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Das Licht in der Malerei - Kerzen, Glanz und Sonnenstrahlen

12.12.2023 · 26 Min.

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Über diese Folge

Licht haucht einem Gemälde Leben ein, es formt die Gegenstände und den Raum und vor allem: Es sorgt für die richtige Stimmung. Aber mit welcher Farbe stellt man Licht eigentlich dar? Warum schwärmen so viele Künstler vom Licht des Südens? Und warum sind trotzdem viele Gemälde so dunkel? Autorin: Julie Metzdorf

Credits
Autor/in dieser Folge: Julie Metzdorf
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Andreas Neumann, Susanne Schroeder
Technik: Christine Frey
Redaktion: Susanne Poelchau

Im Interview:
Dr. Bernhard Maaz, Kunsthistoriker und Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München;
Dr. Karin Althaus, Kunsthistorikerin Lenbachhaus München

Literaturtipps:

„Über das Licht in der Malerei“ von Wolfgang Schöne, erschienen 1951 im Gebr. Mann Verlag Berlin. 
Dieses Buch behandelt den Zeitraum von der mittelalterlichen Buchmalerei bis ins 20. Jahrhundert. Das Buch ist allerdings vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich. 

Eine sehr gute Vertiefung des Themas bieten auch die Kataloge zu den Ausstellungen:
„Die Nacht“ im Münchner Haus der Kunst 1998/99;
„Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst“ im Museum Barberini in Potsdam 2023.

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

Kunstverbrechen - True Crime meets Kultur
Juwelenraub, geschmuggelte NS-Kunst, Fälscherskandale, verschollene Gemälde: Lenore Lötsch und Torben Steenbuck rollen spektakuläre Kunstdiebstähle auf. Sie nehmen uns mit an Tatorte, treffen Zeugen und Experten. Die Hosts arbeiten dabei mit der Polizei zusammen: Deutschlands bekanntester Kunst-Kommissar René Allonge vom LKA Berlin ist in jeder Folge dabei.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ERZÄHLER

Im alten Griechenland, genauer gesagt in Sikyon auf der Halbinsel Peleponnes, lebte der Überlieferung nach ein Töpfer mit seiner Tochter. Eines Tages verabschiedet sich der Geliebte dieser Tochter auf eine Reise. Um ein Andenken an ihn zu haben, setzt sie ihn seitlich vor eine Wand, stellt eine Lampe vor sein Gesicht und zeichnet den Schatten seines Profils an die Wand.

ERZÄHLERIN

Dieser von Plinius überlieferte Mythos gilt als die Geburtsstunde der Malerei. Und eines war selbst für diese einfache Konturlinie unabdingbar: Licht.

1 OT Bernhard Maaz

Ohne Licht nichts los, als ganz knappe Formel.

ERZÄHLERIN

Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

2 OT Bernhard Maaz 

Licht ist entscheidend für alles in der Wahrnehmung von Malerei. 

MUSIK: „UNO“ - C138761#001 (1:00)

ERZÄHLER

Da wäre zunächst mal das Licht, in dessen Strahlen das Kunstwerk entsteht: bei Kerzenschein, wie die mittelalterliche Buchmalerei in den Skriptorien großer Klöster. Oder bei Sonnenlicht, wie die Freilichtmalerei, an der Staffelei auf dem Feld, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben und sich das Licht minütlich ändern kann! Oder bei gleichmäßigem Nordlicht in den Dachgeschosswohnungen mit hohem Atelierfenster von Schwabing, Paris oder Berlin?

ERZÄHLERIN

Dann sind da die Lichtverhältnisse, unter denen wir Malerei betrachten. Die Büffel und Antilopen früher Höhlenmalereien müssen im unruhig flackernden Fackelschein wie bewegt, fast lebendig ausgesehen haben. Es ist auch ein Unterschied, ob ich Wandmalereien im schummrigen Licht einer romanischen Kapelle mit kleinen Fenstern in dicken Mauern betrachte, oder ob ich in einem gleichmäßig beleuchteten Museumssaal praktisch unter Laborbedingungen jeden einzelnen Pinselstrich eines Gemäldes analysieren kann. 

3 OT Bernhard Maaz 

In der Schöpfungsgeschichte, Moses 1. Buch, da trennt Gott Himmel und Erde, das ist sein erster Schöpfungsakt und der zweite ist: Er schafft das Licht. Das skizziert vielleicht die Tragweite des Lichtes für alles, was kommt, für alles Leben, für alles Wahrnehmen, für alles Sehen.

MUSIK: „Decision“ – C1423688#010 (0:31)

ERZÄHLER

Und dann ist da das Licht im Bild. „Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis“, heißt es in der Bibel. Wo Licht ist, ist also auch Schatten. Mittelalterliche Buchmalerei und Fresken aber kennen zunächst keinen Schatten. Bis ins 15. Jahrhundert hinein werden Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge nicht beleuchtet, sie leuchten von selbst. 

ERZÄHLERIN

Das Gesicht des Heilands, Marias Mantel, Throne, Schafe, Palmwedel: alles erstrahlt im sogenannten „Eigenlicht“. Es ist ein unnatürliches Licht, außer-irdisch, gewissermaßen. Der Betrachter blickt auf eine fremde Welt, in der andere physikalische Gesetze zu herrschen scheinen als in seiner eigenen irdischen Schattenwelt. Mit Blick auf die Motive dieser Zeit, die fast ausschließlich Szenen der christlichen Heilsgeschichte zeigen, ist klar: Das Licht in der Malerei des Mittelalters ist ein Offenbarungslicht.

ERZÄHLER

1522 malt Antonio da Correggio „Die heilige Nacht“. Das Bild in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden zeigt das frisch geborene Jesuskind in seiner Wiege. Die Umgebung verliert sich im Dunkel der Nacht, rund um das Kind ist das Bild allerdings extrem hell. Doch kein besonderer Lichtstrahl fällt auf die Wiege – es ist das Kind selbst, das so leuchtet.

4 OT Bernhard Maaz 

Das Christuskind liegt in dem Stroh, wie die Bibel das berichtet, und von dem Kind geht ein Glimmen, ein Leuchten, ein Strahlen aus, was die Muttergottes und die Hirten, die herbeigeeilt und die Engel, die herbeigeflattert sind, alle anstrahlt. Das ist das göttlichste Licht, was man sich nur vorstellen kann. 

ERZÄHLERIN

Mittelalterliche Verkündigungsdarstellungen zeigen das göttliche Licht oft sogar ganz konkret. Eines der schönsten Beispiele dieses Motiv stammt von Fra Filippo Lippi und befindet sich in der Alten Pinakothek in München. Über Maria und dem vor ihr knienden Erzengel Gabriel sieht man links oben Gottvater. Von dort aus durchzieht ein Lichtstrahl in gerader Linie das gesamte Gemälde direkt auf Marias Herz zu. Mitten auf dem Lichtstrahl sitzt eine Taube und rutscht auf einer kleinen hellblauen Wolke auf Maria zu. 

6 OT Bernhard Maaz 

Das ganze Bild ist von Licht, von natürlichem Licht durchströmt. Das hat der Renaissance-Maler genau gesehen, genau beobachtet, auch in seinen Wirkungen, dass das Licht die Figuren plastisch macht. Aber es kommt eben der goldene Strahl als heiliges Licht noch dazu. Wir haben also verschiedene Bedeutungsebenen von Licht und Lichtstrahl.

MUSIK: „Until it blazes“ – C504944#014 - (1:15)

ERZÄHLER

Licht ist elektromagnetische Strahlung, es ist immateriell. Licht malen heißt: die Wirkung des Lichts imitieren, seine Erscheinung nachahmen. Eine silberne Kanne bekommt weiße Glanzlichter auf ihren runden Bauch, einen schweren Baumwollstoff hingegen malt man ganz ohne Reflexe, trocken und stumpf, er soll das Licht schlucken. Es ist wie in der realen Welt: Wir müssen einen Gegenstand nicht erst berühren, um zu wissen, ob er weich oder glatt ist. Wir sehen das vorher.

Außerdem formt das Licht die Gegenstände. Ein Maler kann die Dinge mit Licht modellieren: eine Stofffalte etwa malt man in ihrem Tal, wo der Schatten ist, dunkel, ihre höchste Stelle hingegen muss hell sein. 

ERZÄHLERIN

Die Ölmalerei gilt als die Königsdisziplin der Malerei, unter anderem wegen ihrer Farbbrillanz. Eine Holztafel oder eine auf einen Keilrahmen gespannte Leinwand wird mit einer weißen Kreideschicht grundiert. Dann beginnt die langwierige Arbeit der Maler:

8 OT Bernhard Maaz 

Sie lasieren, legen also mehrere transparente Farbschichten oder bedingt transparente übereinander, sodass aus der Tiefe der tieferen Schichten, aus der Farbigkeit, ein Leuchten hervorkommt, weil natürlich alle Farbe, die wir sehen, nur dadurch entsteht, dass Licht auf das Pigment fällt und dass die verschiedenen Pigmente, die verschiedenen Materialien von unseren Augen wahrgenommen werden, weil sie das Licht in verschiedenen Spektren reflektieren.

ERZÄHLER

Das Licht dringt also tief in die Malschichten ein und wird von dort zurückgeworfen. Von Tizian weiß man, dass er 150 Lasuren übereinander malte. Das Bild mag am Ende trotzdem nur wenige Millimeter dick sein, doch genau diese Lasuren machen den Unterschied zwischen einer aus der Tiefe des Raums leuchtenden Fackel und einem gelben Fleck. 

ERZÄHLERIN

Trick Nummer zwei sind die Kontraste. So wie das Licht am Ende eines Tunnels besonders hell strahlt, so gilt auch für die Malerei: Je dunkler ein Bild, desto heller wirken die lichten Partien. „Chiaroscuro“ nennt sich das, Helldunkelmalerei. Vor dunklem Hintergrund werden einzelne Partien des Bildes beleuchtet, als stünde ein starker Scheinwerfer neben dem Bild.

9 OT Maaz 

Die Figur strahlt nicht von sich, sondern sie wird angestrahlt, etwa in den Bildern, die in ein sogenanntes Kellerlicht getaucht sind. Da ist die Szenerie dann geradezu theatralisch mit Schlaglichtern, mit Scheinwerfern ausmodelliert und auch von den Bedeutungen ausdifferenziert.

MUSIK: „Ascolta“ – C138761#010 - (1:33)

ERZÄHLER

Die punktuellen Helligkeiten und starken Kontraste lenken das Auge des Betrachters durch das Bild. Eine Handlung mag noch so kompliziert sein, kluge Lichtführung macht jedes Bild verständlich. Der Italiener Caravaggio gilt als Meister des Chiaroscuro, niemand vor ihm hatte solch eine Dramatik in der Malerei erreicht. Etwa um das Jahr 1600 malte Caravaggio „Die Berufung des heiligen Matthäus“. Eine Gruppe von Männern sitzt an einem Tisch, einige von ihnen zählen Münzen; es sind Zöllner. Von rechts nähert sich ein Fremder und zeigt auf den jungen Mann ganz links, am anderen Ende des Bilds. 

