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Das Kreuz - Zeichen des Widerspruchs und der Befreiung

17.04.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Die einen lehnen das Kreuz als Symbol einer blutigen Sühnopfertheologie ab, andere schätzen das Kruzifix als Zeichen der Solidarität mit den Elenden und Verfolgten, als Trost für leidende und sterbende Menschen. Von Christian Feldmann (BR 2014)

Credits
Autor dieser Folge: Christian Feldmann
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Caroline Ebner, Rainer Bock, Stefan Wilkening
Technik: Birgit Vetter
Redaktion: Bernhard Kastner

Interviewpartnerin dieser Folge:
Claudia Janssen (Dr.; Professorin; Hannoveraner Studienzentrum für Genderfragen der Evangelischen Kirche Deutschlands)

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

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  • Nunavut - Land der Inuit

    18.04.2025 · 24 Min.

    Nunavut heißt "unser Land" in der Sprache der Inuit; 1999 wurde das gleichnamige Territorium eingerichtet: Ein Gebiet sechsmal so groß wie Deutschland im äußersten Norden Kanadas und in direkter Nachbarschaft zu Grönland. Nur gut 40.000 Menschen leben dort in verstreuten Siedlungen und der Hauptstadt Iqaluit, knapp 31.000 von ihnen identifizieren sich als Inuit. Von Renate Ell (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Caroline Ebner, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dennis Patterson, bis 30.12.2023 Senator für Nunavut, zuvor u.a. Premier der Northwest Territories; Alexina Kublu, Dozentin für Inuktitut und Inuit-Kultur, Übersetzerin; P. J. Akeeaguk, Premier von Nunavut Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Literatur der Inuit - Hart am Rand JETZT ANHÖREN Linktipps: Die Qikiqtani Truth Commission hat einschneidende Entwicklungen in Nunavut im 20. Jh. aufgearbeitet, in ausführlichen Reports berichten Menschen über ihre teils traumatischen Erlebnisse. EXTERNER LINK | https://www.qtcommission.ca/en Inuit – Informationen der kanadischen Regierung: EXTERNER LINK | https://www.rcaanc-cirnac.gc.ca/eng/1100100014187/1534785248701 CBC North – Radio- und TV-Berichte aus Nunavut (Canadian Broadcasting Corporation, öffentlich-rechtlicher Sender): EXTERNER LINK | https://www.cbc.ca/news/canada/north/topic/Location/Nunavut Nunatsiaq News – Tageszeitung aus Iqaluit EXTERNER LINK | https://nunatsiaq.com/ Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Eine Reise nach Nunavut beginnt im Flugzeug – denn es führt keine Straße dorthin. Und man merkt gleich: Die Reise führt in ein ganz anderes Kanada. (1. ZUSP.) FLUGZEUG-SICHERHEITSANSAGE (Inuktitut) ERZÄHLERIN Die üblichen Ansagen gibt es nicht nur wie sonst in Kanada auf Englisch und Französisch, sondern auch auf Inuktitut – der dritten Amtssprache in Nunavut – übersetzt: „Unser Land“. Nunavut ist der Versuch, Kultur, Traditionen und Werte eines arktischen Jäger- und Sammler-Volkes mitzunehmen in ein Industrieland des 21. Jahrhunderts. Begonnen hat dieser Versuch 1999, als Nunavut autonom wurde. Musik 1 "Katuuti" - Ausführende: Alexis Bowles & Guillaume I. Saladin - Komponist: Alexis Bowles - Abum: Made in Igloolik - Länge: 0'53 SPRECHER Nunavut wurde am 1. April 1999 von den Northwest Territories abgetrennt. Die drei Territorien im Norden Kanadas sind extrem dünn besiedelt, deshalb werden sie zum Teil von der Bundeshauptstadt Ottawa aus verwaltet – anders als die Provinzen, die etwa unseren Bundesländern entsprechen. Obwohl Nunavut fünfeinhalb mal so groß wie Deutschland ist, hat es nur rund 41.000 Einwohner – überwiegend Inuit. Die Einwohner von Nunavut, Nunavummiut genannt, leben in 24 weit verstreuten Siedlungen und der Hauptstadt Iqaluit mit siebeneinhalb-tausend Einwohnern. Alle sind nur mit dem Flugzeug erreichbar – oder, für Gütertransporte, mit dem Schiff. ERZÄHLERIN Dennis Patterson könnte man als einen der Väter Nunavuts bezeichnen. Der Jurist aus dem Südwesten Kanadas kam in den 70er-Jahren als Rechtsberater nach Iqaluit, stieg in die Politik ein und setzte sich für die Abtrennung seiner Wahlheimat von den Northwest Territories ein. Vielen Menschen im Westen des riesigen Territoriums mit seinen Städten, intensivem Bergbau und großen Wäldern war die Region in der Arktis ohnehin fremd – und nicht nur das. (2. ZUSP.) DENNIS PATTERSON OVERVOICE MÄNNLICH Nunavut galt als ödes Land. Und als Belastung, wegen der Kosten für die Versorgung dieser abgelegenen, isolierten Gemeinden und der schnell wachsenden Bevölkerung. Deshalb gab es eine Bewegung, die sagte: Lasst sie gehen, dann kommen wir wirtschaftlich besser voran. ERZÄHLERIN Damals wusste man noch nichts von den begehrten Rohstoffen, die inzwischen in Nunavut entdeckt wurden. Aber die Menschen im hohen Norden haben bis heute auch ganz andere Beweggründe für ihre Unabhängigkeit. (3. ZUSP.) DENNIS PATTERSON OVERVOICE MÄNNLICH Nunavut wurde vor allem gegründet, um die Sprache und Kultur einer Minderheit zu erhalten. Die Inuit sind eine Minderheit innerhalb der indigenen Bevölkerung Kanadas. Das hat die Sprache sehr gestärkt – in einem Land, in dem indigene Sprachen ums Überleben kämpfen. Inuktitut ist dank Nunavut und anderen Regionen, in denen Inuit leben, bei weitem die stärkste indigene Sprache Kanadas. MUSIK 2 "Inuuganuuk" - Komponist: Terry Uyarak & Andrew Morrison - Album: Nunarjua Isulinginniani - Ausführender: Terry Uyarak - Länge: 0'26 SPRECHER Inuktitut gehört zu einer Sprachfamilie, die in der nordamerikanischen Arktis, in Grönland und Teilen Sibiriens verbreitet ist. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde für Inuktitut eine eigene Silbenschrift aus geometrischen Formen entwickelt; es wird aber inzwischen auch in lateinischen Buchstaben geschrieben. MUSIK 3 "Katuuti" - Ausführende: Alexis Bowles & Guillaume I. Saladin - Komponist: Alexis Bowles - Abum: Made in Igloolik - Länge: 0'33 ERZÄHLERIN Die Sprache ist weit mehr als ein Verständigungsmittel: Sie transportiert das Selbstbewusstsein der Inuit als eigenständige Kultur. Und eine eigene Art zu kommunizieren: Sehr viele Inuit klingen auch auf Englisch leiser und sanfter als Qallunaat – also „Nicht-Inuit“. Wobei sich das aber zu ändern scheint. Alexina Kublu, eine Inuk aus Nunavut, Dozentin für Inuktitut und Inuit-Kultur, hat es in einem Interview für radioWissen 2008 so beschrieben: (4. ZUSP.) ALEXINA KUBLU 2008 OVERVOICE WEIBLICH Würde man in einem Raum zehn Qallunaat in die eine Ecke setzen und zehn Inuit in die andere, würde man nach einer Weile nur noch die Qallunaat hören, weil alle durcheinander reden und jeder versucht, sich Gehör zu verschaffen. Qallunaat haben Angst vor der Stille. Und wenn es doch mal still wird, meint sofort jemand, was sagen zu müssen. Bei den Inuit redet einer, und die anderen nicken oder hören zu. Und wenn eine Person in der Gruppe noch nichts gesagt hat, werden alle sie anschauen. Aber nicht sagen: „Was meinst Du dazu“, sondern einfach still warten, und dann wird die Person anfangen zu sprechen, weil man ihr die Gelegenheit dazu gibt. ERZÄHLERIN Das ist bei Älteren immer noch so, sagt sie fünfzehn Jahre später. Auch bei politischen Auseinandersetzungen, etwa im Parlament, geht es ganz anders zu als in der kanadischen Hauptstadt. (5. ZUSP.) ALEXINA KUBLU OVERVOICE WEIBLICH Wenn im kanadischen Parlament jemand spricht, dann hören manche Leute gar nicht zu oder sie reden untereinander! Im Parlament in Iqaluit redet eine Person und alle anderen hören zu. On TV you watch the parliament of Canada. There'll be one person talking and there are people around who are not paying attention but talking to each other. Whereas in the legislative assembly in Iqaluit you have the one person talking and everybody is listening. ERZÄHLERIN In der jüngeren Generation scheint sich das allerdings zu ändern, hat Alexina Kublu beobachtet. Sie sind lauter. (6. ZUSP.) ALEXINA KUBLU OVERVOICE WEIBLICH Wenn Jugendliche mit 12, 13, 14 zusammen sind, achten sie nicht auf die anderen (yap yap yap yap yap). ERZÄHLERIN Und das, obwohl die Jugendlichen in diesem Alter selbst in der Schule kaum Englisch sprechen. (7. ZUSP.) ALEXINA KUBLU OVERVOICE WEIBLICH Bis zur fünften, sechsten Klasse wird mehr Inuktitut gesprochen, danach immer mehr Englisch; in der High-School dann überwiegend Englisch. ERZÄHLERIN Zwar gibt es heute in jedem Ort eine Schule bis zur 12. Klasse – aber viele Jugendliche gehen früher ab und lernen nicht gut Englisch. Sie sind in Krankenhäusern oder Behörden auf Übersetzer angewiesen. Dort arbeiten viele Menschen aus dem Süden, weil immer noch zu wenige Inuit studiert haben. Die meisten älteren Inuit hingegen sprechen sehr gut Englisch – es sind die Menschen, die bis in die 1960er-Jahre hinein geboren wurden und eine Entwicklung erlebten, die anderswo Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende dauerte. (8. ZUSP.) ALEXINA KUBLU OVERVOICE WEIBLICH Mein Bruder zum Beispiel, geboren 1963 in einem „Qarma“, eine Hütte aus Steinen und Grassoden. Jetzt sitzt er im Büro vor dem Computer: von der Steinzeit ins Computerzeitalter. Musik 4 "BROODING" - ALBUM: BLOOD (ORIGINAL MOTION PICTURE SOUNDTRACK) - KOMPONIST UND AUSFÜHRENDER: DANIEL PEMBERTON - LÄNGE: 0'57 ERZÄHLERIN Inuit wie die Familie Kublu waren Jäger und Sammler. Manche hatten vielleicht Schusswaffen oder Kochtöpfe aus Metall – statt der althergebrachten „Qullik“, einer Schale aus Stein. Aber sie lebten ansonsten ganz traditionell in kleinen Gruppen an wechselnden Orten, je nach Jahreszeit. Ab Ende der 1950er-Jahr wurden in ersten Siedlungen Grundschulen eingerichtet, Kinder aus den nomadischen Familien wohnten dort zunächst in kleinen Herbergen. Später mussten Familien mit schulpflichtigen Kindern in den Siedlungen leben – so wie die Familie Kublu Mitte der 60er-Jahre mit Alexinas jüngerem Bruder. Sie selbst, geboren 1954, gehörte noch zu den Kindern, die von der kanadischen Schulbehörde schon mit fünf, sechs Jahren in ein Internat gebracht wurden. MUSIK 5 "Duos of the past"- Komponist: Peter Scherer - Album: Passare - Länge: 0'39 ERZÄHLERIN Die Kinder wurden in eine völlig fremde Welt katapultiert. Die Unterrichts-sprache: Englisch, das sie nicht konnten. Die Schulbücher aus dem Süden: mit Bildern von Kleinfamilien in hübschen Städtchen, von Schulbussen, Autos, Bäumen, Getreidefeldern. Nichts davon kannten die Kinder aus ihrer Realität. Unter diesen verstörenden Umständen zu lernen, zu leben war ein Kraftakt. Noch dazu: Ohne Kontakt zur Familie, außer für zwei Monate im Sommer. (9. ZUSP.) ALEXINA KUBLU OVERVOICE WEIBLICH Das war, als wäre man bei der Lieblingstante, dem Lieblingsonkel. Eine liebevolle Beziehung, aber nicht die Nähe, wie sie Eltern und Kinder vor der Schule hatten. Während des Sommers fanden wir zwar zurück zu einem normalen Familienleben, aber dann mussten wir wieder weg. ERZÄHLERIN In einigen Schulen durften die Kinder selbst außerhalb des Unterrichts nur Englisch sprechen. Kleinere Kinder verlernten ihre Muttersprache und konnten sich kaum noch mit den Eltern verständigen – zumal manche nicht mal in den Sommerferien heim gebracht wurden. Manche erlebten Gewalt und sexuelle Übergriffe. Aber selbst ohne solche Erfahrungen, allein durch die Entfremdung während der Schulzeit, entstand ein generationen-übergreifendes Trauma: In Nunavut gibt es Eltern, und inzwischen Großeltern, die in ihrer Kindheit und frühen Jugend kaum erfahren haben, was es heißt, in einer Familie zu leben. ERZÄHLERIN Die erschreckend hohe Suizidrate und der verbreitete Alkoholismus werden mit diesem Trauma in Verbindung gebracht. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es viele Bemühungen, dies alles aufzuarbeiten, zu bewältigen. Und die kanadische Regierung hat sich offiziell für die frühere Schulpolitik entschuldigt. Von einem Leben als Jäger und Sammler ins 20. Jahrhundert – dieser extreme Wandel hat manche Menschen überfordert. Aber gerade in Nunavut versuchen viele, auch junge Menschen, Tradition und Moderne zu verbinden. Dabei hilft ihnen der Kontakt zu Menschen, die zumindest in ihrer Kindheit noch selbst als Jäger und Sammler gelebt haben. Bis heute haben viele Nunavummiut eine enge Beziehung zur Natur – die den meisten Menschen kahl und unwirtlich erscheint. MUSIK 6 "Katuuti" - Ausführende: Alexis Bowles & Guillaume I. Saladin - Komponist: Alexis Bowles - Abum: Made in Igloolik - Länge: 0'52 SPRECHER Nunavut liegt westlich von Grönland und erstreckt sich etwa zwischen dem 60. und dem 82. Breitengrad. Abgesehen von einem kleinen Gebiet im äußersten Südwesten, wo ein paar Bäume wachsen, ist es von Tundra bedeckt: Flechten, Moose, Gräser, niedrige Blütenpflanzen und Arktische Weide, die selten höher wird als 15 Zentimeter. Üblicherweise erreichen die Sommertemperaturen gerade mal 12 Grad – immer häufiger gibt es aber Spitzenwerte über 20 Grad. Im Winter wird es minus 30 Grad kalt. In Nunavut leben Robben, Wale, Schneehühner, Eisbären, Polarfüchse und Karibus, die Rentiere Nordamerikas. Musik 7: "Unveiled" - Album: Without Sinking - Komponistin und Ausführende: Hildur Gudnadottir - Länge: 0'30 Erzählerin Im Sommer mit dem Boot, im Winter mit dem Schneemobil oder dem Hundeschlitten unterwegs zu sein, gehört zum Lebensgefühl. Man ist „on the land“. Ein unübersetzbarer Begriff, keinesfalls „auf dem Land“ – was eine Landschaft mit Feldern und Wäldern bezeichnet. Die Tundra ist tatsächlich unberührte Natur, Wildnis. MUSIK 8 "Katuuti" - Ausführende: Alexis Bowles & Guillaume I. Saladin - Komponist: Alexis Bowles - Abum: Made in Igloolik - Länge: 0'52 ERZÄHLERIN: Die traditionelle Ernährung der Inuit, die „on the land“ lebten, bestand vor allem aus Meeressäugern und Karibus, im Sommer auch Fisch und einige Pflanzen; sie enthält gesunde Omega-3-Fettsäuren und alle nötigen Vitamine. Wie die Sprache transportiert dieses heute „country food“ genannte Essen Kultur und Werte der Gemeinschaft, weil Jagdbeute traditionell mit Nachbarn und Freunden geteilt wird. Die Jagd ist in Nunavut kein Freizeitvergnügen, sondern einerseits ein Teil der Tradition, andererseits für viele Menschen eine Notwendigkeit, denn die aus dem Süden importierten Lebensmittel sind extrem teuer. Und manchmal ist die Jagd „on the land“ immer noch überlebenswichtig. Alexina Kublu erzählt von einem Erlebnis, wie sie es deutet: (10. Zusp.) Alexina Kublu OVERVOICE WEIBLICH Bei einer Bootstour im Sommer wurden wir vom Eis eingeschlossen, etwa eine Woche steckten wir fest. Weil wir nur kurz unterwegs sein wollten, hatten wir nicht genug gekauftes Essen dabei. Dann kam eine Robbe, sie wurde geschossen und ich meinte: Die Robbe hat gesagt: ihr seid in meinen Gewässern, seid mein Volk, euch gebe ich mich. Als wir das Robben¬fleisch nach ein paar Tagen aufgegessen hatten, kam ein Karibu. Es wurde geschossen, wir hatten wieder Fleisch, und ich meinte: Das Karibu hat gesagt, ihr seid in meinem Land, seid mein Volk, euch gebe ich mich. MUSIK 9 "BROODING" - ALBUM: BLOOD (ORIGINAL MOTION PICTURE SOUNDTRACK) - KOMPONIST UND AUSFÜHRENDER: DANIEL PEMBERTON - LÄNGE: 0'30 ERZÄHLERIN Eine spirituelle Beziehung zur Natur ist nicht ungewöhnlich unter Inuit. Und sie gilt auch als eine Art zweite Schule: Schon Jugendliche gehen mit auf die Jagd und lernen von den Älteren dabei auch geduldig zu sein, oder Misserfolge auszuhalten. Vor allem lernen sie dabei Respekt vor der Natur. Traditionell wird nur so viel gejagt, wie man wirklich braucht, und das gesamte Tier verwertet. Inuit-Jäger konnten mit der Vermarktung von Robbenfellen bis Anfang der 80er-Jahre auch etwas Geld verdienen. Bis in Europa und Nordamerika Bilder von der Jagd auf Jungrobben mit ihrem kuschligen Babypelz in den Fernseh¬nachrichten liefen – brutale Szenen, mit viel Blut auf dem Eis. An dieser Jagd für die Pelzindustrie waren Inuit nicht beteiligt – sie jagen traditionell nur erwachsene Tiere, die viel Fleisch liefern. Greenpeace protestierte zwar ausdrücklich nur gegen die industrialisierte Jagd auf Jungrobben. Aber trotzdem wurde in vielen Ländern der Handel mit sämtlichen Robbenpelzen eingestellt. Ausnahmen für traditionelle Jagd indigener Gruppen, wie in der EU, hatten keine große Wirkung. Der Markt brach ein. Und die Robben¬bestände stiegen an. So stark, dass kanadische Fischer um die Kabeljau-Bestände fürchteten. Dennis Patterson, ehemaliger Senator und in den 90er-Jahren einer der Gründer von Nunavut, sieht aber auch Vorteile (11. Zusp.) Dennis Patterson OVERVOICE MÄNNLICH Es gibt sie im Überfluss, sie werden gejagt, gegessen, und die großen Sattelrobben sind ideales Futter für Schlittenhunde – die es jetzt wieder vermehrt gibt, meistens wohl für Touristen. Und wir haben eine wachsende „made in Nunavut“-Mode-Branche. Unsere Designer machen weltweit Eindruck, sie entwerfen traditionelle Kleidung mit modernem Flair. Die ist auch praktisch, ich habe selbst einen Seehundfell-Parka, weil er winddicht ist. ERZÄHLERIN Wer bei der Jagd erfolgreich sein will, muss sich „on the land“ gut auskennen. Manches traditionelle Wissen ist heute allerdings nicht mehr zuverlässig – weil sich das Klima in der Arktis noch schneller verändert als in den mittleren Breiten. Der Klimawandel eröffnet den Menschen im Hohen Norden aber auch neue ökonomische Perspektiven. (12. ZUSP.) DENNIS PATTERSON OVERVOICE MÄNNLICH Durch die Erwärmung im Süden Kanadas ziehen manche Arten im Meer, darunter die Eismeer-Garnelen, in die kühlere Arktis. Die Garnelen-Fischerei ist ein riesiger und wachsender Wirtschaftszweig in Nord-Kanada und Grönland. Und der Fang von Schwarzem Heilbutt, der in China sehr begehrt und sehr teuer ist. Inuit kaufen jetzt Fischkutter; es gibt eine Organisation, die sie für die Fischerei ausbildet – und sie arbeiten sich dann hoch bis auf die Brücke; noch nicht gleich, aber es entwickelt sich. Die Fischerei ist eine Erfolgsgeschichte mit großem Potenzial. ERZÄHLERIN Solche Erfolgsgeschichten braucht Nunavut. Denn