Der große Zapfenstreich - Nationale Machtfantasie oder Einheitssymbol?
20.03.2025 · 25 Min.
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Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet die Bundeswehr feierlich hohe Würdenträger der Bundesrepublik. Dass dazu neben Militärmusikern sowohl Bewaffnete als auch Fackelträgern aufmarschieren, erfüllt heute nicht Wenige mit Unbehagen. Kritiker fordern immer wieder, den Großen Zapfenstreich abzuschaffen. Von Frank Halbach (BR 2024)
Credits
Autor dieser Folge: Frank Halbach
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Rahel Comtesse, Christoph Jablonka
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview:
Prof. Dr. Urban Bacher, Autor des Buches „Deutsche Marschmusik. Hintergründe, Geschichte und Tradition der Musik der Soldaten“.
Linktipps:
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Literaturtipps:
Urban Bacher: Deutsche Marschmusik. Hintergründe, Geschichte und Tradition der Musik der Soldaten. 2. erweiterte Auflage, Konstanz 2019.
Markus Euskirchen: Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments, Köln 2005.
Manfred Heidler (Hg.): Militärmusik im Diskurs. Eine Schriftenreihe des Militärmusikdienstes der Bundeswehr. Militärmusik und bürgerliche Musikkultur. Dokumentationsband zum gleichnamigen Symposium von 4. Bis 5. September 2018, Bonn 2018.
Bernhard Höfele: Großer Zapfenstreich der Bundeswehr von Wilhelm Wieprecht, Bonn 2012.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK 1 „Yorckscher Marsch“; ZEIT: 00:54
SPRECHERIN (leicht ergriffen)
Fackellicht erhellt flackernd die Nacht, taucht die Musiker, die zu einem würdevollen Zeremoniell antreten, in schimmerndes Licht – eindrucksvoll, feierlich…
SPRECHER (kritisch)
Sie marschieren auf: Behelmte Fackelträger, blinkende Waffen – martialisch, antiquiert, überholt.
SPRECHERIN (zugewandt)
Ein Staat brauchen Traditionen, Symbole und Zeremonielle. Sie prägen auch das Bild der Bundeswehr in der Gesellschaft.
SPRECHER (kritisch)
Militärischer Mummenschanz mit Fackelmärschen deutscher Soldaten vor dem Reichstag – das erinnert an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.
SPRECHERIN (unterbricht)
Das „Hochamt“ deutscher Militärmusik sorgt – wie zum Beispiel bei der Ehrung der Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr 2021 - immer wieder für hitzig geführte Debatten.
MUSIK ENDE
MUSIK 2 „Meldung“ ; ZEIT:00:05
SPRECHERIN
Der Große Zapfenstreich.
SPRECHER
Das in der Gesellschaft bekannteste militärische Zeremoniell der Bundeswehr. Mit dieser musikalischen Abendzeremonie werden scheidende Amtsträgerinnen und Amtsträger der Bundesrepublik Deutschland geehrt, aber auch besondere Jubiläen oder Anlässe feierlich begangen.
SPRECHERIN
Heißt es auf der Website der Bundeswehr.
O-Ton 1 Bacher (01:39)
Der Zapfenstreich hat eine sehr alte Tradition. Im Prinzip ist es ein Abendritual, dass die Preußen perfektioniert haben und zum besonderen Anlässen in der Abenddämmerung aufführen.
SPRECHER
Erklärt Dr. Urban Bacher, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Bankmanagement. In seinem 2019 in erweiterter zweiter Auflage erschienenem Buch „Deutsche Marschmusik“ hat sich Urban Bacher intensiv mit den Hintergründen, der Geschichte und der Tradition der deutschen Militärmusik auseinandergesetzt - vom Mittelalter über Preußens Blüte, von der Wehrmacht bis hin zur Bundewehr.
O-Ton 2 Bacher (03:46)
Im späten Mittelalter gab es noch keine stehenden Heere oder auch Kasernen. Die Soldaten waren oft Söldner, die am Abend Karten spielten oder sich betrunken in Wirtshäusern vergnügten. Ein besonderer Feldwebel der Profos - heute wurde man Spies sagen, oder noch besser die Feldjäger - der musste für Ordnung sorgen: Er strich mit seinem Stock oder mit seinem Säbel über den Zapfen des Bier- oder Weinfasses. Damit war jeder Ausschank sofort beendet. Jeder Soldat musste unverzüglich sein Bett aufsuchen. Oft war der Profos in Begleitung eines Trommlers und Pfeiffers - Spiel genannt - und sie spielten das letzte Stück eben: Zapfenstreich.
MUSIK 3 „Marsch der Querpfeifer“; ZEIT: 00:26
SPRECHERIN
Urkundlich erwähnt wird solch ein musikalisches Abendsignal in Verbindung mit dem „Zapfenschlag“ erstmals 1596.
SPRECHER
In großen Feldlagern gab es statt Musik zur Guten Nacht auch schon mal einen Kanonenschuss als ultimative Aufforderung zur Nachtruhe.
Geräusch Kanone – Musik ENDE
SPRECHERIN
Die heutige musikalische Zeremonie des Großen Zapfenstreichs hat sich zu einer rituellen Verabschiedung entwickelt. Zugleich ist sie die höchste Auszeichnung, die die Bundeswehr einer Zivilperson zollen kann.
SPRECHER
Vorbehalten den Ämtern von Bundespräsident, Bundeskanzler und Verteidigungsminister.
SPRECHERIN
Doch werden keineswegs nur Zivilisten, sondern auch Militärs im Rang von General, Generalleutnant, Admiral oder Vizeadmiral beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst mit Großen Zapfenstreich verabschiedet.
O-Ton 3 Bacher (07:55)
Dann wird der Zapfenstreich bei großen Jubiläen des Staates aufgeführt, zum Beispiel 60 Jahre Bundeswehr oder bei Ende eines großen Einsatzes.
SPRECHER
So dass das etwa 20-minütige Zeremoniell von der Bundeswehr in Deutschland auch ohne größeres Medieninteresse jährlich etwa 20- bis 30-mal durchgeführt wird.
MUSIK 4 „Fanfaren der Feldtrompeter“; ZEIT: 01:25
SPRECHERIN
Vom spätmittelalterlichen Zapfenstreich bis zur großen musikalischen Zeremonie war es freilich ein weiter Weg.
SPRECHER
Seit jeher dienen Soldaten auch dazu, die Mächtigen zu repräsentieren: So begannen einst zunächst einzelne Bläser, mit ihren Signalen die Befehle der Machthaber eindringlich, hoheitsvoll und weithin hörbar kundzutun. Daraus entwickelte sich die Militärmusik.
SPRECHERIN
Die spätestens seit dem 19. Jahrhundert durch die Besetzungen der Militärorchester, die Professionalisierung der Musiker sowie der Ausweitung des Repertoires auch darauf abzielt, ein Gefühl von Verbundenheit, Einheit und Zusammenhalt in den Nationalstaaten zu erzeugen.
SPRECHER
In der höfischen Gesellschaft sind der fürstlich musizierende Hoftrompeter und der militärisch blasende Feldtrompeter oft ein und dieselbe Person. Signale als akustische Befehle gehören als hörbare Aufforderungen im höfischen Leben ebenso zum Alltag wie rein repräsentative Musik zur Routine des Heers.
MUSIK ENDE
SPRECHER
In der Antike berichtet unter anderem Gaius Julius Cäsar in seinen Aufzeichnungen zum Gallischen Krieg vom „classicum“. Das bezeichnet erstens ein Instrument, die Kriegstrompete der Römer, zweitens Signale, die mit dieser Trompete gegeben werden und drittens einen Ablauf von Signalen, die als Abendmusik zur Ehrung eines Feldherren gespielt werden.
SPRECHERIN
Musik also, die Respekt, Anerkennung und Würdigung zum Ausdruck bringen soll.
SPRECHER
Zwar gibt es Quellen aus dem 16. Jahrhundert über Militärmusik, der Begriff „Zapfenstreich“ im Zusammenhang mit Musik im Rahmen solcher Abendveranstaltungen findet sich aber das erste Mal erst 1726. An gleicher Stelle finden sich auch Schilderungen über Predigten und Betstunden, die abends im Lager der Soldaten abgehalten wurden. Getrennte Veranstaltungen, die zusammenwachsen sollten.
MUSIK 6 „Gebet“; ZEIT: 01:21
O-Ton 5 Bacher (22:43)
1813 gab es ein Schlüsselereignis. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. War vom russischen Zaren Alexander I. zum Truppenbesuch in ein Feldlager bei Leipzig eingeladen. Nach dem Signal zum Zapfenstreich haben die Soldaten dort einen Choral gesungen. Dieses Abendsignal hat den König ergriffen. Sofort hat er seinen Generalleutnant befohlen, dass er das auch will. Seine Soldaten sollen jeden Abend nach dem Signal zum Zapfenstreich ihre Kopfbedeckung abnehmen. Innehalten für ein kurzes Gebet und bei feierlichen Anlässen sollen die Trompeter ein Abendlied blasen. (…) 13:26 Seither wird das Abendsignal Preußischer oder Russischer Zapfenstreich genannt.
SPRECHERIN
Ein deutlicher Ausdruck des religiösen Selbstverständnisses der sogenannten „Heiligen Allianz“ von Preußen, Österreich und Russland während der antinapoleonischen Befreiungskriege.
Die Melodie, die bis heute zum Gebet im Großen Zapfenstreich erklingt, ist der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“ des ukrainischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski.
MUSIK kurz hoch
O-Ton 6 Bacher (23:40)
Der Choral ist der eigentliche Höhepunkt des Großen Zapfenstreichs. Mehrfach wurde versucht, das Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“ zu ersetzen. Vergeblich - zu zart, zu melodisch zu ausdrucksstark ist dieser Choral unter freiem Himmel im Fackelschein.
SPRECHER
Als fester Bestandteil etabliert sich die Melodie Bortnjanskis, seit sie im Rahmen eines öffentlichen Konzertes innerhalb des Großen Zapfenstreichs erklungen ist: Am 12. Mai 1838 besucht Zar Nikolaus I. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Beauftragt mit „allen in Berlin stationierten Militärkapellen“, zu diesem Anlass ein eindrucksvolles Konzert zu veranstalten, wird der Musikdirektor des Musikkorps des preußischen Gardekorps: Wilhelm Friedrich Wieprecht.
MUSIK ENDE
O-Ton 7 Bacher (15:02)
Er war Opernmusiker und spielte Violine, Posaune und Klarinette. Sein Vater war Kavallerietrompeter, dann Stadtmusikdirektor in der Nähe von Halle. Wieprecht war ein Tausendsassa. Bereits mit 25 Jahren hatte er sein Herz an die Militärmusik verloren. Ohne militärische Ausbildung wurde er preußischer Generalmusikdirektor. Er kümmerte sich um die einheitliche Stimmung der Kapellen und um die professionelle Ausbildung der Musiker.
MUSIK 5 Privat Take 021 „Parademarsch Nr.1”; Album: Berliner Schlossmusiken; Label: Capriccio – 2545385; Interpret: Berlin Radio Symphonie Orchester/ Sebastian Weigle; Komponist: Wilhelm Wieprecht; Zeit: 00:30
+ Atmo Feuerwerk
SPRECHERIN
Zum Besuch des Zaren bietet Wieprecht über 1.000 Musiker mit 200 Tambouren, Trommlern und Pfeifern und 50 Schellenbäumen auf - umrahmt von einem pompösen Feuerwerk.
SPRECHER
Sich selbst lässt der Maestro zu solch besonderen Anlässen später übrigens gerne mit Kanonendonner ankündigen.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
1867 gewinnt Wieprecht den Wettbewerb der Militärkapellen auf der Weltausstellung in Paris vor einer Jury, der unter anderem aus Ambroise Thomas, Hans von Bülow und Léo Delibes angehören. Napoleon III. lädt ihn zweimal nach Versailles ein und verleiht ihm das Ehrenkreuz der französischen Ehrenlegion.
SPRECHER
1856 formt Wieprecht einen festen militärischen und musikalischen Ablauf des Zapfenstreichs. Seine Form wird für alle Preußischen Armeen angeordnet. Wieprechts Zapfenstreich wird zwar bis zum Jahr 1918 vielerorts variiert, bleibt aber das maßgebliche Fundament bis zum heute noch verbindlichen Ablauf.
Wobei zunächst die exakte Festlegung, welches Musikstück genau denn mit Bezeichnungen wie „Retraite“ oder „Abendlied“ gemeint sei, erst mit dem Erscheinen der gedruckten Partitur im Jahr 1872 zweifelsfrei geklärt ist.
SPRECHERIN
Ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs, das den Preußischen Zapfenstreich zum Zapfenstreich des „geeinten“ Deutschland macht.
MUSIK 7 „Heil dir im Siegeskranz“; ZEIT:00:41
SPRECHER
Im Ablauf des Großen Zapfenstreichs wurde fortan bei Anwesenheit des Monarchen vor dem Gebet die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ intoniert.
SPRECHERIN
Deren Melodie identisch mit der britischen Nationalhymne ist –eine offizielle Nationalhymne hatte das Deutsche Kaiserreich nicht.
MUSIK ENDE
Die gibt es erst 1922 in der ersten parlamentarischen Demokratie Deutschlands:
MUSIK 8 F100090 101 „Deutschlandlied“; ZEIT: 00:12
das Deutschlandlied mit dem von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 verfassten Text zur Musik Joseph Haydns.
MUSIK ENDE
SPRECHER
Die Nationalhymne ersetzt die Kaiserhymne und soll auch so die Symbolkraft des Großen Zapfenstreichs einerseits für den Zusammenhalt und die Gemeinschaft der Streitkräfte festigen und andrerseits zugleich die Verbundenheit zwischen Bundeswehr und den Bürgerinnen und Bürgern fördern.
SPRECHERIN
Deswegen erscheint es umso wichtiger, über den Zeitraum zwischen Weimarer Republik und Bundesrepublik Deutschland bzw. Deutscher Demokratischer Republik zu sprechen.
O-Ton Bacher 8 (25:12)
Hitler und seine Parteifreunde haben die Wirkung von Trommeln und Pfeifen, Fanfaren und Pauken schnell erkannt und Marschmusik für ihre Zwecke instrumentalisiert. Der Rundfunk damals begann in der Nazizeit schon früh am Morgen mit Marschmusik. Die Wochenschau wird von Militärmusik gewöhnlich untermalt. Die Zeit ganz großer Appelle und Aufmärsche war gekommen. Der einfache Soldat lernte Soldatenlieder. Um der Welt zu imponieren gab es Groß-Konzerte zum Beispiel anlässlich der Olympiade 1936. Und ganz große Aufmärsche gab es zum Beispiel zu Führers Geburtstag. Der Große Zapfenstreich wurde zwar auch aufgeführt, ein Abendsignal mit einem Choral im Zentrum, setzte aber nicht das ideale Zeichen für die Partei. Für die Propaganda und für einen Aufbruch eigneten sich Appelle zackige Wachaufzüge und große Vorbeimärsche viel besser.
SPRECHER
Erläutert der Militärmusikexperte Urban Bacher.
SPRECHERIN
Die Nationalsozialisten konnten ihre Finger vom Zapfenstreich ebenso wenig lassen wie von allem anderen, das pathetisch, und eindrucksvoll genug schien, der Ideologie der Volksgemeinschaft „zu dienen“.
ATMO Marschieren
Wenige Stunden, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist, marschierten Kolonnen der SA, SS und anderer Nationalsozialistischer Organisationen mit lodernden Fackeln in einem pompösen Siegeszug durch das Brandenburger Tor.
SPRECHER
Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!
SPRECHERIN
Kommentiert der weltberühmte Maler Max Liebermann, als die braunen Horden unter seinem Fenster vorbeidefilieren.
SPRECHER
Joseph Goebbels, der spätere Reichspropagandaleiter, hingegen ist hellauf begeistert: Ein Marsch für die Ewigkeit, der Aufbruch in ein tausendjähriges Reich. Für die Nachwelt eindrucksvoll festgehalten –
SPRECHERIN
Allerdings hatten die für die Nachwelt dokumentierenden Hitler-Begeisterten noch wenig Erfahrung mit Medien wie Fotografie oder Film, so dass vom pompösen Fackelzug lediglich ein Haufen verwackelter Bilder blieb.
SPRECHER
Weshalb Goebbels den Triumphzug im Fackelschein ein paar Monate später nachstellen ließ.
SPRECHERIN
Gewissermaßen nachgestellt wird auch der etablierte Große Zapfenstreich in einer Variante, die dem ideologischen Charakter des Dritten Reichs besser entsprechen soll. Wilhelm Schierhorn, Musikinspizient der Deutschen Polizei, komponiert den sogenannten „Großen Zapfenstreich der Deutschen Polizei“.
SPRECHER
Veröffentlicht 1939, wird Schierhorns Werk ein Jahr später in „Großer Abendruf der Deutschen Polizei“ umbenannt – ein Zeichen für die Eigenständigkeit der Reichspolizei im Verhältnis zur Wehrmacht, auch in musikalischer Hinsicht. Die Aufführung bleibt allein den Musikkorps der Polizei und der SS vorbehalten. In Runderlassen wird Schierhorns Marsch „Schutz und Trutz“ für die Feuerwehren angeordnet sowie die propagandagerechte Pflege von Marsch- und Chorgesang geregelt.
SPRECHERIN
Die Nationalsozialisten versuchen sich den Großen Zapfenstreich wie so viele andere wirkmächtige Rituale, Musik und Ästhetik, zu eigen zu machen, versuchen ihn für ihre Zwecke zu missbrauchen und zu politisieren. Mit weniger Erfolg als bei der Marschmusik allgemein.
SPRECHER
Denn militärische Symbolik vereinnahmt das Dritte Reich allzu gerne: Bilder von Massenaufmärschen von Uniformierten mit Fackeln haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und erzeugen unmittelbar Unbehagen. Kein Wunder also, dass in der jungen Bunderepublik die Missbilligung von Militärritualen wächst.
SPRECHERIN
Dementsprechend gerät der Große Zapfenstreich in die Kritik. Dass sich die Bundeswehr bis heute ausdrücklich darauf beruft, dass die aktuelle Zeremonie im frühen 19. Jahrhundert zur Zeit der Befreiungskriege entstanden sei, hilft nur bedingt.
SPRECHERIN
Die Gründung der Bundewehr 1955 stößt in der westdeutschen Bevölkerung keineswegs auf einhellige Begeisterung. Vielmehr werden zahlreiche öffentliche Aufführungen der Bundeswehr-Musikkorps von Anti-Militaristen massiv gestört und können teilweise nur unter Polizeischutz abgehalten werden.
SPRECHERIN
Während im 19. Jahrhundert der Große Zapfenstreich nach Wieprecht auch von zivilen Kapellen gespielt wurde, und seine Aufführung beim Militär lediglich die Entscheidung des Dirigenten bzw. Kommandanten war, wird der Zapfenstreich in der Bundesrepublik genehmigungspflichtig.
SPRECHER
„Die Genehmigung zum Spielen des Großen Zapfenstreiches ist bei den
Inspekteuren von Heer, Luftwaffe und Marine bzw. dem Befehlshaber der Territorialen Verteidigung einzuholen.“
SPRECHERIN
Heißt es in einem ersten Erlass vom September 1958. Und weiter:
SPRECHER
Wenn die Bundeswehr den Großen Zapfenstreich nur zu herausragenden militärischen Anlässen spielt, wird die Öffentlichkeit wieder Verständnis seine Bedeutung gewinnen und ihn in Festprogrammen ziviler Veranstaltungen als unpassend empfinden.“
SPRECHERIN
Die Bundeswehr erhebt den Großen Zapfenstreich also zu zur feierlichen Veranstaltung der Truppe und damit zu einem Zeremoniell. Dass Wieprechts Zyklus für Schützenfeste, Stadtjubiläen und ähnliche Feste seine Bedeutung verliert, ist gewünschter Nebeneffekt. Er soll für die bürgerliche Musikkultur nur noch eine Ausnahme sein.
MUSIK 9 „Zapfenstreichfinale“; ZEIT: 00:45
SPRECHER
Nicht nur die Bundesrepublik, auch die DDR führte 1962 den Großen Zapfenstreich wieder ein. Er wurde dort 1981 für die Nationale Volksarmee um „Elemente des progressiven militärischen Erbes“ ergänzt, wie etwa um das Lied „Für den Frieden der Welt“ des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch.
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Statt politisch programmatischer Elemente, die in den Großen Zapfenstreich integriert wurden, erregen heutzutage ganz andere musikalische Elemente die mediale Aufmerksamkeit.
ATMO Zapfenstreich
SPRECHER
Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ und Hildegard Knefs „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ 2021 bei der Verabschiedung von Bundeskanzlerin Angela Merkel…
SPRECHERIN
„My Way“ in der Version von Frank Sinatra für Gerhard Schröder 2005, „Smoke on the Water“ von Deep Purple für den zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg 2011…
ATMO ENDE
MUSIK 11 „Die glorreichen Sieben“; ZEIT: 00:55
SPRECHER
„Over the rainbow“ 2012 nach dem Rücktritt des Bundepräsidenten Christian Wulff…
SPRECHERIN
…“Wind of Change“ der Scorpions 2019 zur Verabschiedung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen…
SPRECHERIN
…oder „Die glorreichen Sieben“ für ihre Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer…
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Bis zu vier eigene Musik-Wünsche sind möglich. Das geht drauf zurück, dass das von der Bundeswehr ausgeführte Zeremoniell traditionell vor dem Beginn des tatsächlichen Zapfenstreiches eine sogenannte Serenade enthält, die streng genommen nicht zum eigentlichen Ablauf gehört. Bei der Ehrung einer Einzelperson kann dem Ablauf so eine individuelle Prägung verliehen werden.
SPRECHER
Die Regenbogenpresse interessiert sich stets brennend für die individuellen Musikwünsche der Politikprominenz. Seriöse Medien diskutieren weiterhin das prinzipielle Für und Wider der Zeremonie.
O-Ton 9 Bacher (11:00)
Was viele vergessen: Mit dem Großen Zapfenstreich wird nicht nur die Person ausgezeichnet, sondern das Amt als solches. Daneben steht die militärische Truppe im Zentrum mit ihrem Abendritual.
SPRECHERIN
Ein Signal des Respekts vor der Bundeswehr, die teilweise in gefährliche Einsätze weltweit entsandt wird – als Parlamentsarmee ausschließlich von den Volksvertretern.
MUSIK 12 „Zapfenstreich-Marsch“; ZEIT: 01:23
SPRECHER
Aber erscheint statt des staatstragenden militärischen Zeremoniells für scheidende Minister, Präsidentinnen und Kanzler für so manche oder manchen nicht ein freundlicher Abschiedsbrief der Truppe angemessener?
SPRECHERIN
Der Historiker Julien Reitzenstein stellt die Gegenfrage: Mit welchem Recht maßen sich manche Kritiker an, darüber bestimmen zu wollen, mit welchen Zeremonien innerhalb einer „Firma“ verdiente „Mitarbeiter“ geehrt werden?
SPRECHER
Negative Assoziationen angesichts fackeltragender Soldatenaufmärsche erscheinen nachvollziehbar, sind Anlass zu Diskussionen, die geführt werden müssen…
SPRECHERIN
Oder zu grellen Schlagzeilen in aufgeregt beschleunigten Internet-Debatten auf Twitter und Co führen. Leichtfertig Nazi-Assoziationen Einzelner zum Gegenstand politischer Debatten zu machen, erscheint doch recht problematisch.
SPRECHER
Bislang zumindest unterliegen Zeremonien wie der Große Zapfenstreich unserer demokratischen Kontrolle. Es liegt an uns allen, dass es dabei bleibt.
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Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo laufendes Wasser Sprecherin Mehr als 600 Jahre. So alt ist die Tradition der Wässerwiesen in Oberfranken: Damals erdachten die Bauern ein System aus Schöpfrädern, ausgeklügelten Grabensystemen und Wehren, um mit zwei großen Nachteilen ihrer Region fertigzuwerden: ZSP 01 Helmut Groschwitz [14:57 – 15:46 ] „Es ist eine Region, die relativ niederschlagsarm ist und hat gleichzeitig sandige, wasserdurchlässige Böden, also eigentlich ganz schlechte Voraussetzungen für eine Wiesenwirtschaft.“ Sprecherin Die Bauern entwickelten und pflegten ihr ausgeklügeltes System, das Wasser aus Flüssen wie der Regnitz, Pegnitz oder Wiesent abzweigt. ZSP 01a Helmut Groschwitz [14:57 – 15:46 ] „Wenn der Boden zu trocken wird, zapft man quasi die Flüsse an, die dort durchlaufen, und überflutet die Wiesen ganz gezielt für ein paar Stunden. Durch die Gräben kann das Wasser wieder abfließen. Und in trockenen Jahren, sagen wir mal, so fünf- bis sechsmal muss dort gewässert werden. Und auf die Weise gibt es einen deutlich höheren Ertrag.“ MUSIK Aukai: "Colorado" (aukaimusic/ak-04) 01:12min Sprecherin Die alte Tradition wurde aus wirtschaftlichen Gründen entwickelt, damit auch im Sommer Gras wächst als Grünfutter für das Vieh. Doch sie brachte mehr als Grünfutter: Erst durch dieses Bewässerungssystem konnte eine artenreiche und ökologisch wertvolle Wiesenlandschaft entstehen, erläutert Helmut Groschwitz vom Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: ZSP 02 Helmut Groschwitz: [00:16:04] „Wenn gewässert wird, dann stehen teilweise die Wiesen voller Störche, weil: Die freuen sich natürlich, weil viel von dem Bodengetier auch nach oben kommt. Weitere Effekte sind, dass der Grundwasserspiegel dort deutlich höher ist, dass man in der Region tatsächlich wenig Probleme mit Grundwasser hat.“ Sprecherin Im Dezember von der Unesco als immaterielles Kulturerbe der Menschheit geadelt, praktiziert heute kaum noch jemand die alte Technik. Dabei ist sie Teil eines uralten ökologischen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sprecherin Traditionelles Wissen darüber, wie natürliche Ressourcen geschützt und nachhaltig genutzt werden können, ist in allen Kulturen vorhanden. Doch bei indigenen Völkern ist dieser Schatz besonders groß. ZSP 03 Tyler Jessen [00:03:59] So generally indigenous knowledge tends to focus immediately on the areas in which these particular people might live. Right. They've been in these areas for a very long time and they have a lot of that intergenerational wisdom that accumulates. VO „Im Allgemeinen konzentriert sich dieses indigene Wissen unmittelbar auf die Gebiete, in denen diese Menschen leben. Denn sie leben schon sehr lange dort und haben über die Generationen hinweg viel Wissen angesammelt.“ Sprecherin Dieses Wissen sei durch genaue Beobachtung erworben worden, erklärt der Wildtierökologe Tyler Jessen von der Universität Victoria in British Columbia. ZSP 04 Tyler Jessen [00:03:59] The way in which indigenous peoples accumulate knowledge can be valuable actually for science. So in this in a sense, it is very place based and it is very specific. But at the same time, there are lessons that everybody can learn from different indigenous cultures around the world. VO „Die Art und Weise, wie indigene Völker Wissen ansammeln, kann sogar für die Wissenschaft sehr wertvoll sein. Auf gewisse Weise ist alles sehr ortsbezogen und sehr spezifisch. Aber gleichzeitig gibt es Lektionen, die jeder von verschiedenen indigenen Kulturen auf der ganzen Welt lernen kann.“ MUSIK Aukai: "Alto Paraíso" (aukaimusic/ak-01) 00:45min Sprecherin Deshalb ist dieses überlieferte Wissen ins Zentrum des Interesses der modernen Wissenschaft gerückt. Dabei prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite die messwertgetriebene, exakte Forschung, die genau bestimmt, wieviel Kohlendioxid in der Atmosphäre ist oder wie schnell die Meere versauern. 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And they started to explain, that when they were young, in their parents time, that was mostly dominated by scots pines, which is completely different boreal ecosystem than the birch forests that are there now. VO „Zum Beispiel gibt es in Nordschweden bei Jokkmokk einen Ort, der auf Samisch Bietsiesjaure [Pi-etsches-jauri] heißt. Übersetzt bedeutet das Kiefern oder Kiefernsee. Aber das gesamte Gebiet ist heute ein Birkenwald. Ich habe die samischen Frauen, mit denen ich dort zusammenarbeite, gefragt, warum es Kiefernsee heißt. Und sie haben mir erklärt, dass die Gegend zur Zeit ihrer Eltern und noch in ihrer Jugend von Kiefern geprägt war. Das ist ein völlig anderes Ökosystem als die Birkenwälder von heute.“ Sprecherin Dieses Umweltwissen der samischen Frauen ermöglicht einen Blick zurück in Zeiten ohne Messwerte und Aufzeichnungen – das ist ein unschätzbarer Vorteil in Gebieten wie der Arktis, die sich durch den Klimawandel schnell verändern. Außerdem kann dieses traditionelle Wissen über ökologische Zusammenhänge der Forschung ganz neue Dimensionen eröffnen, sagt Henry Huntington. ZSP 07 Henry Huntington [00:09:19] So, in the in 1995, I was doing my my first project documenting indigenous knowledge. And this in this case we're talking about beluga whales in western Alaska and three elders from the communities of Elim, Shaktoolik and Koyuk had had come together, were sitting around a table talking about belugas. VO „1995 führte ich mein erstes Projekt durch, um indigenes Wissen zu dokumentieren. Es ging um Belugawale im Westen Alaskas, und aus den Gemeinden Elim, Shaktoolik and Koyuk waren drei Älteste zusammengekommen, saßen an einem Tisch und sprachen über Belugas.“ Sprecherin Dr. Henry Huntington ist wissenschaftlicher Direktor für die Arktis bei der gemeinnützigen Organisation Ocean Conservancy. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er mit indigenen Völkern in Alaska zusammen: ZSP 08 Henry Huntington [00:09:19] And in the conversation about beluga whales somehow the conversation turned to beavers instead and I thought, okay, that means they're mammals, they swim. But you know, this is the wrong species. Why are we talking about beavers and and so on? And one of the elders looked at me and said, do you understand why we're talking about beavers? I said, Well, no, not really. And he said, well, the point is that the beavers around here, the population is increasing. That means they're damming up more streams. And those are the streams where the fish spawn that the belugas are eating down in the bay. And once he explained it, of course the connection is very clear. VO „Und während wir über die Belugawale sprachen, kam das das Gespräch stattdessen irgendwie auf Biber und ich dachte, okay, das sind Säugetiere, sie schwimmen, aber das ist die falsche Art. Warum reden wir über Biber? Und einer der Ältesten sah mich an und sagte: ‚Verstehst du, warum wir über Biber sprechen?‘ Ich sagte: ‚Na ja, nein, eigentlich nicht.‘ Und er sagte: ‚Na ja, es geht darum, dass die Biberpopulation hier in der Gegend zunimmt. Das bedeutet, dass sie immer mehr Bäche aufstauen. Und das sind die Bäche, in denen die Fische laichen, die die Belugas unten in der Bucht fressen.‘ Und nachdem er es erklärt hatte, war der Zusammenhang natürlich sehr klar Sprecherin Die Biberdämme verhindern, dass Fische zu ihren Laichgründen gelangen, was dann wiederum weniger Beute für die Belugas und damit weniger Wale bedeutet. ZSP 09 Henry Huntington [00:09:19] But I at least never would have anticipated talking about beavers in relevance to belugas. And I think most scientists wouldn't have. One is the freshwater sort of land associated animal. The other is a saltwater animal. And it took people who spend time in both domains, who understand the entirety of their local environment to see those kinds of connections. And to me, that was a huge eye opener. That boy, there's just so much more so much richer, deeper, richer knowledge here to be gathered from people who see this whole area as one complete system. VO „Doch ich zumindest hätte nie erwartet, dass man im Zusammenhang mit Belugas über Biber spricht – und die meisten Wissenschaftler hätten das wohl auch nicht: Das eine ist ein an Land lebendes und mit Süßwasser assoziiertes Tier, das andere ein Salzwasserbewohner. Es brauchte Menschen, die viel Zeit in beiden Bereichen verbringen, um diese Art von Verbindungen zu erkennen. Für mich war das ein Augenöffner. Es gibt hier so viel mehr, so viel tieferes, reichhaltigeres Wissen, das von den Leuten gesammelt werden kann, die dieses ganze Gebiet als ein komplettes System sehen.“ MUSIK Aukai: "Turning Days" (aukaimusic/ak-04) 01:06min Sprecherin Inzwischen wird dieses traditionelle Wissen nicht mehr nur von „exotischen“ Disziplinen wie der Ethnobiologie untersucht, sondern auch von – wenn man so will – Mainstream-Forschern. Mit Fernerkundung lässt sich zwar problemlos messen, wie sich Baumkronen durch den Klimawandel verändern. Doch was es wirklich bedeutet, wie sich die Umwelt dadurch verändert, das wissen die Jäger und Fischer am besten: Sie bekommen selbst in entlegenen Gebieten mit, was passiert – etwa, dass Rentiere andere Wanderrouten wählen. Die Zusammenarbeit dieser beiden Wissenswelten funktioniere jedoch nur, wenn die Partnerschaft auf Augenhöhe sei, urteilt Tyler Jessen. Dabei muss in den meisten Fällen erst einmal tief sitzendes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft abgebaut werden. Denn deren Ruf ist bei vielen indigenen Völkern alles andere als gut. ZSP 10 Tyler Jessen [00:10:30] So, in the past, there has been a difficult relationship between a lot of indigenous peoples and Western scientists. And that stems from the the, you know, the bad reputation that science might have in a lot of these communities in that it was oftentimes very extractive in a sense. There was the the scientist would come into the community and would, you know, ask their questions for their own purposes, for their own research needs, then they would leave. And there was really no benefit to the community. In fact, there could be harm to whatever community they might be working with. So, as far as the relationship at least It is moving towards a more beneficial, mutually beneficial that is relationship between indigenous communities and scientists. VO „In der Vergangenheit war die Beziehung zwischen westlichen Wissenschaftlern und indigenen Völkern oft sehr schwierig. Die Wissenschaft hat in vielen dieser Gemeinschaften einen schlechten Ruf, weil sie die Menschen ausgebeutet hat. Die Forscher kamen, stellten Fragen für ihre eigenen Zwecke und verschwanden wieder. Für die Gemeinschaft gab es keinen wirklichen Nutzen. Im Gegenteil, es konnte ihnen sogar schaden. Inzwischen entwickeln sich die Beziehungen häufig mehr zum gegenseitigen Nutzen.“ Sprecherin Für die Wissenschaftler bedeutet das, dass ihre Forschungsziele durchaus hinterfragt werden, allgemeine Verweise auf „Fortschritt“ reichen oft nicht aus. Was am Ende zählt, sind Vertrauen und persönliche Verbindung. ZSP 11 Tyler Jessen [00:27:26 bis 28:08; 24:04 bis 25:13] The first thing that I'd say that is that it just does take time. It does take a long time. I'm, I'm... There can be years that go by for for this kind of research. And that is just the nature of it. There is a saying that says that we don't there is a saying that says that we operate at the speed of trust. And I think that that's a very important thing to consider. // Relationships matter a lot with these indigenous communities. They matter a lot. It's it's that kind of transparency and reciprocity and working towards mutually beneficial research agreements is very, very important to Indigenous communities. VO „Meiner Meinung nach ist Zeit das Wichtigste, viel Zeit. Bei solchen Forschungsprojekte können Jahre ins Land gehen. Das ist einfach so. Es gibt eine Redensart: Wir arbeiten mit Vertrauensgeschwindigkeit. Und ich glaube, das ist sehr wichtig im Kopf zu behalten. Im Kontakt mit indigenen Gemeinschaften bedeuten Beziehungen viel. Transparenz, Gegenseitigkeit und gemeinschaftliches Arbeiten auf Vereinbarungen zu gegenseitigem Nutzen hin ist diesen Gemeinschaften sehr wichtig.“ MUSIK Aukai: "Turning Days" (aukaimusic/ak-04) 00:33min Sprecherin Allerdings erleben westliche Wissenschaftler oft zunächst eine Art „Kulturschock“. Anstatt der gewohnten Daten und Formeln kann ihnen die Überlieferung des indigenen Erfahrungswissens „fremdartig" und „unwissenschaftlich“ und damit „unbrauchbar“ erscheinen. ZSP 12 Henry Huntington [00:05:27] So the the many of the observations are, you know, people have been out on the land and see they've seen things, but some of the observations come from sources like dreams. And for the shamans that's seen as sort of a spiritual journey, they may have become a salmon or a whale or a moose and experienced the world from the perspective of that animal and of see how they see things. And that becomes an important part of the way they understand the world. VO „Viele Beobachtungen stammen von Menschen, die draußen etwas gesehen haben, aber einiges stammt aus Quellen wie Träumen. Für die Schamanen beispielsweise ist das eine Art spirituelle Reise. Sie sind vielleicht in einen Lachs, einen Wal oder einen Elch verwandelt worden und haben die Welt aus der Perspektive dieses Tieres erlebt. Und das wird zu einem wichtigen Teil ihres Weltverständnisses.“ MUSIK CBAWZ2101547 Overt Mission 01:13min Sprecherin Wissenschaftler könnten diese spirituelle Seite leicht abtun. Das sei ein Fehler, man sollte vielmehr fragen: ‚Okay, wie verstehen Sie die Umwelt und wie beeinflusst das, was Sie tun und wie Sie es tun‘, erklärt Henry Huntington. Eine wertvolle Quelle sind auch die Legenden der Indigenen. Wenn sich solche Erzählungen über Jahrtausende des Zusammenlebens in und mit der Natur solche Erzählungen verbreitet und vor allem erhalten haben, steckt in all den Ausschmückungen oft ein wahrer Kern. Ein Beispiel sind die sagenhaften Feuerfalken, von denen australischen Aborigines vor allem im Norden des Landes erzählen. Sie berichten von Raubvögeln, die Feuer vom Himmel fallen lassen und so das Buschland in Brand setzen. Tyler Jessen: ZSP 13 Tyler Jessen [21:26 bis 22:15] It wasn't until just recently that some scientists decided to investigate this further and they asked people about this. And in this case, they what they with these scientists eventually found was that the various Australian raptors, these birds of prey might grab sticks from wildfires in Australia, these burning sticks and they would carry them to new areas and they would drop these sticks in order to spread the wildfire. And in doing so, that flushes out the small prey items that they could then prey upon. What it changed is that it sort of added a new dimension of how fire dynamics can operate, a new, a new method by which wildfires can spread. VO „Erst kürzlich haben Wissenschaftler diese Legende überprüft, und sie haben tatsächlich Raubvögel verschiedener Arten dabei beobachtet, wie sie brennende Zweige von einem Buschfeuer aufnahmen und in andere Gebiete trugen, wo sie sie wieder fallen ließen und ebenfalls Feuer entfachten. Der Zweck war, ihre Beutetiere aus den Löchern zu treiben. Das Verhalten hat aber auch der Ausbreitungsdynamik von Buschbränden eine neue Dimension hinzugefügt, einen neuen Verbreitungsweg für Feuer.“ MUSIK CBAWZ2101509 Celestial Dream 01:23min Sprecherin Der Biologe Ray Pierotti, Professor an der Universität von Kansas, nutzt Erzählungen der nordamerikanischen Indigenen, wenn er nach optimalen Methoden sucht, um Wildtierpopulationen oder ganze Ökosysteme in Nationalparks zu managen. Eine bedeutende Rolle spielt bei vielen Prärievölkern der Wolf. Sie betrachten ihn als eine positive, dem Menschen wohlgesonnene Kraft, die das Ökosystem der Prärie entscheidend prägt. ZSP 14 Ray Pierotti [38:40 bis 39:18] If you look at some of the stories from the the Blackfoot and the Cheyenne, they were actually hunting from wolves and learning to hunt from watching and interacting with wolves and that they noticed the impact that wolves were having on their environment. And that's why they then decided, okay, this environment that we're living in and seem to be having a good life in seems to be a result of the activities of these wolves. Therefore, we're going to regard them as the shapers of the environment, which from our perspective is creator. VO „Wenn man sich Erzählungen der Blackfoot oder der Cheyenne ansieht, dann stellt man fest, dass diese Völker sich ihre Jagdmethoden von Wölfen übernommen haben und dass sie den Einfluss der Wölfe auf das Ökosystem sehr genau erkannt haben. Deshalb wird in ihren Erzählungen sehr deutlich, dass die Umwelt, in der sie leben und von der sie sehr gut leben, dass diese Umwelt das Ergebnis der Aktivitäten der Wölfe ist, und dass sie deshalb den Wolf als Gestalter und in gewisser Weise sogar als Schöpfer ehren.“ CAONA2250732 Around every corner 00:32min Sprecherin Im Gegensatz dazu stand die Haltung der weißen Einwanderer. Sie betrachteten den Wolf als Feind und Konkurrenten und jagten ihn unerbittlich. Selbst in Yellowstone, dem ältesten Nationalpark der USA, wurden die Wölfe in den 1930er Jahren ausgerottet. Vor einem Vierteljahrhundert siedelte man dort wieder Wölfe an, nicht zuletzt, weil man erkannte, dass die Wapiti-Hirsche mangels Fressfeinden zu einer Plage geworden waren. ZSP 15 Ray Pierotti [36:35 bis 37:03] The presence of the wolfs has completely transformed Yellowstone. The ecology of the park is completely different than it was when there were no wolfs at all. It seems like almost all of the populations of other species are doing better, including the ones they hunt. The only one that's not as abundant is the elk population, which is their primary prey. But even they are a healthier population than they used to be. VO „Die Anwesenheit der Wölfe hat Yellowstone komplett verändert. Die Ökologie ist völlig anders. Es scheint, als ginge es allen Tier-Populationen besser, die eingeschlossen, die zum Beutespektrum der Wölfe zählen. Die einzige Art, deren Zahl drastisch zurückgegangen ist, ist der Wapiti, der die Hauptbeute der Wölfe ist. Aber selbst diese Population ist heute offenbar gesünder als früher.“ Sprecherin Ray Pierotti ist bekannt dafür, dass er die indigenen Erzählungen und ihre rituellen Zeremonien auswertet, darin nach Hinweisen sucht, wie sich das Wildtiermanagement verbessern lässt. Dieser Ansatz ist bei einigen seiner Kollegen umstritten, aber er erklärt den Gewinn dieser Herangehensweise an einem Beispiel: ZSP 16 Ray Pierotti [14:22 bis 14:58] the indigenous nations of the Pacific Northwest, they have what they call a first salmon ceremony, which is at a certain time of year when the salmon is starting to come in. They take one salmon out and then they go through a ritual that takes several days during which nobody is allowed to take any more salmon. And so what they're doing is that they have at a key point in the migration pattern of the fish they are leaving the population alone to let the biggest, most experienced individuals get upstream to breed. MUSIK aukaimusic/ak-04 - Aukai "Oars" 01:07min VO „Unter den indigenen Völkern des pazifischen Nordwestens gibt es ein Ritual, das sie die ‚Zeremonie des ersten Lachses‘ nennen und zu der Zeit durchführen, wenn die Lachse ihre Wanderung zurück in die Flüsse beginnen. Sie fangen einen Lachs und beginnen mit einer Zeremonie, die mehrere Tage dauert. Während dieser Zeit darf niemand Lachse fischen. Im Endeffekt lassen sie damit die Lachspopulation in einem kritischen Moment ungestört. Nämlich dann, wenn die größten, erfahrensten und damit für den Fortbestand der Population wichtigsten Tiere in die Flüsse einwandern.“ Sprecherin Wenn nach dem Ende der Zeremonie der Lachsfang beginnt, gehen den Fischern die jüngeren, weniger fortpflanzungsstarken Tiere ins Netz oder an die Angel. Die sind für den Bestand einer gesunden Population weniger entscheidend als die Alten. ZSP 17 Ray Pierotti [16:11 bis 16:48] Western science and especially Western game management tend to focus on the largest individuals, which is why we have all this record keeping in the Boone and Crockett Club and and stuff like that, that focus on the largest individuals is going to be taken, whereas Indigenous people seem to want to avoid taking the largest and oldest individuals in the population. And the interpretation that come on, that is they understand that those are the individuals that are really responsible for the success of the population. VO „Westliche Wissenschaftler und insbesondere die Wildbewirtschafter neigen dazu, sich auf die größten Individuen zu kaprizieren. Nicht umsonst ist in den Ranglisten der Jäger die Größe immer Trumpf. Während indigene Völker es anscheinend vermeiden wollen, die größten oder ältesten Tiere einer Population zu schießen. Ich vermute, sie tun dies, weil sie wissen, dass diese Individuen für den Bestand der Population sehr wichtig sind.“ MUSIK CBAWZ2101550 Floating Weapons 00:47min Sprecherin Die Karibu-Jäger der Inuit oder dem Volk der Cree im Norden Kanadas hätten laut Ray Pierotti sogar eine strenge Regel: Never shoot the leaders. Schieß niemals die Leittiere. Sie sind zum einen diejenigen, die den Fortpflanzungserfolg der Herde maßgeblich beeinflussen. Sie sind aber auch so etwas wie die Lehrer der Herde, indem sie ihre Erfahrungen an die jüngeren Tiere weitergeben. Tero Mustonen von der Kooperative Snowchange betont: ZSP 18 Tero Mustonen [36:22 bis 37:13] We have to accept the fact that 80% of world's remaining biodiversity is on indigenous lands. Why this is the case? // Indigenous communities often have relations with the surrounding landscapes and species and therefore when they have relations, they care about those resources and it's in their interest to make sure that they don't overhunt, they don't pillage, they don't wipe out a resource, even though they have to use it for living. VO „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass 80 Prozent der verbliebenen Artenvielfalt auf Gebieten vorkommt, die von indigenen Völkern gemanagt werden. Und warum ist das so? Diese Völker haben oft eine enge Beziehung zu den sie umgebenden Landschaften und zu den Tierarten darin. Deshalb haben sie ein Interesse am Erhalt dieser Ressourcen. Ihnen ist daran gelegen, dass sie nicht überjagt, geplündert oder ausgelöscht werden, auch wenn sie Tiere für ihren eigenen Lebensunterhalt bejagen.“ Sprecherin Es gebe also viele gute Gründe, von diesem Erfahrungswissen zu lernen, urteilt Henry Huntington. Noch allerdings werde in der Wissenschaft der Wert nicht allgemein anerkannt. Es gelte dann als anekdotisch, nicht schön systematisch erforscht und mit Statistiken unterfüttert, beklagt Henry Huntington. Aber: ZSP 19 Huntington [00:13:37] we'd be foolish to ignore something that a system that has allowed people to thrive for thousands of years in the same environment without overusing things. And they're the people who are also most most dependent on on that. And who test that knowledge year after year. If it wasn't accurate, people wouldn't be there. That's a that's a pretty severe test. VO „Wir wären dumm, etwas zu ignorieren, das es den Menschen ermöglicht hat, seit Tausenden von Jahren in der gleichen Umgebung zu leben, ohne ihre Ressourcen zu überstrapazieren. Diese Menschen sind am meisten von ihrer Umwelt abhängig, und ihr Wissen wird Jahr für Jahr auf die Probe stellen. Wenn es nicht korrekt wäre, hätten die Menschen nicht überlebt. Das ist ein ziemlich harter Test.“ Sprecherin Inzwischen scheint Bewegung in das Verhältnis von Wissenschaft und Traditionellem Ökologischen Wissen zu kommen. So arbeitet der Wildtierökologe Tyler Jessen mit dem Volk der Kitasoo Xai'xais [Kitesu: he he] im Fjordland nördlich von Vancouver zusammen. Es geht um Schneeziegen, eine Tierart, die abgeschieden im Hochgebirge lebt: ZSP 20 Tyler Jessen [13:10 bis 15:04] the Kitasoo Xai'xais nation, they invited myself and, you know, the research team up into their territory in order to study the Mountain Goats because they wanted to have a scientific understanding of what was going on to complement their traditional knowledge associated with mountain goats. //So So to give a brief example, their knowledge of how many goats they would see on any given day is very important knowledge. And it's something that is that can be, you know, assessed in sort of science through a scientific lens as well. So we know, for example, that going back to about 1970 or so that people used to see goats more often than not on any given day working out on the landscape, you know, going out by boat, walking through a creek and things like that. They would see these mountain goats and they would see them more often than not. And you compare that to 2019, which was, I believe, the most recent date in which we we asked people for their observations of mountain goats, and it was zero Mountain goats. VO „Das Volk der Kitasoo Xai'xais hat mich und das Forschungsteam in ihr Gebiet eingeladen, um die Bergziegen zu untersuchen, denn sie wollen ihr traditionelles Wissen über die Bergziegen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzen. Also haben wir erst einmal versucht herauszufinden, wie oft am Tag die Menschen Schneeziegen gesichtet haben, wenn sie im Gelände oder mit dem Boot unterwegs waren – heute und früher. Die Erinnerungen reichten bis etwa in die 70er Jahre zurück. Und damals war die Wahrscheinlichkeit, jeden Tag eine Schneeziege zu sehen, höher als gar keine zu sehen. Und im Jahr 2019 war die Wahrscheinlichkeit, eine Schneeziege zu sehen, praktisch gleich Null.“ MUSIK Aukai: "Alto Paraíso" (aukaimusic/ak-01) 00:52min Sprecherin Und das finnische Volk der Skoltsamen beteiligte sich an einer Studie, in der Indikatoren für Umweltveränderungen in der Arktis festgelegt wurden - auf der Grundlage von Traditionellem Ökologischen Wissen. Die Sami haben beispielsweise im Fluss Njauddâm (ɲɑudːɐm) den Rückgang der Lachse beobachtet und dokumentiert. Auf der Grundlage ihres Wissens passen sie sich nun an - sie reduzieren die Anzahl der Netze, die sie zum Fischfang verwenden, stellen Laichplätze wieder her und fischen mehr Hechte ab, die die jungen Lachse fressen. Das Projekt ist Teil eines Co-Management-Prozesses zwischen den Sami und der finnischen Regierung. Der Aufsatz, wurde im sehr renommierten Fachmagazin Science veröffentlicht. Und so dringt also das Traditionelle Ökologische Wissen in die westliche Spitzenforschung ein. Und auch in die Konzepte, um mit den Herausforderungen der Zukunft fertig zu werden.
- Die Pfütze - Ein Versteck zum Überleben
20.03.2025 · 24 Min.
Pfützen gelten als kleinste Gewässer. Die Ökosysteme, die sich darin ausbilden, sind hingegen bunt und vielfältig. Bakterien und Algen, Bärtierchen und Amöben, Mückenlarven und Kaulquappen. Gleich nach dem Regen wuselt das Leben und selbst in ausgetrockneten Lachen ist noch was los. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus, Diana Gaul Technik: Andreas Lucke Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Rainer Meckenstock, Professor für Aquatische Mikrobiologie an der Universität Duisburg-Essen ; Herwig Stibor, Professor für Aquatische Ökologie an der LMU; Lars Hendrich, Insektenspezialist an der Zoologischen Staatssammlung München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Gartenteich - Paradies für Seerosen und Co JETZT ANHÖREN Grundwasser - Ein geheimnisvoller Lebensraum JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Spielplatz 1/ MUSIK Sandbath 0.47 min ERZÄHLERIN Am Nachmittag auf dem Spielplatz – es hat den ganzen Morgen über geregnet. Zwischen Rutsche und Klettergerüst stehen große, kleine, mittlere Pfützen. 1 ZU 4 V: Ihhhh / W: Da versickert man! GELÄCHTER ERZÄHLERIN Für die Kinder in den knallbunten Gummistiefeln ist es ein einziges Schlammfest. 2 ZU 5 Q: Ja!!! PLATSCH Juhu!!! ATMO/ MUSIK ENDE ERZÄHLER Herwig Stibor teilt diese Begeisterung. Er ist Professor für Aquatische Ökologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München – ERZÄHLERIN Und leidenschaftlicher Pfützenforscher: 3 ZU Stibor 16:53 Allein die faszinierenden Abläufe in diesem Ökosystem sollten einem Respekt abfordern. ERZÄHLERIN Denn: Obschon die Forschung sie führt als die kleinsten stehenden Gewässer, die obendrein oft nur kurze Zeit existieren: In Pfützen und Lachen tobt enorm viel – ERZÄHLER Und vielfältiges Leben. MUSIK Lightfooted reduced 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Wasser im Wald. ATMO WALD/ MUSIK Field Day 0.47 min ERZÄHLERIN Die Waldbäume reihen sich dicht an dicht. Durch die grünen Wipfel dringt ab und an ein Sonnenstrahl. Der Regenschauer ist vorbei. Es riecht nach feuchter Erde. In den Kuhlen auf dem Waldboden stehen Wasserlachen. Wenn das Licht durch die Äste auf die Wasseroberfläche trifft, schillern Regenbogenfarben in bunten Schlieren. Es spiegelt und glänzt. ERZÄHLER Wie ein Ölfilm. ERZÄHLERIN Ist aber keiner! 4 ZU Meckenstock (0.00) Sondern das ist ein ganz hauchdünner Eisen- oder Manganfilm. ERZÄHLERIN Erklärt Prof. Rainer Meckenstock. Er ist Umweltmikrobiologe an der Universität Duisburg-Essen. 5 ZU Meckenstock (0.00) Und der entsteht dadurch, dass da Mikroorganismen sind, die reduziertes Eisen, was aus dem Untergrund rauskommt, oxidieren. Und dann fällt es als Rost praktisch aus an der Grenzschicht zwischen Wasser und Luft. Und bildet so einen ganz dünnen Film, der eben aussieht wie ein Ölfilm. ERZÄHLER Schnappt man sich einen herumliegenden Stock oder ein Stück abgefallener Rinde und stochert damit in der Pfütze, verziehen sich die Schlieren nicht wie bei einem Ölfilm und bilden neue buntschillernde Muster. ERZÄHLERIN Sondern: Sie brechen. ERZÄHLER Wie Eisschollen. ERZÄHLERIN Quasi Eisen-Eisschollen. MUSIK Tangerine ERZÄHLER Mikroorganismen, die Pfützen quasi rosten lassen, sind nicht die einzigen, die sofort aktiv werden, sobald sich auf dem Waldboden oder überhaupt auf lehmig-erdigem Untergrund irgendwo in einer Mulde Wasser ansammelt. Abermillionen Kleinstlebewesen warten im Untergrund nur darauf, dass sich etwas Neues tut. ERZÄHLERIN Eine Pfütze entsteht. ERZÄHLER Um selbst tätig zu werden und zu nutzen, was die Lache hergibt. ATMO/ MUSIK ENDE 6 ZU Meckenstock (1.33) Wenn da viel Organik ist in der Pfütze, sagen wir mal im Wald sind viele Blätter runtergefallen, dann ist da viel organisches Material. Dann gibt es sofort Mikroorganismen, die sich darüber her machen und das abbauen. ERZÄHLERIN Da sind Bakterien, die Sauerstoff umsetzen. Die nächsten verzichten auf Sauerstoffe und bauen Nitrat um. Daraus bilden sie elementaren Stickstoff. ERZÄHLER Wieder andere Bakterien mögen Sulfat und reduzieren es zu Schwefelwasserstoff. 7 ZU Meckenstock (1.33) Und dann stinkt es so. Das ist der Schlamm, der sich im Boden bildet, der dann so stinkt und so schwarz ist. Das sind meistens Eisensulfide, die eben durch die mikrobielle Atmung da entstanden sind. MUSIK Going to work ERZÄHLERIN Millionen verschiedener Bakterienarten übernehmen also verschiedenste Umsetzungsjobs in der Pfütze. Und: Sie arbeiten nach System. ERZÄHLER Exakter nach einem Schicht-Plan. An der Oberfläche dümpelt etwa, wer Sauerstoff braucht. Organismen, die Nitrat bevorzugen und veratmen, ziehen ein paar Stockwerke tiefer ein… 8 ZU (Meckenstock (3.42)) Und dann zum Schluss, ganz unten, da sind die Methanogenen, und die machen aus dem organischen Material Methan. Und das bubbelt dann so hoch. Wenn man mit dem Stock reingeht in den Schlamm, dann kommen die Blasen hoch. Das ist meistens Methan und CO2. MUSIK ENDE/ ATMO WALD ERZÄHLER Mikrobieller Schichtbetrieb also… ERZÄHLERIN Und zwar von ziemlich jetzt auf gleich in dieser kleinen Lache, die sich eben erst auf dem Waldboden gebildet hat. Da ist der Regen noch gar nicht vorbei, wirbelt es schon. Forschende wie Rainer Meckenstock zählen bis zu einer Milliarde Mikroorganismen pro Milliliter Pfützenwasser. Und diese Winzlinge ackern kräftig. MUSIK Moviated Work 0.56 min ERZÄHLERIN Nach wenigen Tagen zieht sich da durchaus ein ansehnlicher Biofilm über die Wasseroberfläche. Grünalgen und Jochalgen machen sich breit. Goldalgen – die aussehen wie kleine Schmuckstücke, wenn man sie unter dem Mikroskop anschaut. ERZÄHLER Die mikrobielle Gemeinschaft gedeiht. ERZÄHLERIN Und bekommt kontinuierlich Zuwachs, beschreibt der Münchner Professor für Aquatische Ökologie, Herwig Stibor. 9 ZU (4 Stibor 1.46) Dann kann so eine Pfütze recht schnell genug Bakterien und Algen haben, um andere Tiere wie kleine einzellige Pantoffeltierchen oder Glockentierchen zu ernähren. ERZÄHLER Eingetragen werden neue Bewohner auch per Wind, als blinde Passagiere im Federkleid von Vögeln, die einen Trinkstopp einlegen oder Badepause machen. MUSIK Sandbath 0.45/ ATMO Spielplatz 1 ERZÄHLERIN Manch Zuzügler klebt an der Sohle des Kindergummistiefels und platscht mit von Wasserloch zu Wasserloch. 10 ZU (4 Stibor 1.46) Und dann reicht es irgendwann auch für Insektenlarven. ERZÄHLERIN Mücken lieben Lachen, auch schon die ganz flachen hier auf dem Spielplatz. Ungefähr sechs Zentimeter tief ist das Wasser. Breit ist die Pfütze vielleicht wie zweimal die Arme von Mama, Papa, Oma oder Babysitter ausgestreckt. 11 ZU (0.29) 6 M: Da schwimmen so weiße kleine Dinger rum und ich glaube, das sind so eine Art Eier, die Mücken oder Fliegen abgelegt haben. ERZÄHLER Könnte sein und wäre typisch für kleine stehende Gewässer wie diese Art Pfütze: MUSIK Lightfooted 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Die Spielplatz-Pfütze. MUSIK Healthy balance 0.48 min ERZÄHLERIN Baut man fleißig Matschdämme oder lässt Schiffchen aus Blättern in den Lachen zwischen Bolzplatz und Schaukel treiben, stößt man nicht selten auf längliche Eier, kleiner als ein Millimeter, weiß bis bräunlich-schwarz, die aneinanderkleben wie Stifte in einer Box. Oder zusammen winzige Kreise bilden, die aussehen wie Unterteller. ERZÄHLER Viele verschiedene Mückenarten verteilen ihre Eier in Pfützen, oft bis zu 200 (Eier) auf einen Rutsch. Die Larven sind in so einer Spielplatzlache rundum versorgt. Sie ernähren sich von Pflanzenteilchen im Wasser. Zum Atmen rudern sie regelmäßig an die Oberfläche. Nach zwei bis drei Wochen starten sie los in die Luft – als fertige Mücken. MUSIK ENDE / ATMO SPIELPLATZ ERZÄHLERIN Das Ökosystem Pfütze kennt viele Lebensläufe. Die meisten erkundet man am besten unterm Mikroskop. In jedem Tropfen Wasser aus der Pfütze auf dem Spielplatz – ERZÄHLER Ist etwas geboten. MUSIK Bonsai dub (f) 1.10 min ERZÄHLER Wasserflöhe wuseln umher. Das sind winzige Krebse, ein bis drei Millimeter etwa. Durchsichtig-weiß wirken ihre runden Körperchen ein bisschen pummelig. Die im Verhältnis großen schwarzen Knopfaugen schauen immer etwas erstaunt drein. ERZÄHLER Und Achtung: Sie heißen Flöhe, weil sie auf ihren langen verästelten Fühlern hüpfen wie Flöhe. ERZÄHLERIN Richtig scharf stellen muss man das Mikroskop, um Wimperntierchen zu sehen. Die sind in der Regel nur 10 bis 300 Mikrometer lang. Überall am ovalen Körper stehen kleine Haare ab – ERZÄHLER Wie eine Punk-Frisur, nur eben rundherum. ERZÄHLERIN Mit den Härchen rudern die Wimperntierchen durchs Wasser. Den nahezu durchsichtigen Rädertierchen stehen auch die Haare zu Berge, allerdings nur am Kopf. Fürs Vorwärtskommen setzen sie statt auf Wimpernkraft auf den langen Schwanz, mit dem sich prima rudern lässt. Auch wenn er kaum länger ist als 0,1 Millimeter. ERZÄHLER Eine gewisse Manövrierfähigkeit ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil: Das Ökosystem Pfütze ist kein Mikro-Idyll. MUSIK Dust Bowl 0.32 min ERZÄHLER Da müssen Rädertierchen und Fadenwurm beispielsweise durchaus den knubbeligen Bärtierchen entkommen. Die steuern sie sonst mit ihren acht moppeligen Beinchen an, stechen den Rüssel ein und saugen das Opfer aus. Ist mal kein Opfer in Sicht, mögen es Bärtierchen genauso vegetarisch. Pflanzenteile und Algen genügen. ERZÄHLERIN Genügen ist denn auch eines der Schlagworte, wenn es um Leben, besser Überleben in der Pfütze geht. Und das schon seit geraumer Zeit. Charles Darwins Evolutionstheorie löst Mitte des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Pfützenbegeisterung bei Forschenden aus. Bald ranken sich zahlreiche Theorien und spekulative Erklärversuche darum, wie Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien, Menschen – einfach alles entstanden sein könnte aus Matsch. ERZÄHLER Die Idee von der Pfütze als alleiniger Ursuppe ist inzwischen passé. Jüngste Studien zeigen, dass die Bausteine des Lebens wohl von Meteoriten auf die Erde gebracht wurden. Kohlenstoff, Wasserstoff, Aminosäuren, Metalle und so weiter. ERZÄHLERIN Trotzdem: Irgendwo und wie mussten diese Elemente auf der Erde zusammengesetzt werden. ERZÄHLER In Pfützen vielleicht, meinen manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. MUSIK House of glass (d) 1.10 min ERZÄHLER 2012 testeten Forschende der Universität Oldenburg in einem Experiment folgende Hypothese: Nicht die großen weiten Ozeane sind der Ursprung des Lebens, sondern kleine Lachen. Diese überschaubaren Wasserstellen seien durch Dämpfe und Gase entstanden, die aus den Tiefen der Erde aufgestiegen sind. ERZÄHLERIN Zeitlich reden wir da von irgendwann vor rund 3,8 Milliarden Jahren. Vulkane gibt es damals etliche auf dem Planeten, es brodelt und kocht. In der Atmosphäre ist kaum Sauerstoff, dafür jede Menge Kohlendioxid. ERZÄHLER In den vulkanischen Gebieten dampft es kräftig, Gase treten aus und kühlen an der Oberfläche ab. Dadurch bilden sich temporäre Teiche und Tümpel. Darin sammeln sich Mineralien und andere Grundbausteine für Einzeller. Voilá: Erstes Leben entsteht. ERZÄHLERIN Zumindest theoretisch und im Modell. MUSIKENDE ERZÄHLERIN Ob die Pfütze nun wirklich der Anfang allen Seins ist – darüber diskutiert die Forschung bestimmt noch eine geraume Weile weiter. Was hingegen klar ist: Eine unscheinbare Pfütze kann genügen, um in kürzester Zeit ein vielfältiges Ökosystem aufblühen zu lassen. ERZÄHLER Aber nicht jede Kategorie von Lache taugt fürs pralle Leben: MUSIK Lightfooted reduced ZITATORIN Nächstes Pfützenbeispiel: Die Pfütze auf der Straße. ATMO Straße ERZÄHLER Unmittelbar nach dem Regenguss steht das Wasser in den Schlaglöchern auf der Fahrbahn. In kleinen Senken sammelt es sich neben dem Bürgersteig. Autoreifen lassen es hoch aufspritzen. Triefende Passanten schimpfen hinterher. 12 ZU (Meckenstock (18.47)) Also eine Pfütze auf dem Asphalt, die wird zu schnell austrocknen. ERZÄHLERIN Urteilt der Duisburger Umweltökologe Rainer Meckenstock. Ein paar Tage braucht es schon, bis sich ein Ökosystem entwickelt. Am besten einige Wochen. Zudem ist auf Teer, Asphalt und Beton oft wenig geboten an organischem Material, woraus mehr entstehen könnte als mikrobakterielles Leben. ERZÄHLER Andere Untersuchungsobjekte sind da idealer für Pfützenforscher: 13 ZU (Meckenstock (18.47)) Der Truppenübungsplatz, der ist ziemlich gut, nicht. Dadurch, dass die schweren Fahrzeuge den Boden so verdichten, dass der wasserundurchlässig wird. Und dann kann sich da schon sehr gut das Wasser stauen und bleibt jetzt auch längere Zeit da drin. Und das reicht ja dann sogar aus, dass da dann Frösche kommen und Kröten und drin laichen und Molche. ATMO Wiese/ Tümpel ERZÄHLER Kröten, Unken und Molche wählen solche länger stehenden und etwas tieferen Lachen auf Übungsplätzen oder Äckern gerne als Kinderstube für ihre Kaulquappen. Kein Wunder: Hier gibt es kaum Feinde. ERZÄHLERIN In Tümpel oder See wird man schnell mal von Fischen gefressen. MUSIK Tangerine 1.10 min ERZÄHLER In der Lache darf man in Ruhe groß werden. Zudem ist es kuschelig, das Wasser wärmt sich schnell auf, die Pfütze wirkt wie ein Brutkasten. Nach 41 Tagen wird aus einer Larve mit Kiemen und Schwanz eine fertige kleine Gelbbauchunke. Fünf Zentimeter groß. Wittert sie Gefahr, stülpt sie ihr Hinterteil nach oben. Eine quietschgelbe Bauchseite schlägt den Angreifer in die Flucht. ERZÄHLERIN Nett! ERZÄHLER Effektiv. Gelbbauchunken gab es auf der Erde schon vor den Dinosauriern. ERZÄHLERIN Trotzdem: 41 Entwicklungstage sind für Pfützenbewohner reichlich. Minikreuzottern schaffen das erheblich schneller: 17 Tage im Pfützenwasser und man schlängelt an Land weiter. ERZÄHLER Wobei, auch das ist womöglich zu lange. Denn: Pfützen werden zunehmend rar. 14 ZU (Meckenstock (18.47)) Bei uns wird jeder Graben unnützerweise immer sauber gemacht, damit das ordentlich aussieht, und dementsprechend läuft alles ab und durch. Und dann bleiben wenig Lebensräume zurück für solche Tiere. MUSIK Field Day 0.45 min ERZÄHLERIN Rauchschwalben sieht man immer seltener. Ein Grund: Es fehlen Pfützen. Schwalben nutzen den Lehm aus Lachen für den Nestbau. Wo keine Lache, da keine Schwalbenfamilie. ERZÄHLER Und auch keine Schmetterlingsnachkommen. Schmetterlinge mögen am liebsten Blumennektar. Der ist reich an Zucker, hat aber wenig Nährstoffe. ERZÄHLERIN Vor allem keine, die Schmetterlinge benötigen für die Fortpflanzung. ERZÄHLER Der Kurort Schlammpfütze ist voller Salze und Mineralien. ERZÄHLERIN Schmettterlings-Männchen machen sich damit fit. ERZÄHLER Weibchen auch. ERZÄHLERIN Lachenmatsch verbessert die Lebensfähigkeit der Eier. MUSIK ENDE ERZÄHLER Tatsächlich ist in den letzten Jahrzehnten immer weniger Platz für Kurschlammpackungen für Schmetterlinge oder Matschbaumärkte für nistende Schwalben. Kleinstgewässer wie Pfützen verschwinden. Mehr und mehr Flächen werden versiegelt. Wege und Stege sind muldenfrei begradigt. Wasser soll in erster Linie ablaufen. Auch weil der Klimawandel zunehmend Starkregen bringt, der eben keine heimeligen Lachen entstehen lässt, sondern wertvollen fruchtbaren Boden wegschwemmt. Zugleich machen Hitze- und Dürreperioden Pfützen den Gar aus. ERZÄHLER Aber: Einige Pfützenbewohnerinnen und -bewohner haben sich in den vielen Jahrtausenden der Evolution darauf vorbereitet, dass es eben in der Natur der Pfütze liegt, auch mal auszutrocknen. ERZÄHLERIN Manchmal hat man Glück und kann per Anhalter eine Pfütze weiterreisen, die vielleicht länger nass bleibt: Im Gefieder eines trinkenden Vogels. Im Fell eines Hundes, der durchs Wasser springt. An der Sohle eines Kindergummistiefels. ERZÄHLERIN Nicht selten hat man aber auch Pech. Aus winzigem Wellengang wird weite Wüste… MUSIK Lightfooted reduced 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Die ausgetrocknete Pfütze MUSIK Sandbath 1.15 min ERZÄHLER Fast schon philosophisch mutet die Erkenntnis von Pfützenforschenden wie dem Münchner Aquaökologen Stibor an: Nur weil man eine Pfütze nicht sieht, heißt das nicht, sie wäre nicht da. Sie ist halt für den Moment – ERZÄHLERIN Oder eine geraume Weile – ERZÄHLER Schlichtweg wasserlos. 15 ZU Stibor 0.19 Das bedeutet, dass die Organismen, die in einer Pfütze leben, damit gut klarkommen müssen. ERZÄHLERIN Fürs Klarkommen nennt Stibor verschiedene Strategien: ERZÄHLER Strategie 1: Die Generationszeiten etlicher Pfützenbewohner sind kurz, vielleicht nur einen Tag lang oder weniger, wie bei Bakterien, Amöben oder Pantoffeltierchen. ERZÄHLERIN Strategie 2: Nur die ersten Entwicklungsstadien finden in der Pfütze statt. Nach zwei Wochen startet die erwachsene Mücke ins luftige Leben, nach zwei drei Wochen hüpft die Unke an Land. ERZÄHLER Besonders spannend für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist Strategie 3: Viele Organismen, die in Pfützen leben, können sogenannte Dauerstadien einnehmen. Sich flexibel anpassen, wenn es trocken wird um sie herum. 16 ZU Stibor 1.46 Die wissen, dass diese Pfütze austrocknet und können rechtzeitig Stadien ausbilden, also Eier oder Dauerstadion von adulten oder juvenilen Tieren, die dann dieses Austrocknen überstehen können. Und wenn die dann per Wind oder einen anderen Transportweg wieder in eine Pfütze oder ein Gewässer kommen, dann würde dieses Dauerstadium wieder zum aktiven Dasein erweckt werden. Und dann schlüpft zum Beispiel wieder ein Moostierchen oder Bärtierchen. ERZÄHLERIN Auch Lars Hendrich, Insektenspezialist an der Zoologischen Staatssammlung München, interessiert sich speziell für diese Dauerstadien. Dazu weiß die Forschung noch gar nicht viel. ERZÄHLER Lange dachte man, es wäre einfach eine Art Sicherheitsmodus, um Wochen, Monate, Jahre zu überdauern. ERZÄHLERIN Offenbar gibt es jedoch Arten, die eine Trockenperiode sogar unbedingt brauchen. 17 ZU Hendrich 4.25 Dann ist diese Trockenphase absolute Bedingung, dass die Eier sich entwickeln und wenn irgendwann dann Wasser kommt, dass die aufgehen können. Das gilt für die ganzen Urzeitkrebse, die bei vielen Kindern beliebt sind, die kann man ja so als Baukasten kaufen und zuhause dann züchten. MUSIK Dust Bowl ERZÄHLERIN Kiemenfußkrebse gehören in diese Kategorie Urzeit. Die kompakte Körperform mit den langen Fühlern vorne und den auslaufenden Schwanzenden hat sich seit Jahrmillionen nicht verändert. Deshalb hielten sie die Expertinnen und Experten für unverwüstlich. Internationale Vergleichsstudien zeigen jetzt: Diese Tiere sind anspruchsvoll. 18 ZU Hendrich 7.00 Die brauchen ausschließlich diese temporären Gewässer in unterschiedlichen Ausprägungen, manche eben diese reinen Sandgewässer, mit Lehmboden, anderen kommen auch im Wald vor oder auf überstauten Wiesen. ERZÄHLER Welcher Kiemenfußkrebs wo was warum am liebsten mag – diese Frage ist offen. Forschende der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung haben zum Beispiel Fußspuren von Elefanten in Namibia untersucht, in denen sich Wasser angesammelt hat. Schon binnen weniger Tage hatten mehr als 400 Organismen die rund 30 Zentimeter tiefen Löcher besiedelt. Neben Urzeitkrebsen auch Wasser- und Schwimmkäfer und jede Menge Stechmücken. Und die erwiesen sich als besonders reisefreudig. Wie sich einzelne Stämme verteilen in die umliegenden Pfützen, das ist eines der großen Forschungsthemen derzeit. Vor allem, wenn es um die Verbreitung von lebensbedrohlichen Krankheiten geht wie Dengefieber oder Zika. ERZÄHLERIN Ein anderes Augenmerk der Forschenden: Mikroorganismen, die aus dem Boden Metalle holen und verstoffwechseln, so dass sich oben auf der Pfütze Schlieren bilden – ERZÄHLER Wie die das machen – ERZÄHLERIN Ist ein Rätsel. 19 ZU (Meckenstock (22:49)) Was mich interessieren würde, das wären zum Beispiel diese Eisen- und Manganfilme auf diesen Wasseroberflächen, welche Mikroorganismen sind daran beteiligt diese zu bilden, welche findet man da drin? Wie sind die Prozesse dazu? ERZÄHLERIN Erzählt Umweltökologe Mertenstock. 20 ZU (Meckenstock (22:49)) Eine Kollegin von mir, die junge Wissenschaftlerin bei mir die Lisa Voskuhl, die entwickelt jetzt ein ganz tolles Forschungsgebiet, wo sie sich Ölfilme auf dem Wasser anschaut und sich anschaut: Wie schnell werden denn solche Ölfirmen abgebaut? Und was sind da für Prozesse dahinter? Wann werden diese Ölfilme schnell abgebaut? Wann werden sie langsam abgebaut? Was ja da eine sehr praktische Anwendung hat in Bezug auf Ölunfälle, im Meer oder auch im Süßwasser in Seen, Flüssen, Teichen, Pfützen. Wie schnell werden solche Ölfirmen abgebaut, und welche Prozesse sind daran beteiligt? ERZÄHLERIN Das Kleinstgewässer Pfütze als Modell für die ganz großen Ökosysteme. Diesen Ansatz wollen die Forschenden weiter nutzen und mehr erfahren, über die Entwicklung des Lebens auf der Erde. ATMO SPIELPLATZ ERZÄHLER Und auch die zweite große Gruppe der Lachen-Fans, neben der Wissenschaft, wird weiter den Pfützen auf den Grund gehen: Die Gummistefel-Fraktion. MUSIK Lightfooted / Sandbath C1587790 103 ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Die von Kinderfüßen durchtobte Pfütze ERZÄHLERIN Auf dem Spielplatz wird es langsam dunkel. Die Matschhosen sind starr vor Dreck. Die Zehen nass und klamm. Abendessen ist längst überfällig. ERZÄHLER Macht nichts. Man hat noch nicht geklärt, zu welcher Tierart welche Nachkommen gehören… 21 ZU (1.45) M: In der Lache hüpfen kleine Sachen rum, das sind vielleicht die Kinder von denen.
- Déja-vu- Ein Phänomen mit mystischer Aura
19.03.2025 · 24 Min.
Das hab ich genauso schon einmal erlebt! Obwohl man dieses Gefühl hat, weiß man: das kann eigentlich nicht sein. Das Déjà vu: Ein Stück weit bleibt es Rätsel, aber es gibt mehrere Versuche, das Phänomen zu erklären. Von der Kunst über die Philosophie bis hin zu Psychologie und Neurologie. Und einige Ansätze scheinen plausibel. Von Susanne Brandl Credits Autorin dieser Folge: Susanne Brandl Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Laura Maire, Thomas Loibl, Carsten Fabian Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Florian Schöberl, Neurologe Hans Markowitsch, Psychologe Arthur Funkhouser, Psychoanalytiker (Overvoice) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Linktipps: deja-experience-research.org Günther Oesterle (Hrsg.): Déjà-vu Hans Joachim Markowitsch: Dem Gedächtnis auf der Spur. Vom Erinnern und Vergessen C.G. Jung: Synchronizität. Der Sinn des Zufalls Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.