ERZÄHLERIN

Es ist Jesus, der Matthäus zu seinem Jünger erwählt. Das Licht fällt schlaglichtartig von rechts auf die Männer, es lenkt den Blick vor allem auf ihre Gesichter und Hände, der Rest versinkt im Dunkeln. Das Gemälde befindet sich in der Kirche San Luigi dei Francesci in Rom, genau an dem Ort, für den es geschaffen wurde: an der linken Seite einer kleinen Kapelle. Durch ein Fenster über dem mittigen Altarbild fällt Tageslicht auf das Gemälde, und entspricht damit genau dem gemalten Licht im Bild.

ERZÄHLER

Das Besondere an dem Bild ist aber nicht nur die dramatische Lichtführung: Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte wird eine heilige Handlung nicht in einem heiligen Rahmen oder in einer Ideallandschaft gezeigt, sondern in einer alltäglichen Stube. Das Fenster ist schmutzig, die Männer sind unordentlich gekleidet, manche nehmen nicht mal Notiz von dem Fremden.

ERZÄHLERIN

Es ist eine durch und durch profane, alltägliche Szenerie, und dann kommt auch noch das Licht im Bild aus der Welt des Betrachters. Ganz im Sinne der Gegenreformation ging es Caravaggio hier darum, den Menschen das göttliche Geschehen nahezubringen, es in ihre Welt zu tragen.

ERZÄHLERIN

Was wir bei der Betrachtung des Lichts in der Malerei immer mitdenken müssen: Was wussten die Maler überhaupt über das Licht und das Sehen? Im Altertum ging man wahlweise davon aus, dass das Auge einen Sehstrahl auswirft, der die Informationen über den Raum zurückwirft, oder aber, dass die Gegenstände über ihre Poren eine Art Strahlung aussenden, die in das Auge eindringt. Erst um das Jahr 1000 erkannte man den Zusammenhang zwischen Sehen und Licht. So richtig in Fahrt kommt das Wissen um das Sehen erst um das Jahr 1600.w 

12 OT Maaz

Das Wissen über Licht und Lichtbrechung wächst zunehmend, es entsteht die Optik... Und es wächst die technische Raffinesse, die Ferngläser, also es gibt schon im Mittelalter, im Spätmittelalter, die Brille, aber das, was an Beobachtungsmöglichkeiten hinzukommt um 1600, ist immens. Es gibt also ein stark wachsendes Interesse an der naturwissenschaftlichen Weltbeobachtung und deren Umsetzung in der Malerei.

MUSIK: „Harmony of the spheres“ – CD06653#06 (1:03)

ERZÄHLER

Adam Elsheimers „Flucht aus Ägypten“ in der Alten Pinakothek in München steht beispielhaft für das Interesse der Maler an Licht, Physik, Wahrnehmung. In kühlem, fast bläulichem Weiß steht der Vollmond am Himmel und spiegelt sich in einem Gewässer. Dieser Mond ist so detailliert gemalt, dass man die Krater auf seiner Oberfläche erkennen kann. Auch der Rest des Nachthimmels ist für die Zeit außergewöhnlich detailreich: 1200 Sterne hat Elsheimer hier wiedergegeben, darunter mehrere bekannte Sternbilder und vor allem: die Milchstraße. Als milchig helles Band mit besonders hoher Sternendichte zieht sie sich quer über den Nachthimmel. 

13 OT Maaz

Und neben dem kosmischen Licht unten im Hintergrund ein Feuer, bei dem sich Menschen wärmen, mitten in der Nacht. Das ist die nächste Verfeinerungsstufe, wenn man so sagen kann, die verschiedenen Qualitäten, das kältere Sternenlicht und das wärmere Feuer. 

ERZÄHLERIN

Das Bild ist eine Sternstunde der Kunstgeschichte in doppeltem Sinn: Elsheimer malte den Himmel so genau, dass Astrologen das Bild exakt datieren konnten: Es zeigt den Himmel über Rom am 16. Juni 1609 um 21.45 Uhr. Und: Elsheimer muss den Himmel durch ein Fernrohr gesehen haben, das erst ein Jahr zuvor in den Niederlanden erfunden worden war. Denn bei solch hellem Vollmond hätte er die Milchstraße mit bloßem Auge gar nicht sehen können. Der Barockmaler zeigt hier nicht nur was er sieht, sondern auch was er weiß und vor allem: was er kann.

ERZÄHLER

Bis hierhin könnte man den Eindruck gewinnen, die Kunstgeschichte kenne nur Nachtbilder. Dabei ist die Sonne die hellste Lichtquelle von allen. Keine Lampe, kein Feuer und kein Vollmond kann es mit ihrer Strahlkraft aufnehmen. Doch die Landschaft setzt sich erst im 17. Jahrhundert als Motiv durch, dazu musste sich die Malerei erst aus dem konfessionellen Kontext lösen. 

ERZÄHLERIN

Einer der ersten Maler, der die Sonne ins Zentrum des Bildes rückt, ist der Franzose Claude Lorrain. Lorrain ist bekannt für heitere, idyllische Ideallandschaften, in denen es nie regnet. Eines seiner Bilder in der Alten Pinakothek zeigt einen Seehafen bei untergehender Sonne. Lorrain malt hier die Sonne selbst, sie ist zugleich Lichtquelle und Hauptmotiv.

15 OT Maaz

Wir sehen ein Aufstrahlen am Firmament, wir sehen wie die See, die Architekturen, die Staffagefiguren, die Schiffe, die ferne Landschaft, wie alles ins Licht getaucht ist. Und er geht sogar noch weiter. Er zeigt auch die Spiegelung der Sonne auf dem Meer, bei Sonnenuntergang, bei Sonnenaufgang, also immer auch mit starken emotionalen Komponenten. 

ERZÄHLER

Claude Lorrain ist der Meister des Lichtes schlechthin. Er ist allerdings nicht der einzige Maler, den man „Meister des Lichts“ nennt. Auch der britische Landschaftsmaler William Turner – ein großer Verehrer Lorrains – wird gern als „Maler des Lichts“ bezeichnet. Die Kunsthistorikerin Karin Althaus: 

16 OT Karin Althaus   

Es ging ihm total um Malerei, Landschaft, um Wetter, um Wetterphänomene und eben auch um Licht und wie Licht in Farbe übersetzt werden kann.

MUSIK: „Won‘t somebody see a lady home“ – C143243#001 (0:58)

ERZÄHLERIN

Turner interessierte sich für Licht und Luft in den unterschiedlichen Erscheinungsformen, für Wolken und Rauch, Staub und Ruß. Er malte das brennende Parlament in London, einen Schneesturm in den Alpen, Rauch ausstoßende Lokomotiven oder Dampfschiffe im Hafen. Er kannte viele optische Effekte, zum Beispiel, dass weit entfernte Gegenstände durch die Trübe der Atmosphäre bläulich erscheinen. Berühmt wurde Turner vor allem mit seinen späten Werken. Es sind Bilder, in denen sich die Formen langsam auflösen, Häuser, Brücken, Bäume und Menschen zerstäuben regelrecht im Licht. 

17 OT Karin Althaus 

Vielleicht hat Turner als einer der ersten begriffen, wenn man Licht darstellen will, dass halt dann die Kontur eines Berges nicht mehr das zentrale ist, sondern wirklich das, was das Licht mit der Atmosphäre macht. 

MUSIK: „Run“ – C154752#106 (0:43)

ERZÄHLER

Maler lieben das Licht. Und zwar nicht nur den strahlend hellen Schein der Sonne oder spektakulär flackernde Fackeln in der Nacht. Auch über die warme Stube der Bürgerlichkeit lässt sich mit Licht erzählen. „Wohnzimmer mit Menzels Schwester“ heißt ein Gemälde von 1847: der Berliner Adolph Menzel malt hier den Blick in ein Wohnzimmer. Im Hintergrund sitzt die Mutter an einem Tisch und näht oder stickt, vorn im Bild steht die Schwester des Malers, sie lehnt am Türrahmen mit einer Kerze in der Hand. Bernhard Maaz:

18 OT Maaz

Wir haben also in einem Raum zwei verschiedene Lichtquellen. Wir haben die völlig verschattete, abgewendete Figur der Mutter, und wir haben die von unten, von der Kerze her anmutig beleuchtete Schwester, in deren Augen sich das Licht mit einem winzigen weißen Tupfer spiegelt.

ERZÄHLER

Zwei Lichtquellen, zwei Frauen, zwei Tätigkeiten: Die Mutter bei der Handarbeit, die Schwester selbstvergessen, sie scheint zu träumen, auf jemanden zu warten. Eine äußerst private, intime Szenerie.

19 OT Maaz

Menzel, der exzellente Beobachter, führt uns in eine persönliche Sphäre hinein in ein dunkles braun-, grün-, gelbtoniges Zimmer. Er höht, er hebt die Lichter heraus, bis hin zum weißen Saum am Ärmel der Schwester. Und er feiert das Licht in einem bürgerlichen Raum. 

ERZÄHLERIN

Zu den Höhepunkten des Lichts in der Malerei gehören zweifelsohne die Bilder der Impressionisten. Sie machten es sich zur Aufgabe, das Licht selbst zu malen – in all seinen Nuancen. 1893 und 94 malte Claude Monet insgesamt 33 Bilder der Kathedrale von Rouen. Immer die gleiche Ansicht, die Westfassade mit ihren großen Portalen und dem Rosettenfenster, aber zu unterschiedlichen Tageszeiten. In grau-blauem Morgennebel, bei Sonnenuntergang in glühendem Goldgelb, in rotes Licht getaucht, oder mit harten Schlagschatten im gleißenden Mittagslicht. Mit kurzen, schnellen Pinselstrichen fängt er die flüchtigen Effekte des Lichts und der Atmosphäre ein. 

ERZÄHLER

Es geht Monet nicht um die Architektur und auch nicht um Heuhaufen, von denen er ähnliche Bilderreihen malt: es geht einzig und allein um die verschiedenen Qualitäten des Lichts. 

20 OT Maaz

Das ist eine Malerei des reinen Lichts und der Beobachtungen über die stark modifizierende Lichtwirkung. Monet geht eben raus und malt die Natur in ihrer Unverfälschtheit und lehrt uns differenziert zu schauen.

ERZÄHLERIN

Aber das Licht im 20. Jahrhundert hat noch mehr zu bieten. 1930 malt Lyonel Feininger die Marktkirche in Halle: Ein hohes Kirchenschiff mit steil aufragendem Dach und Doppeltürmen vor blauem Himmel. Das gesamte Bild ist von Linien durchzogen, an denen sich das Licht zu brechen scheint, als sei das Bild aus verschiedenfarbigen Papieren zusammengeklebt oder als betrachte man es durch eine gebrochene Glasscheibe.

21 OT Maaz

Man weiß gar nicht ganz genau: Kommt das Licht von oben, kommt es von unten, sind es Schattenwürfe, sind es Strahler, sind es, ja, wenn es zehn Jahre später wäre, würde man sagen, sind es Flakscheinwerfer. Es ist ein Licht aus vielen, vielen Richtungen. Und ich glaube, dass das ganz symptomatisch ist für das moderne Sehen. Dass es eben in einer Stadt die Gaslaternen gab, die elektrische Beleuchtung eingeführt wurde und die Figuren Schatten werfen, die Architekturen Schatten werfen und das ganze Geschehen im Bild sich aus Beleuchtungen entwickelt und nicht nur aus einem Sonnenlicht.

