15. März, früh am Morgen. Die Iden des März sind angebrochen. Für Cäsars Frau Calpurnia ist es kein guter Morgen. Sie hat schlecht geschlafen, und böse Vorahnungen plagen sie. Der griechische Historiker Plutarch weiß warum: ZITATOR PLUTARCH: „Es war nämlich auf Beschluss des Senats an Cäsars Haus als Zierde und Zeichen der Würde ein Firstschmuck angebracht, und Calpurnia träumte, wie er wieder herabgerissen wurde und wie sie darüber weinte und jammerte ...“ ERZÄHLERIN: Als Plutarch seine Cäsar-Biographie schreibt, trennen ihn nur wenige Jahrzehnte von den Ereignissen. Er ist bestens informiert über alle Geschichten und Gerüchte rund um Cäsars Tod. Calpurnia, so schreibt er, habe ihren Mann angefleht, zu Hause zu bleiben, nicht in den Senat zu gehen. Man muss kein Traumdeuter sein, um zu wissen, wie gefährdet er ist. Die mächtigen Adelsfamilien, die Rom seit Jahrhunderten regieren, hassen Alleinherrscher, und Cäsar ist vor kurzem zum Diktator auf Lebenszeit ernannt worden. Der Senat, einst das mächtigste Gremium der römischen Republik, hat nicht mehr viel zu sagen. Trotzdem will Cäsar heute in die Sitzung. Er muss den Institutionen, Traditionen und Ritualen der Republik Respekt entgegenbringen, zumindest nach außen. Was er nicht weiß: Seine Mörder warten schon auf ihn. Kaum hat er seinen Sessel im Senat erreicht, umringen sie ihn, schweigend, scheinbar ehrerbietig. Plötzlich reißt ihm einer die Toga vom Hals. Das ist das Zeichen. Die Männer zücken Schwerter und Dolche. ZITATOR PLUTARCH: „Wohin sich Caesar wendete, überall zuckten Hiebe, fuhren ihm Klingen vor Gesicht und Augen hin und her, er wurde durchbohrt wie ein wildes Tier, sich windend unter den Händen seiner Mörder. Aber als er Brutus mit gezogenem Schwert unter den Gegnern erblickte, zog er die Toga übers Haupt und leistete keinen Widerstand mehr.“ ERZÄHLERIN: Brutus ist der Sohn von Servilia, einer langjährigen Geliebten Cäsars; ein Mann mit Prinzipien. Der Althistoriker Christian Meier, emeritierter Professor an der Münchner Universität und Autor einer bahnbrechenden Cäsar-Biographie, erläutert die Motive der Verschwörer: ORIGINALTON PROF. MEIER: „Die Verschwörer waren der Meinung, dass die Republik wiederhergestellt werden müsse, und zwar wirklich nur dadurch, dass der Tyrann beseitigt wird. Es gab natürlich Leute, die man auch noch hätte beseitigen müssen, weil es ja nicht nur am Diktator hängt, sondern auch noch an anderen, aber Brutus, der ein philosophisch sehr ernsthaft gebildeter Mann und sehr überzeugter Mann war, Brutus war der Meinung, nur, wer sich der Tyrannis schuldig macht, darf und muss umgebracht werden. Und das war Cäsar.“ ERZÄHLERIN: Doch die Hoffnung, dass die Republik nach dieser Tat in alter Frische wiederauflebt, erfüllt sich nicht. Die Verschwörer haben nicht gut genug geplant. ORIGINALTON PROF. MEIER: „Sie hatten keine Vorbereitung – dass man das Kapitol besetzt, das Forum besetzt, oder heute würde man sagen, Rundfunkstationen besetzt – was man so alles tut, wenn man einen Umsturz macht. Nichts davon.“ MUSIK ERZÄHLERIN: In den nächsten Jahrhunderten werden Kaiser das römische Weltreich regieren. Die Republik wird nicht zu retten sein. Sie kränkelte schon, als Cäsar noch jung war. Nur deswegen konnte er so viel Macht erringen. Cäsars Zeit ist die Zeit der großen Feldherrn. Ihre Eroberungen haben Rom zur Supermacht des Mittelmeerraums geformt. Daraus leiten sie Ansprüche ab, die Konflikte mit dem Senat zur Folge haben. ORIGINALTON PROF. MEIER: „Es ergaben sich einfach bestimmte Forderungen etwa aus Feldzügen, denn es hatte sich eingespielt, dass man die Soldaten hinterher ansiedelte. Man gab ihnen Land, von dem sie leben konnten. Dieses Land musste man entweder jemandem wegnehmen, das war natürlich schmerzlich, oder man konnte sich das Land in den Gebieten holen, wo man Kriege geführt hatte. Dies aber wollte wiederum der Senat nicht, weil er das Gefühl hatte, wenn da in größerem Stil römische Bürger und noch dazu Veteranen von großen Feldherren ganze Kolonien hatten, dann wären die auf die Dauer unkontrollierbar gewesen. Also der Senat stellte einen Gesichtspunkt in den Vordergrund, der hieß: Keiner darf zu mächtig werden. Denn wenn einer zu mächtig ist, dann geht das auf Kosten des Senats.“ MUSIK ERZÄHLERIN: Als Cäsar, geboren 100 v. Chr., am Anfang seiner Karriere steht, tobt in Rom der Bürgerkrieg, ausgelöst durch einen Konflikt zwischen den Feldherren Marius und Sulla, die zwei unterschiedlichen politischen Gruppierungen angehören. Sulla siegt, lässt sich für die Dauer des Notstandes zum Diktator ernennen und nimmt in einem wahren Blutrausch an seinen Gegnern Rache. Auch der junge Cäsar ist ernsthaft in Gefahr. ERZÄHLERIN: Um Sullas Häschern zu entgehen, begibt sich Cäsar zum Kriegsdienst nach Kleinasien. Erst nach Sullas Tod im Jahre 78 v. Chr. kommt er zurück und startet die übliche aristokratische Ämterlaufbahn. Seine Willenskraft, Kaltblütigkeit und Skrupellosigkeit sind damals schon sehr ausgeprägt. Das belegt ein Zwischenfall, den Plutarch überliefert hat. Auf einer Schiffsreise fällt Cäsar Piraten in die Hände. Er ist eine fette Beute, denn für einen römischen Adeligen müssen die Provinzstädte an der Küste Lösegeld zahlen. Cäsar schickt seine Leute los, um das Geld einzutreiben, und bewältigt die Lage an Bord auf seine Weise: ZITATOR PLUTARCH: „Während der 38 Tage, die er sich in ihrer Gewalt befand, spielte und turnte er ohne alle Furcht mit ihnen, als ob nicht er der Gefangene, sondern sie seine Trabanten wären. Er verfasste Gedichte und Reden und las sie ihnen vor, und wenn sie ihm keine Bewunderung zollten, schalt er sie unverblümt Barbaren ohne Bildung und Kultur. Oft stieß er lachend die Drohung aus, er werde sie aufknüpfen lassen – und die Kerle hatten ihre Freude dran, hielten sie ihn doch für einen harmlosen, lustigen Patron, der die losen Reden nicht lassen könne.“ ERZÄHLERIN Doch kaum ist das Lösegeld da und Cäsar wieder frei, chartert der Spaßvogel ein paar Schiffe, verfolgt die Piraten und wirft sie in den Kerker von Pergamon. Der zuständige Statthalter soll sie hinrichten lassen, und zwar sofort. Doch der ist eher an Beutegeldern interessiert und will die Sache erst mal prüfen lassen. Also wird Cäsar selbst aktiv. ZITATOR PLUTARCH: „Er ließ die Seeräuber vorführen und bis auf den letzten Mann ans Kreuz schlagen!“ ERZÄHLERIN: Cäsar schert sich nicht um Dienstwege und Zuständigkeiten. Sein Machtwille überragt den Geltungsdrang der übrigen Aristokraten um Einiges, und das will etwas heißen. Im persönlichen Umgang besticht Cäsar durch Liebenswürdigkeit und Charme. Er ist ein schöner schlanker Mann mit markanten Gesichtszügen und lebhaften schwarzen Augen, sehr gepflegt, immer perfekt gekleidet. Jeder bewundert seine Intelligenz, seine Bildung, seine Sprachbegabung, sein geschliffenes, schnörkelloses, gut verständliches Latein. ZITATOR PLUTARCH „In Rom fand Cäsar durch seine Reden viel Beifall, und die Freundlichkeit seines Grußes wie die Liebenswürdigkeit im Umgang gewannen ihm die Liebe des Volkes; denn solche Höflichkeit hätte man seiner Jugend nicht zugetraut. Auch seine Tafel, seine Gesellschaft und sein prunkvolles Auftreten ließen seinen Einfluss im öffentlichen Leben unmerklich steigen.“ ERZÄHLERIN: Obwohl er im Senat mächtige Gegner hat, den sittenstrengen Cato beispielsweise und den überragenden Redner Cicero, geht es mit der Karriere Schlag auf Schlag. 