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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Angst vor der Dunkelheit - Was die Finsternis unheimlich macht

30.10.2025 · 20 Min.

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Über diese Folge

Fast jedes Kind kennt sie: die Angst vor der Dunkelheit, ein kulturübergreifendes Phänomen. Ohne sich mithilfe des Sehsinns orientieren zu können, tauchen die Menschen in eine Sphäre der Unsicherheit, viele fühlen sich unheimlichen Phantasien preisgegeben. Warum ist das so? RadioWissen ist der Angst vor der Dunkelheit auf der Spur. (BR 2021) Autorin: Susanne Hofmann

Credits
Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger, Peter Lersch, Thomas Birnstiel, Chonstanze Fennel
Technik: Viktor Verres
Redaktion: Iska Schreglmann

Im Interview:
Eva-Maria Fassot, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in der Hochschulambulanz der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Carina Breidenbach, Dozentin der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der LMU München – Promotion zu „Poetiken der Angst und Paranoia in Textens des 20. und 21. Jahrhunderts“.
Prof. Ulrich Bröckling, Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Musik: Bitter intrigues 0‘49

1. ZUSPIELUNG Kinder (kürzbar)

„Ich hab Angst, wenn es in meinem Zimmer knackst und ich bin allein im dunkeln Zimmer … 

Da trägt mich Papa immer ins Bett und da lassen sie die Tür ein bisschen offen, weil es mir dann zu dunkel ist – und dann kommt ein bisschen Licht rein in dein Zimmer – weil ich denk immer, dass dann Geister kommen – ganz gruselig! – da will ich lieber immer wach bleiben“

Hanna: oder abends allein draußen, da hab ich schon mehr Angst, weil da können auch Füchse zum Beispiel

ERZÄHLER

Die Angst vor der Dunkelheit oder vor dem, was da im Dunkeln alles lauern könnte, ist eine Angst, die Kinder für gewöhnlich im Alter von drei bis vier Jahren entwickeln. Diese Angst steckt uns seit Millionen von Jahren quasi in den Knochen, sie ist ein Erbe der Evolution, erklärt Diplompsychologin Eva-Maria Fassot [französische Aussprache] von der Universität Freiburg.

2. ZUSPIELUNG Fassot 00:10

„Wenn man sich überlegt, wie unsere Vorfahren gelebt haben, dann ist es schon so, dass Angst vor Dunkelheit sicherlich einen Anpassungsvorteil früher mit sich gebracht hat. Es macht heutzutage bestimmt nicht mehr so viel Sinn. Aber wenn Sie jetzt sich heutzutage auf eine Safari begeben oder im Outback sind, ist es sicherlich immer noch empfehlenswert, wenn Sie vor Dunkelheit eher Angst haben. Also Angst vor Dunkelheit hat ursprünglich bestimmten evolutionären Vorteil gebracht.“

Musik: Z8023888135 Cold analysis 0‘28

ERZÄHLERIN

Unsere frühen Vorfahren waren Raubtieren, die in der Dunkelheit lauerten, weitgehend hilflos ausgeliefert. Nur wer ein gut funktionierendes inneres Alarmsystem besaß und auf Gefahren schnell durch Flucht oder Kampf reagierte, sicherte das Überleben seiner Gene. Ebenso lebensrettend konnten in der Frühzeit des Menschen andere Ängste wirken, die Furcht vor Schlangen zum Beispiel oder vor Spinnen. 

ERZÄHLER

Auch diese Empfindungen sind nach Meinung einiger Wissenschaftler seitdem biologisch in uns angelegt, sie sind eine anthropologische Konstante und leben in vielen von uns bis heute fort – obwohl sie streng genommen in einer weitgehend ausgeleuchteten, schlangenfreien zivilisierten Welt keinen Nutzen mehr für uns haben, also eigentlich irrational sind. Reale Gefahren des modernen Lebens, wie den Straßenverkehr oder Ernährungsfehler, unterschätzen dagegen die meisten, weil sie sich davor nicht instinktiv fürchten.

Musik: Misjudgement  0‘39

ERZÄHLERIN

Die Angst vor der Dunkelheit hängt natürlich auch eng damit zusammen, wie wir Menschen uns in unserer Umwelt orientieren. Unsere Sinne sind für Aktivitäten bei Helligkeit optimiert – tagsüber können wir uns gut durch das Sehen orientieren. Sinne, die nachts von Vorteil sind, wie das Hören, Riechen und Tasten, sind beim Menschen im Vergleich zu vielen Tieren dagegen weniger ausgebildet. Und das hat Folgen, meint die Literaturwissenschaftlerin Carina Breidenbach von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitet an ihrer Dissertation zum Thema „Angst in der erzählenden Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts“ – dort nimmt die Angst vor der Dunkelheit einen breiten Raum ein.

3. ZUSPIELUNG Breidenbach 2.58 

„Kurz gesagt, stellt uns die Dunkelheit vor ein epistemologisches Problem. Also ein Problem, was mit unserem Wissen oder mit unserer Erkenntnis der Welt zu tun hat. Als Menschen können wir nicht so besonders gut hören. Wir können nicht so gut riechen wie Hunde. Das heißt, wir orientieren uns in erster Linie eben mit unserem Sehsinn. Und beherrschen dadurch auch die Natur, können uns orientieren. Und wenn es dunkel ist und uns eben diese Fähigkeit genommen wird, sind wir erst mal hilflos, fühlen uns ausgeliefert.“

ERZÄHLER

Deshalb ist die Dunkelheit für uns Menschen eine Sphäre der Unsicherheit und des Kontrollverlusts. Zumindest ist dies die eine Seite der Dunkelheit. Dass die Dunkelheit andererseits auch anziehen und faszinieren kann, was sich gerade auch in der Literatur spiegelt – dazu später mehr. 