es steht vor neuen, großen Aufgaben. Am 18. Januar 2024, knapp 25 Jahre nach der Gründung, feierte Nunavut eine Art zweiten Unabhängigkeitstag. (13. ZUSP.) DENNIS PATTERSON OVERVOICE MÄNNLICH Von Anfang an war das Problem, dass der Territorial-Regierung die Erträge aus der Erschließung des Landes vorenthalten wurden. Obwohl sie für die Folgen dieser Erschließung zuständig ist, also für Auswirkungen auf das Gesundheits-, Wohnungs- und Sozialwesen oder die Umwelt. ERZÄHLERIN Das zu ändern, war der Territorial-Regierung besonders wichtig, seit in den letzten Jahren in Nunavut neue, begehrte Bodenschätze wie Nickel und Blei entdeckt wurden. Wenn eine Firma diese Schätze heben möchte, muss sie dafür Abgaben zahlen – und die fließen zukünftig in den Haushalt von Nunavut. Damit werden wohl endlich die dringend nötigen Investitionen in den Wohnungsbau möglich. Aber die Regierung von Nunavut muss auch Aufgaben übernehmen, die bisher in der Hand der kanadischen Bundesregierung lagen – vor allem die Entwicklung und Verwaltung der Bergbauprojekte. Für diesen Wandel gibt es eine Übergangsfrist von drei Jahren, ab dem 1. April 2024. Bei der Zeremonie zur Unterzeichnung des Abkommens sagte P. J. Akeeaguk, Premier von Nunavut: Wir sind bereit für diese Herausforderungen. Aber er brachte eben auch zum Ausdruck: Die Erträge aus unseren Ressourcen stehen uns zu! (14. ZUSP.) P. J. AKEEAGUK (ohne OV) We did it and we're ready. (Inuktitut) It’s our land, our resources in the hands of our people. ERZÄHLERIN Die Entscheidungen, die jetzt mit der neuen Unabhängigkeit, der wirtschaft¬lichen Entwicklung, der Bewältigung von Bildungs- und Wohnraumkrise anstehen – sie werden, wie so vieles in Nunavut, anders angegangen als im Rest Kanadas. SPRECHER Nunavut hat eine so genannte Konsens-Regierung. Sie verknüpft Prinzipien der parlamentarischen Demokratie mit indigenen Werten, vor allem: so intensiv wie möglich zusammenzuarbeiten und gemeinsam Rechenschaft abzulegen für alle Entscheidungen. Politische Parteien gibt es nicht; jedes der 22 Parlaments-Mitglieder vertritt einen Wahlkreis. Aus ihrer Mitte wählen die Abgeordneten den oder die Premier und sieben Kabinettsmitglieder. In Nunavut spielen außerdem die „Elder“ eine große Rolle, also „Alte“, deren Rat geschätzt wird. Wobei nicht allein ihr Alter in Jahren zählt, sondern vor allem ihr Wissen und ihre Verwurzelung in den Traditionen. Manche „Elder“ arbeiten in Organisationen oder Gremien, die das öffentliche Leben mitgestalten. ERZÄHLERIN Eine Chance für Nunavut, aber im Moment vor allem eine große Heraus-forderung ist, dass hier die jüngste Bevölkerung Kanadas lebt. Rund ein Drittel der Nunavummiut sind unter 14 Jahre alt – doppelt so viele wie im übrigen Kanada. Und Teenagermütter sind keine Seltenheit. (15. ZUSP.) DENNIS PATTERSON OVERVOICE MÄNNLICH Langsam wird es besser. Bildung wird das ändern, denn je höher der Bildungsstand, desto eher bekommt jemand erst ein Kind, wenn auch der Unterhalt gesichert ist. MUSIK 10 "BROODING" - ALBUM: BLOOD (ORIGINAL MOTION PICTURE SOUNDTRACK) - KOMPONIST UND AUSFÜHRENDER: DANIEL PEMBERTON - LÄNGE: 0'59 ERZÄHLERIN Viele Jugendliche leben allerdings in den oft großen Inuit-Familien sehr beengt, was den Lernerfolg nicht fördert. Denn das starke Bevölkerungs¬wachstum geht einher mit einer dramatischen Wohnungsnot. Die übliche Wohnbebauung besteht aus Holz-Fertighäusern – und manchmal leben mehrere Generationen, zehn oder mehr Menschen, in einem Vierzimmer-Haus. Oder, weil wirklich kein Platz mehr ist, sogar in Zelten oder Holzschuppen. Wohnungsbau ist eines der drängendsten Probleme, das die Regierung von Nunavut lösen muss – denn fast alle Häuser gehören der öffentlichen Hand. Häuser zu bauen ist in der Arktis allerdings besonders schwierig: Erstens gibt es dort kein Material für den Hausbau; alles muss per Schiff aus dem Süden herangeschafft werden. Und zweitens ist der Baugrund Permafrost, also Dauerfrostboden. Ein beheiztes Haus würde ihn auftauen – und im Sommer wird er ohnehin weich. (16. ZUSP.) DENNIS PATTERSON OVERVOICE MÄNNLICH Häuser müssen auf Stahlstützen stehen. Die Kosten steigen immens – laut der Nunavut-Hausbau-Gesellschaft auf mehr als 900.000 Dollar für eine einfache Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnung. ERZÄHLERIN Das sind mehr als 620-tausend Euro. Aber Nunavut braucht nicht nur mehr Häuser für die jetzige Bevölkerung. Sondern auch für Fachleute, die jetzt vor Ort jene Aufgaben übernehmen, die bisher in der kanadischen Hauptstadt Ottawa erledigt wurden. Viele Menschen werden dafür nach Iqaluit kommen müssen. Denn es fehlt an qualifizierten Einheimischen. (17. ZUSP.) DENNIS PATTERSON OVERVOICE MÄNNLICH Leider sind vor allem Inuit arbeitslos. Zwar entwickelt sich eine neue Mittelklasse, bei Schul- und Universitäts-Abschlüssen gibt es einen langsamen Fortschritt. Aber das Bildungssystem ist nicht richtig zweisprachig mit Inuktitut und Englisch, und das ist wohl der Grund dafür, dass viele keinen High-School-Abschluss machen oder gar studieren. Deshalb gibt es nicht genug Inuit, die in der Krankenpflege, als Juristen, Ärztinnen, Geologen, im Finanz-Management oder für die Regierung arbeiten können. MUSIK 11 "Inuugannuk" - Album: Nunarjua Isulinginniani - Komponist: Terry Uyarak & Andrew Morrison - Ausführender: Länge: 1'02 ERZÄHLERIN Die Jugend ist da – sie braucht eine Chance, sich zu qualifizieren und ihr Land, Nunavut, selbst in die Zukunft zu führen. Auch um diese gewaltigen Aufgaben zu bewältigen, können sich die Nunavummiut auf traditionelle Werte besinnen. Auf einen Begriff, der Mut macht und Zuversicht gibt: Ajuinnata. Er bedeutet: widerstandsfähig zu sein, dabei innovativ und anpassungsfähig. Auf jeden Fall: nicht aufzugeben, auch in schwierigen Situationen. Mit „ajuinnata“ könnte es den Nunavummiut tatsächlich gelingen, Kultur, Traditionen und Werte eines arktischen Jäger- und Sammler-Volkes zu vereinen mit dem Leben im 21. Jahrhundert.

