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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Crossdressing - Psychologie des Rollentauschs

07.05.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Es gibt viele Begriffe für dieses Phänomen: "Autogynophilie", "Paraphilie" ... aber es geht auch etwas einfacher: "Transvestismus". Also: Mann oder Frau trägt die Kleidung des anderen Geschlechts. Pervers? Ein deutscher Arzt Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte: da steckt mehr dahinter... Von Martin Trauner (BR 2024)

Credits
Autor dieser Folge: Martin Trauner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Ditte Ferrigan, Christian Schuler
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Dr. Rainer Herrn – Medizinhistoriker und Magnus Hirschfeld Gesellschaft
Kolja Nolte, alias „der Dominus“ – Berufsverband der Sexarbeiter 

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

 ERZÄHLERIN

Na, die Musik kennt man doch und die Szene kennt man vielleicht auch irgendwie. Die stammt aus dem Kultfilmmusical „Rocky Horror Picture Show“. - Da steht also Dr. Frank N. Furter vor dem etwas naiven Brautpaar Janet und Brad …. und Dr. Frank N. Furter lüftet sein Geheimnis.

MUSIK hoch

Don't get strung out by the way that I look

Don't judge a book by its cover

ERZÄHLERIN

„Lasst Euch von meinem Aussehen nicht verunsichern … - 

Beurteilt ein Buch nicht nach seinem Einband“, singt „Er“ oder „Sie“ und dann: reißt sich Dr. Frank N. Furter seinen Satin-Bademantel vom Leib …

MUSIK hoch

I'm just a sweet transvestite

From Transexual, Transylvania, ha ha

MUSIK 

ERZÄHLERIN

„Er“ oder „Sie“ hat Korsett und Strapse an, „Er“ oder „Sie“ ist wild geschminkt. „Ich bin einfach nur ein süßer Transvestit, aus Transsexual, aus Transsilvanien…“ - Dr. Frank N. Furter bemüht den Begriff „Trans“ wirklich oft - sagt oder besser: singt davon. Offensichtlich ist er ein Mann in erotischer Frauenkleidung und in Stöckelschuhen.  

MUSIK hoch und aus

ERZÄHLERIN

Bei Dr. Frank N. Furter weiß man wirklich nicht, was oder wer er ist. Gut: Er ist offensichtlich ein Mann, der sich weiblich gibt. Also ein „Transvestit“ Er ist ein Hedonist. Aber ist er schwul? Ist er hetero? Oder ist er irgendwas dazwischen? Ist er, wie man heute sagt: „Trans“? - Die Rocky Horror Picture Show brachte jedenfalls Mitte der 1970er Jahre ein Phänomen in die Kinos und damit in die Populärkultur, das man zwar irgendwie kannte, aber wo man nicht so genau wusste, was es damit auf sich hat und was man damit anfangen sollte: Damals nannte man das Phänomen noch „Transvestismus.“ - 

MUSIKAKZENT

ZITATOR (Dr. Wegner)

Wo kommt das Wort Transvestit her und was bedeutet es? 

ERZÄHLERIN

Fragt bereits in den 1930er Jahren ein Autor namens Dr. Wegner in einer Zeitschrift Namens „Das dritte Geschlecht“. Und er beantwortet seine Frage gleich selbst:

ZITATOR (Dr. Wegner)

Das Wort „Transvestit“ ist aus den lateinischen Worten „trans = entgegengesetzt und vestitus = gekleidet“ gebildet …

ERZÄHLERIN

Aber mal kurz nachgefragt, was hat es mit der Zeitung „Das dritte Geschlecht“ auf sich?

01 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Das ist überhaupt die allererste Transvestitenzeitschrift, die es je gegeben hat …

ERZÄHLERIN

Sagt Rainer Herrn. Medizinhistoriker. Er hat diese Zeitschrift im Reprint neu veröffentlicht ….

02 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Die große Überraschung: Die erste Auflage war in Windeseile vergriffen und wir haben jetzt gerade die zweite Auflage dieser Zeitschrift, weil: das Transthema heute ein sowohl politisches, als auch, bei der Transcomunity selbst eine solche Konjunktur und eine solche Politisierung erfahren hat, dass es ein großes Interesse an der Geschichte von „Trans“ gibt. Also von Transpersonen ...

MUSIKAKZENT

ERZÄHLERIN

Aber nochmals zurück zum Begriff der „Transvestiten“ in den 1930er Jahren. - Der Volksmund, so fährt Dr. Wenger in seinem Artikel in der Zeitung „Das dritte Geschlecht“ fort, bezeichnet solche Menschen in seiner Zeit, also in den 1930er Jahren, als „pervers“ Aber, so vermutet er, nur mangels besseren Wissens …

ZITATOR (Dr. Wenger)

Unter Transvestiten versteht man nun solche Personen, die den inneren Drang in sich fühlen, die Kleidung des anderen Geschlechts anzulegen, also Männer, die gerne Frauenkleider tragen und Frauen, die am liebsten Männerkleidung tragen …

MUSIKAKZENT

03 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Also wir haben eine große Vielfalt heute von „Sexuell diversity“, die mit diesen alten Begriffen eigentlich gar nicht mehr zu fassen sind. (…)

ERZÄHLERIN

Heutzutage sei „Transvestismus“ wohl kein passender Begriff mehr, meint der Medizinhistoriker Rainer Herrn …

04 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Diese ganzen Begriffsentwicklungen kommen eigentlich um 1910 …

ERZÄHLERIN

Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert sich, wie soll es auch anders gewesen sein, in Berlin, die Sexualwissenschaft. Und die junge Sexualwissenschaft findet Begriffe für die ihrer Zeit als „abnormales Verhalten“ geltende sexuelle Praktiken, Begriffe wie etwa „Sadismus“, „Fetischismus“, „Homosexualität“, „Bisexualität“ oder eben auch die Bezeichnung „Transvestismus“

05 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Ja, das ist eigentlich ein Wortungetüm und ein Wort, das in die Welt gesetzt wurde und zugleich ganz harsche Kritik erfahren hat, nämlich von der Community, die es betroffen hat, nämlich von den Transpersonen, die gesagt haben: „Wir sind keine Transvestiten. Also sagen, es geht nicht um „Trans“, sondern es geht im Sinne von dem Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts, also nicht zum Verkleiden, sondern dass sie die Personen, die Kleidung, die ihrer Psyche entspricht, anziehen möchten. Also es ist kein Transvestismus und es gibt eine ganze Reihe dann von neuen Begriffsschöpfungen, die dafür gebraucht wurden. Traditionell wird in der englischsprachigen Literatur „Crossdressing“ verwendet.

ERZÄHLERIN

Was der Begriff „Transvestismus“ also nicht unterschieden hat, ob es da um heterosexuelle oder homosexuelle Personen geht, meist Männer. Oder geht es gar um jemanden, der seine Geschlechtsidentität anders fühlt oder gar nicht binär sieht … Seiner Zeit, so Rainer Herrn, galten alle Männer, die Frauenkleidung trugen, als Homosexuelle.

06 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Traditionell wurden Transpersonen eigentlich zu den Homosexuellen gezählt. Also es wurde im Grunde nicht unterschieden zwischen Homo und Trans …

MUSIKAKZENT (evtl. Mundell Lowe)

ZITATOR (Woody Allen)

Are transvestites homosexuals? – 

ERZÄHLERIN

Fragt Woody Allen in einer Episode seines Films „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“. Wieder ein Film aus den 1970er Jahren. In sieben Episoden parodiert Woody Allen die Aufklärungswelle der 1960er Jahre. Und Woody Allen stellt Fragen. Etwa: Was passiert bei der Ejakulation? Was ist ein Perverser? Was ist Sodomie? Aber er fragt auch:

ZITATOR (Woody Allen)

Sind Transvestiten Homosexuelle?

ERZÄHLERIN

Die Geschichte dieser Episode ist schnell erzählt. Das ältere Ehepaar Sam und Tess sind bei Bekannten eingeladen. Sam schleicht sich heimlich in das Schlafzimmer der Gastgeberin und zieht ihre Kleider an. Als er in seinem roten Rock, seiner weißen Bluse und dem roten Hut droht, entdeckt zu werden, türmt er aus dem Fenster auf die Straße. Und mischt sich unter die Leute draußen, die ihn als „Lady“, als „Dame“ ansprechen. – Obwohl er einen Schnurrbart hat. Den verdeckt er geschickt mit einem Finger und behauptet, eine Verletzung an der Oberlippe zu haben … .