Musik: Incorrectness 0‘25

ERZÄHLERIN

Vor allem der Dunkelheit außerhalb des Hauses zu begegnen, löst bei vielen Menschen zumindest Unbehagen aus. Insbesondere Frauen nehmen lieber Umwege entlang hell beleuchteter Straßen in Kauf, als durch finstere Unterführungen oder auf unbeleuchteten Wegen zu laufen – auch aus Angst vor Kriminalität.  

4. ZUSPIELUNG Bröckling 1:44

„Was hier festzustellen ist, ist dass die Angst, an solchen Orten Opfer eines Verbrechens zu werden, überfallen zu werden, etwa sehr viel größer ist als die tatsächlich vorkommenden Straftaten an solchen Orten.“ 

ERZÄHLER

Beobachtet Ulrich Bröckling, Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. 

5. ZUSPIELUNG Bröckling 1:44

„Also Kriminalitäts-Furcht und das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen weichen oft voneinander ab. Das zeigt auch, dass Furcht oder Angst oft eine Eigendynamik entwickeln.“

ERZÄHLERIN

So haben 2015 britische Wissenschaftler von der London School of Hygiene (Aussprache englisch) in einer großen Studie anhand von 62 Städten untersucht, welche Folgen es hat, wenn man das Licht in einzelnen Stadtvierteln oder Straßen nachts löscht. Das Ergebnis: Es wurden im Dunkeln nicht mehr Verbrechen verübt als bei mehr Helligkeit. Der Mitautor Dr. Phil Edwards (von der London School of Hygiene) plädierte daher dafür, künftig an der Straßenbeleuchtung zu sparen – immerhin würden dafür im Jahr rund 300 Millionen Pfund alleine in Großbritannien ausgegeben.

ZITATOR  

„In einer Zeit, in der die Behörden Ausgabenkürzungen vornehmen müssen, zeigen unsere Ergebnisse, dass bei sorgsam abgeschätzten Risiken die Straßenbeleuchtung ohne Zunahme an Unfällen und Kriminalität reduziert werden kann."

Musik: Nebulous thoughts 0‘20

ZITATOR/ZITATORIN - Collage

Das bleibt im Dunkeln – schwarzer Peter – schwarze Magie – schwarze Kassen – das Dunkelfeld müssen wir erhellen – da sieht es zappenduster aus! – finstere Gestalten – dunkle Mächte – das Darknet – Dunkeldeutschland

ERZÄHLER

Im deutschen Sprachgebrauch schwingt bei der Dunkelheit und dem Dunklen im Allgemeinen etwas Negatives mit – oft steht es für Gefahr, Bedrohung, das Unheimliche. Redewendungen wie „im Dunkeln tappen“ oder „im Dunkeln bleiben“ verweisen auf die Dunkelheit als eine Sphäre der Unwissenheit, einen Raum, der sich der Erkenntnis entzieht. 

Musik: Bright ideas 0‘16

ZITATOR/ZITATORIN - Collage

Da muss Licht ins Dunkel – endlich, ein Licht am Ende des Tunnels! – da ist mir ein Licht aufgegangen – das war die Erleuchtung – Licht am Horizont – das Glück erhellte ihr Gesicht – er ist ein helles Köpfchen 

ERZÄHLERIN

Das Licht und das Helle dagegen sind im Deutschen meist positiv besetzt: Es steht für Aufklärung, für Erkenntnis und, im weiteren Sinne, für Wissen und Beherrschung der Natur, analysiert die Literaturwissenschaftlerin Carina Breidenbach von der Ludwig-Maxilimians Universität in München:

6. ZUSPIELUNG Breidenbach 20.00 

„Das Gute und das Böse sind natürlich immer mit diesen Lichtmetaphern irgendwie verbunden. Also die Schattenseite der menschlichen Natur ist irgendwie das Irrationale, Unkontrollierbare Unbewusste. Dunkle Machenschaften haben meistens mit Gewalt und Bedrohung zu tun. Eine Lichtgestalt ist in der Regel was Gutes und Positives, während ein schwarzes Schaf auf dem negativen Ende des Spektrums angeordnet ist. Hell und dunkel als Metaphern für Gut und Böse und für Wissen und Unwissen, das findet man auch in unserer Alltagssprache überall und natürlich ganz besonders deutlich in dieser Epochenbezeichnung „Aufklärung“, also die Epoche, wo es eben zu dieser noch verstärkten Beherrschung der Natur durch die menschliche Ratio, durch die Wissenschaft kam. Da hat man diese Metapher des Lichts für das Wissen noch mal ganz deutlich.“

ERZÄHLER

Die Assoziation der Dunkelheit mit der Sünde, ja dem Bösen schlechthin auf der einen, und die Assoziation des Lichts mit dem Guten auf der anderen Seite finden sich schon in der Bibel, genauer in der Schöpfungsgeschichte. 

Musik: In the shadows 0‘23

ZITATOR 

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebt über dem Wasser, und Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht.“ 

ERZÄHLERIN

Indem Gott spricht: „Es werde Licht“, kommt Licht in die Welt, die bis dahin aus Finsternis besteht. Im Johannes-Evangelium wird dann Jesus selbst mit dem Licht identifiziert, das die Dunkelheit erhellt. 