ERZÄHLERIN

Das zwanzigste Jahrhundert ist das Zeitalter der unendlichen künstlichen Lichter, der Scheinwerfer, der Tag und Nachtbeleuchtungen, der Lichtreklame. Feininger gibt dem neuen Lichtgefühl mit seiner Malerei ein Gesicht 

22 OT Maaz

(Er erfasst einfach seine Zeit,) er erfasst, wie so ein Stadtraum sich darstellt und wie relative Schwärzen entstehen, wo kein Licht hinfällt. Und erfasst damit auch zugleich die Lebendigkeit des urbanen Raums. 

ERZÄHLER

Neues Licht für eine neue Zeit. Und so wird es weitergehen. 

23 OT Maaz  

Licht wird immer eine Rolle spielen, das ist die Conditio sine qua non für die Malerei. Und die Wirkung der verschiedenen Materialitäten, in dem Licht, in der Verschattung, ist ja auch mit das Spannendste, was ein Künstler machen kann. 

MUSIK: „Until it blazes“ – C504944#014 - (1:15)

ERZÄHLERIN

Und manchmal braucht man dazu nicht mal mehr Pigment: Für das Diözesanmuseum in Freising schuf der amerikanische Lichtkünstler James Turrell eine Lichtkapelle: ein Raum, ganz in helles wechselndes farbiges Licht getaucht. Es gibt keine Horizontlinie und keinen Tiefenraum, kein Oben und kein Unten, kein Motiv und keine definierbare Lichtquelle. 

ERZÄHLER

Es ist, als würde man in das Licht hineinsteigen und alle Arten von Licht gleichzeitig erfahren: das außerirdische Eigenlicht des Mittelalters, Lorrains strahlende Sonne und Monets flirrendes Stimmungslicht, Turners dichte Atmosphäre und Menzels warmes Stubenlicht. Mag sein, dass Turrells Installation keine Malerei mehr ist. 

Aber eines hat uns die Geschichte des Lichts in der Malerei gelehrt: Licht ist mehr als Beleuchtung. Es weist immer über sich hinaus. 

ENDE

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Doch er wollte mehr: Musik über Sprecher „Scenes Bohemeniennes“ SPRECHER Jean Renoir S. 88 – Malunterricht Renoirs Sohn Jean berichtete später, dass der Vater die Kneipen von Paris mit Göttern und Symbolen bemalt habe. Damit habe er gar nicht schlecht verdient. Mit jedem Auftrag, der ihm Geld einbrachte, sei in ihm deswegen der Wunsch größer geworden: Er wolle einen richtigen Malunterricht in einer richtigen Schule nehmen. ERZ.IN Mit 21 Jahren wurde er Student der École des Beaux-Arts, arbeitete aber die meiste Zeit im privaten Atelier des Schweizer Malers Charles Gleyre, wo ein liberaler Geist und weniger Reglement herrschte. Dort freundete er sich unter anderem mit Claude Monet an, dem späteren Maler der Seerosenbilder. Zusammen mit Monet beginnt er, das „Hier und Jetzt“ zu malen, realistische Abbilder der eigenen Zeit. Das klingt banal, war aber damals eben keine Selbstverständlichkeit. Heute gelten Künstler als Seismographen der Gesellschaft, man erwartet geradezu von ihnen, dass sie sich mit aktuellen Themen beschäftigen. Damals aber galt die Historienmalerei als das höchste aller Genres, auch literarische, mythologische und biblische Themen waren beliebt. über Musik („ I’isle joyeux für Klavier“) Renoir aber malte die Welt so wie sie ihm vor die Nase kam: Madame Monet, den „Figaro“ lesend. Eine junge Frau bei ihrem ersten Theaterbesuch. Cafészenen, Porträts seiner Künstlerfreunde, kleine Kinder beim Spielen. Laut Michael Zimmermann ging es Renoir und seinen Mitstreitern dezidiert darum, die eigene Zeit und gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden. OT Michael Zimmermann – zeitgemäß Die Zeit hatte regelrecht ein Programm, dass die Kunst zeitgenössisch sein sollte, dass die Kunst sich ihrer eigenen Gesellschaft widmen sollte. 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OT Michael Zimmermann – nur teilweise emanzipatorisch Da gibt es auch ein Element der Emanzipation, plötzlich haben diese Frauen vom Lande, die nach Paris drängten, dort kleine Arbeiten hatten, man nannte die Midinette, weil sie ihr Pausenbrot zu Mittag, a midi, auf den öffentlichen Banken verzehrten, diese Frauen konnten modisch sein, sie konnten sich entweder diese Prêt-à-porter-Mode leisten oder sie konnten sie nachnähen, da gab es ab den 1850er Jahren Zeitschriften mit Schnittmustern, das war ein Schritt zu einer gewissen Emanzipation… ERZ.IN Renoir hatte in dieser Zeit laufend Geldsorgen, seine Ersparnisse waren längst aufgebraucht. Doch er malte kein einziges Bild, in dem die Armut auch nur ansatzweise spürbar wäre: kein schlechtes Wetter, keine frierenden Menschen, keine Bettler, keine Traurigkeit, nichts Negatives, nirgends. ERZ.IN Es gab nur einen einzigen Kunsthändler, der damals den Mut hatte, die Bilder der Impressionisten in seiner Galerie zu zeigen. 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Am Horizont liegen Schiffe vor Anker, vorne sind ein paar Fischerboote zu erkennen. Im Hintergrund durchbricht das Rot der aufgehenden Sonne das Graublau des Bildes. Wegen seiner Skizzenhaftigkeit geriet gerade dieses Bild in den Fokus der Kritiker. Viele behaupteten, sie könnten gar nicht erkennen, was dargestellt sei. Musik über Zitator („3. Satz Grand Concerto G-Dur“) ZITATOR Louis Leroy 25.4.1874 in „Le Charivari“ Eine Tapete in ihrem embryonalen Zustand ist ausgearbeiteter als dieses Seestück! ERZ.IN Monet hatte das Bild „Impression – Soleil levant“, Sonnenaufgang, genannt. Nach dem Titel dieses Bildes wurde die Gruppe von einem Kritiker „Impressionisten“ genannt. Es dauerte nicht lang und die Freunde nutzten diesen eigentlich als Spottnamen gemeinten Namen auch selbst. Denn es stimmte ja: Sie wollten eine Landschaft oder Szenerie nicht hyperrealistisch und exakt wiedergeben, sondern den Eindruck, die Impression, die das Motiv in ihnen hervorgerufenen hatte. Renoir malte die Wirklichkeit zwar so, wie er sie sah, aber seine Malerei erfasste dabei nicht die volle gesellschaftliche Wahrheit. SPRECHER Auguste Renoir – Bild In Gesprächen mit seinem Kunsthändler äußerte Auguste Renoir: Es gebe genug unerfreuliche Dinge auf der Welt, als dass man noch weitere fabrizieren müsse. Hübsch, erfreulich und liebenswert – so sollen für ihn Bilder sein. Musik („Divertissement pour une fete“) ERZ.IN Sein wohl berühmtestes Gemälde, der „Tanz im Moulin de la Galette“ 1876 hängt heute im Musée d’Orsay in Paris. Michael Zimmermann: OT Michael Zimmermann – Moulin de la Galette 1 Das ist eine Tanzszene in einem öffentlichen Garten am Mont Martre, der hat nach einer alten Mühle, die dort mal war, der hieß das Moulin de la Galette. Und dort zeigt er nun schöne Paare mit charaktervollen Männern, … tanzend oder im innigen Gespräch mit sehr hübschen Frauen, es gibt so dieses hinreißende Frauenmodell, das Modell der Parisienne, die wie die Zeitgenossen nicht müde wurden auch in Reiseführern zu schreiben, immer anbetungswürdig ist, toujours adorable, da gibt es im Vordergrund zwei Frauen, die sehen aus wie Zwillinge. ERZ.IN Im Grunde ähneln sich alle Frauen auf dem Bild: jung, hübsch, fröhlich, dunkelblond, sehr bedacht auf ihre Garderobe. Über der Tanzfläche, den Tischen und Stühlen erstreckt sich ein Laubdach. Durch die Blätter fallen gelbe Flecken von Sonnenlicht auf die Gesichter, die Kleidung und den Boden. Als Modelle dienten Renoir seine Malerfreunde und deren Freundinnen. Was er zeigte war ein bunt gemischtes Publikum: Arbeiter, Künstler, Arbeitslose, hochgebildete Literaten, Mädchen vom Land trafen sich hier, um sich zu vergnügen. In Frankreich entwickelt sich die Mittelschicht gerade als staatstragende Gesellschaftsschicht. Eben dieser Mittelschicht gab Renoir ein Gesicht: Musik aus OT Michael Zimmermann - Kunstgeschichte Das war wichtig, dass nicht die alten traditionellen Gesellschaftsschichten oder auch nicht die ganz revolutionären Avantgarden, die an neuen wissenschaftlichen Kunstsprachen arbeiteten, sondern dass dieses neue Volk, das sowohl politisch wie auch kommerziell seinen Platz suchte und fand im Impressionismus eine Identität fand. Dafür ist Renoir ohne Zweifel eine Schlüsselfigur. ERZ.IN Was Renoir malt, ist ein erträumtes Glück und keine soziale Wirklichkeit. Die prekären Lebensverhältnisse der Bohemiens, die Notlage der Frauen, die ihren Körper verkaufen mussten, Syphilis, ungewollte Kinder, die Frauen zur Adoption freigeben mussten – all das blendete der Künstler aus. Aber die Zeitgenossen wussten, dass es sich auf dem Bild „Tanz im Moulin de la Galette.