59 v. Chr. ist er Konsul, das ist das höchste Amt. Damit hat er Anspruch auf eine Führungsrolle im Senat. Doch von Senatoren hält er nicht sehr viel. Es gibt Männer, die sind viel mächtiger. Pompeius zum Beispiel, der brillanteste Feldherr seiner Zeit, der große Eroberungen gemacht hat, besonders im Nahen Osten. Pompeius hat Schwierigkeiten mit dem Senat, weil er seine Veteranen mit Land versorgen will: Wie immer befürchten die Senatoren, er könne dadurch zu mächtig werden. ORIGINALTON PROF. MEIER „... Da hat Cäsar sich die Möglichkeit erspäht, durch ein Bündnis mit Pompeius über die normale Stufe eines Konsulars (...) hinauszukommen und eine Art Sonderstellung, ganz ähnlich wie Pompeius, zu gewinnen. Dann hat er sich die Forderungen des Pompeius zu eigen gemacht, hat sie durchzubringen versucht, das war nicht leicht, weil der Senat mit allen Mitteln Widerstand geleistet hat.“ ERZÄHLERIN: Cäsar und Pompeius verbinden sich Ende des Jahres 60 v. Chr. gemeinsam mit Crassus, einem steinreichen Immoblilienspekulanten, zum Ersten Triumvirat. Das ist ein informeller Freundschaftsbund zur wechselseitigen Unterstützung, der es den dreien ermöglicht, dem Senat ihren Willen aufzuzwingen. Der Graben zwischen Cäsar und den Senatoren wird immer tiefer – und so ist Cäsar froh, dass er als Konsul auch die Statthalterschaft über zwei Provinzen beanspruchen kann. Der römische Historiker Sueton, der nur ein Vierteljahrhundert nach Cäsars Tod geboren wurde, wittert dahinter völlig zu Recht das Streben nach Macht und Geld: ZITATOR SUETON: „Cäsar wählte sich aus der Gesamtzahl der Provinzen vornehmlich Gallien aus, ein Land, das ihm finanziell großen Vorteil zu bieten schien, und dessen günstige Beschaffenheit berechtigte Aussicht auf Triumphe verheißen mochte.“ ERZÄHLERIN: Noch sind nur das Gebiet um die Poebene und die heutige Provence in römischer Hand. Das restliche Gallien wird von Stammesfürsten beherrscht, die Rom noch nicht unterworfen hat. Das aber kann man ändern – und Cäsar wird es ändern. ZITATOR CÄSAR: Gallia est omnis divisa in partes tres .... Gallien, im umfassenden Sinne genommen, zerfällt in drei Teile, davon bewohnen einen die Belger, den zweiten die Aquitaner, den dritten aber die Völker, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in unserer Gallier heißen.“ ERZÄHLERIN: Wer in der Schule Latein gelernt hat, kennt diese Sätze. Sie stammen von Cäsar selbst, der ein Buch über den Gallischen Krieg geschrieben hat, in einem so makellosen und klaren Latein, dass sogar Cicero es bewundert. Für Cäsar ist das Buch ein Propagandamittel. Er will zeigen, dass er den Krieg mit den besten Absichten begonnen und mit unglaublicher Tatkraft durchgezogen hat. Schuld am Krieg, so lesen wir bei Cäsar, sind die Helvetier, weil die aus ihrem Siedlungsgebiet in der Schweiz ausbrechen und sich ein neues suchen wollen. Sie baten Cäsar zwar höflich um Erlaubnis, durch seine Provinz ziehen zu dürfen, aber der denkt nicht daran, sie zu erteilen. Er sucht ja einen Grund, um loszuschlagen. ZITATOR CÄSAR (DE BELLO GALLICO): „Auch hielt er es nicht für wahrscheinlich, dass Leute von so feindseliger Gesinnung jegliche Unbill und Gewalttätigkeit vermeiden würden, wenn ihnen einmal die Möglichkeit des Durchzuges durch die Provinz gegeben wäre.“ ERZÄHLERIN: Cäsar stellt seine Angriffshandlungen stets so dar, als seien es Defensivmaßnahmen mit dem einzigen Ziel, Rom und seine Provinzen zu schützen. Nach dem Sieg über die Helvetier geht es gegen den Germanenkönig Ariovist, der ebenfalls vorhat, sein Herrschaftsgebiet auszudehnen. Cäsars Legionäre sehen dem Feind mit Heulen und Zähneklappern entgegen, denn über die Germanen kursieren die wildesten Gerüchte. ZITATOR CÄSAR: „Es rühmten nämlich jene die Germanen als Leute von riesigem Körperbau, unglaublicher Tapferkeit und Gewandtheit im Gebrauch der Waffen; gar oft wären sie mit ihnen zusammengetroffen, hätten aber nicht einmal ihre Miene und den stechenden Blick ihrer Augen ertragen können. In den Zelten versteckt beklagten sie entweder ihr Los oder jammerten mit ihren Vertrauten über die gemeinsame Gefahr. Allenthalben im ganzen Lager wurden Testamente gemacht.“ ERZÄHLERIN: Je furchteinflößender der Feind, desto strahlender der Sieg über ihn. Je ängstlicher die Soldaten, desto beeindruckender die Fähigkeiten des über alle Furcht erhabenen Feldherrn. Mit flammenden Reden facht Cäsar den Kampfgeist der Legionäre immer wieder an. Und er begeistert sie durch seine Bereitschaft, alle Strapazen und Entbehrungen mit ihnen zu teilen. Seine Zähigkeit ist geradezu unheimlich. Und das, obwohl er, wie Plutarch berichtet, eine eher anfällige Konstitution hat. ZITATOR PLUTARCH: „Er war von hagerer Gestalt und hatte eine zarte weiße Haut, auch litt er unter Kopfschmerzen und wurde von epileptischen Anfällen heimgesucht. Durch lange Märsche und karge Kost, durch ständigen Aufenthalt unter freiem Himmel und harte Anforderungen an seinen Körper kämpfte er gegen das Übel an, erhielt sich widerstandsfähig. Er schlief meistens im Wagen oder in der Sänfte, um auch während der Ruhezeit tätig zu sein.“ ERZÄHLERIN: Ariovist wird besiegt, ein Stamm nach dem anderen unterworfen. Die Römer erobern ganz Gallien bis hoch an die Nordsee. Immer wieder kommt es zu grauenhaften Massakern. Den Einwohnern der aquitanischen Stadt Uxellodonum, die nicht sofort klein beigeben, lässt Cäsar beide Hände abhacken. Historiker beziffern die Zahl der Opfer des Krieges auf 1,2 Millionen, eine weitere Million wird versklavt. Nicht alle Gallier sterben durch das Schwert, viele verhungern. Die römischen Legionen beschlagnahmen die Ernte, roden die Wälder, vertilgen ganze Rinderherden. Dennoch geben die Gallier nicht kampflos auf. Anfang des Jahres 52 einigt der Avernerkönig Vercingetorix die Stämme unter seiner Führung und bringt die Römer in ernste Bedrängnis. Doch im Sommer, nach der Belagerung von Alesia, die grausame Opfer unter der Zivilbevölkerung fordert, muss Vercingetorix aufgeben. Plutarch schildert das traurige Finale: ZITATOR PLUTARCH: „Vercingetorix, der oberste Befehlshaber im Kriege, bewaffnete sich auf das Prächtigste und ritt dann auf glänzend aufgezäumtem Pferd zum Tor hinaus. Einmal sprengte er im Kreis um das Tribunal, auf welchem Cäsar Platz genommen hatte, sprang dann vom Pferde, nahm die Rüstung ab und setzte sich zu Cäsars Füßen nieder, ruhig wartend, bis man ihn in den Kerker führte, wo er für den Triumph aufgespart werden sollte.“ ERZÄHLERIN: Vercingetorix schmachtet sechs Jahre im römischen Staatsgefängnis, ehe er im Triumphzug durch die Straßen von Rom geführt wird. Gleich anschließend erwürgt ihn der Henker. - Gallien ist befriedet – wenn man das so nennen will. Denn Cäsar kümmert sich wenig um das verwüstete Land, überlässt es skrupellosen Steuereintreibern und landgierigen Soldaten. Dennoch: Die Eroberung Galliens ist größer als alle Eroberungen zuvor. Sie prägt die Geschichte Europas für immer. Rom ist nicht länger nur ein Mittelmeerreich. ORIGINALTON PROF. MEIER „Aber nun grenzt Rom an die Nordsee und an den Rhein und wird auf diese Weise erheblich vorangeschoben. (...) Denn im römischen Reich muss man ja, grob gesagt, unterscheiden zwischen dem Osten, der wesentlich griechisch und hellenistisch geprägt ist, und dem Westen, der zivilisatorisch hinter den Griechen sowieso, aber auch hinter Rom und Italien zurücksteht. Und da wächst dann ja die eigentliche römische Zivilisation. Auf diese Weise wird, wenn man so will, Westeuropa stark gemacht.“ ERZÄHLERIN: Doch in Rom gibt es schwere Unruhen. Pompeius befürchtet, gegenüber Cäsar ins Hintertreffen zu geraten und sucht den Schulterschluss mit dem Senat. Cäsar hingegen soll aus Gallien abberufen werden. Das ist ein Angriff auf seine Ehre, den er nicht hinnehmen kann. 49 v. Chr. überschreitet er den Grenzfluss Rubicon und führt seine Truppen gegen Rom. ZITATOR CAESAR: „Alea iacta est – Der Würfel ist geworfen!