Begradigung - Weshalb Flüsse nicht mehr frei fließen durften
29.10.2025 · 22 Min.
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Technischer Fortschritt oder ökologische Katastrophe? Im 18. Jahrhundert wurden Flüsse begradigt, um Waren zu transportieren, Hochwasser zu kontrollieren und die Natur zu bezwingen. Eine Geschichte tiefgreifender Landschaftsveränderung, die bis heute nachwirkt. Von Julius Bretzel.
CREDITS:
Autor: Julius Bretzel
Regie: Sabine Kienhöfer
Sprecher: Julia Fischer und Christian Baumann
Technik: Simon Lobenhofer
Redaktion: Katharina Hübel
Im Interview:
Boris Lehmann, Professor für Wasserbau und Hydraulik, TU Darmstadt https://www.researchgate.net/profile/Boris-Lehmann
Jürgen Geist, Professor für Aquatische Systembiologie, TU München https://www.lss.ls.tum.de/aquasys/willkommen/
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Die Isar ist in Europa einzigartig: sie darf auf immerhin zwanzig Kilometern noch fließen wie vor 200 Jahren. Doch der Fluss hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Wie die Isar allen Zähmungsversuchen zum Trotz doch immer ein bisschen wild geblieben ist – erzählt Radiowissen:
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Alarm: Bakterien im Badesee – Wie wirkt die Hitze?
Hitze und Trockenheit hinterlassen oft Spuren in den 2.300 deutschen Badegewässern: unerwünschte, krank machende Bakterien. Manchmal in so großer Zahl, dass Badestellen gesperrt werden müssen. Geht das noch: Baden im Natursee? Die Antwort gibt’s bei IQ – Wissenschaft und Forschung:
https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:90453d7ec7dba0f9/
Badeseen – Wer schwimmt da noch mit uns?
Wo wir gern reinspringen, leben unzählige Pflanzen und Tiere: Fische, Krebse, Muscheln, Algen, aber auch Mikroorganismen. Einige dieser oft unbekannten Wesen können uns Menschen gefährlich werden. Die meisten aber sind einfach nur faszinierend. Wer schwimmt da also noch mit uns? Erklärt IQ – Wissenschaft und Forschung:
https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:2dbb88f7eff182fb/
Fische in Bayern – Wie geht es ihnen?
Nährstoffmangel, giftige Algen und die Klimaerwärmung machen den Fischen in Bayern zu schaffen. Auch Kormorane und Gänsesäger setzen den Beständen zu. Vom Fischfang allein kann an den Seen niemand mehr leben. Hier geht es zu dieser Folge Radiowissen:
https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:25d33dbd7dd5cf64/
Literatur:
David Blackbourn: „Die Eroberung der Natur – Eine Geschichte der Deutschen Landschaft“ (DVA, 2007) erzählt eindrücklich, wie der Mensch aus Natur und Wildnis die heutige Kulturlandschaft in Deutschland machte.
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- Trauerkultur - Der Tod und die Digitalisierung
29.10.2025 · 23 Min.
Die Digitalisierung transformiert unser Leben - und unser Ableben. Mit unserem Tod hinterlassen wir digitale Spuren, Daten und Vermächtnisse. Zudem ist es möglich geworden, an digitalen Orten zu trauern und den Verstorbenen zu gedenken. Autor: Konstantin Schönfelder (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Konstantin Schönfelder Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Katja Amberger Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Lilli Berger, Bestatterin und „Death Care Gründerin“ von „VYVYT“ Matthias Meitzler, Thanatologe von der Universität Tübingen; Lorenz Widmaier, Soziologe mit Doktorarbeit zu digitalem Erbe und Trauer Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Nahtoderfahrungen - Was passiert, wenn wir sterben? HIER Der Tod und wir - Rebellion gegen die Endlichkeit HIER Wie der Tod in die Welt kam - Mythen und die große Menschheitsfrage HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Entscheidung Politische Entscheidungen verändern unser Leben. Mal ist uns das sofort klar. Mal verstehen wir es erst hinterher. Im Podcast "Die Entscheidung" nehmen sich die Hosts Christine Auerbach und Jasmin Brock jeden Monat eine solche Entscheidung vor und fragen: Was ist damals passiert? Wie prägt diese Entscheidung unser Leben bis heute? Sie suchen die Geschichten hinter den Entscheidungen, befragen Menschen, die man noch nicht so oft dazu gehört hat. HIER ENTDECKEN Linktipps: Digitaler Erinnerungsraum von VYVYT HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Wir müssen alle sterben. Doch wie wir sterben, unterliegt dem Wandel, so wie das Leben auch, das sich permanent verändert. „Tritt also der Tod den Menschen an:”, heißt es in einem klassischen Text der Philosophie, in Platons Phaidon, „so stirbt, wie es scheint, das Sterbliche an ihm, / das Unsterbliche aber und Unvergängliche zieht wohlbehalten ab, / dem Tode aus dem Wege.” Fragen wir uns also, was das Sterbliche ist, und was das Unsterbliche. Und fragen wir uns, ob es Wege gibt, die Grenze zwischen beidem zu verschieben. Ob technische Fortschritte passieren, die uns vielleicht nicht unsterblich machen. Aber doch, immerhin, als Tote ganz anders anwesend unter den Lebenden als bisher. Fangen wir dafür am Anfang an, mit unserem Ende – dem Tod. O1 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Der Moment, in dem jemand stirbt, das ist immer plötzlich, auch wenn man darauf vorbereitet ist, auch wenn eine Krankheit davor war. Da steht man erstmal unter Schock. Und der Trauerprozess beginnt dann erst. SPRECHERIN Sagt Lilli Berger, Bestatterin. Mit 13 ist ihr bei einem Berufsinformationstag in der Schule dieser doch nicht sehr gewöhnliche Beruf vorgeschlagen worden – und als sie erwachsen war, hat sie ihn tatsächlich ergriffen. O2 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Das Familiensystem bricht in dem Moment plötzlich auf. Jeder hat ja eine Rolle in der Familie. Und wenn der Mensch dann wegfällt in der Rolle, wird das erst mal neu justiert und neu orientiert und neu zusammengesetzt und in dem Moment ist der Bestatter oder die Bestatterin da und versucht, alle Bedürfnisse miteinander zu verweben. SPRECHERIN: Sie findet, dass Deutschland eine lange und gute Tradition der Bestattungskultur auszeichnet. O3 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Wir haben eine ganz lebendige Erinnerungskultur. Wir schätzen alte Häuser, wir reden viel auch über den Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Als Gesellschaft sind wir sehr mit der Erinnerungskultur verbunden. Und das sehe ich auch in unserer Bestattungskultur. Es sind Familienbetriebe, die die Bestattungen durchführen. Wir haben keinen großen Marktanteil an Konzernen, an Bestattungskonzernen zum Beispiel, sondern wir haben wirklich kleine Familienbetriebe, die Familien teilweise auch schon über Jahre, über Generationen hinweg begleiten. SPRECHERIN: Doch die Bestattungsbranche sei durch ihre große Tradition relativ träge, Veränderungen seien immer langsam