Blitze - Extrem und zunehmend gefährlich
26.11.2025 · 23 Min.
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Sie gehören zu den eindrucksvollsten und gefährlichsten Naturschauspielen - Blitze. Ihre Gesamtzahl nimmt durch die Klimaerwärmung weltweit zu. Warum ist das so und warum blitzt es in manchen Regionen weniger?
Credits:
Autorin: Roana Brogsitter
Redaktion: Matthias Eggert
Regie: Rainer Schaller
Technik: Susanne Harasim
Sprecher: Katja Amberger, Frank Manhold, Johannes Hitzelberger
Interviews mit:
Richard Fellner, CEO nowcast GmbH München
Prof. Robert Holzworth, Direktor World Wide Lightning Location Network
Prof. Colin Price, Universität Tel Aviv
Georg Pistotnik, GeoSphere Austria
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- Harmonie der Welt - Das schwingende Universum
26.11.2025 · 24 Min.
Bereits in der Antike war Astrophysik bzw. Astronomie und Musik eng miteinander verbunden und gipfelte in der Idee einer "Sphärenmusik". Warum fasziniert diese Vorstellung viele Menschen bis heute? Credits Autor dieser Folge: Martin Schramm Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Jerzy May, Christoph Jablonka Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Markus Nielbock, Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg; Pierre Leich, Wissenschaftshistoriker, Nürnberg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Giordano Bruno - Nichts unter der Sonne ist neu Am 17. Februar 1600 landet Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen, einer der unbequemsten und zugleich genialsten Denker der Renaissance. Wie konnte es soweit kommen? HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Der Blick nach oben - in den klaren Sternenhimmel - seit Jahrtausenden bringt er Menschen zum Grübeln: Majestätisch ziehen die Planeten ihre Bahnen zwischen den funkelnden Sternen. Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus - der Nachthimmel wird gleichsam zur „Bühne“ für die ewige Reise der Planeten durchs All. SPRECHERIN Eine „Reise“, die Fragen aufwirft: Folgt sie irgendwelchen Gesetzen? Ist sie Teil einer größeren „kosmischen Ordnung“? Ausdruck einer „universellen Harmonie“? Am Ende einer Harmonie, die man sogar hören kann? SPRECHER Die Vorstellung einer Art „Sphärenmusik“ begeistert Menschen seit Jahrhunderten. SPRECHERIN Andere wiederum halten sie für genauso originell, wie unsinnig. Denn was genau sollte da eigentlich „erklingen“? Eine Art „Sternen-Konzert?“ Eine „Ballade der Planeten“? SPRECHER Und was können Wissenschaftler heute mit dieser Vorstellung noch anfangen? MUSIK (Cosmos) ZITATOR Die Idee - oder: Das Schwingende Universum SPRECHER Die Vorstellung einer „Sphären-" oder „Himmelsharmonie“ taucht bereits in der Antike, in der Gedankenwelt der Pythagoreer auf. Die Grundidee: Die Planeten erzeugen durch ihre streng gleichförmigen Kreisbewegungen Töne - eine Art kosmischer Zusammenklang, eine Harmonie stellt sich ein. SPRECHERIN Eine Harmonie, die auf besonderen Zahlenverhältnissen gründet. Pythagoras macht damals nämlich einen wegweisenden Schritt: Er glaubt, dass man die schon lange vor ihm postulierte „Harmonie des Universums“ auch mathematisch erklären kann. SPRECHER Zufällig entdeckt er, dass die Höhe eines Tons von der Länge der Saite und deren Schwingungen abhängt. Dass sich Intervalle also durch Zahlenverhältnisse darstellen lassen. Durch ganz besondere Zahlenverhältnisse. SPRECHERIN Eindrücklich demonstrieren lässt sich das am sogenannten „Monochord“. Einem Apparat, bei dem eine einzige Saite über einen länglichen Resonanzkasten gespannt ist. SPRECHER Verändert man die Saitenlänge, stellen sich besondere Klänge ein, Klänge die wir als besonders „konsonant“ empfinden: Oktave (SOUND), Quinte (SOUND), Quart (SOUND), Terz (SOUND), Sext (SOUND) usw. SPRECHERIN Und diese besonderen „Zusammenklänge“, entsprechen besonderen „Proportionen“, den Verhältnissen einfacher, ganzer Zahlen: 1:1, 1:2, 2:3, 3:4 usw. SPRECHER Die faszinierende Erkenntnis: Musik folgt offenbar einfachen mathematischen Gesetzen. SPRECHERIN Und diese Vorstellung wird dann schnell auf den ganzen Kosmos bezogen. D.h. auf die damalige Vorstellung einer göttlich geschaffenen Welt, in deren Zentrum die Erde steht. Eine Erde, die von „kristallinen Kugelschalen“ umgeben ist, von kristallinen „Sphären“. - Der Wissenschaftshistoriker Pierre Leich: 01-O-TON Leich Sphären „Ja, man hat in der Antike die Vorstellung gehabt, dass es so eine Art kristalline Sphäre aus einem himmlischen Stoff gibt, die gewissermaßen als Träger der Bewegung der Gestirne fungieren. Denn dass die Gestirne sich zumindest scheinbar um die Erde drehen, das sieht man ja unmittelbar. Und die Vorstellung, dass die Bewegungen in irgendeiner Weise fixiert werden müsste, entspricht auch dem, was wir auf der Erde erwarten würden. Wenn wir eine Uhr bauen oder derartiges. Und die Planeten, die hat man sich dann entweder auf diesen kristallinen Sphären sozusagen draufgepappt irgendwie vorgestellt. oder auch zwischen den Sphären. Beide Varianten sind durchaus immer wieder vorgekommen.