Das Fenster - Geschichte mit Durchblick
05.03.2025 · 23 Min.
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Fenster gelten als Auge eines Hauses. Sie schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen, ermöglichen Aus- und Einblicke. Durch die Jahrhunderte haben sie ihre Form stetig gewandelt, genauso wie das Leben in den Räumen hinter den Fenstern Veränderungen unterlag. Von Susanne Hofmann (BR 2023)
Credits
Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Rahel Comtesse, Stefan Merki, Gudrun Skupin
Technik: Adele Meßmer
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:
Dr. Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege;
Dr. Barbara Perfahl, Wohnpsychologin
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR
Der Plan, das neue Rathaus nicht viereckig, sondern dreieckig zu bauen, stammte vom Schweinehirten. „Die Idee wird Schilda berühmter machen als Pisa mit seinem schiefen Turm!“, sagte er.
ERZÄHLERIN
Und so machten sich die Schildbürger an die Arbeit, errichteten drei Mauern und setzten ein Dach darauf. Bei der feierlichen Einweihung wollten die Bürger voller Stolz das neue Gebäude erkunden.
ZITATOR
Doch sie waren noch nicht auf der Treppe, da purzelten sie auch schon durcheinander und schimpften wie die Rohrspatzen. Da erst dämmerte es den Schildbürgern: „In unserem Rathaus ist es finster!“ Sie hatten doch tatsächlich die Fenster vergessen.
ATMO FENSTER zu + ATMO Fenster putzen
ERZÄHLERIN
Was für uns heute ein, inzwischen sprichwörtlicher, Schildbürgerstreich ist, war für unsere Vorfahren über viele Jahrtausende noch Normalität: Gebäude ohne Fenster: Finster, muffig, höhlenartig muss sich das angefühlt haben. Und dann, irgendwann, kam das Fenster.
Musik 2: Glass house - 58 sek
ERZÄHLER
Fenster – von lateinisch fenestra – bezeichnet eine Maueröffnung in einem Haus zur Belichtung und Belüftung von Innenräumen. Seit dem 8. Jahrhundert gehört das Wort Fenster zum deutschen Wortschatz. Wohnen ohne Fenster ist für uns unvorstellbar. Das bloße Dach über dem Kopf reicht nach heutigen Begriffen höchstens zum Hausen aus, nicht aber, um sich auch zuhause zu fühlen. Die österreichische Wohnpsychologin Dr. Barbara Perfahl befasst sich seit vielen Jahren mit Architektur und damit, wie Räume – und Fenster - wirken.
1. ZUSPIELUNG Perfahl 1:35
„Fenster spielen beim Wohnen und beim Einrichten eine ganz große Rolle und vor allem bei der Frage, wie wohl sich Menschen in Räumen fühlen. Ursprünglich sind Fenster ja einfach in Häuser geschnitten worden, sozusagen um Licht rein und ganz zu Beginn den Rauch rauszulassen. Und einen Sicherheitsaspekt hatte das auch noch. Man hat sich aus dem Haus heraus verteidigt, durch Fensterschlitze zum Beispiel. Aber im heutigen Wohnen spielt es eine ganz große Rolle: Die meisten Menschen suchen beim Wohnen Licht, je heller Wohnungen sind, desto wertiger und angenehmer werden sie wahrgenommen.“
Musik 4: Liz on top of the world –35 Sek
ERZÄHLER
Die Villa mit Panoramafenstern und entsprechend lichtdurchfluteten Räumen ist für viele der Inbegriff luxuriösen Wohnens. Idealerweise befindet sich das Haus in unbebauter Umgebung und erlaubt den Blick ins Grüne. Dass wir das als angenehm empfinden, hängt womöglich damit zusammen, so Wohnpsychologin Barbara Perfahl,
2. ZUSPIELUNG Perfahl 3:45
„dass der Mensch in unseren Breitengraden seit etwa 16 Generationen erst überwiegend sich in gebauten Räumen aufhält. Also das heißt, vor wenigen hundert Jahren war unser Lebensraum eigentlich das Draußen. … an und für sich sind wir als Menschen Geschöpfe des Draußen, darauf sind wir auch programmiert. Und deshalb suchen wir das auch im Drinnen.“
ERZÄHLERIN
Fenster schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen. Sie schirmen uns – zumindest in ihrer heutigen Form mithilfe von isolierenden Glasscheiben – vor widrigem Wetter und ungemütlichen Temperaturen ab und gewähren zugleich einen Blick ins Freie. Barbara Perfahl:
3. ZUSPIELUNG Perfahl 4.42
„Wir wollen uns die Natur auch reinholen. … Wir können uns besser konzentrieren, wenn wir einen Arbeitsplatz an einem Fenster haben, von dem aus wir ins Grüne schauen können, als wenn wir einen Arbeitsplatz haben, wo wir nicht so ein Fenster haben.“
ERZÄHLER
Der Schutz vor der Natur bei gleichzeitig größtmöglicher Nähe zur Natur scheint ein natürliches Bedürfnis zu sein. Die meisten von uns suchen in unserer Wohnung oder unserem Haus auch Erholung.
4. ZUSPIELUNG Perfahl 6.56
„Das heißt, wir brauchen diesen sicheren Rückzugsraum, um unsere Akkus wieder aufzuladen, um zur Ruhe zu kommen, um wieder aufzutanken. Und da brauchen wir es angenehm, gemütlich, schön. Und da gehört eben Licht, Helligkeit dazu, aber auch die Möglichkeit, zum Beispiel rauszugucken ins Grüne oder in den Himmel oder einfach an die Straße lang, also das zu steuern zu können, wie viel vom Außen ich sehe, das ist schon ein Aspekt auch von diesem Erholtseinkönnen.“
ERZÄHLERIN
Licht hebt die Stimmung, stärkt das Immunsystem, und wir brauchen es in vielerlei Hinsicht, zunächst einmal aus einem ganz praktischen Grund: Damit wir sehen, was wir tun.