“ ERZÄHLERIN: Es folgt ein blutiger Bürgerkrieg gegen Pompeius und die mit ihm verbündeten Provinzen. Wie viele Zeitgenossen ist auch der berühmte Redner und Schriftsteller Cicero von Cäsars unbändigem Machtwillen entsetzt. ZITATOR CICERO: Dieser elende, wahnsinnige Kerl, der niemals auch nur einen Hauch des Edlen verspürt hat! Und da sagt er noch, er tue dies alles, um seine Ehre zu wahren. Aber was heißt Ehre ohne Anstand? Ist es etwa anständig, ein Heer in der Hand zu haben, das einem nicht der Staat gegeben hat?“ ERZÄHLERIN: Pompeius flieht nach Ägypten, was sich als schwerer Fehler erweist: Die Ägypter sind zwar keine römische Provinz, aber doch so abhängig von der römischen Großmacht, dass sie ängstlich darauf schielen, wer dort wohl der Mächtigste ist. Man setzt auf Cäsar, bringt Pompeius in vorauseilendem Gehorsam um und präsentiert seinem Gegner seinen Kopf. Plutarch berichtet: ZITATOR PLUTARCH: „Aber Cäsar wandte sich erschüttert ab. Unter Tränen nahm er dann den Siegelring seines Widersachers entgegen.“ ERZÄHLERIN: Der Versuch der jungen Königin Kleopatra, Cäsars Gunst zu gewinnen, gestaltet sich da schon angenehmer. Sie lässt sich, wie Plutarch berichtet, in einen Bettsack einnähen und sozusagen als Wäschebündel verkleidet auf den Schultern eines Dieners in Cäsars Residenz tragen. Andere Quellen erzählen, es sei ein Teppich gewesen, aus dem sich Kleopatra ebenso effektvoll wie erotisch herausgeschält haben soll. Wie auch immer: Cäsar hat’s gefallen. ZITATOR PLUTARCH: „Schon dieser listige Einfall, der Kleopatras mutwilliges Wesen verriet, gewann Cäsars Herz, und vollends erlag er ihrer Anmut und dem Reiz ihres Umgangs.“ ERZÄHLERIN: Cäsar zu verführen ist nicht weiter schwierig, Frauengeschichten hat er ja ständig. Doch die 21-jährige Kleopatra ist eine Herausforderung der ganz besonderen Art: Vollblutweib und Vollblutpolitikerin, Gottkönigin aus einer uralten Dynastie, machtbewusst und mit allen Wassern gewaschen, hoch gebildet, klug, von bestrickendem Charme. Plutarch beschreibt sie so: ZITATOR PLUTARCH: „Ihre Schönheit war, wie man sagt, nicht ganz so unvergleichbar noch von der Art, dass sie gleich beim ersten Anblick Aufsehen erregen konnte. Allein der nähere Umgang mit ihr hatte einen unwiderstehlichen Reiz, und ihre Gestalt, verbunden mit der einnehmenden Unterhaltung und ihren feinen Sitten, machte immer einen tiefen Eindruck.“ ERZÄHLERIN: Kleopatra braucht Cäsars Hilfe, denn ihr Bruder und Mitregent Ptolemäus hat sie aus dem Palast verjagt. Cäsar greift in die ägyptischen Thronstreitigkeiten ein und setzt Kleopatra wieder in ihre Rechte. Dann aber ist ihm die Politik plötzlich ganz egal. Der römische Geschichtsschreiber Sueton berichtet: ZITATOR SUETON: „Am meisten aber war er in Kleopatra verliebt. In ihrer Gesellschaft tafelte er oft bis zum frühen Morgen; auf ihrem Prachtschiff wäre er durch Ägypten fast bis nach Äthiopien gefahren, wenn sich nicht sein Heer geweigert hätte, ihm zu folgen.“ ERZÄHLERIN: Cäsars Offizieren vergeht die Reiselust angesichts der Tatsache, dass sich in vielen Provinzen die Anhänger des toten Pompeius sammeln. Bis heute wundern sich die Forscher darüber, dass Cäsar in seinem Schiff auf dem Nil den Bürgerkrieg wochenlang völlig ignoriert. Keiner findet eine andere Erklärung als die: Die Liebe war ihm wichtiger. Danach geht das Siegen aber umso schneller. 47 v. Chr. nimmt Cäsar die letzten feindlichen Provinzen im Sturm. ZITATOR CÄSAR: „Veni, vidi, vici, ich kam, sah, siegte!“ ERZÄHLERIN: Er kehrt nach Rom zurück und wird zum Diktator ernannt, erst für 10 Jahre, dann auf Lebenszeit. Mit seinen Gegnern in Rom verfährt er überraschend großmütig, denn er braucht ihre Gunst. Von den Neuerungen, die er in die Wege leitet, hat sich bis heute die Kalenderreform erhalten – der Monat Juli ist nach Cäsar benannt. Befremdlich wirkt die Flut von Ehrungen, die der Senat auf Cäsar nieder regnen lässt. Die Anhäufung von Ämtern und Auszeichnungen steigt ihm zu Kopf und macht ihn angreifbar. ORIGINALTON PROF. MEIER: „Es gibt da eine Theorie, schon in der Antike, die besagt, man habe ihn wie ein Opfertier geschmückt. Das heißt, indem man ihn wie ein Gott da herausgehoben hat, hat man ihn auch angreifbar gemacht, weil die Leute gesagt haben, der muss beseitigt werden, denn so einen Gott auf Erden, den können wir hier gar nicht brauchen. MUSIK ERZÄHLERIN: Das Ende ist bekannt. Cäsars blutverschmierte Leiche liegt im Sitzungssaal des Senats, ausgerechnet zu Füßen einer Statue des Pompeius. Die Wirren nach seinem Tod münden in das Prinzipat unter Cäsars Adoptivsohn Oktavian, dem späteren Kaiser Augustus. Das Attentat hat den Nimbus um Cäsars Person noch gesteigert, vielleicht sogar erst entstehen lassen.
- 06.06.202524 min
Maria Theresia schaffte die Folter ab, führte die allgemeine Schulpflicht ein, und reformierte die Verwaltung. Das hätte der 23-Jährigen bei "Amtsantritt" als Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen niemand zugetraut. Bis heute gehört sie zu den erstaunlichsten Gestalten der Ära des Absolutismus. Von Mira Alexandra Schnoor ( BR 2011/2020) Credits Autorin: Mira Alexandra Schnoor Regie: Martin Trauner Es sprachen: Axel Wostry, Aglaia Szyszkowitz, Heiko Ruprecht, Heinz Peter Technik: Angelika Vetter-Wagner Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Prof. Dr. Karl Vocelka (war bis 2012 Leiter des Instituts für Geschichte der Universität Wien, inzwischen ist er außerordentlicher Professor für Österreichische Geschichte der Universität Wien im Ruhestand) KORREKTUR: In der aktuellen Version wurde ein Fehler korrigiert: Statt "Am 13. Mai 1717 wird dem österreichischen Kaiser Karl VI. ..." heißt es nun: "Am 13. Mai 1717 wird Kaiser Karl VI. ..." Das eigentliche "Österreichische Kaisertum", die Donaumonarchie, gab es erst ab 1804. Besonderer Linktipp der Redaktion: COSMO: Lost Sheroes Der mächtigste Pirat aller Zeiten? Eine Frau. Der erste Autor der Menschheit? Eine Frau. In diesem Podcast stellt euch die Schauspielerin Milena Straube immer eine Frau vor, die Großes geleistet hat, die Vorkämpferin, Pionierin, Role Model war. Ihr hört die spannenden Lebensgeschichten unbeachteter Heldinnen. Aus allen Zeiten, aus allen Ländern, aus allen Schichten ZUM PODCAST Linktipps WDR (2020): Franz I. – Ehemann von Maria Theresia Maria Theresia von Österreich war 23, als sie in Wien an die Macht kam. Ihr Vater hatte ihr bewusst einen Mann ausgesucht, der nicht besonders mächtig war: Franz, Herzog von Lothringen. Was im Barock selten vorkam: das Brautpaar kannte sich bereits zuvor und beide liebten einander ein Leben lang. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk Nova (2019): Warum Maria Theresia zum Mann erklärt werden musste Frauen an der Macht sind heute keine Seltenheit mehr. Auch wenn sich viele darüber beklagen, dass dies bei weitem noch nicht oft genug der Fall sei. Die Habsburgerin Maria Theresia war die erste Frau auf dem Thron, die sich in Österreich gegen heftige Widerstände behaupten musste. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger distanziert sich in ihrem Vortrag dennoch von Feministinnen, die Maria Theresia noch heute als Ideal der Weiblichkeit loben. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Titelsprecher: Prolog. MUSIK Erzähler Am 13. Mai 1717 wird dem österreichischen Kaiser Karl VI. und seiner Gemahlin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel eine Tochter geboren, Maria Theresia. 'Nur' ein Mädchen - die Eltern wünschen sich einen männlichen Thronfolger, doch auf Maria Theresia folgen zwei weitere Töchter. Bereits vier Jahre zuvor hatte Kaiser Karl VI. die Thronnachfolge neu geregelt. Das salische Recht, wonach ausschließlich ein männlicher Nachkomme den Thron erben konnte, wurde außer Kraft gesetzt. Die neue Vereinbarung, die Pragmatische Sanktion, bestimmte, dass im Fall des Aussterbens der männlichen Linie der Habsburger die Tochter des letzten Throninhabers zur Herrscherin werden solle und nicht etwa angeheiratete männliche Verwandte. So vorausschauend der Kaiser in dieser Hinsicht handelte, so nachlässig war er bei der Erziehung. Die älteste Tochter erhielt keine Ausbildung, die sie darauf vorbereitet hätte, einmal Regentin einer Großmacht zu werden. Die junge Prinzessin tanzte gern, machte Musik und führte ein geborgenes Leben in ihrer Familie. Sie war übrigens recht hübsch, wie der preußische Gesandte Graf Podewils feststellte: Zitator „Ihr Gesichtsausdruck ist offen und heiter, ihre Anrede freundlich und anmutig. Man kann nicht leugnen, daß sie eine schöne Person ist.