“ SPRECHER Kristalline Schalen, auf denen sich Planeten um den Nabel der Welt, die Erde bewegen - eine Vorstellung, die uns heute reichlich seltsam anmutet, die damals aber durchaus plausibel erscheint. Denn irgendetwas musste die Gestirne schließlich auf ihrer Bahn halten, dafür sorgen, dass sie nicht einfach weg drifteten. Dass unsichtbare Gravitationskräfte die Planeten leiten, sollte erst viel später ein gewisser Isaac Newton beschreiben. SPRECHERIN Damals völlig plausibel erschien den Menschen auch die Vorstellung, dass Planeten, bzw. die Sphären, „Töne“ erzeugen. Es entsprach der alltäglichen Beobachtung, dass Dinge, die schwingen, die sich bewegen, eben „klingen“. - Der Astrophysiker Markus Nielbock: 02-O-TON Nielbock Die göttliche Ordnung „Und je nachdem in welchem Abstand von der Erde und welcher Geschwindigkeit von der Erde sich diese Sphäre mit den Planeten und am Schluss dann den Fixsternen bewegt, gibt das unterschiedliche Abfolgen von Tönen, die man mit der Musik identifizieren kann. Das ist im Prinzip der Grundgedanke dieser Sphärenmusik. Man sieht hier sozusagen die Ordnung des Kosmos widergespiegelt in Tönen, in einer Art von Musik. Und der Grundtenor ist ja, das ist die gleiche Ordnung, die gleiche göttliche Ordnung, die alles wirklich bestimmt.“ SPRECHER Musik und Gestirne folgen den gleichen Gesetzen. Die Zahl wird zur „Klammer“, zum „ordnenden Faktor“, der Himmel und Musik verbindet. SPRECHERIN Bereits in der Antike wird diese Idee allerdings auch heftig diskutiert. Vor allem die berechtigte Frage: Wenn der Kosmos tatsächlich schwingt und tönt - warum hört man dann nichts davon auf der Erde? SPRECHER Die „Sphären-Harmoniker“ überboten sich durch alle möglichen Erklärungen: Von „Naja, wenn etwas ununterbrochen erklingt, dann nimmt man es eben irgendwann nicht mehr wahr, es wird zu einer Art Hintergrundrauschen“ - bis hin zur steilen These, dass eben nur Auserwählte wie Pythagoras selbst die Himmelsharmonie tatsächlich „hören“ könnten. SPRECHERIN Doch kritische Denker wie Aristoteles überzeugte das nicht. Er meldet Zweifel an, Zweifel an einer Sphärenharmonie, die man tatsächlich „hören“ könnte – und spart nicht mit Polemik: ZITATOR 1 Aristoteles – (Vom Himmel) „Die Behauptung es entstünde bei der Bewegung der Gestirne eine Musik, in dem die Töne zusammenstimmten, ist zwar fein und originell, aber keineswegs wahr….((Nicht nur ist es unsinnig, dass wir nichts hören, sondern auch, dass wir abgesehen von dieser Sinneswahrnehmung nichts merken sollten…)) es ist vielmehr wahrscheinlich, dass wir nichts hören, und die Körper keine gewaltsame Einwirkung erleiden, weil kein Ton vorhanden ist!“ SPRECHER Natürlich sind wir heute schlauer: In den Weiten des Weltalls ist es tatsächlich gespenstisch still. Es fehlt schlicht und einfach ein Medium wie beispielsweise Luft, das Schallwellen transportieren könnte. SPRECHERIN Stattdessen ist dort draußen vor allem eines: nichts. Ein nahezu perfektes Vakuum. Selbst wenn im All also etwas schwingt, explodiert oder kollidiert - wir können es nicht hören. SPRECHER Und vielleicht ist das auch ganz gut so. - Pierre Leich: 03-O-TON Leich Sonne “Im Falle der Sonne, denke ich, dürfen wir alle auch ganz froh sein, dass dem so ist. Denn wenn man sich vorstellen würde zwischen der Sonne und uns wäre ein Medium, was den Schall überträgt, dann wäre es ja hier auf der Erde so unglaublich laut, dass wir überhaupt nichts mehr hören könnten. ((Also hätte sich dann mit Sicherheit weder Gehör, noch Stimme entwickeln können. Also wir können sogar froh sein, dass uns da keine Geräusche erreichen.)) Aber es schwingt ja auch immer der Gedanke mit, dass es gar nicht um Geräusche im engeren Sinn geht, sondern tatsächlich nur um mathematische Proportionen.“ SPRECHER Ein genialer Mathematiker - zugleich einer der profiliertesten theoretischen Astronomen um 1600, sollte die Tradition dieser pythagoreischen Harmonievorstellungen wieder aufgreifen: Johannes Kepler. ((SPRECHERIN Dieser scharfsinnige Denker ist davon überzeugt, dass sich der uralte Glaube an ein musikalisch schwingendes Universum durchaus wissenschaftlich untermauern lässt - und zwar mit den physikalischen Gesetzen des 17. Jahrhunderts.)) MUSIK (Cosmos) ZITATOR Weltharmonik - oder: Die Vermessung des Himmels SPRECHER Von der Erde aus betrachtet, malen manche Planeten seltsame Linien an den Himmel, wundersame Schleifen. Vor allem der Mars scheint nicht ganz zu wissen, was er will, irrt gleichsam umher: kehrt plötzlich seine Richtung um, usw. SPRECHERIN Passt das zum „rationalen Plan“ eines Schöpfers? Lässt Gott die Planeten tatsächlich wie „verirrte Reisende“ am Himmel wandern? Das konnte nicht sein. SPRECHER Folgte man Kopernikus - und geht davon aus: nicht die Erde ist der Mittelpunkt des Kosmos, sondern die Sonne, um die die Planeten kreisen -, dann entwirren sich die Schleifen plötzlich. Plötzlich ergeben sie Sinn. SPRECHERIN Johannes Kepler prüft Kopernikus Theorie mithilfe komplizierter mathematischer Berechnungen - und anhand der besten Beobachtungsdaten, die es damals gibt: den Daten, die der dänische Astronom Tycho Brahe gesammelt hatte. SPRECHER Und doch ist es ein jahrelanger Kampf, bis Kepler sich endlich dazu durchringt, ein revolutionäres Ergebnis anzuerkennen: Die Planeten bewegen sich nicht in perfekten Kreisen, sondern in Ellipsen. Und zwar nicht um die Erde, sondern um die Sonne! SPRECHERIN Kepler muss also ausgerechnet jenen vollkommenen Kreis opfern, der für Astronomen bis dahin als „Garant für Perfektion“ galt. - Markus Nielbock: 04-O-TON Nielbock Traditionsbruch „Das war ja auch ein Teil dieser Vorstellung, dass das alles eine göttliche Ordnung hat. Und was ist göttlicher, was ist perfekter als ein perfekter Kreis? Und Kepler hat dann später gesehen: ja geht nicht mit dem Kreis, das ist völlig unmöglich, als er dann die Marsbahn sich angeguckt hat, machen wir doch eine Ellipse draus. Und das war dann schon ein ziemlich klarer Bruch zu einer Jahrtausend langen Tradition, was die Astronomie wirklich machte.