  • Host mi? Kleine Bairische Sprachgeschichte

    17.04.2025 · 22 Min.

    Der bairische Dialektraum gilt als das größte zusammenhängende Dialektgebiet Mitteleuropas. Denn zu ihm zählen nicht nur Ober- und Niederbayern, sondern neben dem Großteil Österreichs auch noch Südtirol und sogar Teile des eigentlich italienischsprachigen Trentino. Dennoch gilt Bairisch als aussterbende Sprache. Von Markus Mähner (BR 2022) Credits: Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Rainer Schaller Es sprach: Ruth Geiersberger Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Typisch Bayerisch?! - Die Erfindung eines Klischees JETZT ANHÖREN Noch mehr Bairisch gibt es mit Gerald Huber: BAYERN 2 | OBACHT BAIRISCH! MIT GERALD HUBER Hier finden Sie einen sprechenden Sprachatlas von Bayern: EXTERNER LINK | www.dialekte.schule.bayern.de Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT

  • Dona Gracia Nasi - Eine vergessene Heldin der Renaissance

    16.04.2025 · 23 Min.

    Dona Gracia Nasi ist eine der erstaunlichsten Frauen der Renaissance: Als Tochter zum Christentum übergetretener Juden wird sie katholisch getauft. Sie steigt zur Chefin eines Bank- und Handelshauses auf, das sich mit den Fuggern und Welsern messen kann. Und sie hütet ein Geheimnis, das sie zur Flucht quer durch Europa zwingt. Von Simon Demmelhuber (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Simon Demmelhuber Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Benedikt Schregle Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Matthias Lehmann, Lehrstuhl für Neuere Jüdische Kultur- und Sozialgeschichte am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Marianna D. Birnbaum: The Long Journey of Gracia Mendes. Budapest [Central European University Press], 2003. Andrée Aelion Brooks: The Woman Who Defied Kings. The Life and Times of Dona Gracia Nasi. A Jewish Leader during the Renaissance. Abraham David: The Nasi Family and the Reconstruction of Tiberias in the Second Half of the Sixteenth-Century”. In: Judaica, vol. 73, no. 1 (March 2017): 36-57. Cecil Roth: The House of Nasi. Dona Gracia. Philadelphia [The Jewish Publication Society of Amerika] 1947. Herman Prins Salomaon und Aron di Leoni Leoni: Mendes, Benveniste, de Luna, Micas, Nasci: The State of the Art (1532-1558. In: In The Jewish Quaterly Review, LXXXVIII, Nos. 3-4 (January-April, 1998) 135-211. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: Caldibi castigliano 0‘47 ERZÄHLERIN Sie ist reich und mächtig wie kaum eine Frau ihrer Zeit. Sie lebt in Palästen, führt eines der größten Handels- und Bankimperien der Renaissance. Ihr Wort hat Gewicht, Könige und Kaiser sind ihre Schuldner. SPRECHER Das ist das eine, das öffentliche ihrer zwei Leben. Als Tochter zwangschristianisierter Juden wird sie katholisch getauft und ist 43 Jahre lang offiziell Christin. ERZÄHLERIN Innerlich aber bleibt sie dem Judentum treu. Das ist ihr zweites, ihr verborgenes Leben: Musik Bad thoughts 0‘20 Sie darf nicht sein, wer sie ist, und fürchtet Tag für Tag, der Inquisition anheimzufallen. SPRECHER Die päpstlich autorisierten Glaubensgerichte verfolgen Ketzer. Dazu zählen auch jüdische Scheinchristen. Wer katholisch getauft ist und dennoch "judaisiert", darf keine Gnade erhoffen: Das Eigentum entlarvter Kryptojuden verfällt dem Tribunal, sie selbst werden nach Schwere des Falls entweder eingekerkert, verbannt oder hingerichtet. SPRECHER Vor dieser latenten Dauergefahr flieht sie von Lissabon über Antwerpen, Venedig und Ferrara bis nach Konstantinopel ins Osmanische Reich, wo sie den jüdischen Namen Gracia Nasi annimmt. MUSIK 2: La rosa enflorese 0‘32 ERZÄHLERIN Die längste Zeit ihres Lebens aber heißt sie Beatriz de Luna. Auf diesen Namen wird sie um 1510 in Lissabon als Neugeborene getauft. Auch Eltern sind Christen. SPRECHER Allerdings noch nicht lange und nicht aus freien Stücken. Sie sind Conversos. So heißen zum Katholizismus bekehrte Juden in Portugal und Spanien. Aus Überzeugung haben die wenigsten Konvertiten das Christentum angenommen. Den meisten blieb keine Wahl: ERZÄHLERIN Seit Beginn des 14. Jahrhunderts stehen iberische Juden unter wachsendem Bekehrungsdruck. Als 1391 in Sevilla, Cordoba, Toledo und vielen anderen Städten Christen mit dem Schlachtruf "Taufe oder Tod" über die Judenviertel herfallen, kommt es zu regelrechten Konversionswellen. SPRECHER Gerade diese Massenübertritte aber schaffen ein Problem, erläutert Matthias Lehman. Er ist Professor für Neuere Jüdische Kultur- und Sozialgeschichte am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Uni Köln. 01 O-TON LEHMANN (ca. 34 Sekunden) Man hat plötzlich nicht nur einzelne Juden, die zum Christentum konvertiert sind. Man hat plötzlich eine ganze soziale Klasse von ehemaligen Juden, die nun offiziell Christen sind. Und als solche sind sie gleichberechtigt, man kann sie nicht mehr marginalisieren. Aber konnte man diesen Leuten trauen, dass sie wirklich Christen geworden sind? SPRECHER Der Argwohn setzt eine Entwicklung in Gang, die in zwei Stufen eskaliert: ERZÄHLERIN 1478 gestattet der Papst die Einrichtung der Inquisition in Spanien. Die Glaubensgerichte sollen gezielt Conversos aufspüren, die heimlich am Glauben ihrer Väter festhalten. 