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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Bodenentsiegelung - Wenn Asphalt und Beton weichen

18.06.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Bodenentsiegelung macht Städte grüner und hilft, dass wertvolles Regenwasser versickern kann. Doch die Zauberlösung gegen Flächenfraß ist sie nicht. Denn ein von Beton und Zement befreiter Boden braucht Jahrhunderte, um all seine natürlichen Funktionen wieder zu erlangen. Von Brigitte Kramer (BR 2024)

Credits
Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Werner Härtl, Gudrun Skupin
Technik: Matthieu Belohradsky
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Nadine Pannicke-Prochnow, Geo-und Agrarwissenschaftlerin, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig
Juliane Albrecht, Juristin, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden
Matthias Rühl, Ingenieur und Raumplaner, Sugenheim/Mittelfranken 


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ZUM PODCAST

Literatur:
Studie des Umweltbundesamtes „Bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen und zur Klimaanpassung“: 
ZUR HOMEPAGE

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

O-Ton 1 Matthias Rühl

Wir haben die Bewerbung von Ipsheim damit begründet, dass wir gesagt haben, Ipsheim ist ein Asphaltsee. Das war wirklich so, dass alle Flächen im Ort komplett asphaltiert waren, also versiegelt waren.

SPRECHER

Der Raumplaner Matthias Rühl betreut seit mehr als 25 Jahren die Gemeinde Ipsheim in Mittelfranken, sowie rund zehn andere Orte in der Region. Er berät die Gemeinderäte in Sachen nachhaltige Städtebauförderung. Matthias Rühl setzt sich für mehr Grün in Städten und Dörfern ein. 

O-Ton 2 Matthias Rühl

Bei jeder Maßnahme, die wir gemacht haben, war es eine Entsiegelung. Es ist viel Pflaster gekommen. Natürlich sind wir mitten in einem Ortskern bei den öffentlichen Flächen immer in der Notwendigkeit, dass es ja Verkehrsflächen sind. Man muss drauf gehen, man muss drauf fahren. Also Pflaster mit breiten Fugen oder eben ungebundene Bauweise. Das heißt, dass es auf Splitt verlegt ist und dass Regenwasser vor Ort versickert.

ATMO 1 Baustelle in der Stadt

SPRECHER drüber

Pflastersteine statt Asphalt, das ist eine Form der Teilentsiegelung: Dichte Flächen werden aufgerissen und durch Pflaster oder Rasengitter ersetzt. Der Grund ist weiterhin befestigt, aber er nimmt Regenwasser auf – eine wichtige Bodenfunktion. Und er bietet Gräsern und Blumen Raum für Wurzeln. Vollentsiegelung bedeutet, dass Asphalt und Beton komplett weichen und das Erdreich freigelegt wird. Darauf können dann Sträucher oder Bäume wachsen, es entstehen Grünanlagen oder Parks.

ATMO Stadtpark

+ Musik 2: Und was sagen die Freunde? -  38 Sek

SPRECHER drüber

Bodenentsiegelung wurde als eine effektive Maßnahme zur Klimaanpassung erkannt, vor allem in dicht bebauten Stadtteilen oder Ortskernen. Pflanzen binden Kohlendioxid und Staub, befeuchten die Luft, sorgen im Sommer für Kühlung. Derzeit herrschen in versiegelten Innenstädten bis zu zehn Grad höhere Temperaturen als im Umland. Und: Grün schlägt zwischen Wohnblocks Frischluftschneisen, steigert die Lebensqualität in Städten die Bewohner erleben, wie die Jahreszeiten wechseln. (Musik weg)

Trotzdem müssen Menschen wie Matthias Rühl noch Überzeugungsarbeit leisten:

O-Ton 3 Matthias Rühl

Jeder Baum macht Dreck, heißt es immer. Dann sage ich: Ein Auto macht eher Dreck. Also ein Baum lebt ja, das ist ein Lebewesen wie wir auch. Er ist nur nicht so schnell wie wir. Und natürlich verliert er Blätter. Wir verlieren auch Haare und alles Mögliche. Das verstehen manche Leute nicht. Die Jüngeren glaube ich schon eher. Es gibt halt ein paar ganz Alte, die das noch ganz anders sehen. Da hat man einen Baum eher mit der Motorsäge gepflegt.

SPRECHER

Auch auf privaten Grundstücken steigern freie Flächen den Wert. Das ist besonders bei Altstadtsanierungen wichtig. Matthias Rühl spricht von „Aufräumen“:

O-Ton 4 Matthias Rühl

Das spielt eine große Rolle, weil der Altstadtkern ohnehin sehr stark überbaut ist. Im Laufe der letzten Jahrhunderte, muss man schon sagen, sind halt viele Anbauten entstanden und Nebengebäude und Garagen und alles Mögliche. Und wenn man jetzt in diesen Ortskern wieder Leben reinbringen möchte, in leerstehende Gebäude zum Beispiel, den Bestand weiter zu nutzen, zu verändern, das muss natürlich modernisiert werden. Das sind teilweise Häuser, wo vielleicht seit 80 oder 100 Jahren nichts gemacht wurde. Aber die Freiflächen muss man genauso betrachten, weil sonst braucht man ja das Haus gar nicht sanieren. Es ist Lebensnotwendigkeit, denn wenn Sie irgendwo wohnen wollen, dann brauchen Sie auch Freiflächen. Wenn Sie diese grünen Freiflächen nicht haben, ist es unattraktiv.

ATMO Dorfstille

SPRECHER drüber

Auf dem Land, in Dörfern, wo die Jüngeren weggezogen sind, ist das Problem ähnlich: 

O-Ton 5 Matthias Rühl

Wo früher Landwirtschaft war, da gab es Ställe, da gibt es Scheunen, da gibt es irgendwelche Maschinenhallen, die jetzt aber nicht mehr in Gebrauch sind. Und manches kann man eben nicht mehr umnutzen. Einen alten Schweinestall werde ich schwer zu einer Wohnnutzung umfunktionieren können. Da muss halt mal was abgebrochen werden. Und dann muss ich aber auch ein Konzept haben: Was mache ich mit dieser Fläche?

ATMO Baustelle 

 SPRECHER drüber 

Neuer Wohnraum ist die erste Option. Deutschland braucht Wohnungen und eine Bebauung bringt dem Eigentümer oder der Eigentümerin Geld. Letztlich braucht es Überzeugung, um sich gegen ein Gebäude und für eine Wiese, einen Garten oder einen Park zu entscheiden. Man muss den Wert von Freiraum erkennen.  

MUSIK 3: Und was sagen die Freunde? – siehe vorne – 31 Sek

SPRECHER drüber 

Theoretisch wird Entsiegelung in Deutschland gefördert, und zwar in mehreren Gesetzen: Im Paragrafen 179 des Baugesetzes steht ein „Rückbau- und Entsiegelungsgebot“: 

 Eine Gemeinde kann einen Eigentümer dazu verpflichten, den Abriss oder Teilabriss eines Gebäudes zu dulden, wenn dieses … 

MUSIK 1 weg 

ZITATORIN

„… den Festsetzungen eines Bebauungsplans nicht entspricht und ihnen nicht angepasst werden kann oder Missstände oder Mängel aufweist, die auch durch eine Modernisierung oder Instandsetzung nicht behoben werden können“. 

SPRECHER 

Leere Garagen, Kasernen, Fabrikanlagen …. Ställe, Verkaufsräume, Lagerhallen – könnten also alle weg. Und im Bundesbodenschutzgesetz aus dem Jahr 1999 besagt der Paragraf fünf, dass …

ZITATORIN

„Die Bundesregierung per Rechtsverordnung und mit Zustimmung des Bundesrates Grundstückseigentümer dazu verpflichten kann, bei dauerhaft nicht mehr genutzten Flächen, deren Versiegelung im Widerspruch zu planungsrechtlichen Festsetzungen steht, den Boden so weit wie möglich und zumutbar wiederherzustellen“. 

MUSIK 4: Aufbruch – xxx – 59 Sek

SPRECHER drüber 

Die beiden Paragrafen wurden allerdings nach Recherchen von Juliane Albrecht kaum angewandt. Albrecht ist Juristin und arbeitet am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Sie nennt sie „nicht vollzugstauglich“. Sie fordert, dass das Baugesetz und das Bodenschutzgesetz überarbeitet werden. Sprich: Sie müssen an die heutigen, drastischen Umwelt-Herausforderungen angepasst werden – und hier hat Entsiegelung eine große Bedeutung. 

MUSIK  hoch 

SPRECHER drüber 

Auch auf öffentlichem Grund wird Entsiegelung gefördert, hier wird sie auch öfter umgesetzt. Die Kommunen bekommen Subventionen, wenn sie Grünflächen schaffen, das steht in den Städtebauförderungsrichtlinien. Und die „Baunutzungsverordnung“ setzt  Gemeinden Obergrenzen für Bebauung und Versiegelung . Dazu kommt die sogenannte „Eingriffsregelung“ im Naturschutzgesetz aus den 1970er Jahren: 

O-TON 6 Juliane Albrecht

Das wichtigste Instrument in der Praxis ist eigentlich die Naturschutzrechtliche Eingriffsregelung. Diese ist im Bundesnaturschutzgesetz verankert und besagt letztlich, dass wenn man in Natur und Landschaft eingreift, zum Beispiel eine Straße neu baut oder eine andere bauliche Anlage errichtet und in den Naturhaushalt eingreift, dass man dann eine Kompensation erbringen muss. Und diese Kompensation, die kann eben durchaus auch in Form von Entsiegelungsmaßnahmen erbracht werden.

Musik 5: Detached –1:50 Min

SPRECHER

Juliane Albrecht hat im Jahr 2022 mit anderen Fachleuten im Auftrag des Bundesumweltamtes einen Forschungsbericht erstellt. Er heißt „Bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen und zur Klimaanpassung“ und soll politische Entscheidungen erleichtern – für mehr Entsiegelung. In der Praxis wird zum Ausgleich von neu verbrauchtem, also verbautem Boden, auch tatsächlich immer wieder an anderer Stelle Boden entsiegelt. Das Problem: Es gibt zu wenig Grundstücke, die zur Entsiegelung taugen. Und: Die Ausgleichsvorschrift ist nicht zwingend. Derzeit muss man lediglich „verstärkt prüfen“, ob ausgleichende Entsiegelungen möglich sind. Außerdem ist Kompensieren ein Deal, bei dem die Natur draufzahlt. Denn Bodenversiegelung heißt, fruchtbare Erde luft- und wasserdicht abzudecken. Das führt zum Verlust aller physikalischen, chemischen und biologischen Bodenfunktionen und ist erstmal irreversibel. Boden ist ein komplexes Ökosystem, das aus Bakterien, Pilzen, Tieren, Wurzeln, Steinen, Erde und organischen Resten besteht. Er spielt eine zentrale Rolle im Naturhaushalt, vor allem für die Wasser- und Nährstoffkreisläufe. Der Mensch kann diesen Naturzustand nicht einfach wiederherstellen, er muss sich über Jahrhunderte wieder von selbst bilden. Ist es also sinnvoll, hier fruchtbare Erde unter Asphalt oder Zement zu begraben, für eine Wohnsiedlung, einen Straßenausbau oder einen Gewerbepark, und dort überbauten und verdichteten, also toten Boden, freizulegen? 

ATMO Wiese, Vögel, Insekten

SPRECHER

Natürlicher Boden wächst in unseren Breiten einen Millimeter pro Jahr. Das heißt: ein Meter Boden entsteht in etwa tausend Jahren. 

Der fruchtbare Mutterboden und der Unterboden eines Ackers sind also mehrere tausend Jahre alt.

ATMO Baustelle

SPRECHER drüber

Jeden Tag werden in Deutschland durchschnittlich 55 Hektar neu versiegelt. Es war aber mal schlimmer: Im Jahr 2000 waren es noch 129 Hektar pro Tag. Das zeigt, dass es ein Problembewusstsein gibt. ATMO 1 weg Bis 2030 sollen weniger als 30 Hektar am Tag neu in Anspruch genommen werden, und bis 2050 strebt die Bundesregierung in ihrer Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie sogar eine „Netto Null“-Versiegelung an. Die zugrunde liegende Erkenntnis lautet: Boden ist ein endliches Gut. Das heißt: Auch bei kompletter Entsiegelung, Sanierung und Wiederherstellung einiger Funktionen wird aus Boden, der von Asphalt und Beton „befreit“ ist, kein gesunder, fruchtbarer Boden. 

MUSIK 6: Fragile life – 1:17 Min

SPRECHER drüber

Der Naturzustand ist also kurz- und mittelfristig unerreichbar. Trotzdem ist Bodenentsiegelung sinnvoll und notwendig, denn eine der Bodenfunktionen, die physikalische, ist relativ schnell wieder hergestellt: Die Wasserbindung. Schwieriger wird es bei den chemischen Funktionen, der Speicherung von Nährstoffen zum Beispiel für gesundes Pflanzenwachstum. Die findet im Mutterboden statt, der nach der Entsiegelung schichtweise neu aufgetragen werden muss. 

MUSIK 2 hoch 

SPRECHER drüber

Bodenlebewesen schließlich, wie Regenwürmer, Tausendfüßler, Asseln oder Milben erfüllen enorm wichtige biologische Funktionen. Sie zersetzen Biomasse, also abgestorbenes organisches Material wie Laub oder tote Tiere. Dabei entstehen Nährstoffe für Pflanzen, die mit ihren mehr oder weniger tiefen Wurzeln den Boden durchlüften und auflockern. Viele Pflanzen dienen uns als Nahrung. Ohne lebendige Böden gäbe es also auch uns nicht. Sie sind wortwörtlich unsere Lebensgrundlage.  

Was muss sich ändern, damit mehr Boden freigelegt wird?

O-TON 7 Juliane Albrecht

Man braucht Entsiegelungskataster, dass man überhaupt erst einmal die Information auch hat, wo Flächen sind, die in Betracht kommen. Man braucht aber auch für die Behörden, von oben sage ich mal, eine Rückendeckung. Man braucht Vollzugshinweise. Ist natürlich, wenn man so diese Regelung anwendet und auch gar keine Rechtsprechung hat, keine Rechtssicherheit, dann fürchten Sie ja teilweise dann natürlich auch die Auseinandersetzung mit den Bürgern. Es kann zu Gerichtsverhandlungen kommen. Also da ist meines Erachtens wirklich so eine strategische Herangehensweise erforderlich.

SPRECHER  

Es fehlen eine Strategie und eine klare Rechtslage, das ist Juliane Albrechts Erkenntnis. Das Naturschutzgesetz aus den 1970er Jahren wird immer wieder überarbeitet, mit Handlungsempfehlungen und neuen Berechnungsschlüsseln zum Flächenausgleich. In Berlin beispielsweise soll der Abriss von mehrstöckigen Gebäuden als Ausgleichsmaßnahme besonders berücksichtigt werden, weil dabei große Lücken im Stadtbild entstehen, die die Luftzirkulation verbessern und also der Klimaanpassung dienen.    

MUSIK 7: Und was sagen die Freunde? – siehe vorn – 31 Sek 

SPRECHER drüber 

Im Koalitionspapier der Bundesregierung ist zumindest eine Handlungsabsicht verankert: Darin steht, dass das Bodenschutzrecht von 1999 angepasst werden soll, an die Artenvielfaltskrise und die Klimakrise. Und dass Entsiegelung einen neuen Stellenwert bekommen soll. Und im neuen Klimaanpassungsgesetz von November 2023 ist Entsiegelung Teil der Lösung: 

ZITATORIN

„Träger öffentlicher Aufgaben sollen darauf hinwirken, dass versiegelte Böden, deren Versiegelung dauerhaft nicht mehr für deren Nutzung notwendig ist, in den natürlichen Bodenfunktionen, soweit dies erforderlich und zumutbar ist, wiederhergestellt und entsiegelt werden.“ Beides kann man als Ergebnis des Forschungsberichts zum Entsiegelungspotenzial deutscher Böden werten. 

MUSIK 8: „Und was sagen die Freunde?“ – s.o. – 7 Sek

O-TON 8 Nadine Pannicke-Prochnow

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass seit der Veröffentlichung der Studie das Thema Entsiegelung schon mehr ins gesellschaftliche und auch ins politische Bewusstsein gerückt ist. Wir brauchen hier auch ein Umdenken. Es ist tatsächlich auch zu beobachten, dass sich zunehmend mehr Kommunen mit dem Thema beschäftigen und geeignete Flächen und Maßnahmen identifizieren, vor allem auch im Hinblick auf eine wassersensible Stadtentwicklung und zur Umsetzung des Schwammstadtprinzips, was ja auch viel wieder in Richtung Klimaanpassung leisten und beitragen kann. 

SPRECHER 

Nadine Pannicke-Prochnow (sprich: Pánnicke-Prochnoff) hat das Expertenteam geleitet, das im Auftrag des Bundesumweltamtes 2022 die Studie erstellt hat. Die Geo- und Agrarwissenschaftlerin arbeitet heute am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Die Arbeit war für sie ernüchternd und lehrreich, auch, weil das Thema erstmals so umfassend behandelt wurde: 

O-TON 9 Nadine Pannicke-Prochnow

Es war definitiv Neuland für mich. Ich habe festgestellt, dass die Flächen für Entsiegelungsmaßnahmen eben sehr knapp sind, also nur circa ein halbes bis ein Prozent der Flächen in unseren deutschen Städten können für Vollentsiegelungsmaßnahmen genutzt werden. Gerade weil diese Möglichkeiten eben wirklich sehr knapp sind, ist es umso wichtiger, diese wenigen Gelegenheiten dann eben auch zu nutzen. 

SPRECHER

Doch wie nutzt man die wenigen Flächen am besten? Zum Beispiel auch durch unspektakuläre Teilentsiegelung kleiner Flächen, auch auf dem eigenen Grundstück:

O-TON 10 Nadine Pannicke-Prochnow

Im Endeffekt sollten wir uns einfach bei jeder versiegelten Fläche fragen, ob die Versiegelung, so wie sie vorhanden ist, wirklich notwendig ist oder ob sie so umgestaltet werden kann, dass die Auswirkungen der Versiegelung reduziert werden. Wenn kleinere Teilflächen zum Beispiel in den Innenhöfen entsiegelt und bepflanzt werden oder der Belag ausgetauscht wird. Und teilweise sind eben Teilentsiegelungsmaßnahmen auch wirklich kostengünstiger, was das Ganze dann eben auch für private Flächen Eigentümerinnen und Eigentümer auch attraktiver macht. Also das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. 

Musik 9: Indetectable - 1:28 Min

SPRECHER drüber 

Boden im großen Stil freizulegen ist dagegen enorm aufwändig: Die Stadt Berlin empfiehlt beispielsweise Folgendes: Neue Erde muss entsprechend der natürlichen Bodenschichten aufgetragen werden. Das Bodenmaterial sollte nicht durcheinandergeraten und der Hauptbodenart vor Ort entsprechen. Das Ganze sollte bei trockener Witterung und in möglichst wenigen Schritten passieren, und vor allem nicht unter Einsatz schwerer Maschinen, die den Boden verdichten. Empfohlen werden Kettenfahrzeuge mit großer Lauffläche. Dann müssen Nährstoffe zugefügt und Pflanzen eingesetzt werden, die mit ihren Wurzeln den Boden festigen und durchlüften und organisches Material zum Humusaufbau liefern. Bei unterkellerten Gebäuden ist der Aufwand noch viel größer: Da überhaupt kein Boden mehr da ist, muss auf Kies und Stein meterhoch Erde aufgetragen werden, wenn dort wieder etwas leben und wachsen soll. Dazu kommt: Die Entsorgung der Baumaterialien – Beton, Ziegel, Mörtel, Fliesen, Glas, Holz, Metall, Gips und Dämmmaterialien – ist teurer, als ein Gebäude einfach stehen zu lassen. Und wer weiß schon, was unter der abgetragenen Fläche ist? Bauschutt, Unrat, Kies … im schlimmsten Fall: Altlasten.

O-TON 11 Nadine Pannicke-Prochnow

Gerade bei alten Gewerbe- und Industriestandorten haben wir teilweise Kontaminationen im Boden, die da teilweise noch schlummern. Also seien es eben Schwermetallrückstände oder Rückstände von Mineralölen, die irgendwo ausgelaufen sind und dort eben im Boden lagern. Dass das Ganze, dass diese Schadstoffe im Endeffekt ausgespült werden, im Grundwasser landen und sich dann dort eben auch großflächiger verteilen, das wollen wir natürlich verhindern. Also sprich, wenn wir die diese Sperrschicht für den Niederschlag entfernen, dann müssen wir eben auch mögliche Schadstoffe, die sich da im Boden befinden, mit entfernen.

SPRECHER

Sind die Flächen freigelegt, können sie mehrfach genutzt werden. Nadine Pannicke-Prochnow bietet kreative Lösungen an:

O-TON 12 Nadine Pannicke-Prochnow

Da gibt es zum Beispiel Möglichkeiten, dass man Sportflächen oder Freizeitflächen schafft, die dann aber im Fall von Starkregenereignissen auch als Flächen genutzt werden können, um eben diese Wassermassen erst einmal zwischenzuspeichern und aufzufangen. Oder inwiefern gibt es die Möglichkeit, dass wir diese Grünflächen in den Wohngebieten, die wir dort schaffen wollen, auch für eine regionale Produktion und Wertschöpfung nutzen können? Also sprich, inwiefern kann man hier die essbare Stadt zum Beispiel schaffen? Oder inwiefern können wir hier kleine Streuobstwiesen schaffen? Und für diese multifunktionalen Flächennutzungsansätze, denke ich, haben wir definitiv Luft nach oben.

SPRECHER 

Entsiegelung bringt Mehrwert. Aber sie ist keine Zauberlösung. Deswegen rät Nadine Pannicke-Prochnow zu einem ganz neuen Umgang mit dem „endlichen Gut“ Boden: 

O-TON 13 Nadine Pannicke-Prochnow

Also langfristig ist es hier schlauer, eine Flächenkreislaufwirtschaft zu etablieren, also das heißt vorhandene Flächen und Gebäude so lange und so oft wieder zu nutzen, wie es geht. In vielen Fällen bedeutet das ein Umbauen oder Umgestalten von Gebäuden und Flächen, um sie den neuen Anforderungen anzupassen. Unterm Strich ist es also ökologisch und volkswirtschaftlich nachhaltiger, den vorhandenen Bestand an gebauter Umwelt so gut wie möglich weiter und wieder zu nutzen. Das spart nicht nur Ressourcen und Kosten für die Gesellschaft, sondern reduziert eben auch die Notwendigkeit für neue Flächeninanspruchnahmen und neue Versiegelungen.

Musik 10: Fragile life – siehe oben – 22 Sek

SPRECHER 

Boden ist Lebensgrundlage. Er leistet zentrale Dienste im Naturhaushalt. Er ist ein komplexes Gefüge, das leicht zerstört werden kann. Und Boden ist erschöpflich und definitiv kein Konsumgut. 

O-TON 14 Nadine Pannicke-Prochnow

Wir sollten besser mit dem auskommen und haushalten, was wir bereits haben, anstatt immer wieder neu zu beanspruchen, und auf der anderen Seite gleichzeitig gebrauchte Gebäude ungenutzt verfallen zu lassen und dann am Ende zu entsorgen.

MUSIK 11: Indetectable – siehe oben – 52 Sek

SPRECHER drüber 

Die ideale Zukunftsstadt ist also einerseits grüner und offener, zugleich werden bestehende Gebäude intensiver genutzt, um den Verbrauch von fruchtbarem Boden im Umland zu vermeiden. Was fehlt, sind eine Strategie und eine klare Rechtslage, die den Weg dahin weisen und erleichtern. Und ein Umdenken, das die Erkenntnis bringt, dass Boden ein endliches Gut ist, dessen Naturzustand durch Verbauung verloren geht. Entsiegelung ist wichtig, aber sie löst nicht alle Probleme. Den Schaden, den Versiegelung anrichtet, kann sie nur zum Teil und unter großem Aufwand beheben.


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Ein sehr großes Motiv ist auch der Umgang mit Problemen. Das können Schmerzen sein, belastende Gefühle, zum Beispiel nach Trennung oder auch körperliche Erkrankungen, die mit Beschwerden einhergehen. Und dann haben Sie den ganz großen Bereich der spirituellen Zielsetzungen, wo es um spirituelle Erfahrungen geht, mystische Erfahrungen bis hin zu Befreiungen, sehr tiefer Selbsterkenntnis in der Meditation. Also von Entspannung bis Erleuchtung haben Sie sozusagen ein Spektrum von Motiven, warum Menschen anfangen zu meditieren. SPRECHERIN Wie Meditation auf Körper und Gehirn wirkt, ist unabhängig von der Art der Praxis. Ulrich Ott erklärt diesen überraschenden Fakt so: ZSP 7 Ott: Die Aufmerksamkeit nach innen wenden Also was Sie beschreiben können, ist, dass wir normal im Alltag ja sehr geschäftig sind und mit vielen Dingen aus der Außenwelt uns beschäftigen und in der Meditation wenden sie ja die Aufmerksamkeit nach innen. und nehmen erst mal unseren Körper wahr. Der hat sehr viele wichtige Quellen von Emotionen, von Gefühlen, von unserem Seinsgefühl. Und damit nehmen Sie Kontakt auf. Also vieles, was unbewusst ist, was unterhalb einer Wahrnehmungsschwelle ist im Alltag, was aber die ganze Zeit da ist. Sie atmen ja die ganze Zeit. Ihr Herz schlägt die ganze Zeit. Sie haben ein Gefühl, wie es Ihnen geht im Bauch, ein Bauchgefühl. Zu diesen Quellen finden Sie einen Zugang. Und da sind eben nicht nur körperliche Empfindungen, sondern auch viele tiefe Gefühle zu Hause. Zum Beispiel eine Wut im Bauch oder eine alte Trauer oder eine Verletzung im Herzen. Und die werden dann wieder wahrnehmbar. SPRECHERIN Und das ist ja auch so gewollt in der Praxis der Meditation: Die bewusste Beschäftigung mit sich selbst, raus aus dem Alltag. Dabei kann schon bewusstes Atmen ausreichen, um eine Brücke zu bilden zwischen Bewussten und Unbewussten. Und diese Brücke führt dann hinter die Verdrängungsschranke - also hinter diese Barriere, die im Alltag dafür sorgt, dass Dinge häufig im Unbewussten bleiben. Was dort wohnt, kann dann auftauchen. ZSP 8 Hofmann: Ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit Das können Bilder sein, das können Gefühlszustände sein, Impressionen sein. Die können aus ganz frühen Zeiten kommen oder aus aktuellen Situationen heraus entstehen. Und manchmal ist das bekannt und man hat einen Bezug dazu. Aber manchmal tauchen da auch Gefühle und Eindrücke auf, wo man gar nicht weiß, wo kommt das eigentlich her. Das kann ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit. SPRECHERIN Für manche Menschen ist das nicht überraschend, sie kennen diese Wirkung von Meditation. Andere Menschen sind irritiert, wenn solche Bilder, Gefühle und Gedanken auftauchen und für sie ist es nicht einfach, damit umzugehen. Laut einer Untersuchung einer Arbeitsgruppe, an der auch Forschenden der Charité Berlin beteiligt waren, haben 22% der Meditierenden schon mindestens eine unangenehme Erfahrung erlebt beim Meditieren. 13% berichten sogar von einem negativen oder schädlichen Effekt, sie waren gesundheitlich beeinträchtigt oder brauchten Unterstützung. Welche Erfahrungen als unangenehm wahrgenommen werden, ist höchst individuell. Ulrich Ott: ZSP 9 Ott: sensorische Deprivation - innere Bilder dass Sie merken, da sind ungewöhnliche Empfindungen im Körper, vielleicht auch energetische Empfindung, das wird sehr oft berichtet, dass man irgendwo Energieströme oder Wirbel im Körper spürt, das ist am Anfang so. Es kann auch sein, dass sie mit geschlossenen Augen Lichterfahrungen haben, dass die Farben sehen. Das ist zum Teil einfach eine Wirkung der sensorischen Deprivation, das heißt dieses Rückzugs der Sinne aus der Außenwelt. Ja, dann sinken die Reizschwellen fürs Feuern im Gehirn und dann kann sein, dass sehr viel spontane innere Bilder auftauchen. SPRECHERIN Meditierende wollen bewusst die äußeren Reize, die Hektik, die Informationsflut, den Alltagsstress reduzieren und praktizieren in der Regel auch in einer ruhigen, geräuscharmen Umgebung möglichst ohne Störungen - das ist die Sensorische Deprivation. Das Gehirn hat dann weniger Input von außen – und beginnt, die inneren Wahrnehmungen hochzufahren. Körperempfindungen werden intensiver, z.B. nimmt man den Atem lauter wahr oder der Herzschlag wird spürbarer. Gedanken und Emotionen drängen sich deutlicher auf. Diese erhöhte Empfindsamkeit ist ein Zeichen der gesteigerten Wahrnehmung und ein natürlicher Effekt davon, dass die Aufmerksamkeit fokussiert wird. Das Nervensystem nimmt jetzt auch schwache Reize viel schärfer wahr. ZSP 10 Hofmann: Hypersensibilität Und das wird so stark, dass die Leute dann sagen, ich kriege viel mehr mit von meinen eigenen Zuständen und die sind zuweilen schwer zu ertragen. Oder ich bin auch empathischer geworden. Ich kriege mehr mit von den Stimmungen von anderen Menschen. Und das wirkt dann auf Dauer überwältigend. SPRECHERIN Hypersensibilität nennt das die Wissenschaft. Liane Hofmann und Ulrich Ott berichten, dass diese Nebenwirkung häufig beschrieben wird von den Anrufern in ihrer Beratungsstelle in Freiburg. Am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene beraten sie Menschen bei spirituellen und meditationsinduzierten Krisen. Viele beschreiben, dass sie ein gesteigertes Mitgefühl erleben, Stimmungen stärker wahrnehmen, als ständen ihre Antennen permanent auf Empfang. Also: Innere Bilder und alte Gefühle, die auftauchen, das bewusste Wahrnehmen von sonst normalen oder automatischen Prozessen im Körper und Hypersensibilität sind Wirkungen von Meditation, die irritieren und herausfordern können. Aber es gibt auch noch tiefergehende Krisen, die bei intensiver Praxis auftreten können. ZSP 11 Ott: Depersonalisation dann kann es auch dazu kommen, dass Sie so Ihre alten Rollen, Verständnisse und Denken, was Sie immer dachten, wer Sie sind und wie Sie sind, dass das hinterfragt wird. dass sie sich gar nicht mehr mit ihrem alten Ich identifizieren können, wie sie das bisher getan haben. Also, dass es eine tiefe Hinterfragung ihres bisherigen Weltbildes gibt. Und das kann eine Erschütterung sein, eine existenzielle Krise auslösen oder auch, dass die Umwelt nicht mehr so vertraut ihnen vorkommt und sie sich so ein bisschen fühlen wie in der Matrix und denken, da gibt es irgendwie noch was anderes, aber sie haben noch nicht so richtig ... Das integriert in ihr neues Weltbild. SPRECHERIN Ein derartiger “spiritueller Durchbruch” in der Meditation ist ein Moment tiefster innerer Erkenntnis oder Erfahrung, in dem sich das gewohnte Selbstgefühl auflöst oder erweitert. Etwas, dass viele Meditierende erreichen wollen, die auf der Suche nach der Erleuchtung sind. ZSP 12 Ott: spirituelle Durchbrüche Also diese Übergangsphasen, diese Durchbrüche in spirituelle Erfahrungsbereiche, das können halt auch manchmal Zusammenbrüchen sein. Man kommt da mit Bereichen in Berührung, wo man nicht so richtig weiß, wie man damit umgehen kann, weil das so neu und unbekannt ist. SPRECHERIN Der Moment des Durchbruchs kann also bei manchen Menschen auch Überwältigung auslösen, wenn sie nicht damit gerechnet haben. In einem Forum auf der Plattform Reddit beschreibt ein User seine Erfahrungen damit so: ZITATOR Damals gab es in der App einen Einführungskurs, in dem man jeden Tag nach und nach neue Techniken erlernte. Während ich diese Techniken anwendete, begann ich einige seltsame Empfindungen zu entwickeln. Das Schlimmste, was dabei herauskam, war, als ich zu den Abschnitten kam, die einen zum Nachdenken über Fragen wie „Wer ist derjenige, der denkt“, „Was ist die Quelle Ihres Bewusstseins“ usw. anregen. Diese Fragen haben in mir das Gefühl ausgelöst, dass mein Gehirn schmilzt oder explodiert. Ich hatte das Gefühl, dass alles ein erfundenes Konstrukt ist und keine eigentliche Bedeutung hat. Ich wurde zum Zuschauer des Lebens und lebte nicht mehr. SPRECHERIN Dass Menschen sich mit ihren Meditationserfahrungen allein und erschüttert fühlen, liegt auch oft daran, dass die Praxis aus ihrem religiösen Kontext herausgelöst wurde. In den Religionen geht es auch immer um ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Um jemanden, der einen begleitet und anleitet, erklärt Michael von Brück. ZSP 13 von Brück: Man braucht einen Spiegel Das ist in allen Religionen wesentlich. Schauen Sie, im Christentum, nicht wahr, da haben wir ja zum Beispiel also den Beichtvater, im Buddhismus den spirituellen Freund, wie man das nennt, Kalyana Mitra ist der Begriff, eine Begleitung. Man braucht sozusagen auch einen Spiegel, in den man schauen kann. SPRECHERIN Darüber hinaus gehört zu einer Religionsausübung noch viel mehr, zum Beispiel: eine bestimmte Lebensführung, ethisch-moralische Richtlinien, die eine bestimmte innere Haltung und Geisteshaltungen fördern. Sodass ein ganzheitlicher Kontext entsteht, zu dem auch ein weiteres wichtiges Element gehört: Die Einbettung in die Gemeinschaft. ZSP 14 Hofmann: Meditation rausgelöst wir heute hier in der westlichen Gesellschaft haben ein Element von dem ganzen Paket rausgenommen, nämlich die Praxis, dann die Meditation. SPRECHERIN Sei es das Atmen, das Stillsitzen, das Mantrensingen, das Schweigen – in welcher Form auch immer – einen Teil haben wir rausgelöst, der religiös-spirituelle Unterbau fehlt in der modernen Anwendungsweise häufig. ZSP 15 Hofmann: Meditation allein die Leute ... meditieren neben ihrem Alltag, neben ihrem beruflichen Stress, neben ihren familiären Anforderungen. Also es ist oft sehr dicht getaktet und gar keine Muse oder Raum oder oftmals auch keine Verbindung mit der Community, mit einer Gemeinschaft, die mitpraktiziert, was auch ein sehr wichtiger Faktor ist für die Stabilität und den gemeinsamen Prozess. SPRECHERIN Häufig haben Meditierende, die sich bei Liane Hofmann und Ulrich Ott Hilfe in der Beratungsstelle suchen, intensiv allein zu Hause ohne Einbindung in eine Gemeinschaft mit Online-Angeboten und Apps meditiert. Und: ZSP 16 Ott: Risikofaktor allein in Fernost Es ist nicht nur alleine zu Hause. Wir haben auch immer wieder Fälle von Leuten, die sozusagen in andere Kulturen eintauchen, zum Beispiel in Fernasien, im Fernosten, und dort dann einen Kurs buchen im Kloster. Die sind ja für Westler inzwischen offen, aber dann ist eine Sprachbarriere da und sie haben oft nicht den ganzen kulturellen Hintergrund, in den diese Praxis eingebettet ist. Praktizieren aber sehr intensiv, also viele Stunden am Tag, oft im Schweigen. Und da haben wir die Erfahrung gemacht, dass das auch ein Risikofaktor ist, wenn Sie quasi alleine unterwegs sind auf Weltreise und dann so einen ganz intensiven Psychenprozess machen, ohne irgendeine Möglichkeit zu haben, sich auszutauschen. Also das ist auf jeden Fall auch so ein Aspekt von Dekontextualisierung, der da ein Risikofaktor darstellt. SPRECHERIN Ein Retreat ist kein Wellnessurlaub, das unterschätzen viele. Denn die Beschäftigung mit sich selbst ist nicht gleichbedeutend mit Erholung. Auch wer sonst kurze Meditationseinheiten im Alltag praktiziert, kann nach einer intensiven Woche überwältigt sein. Wenn Menschen sich in der Beratungsstelle bei Ulrich Ott und Liane Hofmann melden, geht es zunächst darum, den Kontext zu bieten, der oft in der Praxis – allein zu Hause oder nach einem intensivem Retreat – fehlt. Und das Ganze erstmal zu normalisieren. ZSP 17 Ott: Beruhigung weil die Betroffenen, die Ratsuchenden denken, sie sind die Einzigen, denen das passiert ist. Und ihnen dann zu sagen, das haben wir schon öfter gehört, das ist gar nicht so ungewöhnlich, das beruhigt schon ein bisschen, dass sie das Gefühl haben, sie sprechen mit jemanden, der das schon oft gehört hat, der das einordnen kann, das eine große Beruhigung. Ja, und wenn man das dann erklärt und andere Modifikationen zum Beispiel vorschlägt, eine Reduktion der Praxis oder eine andere Praxis, dann können die Leute trotzdem das, was sie gewinnen durch die Meditation, weiter beibehalten. Das hat ja auch für sie oft einen Wert. SPRECHERIN In anderen Fällen reicht das aber nicht aus. ZSP 18 Hofmann: Depression Oftmals stellt sich bei so einem Gespräch auch heraus, dass die Vorstellung irgendwie die falschen war, dass jemand eigentlich Meditation anfängt, um seine Depression oder seine Angstzustände besser in den Griff zu kriegen. Und es reicht aber einfach nicht aus. Also da wäre vielleicht dann besser bei einer Psychotherapie besser beraten. Und da raten wir dann auch zur Aufnahme von der Psychotherapie. SPRECHERIN Manchmal wird hier aber der Mangel an anderer Stelle deutlich: Psychotherapieplätze sind in Deutschland rar und mit langen Wartezeiten verbunden. Manche Menschen versuchen sich dann zunächst selbst zu helfen, weil sie von guten Effekten der Meditation bei Depressionen und ähnlichem gehört und gelesen haben. Doch unbegleitet kann das das Gegenteil bewirken. MUSIK SPRECHERIN Ein einfacher Rat für Menschen, die mit Meditation anfangen, ist daher ähnlich, wie der, den man jemanden geben würde, der mit Fitnessübungen oder Fasten anfängt: nicht einfach loslegen, sondern sich zunächst darüber informieren. Nicht jede Praxis ist auch für jeden geeignet. Vorsicht walten lassen vor überzogenen Versprechungen der Werbung im Netz und von Influencern auf Social Media. Ulrich Ott sagt, dass zum Beispiel viele Krankenkassen gute Angebote hätten mit zertifizierten Kursen und geprüften Lehrpersonen. Gute Angebote erkennt man auch daran, dass nicht sofort das teure Retreat verkauft wird, sondern zum Beispiel auch Erfahrungen und Vorprägungen abgefragt werden und zunächst zu kürzeren Kursen geraten wird. Gerade eine intensive, mehrtägige Praxis, ohne dass man viel Vorerfahrung hat, kann ein Risikofaktor für Krisen sein. MUSIK SPRECHERIN Liane Hofmann und Ulrich Ott versuchen ihr Wissen um meditationsinduzierte Krisen auch weiterzugeben und in die Breite der Psychotherapie zu bringen. Denn nicht jeder Mediziner oder Psychotherapeut weiß um die beschriebenen Nebenwirkungen von Meditation, wenn ein Patient oder eine Patientin Hilfe sucht. Durch Information, Prävention und Aufklärung lassen sich dann vor allem auch die positiven Effekte von Meditation besser genießen. ZSP 19 von Brück: Gemeinschaft in Zen wenn wir Zen praktizieren, dann ist das eine Woche im Schweigen. Da wird nicht miteinander geredet. Wir sitzen stundenlang, machen unsere Yoga-Praxis selbstverständlich, weil das auch sehr schön ist, sich dann ganz konzentriert zu bewegen. Das ist ja ein Genuss, das gehört unbedingt dazu. So, wir sitzen nebeneinander, 20, 25, 30 Leute und schweigen. Es entsteht nicht gleich nach einer Stunde, sondern aber eben nach ein, zwei, drei, vier Tagen eine Tiefe von Gemeinschaft und Gemeinschaftsgefühl, was jedes geschwätzige Zusammensein hinter sich lässt. Und das schafft eine Sicherheit, eine Tiefe, ja, ich möchte sagen Verwurzelung, die ich gar nicht benennen muss, die aber mein Lebensgefühl so richtig gut zum Ausdruck bringt. Also gerade in dem Schweigen, in der scheinbaren Einsamkeit, entsteht eine Tiefe von Gemeinschaft, die wir im Alltag längst verloren haben. Und das kann natürlich Apps oder sowas überhaupt nicht ersetzen.

  • Indigene in Südamerika: "Wir sind seit 500 Jahren im Widerstand"

    18.06.2025 · 23 Min.

    Mit der Konquista Südamerikas begann auch die Geschichte des indigenen Widerstands. Doch die Ausgangspositionen und die Strategien konnten unterschiedlicher nicht sein. Zuerst gegen Besetzung, Sklaverei und Zwangsarbeit in den Minen. Heute gegen Landraub, Extraktivismus und manchmal ums pure Überleben. Autorin: Ulrike Prinz (BR 2025) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Prinz Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Thomas Birnstiel, Silke v. Walkhoff, Peter Veit Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Thomas Morawetz Eine besondere Empfehlung der Redaktion: Atahualpa - Der letzte König der Inka Das Gold der Inka weckte die Gier der spanischen Konquistadoren. Der Inkakönig Atahualpa konnte sich zunächst nicht vorstellen, wozu die Eindringlinge in sein Reich fähig waren. Von Frank Halbach Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER: Die Jahre der Präsidentschaft des rechtsextremen Jaír Bolsonaro von 2019 bis 2023 waren für Brasiliens Indigene harte Zeiten: Er erkannte keinen Zentimeter der Territorien an, die ihnen rechtlich zustehen und der Umweltminister nutzte die Gunst der Stunde der Corona-Pandemie, um die Vorschriften zu lockern und den Regenwald weiter abzuholzen. Während der Corona-Pandemie wurden den Indigenen Hilfsmittel und Krankentransporte verweigert und die Behörde, die eigentlich zu ihrem Schutz eingerichtet worden war, besetzte Bolsonaro mit einem Evangelikalen Missionar. Der wollte die in „freiwilliger Isolation“ lebenden Völker während der Pandemie kontaktieren. Was aufgrund fehlender Antikörper ihren sicheren Tod bedeutet hätte. In letzter Minute schritt das Bundesgericht ein und schützte ihr Leben. MUSIK 1 "Toyos" ERZÄHLER: Dennoch betrachten die Indigenen das Mandat Bolsonaros nur als eine weitere Etappe in ihrem Widerstandskampf, den sie seit über 500 Jahren führen. MUSIK 2 "Who is Riley" - Aporia (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführender: H. Scott Salinas - Länge: 0'43 ERZÄHLER: Im Jahr 1542 befand sich eine Brigantine auf dem Rio Marañón flussabwärts. Sie war bemannt mit 57 Soldaten, bewaffnet mit Armbrüsten und Schießpulver. Sie stand unter Befehl von Francisco Orellana, der einen befahrbaren Weg zur Amazonasmündung suchte. Doch dafür brauchte er Proviant. Um ihren Hunger zu stillen, überfielen seine Männer die am Ufer liegenden Dörfer. Und während sich die Indigenen „in Luft auflösten“, versorgten sich die sogenannten „Entdecker“ mit Maniokbrot und allen Nahrungsmitteln, derer sie habhaft werden konnten. MUSIK 3 "The Hunters" - Album: The Last of Us Original Score - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'30 ERZÄHLER: Doch je breiter der Fluss wurde, umso größer wurden die Siedlungen der Indigenen, und sie begannen sich zu wehren. Etwa zwischen den Zuflüssen des Río Madeira und des Rio Tapajóz waren die Angriffe so stark, dass der Chronist der Reise, der Dominikanerpriester Gaspard de Carvajal, sich das nur durch die Autorität von „Amazonen“ erklären konnte. Am 24. Juni 1542 notiert Carvajal in seinem Bordtagebuch: Musik 4 "Heaven #5 (Dost Thou Not Fear God)" - Album: The Phoenician Scheme (Original Score) - Komponist: Alexandre Desplat ZITATOR: „Ich möchte, dass Sie wissen, warum sich diese Indianer so sehr verteidigten. Sie sind nämlich Untergebene und Tributpflichtige der Amazonen, und nachdem sie von unserer Ankunft erfahren hatten, baten sie diese um Unterstützung und es kamen 10 oder 12, die wir sahen, sie kämpften allen voran als Anführerinnen so tapfer, dass die Indianer es nicht wagten, sich zur Flucht zu wenden; und jeden, der davonlaufen wollte, töteten sie vor unseren Augen mit Keulen.“ ERZÄHLER: Die Frauen hätten so viel Ärger gemacht wie zehn Männer, behauptet Carvajal. Eine von ihnen hätte eine Handvoll Pfeile in eine der Brigantinen geschossen, dass sie wie ein Stachelschwein aussah. Ob diese „Amazonen“, nach denen der größte Fluss der Erde benannt ist, tatsächlich existierten, weiß man nicht genau. Aber dass auch Frauen gegen die Kolonisatoren kämpften, war für die Historiker am spanischen Hof keine Neuheit. MUSIK 5 "Toyos" ERZÄHLERIN: Die Geschichte der Indigenen Südamerikas lässt sich als eine lange Abfolge unterschiedlicher Formen des Widerstands beschreiben. Denn die Reaktionen auf die „Eroberung“ waren ebenso vielfältig, wie die Kontaktsituationen selbst. Während die spanischen Eroberer und Kolonisatoren mit roher Gewalt vorgingen, fiel die Antwort der Indigenen unterschiedlich aus. Wenn sie konnten, zogen sie sich in unzugängliche Gebiete zurück oder organisierten bewaffneten Widerstand. Manche verbündeten sich mit den Eindringlingen, um ihre traditionellen Erzfeinde loszuwerden. Und manche versuchten, Handel zu treiben. Das Erstaunliche war, dass die Unterwerfung der großen amerikanischen Imperien der Maya in Mexiko und der Inka in Peru, vergleichsweise glatt über die Bühne gingen. Obwohl es auch dort Widerstand gegen die Eindringlinge gab. Musik 6 "Inca Gold" aus: "Ethnic" ERZÄHLER: Gut dokumentiert ist die Geschichte des Aufstandes von Túpac Amaru, des letzten Inka-Herrschers im Jahr 1572. Sie endet blutig und traumatisch für die Hinterbliebenen und schrieb sich tief ins kollektive Gedächtnis der Andenbevölkerung ein. Vierzig Jahre zuvor (1532) war das riesige Inka-Reich durch Francisco Pizarro und seine kleine Streitmacht von etwa 170 Männern eingenommen worden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erstreckte es sich mehr als 4.000 Kilometer entlang der Andenkette – vom heutigen Ecuador bis nach Chile und Argentinien. In der Mitte thronte die heilige Stadt Cuzco. Bis zur Ankunft der Spanier war dies der „Nabel der Welt“. Hier herrschte der „Sapa Inka“, der göttliche Sohn der Sonne. Über 10 Millionen Menschen waren ihm untertan und leisteten den Arbeitsdienst „Mita“, zur Unterstützung des Imperiums. Francisco Pizarro, der uneheliche Sohn eines Infanteristen aus dem dunklen Trujillo in der ärmlichen Extremadura, hatte sich bereits mit gewalttätigen Eroberungen einen Namen gemacht. Nun wollte er das Goldland der Inka unterwerfen. Pizarro traf auf ein Land, das sich im Bürgerkrieg befand. Der herrschende Inca Huayna Capac war an Pocken gestorben. Und im Streit um die Thronnachfolge, war ein Krieg zwischen seinen Söhnen Atahualpa und Huáscar ausgebrochen, den Atahualpa gewann. Pizarro wusste diese Situation für sich zu nutzen. Er verbündete sich mit den Adligen, die mit der Herrschaft Atahualpas unzufrieden waren und lockte ihn in einen Hinterhalt. Um das Leben des Inkas zu schonen, forderte Pizarro Lösegeld. Ein ganzer Raum wurde bis zur Decke mit Gold gefüllt und zwei weitere mit Silber. Trotzdem ließ er den Inka-König mit einem Würgeholz erdrosseln. Damit fiel das gesamte Inkareich unter spanische Herrschaft. Nach der Hinrichtung Atahualpas setzte Pizarro den „Marionetten-Inka“ Manco Inca Yupanqui ein, um das Volk zu beruhigen. Auch er war ein Sohn von Huayna Cápac und damit ein legitimer Prinz des Inkareichs. Anfangs spielte Manco Inca das Spiel mit. Doch drei Jahre nach der Ermordung seines Bruders, 1536, erkannte er die Manipulation Pizarros. Mit Zehntausenden Kriegern rannte er gegen Cusco an. Fast ein ganzes Jahr belagerte er die Hauptstadt des Inka-Reiches. Doch er konnte die Spanier nicht vertreiben. Also zog er sich in die unzugängliche Andenkordilleren von Vilcabamba zurück und errichtete dort sein eigenes Reich. Von hier aus dirigierte er Guerillaangriffe gegen die Spanier. Mit Zehntausenden Kriegern rannte er gegen Cusco an. Fast ein ganzes Jahr belagerte er die Hauptstadt des Inka-Reiches. Doch er konnte die Spanier nicht vertreiben. Also zog er sich in die unzugängliche Andenkordilleren von Vilcabamba zurück und errichtete dort sein eigenes Reich. Von hier aus dirigierte er Guerillaangriffe gegen die Spanier. Musik 7 "Toyos" ERZÄHLER: 36 Jahre hielt sich der Widerstand in Vilcabamba. Und als Manco Capac von schutzsuchenden Spaniern in seiner Festung ermordet wurde, folgte ihm der letzte Inkaherrscher Tupac Amaru. Er intensivierte die Angriffe auf die Kolonisatoren und machte sich den Ruf eines geschickten Guerilleros. MUSIK 8 "The Hunters" - Album: The Last of Us Original Score - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'29 ERZÄHLER: Zwei Jahre später, im April 1572, erklärte die spanische Krone ihm offiziell den Krieg. Sie schickte eine Strafexpedition unter Martín García de Loyola in das Widerstandsnest. Zunächst schien es, als könne Tupac Amaru mit seinen 500 Inkakriegern die Spanier schlagen. Der Chronist Fray Martín de Murua schreibt in seiner "Historia General del Piru" (1613): MUSIK 9 "Heaven #5 (Dost Thou Not Fear God)" - Album: The Phoenician Scheme (Original Score) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'35 ZITATOR: „Sie schlugen sich mit so großer Hartnäckigkeit und Martín García de Loyola, sah sich in höchster Todesgefahr, denn während er kämpfte, erschien ein Riese von einem Indianer, der ihn so umschlang, dass er sich nicht mehr rühren konnte, doch da kam ihm ein befreundeter Indianer zur Hilfe, Curillo, einer der Unseren, der ihm mit dem Säbel einen Stich in die Beine versetzte, so dass es ihn umwarf und einen weiteren in die Schulter, sodass der Riese tot niedersank und jener seinem Anführer Martín García de Loyola das Leben retten konnte.“ ERZÄHLER: Während die Spanier die Inkaresidenz in Vilcabamba verwüsteten, flüchtete Túpac Amaru ins amazonische Tiefland. Doch in Begleitung seiner hochschwangeren Frau kam er nicht schnell genug voran. Er wurde gefasst und in goldenen Ketten nach Cuzco geführt. Obgleich García de Loyola versprochen hatte, sein Leben zu schonen, wenn er sich ergäbe, wurde der letzte Inkaherrscher Túpac Amaru 1572 auf dem Hauptplatz von Cuzco hingerichtet. Fray Martín de Murúa schildert, wie Túpac Amaru das Schafott erstieg: MUSIK 10 "Procesion" - Album: The Motorcycle Diaries - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'51 ZITATOR: “Da verstummten die Himmel und hallten wider mit ihren Schreien und ihrem Wehklagen; Während der auf dem Schafott stand, der Masse zu schweigen befahl; wozu der arme Túpac Amaru die Hände erhob und einmal klatschte, woraufhin alle Menschen verstummten und nicht eine einzige Stimme mehr zu hören war, was ein offensichtliches Indiz und Zeichen für den Gehorsam, die Furcht und den Respekt war, den die Indios vor ihren Herren und Herrschern hatten.“ ERZÄHLER: In diese schaurige Stille hinein hielt Túpac eine Rede. Mehrere Geistliche flehten den Vizekönig an, Túpac zu verschonen und ihn in Spanien vor Gericht zu stellen … Doch Toledo blieb hart. MUSIK 11 "Los golpes" Album: Pedro Páramo (Banda Sonora De La Serie De Netflix) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'30 ZITATOR: „Er legte sein Haupt auf den Block. Der Scharfrichter griff ihm ins Haar und mit einem einzigen Schlag trennte er den Kopf vom Rumpf und hielt ihn in die Höhe. Da läuteten alle Glocken der Stadt und großer Kummer und Leid kamen über alle Anwesenden.“ ERZÄHLER: Es war das endgültige Ende des Inkareichs. ERZÄHLERIN: Doch wie konnte sich eine Hand voll Konquistadoren gegen zehntausende Indigene durchsetzen? Der Widerstand der Inka gegen die spanische Eroberung von 1532 bis 1572 war zwar intensiv, aber so sehr Schießpulver, Eisen und Pferde den Spaniern auch halfen, so sehr Epidemien ihnen den Weg ebneten, so sehr Feindschaften zwischen Völkern wichtige Verbündete schufen, der Hauptverbündete der Kolonisatoren waren die indigenen Imperien selbst. Die Inka, das am besten strukturierte Volk Amerikas, brach mit einem einzigen Schlag zusammen, als Pizarros Männer es enthaupteten. Selbst kritische Stimmen, wie die des indigenen Chronisten Guamán Poma, waren davon überzeugt, dass die Macht den Aristokraten gebührt – ob Inkas oder Spanier. Er beklagte, dass in den Kolonien Menschen mit niedrigem Status an der Macht waren. Gegen den Imperator selbst hatte er nichts einzuwenden. Ganz anders war das bei den unabhängigen indigenen Gruppen. Sie leisteten entschlosseneren Widerstand. ERZÄHLER: Zum Beispiel die Chiriguanos: ein kriegerisches Volk, das in den östlichen Andenregionen des heutigen Bolivien, Argentinien und Paraguay lebte. Im Handumdrehen hatten sie sich in ein wildes Reitervolk verwandelt, schmiedeten Eisenwaffen und überfielen spanische Siedlungen. Allerdings taten sie das auch mit ihren friedlichen Nachbarn, mit den Chanés, die sie zu verspeisen pflegten. Das Fleisch der Spanier hingegen verschmähten sie. Es war ihrer Meinung nach „ungesund“. Später verkauften sie ihre Gefangenen als Sklaven an die Spanier und wurden so Teil des kolonialen Kreislaufs. Erst im 19. Jahrhundert wurden sie von der bolivianischen Armee geschlagen. Sie verloren ihre politische Autonomie, die sie bis dahin eisern verteidigt hatten. Musik 12 "Inca Gold" aus: "Ethnic" ERZÄHLER: Nachdem Franzisco Pizarro 1542 das Vizekönigreich „Piru“ installiert hatte, das fast ganz Südamerika und Teile Nordamerikas umfasste, wies die spanische Krone den Eroberern riesige Ländereien zu. Alle darauf lebenden Indigenen gehörten automatisch dazu. Peru wurde das wirtschaftliche Zentrum der spanischen Kolonien in Südamerika. Es beutete die Silberminen von Potosí im heutigen Bolivien aus. Die Indigenen wurden zu unbezahltem Dienst gezwungen und in den Minen zu Tode geschunden. Immer wieder kam es zu lokalen Aufständen. Einer, der sich gegen das koloniale System auflehnte, war José Gabriel Condorcanqui. Condorcanqui war ein wohlhabender Mestize mit inkaischem Blut. Seine Großmutter war Tupac Amarus Tochter gewesen. Und nach diesem letzten Inka-Herrscher, Tupac Amaru, sollte er sich nennen. Condorcanqui war in einem Franziskaner-Kolleg ausgebildet und versuchte zunächst mit juristischen Mitteln gegen die hohen Steuern und die Zwangsarbeit vorzugehen. Doch alle seine Eingaben in Cuzco und am Hof in Lima scheiterten. Hinzu kam, dass in Tupacs Heimatbezirk ein ungeschlachter, arroganter und geiziger Mann die Steuern eintrieb: Antonio de Arriaga. Er mißhandelte die Indigenen und Tupac hatte ihn wegen Autoritätsmissbrauch und Veruntreuung von Steuergeldern verklagt – doch, wie immer – ohne Erfolg. Am 16.November 1780 proklamierte Tupac Amaru II seinen berühmten „Freiheitserlass“, in dem er die Abschaffung der Sklaverei und der Zwangsarbeit forderte. Zwei Tage darauf ließ er den spanischen Steuereintreiber Antonio de Arriaga verhaften und öffentlich hinrichten. Sofort hatte er eine große Gefolgschaft aus Indigenen, afrikanisch-stämmigen Sklaven und Mestizen hinter sich. Doch am 6. April 1781 setzten die spanischen Truppen Túpac und seine Verbündeten fest. Und als ob der Name mit dem Schicksal untrennbar verbunden war, sollte 200 Jahre später auch Túpac Amaru II., auf dem Platz der Tränen von Cuzco, öffentlich hingerichtet werden. ERZÄHLERIN: Doch die Ideen von Túpac Amaru II waren unsterblich. Sie gehörten weltweit zu den fortschrittlichsten. Er war der Erste, der die Abschaffung der Sklaverei forderte. Noch bevor sich die Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar und San Martín oder Abraham Lincoln dafür einsetzten. Bis sie tatsächlich abgeschafft wurde, sollten noch 157 Jahre vergehen. Hatte Tupac Amaru I gegen die Kolonisatoren gekämpft, so wollte sein Wiedergänger die spanische Krone nicht stürzen. Er hatte nur versucht, die gröbsten Ungerechtigkeiten im Vizekönigtum zu beseitigen. Musik 13 "Altura novada y sol" ERZÄHLERIN: Als das spanische und portugiesische Kolonialreich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durch unabhängige Nationalstaaten abgelöst wurde, veränderte sich für die Indigenen wenig. Obgleich viele die Idee der Unabhängigkeit unterstützt hatten und dafür sogar in den Krieg gezogen waren, sollte es ihnen in den neu geschaffenen Nationen der Mestizen um keinen Deut besser gehen. Meist übernahmen die neuen Republiken die diskriminierenden Strukturen der Kolonialzeit. Sie ignorierten indigene Landrechte und ließen rassistische Gesetze und Zwangsarbeit größtenteils bestehen. Der Widerstand ging weiter. Vor allem brachte die Kolonisierung Südamerikas das kapitalistische System mit sich. Die Wurzeln, die damals eingepflanzt wurden, sind nach Ailton Krenak noch heute für die Zerstörung des Regenwaldes verantwortlich. ERZÄHLER: Krenak gilt als Vordenker der modernen indigenen Widerstandsbewegung. Bekannt wurde er 1987 durch seinen Auftritt vor der verfassungsgebenden Versammlung Brasiliens. In seinem blütenweißen Anzug mit Krawatte hielt der junge Krenak eine eindringliche Rede, in der er die Situation der Indigenen anklagte: Sie hatten keine Bürgerrechte, waren ständig Gewalt ausgesetzt. Sie wurden durch wirtschaftliche Großprojekte von ihren Territorien vertrieben und absichtlich mit Pocken oder Tuberkulose infiziert. Sein Auftritt trug dazu bei, dass die indigenen Rechte vor knapp 40 Jahren in der brasilianischen Verfassung verankert wurden. Heute kritisiert Krenak den Konsum der westlichen Welt, die den Wald zerstört. O-TON Ailton Krenak1: OV ZITATOR Die Tentakel des Kolonialismus, die in Amazonien eingepflanzt wurden, müssen blockiert werden. Europa muss aufhören, Fleisch, Soja, Mineralien und Holz aus dem Amazonasgebiet zu konsumieren! ERZÄHLER: Die Kolonisatoren brachten das kapitalistische System mit, das heute den Regenwald zerstört. O-TON Ailton Krenak2: OV ZITATOR Die Leute, die den Amazonas konsumieren, müssen aufhören die Welt zu verschlingen! Ändert Eure Gewohnheiten. Macht eine Diät für 10 Jahre. Und während dieser 10 Jahre erforschen und studieren wir das Amazonas-Ökosystem! ERZÄHLER: In die gleiche Kerbe schlägt der Yanomami-Schamane Davi Kopenawa. Er wurde mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und versucht seit über 20 Jahren die Weißen dazu zu bringen, den Regenwald zu schützen. Die Weißen bezeichnet er als „Volk der Waren“. Er ist nach Barcelona gekommen, um vor dem Klimakollaps zu warnen und hält eine gewaltige Standpauke. O-Ton Davi Kopenawa OV-ZITATOR „Eure Art zu denken ist wie die eurer Vorfahren! Ihr habt die Schrift erfunden, um intelligent zu werden und danach habt ihr die Gesetze erfunden…, diese ganze Politik. Dann habt ihr eure Augen auf die Waren gerichtet und euch mit euren Gesetzen unser Land angeeignet. Nicht um davon zu leben, sondern um es in eine Ware zu verwandeln. Eure Vorfahren haben sich in das Geld verliebt. Und dann habt ihr angefangen, alles zu zerstören…“ ERZÄHLER: Eine Satellitenstudie von Greenpeace Brasilien zeigt: Allein im Jahr 2024 wurde eine Fläche von 584 Fußballfeldern in den Schutzgebieten der Kayapó, Mundurukú und Yanomami zerstört – um Gold zu fördern. Das dazu verwendete Quecksilber kontaminiert die Flüsse und den Wald, die Malariafälle explodieren – ebenso die Kindersterblichkeit. Außerdem haben sich gefährliche Drogenmafias ins Goldgeschäft gemischt. ERZÄHLERIN: Obwohl die indigenen Rechte in der Verfassung verankert sind, müssen sie auch heute noch schwer erkämpft werden. Mit der wechselnden politischen Situation verändern sich auch die Formen des Widerstandes. Ailton Krenak und Davi Kopenawa gehören zu den großen, international bekannten Figuren des indigenen Widerstands. Worte sind ihre Waffen. Doch ist es die Basis der vielen unterschiedlichen Kulturen, die ihren Worten Nachdruck verleiht. MUSIK 14 "Toyos" ERZÄHLER: Seit 2004 versammeln sich jährlich tausende brasilianischer Indigene in Brasilia. Sie verwandeln die zentrale Esplanade der Ministerien für mehrere Tage in ein Acampamento Terra Livre – ein „Camp für Land und Freiheit“. Sie tanzen, lachen, reden, protestieren und campen für ein paar Tage im Zentrum der Macht von Brasilia. Geschmückt mit üppigen Federdiademen und kunstvoll bemalt setzen sie sich medienwirksam in Szene. Das Camp dient ihnen aber auch zur Vernetzung. Und jedes Jahr übergeben sie ihre Forderungen an die Regierung. Es ist die größte indigene Mobilisierung weltweit. 2024 waren etwa 200 verschiedene Ethnien mit über 9.000 Menschen dort, um gegen die indigenen-feindliche Politik und den Landraub zu demonstrieren. Während der Regierung Bolsonaros traten vor allem die Frauen in den Kampf ein, wie immer, wenn es brenzlig wird. Eine der Aktivistinnen ist Watatakalu Yawalapiti. Mit ihrer Bemalung und dem Federschmuck will sie zeigen: Wir waren schon lange vor Euch hier! Es ist unser Land! O-Ton Watatakalu OV ZITATORIN „Wir Frauen wollen für die Gebiete kämpfen. Wir kämpfen für die Gebiete, gemeinsam mit unseren Männern, nicht vor ihnen oder, um sie hinter uns zu lassen, denn wir kämpfen für das kollektive Wohl. (…) Wir wollen Verbesserungen für unser Volk erreichen. Wir wollen unsere Kultur und unseren Wald erhalten.“ MUSIK Toyos ERZÄHLERIN: Die Frauen haben der indigenen Bewegung neuen Schwung gegeben. MUSIK 15 Indigener Widerstand hat viele Gesichter. Er ist vielschichtig, vielfältig und dynamisch. Gleichzeitig haben sich viele Indigene an westliche Gewohnheiten angepasst. Das Bild vom „authentischen Ureinwohner“ ist falsch und irreführend. Denn keine Kultur überlebt ohne Anpassung, auch wenn es indigene Gruppen in „freiwilliger Isolierung“ gibt. „Wir sind nicht die Vergangenheit. Wir sind die Gegenwart.“ – so lautet eine ihrer Parolen. Der indigene Widerstand hat sich über die Jahrhunderte verändert, er passt sich den Situationen an und seine Kraft ist ungebrochen.

  • Mord in der Villa - Ein mysteriöser Kriminalfall aus dem Jahr 1951

    18.06.2025 · 23 Min.

    Am 13. Dezember 1951 wird in der Starnberger Villa Adlon die Mieterin Sonja Bletschacher aufgefunden, ermordet mit zahlreichen Messerstichen. Der authentische Fall ist nicht nur für Krimi-Fans spannend, sondern auch für Geschichtsinteressierte. Denn die Akten gewähren einen lebendigen Blick in die Vergangenheit. Von Thomas Grasberger (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening Technik: Anton Wunder / Atrium Studios Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Ulrike Claudia Hofmann, Historikern und Archivarin im Staatsarchiv München, Autorin des Buches "True Crime Starnberger See. Mord im Hause Adlon" Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Alles Geschichte - Der History-Podcast VERBRECHEN FRÜHER - Kriminaltechnik Mit der Abschaffung der Folter im 18.Jahrhundert stand die Kriminalistik vor einem Problem: Das Geständnis als "Krone der Beweise"" verlor sein Gewicht. Neue Beweisführungen mussten her. Berühmte Kriminalfälle aus der Geschichte zeigen, welche wissenschaftlichen Errungenschaften den Weg in die moderne Kriminaltechnik ebneten. (BR 2017) JETZT ENTDECKEN Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

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