“ SPRECHERIN Kepler korrigiert aber nicht nur die Vorstellung perfekter Kreisbahnen, er verabschiedet auch die Vorstellung, dass sich Planten völlig gleichförmig bewegen. Er stellt fest: Die Geschwindigkeit schwankt, die Planeten laufen in Sonnennähe schneller als in Sonnenferne. SPRECHER Den eigentlichen Volltreffer landet Kepler allerdings mit seinem sogenannten „dritten Gesetz“. Er entdeckt, dass es einen festen Zusammenhang gibt, zwischen den Abständen der Planeten zur Sonne und ihren Umlaufzeiten - also: Wie weit ein Planet von der Sonne entfernt ist, und wie schnell er sich dabei bewegt - das ist kein Zufall. Dahinter verbirgt sich eine nachprüfbare Gesetzmäßigkeit, ein Naturgesetz, eine Konstante, die man berechnen kann. SPRECHERIN Den Weg hin zu dieser Einsicht schildert Kepler im 5. Buch seiner „Weltharmonik“: ZITATOR 1 Kepler Weltharmonik „Am 8. März des Jahres 1618 ist diese Proportion in meinem Kopf aufgetaucht. Bei der Berechnung hatte ich aber zunächst keine glückliche Hand: Ich verwarf sie als falsch. Doch dann, am 15. Mai kam sie wieder - und triumphierte in einem neuen Anlauf über die Finsternis meines Geistes. Wobei sich zwischen meiner siebzehnjährigen Arbeit an den Tychonischen Beobachtungen und meiner gegenwärtigen Überlegung eine derart treffliche Übereinstimmung einstellte, dass ich zuerst glaubte, ich hätte geträumt - und das Gesuchte in den Beweisunterlagen vorausgesetzt.“ SPRECHER Doch Kepler hatte nicht geträumt. Er hat eine mathematisch nachprüfbare Gesetzmäßigkeit entdeckt. Die Formel lautet vereinfacht gesagt: „Die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten verhalten sich zueinander wie die dritten Potenzen der Bahnradien.“ SPRECHERIN Klingt kompliziert. Doch die entscheidende Botschaft ist letztlich: Alle Planeten folgen einem gemeinsamen Gesetz. Folgen einer klassischen Proportion, wie sie auch jedem antiken Mathematiker gefallen hätte. SPRECHER Das Gesetz gilt allerdings nur, wenn man davon ausgeht, dass sich die Planeten um die Sonne, nicht um die Erde drehen. - Pierre Leich: 05-O-TON Leich „Und insoweit hat Kepler mit dem dritten Keplerschen Gesetz nicht nur dieses Prinzip der Harmonie in den Bewegungen der Planeten des Sonnensystems wiederentdeckt, sondern er hat uns auch das für seine Zeit mit Abstand beste Argument für den Heliozentrismus überhaupt geliefert.“ SPRECHERIN Und: Auf Hunderten von Seiten versucht Kepler schließlich auch detailreich ganz konkrete harmonische Verhältnisse zwischen den einzelnen Planeten nachzuweisen. Dass die Abstände und Geschwindigkeiten der Planeten dabei variieren, erweist sich aus Keplers Sicht nun sogar als weiser göttlicher Plan. Wenn die Abstände variieren, bedeutet das nämlich: Es gibt nicht den einen ewig gleichen Ton – es entstehen vielmehr unterschiedliche Töne - und damit Intervalle, also „Zusammenklänge“. SPRECHER Konkret: Kepler berechnet ein Verhältnis – und zwar das der Geschwindigkeit in Sonnennähe und der Geschwindigkeit in Sonnenferne, für jeden einzelnen Planeten. Dieses Verhältnis ist nichts anderes ein Intervall, das er so jedem der damals bekannten sechs Planeten jeweils zu ordnen kann: SPRECHER/SPRECHERIN (im Wechsel): Erde: 27:28 / Mars: 5:6 / Saturn: 9:10 / Jupiter: ebenfalls 9:10 / Venus: 80:81 / Merkur: 3:4 SPRECHERIN Diese Intervalle der einzelnen Planeten setzt er wiederum miteinander in Beziehung, berechnet wie die einzelnen Planeten zueinanderstehen – und entdeckt dort Tonintervalle, ganzzahlige Verhältnisse, beispielsweise: SPRECHER/SPRECHERIN (im Wechsel): Saturn - Jupiter: 1:3 / Jupiter - Saturn: 2:1 / Erde - Mars: 3:2 / Erde – Venus: 3:5 usw. SPRECHER Kepler ordnet einzelnen Planeten sogar bestimmte Tonleiterleitern zu. Doch wer jetzt fragt: „Kann man das bitte mal hören, dieses <Konzert der Sterne>?“ - der wird enttäuscht: Zu „hören“, bzw. akustisch zu messen auf der Erde, gibt es da auch aus Keplers Sicht eigentlich nichts. SPRECHERIN Keplers Projekt „Harmonie der Welt“ verfolgt ein viel größeres Ziel: Getragen von einer tiefen religiösen Überzeugung will er eine Art göttlichen „Weltplan“ aufdecken: verborgene Harmonien und Proportionen, die alles durchdringen. Sprich: Kepler glaubt, dass die Welt auch im kleinsten Schneekristall eine Ordnung widerspiegelt. SPRECHER Diese Ordnung im Großen und Kleinen zu entdecken, ist seine Mission. Er versucht also gleichsam Gottes Gedanken „nachzudenken“, seinen mathematischen Plan zu ergründen, wie er selbst schreibt: ZITATOR 1 Kepler (Weltharmonie) „Ich fühle mich von einer unaussprechlichen Verzückung ergriffen ob des göttlichen Schauspiels der himmlischen Harmonie. Denn wir sehen hier, wie Gott gleich einem menschlichen Baumeister, der Ordnung und Regel gemäß, an die Grundlegung der Welt herangetreten ist.“ MUSIK (Cosmos) ZITATOR Das Konzert der Sterne - oder: Alles Zufall? SPRECHERIN Was konnten spätere Astronomen nun mit der Idee einer „Sphärenmusik“ - eines harmonisch „schwingenden Universums“, ja einer „Harmonie der Welten“ anfangen? Konnten sie an diese Vorstellung irgendwie anknüpfen? SPRECHER Man nehme: die Zahlenfolge 0, 3, 6, 12, 24, 48, 96 usw., also eine Reihe in der nach der Zahl drei jede Zahl das Doppelte der vorangegangenen ist. Dann addiere man zu jeder Zahl eine 4. SPRECHERIN Voilà, und schon kann man die Entfernungen aller bekannten Planeten von der Sonne bestimmen. SPRECHER Die Idee: die Abstände der Planeten von der Sonne lassen sich mit einer einfachen mathematischen Formel näherungsweise allein aus der Nummer ihrer Reihenfolge herleiten. SPRECHERIN Klingt erstaunlich - und diese Zahlenreihe gibt es tatsächlich. Sie nennt sich „Titius-Bode-Reihe“, benannt nach den Astronomen „Johann Daniel Titius“ und „Johann Elert Bode“ – veröffentlicht 1772. SPRECHER Die Regel stimmt mit den tatsächlichen Verhältnissen in unserem Sonnensystem ganz gut überein. Doch es gibt auch Unstimmigkeiten: Abweichungen von bis zu 5 % und mehr - z.B. bei Mars und Saturn. Pierre Leich: 06-O-TON Leich Titus Bode Reihe „Man hat eine Zeit lang jetzt viele Exoplaneten gefunden. Da hat es natürlich auch Leute gegeben, die geguckt haben, ob man die Titius-Bode-Reihe bei diesen Planetensystemen auch feststellen kann. Dann gab es ein paar, dann war große Euphorie. Inzwischen hat man so viele, dass man auch wieder sagen muss, das war Zufall. Bei einigen passt das halt und bei den meisten aber nicht. Aber für den naturgesetzlichen Zusammenhang würde man schon fordern: entweder es gilt grundsätzlich immer, oder ist es halt Zufall.