Suspended transucent 0‘16

ZITATOR

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

7. ZUSPIELUNG Breidenbach 18:00 

„Also, man hat im Christentum schon ganz früh diese Assoziation von Licht und Gutem und Gott - und der Dunkelheit mit dem Bösen. Gerade im Mittelalter dann ist es natürlich besonders präsent. Also der Teufel hat ja zum Beispiel den Beinamen Fürst der Finsternis, und auch die ganzen Geschöpfe im Gefolge des Teufels, Hexen und so weiter, sind natürlich alle mit der Sphäre des Bösen und Teuflischen und des Dunklen irgendwie verbunden.“

ERZÄHLER

Sagt die Literaturwissenschaftlerin Carina Breidenbach. Sie sieht in der basalen menschlichen Angst vor der eigenen Hilflosigkeit im Dunkeln den Ursprung dieses hell-dunkel-Topos – der sich übrigens in vielen Schöpfungsgeschichten und Mythen wiederfindet.

8. ZUSPIELUNG Breidenbach 10:00 

„Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben, im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Fall: die Zeit, sonst und schwerwiegender: die Furcht. Also eine Funktion von Geschichtenerzählen, von Mythen, von Literatur kann eben sein: diese unkontrollierbare Natur, unsere Erfahrungen damit irgendwie handhabbar zu machen.

ERZÄHLERIN

So sah es der Philosoph Hans Blumenberg, der sich in seiner „Arbeit am Mythos“ der Funktion und Wirkung von Mythen oder, allgemeiner, der Literatur widmete. Beides, die Dunkelheit wie die Angst davor haben keine klaren Konturen – gerade deshalb fordern sie den Menschen heraus. Carina Breidenbach:

9. ZUSPIELUNG Breidenbach 13:55

„Es gibt in der Existenzphilosophie eine wichtige Unterscheidung zwischen Angst und Furcht. … Angst ist unbestimmt… also man hat dieses unwohle Gefühl, weiß aber nicht, was bedroht mich da eigentlich? Es könnte irgendwie alles oder nichts sein, und die Furcht ist eben auf der anderen Seite angesiedelt. Die ist bestimmt, weil man da ein Objekt hat, was man identifizieren kann, zum Beispiel wildes Tier oder ein bedrohlicher Mensch. Und die Furcht ist eben einfacher zu bewältigen. Man kann den Gegner bekämpfen oder man kann weglaufen. Bei der Angst ist es eben nicht der Fall. Man kann sie eigentlich nicht auflösen. Man weiß nicht, … was steht mir da eigentlich gegenüber? Und die Dunkelheit ist natürlich gerade diese Sphäre der Unbestimmtheit und das Nichts, wo wir tatsächlich diese Angst irgendwie empfinden, man beschreibt Angst manchmal als frei flottierend, sie hat irgendwie kein Objekt, man weiß nicht so richtig, wann sie anfängt und aufhört, und das macht es eben gerade so unmöglich, irgendwie mit ihr umzugehen.“ 

Musik: Constant fear red 0‘33

ERZÄHLER

In den Augen des Philosophen Hans Blumenberg erzeugen Menschen vor allem deshalb Kultur, um ihre vage, existentielle Angst in den Griff zu bekommen. In Erzählungen bekommt das Unbenennbare, Abstrakte Furchterregende eine Gestalt, einen Namen. In dieser konkreten Form können die Leserinnen und Leser Ängste, so auch die Angst vor der Dunkelheit, dann bewältigen – eine wichtige Funktion der Literatur.

10. ZUSPIELUNG Breidenbach 08:56

„Ein Genre, was zum Beispiel diese Funktion sehr sichtbar erfüllt, ist natürlich das Märchen, der dunkle Wald im Märchen ist ja auch so ein Topos. Also Hänsel und Gretel gehen durch den dunklen Wald, Rotkäppchen trifft im Dunkeln bald auf den bösen Wolf. Und diese diffuse Angst, die wir als Menschen verspüren, in einer Umwelt, die wir halt nicht komplett kontrollieren können, die wird halt in so einer Märchenhandlung, in so einem sehr einfachen Narrativ, irgendwie greifbar und bearbeitbar und handhabbar und dadurch irgendwie auch ab-erzählbar.“ 

ERZÄHLERIN

Märchen hatten vor allem früher fast immer auch eine pädagogische Funktion. So funktionalisieren einige Märchen und Mythen die Angst vor dem Dunkeln auch, um Kinder zum richtigen Verhalten zu erziehen. 

11. ZUSPIELUNG Breidenbach 23:00

„Es gibt im englischsprachigen Raum die Figur des sogenannten Bogeyman, im Deutschen haben wir den Butzemann, … oder auch den schwarzen Mann. Also das sind eben diese Gestalten, die eigentlich nur im Dunkeln rauskommen und Kinder, die sich nicht benehmen, irgendwie entführen oder auffressen. … also dieser Kinderschreck, mit dem man Kinder dazu bringt, nach der Dämmerung nicht mehr alleine draußen rumzulaufen.“   

Musik: Sonate für Klavier 0‘30

ERZÄHLER

In der Epoche der Romantik tritt die Dunkelheit sozusagen ins literarische Rampenlicht. Ihr kommt nun eine besondere Bedeutung zu – auch als Gegenpol zur vorangegangenen Epoche der Aufklärung mit ihrer Betonung der Ratio. In der Nacht offenbarte sich den Romantikern die menschliche Natur mitsamt dem Unterbewusstsein.   