gekommen. Aber in den letzten Jahren hat sich vieles in der Welt verändert. Auch in ihrer Branche, und im Sprechen über den Tod. O4 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Ich habe vor zehn Jahren die Ausbildung gemacht und in diesen zehn Jahren gab es eine ganz, ganz tolle Entwicklung, ganz viele neue Initiativen, viel mehr offenes Sprechen darüber. In den Medien wird das Thema Tod und Trauer viel öfter aufgegriffen. SPRECHERIN: Ein Grund dafür: Die Digitalisierung unserer Lebenswelt – und der des Sterbens. In diesem Bereich, den Lilli Berger auch "death care" nennt – die nun eben auch digitale Arbeit mit dem Tod und der Trauer – ist sie eines der prägendsten Gesichter des Wandels. MUSIK: Coldplay, 42 [Those, who are dead, are not dead, they are living in my head …] 0’27 SPRECHERIN: Mit der Digitalisierung ist zunächst erst mal vieles, was früher physisch hinterlassen wurde, digital geworden. Einer der ersten, die das empirisch untersucht haben, ist Lorenz Widmaier – was ist ein digitales Erbe und wie konkret gehen die Hinterbliebenen mit diesem um? Erst seit kurzem sei das wirklich wichtig geworden, weil digitale Nachlässe natürlich erst in den letzten Jahren so richtig anzufallen beginnen. Zum digitalen Nachlass gehören alle Spuren, die wir zu Lebzeiten digital hinterlassen: Verträge, Passwörter, Zugänge zu bestimmten Accounts, aber auch Suchverläufe oder Aktivitäten auf Webseiten. O5 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Zum Beispiel das, was wir auf Facebook oder in anderen sozialen Medien machen. Ganz wichtig sind dann auch Messenger, so was wie WhatsApp, wo zum Beispiel eine Beziehungsgeschichte oder die Geschichte mit seinem Kind sehr detailliert dokumentiert ist, den Alltag mit Sprachnachrichten, Fotos, Videos und sowas, was es eigentlich früher nie gab in der Detailliertheit. Zum digitalen Nachlass gehören nicht nur die Daten des Verstorbenen, sondern auch meine eigenen Daten, die ich über den Verstorbenen habe. Also gerade so was wie WhatsApp Verläufe. Musik: Future questions 0‘25 SPRECHERIN: Mit Hinterbliebenen hat er sich mehr als 30 dieser „digitalen Nachlässe“ angeschaut, ausgewertet und gefragt, was sie mit diesen Daten machen und was sie ihnen bedeuten. Widmaier erinnert sich an eine Mutter, die ihre Tochter verloren hat und über deren digitales Erbe zu Antworten gefunden hat. O6 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Die hat dann Screenshots gefunden, die ihre Tochter von der Zugverbindung gemacht hat, die sie für ihren Suizid verwendet hat. Und diese Screenshots waren einige Wochen davor gemacht. Das heißt, sie wusste dann, „Okay, den Gedanken gab es schon einige Wochen. Das war keine Affekthandlung, die plötzlich passiert ist.“ SPRECHERIN: Zu Lebzeiten ihrer Tochter war es für sie unbemerkt geblieben. Im Spiegel der zusammengesetzten Daten konnte sie posthum nachvollziehen, wie sich der Zustand ihrer Tochter verschlechtert hat. O7 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Sie haben dann zum Beispiel Instagram-Posts angeschaut, wo es dann ganz klar Hinweise darauf gab: Man hat mehr nachdenkliche, traurige Selfies zum Beispiel gesehen. Aber auch die Hashtags haben dann auf bestimmte Musik verwiesen, wo es um Suizid ging. Auch die kurzen Kommentare haben sich so deuten lassen. Und so konnte man einfach ein bisschen Biographiearbeit machen und versuchen, so die Gefühlslage der Verstorbenen zu verstehen. Und das war dann auch so ein Weg. Wo man seinen Frieden in gewisser Weise damit finden konnte, dass man eine gewisse Erklärung hatte. SPRECHERIN: Nicht immer sind die Daten vorhanden oder zugänglich. Manchmal sind genau die Daten, die fehlen, das wichtigste Puzzlestück im Nachlass. So erging es einer Mutter, die ihre Tochter ebenfalls durch einen Suizid verloren hat. O8 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Der Mutter war es dann wichtig, die privaten Nachrichten zu lesen, die ihre Tochter an Freunde usw. geschrieben hat. SPRECHERIN: Das Problem: Sie hatte den Zugang nicht. Also wendete sich die Frau direkt an Facebook O9 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: und erklärt, „meine Tochter hat sich das Leben genommen, ich brauche Zugriff auf die privaten Nachrichten, ich will das verstehen usw." Und dann hat Facebook aber gesehen, dass die Tochter in den Nachlass-Einstellungen eingestellt hat – „Facebook Account nach meinem Tod löschen.“ Und jetzt war es so: Die Mutter wendet sich an Facebook, Facebook sieht, da steht drin „nach meinem Tod löschen“ und hat den Facebook-Account gelöscht. Musik: Bouncing radicals 0‘32 SPRECHERIN: Was zählt mehr, die Wünsche des Verstorbenen oder die Bedürfnisse und Nöte des Hinterbliebenen? 1O Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Das ist eine moralische Frage, ist eine rechtliche Frage, die auch in verschiedenen Ländern anders bewertet wird. Es gibt Länder, da hätte die Mutter trotzdem das Recht drauf. SPRECHERIN: Das digitale Leben ist wie eine weitere Schicht zu unserer Existenz hinzugekommen. Und wir sollten auch darüber verfügen, wie mit diesem Teil unserer Identität umgegangen werden soll, wenn wir nicht mehr da sind. 11 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Und wenn man dann vielleicht noch zu manchen Dingen die Wünsche vermerkt, zum Beispiel WhatsApp, bitte alle Nachrichten löschen, die zwischen uns geschrieben worden sind. Das hilft Hinterbliebenen enorm zu wissen: Was darf ich eigentlich? Niemand will gerne rumkramen in den Sachen von den Verstorbenen. Die meisten brauchen aber Erinnerung. Musik: Virtual land 0‘40 SPRECHERIN: Die Digitalisierung hat einerseits dazu geführt, dass manche Dinge, die früher analog existierten, nun eine andere Form angenommen haben. Doch sie hat auch ganz neue, zuvor undenkbare Möglichkeiten geschaffen. Etwa mit der Art und Weise, wie wir Kontakt zu den Verstorbenen halten. Auf Facebook gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, das Profil eines Verstorbenen in einen „Gedenkstatus" zu versetzen. So lässt sich dort trauern, erinnern, im Gespräch bleiben. Dieser Wunsch, die Verbindungen mit den Verstorbenen über den Tod hinauszuhalten, trägt in der Psychologie den Namen „continuing bonds“. 