02 O-TON LEHMANN (ca. 26 Sekunden) Die Aufgabe der Inquisition war ja, die sogenannte Häresie des heimlichen Judaisierens auszumerzen. Die Inquisition hat erstmal an Juden, die als Juden leben, kein großes Interesse, sondern tatsächlich an diesen Conversos. SPRECHER Die Tribunale arbeiten effizient: Bis 1490 werden etwa 13.000 "heimlich judaisierende" Neuchristen teils verhaftet, teils zur Ausreise gezwungen oder verbrannt. ERZÄHLERIN Die zweite Eskalationsstufe zündet 1492: Nachdem mit Granada auch das letzte muslimische Kalifat gefallen ist, holen Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon zum Schlag gegen das Judentum aus. In der Alhambra, am Ort ihres Triumphs, erlassen sie ein hartes Edikt. ATMO: Öffentliche Proklamation, Ausrufer ZITATOR Wir beschließen, alle Juden und Jüdinnen aus unseren Königreichen zu verbannen und dass sie niemals zurückkehren sollen. Wer sich weigert und in diesen Gebieten gefunden wird oder zurückkehrt, wird des Todes schuldig sein und sein Vermögen wird konfisziert. SPRECHER Juden, die bleiben möchten, müssen sich taufen lassen und der Inquisition unterstellen. Juden, die an ihrem Glauben festhalten, haben drei Monate zur Ausreise. Sie dürfen ihren Besitz verkaufen, ihre bewegliche Habe mitnehmen, aber weder Geld noch Waffen ausführen. Por alli paso un cavallero 0‘23 ERZÄHLERIN Schätzungen zufolge wählen etwa 150.000 spanische Juden das Exil. Die meisten wandern nach Nordafrika und Osteuropa aus, an die 60.000 ziehen nach Portugal, wo ihnen König João Zuflucht gewährt. Allerdings nicht für Gotteslohn und nur befristet. SPRECHER Acht Cruzados, den Gegenwert von zwei Tonnen Weizen, kostet ein acht Monate gültiges Aufenthaltsrecht in zugewiesenen Zonen. Wer allerdings 100 Cruzados pro Kopf aufbringt, darf seinen Aufenthaltsort frei bestimmen und unbegrenzt bleiben. ERZÄHLERIN Zu dieser privilegierten Gruppe gehören vermutlich auch Beatriz' künftige Eltern Alvaro Nasi und Philipa Mendes. Der Kölner Judaist Matthias Lehmann nimmt an, dass sie sich in Lissabon ansiedeln, um weiterhin als Juden zu leben. 03 O-TON LEHMANN (ca. 13 Sekunden) Die wahrscheinlichere Variante ist, dass sie 1492 Spanien verlassen müssen als Juden und deswegen nach Portugal gehen. Es sind genau die Leute, die alles hinter sich gelassen haben, um Juden bleiben zu können. ERZÄHLERIN Die Hoffnungen zerschlagen sich gründlich. 1497 befiehlt Manuel I. allen Juden in Portugal den Übertritt zum Christentum. Damit sitzen Alvaro Nasi und Philipa Mendes in der Falle. Da sie als Juden weder nach Spanien zurückkehren noch in Portugal leben können, werden sie notgedrungen Katholiken und führen fortan den Familiennamen de Luna. Ihre 1510 geborene Tochter Beatriz kommt also rechtlich gesehen nicht als Conversa, sondern als Christin zur Welt. SPRECHER Dass die Familie insgeheim dem Judentum treu bleibt, ist sehr wahrscheinlich, aber nicht belegbar. Nach außen hin jedenfalls wahrt man den katholischen Schein: Man geht zur Messe, feiert die kirchlichen Feste und lässt sich, wie Beatriz, katholisch trauen. MUSIK 3: Carmen für 4 Gamben 0‘39 ERZÄHLERIN 1528 heiratet sie mit etwa 18 Jahren den Kaufmann Francisco Mendes, einen Onkel mütterlicherseits. Der Bräutigam entstammt einer in Portugal zwangsgetauften Familie jüdischer Exilanten, die im Handel mit Edelsteinen, Pfeffer, Gewürzen und durch Kreditgeschäften reich geworden ist. Zehn Jahre lang sieht es aus, als habe sich doch noch alles zum Guten gewendet: Das Haus Mendes blüht, 1534 wird die Tochter Ana geboren, die Schrecken der Inquisition verblassen. Bad thoughts 0‘21 SPRECHER Die Ruhe trügt. Das Misstrauen gegen konvertierte Juden sitzt auch in Portugal tief. Um das vermeintliche Übel auszurotten, wird die Inquisition 1536 hier ebenfalls aktiv. Und das bedeutet akute Gefahr. 04 O-TON LEHMANN (ca. 15 Sekunden) Die Inquisition ist eine interessante Institution insofern, als dass sie sich selbst finanziert. Wenn jemand von der Inquisition verurteilt wurde, konnte auch das Vermögen eingezogen werden. Das gab natürlich einen gewissen Anlass, sich gerade für prominente Familien zu interessieren. SPRECHER Darauf will es Francisco Mendes nicht ankommen lassen. Er kennt das Beuteschema der Glaubenstribunale und beschließt nach Antwerpen zu ziehen, wo sein Bruder Diogo eine Niederlassung des Unternehmens leitet. Umsetzen kann er den Plan allerdings nicht mehr. ERZÄHLERIN Francisco stirbt im Januar 1535. Er vermacht die Hälfte des Familienvermögens seiner Witwe, die nun den Ortswechsel vorantreibt. Sie tut es entschlossen, lautlos und klug, wie alles, was sie beginnt. 1537 übersiedelt sie mit ihrer zweijährigen Tochter, ihrer Schwester Brianda sowie den Neffen Bernardo und João in die Niederlande. MUSIK 4: La Rose chanson 0‘28 ERZÄHLERIN Die Stadt an der Schelde ist eine wahre Boomtown der Renaissance: Der Diamanten- und Textilhandel brummt; Banken vermitteln Risikokapital für Handelsfahrten und Expeditionen; täglich treffen Schiffe mit Waren aus Ostindien ein, die von hier aus nach Nordeuropa und in den Mittelmeerraum gelangen. SPRECHER Das Bank- und Handelshaus durchlebt goldene Jahre. Diogo hat sich das Ankaufsmonopol für den gesamten Pfeffer- und Gewürzimport der portugiesischen Krone gesichert. Er dominiert den Markt, diktiert die Preise, erzielt enorme Profite. Ein Großteil der Gewinne fließt zurück in Kredite für Königshäuser, die sich durch Privilegien und Schutzbriefe erkenntlich erweisen. ERZÄHLERIN Beatriz bewährt sich in allen Belangen des Handels und der Finanzverwaltung als erfahrene Partnerin ihres Schwagers. Aber auch karitativ ziehen beide an einem Strang: Sie spenden für Spitäler und Synagogen, unterstützen sefardische, das heißt aus Spanien und Portugal stammende Juden, und sie schleusen jüdisches Vermögen an der Inquisition vorbei nach Flandern. SPRECHER 1539 heiratet Diogo Beatriz' jüngere Schwester Brianda. Aber auch sein Leben endet früh. Er stirbt im Herbst 1543 und hinterlässt ein Testament, das einen jahrelangen