12. ZUSPIELUNG Breidenbach 24:23

„Es gibt eine Unterströmung in der Romantik, die sich schwarze Romantik nennt, also Tieck, E.T.A. Hoffmann gehören dazu, die sich eben mit dieser Nachtseite der menschlichen Natur sehr stark auseinandersetzen, also das, was die Aufklärung eigentlich versucht hat, auszumerzen und auszuschließen, also das Triebhafte im Menschen, das Irrationale, das Unkontrollierbare, Wahnsinn, das Böse sind eben Themen, die eine große Faszination ausstrahlen in der schwarzen Romantik, und die Dunkelheit und so etwas wie unterirdische Bergwerke stehen da eben oft für das Unbewusste und das Irrationale im Menschen also, da hat man diese Nachtseite der menschlichen Natur.“ 

ERZÄHLERIN

Carina Breidenbach beobachtet, dass die Angst vor der Dunkelheit in der Literatur in dem Moment eine Hoch-Zeit erlebt, in dem die Menschen damals anfangen, die Nacht mit künstlichem Licht zu erhellen, die Wohnungen mit Kerzen- und Gaslicht beleuchten und in den Städten Straßenlaternen aufstellen. Als es also im wirklichen Leben allmählich heller wird, wird es in der Literatur dunkler: Ende des 18. Jahrhunderts entsteht das Genre der sogenannten Gothic Novel, des Schauerromans, der auch in Deutschland von Autoren wie E.T.A. Hoffmann mit seinen „Nachtstücken“ aufgegriffen wird. Darin verschwimmen die Grenzen zwischen dem Realistischen und dem Phantastischen. 

Musik: Intermezzo (3) 0‘33

ERZÄHLER

Ein Meister der Schauerliteratur ist der US-amerikanische Autor Edgar Allan Poe – auch er zelebriert die Schrecken der Dunkelheit, zum Beispiel in der Kurzgeschichte „Die Grube und das Pendel“. Darin geht es um einen Gefangenen, der zum Tode verurteilt wird, in Ohnmacht fällt und in einem stockfinsteren Kerker erwacht. 

ZITATOR 2

„Die hohen Kerzen versanken ins Nichts, ihre Flammen loschen aus. Schwarze Finsternis siegte. Alle Empfindungen ging unter in einem tollen, rasenden Sturz, als falle die Seele in den Hades. Dann war meine Welt nur Schweigen und Stille und Nacht. Ich hätte gern die Augen geöffnet, aber ich wagte es nicht. Ich fürchtete den ersten Blick auf meine Umgebung. Es war nicht Furcht, etwas Entsetzliches zu erblicken, sondern das Grauen nichts zu sehen. Endlich, mit wilder Verzweiflung im Herzen öffnete ich schnell die Augen. Meine schlimmsten Ahnungen bestätigten sich. Schwarze, ewige Nacht umgab mich.“

13. ZUSPIELUNG Breidenbach ca 7:00

„In dem Moment, wo wir die Dunkelheit beherrschen können, zu dem Ausmaß, dass sie uns nicht mehr wirklich bedroht im echten Leben, da wird sie Gegenstand der Literatur, die eben auch Lust erzeugen kann, wo wir eben Erfahrungen machen können, die wir im Alltagsleben nicht machen können, wo wir eben nicht gefährdet sind und dann immer in diesem geschützten Raum der Fiktion bleiben, und nach der Lektüre eines Schauerromans kann man natürlich das Licht einfach wieder anknipsen, wenn man Angst hat und genau da eben diese ja diese Möglichkeit, dieses angenehmen Schauers, dieses wohligen Gruselns möglich.“

ERZÄHLERIN

Nicht nur in der Literatur ist die Dunkelheit nicht immer eindeutig negativ besetzt. Vielmehr ist sie ein zutiefst ambivalentes Phänomen, beobachtet auch der Kultursoziologe Ulrich Bröckling von der Universität Freiburg. 

14. ZUSPIELUNG Bröckling 11:20

„Dunkelheit hat auch ihren Reiz. Im Dunkeln kann man eben auch Dinge tun, ohne dass man dabei von anderen beobachtet wird … Die Dunkelheit übt eine große Faszination aus. Auch diese Seite sollten wir nicht vergessen. Und die Dunkelheit ist schließlich auch etwas, was Gelegenheiten schafft. Also im Dunkeln kann man dann vielleicht auch Dinge tun, bei denen man nicht nur nicht beobachtet werden möchte, sondern bei denen man vielleicht doch etwas tut, was nicht erlaubt oder was nicht den Werten entspricht, und manchmal … kommt uns die Dunkelheit auch zu Hilfe.“

Musik: Foreboding fate 0‘21

ERZÄHLER

Nicht nur Liebende und Verbrecher, sondern im Grunde jede und jeder von uns kann in die Dunkelheit eintauchen, eine ganz eigene Sphäre, in der die Regeln des helllichten Tages ihre Gültigkeit verlieren. Die Dunkelheit bildet so eine Art Schutzraum. Ulrich Bröckling:

15. ZUSPIELUNG Bröckling 2:41

„Die Dunkelheit ist etwas, was uns auch einen Rückzug ermöglicht. Nicht umsonst ist die Zeit, in der wir schlafen, häufig eben verbunden mit Dunkelheit. Und wenn es draußen noch hell ist, ziehen wir jedenfalls die Rollladen runter oder … verdunkeln den Raum, in dem wir uns bewegen, um uns zurückzuziehen können, um besser einschlafen, besser schlafen zu können. Also die Dunkelheit ist auch etwas, was mit Ruhe, mit Reizarmut verbunden ist, was uns von den vielen Eindrücken, die uns den ganzen Tag begleiten, temporär entlastet.“

ERZÄHLERIN

Heute, wo zumindest die Städte nachts fast taghell beleuchtet sind, taucht so etwas wie eine neue Sehnsucht nach der Dunkelheit auf. Man spricht von Lichtverschmutzung und sucht die „richtige“ Dunkelheit, die oft nur noch auf dem Land, abseits der Siedlungen zu finden ist. Carina Breidenbach:

16. ZUSPIELUNG Breidenbach 27.58 

„Und es gibt solche Phänomene, wie zum Beispiel das Dark Dining, also … dass man ins Restaurant geht, wo es dunkel ist und dann im Dunkeln isst, wo man sich fragt, warum tut man sich sowas an? Aber da ist eben die Dunkelheit irgendwie ja so eine Sehnsuchtsraum, beim Dark Dining verbunden mit so einer Vorstellung von gesteigerter Sinneserfahrung. Wenn es dunkel ist und man nichts mehr sieht, dann kann man besser schmecken und besser riechen und besser hören.“

Musik: Where the darkness is 0‘34

ERZÄHLER

Obwohl der Mensch der Moderne die Dunkelheit aus seinem Leben weitgehend verbannt hat, es also immer weniger Gelegenheiten gibt, sich vor ihr zu fürchten – so wird die Dunkelheit für den Menschen vermutlich immer eines bleiben: Faszinosum und Projektionsraum für die Phantasie. 

