Das Automobil - Die ersten 50 Jahre
25.06.2025 · 23 Min.
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Das Auto - vielgeliebt und vielgehasst. Was für die einen die absolute Freiheit bedeutet, ist für andere nur ein lärmender Klimakiller. Doch es dauerte lange, bis das Auto zum Massenvehikel wurde. Auf dem Weg dahin wurden auch einige Möglichkeiten ausgelassen - z.B. der Antrieb durch Elektromotor. Von Markus Mähner (BR 2021)
Credits
Autor dieser Folge: Markus Mähner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Julia Fischer, Peter Weiß
Technik: Ruth-Maria Ostermann
Redaktion: Thomas Morawetz
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Interviewpartner:
Prof. Kurt Möser, KIT Karlsruhe
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- Clausewitz reloaded - Die Philosophie und der Krieg
25.06.2025 · 24 Min.
Was ist der Krieg? Und wieso tendiert er in der Moderne oft zur äußersten Gewalt? Antworten darauf gibt es bei einem Klassiker der Militärtheorie: Carl von Clausewitz. Ein Denker, der das Verhältnis von Krieg und Politik auslotet und dessen Theorie heute wieder erschreckend aktuell geworden ist. Von Jerzy Sobotta (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Jerzy Sobota Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel, Florian Schwarz Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Berlin; Prof. Gunnar Hindrichs, Philosoph, Basel Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische Utopie Frieden ist ein großes Ideal, ein alter Menschheitstraum - und mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er schafft die Konflikte nicht aus der Welt, sondern hegt sie ein. Und vielleicht bedeutet nicht einmal der innere Frieden die absolute Stille aller Wünsche. Was macht Frieden aus? (BR 2022) Von Beate Meierfrankenfeld JETZT ENTDECKEN Vergebung als Chance - Ein Prozess der inneren Aussöhnung Wenn Beziehungswunden nicht heilen, können sie unser ganzes Leben verdunkeln. Die Verwundungen des Lebens holen uns immer wieder ein. Ein Plädoyer für echte Vergebung. (BR 2015) Von Elke Worg JETZT ENTDECKEN Kriegsenkel - Das besondere Erbe dieser Generation Transgenerationale Weitergabe nennen Psychologen das Phänomen der emotionalen Weitergabe von Kriegserlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, von dem wohl rund ein Drittel der Kriegsenkel betroffen ist. (BR 2017) Von Daniela Remus JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Literaturtipps: Carl von Clausewitz, „Vom Kriege“: Das Hauptwerk des Kriegstheoretikers, erstmals 1832 posthum veröffentlicht. Auch als günstige und gekürzte Reclam-Ausgabe erhältlich. Dietmar Schlösser, „Carl von Clausewitz“: Eine kurze Einführung in sein Denken und Leben. Gibt einen guten Überblick zur Erstbeschäftigung. Gunnar Hindrichs, „Abseits des Krieges“: Ein nachdenklicher philosophischer Essay, der die aktuelle Rückkehr des Krieges aus dem Blick bedeutender Philosophen – u.a. Clausewitz – verstehen und historisch fassen will. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es gibt Stunden, in denen die Geschichte plötzlich über das Leben der Menschen hereinbricht und alles verändert. Einer dieser Momente war die Nacht zum 24. Februar 2022. ATMO: Luftalarm-Kiew 01 OT: ARD-Nachrichtensprecher: Der russische Präsident Putin hat eine Militäroperation auf ukrainischem Gebiet angekündigt. Er habe die Entscheidung getroffen, sagte er in der Nacht in einer Fernseheransprache. 02 OT: Putin: … (russisch, 6 Sek. – Ohne OV) Overvoice männlich: Wir haben eine militärische Spezialoperation eingeleitet 03 OT: Wolodimir Selenskyj: Russland hat unser Land am frühen morgen brutal angegriffen, so wie es Nazi-Deutschland während des zweiten Weltkriegs tat. (OT ist overvoiced) SPRECHERIN Für die Ukraine hat Russlands militärischer Großangriff unermessliches menschliches Leid gebracht. Für Europa hat er eine Idee zerstört: Die Idee einer Europäischen Friedensordnung. Der Krieg ist zurück und er scheint die Welt in sich hineinzuziehen … Musik 2: The war rooms - 29 Sek SPRECHER Doch was ist Krieg? Wie bricht er aus? Und wieso führt er immer wieder in die äußerste Gewalt? Das sind Fragen, die sich auch Carl von Clausewitz gestellt hat: Der wohl wichtigste moderne Theoretiker des Krieges. Ein preußischer Offizier, der viele Kriege gesehen und sein ganzes Leben über sie nachgedacht hat. 04 OT Münkler: Intellektueller der das Wesen… „Also im Prinzip würde ich sagen: Clausewitz ist ein verkleideter Intellektueller, der versucht, ja im buchstäblichen Sinne das Wesen des Krieges – nicht seine Erscheinungen – sondern das Wesen des Krieges gedanklich zu erfassen.“ SPRECHER Das sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Clausewitz. „Vom Kriege“ heißt das dicke Buch, in dem der Preuße posthum seine Gedanken über den Ursprung und die Natur des Krieges hinterlassen hat. Ein fast 200 Jahre alter Wälzer, den man heute wieder lesen muss, sagt Herfried Münkler. 05 OT Münkler: Clausewitz als politische Erkundungsfahrt „Ein intellektuelles Abenteuer ist er in Zeiten, in denen allgemein Frieden herrscht. Eine politische Erkundungsfahrt ist es hingegen in Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, der Krieg drängt von vielen Seiten auf uns herein. Und wir kommen nicht weiter, wenn wir sagen: Und du bleibst draußen.“ Musik 3: The war rooms – siehe oben – 58 Sek 06 OT Münkler: Gefährliche Welt mit Gedanken durchdringen „Also Clausewitz gibt uns Kategorien in die Hand, mit denen wir auch in eine bedrohliche und gefährliche Welt hineinschauen können. Und sie überwältigt uns nicht, sondern wir durchdringen sie mit der Kraft des Gedankens.“ ATMO: Luftalarm: Ukraine 07 OT Von der Leyen: It is president Putin who is bringing war back to Europe. 