“ MUSIK Erzähler 1736 heiratete Maria Theresia den neun Jahre älteren Herzog Franz Stephan von Lothringen, den sie schon seit ihrer Kindheit kannte. Es war, äußerst ungewöhnlich in den Kreisen des Hochadels, eine Liebesbeziehung. Bis zum Tod Franz Stephans im Jahr 1765 waren die beiden 29 Jahre verheiratet oder, wie Maria Theresia berechnete: MARIA THERESIA „Mein glücklicher Ehestand währte Jahr 29, Monat 335, Wochen 1.540, Tage 10.781, Stunden 258.744.“ MUSIK Titelsprecher Eine Frau auf Habsburgs Thron Erzähler 1740 starb Kaiser Karl VI., Maria Theresia wurde zur Herrscherin über viele, unterschiedliche Länder. MARIA THERESIA „Königin zu Ungarn, Böhmen, Dalmatien, Kroatien, Slowenien. Erzherzogin zu Österreich, Herzogin zu Steyer, Kärnten und Krain, Schlesien, Brabant, Limburg, Luxemburg, Mailand, Mantua, Parma, Piacenza. Markgräfin zu Mähren. Fürstin zu Siebenbürgen. Gefürstete Gräfin zu Tirol und Flandern. Markgräfin des heiligen Römischen Reiches zu Burgau.“ Erzähler Dass sie den Thron tatsächlich besteigen konnte, schien zunächst alles andere als selbstverständlich, Maria Theresia musste damit rechnen, auf viel Widerstand zu stoßen, sowohl bei den Regenten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, als auch bei den Untertanen ihrer vielen Länder. Einigermaßen verblüfft konstatierte der venezianische Gesandte in Wien, dass die neue Herrscherin schnell allgemein anerkannt wurde. Zitator "Aus den Provinzen kommen täglich Berichte von der geleisteten Huldigung, alles vollzieht sich in bewunderungswürdiger und gleichsam unerwarteter Harmonie." Erzähler Das Erbe, das sie antrat, war kein glanzvolles. Sowohl die Armee als auch Wirtschaft und Verwaltung ihrer Länder waren marode. MARIA THERESIA „Niemand glaube (ich) werde widersprechen, dass ein gekröntes Haupt in schwerer- und misslicheren Umständen seine Regierung als ich angetreten habe.“ Erzähler Doch die erst 23 Jahre junge Frau ließ sich nicht entmutigen. Sie machte sich sofort daran, eine der prägenden europäischen Herrscher des 18. Jahrhunderts zu werden und ihr Land durch Reformen voranzubringen. Der Historiker Karl Vocelka, Leiter des Instituts für Geschichte der Universität Wien: 1 O-Ton Vocelka1 „Was sie charakterisiert hat ist, dass sie als Frau in eine Männerrolle schlüpfen musste, zur Herrschaft gelangt ist, ohne große Vorbereitung. Ihr Vater hat, obwohl er wusste, dass sie seine Nachfolgerin wird (…) sie dennoch nicht vorbereitet auf diesen Job, auf diese Funktion…“ MUSIK MARIA THERESIA „(Ich habe) die zu Beherrschung so weitschichtiger und verteilter Länder erforderliche Erfahr- und Kenntnüs um so weniger besitzen können, als meinem Herrn Vattern niemals gefällig war, mich zur Erledigung weder der auswärtigen noch inneren Geschäfte beizuziehen noch zu informieren.“ 2 O-Ton Vocelka „… und sie hat sich eigentlich mit Hilfe vieler Berater natürlich sehr gut geschlagen auf diesem Gebiet.“ MARIA THERESIA „Das bisschen Ruhm, das ich mir in der Welt erworben habe, schulde ich der guten Wahl meiner Vertrauten. Ich habe das Glück gehabt, verdienstvolle und rechtschaffene Leute zu finden.“ Erzähler Bei aller Bescheidenheit: Maria Theresia war zum Herrschen geboren. Noch einmal der venezianische Gesandte: Zitator „Sie ist in der Tat nach allgemeinem Urteil so, dass man niemand anderen als sie zur Bewahrung des Erbes des Hauses Habsburg auswählen würde, wenn man die Möglichkeit hätte, frei die Erbin in der ganzen Welt zu suchen.“ MUSIK Titelsprecher Kindersegen oder: MARIA THERESIA „Man kann nicht genug davon haben, in diesem Punkt bin ich unersättlich.“ Erzähler Bereits ein Jahr nach der Hochzeit brachte Maria Theresia ihr erstes Kind zur Welt, die Tochter Maria Elisabeth, die im Alter von drei Jahren starb. Eineinhalb Jahre später, im Oktober 1738, kam Maria Anna, und im Januar 1740 folgte eine weitere Tochter, die aber nur ein Jahr alt wurde. Am 13. März 1741 dann endlich der ersehnte Thronfolger, Joseph. Zwischen 1737 und 1756 gebar Maria Theresia 16 Kinder, das macht in 19 Jahren 16 Schwangerschaften und Geburten. Sechs ihrer Kinder starben im Kindes- oder Teenager-Alter. Die übrigen zehn überlebten ihre Mutter. Die physische Leistung, die Maria Theresia erbrachte, ist kaum vorstellbar. Neben den zahlreichen Schwangerschaften und Geburten musste sie schließlich einen kriegsgeschüttelten Vielvölkerstaat regieren. MUSIK Titelsprecher Arbeiten oder: MARIA THERESIA „Wir leben in dieser Welt, um unseren Mitmenschen Gutes zu tun, denn wir sind nicht für uns selbst da oder gar nur, um uns zu amüsieren.“ Erzähler Maria Theresias Einstellung zur Arbeit war vorbildlich. Sie stand um halb sechs Uhr in der Früh auf und ging zur Messe. Um halb acht Uhr begann sie mit der Arbeit: sie las Akten oder ließ sie sich vorlesen, und empfing ihre Sekretäre und Minister zum Referat. Das dauerte bis zwölf Uhr mittags. Am Nachmittag dann: MARIA THERESIA „4 uhr bis 6 uhr expedirn, schreiben, audienzen.“ Erzähler Der preußische Gesandte Podewils berichtete an seinen König: Zitator „Sie beschäftigt sich viel mit ihren Staatsangelegenheiten und bemüht sich, genaue Kenntnis von ihnen zu bekommen. Sie liest die meisten Berichte ihrer Gesandten, prüft die Entwürfe der Schriftstücke, unterhält sich oft mit ihren Ministern und wohnt den Konferenzen bei, die über Staatsgeschäfte von irgendwelcher Bedeutung abgehalten werden.“ MUSIK Titelsprecher Militärisches oder: MARIA THERESIA „Was für ein abscheuliches Geschäft ist doch der Krieg; er ist gegen die Menschlichkeit und gegen das Glück.“ Erzähler Die junge Königin saß kaum auf ihrem Thron, da begann Friedrich von Preußen einen Krieg. Der König, nur ein paar Monate vor Maria Theresia gekrönt, nutzte die Gunst der Stunde, denn die Habsburger Herrscherin stand ohne schlagkräftige Armee da - ihr Vater hatte es unterlassen, das Armeewesen zu reformieren. MARIA THERESIA „Die ihren Feinden so förchterlich ehedessen geweste kaiserliche Truppen, die für die erste in Europa gehalten wurden, verloren bei Freund- und Feinden den größten Teil ihres Ansehens.“ Erzähler Friedrich II. warf einen begehrlichen Blick auf das reiche Schlesien. Was ihn antrieb, aus dem Nichts einen Krieg zu beginnen, beschrieb er selbst so: Zitator „Beim Tod meines Vaters fand ich ganz Europa in Frieden. (Ich) war im Besitz schlagfertiger Truppen, eines gut gefüllten Staatsschatzes und von lebhaftem Temperament; das waren die Gründe, die mich zum Kriege mit Therese von Österreich, Königin von Böhmen und Ungarn, bewogen. Der Ehrgeiz, mein Vorteil, der Wunsch, mir einen Namen zu machen, gaben den Ausschlag und der Krieg ward beschlossen.“ Erzähler Also wurden tausende Soldaten in Marsch gesetzt, ein verlustreicher Krieg begann, in dem es hauptsächlich um Eitelkeiten, Gier und Machtansprüche ging. Im Dezember 1740 fiel der preußische König in Schlesien ein – der österreichische Erbfolgekrieg hatte begonnen. Er dauerte insgesamt acht Jahre, sämtliche europäischen Mächte waren mehr oder weniger involviert, gekämpft wurde auf verschiedenen Schauplätzen in Europa, Bündnisse wurden geschlossen und sofort wieder gebrochen, wenn es der eigene Vorteil gebot. Aus seiner Position der Stärke heraus verlangte Friedrich II., dass man ihm das besetzte Schlesien offiziell überlasse. Als notorischer Frauenfeind dachte er anscheinend, die junge, unerfahrene Königin mit seinem rechtswidrigen Verhalten und der Stärke seiner Armee einschüchtern zu können. Doch Maria Theresia widersetzte sich und ließ ihrem Widersacher mitteilen: Maria Theresia „Die Königin hat nicht die Absicht, ihre Regierung mit der Zerstückelung ihrer Staaten zu beginnen. (…) Sie (kann) weder einer Gesamt- noch einer Teilabtretung Schlesiens zustimmen.