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Berghütten früher und heute - Schutzhaus in luftiger Höhe

14.07.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Nur drei Tage brauchte der Hubschrauber, um die neue Olpererhütte im Zillertal zu errichten, Muli-Karawanen waren es beim Becherhaus im Stubai. Bis heute ist es eine Herausforderung, ein Schutzhaus unter Extrembedingungen zu errichten und zu bewirtschaften. Felsstürze und Trinkwasserprobleme machen es zusätzlich schwer. Von Georg Bayerle (BR2024)

Credits

Autor dieser Folge: Dr. Georg Bayerle
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprach: Thomas Birnstiel
Technik: Josef Angloher
Redaktion: Iska Schreglmann


Im Interview:
Gabi Braxmaier, Hüttenwirtin Kemptener Hütte
Christine Denk, Hüttenwirtin Augsburger Hütte
Em. Professor Dr. Hermann Kaufmann, Holzbau TU München
Robert Kolbitsch, Ressortleiter Hütten & Wege DAV
Professor Dr. Michael Krautblatter, Hangrutschungen TU München
Peter Mani, Hüttenreferent SAC
Erich Pichler, ehem. Hüttenwirt Becherhaus

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:


ERZÄHLER:

Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet Dietmar Berchtold, wie Holzbauteile von Dach und Wänden von den Lastwagen entladen werden. Er koordiniert den Ladeplatz am Schlegeisspeicher im Zillertal. Männer in greller Warnkleidung und Helm wie er, stellen die Bauteile in einer festgelegten Reihenfolge auf. 

Atmo Hubschrauber

Dann schwebt der Hubschrauber heran mit langem Steilseil, sekundenschnell befestigen sie ein meter-langes Wandstück, das jetzt schaukelnd in die Luft gehoben und auf den Berg zur Baustelle geflogen wird.

1.Zsp NO 0.14

Na sollten schnell die ganzen Wände hoch, dass wir bis zum Abend fertig werden. Cirka 50 - 60 Flüge haben wir heut und wenn’s Wetter wärmer wird, haben wir ein Problem, weil der Hubschrauber nicht mehr so viel lupfen kann, drum müssen wir am morgen früh gleich ‚wähla‘.

ERZÄHLER:

In pausenlosem Pendelflug geht es jetzt so weiter. 600 Höhenmeter weiter oben beobachtet der Architekt dieser Extrembaustelle, Professor Hermann Kaufmann, wie das am Hubschrauber hängende Bauteil gleich an der richtigen Stelle in das Holzskelett des Hüttenbaus eingesetzt wird.

2.Zsp OH 2.16

Das ist wie ein Puzzlespiel. Das muss genau passen und in einer sehr schnellen Taktfrequenz auch, damit das Ganze muss so vorbereitet werden, dass in der Taktfrequenz wie der Hubschrauber heraufkommt, dass es wirklich passt. Die haben keine Zeit, da lange herumzusägen, herumzubasteln. 

Atmo: sägen

ERZÄHLER:

350 Einzelteile sind es, bis zu eineinhalb Tonnen schwer. Sie wurden in der Zimmerei vorgefertigt. Als fliegender Lastesel des 21.Jahrhunderts funktioniert der Hubschrauber dabei gleich als Kran auf der Baustelle in 2400 Meter Höhe. Zimmerleute turnen über die Holzkonstruktion, fangen die schwebenden Holzplatten und passen jedes Teil zentimetergenau ein.

3.Zsp NO 0.42

So etwas habe ich noch nie gemacht. So mit der Dramatik an der Baustelle. Das ist etwas Unbeschreibliches. 

Musik: Schnelle Schritte (reduced 1) 0‘40

ERZÄHLER:

Hermann Kaufmann ist damals Professor für Holzbau an der Technischen Universität München. Die neue Olpererhütte im Zillertal entsteht im Juli 2007 in nur drei Tagen an derselben Stelle, wo die marode, 100 Jahre alte Berghütte, vorher abgerissen worden war. Der Neubau ist etwas vollkommen Neuartiges und stellt aus heutiger Sicht einen historischen Meilenstein dar: die neue Hütte soll so effizient wie möglich gebaut wer-den und besteht praktisch zur Gänze aus Naturmaterialien. Das Vorbild hatte der Architekturprofessor in seiner Heimat, dem Bregenzerwald gefunden:

4.Zsp NO 1.54

Man kann’s vergleichen mit einem altem Blockbau, der ja auch als Blockbau damals gebaut wurde, weil Holz ein Dämmmaterial ist und wir erwarten im Prinzip eine ähnliche Atmosphäre wie bei den alten Blockbauten, die ja im Sommer ein ganz angenehmes Klima haben. Solange das Dach ist, wird das Haus nicht verrotten, es hat einen Schindelpanzer an der Außenseite, solange diese Schindeln dicht sind, wird also auch diese ganze Konstruktion ewig überdauern.

ERZÄHLER:

Oder sie könnte, weil auf künstliche Isoliermaßnahmen verzichtet wurde, einfach an Ort und Stelle verrotten. Die über Jahrhunderte praktizierte Holzbauweise der Tradition eignet sich als Vorbild für die Anforderungen des 21.Jahrhunderts. Für Robert Kolbitsch, den Ressortleiter für die Hütten beim Deutschen Alpenverein, hat der Münchner Holzbauprofessor damit den Weg vorgegeben:

5.Zsp 001/3.20

Das hat der Kaufmann damals schon erkannt, dass wir bei reinen Sommerhütten schon Einiges reduzieren können. Dass wir die üblichen Baustandards, die wir vom Tal kennen, reduzieren können.

ERZÄHLER:

Es fängt bei der Hüttenarchitektur und den Baumaterialien an und geht bis in die Details der Installation. Klima, Umwelt und Bewirtschaftungsweise werden hier zusammengedacht.

6.Zsp 001/4.40: 

Es geht darum, Energieaufwände zu minimieren. Der größte Energieverbraucher ist die Küche, wir wollen dort auch den Aufwand reduzieren, indem wir sagen, wir müssen nicht mehr so viele Speisen anbieten, ich brauche auch weniger Personal, wir haben weiniger Personalunterkünfte, ich habe auch weniger Kühllagerung und das alles hat Auswirkungen auf den Energiebedarf.

Musik: Hinter dem Nebel (reduced 1) 0‘46

ERZÄHLER:

Das Beispiel zeigt die besondere Komplexität, die in einer Berghütte mit ihrem extremen Umfeld steckt. Wo nichts einfach vorhanden ist, Ver- und Entsorgung mit großem Aufwand verbunden und die Belastungen durch Wind und Wetter extrem sind. In der ersten Blütezeit des Alpinismus, Ende des 19.Jahrhunderts, war den Hüttenbauern kein Hindernis zu hoch, um ihre Schutzhäuser an die aberwitzigsten Stellen zu setzen. Nach einfachsten Anfängen wie der Alten Prager Hütte mit einem Raum und einem Dutzend geschlechtergetrennten Schlafplätzen, wuchsen die architektonischen Träume schnell in die Wolken. Buchstäblich: 3195 Meter hoch steht das Becherhaus als höchste Schutzhütte Südtirols auf einem Berggipfel. Erbaut wurde es vor 130 Jahren von der Alpenvereinssektion Hannover, die Material und Inventar mit Mulis über den sechsstündigen Aufstieg aus dem Tal heraufschaffen ließ. Erich Pichler hat die Hütte so lange wie niemand sonst bewirtschaftet:

7.Zsp BE 0.19 + 1.22

1800 Höhenmeter, das ganze Material hochbringen, hier auf den Gipfel. Erst einmal die Idee zu haben, hier oben eine Hütte hinzustellen. Nicht eine normale Hütte, sondern ein Prestigehaus, weil das sind Mauern mit einem Meter und Korkplatten und Moose und haben es mit roten Samtteppichen ausgelegt. 

ERZÄHLER:

Das bürgerliche Milieu des Alpenvereins verpflanzte die städtische Lebenskultur gleich mit ins Hochgebirge. Dazu gehörte damals auch eine eigene Kapelle:

8.Zsp BE 3.10

Wir sind hier ausgerüstet, wir haben da das ganze Messgewand, das wir können anziehen, Altartuch, alles, was man braucht. Weil 30 Bergführer hier stationiert waren und die mussten sonntags in die Kirche gehen und so wurde die ganze Kirche dazugebaut.

Musik: Weiter Blick 0‘39

ERZÄHLER:

Ein Bauwerk wie das Schutzhaus auf dem Becher steht am Höhepunkt der Erschließungsphase der Alpen. Von 8 Hütten zur Zeit der Gründung der Alpenvereine um 1870 wuchs die Zahl auf über 300 im Jahr 1914 vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 

Großbürgerliche Salonkultur mit Ölbildern und roten Teppichen auf der einen Seite, die Einfachheit des modernen Blockbaus auf der anderen Seite: größer könnten die Gegensätze kaum sein. Und dabei müssen sich die Hütten in den Wetterextremen bewähren, so wie sie die Wirtinnen und Wirte oft im täglichen Wechsel erleben. 

Christine Denk bewirtschaftet die Augsburger Hütte, auf 2300 Metern in den Lechtaler Alpen:

9.Zsp AH 0.27

Ich finde es einfach übermächtig; und man merkt, man kann es nicht beeinflussen, also du kannst dir noch 15 Mal den Wetterbericht anschauen, es stimmt oft nicht, man ist immer ausgesetzt und muss es so nehmen wie es ist. Das ist richtig schön da heroben, finde ich.

Musik:  Ein neuer Tag (reduced 2) 0‘27

ERZÄHLER:

An diesem Tag ist das Wetter schlecht. Es kommen wenig Gäste. Zeit für die Hütten-Chefin, Dinge zu tun, die sonst liegenbleiben. Auch die Augsburger Hütte ist historisch, sie stammt aus dem Jahr 1885 und wurde mehrmals renoviert und umgebaut. Zuletzt 1992. Aus dieser Zeit stammt auch die Toilettenanlage. Die Behälter, in denen die Fäkalien die ganze Saison über gesammelt werden, müssen regelmäßig ge-tauscht werden. 

Christine steigt über eine Außentreppe in einen Kellerraum; beim Öffnen der Tür schlägt ihr eine Gestankswolke entgegen, dann dreht sie den Plastik-Behälter zur nächsten leeren Kammer. 

10.Zsp AH 1.10

Ich hab gottseidank eh einen schlechten Geruchssinn; so, das ist jetzt gedreht. Ich werde oben im Anlagenbuch aufschreiben, dass ich auf die Zahl vier gedreht habe. Und nächstes Jahr, wenn ich es ausleere, schau ich, wie voll die waren und ob man noch hätte warten können oder ob’s überfällig ist. 

ERZÄHLER:

Aber es gibt keine Abwasserleitung, hier, über 1000 Höhenmeter über dem Tal. Und die Zeiten, in denen alles einfach in die Landschaft gespült wurde, sind lange vorbei; die Exkremente werden also in den Behältern gesammelt. 

Musik: Secret proofs 0‘16

Jedes Jahr im Juni, kurz vor dem Saisonstart muss Christine Denk die unangenehmste Arbeit des Jahres verrichten: das, was die rund 2000 Gäste im Vorjahr hinterlassen haben, muss ins Tal:

11.Zsp TR 16.35

Bei uns ist es baulich leider so, dass es große Behälter sind, die ich nicht nach außen fahren kann, sondern wir schaufeln das aus. Mit so einer kleinen Gartenschaufel steht dann einer vor der Luke und der nächste schüttet es in einen Bigpack. wir sind alle in Schutzanzügen und mit Mundschutz, dauert einen halben Tag und dann schaufelst du die Hinterlassenschaften von einer Saison Hütte aus.

ERZÄHLER:

Alltagsdinge, über die sich die meisten wenig Gedanken machen, werden auf 2300 Meter Höhe zur Herausforderung. 

Hier oben kommt das Wasser auch nicht einfach so aus dem Hahn.