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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Wir müssen alle sterben. Doch wie wir sterben, unterliegt dem Wandel, so wie das Leben auch, das sich permanent verändert. „Tritt also der Tod den Menschen an:”, heißt es in einem klassischen Text der Philosophie, in Platons Phaidon, „so stirbt, wie es scheint, das Sterbliche an ihm, / das Unsterbliche aber und Unvergängliche zieht wohlbehalten ab, / dem Tode aus dem Wege.” Fragen wir uns also, was das Sterbliche ist, und was das Unsterbliche. Und fragen wir uns, ob es Wege gibt, die Grenze zwischen beidem zu verschieben. Ob technische Fortschritte passieren, die uns vielleicht nicht unsterblich machen. Aber doch, immerhin, als Tote ganz anders anwesend unter den Lebenden als bisher. Fangen wir dafür am Anfang an, mit unserem Ende – dem Tod. O1 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Der Moment, in dem jemand stirbt, das ist immer plötzlich, auch wenn man darauf vorbereitet ist, auch wenn eine Krankheit davor war. Da steht man erstmal unter Schock. Und der Trauerprozess beginnt dann erst. SPRECHERIN Sagt Lilli Berger, Bestatterin. Mit 13 ist ihr bei einem Berufsinformationstag in der Schule dieser doch nicht sehr gewöhnliche Beruf vorgeschlagen worden – und als sie erwachsen war, hat sie ihn tatsächlich ergriffen. O2 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Das Familiensystem bricht in dem Moment plötzlich auf. Jeder hat ja eine Rolle in der Familie. Und wenn der Mensch dann wegfällt in der Rolle, wird das erst mal neu justiert und neu orientiert und neu zusammengesetzt und in dem Moment ist der Bestatter oder die Bestatterin da und versucht, alle Bedürfnisse miteinander zu verweben. 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Musik: Future questions 0‘25 SPRECHERIN: Mit Hinterbliebenen hat er sich mehr als 30 dieser „digitalen Nachlässe“ angeschaut, ausgewertet und gefragt, was sie mit diesen Daten machen und was sie ihnen bedeuten. Widmaier erinnert sich an eine Mutter, die ihre Tochter verloren hat und über deren digitales Erbe zu Antworten gefunden hat. O6 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Die hat dann Screenshots gefunden, die ihre Tochter von der Zugverbindung gemacht hat, die sie für ihren Suizid verwendet hat. Und diese Screenshots waren einige Wochen davor gemacht. Das heißt, sie wusste dann, „Okay, den Gedanken gab es schon einige Wochen. Das war keine Affekthandlung, die plötzlich passiert ist.“ SPRECHERIN: Zu Lebzeiten ihrer Tochter war es für sie unbemerkt geblieben. Im Spiegel der zusammengesetzten Daten konnte sie posthum nachvollziehen, wie sich der Zustand ihrer Tochter verschlechtert hat. 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Musik: Bouncing radicals 0‘32 SPRECHERIN: Was zählt mehr, die Wünsche des Verstorbenen oder die Bedürfnisse und Nöte des Hinterbliebenen? 1O Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Das ist eine moralische Frage, ist eine rechtliche Frage, die auch in verschiedenen Ländern anders bewertet wird. Es gibt Länder, da hätte die Mutter trotzdem das Recht drauf. SPRECHERIN: Das digitale Leben ist wie eine weitere Schicht zu unserer Existenz hinzugekommen. Und wir sollten auch darüber verfügen, wie mit diesem Teil unserer Identität umgegangen werden soll, wenn wir nicht mehr da sind. 11 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Und wenn man dann vielleicht noch zu manchen Dingen die Wünsche vermerkt, zum Beispiel WhatsApp, bitte alle Nachrichten löschen, die zwischen uns geschrieben worden sind. Das hilft Hinterbliebenen enorm zu wissen: Was darf ich eigentlich? Niemand will gerne rumkramen in den Sachen von den Verstorbenen. Die meisten brauchen aber Erinnerung. Musik: Virtual land 0‘40 SPRECHERIN: Die Digitalisierung hat einerseits dazu geführt, dass manche Dinge, die früher analog existierten, nun eine andere Form angenommen haben. Doch sie hat auch ganz neue, zuvor undenkbare Möglichkeiten geschaffen. Etwa mit der Art und Weise, wie wir Kontakt zu den Verstorbenen halten. Auf Facebook gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, das Profil eines Verstorbenen in einen „Gedenkstatus" zu versetzen. So lässt sich dort trauern, erinnern, im Gespräch bleiben. Dieser Wunsch, die Verbindungen mit den Verstorbenen über den Tod hinauszuhalten, trägt in der Psychologie den Namen „continuing bonds“. 12 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Man spricht die verstorbene Person direkt an in diesen Posts nach dem Tod. Das ist ähnlich zu Briefen, die man früher an verstorbene Personen geschrieben hat, aber man macht das jetzt in einer kleinen Öffentlichkeit zusammen mit anderen und dann reagieren andere auf diese Posts, sei es nur mit einem kleinen Herz oder mit einem kurzen Kommentar. Und so ist diese Trauer und diese „continuing bond“ eben sichtbarer und vielleicht auch ein bisschen akzeptierter. SPRECHERIN: Und die analoge Welt? Die bleibt ja. 13 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Es wird auch genauso wichtig sein, das Grab zu besuchen. Wenn ich nicht zum Begräbnis kommen kann, aus irgendeinem Grund, kann ich vielleicht über einen Facebook-Livestream trotzdem dazu kommen. Aber es wird trotzdem auch das Begräbnis vor Ort geben und das wird die gleiche Relevanz behalten. Aber natürlich, ein Pullover vom Verstorbenen, der hat denselben Stellenwert, die Möbel vom Verstorbenen. Das verliert jetzt nicht an Wert. Musik: Unbiased opinion 0‘28 SPRECHERIN: An diesem digitalen Zusatz arbeitet auch Lilli Berger, die Bestatterin, die außerdem Film und digitales Leadership studiert hat. Auch deswegen konnte sie 2020 das Unternehmen VYVYT [Aussprache: vivit] mit zwei Kollegen gründen: In Deutschland hat sie die erste virtuelle Möglichkeit geschaffen, zeit- und ortsunabhängig Abschied zu nehmen oder Gedenkfeiern zu veranstalten. 14 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Man kann es zum ersten Todestag machen, zum zehnten Todestag, zum Geburtstag des Verstorbenen. Es gibt einem Raum, wo man, egal wo man gerade auf der Welt ist, für eine Stunde einfach vorbeikommt und dieser Person nochmal gedenkt, sich Erinnerungen austauscht und in dem Moment werden Erinnerungen ja wieder lebendig. SPRECHERIN: Dieser Raum ist im Grunde einer Gedenkseite gar nicht unähnlich. Es ist nur – wirklich ein Raum. Er ist dreidimensional, die Erfahrung intensiver, und dadurch vielleicht bleibender. 