“ Erzähler Auf Maria Theresias Seite standen England, als Erzfeind Frankreichs, Russland, und der unsichere Kantonist Sachsen, während sich Preußen mit Frankreich, Bayern und Spanien verbündete. Der österreichische Erbfolgekrieg ist ein verwirrendes Hin und Her, bei dem Maria Theresia nicht nur gegen Preußen und Frankreich, sondern auch gegen den bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht kämpfen musste. Dieser hatte die Pragmatische Sanktion nicht anerkannt, und erhob Ansprüche auf einige Länder des Habsburger Reiches, da er mit einer Cousine Maria Theresias verheiratet war. Oberösterreich und Böhmen wollte er sich gemeinsam mit den Franzosen erkämpfen. Doch das misslang. Einen Erfolg konnte Karl Albrecht allerdings verbuchen: im Februar 1742 wurde er in Frankfurt zum deutschen Kaiser gekrönt. Als er drei Jahre später starb, änderte sich die Lage. Sein Sohn, Kurfürst Max III. Joseph schloss Frieden mit Maria Theresia und versprach, die Wahl ihres Mannes, Franz Stephan zum deutschen Kaiser zu unterstützen. Die Gefahr aus Bayern war Maria Theresia nun los, nicht aber die aus Preußen, und der Krieg ging weiter. Friedrich II. blieb Maria Theresias lebenslanger Feind. 3 O-Ton Vocelka7 „Maria Theresia hat Friedrich von Preußen gehasst. Sie nennt ihn Scheusal und Bestie, sie hat ihn zutiefst verabscheut und gehasst. (…) Man hat (…) diese Abneigung verstehen können, weil ja in letzter Instanz der Beginn der ganzen Auseinandersetzung, die dann mit den beiden Schlesischen Kriegen und dem österreichischen Erbfolgekrieg 8 Jahre der Herrschaft Maria Theresias ausfüllen, natürlich durch diesen "räuberischen Überfall" Friedrichs von Preußen auf Schlesien ihren Anfang genommen hat.“ MUSIK Erzähler Acht Jahre Krieg. Nachdem der Erbfolgekrieg im Oktober 1748 mit dem Frieden von Aachen beendet wurde, blieben Maria Theresia nur acht friedliche Jahre, bis es 1756 mit dem siebenjährigen Krieg wieder los ging. 4 O-Ton Vocelka12 „Sie hat den Krieg im Prinzip grundsätzlich abgelehnt, aber hat keine großen Alternativen gehabt, als Kriege zu führen, (…) Sie war keine große Kriegsheldin in dem Sinne, dass sie eine Freude am Krieg hatte, sondern sie hat den Krieg als ein notwendiges Übel der Politik der damaligen Zeit betrachtet.“ MUSIK Titelsprecher Die "Kaiserin" Erzähler Mit dem Tod des bayerischen Kurfürsten wurde im Januar 1745 der Kaisertitel wieder frei. Eigentlich hätte er Maria Theresia gehört, denn die Habsburger stellten schon seit Jahrhunderten den deutschen Kaiser. Aber für das Deutsche Reich galt die Pragmatische Sanktion nicht, hier war es unmöglich, dass eine Frau die Kaiserkrone erhalten konnte. Daher wurde Maria Theresias Ehemann Franz Stephan im Oktober 1745 zum Kaiser gekrönt. "Kaiserin" war Maria Theresia fortan nur als Ehefrau des Kaisers. MUSIK Titelsprecher Reformen Erzähler Nicht nur die Armee musste reformiert werden, Maria Theresia stand vor der Aufgabe, Verwaltung, Wirtschaft, Justiz und das Bildungswesen ihres Landes zu erneuern. Sie begann mit einer Heeresreform, denn die Schlesischen Kriege hatten gezeigt, dass die österreichische Armee im europäischen Vergleich nicht bestehen konnte, oder, wie ein Bonmot aus späterer Zeit lautete: Zitator „Österreich hinkt immer nach, um eine Idee oder ein Jahr oder eine Armee.“ 5 O-Ton Vocelka5 „Einerseits waren die Reformen in der Monarchie notwendig. (…). Schlesien ging im 1. Schlesischen Krieg an Preußen verloren (…) und innerhalb kürzester Zeit hat sich herausgestellt, dass Preußen imstande war, mehr Steuern aus diesem Schlesien herauszuwirtschaften, als das die Habsburger Monarchie davor gekonnt hat und das hat gezeigt, dass hier dringende Reformen des Systems notwendig sind. Dort beginnt's auch mit der Steuerpolitik, man hat versucht, die adeligen Stände zu entmachten und die Steuerpolitik ganz zu einer Aufgabe des Staates zu machen. Das zieht viele andere Reformen nach sich. Im Wesentlichen (…) kommt es zu einer Zentralisierung der Verwaltung, der Versuch die Verwaltung in unterschiedlichen Schichten aufzubauen, d.h. bis in die untere Ebene hinein, bis in die Kreisebene hinein gab es eben dann Kreisämter, die sowohl Einfluss auf die Politik des Kreises nahmen, aber auch nach Wien berichteten, also auch diesen Zentralismus verstärkt haben.“ Erzähler Im Gegensatz zu anderen Großmächten war Österreich ein Vielvölkerstaat. Die verschiedenen Länder, die er vereinigte, hatten unterschiedliche Sprachen, Gesellschaftsordnungen, Rechtssysteme und auch unterschiedliche Armeen und Militärausbildungen. Dies alles galt es anzugleichen. 6 O-Ton Vocelka5 „Es gab Reformbedarf in vieler Hinsicht, etwa eine Frage, die in ganz Europa zu diesem Zeitpunkt diskutiert wurde, war die allgemeine Verpflichtung zum Unterricht, also in Österreich gibt’s keine Schulpflicht bis heute, sondern eine Unterrichtspflicht, die Maria Theresia eingeführt hat. Aber auch in vielen anderen Bereichen gab es Reformansätze, die im Geist der Zeit lagen. Es ist letztlich eine Zeit, in der Gedanken der Aufklärung eine Rolle spielen, selbst wenn Maria Theresia nicht als aufgeklärte Monarchin zu bezeichnen ist, so ist doch ihr Umkreis sehr stark von diesem Reformgeist der Aufklärung beeinflusst gewesen.“ MUSIK Titelsprecher. Die alten Werte oder: MARIA THERESIA „Nichts ist so nützlich und heilsam wie die Religion.“ Erzähler Obwohl Maria Theresia viele Reformen auf den Weg brachte und durchaus einen pragmatischen Modernismus pflegte, hielt sie konservative Werte sehr hoch. Als tiefgläubige Katholikin besuchte sie regelmäßig die Messe, unterzog sich Exerzitien und hielt die Fasttage ein. Als Herrscherin und Mutter versuchte sie ihre Landeskinder und ihre eigenen Kinder vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Vor aufklärerischen Gedanken zum Beispiel. Eine Zensurbehörde hatte Schriften zu verbieten, die die katholische Religion oder die gesellschaftliche Ordnung in Frage stellten. Laster und Unmoral ihrer Untertanen versuchte Maria Theresia mit teilweise drastischen Mitteln zu bekämpfen: eine Keuschheitskommission sollte dafür sorgen, dass Prostituierte von den Straßen verschwanden und bestraft wurden. Auch die Freier - oft verheiratete und angesehene Mitglieder der besten Gesellschaft - sollten überwacht werden. Das Gut der Ehe war eines der höchsten für Maria Theresia, sie war glücklich mit Franz Stephan verheiratet und hielt ihm selbstverständlich lebenslang die Treue. 7 O-Ton Vocelka4 „Er hingegen hat durchaus auch andere Abenteuer gehabt und böse Zungen haben behauptet, schon Zeitgenossen haben behauptet, dass Maria Theresias Einrichtung der Keuschheitskommission nicht zuletzt ein Überwachungsmechanismus für ihren untreuen Gemahl gewesen sein könnte.“ MUSIK Titelsprecher Der Tod des Kaisers: MARIA THERESIA „Ich lebe dahin wie ein Tier, habe kein Gefühl und keine Vernunft, ich vergesse alles.“ Erzähler 1765 erlag Kaiser Franz Stephan in Innsbruck einem Herzinfarkt. MARIA THERESIA „Kaiser Franciscus mein Gemahl hat gelebt 56 Jahr, 8 Monat, 10 täge, ist den 18 augusti 1765 gestorben halbe 10 Uhr Abends.“ Erzähler Maria Theresias Witwenschaft sollte fünfzehn Jahre dauern. Sie litt. Doch ihr Pflichtgefühl verbot es ihr, sich ganz von der Regierung zurückzuziehen. Ihr Sohn wurde nach dem Tod seines Vaters zum neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt und von Maria Theresia zu ihrem Mitregenten ernannt. MUSIK Titelsprecher Mutter und Sohn oder: MARIA THERESIA „Es ist fürwahr ein großes Unglück, mit dem besten Willen verstehen wir uns nicht.