12.Zsp TR 17.20

Wir sind eine Hütte, die nicht viel Wasser hat. Wir sind abhängig vom Oberflächenwasser, also Schmelzwasser; Gletscher gibt’s fast nicht mehr, also Schneewasser und dann Regenwasser. Erstes Thema ist, überhaupt zu vermeiden, Wasser zu verbrauchen. Das Ziel ist am Ende, eine Hütte bewirtschaften und dem Gast eine gute Zeit zu bringen, in den Bergen Zeit zu verbringen. Und am Ende musst du mit den Strukturen zurechtkommen, die dir das Umfeld dort bietet. Und wenn du nicht viel Wasser hast, ist eine Trocken-WC-Anlage auch eine Konsequenz daraus.

ERZÄHLER:

Über einen Schmelzwasserbach, der von einem Gletscher gespeist wird, 500 Höhenmeter weiter oben, war die Augsburger Hütte jahrzehntelang mit Wasser versorgt. Inzwischen ist der Gletscher durch die Klimaerwärmung praktisch verschwunden, in trockenen Sommern ist der Wasserzufluss in den vergangenen Jahren wochenlang ganz versiegt. In der Hüttenabteilung des DAV laufen die Problemberichte bei Robert Kolbitsch zusammen. Auf vielen Hütten müssen Lösungen für den Wassermangel gefunden werden.

13.Zsp 001/5.20

Das ist ein Thema, das uns immer stärker betrifft. Verursacht durch den Klimawandel im Gebirge, das spüren wir da oben zuallererst. Das heißt wir wer-den dort die jetzigen Spültoiletten auf Trockentoiletten umstellen und werden dadurch den Wasserverbrauch um 70% reduzieren. Weil ohne Wasser kann ich die Hütte nicht betreiben.

Musik: Handicraft work 0‘19

ERZÄHLER:

Die Folgerung liegt auf der Hand; aber gerade das Beispiel Augsburger Hütte zeigt, wie komplex das Thema Trockentoiletten ist. Erst seit kurzem sind Unternehmen richtig aktiv geworden und entwickeln Lösungen für Trockentoiletten auf Berghütten.

16.Zsp 001/6.20

Da tut sich extrem viel. Es gibt in der Schweiz keine neuen Hütten mehr, ohne Trockentoilettensysteme und wir werden die jetzt auf unseren Hütten adaptieren. Es gibt derzeit mehrere Projekte, wo wir Hütten auf Trockensysteme um-stellen. Wir werden die gebauten Beispiele evaluieren, und dann den Sektionen Hilfsmittel zur Verfügung stellen, wie wir künftig die Trockentoilettensysteme auf den Hütten umsetzen können.

Musik:  Testing procedure (reduced) 0‘41

ERZÄHLER:

In der Organisationsstruktur des Alpenvereins sind jeweils die Sektionen die Betreiber der Hütten. Aber die Herausforderungen sind inzwischen zu groß für einzelne Alpenvereinssektionen. Denn der Wassermangel ist nur eines der Symptome des Klimawandels, der in den Alpen doppelt so schnell abläuft, wie im Flachland. Hier ist die Durchschnittstemperatur gegenüber 1880 bereits um 2 Grad gestiegen. Nicht nur Gletscher verschwinden rasend schnell wie über der Augsburger Hütte. Auch der Grund, auf dem Hütten stehen, wird instabil, weil der Permafrost im Fels auftaut. 

An der TU München erforscht Professor Michael Krautblatter die geologischen Prozesse im Gestein und steigt im Auftrag des Alpenvereins auch auf die Berge. Eines der Sorgenkinder ist die Landshuter Europahütte auf 2700 Meter Höhe über dem Brenner. Mit einem Netzwerk aus Sensoren und elektrischen Leitungen hat Michael Krautblatter durch die Messung der Leitfähigkeit im Untergrund Veränderungen im Permafrost erforscht.

17.Zsp 76/1.55 + 2.50

Bei der Landshuter Europahütte gibt’s sehr massive Setzungen. Und das sind sehr unterschiedliche Setzungsraten innerhalb der Hütte, das heißt, der bisherige Hüttenbau ist nicht zu erhalten. Und wir haben eine neue Fläche vorgeschlagen.

ERZÄHLER:

Während an dieser Stelle die alte Hütte nicht mehr zu retten ist, konnte Michael Krautblatter für die Stüdlhütte am Großglockner eine einfache Lösung finden: es ging darum, dass das Schmelzwasser vom Dach nicht mehr direkt neben der Hütte in den Boden einsickert und dadurch andauernde Frost- und Tau-Prozesse auslöst, die die Felsen aufsprengen.

18.Zsp 76/0.20

Die Stüdlhütte war für uns ein gutes Beispiel, es geht ja bei Alpen-vereinshütten auch darum, mit geringem Aufwand viel bewirken zu können. Und das ist ein Fall, wo wir gesehen haben, das warme Dachwasser, das in die Permafrost-Nordflanke fließt, ist die Hauptursache. Man hat einen begrenzten Eingriff, man führt dieses warme Dachwasser weg, und hat damit gleich eine ziemlich gute Wirkung.

Musik:  New discovery 0‘17 

ERZÄHLER:

Inzwischen greift der Klimawandel massiv in die Schutzhütten-Infrastruktur der Alpen ein. Der Deutsche Alpenverein steht vor einer gewaltigen Herausforderung, sagt Robert Kolbitsch, der Hüttenchef:

19.Zsp 002/2.45 + 4.09

Wir werden uns die Hüttenstandorte sehr genau anschauen, wir werden Risikobeurteilungen machen: wie schaut die Wasserversorgung der Hütte künftig aus, die Murengefahr auf den Hütten, Muren werden zunehmen. Wir müssen die Standorte sehr genau anschauen, macht der Erhalt des Standorts wirklich Sinn, wir müssen über Alternativen nachdenken und darüber nachdenken, einzelne Standorte schließen.

ERZÄHLER:

Der Schweizer Alpenclub SAC ist in diesem Bereich bereits weiter: durch die größeren Höhen und das extremere Relief treten hier die Klimawandelfolgen noch drastischer zutage. In einer großangelegten Untersuchung wurden gerade alle Hütten auf ihre Klimasensitivität untersucht. Ergebnis: jede dritte Schutzhütte ist vom Klimawandel bedroht, erklärt Peter Mani, Experte des SAC:

20.Zsp 81/1.32 + 2.24

Die Britanniahütte hat Probleme mit dem Zugang, weil der Gletscher dort weggeschmolzen ist. Früher war das ein einfacher Hatsch, heute dis-kutiert man dort, eine große Hängebrücke reinzutun, weil man durch das Gelände nicht mehr kommt. Bei der Oberaletschhütte ist das Problem beim Tourenangebot, die Hochtouren werden dort wesentlich schwieriger und gefährlicher werden.

Musik: Disturbing factors 0‘28

ERZÄHLER:

Andere Berghütten in der Schweiz wurden in den vergangenen Jahren durch Lawinen oder Muren zerstört. Nach 150 Jahren steht die Kultur der Berghütten vor einer historischen Zäsur. Verglichen mit den geologischen Erschütterungen an exponierten Standorten in der Schweiz, machen sich die Klimawandelfolgen auf der Augsburger Hütte in Tirol eher unspektakulär bemerkbar, dafür aber andauernd. 

Hier evtl. Archiv-Atmo Küche (nicht in den Zusp. vorhanden)

ERZÄHLER:

Christine Denk steht mit ihren Mitarbeiterinnen am Herd, um das Abendessen zu kochen. Zu diesem Zeitpunkt laufen praktisch nur die Küchengeräte, um das Stromnetz nicht zu überlasten. Da zeigt die Steuerung der Elektronik plötzlich eine Störung an:

21.Zsp AH 7.02

Scheiße; Unable to read Wasserkraftwerk, 18 Uhr 12..

Atmo Kraftwerk

ERZÄHLER:

Während das Abendessen für die Gäste gekocht wird, muss jemand aus dem Hütten-team 250 Höhenmeter im alpinen Gelände absteigen zum Kleinwasserkraftwerk am Bergbach, das die Hütte versorgt. Eine halbe Stunde später wird sich dort herausstellen, dass nur eine Sicherung rausgeflogen ist. In trockenen Sommern aber, wenn der Schmelzwasserabfluss versiegt, gibt es oben auf der Augsburger Hütte auch keinen Strom aus dem Kleinwasserkraftwerk mehr. Die Energieversorgung ist eine weitere große Baustelle im Hüttenteam des DAV bei Robert Kolbitsch:

22.Zsp 002/0.25

Wenn ich zu wenig Wasser habe, habe ich auch Probleme, genügend Energie aus Wasserkraft zu bekommen. Die Sonnenenergie ist unsere wichtigste Energielieferant auf unseren Hütten. Die Photovoltaik wird ausgebaut, das ist jetzt nichts Neues. Aber auch die Speichertechnologie wird immer besser, auch daran arbeiten wir. Beides in Verbindung mit reduziertem Verbrauch, dann schaffen wir es, relativ autark die Hütten betreiben zu können.

Musik: Precision on demand 0‘28 

ERZÄHLER:

Die Hütte der Zukunft soll möglichst als in sich geschlossenes System funktionieren, genau abgestimmt auf die natürlichen Ressourcen. Annehmlichkeiten wie warme Duschen, Federbetten oder üppige Speisekarten kann es dann kaum mehr geben. Die Diskussionen um den Komfort auf Hütten sind schon ein Jahrhundert alt und werden jetzt unter den neuen Vorzeichen von Klimaschutz und Umweltverträglichkeit geführt.

23.Zsp TR 02

Duschen ist nicht schlecht, aber mal ein Wochenende geht auch ohne. Brunnen vor der Hütte langt locker. Wolldecken reichen völlig aus

ERZÄHLER:

Bei Christine Denk auf der Augsburger Hütte erledigen sich viele Komfortfragen durch die Umweltbedingungen von selbst:

24.Zsp CD 53.49

Also wir haben nur Wolldecken, weil ich mit den Wasserproblemen gar keine Chance habe, diese Federbetten regelmäßig abzuziehen und zu waschen. Ich glaube, ein Gast will doch nur, dass sauber ist; das ist wichtig.

ERZÄHLER:

So zählt auch die Kommunikation zu den wichtigen Aufgaben der Hüttenwirtin:

25.Zsp CD 54.44

Wir haben dieses Umweltgütesiegel und da ist eine Auflage, dass du die Gäste aufklärst, wie funktioniert deine energetische und wassermäßige Versorgung und das fragt auch jeder Gast. Ich glaube, wenn Leute auf der Hütte waren und die Restpfütze am Ferner sehen, das ist sofort transparent, was der Klimawandel macht. 

Musik:  Calculations 0‘25

ERZÄHLER:

Im Werkzeugkasten des Berghüttenbetriebs bahnt sich eine tiefgreifende Trendwende an: wenn Hütten umgebaut oder renoviert werden, dann dient es nicht mehr der Komfortsteigerung. Als die Kemptener Hütte im Allgäu vor kurzem renoviert wurde, hat auch die Hüttenwirtin Gabi Braxmaier, die das Schutzhaus auf 1850 Metern seit Jahrzehnten bewirtschaftet, am neuen Konzept mitgewirkt:

26.Zsp TR 1:06:52

Es war Anliegen von uns, dass man die Duschen abschafft, weil einfach das Duschverhalten manchmal ein bisschen krank ist. Wir haben Tagesgäste ghabt, die gekommen sind, geduscht haben. Wir wollten den Gast wieder ein bisserl zurückholen, wir haben keine Duschen mehr, wir haben kein Wlan, kein warmes Wasser. und eigentlich sind wir ganz glücklich damit

Musik: New evidence 0‘48

ERZÄHLER:

Wie in einem Reallabor wird der Ressourcenverbrauch so weit wie möglich heruntergefahren. Die Berghütten sollen in einer der empfindlichsten Naturlandschaften überhaupt zu einem Modell werden für einen klima- und umweltfreundlichen Lebensstil, wie ihn die Gesellschaft insgesamt braucht. In einer neuen „Hütten-Wege-Vision 2030“ skizziert der Deutsche Alpenverein derzeit den Pfad, wie er mit seinen 320 Hütten in den Alpen klimaneutral werden kann. Als Leiter des Hüttenressorts tüftelt Robert Kolbitsch mit seinen Fachleuten gerade an einem Modellprojekt, das 2025 starten soll: Anlass ist der notwendige Umbau der Hochlandhütte über Mittenwald im Karwendel:

28.Zsp 001/1.45 + 0.30

Wie hoch sind meine CO2-Emissionen, was kann ich sparen. Mit diesem Modellprojekt wollen wir Konstruktionen vorgeben, die künftig die Bau-maßnahmen einfacher darstellen. Wir versuchen anhand dieses Beispiels neue Wege zu gehen, was Baukonstruktion, was Materialität betrifft, dass wir zum Beispiel, was den Schallschutz betrifft, was die Statik betrifft, ans Praktikable gehen, um den Materialeinsatz zu reduzieren.