“ SPRECHERIN Auch die bereits von Kepler beschriebenen ganzzahligen harmonischen Verhältnisse der Bahnen und Sonnenumlaufzeiten von Planeten können Astronomen heute durchaus beobachten. SPRECHER Stern „HD 110067“ z.B. - von uns ca. 100 Lichtjahre entfernt - wird von sechs Planeten umkreist, deren Umlaufzeiten alle in ganzzahligen sogenannten „Resonanzverhältnissen“ stehen. SPRECHERIN Oder: Stern „TOI-178“ - rund 200 Lichtjahre von uns entfernt - auch er wird von sechs Planeten umkreist. Fünf davon bewegen sich in einem harmonischen Rhythmus. SPRECHER Und wir wissen heute auch, warum solche Effekte auftreten: Planeten oder andere Himmelskörper in einem System beeinflussen sich gegenseitig durch ihre Schwerkraft. SPRECHERIN Die Folge: Es stellen sich stabile harmonische Verhältnisse ein – zwischen den Umlaufzeiten der Planetenbahnen. Offenbar als das Ergebnis eines „Reifungsprozesses“: vom Chaos zur Ordnung. - Der Astrophysiker Markus Nielbock: O-TON Nielbock Reifungsprozess „Das hat was damit zu tun, wie sich so ein System, was anfänglich tatsächlich chaotisch ist, sich im Laufe der Zeit entwickelt. Und man geht heute davon aus, dass eben durch die gravitative Wechselwirkung in so einem Planetensystem sich irgendwann ein Gleichgewichtszustand einstellt, der eben durch diese ganzzahligen Verhältnisse widergespiegelt wird. Und mit der Zeit pendelte sich das so ein, dass aus dem chaotischen System ein mehr oder weniger geordnetes System sich bildet. Und das zeichnet gerade ich sage mal relativ alte Planetensysteme aus, dass wir diese Verhältnisse dort finden.“ SPRECHER Bei jungen Systemen aber eher nicht. Sprich: Harmonische Verhältnisse sind in vielen Planetensystemen eben ein möglicher Zustand, aber eben nicht der einzige. SPRECHERIN Und: wenn Astronomen wie im Fall von TOI-178 einen „harmonischen Volltreffer“ landen, dann gibt es auch dort dennoch nichts zu „hören“. SPRECHER Wer tatsächlich etwas hören will, muss damals wie heute nachhelfen. Die Europäische Südsternwarte, kurz „ESO“ macht das z.B. gerne mit künstlerischen Animationen: die rhythmische Bewegung der Planeten um den Zentralstern soll so nicht nur optisch, sondern auch klanglich erfahrbar werden: Jedem Planeten wird ein Ton zugewiesen, der dann erklingt, wenn ein Planet entweder eine volle oder eine halbe Umlaufbahn vollendet hat. SOUND TOI-178 https://www.eso.org/public/videos/eso2102b/ SPRECHERIN Komplexe Ordnung soll so akustisch erfahrbar werden – wird aber eher nicht zum „berauschenden Klangerlebnis.“ SPRECHER Löst man sich schließlich vom Gedanken, einer wirklich hörbaren Ordnung in unserer Welt - öffnet sich ein weites Feld: Unsere Welt ist durchdrungen von wiederkehrenden Formen, Mustern und Strukturen. SPRECHERIN Die existieren nicht zufällig, sondern folgen gleichsam „universellen Codes“. SPRECHER Z.B. der sogenannten Fibonacci-Zahlenfolge, bei der jede Zahl die Summe der beiden vorausgegangenen Zahlen ist und die eine Art „Wachstumsmuster“ in der Natur beschreibt: Blütenblätter, Äste und Samen – alles, was sich durchsetzt, wächst meist nach der Fibonacci-Folge. SPRECHERIN Prägend ist ebenso die unendliche Konstante Pi, auch als Kreiszahl bekannt. SPRECHER Auch fraktale Strukturen sind allgegenwärtig: Muster, die verkleinerte Kopien ihrer selbst zum Vorschein bringen, wenn man sie vergrößert. SPRECHERIN All das können Orientierungshilfen sein, um die Wunder der Natur zu erkennen - und Forschende versuchen genau diese Ordnung und die Gesetze dahinter zu verstehen. Denn ohne Gesetze wäre unsere Welt beliebig und zufällig, was sie offenkundig aber nicht ist. SPRECHER Doch all diese Beobachtungen, Formeln und Gesetze sind bislang eben nur „Bausteine“. Sie liefern keine allumfassende „Weltformel“, sind immer nur eine Annäherung. SPRECHERIN Und natürlich lauert auch immer die Gefahr, dass wir nur sehen, was wir sehen wollen. Bereits in Keplers „Weltharmonik“ wirkt manches doch erstaunlich konstruiert, fällt manche Proportion, weil sie nicht perfekt ist, eben unter den Tisch. SPRECHER Außerdem: Wer harmonische Beziehungen sucht, findet sie auch – irgendwo, irgendwann. Das hat u.a. der niederländische Astronom Cornelis de Jager eindrücklich auf die Schippe genommen: SPRECHERIN Er hat einfach nur vier Parameter seines holländischen Fahrrades vermessen: Pedalweg, Durchmesser des Vorderrads, der Lampe und der Klingel. SPRECHER Aus diesen sehr übersichtlichen vier Maßen hat er dann mit einfachen mathematischen Operationen erstaunliche physikalische Konstanten und astronomische Werte berechnet. SPRECHERIN Den Abstand zwischen Erde und Sonne z.B. mittels „Wurzel aus Pedalweg“ mal „Kubikwurzel Durchmesser der Klingel“ geteilt durch „Durchmesser der Lampe“. SPRECHER Und wer hätte das gedacht: Auch die Quotienten der Massen von Proton und Elektron, die Gravitationskonstante, die Feinstrukturkonstante und die Lichtgeschwindigkeit... SPRECHERIN ...all das steckt bereits drin - SPRECHER - in einem einfachen holländischen Fahrrad.