“ 8 O-Ton Vocelka6 „Joseph II. war von all den Herrschern des 18. Jahrhunderts ganz sicher der am weitesten mit dem Gedankengut der Aufklärung vertraute, und auch das Gedankengut der Aufklärung umsetzende. Die zwei Kernfragen der Aufklärung hat ja Maria Theresia schon unter dem Einfluss ihres Sohnes gelöst, nämlich die Frage der Abschaffung der Folter. Und auf der anderen Seite der zweite große Diskurs war die religiöse Toleranz. Die ist erst unter Joseph II. zustande gekommen. Maria Theresia war religiös sehr intolerant als sehr eifrige Katholikin. Die Zusammenarbeit von Mutter und Sohn hat natürlich nicht sehr gut geklappt. Die beiden waren grundverschieden von ihrer Zugangs¬weise zu den Dingen und es gab einen heftigen Generationenkonflikt, (…) weil Joseph II. in vieler Hinsicht sehr viel radikaler die Gedanken der Aufklärung vertreten hat, als das seine Mutter je gekonnt hat.“ Erzähler Ihre Vorstellungen in politischen und gesellschaftlichen Fragen klafften weit auseinander, und der Versuch Übereinstimmungen zu finden, zermürbte beide. MARIA THERESIA „Ich bin so unglücklich, den Kaiser meistens nicht von meinen Absichten überzeugen zu können. Er hat sehr oft andere: das bringt viel Nachteil für die Geschäfte mit sich und macht mir das Leben unerträglich.“ MUSIK Titelsprecher Das Ende oder: MARIA THERESIA „Ich kann mich nicht beklagen: der Mensch muss aufhören.“ Erzähler Nach all' den Schwangerschaften und Geburten, den Sorgen um ihr Land und der schwierigen Regentschaft mit ihrem Sohn war Maria Theresia im Laufe der Jahre müde und krank geworden; sie war sehr korpulent, kurzatmig und fast blind. Am 29. November 1780 starb sie im Alter von 63 Jahren. 9 O-Ton Vocelka14 „Bei den Österreichern hat es ganz sicherlich einen bis heute prägenden Eindruck hinterlassen, man spricht von der Maria-Theresianischen Epoche. Maria Theresia ist eine der beliebtesten Persönlichkeiten auch heute noch, wenn man Österreicher befragt, fast gleichauf mit Leuten wie Mozart. Und zweifellos hat ihre Epoche, die eine Epoche der Modernisierung des Staates ist, wo es einen erheblichen Modernisierungsschub gegeben hat, wo eine Verwaltung geschaffen wurde, die grundlegend bis zum Ende der Monarchie bestanden hat und in manchen Elementen darüber hinaus ihre Wirkung gehabt hat, hat eine ganz große Vorbildrolle gespielt und ist eine ganz eine wichtige Epoche zumindest für die Geschichte der Habsburger Monarchie und die österreichische Geschichte.“
- 06.06.202526 min
Friedrich der Große förderte nicht nur die Kartoffel, sondern auch den Seidenbau. Ausgerechnet im unwirtlichen Brandenburg. Dazu ließ er die Eier des Seidenspinners nach Preußen bringen, warb Fachkräfte aus dem Ausland an, ließ Waisenkinder im Seidehaspeln anlernen und machte sich damit herzlich unbeliebt. Von Katharina Hübel (BR 2020) Credits Autorin: Katharina Hübel Regie: Axel Wostry Es sprachen: Heiko Ruprecht, Katja Schild, Axel Wostry Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Susanne Evers, Dr. Silke Kamp Besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2025): WirTier Dieser Podcast erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen und Erkenntnisse über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und lassen uns teilhaben an ihrem Wissen über Tiere. Denn auch Forscherinnen und Forscher wissen zunehmend: Tiere haben Gefühle, Intelligenz und ein Sozialleben. Und auch Vici und Julius, die Hosts von WirTier, verändern sich durch diese Begegnungen – und stellen sich vielfältigen Herausforderungen auf der Weide, im Garten oder auch in freier Wildbahn. ZUM PODCAST Linktipps planet wissen: Geschichte der Seide Seit die Seidenherstellung vor gut 5000 Jahren in China entdeckt wurde, ranken sich um den begehrten Stoff Geheimnisse und Mythen. Dabei hat die Seide nicht nur die Mode, sondern auch die Wirtschaft ganzer Länder beeinflusst. JETZT LESEN WDR (2021): Friedrich der Große erlässt den Kartoffelbefehl Friedrich der Große liebte Kartoffeln: Weniger für sich, um so mehr für seine Untertanen. Immer wieder versuchte er, die Kartoffel unters Volk zu bringen: Mit Tricks, durch Predigten - und in Befehlen. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitatorin: „Leider haben sich die Würmer einigermaßen zu Krankheiten geneiget, welche darin bestehen, dass sie häufig auf den Rändern laufen, durch starke Bewegungen eine gewisse Angst äußern und sogar das frische Futter meiden. Einige fressen sehr gut, bleiben aber dessen ungeachtet klein und vertrocknen auch an den Schachteln, welches eine Art von Schwindsucht ist.“ Sprecher: Das ist der Bericht von Anne Marie Baral, einer bemerkenswerten Frau. Ehemalige Tagelöhnerin. Witwe. Alleinerziehende Mutter. Eine von den Armen im Preußen des 18. Jahrhunderts. Sie hat eine steile Karriere gemacht und ist Angestellte von keinem Geringeren als von Friedrich dem Zweiten, dem preußischen König. Seinem Kommissar legt sie Rechenschaft ab: Zitatorin: „Die meisten dieser kranken Würmer sind blanke Würmer, welche zuletzt, nachdem sie an den Rändern gelaufen, platzen und auslaufen“ Sprecher: „Die Würmer“, um die sie sich sorgt, sind: „Seidenwürmer“, also: Seidenraupen. Anne Marie Baral ist königliche Seidenbauerin im „Jägerhof“ zu Potsdam, einer so genannten „Seidenbau-Musteranstalt“, in der landesweit ausgebildet wird. Eine absolut privilegierte Position: Anne Marie Baral bekam ein jährliches Gehalt von 150 Reichstalern und war mit Abstand die bestbezahlte Seidenkultivateurin des Landes, zudem konnte sie mietfrei wohnen und erhielt Gewinnbeteiligung, mehr noch: die königlichen Behörden verpflichteten für sie Pflücker, die das Futter für die Seidenraupen besorgten und anlieferten. Baral musste nichts davon finanzieren, die Kosten trug Friedrich der Große. Auch für die sechs Waisenkinder, die ihr bei der Pflege und Aufzucht der Raupen halfen, bezahlte sie keinen Groschen: der König höchstpersönlich verpflichtete die Waisen und sah seinerseits ebenfalls davon ab, sie zu bezahlen – in seinen Augen erhielten sie genug Lohn in Form einer Gratis- Ausbildung. Anne Marie Barals Tochter Susette hingegen wurde vom König bezahlt mit vier Groschen Lohn pro Tag. Zudem erhielten die Barals 16 Lot Graines frei Haus. Musik „Graines“ - die Eier des Seidenspinners, aus dem die Raupen schlüpfen. Die fressen sich einen guten Monat lang groß und spinnen sich dann in einen Kokon ein, den Seidenkokon. Sofern sie solange überleben. Eine verwegene Vision Friedrichs des Großen: Ausgerechnet im klimatisch wechselhaften, unwirtlichen Brandenburg heimische Seide gewinnen zu wollen. Er versuchte es mit allen Mitteln: Anne Marie Baral hatte drei beheizbare Säle und bekam Holz fürs Befeuern geliefert. Doch all das reichte nicht. Zitatorin: „So beklagte ich mich wegen Mangel an Futter. Da nun dieses wohl daher kommt, weil die Arbeiter beym Schneiden zu nachlässig sind, und statt, wenn gutes Wetter ist, um acht Uhr aufhören könnten, so hören selbige schon um vier Uhr auf. Bitte demnach Euer Hochwohlgeboren denen Leuten scharf anzubefehlen, dass selbige fleißiger schneiden und ich mehr Futter bekomme, sofern die Würmer vor Mangel der Blätter umkommen müssen.