08 OT Baerbock: Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht. 09 OT Steinmeier: Ja dies ist eine Zäsur, eine tiefe Zäsur und wir spüren das bis ins Mark. Sie, Ihre Familien und auch ich selbst. SPRECHERIN Der Krieg als Zäsur. Er hat in ganz Europa den Glauben erschüttert, dass mit dem Fortschritt der Frieden kommt. Plötzlich ist sie zurück, die Angst vor einem Zustand der nackten Gewalt. Wie umgehen mit ihr? Was offenbart der Krieg über unsere Gesellschaft? (Musik aus) Um einige Antworten zu bekommen, können wir zurückgehen, zum Ursprung des modernen Krieges: Zurück in die Zeit von Carl von Clausewitz. MUSIK 4 – Old and new – 59 Sek SPRECHER Auch er erlebt eine Welt im Aufruhr: Geboren 1780, zu Beginn der Französischen Revolution ist er 9 Jahre alt. Mit zwölf tritt Clausewitz in die preußische Armee ein, um Offizier zu werden. In diesem Jahr beginnt der Revolutionskrieg Frankreichs gegen die europäischen Königtümer – und mit ihm ein über zwei Jahrzehnte andauernder Europäischer Großkrieg um die Zukunft des Kontinents. SPRECHERIN Clausewitz sieht diesen Krieg schon mit Dreizehn in den Schützengräben von Mainz. Er sieht ihn als junger Offizier in der großen Schlacht vor Jena und Auerstedt, als Preußen verheerend geschlagen wird. Und er sieht ihn 1812, als er im Dienste Russlands gegen Napoleon kämpft. Er sieht, wie dessen 600.000 Mann starke Armee im russischen Winter von Hunger, Frost und Kanonen aufgerieben wird. SPRECHER Über zwanzig Jahre Krieg und die Umwälzung der politischen Ordnung in ganz Europa. Etwas an diesem Krieg hat sich fundamental verändert: Was genau es ist, darauf sucht Clausewitz sein Leben lang nach einer Antwort. Es hat etwas mit der Natur des Krieges in der Moderne zu tun. SPRECHERIN Auf dem Schlachtfeld beobachtet er bei den französischen Soldaten eine noch nie dagewesene Energie und Kampfbereitschaft. Es ist die Hingabe für die Sache der Revolution, die sie von einem Sieg zum nächsten eilen lässt. Musik 5: Lashed tot he Mast – 13 Sek ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg war urplötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden, und zwar eines Volkes von 30 Millionen, die sich alle als Staatsbürger betrachteten. SPRECHERIN Im Kampf ums Überleben erlässt die junge Republik 1793 eine Wehrpflicht – die Levée en masse. Es ist die erste Wehrpflicht in Europa, die hunderttausende begeisterte junge Männer zu Soldaten macht. Statt Diplomatie und den Kabinettstischen der Monarchen, ist es nun Propaganda für Millionen, die über Sieg und Niederlage entscheidet: Im entfesselten Krieg der politischen Ideologien kämpfen ganze politische Systeme ums Überleben, um Sein oder Nichtsein. SPRECHER Diese Erfahrungen lassen Clausewitz völlig neu über den Krieg nachdenken. Dabei leitet ihn eine wichtige Einsicht, sagt Herfried Münkler: 10 OT Münkler: Nicht Waffen sondern Ideen entscheiden Kriege Nicht waffentechnische Innovation, nicht technologische Neuerungen sind entscheidend dafür, dass eine Seite überlegen und die andere Seite unterlegen. Sondern der politische Wille: Die Opferbereitschaft und Leidensbereitschaft einer Bevölkerung und letzten Endes die politischen Konstellationen, die Durchhaltefähigkeit, die Opferbereitschaft entscheidet einen Krieg. Das ist schon ein gewichtiger Punkt, den er damals gesehen hat und der im weiteren Sinne bis heute Gültigkeit hat. Musik 6: Penny taken to the hospital – 1 Min. 11 OT Selenskyj: Mut der Ukrainer Overvoice männlich Die Ukrainer und ihr Mut haben die ganze Welt beseelt. Sie haben der Menschheit eine neue Hoffnung gegeben: Dass die Gerechtigkeit unsere zynische Welt nicht endgültig verlassen hat. Dass nicht die Gewalt siegt, sondern die Wahrheit, nicht das Geld, sondern die Werte, nicht Öl, sondern Menschen. SPRECHER Den Kampf um die Emotionen seines Volkes und die seiner Verbündeten, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schon in den ersten Wochen des Krieges gewonnen. Ein wichtiger Sieg. Denn wenn Emotionen und Ideen das ganze Volk ergreifen, dann wirken sie wie „blinder Naturtrieb“ – schreibt Clausewitz. Sie setzen die Energie des Kampfes frei – und die Energie der Gewalt. Für ihn eine durch und durch ambivalente Größe: Unverzichtbar im Krieg aber mitunter auch unkontrollierbar und unsteuerbar, mit einem Hang zum Anarchischen. MUSIK aus SPRECHERIN: Doch es ist nicht nur politische Propaganda, die in der Moderne ganze Nationen in einen Strudel der Gewalt hineinreißt. Es ist die Logik des Krieges selbst. Clausewitz versucht diese Dynamik der Enthemmung bereits in seiner Definition des Krieges zu erfassen. Dafür entwirft er folgendes Bild: Man stelle sich zwei Ringende vor, die sich im Zweikampf befinden. ZITATOR CLAUSEWITZ Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen. Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. SPRECHERIN Diese Definition ist das Herzstück der Theorie des Krieges von Clausewitz: Im Krieg geht es darum, dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen – mit nackter Gewalt. Weiter heißt es: ZITATOR CLAUSEWITZ Die physische Gewalt (..), ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung. ATMO: Explosionen von Bomben + Musik 7: Escape from the train – 48 Sek SPRECHERIN Vom Krieg erfasst, kann sich keiner der Gegner mehr aus ihm herausziehen – ohne den anderen zu unterwerfen. Hieraus ergibt sich eine eigentümliche Tendenz zur Eskalation der Gewalt, zur Verlängerung des Blutvergießens. ATMO: Explosionen, Düsenflieger ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum äußersten führen muss. ATMO: Bomben SPRECHERIN Es ist die berühmte Gewaltspirale: Das Wettrüsten, das schnelle Auflodern von bewaffneten Konflikten. Einmal in Gang gesetzt – ist sie nur noch schwer zu stoppen. (Musik aus) Clausewitz findet drei eskalierende Faktoren, die diese verhängnisvolle Wechselwirkung antreiben: SPRECHER Erstens: Wer mehr Gewalt anwendet, der ist im Vorteil – das gilt für beide. Zweitens: Man muss den Gegner wehrlos machen und ihn dauerhaft schwächen. Andernfalls schlägt er zurück. Damit zwingen sich beide gegenseitig aufs Ganze zu gehen. Das Maß der Enthemmung bestimmen nicht sie selbst, sondern jeweils der Gegner. Und Drittens: Die Feinde schätzen die Widerstandskraft des anderen ab. Und jeder will sie übertreffen. SPRECHERIN Diese Logik der Gewalteskalation kann bis zur völligen Vernichtung der Gegenseite führen. Clausewitz nennt das den „absoluten Krieg.“ 12 OT Münkler: absoluter Krieg Er führt den Begriff des ‚absoluten Krieges‘ ein, um die zumindest zunächst mal Denkmöglichkeit einer Steigerung bis zum Äußersten einzuführen. Und dann hinzuzufügen: Dass das auch Wirklichkeit wird – oder in die Wirklichkeit hereinspielt, davon müssen wir ausgehen. SPRECHERIN Erläutert der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Aus Clausewitz Begriff heraus kennt der Krieg also keine Mäßigung. Doch der „absolute Krieg“ beschreibt mehr die logische Tendenz des Krieges – die Richtung, die er seinem Begriff nach nimmt. Tritt der Krieg aber in die Wirklichkeit, so wird er sogleich ausgebremst und abgeschwächt. Denn dort wirken drei moderierende Tendenzen: SPRECHER Erstens: Feinde kennen und beobachten sich. Sie wissen um die Schwächen und Ressourcen des Gegners und können abschätzen, wie weit er gehen kann. Das mäßigt auch die Gegenseite. Zweitens: An die Stelle der Furcht vor einem Totalangriff tritt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, was der Gegner wo und wie einsetzen wird. Und Drittens: Eskalationen können unterlassen werden, als politisches Zeichen an die Gegenseite, dass man nicht aufs Äußerste geht. MUSIK 8: Old and New – siehe oben – 41 Sek SPRECHER Trotz aller mäßigenden Tendenzen der Wirklichkeit – der fast zwanzigjährige Krieg Frankreichs gegen den Rest Europas ist für Clausewitz besonders: Hier hat sich der wirkliche Krieg dem absoluten Krieg in beunruhigender Weise angenähert. Es ist ein Krieg aufs Äußerste, in dem sich bereits düster das Millionensterben der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts ankündigt. In ihnen trifft die politische Massenmobilisierung dann auf industrielle Massenproduktion: Hinterlader, Maschinengewehre, Giftgas, Panzer, Bomber … und letztlich die Atombombe. SPRECHERIN Clausewitz hat diese verhängnisvolle Dialektik des Fortschritts bereits mitgedacht. Er schreibt: ZITATOR CLAUSEWITZ Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt, so muß der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut. SPRECHERIN Der Fortschritt der Intelligenz und der Gebrauch der Gewalt stehen also nicht im Widerspruch zueinander. Das ist auch ein Urteil über die Aufklärung. Für Clausewitz wäre es falsch zu denken, dass der Prozess der Zivilisierung zu einer Abmilderung der Gewalt führt. Das nennt er sogar den „Irrtum der Gutmütigkeit“. Der Fortschritt geht vielmehr mit einer immer raffinierteren Entwicklung der Waffen einher. Damit setzt Clausewitz sich ab vom Philosophen Immanuel Kant, dessen eifriger Leser er ist. Gunnar Hindrichs, Philosophie-Professor an der Universität Basel, erläutert: 13 OT Hindrichs: Kant und der Friede Die Kantische Geschichtsphilosophie ist unter der Idee des Friedens gefasst. Friede als letzter Gesichtspunkt, unter dem menschliche Geschichte begriffen werden kann - auf den hinzulaufend menschliche Geschichte gedeutet werden muss. Und das bedeutet für Kant die zunehmende Verrechtlichung menschlicher Verhältnisse. SPRECHERIN Über das Recht und den Frieden macht Clausewitz sich nur wenig Gedanken. Für den Theoretiker des Krieges wäre Frieden vermutlich nur eine zeitweise und brüchige Abwesenheit von Krieg. Krieg ist für ihn vielmehr ein menschliches Faktum, das es zu verstehen und zu meistern gilt. 14 HINDR Clausewitz kennt keinen Frieden Und da könnte man sagen, dass Clausewitz diese Art von Versöhnung in der starken Emphase nicht kennt. SPRECHERIN Zwar ist Clausewitz ein Zeitgenosse Goethes und Hegels, doch sein Denken ist eigentlich bereits nach-klassisch, sagt Gunnar Hindrichs. Clausewitz ist ein politischer Realist: Die Gewalt des Faktischen hat alle geschichtsphilosophische Spekulation auf einen versöhnten Menschheitszustand verdrängt. Und trotzdem kann man bei Clausewitz erfahren, wie der Krieg eingehegt werden könnte. Der wichtige Begriff dabei ist aber nicht der Friede – sondern die Politik. MUSIK 9: Old and New – s.o. – 35 Sek ZITATOR CLAUSEWITZ „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln“. SPRECHER Das ist der zentrale Satz, der von Clausewitz bis heute in Erinnerung geblieben ist. Mit anderen Worten: Den Krieg versteht man nur, wenn man ihn von der Politik her denkt. ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg (…) ganzer Völker (…) geht immer von einem politischen Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen. Er ist also ein politischer Akt. SPRECHER Krieg ist also kein ewiger Zustand des Seins, keine Naturgewalt, die plötzlich über den Menschen hereinbricht. Sondern: Er ist eine bewusst herbeigeführte politische Entscheidung. Gunnar Hindrichs greift diesen Gedanken auf. In seinem Buch „Abseits des Krieges“ schaut er aus der Perspektive der Philosophie auf die neue Aktualität des Kriegs in Europa. Und auch der berühmte Clausewitz-Satz taucht darin auf: Dass der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. 15 OT Hindrichs: Clausewitz-Satz erklärt Das heißt: Fortsetzung heißt nicht „Absage von“, „brechen mit“, sondern heißt: Weiterführen. Und dieses Weiterführen erfolgt natürlich mit anderen Mitteln, das heißt: Es kommt etwas Neues hinzu. Da werden schon andere Mittel eingemischt. Aber gleichzeitig wird eben das Politische fortgesetzt. Das heißt, wir gehen nicht aus dem politischen Raum raus, sondern er bleibt der Horizont, in dem der Krieg zu verstehen ist und von daher begriffen werden muss. SPRECHER Die Politik setzt den Zweck des Krieges. Sie durchzieht ihn und übt fortwährend Einfluss auf ihn aus. Und der Krieg selbst ist bloß ein „politisches Instrument“. Für Gunnar Hindrichs steckt hier der Schlüssel für das moderne Verständnis des Militarismus und seiner Gefahren. 16 OT Hindrichs: Zwei Interpretationen Das ist für mich das Interessante, dass wir tatsächlich die beiden gesellschafts-philosophischen Interpretationen unserer bürgerlichen Welt von diesem Satz her unterschiedlich lesen können. Also lesen wir ihn einmal von rechts nach links oder von links nach rechts. SPRECHERIN: Da wäre zum einen das Verständnis, das Liberale und Konservative miteinander teilen: Militarismus entsteht dann, wenn sich das Gewaltmittel des Krieges über das politische Denken ausbreitet und es erdrückt. Wenn Krieg zum Selbstzweck wird. „Totalen Krieg“ nannte das Erich Ludendorff, ein wichtiger General im Ersten Weltkrieg. Und wenige Jahre später Nazi-Propagandist Joseph Goebbels. Alle Teile der Gesellschaft werden hier in den Bann des Krieges hineingezogen: Landwirtschaft, Industrie, Finanzen, Wissenschaft, Kirche – und die Politik. SPRECHER: Die Lehre aus der Katastrophe der beiden Weltkriege heißt: Der Krieg ist ein Handwerk; er muss von der Staatskunst eingehegt und eingegrenzt werden. Deswegen hat die Bundesrepublik eine Parlaments-Armee und bezeichnet ihre Soldaten als „Bürger in Uniform“. Das nennt Gunnar Hindrichs die liberal-konservative Militarismus-Kritik. In ihr kommt Staatskunst prinzipiell auch ohne Krieg aus. 17 OT Hindrichs: Linke Militarismus-Kritik Und die andere Seite würde sagen: Das ist genau die Illusion. Die bürgerliche Gesellschaft ist so verfasst, dass sie gar nicht ohne Krieg auskommen kann. Dass die bürgerliche Staatskunst immer schon an die Durchführung und Aufrechterhaltung jener sozio-ökonomischen Zusammenhänge gebunden ist, die gar nicht ohne Gewalt auskommen. Das heißt, sie birgt selbst bereits Gewalt und damit die Gefahr des Krieges in sich. SPRECHERIN Das nennt Hindrichs die „linke“ oder sozialistische Kritik am Militarismus. Diesem Verständnis nach ist Gewalt nicht ein Mittel, das zur Politik äußerlich hinzukommt. Sondern, die ökonomische Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft ist selbst latent gewaltförmig: durch wirtschaftliche Ausbeutung und die Unterdrückung von Klassen und Völkern zur Steigerung des Profits. SPRECHER In einer ähnlichen Weise hatte auch der französische Philosoph Michel Foucault den Satz von Clausewitz umgedreht: Die Politik sei die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Demnach ist es die latente Gewalt der Verhältnisse, die im Krieg augenscheinlich wird und den Schein der alltäglichen Zivilität zerreißt. Musik 10: Lashed to the mast – siehe oben – 33 Sek SPRECHERIN Aus dieser Perspektive lässt sich auch die Theorie von Clausewitz verstehen. Sie führt Folgendes vor Augen: Menschliches Handeln, das auf Konflikt und Konfrontation ausgelegt ist, führt in letzter Konsequenz in den Krieg. – Bis zur totalen Unterwerfung und Vernichtung des Gegners. Doch damit birgt die Theorie auch ihr Gegenteil, sagt der Philosoph Gunnar Hindrichs. Die Möglichkeit des Friedens: 18 OT Hindrichs: Über Clausewitz hinaus Durch die Betonung des Extremal-Prinzips Gegenhandeln ermöglicht Clausewitz uns zu verstehen, was die Überwindung des Krieges und der kriegerischen Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft darstellt. Nämlich: Menschliches Miteinander-Handeln und von diesem Miteinander-Handeln die Gesellschaft zu verstehen. Das steht zwar nicht in Clausewitz drin. Aber das ist dasjenige, was er uns ermöglicht zu begreifen. SPRECHERIN Derart gegen den Strich gebürstet, lässt sich also auch in Clausewitz ein utopischer Kern freilegen. SPRECHER Allerdings nur, wenn Clausewitz in seinem radikalen Realismus ernst genommen wird. Denn Miteinander-Handeln darf nicht in dem „Irrtum der Gutmütigkeit“ münden, warnt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Mit anderen Worten: Der Verzicht auf Gewalt ist historisch nicht verbürgt: 19 OT Münkler: Einziger genügt Und selbst wenn alle darauf verzichten, dieses Mittel einzusetzen. Es genügt ein einziger unter ganz vielen, der es gebraucht, um die anderen zu zwingen es auch zu gebrauchen, wenn sie nicht von ihm unterworfen werden wollen. ATMO: Luftalarm + Musik 11: Passing the point - 1:35 Min 20 OT Putin Abschreckungswaffen Overvoice männlich Ich befehle dem Verteidigungsminister, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in einen besonderen Kampfmodus zu versetzen. SPRECHER Der Russische Angriff auf die Ukraine hat zwei große Illusionen zerstört, sagt Herfried Münkler: Erstens, dass ein großer Krieg in Europa der Vergangenheit angehört. Dass der historische Fortschritt eine bleibende Friedensordnung auf dem Kontinent errichtet hat und der Krieg dem Handel gewichen ist. Und Zweitens: Dass im Zeitalter der Atombombe ein großer Landkrieg nicht mehr möglich ist. Damit hat dieser Krieg Grundsätzliches in Frage gestellt. Und Clausewitz kann dabei helfen, sich in dieser neuen – eigentlich ganz alten – Realität zu orientieren. 21 OT Münkler: Berlin und Kiew Wenn die verantwortlichen Politiker in Berlin Clausewitz gelesen hätten. Dann hätten sie nicht so gezögert und herumlaviert, erstens: Der Ukraine Waffen zur Verfügung zu stellen, die sie braucht, um sich zu verteidigen. Und zweitens: Die Rüstungsproduktion hochzufahren. Weil relativ früh klar war, das ist kein Niederwerfungskrieg, das ist ein Abnutzungskrieg.
- Wer bin ich, woher komme ich? Die Sehnsucht nach Herkunft
24.06.2025 · 22 Min.
Manche Menschen leiden, weil sie adoptiert oder in einer Babyklappe abgelegt wurden, das Produkt einer Samenspende sind oder die Vorfahren ermordet wurden. Warum ist das so schwierig für sie - selbst wenn sie von wohlwollenden, zugewandten Menschen großgezogen wurden? (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Ariane Stolterfoht Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Jungwirth, Katja Schild, Jennifer Güzel Technik: Daniela Röder Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Stefan Müller (Alias, Name der Redaktion bekannt), vaterloser Mann Verena Gräfin von Plettenberg, Krisenpädagogin und Sterbebegleiterin Irmela Wiemann, Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Familientherapeutin; Helen Epstein, Journalistin und Buchautorin („Die Kinder des Holocaust“); Isabelle M. Mansuy, Professorin für Neuroepigenetik, Universität & ETH Zürich; Wilhelm Vossenkuhl, Philosoph und Professor Emeritus für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Ein Freistaat unter Strom - Bayerns Hunger nach Energie
24.06.2025 · 25 Min.
Als Bayern sich zum Industriestaat entwickelte, wurde sein Hunger nach Energie immer größer. Vor allem auch der Hunger nach elektrischem Strom. Dabei gilt für Bayern, ein Land mit wenig Rohstoffen und ohne Meereszugang, schon lange: Der Zugang zu bezahlbaren Energieträgern ist ein Dauerthema. Von Lorenz Storch (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Lorenz Storch Regie: Martin Trauner Es sprach: Julia Fischer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. em. Dirk Götschmann (Uni Würzburg) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Welt in unter 30 Minuten besser verstehen? Das geht nicht? Doch, das zeigt der tagesschau Podcast 11KM JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: 9. September 1957. Bayern an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Euphorie im frisch gebauten „Atomei“ von Garching bei München. Viele Politiker sind da, und alle haben sie ein Strahlen im Gesicht, sie drängen sich um den Ort des Geschehens. Professor Heinz Maier-Leibnitz, Chef des neuen Atomforschungszentrums, geleitet die Ehrengäste zum Höhepunkt. ZUSP. 1 (vorne Atmo) „Also das ist jetzt ein Original-Element. Vielleicht können wir das Element nochmal hochhalten und das dann als eröffnet betrachten, wenn es Ihnen recht ist. Herr Ministerpräsident, wenn Sie es selber in die Hand nehmen wollen? Das ist unschädlich!“ (hinten Atmo, Gelächter, Ah, Oh) SPRECHERIN: Ein Mann im eleganten hellgrauen Anzug reckt mit einer Hand ein Bündel empor, das aussieht wie ein verschnürter Sack voll Zeltstangen. (ATMO Applaus aus Cartwall) SPRECHERIN: Euphorie, Siegerpose. Das Bündel enthält einen von 39 angereicherten Uran-Brennstäben – vor Kurzem eingetroffen aus den USA! Zwei Wochen lang waren sie mangels anderer Möglichkeiten im Tresor der Bayerischen Staatsbank zwischengelagert, aber nun ist das Uran ja angekommen in Garching. Und der dynamische Herr, der das Brennelement per Taschenmesser aus seiner Transportkiste geholt hat (ein Schraubenzieher war grade nicht zur Hand) - das ist der bayerische Ministerpräsident. Wilhelm Högner. Der einzige Sozialdemokrat, der jemals an der Spitze des Freistaats stand, macht Bayern zum Atomstaat. ZUSP. 2 „Im Namen der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Inneren heiße ich Sie im ersten Atommeiler Deutschlands herzlich willkommen.“ SPRECHERIN: Unter tätiger Mithilfe des Bundesministers für Atomfragen, Franz-Josef Strauß von der CSU. Der Atomminister, knapp über 40 Jahre alt, von Journalisten als „jugendlich-aggressiv“ beschrieben, sieht sich als Zukunftsminister. Auf die Frage, welche Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung nötig sein werden, wenn jetzt auch Bayern einen Atomreaktor hat, sagt Strauß: ZUSP. 3 „Es handelt sich um reine Forschungsreaktoren von geringer Kraft- und Wärmeleistung. Im Falle München von 1000 Kilowatt Leistung. Außerdem sind bereits mehrere Exemplare dieses Typs in den USA und anderen Staaten aufgestellt worden. Dieser Reaktor weist bereits hunderttausende von Betriebsstunden auf, ohne dass der geringste Unfall bisher passiert ist.“ SPRECHERIN: Die 1950er Jahre waren auch und gerade in Bayern eine Zeit ungeheurer Atomeuphorie. Man erhoffte sich von der Kernkraft billige Energie im Überfluss. Heimischer Kernbrennstoff sollte aus Uranbergwerken im Fichtelgebirge gewonnen werden. Was nie klappte, weil der Abbau dort sich als zu teuer erwies. Das vom Ministerpräsidenten begeistert gefeierte erste Paket mit Brennelementen musste 1958 in die USA zurückgeschickt werden, weil sich Fertigungsmängel zeigten. Und auch sonst kollidierten die hoch gesteckten Erwartungen an die Kernkraft alsbald mit der Realität, erzählt Historiker Dirk Götschmann, der eine Wirtschaftsgeschichte Bayerns geschrieben hat. ZUSP. 4 „Erwies sich dann natürlich doch alles als schwieriger, als man zunächst erhofft hatte. Das war natürlich langwieriger. Der Unterschied zwischen einem Forschungsreaktor und einem Reaktor zur Gewinnung von Energie. Der ist natürlich schon enorm. Und tatsächlich war es ja so, dass der Atomstrom über Jahrzehnte nicht konkurrenzfähig war. Wenn man also die ganzen Kosten mit einberechnet hat, die also der Bau und der Betrieb eines Atomkraftwerkes erforderte. Trotzdem hat man gemeint, dass das eben die Energiequelle der Zukunft sein wird, und man hat also daran festgehalten und hat das weiterentwickelt.“ SPRECHERIN: Einen substanziellen Beitrag zur Stromgewinnung in Bayern leistete die Kernkraft erst ab Ende der 1970er Jahre. Auf dem Höhepunkt, ab den 1990er Jahren, lieferte die Kernkraft dann allerdings zwei Drittel des bayerischen Stroms. Mit fünf Reaktoren an den Standorten Grafenrheinfeld bei Schweinfurt, Isar bei Landshut und Gundremmingen im Landkreis Günzburg. (MUSIK) SPRECHERIN: Angefangen hat die Geschichte der Elektrifizierung Bayerns jedoch mit einer anderen Energiequelle. Der Wasserkraft. Das Walchenseekraftwerk war der Ursprung des flächendeckend zusammenhängenden Stromnetzes in Bayern. ZUSP. 5 (Sprecher Fernsehbeitrag 1960er Jahre) „Oskar von Miller, Bayerns großer Ingenieur. Ihm ist nicht nur das Deutsche Museum zu verdanken. Er wurde 1918 von der Regierung zum ehrenamtlichen Staatskommissar für den Bau des Walchenseewerks und des Bayernwerks ernannt und hat mit seinem Stab tüchtiger Männer diese vielbestaunte Pioniertat vollbracht. Das Wasser des Walchensees wird durch einen Stollen im Berg in ein Becken, das Wasserschloss am jenseitigen Hang, geführt. Durch riesige Druckrohre schießt das Wasser zu Tal. Die Energie des Walchenseewerkes speist über die große Stromschiene der Bayernringleitung das deutsche Verbundnetz. Damals 1918/19/20 war man in Bayern skeptisch. Was wollte Miller mit diesem Überfluss an elektrischer Energie?“ SPRECHERIN: Das Walchenseekraftwerk liefert seinen Strom bis heute teilweise in das Netz der Deutschen Bahn. Und bereits der Bau des Kraftwerks damals war eng verknüpft mit dem Plan zur Elektrifizierung der Eisenbahn in Bayern. Ähnlich wie in der nahen Schweiz wurde diskutiert, möglichst das gesamte bayerische Schienennetz elektrisch zu betreiben. Allerdings erhoben die bayerischen Generäle Einspruch: Was, wenn im Kriegsfall der Strom ausfällt? Wie sollten dann Truppen transportiert werden? Noch gewichtiger war aber ein zweiter Einwand, so Wirtschaftshistoriker Dirk Götschmann: ZUSP. 6 „Dass eben die bayerischen Lokomotivhersteller zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz fit waren, was die Produktion von elektrischen Lokomotiven anbelangte und man eigentlich, wie soll ich sagen, diesen Zukunftsmarkt nicht irgendwelchen auswärtigen preußischen Herstellern überlassen wollte, Und dann hat Krauss-Maffei eben zu diesem Zeitpunkt eine besonders effektive Dampflokomotive entwickelt, die damals wirklich konkurrenzlos gut war, sparsam im Gebrauch und schnell, sodass man also gesagt hat: Wenn wir jetzt eine solche Super-Dampflokomotive haben, wozu brauchen wir dann eine elektrische Bahn: Das geht doch so auch.“ SPRECHERIN: Und so fehlt dank der damaligen Rücksicht auf die bayerische Dampflokindustrie bis heute an der Hälfte der Bahnstrecken im Freistaat die Oberleitung. Während das Bahnnetz der Schweiz zu 100 Prozent elektrifiziert ist. (MUSIK) SPRECHERIN: Statt mit elektrischem Strom fuhren die meisten Loks in Bayern also weiter mit Kohle. Aber auch in der Stromproduktion kam Bayern – trotz der Wasserkraft – nicht ohne Kohle aus. Schon bei den ersten Anfängen im 19. Jahrhundert, als noch kein Verbundnetz für Strom existierte, lieferten Dampfmaschinen die Elektrizität überall dort, wo Wasserkraft nicht zur Verfügung stand. Später mussten die Kohlekraftwerke vor allem im Winter einspringen, wenn in den Flüssen weniger Wasser fließt. Und auch sonst lieferten die Kohlekraftwerke regelmäßig, vor allem zu Spitzenzeiten des Verbrauchs. Und mit der Zeit immer häufiger, denn der Stromverbrauch in Bayern stieg. Was vor allem mit dem Aufstieg der bayerischen Industrie zu tun hatte. ZUSP. 7 „Damals war der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung eben alles, was mit Elektroindustrie zu tun hatte. Nicht nur die Elektroindustrie selbst, die Maschinen und derartiges hergestellt hat, sondern auch die Industrie, die also in starkem Umfange Strom benötigt hat, zur Produktion ihrer eigenen Güter, dazu dann elektrische Maschinen und so weiter im Einsatz hat. Und es waren sehr viele Maschinen. Also alle Bohrmaschinen, Drehbänke, Fräsmaschinen und so weiter wurde ja dann schon elektrisch betrieben.“ SPRECHERIN: Schwerindustrie wie Stahlhütten, die in großem Maße Kohle verbraucht, spielte in Bayern stets eine geringere Rolle. Weil die großen Kohlereviere Westdeutschlands zu weit entfernt waren. Zwar konnte die Kohle von dort mit der Eisenbahn nach Bayern transportiert werden. Was der bayerischen Staatsbahn auch schöne Einnahmen brachte. Aber dadurch wurde der Brennstoff teuer. Was zu einer Chance für Bayerns heimische Kohle wurde. Die Pechkohle im Alpenvorland war von schlechter Qualität, für Hüttenwerke nicht geeignet. Und kam in dünnen Flözen vor, eher schwierig abzubauen. Trotzdem gab es für einige Jahrzehnte eine Marktlücke für diese oberbayerische Kohle. Für die Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg spielte sie eine große Rolle, auch noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dann ging es aber schnell bergab. ZUSP. 8 (Sprecher TV-Beitrag) „Die Arbeit des Bergmannes war ein Fundament wirtschaftlicher Macht. Leistung und Tradition schufen den Bergleuten eine Stellung, die erst vor einem Jahrzehnt ins Wanken geriet. Seit 1958 steckt der deutsche Bergbau in einer Krise. Auch der oberbayerische Pechkohlenbergbau war davon betroffen. In den vier Zechen Marienstein, Penzberg, Hausham und Peißenberg waren die Schwierigkeiten noch größer, weil dort ohnehin unter ungünstigeren Verhältnissen abgebaut werden musste, als bei der Konkurrenz an Saar und Ruhr.“ SPRECHERIN: 1971 schloss das letzte bayerische Bergwerk, wo unter Tage Kohle abgebaut wurde, in Peißenberg. In der Oberpfalz dagegen, wo Braunkohle im Tagebau gefördert werden konnte, war sie konkurrenzfähig. Hier erreicht die Kohleförderung mit großen Schaufelradbaggern erst in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt. ZUSP. 9 (TV-Sprecher) „Schließlich entfalten die Braunkohlenfelder, die sich vor allem im Schwandorfer Gebiet befinden und rund hundert Millionen Tonnen umfassen, einen wichtigen Rohstoff. Hier hat vor kurzem die BBI, die bayrische Braunkohlenindustrie AG, ein großes neues Abbaugebiet in Rauberweiher erschlossen. Das ist eine zwar nicht sehr leistungsstarke, aber billige Kohle, die das nahegelegene Dampfkraftwerk Dachelhofen bei Schwandorf speist. Dieses Kraftwerk ist für die Stromversorgung Bayerns von großer Bedeutung.“ SPRECHERIN: 1981 ist das Kohlevorkommen bei Schwandorf jedoch erschöpft. Danach werden die Gruben geflutet – sie bilden heute das Oberpfälzer Seenland. (MUSIK) SPRECHERIN Aber die Tage der Kohle als Haupt-Energieträger waren da ohnehin längst vorbei. Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Zeit des Öls an. Im Autotank, als Treibstoff für die Massen-Motorisierung. Als Heizöl in den Kellern der Häuser. Aber auch zur Herstellung von Strom: Vor den Ölkrisen war Erdöl billig, deshalb wurden damals Heizöl-Kraftwerke gebaut. Unter anderem an der Donau, in Irsching bei Ingolstadt und Pleinting bei Vilshofen. Und weil man diesen neuen Energieträger per Pipeline transportieren konnte, sah Wirtschaftsminister Otto Schedel von der CSU eine neue Chance für das energie-arme Bayern. Eine Pipeline vom Mittelmeerhafen Triest nach Ingolstadt an der Donau! ZUSP. 10 „Ich wollte die günstige Lage des Landes zu den Ländern, in denen Öl gefördert wird, ausnutzen. Was ich damit meine, zeigt ein Blick auf die Karte, wenn die Pipeline, die in drei Ländern im Bau sich befindet, Ingolstadt-Triest, fertig ist und der Seeweg noch kürzer wird. Wir sparen 4500 Kilometer, haben nur noch die Hälfte der Transportwege. Das bedeutet billiges Öl und billige Energie in Bayern. Das bedeutet Überwindung der Revierferne.“ SPRECHERIN: Rund um Ingolstadt entstehen durch den Bau der neuen Pipeline fünf Raffinerien. Damit ist Regensburg ausgebootet, das mit seinem Donauhafen bis dahin das Zentrum der bayerischen Ölindustrie gewesen war. Nach den Ölkrisen der 1970er Jahre wird das Erdöl allerdings deutlich teurer. Eine weitere Raffinerie, die Texaco im Raum Ingolstadt plante, wird deshalb nie gebaut. Heute sind von den ursprünglich sechs bayerischen Raffinerien noch vier in Betrieb. (MUSIK) SPRECHERIN: Und auch das Öl bekommt neue Konkurrenz: Durch Erdgas. Erst aus eigener Produktion im bayerischen Alpenvorland. Dann aber folgt schnell importiertes Erdgas. Bayerische Politiker waren führend beteiligt daran, die so genannten Erdgas-Röhren-Geschäfte mit der Sowjetunion anzubahnen. Und 1973 ist es dann so weit. ZUSP. 11 (TV-Sprecher) „Für die Energieversorgung der Zukunft fressen sich also die kostspieligen Rohrleitungen durch die idyllische Landschaft der Oberpfalz wie hier bei Nabburg. Die Bewältigung der umfangreichen Schweißarbeiten liegt dabei fest in indischer Hand. Die billigeren, angelangten Kräfte aus Fernost mit einem Sonder-Gastarbeiterstatus ersetzen die deutschen Fach-Schweißer, für die Spitzenlöhne bis zu 6000 Mark gezahlt werden müssten. Trotz solcher Sparmaßnahmen belaufen sich die Kosten pro laufendem Meter Erdgasleitung aus druckfestem und gleichzeitig schweißfreundlichem Spezialstahl auf 1500 Mark. Der Kilometer kommt also auf 1,5 Millionen ohne Planungs- und Rechteerwerbskosten für den Grund und Boden. SPRECHERIN: Schon damals ist der Bau neuer Energie-Infrastruktur ein Eingriff in die Landschaft. Schon damals auch sehr teuer. Und: Schon damals subventioniert der Staat den Bau der neuen Leitungen für Erdgas. Es gibt Werbekampagnen, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, ihre Heizung und ihre Herde auf Erdgas umzustellen. Mit Erfolg – wie dieses Interview mit einem Vertreter der Münchner Stadtwerke zeigt: ZUSP. 12 „Herr Stahlknecht, wie notwendig ist für die städtische Energieversorgung die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas?“ – „Die Nachfrage nach dem Energieträger Erdgas steigt laufend. Wir haben derzeit in München Steigerungswerte von 20 Prozent. In exakten Zahlen haben wir im Jahr 1972 2,7 Milliarden Kubikmeter Gas abgegeben. Diese riesigen Mengen an Gas können nicht mehr durch Stadtgas, das man früher aus Kohle gewonnen hat, gedeckt werden.“ SPRECHERIN: Auch in den Städten müssen die Leitungen – und auch die Gas-Herde - umgebaut werden, weil das Erdgas einen anderen Heizwert hat und einen anderen Betriebsdruck als das Stadtgas, das zuvor jeweils vor Ort aus Kohle hergestellt worden war. Teilweise gibt es Zuschüsse, um die Umstellung den Kundinnen und Kunden schmackhaft zu machen. Über die Abhängigkeit von der Sowjetunion, die Deutschland durch die Erdgasgeschäfte eingeht, wird damals durchaus diskutiert. Aber Wirtschaftsvertreter beschwichtigen. Im BR-Fernsehen 1973 ein Herr Dehner: ZUSP. 13 „Von dem gesamten Erdgas-Aufkommen der Bundesrepublik wird das sowjetische Erdgas nach gegenwärtigem Sachstand vielleicht 15 Prozent ausmachen. Sie sehen also, dass ein Abschalten des russischen Gases aus politischen Gründen oder auch aus technischen Gründen vielleicht zu örtlichen Störungen führen würde. Einen Zusammenbruch unserer Energieversorgung aber würde es jedenfalls nicht riskieren.“ SPRECHERIN: 2021, vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine, lag der russische Anteil an den deutschen Erdgasimporten dann allerdings bei vollen 65 Prozent. ZUSP. 14 „Eine sehr viel genutzte Energiequelle. Und die war tatsächlich auch unschlagbar billig. Das muss man eindeutig sagen. Es hat also zu dem industriellen Aufschwung, der sich dann in Bayern fortgesetzt hat, in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, hat diese billige Energie durchaus einen Beitrag geliefert. Das kann man überhaupt nicht abstreiten.“ SPRECHERIN: Bilanziert Wirtschaftshistoriker Dirk Götschmann. (MUSIK) Und die Kernenergie? Ist in Bayern seit April 2023, mit der Abschaltung von Isar 2 bei Landshut, ebenfalls Geschichte. Es gab folgenschwere Unfälle – 1975 sterben im Kernkraftwerk Gundremmingen A zwei Arbeiter durch austretenden radioaktiven Dampf aus dem primären Kühlkreislauf. 1977 dann im gleichen Reaktor: Kurzschluss, Sicherheitsventile reißen ab, radioaktiver Dampf strömt in das Reaktorgebäude – das dadurch überflutet und kontaminiert wird. Der Reaktor geht nie wieder ans Netz. Ein GAU oder Störfall mit Austritt großer Mengen Radioaktivität in die Umwelt ist Bayern aber erspart geblieben. Anders als Japan. Dort passiert 2011 die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Danach drängt Markus Söder, damals CSU-Umweltminister, darauf, die bayerischen Kernkraftwerke so schnell wie möglich abzuschalten: ZUSP. 15 „Unser Ziel ist, einen Ausstieg bis 2020 zu ermöglichen. Spätestens bis 2022, das muss man evaluieren.“ SPRECHERIN: Ministerpräsident Horst Seehofer verkündet in einer Regierungserklärung im Landtag: ZUSP. 16 „Die bayerischen Kernkraftwerke, meine Damen und Herren, werden abgeschaltet. 2022 Isar 2. In elf Jahren, meine Damen und Herren, ist also in Bayern kein Kernkraftwerk mehr am Netz, und zwar verlässlich und ohne Hintertürchen.“ SPRECHERIN: 2022 allerdings – unter dem Eindruck der Energiekrise nach Russlands Angriffskrieg – hat die CSU ihre Meinung geändert. Ministerpräsident Söder findet jetzt: ZUSP. 17 „Kernkraft auszuschalten, macht überhaupt keinen Sinn. Es gibt keine Argumente, außer ideologischen Basta-Argumenten, die Kernkraft nicht zu verlängern.“ SPRECHERIN: Mit ihrem Versuch eines Ausstiegs aus dem Ausstieg aus der Atomkraft drang die CSU dann jedoch nicht mehr durch. Die Ampel-Bundesregierung gab den letzten Atomkraftwerken noch eine Gnadenfrist von vier Monaten, doch dann war endgültig Schluss. War die Kernkraft auch eine billige Form der Stromerzeugung? Je nachdem, wie man es betrachtet, sagt Wirtschaftshistoriker Dirk Götschmann: ZUSP. 18 „Die Risiken musste der Staat übernehmen, um das mal so auszudrücken. Also die ganzen Investitionen in die Grundstruktur, die man überhaupt erst mal schaffen musste, das musste alles der Staat übernehmen. Also die Industrie hat sich da sehr zurückgehalten. Wie dann die Endrechnung tatsächlich ausschaut, wieviel Gewinn hat man jetzt aus dieser Stromerzeugung gezogen? Wo ist der Gewinn hingewandert. Was hat der Staat sozusagen, was für einen Anteil hat der Staat an diesem Gewinn? Hat er die Subventionen dann tatsächlich auch rentabel erscheinen lassen? Also das sind alles so Dinge, die ich glaube bis heute noch keiner beantworten kann.“ SPRECHERIN: Und die Zukunft? Es ist wieder eine Umstellung im Gang. Windkraft und Photovoltaik sollen künftig die wichtigsten Energieträger sein. Mit Wasserstoff betriebene Gaskraftwerke die Lücken füllen. Bayern wird weiter Energie importieren müssen – wie schon immer in den vergangenen 150 Jahren, seit die Industrialisierung Fahrt aufgenommen hat. Und die Energie wird nicht so billig sein wie an manch anderem Ort auf der Welt. Ebenfalls der historische Normalzustand in diesem Land fernab der Meere und mit wenig eigenen Ressourcen. Erst teure Kohle, dann teures Öl, dann eine Stromversorgung, die schon lange zwar sehr zuverlässig war, aber auch nicht besonders billig – egal ob der Strom mit Kohle, Erdgas oder Kernkraft produziert war. Unterm Strich hat es Bayern nicht geschadet, sagt Götschmann, der eine Wirtschaftsgeschichte Bayerns seit dem 19. Jahrhundert geschrieben hat – und dadurch die langen Linien sieht. ZUSP. 19 „Also man muss dann sozusagen in Bayern tatsächlich hochwertige Produkte herstellen, bei denen der Energieeinsatz nicht mehr so stark zu Buche schlägt. Und es war eigentlich ein Vorteil, kann man sagen für die Entwicklung der bayerischen Industrie, weil die bayerische Industrie dadurch gewissermaßen gezwungen war, rational zu arbeiten. Also immer fortschrittlich zu sein, möglichst energiesparende Verfahren zu entwickeln und hochwertige Produkte herzustellen. Also billige Energie verleitet natürlich auch dazu, dass man sie gewissermaßen verschwendet. Wenn die Energie teuer ist, dann versucht man, das Beste daraus zu machen. Und das kommt dann letztendlich den Produkten auch zugute.“ SPRECHERIN: Billige Energie ist schon seit Langem nicht der entscheidende Standortfaktor hier im Land. Und wird es mit einiger Sicherheit so schnell auch nicht werden.