12 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Man spricht die verstorbene Person direkt an in diesen Posts nach dem Tod. Das ist ähnlich zu Briefen, die man früher an verstorbene Personen geschrieben hat, aber man macht das jetzt in einer kleinen Öffentlichkeit zusammen mit anderen und dann reagieren andere auf diese Posts, sei es nur mit einem kleinen Herz oder mit einem kurzen Kommentar. Und so ist diese Trauer und diese „continuing bond“ eben sichtbarer und vielleicht auch ein bisschen akzeptierter. SPRECHERIN: Und die analoge Welt? Die bleibt ja. 13 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Es wird auch genauso wichtig sein, das Grab zu besuchen. Wenn ich nicht zum Begräbnis kommen kann, aus irgendeinem Grund, kann ich vielleicht über einen Facebook-Livestream trotzdem dazu kommen. Aber es wird trotzdem auch das Begräbnis vor Ort geben und das wird die gleiche Relevanz behalten. Aber natürlich, ein Pullover vom Verstorbenen, der hat denselben Stellenwert, die Möbel vom Verstorbenen. Das verliert jetzt nicht an Wert. Musik: Unbiased opinion 0‘28 SPRECHERIN: An diesem digitalen Zusatz arbeitet auch Lilli Berger, die Bestatterin, die außerdem Film und digitales Leadership studiert hat. Auch deswegen konnte sie 2020 das Unternehmen VYVYT [Aussprache: vivit] mit zwei Kollegen gründen: In Deutschland hat sie die erste virtuelle Möglichkeit geschaffen, zeit- und ortsunabhängig Abschied zu nehmen oder Gedenkfeiern zu veranstalten. 14 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Man kann es zum ersten Todestag machen, zum zehnten Todestag, zum Geburtstag des Verstorbenen. Es gibt einem Raum, wo man, egal wo man gerade auf der Welt ist, für eine Stunde einfach vorbeikommt und dieser Person nochmal gedenkt, sich Erinnerungen austauscht und in dem Moment werden Erinnerungen ja wieder lebendig. SPRECHERIN: Dieser Raum ist im Grunde einer Gedenkseite gar nicht unähnlich. Es ist nur – wirklich ein Raum. Er ist dreidimensional, die Erfahrung intensiver, und dadurch vielleicht bleibender. 15 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Es gibt ein Vorne, ein Hinten, es können Gruppen sich bilden. Es gibt rechts, links, es gibt ein 3D-Audio. Das heißt, du hast auch wirklich das Gefühl, jemand spricht links oder jemand spricht rechts. Und wenn mir eine Geschichte erzählt wird, sehe ich vor mir zum Beispiel einen virtuellen Baum. Und in dem Moment speichert mein Gehirn das Erzählte als Erinnerung im dreidimensionalen Raum ab und das kann mein Gehirn später wieder abrufen. Und dadurch entstehen in diesem virtuellen Raum Erinnerungen, sie werden sozusagen auf einer lebendigen Art und Weise weitergegeben, dass ich mich langfristig dran erinnern kann. Musik: Finding a way out 0‘31 SPRECHERIN: Auf der Seite steuert man durch den Raum mit den Pfeiltasten am Computer und der Maus. Man kann in diesem digitalen Raum umherlaufen, stehen bleiben, die Bilder an den Wänden anschauen oder selbst welche in leere Bilderrahmen hochladen. Man kann mit den anderen ins Gespräch kommen, oder für sich bleiben. Der virtuelle Erinnerungsraum hat den Vorteil, dass er uns Freiheiten bietet, die uns im Leben häufig verwehrt sind. 16 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Es gibt erst mal keine Rituale, die wir in der physischen Welt ja schon haben, wie zum Beispiel, man gibt Blumenblätter oder Erde mit ins Grab oder man zündet eine Kerze an. Wir können den virtuellen Raum neu besetzen. Die Frage ist, ob wir das wollen oder ob wir vielleicht auch einfach Analoges nehmen und ins Digitale übersetzen. Das ist genauso möglich. Aber es ist ein Ort, den wir erst mal noch erobern dürfen mit unserer eigenen Trauerkultur. SPRECHERIN: Gerade für die heranwachsende Generation ist das eine Chance. Denn sie wächst mit dem Internet auf. 17 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Sie können für sich neue Traditionen, neue Rituale entwickeln. Und wir sind auch frei in der Art und Weise, wie wir den Raum gestalten. Also zum Beispiel finde ich total schön, wenn der Raum an etwas erinnert, was wir mit der verstorbenen Person erinnern, zum Beispiel Omas Garten. Musik: Confused images 0‘27 SPRECHERIN: Diese jüngere Generation ist ein wichtiger Teil der Nutzenden des virtuellen Gedenkraumes. Und unter ihnen insbesondere jene "early adopters", die offen sind, mit neuen technischen Innovationen herumzuexperimentieren. Und auch jene, die einen ungewöhnlichen, frühen oder tragischen Tod verarbeiten müssen, greifen auf das Angebot zurück. 18 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Also zum Beispiel hatten wir Meves, der war 14, als sein Vater im Sterben lag, und er hat die Stammkneipe nachgebaut vom Vater. Und ein halbes Jahr, nachdem der Vater gestorben ist, gab es eine große Geburtstagsparty für den Vater in dieser Stammkneipe und es war für den Sohn so ein schöner Moment, weil er konnte seinem Vater noch mal was geben und er hat sein Vater noch mal aus ganz verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Ein halbes Jahr nach der Beerdigung – und das tat ihm total gut. Er hat jetzt wieder angefragt und möchte gerne jetzt zum Jahrestag wieder eine virtuelle Trauerfeier veranstalten zur Erinnerungsfeier. SPRECHERIN: In Zukunft wird es für das Unternehmen dahin gehen, öfter reale Räume nachzubauen. Das alte Elternhaus vielleicht? Oder den Ort der letzten gemeinsamen Reise? Das exakte Nachbauen realer Räume ist momentan noch sehr kostspielig und wird deshalb eher selten gemacht. Aber das Aufkommen generativer Künstlicher Intelligenz erleichtert es enorm. Und überhaupt: verändert Künstliche Intelligenz vieles, auch in der Trauerkultur. Bereits jetzt, und vor allem in der Zukunft. 19 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Du baust eine Verbindung zu der verstorbenen Person auf. Das ist nicht notwendig, dass der Chatbot dir diese Beziehung suggeriert. Die passiert in dir, die passiert in deinem Herzen. Sie passiert in deinem Kopf. Die passiert psychologisch in Erinnerung. Wie auch immer. Und da möchte ich gerne hinkommen, dass der Chatbot das unterstützt, Musik: Learning process 0‘26 SPRECHERIN: Gerade experimentiert sie mit einem KI-Chatbot, einem Computerprogramm, das menschliche Gespräche mit einem anderen Nutzer simuliert. Sie füttert ihn mit Daten von und über sich selbst. 20 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Und der wächst jetzt gerade mit all meinen Erinnerungen und persönlichen Beziehungen. Das heißt, ich baue das selber und bin richtig, richtig neugierig, wohin das geht. Und es ist ehrlich gesagt super faszinierend. SPRECHERIN: Aber das hat seine Grenzen, sie ist damit sehr vorsichtig. 21 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Gleichzeitig sehe ich aber auch die Gefahr, dass wenn man damit alleine gelassen wird, dass das problematisch werden kann. Es gibt einfach viel Unausgesprochenes. Und es gibt viele Fragen, die offen bleiben nach dem Tod. Und der Chatbot kann diese Fragen nicht beantworten. MUSIK 0’35 Sasha Alex Sloan, Dancing with your Ghost [I put the record on, wait 'til I hear our song, Every night, I'm dancing with your ghost] SPRECHERIN: 2020 hatte ein Video aus Südkorea Schlagzeilen gemacht: Eine Frau begegnet dem Avatar ihrer kleinen Tochter in einer Virtual Reality wieder. Das Mädchen ist nur wenige Jahre alt geworden. Die Beziehung abrupt geendet. Der Avatar fragt: „Mama, wo bist du gewesen? Hast du an mich gedacht?