MUSIK aus

07 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Nun liefen also Frauen in Männerkleidung, Männer in Frauenkleidung immer Gefahr, durch das Auge der Öffentlichkeit, also des kleinen Mannes oder kleinen Frau, entdeckt zu werden, in der Öffentlichkeit, hopps genommen zu werden, angeklagt zu werden, zu Wiederholungstätern zu werden …

ERZÄHLERIN

Sagt Rainer Herrn. – 

Doch Woody Allens Film spielt ja in den 1970er Jahren, in den Vereinigten Staaten, und da war man schon irgendwie aufgeschlossener als im Deutschland des Kaiserreichs. – 

MUSIK

ERZÄHLERIN

Also: Tess, die Ehefrau, sie sieht ihren Mann, mit dem roten Hut, der Bluse und dem Röckchen auf der Straße und ist irritiert:

„Mein Gott! Sie ist mein Mann!“

MUSIK

ERZÄHLERIN

Doch die Ehefrau zeigt Verständnis. „Du hättest es mir sagen sollen. Ich hätte es verstanden“ – Und sie schmunzelt:

… „Du hättest ihre Gesichter sehen sollen“. – 

MUSIK aus

ERZÄHLERIN 

Was man nicht unterschätzen sollte, sei es die „Rocky Horror Picture Show“ oder Woody Allens „Was sie über Sex wissen wollten“, jeder dieser Filme hat auf seine Art und Weise halt um Verständnis geworben für das „Crossdressing“. Oder wie man eben früher sagte: für den „Transvestismus“…

08 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Was man auch vergisst in der Geschichte … die Hauptfraktion der frühen Transvestiten sind heterosexuelle Männer gewesen …

ERZÄHLERIN

Sagt Rainer Herrn. – Sogenannte ‚Transvestiten‘ waren also heterosexuelle Männer, oft verheiratet, meist Kinder, bürgerliches Leben. Sie trugen gerne Frauenkleider. Das meist heimlich. - Doch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die Situation für Transvestiten nicht so amüsant wie bei Woody Allen in den 1970er Jahren. Crossdresser galten – wie gesagt - als Homosexuelle …

09 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Sie müssen wissen, Homosexualität ist ein Stigma gewesen, wenn das ruchbar geworden ist, war das der soziale Tod. Erpressung war an der Tagesordnung und Suizide waren keine Seltenheit. Und deshalb die starke Abwehrbewegung von Crossdressern, um nicht als homosexuell zu gelten …

ERZÄHLERIN

Alle von der Norm der gesellschaftlichen Konventionen abweichenden Personen wurden von Seiten des Staates kriminalisiert …

10 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Und nun waren die Homo- und Transpersonen irgendwie aneinander gekettet. Aber Transpersonen fühlten sich missverstanden, dass ihnen ein homosexuelles oder homoerotisches Begehren zugeschrieben wurde. Und die wendeten sich an die junge Sexualwissenschaft, unter anderem an Magnus Hirschfeld und sagten unter anderem, wir sind aber gar nicht homosexuell …

ERZÄHLERIN

Magnus Hirschfeld, von ihm wird gleich noch die Rede sein, gründet 1919 in Berlin das erste Institut für Sexualwissenschaft. 

11 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Aber auch in der homosexuellen Bewegung gab es sehr viele, die sich als echte Männer begriffen haben, als Supermänner, als hyperviril, als so genannte Maskulinisten. Und die haben gesagt, wir haben gar nichts am Hut mit diesen Crossdressern, die Frauenkleider tragen, das ist für uns etwas ganz Abscheuliches.

MUSIKAKZENT

ERZÄHLERIN

Der Mediziner Magnus Hirschfeld schreibt 1910 eine wissenschaftliche Arbeit. Titel: „Die Transvestiten. - Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb.“ Eine Monografie …

12 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

… mit 17 Fallbeschreibungen, wie es damals hieß. 16 Männer und eine Frau. Das sind sozusagen kleine autobiografische Vignetten, die quasi exemplarisch zeigen, wie das Leben von Transpersonen verläuft – mit der typischen Kindheit, wo der Wusch nach dem Tragen der Kleidung des – Gänsefüsschen – anderen Geschlechts aufkam (…)

ERZÄHLERIN

Hirschfelds Buch ist komplex. Ganz im Sinne der Zeit versucht er auf fast 600 Seiten, den „Transvestismus“ zu katalogisieren, zu systematisieren aber auch zu psychologisieren … Also unterscheidet er etwa:

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

- Zeitpunkt des ersten Auftretens der Verkleidung

- die sonstigen Lebensgewohnheiten der Transvestiten

- die Ehefrauen der Transvestiten

- die Kleidung als Ausdrucksform seelischer Zustände

ERZÄHLERIN

Und Magnus Hirschfeld begibt sich auch in die Geschichte. Er untersucht den Transvestismus von der …

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

… Geschlechtsverkleidung bei den Naturvölkern …

ERZÄHLERIN

… Bis zur …

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

Geschlechtsverkleidung auf der Bühne

ERZÄHLERIN

Rainer Herrn ergänzt:

013 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Ein wichtiges Medium, wo, sagen wir, „trans“ gelebt wurde, ist natürlich auch die Bühne gewesen … Wir haben eine ganze Reihe von Theatern (…) wo die Frauenrollen von Männern gespielt wurden. Also das war auch ein Austragungsort von diesem Begehren …

ERZÄHLERIN

Nur, und das ist wichtig, auf Bühnen nennt man diesen, wie Magnus Hirschfeld es genannt hat, „Verleidungstrieb“ anders … Er heißt „Travestie.“ – In der Zeit von Shakespeare etwa, also im späten 17. Jahrhundert schlüpften Männer in Frauenkostüme, um weibliche Rollen darzustellen. Aber im 19. Jahrhundert, etwa in der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß gibt es eine so genannte Hosenrolle. Hier stellt eine Frau, eine Mezzosopranistin, den Prinz Orlofsky dar ….

14 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Das, was wir heute als Travestie bezeichnen. Das ist aber schon im ernsten Sinne von dem, was Transvestismus im traditionellen Sinne bedeutet, wo also ein psychischer Wunsch besteht, ich will jetzt das Wort „Trieb“ nicht gebrauchen, das ist wirklich ein altmodischer Begriff, also wo ein inneres Bedürfnis entsteht, diese Kleidung zu tragen, das ist davon zu unterscheiden. Also: Travestie und dieser Wusch des Crossdressings, das sind zwei unterschiedliche Ebenen.

MUSIKAKZENT

ERZÄHLERIN

Zurück zu Magnus Hirschfeld. Ihn interessierte also, warum trägt „man“ oder „frau“ die Kleidung des anderen Geschlechts? Aus sexuellen Gründen? Um sich wohlzufühlen? - Interessant sind seine Fallbeschreibungen der Menschen, die sich „crossdressen“. Magnus Hirschfeld berichtet zum Beispiel von einem gewissen „Herrn E.“, der ihm seine Aufzeichnungen überlasen hat …

MUSIKAKZENT

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

Herr E., im Kunstgewerbe tätig, ca. 40 Jahre alt, stammt von gesunden Eltern. Abweichende Anlagen oder Degenerationszeichen sind in der Verwandtschaft nicht nachzuweisen. Die körperliche Kindheitsentwicklung verlief normal. 

ERZÄHLERIN

Mädchen gegenüber sei er schon in frühester Jugend an „höchst schüchtern“ gewesen. Zu Hause sei er streng erzogen worden. Und jetzt?

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

Status praesens: Breite der Hüften etwas geringer als die der Schultern. Körperlinien rundlich, leichter Panniculus adiposus. Oberarme und Oberschenkel mehr gerundet als abgeflacht. Füsse von mittlerer Größe, Hände von der Arbeit etwas mitgenommen. 

ERZÄHLERIN

Ganz nüchtern beschreibt Hirschfeld die Physiognomie vom Herrn E. Aber wann begann sein Drang, wie es Hirschfeld nennt, nach „Geschlechtsverkleidung“?

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

Vita sexualis: Im Alter von vier Jahren versuchte er zuerst, das Kleid seiner Schwester anzuziehen ...

ERZÄHLERIN

Im Karneval habe er sich gerne als Frau verkleidet, opferte dafür den Schnurrbart. Und bedauerte es, die Frauenkleider wieder ablegen zu müssen. Freilich:

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

Lange Strümpfe und Korsett trägt er fast immer unter seiner Männerkleidung. ln dieser raucht er gern, was er im Frauenkostüm nie tut. - Der Trieb war immer auf den „coitus cum femina“ gerichtet; erste Betätigung Anfang der Zwanziger. „In actu“ ist er gern „succubus“. Triebstärke: durchschnittlich zwei Ejakulationen in der Woche. Von Homosexualität ist keine Spur vorhanden.

MUSIKAKZENT

ERZÄHLERIN

Ein bisschen fühlt man sich an Woody Allens Film „Was sie immer über Sex wissen wollten …“ erinnert … Ein Mann, der seinen Schnurrbart verbirgt, um als Frau durchzugehen. Aber bleiben wir ernst. Magnus Hirschfeld hat für die Geschichte der Transmenschen gewirkt … Und er hat viele Biografien gesammelt, die eine schwierige Situation im Leben beschreiben.

15 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

So haben wir eine ganz große Melange unterschiedlicher Transbiografien eigentlich, also punktueller, passaschärer oder permanenter „Transvestismus“, um dieses Wortungetüm noch einmal zu gebrauchen – also: gibt es ganz unterschiedliche Formen – und genauso erleben wir es heute, wie sich Transpersonen empfinden.

MUSIK („Rocky Horror“)

It's beyond me

Help me, mommy

I'll be good, you'll see

Take this dream away

ERZÄHLERIN

Zurück zum Film Rocky Horror Picture Show, zurück zum Film, wo der Transvestismus oder das Crossdressing wohl nur als Spiel funktioniert. … Der biedere Ehemann „Brad“ steht plötzlich, verkleidet als Frau, also genauer gesagt, eingekleidet mit Strapsen, Korsett und High Heels auf der Bühne. Er wurde von Dr Frank. N. Furter in einen Transvestiten verwandelt. Und Brad erlebt plötzlich neue Gefühle, er empfindet sich als „sexy“ …

MUSIK hoch

What's this, let's see

I feel sexy

MUSIK (Rocky Horror) aus

MUSIKAKZENT

ERZÄHLERIN

Und jetzt mal kurz innehalten, Sexualität ist etwas Besonderes: Natürlich gibt es auch heutzutage noch den „Transvestismus“, so hat man das früher genannt, oder wie es jetzt heißt, das Crossdressing“, oder die „Feminisierung“, wie es Kolja Nolte nennt, es gibt das Ganze einfach heute auch als sexuelles Spiel … Meist wird das Spiel nicht daheim mit der Ehefrau ausgelebt, sondern vielleicht bei Sexarbeiter*innnen. Wie eben bei Kolja Nolte vom „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“. In der Szene nennt er sich „der Dominus“:

16 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“)

Also prinzipiell liegt der Lustgewinn ein Stück weit in der Ächtung. Man muss sich das so vorstellen, als Mann, ist es immer noch nicht saloonfähig, Frauenkleider anzuziehen. 

ERZÄHLERIN

Der Medizinhistoriker Rainer Herrn ergänzt, dass die Ächtung des Kleidertauschs ja wirklich schon sehr früh begann:

17 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn)

Nun müssen sie wissen, dass die Geschlechtsordnung in der Kaiserzeit und in der Weimarer Zeit eine unglaublich strenge gewesen ist. Wenn eine Frau auf der Straße Hosen trug, und als Frau erkannt wurde, wurde sie sofort „Hopps“ genommen von der Polizei, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und groben Unfugs. Paragraf 184 und 360 Strafgesetzbuchs. Das gleiche galt für Crossdresser, für Männer in Frauenkleidung.

ERZÄHLERIN

Zwar wird heute wohl keiner mehr „Hopps“ genommen, wenn „Er“ oder „Sie“ als Crossdresser auftritt, aber eine gesellschaftliche Etikette besteht trotzdem noch:

18 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“)

Und im Übrigen ist es auf der anderen Seite nicht so, wenn man die weibliche Emanzipation anschaut, hat sich da eine ganze Menge getan, also Frauen können Hosen und anderes tragen, während das männliche Geschlecht das immer noch nicht darf …. Also ich erinnere mal an die Skandale, die jetzt wüten, dass die Männer sich jetzt die Nägel lackieren. Ich finde das alles ganz großartig. Und ich finde auch, dass sich die Männer da emanzipieren dürfen, um da auch mehr Rechte zu bekommen …

ERZÄHLERIN

Sagt Kolja Nolte alias der „Dominus“, vom „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“. Aber, natürlich, in dem immer noch immer tabuisierten Verhalten liegt auch ein Lustgewinn. „Ich darf das halt nicht …“

19 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“)

Und in dem Sinne liegt der Lustgewinn da dran, dass wenn ein Mann halt Frauenkleider anzieht, sich da natürlich ein Stück weit erniedrigt fühlt. Und diese Erniedrigung kann natürlich damit gefestigt werden, dass die Rollen zum Beispiel getauscht werden, dass der meist weibliche dominante Part dann in die Penetration geht …

ERZÄHLERIN

Bei diesem Spiel gibt es sehr oft stereotype Rollenmodelle:

20 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“)

Wir hätten da die „Sissy“, das ist so ein bisschen der „Funnytyp“, das wissen die Menschen auch ein Stück weit … Das ist ja, wenn man in höherem Alter, jetzt will ich ein Frauenkostüm, dann sitzt das am aller wenigsten … Und das ist aber in dem Augenblick gar nicht so wichtig, es geht einfach darum in eine gewisse Rolle reinzuschlüpfen …

ERZÄHLERIN

Und da gibt es die „Zofe“. Ein Mann, der sich als „Maid“, als „Magd“ verkleiden lässt. - Aber es gibt auch den Fetischisten. Eigentlich ein Begriff aus dem frühen 20. Jahrhundert-

21 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“)

Das ist jemand, der also wirklich über die Kleidung einfach einen Lustgewinn erfährt, ohne dass da eine psychische Komponente dabei ist. Ich glaube eines der größten Beispiele ist das Thema Strapse tragen, Nylons auf der Haut fühlen, da ist das Material eine Entscheidung und das weibliche Verhalten ist gar nicht so das, wo der Reiz daran liegt … 

 MUSIKAKZENT (evtl. Rocky Horror Picture Show“)

ERZÄHLERIN

Zurück zu Magnus Hirschfeld, dem Sexualwissenschaftler aus dem frühen 20. Jahrhundert. Er erkannte, seine „Transvestiten“ haben auch ein glückliches Leben …

ZITATOR (Magnus Hirschfeld)

Nicht minder beredt berichtet einer, wie ihn seit seinem 15. Jahre ein Verlangen nach Frauenkleidern beherrschte, das „wie Hunger und Durst Befriedigung heischte“. Endlich mit 24 Jahren, als er krankheitshalber vom Lehramt beurlaubt im elterlichen Hause weilte, bietet sich die ersehnte Gelegenheit. Er zieht sich ein vollständiges Ballkostüm seiner Schwester an. „Ein nie gekanntes Gefühl des Wohlbehagens durchrieselte mich“, „das Wunderbarste war, dass ich mich jetzt rasch erholte, während ich vorher sechs Wochen lang vergeblich ein Sanatorium besucht hatte.“

ERZÄHLERIN:

Und der Dominus, also Kolja Nolte meint:

22 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“)

Ich finde, „Sexualität“ ist ein wunderschönes Beispiel, um sich selber zu sortieren in seinem Leben. Und da gibt es viele Möglichkeiten: Andere Menschen reden sehr viel, der nächste liest sehr viel, ja, oder treibt einfach Sport und kann sich darüber sehr gut sortieren … und andere Menschen schaffen das über Sexualität … Sexualität kann ein Weg sein, um Dinge klar zu ziehen. Um vielleicht die eine oder andere Lebenssituation besser zu meistern oder ein schönes Ventil zu haben für aufkeimende Gefühle …