- Der Norden - Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung
26.11.2025 · 23 Min.
Norden ist da, wo der Süden nicht ist. So einfach könnte es sein; doch was "der Norden" ist, hat sich die Menschheit im Laufe von Jahrtausenden zusammengereimt und -erfunden. So entstand mit viel Fantasie ein bunter Strauß von Klischees, die unserem Nord-Bild bis heute anhaften. Von Christiane Neukirch (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Christopher Mann, Sven Hussock Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literatur: Bernd Brunner: Die Erfindung des Nordens – Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung. Galiani Berlin 2019 Bernd Henningsen: Der Norden: Eine Erfindung – Das europäische Projekt einer regionalen Identität Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Die Vampirfledermaus - Der soziale Blutsauger
26.11.2025 · 25 Min.
Sind Vampire nur Figuren der Legende? Tatsächlich leben in Südamerika drei Fledermausarten, die sich ausschließlich von Blut ernähren. Ihre Vorliebe bringt diesen Flattertieren - die übrigens gut zu Fuß sind - einige Schwierigkeiten. Von Christiane Seiler (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Kirsten Böttcher Es sprach: Kathrin von Steinburg Technik: Moritz Herrmann Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Simon Ripperger, Fledermausexperte, Landesamt für Umwelt in Bayern; Sebastian Stockmaier, Verhaltensbiologe in Knoxville, Tennessee; Remigiusz Kozinsky und Olga Polak, Neuer Zoo Poznan Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Warum Tiere kooperieren - Altruismus im Tierreich Hier entdecken Der Tanz der Vampiere - Dracula in der Musik Hier entdecken Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Carter Lab: Website des Verhaltensbiologen Gerald Carter von der Ohio State University. Mit regelmäßigen Updates zur Vampirfledermausforschung und diversen Videos mit spannenden Details aus dem Leben dieser Tiere. HIER Literatur: Uwe Schmidt, Vampirfledermäuse. Spektrum Akademischer Verlag; 1. Edition (7. Dezember 1995). Die Monographie, zuerst erschienen 1979, ist die einzige umfassende deutschsprachige Publikation über das Thema. Sebastian Stockmaier: Bat behavioral immune responses in social contexts: current knowledge and future directions. Artikel zu Fragestellungen über das Sozialverhalten erkrankter Vampirfledermäuse https://www.frontiersin.org/journals/immunology/articles/10.3389/fimmu.2023.1232556/full Simon Ripperger und Gerald Carter: Social foraging in vampire bats is predicted by long-term cooperative relationships. Artikel über die Tragfähigkeit von Freundschaften unter Vampirfledermäusen. https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3001366 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. 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Kozinsky: We try to be better places for our inhabitants… Sprecherin (auf vorigen O-Ton) Die Vampirfledermäuse seien keine bedrohte Art, erklären Remigiusz Kozinsky, der im Zoo für die Bildungsarbeit zuständig ist, und Olga Polak, die Kuratorin des Nachttierhauses. Ihr Zoo sei nicht zum Entertainment da, sondern für Umweltbildung und die Zucht bedrohter Tierarten. Außerdem sei der Käfig mittlerweile zu klein, die Standards haben sich geändert. 03 OT Kozinsky / Polak Olga, close the door... ((läuft weiter als Atmo unter folgendem Text) Sprecherin Die beiden geleiten mich vorsichtig in den Lebensbereich der Vampirfledermäuse, der mit einer Glasscheibe zum Publikumsbereich abgetrennt ist. Innen brennt Licht, noch ist es Tag für die nachtaktiven Tiere. 04 OT Kozinsky / Polak Autorin: There is one … (ab hier als Atmo unter folgendem Text) Musik 2: Plus minus aus: Silver kobalt – 47 Sek Sprecherin An der hinteren Wand sehe ich einen nachgebildeten hohlen Baumstamm, darin zwei kleine dunkel behaarte Fledermäuse mit spitzen Ohren und runden aufgeworfenen Nasen kopfüber von der Decke hängen. Als wir uns nähern, verziehen sie sich weiter nach hinten, ins Dunkle. Auf dem Boden, in einer kleinen Edelstahlschüssel, steht ihre Mahlzeit bereit: Schweineblut. In dem Käfig leben vier männliche Exemplare der Art Desmodus rotundus, auf Deutsch: die Gemeine Vampirfledermaus. 05 OT Ripperger Ja, also es gibt ja die Fledermäuse mit über 1.400 Arten, aktuell weltweit, also eine sehr große und diverse Säugetiergruppe und von den Vampirfledermäusen gibt es tatsächlich nur drei Arten, die ausschließlich in Lateinamerika vorkommen. Sprecherin Sagt Dr. Simon Ripperger. Er ist als Biologe beim Landesamt für Umwelt in Bayern als Fledermausexperte tätig. 06 OT Ripperger Und der gemeine Vampir, das ist ja die häufigste Art von diesen dreien, deswegen wird er auch regelmäßig beforscht, weil, er ist einfach zu finden in der Wildnis. Man kann ihn einfach halten in Gefangenschaft und das macht ihn natürlich zu einem idealen Forschungsobjekt. Musik 3: Plus minus aus: Silver kobalt – siehe oben– 19 Sek Sprecherin Die Neugier der Wissenschaftler erregt diese Fledermausart vor allem aus drei Gründen: wegen ihrer einzigartigen Ernährungsweise, weil sie in Lateinamerika die Rinderbestände schädigt und weil sie ein hochkomplexes Sozialleben hat. 07 OT Kozinsky / Polak Remigius: I can see some poo ... (ab hier unter folgendem Text) Sprecherin In Poznan, unter dem Schlafplatz der Fledermäuse, ist eine schwarze Substanz zu erkennen. Die Ausscheidungen der Tiere, unverdauliche Überreste ihrer Blutmahlzeit. 08 OT Ripperger Ja, also der Kot von den Vampirfledermäusen, der ist fast teerartig, also sehr zäh, dickflüssig und schwarz und der Kot von anderen Fledermäusen ist ja eher krümelig und trocken im Normalfall. Sprecherin Simon Ripperger hat in Lateinamerika, vor allem in Panama, Ruhequartiere der Vampirfledermäuse besucht. 