15 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Es gibt ein Vorne, ein Hinten, es können Gruppen sich bilden. Es gibt rechts, links, es gibt ein 3D-Audio. Das heißt, du hast auch wirklich das Gefühl, jemand spricht links oder jemand spricht rechts. Und wenn mir eine Geschichte erzählt wird, sehe ich vor mir zum Beispiel einen virtuellen Baum. Und in dem Moment speichert mein Gehirn das Erzählte als Erinnerung im dreidimensionalen Raum ab und das kann mein Gehirn später wieder abrufen. Und dadurch entstehen in diesem virtuellen Raum Erinnerungen, sie werden sozusagen auf einer lebendigen Art und Weise weitergegeben, dass ich mich langfristig dran erinnern kann. Musik: Finding a way out 0‘31 SPRECHERIN: Auf der Seite steuert man durch den Raum mit den Pfeiltasten am Computer und der Maus. Man kann in diesem digitalen Raum umherlaufen, stehen bleiben, die Bilder an den Wänden anschauen oder selbst welche in leere Bilderrahmen hochladen. Man kann mit den anderen ins Gespräch kommen, oder für sich bleiben. Der virtuelle Erinnerungsraum hat den Vorteil, dass er uns Freiheiten bietet, die uns im Leben häufig verwehrt sind. 16 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Es gibt erst mal keine Rituale, die wir in der physischen Welt ja schon haben, wie zum Beispiel, man gibt Blumenblätter oder Erde mit ins Grab oder man zündet eine Kerze an. Wir können den virtuellen Raum neu besetzen. Die Frage ist, ob wir das wollen oder ob wir vielleicht auch einfach Analoges nehmen und ins Digitale übersetzen. Das ist genauso möglich. Aber es ist ein Ort, den wir erst mal noch erobern dürfen mit unserer eigenen Trauerkultur. SPRECHERIN: Gerade für die heranwachsende Generation ist das eine Chance. Denn sie wächst mit dem Internet auf. 17 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Sie können für sich neue Traditionen, neue Rituale entwickeln. Und wir sind auch frei in der Art und Weise, wie wir den Raum gestalten. Also zum Beispiel finde ich total schön, wenn der Raum an etwas erinnert, was wir mit der verstorbenen Person erinnern, zum Beispiel Omas Garten. Musik: Confused images 0‘27 SPRECHERIN: Diese jüngere Generation ist ein wichtiger Teil der Nutzenden des virtuellen Gedenkraumes. Und unter ihnen insbesondere jene "early adopters", die offen sind, mit neuen technischen Innovationen herumzuexperimentieren. Und auch jene, die einen ungewöhnlichen, frühen oder tragischen Tod verarbeiten müssen, greifen auf das Angebot zurück. 18 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Also zum Beispiel hatten wir Meves, der war 14, als sein Vater im Sterben lag, und er hat die Stammkneipe nachgebaut vom Vater. Und ein halbes Jahr, nachdem der Vater gestorben ist, gab es eine große Geburtstagsparty für den Vater in dieser Stammkneipe und es war für den Sohn so ein schöner Moment, weil er konnte seinem Vater noch mal was geben und er hat sein Vater noch mal aus ganz verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Ein halbes Jahr nach der Beerdigung – und das tat ihm total gut. Er hat jetzt wieder angefragt und möchte gerne jetzt zum Jahrestag wieder eine virtuelle Trauerfeier veranstalten zur Erinnerungsfeier. SPRECHERIN: In Zukunft wird es für das Unternehmen dahin gehen, öfter reale Räume nachzubauen. Das alte Elternhaus vielleicht? Oder den Ort der letzten gemeinsamen Reise? Das exakte Nachbauen realer Räume ist momentan noch sehr kostspielig und wird deshalb eher selten gemacht. Aber das Aufkommen generativer Künstlicher Intelligenz erleichtert es enorm. Und überhaupt: verändert Künstliche Intelligenz vieles, auch in der Trauerkultur. Bereits jetzt, und vor allem in der Zukunft. 19 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Du baust eine Verbindung zu der verstorbenen Person auf. Das ist nicht notwendig, dass der Chatbot dir diese Beziehung suggeriert. Die passiert in dir, die passiert in deinem Herzen. Sie passiert in deinem Kopf. Die passiert psychologisch in Erinnerung. Wie auch immer. Und da möchte ich gerne hinkommen, dass der Chatbot das unterstützt, Musik: Learning process 0‘26 SPRECHERIN: Gerade experimentiert sie mit einem KI-Chatbot, einem Computerprogramm, das menschliche Gespräche mit einem anderen Nutzer simuliert. Sie füttert ihn mit Daten von und über sich selbst. 20 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Und der wächst jetzt gerade mit all meinen Erinnerungen und persönlichen Beziehungen. Das heißt, ich baue das selber und bin richtig, richtig neugierig, wohin das geht. Und es ist ehrlich gesagt super faszinierend. SPRECHERIN: Aber das hat seine Grenzen, sie ist damit sehr vorsichtig. 21 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Gleichzeitig sehe ich aber auch die Gefahr, dass wenn man damit alleine gelassen wird, dass das problematisch werden kann. Es gibt einfach viel Unausgesprochenes. Und es gibt viele Fragen, die offen bleiben nach dem Tod. Und der Chatbot kann diese Fragen nicht beantworten. MUSIK 0’35 Sasha Alex Sloan, Dancing with your Ghost [I put the record on, wait 'til I hear our song, Every night, I'm dancing with your ghost] SPRECHERIN: 2020 hatte ein Video aus Südkorea Schlagzeilen gemacht: Eine Frau begegnet dem Avatar ihrer kleinen Tochter in einer Virtual Reality wieder. Das Mädchen ist nur wenige Jahre alt geworden. Die Beziehung abrupt geendet. Der Avatar fragt: „Mama, wo bist du gewesen? Hast du an mich gedacht?“ 22 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Ein virtuelles Gegenüber, dass man eben nicht nur betrachten kann, sondern mit dem man gewissermaßen auch in einen Dialog treten kann. Also ein KI-System, das auf meinen Input adäquat reagiert. SPRECHERIN: Das ist Matthias Meitzler von der Uni Tübingen. Er hat sich als Thanatologe viel mit dem Lebensende beschäftigt, war in Hospizen, Pathologien, hat über 1.200 Friedhöfe besucht und ein Buch darüber geschrieben. Zuletzt hat er zum digitalen Weiterleben von Verstorbenen anhand KI-basierter Technologien geforscht. Das Feld verändert sich gerade rapide. Und grundlegend. 23 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Und dann ist es eben nicht mehr so, wenn ich jetzt diese Anwendung etwas frage, dass dann einfach irgendwas schon Aufgenommenes einfach nur abgespielt wird, sondern dieser Avatar in dem Fall kann dann antworten und kann dann etwas sagen, was diese Person zu Lebzeiten gesagt haben könnte, aber sehr wahrscheinlich gar nicht so gesagt hat. Und sie kann das beispielsweise auch in der Stimmlage dieser Person tun. Man kann mittlerweile auch Stimmen schon sehr realistisch simulieren und reproduzieren und da nähert sich dieses digitale Andere sehr stark einem vermeintlich lebendigen Menschen an. SPRECHERIN: Wird der Tod durch die lebensechten, kreativen Avatare der Verstorbenen relativiert? 24 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Der Tod ist zunächst etwas Körperliches. Aber es gibt ja doch in vielen Fällen so was wie ein soziales Weiterleben. Dann kann durch Digitalisierung natürlich vieles verwirklicht werden, was man früher vielleicht nicht für möglich gehalten hat. SPRECHERIN: In den USA hat sich in den letzten Jahren eine noch kleine Industrie gebildet. Für Meitzler verschärft das die grundsätzlichen Fragen, die wir uns mit dem Tod stellen. 25 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Menschliche Persönlichkeit ist ja auf den ersten Blick schon was Stabiles, was irgendwie über längere Jahre erhalten bleibt. Aber auf der anderen Seite sind Menschen ja auch immer in Entwicklung. Also ich spreche jetzt mit Ende 30 anders als ich mit Anfang 20 gesprochen habe. Und wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahrzehnten noch mal anders sprechen, ich werde Dinge anders bewerten, vieles vielleicht auch einfach anders sehen, mich auch an meine Vergangenheit anders erinnern. Und jetzt kann man natürlich durchaus kritisch fragen: „Na ja, wenn wir jetzt so ein Avatar kreieren, welche Version von mir soll das eigentlich dann sein?“ Musik: KI 0‘37 SPRECHERIN: Mit welchen Daten soll meine KI trainiert werden bzw. wie werden die Daten, die sich womöglich widersprechen, gewichtet? Das berührt die Frage der Identität – wer bin ich? Und zu wem werde ich, wenn ich die Form des Avatars annehme? 26 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Sollen das jetzt Daten sein, die ganz aktuell sind? Wenn jetzt ein Mensch stirbt, sollen es Daten sein, die er erst vor kurzem produziert hat? Oder sollen es Daten sein, die vielleicht schon Jahre oder vielleicht auch irgendwann mal Jahrzehnte alt sind? Was ist, wenn es da Konflikte gibt? SPRECHERIN: Und ganz wichtig die Frage: Wer entscheidet das eigentlich? 27 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Sind das dann immer die jeweils Verstorbenen, die zu Lebzeiten schon festlegen, ob sie überhaupt ein Avatar haben wollen und wenn ja, wie dieser aussehen soll und welche Daten da überhaupt verwendet werden sollen? Sollen überhaupt alle Daten verwendet werden? Oder gibt es nicht bestimmte Inhalte, wo man vielleicht aus guten Gründen sagt: „Um Gottes willen, bitte nicht nach meinem Tod das noch irgendwie bewahren?" Oder sind es am Ende vielleicht auch die Hinterbliebenen, die das dann entscheiden, wenn sich die verstorbene Person da vielleicht auch gar nicht verbindlich geäußert hat? Das ist natürlich dann im Zweifel auch problematisch, gerade dann, wenn es mehrere Hinterbliebene gibt, die auch noch mal unterschiedliche Interessen haben. SPRECHERIN: Hinzu kommt das Problem, dass die Anbieter private Unternehmen sind, die ihrerseits wiederum ökonomische Interessen verfolgen und die vulnerable Situation von Trauernden ausnutzen könnten. Meitzler hat da ganz konkrete Szenarien vor Augen. 28 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Der Avatar sagt kurz vor Ablauf des Abos: „Bitte verlängert doch dieses Abo, zahlt doch bitte mal nach, lasst mich kein zweites Mal sterben.“ Also im Prinzip den Hinterbliebenen auch ein schlechtes Gewissen einredet. Es ist ja durchaus denkbar, dass es da vielleicht auch subtilere Formen gibt, bis hin zu Produktplatzierungen etc. Also was ist denn, noch mal ein plakatives Beispiel, wenn die verstorbene Großmutter als Avatar dann ihrer Enkelin rät, doch dieses oder jenes T-Shirt zu kaufen und auch gleich den Bestelllink schon mitliefert. Musik: Secret proofs red. 0‘30 SPRECHERIN: Und trotz der Schreckensszenarien: Der Forscher glaubt, dass sich digitale Praktiken künftig in unsere Trauerkultur integrieren werden. Sie reflektieren das Bedürfnis nach Individualität, sagt Meitzler: 29 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Damit meine ich auf der einen Seite Säkularisierung, also dass Menschen Sinn und Erklärung für bestimmte Dinge eben nicht mehr an erster Stelle in der Religion suchen, dass wir uns weniger als Teil eines großen Kollektivs verstehen, sondern eher danach schauen: Was ist denn ein bestimmter Mensch gewesen, was war seine Persönlichkeit? Und ich denke, da lässt sich auch diese Entwicklung hin zum digitalen Weiterleben ganz gut einordnen. MUSIK: Virtual land 0’33 SPRECHERIN: Wie alles Neue finden einige die Vorstellung befremdlich oder gefährlich gar. Plötzlich mit digitalen Avataren zu kommunizieren, die an unsere liebsten Menschen erinnern sollen, die wir verloren haben? Für andere mag es Trost spenden. Lilli Berger hat eine konkrete Vorstellung: Musik: Aufbruch (reduced 2) 0‘44 30 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Also ich wünsche mir von der Zukunft, dass wir alle so einen digitalen Ort haben, an dem wir an Verstorbene erinnern. In meinem Fall zum Beispiel wäre das eine virtuelle Insel. Und da wären dann all die Menschen, die ich dann verloren haben werde. Also mein Vater bekäme dann digitale Berge, meine Mutter würde einen Platz an dem Meer haben und ich könnte mir vorstellen, dass man dann regelmäßiger solche Orte besucht und einander austauscht, um so ein bisschen die Erinnerungen zu teilen und weiterzugeben, sie wieder lebendig werden zu lassen.

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