ERZÄHLER:

Die Aufgabe reicht vom Dachaufbau bis zur Trockentoilette und den Küchengeräten. An den Planungen ist die Technische Universität in München beteiligt. Technische Lösungen, Verfahrensweisen, Materiallösungen – die neuen Erkenntnisse sollen dann allen Alpenvereinssektionen als Best-Practice-Beispiele für ihre Hütten weiter-gegeben werden.

Musik:  Handicraft work 0‘15 

In ihrer 150-jährigen Geschichte stehen die Schutzhütten in den Alpen mitten in einem spannenden Veränderungsprozess.


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Tänzer (Hg.), Gärten – Von der Naturbeherrschung zur gesellschaftlichen Utopie Ira Diana Mazzoni, 50 Klassiker Gärten und Parks, Gerstenberg Verlag, 2005 Jessica Jungbauer, Urban Oasis, Parks and Projects for a Greener Future, teNeues Verlag, 2023 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN – werbend gesprochen Ihr neues Zuhause wartet! Schmuckes Appartement in Altstadtnähe, nur wenige Schritte zu den grünen Oasen der Stadt mit naturnahen Freizeitmöglichkeiten. Lassen Sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen! ERZÄHLER Städtisch und dennoch im Grünen – das beschreibt für viele Menschen die ideale Wohnlage. Die moderne Stadt ist eine grüne Stadt. 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Musik 2: Begegnung mit Barbarossa - – 1.02 Min+ Atmo Schafweide, später Atmo Wiese ERZÄHLER Natur und Landschaft fanden sich im Mittelalter überwiegend außerhalb der Städte. Auch die Allmenden, also unbebaute Flächen, die allen gemeinsam gehörten – daher der altdeutsche Begriff - , lagen für gewöhnlich außerhalb der Stadtmauern. Man ließ Schafe und Rinder dort weiden und sammelte dort Brennholz. In der Stadt, verborgen hinter Mauern, befanden sich zwar durchaus grüne Oasen: Sorgfältig gepflegte, geometrisch um einen Brunnen angelegte Klostergärten zum Beispiel. Doch zu ihnen hatte das Volk keinen Zugang. Ebenso wenig wie zu den privaten Stadtgärten der besseren Gesellschaft. Die hatte selbst in der dicht besiedelten Stadt ihr eigenes Grün, oft in Form begrünter Innenhöfe. Man konnte sie von der Straße aus nicht einmal sehen. Begrünte öffentliche Plätze oder auch nur Bäume in der Stadt waren rar in Mittelalter und Renaissance, sagt der Kunsthistoriker Stefan Schweizer: 3. ZUSPIELUNG Schweizer 4.30 Kurz nach 1600 beginnen dann die Diskussionen darüber, weil die Städte sich vergrößern, weil die Städte sich verdichten, weil die sozialhygienischen Bedingungen immer prekärer werden, auch für die Oberschicht prekärer werden, also auch die Oberschicht ist vor Pandemien oder Epidemien eben nicht gefeit. …Und daraus lernt man natürlich: Die sozial-hygienischen Bedingungen in der Stadt müssen verbessert werden. Musik 3: 3. Satz: Sarabande en rondeau - CD492710 103 – 1:02 Min ERZÄHLER Man lechzte nach mehr Raum in den engen, überlaufenen Gassen. Auch nach frischer Luft - Schmutzwasser, Küchenabfälle und Fäkalien landeten schließlich oft in offenen Abwasserrinnen und sorgten für einen entsprechend strengen Geruch in der Stadt. Natur wurde dem gemeinen Städter erst peu-à-peu zugänglich gemacht, im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts. In London waren einzelne königliche Parks öffentlich, der St. James’s Park beispielsweise. Mit der Öffnung für das Volk wollte sich der damalige englische König Charles II. als großzügiger Herrscher präsentieren. Ebenso öffentlich zugänglich war in Paris der barocke Garten am Palast der Tuilerien. Dort residierte der Sonnenkönig Ludwig XIV. Bei dem königlichen Garten handelte es sich um eine streng symmetrische Anlage, mit Alleen, Zierbrunnen, Skulpturen, Blumenarrangements und penibel gestutzten Hecken. 4. ZUSPIELUNG Schweizer 9.50 Dort wird so ne Art Stände-übergreifende Nutzung eingeübt, was auch interessant ist, weil Gärten damit überhaupt zu eminenten Orten der bürgerlichen Partizipation auch werden und der Emanzipation. … Also in Kirchen sind sie separiert, in Rathäusern sind sie separiert – überall wird segregiert und separiert, und in Gärten passiert es eben nicht. ERZÄHLER Später bekam das öffentliche städtische Grün sozusagen Schützenhilfe, und zwar aus unerwarteter Richtung: der Waffentechnik. Die Weiterentwicklung der Artillerie führte dazu, dass sich die Art der Kriegsführung grundlegend änderte. Da Kanonenkugeln jetzt Bastionen durchdringen konnten, wurden diese militärisch wertlos. Deshalb baute man ab dem 19. Jahrhundert die Festungen sukzessive zurück und hatte damit auf einmal Platz, viel Platz rund um die Städte. Und den konnte man gut gebrauchen, viele platzten schon aus allen Nähten. Musik 4: 1. Satz aus: Sinfonia concertante (Haydn) – R0115330101 – 55 Sek ERZÄHLER Auf den eingeebneten Festungsringen entstanden großzügige Grüngürtel sowie breite Straßen, Boulevards – ein Wort, das sich aus dem niederländischen Begriff für Bollwerk ableitet. Die Boulevards waren von Bäumen gesäumt. Auch grüne Wege für Fußgänger entstanden rings um die Stadt, sogenannte Promenaden. Zum Beispiel in Wien. Da vermeldeten die Wiener Nachrichten am 14. September 1859: ZITATORIN Die dreißig Klafter ERZÄHLER also gut 50 Meter ZITATORIN breite, mit doppelten Baumreihen besetzte Straße, welche nach dem Stadterweiterungs-Plane gleich einem regelmäßigen Gürtel um die Stadt gezogen werden wird, erhielt den officiellen Namen Ringstraße. Musik aus, Wechsel in Atmo Parkanlange, Schritte, Tauben ERZÄHLER Oder der Leipziger Promenadenring, mit Sitzbänken und Raum für eine neue Kulturtechnik: Das Spazierengehen. ZITATOR Oeftere Spatziergänge im Freyen erhalten den Sinn für die Natur und geben ihr auf das Gemüth wohlthätigen Einfluß. Jeder nicht unedle Mensch fühlt sich im Freyen reiner und menschlicher gestimmt. Alles Gute seiner Natur entfaltet sich da. … Die großen und freyen Ansichten der Natur entfesseln von den kleinlichen Verhältnissen des städtischen Zwanges. ERZÄHLER So lobt der Schriftsteller Karl Gottlob Schelle 1802 in seinem Traktat „Die Spatziergänge oder die Kunst spatzieren zu gehen“. Stefan Schweizer: 5. ZUSPIELUNG Schweizer 26.55 Das Promenieren ist nichts, was der Bürger des 16. Jahrhunderts als normal angesehen hätte, der hat seine Zeit mit wichtigeren Dingen zu verbringen, als zu promenieren. (27.22) Dazu brauchen sie ein gewisses Mindset, … und das hat auch sehr viel mit Freundschaftskult zu tun, der dann in der Romantik eben aufkommt, also unter Freunden gemeinsam in die Natur zu gehen. Und das ist übrigens dann auch eine politische Sache, in Teplitz besucht Goethe Beethoven, diesen schroffen Kerl, der ist da auf Kur und Goethe will sich mal mit ihm unterhalten, und dann gehen die an dem Tag spazieren, außerhalb der Stadt, an dem auch die Kaiserin dort aufschlägt. Und Beethoven und die Kaiserin gehen auf einen schmalen Pfad sich entgegen, und Beethoven weicht nicht. Und Goethe: Um Himmels Willen, Sie müssen doch der Kaiserin Platz machen! Nein – sie muss es für uns tun. Musik 5: Beethoven: Allegro vivace – M00113027Z00- 45 Sek ERZÄHLER Das Erwachen des bürgerlichen Selbstbewusstseins zeigt sich in dieser Kulturtechnik des Promenierens. Der Spaziergang wird zu einem wichtigen Teil der städtischen Freizeitkultur. Die Landschaftsarchitektin Sylvia Butenschön: 6. ZUSPIELUNG Butenschön 7.05 Und dann kommt eben von Hirschfeld Ende des 18. Jahrhunderts erstmal die Idee, zu sagen, wir brauchen eigentlich was Größeres, was Flächenhaftes, wo sich die Leute ausbreiten können, wo man sich erholen kann, wo man andere Leute treffen kann, was wirklich so ein Gegengewicht quasi zur dicht besiedelten Stadt bildet. ERZÄHLER Christian Cay Lorenz Hirschfeld, seines Zeichens ordentlicher Professor der Philosophie und der schönen Wissenschaften auf der Universität zu Kiel, formuliert es 1785 in seiner „Theorie der Gartenkunst“ so: Musik 6: Mozart: Oboenkonzert – 1:21 Min ZITATOR Eine ansehnliche Stadt muss in ihrem Umfang einen oder mehrere große offene Plätze haben, wo sich das Volk in gewissen Zeitpunkten der Freude oder der Noth versammeln und sich ausbreiten kann, wo eine freye und gesunde Luft athmet, und die Schönheit des Himmels und der Landschaft sich wieder zum Genuß eröffnet. Diese Plätze machen eine vorzügliche Zierde der Städte, wenn sie mit Rasen, mit Springbrunnen, mit Bildsäulen geschmückt, und von Baumpflanzungen und den schönern Gebäuden umkränzt sind. ERZÄHLER Die Idee des Volksgartens ist geboren, der Vorläufer des Volksparks und des späteren Stadtparks. Der Gartentheoretiker Hirschfeld zeigt sich in seinen Formulierungen ganz als Kind seiner Zeit, der Aufklärung: ZITATOR Diese Volksgärten sind… als ein wichtiges Bedürfnis des Stadtbewohners zu betrachten. Denn sie erquicken ihn nicht allein nach der Mühe des Tages mit anmuthigen Bildern und Empfindungen; sie ziehen ihn auch, indem sie ihn auf die Schauplätze der Natur locken, unmerklich von den unedlen … Arten der städtischen Zeitverkürzung ab, und gewöhnen ihn allmälig an das wohlfeile Vergnügen… Alle gelangen hier ungehindert zu ihrem Rechte, sich an der Natur zu freuen. (S. 68 Theorie, Band 5) Musik 7: Walzer mit Trio – 23 Sek ERZÄHLER Wenig später, 1789, folgt der Theorie die Praxis. Auf Geheiß des Kurfürsten Karl Theodor wird in München ein riesiger Park angelegt, der Karl-Theodor-Park. Der Volksmund nennt ihn schnell den Englischen Garten. Denn er entspricht in seiner Gestaltung dem englischen Landschaftsgarten, ein Gegenentwurf zu den geometrisch angeordneten, übersichtlichen französischen Herrschaftsgärten der Barockzeit.. 