5. ZUSPIELUNG Perfahl 2:40
„Wir haben ja jetzt ganz tolles, künstliches Licht, aber vor ein paar hundert Jahren hatten wir funzelige Kerzen gehabt und dort seine Arbeit verrichtet. Aber wir brauchen natürlich als Menschen auch Licht zur Steuerung unserer Körperfunktionen, Tag-Nacht-Rhythmus, Vitamin D-Bildung und solche Dinge, also wir brauchen Licht, um gesund zu bleiben. Und jetzt kann man in die Natur rausgehen, da hat man dann die Sonne, hat das Licht, aber man wollte schon relativ früh, im Grunde in dem Moment, wo man sich Häuser gebaut hat, das Licht möglichst auch drin haben.“
ERZÄHLER
Doch der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt: Fenster, die diese Funktion erfüllen, gibt es menschheitsgeschichtlich gesehen noch gar nicht so lange.
Musik 4: Mystique – 35 sek
ERZÄHLERIN
Als sich vor 10-12.000 Jahren erste Gemeinschaften an einem Ort niederließen und begannen, Häuser aus Stein zu bauen, war das noch eine finstere Angelegenheit. Denn Fenster besaßen diese ersten Häuser noch nicht. Maximal hatte man kleine Löcher in der Wand oder im Dach, um den Rauch des Feuers entweichen lassen zu können, an dem man sich wärmte und Essen kochte. Unpraktische Nebenwirkung: Auch kalte Luft und Feuchtigkeit drangen durch die Löcher ungehindert ins Innere.
Musik aus
ERZÄHLER
Später behalf man sich mit in Öl getauchten Tierhäuten, die man vor die Lüftungsschlitze hängte. So wurden Wind und Regen abgewehrt und es schimmerte zumindest eine Ahnung von Licht hindurch. In Gebrauch kamen außerdem Holzläden vor den Maueröffnungen, die man öffnen und schließen konnte. Die Wohnpsychologin Barbara Perfahl:
6. ZUSPIELUNG Perfahl 5:59
„Wir brauchen … ein Territorium, das uns gehört, wo keine Fremden reinkommen können, wo wir auch aber Schutz vor Einblicken zum Beispiel haben, also Privatsphäre gehört da ja auch dazu. Das heißt Fenster wären vor dem Sicherheitsaspekt betrachtet, eigentlich kleiner, besser: Je kleiner, desto weniger kann man reingucken.“
Musik 5: Historic Secrets (b) - 44 Sek
ERZÄHLERIN
Im meist heißen und trockenen Ägypten rund 1100 Jahre vor Christus wollte man sich vor allem vor der sengenden Hitze der Sonne schützen. Die Häuser der alten Ägypter muss man sich als einfache rechteckige Kästen vorstellen, erbaut aus Lehmziegeln. Der Wohnbereich, in dem man sich meistens aufhielt, befand sich ganz im Inneren des Hauses, umringt von kleineren Kammern. Man versuchte dadurch, die Hitze von draußen mit mehreren Mauern abzuschirmen. Diese Häuser nennt man auch Schneckenhäuser. Sie öffneten sich für gewöhnlich auf einen Hof, der oft überdacht war und auf dem man die meisten Arbeiten verrichtete.
Musik aus
ERZÄHLER
Zur Belüftung des Hauses dienten Schlitzfenster. Sie befanden sich ganz oben in den Räumen auf der sonnenabgewandten Seite. Ebenso wie die Eingangstüren, die sich in der Regel nach Norden öffneten, um den kühlenden Nordwind einzulassen. Vor den Schlitzfenstern wurden zum Teil auch Vorhänge aus Papyrus befestigt. Diese sollten ebenfalls vor der Sonneneinstrahlung schützen. Auch dünn geschliffene Scheiben aus Alabaster sind verbürgt. Alabaster, eine Art Gips, wirkt aufgrund seiner weißen Farbe und seiner transparenten Beschaffenheit ähnlich wie Milchglas. Im Inneren der Häuser herrschte also Dämmerlicht. Auch reich verzierte Fenstergitter aus Sandstein, die man zum Schutz der Privatsphäre anbrachte, verdunkelten die Räume.
Weil sich die Häuser trotzdem im Laufe des Tages aufheizten, bespritzten die Menschen ihre Böden mit Wasser, das in Krügen dafür bereitstand. Die Verdunstung sorgte für ein wenig Kühlung. Abkühlung suchten auch die alten Römer in der Antike. Wie sie lebten, interessierte schon den Universalgelehrten Johann Wolfgang von Goethe:
Musik 6: Dr. Mabus – 1:05 Minuten
ZITATOR (Goethe)
Neapel, den 13. März 1787
Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres.
ERZÄHLERIN
Goethe auf seiner Italienischen Reise nach dem Besuch der antiken Stadt Pompeij am Golf von Neapel. Sie wurde 79 vor Christus nach dem Ausbruch des Vesuvs verschüttet und blieb unter der Vulkanasche großenteils erhalten. Pompeji ist also ein Glücksfall für Archäologen. Die Stadt bietet einen Einblick in den Alltag und die Wohnverhältnisse der Menschen damals.
Goethe war fasziniert:
ZITATOR (Goethe)
Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet.
ERZÄHLER
Nicht alle Häuser der alten Römer waren fensterlos. Insbesondere die Häuser wohlhabender Bewohner hatten Fenster zum Garten oder zum Hof hin, noch ohne Verglasung allerdings. Viele Häuser erhielten ihr Licht von oben, durch eine Dachöffnung. Die großen Stadthäuser besaßen aber auch Fenster zur Straße.
Straßenatmo/Stimmengewirr/Wagengeräusche
ERZÄHLERIN
Die Stadt Rom war zur Kaiserzeit eine pulsierende Metropole mit über einer Million Einwohnern und aufgrund des steten Zuzugs bald hoffnungslos übervölkert. Die meisten Menschen lebten in winzigen Wohnungen oder Zimmern in mehrstöckigen Häuserblocks. Darin war es stickig und beengt, wie der Dichter Martial im 1. Jahrhundert nach Christus in etlichen Epigrammen beklagte.
ZITATOR Martial
„Ich lebe in einer kleinen Zelle, mit nur einem Fenster, das nicht einmal richtig passt. Boreas selbst, der Nordwind, möchte hier nicht hausen.“
ERZÄHLER
Das Leben spielte sich großenteils vor der Haustür ab, in Geschäften, Lokalen und öffentlichen Bädern. Nach Hause kamen die Römer vor allem zum Schlafen. Der Lärm, der von der Straße an die Fenster drang, muss beträchtlich gewesen sein: Wagen rumpelten über das Pflaster, Menschenmassen drängten sich durch die Gassen, Händler priesen ihre Ware an, Viehtreiber brüllten und Lehrer unterrichteten im Freien lautstark ihre Schüler. Ruhe in der Stadt zu finden – ein Ding der Unmöglichkeit, urteilte der römische Satirenschreiber Juvenal:
ZITATOR Juvenal
„Fragst du, woran hier die Mehrzahl dahinstirbt? Mangel des Schlafes Ist’s; denn welche gemiethete Wohnung lässt hier die Ruh zu? Nur der Reiche und Vornehme kann des Schlafes sich freuen; Das ist die Quelle der Krankheit; das Rasseln der Karren und Wagen In dem engen Gewirre der Gassen, das Fluchen und Schimpfen, das der Fuhrmann erhebt, wenn sein Vieh muss stehen.“
Straßenatmos weg + Fenster zu + Atmo Regen prasselt gegen Fenster
ERZÄHLERIN
Lärmreduzierendes Fensterglas entwickelten die Römer kurz nach Christi Geburt. Eine bahnbrechende Erfindung: Dank Glasscheibe können nun Wind und Wetter nach draußen verbannt werden, während das Licht ins Gebäude gelassen wird. Das Fensterglas kommt gerade rechtzeitig für die Eroberungsfeldzüge der Römer über die Alpen in den kühleren Norden. Nur dank Glasfenstern waren auch andere zivilisatorische Exporte der Römer in kältere Regionen überhaupt sinnvoll nutzbar – beispielsweise Fußbodenheizungen oder Thermen.
Atmo Therme + Wassergeplätscher…
ERZÄHLER
Hier, in ihren Badeanlagen, setzten die Römer wohl ihre ersten Glasfenster ein. Und zwar nach Süd-Westen ausgerichtet, so dass die Becken zu den Badezeiten zwischen Mittag und Abend die volle Sonne abbekamen und sich die Räume dadurch aufheizen konnten. Eines der ältesten erhaltenen verglasten Fenster stammt aus der Forumstherme in Pompeji: Eine etwa handtellergroße runde Scheibe in einem Bronzerahmen.
ERZÄHLERIN
Fensterglas, das noch über viele Jahrhunderte ein Luxusgut war, wurde nur in öffentlichen Gebäuden und in den Palästen der Reichen eingebaut. Die frühen Fensterscheiben muss man sich auch noch recht klein vorstellen, sie maßen in der Regel höchstens 20 mal 30 Zentimeter. Außerdem war das Glas matt, uneben und noch lange nicht so durchsichtig, wie wir es heute kennen. Hergestellt wurde es aus einer Mischung von Buchenholzasche und Sand, die man bei rund 1500 Grad Celsius miteinander verschmolz. Vermutlich wurde dieses frühe Fensterglas geblasen, aus der Glaskugel ein Zylinder geformt, welcher schließlich geteilt und ausgerollt wurde. Die Reste wurden wieder eingeschmolzen. Ein äußerst aufwändiger Prozess.
Musik 7: Virgo Virginum – 41 Sek
ERZÄHLER
Aus der Not des kleinen Formats machte man in der Gotik, also ab Mitte des 13. Jahrhunderts, eine Tugend. Man färbte das Glas bunt – unter anderem unter Beifügung von geringen Mengen Gold und Chrom – und setzte es mittels Bleifassungen zu Bildern zusammen. In den gotischen Kathedralen prangen seither prächtige, vielfarbige Glasfenster. Eines der größten ziert die Kathedrale von Metz: Es misst 6.500 Quadratmeter, ist also fast so groß wie ein Fußballfeld, und zeigt unter anderem verschiedene Marienbildnisse.
Atmo – Tür knarzt – Archiv
7. ZUSPIELUNG 1.20 Thomas Wenderoth
„Hier stehen wir in einem unserer Haupträume. Sie sehen, wenn Sie jetzt um sich schauen, auf der rechten Seite eben eine große Anzahl von Fenstern…Die kommen aus dem gesamten bayerischen Bereich.“
ERZÄHLERIN
Der Denkmalschützer Dr. Thomas Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, überblickt eine Sammlung von rund 200 historischen Fenstern, verstaut unter dem Dach des ehemaligen Klosters Thierhaupten. Sie alle haben einen hölzernen Rahmen, die meisten besitzen Glasscheiben, viele davon mehrmals unterteilt. Auch Butzenscheiben sind dabei sowie runde oder sechseckige Fensterscheiben.
ERZÄHLER
Das älteste Fenster im Fundus stammt aus einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert – ein übermannsgroßer klobiger Holzrahmen, oben gerundet – und ohne Fensterglas. Ein derart altes Fenster ist eine Rarität, die meisten Fenster aus der Zeit wurden entsorgt. Denn im 15. Jahrhundert führte ein Innovationsschub in der Glasproduktion dazu, dass Glas erschwinglicher wurde. Und mit der Verfügbarkeit stiegen die Ansprüche. Man brach größere Öffnungen in die Fassaden, die alten glaslosen oder kleinen Fenster wurden ersetzt und verschwanden meist spurlos.
8. ZUSPIELUNG 3.26 Thomas Wenderoth
„Also man kann rundweg sagen: Ab 1500 ist das Glas allgemein gebräuchlich - egal, ob wir jetzt eine ländliche, bäuerliche Situation haben oder einen herrschaftlichen Bau, und je nach Gattung und Geldbeutel des Bauherrn finden wir natürlich früher Glasfenster und bei ärmeren Personenkreisen eben später.“
Musik 8: Gespenstische Nacht – 51 Sek
ERZÄHLERIN
Bis 1500 besaßen die meisten Wohnhäuser hierzulande also keine Glasfenster, sondern Wandöffnungen, die mit hölzernen Fensterläden, Leder oder Tüchern verschlossen wurden. Diese Fenster dienten vor allem der Lüftung. Das war wohl auch nötig, schließlich lebten Mensch und Vieh über viele Jahrhunderte unter einem Dach, wie die Archäologin Imma Kilian in der „Geschichte des Wohnens“ schreibt:
ZITATORIN
„Stallgeruch, Essensdämpfe, Rauch, Kälte, Dunkelheit und Enge waren tägliche, gemeinsame Erfahrungen, die alle Hofbewohner verbunden haben, die aber auch zu Gereiztheit und Streit geführt haben werden.“
ERZÄHLER
Die Lüftungsfunktion lässt sich übrigens noch am englischen Wort für Fenster ablesen: Window. Es setzt sich aus „wind“ und dem altenglischen Wort für „eye“ zusammen, zu Deutsch Windauge.
Unsere Vorfahren hatten die Wahl: Licht oder Wärme in der Stube. Thomas Wenderoth
9. ZUSPIELUNG Wenderoth 7:45
„Das was sicher nicht komfortabel. Aber wenn man es nicht anders gewohnt ist und weiß, im Winter ist es kalt, und im Winter ist es eben nicht nur kalt draußen, sondern auch in meinem Haus nicht warm - man kannte es dann auch nicht anders.“
ERZÄHLERIN
Das Leben der Menschen im Mittelalter richtete sich vor allem nach der Natur, dem Lauf der Jahreszeiten, dem Sonnenauf- und -untergang. Es spielte sich überwiegend im Freien ab. Wohnpsychologin Barbara Perfahl:
10. ZUSPIELUNG 15:21
„Man hat ja auch das Draußen suchen müssen, um arbeiten zu können, weil man ja für ganz viele Arbeiten einfach Licht braucht, ne. Dann ist man eben bei fast jeder Witterung auch draußen gewesen. Und in den Wintermonaten waren halt bestimmte Arbeiten aber auch nicht möglich. Also wenn Sie an die Landwirtschaft denken, bäuerliches Leben, das hat sich natürlich in der hellen Jahreszeit abgespielt, und in den finsteren Monaten ist man dann aber drinnen gewesen und hat sozusagen das, was man sich erwirtschaftet hat, verarbeitet.“
ERZÄHLER
Im Laufe der Jahrhunderte verbesserte sich die Glasqualität zusehends – die Produktion wurde industrialisiert, Glas immer transparenter, und technische Fortschritte erlaubten, immer größere Scheiben herzustellen. Dennoch blieben Fenster eine Geldfrage. Wer betucht war, setzte auf große Fenster für seine Repräsentationsräume. Sie dienten auch dazu, nach außen hin zu zeigen, wer man war. In einigen Ländern Europas führten die Herrschenden Ende des 17. Jahrhunderts eine Fenstersteuer ein – sie hatte angeblich zur Folge, dass Hausbesitzer zum Teil Fenster
zumauerten oder möglichst fensterarme Häuser bauten, um weniger Abgaben zahlen zu müssen. Andererseits suchten sich reiche Familien gegenseitig zu übertrumpfen, indem sie ihre Häuser mit möglichst vielen Fenstern versahen.
Musik 9: Georgiana – 47 Sek
ERZÄHLERIN
Fenster entwickelten sich zu einem prägenden Gestaltungselement in der Architektur. Sie dienten dazu, Fassaden und Innenräume zu gliedern. Man setzte zur Unterteilung der Scheiben beispielsweise Sprossenfenster ein. Was ursprünglich einmal dazu gedient hatte, kleine und damit günstigere Scheiben zu einer großen Glasfläche zusammenzusetzen, hatte später rein ästhetische Gründe.
Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte man das sogenannte Winterfenster – eine zusätzliche Scheibe, die man in der kalten Jahreszeit mithilfe von Haken in die Fensterrahmen einfügte. Thomas Wenderoth:
11. ZUSPIELUNG Wenderoth 16:43
„Beim Einfachfenster mit einer einfachen Scheibe, da hat man im Winter Kondensat, und wenn es sehr kalt wird, eben dann die sogenannten Eisblumen am Fenster, weil das Kondensat, das sich auf der Scheibe sammelt, eben dann gefriert. …Und es war auch unseren Vorfahren schon ganz schnell deutlich und klar, dass, wenn ich eine zweite Fenster-Ebene einbaue, ich so ein Pufferraum bekomme zwischen diesen zwei Fensterebenen und eben die Innenseite meines Fensters dann nicht mehr null Grad hat, sondern dann doch plus fünf, sechs Grad und ich damit wenig Schwitzwasser habe und vor allen Dingen auch keine Eisblumen.“
ERZÄHLER
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es einen weiteren großen Sprung in der Technik der Flachglasproduktion. Ein neuartiges Verfahren erlaubte die Herstellung gleichmäßiger, hauchdünner und vollkommen transparenter Glasplatten. Damit handelte man sich allerdings wieder einen Nachteil ein: Die glasklaren Scheiben gewährten auch Einblicke von draußen, gegen die man sich wiederum mit Gardinen, Rollläden oder Fensterläden schützte.
Atmo Fenster öffnen
Musik 10: Belises et ses amants – siehe M1 – 1:00 Minute
ZITATOR
„Sie besprachen, wie man Licht ins Rathaus hineinschaffen konnte. Erst nach dem fünften Glas Bier sagte der Hufschmied nachdenklich: „Wir sollten das Licht wie Wasser hineintragen!“ „Hurra!“, riefen alle begeistert.
Am nächsten Tag schaufelten die Schildbürger den Sonnenschein in Eimer und Kessel, Kannen und Töpfe. Andre hielten Kartoffelsäcke ins Sonnenlicht, banden dann die Säcke schnell zu und schleppten sie ins Rathaus. Dort banden sie die Säcke auf, schütteten das Licht ins Dunkel und rannten wieder auf den Markt hinaus, wo sie die leeren Säcke wieder vollschaufelten. So machten sie es bis zum Sonnenuntergang. Aber im Rathaus war es noch dunkel wie am Tag zuvor. Da liefen alle traurig wieder ins Freie.“
ATMO Fenster schließen + Fenster putzen
ERZÄHLERIN
Der Schildbürgerstreich und der Blick auf die Geschichte der Fenster zeigen: Gäbe es keine Fenster – man müsste sie erfinden.
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TAKE 4 (O-Ton Schwabe) L: 0, 15 Wir wissen aus Verhaltensstudien auch sehr gut, dass emotional negative Ereignisse aber auch emotional positive Ereignisse tendenziell besser erinnert werden als die neutralen, alltäglichen Ereignisse. Das ist ein relativ robuster Befund in der Literatur. SPRECHERIN Ein relativ robuster Befund in der Literatur, das heißt, dieses Ergebnis hat sich in vielen unterschiedlichen Experimenten immer wieder bestätigt: Die emotionale Betroffenheit in einer Situation führt also dazu, dass sie intensiver im Gehirn verankert wird. Und das macht es wahrscheinlicher, dass sie im Gedächtnis als Erinnerung abgelegt wird, betont der Frankfurter Neurowissenschaftler Beck: TAKE 5 (O-Ton Beck) L: 0,20 Alles, was emotional ist, ist so eine Art Beschleunigung für das Lernen. 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SPRECHERIN Indem unser Gehirn vergangene Erlebnisse und Erfahrungen strukturiert und gewichtet und unter Umständen zu Erinnerungen macht, hilft es uns, unser Leben zu bewältigen, erklärt Lars Schwabe: TAKE 8 (O-Ton Schwabe) L: 0, 25 Das ist tatsächlich eine Idee, dass die maßgebliche Funktion des Gedächtnisses ist, uns eben auf ähnliche Situationen in der Zukunft bestmöglich vorzubereiten und daraus resultiert einfach auch der Umstand, dass dieses emotionale Gedächtnis, also die Steigerung der Erinnerungsfähigkeit emotionaler Inhalte, dass das auch ein grundadaptiver Mechanismus ist, der uns für zukünftige Gefahren bestmöglich vorbereitet. SPRECHERIN Es ist also vermutlich evolutionsbiologisch zu erklären, dass negative Erfahrungen besonders intensiv erinnert werden. Denn das hilft dabei, solche Erlebnisse in Zukunft zu vermeiden. Insofern könnte man auch sagen, dass ein pessimistischer Mensch sich v.a. davor schützen möchte, besonders negative Situationen zu erleben. Wie zum Beispiel das Anfassen der heißen Herdplatte. Biochemisch betrachtet lässt sich die intensive Erinnerung mit dem Hormoncocktail erklären, den der Körper in solchen Situationen ausschüttet. In glücklichen Momenten, wie beispielsweise bei der Geburt eines Kindes, produziert der Organismus besonders viel vom Botenstoff Dopamin, alltagssprachlich auch bekannt als ‚Belohnungshormon‘. Anders in einer emotional belastenden Situation: in der schüttet der Körper die Botenstoffe Noradrenalin und Cortisol aus, beide alltagssprachlich auch als ‚Stresshormone‘ bekannt. Vor allem diese Stresshormone aktivieren, so der gegenwärtige Wissensstand, die sogenannte Amygdala. Die ist, evolutionsbiologisch betrachtet, ein sehr alter Teil des Gehirns, häufig auch Mandelkern genannt, der für die Bewertung von emotional wichtigen, und zwar vor allem negativen Erlebnissen zuständig ist, ((erklärt Lars Schwabe: TAKE 9 (O-Ton Schwabe) L: 0, 13 Das heißt, die Amygdala sagt gewissermaßen, ‚hey, das ist jetzt eine extrem wichtige Situation, Hippocampus merk dir das mal besonders gut!‘, plakativ gesprochen und das ist der Mechanismus, der für aversive Ereignisse ganz gut etabliert ist. SPRECHERIN Auch für die Entstehung von Angst, die sich ja aus negativen emotionalen Erinnerungen speist, spielt die Amygdala eine wichtige Rolle. Forschende vermuten deshalb, dass es nicht nur graduelle Unterschiede gibt, in der Abspeicherung und Verarbeitung von positiven und negativen Emotionen in unserem Gedächtnis, sondern tatsächlich auch qualitative Unterschiede.)) Und das sei ja auch sinnvoll, so Psychologieprofessor Lars Schwabe, weil Erfahrungen und Erinnerungen unser Verhalten prägen. TAKE 10 (O-Ton Schwabe) L: 0, 17 Das heißt, unser Gedächtnis ist für unser Funktionieren im Alltag, in jeglicher Hinsicht, Motivation, Orientierung, Entscheidungsfindung absolut essentiell, aber auch essentiell dafür, wie wir uns als Person wahrnehmen. SPRECHERIN Ohne Erinnerung fehlten uns auch bedeutende Informationen über uns selbst. Deshalb, so Lars Schwabe, wüssten wir nicht, falls wir sie verlören, was wir für ein Mensch sind und was uns ausmacht. Wenig verwunderlich also, dass Erinnerungen auch mitbeeinflussen, wie Menschen auf die Welt, auf ihr Leben blicken. Sind sie eher optimistisch oder pessimistisch? Erwarten sie positive Entwicklungen für die Zukunft oder wird alles einfach nur immer schlechter? TAKE 11 (O-Ton Schwabe) L: 0, 24 Und wenn wir dann aufgrund unserer Stimmungslage oder unseres Naturells vorrangig negativ gefärbte Erfahrungen erinnern und diese in unserem Gedächtnis überrepräsentiert sind, dann kann das schon was sein, dass dann halt so ein sich selbst verstärkender Prozess fungiert dass man dann einen stärkeren Pessimismus an den Tag legt möglicherweise sogar zu eine depressive Stimmung neigt. SPRECHERIN Und daraus kann sich eine regelrechte Abwärtsspirale entwickeln, in der sich negative Erfahrungen und Erinnerungen dauerhaft selbst verstärken, erklärt Lars Schwabe: TAKE 12 (O-Ton Schwabe) L: 0, 31 Das heißt, dass wir erfahrungsbasiert bestimmte Schemata ausbilden, die Erwartungen widerspiegeln, was in einer bestimmten Situation vorhanden sein sollte. Und das leitet dann auch unsere Wahrnehmung und unsere Gedächtnisbildung, dass wir genau schauen, was sind die Aspekte, die bestimmte Situationen voneinander abgrenzen und was sind bestimmte Merkmale, die eigentlich überall da sind und das natürlich auch hilft für ein effizientere Gedächtnisabspeicherung. SPRECHERIN Im Alltag sprechen wir oft von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wenn Menschen vor einem Prüfungstermin, der Führerscheinprüfung oder dem Bewerbungsgespräch mutmaßen, „das wird sowieso nichts” oder „ich kann das nicht”. Damit meinen wir, dass jede und jeder unbewusst oder bewusst durch das Verhalten mit dazu beiträgt, wie bestimmte Situationen sich entwickeln. Und tatsächlich existiert eine solcher Mechanismus. In Experimenten konnten Forschende nachweisen, dass negative Erlebnisse eine pessimistische Grundhaltung befördern und diese dann wiederum dazu führt, negative Erlebnisse zu begünstigen. Aber, ganz entscheidend in diesem Zusammenhang: Negative Erlebnisse werden dadurch nicht verursacht! MUSIK SPRECHERIN Und noch ein wichtiger Unterschied: Negatives Erlebnis und negatives Erlebnis sind auf keinen Fall identisch. Krieg, Vergewaltigung und Folter sind selbstverständlich unter keinen Umständen zu vergleichen mit anderen Erfahrungen, die wir im Alltag oft als negativ wahrnehmen, wie beispielsweise einer ungerechten Kündigung. Dennoch gehen Menschen mit diesen unterschiedlich belastenden Erfahrungen sehr verschieden um. Und das liegt daran, dass nicht die objektive Schwere einer Situation dafür verantwortlich ist, sondern der Umgang des Individuums damit, erklärt Dr. Marlies Pinnow, Psychologin an der Ruhr-Universität in Bochum: TAKE 13 (O-Ton Pinnow) L: 0, 39 Im Falle einer negativen Emotion … Angst, Trauer, Wut, kommt es ja in der Regel zu einer Coping Reaktion, also sie müssen das irgendwie bewältigen … Davon ist es ja abhängig, wie ich diese Erfahrung verbuche. Die kann ich erfolgreich bewältigen, lerne dadurch noch etwas … oder aber ich bewältige die nicht erfolgreich. Und das sind ja häufig Leute, die wir dann in der Praxis in den Therapien sehen. Die mit irgendeiner Situation in ihrem Leben, im Sinne eines positiven Copings nicht klargekommen sind. SPRECHERIN Selbstverständlich gibt es Menschen, die derart viele unvorstellbar negative Erfahrungen machen, dass sie von diesen geprägt werden und keine Kraft mehr haben, optimistisch, also hoffend und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Menschen, die Kriege aushalten müssen, die Massaker und Terroranschläge überleben, Vergewaltigungen oder Folter überstehen. Aber nicht immer ist der Blick auf die Welt von solchen tatsächlich objektiv negativen Erlebnissen abhängig. Denn wie Menschen solche Erlebnisse verarbeiten, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, erklärt der Psychologe Lars Schwabe von der Universität Hamburg: TAKE 14 (O-Ton Schwabe) L: 0,22 Da gibt es eine ganze Reihe von Faktoren: Persönlichkeit, frühkindliche Erfahrungen, genetische Ausstattung aber eben auch bestimmte Erinnerungstendenzen. Wenn es aber so ist, dass eine Person real sehr viel negative Situationen erfährt, die dann natürlich auch im Gedächtnis stark abgespeichert sind, dann hat das natürlich auch Implikationen, dafür, was sie erwartet, was in Zukunft passieren wird. SPRECHERIN Menschen, die extrem negative Situationen erleben mussten, wie z.B. Folter oder Missbrauch, können beispielsweise in eine sogenannte ‚erlernte Hilflosigkeit‘ rutschen. Das heißt, dass die negative Erinnerung und damit eine pessimistische Grundhaltung zum bestimmenden Aspekt der Persönlichkeit wird: TAKE 15 (O-Ton Schwabe) L. 0, 10 Auch auf motivationaler Ebene, wo dann vielleicht so ein Pessimismus reinspielt, und auch auf kognitiver Ebene. Man sieht dann z.B. auch bestimmte Gedächtnis- oder Arbeitsgedächtnisauffälligkeiten. SPRECHERIN Aber auch bei denjenigen, die von solchen objektiv negativen Erlebnissen verschont sind, die Glück, Trauer, Wut und Freude in einem relativ gesicherten Umfeld erleben, so wie es für die meisten Menschen hier in Deutschland gilt, gibt es viele, die vor allem pessimistisch auf die Welt blicken. Sie haben eine Arbeit, werden auch mal krank, fallen durch Prüfungen oder werden von ihren Partnern verlassen, sie ärgern sich, wenn die Bahn unpünktlich, das Auto kaputt ist und das Lieblingsbrötchen ausverkauft. Unterschiedlich stark ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, so der gegenwärtige Wissensstand, wie Menschen mit solchen negativen Alltagserfahrungen umgehen: Manche sind eher Handlungsorientiert, andere eher Lageorientiert. Handlungsorientierte überlegen bei Missgeschicken und negativen Erlebnissen, warum ist das so gelaufen, welche Gründe gibt es dafür, wie kann ich damit in Zukunft umgehen? Was kann ich verändern, damit das nicht noch einmal passiert? Lageorientierte Menschen dagegen sind so auf die Lage bzw. Situation fixiert, dass sie es nicht - oder nur sehr - schwer schaffen, sich von dieser Erfahrung zu befreien, sich von dem Missgeschick zu erholen oder auch daraus für die Zukunft zu lernen, wie die Psychologin Margret Pinnow erklärt: TAKE 16 (O-Ton Pinnow) L: 0, 20 Wir haben diese Personengruppen tatsächlich in den Scanner gelegt… da haben wir angefangen zu schauen, weil es gibt Strukturen, die erlauben Emotionen besser zu regulieren und die sind tatsächlich bei den Handlungsorientieren stärker ausgeprägt als bei den Lageorientierten. SPRECHERIN Warum die einen deprimiert und pessimistisch reagieren, die anderen aber negative Erlebnisse und Niederlagen wegstecken, das ist bisher noch nicht richtig klar, sagt Marlies Pinnow. Sicherlich sind frühkindliche Bindungen dafür entscheidend, aber auch erlernte Emotionskontrolle und genetische Dispositionen. Fest steht, diese Eigenschaften beeinflussen, wie man auf die Welt blickt, welcher Blick sich verstetigt. Hinzu kommen darüber hinaus, neben diesen individuellen Persön-lichkeits¬merkmalen, auch noch weiter Faktoren. Sie liegen auf der gesellschaftlich-sozialen Ebene: TAKE 17 (O-Ton Beck) L: 0, 17 Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass wirtschaftlich sehr reife Gesellschaften dazu tendieren, pessimistischer zu werden. Weil sie einfach an einem Punkt angekommen sind, wo man sich kaum vorstellen kann, dass es besser werden kann und ich diesen ganzen Fortschritt und Wohlstand als selbstverständlich annehmen. SPRECHERIN Sagt der Frankfurter Neurowissenschaftler Henning Beck, der zum grassierenden, gesellschaftlichen Pessimismus im Herbst 2023 ein Sachbuch veröffentlicht hat. TAKE 18 (O-Ton Beck) L: 0, 23 Also für uns ist selbstverständlich, dass sauberes Wasser aus der Leitung kommt, für uns ist selbstverständlich, dass wir Erdbeeren im Winter kaufen können, ich kann mir alles liefern lassen, was ich will. Wir haben als Gesellschaft einen Zustand erreicht, der kaum noch verbesserungsfähig ist, in unserer Vorstellung. Welche Möglichkeiten hast du darauf psychologisch zu reagieren? Du schaust dir an, wo es schlechter werden könnte und hast Angst davor, und fängst also an zu verteidigen, was du hast. SPRECHERIN Genau das sehen und erleben wir zurzeit in vielen europäischen Staaten. Eine Umfrage des Forsa Instituts vom September 2023 hat beispielsweise ergeben: In Deutschland sind rund 46 Prozent der Befragten der Ansicht, dass es ihnen in zehn Jahren deutlich schlechter gehen wird als heute. Nur 17 Prozent blicken optimistisch in die Zukunft, und erwarten, dass es ihnen dann besser gehen wird. Eine gesellschaftliche Stimmung also, die eindeutig pessimistisch ist und die ihre Ursachen nicht nur in der Angst vor Verlusten hat, sondern auch darin, dass das, was gut läuft, nicht als positiv wahrgenommen wird, sagt Hennig Beck: TAKE 19 (O-Ton Beck) L: 0, 35 Warum sind Menschen so pessimistisch? Menschen erkennen den Fortschritt nicht. Also das Unglück ist sichtbar, das Glück auch, aber man sieht es nicht. Das Glück nimmt man eigentlich als selbstverständlich hin, also das, was früher eine medizinische Sensation war, früher war es eine Sensation, wenn du 90 Jahre alt geworden bist, heute regen sich 70,80jähirge auf, wenn sie in der Coronapandemie nicht mit einem Kreuzfahrtschiff fahren können. Ja, so ändern sich die Zeiten. Und dieser ganze Fortschritt, dass wir gesünder sind, besser leben, dass wir freier sind als früher, das sehen wir nicht, weil wir uns daran gewöhnt haben. SPRECHERIN „Früher war alles besser …” heißt es dann. Dabei sind immer mehr Krebsarten heilbar sind, deutlich mehr Menschen können lesen und schreiben, Demonstrationsfreiheit gilt selbst für abstruse Meinungen, sofern sie nicht gegen das Grundgesetz verstoßen. In Deutschland muss kaum noch jemand Hunger leiden, in Rhein und Elbe kann wieder geschwommen werden und die Zahl der Morde geht kontinuierlich zurück. Dennoch nehmen viele Menschen das ganz anders wahr. Neben den realen und beunruhigenden Kriegen und wirtschaftlichen Krisen, mit denen wir zur Zeit konfrontiert sind, gibt es dafür aber auch noch eine andere Erklärung: TAKE 20 (O-Ton Beck) L 0, 38 Das nennt man Reminiszenz Effekt. Das ist dieser Effekt, dass man sagt, früher war alles besser. Und man vergleicht die Gegenwart jetzt mit der Vergangenheit und stellt fest, ach früher war doch eigentlich alles okay. Und das ist ein psychologischer Streich, den uns unser Gehirn spielt. Denn ja, es stimmt, dass negative Sachen intensiver erlebt werden als positive, …, aber wenn es um das gesamte Leben geht und man schaut zurück, an was erinnert man sich am meisten? Am meisten erinnert man sich an die Phase in den eigenen 20ern. Das ist so die Phase, die am präsentesten ist. Man ist von zu Hause ausgezogen, hat irgendwo eine Arbeit angefangen, hat einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben kennengelernt, da ging´s ab. SPRECHERIN Und alles, was danach kommt, Konsolidierung im Beruf oder die Familienphase fällt dagegen ab, erscheint eher langweilig. Denn es passiert in der Regel deutlich weniger komplett Neues als in der Zeit zwischen 20 und 30: TAKE 21 (O-Ton Beck) L: 0, 30 Der Grundton, dass man danach nicht sooo viel erlebt … führt dazu, dass man im Laufe des Lebens sagt, ach ja früher, da ging es rund, da hab ich viel gemacht, da war alles gut und jetzt ist viel weniger los und es wird eigentlich alles immer schlechter. Das führt dazu, dass man so eine pessimistische Grundeinstellung hat, weil man die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleicht, obwohl das objektiv vielleicht gar nicht stimmt. SPRECHERIN Wenn große Teile einer Gesellschaft von dieser pessimistischen Grundstimmung erfasst werden, kann das, ganz pragmatisch betrachtet, durchaus problematisch sein. Denn in der gegenwärtigen Lage mit Erderwärmung, Kriegen und Krisen, brauchen Gesellschaften gute Ideen, und Menschen, die optimistisch in die Zukunft blicken, um die anstehenden Schwierigkeiten zu bewältigen und die Entwicklung zum Besseren wenden zu können. Pessimismus und der Blick zurück in eine vermeintlich gute Vergangenheit, ob persönlich oder politisch, ist dafür eher eine Sackgasse.
- Dario Fo - der Harlekin im Welttheater
04.03.2025 · 21 Min.
Dario Fo: Ein Narr, ein Komödiant, ein Schelm wollte er sein. Er selbst sah sich wohl am liebsten in der Rolle seines Lebens, die er sich auf den Leib geschrieben hatte: die des Harlekins, des Gauklers. Von Martin Trauner (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Xenia Tiling, Burchard Dabinnus, Friedrich Schloffer Technik: Josuel Theegarten Redaktion: Petra Herrmann-Boeck Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN
- Die Politik der Landkarten - Über Macht und Größenverhältnisse
04.03.2025 · 24 Min.
Landkarten - Bilden sie unsere Welt ab? Oder gestalten sie sie? Karten sind nützlich, aber limitiert. Ihre Entstehung ist Ausdruck von Macht, Geld und Zugang zu Bildung. Deswegen ist es sinnvoll zu wissen, welche Geschichte hinter Karten steckt - und welches Potential. Von Julia Fritzsche (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Julia Fritzsche Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling Technik: Anja Beusterien Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Boris Michel, Institut für Geowissenschaften und Geographie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Dr. Katrin Singer, Arbeitsgruppe Kritische Geographien globaler Ungleichheiten, Universität Hamburg Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Längen- und Breitengrade - Die Vermessung der Welt JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Kollektiv Orangotango (Hg.), „This is not an Atlas“. Ute Schneider, „Die Macht der Karten- Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute“. Finn Dammann, Boris Michel (Hg.), „Handbuch Kritisches Kartieren“. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.