“ Sprecher: …berichtet Anne Maria Baral dem so genannten Seidenbaukommissar, der im Auftrag von Friedrich dem Zweiten alle Arbeiten rund um die Gewinnung preußischer Seide kontrollierte. Die Seidenraupen – normalerweise in wärmeren, asiatischen Gefilden heimisch – sind wählerisch: Sie fressen nur die Blätter des Maulbeerbaumes. Und da Friedrich der Große unbedingt mit eigener Seide glänzen wollte, griff er ein Jahr nach seiner Thronbesteigung per Dekret in die Flora Brandenburgs ein: Er ließ tausende Linden fällen und machte Platz für Maulbeerbäume. Samen wurden verteilt, für je 1.000 Stämme gab es eine Geldprämie von 50 Thalern. Manche der Maulbeerbäume stehen heute noch, gut 200 Jahre später, wie in Zernikow. Die Historikerin Dr. Silke Kamp hat dort die Dauerausstellung „Vom Maulbeerbaum zur Seide“ wissenschaftlich begleitet. Sie weiß: Der Pflanz-Befehl des absolutistischen Herrschers war nicht von heute auf morgen umsetzbar. 01 / OT Kamp Diese Bäume müssen erstmal in Baumschulen, bevor sie ins Freiland gesetzt werden, müssen in den ersten Jahren auch noch sehr liebevoll gepflegt werden, damit sie nicht eingehen, nicht vertrocknen, auch regelmäßig beschnitten werden. Musik Sprecher: Das Gedeihen der Maulbeerbäume im unwirtlichen Brandenburg war oberste Staatsaufgabe: Selbst die Akademie der Wissenschaften unter Leitung des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz beschäftigte sich damit. Auch die Königliche Realschule bildete aus, Plantagen-Inspektoren und Kreisgärtner schwärmten aus, um auf dem Land den Anbau zu überwachen. Friedrich der Große selbst unternahm Reisen ins Brandenburgische. Selten war er zufrieden. Er schreibt an die Kammer: Zitator Friedrich „...die Amtleute ernstlich zur Befolgung ihrer Pflicht anzuhalten. Es seindt Faule Esels“ Sprecher Der König wurde zum Botaniker. Zitator Friedrich „Glaubwürdigen Berichten zufolge werden die meisten Maulbeerbaumplantagen nicht richtig kultiviert, sondern von Anfang an dadurch verdorben, dass die Baumwurzeln nicht ordentlich beschnitten werden“ Sprecher: Friedrich war ungeduldig mit seinen Untertanen. Doch der Seidenbau erforderte enorme Fachkenntnis. Italien und Frankreich waren damals die führenden Nationen im Seidengewerbe – ihnen wollte Friedrich Konkurrenz machen. Die absolutistischen Herrscher standen im Wettkampf - um Gebiete, wirtschaftliche Unabhängigkeit und Prestige. Doch das Geschäft mit der Seide war durchaus heikel und wirtschaftlich riskant. Wer sollte das wagen? Wie sollte die nötige Kenntnis nach Preußen kommen? Friedrich der Zweite warb kurzerhand Facharbeiter aus dem Ausland an. Silke Kamp: 02/ OT Kamp Zum Teil hatte man sie durch das Edikt von Potsdam durch die Aufnahme der Hugenotten auch bereits im Land. Oder bereits Nachfahren dieser französischen Religionsflüchtlinge und konnte auf deren Wissen zurückgreifen. Sprecher: Wie auf das von Anne Marie Baral, eine der geschicktesten Seidenhasplerinnen, die Brandenburg wohl hatte, wenn man dem Obersten Seidenbauinspektor glauben mag. Sie war die Tochter von Hugenotten und lebte schon länger in Potsdam. Die Fertigkeit des Seidehaspelns – also des Abwickelns des Seidenfadens – hat sie von ihren Eltern gelernt. Know-How war für die Hugenotten die Chance, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Anne Marie Baral bildete auch Lehrlinge aus. Musik Der Arbeitsplatz einer Hasplerin sieht so aus, 03 / OT Kamp dass vor ihr ein Behältnis mit heißem Wasser steht, in dem die Kokons eingeweicht werden. Die werden zu mehreren herausgefischt und (…) behutsam über eine Spule gelegt, die dann durch eine Kurbel angetrieben (…) den Faden langsam abwickeln vom Kokon. Und das erfordert dann sehr viel Geschick, dass man darauf achtet, dass sich diese Kokons nicht untereinander verheddern, daher das Wort verhaspeln. Sprecher: Auch die Seidenraupen selbst erforderten viel Sorgfalt. 30 bis 45.000 Raupen versorgte Anne Marie Baral pro Saison. Die Eier lagerte sie in kleinen Papierschachteln auf Holzregalen, die penibel reingehalten werden mussten, sortierte kranke und tote Raupen aus, versorgte die anderen bis zu fünf Mal täglich mit frischem Futter. 1.500 Kilogramm Maulbeerbaum-Blätter benötigte sie in der Saison, jeden Tag frisch angeliefert. Sprecher: Daher ordnete Friedrich der Große an, dass preußische Beamte und Pastoren auf ihren Grundstücken und Kirchhöfen Maulbeeren pflanzen und Seide kultivieren sollten. Daraufhin pflanzten Adlige Maulbeerbaum-Alleen bei ihren Schlössern. Doch vor allem niedere Stände trafen Zwangsmaßnahmen. Die Bauern wurden ohne Nutzen für sich selbst verpflichtet – zu ihrem Leidwesen. 05 / OT Kamp Der Baum selber bringt dann auch keinen Ertrag, wenn der Seidenbau (…) schiefläuft, weil die Raupen sich nicht entwickelt haben, weil sie durch Krankheit dahingerafft wurden, weil es Fäulnis gab. All diese Faktoren, die (…) oftmals zum Totalausfall führten. Das frustrierte die Bauern ungemein, denn sie waren darauf angewiesen, genau abzuwägen, was lukrativ ist, was Gewinn bringt und sie hätten die Bäume lieber umgehauen, um wenigstens Obstbäume zu pflanzen. Sprecher: Sie versuchten es zum Teil – und wurden rigoros bestraft. Die Bauern mussten gezwungen werden. Nicht die besten Voraussetzungen für Friedrichs Projekt. 06/ Kamp Man muss verstehen, dass sich diese Seidenkultur nicht etabliert hat und auch nicht etablieren konnte, weil sie nicht über Jahrhunderte gewachsen ist wie in Italien oder Frankreich, in den Dörfern der Cevenne, wo jede Familie nebenbei auch noch Seide kultiviert. Hier muss sich diese Seidenkultur in die bestehende Landwirtschaft einordnen. Sprecher: Und sie will nicht so recht ins bäuerliche Jahr passen. Seidenraupen brauchen konstant Wärme – doch der Sommer kommt nicht in Frage – ab Juli ist Ernte in Brandenburg. 07/Kamp Sie brauchen Wagen, auf denen das Laub transportiert werden muss. Das sind dann Fuhrwerke, die dann den Bauern eventuell fehlen in der Erntezeit, daher waren sie allein deswegen schon nicht besonders glücklich darüber, da so in die Pflicht genommen zu werden. Sprecher: Der Seidenbau wurde also vorgezogen – in den unwirtlichen, klimatisch wankelmütigen Mai. Ein Problem für die empfindlichen Seidenraupen. Von den 45.000 Eiern blieben Anne Marie Baral am Ende vielleicht 50 Kokons. Silke Kamp: 08 / OT Kamp (…) Wenn es dort zu Temperaturschwankungen kommt, dann wird dieser Faden, der gesponnen wird von der Raupe, auch unterbrochen. (…) Der Faden erreichte nicht diese Länge wie von der italienischen oder französischen Seide von bis zu vier Kilometern. Musik Sprecher: Für aufwändige Webarbeiten mit komplexen, mehrschichtigen Mustern, benötigen die Webstühle lange, stabile Fäden. Ein Faden, der reißt oder zu kurz ist, bewirkt Unebenheiten im Stoff. Auch beim Färben gibt es Probleme bei minderwertigen Seidenfäden. Und so war Friedrichs Landseide für die aufwändigen Seidenstoffe ungeeignet. Der Faden hatte keine besondere Qualität. Wofür also der ganze Aufwand? Friedrich der Zweite war es leid, seinen politischen Konkurrenten viel Geld zuzuschustern, indem er teure Rohseide oder auch fertige Seidengewebe importierte. Wirtschaftspolitische Maxime war der so genannte Merkantilismus. Die eigene Wirtschaft zu subventionieren und aufzubauen und gleichzeitig ausländische Güter auszubremsen durch Zölle oder Importstopps. Und Preußen brauchte viel Seide. Schon allein fürs Militär – für Seidenstrümpfe und seidene Haarbänder. Was manieriert klingt, war höchst funktional: Seide war damals die einzige reißfeste Faser. Doch Friedrich der Große wollte mehr als Strümpfe. Doktor Susanne Evers ist Kunsthistorikerin bei der Stiftung preußische Schlösser und Gärten und eine Kennerin der Seidenkunst unter Friedrich dem Großen. 