“ 22 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Ein virtuelles Gegenüber, dass man eben nicht nur betrachten kann, sondern mit dem man gewissermaßen auch in einen Dialog treten kann. Also ein KI-System, das auf meinen Input adäquat reagiert. SPRECHERIN: Das ist Matthias Meitzler von der Uni Tübingen. Er hat sich als Thanatologe viel mit dem Lebensende beschäftigt, war in Hospizen, Pathologien, hat über 1.200 Friedhöfe besucht und ein Buch darüber geschrieben. Zuletzt hat er zum digitalen Weiterleben von Verstorbenen anhand KI-basierter Technologien geforscht. Das Feld verändert sich gerade rapide. Und grundlegend. 23 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Und dann ist es eben nicht mehr so, wenn ich jetzt diese Anwendung etwas frage, dass dann einfach irgendwas schon Aufgenommenes einfach nur abgespielt wird, sondern dieser Avatar in dem Fall kann dann antworten und kann dann etwas sagen, was diese Person zu Lebzeiten gesagt haben könnte, aber sehr wahrscheinlich gar nicht so gesagt hat. Und sie kann das beispielsweise auch in der Stimmlage dieser Person tun. Man kann mittlerweile auch Stimmen schon sehr realistisch simulieren und reproduzieren und da nähert sich dieses digitale Andere sehr stark einem vermeintlich lebendigen Menschen an. SPRECHERIN: Wird der Tod durch die lebensechten, kreativen Avatare der Verstorbenen relativiert? 24 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Der Tod ist zunächst etwas Körperliches. Aber es gibt ja doch in vielen Fällen so was wie ein soziales Weiterleben. Dann kann durch Digitalisierung natürlich vieles verwirklicht werden, was man früher vielleicht nicht für möglich gehalten hat. SPRECHERIN: In den USA hat sich in den letzten Jahren eine noch kleine Industrie gebildet. Für Meitzler verschärft das die grundsätzlichen Fragen, die wir uns mit dem Tod stellen. 25 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Menschliche Persönlichkeit ist ja auf den ersten Blick schon was Stabiles, was irgendwie über längere Jahre erhalten bleibt. Aber auf der anderen Seite sind Menschen ja auch immer in Entwicklung. Also ich spreche jetzt mit Ende 30 anders als ich mit Anfang 20 gesprochen habe. Und wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahrzehnten noch mal anders sprechen, ich werde Dinge anders bewerten, vieles vielleicht auch einfach anders sehen, mich auch an meine Vergangenheit anders erinnern. Und jetzt kann man natürlich durchaus kritisch fragen: „Na ja, wenn wir jetzt so ein Avatar kreieren, welche Version von mir soll das eigentlich dann sein?“ Musik: KI 0‘37 SPRECHERIN: Mit welchen Daten soll meine KI trainiert werden bzw. wie werden die Daten, die sich womöglich widersprechen, gewichtet? Das berührt die Frage der Identität – wer bin ich? Und zu wem werde ich, wenn ich die Form des Avatars annehme? 26 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Sollen das jetzt Daten sein, die ganz aktuell sind? Wenn jetzt ein Mensch stirbt, sollen es Daten sein, die er erst vor kurzem produziert hat? Oder sollen es Daten sein, die vielleicht schon Jahre oder vielleicht auch irgendwann mal Jahrzehnte alt sind? Was ist, wenn es da Konflikte gibt? SPRECHERIN: Und ganz wichtig die Frage: Wer entscheidet das eigentlich? 27 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Sind das dann immer die jeweils Verstorbenen, die zu Lebzeiten schon festlegen, ob sie überhaupt ein Avatar haben wollen und wenn ja, wie dieser aussehen soll und welche Daten da überhaupt verwendet werden sollen? Sollen überhaupt alle Daten verwendet werden? Oder gibt es nicht bestimmte Inhalte, wo man vielleicht aus guten Gründen sagt: „Um Gottes willen, bitte nicht nach meinem Tod das noch irgendwie bewahren?" Oder sind es am Ende vielleicht auch die Hinterbliebenen, die das dann entscheiden, wenn sich die verstorbene Person da vielleicht auch gar nicht verbindlich geäußert hat? Das ist natürlich dann im Zweifel auch problematisch, gerade dann, wenn es mehrere Hinterbliebene gibt, die auch noch mal unterschiedliche Interessen haben. SPRECHERIN: Hinzu kommt das Problem, dass die Anbieter private Unternehmen sind, die ihrerseits wiederum ökonomische Interessen verfolgen und die vulnerable Situation von Trauernden ausnutzen könnten. Meitzler hat da ganz konkrete Szenarien vor Augen. 28 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Der Avatar sagt kurz vor Ablauf des Abos: „Bitte verlängert doch dieses Abo, zahlt doch bitte mal nach, lasst mich kein zweites Mal sterben.“ Also im Prinzip den Hinterbliebenen auch ein schlechtes Gewissen einredet. Es ist ja durchaus denkbar, dass es da vielleicht auch subtilere Formen gibt, bis hin zu Produktplatzierungen etc. Also was ist denn, noch mal ein plakatives Beispiel, wenn die verstorbene Großmutter als Avatar dann ihrer Enkelin rät, doch dieses oder jenes T-Shirt zu kaufen und auch gleich den Bestelllink schon mitliefert. Musik: Secret proofs red. 0‘30 SPRECHERIN: Und trotz der Schreckensszenarien: Der Forscher glaubt, dass sich digitale Praktiken künftig in unsere Trauerkultur integrieren werden. Sie reflektieren das Bedürfnis nach Individualität, sagt Meitzler: 29 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung: MATTHIAS MEITZLER: Damit meine ich auf der einen Seite Säkularisierung, also dass Menschen Sinn und Erklärung für bestimmte Dinge eben nicht mehr an erster Stelle in der Religion suchen, dass wir uns weniger als Teil eines großen Kollektivs verstehen, sondern eher danach schauen: Was ist denn ein bestimmter Mensch gewesen, was war seine Persönlichkeit? Und ich denke, da lässt sich auch diese Entwicklung hin zum digitalen Weiterleben ganz gut einordnen. MUSIK: Virtual land 0’33 SPRECHERIN: Wie alles Neue finden einige die Vorstellung befremdlich oder gefährlich gar. Plötzlich mit digitalen Avataren zu kommunizieren, die an unsere liebsten Menschen erinnern sollen, die wir verloren haben? Für andere mag es Trost spenden. Lilli Berger hat eine konkrete Vorstellung: Musik: Aufbruch (reduced 2) 0‘44 30 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Also ich wünsche mir von der Zukunft, dass wir alle so einen digitalen Ort haben, an dem wir an Verstorbene erinnern. In meinem Fall zum Beispiel wäre das eine virtuelle Insel. Und da wären dann all die Menschen, die ich dann verloren haben werde. Also mein Vater bekäme dann digitale Berge, meine Mutter würde einen Platz an dem Meer haben und ich könnte mir vorstellen, dass man dann regelmäßiger solche Orte besucht und einander austauscht, um so ein bisschen die Erinnerungen zu teilen und weiterzugeben, sie wieder lebendig werden zu lassen.
- Liebesbriefe - Zärtliche Zeilen und Zeitzeugnisse
28.10.2025 · 23 Min.