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Er war ungeheuer produktiv und hat ein unstetes Leben geführt, unzählige Male den Wohnsitz gewechselt, verschiedene Künstlernamen angenommen … er muss auch eine exzentrische Seite besessen haben. ERZÄHLERIN Diese exzentrische Seite zeigt sich etwa in einer Anekdote über einen Malwettbewerb am Hof des Shoguns, des Herrschers im vormodernen Japan: 7 OT Malwettbewerb Der Kontrahent von Hokusai bei diesem Wettbewerb, … hat also lange an seinem Werk vor sich hingemalt, wohingegen Hokusai einfach eine Papierrolle Blau gefärbt hat, Blau angemalt hat, dann ein Huhn, ein lebendes Huhn aus einem Korb genommen hat, die Füße des Huhns in rote Farbe getaucht hat und das Huhn dann über diese blaue Rolle hat laufen lassen. Genannt hat er das Ganze „Ahornblätter treiben auf dem Fluss“. Vom Genie des Malers, des Künstlers Hokusai beeindruckt, hat der Shogun ihm dann den Preis zugesprochen. MUSIK 6 ( Ryuichi Sakamoto: Picking Up Brides 0‘45) ERZÄHLERIN Die große Welle schuf Hokusai als erfahrener Künstler von 70 Jahren. Das Blatt ist 25 x 37 cm groß, also genau zwischen einem DIN A4 und einem DIN A3-Blatt. Es ist Teil einer ganzen Serie von Holzschnitten mit dem Titel „36 Ansichten des Bergs Fuji“. Solche Serien von Holzschnitten waren in Japan seit Mitte des 18. Jahrhunderts sehr populär. „Die 36 Ansichten des Berges Fuji“ hatten solchen Erfolg, dass Hokusai weitere Blätter hinzufügte, am Ende waren es 46 Ansichten des Fuji, am Titel der Serie änderte sich aber nichts. Jedes Blatt zeigt den Vulkan aus einer anderen Perspektive und zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten: Mal im Nebel, mal in der Abendsonne. Mal in leuchtendes Rot getaucht, mit weißen Linien, die wie Lavastreifen vom Krater aus herunterlaufen. Mal mit Handwerkern im Vordergrund, die ein Haus bauen, oder Reisenden, die sich auf den Schultern kräftiger Männer durch einen Fluss tragen lassen. „Die große Welle vor Kanagawa“ war bereits zur Entstehungszeit besonders beliebt. In mancherlei Hinsicht sticht diese Darstellung des Fuji unter den anderen Blättern der Serie heraus: 9 OT Serie Eine Besonderheit dieses Blattes ist, dass er halt so klein im Hintergrund ist und trotzdem natürlich sich auch einfügt harmonisch, durch die Farben, durch die Formen, die man sonst auf diesem Blatt sieht. ERZÄHLERIN Die Drucke wurden einzeln als Souvenir für Reisende verkauft, aber auch an die lokale Bevölkerung. Sie galten als Gebrauchskunst und waren nicht besonders teuer. Es waren ja keine Unikate. Üblicherweise gab es mehrere hundert Abzüge, von der beliebten großen Welle vielleicht sogar mehrere Tausend. Doch Gebrauchskunst hin oder her: Die Qualität der Drucke war herausragend. Die Herstellung eines Mehrfarbendrucks ist eine komplexe Angelegenheit und gelangte in Japan zu höchster Blüte. 10 OT Druckvorgang Die Herstellung eines Farbholzschnitts war ein arbeitsteiliger Prozess. Ein Verleger finanzierte das ganze Vorhaben. Ein Künstler entwarf eine Vorzeichnung, eine genaue Vorlage, die dann an die Holzschneider übergeben wurde. Die haben dann in eine Holzplatte diese Vorlage geschnitten und somit einen Druckstock hergestellt. ERZÄHLERIN Hokusai hatte selbst ursprünglich eine Lehre als Holzschneider gemacht. Später arbeitete er in der Werkstatt eines Malers und Zeichners von Farbholzschnitten, bis er sich schließlich als Künstler selbständig machte. Idee und Komposition der Großen Welle stammen also von ihm, den Druckstock schnitten andere. Durch seine Ausbildung aber kannte Hokusai die Tücken und Möglichkeiten des Holzschnitts sehr gut, er wusste, welche Effekte möglich waren und konnte dieses Wissen in seine Vorlage einfließen lassen. Die Schaumkronen der Wellen zum Beispiel sehen aus wie Adlerklauen, die nach den Booten greifen. Die Schnitzer mussten dazu Hunderte sichelförmig geschwungenen Stege aus dem Druckstock herausarbeiten. 11 OT Und schließlich kamen die Drucker ins Spiel, die dann mit Pinseln die Farben auf den Druckstock aufgetragen haben. Dann wurden die Papierbögen auf diesen Druckstock aufgelegt und angedrückt. Das heißt, in Japan wurde von Hand gedruckt, Druckerpressen kannte man nicht, und dieser Vorgang wurde jetzt für jede Farbe, für jeden Druckstock wiederholt, bis schließlich dann ein fertiger Mehrfarbendruck entstanden war. ERZÄHLERIN Bis zu 15 verschiedene Farben pro Farbholzschnitt wurden auf diese Weise gedruckt. Die Farben der großen Welle sind besonders bemerkenswert. Hokusai verwendet hier ausgiebig sogenanntes Preußischblau, in Japan auch als Berliner Blau bekannt. 12 OT Preußischblau Preußischblau wurde Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in einem Berliner Labor entdeckt Und Hokusai verwendet diesen Farbstoff in dieser Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ wirklich, ja, exzessiv kann man sagen und ganz bewusst. Denn dieser Farbstoff hat es ihm ermöglicht, ein unglaublich kräftiges Kolorit zu erzielen mit Blautönen, die mit anderen blauen Farben wie zum Beispiel Indigo so nicht zu erzielen waren. Und auch die Kombination zwischen den verschiedenen Blautönen hat einfach bei der großen Welle hier diesen fast dreidimensionalen, ja plastischen Effekt erzielt. Denn wenn man sich das jetzt anschaut, sieht man, dass zunächst mit Preußischblau die hellen Passagen der Wellen gedruckt wurden, dann wurde ein dunkleres Preußischblau drüber gedruckt, und darüber wurde als dritte blaue Farbschicht noch einmal Indigo gedruckt. MUSIK 7 ( SINE: Full Moon 0’55) ERZÄHLERIN Durch die Farbabstufungen gelingt es Hokusai, dem Blatt mehr Tiefe zu verleihen: die Wölbungen der Wellen werden stärker spürbar, die Welle wirkt dynamischer und kraftvoller. Überhaupt hat das Blatt eine große Raumtiefe: die große Welle im Vordergrund, der weit entfernte Fuji ganz klein im Hintergrund – das ist die Logik der europäischen Zentralperspektive. Japanische Holzschnitte sind eigentlich für ihre Flächigkeit bekannt. Hokusai aber hatte sich intensiv mit westlicher Malerei auseinandergesetzt. Er verwendet hier also nicht nur eine europäische Farbe, sondern auch die Konstruktion des Bildraums trägt europäische Züge. Typisch japanisch hingegen ist das Motiv – der Fuji – und die Technik des Farbholzdrucks mit seinen Konturlinien. 13 OT Umrisslinien Also eine Besonderheit das Farbholzschnitts ist es ja, dass wir überall Umrisslinien haben, was sich ja vom europäischen Holzschnitt, auch vom chinesischen, unterscheidet, wo das eigentlich so aquarellartig, dann so ein bisschen ausläuft. Wir haben hier immer Umrisslinien, und das ist natürlich auch ein Merkmal des Comics, dass es diese Umrisslinien gibt, deswegen vielleicht diese Assoziation. ERZÄHLERIN Auch klassische Comics haben Konturlinien und sind meist mit wenigen gleichmäßigen Farbflächen gedruckt. Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass auch junge Menschen Die große Welle schätzen: Die Ästhetik ist ihnen von Comics vertraut. Dank der Umrisslinien und der reduzierten Farben lässt sich die Große Welle übrigens auch sehr gut reproduzieren. Auch das hat sicher zur Verbreitung beigetragen. MUSIK 8( Kevin Shields: Ikebana 1‘04) In Japan war Hokusai bereits zu Lebzeiten hochverehrt und sehr populär. Viele seiner Werke könnte man als Volkskunst bezeichnen, er zeigte, was das Publikum liebte: berühmte Schauspieler zum Beispiel oder Szenen aus den Vergnügungsvierteln Tokios. „Bilder der fließenden Welt“ nannte man dieses Genre: 14 OT Bilder der fließenden Welt Eigentlich ursprünglich ein Begriff aus dem Buddhismus, ukiyo, das Vergängliche, das mit Sinn gefüllt werden muss, hat sich der Begriff gewandelt, hin zu der Bedeutung, ja, die Freuden der vergänglichen, der fließenden Welt, die genossen werden wollen und die dann auf diesen Holzschnitten dargestellt worden sind. Also Szenen aus dem Theater, Kurtisanen, Darstellungen von Sumo-Wettkämpfen und so weiter und so fort. ERZÄHLERIN Die „36 Ansichten des Fuji“ schlagen da vollkommen aus der Reihe. Trotzdem war die Serie extrem beliebt: 15 OT Genre Landschaft Das Besondere ist, dass diese Serie tatsächlich Landschaftsdarstellung in den Mittelpunkt stellt, das gab es vorher so noch nicht. Landschaft wurde natürlich in der Malerei im Holzschnitt auch immer dargestellt, aber gerade im Holzschnitt in Japan war Landschaft vor allem ein dekoratives Element im Hintergrund bei der Darstellung von Personen. Jetzt in den 1830ern, durch Künstler wie Hokusai, wird Landschaft zu einem eigenen Genre. MUSIK 9 ( KENGYO: Natsu no kyoku 0‘43) ERZÄHLERIN Die Entwicklung dieses Genres hing eng mit der Zensur zusammen: Ab dem späten 18. Jahrhundert mussten in Japan alle Drucke der staatlichen Zensurbehörde zur Prüfung vorgelegt werden. Politische Anspielungen waren untersagt, auch historische Ereignisse wurden oft zensiert, außerdem durften die Darstellungen nicht zu viel Luxus zeigen. Landschaften waren da per se unverdächtig. Zudem interessierte sich Hokusai wirklich für die Natur. Dem Vorwort zu einem seiner Bücher ist zu entnehmen, wie sehr ihm die möglichst lebendige Nachahmung von Vögeln, Fischen und Pflanzen am Herzen lag. Die große Welle sorgte in Europa schon früh für Wirbel. Und das, obwohl sich Japan zu Hokusais Lebzeiten in einem Zustand der Abschottung gegenüber dem Rest der Welt befand: Als Reaktion auf das aggressive Eindringen portugiesischer Händler und christlicher Missionare hielt Japan seine Grenzen von 1640 bis in die 1850er Jahre geschlossen. Es war kaum möglich, das Land zu verlassen oder zu besuchen, internationaler Handel war ausschließlich mit China und den Niederlanden erlaubt. Über diesen Weg kam Hokusai an sein Preußischblau, und so kamen auch die Drucke von Hokusai nach Europa. Mit der Öffnung des Landes ab den 1850er Jahren brach in Europa dann ein regelrechtes Japan-Fieber aus, der „Japonismus“. 16 OT Öffnung Es ist relativ schnell zu einem engen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch gekommen. Auch im Zuge der Weltausstellungen in Paris von 1867 zum Beispiel ist Japan plötzlich ganz anders in den Fokus gekommen. Und die Kunstgegenstände, die jetzt aus Japan nach Europa gekommen sind, haben in Künstlerkreisen regelrechte Begeisterung ausgelöst und auch als Inspirationsquelle gedient. Die Maler haben sich inspirieren lassen von der Farbigkeit, von den ungewöhnlichen Blickwinkeln oder Bildausschnitten. MUSIK 10 (SC018010W04 Claude Debussy: La Mer 0‘55) ERZÄHLERIN Claude Monet etwa erwarb 250 japanische Drucke, darunter auch ein Exemplar der großen Welle von Hokusai. Der Maler Edgar Degas nutzte die Bilder ebenfalls als Quelle der Inspiration und Henri Rivière huldigte der Welle mit „36 Ansichten des Eiffelturms“. Aber nicht nur bildende Künstler inspirierte die Darstellung: Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Berg“ bezieht sich direkt auf den Fuji, den Komponisten Claude Debussy regte die Welle zu seiner berühmten Komposition „La Mer“ an – auf die Partitur ließ er einen Ausschnitt der Welle drucken – den Fuji und die Boote ließ er dabei einfach weg. MUSIKENDE La Mer ERZÄHLERIN Abzüge der „Großen Welle“ gibt es heute auf der ganzen Welt, zum Beispiel im Metropolitan Museum of Art in New York oder im British Museum in London – und auch in der Bayerischen Staatsbibliothek in München: Im Sommer 2023 kaufte das Haus einen sehr frühen und besonders gut erhaltenen Abzug aus einer Privatsammlung für eine Summe im unteren siebenstelligen Bereich. 17 OT Universalbibliothek Die Bayerische Staatsbibliothek ist … eine große wissenschaftliche Universalbibliothek mit einem sehr breiten Sammlungsspektrum und so gibt es bei uns im Haus eben auch eine große Ostasiatische Sammlung… ERZÄHLERIN Es gibt viele Gründe, Hokusais Welle zu lieben: Die ewig gültigen und für jedermann nachvollziehbaren inhaltlichen Aussagen etwa, dass die Natur schön und gefährlich zugleich sei, oder das menschliche Leben angesichts der Ewigkeit der Natur nur ein Wimpernschlag. Viele Menschen sind von der Welle auch einfach spontan und emotional berührt. Die Darstellung spricht sie ästhetisch an. Auch dafür gibt es eine Erklärung. Die große Welle bietet genau das richtige Verhältnis zwischen Fremdem und Vertrautem, sagt Thomas Tabery: 18 OT Konklusion Sie ist fremdartig genug, um spannend und inspirierend zu wirken, aber auch nicht zu fremdartig. Vertraut für das westliche Auge war zum Beispiel die perspektivische Darstellung, die Hokusai von Darstellungen aus Europa übernommen hat, die in Japan spätestens ab dem achtzehnten Jahrhundert auch bekannt waren, also Darstellungen in europäischer Zentralperspektive. MUSIK 11 (CD 523110006 Ryuichi Sakamoto: Rain (I Want A Divorce) 0‘54) ERZÄHLERIN In der „Großen Welle vor Kanagawa“ treffen westliche und östliche Themen und Ästhetiken aufeinander. Kunstwerke an denen wir uns nicht sattsehen können, haben oft etwas Rätselhaftes und ein bisschen Fremdes an sich. Im Fall der Welle sind das jeweils die Elemente der fremden Kultur. Der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor hat es einmal auf den Punkt gebracht: Die große Welle ist nichts ganz und gar Fremdes. Sie ist ein exotischer Verwandter.

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Patricia Rahemipour: „Geliebt, gegossen, vergessen. Phänomen Zimmerpflanze“, Katalog und Essayband zur Ausstellung Botanisches Museum Berlin 2019. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:49, mit ATMO 1(Archiv) Schritte im Kies ERZÄHLER Gummibäume, Orchideen, Yuccapalmen – die gesund und kräftig sprießende Verwandte der eigenen, oft kümmernden Zimmerpflanzen: In Botanischen Gärten kann man sie besuchen. Hier werden sie artgerecht gepflegt und wachsen fast so, wie es in freier Natur ihre Art wäre. ATMO 2 öffnen einer Gewächshaustür (Archiv) weiter über ATMO 3 Palmenhaus In vielen Büros, in Wohnungen, sogar in Treppenhäusern steht ein Topf mit einem Benjamini. Seine Zweige mit den vielen dunkelgrün-glänzenden, esslöffelgroßen Blättern reichen den Besitzern gern mal bis zur Schulter. Birkenfeige sagen einige zu dieser Zimmerpflanze; Botaniker nennen sie lateinisch: Ficus Benjamini. MUSIK ENDE ZSP 1 Gröger Also hier unser Exemplar ist wahrscheinlich so zehn Meter hoch, das werden richtig große Bäume. Es haben nicht nur kleine Pflanzen Eingang in die Zimmerpflanzen-Kultur gefunden, sondern auch größere. Weiter über ATMO 3 Palmenhaus ERZÄHLER Andreas Gröger ist promovierter Biologe und stellvertretender Leiter des Botanischen Gartens in München-Nymphenburg. Im 21 Meter hohen Palmenhaus aus Glas und Eisen ist die Luft feucht und es hat 20 Grad. Hier wachsen tropische Pflanzen, die es gern warm haben: ZSP 2 Gröger Und wenn sie die hier anschauen, unsere Birkenfeige, fällt ihnen auf, dass die aus vielen Dutzenden von einzelnen Stämmen besteht, so ein Geflecht von Stämmen entsteht. Das deutet ein bisschen darauf hin, was die biologische Eigenart der Birkenfeige ist: die gehört zu den Baumwürgern. In freier Natur würde sie im Regenwald oben an irgendeiner Astgabel keimen, schickt dann so ganz unschuldig kleine fadenförmige Wurzeln nach unten. Und wenn die den Urwaldboden erreicht, dann umspinnt sie ihren Träger mit einem Gewirr von solchen Wurzeln und erstickt letztendlich ihren Trägerbaum, der dann abstirbt. Und anstelle vom Trägerbaum steht dann dieser Schlot aus zusammengeflochtenen Stämmen der Birkenfeige. ERZÄHLER Andreas Gröger kennt nicht nur erstaunliche Eigenheiten von Tropenpflanzen, er hat auch dazu geforscht, wie wir Menschen uns die Tropen in unsere Wohnzimmer geholt haben. Den Benjamini plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen, findet er gut! ZSP 3 Gröger Das heißt aber nicht, dass sie deswegen Angst vor einer Birkenfeige haben müssen. Wenn es der Birkenfeige bei ihnen gut geht, dann wird sie auch ab und zu mal so fadenförmige Wurzeln entwickeln. Aber dann freuen Sie sich darüber! ERZÄHLER Angesichts dieses tropischen Riesen fast absurd, ihn im Topf zu halten. Wann sind wir Menschen nur auf die Idee verfallen, uns draußen in der Natur Pflanzen auszugraben und in einen Topf zu setzen, um sie mit nach drinnen ins Zimmer zu nehmen? ZSP 4A Gröger Also, wenn man geschichtlich zurückschaut: Schnittblumen haben sich die Leute immer, haben sich Römer auch schon in die Wohnung geholt! Aber Zimmerpflanzen, das ist ein relativ modernes Phänomen. ZSP 4B Rahemipour Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist nämlich sehr-sehr eng verbunden auch mit der Geschichte des Wohnens insgesamt. ERZÄHLER Professorin Patricia Rahemipour ist Historikerin und Direktorin des Instituts für Museumsforschung in Berlin. Dort hat sie für das Botanische Museum im Jahr 2019 eine Ausstellung zum Phänomen Zimmerpflanze kuratiert. MUSIK „Le compteur”; ZEIT: 00:55 ZSP 5 Rahemipour Ich würde sagen, wir fangen vielleicht erst mal mit einer kleinen Definition an, was wir eigentlich unter Zimmerpflanzen verstehen: Zimmerpflanzen sind tatsächlich Pflanzen, die ganzjährig eingetopft in einer Wohnung stehen. ZSP 5B Gröger Also generell ist Zimmer nicht draußen! Im Zimmer herrschen andere Bedingungen als draußen in freier Natur. ZSP 5C Rahemipour Also Zimmerpflanzen brauchen Licht. Das ist eine sehr simple Tatsache, die ist für uns auch relativ leicht zu lösen. Aber für mittelalterliche Wohnverhältnisse war das überhaupt nicht so trivial, weil Fenster: Es gab nur sehr-sehr kleine, um die Kälte nicht in die Häuser hineinzulassen. Und die waren mit Tierhäuten abgedeckt. Das heißt, man hatte im Prinzip überhaupt kein Licht in den Zimmern, so wie wir das kennen. MUSIK ENDE ERZÄHLER Fenster mit Glas zu verschließen war sehr kostspielig und die ersten Fenstergläser waren noch sehr dick, ähnlich den Böden von Weinflaschen und gar nicht durchsichtig, sondern grünstichig. Bis es klares Fensterglas gab, das genügend Sonnenlicht hindurch ließ und zwar für einen Preis, den sich zumindest reichere Privathaushalte leisten konnten: Das hat sehr lange gedauert und den Einzug der Pflanzen in die Wohnumgebung verzögert. ZSP 6A Rahemipour Und der zweite Aspekt ist die Frage nach dem Klima in diesen Räumen. Die Zimmer waren ja früher relativ kalt. Viele Zimmerpflanzen sind aber Importe aus wärmeren Klimazonen. Das heißt, sie haben auch erst dann wirklich in die Wohnstuben Einzug gehalten, als die Temperaturen stimmten. Das war erst relativ spät in der Geschichte des Wohnens überhaupt der Fall. ZSP 6B Gröger Also hier, nördlich der Alpen, hat man geschlossene Räume gehabt mit dem Kachelofen oder offenem Feuer in einer Ecke, also punktuelle Hitze. Dann kalte Ecken, richtig kalte Zimmer. Das packen extrem wenige Pflanzen: Da war höchstens mal ein Rosmarin-Stöckchen oder Myrthen-Pflänzchen am Fensterbrett gestanden. Das war also das Maximum, was man so hatte. ZSP 6C Rahemipour Ein anderer Aspekt: Zimmerpflanzen pflegen sich ja nicht selber. Also wenn ich mir angucke, wie in einem mittelalterlichen Kontext die Menschen gelebt haben und wie wenig Freizeit sie hatten: Man hatte auch gar keine Zeit, sich um so etwas zu kümmern! Und wenn man jetzt alles zusammennimmt, also sagt okay, wir brauchen Licht, wir brauchen ne Heizung und wir brauchen den Zugang zu Wasser, weil das war natürlich nicht überall gleichermaßen verfügbar. Dann kann man sagen: So Mitte des 19. Jahrhunderts sind sie zunächst einmal in die repräsentativen Zimmer eingezogen. ERZÄHLER Zuvor standen eingetopfte Pflanzen schon in Orangerien. Gebäuden für kostbare Pflanzen, wie sie seit dem Barock in hohen Adelskreisen zur standesgemäßen Ausstattung ihrer Schlösser gehörten. Orangerien waren reich verglast und damit heller als Wohngebäude. Pflanzen aus den subtropischen Gebieten konnten hier in großen Kübeln untergebracht werden. Zitrusbäumchen mit ihrem schönen Duft waren aber nur im weitesten Sinn die ersten Zimmerpflanzen, meint Gröger: ZSP 7A Gröger Heißt ja nicht umsonst Orangerien! Da ging es um die Nutzpflanzen erstmal: Orangen, Zitronen waren begehrte, exotische Früchte, die heutzutage selbstverständlich im Supermarktregal liegen. Aber die damals hier nördlich der Alpen kultiviert werden mussten für die Aristokratie. Und dann war halt vielleicht auch noch eine Ananas dabei. Das war natürlich die Krönung schlechthin, eine Ananasfrucht zu haben. ZSP 7B Rahemipour Absolut, absolut. Also mein Lieblingsbeispiel ist immer die Ananas! Die ersten Ananasfrüchte, die in Europa weiterverkauft wurden, waren so teuer wie eine Kutsche. Und das war das mehrfache Jahresgehalt eines einfachen Bauern. ZSP 7C Gröger Also am Anfang der Zimmerpflanze stand die Nutzpflanze: Der Zitronenbaum oder die Ananaspflanze. Und dann kamen Schmuckpflanzen dazu, wie zum Beispiel die Kamelien oder die Agaven und so weiter. MUSIK „Movement introductif“ ZEIT:00:37 ERZÄHLER Kamelien mit ihren prächtig rotgefüllten Blüten waren lange Zeit begehrte Modepflanzen der europäischen High Society. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die ersten Pflanzen aus Asien, wo sie in freier Natur bis zu 11 Meter groß werden. Die immergrünen Kameliensträucher vertrugen das Klima in den kühlen aber frostfreien Orangerien Europas gut. Zu besonderen Anlässen holte man sie in ihren Töpfen in die repräsentativen Schlossräume. Blühend natürlich! MUSIK ENDE ZSP 8A Gröger Blumenschmuck! Natürlich! Bei den Kamelien, das ist so ein klasse Beispiel: Im Winter, im Januar, Februar, ist die Zeit der Kamelienblüte. Im Winter mit Blumenpracht zu protzen, das war natürlich eine Aussage! ZSP 8B Rahemipour Das war natürlich Prestige, das war Macht. Man wollte zeigen, dass man sich was leisten kann. In der Zeit, als man begann, mit Zimmerpflanzen sich zu umgeben, war das wesentlicher Aspekt. Das ist heute ganz weit in den Hintergrund gerückt. Aber zu Beginn der Zierpflanzen in den Zimmern war das sicherlich ein wichtiger Aspekt. ERZÄHLER Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubten neu entwickelte Konstruktionen aus Glas und Eisen lichtdurchflutete Anbauten ans Haus - So genannte Wintergärten. Entfernt erinnerten diese Zimmer an Orangerien: Auch in ihnen spielten exotische Pflanzen die Hauptrolle. Im Wintergarten empfing man nun Gäste zum Tee an zierlichen Tischen, stickte oder las in einer Zeitung. Eine Konsequenz des Industriezeitalters, sagt Andreas Gröger: ZSP 9 Gröger Plötzlich ist die Bürgerschicht finanziell erstarkt. Nicht nur mehr die Fürsten und Herzöge und Könige, auch das Bürgertum, das plötzlich viel Geld hatte und repräsentieren wollte. Und die haben repräsentiert mit einem Musiksalon, mit einer Bibliothek und eben auch mit speziellen Pflanzensammlungen: Eine Kakteensammlung zu haben oder eine Orchideensammlung, das war natürlich schon ziemliches Prestige. ERZÄHLER Mit den Orchideen verlor die naturbegeisterte und repräsentationssüchtige High Society Europas den Kopf. Die Blüten der Orchidee stellten alles in den Schatten, was man in Europa kannte: an langen Rispen hingen ihre Blüten wie bunte Schmetterlinge. Exotik pur! ZSP 10A Gröger Genau! Im neunzehnten Jahrhundert, vor allem in England, da gab es einen richtigen Orchideen-Hype. Da gab es einzelne Gärtnereien, die haben manchmal bis zu 20 Pflanzenjäger gleichzeitig losgeschickt, um in den Tropen Orchideen zu sammeln, die dann auf Auktionen recht teuer versteigert worden sind. ZSP 10B Rahemipour Das führte so weit, dass man sogar aus Silber Broschen hergestellt hat, die die Form von Orchideenblüten hatten. Weil einige Menschen sich eben nicht das Original leisten konnten. Sondern da war es billiger, eine silberne Brosche zu erwerben als eine Blüte. ZSP 10C Gröger Es waren tatsächlich die Gärtnereien, die damit einen kommerziellen Gewinn machen wollten. Es war ein richtiger Goldrausch auf neue Orchideen damals. Es hieß damals, England, das ist das große Orchideen-Grab. Weil viele Orchideen dahin kamen. Dann kamen sie in Privatsammlungen, wo sie wenige Wochen überlebt haben und dann eingegangen sind. ERZÄHLER Gröger räumt ein, dass Orchideenkultur wirklich kompliziert ist. Allein schon, weil es über 30.000 Arten mit unterschiedlichen Ansprüchen gibt. Aber wie hemmungslos aus den damaligen Kolonien immer neuer Nachschub geholt wurde, ist heute unvorstellbar. Dass lebende Pflanzen überhaupt wochenlange Seereisen von fernen Kontinenten nach Europa überlebten, ermöglichte eine Erfindung von Nathaniel Ward Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Wardschen Kisten. ZSP 11 Rahemipour Das sind Kisten, die hermetisch abgeschlossen sind mit Glasfenstern und in denen am Boden Erde ist. Und in die Erde sind die lebenden Pflanzen eingepflanzt worden und zu Beginn der Reise zugemacht. Und durch die Verdunstung des Wassers, das die Pflanzen selber abgeben, sammelt sich dann Kondenswasser an den Fenstergläsern, läuft wieder nach unten in das Substrat hinein und bewässert sozusagen als hermetisch abgeschlossenes System die Pflanzen, die in dieser Kiste sind. MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:38 ERZÄHLER Kostbar waren Zimmerpflanzen zu Beginn, weil sie tatsächlich am weit entfernten Ursprungsort ausgegraben wurden, oder bei Aufsitzerpflanzen, so genannten Epiphyten zu denen auch Orchideen gehören, einfach von den Urwaldbäumen abgenommen, dann eingetopft, verschifft und erst in Europa verkauft wurden: Entweder direkt an einen reichen privaten Pflanzenliebhaber, oder an eine Gärtnerei, die versuchte, die exotischen Pflanzen zu vermehren. MUSIK ENDE ZSP 12 Gröger Ganz banal! Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist eine lange Geschichte des Sammelns und des Züchtens. ERZÄHLER Und sie dreht sich vor allem um Tropenpflanzen, weil die mit ihrer Blüten- und Blattvielfalt nicht nur schmückende Qualitäten besitzen. Vor allem sind Tropenpflanzen an ein Klima angepasst, in dem permanentes Wachstum möglich ist. Pflanzen Nordeuropas eignen sich nicht fürs Zimmer, sie können bei gleichbleibenden Zimmertemperaturen nicht überleben, sie brauchen einen Winter. Tropische Pflanzen sind ideal, sie ziehen sich nicht monatelang zurück. Aus welchen Weltregionen überhaupt neue Zimmerpflanzen kamen, bestimmten zunächst Schiffrouten: ZSP 13 Gröger Wenn Sie sich anschauen, so geschichtlich, wo die meisten Zimmerpflanzen herkamen in der Anfangszeit, dann stammen viele aus Südafrika, eben grad wegen diesen günstigen Schiffsverbindungen. Oder aus der direkten Umgebung von Rio de Janeiro stammen viele entscheidende wichtige Zimmerpflanzen! ERZÄHLER Das Usambaraveilchen mit seinen Samtblättern, der Philodendron, der Weihnachtskaktus, das flammende Käthchen: Lauter Pflanzen, die gut erhalten in Europa ankamen. Natürlich ging es ihren reichen exzentrischen Besitzern in Europa dann auch darum, diese Kostbarkeiten am Leben zu erhalten. Wieviel Wasser braucht das neue Prachtstück und wie oft? Will es in sandiger oder in lehmiger Erde eingetopft sein, oder nur in einem Körbchen hängen und ab und zu gebadet werden wie die schöne Orchidee? Nur wenige grundsätzliche Bücher gab es zur Stubengärtnerei und die konnten nicht aktuell bleiben, weil immer Neues eingeführt wurde. Das bedeutete, man musste direkt mit den großen Spezialitäten-Gärtnereien Kontakt halten. ZSP 14 Gröger Und die hatten dann Gärtner mit viel Know-how, die wussten dann über die Sammler in welchen Bedingungen im natürlichen Lebensraum Pflanzen wachsen. Es war echt was für Spezialisten, nicht für das allgemeine, breite Publikum. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es die Verbreitung im Bürgertum. Aber die Arbeiterschaft, die hat den maximal ein Blumensträußchen auf dem Tisch stehen aber keine Zimmerpflanzen. ATMO 4 Kakteenhaus mit Schritten unter Erzählertext ERZÄHLER Unter den Zimmerpflanzen war der Kaktus eine frühe Modepflanze, die in Haushalte aller Schichten einzog. Auch auf Gemälden tauchten Kakteen schon Mitte des 19. Jahrhunderts auf, bei Carl Spitzweg zum Beispiel. Kakteen passten perfekt zur Temperatur damaliger Wohnräume: Denn im Winter haben es ein Kaktus bei uns gern kühl, im Sommer gefällt es ihm am sonnigen Fenster. Wirklich eine gute Zimmerpflanze für Anfänger, meint Gröger. Unter den artgerecht gepflegten Verwandten im großen Kakteenhaus des Botanischen Gartens in München sind einige Kakteen viele Meter hoch: ZSP 15 Gröger Kakteen-Kreuzung geht ganz einfach, hat man auch schon vor 150 Jahren gemacht. Und deswegen gibt es viele Kaktushybriden auch auf dem Markt. Die Kakteen sind natürlich das Sinnbild für Wüstenklimate. Aber das darf man nicht vergessen: Es gibt auch Kakteen in Regenwaldgebieten. Die leben dort nämlich im Kronendach. Denken Sie mal an den Osterkaktus oder Weihnachtskaktus oder die verschiedenen Blattkakteen, die sind alle epiphytische Kakteen, die im Kronendach leben! Die können zwar schon mit Wasserarmut umgehen, weil sie oben im Kronendach auch begrenzt Zugang zu Wasserreserven haben, aber sie vertragen durchaus Luftfeuchte! MUSIK „Mein kleiner grüner Kaktus“; ZEIT: 00:53 ERZÄHLER Im Zimmer wirkt ein Kaktus oft wie eine kleine lebende Skulptur. Das gefiel noch in den 1920er Jahren, der Zeit der Weimarer Republik, den Bauhaus-Architekten um Walter Gropius, erklärt Historikerin Rahemipour: ZSP 16 Rahemipour Da war ja ein unglaublich minimalistischer Lebensstil forciert, und da mussten die Zimmerpflanzen auch zu passen. Also es gibt ein Foto, auf dem Gropius einen Kaktus irgendwo stehen hat. Ansonsten wurde sogar in Pamphleten formuliert: Zimmerpflanzen passen nicht zu unserem Stil. Also bitte keine Zimmerpflanzen. Das war natürlich in der Zeit eine avantgardistische Mode und auch spezielle Menschen, die ihre Bauhauseinrichtungen pflegten. Aber die Mode der Zimmerpflanzen sollte sich eben auch danach richten. MUSIK ENDE ERZÄHLER Nicht nur Kakteen auch andere Zimmerpflanzen tauchen in den 1920er 1930er Jahren immer mehr in einfachen Wohnungen auf. Auch im Kleinbürgertum und bei den Bauern gehörten sie zur Ausstattung der repräsentativen guten Stube. Die waren meist recht kühl und nur zu besonderen Anlässen geheizt. Pflanzen wurden in diesen Kreisen aber selten teuer gekauft: ZSP 17 Gröger Tauschbörsen von Stecklingen gibt's jede Menge und ist bei Pflanzenliebhabern gang und gäbe, schon immer gewesen und auch heute noch. Klassiker ist zum Beispiel die Grünlilie. Die Grünlilie können sie fast nicht kaufen! Weil die sich so leicht daheim vermehrt, dass die einfach so untereinander privat weitergegeben wird und deswegen eine kommerzielle Vermehrung uninteressant ist. ERZÄHLER In das Geschäft mit Zimmerpflanzen stiegen in den 1930er 1940er Jahren immer mehr Gärtnereien ein. Sie mussten klug auswählen, welche Pflanzen sich nicht ganz so leicht von Laien vermehren ließ, damit die Gärtnerei am Gewinn beteiligt blieb. Und auf der anderen Seite durfte die Pflanzen nicht zu kompliziert sein, damit die Gärtnerei es selbst einigermaßen hinbekam, mit der massenhaften Vermehrung. So richtig los ging es für die Branche erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 50er 60er-Jahren. ZSP 18 Rahemipour Das heißt: mit Erfindung der Heizung der Zentralheizung zogen dann nach und nach Pflanzen ein, die heute auch noch sehr bekannt sind und sehr beliebt: Die Monstera zum Beispiel, oder Sukkulenten zogen in die Wohnzimmer ein, um dann dort zu leben. ERZÄHLER Monstera Deliciosa, das Fensterblatt mit seinen herzförmigen, gern mal DIN A 4 großen Blättern und den dekorativen Einschnitten darin, den Fenstern, bekam nun auch in der breiten Bevölkerung ihren großen Auftritt. Erschwingliche Möbel für Zimmerpflanzen kamen auf den Markt: Gestelle mit nierenförmigen bunten Podesten, auf denen ein ganzes Arrangement tropischer Pflanzen Platz hatte. Dazu Stäbe, an denen herabhängende Pflanzen aufgehängt werden konnten und an denen rankende Pflanzen wie die Monstera Halt fanden. ZSP 19 Rahemipour Mit Beginn der 60er-Jahre hat sich sogar die Architektur ein wenig nach den Zimmerpflanzen gerichtet. Plötzlich wurde etwas erfunden, so ein Zimmerpflanzen-Fenster: Ein Fenster, das sehr groß war, eine sehr breite Fensterbank hatte, wo dann alle Zimmerpflanzen Platz drauf fanden. ERZÄHLER Zimmerpflanzen wie Gummibaum, Alpenveilchen oder Azalee wurden ab den 1950er Jahren für jedermann erschwinglich und ein beliebtes Mitbringsel zu Festen aller Art. Gärtnereien boomten! Neue mit Erdöl und Erdgas betriebene Heizanlagen erleichterten das Erwärmen immer größerer Treibhäuser. Der Zimmerpflanzenhandel wurde ein Riesengeschäft und ist es bis heute: knapp 1,5 Milliarden Euro wurden im Jahr 2023 in Deutschland allein für Zimmerpflanzen ausgegeben. Und das sind nur 17 Prozent vom gesamten Markt für Blumen und Pflanzen in Deutschland. ZSP 20 Rahemipour Das heißt der Zierpflanzenmarkt als solcher war noch viel-viel größer. Also mit Pflanzen kann man einfach richtig reich werden. MUSIK „Frida“ ERZÄHLER Und die Gärtnereien verstehen es, Zimmerpflanzen auf den Markt zu bringen, die zum jeweilig modernen Wohnstil passen - auch Ende des 20. Jahrhunderts: MUSIK ENDE ZSP 21 Rahemipour Es gab vermehrt WGs, die Menschen ziehen öfter um, ziehen auch mal ins Ausland. Und auch hier hat sich die Mode der Zimmerpflanzen ein wenig angepasst als robuste Arten, wie zum Beispiel Ficus Benjamini und so weiter plötzlich in Mode gekommen sind. Die haben es wirklich toleriert, dass man alle zwei Jahre mal das Zimmer gewechselt hat und dann nur das Bäumchen mitgenommen hat. ERZÄHLER Die Yucca-Palme war so ein extrem robustes Mode-Gewächs der 1980er 1990er Jahre. Gern wurde sie so eingetopft, dass ein handliches Stück Stamm aus der Erde wuchs, der jederzeit wieder eingekürzt werden konnte, falls mal was schiefging mit dem Gießen. Oft waren es nun Hydrokultur-Kübel, in denen Zimmerpflanzen gezogen wurden: gefüllt mit kleinen braunen Kügelchen aus Ton, angereichert mit Nährflüssigkeit. Heute werden Pflanzenmoden in noch viel kürzerer Taktung eingeläutet als zu Beginn. Influencerinnen und Influencer auf Youtube oder Instagram zeigen sich gern mit ihren tropischen Pflanzensammlungen. MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:51 ZSP 22 A Rahemipour Und weil ich vorhin schon mal von der Ananas gesprochen habe. Es gibt gerade eine Neuzüchtung, wo eine Ananaspflanze im Prinzip die Frucht halb ausbildet, die dann quasi wie so eine Medaille auf der Pflanze selber sitzt. Sie ist wirklich ästhetisch sehr schön. Sie passt eben zu einer Wohnzimmereinrichtung. ZSP 22 B Gröger Man muss sich immer klarmachen: auch heutzutage bei Zimmerpflanzen geht es immer um was Neues! Die Gärtnereien versuchen immer, etwas Neues auf den Markt zu bringen: nicht den Gummibaum, den schon jeder kennt, Birkenfeige. Sind so Modewellen auch bei den Zimmerpflanzen. Es war schon immer so und es ist auch immer noch so.

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