09 OT Ripperger Und sobald man nah an den Baum rankommt, riecht man sofort, dass es ein Vampirfledermausbaum ist. Weil der, also der Kot, der verströmt einen extremen Ammoniumgeruch. Und Ammonium ist wahnsinnig unangenehm, weil es eben giftig ist. Also das heißt, wenn wir in so einen Vampirbaum reingehen, man kann in diese Vampirbäume tatsächlich einfach reinlaufen in vielen Fällen, weil das einfach riesige, uralte Bäume sind, die komplett ausgefault sind, also so fast wie Höhlenbäume. Und da muss man dann natürlich einen Mundschutz tragen, also eine aktive Schutzmaske gegen Ammoniumdämpfe. 10 OT Kozinsky / Polak (Kinderstimmen) Kozinsky: There is one... (ab hier unter folgendem Text) Sprecherin Im Nachttierhaus von Poznan ist das Tageslicht erloschen, Besucher strömen hinein. Machen neben uns vor der dicken Glasscheibe zum Vampirfledermauskäfig Halt. In der schummrigen Beleuchtung nehme ich ein Tier wahr, das sich der Blutschüssel nähert, sich an den Rand hockt, mit seltsam angewinkelten Vorderbeinen. 11 OT Kozinsky / Polak (Kinderstimmen) He is licking… Autorin: now he looks around a little bit (Ab hier als Atmo unter folgendem Sprechertext) Sprecherin Das Tier beschnuppert den Inhalt, sieht sich um, schnuppert vielleicht dem Menschengeruch nach, den wir im Käfig hinterlassen haben. Dann stakst es am Rand der Schüssel entlang, auf Beinen, deren gefaltete Flughäute jetzt sichtbar sind. 12 OT Kozinsky / Polak His tongue is for licking the blood from the dish (Ab hier als Atmo unter folgendem Sprechertext) Sprecherin Kurz ist eine spitze Zunge zu sehen. Das Tierchen taucht sie in den Inhalt der Schüssel. Springt dann mit einem großen Satz aus dem Blickfeld. Musik 4: The brides - 1:09 Min Sprecherin Vampire, das weiß jedes Kind, sind Wesen, die Blut trinken. Geschichten von Vampiren und Untoten geistern seit Jahrhunderten durch die europäische Welt der Legenden und Mythen. Sprachwissenschaftler haben herausgefunden, dass das Wort ‚Vampir‘ in verschiedenen Varianten aus dem Slawischen stammt und seit dem ersten Jahrtausend nach Christus gebräuchlich ist. Geschichten von Untoten, die die Lebenden in verschiedenen Gestalten heimsuchen und sich an deren Blut laben, sind offenbar über die ganze Welt verbreitet. Als Eroberer und Forschungsreisende sich von Europa aus in immer entferntere Gegenden aufmachten, trat auch das Wort Vampir seine Weltreise an. In Asien, Afrika und Amerika trafen diese Abenteurer und Entdecker auf neue Mythen von mörderischen Fabelwesen. Schauergeschichten von blutsaugenden Fledermäusen machten die Runde: 13 OT Ripperger Es gibt schon aus der Frühzeit der Besiedelung durch die Europäer in Lateinamerika solche Berichte. Als die Conquistadores angelandet sind und mit ihren Soldaten und dem Vieh, den Pferden und den Kühen ankamen, dass Schwärme von Vampirfledermäusen über Mensch und Vieh hergefallen sind. Musik 5: Twelve Month - 1:25 Min Sprecherin Oft ging den Erzählern offenbar die Fantasie durch. Berichte über taubengroße Vampirfledermäuse stürzten Taxonomen, die neu entdeckte Tierarten beschreiben und benennen, in einige Verwirrung. So bezeichnete der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné Mitte des 18. Jahrhunderts den großen asiatischen Flughund als „Vespertilio Vampyrus“, weil dieser, so Linné, bei schlafenden Dienern und an den Kämmen der Hähne Blut sauge. Ein Irrtum, denn ausgerechnet dieser große Flugsäuger ernährt sich ausschließlich von Obst und Nektar. Auch „Vampyrum Spectrum“, die größte Fledermausart Lateinamerikas, trägt den Namen zu Unrecht. Diese fleischfressende Art ernährt sich von kleinen Nagetieren und Vögeln. Erst ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts setzte sich bei den Zoologen die Erkenntnis durch, dass es nur in Lateinamerika jene drei klein gewachsenen Fledermausarten gibt, die sich ausschließlich vom Blut der Säugetiere und Vögel ernähren. Und manchmal, wenn auch sehr selten, vom Blut der Menschen. Musik aus Sprecherin Vampirfledermäuse haben sich eine sehr spezielle ökologische Nische erobert und nehmen dafür einiges auf sich. Blut sättigt nicht nachhaltig, eine Fledermaus wird also schnell wieder hungrig, Fasten kann für sie tödlich sein. Überwintern, wie es die Insekten-fressenden Fledermäuse hierzulande tun, ist ebenfalls nicht möglich, weil mit der Blutmahlzeit keine Fettreserven gebildet werden können. Deshalb leben Vampirfledermäuse nur in ganzjährig warmen Gegenden. Manche Fähigkeiten anderer Fledermausarten, wie etwa eine ausgefeilte Ortung durch Ultraschalllaute und akrobatische Flugkünste, spielen für sie eine untergeordnete Rolle. Musik 6: 1864 – 23 Sek Sprecherin Und die Zähne? An Halloween und Karneval gehört ein falsches Gebiss mit langen spitzen Fangzähnen bekanntermaßen zur Vampir-Grundausstattung. Nur beißt die Fledermaus, anders als ein sexy Gruselfilm-Vampir, nicht mit den Eckzähnen, sondern mit den Schneidezähnen. Musik aus 14 OT Ripperger Die oberen vorderen Schneidezähne, die sind sehr stark modifiziert. Also die sind nach vorne gerichtet, fast sichelförmig und die Innenseite ist eben rasierklingenscharf. Und mit diesen beiden Zähnen können sie eben sehr effizient die Haut einritzen von Beutetieren. Und dann haben Sie natürlich auch eine ganze Reihe von weiteren Anpassungen an das Trinken von Blut. Also im Speichel sind Gerinnungshemmer für das Blut. Also das heißt, das Blut kann dann für längere Zeit aus der Wunde herausrinnen. Sie sind tatsächlich keine Blutsauger, wie man immer sagt, sondern sie lecken mit der Zunge das Blut auf. Auch auf der Zunge ist dann eine Hornplatte, mit der sie einerseits sehr effizient Haare von der Bissstelle entfernen können, andererseits wird diese Hornplatte vermutlich auch zum Schärfen der Zähne genutzt. Also es sind völlig verrückte Anpassungen für ein Säugetier. Sprecherin Bevor es aber ans Blutlecken geht, wohlgemerkt