09 / OT Evers Es war ihm natürlich auch unglaublich wichtig zu zeigen, dass sein Land, das ja erst seit relativ kurzer Zeit zu den europäischen Größen gezählt werden konnte, dass eben in diesem Land diese hochwertige Kunst auch hergestellt werden konnte, dass man sich schmücken konnte mit Werken, die in eigenen, in heimischen Manufakturen gefertigt wurden. Das war damals ein ganz großer Prestigepunkt. Und Friedrich hatte es halt relativ nötig. Weil er eben ein Neuling war. Musik Sprecher: Friedrich der Große wollte eine ganze Industrie aufbauen. Er investierte in Seidenmühlen, die den Zwirn herstellten und in königliche Manufakturen, Webereien, die Stoffe für Kleidung und Tapeten herstellten. Susanne Evers: 10 / OT Evers Die Textilmanufakturen, die Fabrikation war eigentlich einer der führenden Wirtschaftszweige. Es waren unglaublich viele Menschen an der Herstellung von Textilien beteiligt. (…) Dazu kommt noch, dass in diesem Bereich auch die Technologie gefordert war. Das heißt, man musste immer wieder neue Innovationen wagen, um die Webstühle auf den neuesten Stand zu bringen. Musik 11/ OT Evers Wie wird ein Webstuhl eingerichtet, damit man die komplizierten Muster tatsächlich fabrizieren kann? Das war im Land einfach nicht vorhanden. Deswegen hat Friedrich gleich nach seiner Thronbesteigung auch Edikte erlassen, dass aus den führenden Seidennationen, das war in erster Linie natürlich Frankreich, aber auch Italien und auch Holland, dass Musterzeichner, Färber und eben einfach auch Weber nach Preußen gelockt wurden, muss man sagen: mit Anreizen, mit Unterstützung von Ansiedlung und so weiter. Sprecher: Es waren Hugenotten, die bei der Einreise schon eine Generation vorher ganze Webstühle mitgebracht hatten, das Wissen, sie zu konstruieren und zu bedienen. Es waren Zeichner von Webmustern aus Italien und Holland, es waren so genannte „Liseurs“, diejenigen, die die Muster lesen und auf den Webstuhl übertragen konnten, es waren Ziehjungen, die halfen, den Webstuhl zu bedienen; Färber, die wussten, die Seide zu färben. Und jüdische Unternehmer, die das finanzielle Risiko wagten, um beruflich Fuß fassen zu können. Anfangs brachten die preußischen Seidenmanufakturen trotzdem nur einfache Stoffe zustande. Aus Lyon, dem führenden Zentrum der Seidenkunst, kamen die kompliziertesten Motive für Seidentapeten her, dort wurden die fehlerfreisten Stoffe aus der hochwertigsten Seide gewebt. Dieses Niveau wollte Friedrich der Zweite erreichen. 11 / OT Evers Was sich mit der Zeit entwickelte, waren dann mehrschichtige Muster, die ein Grundgewebe hatten, eine erste Musterebene und oft auch noch eine zweite. Und das ist technologisch sehr kompliziert. Sprecher: Beispielsweise ein Stoff mit Hintergrundmuster, auf das dann Blumen gewebt wurden, die sich plastisch in einem 3-D-Effekt abhoben. Die preußischen Webereien machten unter Friedrich dem Zweiten eine enorme technische Entwicklung durch und konnten nach einiger Zeit eben auch diese aufwändigen Stoffe herstellen, die sich mit der internationalen Konkurrenz messen ließen. Kunsthistorikerin Susanne Evers: 12 / OT Evers Ein schönes Beispiel ist ein Brief von der Schwester Friedrichs des Zweiten. Er hat offensichtlich seiner Schwester einen schönen Stoff geschickt und sie schreibt zurück, dieser Stoff ist ja wundervoll. Sie ist völlig überrascht, dass der in Preußen hergestellt werden konnte. (…) Sie hätte sich einen großen Spaß daraus gemacht, all ihren Bekannten diesen Stoff zu zeigen. Und alle hätten gedacht, er wäre aus Frankreich. Sprecher: So sehr Friedrichs Zeitgenossen beeindruckt waren - für einen solch aufwändigen Stoff nahmen die preußischen Webereien keine heimische Seide her, bis zum Schluss nicht. Sie benötigten die besseren Seidenfäden aus dem Ausland. Friedrich der Große kam nicht ohne importierte Rohseide aus. Die in Brandenburg gewonnene so genannte Landseide war nach wie vor von minderer Qualität und reichte auch von der Menge her nicht aus. Dieser Makel blieb. Dennoch ist der Preußenkönig stolz auf die heimische Webkunst, er sucht eine Art „Showroom“ und findet ihn im „Neuen Palais“ in Sanssouci. Nach dem Siebenjährigen Krieg stattet er dieses repräsentative Gästeschloss aus, das sogar öffentliche Besuchszeiten für Untertanen hatte. Susanne Evers kennt dort jedes Detail. 13/ OT Evers Es ist nirgends in einer Quelle geschrieben, dass das Neue Palais das Musterbuch der Seidenproduktion ist. Aber die Beobachtung legt das sehr nahe. (…) Es ist so, dass in diesem Haus wirklich alle Qualitäten der Seidentapetenkunst, die es damals gab, vorhanden sind. (…) Das ist außergewöhnlich. Sprecher: Seidentapeten waren damals tatsächlich die wertvollsten Kunstobjekte in den Schlössern. Das zeigt sich unter anderem daran, dass auch Friedrichs Schlösser im Siebenjährigen Krieg geplündert wurden – Seidenstoffe waren oft Kriegsbeute. 14 / OT Evers Das fand ich auch spannend, das war lange gar nicht so bekannt. Offensichtlich war es so, dass man so einen hohen Preis zahlte für solche Seidenstoffe, dass es sich sogar lohnte, eher die Stoffe als zum Beispiel die Gemälde mitzunehmen. (...) stattdessen schnitt man tatsächlich rundum so einen Seidenpaneel aus der Wand aus. Auch von Stühlen und von Sesseln hat man den Bezug abgeschnitten. Sprecher: Friedrich der Zweite kam also 1763 aus dem Krieg wieder und musste seine Schlösser neu ausstaffieren. Und das bei leeren Staatskassen. Dennoch: die perfekte Gelegenheit für eine Leistungsschau der preußischen Seidenkunst. 15 / OT Evers Da ist sicherlich vieles auch auf Pump gewesen. Er hat ja auch das Neue Palais selbst, eine Fanfaronade, also eine Angeberei genannt. Aber er wollte damit zeigen, wir sind wer. Wir sind jetzt unter den wichtigsten fünf in Europa. (…) Ich habe mal ausgerechnet nach dem, was in den Rechnungen überliefert ist, dass ein ganzer Raum mit einer allerhöchsten Qualität der reichen Seidenstoffe bis zu 8.400 Taler gekostet hat. Der Stoff für einen Raum mit ganz einfacher Seidenbespannung war dann nur knapp 2.000 Taler teuer. Was haben andere Dinge gekostet? Da kann man sagen, ein Gemälde von Antoine Pesne, das war damals der bekannteste Hofmaler, hat 200 Taler gekostet. Sprecher: Fast nichts im Vergleich zur Seide, die also ganz entscheidend zum Prunk, zur „Fanfaronade“, beigetragen hat. Musik Sprecher: Seide als Teil einer universalen königlichen Raumkunst – für die Kunstgeschichte ein Gewinn. Doch für die Menschen damals? 18 / OT Evers Es gibt sehr viele Reiseberichte, die wirklich sehr lobend über diese Ausstattung schreiben. Aber es ist nicht so, dass er eine große Nachfolge gehabt hat. Denn der Zweck war natürlich unter anderem auch, dass die Bestellungen in den Manufakturen sich stapeln. Dass die Menschen, die dahinkommen sagen: das will ich auch. Das hat nicht geklappt. Sprecher: Friedrich der Große kam zu spät. Die Mode war längst eine andere: Papiertapeten, auch fürs Bürgertum erschwinglich. Die Seidenmanufakturen überlebten noch einige Zeit dank königlicher Aufträge, die aber auch weniger wurden. 19 / OT Evers Das ist so ein schleichender, schleichender Abschied gewesen. Sprecher: Doch Friedrich der Zweite hatte mit seiner Vision trotz aller Anstrengungen und Hindernisse auch etwas geschaffen, das blieb: Er hatte es geschafft, die Textilindustrie auszubauen, Technologie, Wissen und Fachkräfte ins Land zu holen und Arbeit für sozial ausgegrenzte Gruppen zu schaffen. Musik Und der Seidenbau? Millionen von Maulbeerbäumen prägten zwei Jahre vor Friedrichs Tod das Landschaftsbild und immerhin fünf Prozent der Seide konnte Preußen selbst produzieren. Doch bei all den Subventionen über fast 50 Jahre - ein wirtschaftspolitisches Desaster. Historikerin Silke Kamp: 20 / OT Kamp Die Geschichtsschreibung hat sich sehr lange dagegengestemmt einzugestehen, dass der Seidenbau wirtschaftlich nicht erfolgreich war. Sprecher: Und den Untertanen einfach lästig. Nach dem Tod von Friedrich dem Zweiten, ab 1786, holzten viele die ungeliebten Maulbeerbäume einfach ab. Friedrich und die Seidenraupen – ein historisches Kapitel voller Widerstände, Mühen und Kuriositäten. Was so energisch begann, war letzten Endes dann doch nur eine sehr anstrengende Illusion. Musik



