Erbstreit zwischen den Schwestern auslöst: Anstelle seiner Frau Brianda setzt er Beatriz als Alleinverwalterin des Gesamtbesitzes und Treuhänderin seiner dreijährigen Tochter ein. MUSIK 5: Nymphes 0‘35 ERZÄHLERIN Mit etwa 30 Jahren herrscht Beatriz de Luna nun über eines der größten Finanz- und Handelsimperien der Renaissance. Doch weder ihr Reichtum noch ihr Ansehen lassen sie in Antwerpen heimisch werden. Bad thoughts 0‘25 Der Magistrat und selbst Kaiser Karl V. gieren nach ihrem Vermögen und obendrein greift nach Jahren der Schonung die Inquisition jetzt auch hier mit aller Härte durch. Als in den Straßen dann Gerede über ihr angebliches Judaisieren aufspringt, ist es für Beatriz' erneute höchste Zeit, aufzubrechen. SPRECHER Diesmal nach Venedig. Beatriz bereitet den Umzug gewohnt umsichtig und unauffällig vor. Sie transferiert den liquiden Besitz über Umwege in die Lagunenstadt, verschafft sich Geleitbriefe des Papstes und Sicherheitszusagen des Zehnerrates der Seerepublik. MUSIK 6: 3 Tänze für Blockflöte 0‘40 SPRECHER 1545 bezieht sie mit ihrer Tochter Ana, ihrer Schwester Brianda und deren Tochter einen prächtigen Palast am Canal Grande. Angstfrei leben kann sie trotz aller Privilegien keineswegs. Sie ist zwar offiziell Christin, gibt keinerlei Anstoß, anderes zu vermuten und verfügt über kostspielige Schutzgarantien. Aber ihr familiärer Hintergrund ist nicht nur den Behörden, sondern auch Neidern und Denunzianten bekannt. Bad thoughts 0‘32 Dieses jederzeit nutzbare Wissen macht sie verletzbar. Schon der kleinste anonyme Häresieverdacht reicht für einen Zugriff der Inquisition. ERZÄHLERIN Ungeklärt ist außerdem nach wie vor das Schicksal großer Sach- und Geldwerte, die der Antwerpener Magistrat einbehalten hat. Um die Freigabe kümmert sich ihr Neffe João Micas. Der inzwischen Zwanzigjährige hat sich nach Diogos Tod als Beatriz' engster Mitarbeiter und Vertrauter profiliert. Es braucht zwei Jahre zäher Verhandlungen, bis er den Großteil des konfiszierten Vermögens retten und 1546 schließlich selbst nach Venedig übersiedeln kann. SPRECHER Hier hat inzwischen der Streit um Franciscos Vermächtnis einen offenen Krieg entfacht. Brianda prozessiert um ihr Erbe und erringt einen Teilerfolg: Beatriz soll die Hälfte des Familienbesitzes bis zur Volljährigkeit ihrer Nichte bei der Münzbehörde hinterlegen. ERZÄHLERIN Dieses Urteil ist womöglich der Anlass dafür, dass Beatriz den Unternehmenssitz 1548 nach Ferrara verlegt. Dort sichert ihr Herzog Ercole d'Este die Anerkennung aller testamentarischen Verfügungen Diogos zu, und obendrein gehen in Venedig Gerüchte um, die Beatriz als Kryptojüdin diffamieren. Und nachdem die Inquisition seit 1547 nun auch die Lagune im Griff hat, entschließt sich Beatriz abermals zur Flucht. Musik: Tedescha für Renaissanceensemble 0‘18 SPRECHER Vier Jahre bleibt sie in Ferrara, lange genug, um zu begreifen, dass sie selbst hier nur eine Schutzgefangene ist, deren Sicherheit vom Wohlwollen des Herzogs abhängt und an den Grenzen seines Staates endet. Geborgen, das erkennt sie in Ferrara in letzter Konsequenz, ist sie nur dort, wo der Papst und die Inquisition machtlos sind. Nur dort, wo man ihr das Christentum nicht gewaltsam überstreift, kann sich das Grunddilemma ihres Lebens noch lösen. ERZÄHLERIN Die längste Zeit lebt Beatriz äußerlich als untadlige Katholikin. Innerlich aber hält sie all die Jahre am Judentum fest. Das wissen wir nicht von ihr selbst. Sie hinterlässt keine Briefe und auch sonst keine persönlichen Aufzeichnungen. Aber wir kennen ihren Einsatz für verfolgte Glaubensgeschwister. Wir wissen, dass sie erhebliche Summen für Thoraschulen und Synagogen spendet. Und wir wissen, was noch kommt: ihre späte Heimkehr zum Judentum. All diese Zeugnisse lassen nur eine Lesart zu: Christin ist Beatriz lediglich vor der Welt, im Herzen ist sie Jüdin. SPRECHER Wie sie diesen Konflikt aushält, wie sie zurechtkommt mit der Angst, als Kryptojüdin aufzufliegen, wie sie die aufgezwungene Verstellung erträgt, bleibt ihr Geheimnis. Aber wir ahnen, welchen Mut, welche Selbstdisziplin ihr diese Spaltung abnötigt. Und wir beobachten staunend, welche Kraft diese unbeirrbare Frau trotz aller Rückschläge immer wieder mobilisiert. Mithilfe dieser Stärken plant sie in Ferrara die letzte ihrer Fluchten: den Absprung nach Konstantinopel. 05 O-TON LEHMANN (ca. 19 Sekunden) Wirklich sicher als Jüdin leben kann sie nur im Osmanischen Reich, weil den osmanischen Autoritäten vollkommen egal ist, ob ein Konvertit zum Judentum zurückkehrt oder nicht. Nur im Osmanischen Reich, wo die Inquisition keine Jurisdiktion hatte, konnten Conversos wirklich offen wieder als Juden leben. MUSIK 7: Neva Ceng-i Harbi 0‘56 ERZÄHLERIN Beatriz de Luna lässt sich im Sommer 1552 in Konstantinopel nieder. Sie residiert in einem Palast am Galataturm, führt ein glanzvolles Haus, ist der Stolz der sefardischen Gemeinde, finanziert Schulen und Synagogen, empfängt Diplomaten, verkehrt in höchsten Kreisen, hat Ohr und Vertrauen des Sultans. Alles wie gehabt. Und trotzdem ist alles anders: Denn Jüdin oder Jude zu sein ist jetzt kein todwürdiges Verbrechen mehr! Endlich kann sie sich frei und gefahrlos zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekennen. Endlich darf sie sein und zeigen, wer sie wirklich ist: Eine fromme Jüdin, die ihren Gott und seine Gebote achtet. SPRECHER Dass sich im Osmanischen Reich nicht nur ein äußerer Weg, sondern eine lebenslange Hoffnung erfüllt, zeigt sich kurz nach der Ankunft: Die Christin Beatriz de Luna gibt sich in Konstantinopel den jüdischen Namen, der die Jahrhunderte überdauert