8. ZUSPIELUNG Butenschön 7.40 Es war noch so ein Top-Down-Produkt, wo der Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz ja in Anbetracht der Ereignisse in Frankreich, also der französischen Revolution, den klugen Rat bekommen hat, seinem Volk irgendwas Gutes zu tun … und gesagt hat, okay, wir machen einen großen Park für die Stadtbevölkerung direkt vor den Toren der Stadt und hat diesen Englischen Garten als Stadtpark angelegt, in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Das ist in zwei Jahren gebaut worden, am Anfang mit Fackelbeleuchtung in der Nacht, damit es möglichst schnell geht und damit man also möglichst schnell was präsentieren kann und was zeigen kann. Aber ganz klar das Motiv von dem Herrscher, der seinem Volk irgendwie was Gutes tun wollte, um die ruhig zu halten, sag ich mal so platt. ERZÄHLER Statt auf die Barrikaden zu gehen, sollte das Volk lieber flanieren. Dafür bot der Englische Garten mit seinen über 370 Hektar viel Platz. Er gehört noch heute zu den größten innerstädtischen Parks weltweit. Der erste Volksgarten, den eine Stadt selbst in Auftrag gab, unabhängig von einem adeligen Regenten, entstand in Magdeburg, genauer: unmittelbar vor der Stadt: der Klosterbergegarten. Alle Grünflächen rund um die Festung waren während der napoleonischen Kriege dem Erdboden gleich gemacht worden – damit auch das Stück Natur, zu dem die Magdeburger sonntags gerne strömten. Da beschloss die Stadt: 9. ZUSPIELUNG Butenschön 10.00 Das geht so nicht weiter, wir müssen irgendwie Grünflächen anlegen, weil um die Stadt rum ist alles öde und trist und in der Stadt ist es dicht bebaut und wir haben riesige Festungsanlagen um uns rum. Und 1824 hat dann die Stadt den damaligen Landschaftsarchitekten oder Obergärtner in Preußen, nämlich Peter Joseph Lenné, gebeten, einen Entwurf für einen Stadtpark vorzulegen für die Stadt Magdeburg. ATMO Garten, Schiffshorn ERZÄHLER Am Elbufer, südlich der Altstadt von Magdeburg, legte der Gartengestalter Peter Joseph Lenné den Volksgarten an, auf großzügigen 35 Hektar. 10. ZUSPIELUNG Butenschön 15:00 Er findet total richtig, dass dieser Park ein Ausdruck dessen sei, dass die Stadt sich so etwas leisten könne und wolle. Und damit hängt auch zusammen, dass nicht nur in seinem Stadtpark, sondern dann eigentlich in den meisten Stadtparks des 19. Jahrhunderts, dass immer ein Blick auf die Stadt geboten wird aus diesen Parkanlagen, also von den Spazierwegen. Das Bild der Stadt, die Silhouette mit den Türmen, dem Rathaus ist immer einbezogen und gerne der Ort, wo das Geld verdient wird. Das ist in Magdeburg die Elbe. Also der Blick auf die Elbe, wo die Schiffe fahren und wo der Handel getrieben wird. Das ist ein Bild in diesem Park, was man sehen soll, weil das quasi die Grundlage dafür ist, dass sich die Stadt so eine Anlage leisten kann. Musik 8: Der Tod aus Metropolis – 36 Sek ERZÄHLER Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchsen die urbanen Zentren. Zu Hunderttausenden drängten die Menschen, vor allem Arbeiter, in die Städte, die gar nicht so schnell Mietskasernen hochziehen konnten, um sie alle unterzubringen. Viele Bewohnerinnen und Bewohner hausten in Hinterhauswohnungen ohne Luft und Licht und ohne Grün. Etliche Mieter mussten sich sogar schichtweise eine Schlafstelle teilen. Seuchen breiteten sich aus. Die Enge und die Konkurrenz um Arbeitsplätze führten zu sozialen Spannungen. 11. ZUSPIELUNG Loenhart 2.40 Die Lebensbedingungen der Bevölkerung wurden zunehmend kritischer… ERZÄHLER Der Landschaftsarchitekt und Professor an der TU Graz Klaus K. Loenhart [Lo-enhart]. Er sieht in den Parks 12. ZUSPIELUNG Loenhart 2.55 wirklich ein revolutionäres Konzept, nämlich einen öffentlichen Landschaftsraum zu gestalten, der allen Menschen zugänglich war, unabhängig von ihrer sozialen Stellung. ERZÄHLER Überall in den Ballungsgebieten halten jetzt Parks Einzug, dort wo noch Platz ist, in den Vorstädten und Arbeitervierteln. Das Ideal: soziale Integration mittels gemeinsamer Grünräume. Die Berliner Landschaftsarchitektin Sylvia Butenschön: 13. ZUSPIELUNG Butenschön 3.30 Diese Möglichkeit, einen für alle zugänglichen Raum zu haben, an dem jede Bewohnerin der Stadt sein darf, verschiedenste Dinge machen kann, ohne dass es was kostet, ohne dass man dafür Geld ausgeben muss, die finde ich einfach großartig. Und ich denke, das ist eines der ganz wichtigen Errungenschaften, die kommen aus den Gedanken der Aufklärung und des Humanismus. ERZÄHLER Die Besucherinnen und Besucher der Stadtparks sollten nicht nur aufatmen und ihrer Gesundheit etwas Gutes tun – allein schon, um ihre Arbeitskraft zu erhalten. Man richtete an den Park auch einen moralischen Anspruch. Er sollte die Besucher in gewisser Weise zu besseren Menschen machen. 14. ZUSPIELUNG Butenschön 18.20 Und das fängt in Berlin an. Und zwar genau in den Bereichen, wo die Arbeiterschaft wohnt und wo man sagt, die Leute sollen nicht Geld ausgeben im Park, sondern die sollen dort gesund bleiben, indem sie sich spielerisch, sportlich, wie auch immer betätigen, also an der frischen Luft sind und eben nicht dazu verführt werden, ins Wirtshaus zu gehen und das Geld für Alkohol oder sonst irgendwas auszugeben. Musik 9: False words – 1:58 Min ERZÄHLER Wie ein grüner Faden zieht sich durch die Geschichte des Stadtparks und ihrer Vorläufer: Er soll Begegnung ermöglichen. Damit das gelingt, spielt aus Sicht des Landschaftsarchitekten Klaus Loenhart eine wichtige Rolle, dass sich alle in einem Park zu Hause fühlen können. 15. ZUSPIELUNG Loenhart 16:18 Also wenn wir in den Park gehen, dass wir eben nicht in den Garten eines anderen gehen, sondern wir mitunter wirklich ein Gefühl haben: Ich darf mich da jetzt hinlegen, denn es ist auch ein Stückchen meins, mein Zuhause, mein Garten. ERZÄHLER Als „Benutzerpark und Gebrauchslandschaft“ – so verstand der Landschaftsarchitekt Günther Grzimek seinen Olympiapark in München. Entworfen hat er ihn in Zusammenarbeit mit dem Architekten Günther Behnisch für die Olympischen Spiele 1972: Eine Art Voralpenlandschaft mit einem See, künstlich geschaffen auf einem drei Quadratkilometer großen früheren Militärflugplatz, nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt. Symbolträchtig: Der Trümmerberg aus dem Zweiten Weltkrieg wurde begrünt und zum Olympiaberg transformiert. Grzimeks Kredo: Auf die Parkbesucher oder besser -benutzer und –benutzerinnen und ihre Bedürfnisse kommt es an. Sylvia Butenschön: 16. ZUSPIELUNG Butenschön 35.00 Die Gestaltung muss sich darauf einstellen, dass der Park wie ein guter Gebrauchsgegenstand von allen irgendwie genutzt werden kann, der akzeptiert, dass es Trampelpfade gibt, also dass die Entwicklung von Wegen nicht festgelegt wird von vornherein, sondern dass die Nutzerinnen das festlegen können und dass man auch im Park Blumen pflücken und eben Sträucher oder was abbrechen darf für die Eigennutzung als Gebrauchsgegenstand. ERZÄHLER Grzimeks Wunsch: Die Menschen sollten vom Park Besitz ergreifen, ihn sich aneignen. Klaus Loenhart: 17. ZUSPIELUNG Loenhart 17.30 Grzimek ist so ein Kind der sozialen Revolution, der Aneignung und mir gefällt dieser Begriff sehr, sehr gut, weil es eben ausdrückt auch die Freiheit, sich frei und unbefangen verhalten zu dürfen. Und eben quasi ein bisschen aus der eigenen sozialen Kontrolle, die man vielleicht auch anders lebt, in der Fußgängerzone oder auf dem Gehsteig, loszulassen und einfach mal zu laufen oder zu spielen. ATMO Park, Kinder ERZÄHLER Ein solcher Gebrauchspark ist zum Beispiel auch der Volkspark Friedrichshain in Berlin. Er zieht Freizeitsportler, Anwohner und Anwohnerinnen und Touristen gleichermaßen an. Ob Freiluftkino im Sommer, Rodeln im Winter, Bouldern auf dem Kletterfelsen, Plantschen in einem riesigen Springbrunnen oder Grillen auf dem Rasen, alles ist dort möglich. Diese vielfältige Nutzung ist typisch für Parks des 20. und 21. Jahrhunderts. Hier rückt das gemeinschaftliche Erlebnis im Grünen in den Mittelpunkt, so Klaus Loenhart: 18. ZUSPIELUNG Loenhart 7.27 Was dazukommt und was natürlich ein großes gesellschaftliches Thema heute ist, sind natürlich die ökologischen Funktionen wie Klimaregulierung, Wasser-Retention und beispielsweise die Förderung der Biodiversität, die mir jetzt auch sehr am Herzen liegt, die eben viel stärker in diese Parks integriert wurden und werden. Musik 10: False words – siehe oben – 1:08 Min ERZÄHLER Bäume sorgen für Schatten und Verdunstungskühle, sie reinigen die Luft, dämpfen den Verkehrslärm und halten mit ihren Wurzeln das Regenwasser im Boden. Gerade wenn sich die Stadt im Sommer aufheizt aufgrund der versiegelten und asphaltierten Flächen, sind Bäume für die Menschen dort eine Wohltat. Wo grüne Oasen entstehen und wie sie aussehen sollen, entscheidet heute nicht mehr allein die Stadtverwaltung. Man lässt die Bürger mitreden. Auf die Weise hat auch die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Stadt seit 2014 einer grünen Transformation unterzogen. Ihr Ziel: Paris soll eine nachhaltige, umweltfreundliche Metropole werden, in der die Menschen saubere Luft atmen können. Autos und riesige Parkplatzflächen wurden verbannt, dafür Tausende Bäume gepflanzt und Grünflächen geschaffen. Aus Sicht von Landschaftsarchitekt Klaus Loenhart ist das gelungen: 19. ZUSPIELUNG Loenhart 23.00 Das bedeutet natürlich viel Aufwand, viele Gespräche und Workshops mit den Bürgerinnen und Anwohnerinnen. … es scheint mir aber wirklich das einzig richtige Prinzip zu sein. Man spürt es in Paris, … wie dieses neue Grün gelebt, ganz begeistert angenommen wird von den Bürgerinnen und Bürgern und eben auch wertgeschätzt wird. Man spürt es im Umgang dann auch mit der Nachbarschaft. Die wird dann sehr, sehr wenig auch verschmutzt. ... Also die Tendenz ist geht dahin, von den zentralen Stadtparks hin in die Viertel zu gehen und kleine Garden Pockets auch zu entwickeln. Musik 11: Infinite – 1:40 Min ERZÄHLER Die meisten Städte sind dicht bebaut, es herrscht Konkurrenz um die begrenzte Fläche. Garden Pockets, die Begrünung von Nischen, ist eine Antwort darauf: So werden Verkehrsinseln, Straßenecken, aber auch Fassaden, Innenhöfe und Flachdächer zu kleinen grünen Oasen in der Stadt. Oft gepflanzt, liebevoll gestaltet und gepflegt von Menschen aus der Nachbarschaft. Eine Chance für großflächiges Grün in der Stadt eröffnet sich immer dann, wenn Fabrikgelände, Hüttenwerke, Areale der Bahn, Kasernengelände aufgegeben werden. Der ehemalige Berliner Flughafen Tempelhof – heute ein riesiges, freies, überwiegend grünes Areal für Spaziergänger, Jogger, Inlineskater. Oder die High Line in New York City - eine stillgelegte Hochbahntrasse mitten in Manhattan – heute ein beliebter langgestreckter Garten. Zur Musik: Atmo Parkwiese, Menschen Die grüne Stadt von heute und morgen gibt es nicht, vielmehr ist jede Stadt auf ihre Weise grün. Idealerweise wird sie dem gerecht, was der erste große Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld vor über 250 Jahren schrieb: ZITATOR 1 Alle gelangen hier ungehindert zu ihrem Rechte, sich an der Natur zu freuen.

  • Die Benin- Bronzen Faszinierende Kunst und koloniales Unrecht

    11.07.2025 · 22 Min.

    Sie sind nicht nur beeindruckende Kunstwerke, sie sind das Gedächtnis eines ganzen Volkes in Westafrika. Was sie genau zeigen, ist allerdings noch nicht vollständig entschlüsselt. Und nach einem Raubzug der britischen Kolonialmacht sind tausende Benin-Bronzen in der ganzen Welt verteilt. Wie soll die Rückgabe ablaufen? Autor: Linus Lüring (BR 2023) Credits Autor/in dieser Folge: Linus Lüring Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Jerzy May, Katja Schild Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Stefan Eisenhofer, Leiter Leiter der Abteilungen Afrika und Nordamerika im Museum Fünf Kontinente, München; Dr. Oluwatoyin Sogbesan, nigerianische Kulturhistorikerin, Lagos Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pickelhaube und Kokosnuss - Deutsche Kolonien in der Südsee JETZT ANHÖREN Frantz Fanon - Vordenker des antikolonialen Befreiungskampfes JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Paula sucht Paula Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/4 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Die afrikanischen Verteidiger sind chancenlos gegen die gewaltige Armee, die sich Anfang des Jahres 1897 an der Westküste Afrikas formiert hat. Rund 1200 schwer bewaffnete britische Soldaten, Begleittruppen und hunderte Träger machen sich auf den Weg ins Landesinnere. Ihr Ziel: Das Königreich Benin und deren Hauptstadt, Benin-City. Als einziges Gebiet in der Region ist es noch nicht von einem europäischen Staat unterworfen und zur Kolonie erklärt worden. SPRECHERIN Zu groß ist die Übermacht der Europäer, die mit Maschinengewehren vorrücken. Nach zehn Tagen ist der Kampf vorbei und Benin-City wird eingenommen. Bevor die Briten die Stadt anschließend niederbrennen, durchsuchen sie systematisch den Palast des Oba, des Herrschers von Benin. Dabei machen sie einen überraschenden Fund. Der britische Marineoffizier Reginald Bacon erinnert sich später so: ZITATOR In den Lagerhäusern war jede Menge Krempel. Alte Uniformen oder hässliche Schirme. Aber in einem Haus befanden sich - bedeckt von Schmutz - einige hundert einzigartige Bronzeplatten - wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs. Es waren wirklich hervorragende Güsse. Die Vielfalt der Details war fantastisch. SPRECHER Zum damaligen Zeitpunkt ist den britischen Soldaten nicht wirklich klar, was sie da vor sich haben. Erstmal nehmen sie alles mit, was sie finden können. Mehrere tausend Kunstwerke werden verschleppt. Vor allem Platten und Güsse aus Bronze und anderen Legierungen, aber auch Schnitzereien aus Elfenbein oder Holz. Für all diese Stücke setzt sich der Sammelbegriff "Benin-Bronzen" durch. SPRECHERIN Als die ersten Stücke nach Europa kommen, lösen sie eine gewaltige Begeisterung aus. Vor allem unter den Museen beginnt ein Wettlauf um die Benin-Bronzen. Ein Mitarbeiter des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin telegraphiert an den deutschen Konsul in Westafrika, er solle von den erbeuteten Dingen “was immer erreichbar und ohne Rücksicht auf den Preis” kaufen. SPRECHER Etwas später kommen Bronzen auch nach Bayern. Die Münchner Neuesten Nachrichten melden im Dezember 1898: ZITATOR Sämtliche größere Museen Europas, Amerikas, ja selbst Australiens sind alarmiert und haben sich teilweise arm gekauft. Auch in unserem Münchner Ethnographischen Museum ist eben die erste derartige Sendung eingetroffen und wird demnächst zur Ausstellung kommen. SPRECHER Mehr als 120 Jahre später geht der Ethnologe Stefan Eisenhofer die imposante Haupttreppe im Museum Fünf Kontinente nach oben, wie das Ethnographische Museum heute heißt. Er ist Leiter der Abteilungen Afrika und Nordamerika. Sein Ziel: Die ausgestellten Benin-Bronzen in der zweiten Etage. Er bleibt vor einer der Vitrinen stehen. Darin ein Kopf aus dunklem Metall, etwa 30 Zentimeter hoch… ZUSPIELUNG 1 (Eisenhofer Beschreibung Kopf) Also hier sehen wir so einen typischen Ahnen-Gedenkkopf wie er auf den Ahnen-Altären im Reich Benin gestanden ist. Das ist ein menschlicher Kopf, sehr stark stilisiert, Sie sehen um den Hals diese Ringe, sind Korallen, Ketten, Perlenketten, die Ausweis der Majestät und des hohen Ranges des Königs waren. Und da oben auf dem Kopf, sehen Sie so diese Öffnung, da steckte ein Elefantenstoßzahn drin, der in der Regel dann eben noch beschnitzt war mit mythischen oder tatsächlichen Szenen aus der Vergangenheit des Reiches. SPRECHER Etwa 20 Objekte, die zu den Benin-Bronzen gezählt werden, umfasst die Sammlung im Münchner Museum. Ein vergleichsweise kleiner Bestand. Das Ethnologische Museum in Berlin verfügt über mehr als 500 Exponate. Die meisten Benin-Bronzen finden sich in britischen Museen. Und sie alle verbindet die Frage, die Stefan Eisenhofer stellt, als er vor dem kunstvoll gestalteten Kopf aus Bronze steht. ZUSPIELUNG 3 (Eisenhofer Frage) Ja, es ist tatsächlich die die Frage – wo gehören diese Ahnen-Gedenkköpfe hin? In die Museen der Welt, in Museen in Nigeria, in den Königspalast in Benin City, in ein Nationalmuseum von Nigeria oder zu anderen Familien, die vielleicht auch solche Köpfe besessen haben? SPRECHERIN Wie soll man umgehen mit den Benin-Bronzen, die zum großen Teil geraubt wurden und jetzt in Museen und privaten Sammlungen weltweit verteilt sind? Diese Debatte wird seit einigen Jahren hochemotional geführt. Vor allem in Nigeria, dem Staat, in dem sich das Gebiet des Königreich von Benin heute befindet - nicht zu verwechseln mit dem Staat Benin, der weiter westlich liegt. Die Nigerianerin Oluwatoyin Sogbesan [sprich:Olluwateun Schóbessahn, Aussprache auch im Digas-File, wo Frau Sogbesan ihren Namen einspricht] ist Kunsthistorikerin und Spezialistin für Fragen des kulturellen Erbes Afrikas. Die Benin-Bronzen sind für sie nur ein Beispiel für ein größeres Problem. ZUSPIELUNG 4 (Toyin - Afrika ist von außen leichter zu studieren als von innen ) Overvoice weiblich Es ist leichter, afrikanische Kultur in Museen auf der ganzen Welt zu erleben, als in Afrika. Alles wurde geplündert. Wie sollen wir unsere Geschichte zusammenfügen und verstehen? Denn das sind ja eigentlich Dinge, die die Kreativität und Fähigkeiten unserer Vorfahren verdeutlichen. So wird klar, was wir waren und wer wir sind. SPRECHER Es geht also bei der Diskussion um die Benin-Bronzen darum, wie Unrecht aus der Kolonialzeit wieder gut gemacht werden kann und auch um die Frage, wie sehr kolonialistisch geprägtes Denken bis heute wirkt. Auf der Suche nach Antworten muss man erstmal zurück an den Anfang. SPRECHERIN Denn schon im Jahr 1897, kurz nach dem britischen Raubzug, sorgen die Benin-Bronzen für Diskussionen. So heißt es im Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten damals weiter: ZITATOR [Es] wurden Bronzegüsse aufgedeckt in einer Größe und in einer Vollendung… SPRECHER … wie man sie den Schwarzen niemals zugetraut hätte. Die Kunstwerke stellen alte Gewissheiten in Frage. Ja sogar die Argumentation, die der Unterwerfung des afrikanischen Kontinentes zugrunde lag, gerät ins Wanken, als die Benin-Bronzen nach Europa kommen. ZUSPIELUNG 5 (Eisenhofer Kolonialkritik) Der Tenor war ja, wir müssen Afrika kolonisieren, um die an die höheren Weihen der Zivilisation heranzuführen. Und jetzt stieß man auf diese tollen Kunstwerke, und das brachte die Befürworter des Kolonialismus in Erklärungsnot. Und kolonialkritische Kreise hatten halt gesagt, ihr erzählt uns immer Afrikaner, sind ohne unsere kolonisierende Hand ja nicht fähig, großartige Sachen zu schaffen. Wie erklärt ihr uns das jetzt? Und es wurden dann sehr schnell Erklärungsmodelle geschaffen, indem es hieß ja, das ist ja auch nicht von Afrikanern geschaffen worden, sondern wahrscheinlich von Arabern, die irgendwie aus dem Norden da waren, oder vielleicht von Europäern, die dort an Land gingen und dort blieben. SPRECHER So erklärt sich auch die Deutung des britischen Offiziers Reginald Bacon. Er war schnell von ägyptischem Einfluss ausgegangen. Aber es werden nicht nur die Fähigkeiten der Künstler des Königreiches von Benin angezweifelt. Es wird auch verkündet, man müsse die Benin-Bronzen nach Europa bringen und damit “retten”. Würden sie vor Ort in Westafrika bleiben, wären sie bald zerstört und damit Kunst von Weltrang unwiederbringlich verloren. Eine Sichtweise, die überheblicher kaum sein könnte. SPRECHERIN Dass die Benin-Bronzen tatsächlich vor Ort hergestellt wurden, wird inzwischen von niemandem mehr angezweifelt. Die Kunst der Bronze-Guss-Technik wird bis heute in Benin-City in Handwerkerfamilien von Generation zu Generation weitergegeben. SPRECHER Während die Herstellung der Benin-Bronzen also sehr konkret beschrieben werden kann, ist die Antwort auf eine andere Frage komplexer - nämlich warum die Kunstwerke geschaffen wurden. SPRECHERIN Dies ist eines der Schwerpunkte in der Forschung von Oluwatoyin Sogbesan. Die Kulturhistorikerin möchte dabei zuerst ein Missverständnis aufklären. ZUSPIELUNG (8 Toyin – mehr als Kunst) Overvoice weiblich Was oft als afrikanische Kunst bezeichnet wird, sind eigentlich Objekte, die eine wichtige Funktion haben. Sie werden genutzt für rituelle Zeremonien, für traditionelle Verehrung. Für die Menschen in Benin waren Sie ein Zeichen für die Macht des Oba, des Königs. Sie waren heilig, weil sie die früheren Könige ehrten. Viele der Benin-Bronzen stellen einen verstorbenen Oba dar. Sie galten als ein Medium, durch das der amtierende Oba mit seinen Vorfahren kommunizieren konnte. [Auch deshalb mussten sie so hochwertig ausgearbeitet werden.] Nochmal: Die Benin-Bronzen waren viel mehr als nur Kunstwerke. SPRECHERIN Die Benin-Bronzen sollten also vor allem durch ihre prunkvolle Gestaltung die Macht des Oba, also des Herrschers über das Königreich von Benin, symbolisieren. Aber die Objekte hatten noch eine zweite Funktion. Denn während in europäischen Kulturen Ereignisse seit Jahrhunderten schriftlich festgehalten wurden, gab es diese Tradition in den meisten afrikanischen Gesellschaften nicht. Daher spielen die Benin-Bronzen eine besonders wichtige Rolle, vor allem die Reliefplatten. ZUSPIELUNG (9 Toyin - historical recording) Overvoice weiblich Sie waren auch Objekte der Geschichtsschreibung. Das ist sozusagen die Art und Weise, wie Afrika schreibt. Jede Platte ist damit wie eine Seite in einem Geschichtsbuch. Man kann zum Beispiel Leoparden sehen, also Tiere mit denen die Menschen früher zu tun hatten. Die Benin-Bronzen waren also für die Menschen eine Möglichkeit, Ereignisse festzuhalten. SPRECHER Im Münchner Museum Fünf Kontinente erklärt Stefan Eisenhofer, der Kurator der Afrika-Abteilung, wie das konkret aussehen kann. Er zeigt im Ausstellungsraum einer dieser Bronzeplatten. Darauf sind unter anderem portugiesische Seefahrer zu sehen. ZUSPIELUNG 10 (Eisenhofer Portugiesen) Die Portugiesen erkennt man an diesen geraden Haaren, an diesen Schnittlauchhaaren und den sehr geraden Nasen. Also Europäer wurden von den Gießen in Benin sehr stereotyp dargestellt. Lange, glatte Schnittlauchhaare und eben sehr spitze, lange Nasen, während sie die Einheimischen mit sehr breiten Nasen dargestellt haben. Sie sehen hier auch zwei Würdenträger dargestellt auf dieser Benin-Platte. SPRECHERIN Die Erforschung der Benin-Bronzen ist enorm kompliziert. Es ist nicht nur oft schwer zu deuten, was genau auf den Platten zu sehen ist oder wen ein Ahnenkopf darstellen soll - auch eine genaue Datierung ist meist nicht möglich, weil eben weitere Erklärungen oder schriftliche Ergänzungen fehlen. Es wird davon ausgegangen, dass die ältesten Bronzen aus dem 12. Jahrhundert stammen. SPRECHER Dass so wenig bekannt ist, liegt auch daran, dass die Briten 1897 den Palast des Oba weitgehend zerstörten und auch viele Würdenträger ermordeten. Diese gaben oft historisches Wissen mündlich an folgende Generationen weiter. SPRECHERIN Die Folge ist für Oluwatoyin Sogbesan eine Wissenslücke zwischen den Generationen - bis heute. ZUSPIELUNG 12 (Toyin - Gap) Ohne Overvoice SPRECHERIN Gerade weil die Benin-Bronzen so zentral sind für die Geschichtsschreibung eines ganzen Volkes und damit auch für dessen Identität, wurde der Raubzug zu einem zentralen Beispiel für koloniales Unrecht. Die Debatten um eine Restitution, also die Rückgabe, wird international verfolgt. SPRECHER Ein Rückblick: In den 1930er Jahren fordert der Hof von Benin erstmals offiziell von der britischen Krone die Rückgabe der Kulturgüter. Der Erfolg ist gering. Doch der Wunsch bleibt bestehen. 1960 wird Nigeria 1960 unabhängig von Großbritannien. Das Königreich von Benin ist nun Teil dieses neuen Staates. Der traditionelle Herrscher, der Oba, übt wieder großen Einfluss aus. SPRECHERIN 1972 wird in Benin-City ein Museum geplant, in dem auch Benin-Bronzen ausgestellt werden sollen. Nigerianische Diplomaten bitten darum, einige Stücke als Dauerleihgaben aus Deutschland zu bekommen. Sie stützen sich damals auf den Internationalen Museumsrat. Das Gremium hat empfohlen, geraubte Kulturgüter den noch jungen afrikanischen Staaten zurückzugeben. So soll ihnen ein besserer Zugang zur eigenen Kultur ermöglicht werden. SPRECHER Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin lehnt die Anfrage aus Nigeria damals allerdings umgehend ab. Sie besitzt die zweitgrößte Sammlung von Benin-Bronzen weltweit. Das Land habe keinen „moralischen Anspruch“ auf die Objekte und die Erwerbungen der Berliner Museen seien “von jedem Makel frei”. SPRECHERIN An dieser Haltung wird sich in den folgenden Jahren wenig ändern. Es entsteht das, was die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy eine “Sperrmauer der Institutionen” nennt. Währenddessen blüht der internationale Markt für die Benin-Bronzen weiter. SPRECHER Noch 2007 ersteigert ein privater Bieter beim Auktionshaus Sotheby`s einen bronzenen Kopf aus Benin für fast fünf Millionen Dollar. Eine Versteigerung ähnlicher Stücke einige Jahre später muss dann allerdings gestoppt werden. Die öffentliche Kritik ist zu groß geworden. SPRECHERIN Auch auf Ebene der Wissenschaft tut sich etwas. 2010 wird in Deutschland die Benin-Dialogue-Group gegründet. Es geht um eine engere Zusammenarbeit zwischen deutschen, britischen oder niederländischen Museen, die Benin-Bronzen besitzen, und Einrichtungen in Nigeria. Die Restitution ist dabei erstmal kein Thema. Stattdessen soll der Austausch von Informationen zu Sammlungen oder einzelnen Objekten intensiviert werden. SPRECHER Nach und nach tritt auch die nigerianische Seite deutlicher auf. Sie bittet nicht mehr. Oluwatoyin Sogbesan und andere fordern die Rückgabe mit Nachdruck ein. ZUSPIELUNG 14 (Toyin Fliegen) Overvoice weiblich Menschen machen sich von Nigeria aus auf den Weg, um die Benin-Bronzen in Museen überall in der Welt zu sehen. Warum können nicht Menschen aus aller Welt nach Nigeria reisen? Ihr könnt ja Kopien haben. Und wenn ihr das Original sehen wollt, dann müsst ihr eben nach Nigeria kommen. Lasst uns den Spieß umdrehen! SPRECHERIN Eine Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron Ende 2017 beschleunigt dann die Entwicklung. In seiner fast zweistündigen Rede vor Studierenden in Burkina Faso verkündet er ein Umdenken: ZUSPIELUNG 15 (Rede Macron) Overvoice männlich Ich kann nicht hinnehmen, dass sich ein Großteil des kulturellen Erbes vieler afrikanischer Staaten in Frankreich befindet. Es gibt historische Erklärungen dafür, aber keine wirkliche Rechtfertigung. Das Erbe Afrika darf nicht nur in privaten Sammlungen und europäischen Museen zu finden sein. SPRECHER Damit kündigt Macron wohl so deutlich wie kein anderer europäischer Staatschef vor ihm die Rückgabe von Kulturgütern an. Ein Schritt, der auch Museen und Politik in Deutschland unter Druck setzt. Wie soll man weiter mit den Benin-Bronzen umgehen? SPRECHERIN Zur Erinnerung: Jahrzehntelang waren Forderungen aus Nigeria nicht ernst genommen und abgelehnt worden. Anfang der 1970er Jahre hieß es noch, Nigeria habe keinen Anspruch auf die Benin-Bronzen. Auf einmal geht es dann schnell: Im Juli 2022 unterzeichnen die deutsche Bundesregierung und die Regierung Nigerias eine gemeinsame Erklärung. Darin heißt es gleich am Anfang: ZITATOR Wir bekräftigen das Ziel, die Benin-Bronzen ohne Bedingungen an Nigeria zurückzugeben. SPRECHER Und wenige Monate später werden in Nigeria die ersten Objekte feierlich übergeben. Mehrere hundert weitere sollen folgen. Teilweise sollen aber auch Bronzen als Dauerleihgaben in deutschen Museen bleiben - mit dem Hinweis auf die neuen Eigentümer. In allen Erklärungen und Vereinbarungen schwingt die Hoffnung mit, dass mit diesen Regelungen die jahrzehntelangen Debatten beendet werden können. SPRECHERIN Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Innerhalb Nigerias entwickelt sich eine neue Kontroverse um die Benin-Bronzen. Wem sollen sie gehören? Wer soll sich um die Aufbewahrung und Ausstellung kümmern? Und da wird es kompliziert. Dem Staat Nigeria wurden die Bronzen offiziell übergeben. Aber auch der amtierende Oba, der traditionelle Herrscher über das Königreich von Benin, hat Ansprüche angemeldet. SPRECHER Mit Erfolg: Der frühere nigerianische Staatspräsident Buhari hat die Bronzen inzwischen dem Oba übergeben. Die Begründung: Er sei der rechtmäßige Eigentümer, weil seine Vorgänger die meisten Werke in Auftrag gegeben und im Königspalast aufgestellt hatten. Allerdings ist die Sorge vieler Beobachter, dass die Bronzen nun dort verschwinden und nicht mehr in einem öffentlichen Museum gezeigt würden. So war es eigentlich geplant. SPRECHERIN Und eine weitere Partei hat sich eingeschaltet. Denn ein weiterer Aspekt gehört zu den Benin-Bronzen: Ihre Herstellung wurde auch durch einen florierenden Sklavenhandel finanziert. Dieser wiederum wurde vom Königshaus von Benin durch aggressive Eroberungskriege am Laufen gehalten. Die Nachfahren dieser Sklaven bezeichnen die Benin-Bronzen deshalb als “Blut-Metalle” und kritisieren die pauschale Rückgabe an Nigeria. Sie sehen die Kunstwerke auch als Teil des eigenen kulturellen Erbes und möchten mitbestimmen, was mit ihnen passiert. SPRECHER Stefan Eisenhofer vom Münchner Museum Fünf Kontinente wirbt für, eine ruhige Auseinandersetzung. ZUSPIELUNG 16 (Eisenhofer überhastet) Also ich würde allen Parteien eigentlich wünschen, dass man sich nicht von der Politik her treiben lässt, wie das zum Teil im Moment so der Fall ist. Also ich würde mir wünschen, dass man sich viel mehr Zeit nimmt, um Gespräche zu führen mit unterschiedlichen Akteuren in Nigeria, auch um um einfach , ja, zu sehen, die angemessenste Lösungen zu finden, wie man damit umgeht, also so, wie es im Moment so stattfindet, möglichst schnell zurückgeben, um irgendwie Schuld gutzumachen. Und dann haben wir unsere Ruhe - also das ist in meiner Sicht nicht der richtige Weg. SPRECHERIN Oluwatoyin Sogbesan warnt allerdings vor einer weiteren Einmischung. Sie betont, dass die Rückgabe bedingungslos erfolgt sei. Was mit den Bronzen weiter passiere, sei allein eine Angelegenheit Nigerias. ZUSPIELUNG 17 (Toyin in dein Haus kommen) Overvoice weiblich Es ist, als würde ich in dein Haus kommen, ohne zu fragen, die Tür öffnen und dann sage ich, was du mit deinen eigenen Sachen machen sollst. Die Debatte ist zum Teil immer noch nicht an einem Punkt angelangt, wo wir eine gemeinsame Grundlage haben. SPRECHER Es sind also trotz jahrzehntelangen Debatten immer noch zentrale Aspekte ungeklärt. Ein Rätsel konnte aber gelöst werden - mit überraschendem Ergebnis. Es ging dabei um die Frage, woher das Metall kam, das für den Guss der Benin-Bronzen verwendet wurde. Schon länger war vermutet worden, dass es aus einer einzigen Region stammt. SPRECHERIN Wissenschaftler aus Bochum konnten das bestätigen und mit chemischen Analysen nachweisen, dass das Metall für die Benin-Bronzen vor allem aus Deutschland stammt. Genauer aus der Region zwischen Köln und Aachen. Das Messing, das dort hergestellt wurde, war vor allem wegen seiner besonderen Fließfähigkeit begehrt bei Gießern in Benin. SPRECHER Auch wenn die Benin-Bronzen damit eine deutlich größere Verbindung zu Deutschland haben als lange bekannt war - die Restitutionsdebatte verändert die Erkenntnis nicht. Denn ein legitimer Anspruch auf die Kunstgüter lässt sich daraus nicht ableiten.