nicht ans Blutsaugen, muss das Tier die Beute finden. Auch dazu hat sich die Vampirfledermaus im Lauf der Evolution besondere Fähigkeiten zugelegt: 15 OT Ripperger Sie sind oft eben nicht im Flug unterwegs, wenn sie auf der Beute landen, sondern sie landen ein paar Meter neben der Beute und schleichen sich dann zu Fuß an. Man hat Versuche gemacht mit den Tieren, wie sie eben ihre Flügel und ihre Beine zum Laufen benutzen und hat sie auf kleine Laufbänder gesetzt. Und da hat man eben gesehen, dass die Tiere das Rennen wieder gelernt haben. Und so können die eben relativ zügig dann über den Boden sich der Beute annähern. Dann müssen sie natürlich auch einen guten Ort finden, an dem sie den Biss machen, an dem dann hoffentlich auch Blut austritt. Und dazu haben sie dann Wärmesensoren in der Schnauze, mit denen sie eben diese, ja, die Adern unter der Haut gut detektieren können. Sprecherin Vampirfledermäuse überfallen mit Vorliebe schlafende Beutetiere. Bis zu einer halben Stunde lang trinkt ein Tier an der selben Wunde und scheidet dabei immer wieder den wässrigen Anteil des Blutes aus, um Platz im Magen zu schaffen 16 OT Ripperger Und das ist wirklich verrückt, wenn man ein Tier fängt, das praktisch frisch vollgefressen ist. Die sehen wirklich aus, als wären sie schwanger. Und dann guckt man genauer hin und sieht: Nee, es ist doch ein Männchen. Und es ist einfach nur dieser prall gefüllte Bauch voll mit Blut. Und dieses Blut, die dunkle Farbe schimmert dann schwarz durch den Unterleib. Also es ist wirklich eine fantastische Erfahrung, so ein Tier in der Hand zu haben. Musik 7: The Moment I’m still awake - 31 Sek Sprecherin Vor der Kolonisierung Lateinamerikas waren Vampirfledermäuse vermutlich relativ selten. Sie konnten sich nur an Wildtieren und an domestizierten Lamas oder Meerschweinchen laben. Als die Eindringlinge aus Europa große Mengen an Rindern, Schweinen und Pferden mitbrachten, änderte sich das Nahrungsangebot für die gemeine Vampirfledermaus grundlegend. Die Tiere wurden zu Zivilisationsfolgern. 17 OT Ripperger Wenn man sich das vorstellt, heute diese Bäume, in denen die Fledermäuse ihr Quartier beziehen, an denen wir arbeiten, die stehen manchmal mitten auf der Viehweide. Die Fledermäuse fliegen aus diesem Baum raus und der Tisch ist bereits reich gedeckt. Sprecherin Die Population der gemeinen Vampirfledermaus wuchs derartig, dass sie schon bald von den Viehzüchtern als lästige Schädlinge empfunden wurde. Denn am liebsten bedienen sich die Fledertiere an den Rindern: 18 OT Stockmaier Kühe sind natürlich quasi so ein bisschen wie der McDonald's. Der ist einfach da, der geht nirgendwo hin. Sprecherin Sebastian Stockmaier. Er hat mit Simon Ripperger in Panama gearbeitet. Heute forscht der Verhaltensbiologe an der Universität von Knoxville in Tennessee. 19 OT Stockmaier Kühe, die bewegen sich nicht viel, die sind immer so auf ihrer Weide. Im Gegensatz zu jetzt Wildtieren, wo sie jetzt in den Dschungel müssten und sich einen Tapir suchen müssten. Sprecherin Wenn manchmal mehrere Fledermäuse nachts an derselben Wunde trinken, tropft das Blut, wegen der im Fledermausspeichel enthaltenen gerinnungshemmenden Substanzen, noch lange aus der Wunde. Aber das Problem mit den Fledermausbissen ist nicht der Blutverlust. Durch den Kontakt des Speichels mit dem Blut werden Krankheitserreger übertragen, vor allem das Tollwut-Virus. Dieser Zusammenhang wurde in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erkannt und führte in den sechziger Jahren zu großangelegten Fledermaus-Vernichtungsaktionen unter anderem in Brasilien und Venezuela. Tausende Höhlen wurden mit Dynamit in die Luft gesprengt, zigtausende Fledermausquartiere mit DDT und anderen Giften ausgerottet. Dem fielen natürlich nicht nur Vampirfledermäuse zum Opfer. Heute gibt es Tollwutimpfungen. Aber Farmer sind oftmals nicht zimperlich, wenn sie Vampirfledermäuse auf ihrem Land entdecken: 20 OT Stockmaier Was viel verwendet wird, ist „vampiricide“. Das ist ein Mix aus Rattengift und Vaseline und was dann gemacht wird: Die Vampirfledermäuse werden gefangen und dieses Gift wird denen auf das Fell geschmiert. Die Idee ist dann, dass sie zurückgehen zu ihren Artgenossen, in ihren Baum, ihren roost, und dass die anderen das dann quasi durch dieses Grooming, durch diese Fellpflege, dass das Gift dann quasi durch die Gruppe sich überträgt. ATMO Fledermäuse Sprecherin Die Methode mit dem Vampirizid nützt das besonders soziale Verhalten der Tiere aus. Vampirfledermäuse in ihrem Ruhequartier hängen nicht einfach schlafend und reglos von der Decke, vielmehr beschäftigen sie sich intensiv miteinander. Die Jungen üben fliegen, Männchen kämpfen, und sehr viel Zeit verbringen die Tiere, alte wie junge, mit gegenseitiger Fellpflege. Nicht nur eng verwandte Tiere kraulen und belecken einander. Simon Ripperger: 21 OT Ripperger An Forschung in Gefangenschaft konnte man eben zeigen, dass die Tiere so scheinbar Vertrauen aufbauen. Man muss natürlich auch mal darüber nachdenken, was das alles voraussetzt. Also die Tiere müssen sich erstmal individuell erkennen, dann müssen sie auch ihre, ja die soziale Vergangenheit irgendwie bewerten können. Also wenn die Tiere praktisch anfangen mit Fellpflege, müssen sie irgendwie bewerten, führt das jetzt irgendwohin oder ist das eine Sackgasse? Ja, und das ist natürlich wirklich eine tolle kognitive Leistung, solche sozialen Interaktionen zu bewerten und auch strategisch zu planen. Und man geht da immer so davon aus, der Mensch, die Krone der Schöpfung und unsere sozialen Bindunwwwgen, das ist was ganz Besonderes. Aber das, was hier die Vampirfledermäuse machen, geht tatsächlich in diese Richtung. Musik 9: Plus minus – siehe vorn – 44 Sek Sprecherin Es kann Wochen oder Monate dauern, bis Vampire eine tragfähige Beziehung aufbauen. Ist sie erst einmal gefestigt, gehen die befreundeten Vampirfledermäuse noch einen Schritt weiter. Sollte eine von ihnen kein Jagdglück gehabt haben und hungrig in das Quartier zurückgekehrt sein, teilt die Freundin die Mahlzeit mit ihr, würgt Blut aus dem Magen hoch und gibt es ab, verzichtet also auf einen Teil ihrer Nahrung, damit die andere satt wird. Vampirfledermausweibchen tun dies regelmäßig für ihre Jungen und in dieser mütterlichen Fürsorge hat das Verhalten wohl auch seinen Ursprung. Aber sie teilen erstaunlicherweise nicht nur mit Verwandten. 22 OT Ripperger Und das hat eben viele Biologinnen und Biologen über die Jahre verwirrt, wie das eben evolutionär stabil sein kann, sagt man dazu also: wie kann sich so ein Verhalten manifestieren, wenn es eigentlich einen Nachteil mit sich bringt? Aber wenn wir das als wechselseitiges Verhalten betrachten, dann macht das natürlich plötzlich Sinn. Es ist tatsächlich so: Futter zu erhalten wird am besten dadurch vorhergesagt, wem ich früher mal Futter gegeben habe. Und daraus sieht man direkt ja, wenn ich einer anderen Fledermaus in Not helfe und es ist dann sehr wahrscheinlich, dass ich was zurückbekommen, wenn ich selbst in Not bin, dann macht das Ganze Sinn. Also dann kann das eben auch stabil sein, weil man profitiert selbst eben auch von diesem Investment in der Zukunft. Sprecherin Simon Rippergers Kollege Sebastian Stockmaier interessiert sich für die Frage, ob und wie Vampirfledermäuse ihr soziales Verhalten ändern, wenn sie erkrankt sind. Erste Studien zeigen, dass kranke Fledermäuse sich Artgenossen gegenüber teils reservierter verhalten. 23 OT Stockmaier Wir haben uns das noch nicht wirklich angeschaut, ob dann Fledermäuse die krank sind und die deswegen nicht raus können und jagen können, ob die dann von anderen versorgt werden und von wem die versorgt werden, ob es dann wirklich verwandte Fledermäuse sind oder ob es auch die anderen Artgenossen sind. Ja, das wissen wir nicht. Das ist interessant. Und wir haben schon Experimente geplant in der Zukunft, um uns das anzuschauen. Sprecherin Viele Forschungen wurden überhaupt erst möglich durch eine neuartige Generation von Bewegungstrackern, Sensoren, die die Begegnungen unter einzelnen Tieren aufzeichnen, ähnlich der während der Pandemie ab dem Jahr 2020 gebräuchlichen Corona-App. An der Entwicklung dieser Sensoren war Simon Ripperger beteiligt. 24 OT Ripperger Also es sind kleine Sensoren, die kleben wir auf den Rücken von Tieren auf, in dem Fall eben von den Vampirfledermäusen. Und dann fangen diese Sensoren an, miteinander zu kommunizieren und wir wissen im Sekundentakt genau, welche Tiere verbringen wie viel Zeit miteinander, sind die im Körperkontakt, sind die nur im gleichen Quartier. Und das im 24-Stunden-Takt und über ein, zwei Wochen. Und das ist natürlich eine Datenqualität, die war bis dahin undenkbar. Sprecherin Bis dahin ließ sich das Verhalten der Vampirfledermäuse nur in Gefangenschaft detailliert beobachten. Die neuen Sensoren ermöglichen Antworten auf viel weitergehende Fragen. Etwa ob Freundschaften zwischen Fledermäusen, die in Gefangenschaft entstanden sind, auch in freier Wildbahn halten: 25 OT Ripperger Und nachdem wir diese Tiere freigelassen haben, in die Wildnis, konnten wir eben sehen, dass die Tiere, die sehr viel Zeit miteinander in Gefangenschaft verbracht haben und eben auch viel Zeit in Fellpflege investiert haben und gegenseitig Futter geteilt haben, dass die dann eben auch sehr viel Zeit in der Wildnis in engem Körperkontakt verbracht haben. Und das war eben ein starker Indikator dafür, dass diese sozialen Bindungen wirklich extrem stabil sind, selbst wenn sich das Umfeld der Fledermäuse komplett ändert. Und das war natürlich eine tolle Erkenntnis, weil ja, solche starken sozialen Bindungen kennt man tatsächlich nur von wenigen anderen Tierarten. Sprecherin Eine weitere Fragestellung hat das Team mit Hilfe der neuartigen Sensoren bereits erforscht: Ob nämlich Fledermäuse, die im Quartier enge Beziehungen pflegen, gemeinsam auf die Jagd gehen. Auch hier kam es zu überraschenden Erkenntnissen: 26 OT Ripperger Die verlassen das Quartier nicht zusammen, sondern einzeln, auch mit größeren Abständen, zehn, 20 Minuten oder auch länger. Und dann treffen sie sich aber wieder auf der Kuh. Und das war eben erstmal irritierend, weil die nächste Frage ist: Wie finden Sie sich denn wieder? Und da war dann eben interessant, dass wir Ruftypen aufgezeichnet haben. Also ich war dann wirklich Teil der Kuhherde und bin da mit einem Mikrofon und mit einer Videokamera mit den Kühen mitgelaufen und habe beobachtet, was die Tiere da machen. Und dort haben wir eben Ruftypen aufgezeichnet, die wir aus dem Quartier nicht kannten. Und das liegt eben nahe, dass das Signale sind für die Kooperationspartner, wo man eben zu finden ist. Und vielleicht auch ein Signal: Hier gibt es was zu fressen. Und das ist bisher nur Spekulation. Was die Funktion genau ist von diesen Rufen, das muss man in der Zukunft genau testen, wie sich die auswirken auf die sozialen Partner... Musik 10: Plus minus – siehe vorn – 52 Sek Sprecherin Fragen über Fragen. Wie werden kranke Fledermäuse im Quartier versorgt? Was teilen die Tiere einander mit ihren Rufen mit? Weitere Studien werden es zeigen. Eins ist sicher: Viele mögen Vampirfledermäuse gruselig finden oder für lästige Schädlinge halten. Aber in Sachen Fürsorge für andere sind sie vorbildlich. Das findet auch Remigius Kozinski vom Neuen Zoo in Poznan: 27 Poznan, Atmo Kinder, (darauf zügig O-Ton 28) 28 OT Kozinsky We should learn to do like them. Try to help each other. In all difficult situations in our life. Sprecherin Wir Menschen sollten uns ein Beispiel an den Vampirfledermäusen nehmen, meint er. Und in schwierigen Lebenslagen einander helfen.