Liebesbriefe sind spannende Zeitzeugnisse. Sie spiegeln Hoffnung und Sehnsucht und sind eine mutige Selbstoffenbarung mit dem Risiko. Mache gewähren auch Einblick in das Auf und ab von Beziehungen. Vor allem sind Liebesbriefe tiefromantische Bekenntnisse im Versuch, das ganz große Gefühl auszudrücken und für immer auf Papier zu bannen. Autorin: Valerie von Kittlitz (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Valerie von Kittlitz Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Amberger, Jenny Güzel, Johannes Hitzelberger, Florian Schwarz, Hemma Michel Technik: Regine Elbers Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Eva Wyss, Germanistin Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler Marie von Heyl, Künstlerin, Philosophin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Literatur: Sigmund Freud, Martha Bernays: Brautbriefe. Sie waren nie zur Veröffentlich vorgesehen und bieten nun überaus faszinierende Einblicke in die große Liebe des Vaters der Psychoanalyse. Der letzte Band ist noch nicht erschienen. Johannes Kleinbeck, „Geschichte der Zärtlichkeit. Die Erfindung des einvernehmlichen Sex und ihr zwiespältiges Erbe bei Rousseau, Kant, Hegel und Freud”. Spannende Darstellung des schleppenden Wandels einer tristen Pflichterfüllung durch die Aufklärung. Eva L. Wyss, Susanne Häberlin, Rachel Schmid: Übung macht die Meisterin: Ratschläge für einen nichtsexistischen Sprachgebrauch. Ein wertvoller Ratgeber. Linktipp: Eclectic Engineering ¬– toller Philosophie Podcast von Gesprächspartnerin Marie von Heyl HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin In Mexiko-Stadt gibt es einen Platz, an dem Schreiber sitzen. Unter Kolonnaden, vor Hitze und Regen geschützt, betreiben sie ein uraltes Geschäft. Es kommen Menschen zu ihnen, die Hilfe suchen. Oft sind es Liebende. Die Schreiber hören zu und übersetzen ihre Gefühle in Liebesbriefe. [Zitate: Wie aus der Ferne] Zitatorin 1 Bachmann Lieber, Du, (…) Zwei- oder dreimal hab ich einen Brief an Dich geschrieben und dann doch nicht weggeschickt. Zitator 2 Celan Ingeborg, liebe, nur ein paar Zeilen, in aller Eile, um Dir zu sagen, wie sehr ich mich freue, das Du kommst. (…) Ich bin voller Ungeduld, Liebe. Dein Paul. Sprecherin Ingeborg Bachmann und Paul Celan im Jahr 1949. Es sind die ersten Briefe der stürmischen Liebe zwischen Dichterin und Dichter. Celan überschüttet Bachmann mit Mohnblumen, die in ihrem Zimmer leuchten, bevor sie verwelken. Er schreibt Gedichte für sie – und glühende Briefe. Musikakzent Zeilen über das schönste Gefühl der Welt. Auf den zweiten Blick ist ein Liebesbrief allerdings gar keine so unkomplizierte Sache. Wie findet man überhaupt Worte für ein Gefühl? Den Mut, sich zu bekennen? Einmal abgeschickt beginnt das Bangen. Denn wer einen Liebesbrief bekommt, kann erfreut sein, aber auch peinlich berührt. Hoffnungen, Enttäuschungen, Verletzungen stehen auf dem Spiel. Vielleicht faszinieren die Liebesbriefe großer Literatinnen und Künstler deshalb. Mit viel Fantasie und Begabung werden hier Gefühle ausgedrückt. Reihenweise füllen Editionen von Liebesbriefen berühmter Menschen die Buchhandlungen, oft sind es Bestseller. Sie gewähren Einblick in das private Leben von Personen, die wir sonst nur aus der Öffentlichkeit kennen. Wer hätte denn gedacht, dass der “Eiserne Kanzler” Otto von Bismarck seiner Verlobten geschrieben hat, sie solle ihn benutzen, misshandeln, und seine Briefe unterschrieb mit Zitator 3 “Dein Knecht“ ? Sprecherin Oder dass Franz Kafka von Felice Bauer verlangt hat, ihre Post einmal pro Woche pünktlich zum Sonntag zu schicken, weil ihn tägliche Liebesbriefe zu sehr mitnähmen? [Ende Einleitung, nochmal Schreibmaschinengeklapper, bricht ab] O-Ton 1_Eva L. Wyss, Germanistin [9 Sek.] Über die Liebesriefe der Menschen aus der Mitte der Gesellschaft gab es eigentlich keine Forschungsliteratur. Sprecherin Die Germanistikprofessorin Eva Lia Wyss wollte sich nicht mit der großen Literatur beschäftigen. Als Sprachwissenschaftlerin interessierte sie sich für die Liebesbriefe der Allgemeinheit. Nur: sie fand keine Quellen. O-Ton 2_Eva L. Wyss, Germanistin [6 Sek.] Das fand ich bemerkenswert und hab dann gedacht, ich probiere das mal aus. Sprecherin In den 90er Jahren begann sie, quer durch die Schweiz Gratisanzeigen zu schalten, in denen sie dazu aufrief, ihr Liebesbriefe zu schicken. Besonders hoffnungsvoll war sie anfangs nicht. O-Ton 3_Eva L. Wyss, Germanistin [9 Sek.] Meine Kolleginnen und Kollegen an der Uni Zürich damals haben mir auch gesagt, “Du kriegst sicher keine Briefe, was denkst Du Dir wohl dabei”. Sprecherin Aber es kam anders. Knapp 2500 Liebesbriefe stapelten sich innerhalb von wenigen Monate auf ihrem Schreibtisch. O-Ton 4_Eva L. Wyss, Germanistin [31 Sek.] Briefe die nicht abgeschickt wurden, also beispielsweise nach einer Beendigung einer Liebesbeziehung, solche Bilanzbriefe. Briefe von Menschen, die mir die mit einer Erläuterung zum Entstehungsprozess auch überlassen haben. Ein Ehepaar, die haben mich zu sich nach Hause eingeladen, die wollten mich ein bisschen mustern, und schauen wer da Liebesbriefe sammelt, und haben mir dann die Briefe überreicht, auch mit Bedingungen, ob es publizierbar sei oder nicht. Stimmenkollage [überlagernd] Zitatorin 4 Mein lieber Uli! Schnell möchte ich Dir mein Lieberì ein paar Worte schreiben, Wie geht es Dir? Hoffe gut, was auch bei mir der Fall ist. Bist Du noch gut heimgekommen, am Mittwoch? Zitator 3 Liebstes Lisel! Bin nun ganz traurig dass ich Dich heute nicht telephonisch erreichen konnte. Aber weist Du, ich habe den Eindruck, es wird eben nicht sehr gefällig aufgenommen, wenn ich Dir anläute. Zitatorin 4 Wie muss das schön sein, einmal von Dir Kinder zu haben, und sie zusammen zu guten und lieben Menschen zu erziehen. … Werden wir uns dann wohl sehen? Nun aber muss ich schnell unter die Decke, es ist schon wieder ziemlich spät. Empfange meine liebsten Grüsse und viele Küsse von Deinem Klärli. Sprecherin Die Riesenmenge an Post überforderte Eva Lia Wyss zunächst. Der Fluss an Zusendungen brach auch nicht ab. 1997 entschloss sie sich, ein Archiv zu gründen. Dieses Liebesbriefarchiv umfasst heute um die 50.000 Zusendungen, die in Zusammenarbeit mit Universitäten in Dortmund und Koblenz archiviert, digitalisiert und weit erforscht worden sind. Es ist das größte deutschsprachige