  • Die Pest in Oberammergau - Von der Seuche zum Passionsspiel

    11.07.2025 · 23 Min.

    Es ist die Nacht vor dem Kirchweihfest 1633. In der Dunkelheit schleicht sich der Oberammergauer Kaspar Schisler von Eschenlohe aus in sein Heimatdorf. Bringt er damit die Pest in den Ort? - Das Unglück vor nahezu 400 Jahren hat die weltberühmten Passionsspiele hinterlassen und eine Menge fromme und skurrile Geschichten. Von Markus Mähner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Franziska Ball, Benedikt Schregle, Frank Manhold Technik: Adele Meßmer, Lorenz Kersten Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Viola Schenz, Journalistin und Autorin des Buches "Ein Dorf begeistert die Welt: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele" Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Pest im Mittelalter - Europas demographische Katastrophe. Von Ulrike Rückert / Artikel Dorit Kreissl (2010 / 2015) JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Es ist der 11. September 1880. Ein Pferdefuhrwerk quält sich den steilen Ettaler Sattel aus dem Loisachtal kommend empor. Auf seinem Bock: Der lutherische Theologe Alexander von Oettingen von der Universität Dorpat im deutschsprachigen Estland. Neben ihm: Der äußerst gesprächige Murnauer Kutscher, der weiß auf was es bei der Oberammergauer Passion ankommt: ZITATOR 1 Die Hauptsache bei die Gschicht sei, daß viele Wagen voll Bierfässern dort versoffen würden. Ja, die verstehn´s dort halt. SPRECHERIN So Alexander von Oettingen in seinen "Erinnerungen eines Pilgers nach Oberammergau" von 1880. Und tatsächlich: M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 1´15´´) unter: Die Reise zu den inzwischen weltberühmten Oberammergauer Passionsspielen ähnelt eher einer Pilgerreise als eines Kulturausflugs. Denn links und rechts ist die Straße gesäumt von schier zahllosen Fußgängern, die sich keine Kutsche leisten können. Alle wollen sie nach Oberammergau, dem verschlafenen bayerischen Dorf, wie es in Disneyland nicht schöner stehen könnte: Umrahmt von kecken Berggipfeln und sprudelnden Ammerquellen, präsentiert es sich mit Lüftlmalereien und Herrgottsschnitzern an jeder Ecke, "abgeschieden und weltoffen", vor allem dank seiner Passionsspiele, von denen der offizielle Passionsführer von 1880 schreibt: ZITATOR 3 (od 2) Am Mississippi wie an der Spree, an der Donau wie an der Themse, an der Seine wie am Rhein lautet das Losungswort: Nach Oberammergau! Tausende eilen auf Bahnen und Dampfern nach dem sonst so stillen Gebirgsdorfe und scheuen selbst die Beschwerden und Mühseligkeiten und Gefahren einer mehrwöchigen Seereise nicht, um dem alten Mysterium beizuwohnen. SPRECHERIN Doch woher stammt es, das "alte Mysterium"? Der Gründungsmythos der Oberammergauer Passionsspiele ist so bewegt, wie seine nun bald 400jährige Geschichte. M Dakryon (Länge: 1´00´´) SPRECHERIN Es ist das Jahr 1633. In Bayern sieht es düster aus: Vor einem Jahr überquerte der Schwedenkönig Gustav Adolf mit seinen Truppen den Lech und brachte damit den Dreissigjährigen Krieg auch nach Bayern. Das tägliche Leben ist geprägt von Missernten und Hungersnöten, von Inflation und Hexenverfolgung. Galileo Galilei schwört in diesem Jahr in Rom vor der Heiligen Inquisition von seinem besseren Wissen ab. Das Klostergericht Ettal, zu dem Oberammergau gehört, lässt keine Hexenverbrennungen zu. Aber es fallen immer wieder "feindliche Räuber" - wie es in der Dorfchronik heißt - in Ettal und Oberammergau ein und zerschlagen dort den Kirchenschrein. Zu allem Übel grassiert auch noch der Schwarze Tod: Die Pest - im Ammergau glücklicherweise nicht so schlimm wie im Flachland. Musik Bitter intrigues (reduziert) (Länge: 0´53´´) SPRECHERIN Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als der Oberammergauer Tagelöhner Kaspar Schisler Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern bekommt. Es ist der Abend vor Kirchweich 1633. "Der Schisler" hat sich von Eschenlohe im Loisachtal, wo er sich als Knecht verdingt, auf den Weg über einen Bergsattel ins heimatliche Oberammergau gemacht. Überall sieht er Pestwachen. Niemand darf ins Dorf, denn bis jetzt verlief die Pest hier harmlos. Schisler aber stiehlt sich in der Nacht an den Wachen vorbei und bringt das Unglück mit: Innerhalb kurzer Zeit sterben... ZITATOR 2 ...binnen eines Jahres dahier 84 Personen, darunter zwei Pfarrer bald nacheinander. In dem großen Leidwesen traten die Vorgesetzten der Gemeinde zusammen und machten das Verlöbniß, die Passionstragödie alle zehn Jahre zu halten, und von dieser Zeit an ist kein einziger Mensch mehr gestorben, obgleich noch etliche die Pestzeichen an sich hatten. SPRECHERIN So die gut 200 Jahre später verfasste Dorfchronik. Ein Wunder? Schenz 1a Man mag jetzt an ein Wunder glauben, man mag es aber auch nicht. SPRECHERIN Viola Schenz, Journalistin und Autorin des Buches "Ein Dorf begeistert die Welt: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele" Schenz 1b Wahrscheinlich ist eben einfach, dass zu dieser Zeit, als dieses Gelübde ausgerufen wurde: die die an der Pest erkrankt waren, einfach schon gestorben waren und die diese überlebt hatten, eben resistent waren, sodass eben weil auch niemand mehr in den Ort gelassen wurde, sodass es einfach keine weiteren Pestfälle mehr gab. Das hat einfach eine rein medizinische, virologische Erklärung. SPRECHERIN Doch war es wirklich der Schisler, der die Pest brachte? Immer wieder tauchten Zweifel auf. Manche meinen, es sei eine Dienstmagd mit dem Namen Agata Lindenauer gewesen, die die Pest mit aus dem benachbarten Kohlgrub brachte. Natürlich können es auch Schwedische Soldaten gewesen sein, wie in vielen anderen Gebieten Bayerns. Fakt ist: der Name Schisler ist im Oberammergauer Pfarrmatrikel aus diesen Jahren nicht unter den Verstorbenen verzeichnet. Schenz 2 Aber es wurde eben diesem Schisler zugeschrieben. Und dass er eben nicht mehr in diesen Todeslisten verzeichnet ist, das kann ein Zufall sein oder ein Versehen oder auch ein bewusster Akt. Das weiß man heute nicht mehr. Aber klar ist: jemand hat die Pest gebracht. Es gab viele Tote, der Rest des Ortes war dann resistent. Die, die erkrankt waren und gestorben waren, waren eben eh tot und insofern fiel eben das Gelübde und des Ende dieses Pestbefalls sehr günstig zusammen. M Achlys (Länge: 0´25´´) unter: SPRECHERIN Bereits ein Jahr später, 1634, findet das erste Oberammergauer Passionsspiel statt. Auf dem Friedhof, wie in vielen anderen Orten Bayerns auch. SPRECHERIN Zurück ins Jahr 1880, knappe 250 Jahre nach dem Gelübde, zu Alexander von Oettingen: ZITATOR 1 Gottlob, das alte Gelübde bringt es mit sich, daß nur alle zehn Jahre gespielt werden soll. Sonst würde die Sache, wie sie schon heuer es zu werden drohte, zu einem lukrativem Geldunternehmen im neuesten Stil. Es war eben Mode geworden, jene "Pilgerfahrt" zu machen. Eine viertel Million Mark soll die Einnahme dieses Jahres betragen haben. SPRECHERIN Die ganze Welt drängt nach Oberammergau. Die Passion ist ihrem Dorfspiel auf dem Friedhof entwachsen. Und, wie so oft, bringt der Erfolg auch viele Trittbrettfahrer mit sich, wie Alexander von Oettingen 1880 aus München zu berichten weiß: ZITATOR 1 Auf meine Erkundigung in den "Vier Jahreszeiten", wo man, wie es hieß, in solider Weise die Vermittlung der Fahrangelegenheit, der Einlaßkarten und der Wohnung übernähme, war der Preis, auch wenn man auf die ersten Plätze verzichtete, 70 bis 80 Mark à Person! Nein, das konnte und wollte ich nicht. SPRECHERIN Die Organisation überlässt der Theologe dann einem Alois Mössl, der im Bierkeller zum Pschorr seine Kundschaft mit einem Preis von 25 Mark ködert - inklusive Fahrt und Eintrittskarte für den zweiten Platz. Zuerst schaut er sich aber noch das gerade erschienene Volkschauspiel "Die Herrgottsschnitzer von Oberammergau" an. 10 Jahre später, 1890, wird der Stoff als Roman von Ludwig Ganghofer dem Ort für immer sein Bild aufdrücken. 1952 bringt ihn Winnetou-Regisseur Harald Reinl ins Kino. M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 0´44´´) unter: SPRECHERIN Am Morgen des 11.September 1880 verlässt der Zug München Richtung Murnau - die Bahnstrecke ist vor einem Jahr erst eingeweiht worden. Es ist neblig, wie so oft hier im Herbst. Erst am Starnberger See, an dem Halt für eine Dampferrundfahrt gemacht wird, klart es auf und ein prächtiges Alpenpanorama empfängt den "Passions-Pilger". Oberammergau hat zu dieser Zeit 1200 Einwohner. Und man kann sagen: Das ganze Dorf ist mit den Spielen beschäftigt, denn schließlich dürfen nur Einheimische mitspielen. Genauso wie heute. Viola Schenz: M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 1´18´´) Schenz 3 Gut die Hälfte des Dorfes steht irgendwann über die Woche verteilt auf der Bühne, und der Rest ist sowieso auch irgendwie dabei: Wir haben die Feuerwehr, wir haben den Notarzt. Wir haben natürlich - ganz wichtig - den Chor und das Orchester. Die sind natürlich auch groß besetzt. Über hundert Mitglieder. Und wir haben die ganzen Garderobieren, wir haben die Einlasser. Und dann gibt es das ganze Drumherum noch. Also es ist eigentlich, es gibt kaum jemanden in Oberammergau, der nicht oder die nicht berührt wäre von diesen Spielen. Alle sind in irgendeiner Form involviert. SPRECHERIN Aber auch Auswärtige verdienen am Spiel. Sei es die Bahn, die Kutscher oder die Schifffahrtsgesellschaften, die die Besucher aus Übersee bringen. Ja, 1880 hat sogar der englische Geistliche Thomas Cook als erster Reiseveranstalter der Welt ein Büro in Oberammergau eröffnet. Die Aufführung dauert 8 Stunden. Bänke gibt es lediglich ohne Lehnen. Und wie heute sind es bereits 5000 Zuschauer pro Aufführung. Das macht bei 23 Aufführungen vom 17. Mai bis zum 26.September gut über 100.000 Zuschauer. Und das bei einer Einwohnerzahl von gerade mal 1200! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´52´´) SPRECHERIN Gut einhundert Jahr zuvor sah es allerdings weniger rosig für das Passionsspiel aus: Die aufklärerischen Tendenzen in der bayerischen Regierung mochten dem "religiösen Jahrmarkt" einen Riegel vorschieben und verboten 1770 die Passion. Szenen, wie jene aus der Oberammergauer Barockpassion, in der kleine Teufelchen dem toten Judas die Gedärme in Form von Straubengebäck aus dem Magen reißen und sie genüsslich verspeisen, kamen nicht gut an in München. Man solle... ZITATOR 4 (od. 2) "...doch heimgehen und sich das Leiden Christi von ihrem Pfarrer predigen lassen. Das sei besser, als wenn sie den Herrgott auf ihrem Theater herumschleppen." SPRECHERIN Doch nach einer Überarbeitung von Text und Inszenierung bekam Oberammergau als einziger Ort für seine Passionsspiele eine Sondererlaubnis. Damit verblieb man der letzte Spielort einer Passion in Bayern! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´24´´) SPRECHERIN Und so gingen die Oberammergauer Passionsspiele in ihre nächste Phase: Die des internationalen Ruhms und - ja man kann es nicht anders sagen - die des Massentourismus: 1830 untersagt zwar der Dorfpfarrer Alois Putz das Spielen auf dem Friedhof, doch da... Schenz 4 …hat man dann das vom Friedhof verlegt, auf einen eigenen Platz im Nordteil des Ortes. Da war eine große freie Wiese. Die hat damals übrigens noch dem Ettaler Kloster gehört, also die hat man den Ettalern quasi abgekauft und hat dann dort erst Vorläuferbauten und dann das endgültige Passionstheater errichtet. M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´42´´) SPRECHERIN Ein Vorteil davon: Nun hat man deutlich mehr Platz für die Heerscharen, die alle zehn Jahre nach Oberammergau strömen. Bereits 1840 reisen selbst der Kronprinz Maximilian von Bayern, und der König und die Königin von Sachsen in das malerische Gebirgsdorf. Für Oktober hat sich sogar Ludwig der Erste angekündigt, doch früh einsetzender Schnee lässt die Reise nicht mehr zu. Für die Passion zehn Jahre später wird eine eigene Pferde-Bus-Direktlinie von München nach Oberammergau eingerichtet. Auch die Passion 1870 scheint wieder alles Vorangegangene zu übertreffen, da kommt just während der achten Vorstellung am 17. Juli die Nachricht: Frankreich hat Preußen den Krieg erklärt! SPRECHERIN Dafür kommen bei den nachgeholten Aufführungen im Jahr 1871 umso mehr Zuschauer, besonders auch aus England und den USA. Das Deutsche Kaiserreich und somit ein vereinigtes Deutschland hat sich nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich am Anfang des Jahres gegründet und präsentiert sich nun auch im Bergdorf Oberammergau stolz der Welt. Doch der unablässig zunehmende Tourismus bringt auch absurde Nebenwirkungen mit sich. Schenz 5 Es gab also etliche Vorfälle, dass das Publikum einfach zwischen Darsteller und seiner Rolle nicht mehr unterscheiden konnte. Und das tatsächlich dann in der großen Pause oder auch am nächsten Tag - das Publikum war ja dann oft mehrere Tage im Ort -, dass dann eben der Judas-Darsteller, wenn er blöderweise auf der falschen Straßenseite ging, niedergeschimpft wurde von irgendeinem Passionsspielbesucher und ausgeschimpft wurde, weil er doch hier Jesus verraten habe. SPRECHERIN Selbst Ludwig II., der 1871 einer Privataufführung beiwohnt, geht es da nicht anders. Schenz 6 Unser Märchenkönig, der ließ es sich nicht nehmen, die Hauptdarsteller alle mal zu einem großen Diner einzuladen. Und zum Ende dieses Dinners hat er allen einen silbernen Löffel als Andenken in die Hand gedrückt. Nur der Judas-Darsteller bekam einen Löffel aus Blech einfach als Missbilligung seiner Rolle und für das, was er Jesus angetan habe. SPRECHERIN Dennoch schenkt er der ganzen Gemeinde auch noch das damals größte Steindenkmal der Welt, eine Kreuzigungsgruppe, die auf einem Hügel oberhalb von Oberammergau errichtet wird. Gleichzeitig beginnt er auch mit dem Bau von Linderhof. M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 1´15´´) unter: Doch nicht nur der König, auch eine breite Bevölkerungsschicht entdeckt zunehmend die Faszination für die Alpen und den dazugehörigen Charme des einfachen, ländlichen Lebens - als Gegenentwurf zur sich industrialisierenden Großstadt. GERÄUSCH Vogelgezwitscher SPRECHERIN Auch Alexander von Oettingen, der inzwischen in Oberammergau angekommen ist und sein Quartier bezieht, lernt ihn kennen, den "Charme des einfachen Lebens": ZITATOR 1 Mir war gesagt worden, die Interieurs dieser Häuschen seien in ihrer "Armseligkeit voll poetischen Reizes". Mir fehlte offenbar der Sinn dafür. Zur Poesie gehört auch Luft und Licht. Diese höchst ursprünglichen Dorflagerstätten kosteten, obwohl für vier Menschen nur zwei Handtücher disponibel waren, á Person 4 Mark für EINE Nacht! Das "Geschäft" spielt jedenfalls auch bei der gastlichen Nachtunterkunft eine große Rolle. (((SPRECHERIN Auch im Wirtshaus nebenan kommt wenig Entspannung auf: Es ist so voll, dass es kaum etwas zu Essen gibt. ZITATOR 1 Glücklich wer ein Glas Bier erobert. Die Mehrzahl durstet und sehnt sich vergeblich darnach. Eine Flasche Wein läßt sich schon eher erreichen. Die lohnt eben mehr! ))) SPRECHERIN Der auch heute immer wiederkehrende Vorwurf, die Passionsspiele würden schon lange nicht mehr des Gelübdes wegen aufgeführt, sondern einzig, um Geld in die Dorfkasse zu spielen, ist also schon gut 150 Jahre alt. M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´46´´) Dafür bekommt allerdings der Zuschauer auch Einiges geboten. Die Massenszenen und die "Lebenden Bilder" - die recht originalgetreue Nachstellung klassischer Gemälde, die Szenen aus der Bibel zum Thema haben - sind einzigartig. Da befinden sich gut und gern mal mehrere hundert Menschen auf der Bühne – die alle Oberammergauer sind! Und das geht von Babys bis zu 100jährigen. 2020 hat ein Bauer sogar seine Hühner für die Händlerszene im Tempel angemeldet - alles echte Oberammergauer! Die übrigens ab Aschermittwoch ein Jahr vor der Aufführung dem sogenannten Haar- und Bart-Erlass unterliegen. Schenz 7 Das heißt, ab diesem Tag dürfen die Darsteller, also Männer und Frauen, ihre Haare nicht mehr schneiden und die Männer auch nicht mehr die Bärte. SPRECHERIN Einer, der das ganz ernst genommen hat und sich mit seiner Rolle komplett identifizierte, war Anton Lang. Schenz 8 Und dieser berühmte Anton Lang, dieser Darsteller von 1900 und 1910 und 1922, also der große Christus-Darsteller, der dann eben auch zwischen diesen Dekaden-Aufführungen, seine Haare lang wachsen ließ. Also der dann wirklich so als ewiger Christus durch den Ort ging. Zu dem gingen dann die Leute während der Passion tatsächlich hin und baten ihn, ihre Kinder zu segnen. Und als dann sein jüngstes Kind, der Gottfried, 1918 auf die Welt kam, da geht die Legende, dass die Haushälterin der Familie Lang durch Oberammergau rannte und meinte: ein Christuskind ist geboren. Also unglaubliche Szenen! SPRECHERIN Auch die strengen Vorschriften für Mitspieler bringen immer wieder absurde Szenen hervor. So gibt es lange Zeit für Frauen eine Altersbeschränkung, ab der sie nicht mehr mitspielen dürfen. Was 1922 zu einem komischen Bild auf der Bühne führt, als Anton Lang zum letzten Mal den Jesus verkörpert. Schenz 9 Also, wir hatten dann da einen 47-jährigen Jesus am Kreuz hängen und seine Mutter Maria war halt dann irgendwie eine Anfang-20-Jährige. Also grotesker geht's nicht. Aber so war es eben. Diese Regelung aber trieb dann wirklich seltsame Blüten: in einem Fall das war für die 1950er-Passion: Da war eben eine sehr begabte Darstellerin für die Maria vorgesehen. 1948/49, also als schon die ersten Proben liefen und also die Darsteller schon festgelegt waren, hat sie mal - so wurde ihr nachgesagt - auslassend mit amerikanischen Soldaten irgendwo in einer Dorfwirtshaus getanzt. Damals war ja Oberammergau, wie viele Teile Oberbayerns, von den Amerikanern besetzt. Und es wurde ihr natürlich sofort negativ ausgelegt, und der Gemeinderat befand also, dass sie dieser Rolle der Maria nicht würdig war. Und ihr wurde stattdessen die Rolle der Maria Magdalena, also der Sünderin, nahegelegt. Weil das doch ihrem Verhalten viel mehr entspreche. M Dakryon (Länge: 0´47´´) SPRECHERIN Generell stehen die Spiele 1950 unter einem schlechten Stern. Denn es fehlt schlicht an Mitspielern. Viele junge Oberammergauer sind vom Krieg nicht heimgekehrt, die Verbliebenen sind oft zu alt. Und die zahlreichen Flüchtlinge, die im Dorf leben - es sind 2.200 Flüchtlinge auf 3.000 Einwohner - dürfen nicht mitspielen. Zudem muss sich das Passionsspiel mit seinen antisemitischen Tendenzen auseinandersetzen. Die Nationalsozialisten hatten 1934 die "Jubiläumsspiele" - 300 Jahren Oberammergauer Passion - für ihre Zwecke vereinnahmt. Und nun kommen verstärkt Kritiken am veralteten Passionstext auf. Schenz 10 Nicht unbedingt aus dem Ort selber oder aus der Gemeinde, wie man es vielleicht sich denken würde, sondern tatsächlich aus Amerika von prominenten amerikanischen Juden, allen voran Arthur Miller und Leonard Bernstein, die tatsächlich dann auch zu zum Boykott der Spiele aufgerufen haben - was tatsächlich zur Folge hatte, dass bei den 1970er Spielen ganze Blöcke leer blieben im Passionstheater. Aber der eigentliche Donnerschlag war das Zweite Vatikanische Konzil, das sich ewig hinzog, von 1962 bis 1965 in Rom, wo eben sehr viele Reformen beschlossen wurden und unter anderem eben auch ein Aufruf speziell nach Oberammergau ging, das Verhältnis zwischen christlichen und nichtchristlichen Konfessionen zu überdenken und die Spiele zu reformieren. Und was machten die Oberammergauer: Sie machten nichts! Sie scherten sich überhaupt nicht darum! Was dazu führte, dass ihnen quasi der Vatikan die Lizenz entzog für die Spiele. SPRECHERIN Daraufhin fällt das Passionsspiel in eine große Krise, die den ganzen Ort in zwei Lager spaltet: Die Traditionalisten und die, die sowohl Text als auch von der Zeit überholte Regeln und Strukturen aufbrechen wollen. Das dauert allerdings bis 1990, als der noch nicht einmal 30-Jährige Oberammergauer Christian Stückl die Leitung der Spiele übernimmt. Stückl Das Dorf war reif für Reformen und deswegen sind die meisten dann mitgegangen. Ich hab dann die erste verheiratete Frau zur Maria gemacht. Ich hab versucht das Katholische aufzureißen und hab gesagt: Wir müssen auch die Protestanten mit einbeziehen. Wir müssen gemeinsam Gottesdienst feiern, wir müssen ein anderes Verhältnis zum Judentum haben. Also vielleicht hab ich an bestimmten Stellen auch einfach nen riesen Dickschädel und sag: Ich mach´s nur so. Anders mach ich´s nicht! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´56´´) SPRECHERIN Was den Passionsspielen allerdings keineswegs geschadet hat. 2014 werden sie in die UNESCO-Liste für Immaterielles Kulturerbe aufgenommen. Die Spiele 2022 - sie wurden wie genau 100 Jahre zuvor wegen einer Pandemie um zwei Jahre verschoben - werden die finanziell erfolgreichste Passion in der Geschichte. Knapp 50 Millionen Euro Umsatz bei 412.000 Zuschauern! Das Losungswort von 1880 gilt also immer noch, am Mississippi wie an der Spree, an der Seine wie am Rhein: Auf nach Ammergau!

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