
Ein Album aufzunehmen lohnt sich wirtschaftlich kaum noch, und Hannes Ringlstetter macht sich darüber keine Illusionen. „Musik ist per se quasi kein Geschäftsmodell mehr”, sagt der Musiker, Kabarettist und frühere Late-Night-Gastgeber des Bayerischen Rundfunks. Das habe ihn erst gestresst, dann befreit: Wo nichts zu gewinnen ist, muss auch nichts auf Single und Radiolänge zugeschnitten werden. „Man kann auch wieder Lieder mit sieben Minuten aufnehmen.” Seine Plattenfirma lädt Fans und Presse deshalb zu Listening Sessions ein, bei denen das neue Album gemeinsam auf Vinyl gehört wird, von vorne bis hinten. Was die Platte von der Playlist unterscheidet, fasst Ringlstetter knapp: „Es ist halt hören. Es ist halt nicht nebenbei.” Dem Streaming verdankt er als selbsterklärtes „musikalisches Trüffelschwein” trotzdem viel, und viele Hörer fänden seine Lieder ohne Algorithmen gar nicht. Bedauerlich sei nur, dass niemandem ein vernünftiges System einfällt, die Musiker dafür zu bezahlen.
Die Sehnsucht nach dem Ungehetzten erklärt auch, warum er seine Show nach rund 250 Sendungen und 500 Gästen beendet hat. Zwölf Minuten Talk pro Gast, die Lautstärke, die Taktung, irgendwann drohe aus der Begegnung eine Abfrage zu werden. „Ich wollte auf keinen Fall erleben, dass ich irgendwann da sitze und mich das nicht mehr interessiert.” Heute führt er lange Gespräche im eigenen Podcast und hat die Nachrichten-Apps von seinem Telefon gelöscht, weil er ohne Ruhe nicht kreativ sein kann. Das Tempo der Gegenwart beschädige auch das Denken: „Wir haben halt irgendwann Informationen mit Meinung verwechselt.” Bei Politikern vermisst er vor allem einen Satz, nämlich „Ich weiß es nicht”. Erst der zugelassene Zweifel schaffe Raum für Argumente und Lösungen. Und ihn beschäftigt die bittere Beobachtung, dass derzeit ausgerechnet die Rechten als Einzige eine Zukunft beschreiben, während die Mitte das Bestehende verteidigt. Gebraucht würden Bilder, „die über ‚Wir lassen uns die Demokratie nicht kaputt machen’ hinausgehen”.
Einen Ort, an dem so etwas beginnen könnte, sieht Ringlstetter im Konzert. „Es muss Orte geben, die frei sind von all dem”, sagt er, Orte, an denen ein Idiot ein Idiot ist, wenn er einem das Bier übers Hemd kippt, egal was er sonst denkt. Nach der Pandemie und in der jetzigen Stimmung habe diese Idee für ihn neue Kraft gewonnen: „Wir gehen rein in diese Halle, und die gehört jetzt uns allen gleich.” Sein neues Album „Bellavista” erscheint in wenigen Tagen, im Januar und Februar geht er auf Tour, mit einem Halt in der Münchner Isarphilharmonie.
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