“ um ein Glückskonstrukt handelte. OT Michael Zimmermann – Moulin de la Galette 2 Dieses Ambiente hatte durchaus die Reputation, dass sich dort Prostituierte aufhielten. Für ihn war aber der abfällige, grausame oder allzu sozialkritische Blick auf dieses Milieu nicht das, was er anstrebte. Er warf dem berühmten Schriftsteller Zola vor in dieser Weise auf solche Milieus zu blicken, mit einem grausamen analytischen Blick. Und er meinte dadurch würde unterschlagen der große Reichtum an Emotionen, an Sensibilität, an echter Liebe, der eben gerade auch in diesen Milieus, die nicht durch die Prostitution gekennzeichnet sind, wo sie aber immer auch in ihren Mischformen zum Beispiel der ausgehaltenen Frau nicht weit war. ERZ.IN Lise etwa, die junge Frau mit dem Sonnenschirm, war nicht nur sein Modell, sondern auch sieben Jahre lang seine Geliebte. Zwei Mal wurde sie von Renoir schwanger, doch weder Renoir noch Lise selbst nahmen die Kinder an. Der erstgeborene Sohn scheint früh verstorben zu sein; zu seiner Tochter Jeanne, die nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde, hielt Renoir zeitlebens Kontakt. SPRECHER Auguste Renoir – Tochter Als sie ihren Mann verlor, schrieb er ihr, dass er sie auch jetzt nicht allein lassen werde – bis zu ihrem 38. Lebensjahr habe er sie nie im Stich gelassen. Und das werde er auch weiterhin nicht tun. ERZ.IN Öffentlich aber machte er diese Vaterschaft nie. Mit seiner späteren Frau, der Schneiderin Aline Charigot, bekam Renoir noch einmal drei Söhne. Der zweitgeborene, Jean Renoir gilt heute als einer der einflussreichsten Regisseure aller Zeiten. In den 1960er Jahren schrieb er ein Buch über seinen Vater, in dem er ihn – nicht nur in pädagogischen Fragen – als äußerst liberalen Menschen schildert. Der Vater sei sehr nachsichtig gewesen, solange sich die Kinder sich respektvoll gegenüber Menschen und Dingen verhielten. Ende der 1870er Jahre stellten sich endlich erste Erfolge ein, Renoir verkaufte hin und wieder ein Bild und konnte sich erste Reisen leisten. Er fuhr nach Algerien und Italien – natürlich des Lichts und der Farben wegen! Doch ausgerechnet jetzt geriet der „Maler des Glücks“ in eine künstlerische Krise. SPRECHER Auguste Renoir – Freilichtmalerei Im Nachhinein bezeichnete er den Impressionismus in Gesprächen mit Freunden als eine „Sackgasse“ und die Freilichtmalerei als „zu umständlich“. Für aufwändigere Kompositionsarbeiten tauge die Arbeit im Freien nicht, weil sich das Licht ständig verändere. ERZ.IN In den 1880er Jahren wurden seine Farben kühler und glatter, die flirrenden Umrisse wichen festen Konturen, die Körper wurden plastischer, die Linien präzise, Sonnenflecken auf der Haut sucht man nun umsonst. Es ist eine klassische Malweise, weit entfernt von jedweder Avantgarde. Diese Krise befiel auch die anderen Impressionisten. Ihr Bestreben, die bürgerliche Wirklichkeit in Form von heiteren Festen und intimen Szenerien abzubilden stand letztlich im Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität in all ihren Facetten. Außerdem hatten sie ja ihr Ziel erreicht. Der harte Durchsetzungskampf ihrer Kunst schien jedenfalls gewonnen. OT Michael Zimmermann – Krise Das Statement zugunsten der neuen Schichten scheint nicht mehr notwendig zu sein, und die Maler ziehen sich ein bisschen in eine Kunst, die mehr Selbstzweck, in eine Kunst des L’art pour l‘art zurück. Musik („Gymnopedie für Klavier Nr. 1“) ERZ.IN In Renoirs Spätwerk gibt es fast keine Szenen des Pariser Alltagslebens mehr. Stattdessen malt er zeitlose Aktfiguren im Freien. Die „Großen Badenden“ von 1887 etwa zeigen fünf Mädchen an einem Weiher am Waldrand. Eine will ihre Freundinnen am Ufer nassspritzen. Während seine früheren Idyllen ganz konkrete Orte zeigten – das Tanzlokal am Moulin de la Galette, die Badeanstalt „La Grenouillère“ an der Seine, den Wald von Fontainebleau – ist die Idylle hier jeder Zeit und jedem Ort völlig enthoben. Aus den Pariser Nähmädchen sind Nymphen geworden. Renoir ist nicht mehr der „Maler des modernen Lebens“. Üppige Akte in einer paradiesischen Natur werden zu seinem Hauptmotiv. Die Frauen erscheinen nicht als Personen mit eigenem Charakter, Wünschen und Sehnsüchten, sondern als auf ihre Weiblichkeit reduzierte Gestalten, „allein zu Erotik und Mutterschaft berufen“, wie Michael Zimmermann es ausdrückt. Renoir malte Frauen wie Blumen oder Früchte, inmitten der Natur, mit der sie sich zu vereinen scheinen. Musik aus OT Michael Zimmermann – Naturhaftes Frauenbild Schon im 19. Jahrhundert haben Sozialanthropologen die Frau als naturhaft betrachtet, während der Mann dem als zivilisatorisches Wesen entgegengestellt wurde. Das war sicherlich auch zum Teil das Frauenbild Renoirs, wie es durch verschiedene Quellen auch belegt ist, nicht zuletzt auch durch das Buch, das sein Sohn, der berühmte Regisseur Jean Renoir über seinen Vater im Jahr 1962 geschrieben hat. SPRECHER Jean Renoir S. 78-79 – Frauenbild Jean Renoir nahm in der Haltung seines Vaters „seltsame Widersprüche“ wahr. Der Vater habe zwar von der Überlegenheit der Frau gesprochen, aber seine Worte über die weiblichen Emanzipationsbestrebungen konnten durchaus sarkastisch sein. Einmal soll er gesagt haben: „Was man auf der einen Seite gewinnt, verliert man auf der anderen. Wenn die Frauen an Bildung zunehmen, so kommt ihnen vielleicht anderswo etwas abhanden. Ich habe Angst, dass die kommenden Generationen für die Liebe untauglich werden.“ ERZ.IN Mit Anfang 50 zeigten sich bei Renoir Anzeichen von Rheumatismus. Wegen des milderen Klimas verbrachte er die Winter nun an der Mittelmeerküste, später zog er ganz nach Cagnes-sur-Mer an der Côte d‘Azur. Sein Haus, das er dort in einem Olivenhain bauen ließ, ist heute ein Museum. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er im Rollstuhl. SPRECHER Jean Renoir S. 314-315 – Rheuma Sein Sohn Jean beschreibt diese Zeit in seinem Buch eindringlich. Von Jahr zu Jahr sei das Gesicht des Vaters schmaler geworden, und die Hände immer verkrümmter. Die drei Bälle, mit denen er morgens immer so geschickt jongliert hatte, habe er nicht mehr greifen können. „Verdammt, ich werde ein Tapergreis“, soll er gebrüllt haben… Musik („6 Years later“) ERZ.IN Ein Tapergreis, der nicht mehr malen kann… Renoir ließ sich den Pinsel an die Hand binden. Und so malte er weiter, Tag für Tag: heiter, harmonisch, farbenprächtig, Aktdarstellungen, Porträts, den spätgeborenen Sohn Coco und immer häufiger Blumenstilleben. Als er am 3. Dezember 1919 im Alter von 78 Jahren starb, hinterließ er mit 7000 Arbeiten ein in der Geschichte der Malerei fast unerreicht großes Gesamtwerk. Nicht jedes seiner Bilder ist ein Meisterwerk. Renoir aber war zufrieden. SPRECHER Auguste Renoir – Ende Nachdem er sein letztes Bild vollendet hatte soll er gesagt haben: „Ich glaube, allmählich verstehe ich etwas davon.“ Musik aus.

  • Rainer Erlinger - Eine Philosophie für den Alltag

    12.12.2023 · 23 Min.

    Wie steht es um unsere Werte, den Umgang miteinander? Der Moralphilosoph Rainer Erlinger - bekannt geworden durch "Die Gewissensfrage" - versucht mit einem modernen Leitfaden für unsere Gesellschaft Antworten zu geben. (BR 2019) Autor: Florian Kummert Credits Autor/in dieser Folge: Florian Kummert Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Ruth Geiersberger, Stefan Wilkening, Hans Jürgen Stockerl Technik: Adele Kurdziel Redaktion: Bernhard Kastner Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO a01 SPRECHER Sehr geehrter Herr Dr. Erlinger, ich ärgere mich, dass ich bei den sogenannten „Rispentomaten“ auch den Strunk und damit eigentlich Abfall zum Tomatenpreis kaufen soll. Daher suche ich im Supermarkt immer nach Tomaten, die schon vom Strunk abgefallen sind. Wenn die Menge nicht reicht, löse ich selbst welche vom Strunk. So wiege und bezahle ich nur Tomaten - und nicht das grüne Beiwerk. Ist das richtig? MUSIK m01 SPRECHERIN Tomaten und ein Hauch von Drumherum. Eigentlich eine kleine Frage, in der ein verschwindend geringer Betrag verhandelt wird. Nur einen winzigen Cent-Betrag spart der Fragesteller ein, indem er das Grünzeug nicht mit wiegt. Und doch ist genau das für Rainer Erlinger eine perfekte, weil vielschichtige Gewissensfrage. Soll man, darf man das Grünzeug bei den Rispentomaten abzupfen? OTON Rainer Erlinger 1 „Am Ende kann man sagen: ‚der hat das Recht dazu, das ist durchaus korrekt!‘ Und dann hab ich gemerkt: Aber trotzdem stimmt was nicht. Da find ich eben: Der mag zwar recht haben, aber möchte man in einer Gesellschaft leben, die so aufgebaut ist, dass die Menschen bei allem was sie tun, denken, ob sie das letzte 0,5 Cent noch für sich rausholen oder nicht? Und da hab ich erkannt zu sagen: ‚Nein!‘ Es ist wichtiger zu sagen, was ist das für ein Mensch, wie möchte man, dass die Gesellschaft aufgebaut ist und nicht ob diese einzelne kleine Geschichte jetzt richtig oder falsch ist.“ SPRECHER Eine moralphilosophische Antwort, mit einem kleinen ‚Ja‘ und einem großen ‚Nein‘. Rainer Erlingers Antwort bezieht sich auf einen jahrtausendealten Text und die dazugehörige Haltung: die Tugendethik des Aristoteles, verfasst im 4. Jahrhundert vor Christus. Nicht die einzelne Handlung steht hier im Vordergrund, das einzelne Richtig oder Falsch, sondern das gesamte Handeln als tugendhafter Mensch. Aristoteles sieht in der Tugend das richtige Verhalten in der Mitte zwischen zwei schlechten Extremen. Und wie im Beispiel der Tomaten bis in den kleinsten Cent-Bereich hinein auf seinen Vorteil zu achten, ist extrem. Soll das eine erstrebenswerte Haltung sein? Möchte man in einer Welt leben, in der alle Menschen so handeln? Rainer Erlinger will das nicht - und zieht dabei gerne den aristotelischen Gradmesser der Freundschaft heran: OTON Rainer Erlinger 2 Wenn man sich überlegen würde, möchtest du mit jemandem, der sich so verhält, befreundet sein? Und das ist plötzlich eine Frage, mit der man merkt, es geht mehr um den Menschen, um Haltung, der kann auch mal einen Fehler machen, der kann auch im Einzelfall falsch liegen, aber es geht um diese Haltung, die in der Antike eine große Rolle gespielt hat. Möchte ich so ein Mensch sein, möchte ich eine Gesellschaft, die auf solchen Menschen aufgebaut ist? MUSIK m02 SPRECHERIN Sehr geehrter Dr. Erlinger, ich bin Studentin und knapp bei Kasse. Nun habe ich eine Brieftasche gefunden, mit viel Bargeld. Habe aber alles zurückgeschickt. Doch meine Freunde meinten, ich hätte das Geld behalten sollen. Macht doch jeder! Ich sei ein „naiver Gutmensch“. Bin ich das? OTON Rainer Erlinger 3 Gutmensch ist natürlich ein ganz problematischer und schwieriger Begriff, weil man sieht, wie ein zweifelsfrei richtiger Begriff, ein guter Mensch, das ist ja was Richtiges und gut, wieder aus der antiken Ethik, da wollte man eigentlich ein guter Mensch sein. Das ist die Idee. Durch einfache Umbenennung in ‚Gutmensch‘ wird plötzlich was Negatives draus, und man sieht zum einen die Macht der Sprache, wie man einen Begriff kapern kann, ihn sogar umdrehen, ins Gegenteil, und wie man diese Idee, ich finde eine Geldbörse und schicke die zurück, natürlich lasse ich das Geld drinnen, ich würde sagen, das ist nicht ein guter Mensch, sondern das ist eigentlich selbstverständlich. SPRECHER So selbstverständlich waren die Antworten nicht immer bei Rainer Erlinger. Fast 17 Jahre lang - von 2002 bis Ende 2018 - hat er für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ seine Kolumne „Die Gewissensfrage“ verfasst. Mehr als 850 Texte kamen so zusammen, in denen er auf Fragen der Alltagsmoral und des Gewissens einging. Fragen, die keine eindeutige, klare Antwort hatten, sondern zu einem Abwägen einluden, zu einem intellektuellen Spiel der Möglichkeiten, oft verbunden mit einem passenden Zitat aus anderen Werken, meist Klassikern der Moralphilosophie. Aristoteles, Kant, aber auch Freud oder sogar ein Asterix-Band tauchten in den Texten auf. Die Kolumne hat Rainer Erlinger schließlich abgegeben, um sich verstärkt längeren Texten und seinen Büchern widmen zu können. Abhandlungen über die Höflichkeit, die Frage „Warum die Wahrheit sagen?“ und über „Moral - wie man richtig gut lebt“. Ein Gesamtbild, das sich aus der Arbeit an den über 15.000 eingesendeten Einzelfragen ergeben hat: OTON Rainer Erlinger 4 Ich hab mal das Bild gehabt: Das ist wie eine Schüssel unterm Schreibtisch, wo von jeder Frage was reingetropft ist, diese Essenz, dass ich die zusammenfassend darstellen wollte. SPRECHERIN Sozusagen die Tugendethik des Dr. Dr. Rainer Erlinger. 1965 wird er in Deggendorf geboren, besucht dort die Schule und fängt früh an zu schreiben, gibt die Schülerzeitung heraus und geht zum Studieren nach München. Er ist fasziniert von Jura und Medizin, beides lernintensive Studiengänge. Rainer Erlinger entscheidet sich … gar nicht, sondern studiert beides. Schließt erst Medizin ab, dann Jura. Und promoviert in beiden Fächern. Ein niederbayerisches Wunderkind also? OTON Rainer Erlinger 5 Nein, Wunderkind bin ich nicht. Ich bin nur tatsächlich jemand, wenn man’s böse formulieren würde, könnte man sagen, etwas zwanghaft, und wenn man es nett formuliert, bin ich einfach jemand, der, wenn er was angefangen hat, es auch gerne zu Ende bringt. Und zwar nicht nur aus diesem „Ich muss es unbedingt zu Ende bringen“, sondern ich hab das Ganze studiert, weil es mich interessiert und dann will ich auch den akademischen Abschluss zu Ende bringen, es sind ja beides Fächer, die man nie in dem Sinn zu Ende bringt, dass ich jetzt alles wüsste, aber dass ich zumindest einen Schlusspunkt setzen kann, bei dem was ich erfahren kann, und es hätte mich immer unglücklich gemacht, wenn ich nur einen Teilüberblick habe. SPRECHER Erlinger vermischt in seiner Arbeit beide Welten, Medizin und Jura, er wird Anwalt mit Schwerpunkt Medizinrecht, das sich generell mit ethischen Fragen beschäftigt, dem Beginn und dem Ende des Lebens oder der Autonomie des Menschen. Was darf man selbst bestimmen? Welche Verpflichtungen hat man gegenüber der Gesellschaft oder welche Verpflichtungen hat die Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen? Neben seiner Anwaltstätigkeit rückt das Schreiben immer mehr in den Vordergrund. Und dabei entdeckt Erlinger die Welt der Philosophie, insbesondere der Moralphilosophie. Die trifft, wenn sie allgemeinverständlich erklärt und auf ihre Essenz destilliert wird, auf ein immer breiteres Interesse bei den Lesern. Für manche wird Erlinger zum ‚Moral-Papst‘, für andere zum ‚Moralapostel‘... OTON Rainer Erlinger 6 ‚Moralapostel‘ ist ein unschöner Begriff, wobei ich feststelle, dass viele Leute das oft gar nicht so böse meinen, sondern das eher so scherzhaft machen, aber natürlich stört mich das, weil der Moralapostel ist negativ konnotiert, ist einer der mit erhobenen Zeigefinger durch die Welt läuft und anderen Leuten das Leben schwer macht und auch dieses Übergenaue und Übermoralische, das möchte ich natürlich nicht sein. Aber ein moralischer Mensch bin ich schon auch gerne, weil ich das für richtig halte. SPRECHERIN Schon in den 1960er Jahren erkannte der Soziologe Niklas Luhmann, dass unsere Welt immer komplexer wird - eine Veränderung, auf die der Mensch reagieren muss. Die Komplexität hat in den vergangenen Jahrzehnten noch weiter zugenommen und mit ihr wächst eine Unsicherheit, gegen die Erlinger anschreiben will: OTON Rainer Erlinger 7 Wir haben die Unsicherheit im Großen, also wo geht die politische Gesellschaft hin? Wo geht die Politik insgesamt, wo geht die Welt hin? Ich glaube auch, dass es noch eine zweite gibt, die schon viel länger da ist: dass die Gesellschaft Regeln verloren hat. Also ich sag das mal ganz neutral: vor 50 oder vor 100 Jahren war im Leben alles geregelt. Die meisten haben das Leben ihrer Eltern fortgeführt, haben den Beruf ergriffen, haben vielleicht den Hof übernommen oder das Geschäft übernommen, oder sind in dieselbe Lehre gegangen. Und wie man sich verhält, war vorgegeben von den Eltern, von der Gesellschaft, von der Kirche. Das ist alles weggefallen, größtenteils. Die meisten machen ein ganz anderes Leben, leben woanders, haben einen Beruf… oft ist es so, die Eltern können nicht mal mehr genau beschreiben, was die Kinder eigentlich als Beruf machen. Und plötzlich ist alles offen und da ist ein Verlust an Regelung, an Regeln. Man kann nicht komplett ohne Normen, ohne ein Regelwerk wie man zusammenlebt ein Leben oder eine Gesellschaft bilden. Deswegen müssen dann neue Regeln gesucht werden, und das sind die Moral, die Ethik, das Reflektieren. Was ist richtig, was ist falsch? Und eben das Fragen und das Neu-Suchen. ATMO a02 und MUSIK m02 SPRECHERIN Bis zu 100 Suchende pro Woche schickten ihre Gewissensfragen an Rainer Erlinger. Ein beliebtes Themengebiet: Kinder. SPRECHER Dürfen wir meinem Bekannten und seiner Frau sagen, dass uns deren dreieinhalbjähriger Sohn auf die Nerven geht, wenn wir uns sehen? Oder ist das unter Freunden tabu und wir müssen alles ertragen, was Kinder in diesem Alter eben so tun? SPRECHERIN Antwort: Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, was uns nicht nur Kant klargemacht hat. Entsprechend sollten wir uns verhalten. Sie, indem Sie nicht sagen, dass Ihnen das Kind auf die Nerven geht und damit ihren Freund kränken; stattdessen besser, dass Sie einfach nicht so viel mit Kindern anfangen können. Und ihr Freund, indem er Ihnen zukünftig nicht die volle Dosis Kind zumutet. ATMO a04 SPRECHER Weiteres Themengebiet: die Nachwehen von Beziehungen. SPRECHER Vor vier Monaten trennte sich meine Freundin nach fünf Jahren von mir. Nun sind wir uns zum ersten Mal wieder auf einer Party begegnet und haben uns nur knapp begrüßt. Als sie später sah, wie ich eine andere Frau küsste, verließ sie sofort wütend die Feier. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und wollte mich bei ihr entschuldigen. Muss ich das? MUSIK m02 SPRECHERIN Antwort: Sie sind ein freier Mann und dürfen küssen, wen Sie wollen. Eine Entschuldigung ist also nicht notwendig. Was aber nicht bedeutet, dass es vollkommen richtig war, vor den Augen der Ex eine andere Frau zu küssen. Man könnte es als eine Frage des Stils ansehen, oder des Rücksichtsgebots. So wirkt das wie ein in Richtung der Ex gebrülltes „ICH KANN TUN, WAS ICH WILL!!!“ mit drei Ausrufezeichen. Eine vielleicht berechtigte, aber keine schöne Art der Kommunikation. SPRECHER Die Frage, die Rainer Erlinger wohl am häufigsten gehört hat, lautet: Sagen Sie mal, sind die Gewissensfragen wirklich alle echt, das kann doch gar nicht sein?! OTON Rainer Erlinger 8 (Lacht) Die kommt so häufig … ich kann’s gar nicht mehr zählen, die kommt tatsächlich auch … das ist die Partyfrage, Ach du machst die Gewissensfrage, was mich schon lange interessiert … in dem Moment sag ich, ja sie sind alle echt …! Ich warte die Frage gar nicht mehr ab, die kommt immer wieder, und dann: ja die Fragen sind ja so komisch, sag ich, ja, ich find’s schon fast eine Beleidigung zu sagen, die sind so schräg, dass du sie dir ausdenkst, nein, also ich käme auf so viele Fragen gar nicht, und ich finde das Schöne an diesen Fragen ist, dass sie oft ´ne Kante haben, wo man merkt, das ist jetzt nicht der glatte Lehrbuchfall, sondern da ist irgendwas, wo es nochmal schwierig wird und wo etwas drin ist, was sich der glatten Lösung widersetzt. SPRECHER Ich bin seit kurzem arbeitslos. Meine 82jährige Mutter würde sich darüber sehr grämen, daher möchte ich sie in ihren letzten Lebensjahren von dieser schlechten Nachricht verschonen und ihr meine Arbeitslosigkeit verheimlichen. Kann dies als Notlüge durchgehen oder muss ich ehrlich sein? SPRECHERIN Erlinger empfiehlt auf die Notlüge zu verzichten, wenn das Verhältnis zur Mutter eng und vertrauensvoll bleiben soll. Der Umgang mit Lüge und Wahrheit: ein Themengebiet, das im Lauf der Jahre immer mehr Zuschriften hatte. Einer der zentralen Punkte unserer Alltagsmoral und von den christlichen 10 Geboten dasjenige, das am häufigsten gebrochen wird: SPRECHER Du sollst nicht lügen! MUSIK m03 SPRECHERIN Kirchenvater Augustinus hielt es in seiner Abhandlung „De mendacio - Über die Lüge“ Ende des 4. Jahrhunderts dabei sehr streng. Egal wie leicht oder schwer die Lüge ausfiel, sie war verboten. Ohne ‚Wenn‘ und ‚Aber‘. Denn für Augustinus war jede Wahrheit ein Abbild der ewigen Wahrheit Gottes. Wer lügt, entfernt sich Augustinus zufolge von Gott und nähert sich dem Teufel an. Genauso streng hielt es Immanuel Kant mit seinem Lügenverbot, das Erlinger wie auch bei Augustinus über weite Strecken bewundert. Allerdings nicht uneingeschränkt. Denn sogar beim Extrembeispiel „Darf man einen Mörder belügen, der fragt, wo sich sein Opfer versteckt hält?“ sagt Kant: nein, man darf nie lügen …! OTON Rainer Erlinger 9 … Aus sehr logischen und klaren und wunderschönen Gründen, aber an der Stelle finde ich opfert er den Menschen dem Prinzip und das halt ich nicht für richtig. Ich bin wirklich ein Gegner von Lüge und ein Anhänger der Wahrhaftigkeit und des Ehrlichseins. Aber ich bin kein Anhänger eines zwanghaften ‚immer die Wahrheit-Sagens‘ und auch ‚immer Alles-Sagens‘. Ich muss, wenn mir ein Geschenk nicht gefällt, das dem Schenker nicht sagen. Wenn man irgendwo eingeladen ist und hat keine Lust hinzugehen, außer bei einem sehr guten Freund, der wirklich alles versteht, dem sagt man ‚du ich hab heut keine Lust, ich bleib lieber zu Hause!‘. Aber anderen Leuten sagt man nicht, ‚ich hab keine Lust zu Ihnen zu kommen, da ist es immer langweilig und das Essen schmeckt nicht!‘, sondern man sagt, ‚ich kann leider nicht kommen‘. Punkt. Und das ist auch richtig so. Es ist nicht nötig, das Gegenüber in dieser Situation auch noch zu kränken. Deswegen gibt es Situationen, in denen das Lügen sinnvoll ist, gesellschaftlich sinnvoll, um einfach ein Miteinander zu ermöglichen. Nur muss man sehr scharf und genau trennen, davon, ob auf dieser Lüge etwas aufbaut. In dem Moment, in dem etwas aufbaut, sei es in einer Beziehung, in einem Zusammenarbeiten, in der Politik, in der Gesellschaft, dann beginnt man damit zu manipulieren oder beginnt ein falsches Fundament zu schaffen, auf dem dann nichts Richtiges mehr funktioniert, und da muss man die klare Trennlinie setzen. MUSIK m05 SPRECHER Beim größten aller Dramatiker, William Shakespeare, findet Rainer Erlinger die unterschiedlichen Facetten des Phänomens Lüge. In Othello etwa. Aus Rache strickt dort der Schurke Jago ein Netz aus Lügen und Intrigen mit einem Ziel: die Lügen sollen bewusst dem belogenen Othello schaden. SPRECHERIN Anders dagegen die Lügen, die König Lear von seinen Töchtern aufgetischt werden. Sie erzählen und versprechen ihm, dass sie nur ihn lieben, mehr als alle anderen auf der Welt, mehr als die eigenen Ehemänner. Das ist gelogen, denn nachdem ihnen Lear sein Königreich übergeben hat, kümmern sie sich nicht mehr um ihn. Die Töchter wollen dem Vater mit den Lügen nicht bewusst schaden, aber sie nehmen es in Kauf, um an das Königreich zu kommen. Und Lear selbst glaubt dem süßen Gift der Lüge, obwohl er mit etwas rationellerem Denken merken müsste, was hier gespielt wird. SPRECHER Doch nicht nur Lear, wir alle lassen uns immer wieder und oft auch bereitwillig belügen. Beispiel: Wahlversprechen in der Politik. Mögen die Versprechen - gerade bei populistischen Parteien und Kandidaten - noch so unglaubwürdig sein, sie werden gerne geglaubt. Der Wunsch ist Vater des Gedankens und Türöffner für die Wirkung der Lüge. Und hier wird es gefährlich, argumentiert Rainer Erlinger in seinem Buch „Warum die Wahrheit sagen?“ - nicht nur bei Shakespeare, sondern auch für unsere Gesellschaft und für die Demokratie: OTON Rainer Erlinger 10 Es geht darum, wie wahrhaftig, wie ehrlich man miteinander umgeht und vor allem wie wichtig es ist, sich auf die Wahrheit und zwar ein Alltagsverständnis von Wahrheit, nämlich das, wie es ist, zu einigen, als Grundlage für eine Gesellschaft. Weil, wenn jemand ständig alles leugnet, und sagt, es ist gar nicht so, dann kann man sich überhaupt nicht mehr auseinandersetzen, kann man nicht mehr übereinkommen, kann nicht vorwärts gehen, sondern man braucht die Wahrheit, um sich zu einigen darauf, dass man die Wahrheit benutzt als Basis sowohl für das individuelle Leben als auch für das gesellschaftliche Leben. Für die Politik und die Demokratie. Wie soll eine Demokratie funktionieren, wenn die Wahlbewerber und Parteien, die Kandidaten … irgendetwas behaupten, und stimmt alles nicht?! Ja, was ist es dann, da fällt die Demokratie, die ja aus dem Alten Griechenland kommt, diese öffentliche Diskussion, dass man in der Gesellschaft spricht, das fällt alles zusammen, wenn man die Wahrheit als Fundament wegzieht. SPRECHERIN Prominentes Forschungsobjekt zu dem Thema: der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Was Trump nicht passt, wird schlecht geredet. SPRECHER als VOICEOVER Donald Trump (erst engl., dann dt.) „All of this with the global warming. A lot of is it’s a hoax. I mean it’s a money-making industry, OK? A hoax.” „Der Klimawandel? Erderwärmung. Alles Unsinn, eine Lüge, reine Abzockerei.“ We had a massive field of people. Honestly, it looked like a million, a million and a half people, whatever it was. But it went all the way to the Washington Monument.” „Bei meiner Amtseinführung waren eineinhalb Millionen Menschen. Ein Massenauflauf, die standen bis hinter zum Washington Monument!“ OTON Rainer Erlinger 11 „Man ist fassungslos. Und nachdem dieses Thema Lüge und Wahrheit mich ja interessiert, habe ich die Nachrichten darüber dann verfolgt. Und bin so ein bisschen fassungslos ist der richtige Ausdruck, weil ich gar nicht mehr wusste: wie soll man das greifen? SPRECHERIN Anders als der bösartige Lügner Jago oder die Töchter von König Lear, denen die Lüge zum Ziel verhilft, ordnet Erlinger das Redegeflecht von Trump in eine dritte Kategorie ein, die zwischen Lüge und Wahrheit steht und umso gefährlicher ist: den sogenannten „Bullshitter“. OTON Rainer Erlinger 12 Sein Ghostwriter dieses Buches „The Art of the Deal“, der hat gesagt, Trump hätte eine eigenartige und herausstechende Fähigkeit: das zu glauben, was er selbst sagt. Sozusagen indem er es sagt, und es schlüssig klingt, es selbst zu glauben. Dann wäre er eben kein Lügner, sondern dieser Bullshitter, der das sagt, was in dem Moment für ihn am günstigsten und am sinnvollsten ist und ihn am besten weiterbringt. Und da entsteht etwas sehr Interessantes. Wenn man rein intuitiv fragt, was ist schlimmer, der Bullshitter, der einfach so dahinredet oder jemand der lügt, der aktiv voll mit Täuschungsabsicht lügt, dann würde man intuitiv sofort sagen, natürlich der mit Absicht - ist schon dieses Wort - lügt, der ist schlechter, hat eine stärkere Verwerflichkeit, eine bösere Absicht und so weiter. Aber wenn man es gesamtgesellschaftlich betrachtet, ist der Bullshitter eigentlich viel verheerender. Weil der Lügner erkennt an: es gibt eine Wahrheit, ich nutze es nur aus, sie an manchen Stellen durch die Lüge zu verkehren, das Gegenteil zu sagen, aber der Bullshitter der leugnet eigentlich, dass es überhaupt einen Unterschied zwischen richtig und falsch, zwischen wahr und unwahr gibt, und das ist im Endeffekt für die Gesellschaft und für das Zusammenleben, die Kommunikation und die Demokratie noch viel verheerender, mit dem kann man eigentlich nicht diskutieren, den kann man nicht widerlegen, mit dem kann man nicht mehr sich auf irgendwelche Fakten einigen, weil alles nur noch ein Fluss ist, man ist in irgendeiner Soße von Behauptungen und Nicht-Behauptungen, wo es keinen Grund mehr gibt, auf dem man stehen könnte. MUSIK m02 SPRECHERIN Lüge. Wahrheit. Moral. Wahrhaftigkeit. Tugend. Gedankenfutter für eine bessere Gesellschaft. Wie ein moralischer Kompass wirken die Schriften von Rainer Erlinger. Und ist er selbst einmal unsicher, dann wandert er hinter seinem Schreibtisch die große Bücherwand entlang, den Finger an den Buchrücken. Immer wieder greift er zu seinem großen Vorbild Aristoteles, und liest eine der für ihn essentiellen Stellen der Tugendethik: die Aufforderung an sich und seiner Seele zu arbeiten, und zwar ein Leben lang. OTON Rainer Erlinger 13 „Denn eine Schwalbe macht noch keinen Frühling und auch nicht ein einziger Tag, so macht auch ein einziger Tag oder eine kurze Zeit niemanden glücklich und selig.“ Das ist diese Idee, dass man die Haltung erwirbt, dass es drauf ankommt, dass man selbst an sich arbeitet und das die ganze Zeit macht, und dann wie ein guter tugendhafter Mensch handelt. Ich glaub die Gesellschaft, und jetzt nicht nur auf sich selbst bezogen, das wird besser, wenn man sich daran hält. ENDE