Archiv seiner Art. Mit sorgsam verfassten Schriftstücken auf feinem Papier. Kreis- oder herzförmig geschriebenen Liebesbriefen, reich verziert. Aber auch Zettelchen, schnell die auf Rückseite einer Rechnung oder mit Bleistift gekritzelten Briefen. Der älteste ist von 1715. Wie erforscht man so einen riesigen Fund? O-Ton 5_Eva L. Wyss, Germanistin [13 Sek.] Textmuster herauszuarbeiten, das ist für die Sprachwissenschaft natürliches ganz etwas Grundlegendes, inwiefern unterscheidet sich jetzt der Liebesbrief von anderen Briefsorten. Zitator 3 “Max Oberdorfer” [zügig, direkt] Mannheim, d. 23. Juni 1902 Mein liebes Fräulein Bertha. Ich erhielt heute früh Ihr liebes Briefchen und sage Ihnen dafür meinen herzlichsten Dank. Aus dem Inhalt selbst kann ich mir eigentlich nicht ganz klar werden, jedoch weiss ich überzeugt sein zu können, dass Sie mich lieben, und gebe ich Ihnen die Versicherung, dass mein Herz nur allein für Sie meine liebe Bertha schlägt. Sprecherin Ein Liebesbrief folgt einer bestimmten Struktur. Zentral Elemente sind Gruß, Abschied, und Liebesbekundung. Und jeder Brief enthält dabei Codes, sprachliche Verschlüsselungen von Gefühlen, von Begehren. Zitator 3 “Max Oberdorfer” [Fortsetzung: zügig, direkt] Wegen eines Andenkens bin ich mit einer Miederschnur zufrieden, die ich als winziges Andenken an Sie, meine Liebe, aufbewahren würde. Auf frohes Wiedersehen. Ich grüsse und küsse Sie herzlichst Ihr Sie liebender Max Oberdorfer. Sprecherin Mal ist ein Liebesbrief sehr formal und kühl, ein anders Mal eher plump oder verspielt und poetisch. Zitatorin 4 [zärtlich] Heute Mittag stahl ich mich ganz leise ins Dörfchen. Von Konstanz konnte ich gleich mit dem Dampfboot heimfahren. Da find ich für Dein Bild einen vertrauten Rahmen, da haben wir uns gefunden in dieser herrlichen Natur, es liegt eine tiefe Weise darin und bürgt viel mehr für ein schönes, grosses Leben. Sprecherin Ob ein Brief eher formell oder poetisch ist, hat übrigens vor allem mit dem Charakter des Schreibenden zu tun, oder einer Form von Talent. Und nur begrenzt mit Bildungsstand oder Herkunft. Verspieltes, Ästhetisierung, wie Eva Lia Wyss es nennt, findet sich klassenübergreifend und querbeet in Liebesbriefen. Und noch eines hat sie gefunden: Der Liebesbrief ist ein Männergenre. O-Ton 6_Eva L. Wyss, Germanistin [28 Sek.] Der Liebesbrief ist eine männliche Gattung deswegen, weil er ursprünglich, und vor allem in 19 Jahrhundert, der Brief ist, der an Frauen gerichtet wird. Es zeigt sich schon auch dass diese Codierungen des Begehrens, die Darstellung der Imaginationen, männlich gegendert ist, also: Ich möchte Dich auf Deine Lippen küssen, ist ein Satz den man nicht liest in einem Brief von einer Frau. Sprecherin Männern schrieben Frauen an. Neben Werbungsriefen, die sich vereinzelt finden, gibt es Brautbriefe, die regelmäßigen Austausch zwischen Männern und Frauen dokumentieren. Brautbriefe waren die Briefwechsel, die zur Verlobungszeit entstanden. Früher wurden sie häufig noch abends der Mutter vorgelesen, damit sie ihre Meinung abgab. O-Ton 7_Eva L. Wyss, Germanistin [11 Sek.] Es gibt auch in den Briefstellen Hinweise dazu, dass die Frauen sehr züchtig zurückschreiben sollen, im 19. Jahrhundert und eigentlich auch lange im 20. Jahrhundert noch. [Kleine Atempause] Sprecherin Das bestätigt auch Johannes Kleinbeck. Er ist Literaturwissenschaftler und hat sich mit den Brautbriefen zwischen Sigmund Freud und seiner Verlobten Martha Bernays beschäftigt. O-Ton 8_Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler [20 Sek.] Ach, ich muss recht lachen, wie eifrig Du immer auf dem Genuss der Gegenwart bestehst, als wärest Du eine robuste Heidin, two thousand years ago, (…) anstatt ein frommes zartes Kind des spiritualistischen 19. Jhdt. und meine Braut (…) Aber schön ist die Gegenwart doch in der man so schöne Hoffnungen hegen darf wie: ich dürfte Martchens Lehrer sein. Sprecherin Solche Sätze finden sich häufig in den Briefen des berühmten Nervenarztes. Er weist seine Verlobte regelmäßig zurecht. Für Freud passt vieles, was Martha schreibt, nicht zum damaligen Idealbild einer Braut. Mit den ambivalenten Gefühlen, die zu einer Beziehung gehören, kann er anfangs nur begrenzt umgehen. Über wenig streiten die beiden so viel wie darüber, was “Zärtlichkeit“ ist – damals ein gängiges Wort für Liebe. O-Ton 9_ Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler Und somit kann man schon sagen, dass diese Briefe ein Versuch sind einer Disziplinierung, in der er eine bestimmte Form von Zärtlichkeit realisiert haben möchte. [kurze Pause/ Blick in die Geschichte] Sprecherin Sigmund Freud und Martha Bernays lernen sich im Jahr 1882 kennen. Freud ist auf Anhieb verliebt. Er schickt der jungen Martha täglich Rosen. Und sie ist beeindruckt und angetan von ihm. Nur zwei Monate später sind die beiden verlobt. Doch die Hochzeit muss warten. Weder kann Martha die damals übliche Mitgift liefern, noch hat Sigmund das Einkommen, um eine Familie zu ernähren. Martha Bernays lebt in der Nähe von Hamburg, Sigmund Freud in Wien. Über diese große Distanz schreiben sie sich jeden Tag, viereinhalb Jahre. Ca 1500 Briefe reisen hin und her. Zitator 2 Freud Mein süßes Martchen! Dein Brief, dein holder Brief, ich habe ihn erst zweimal gelesen, kann noch nicht darauf antworten. (…) Am liebsten schriebe ich nichts als: Mein teures Martchen, meine süße Martha... Sprecherin Das junge Glück ist anfangs unbändig. Die Postkutsche braucht vier Tage. Die Briefe schwirren hin und her. Oft entsteht ein heilloses Durcheinander, aber die beiden sind sehr darum bemüht, klarzustellen auf welchen Brief sie sich beziehen und alles zeitlich zu verorten. Zitatorin 1 Bernays Gestern, Geliebter, war unser junges Glück acht Tage alt. Die Gedenkfeier jener seligen Morgenstunden konnte ich im Wald halten – unter alten, ehrwürdigen, wetterfesten Riesen, bei denen ich mir doch noch winziger vorkam als neben Dir, Du großer Mann. Sprecherin Marthas Briefe haben oft einen scherzhaften Ton. Die Einundzwanzigjährige ist witzig und lebt gerne genussvoll. Aber sie kokettiert auch und macht sich dabei klein. Zitatorin 1 Bernays Nun habe ich eben Deinen Brief bekommen, und nun bin ich gar nicht mehr unzufrieden und undankbar. Innigen, heißen Dank, dass Du Dich in Gedanken so viel mit dem unbedeutenden Ding beschäftigst, dass sich “Martha“ nennt. Sprecherin Freud reagiert wechselhaft. Mal ist er geradezu entsetzt über solche Töne, dann wieder macht er sie selbst klein. Seine Briefe schwanken zwischen heißer Liebesbekundung und trockenem Bericht. Kitsch ist ihm zuwider. Am liebsten würde er es sachlich halten. Ihn wurmt, dass Marthas männliche Künstlerfreunde wie Fritz Wahle ihr spielerisch “unendliche Liebe“ bekunden. Zitator 2 Freud Solche Überschwänglichkeit des Ausdrucks und der Gebärde, wie sie Fritz beliebt, mißfällt mir nun aus zwei Gründen. Zunächst an und für sich, weil es unserer Zeit mehr angemessen ist, mit den einfachsten Mitteln und dem geringsten Aufwand von Gefühlsregungen hauszuhalten, und dann, weil ich glaube, daß es auch Dir peinlich sein muß, wenn Du Dir bei denselben Worten und denselben Gebärden nicht dasselbe denken darfst. Es ist verwirrend, und der Mensch soll es nicht tun, dasselbe Wort, das ihm als Losung und als Heilwort dient, als Phrase zu gebrauchen, dieselbe Handlung einmal als eine gleichgültige, einmal als eine zauberkräftige zu verrichten. O-Ton 10_ Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler [25 Sek.] Was an solchen Passagen faszinierend ist, ist erstmal, dass es hier eine wirkliche Theorie der Liebe gibt, eine Theorie der Zeichen der Liebe, wann sie angemessen sind, wann sie nicht angemessen sind. Ich würde allerdings nicht sagen, dass das Eifersucht ist, beziehungsweise ich glaube, wenn man jetzt zu schnell mit so allgemeinen Begriffen wie Eifersucht herantritt, dann sieht man nicht, dass diese Gefühle immer Medieneffekte sind. Sprecherin Medieneffekte: Damit meint Kleinbeck : Ein Liebesbrief steht zu jeder Zeit in einer bestimmten Tradition. Sitten und Moralvorstellungen schreiben sich durch ihn im wahrsten Sinne des Wortes fort. Althergebrachtes und Neues werden hier verhandelt. Und Freuds gemischte Gefühle haben eben damit zu tun, dass sich seine eigene Prägung beißt mit der Art, wie sich seine Braut im Brief präsentiert. Solche Ambivalenzen finden sich auch darin, was uns der “Vater der Psychoanalyse“ über den Liebesbrief und unser Seelenleben lehrt. Vielleicht würde er sagen: einen Liebesbrief zu schreiben ist, wie mit angezogener Bremse zu fahren. Denn in der Regel verfasst man ihn aus einem Begehren heraus – nach Freuds Triebtheorie könnte man sagen, aus nichts anderem als dem Sexualtrieb. Und der kam in Freuds Verlobungszeit zu kurz. O-Ton 11_ Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler Das Interessante ist eben, dass Freud gewissermaßen schon in den Brautbriefen selbst wie dann später in der Psychoanalyse diesen spezifischen Anforderungen an das Triebleben in der Verlobungszeit eine pathogene, das heißt eine krankmachende Wirkung zuschreibt. Sprecherin Leiden und Leidenschaft. Damals wie heute kann ein Brief körperliche Distanz nicht aufheben. Im Gegenteil, er ist Sinnbild dafür. Im Zweifelsfall steigert er Sehnsucht und Verlangen nur. Zitatorin 1 Bernays Das leere Papier gähnt einen ordentlich an, nicht wahr? Du bist mein Gedanke bei Tag und bei Nacht und wohnst – leider in der Kaiser-Josefsstraße! [kleine Atempause] Sprecherin Wird Martha Bernays nun respektlos von Freud erzogen? Das kann man so pauschal nicht sagen, betonen die Herausgeber der Brautbriefe, und auch Kleinbeck. Denn es gibt eine Entwicklung. Der Briefwechsel steht für das Auf und Ab einer gelebten Beziehung, in der zwei Menschen anfangs frisch verliebt sind, sich über Briefe kennen lernen müssen und sich wortwörtlich zusammenraufen. In ihrer Gänze zeugen die Briefe von Ideenreichtum, Witz und intensiver Zuneigung. Grundlage für eine lange Ehe. Die Titel der Bände verweisen auf diese Entwicklung: Der erste heißt „Sei mein, wie ich mir’s denke“. Der letzte: „Dich so zu haben, wie Du bist“. Die Zeiten haben sich geändert. Freud beobachtet unter seinen eigenen männlichen Patienten eine allgemeine Misogynie – das Erniedrigen von Frauen bei gleichzeitigem Begehren. Heute wird ständig neu verhandelt, was Respekt ist. Auch im Brief. O-Ton 12_Eva Wyss, Germanistin [20 Sek.] Aufgewühlterweise, zu nächtlichen Stunden, ich: Schattenfängerin, Zwischenzeit heute, morgen, Zukunft, sie schillert magisch. Ängste treiben wilde Blüten. Wer werde ich sein? Wie werde ich werden? Sprecherin [evtl überlegen über file “Zwischenteil”?] Eva Wyss liest einen Brief aus dem Archiv vor, der sie besonders bewegt hat. Er ist aus den Achtzigerjahren. Geschrieben hat ihn eine Frau. O-Ton 13_Eva L. Wyss, Germanistin [49 Sek.] Alltägliche Winzigkeiten als Kristalle eines Liebeslebens. Du, wie Du Dir die Zähne putzt, Dein vornüber geneigtes Profil im Ausschnitt der halboffenen Türe, der nicht gekochte Tee frühmorgens, mein stummer Ärger, eine Bitte, eine Entschuldigung, eine befreiende Ironie, eine Bewegung von Haut zu Haut. Wir wachsen. Herzblättrig zu Dir… und dann der Name, die Unterschrift. Das war für mich so ein Ausdruck, oder eine Suche nach einer Möglichkeit Liebe zum Ausdruck zu bringen, relativ authentisch, also da steht nicht, ich möchte Deine Lippen küssen, ich möchte Dir in die Augen schauen, sie schickt mir ein Strumpfband. Sprecherin Mit dem gesellschaftlichen Wandel haben sich Vorstellungen von Moral, von Liebesleben, von Gemeinsamkeit geändert. Auch davon, ob die eigenen Gefühle überhaupt geteilt werden müssen. Das Individuum steht im Zentrum. Den meisten Schreibenden ist damit auch bewusst, dass ihr Brief unterschiedlich aufgefasst werden kann. O-Ton 14_Eva L. Wyss, Germanistin [12 Sek.] Was liest man denn, wenn man den Brief liest, was versteht man, was ist die Bedeutung für diese Person da, da gibt es unendlich viele Möglichkeiten einen Brief zu lesen. Sprecherin Dieses Bewusstsein ist unter anderem einer philosophischen Schule zu verdanken: Den Poststrukturalisten. Besuch im Atelier der Philosophin und Künstlerin Marie von Heyl. Sie hat sich eingehend mit zwei Vertretern dieser Schule beschäftigt: Jacques Lacan und Jacques Derrida. Beide revolutionieren in den Sechzigerjahren die Idee von Sprache. O-Ton 15_Marie von Heyl, Künstlerin und Philosophin [12 Sek.] In dieser Sprachauffassung ist Sinn nicht irgendwas was schon da ist, und durch Sprache transportiert wird, sondern Sinn entsteht erst, und wird produziert, und auch erst nachträglich. Sprecherin Die poststrukturalistische Philosophie hat recht eigenwillige und auch komplizierte