und unter dem wir sie noch heute kennen. Sie nennt sich von nun an Gracia Nasi, ihre Tochter Ana heißt ab jetzt Reina. ERZÄHLERIN 1553 trifft auch João Micas in Konstantinopel ein. Er war in Venedig geblieben, um konfiszierte Vermögenswerte auszulösen. Kurz nach der Ankunft bricht auch er mit dem aufgezwungenen Christentum. João lässt sich beschneiden, nennt sich fortan Josef Nasi, heiratet seine Cousine Reina und legt als Berater, Diplomat und Bankier eine steile Karriere am Hof des Sultans hin. ATMO: Tikio drums 0‘17 SPRECHER Dass sich Gracia und Josef Nasi zeitlebens nicht nur um ihr persönliches Wohlergehen kümmern, zeigt sich 1556 einmal mehr. Den Anlass liefern erschreckende Nachrichten aus Ancona. ERZÄHLERIN Um den Handel zu fördern, hatte Papst Julius III. knapp ein Jahrzehnt zuvor gezielt sefardische Conversos in der Hafenstadt angesiedelt. Als sein Nachfolger Paul IV. im Mai 1555 den Papstthron besteigt, sind alle Zusagen auf einen Schlag wertlos. Der neue Pontifex kündigt sämtliche Schutzgarantien auf, lässt alle Conversos verhaften und von der Inquisition durchleuchten. SPRECHER Kurz darauf stellt Sultan Süleyman die in Ancona verhafteten Juden unter seinen Schutz und fordert ihre unverzügliche Freilassung. Aber Paul IV. bleibt stur. Auf sein Geheiß hin werden 24 Conversos verbrannt, und die übrigen auf die Galeeren geschmiedet. MUSIK 8: El male rachamim 0‘35 ERZÄHLERIN Um den Papst in seine Schranken zu weisen, greift Dona Gracia zu einer ausgesprochen modern anmutenden Maßnahme: Sie ruft die jüdischen Gemeinden des Osmanischen Reichs und Italiens zum Boykott der Hafenstadt auf. Bis Paul IV. die Sicherheitszusagen seines Vorgängers erneuert, soll kein Schiff Ancona anlaufen und stattdessen Venedigs Hafen Pesaro nutzen. SPRECHER Die Blockade misslingt. Das Gros der italienischen und osmanischen Juden unterläuft den Boykott aus Furcht vor Gewinneinbußen. Schon 1558 ist Ancona wieder voll im Geschäft, Dona Gracia muss sich geschlagen geben. Aber nur wenige Jahre später nimmt sie ein kaum weniger ambitioniertes Projekt in Angriff. MUSIK 9: Elci pesrev 0‘32 ERZÄHLERIN 1516 hatten die Osmanen Palästina erobert. Sie finden ein dünn besiedeltes Land ohne Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen vor. Viele Häfen und ehemals blühende Städte sind zerfallen, nomadisierende Beduinen gefährden die Sicherheit. So bringt die Eroberung keinen Profit. Dazu müssen die Osmanen erst die marode Infrastruktur sanieren, vor allem aber Handwerk, Handel und Gewerbe fördern. SPRECHER Damit beginnt das letzte große Kapitel im Leben im Gracia Nasis. ERZÄHLERIN 1566 kauft sie die Steuerpacht für Tiberias am See Genezareth und sieben umliegende Dörfer. Gegen eine jährliche Zahlung von 1000 Golddukaten erwirbt Gracia das Recht, Abgaben einzuziehen, Kolonisten anzusiedeln, Synagogen und Schulen zu errichten. Die formelle Herrschaft über das Gebiet der Steuerpacht überträgt der Sultan ihrem Neffen und Schwiegersohn Josef Nasi. MUSIK 10: Grazia Nasi 0‘38 SPRECHER Auf den ersten Blick ist das Projekt nicht mehr als eine clevere Investition in die Wiederherstellung der einst hochprofitablen regionalen Textilproduktion. Andere Deutungen rücken das Geschehen in die Nähe messianischer Konzepte. ERZÄHLERIN Die Erwartung eines gottgesandten Königs, der die in alle Welt zerstreuten Juden wieder in Israel vereint, ist eine zentrale Hoffnung des Judentums. Im frühen 16. Jahrhundert häufen sich messianische Prophezeiungen, die das Geschehen in Spanien und Portugal als Beginn der Rückkehr nach Zion deuten. Dass der Plan einer Siedlung in Tiberias im Kontext solcher Vorstellungen reift, ist nicht ausgeschlossen. Von einer Staatsgründung kann indes keine Rede sein, betont Matthias Lehmann: 06 O-TON LEHMANN (ca. 28 Sekunden) Mit Sicherheit ist dieses Tiberias Projekt kein proto-zionistisches Projekt. Es gibt nicht die Vorstellung, einen jüdischen Staat oder ein jüdisches Gemeinwesen dort im osmanischen Palästina aufzubauen. Es gibt mit Sicherheit auch religiöse, vielleicht auch messianische Vorstellungen. Aber sie speisen sich eben aus einer religiösen, messianischen Vorstellungswelt und nicht einer innerjüdischen Staatsbildung im Heiligen Land. SPRECHER Das Vorhaben läuft zügig an. Josef Nasi schickt anfangs der 1560er Jahre einen Stellvertreter voraus, der die Arbeiten vor Ort anleiten soll. Um die Textilproduktion aufzubauen, lässt er Maulbeerbäume als Nahrung für Seidenraupen pflanzen und Wolle aus Spanien importieren. ERZÄHLERIN Die anfängliche Euphorie verpufft rasch. Bis auf wenige Familien kapitulieren die Kolonisten vor den Härten der Aufbauarbeit. Die Strapazen der Anreise, die Angst vor Piraten und Berichte über feindselige Nachbarn schrecken Nachzügler ab. Zehn Jahre nach dem Start ist das Projekt gescheitert. SPRECHER Gracia erlebt den Niedergang nicht mehr. Sie stirbt vermutlich im Spätsommer 1569 in Konstantinopel. MUSIK 11: Priere Hebräische Volksweise 0‘47 ERZÄHLERIN Wir kennen weder ihr Todesdatum noch ihr Grab. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche Frau. Eine Frau, die weit mehr war, als nur die Chefin eines großen Bank- und Handelsimperiums der Renaissance. 07 O-TON LEHMANN (ca. 23 Sekunden) Man könnte sie vielleicht gut als eine der großen jüdischen Philanthropinnen bezeichnen. Sie geht in die Geschichte ein als eine Wohltäterin, die etwas für ihre Gemeinschaft, für die Conversos oder für das jüdische Kollektiv getan hat. Eben wie eine neue Miriam, eine neue Debora, wirklich so eine heroische Figur in der jüdischen Geschichte.

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