  • Der Mord an JFK - Trauma und Verschwörungsmythos

    11.12.2023 · 24 Min.

    Am 22. November 1963 wird US-Präsident John F. Kennedy bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dallas, Texas erschossen. Der Mord wird zum Trauma für eine ganze Nation und zeigt die Verletzlichkeit der amerikanischen Demokratie auf. Zudem bleiben Zweifel: wer hat JFK wirklich erschossen? War es der Einzeltäter Lee Harvey Oswald, oder fand hier ein diabolischer Staatsstreich statt? Viele Ungereimtheiten werden zum Nährboden für zahlreiche Verschwörungsmythen. Autor: Florian Kummert Credits Autor/in dieser Folge: Florian Kummert Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Ditte Ferrigan, Peter Veit Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Andreas Etges, LMU München und Kennedy-Experte Linktipps: Hintergründe zum Kennedy-Attentat 22.06.1964 ∙ Panorama ∙ Das Erste Lane, der Verteidiger des Kennedy-Mörders Oswald, über die angeblich wahren Hintergründe des Attentats auf Kennedy. JETZT ANSEHEN US-PRÄSIDENTEN IN DER KRISE: Richard Nixon ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wann geht ein US-Präsident in die Geschichtsbücher ein als "guter" - oder als "schlechter" Präsident? Bei Richard M. Nixon, der den "Watergate-Skandal" zu verantworten hat, ist die Sache gar nicht so klar. Von Florian Kummert (BR 2014) JETZT ANHÖREN Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza BR24 Wenn ihr manchmal lost seid und einen Überblick braucht über das, was da gerade im Nahen Osten passiert, empfehle ich euch den neuen Podcast “Lost in Nahost”. Da geht es um den Krieg in Israel und Gaza. Und zwar so, dass wir alle verstehen, wer welche Rolle spielt, welche Player in der Region wichtig sind - und wann und wie das alles überhaupt angefangen hat. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG 1a (Titelmelodie Tagesschau) Präsident Kennedy ist heute Abend um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit an den Folgen eines Attentats gestorben. Ein bisher noch unbekannter Mann hat mehrere Gewehrschüsse auf ihn abgefeuert. MUSIK 1 (Z8037020118 Alan Filip/Mac Prindy: Traumatic Drone 1’15) ERZÄHLERIN Die Tagesschau vom 22. November 1963. Während der Sendung erreicht die Redaktion die Eilmeldung: US-Präsident John F. Kennedy ist tot. Sprecher Karl-Heinz Köpke verkündet der deutschen Fernsehnation die tragische Nachricht: ZUSPIELUNG 1b Das Weiße Haus in Washington teilte mit, dass Präsident Kennedy einer durch eine Kugel verursachten Gehirnverletzungen erlegen ist. ERZÄHLERIN In den USA kommt das öffentliche Leben zum Stillstand. Der Tod des Präsidenten trifft die Öffentlichkeit wie ein Schock. Wer kann, verlässt den Arbeitsplatz und verfolgt am Fernseher oder Radio die Berichterstattung über das Attentat. ZUSPIELUNG 2a (Radioaufnahme 1963, Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) President Kennedy has been assassinated. It’s official now, the president is dead. ERZÄHLERIN Reportagen aus Dallas, Texas, von Journalisten, die vor dem Krankenhaus stehen, in das Kennedy eingeliefert wurde. Weinende Menschen, Trauer überall, Fassungslosigkeit. Momente, die sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation einbrennen. ZUSPIELUNG 2b The picture here is grief, and much of it. OTON Andreas Etges 1a Die Ermordung hat tagelang die Medien bestimmt. Es gab eine 24 Stunden Berichterstattung, aber auch international ist die Wirkung enorm. Menschen auf der ganzen Welt trauern. Studierende der Freien Universität Berlin organisieren einen Trauermarsch mitten in der Nacht in Berlin, und viele Tausende Menschen kommen zum Rathaus Schöneberg, wo Kennedy Monate vorher gesprochen hatte. ERZÄHLERIN Sagt Dr. Andreas Etges, Historiker und Amerikanist von der LMU München und ausgewiesener Kennedy-Experte. Für ihn ist der 22. November 1963 vor allem rückwirkend ein einschneidender Tag für die US-Geschichte. Der Mord an JFK, dem die tödlichen Schüsse auf Martin Luther King und auf Robert Kennedy folgen sollten. OTON Andreas Etges 1b Also die unmittelbare Wirkung der Ermordung: Wie kann das passieren? Und was bedeutet das? Und im Nachhinein auch die Wirkung dessen, was dann alles danach kam, die dann auf diesen Tag zurückprojiziert wurde. Auch wenn ich das für eine problematische Idee halte: Amerika hat seine Unschuld verloren. Nur war Amerika auch vorher schon in gewissen Fällen durch die CIA oder Kriege auch mit schuldig geworden, in gewisser Weise. Aber das ist ein Moment, wo auch ein Stück weit das amerikanische Selbstbild einen Kratzer erhält. MUSIK 2 (CD666410001 John Williams: Prologue 0‘37) ERZÄHLERIN Nur 1036 Tage dauert seine Präsidentschaft: John Fitzgerald Kennedy. Erst 43 ist er, als er ins Weiße Haus einzieht. Der jüngste gewählte Präsident der Vereinigten Staaten wird zu einem fast royalen Vorbild für die Massen. Ein Politiker, der den Traum eines modernen, eines besseren Amerika verkörpert, mit Charme und der Gabe, in rhetorisch ausgeklügelten Reden, das Publikum miteinzubeziehen und an das gesellschaftliche Engagement zu appellieren. Zuspielung 3 O-Ton John F. Kennedy (JFK Museum, frei verwendbar) "And so, my fellow Americans, ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country." ZITATOR „Meine amerikanischen Landsleute, fragt nicht, was euer Land für euch tun kann. Fragt vielmehr, was ihr für euer Land tun könnt.” OTON Andreas Etges 2 „Wobei der Satz noch weitergeht. Die meisten vergessen ihn. Fragt nicht, was Amerika für euch tun kann, sondern was wir gemeinsam, also alle Länder dazu tun können, die Welt besser zu machen. Also auch der Appell an die Welt. Ganz zentral für Kennedys Wirkung in den ersten Jahren ist die Aufbruchstimmung, die mit seinem Amtsantritt verbunden ist. Da kommt jetzt jemand, der Leute mitnimmt, der Leute auch dazu aufruft, ihr könnt alle euren kleinen Beitrag dazu tun, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das hat ein ganzes Stück weit in den USA und auch in Ländern wie Deutschland funktioniert, gerade bei der jungen Generation.“ MUSIK 3 (CD666410008 John Williams: The Conspirators 0‘55) ERZÄHLERIN Kritischer sind die Hardliner im Regierungsapparat, die Falken, die in Krisenzeiten eher auf Angriff und Machtdemonstrationen setzen als auf Besonnenheit. Und Krisen erlebt Kennedy in seiner Amtszeit einige. Den Bau der Berliner Mauer, die Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie, und - quasi vor der eigenen Haustüre - das Problem um Kuba und das Regime von Fidel Castro. Erst scheitert die Schweinebucht-Invasion von Söldnertruppen der rechts-konservativen Exil-Kubaner, heimlich unterstützt durch die CIA, von der sich der Präsident bewusst hintergangen fühlt. Als Folge feuert er CIA-Direktor Allen Dulles und dessen Stellvertreter. Dann kommt es - im Oktober 1962 - zur gefährlichsten Konfrontation des Kalten Krieges: in der Kuba-Krise. Durch eine Seeblockade zwingt Kennedy die Sowjetunion ihre heimlich auf Kuba stationierten, nuklear bestückten Raketen wieder abzuziehen. Als Gegenleistung willigt Kennedy ein, keine weitere Invasion von Kuba zu planen, sehr zum Missfallen der Hardliner. MUSIK 4 (Z9338166213 Nina Simone: Young, Gifted And Black 0‘05) Innenpolitisch wird die Debatte um die Bürgerrechtsbewegung immer virulenter. Im Juni 1963 kündigt der Präsident ein Gesetz an, das die Rassentrennung in den ganzen USA abschaffen soll. Im Kongress scheitert er aber an den Mehrheiten konservativer Südstaaten-Politiker aus beiden Parteien. MUSIK 5 (CD847750004 Joan Baez: We shall Overcome 0‘25) ERZÄHLERIN Die Südstaaten, dort fallen für Kennedy die Umfragewerte massiv. 1964 will sich Kennedy zur Wiederwahl stellen, also macht sich JFK mit seiner Frau Jacqueline und dem Vize-Präsidenten, dem Texaner Lyndon Johnson, auf Wahlkampf-Reise durch Texas. Dort gibt es regelrechte Hasskampagnen gegen Kennedy. Poster mit dem Konterfei des Präsidenten tauchen auf, die ihn in Form eines Steckbriefs wegen Hochverrats anklagen wollen. MUSIK 6 (Z8037020101 Alan Filip/Mac Prindy: Drama Pulse 1‘13) ERZÄHLERIN Am Morgen des 22. November spricht Kennedy in Fort Worth, dann fliegt die Air Force One nach Dallas. Vom Flughafen aus fährt die Wagenkolonne durch die Innenstadt von Dallas. Die Straßen sind vollgepackt mit Leuten, die dem Wagen des Präsidenten zujubeln. Eine offene Limousine, ohne Verdeck. Kennedy auf der Rückbank, neben ihm im rosa Kostüm die First Lady, Jackie Kennedy. Direkt vor Kennedy sitzt der Gouverneur von Texas, John Connelly, begleitet von dessen Ehefrau Nellie. 12 Uhr 29. Die Limousine des Präsidenten biegt rechts ab, auf die Houston Street und nähert sich dem Texas School Book Depository, einem mehrstöckigen Haus, in dem Büros und das Schulbuchlager untergebracht sind. Nellie Connelly dreht sich zu Kennedy um und sagt: „Mister President, Sie können nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt.“ Kennedy antwortet: „Nein, das kann ich wirklich nicht.“ Es sind seine letzten Worte. Um 12 Uhr 30 biegt das Auto vor dem School Book Depository in die Elm Street ein, eine 120-Grad-Kurve, bei der die Limousine stark abbremsen muss. Kennedy winkt den Leuten in der Elm Street zu… ATMO Schuss ERZÄHLERIN …da fällt der erste Schuss. Er verfehlt das Auto. Kennedy reagiert auf das Geräusch und hört auf zu winken. ATMO Schuss ERZÄHLERIN Der zweite Schuss, wenige Sekunden später. Er trifft den Präsidenten in Hals und Kehle. Kennedy hebt die Arme. Wegen einer Rückenerkrankung trägt er ein Stützkorsett und bleibt aufrecht sitzen. Jackie Kennedy will sich zu ihrem Mann beugen, in dem Moment trifft die dritte Kugel. ATMO Schuss ERZÄHLERIN Sie durchschlägt Kennedys Kopf. Chaos bricht aus. Die Limousine ist voller Blut. Gouverneur Connelly ist ebenfalls getroffen und schwer verwundet. Jackie Kennedy versucht rückwärts aus dem Auto aufs Heck zu klettern. Ein Secret Service Agent, der hinter dem Wagen läuft, hält sie auf, dann rast der Wagen davon, in Richtung Parkland Memorial Hospital. Dort wird, um 13 Uhr Ortszeit, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten für tot erklärt. ATMO ZUSPIELUNG 4 Polizeisirenen / Polizeifunk vom 22.11.63 (Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) ERZÄHLERIN Polizeifunk-Aufnahmen vom 22. November 1963 aus Dallas, archiviert in der John F. Kennedy Presidential Library and Museum. Kurz nach dem Attentat melden sich Augenzeugen, die gesehen haben, wir aus dem Schulbuchlager geschossen wurde, aus einem Eckfenster im fünften Stock. Bereits 80 Minuten nach den Schüssen verhaften Polizisten den Hauptverdächtigen: einen Mitarbeiter des Schulbuchlagers, den 24jährigen Lee Harvey Oswald, der seit einem Monat in den Räumlichkeiten arbeitet. Im fünften Stock des Gebäudes finden Beamte ein Jagdgewehr samt Patronenhülsen, es soll von Lee Harvey Oswald per Katalog bestellt worden sein, unter einem Pseudonym. ATMO Gewehr wird nachgeladen, Klacken ERZÄHLERIN Oswald wird stundenlang verhört. Ohne Anwalt. Notizen des Verhörs gibt es nicht. Der Verdächtige weist jegliche Schuld von sich, sagt, er sei nur ein Sündenbock. Kurz nach Mitternacht gibt es eine Pressekonferenz im Versammlungsraum der Polizei. Unter die Reporter mischt sich auch ein 52jähriger Nachtklub-Besitzer aus Dallas: Jack Ruby. Am Sonntagvormittag, den 24. November, soll Lee Harvey Oswald in ein anderes Gefängnis überstellt werden. Im Keller des Polizeipräsidiums steht ein Wagen bereit. Der Raum ist voller Reporter und Polizisten. Als Oswald in Handschellen zum Auto geführt wird, bildet sich eine Gasse, um ihn durchzulassen. Plötzlich stürmt Jack Ruby nach vorne und schießt Oswald mit einem Revolver in den Bauch. Der stöhnt auf und fällt tödlich verletzt zu Boden. Ruby wird festgenommen und später des Mordes für schuldig gesprochen. Er wollte ein Held sein, sagt er. 1967 stirbt Jack Ruby im Gefängnis an Krebs. ATMO Beerdigung JFK, Trommler (Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) ERZÄHLERIN Lee Harvey Oswald wird erschossen, während der Trauermarsch für den ermordeten Präsidenten durch die Straßen der Hauptstadt Washington D.C. zieht. Auch hier brennen sich ikonographische Momente ins Gedächtnis vieler Menschen ein: Jackie Kennedy, die 34jährige Witwe in ihrem schwarzen Kostüm samt Schleier. Daneben die beiden kleinen Kinder: Caroline, die das gerahmte Foto ihres Vaters in der Hand hält, und John Junior, der an diesem Trauertag drei Jahre alt geworden ist. Als der Sarg an ihm vorbeizieht, legt er die Hand zum letzten Salut an die Stirn. Momente, so Kennedy-Experte Andreas Etges, die stark von Jackie Kennedy gesteuert wurden. OTON Andreas Etges 3 „Wo der Junge salutiert. Wenn man sich ein paar Sekunden vorher die Filmszene anguckt, dann beugt sie sich zu ihm runter, flüstert ihm was ins Ohr und dann geht er zwei Schritte vor und salutiert, als der Sarg vorbeikommt. Also Jackie Kennedy ist sich ganz stark der Bilder bewusst. Und auch die Idee oder der Begriff Camelot, also der mythische Hof von König Artus, mit dem die Kennedy-Präsidentschaft oft verglichen wird. Den hat keiner während der Amtszeit von Kennedy benutzt. Jackie Kennedy verwendet diese Idee zum ersten Mal in einem berühmten Interview mit einem Life-Journalisten, ein paar Tage nach der Ermordung, und dann vergleicht sie die Amtszeit mit Camelot. Und so einen Moment, sagt sie, wird Amerika nie mehr erleben. Also sie ist von der ersten Sekunde dabei, am Mythos ihres Mannes zu arbeiten und den auch später ganz massiv gegen Kritik zu verteidigen.“ ATMO Gewehr wird nachgeladen, Klacken ERZÄHLERIN Und Lee Harvey Oswald? Ist er nun derjenige, der den Präsidenten erschossen hat? Die Ermittlungen richten sich auf Oswald als Einzeltäter. Eine eigenwillige Gestalt, ein Heimkind, dem Psychiater bereits in der Jugend eine gestörte Persönlichkeitsstruktur attestieren. Mit 17 bricht er die Schule ab und geht zu den US-Marines, wo er zum Radartechniker und Scharfschützen ausgebildet wird. Als angeblich bekennender Marxist lebt er einige Jahre in der Sowjetunion, ehe er 1962 nach Texas zieht. Er abonniert kommunistische Zeitungen und engagiert sich für Fidel Castros Politik, bemüht sich sogar um ein Visum für Kuba. War er also bekennender Castro-Anhänger, oder war alles nur Fassade? MUSIK 7 (CD666410006 John Williams: Garrison’s Obsession 0‘55) ERZÄHLERIN Kennedys Nachfolger Lyndon Johnson setzt eine Kommission ein, die das Attentat und die Umstände untersuchen soll: die siebenköpfige Warren Kommission, benannt nach dem Obersten Verfassungsrichter Earl Warren, der sie leitet. Weitere Mitglieder: der Abgeordnete und spätere US-Präsident Gerald Ford, sowie - eine umstrittene Personalie - Allen Dulles, der frühere CIA-Direktor, der von Kennedy gefeuert wurde. Nach zehnmonatiger Arbeit kommt die Warren Kommission zu ihrem Endergebnis: Lee Harvey Oswald hat als Einzeltäter agiert und war nicht Teil einer größeren Verschwörung, er hat die drei Schüsse abgefeuert und den Präsidenten getötet. OTON Andreas Etges 4 „Relativ schnell gibt es große Kritik an diesem Warren-Report. Zurecht, denn vieles ist bei den Ermittlungen falsch gegangen. Wir wissen auch heute, dass das FBI, die Bundespolizei, und auch die CIA, der Geheimdienst, gar kein Interesse daran haben, dass genau ermittelt wird. Nicht, weil sie in die Ermordung irgendwo involviert sind oder da Verschwörer sind, sondern weil sie eine ganze Menge illegale Aktivitäten zu verstecken haben und auch Fehler im Schutz des Präsidenten, die sie verbergen wollen. Wir wissen heute, dass Lyndon Johnson der Untersuchungskommission den geheimen Auftrag gibt: Macht Oswald zum Einzeltäter. Warum? Nicht, weil er selber involviert war, sondern Lyndon Johnson hat Angst. Was wäre denn, wenn tatsächlich die Kubaner oder sogar die Sowjetunion involviert sind? Dann gibt es Krieg, und dann werden Millionen Menschen sterben.“ MUSIK 8 (Z8037020111 Alan Filip/Mac Prindy: Micropulse 1‘15) ERZÄHLERIN Wer war also involviert und wer nicht? Wer hat bei den Mordermittlungen welche Agenda? Bei kaum einem anderen Thema wie den Schüssen auf JFK vermischen sich Fakten, Vermutungen und Fake News derart effektiv. Ein perfekter Nährboden für Alternativdeutungen und Verschwörungstheorien aller Art. Kann Oswald wirklich der Einzeltäter sein? War er mit der Mafia im Bunde, mit Castro-Anhängern, den Exil-Kubanern, oder gar der CIA? Konnte er mit dem Gewehr tatsächlich in Sekundenschnelle die drei Schüsse abgeben, mit einem nicht präzise eingestellten Zielfernrohr? Noch dazu geht der erste Schuss daneben, aber die zweite Kugel wird als „magische Kugel“ berühmt-berüchtigt. Sie trifft erst Kennedy, dann Connally, verursacht bei beiden Körpern insgesamt sieben Eintritts- und Austrittswunden und wird später - ohne größere Deformationen - bei Connallys Trage im Krankenhaus gefunden. Kann das sein? Und kamen nicht Schüsse aus unterschiedlichen Richtungen, wie manche Zeugen berichten? Fragen über Fragen, die Gedankenspiele auslösen, und Skepsis. So etwa beim US-Regisseur Oliver Stone. OTON Oliver Stone (Quelle: kinokino-Archiv BR, frei verwendbar) „Even as a young man…involved in the murder.“ Schon als junger Mann, ohne vorgefasste Meinung über den Mord begann ich mir ein paar Fragen zu stellen, die von den Vertretern der Regierung ignoriert wurden. Denn damals fragte niemand, warum Kennedy getötet wurde. Die hauptsächliche Frage bei einem Mord lautet immer: wo ist der Mörder? Ich fragte aber: warum wurde Kennedy getötet? Wer profitierte davon? Und wer hatte die Macht den Mord zu decken? Doch niemand in den US-Medien stellte damals diese Fragen. Für mich ist die plausibelste Erklärung des Mordes die von Jim Garrison, der die Aufmerksamkeit auf die Geheimdienste und deren Verstrickungen lenkte.“ ERZÄHLERIN 1991 erreicht die Kontroverse um den Kennedy-Mord einen Höhepunkt, als Oliver Stone mit JFK seine Sicht der Dinge als über dreistündiges Verschwörungsepos veröffentlicht, mit Kevin Costner prominent besetzt. Er verkörpert Jim Garrison, den Bezirks-Staatsanwalt von New Orleans, der Ende der 1960er Jahre das Kennedy-Attentat vor Gericht bringt. Garrison setzt einen gewissen Clay Shaw auf die Anklagebank, der mit möglichen Verbindungen zu Exilkubanern, Lee Harvey Oswald und zur CIA ins Visier der Ermittler geraten ist. Am Ende aber bleibt die Anklage wegen Verdachts der Verschwörung zum Mord am Präsidenten ohne konkrete Beweise. Shaw wird freigesprochen. Dennoch wird der Vorwurf in Jim Garrisons Büchern und später in Oliver Stones Film deutlich: Kennedy sei durch einen Staatsstreich getötet worden, finstere Hintermänner in der CIA und aus dem militärisch-industriellen Komplex wollten verhindern, dass Kennedy den Kalten Krieg, den Vietnam-Krieg und damit die Aufrüstung stoppt. Wie Jim Garrison vor ihm wird auch Oliver Stone massiv kritisiert, Fakt und Fiktion zu vermischen. Eine Kritik, die Andreas Etges teilt: OTON Andreas Etges 5 „Oliver Stone zeigt nicht die Tatsachen, wie sie an dem Tag waren. Und ihm sind Dutzende faktische inhaltliche Fehler nachgewiesen worden. Aber der Film ist spannend, unterhaltsam. Er hat die Debatte befeuert und hat einen ganz großen Effekt gehabt, denn am Ende des Films wird gesagt, quasi keiner von uns wird noch erleben, dass diese Akten freigegeben werden, wo möglicherweise die Wahrheit drinsteht. Und durch den Film und die Kampagne, die die Filmfirma macht, gibt es ein Sondergesetz nur für Kennedy-Akten, die in irgendeiner Form mit der Kennedy-Ermordung zu tun haben. Millionen Seiten sind praktisch alle freigegeben worden, vielleicht noch ein, zwei Prozent nicht. Aber es hat was bewirkt: dass nämlich viel mehr Transparenz in dem ganzen Umfeld der Ermittlungen stattgefunden hat, so dass wir heute deutlich mehr über diesen Tag und auch die Fehler bei den Ermittlungen wissen, als wir es damals wussten. Also der Film hat dadurch aus auch für Historiker und Historikerinnen eine sehr gute Wirkung gehabt. So problematisch er andererseits ist.“ MUSIK 7 (CD666410016 John Williams: Arlington 0‘37) ERZÄHLERIN Bis heute werden die Akten ausgewertet und halten das Interesse am JFK-Mord am Leben, in Form von immer neuen Büchern und Filmen, die spektakuläre Beweise versprechen und am Ende wenig mehr als Vermutungen bieten. Doch Kennedy bleibt weiterhin ein Publikumsmagnet: Der ewig Junggebliebene. Das Idol der Hoffnung, das nie altert und zur Frage einlädt: was wäre, wenn? Hätte er uns in eine bessere Welt geführt? Hätte er sich in seiner zweiten Amtszeit genauso in Vietnam verstrickt wie die Regierung von Lyndon Johnson? Oder hätte er sich aus Vietnam zurückgezogen und um ein rasches Ende des Kalten Krieges bemüht? Was ist aber mit dem Verlauf der Bürgerrechtsbewegung? Erst durch Kennedys Ermordung kam es zu einem überparteilichen Schulterschluss und in kürzester Zeit wurden liberale Reformprojekte und Gesetze angestoßen, die vorher undenkbar waren. Wären sie vom Senat und Kongress verabschiedet worden, hätte Kennedy gelebt? Viele Fragen, wenig Antworten. So bleibt John F. Kennedy weiterhin ein Mythos - im Leben wie im Tod. MUSIK 10 (CD666410017 John Williams: Finale 0‘45) OTON Andreas Etges 6 „Von daher lebt der Mythos tatsächlich auch davon, dass das unerfüllt geblieben ist. Eine ganz berühmte amerikanische Biografie zu Kennedy heißt im Untertitel „An Unfinished Life“, ein unvollendetes Leben. Aber wir können uns alle noch Vorstellungen machen, wie vollendet oder wie dieses Leben wohl weitergeführt worden wäre und was es sowohl für die USA als auch die Welt bedeutet hätte. Die Geschichte wäre sicherlich anders verlaufen, auch der Vietnamkrieg wäre anders verlaufen, da bin ich sicher. In welcher Form? Da kann man natürlich nur spekulieren.“ STOPP

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