Ideen von Sprache hervorgebracht. Dabei haben Lacan und Derrida über ein Paradox gestritten: Wie kann man behaupten, dass es keine Wahrheit gibt, und das gleichzeitig als absolute Wahrheit darstellen? Letztendlich verbindet beide, dass sie sagen, dass immer etwas zwischen den Zeilen steht, auch in einem Liebesbrief. O-Ton 16_Marie von Heyl, Künstlerin und Philosophin [21 Sek.] Diese Sprachauffassung die kann einen, ((und das ist diesem Poststrukturalismus auch vorgeworfen worden)), quasi natürlich ins Chaos stürzen, so kann man das sehen, dass man nirgendwo mehr Halt hat, man kann das Ganze aber auch unheimlich produktiv auffassen, dass wir, wenn wir in der Sprache sind, immer andere adressieren und dass das eigentlich ist wie Sinn überhaupt erst entsteht. Sprecherin Nämlich dadurch, dass wir überhaupt miteinander reden oder uns Briefe schreiben. Andere machen etwas aus unseren Worten – und sei es etwas ganz Eigenes. Und jeder Text kann anders gelesen werden. O-Ton 17_Marie von Heyl, Künstlerin und Philosophin [12 Sek.] So ein Leser zum Beispiel ist auch Derrida. Also er guckt sich Texte an, die schon hundertmal besprochen worden sind, und liest die eigentlich ein bisschen wie… wie Liebesbriefe. [Langsam wieder Einblenden: zarte Musik] Sprecherin Für Marie von Heyl sind Liebebriefe Einladungen zu Denken. Sie sind auch zentraler Teil ihrer Arbeit als Philosophin und Künstlerin. Sie findet spannend und schön, dass ein Text immer wieder zu einem neuen, unerwarteten Gedanken führen kann. Wer einen Liebesbrief schreibt, hat vielleicht immer auch ein bisschen Angst, missverstanden oder abgelehnt zu werden. Aber es gibt von vornherein ein Trostpflaster. Natürlich hofft man in der Regel, dass ein Brief mit Wohlwollen gelesen wird, dass unsere Gefühle erwidert werden. Wenn aber nicht – Denker wie Derrida würden sagen, es entsteht immerhin immer etwas Neues, selbst in der Verneinung. Sprache ist unendlich, und wir in ihr. Und wer einen Liebesbrief schreibt, trägt bei zum andauernden Kreislauf der Gedankenproduktion. Der verewigt sich. O-Ton 18_Marie von Heyl, Künstlerin und Philosophin [12 Sek.] Ich glaube er nennt das an anderer Stelle sogar ein Testament. Für Derrida ist es so, dass Sprache den Tod enthält, und zwar weil sich Sprache von uns ablöst. Das meint er erstmal in so einem abstrakten Sinne, aber das Beispiel, das er dafür nutzt, ist eben auch ein Brief. Wenn ich einen Brief schreibe, dann kann ich nie wissen, ob der Adressat, die Adressatin noch am Leben ist. Und andersherum genauso. Sprecherin Zur dunklen Kehrseite des Lebendigen gehört die Vergänglichkeit. Und letztlich ist sie ein zentraler Aspekt der Romantik, die den Liebebrief prägt. Mit Grußformel und Abschied, mit Hoffnung und tiefer Sehnsucht. Zitatorin 1 Gedicht Warum ich wieder zum Papier mich wende? Das musst du, Liebster, so bestimmt nicht fragen: (....) Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende, Dein ungeteiltes Herz hinübertragen Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen: Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende. Goethe. Sprecherin Und heute? Welchen Stellenwert hat ein Liebesbrief? Post-its auf dem Kühlschrank, öffentliche Bekundungen in den sozialen Medien sind neue Formen von Gefühlsergüssen, Den echten Liebesbrief macht immer noch die klassische Struktur von Anrede, Abschied und Liebesbekundung aus. Die meisten schreiben ihn zu Jubiläen oder Festtagen. Für alles Alltägliche gibt es SMS oder Email. Der Liebesbrief steht für den Versuch, wahre Liebe in Wort und Schrift festzuhalten. Für Sehnsucht, Romantik und Hoffnung. Für eine Verbindlichkeit – denn schnell löschen lässt sich ein Brief aus dem Postkasten nicht mehr. Für Eva Lia Wyss gibt es noch einen klaren Hinweis dafür, dass Liebesbriefe Bestand haben: dass schon Kinder sie schreiben. Das Liebesbriefarchiv enthält viele Beispiele. Kinder verfassen Liebesbriefe, sobald sie schreiben lernen – mit Pathos und Mut. [Auf halber Strecke einblenden/unterlegen: zarte Musik, mit Ende zum letzten Satz hin] O-Ton 19_Eva Wyss, Germanistin [47 Sek.] Nicht einfach, ich habe Dich, und hast Du mich auch, und “kreuze an”, diese Beispiele, die da immer wieder genannt werden, sondern in denen tatsächlich auch Probleme des Austausches thematisiert werden, wo man sieht, es gibt ein Interesse, diese ganze Romantik in den Griff zu bekommen. Dass zum Beispiel riesengroße Herzen gemalt werden, um zu zeigen, dass man ein Bewusstsein schon entwickelt hat von dieser vielleicht eben gefahrvollen, aber auch großartigen, existenziellen Kulturform, nicht, die da auf die Kinder wartet, der Liebe, der romantischen Liebe.
- Die Geschichte des Aufzugs - Wie der Fahrstuhl die Welt veränderte
28.10.2025 · 24 Min.
Ohne den Aufzug sähe unser Alltag um einiges beschwerlicher aus. Und die Häuser in unseren Städten hätten nie besonders weit in die Höhe wachsen können. Doch der Fahrstuhl ist keine Erfindung unserer Zeit. Seine Anfänge reichen weit zurück. Der Aufzug, wie wir ihn heute kennen, entstand schließlich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Autor: David Globig (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: David Globig Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Katja Amberger, Kia Ahnsen Technik: Andreas Lucke Redaktion: Iska Schreglmann Interviewpartner/innen: Dr. Heinz-Jürgen Beste, wissenschaftlicher Referent, Deutsches Archäologisches Institut Rom; Prof. Andreas Bernard, Kulturwissenschaftler, Leuphana-Universität Lüneburg; Christian Tauss, Gründer des Wiener Aufzug Museums; Beate Höhnle, Testturm-Managerin, TK Elevator, Rottweil Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Seilbahnen - Am Drahtseil auf Gipfel und durch Städte JETZT ANHÖREN Die Mikrowelle - Vom Radargerät in die Küche JETZT ANHÖREN Linktipp: Wiener Aufzug Museum: EXTERNER LINK | https://www.aufzugmuseum.at/ Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Newsjunkies | Ein Podcast von rbb24 Inforadio Ein Tag, ein großes Nachrichten-Thema. Das liefert "Newsjunkies". Wir fragen nach dem Warum und geben Antworten und Hintergründe. JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Andreas Bernard: "Die Geschichte des Fahrstuhls. Über einen beweglichen Ort der Moderne", FISCHER Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2006. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN