Der Kiebitz - Wenn der Lebensraum Wiese verschwindet
15.05.2025 · 23 Min.
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Kiebitze zählten einst zu den häufigsten Wiesenbrütern in Deutschland. Doch ihre Bestände gehen rasant zurück. Vogelschützer wollen jetzt in einem "Kiebitz-Projekt" das Überleben des Wiesenbrüters sichern. Von Werner Bader (BR 2024)
Credits
Autor dieser Folge: Werner Bader
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Rahel Comtesse, Werner Härtl
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Yvonne Maier
Im Interview:
Christina Niegl, Biologin, Landschaftspflegeverband Aichach-Friedberg
Stefan Haas, Landwirt (Mühlhausen)
Jan Skorupa, Biologe, Landesbund für Vogelschutz
Anton Burnhauser, Biologe, Höhere Naturschutzbehörde, Regierung von Schwaben
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Philipps PlaylistMit Musik lässt es sich wunderbar aus dem Alltag herausträumen! NDR Kultur-Moderator Philipp Schmid stellt jede Woche neue handverlesene Playlists zusammen. Von Pop bis Klassik – die Musik ist für ihn ein Anlass, sich gemeinsam mit seinen Hörerinnen und Hörern auf fantasievolle Gedankenreisen zu begeben. JETZT ENTDECKEN
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER:
Ortstermin im Lechhauser Moos, nördlich von Augsburg. Auf den moorigen Ackerböden bei Mühlhausen, umgeben von Siedlungen, Autobahn, Flughafen, Auwald und Straßen, begeben wir uns Ende Februar auf die Suche nach den ersten Kiebitzen des Jahres. Biologin Christina Niegl weiß, wo sich die Kiebitze bevorzugt niederlassen und steuert einen Acker an. Einen Acker mit dunklem, moorigem Boden und Pfützen.
ZSP 2
„Ich habe heute tatsächlich schon die ersten Kiebitze im Landkreis beobachten können. 56 an der Zahl, und ja, da war dann ein Riesen-Schwarm über mir, und dann haben sie sich an einem bekannten Brutplatz niedergelassen. Um zu rasten, und um Nahrung zu suchen. Man kann jetzt nicht genau sagen, ob das jetzt die Kiebitze sind, die später hier auch brüten werden. Kann auch sein, dass das die Durchzügler sind, weil es einfach noch die Durchzugszeit ist und die sich so ein bisschen sortieren.“ 0‘30‘‘
ATMO Kiebitz
SPRECHERIN:
Viele Kiebitze fliegen bei der Rückkehr aus ihren Überwinterungs-gebieten in Frankreich oder Spanien von hier aus weiter in den Norden. Erst im März treffen die Kiebitze ein, die schon im Vorjahr auf diesem Acker gebrütet haben. Kiebitze sind standorttreu, meist kehren die Zugvögel zu ihren angestammten Brutplätzen zurück. Die hat Christina Niegl auf einer Karte vor sich. Für den Landschaftspflegeverband betreut sie 13 Kiebitz-Brutgebiete, mit insgesamt 2.500 Hektar. Wenn die Kiebitze dann da sind und zu brüten beginnen, kommt viel Arbeit auf sie zu.
Musik 2: 10 Midi
SPRECHER:
Manche Äcker und Wiesen werden jedes Jahr von Kiebitzen als Brutplatz genutzt, manche nur jedes zweite Jahr, sagt die Biologin, je nachdem, was darauf angebaut wird. Wird ein Maisacker im nächsten Jahr zum Getreideacker, dann brüten die Kiebitze nicht darauf, denn in Getreidefeldern finden sie keine Deckung. In diesem Jahr will Landwirt Stefan Haas auf seinem Acker Mais anbauen. Ihm gehört der moorige Acker. Und er kennt die Brutplätze. Denn Landwirt Haas nimmt, wie eine ganze Handvoll Landwirte im Landkreis Aichach-Friedberg, am Wiesenbrüter-Schutzprogramm teil.
ZSP 3 „Der Kiebitz ist halt hier bei uns, hat sich auf meiner Fläche niedergelassen, und brütet hier. Ich find das eine tolle Sache. Die Fläche teilen wir uns, sagen wir mal so. Er kriegt einen Teil, ich krieg einen Teil. Es ist ja nicht so viel, was da jetzt nicht bewirtschaftet werden kann, das ist ja nur eine kleine Prozentzahl. Und von dem her habe ich kein Problem damit.“ 0‘17‘‘
SPRECHERIN:
Und dafür bekommt der Landwirt einen finanziellen Ausgleich. Mitte März jeden Jahres startet das Wiesenbrüter-Projekt. Noch vor dem 20.März, wenn die ersten Kiebitz-Gelege in den Äckern sind, identifiziert Christina Niegl die Standorte der Brutpaare. Dann werden die Gelege mit einer Stange mit Fähnchen markiert, der Landwirt wird die so genannte Linse, 3 Meter breit und bis zu 16 Meter lang, beim Ackern umfahren, damit das Kiebitz-Weibchen bis zu 25 Tage ungestört brüten kann.
Musik 3: Glockenturm – siehe vorn – 1:03 Min
SPRECHER:
Kiebitz-Nester sind offene Gelege mitten im Acker. In eine Bodenmulde legt das Kiebitz-Weibchen in der Regel 4 Eier. Die sind oliv-braun gefärbt, mit schwarzen Punkten gesprenkelt. Also perfekt getarnt. In den dunklen Ackerböden werden die Eier selbst von Fachleuten leicht übersehen. Mit etwas Übung entdeckt man in einem Acker viel eher das brütende Kiebitz-Weibchen auf dem Nest.
SPRECHERIN:
Auch wegen der abstehenden „Federholle“ auf ihrem schwarz-weißen Kopf, die so charakteristisch ist für die etwa taubengroßen Vögel. Bei den Männchen ist die Federholle zur Brutzeit etwas ausgeprägter, etwas länger. Männliche Kiebitze haben eine komplett schwarz gefärbte Brust, während bei Weibchen dort auch weiße Federn eingestreut sind. Das Gefieder der Kiebitze ist ansonsten kontrastreich, mit metallisch glänzender schwarzer Oberseite und weißer Unterseite. Daran kann man Kiebitze gut erkennen. Und an ihrem Ruf. Denn Kiebitze rufen ihren Namen: „Kie-Witt“.
ATMO Kiebitz
Musik 4: Glockenturm – siehe vorn – 49 Sek
SPRECHER:
Zur Balzzeit steigen die Kiebitz-Männchen in die Luft und machen kuriose Flugmanöver, mit denen sie auch ihre Nester verteidigen, sagt Jan Skorupa vom Landesbund für Vogelschutz. Damit machen sie auf sich aufmerksam und signalisieren den Kiebitz-Weibchen, hier hat ein Männchen einen Brutplatz, den es beanspruchen möchte.
ZSP 4 „Die drehen sich teilweise ganz spontan in der Luft und das sieht dann manchmal von außen so aus, als würden sie gezielte Abstürze in den Flug einbauen. Und was auch dabei auffällig ist, ist einmal der Ruf. Die haben auch eine Art von Gesang. Und sie erzeugen dabei mit ihren Flügeln so ein spezielles Geräusch, so eine Art Wummern. Und das ist dann relativ auffällig, wenn die da ihre Pirouetten drehen und ihre spektakulären Flugmanöver vollziehen.“ 0‘35‘‘
SPRECHERIN:
Kiebitz-Paare sind saisonal monogam, aber manchmal brüten sie auch im nächsten Jahr gemeinsam. Bis zu 24 Jahre alt können Kiebitze werden. Ein Kiebitz kann sich aber auch mit mehreren Weibchen paaren und brüten. Zur besseren Verteidigung ihrer Nester brüten Kiebitze gemeinsam in kleineren Kolonien. Und auf offenen Ackerflächen, so können sie herannahende Feinde schneller erkennen und ihr Nest verteidigen. Dennoch werden sehr viele Nester geplündert, die Sterblichkeit ist hoch.
ZSP 5 Skorupa: „Ein Großteil der Gelege, der geht an den Fuchs verloren. Es sind natürlich auch Marder, oder auch Hermeline oder so. Es gibt durchaus auch Gelege-Prädation durch Igel. Wenn der so ein Nest findet, nimmt er das auch gerne mit. Ansonsten ist auch Bedrohung durch die Luft vorhanden. Das wird insbesondere dann für die Küken relevant. Bussarde, mitunter auch Turmfalken, und Rabenkrähen gehen durchaus auch auf die Küken. Wenn sich da eine günstige Gelegenheit bietet.“ 0‘32‘‘
ATMO Kiebitz
SPRECHER:
Nach 21 bis 28 Tagen schlüpfen die Küken, schon ab einem Alter von 35 bis 40 Tagen können sie fliegen. Das Schlüpfen aus dem Ei ist Schwerstarbeit für die Jungvögel, es dauert meist zwei ganze Tage, bis sie sich aus der Eischale befreit haben. Die flauschigen Küken, auch „Pullis“ genannt, sind Nestflüchter und suchen bald selbständig nach Nahrung. Biologe Jan Skorupa:
ZSP 6 Skorupa: „Das heißt aber nicht, dass die Altvögel da keine Rolle mehr spielen, weil die Altvögel durchaus die Küken überwachen und vor Feinden warnen. Und ihnen gleichzeitig Signale geben, wann sie sich vor Feinden ducken und verstecken müssen. Sie hudern, das heißt, dass sie sich wärmend auf die Küken setzen und sie damit vor dem Auskühlen schützen. Weil das Federkleid der jungen Vögel, das isoliert noch nicht so gut und die kühlen vergleichsweise schnell aus. Und außerdem führen die Eltern zu entsprechend geeigneten Futterplätzen.“ 0‘35‘‘
SPRECHERIN:
Und damit beginnt eine aufregende Zeit für die Kiebitz-Familie. Die Jungen brauchen Nahrung, die finden sie auf feuchten Böden, auch in nassen Gräben. Dort gibt es Würmer, Käfer, Insekten. Und jetzt brauchen sie auch Deckung, am besten in einer Wiese. Immer auf der Hut vor Fuchs und Co und Greifvögeln am Himmel. Viele Kiebitz-Junge überleben diese Phase ihres Lebens nicht, manchmal ist auch der gesamte Nachwuchs weg.
SPRECHER:
In solchen Fällen beginnen die Kiebitze ein so genanntes Nachgelege. Bis zu zwei Mal schaffen sie das, wobei die vitalsten Küken diejenigen sind, die beim ersten Gelege geschlüpft sind. Wenn dann ein Küken bis zum Sommer überlebt, ist das schon ein Erfolg, ein Schnitt von 0,8 oder 0,9 flüggen Jungvögeln pro Brutpaar und Jahr ist nötig, sagen die Experten, um den Bestand stabil zu halten. Denn gezählt wird pro Saison, in dem ein Kiebitz-Paar ein Gelege und bis zu 2 Nachgelege anlegen kann.
Musik 5: Start from Innocence
SPRECHERIN:
Und das hat über Jahrhunderte hervorragend geklappt – mehr noch, in der Vergangenheit hatten sich die Kiebitze zu Allerweltsvögeln auch hier in Deutschland entwickelt. Kiebitze gab es in Massen, wer hätte schon darüber nachgedacht, dass Kiebitz-Bestände hierzulande eines Tages massiv einbrechen? Mittlerweile gilt ihre Art in Europa als gefährdet, in Deutschland als stark gefährdet. Wie konnte das passieren? Das fragte sich auch der Biologe Anton Burnhauser. Er betreibt im Donauried seit gut 40 Jahren Wiesenbrüterschutz, im Auftrag der Höheren Naturschutzbehörde, die Regierung von Schwaben, und beschreibt die Situation so:
ZSP 7 Burnhauser: „Mit einem Satz: Es ist ein dramatischer Rückgang. Es ist fast ein Absturz. Und wenn ich jetzt zurückdenke, an die Zeit, wo es noch Flächenstilllegungen in den Agrar-Umweltprogrammen gab, zum Beispiel 2005, da kann ich mich an eine Fläche erinnern, hier im Donauried, ungefähr 25 Hektar, da waren 25 Kiebitz-Paare drauf. Auf dieser Stilllegungsfläche. Also, da waren noch so viele Kiebitze da, wir haben die nicht gezählt, muss ich ganz ehrlich sagen. Und wir sind ein bissl auf dem falschen Fuß erwischt worden, weil es so dramatisch und so schnell ging.“ 0‘37‘‘
SPRECHER:
Vor 20 Jahren also waren Kiebitze auch hier noch massenhaft verbreitet und heute, da sind sie stark gefährdet! Dabei ist das Aislinger Ried an der Donau, unweit der Kühltürme des stillgelegten AKW Gundremmingen, seit Menschengedenken ein „Hotspot“ für Bodenbrüter wie den Kiebitz. In seinem moorigen Kern staut sich das Wasser, es gibt ein dichtes Grabennetz, eine kleinteilige Flur und eine sehr offene Landschaft. All das, was Bodenbrüter wie der Kiebitz brauchen. Verschwunden sind aber die vielen Wiesen, die es hier einmal gab. Und der Fest-Mist aus den Kuhställen. Weil kaum mehr Milchkühe gehalten werden. Festmist ist wichtig, er zieht Würmer, Käfer und Insekten an. Alles Nahrung für Kiebitze, die jetzt fehlt.
ATMO Traktor +
Musik 6 Stealth bells
SPRECHERIN:
Etwa zur Mitte der 1990er Jahre gab es einen Intensivierungsschub in der Landwirtschaft. Immer größere Maschinen fahren seither durch das moorige Ried, feuchte Wiesen wurden und werden zu großflächigen Maisäckern umgepflügt. Plötzlich gibt es Dünger und Pestizide, wo es vorher keine gab. Schädlich, oft tödlich für die Brutnester der Kiebitze und anderer Wiesenbrüter. Der Brachvogel ist bereits aus dem Aislinger Ried verschwunden. Und die Kiebitze? Die tun sich schwer, sagt Anton Burnhauser. Denn eigentlich waren Kiebitze auf Feuchtwiesen spezialisiert, seit es die kaum mehr gibt, weichen sie auf Ackerflächen zum Brüten aus. Damit sei der Kiebitz als eine Art „Kulturfolger“ in Richtung Acker in eine für ihn sehr bedrohliche Situation geraten.
ZSP 8 Burnhauser: „Weil früher, wo Rüben und Mais noch mit der Hand gehackt worden sind, da ist dem Nest natürlich nichts passiert. Heute geht alles maschinell, da kann er nicht mehr leben. Er hat sich auf den Lebensraum spezialisiert. Und wenn durch die Bodenbearbeitung die Gelege alle verschwinden, oder auch die Küken, dann kann er nicht überleben, und das ist sicher ein Grund, warum er so drastisch zurückgegangen ist. 85 Prozent in vierzig Jahren, das ist schon dramatisch! 0‘28‘‘
SPRECHER:
Und sehr beunruhigend für Naturschützer wie Anton Burnhauser. Für ihn war bald klar, dass man den Kiebitz fortan dort schützen muss, wo er jetzt brütet, nämlich auf dem Acker. Also änderten Burnhauser und seine Kollegen ihre Maßnahmen zum Schutz der Wiesenbrüter. Die bisherigen Agrar-Umweltprogramme, die Flächenankäufe, ja, sogar die Umsetzung eines gesamt-ökologischen Gutachtens für das Donauried hatten den dramatischen Rückgang der Wiesenbrüter, insbesondere des Kiebitzes nicht stoppen können.
Musik 7: Infinite – 1:49 Min
SPRECHERIN:
2013 wurde ein „Kiebitz-Soforthilfe-Programm“ gestartet. Zwei Jahre später wurde es erweitert zum Biodiversität- und Artenhilfsprogramm „Wiesenbrüter-Brutplatz-Management Schwaben“. In enger Zusammenarbeit mit den Landwirten. Das alles war Neuland für den Naturschutz. Was könnte den Kiebitzen helfen? Viele Maßnahmen wurden diskutiert, einige ausprobiert, so Kiebitz-Experte Burnhauser. Mittlerweile habe man im Aislinger Ried mit den neuen Methoden einige Erfahrungen gesammelt, die Mut machen.
SPRECHER:
Um den Kiebitzen wieder günstige Bedingungen für ihre Gelege und die Aufzucht ihrer Jungen zu schaffen, hatten sich die Experten auf insgesamt 4 Maßnahmen geeinigt. Drei davon haben sich bewährt, berichtet Anton Burnhauser. Etwa die verspätete Aussaat von Mais, erst ab dem 20.Mai. So bleibt den Kiebitzen genügend Zeit, auf einem bis dahin offenen Acker ihrer erste, vielleicht sogar ihre zweite Brut anzulegen. Denn bis dahin wächst kaum etwas auf dem Acker, das Kiebitz-Nest mit den Eiern liegt offen da. So können es die Brutvögel besser gegen Feinde verteidigen.
SPRECHERIN:
Eine weitere Maßnahme: Nasse Mulden zwischen Maisäckern und Wiesen werden ab Mitte März bis Ende Juni nicht bewirtschaftet. Denn sobald die Jungen auf dem Maisacker aus ihren Eiern geschlüpft sind, führen die Kiebitz-Paare sie dort zusammen. Auch dadurch können sie Feinde wirkungsvoll abwehren und gleichzeitig Nahrung am Gewässer finden.
ZSP 9 : Burnhauser: „Solche eher feuchten Wiesen sind für den Kiebitz ganz wichtig. Weil hier Regenwurmnahrung da ist und dann auch Insekten. Aber rechts grenzt der Acker an. Und in der Furche, die wird immer wieder ein bisschen ausgeackert auch, das steht ganz schnell das Wasser. Und das ist entscheidend. Das sind jetzt 300 Meter, wo der Kiebitz eine Futterquelle hat. Und das sind so kleine Elemente in der Landschaft, die man gern übersieht. Aber für den Kiebitz sind sie entscheidend.“ 0‘29‘‘
SPRECHER:
Vor allem vielfältige Strukturen in der Landschaft helfen den Kiebitzen weiter. Und hier müssen Landwirte umdenken, die im Herbst Bewuchs auf dem Acker lassen und diesen dann zur Düngung einpflügen, also mulchen. Solche Flächen sind in der Regel ungeeignet für brütende Kiebitze. Dicht wie ein Sportrasen, ohne Struktur. Mit geringem Aufwand aber ließe sich auf ihnen ein regelrechtes „Bett“ für die Kiebitze bereiten.
ZSP 10 : Burnhauser: „Wenn man das jetzt zubereitet. Also ein Landwirt, der das versteht, dass der das klein macht, zum Beispiel mit der Sternwalze. Auf der gleichen Fläche drei Mal herumfährt, und ein paar Kurven rein macht, das ein Landwirt nie freiwillig machen würde, dann hätte er für den Kiebitz ein „Bett“ bereitet. Weil dann geht der nämlich rein. Da hat er nämlich Beides: ein Muster und er hat Deckung und Übersicht.“ 0‘27‘‘
SPRECHERIN:
Gute und unkomplizierte Zusammenarbeit mit den Landwirten vor Ort sei entscheidend für den Erfolg beim Schutz der Kiebitze, sagt Anton Burnhauser. Die Verträge mit ihnen hat er selbst entworfen. Sie sind knapp und präzise gehalten, die Landwirte verpflichten sich für Maßnahmen in einem begrenzten Zeitraum innerhalb der Saison und werden, so sagt er, „anständig“ dafür bezahlt. Gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung seien wichtig. Viele Landwirte reagierten mittlerweile erfreut, wenn er ihnen berichtet, dass auf einer ihrer Flächen ein schützenswertes Kiebitz-Gelege ist. Sie helfen mit und freuen sich über jeden Bruterfolg.
ATMO Wiese + zwei Kiebitze
SPRECHER:
Und so wurden und werden im Wiesenbrüter-Gebiet Aislinger Ried auch steile Ufer an Bächen und Gräben abgeflacht, damit die Kiebitz-Jungen ungefährdet ans Wasser kommen. Auf einer neu ausgewiesenen Fläche wurde der Lebensraum für den Kiebitz nach und nach optimiert. Dort wurde eine Kies-Abbaufläche rekultiviert, ein kleiner See entstand. Auf den Wiesen wurden Mulden ins Erdreich gegraben, der Humus weitflächig abgeräumt und zum Roh-Boden für den Kiebitz gemacht. Eine Weidehaltung mit Rindern wurde etabliert, jetzt gibt es dort Dung und damit Nahrung für die Kiebitze. Letztendlich führte hier ein Bündel an Maßnahmen zum Erfolg:
ZSP 11 : Burnhauser: „Die Schilfflächen werden so immer Wiesenbrüter-tauglich gemäht, man lässt immer einen kleinen Bereich für Kleinvögel. Aber der Kiebitz mags übersichtlich. Und das ist wunderbar, wenn man hier beobachten kann, wie die Altvögel ihre Jungvögel verteidigen, wenn zum Beispiel die Rohrweihen kommen, oder Milane. Das ist phantastisch. Und wir haben jedes Jahr hier einen deutlichen Bruterfolg. Da kann ich schon sagen, die Sache hat etwas gebracht.“ 0‘27‘‘
Musik 8: Glockenturm – siehe vorne - 33 Sek +
Atmo Dorf
SPRECHERIN:
Schauen wir noch einmal zurück ins Lechhauser Moos zu Christina Niegl. Die Biologin vom Landschaftspflegeverband Aichach-Friedberg, einer der Projektträger im schwäbischen Wiesenbrüter-Brutplatzmanagement, hat inzwischen mit Landwirt Stefan Haas genau besprochen, wo sie demnächst auf seinem Maisacker Brutnester von Kiebitzen erwartet und an welchen Stellen sie diese markieren wird. Etwa 50 Brutpaare zählt sie in einer Saison, also 100 Kiebitze in ihrem Gebiet. Wenn, wie sie hofft, möglichst alle Kiebitze vom Vorjahr an ihre angestammten Brutplätze im Lechhauser Moos zurückkehren.
SPRECHER:
Denn auf dem Zug in den warmen Süden und zurück sind Kiebitze
vielen Gefahren ausgesetzt. Noch immer dürfen sie in einigen Ländern Europas gejagt werden, pro Jahr werden mehr als 100.000 Kiebitze erlegt. Und das, obwohl Kiebitze in ganz Europa als gefährdet gelten und sich die Bestände seit 1980 mehr als halbiert haben! Weltweit steht der Kiebitz auf der Vorwarnliste bedrohter Vogelarten.
SPRECHERIN:
In Deutschland stehen die Kiebitze in manchen Regionen kurz vor dem Aussterben, gerade in Süddeutschland ist ihr Rückgang besonders dramatisch. Und dennoch sind Christina Niegl und Anton Burnhauser optimistisch, dass es in Bayerisch-Schwaben mit den Kiebitz-Beständen bald schon wieder aufwärts gehen könnte. Das aber hänge von einer Reihe von Faktoren ab, und davon, welche Weichen Politik und Gesellschaft jetzt und in naher Zukunft beim Natur- und Artenschutz stellen, sagt Christina Niegl.
ZSP 12 : Niegl: „Flächenfraß, Zerschneidung der Landschaft, wie unsere Agrarpolitik auch weiter sich aufstellt, wie sie die Landwirte fördert. Da sind wir nur ein kleines Rädchen in einem großen Prozess. Man kann nur hoffen, dass da alle in die richtige Richtung gehen und man auch sich überlegt, welche Flächen müssen wir tatsächlich versiegeln, wo müssen wir tatsächlich neue Straßen bauen, das sind alles solche Themen.“ 0‘25‘‘
ATMO ZSP 1 +
Musik 9: Glockenturm – siehe vorn – 1:18 Min
SPRECHER:
Und die Kiebitze? Sie sind eine von vielen Arten in unserem Ökosystem, die seit Jahrzehnten unter großem Druck stehen oder gleich ganz aus unseren Landschaften verschwinden. Schon lange warnen Experten, dass Raubbau an der Natur und das Artensterben letztendlich die Zukunft der Menschheit bedrohen. Zerstörte Lebensgrundlagen wieder herzustellen oder adäquat zu ersetzen, das zeigen die Anstrengungen zum Erhalt der Kiebitze in Schwaben, ist aufwändig und mühsam. Zum Glück haben die Wiesenbrüter mittlerweile Beschützer wie Christina Niegl. Sie zählt den Kiebitz zu ihren Lieblingsvögeln:
ZSP 13 : Niegl: „Vermutlich weil ich ihn seit fünf Jahren übers Brutgeschäft betreue und viele Verhaltensweisen kenne. Und weil er halt ein wunderschön anmutiger Vogel ist. Mit seiner Haartolle, und seinem grün schimmernden Gefieder und seinen paddelförmigen Flügeln ist er einfach ein außergewöhnlicher Vogel bei uns in der Landschaft, den man so selten sieht.“ 0‘22‘
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SPRECHERIN Hannes Petrischak ist Leiter des Geschäftsbereichs Naturschutz der Heinz-Sielmann-Stiftung, die dieses Gebiet unterhält. Er öffnet ein großes, mit Elektrozäunen gesichertes Gatter und weiter geht’s in die sogenannte Kernzone. ATMO Autofahrt MUSIK 2 Chris Gilcher / Michi Koerner: Vibration Sphere 0‘35 SPRECHERIN Früher war das Gelände militärisches Sperrgebiet, deshalb ist die Kernzone auch nicht öffentlich zugänglich – Reste von Munition könnten im Boden lagern. Heute ist die Kernzone das Zuhause vieler seltener Tiere. Wisente und Przewalski-Pferde leben hier, genau wie der Wiedehopf, ein Vogel mit lustig abstehenden Federn am Kopf. Aber Petrischak ist auf der Suche nach einem anderen Tier – eins, das viele Fans hat und Forschenden immer noch Rätsel aufgibt. ATMO Autotür SPRECHERIN Eine große Pfütze am Wegesrand, mit schlammigem hellbraunem Wasser – ein gutes Zeichen. 04 O-TON (Petrischak) Also wenn das Wasser sehr trüb ist, ist das eigentlich immer ein gutes Zeichen, weil die viel wühlen im Wasser, die wühlen am Grund den Schlamm auf und dann werden die Pfützen trüb. ATMO Wasserplätschern SPRECHERIN Mit einem kleinen Kescher fischt Petrischak vorsichtig durchs Wasser – mit Erfolg. Im Netz windet sich ein sogenannter Urzeitkrebs. Zwei Arten dieser besonderen Krebsart kommen in der Döberitzer Heide vor. 06 O-TON (Petrischak) Das ist jetzt die kleine Art, die hier drinnen ist, der Sommer-Feenkrebs, Branchipus schaefferi. SPRECHERIN Der längliche Feenkrebs ist nur etwa zwei Zentimeter groß. Außerdem zartrosafarben, fast schon durchsichtig. Dadurch wirkt er tatsächlich feengleich. Auffallend sind seine dunklen runden Augen – und eine leuchtend blaue Stelle am Unterkörper. 07 O-TON (Petrischak) Bei dem ist es so, dass die Weibchen diese hübschen blauen Brutsäcke haben, und die Männchen haben immerhin noch so eine rote Schwanzgabel. SPRECHERIN Petrischak entlässt den Feenkrebs wieder in die Pfütze. Sofort zieht das zierliche Wesen wieder seine Bahnen durch das Wasser. ATMO Wasserplätschern Der Naturschützer keschert weiter. Er sucht nach einem Exemplar der anderen Urzeitkrebs-Art. 08 O-TON (Petrischak) Oft sind beide Arten zusammen drin, aber nicht immer. Aber wir haben Glück! SPRECHERIN Im Netz ist dieses Mal ein sogenannter Triops. Das bedeutet so viel wie: der Dreiäugige – und tatsächlich sieht es so aus, als hätte er drei Augen. Außerdem ist der Triops bräunlich und im Vergleich zum Feenkrebs um einiges größer und robuster. 09 O-TON (Petrischak) Der hat so einen Rückenschild, der schützt ihn von oben gegen Fressfeinde, damit kann er sich auch flach auf den Boden legen, ohne dass er groß bemerkt wird. Und er kann dann den Boden aufstrudeln, die haben nämlich bis zu 70 Beinpaare am Bauch, und mit diesen Beinen können sie sowohl den Boden aufstrudeln als auch an der Basis der Beine die Nahrung gleich schon zermalmen und dem Mund zuführen, das ist wie so eine Nahrungsrinne. MUSIK 3 Maxi Menot: Breeze Over Grasslands 0‘41 SPRECHERIN Urzeitkrebse fressen Pflanzenreste, zum Beispiel Algen, die typischerweise in Pfützen vorkommen. Die größeren Exemplare jagen aber auch mal kleine Tierchen wie Würmer oder Kaulquappen. Also eigentlich alles, was in Pfützen oder Tümpeln finden kann. Forschende sprechen übrigens von temporären Gewässern, weil Pfützen und Tümpel immer wieder austrocknen. Für Urzeitkrebse bieten sie ideale Bedingungen, vor allem weil keine Fische drin sind. 10 O-TON (Petrischak) Also wenn jetzt Fische da wären, die würden die natürlich gleich fressen, das wäre ideales Fischfutter hier. Und natürlich auch die Wärme, wenn das Gewässer nicht tief ist und die Sonne häufig draufscheinen kann, dann bedeutet das, dass das Wasser sich schnell erwärmen kann. Und der Vorteil für die Urzeitkrebse ist, dass sie sich dann eben sehr schnell entwickeln können. Die Wärme beschleunigt ja die Entwicklung, und die müssen ja, bevor die Pfützen austrocknen, mit ihrer Entwicklung durch sein, damit sie wieder Eier am Boden ablegen können. SPRECHERIN Mithilfe ihrer Eier können sich Urzeitkrebse auch räumlich ausbreiten. Zum Beispiel wenn sich Wildschweine oder Wisente zur Abkühlung in der Pfütze suhlen. Dann bleiben Eier im Fell hängen bleiben. Auf diese Weise gelangen sie zur nächsten Wasserstelle. 11 O-TON (Petrischak) Oder das kann an Füßen oder im Gefieder von Vögeln sein, dass diese Eier von Gewässer zu Gewässer getragen werden. Und dann breiten die sich aus. SPRECHERIN Sogar der Wind kann die winzigen Eier verwehen. Aber trotz der vielen Verbreitungswege gibt es heute kaum noch Urzeitkrebse. Sie sind vielerorts vom Aussterben bedroht – oder sogar schon verschwunden. Das liegt vor allem daran, dass es immer weniger temporäre Wasserstellen wie Pfützen oder Tümpel gibt. Denn der Mensch ist kein Freund von Vertiefungen im Boden, wo sich Wasser sammelt. Die Unebenheiten werden zugeschüttet, um Straßen zu asphaltieren, Felder zu bestellen oder Häuser zu bauen. Auch Auenlandschaften, wo das Wasser regelmäßig über die Ufer tritt und feuchte Wiesen hinterlässt, gibt es heute kaum noch. MUSIK 4 Chris Gilcher / Michi Koerner: Vibration Sphere 1‘20 Dass es in der Döberitzer Heide noch vergleichsweise viele Urzeitkrebse gibt, liegt daran, dass die Kernzone jahrhundertelang militärisches Sperrgebiet war. Panzer fuhren regelmäßig über das Gelände, Truppen marschierten auf – ansonsten ließ man die Natur im Großen und Ganzen wie sie war. Seit 1997 ist das Gelände Naturschutzgebiet. Soldaten gibt es in der Döberitzer Heide heute also keine mehr – Panzer fahren aber trotzdem noch durch die Kernzone, und zwar im Auftrag der Heinz-Sielmann-Stiftung. Denn die schweren Panzer verfestigen den Boden und verhindern, dass das Gelände mit Sträuchern überwuchert. Auf diese Weise bleiben die Vertiefungen, wo nach Regenfällen Pfützen entstehen, erhalten. Petrischak schmunzelt, als er das erzählt. Kriegsgerät im Einsatz für den Naturschutz – er weiß, wie schräg das klingt. Aber es funktioniert. In der Döberitzer Heide sind bis heute Urzeitkrebse erhalten, im Gegensatz zu den meisten anderen Orten, wo Urzeitkrebse ausgestorben sind. 12 O-TON (Petrischak) Für Zoologen ist es etwas ganz Großartiges, und es gibt viele, die das aus dem Studium nur noch als Präparat kennen. SPRECHERIN Urzeitkrebse – der Name sagt es schon – gibt es schon sehr lange. Das weiß man, weil man entsprechende Fossilien, also Versteinerungen der Tiere, entdeckt hat, sagt der Zoologe Ralph Schill. Er ist Professor an der Universität Stuttgart. MUSIK 5 Mathieu David Gagnon: Point d’ancrage 0‘32 13 O-TON (Schill) Von einigen dieser sogenannten Urzeitkrebse hat man sehr schöne Versteinerungen gefunden. Und dann kann man ganz genau vergleichen; wie sehen die Tiere heute aus – mit den Versteinerungen. SPRECHERIN Forschende gehen davon aus, dass es Urzeitkrebse seit mehr als 200 Millionen Jahren auf diesem Planeten gibt. Äußerlich haben sie sich während dieser langen Zeit kaum verändert. Deshalb sprechen manche auch von „lebenden Fossilien“. Wobei der Begriff genau genommen eigentlich keinen Sinn macht. 14 O-TON (Schill) Lebende Fossilien gibt es in diesem wortwörtlichen Sinne natürlich nicht, aber umgangssprachlich wird das verwendet, um sozusagen klarzumachen, diese Tiere und Pflanzen haben sich über lange, lange Zeiträume hinweg nur minimal verändert und sind manchmal auch die einzigen verbliebenen Vertreter in dieser evolutionären Linie. SPRECHERIN Die kleinen Krebse wühlten also schon Pfützen auf, als andere Urzeitwesen, wie die Dinosaurier, die Erde bevölkerten. Das ist es auch, was viele Menschen an diesen kleinen Wesen so fasziniert. 15 O-TON (Schill) So haben wir letztendlich dann ein Fenster in die Vergangenheit und können uns auch ein bisschen vorstellen, wie die Tiere damals vielleicht gelebt haben. SPRECHERIN Denn vor 200 Millionen Jahren, im sogenannten Erdmittelalter, sah unsere Erde noch ganz anders aus. 16 O-TON (Schill) Es war generell wärmer und man kann sich das Ganze vorstellen, dass wir große, ausgedehnte, flache Meeresbuchten hatten mit einer ganz reichhaltigen Lebenswelt unter Wasser. Und an Land hatten wir wahrscheinlich ausgedehnte Wälder aus Farnen und Schachtelhalmen. Und dazwischen eben die Dinosaurier, die die Landschaft durchstreiften. MUSIK 6 Daniel Backes / Peter Moslener: Easy Plucker 0‘30 SPRECHERIN Die Dinosaurier hinterließen riesige Fußspuren, wenn sie über den Boden stapften. Fiel dann Regen oder wurde der Boden zeitweise überschwemmt, entstanden zahlreiche Pfützen – beste Bedingungen für Urzeitkrebse. Heute funktioniert das im Prinzip noch genauso: Es entsteht eine temporäre Wasserstelle, und wenn es an dieser Stelle Urzeitkrebs-Eier im Boden gibt, schlüpfen in Rekordzeit kleine Larven. 17 O-TON (Schill) Dann können wirklich innerhalb von 24 Stunden kleine Urzeitkrebse wieder schlüpfen. Und die beeilen sich dann ganz schnell und wachsen heran, pflanzen sich fort, weil sie letztendlich auch wieder nur eine ganz bestimmte Zeit zur Verfügung haben, bis ihr Lebensraum, wie bei den elterlichen Tieren, dann auch wieder austrocknet. SPRECHERIN Gibt es nur noch wenig Wasser in der Pfütze, ist es an der Zeit, die befruchteten Eier abzulegen. Den richtigen Zeitpunkt dafür erkennt der Triops übrigens mithilfe des dritten Auges – das eigentlich kein Auge ist. 18 O-TON (Schill) Dieses dritte Auge hat keine Sehfunktion. Es dient vielmehr der Regulation von Körperflüssigkeiten, das heißt in diesen Gewässern verändert sich letztendlich immer der Salzgehalt durch Niederschlag und Verdunstung. Und wenn wir so eine Veränderung haben, dann müssen die Triopse sich relativ schnell auf diese veränderten Salzgehalte einstellen. Und dieses sogenannte dritte Auge spielt dabei eine entscheidende Rolle, indem es den Salzgehalt in diesen temporären Gewässern überwacht. MUSIK 7 Mathieu David Gagnon: Point d’ancrage 0‘47 SPRECHERIN Verdunstet das Wasser, steigt der Salzgehalt in der Pfütze – für den Triops das Zeichen, dass sein Lebensraum bald verschwindet. Die abgelegten Eier sichern dann die Nachkommenschaft. Bis die nächste Generation schlüpft, kann allerdings sehr viel Zeit vergehen. Denn die Eier von Urzeitkrebsen sind in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes. 19 O-TON (Schill) Die legen Eier, die dann auch ganz allmählich mit ihrem Lebensraum austrocknen können. SPRECHERIN Normalerweise stirbt ein Lebewesen, wenn es austrocknet. Nicht so die Urzeitkrebs-Eier. 20 O-TON (Schill) Bevor diese Eier vollständig ausgetrocknet sind, erfolgen im Inneren einige Zellteilungen bis zu einer bestimmten Anzahl an Zellen. Und dann gehen diese Zellen in einen Zustand der Anhydrobiose über. Das ist ein Zustand, in dem es keine offensichtlichen Lebenszeichen mehr gibt, in dem die Zellen letztendlich dann auch eingetrocknet sind. Und in diesem getrockneten Zustand können sie über lange Zeiträume hinweg unbeschadet überdauern. Das können viele Monate sein, das können Jahre oder sogar Jahrzehnte sein. SPRECHERIN Man spricht deshalb auch von Dauereiern. Was genau in den Eiern passiert, wie sie trotz Austrocknung überleben, ist für Forschende ein Rätsel. Ralph Schill und sein Team arbeiten daran, dieses Rätsel zu lösen. 21 O-TON (Schill) Wir sind interessiert daran, wie schaffen es diese Zellen trotz Eintrocknen letztendlich lebendig zu bleiben? Und da gibt es sicherlich noch sehr, sehr viel Forschungsbedarf und wir kratzen da momentan mit unserem Wissen wirklich erst an der an der Oberfläche. Aber wenn wir das verstehen, dann hätten wir sicherlich sozusagen ein besseres Verständnis über so grundlegende Erkenntnisse über das Leben und was ist Leben letztendlich? SPRECHERIN Dieses Wissen könnte für uns Menschen noch sehr nützlich werden, zum Beispiel bei Gewebe- oder Organ-Transplantationen. 22 O-TON (Schill) Man kann sich durchaus vorstellen, dass wenn man weiß, wie diese Tiere es schaffen, ihre Zellen einzutrocknen, sodass sie nicht geschädigt werden, dass man dieses Wissen in den medizinischen Bereich überführen kann. Das heißt, wenn es möglich ist, zum Beispiel mehr Zeit zu gewinnen zwischen Entnahme von einem Organ bis zur Transplantation von einem Organ, dann hätte man letztendlich sehr, sehr viel gewonnen. MUSIK 8 Jens Buchert: Open Senses 0‘40 SPRECHERIN Die äußerst widerstandsfähigen Dauereier der Urzeitkrebse sind vermutlich auch ein Grund dafür, dass einige Urzeitkrebs-Arten nicht ausgestorben sind, anders als etwa die Dinosaurier. Urzeitkrebse sind Überlebenskünstler der Evolution. Sie haben es geschafft, sich immer wieder an die unterschiedlichsten Bedingungen der verschiedenen Zeitalter anzupassen. Zumindest bis wir Menschen begannen, die Welt zu verändern und Erdlöcher im großen Stil zuzuschütten. 23 O-TON (Schill) Und diese Zerstörung von solchen Lebensräumen, die hat letztendlich dann auch zu einer starken Dezimierung von diesen Urzeitkrebs-Populationen geführt. SPRECHERIN Insgesamt zwölf Urzeitkrebsarten gibt beziehungsweise gab es in Deutschland. Allesamt sind sie entweder stark gefährdet oder bereits ausgestorben. 24 O-TON (Schill) Zwei von diesen zwölf Arten gelten bereits als ausgestorben oder verschollen. Man hat sie also in den letzten Jahren nicht wiedergefunden. Fünf sind akut vom Aussterben bedroht und die verbleibenden fünf sind zumindest als sehr stark gefährdet eingestuft. Das bedeutet letztendlich, dass sämtliche in Deutschland lebende Urzeitkrebsarten entweder gefährdet oder bereits ausgestorben sind. SPRECHERIN In Bayern gibt es noch einige Orte, wo man – mit sehr viel Glück – Urzeitkrebse finden kann. Zum Beispiel im unterfränkischen Steigerwald. Wo genau, will Roland Eichhorn nicht verraten. Er ist Leiter des Geologischen Dienstes in Bayern. 25 O-TON (Eichhorn) Sie sind eben selten und deswegen wollen wir es dabei belassen, dass es sie in Bayern gibt, dass sie sich auch wohlfühlen. Aber man muss es nicht genauer sagen. Also auf jeden Fall im Steigerwald. Es gibt aber auch noch andere Orte in Bayern, wo man sie finden könnte. MUSIK 9 Simon Bohrer: Löwenzahn 0‘40 SPRECHERIN Tatsächlich war es auch im Steigerwald, wo man zum allerersten Mal fossile, also versteinerte Triopse entdeckt hat. Ein Geologie-Student namens Ferdinand Trusheim fand sie in einem Steinbruch bei Koppenwind, heute ein Gemeindeteil von Rauhenebrach. Trusheim kannte sich bestens mit den Urzeitkrebsen aus: Er hatte seine Diplomarbeit über sie geschrieben, über die lebendigen wohlgemerkt. Denn die hatte er bei Wanderungen durch den Steigerwald oft in Pfützen gesehen. Nach fünf Jahren war er mit seiner Arbeit fertig. 26 O-TON (Eichhorn) Danach war er fertiger Geologe, ging wieder in den Steigerwald, ging an der Pfütze vorbei. Aber diesmal schaut er nicht in die Pfütze, sondern schaut in das Gestein, weil er ja Geologe ist. Und es stockt ihm der Atem. Ganz in der Nähe findet er die versteinerten Urzeitkrebse. Das heißt, er hat eine Stelle auf der Welt gefunden, wo offenbar diese Krebse 225 Millionen Jahre lang gelebt haben – jetzt in der Pfütze, vor 200 Millionen Jahren versteinert. SPRECHERIN Quicklebendige Triopse ganz in der Nähe von versteinerten – eine kleine Sensation. Wobei es die lebendigen Urzeitkrebse in früheren Zeiten noch sehr viel häufiger gab als heute. Zeitweise traten sie sogar in Massen auf. 27 O-TON (Eichhorn) Es gab es so sie so massenhaft in den Pfützen in Wien, dass die Marktweiber angeblich diese als Schweinefutter sogar auf dem Markt verkauft haben. Das ist dokumentiert und nachzulesen. SPRECHERIN Zum Beispiel in dem Bericht eines gewissen K. Lampert in der Zeitschrift Kosmos: ZITATOR Im August des Jahres 1821 wurden in Wien von Marktweibern gar seltsam aussehende, 40-50 mm große Tiere zum Verkauf angeboten. Sie bewegten sich lebhaft im Wasser und sollten nach Angabe der Verkäuferinnen mit dem einige Zeit zuvor niedergegangenen, ungewöhnlich schweren Regen vom Himmel gefallen sein. Den meisten schien dies sehr glaubwürdig, denn die Tiere hatten eine gar absonderliche, nie gesehene Gestalt und fanden sich in ungeheuren Mengen in Pfützen und Regenlachen, an deren Stelle kaum zwei Wochen vorher staubige Straßengräben und mit dürrem Gras bedeckte Mulden zu sehen waren. MUSIK 10 Simon Bohrer: Sunnestore 0‘52 SPRECHERIN Krebse, die vom Himmel gefallen sind, vielleicht sogar aus dem Weltall kommen – eine ziemlich schräge Vorstellung. Aber man konnte sich das plötzliche und massenhafte Auftreten der Urzeitkrebse einfach nicht anders erklären. Erst eine eigens eingesetzte Kommission brachte Aufklärung. Aber trotz aller Erklärungen und Versicherungen, dass die Krebse nicht vom Himmel gefallen sind, hält sich die Bezeichnung „Himmelskrebs“ mancherorts bis heute. Es liegt auch an solchen Geschichten, dass die Urzeitkrebse eine große Fangemeinde haben. Ein weiterer Grund sind die sogenannten Yps-Hefte. 28 O-TON (Eichhorn) Also was die Yps-Hefte angeht, da bin ich ja absoluter Fan gewesen wie ich ein kleiner Junge war. Ich habe ja die Hefte verschlungen und der Gimmick darin, das war ja das Allerbeste. SPRECHERIN 20 Mal lagen der Jugendzeitschrift Yps ab Mitte der 1970er Jahre Urzeitkrebseier bei – kein anderes Gimmick war so häufig vertreten. 29 O-TON (Eichhorn) Dann musste man sich so ein kleines Aquarium machen. Da musste man dann so eine Wasserflüssigkeit anrühren und nach paar Tagen konnte man tatsächlich beobachten, wie die kleinen Krebselchen geschlüpft sind. SPRECHERIN Echte Lebewesen, die aus getrockneten Eiern schlüpfen, das ist schon etwas Besonderes. Auch Ralph Schill war damals beeindruckt – und ist es noch heute. 30 O-TON (Schill) Also ich glaube schon, dass diese Faszination, wie aus einer trockenen Materie plötzlich Leben entstehen kann, mich damals als Kind fasziniert hat. Und das hat sicherlich auch Anteil daran, dass ich heute immer noch begeistert bin, wenn ich wirklich sehen kann, wie aus diesen getrockneten Eiern nach 24 Stunden plötzlich kleine Krebschen entstehen. Diese Faszination kann man vielleicht wirklich auf die Kindheit zurückführen. SPRECHERIN Wobei man sagen muss, dass es sich nicht um echte Urzeitkrebse gehandelt hat. Den Yps-Heften lag ein anderer Krebs bei, der sich evolutionär erst später entwickelt hat. Und der auch nicht in Pfützen oder Tümpeln lebt. 31 O-TON (Eichhorn) Es ist kein Süßwasserkrebs. Nein, die Yps-Macher, die haben Salzwasser-Krebseier hergenommen von einer anderen Art, und die kommt gar nicht aus der Urzeit. Die ist ganz neu, aber viel, viel pflegeleichter. Die heißt Artemia. Na ja, es war eigentlich eine kleine Verbrauchertäuschung, aber hey, jetzt sind wir alle alt und Yps gibt’s gar nicht mehr, jetzt darf man das verraten (lacht). MUSIK 11 Jens Buchert: Dragonfly 1‘05) SPRECHERIN Die Yps-Hefte sind seit vielen Jahren eingestellt. Die Begeisterung für Urzeitkrebse hält hingegen an: Die Eier sind in Zoo- oder Aquariengeschäften erhältlich. In Internet-Foren tauschen sich Fans über Aufzucht und mögliche Fundorte aus. Vielleicht haben einige von ihnen auch mitgefiebert, als mehrere Triops-Eier zur ISS geflogen sind. Forschende der internationalen Raumstation testeten, ob die extreme Temperatur im All und die Weltraumstrahlung den Tieren etwas anhaben können. Mehrere Monate umrundeten die Urzeitkrebseier in Proben-Container an der Außenseite der ISS den blauen Planeten. Und siehe da: Zurück auf der Erde schlüpften aus den Eiern wieder kleine Urzeitkrebs-Larven. Mission geglückt! Zumindest für diese Tiere stimmt sie nun in gewisser Weise also doch – die Bezeichnung „Himmelskrebse“.
- Italienische Saisonarbeit in Bayern - Transalpini im 19. Jahrhundert
13.05.2025 · 24 Min.
Bittere Armut trieb die Menschen in Norditalien dazu, sich in den Sommermonaten auf bayerischen Baustellen und Ziegeleien zu verdingen. Der Bauboom des späten 19. Jahrhunderts ist auch ihr Verdienst. Von Julia Devlin Credits Autorin dieser Folge: Julia Devlin Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Thomas Birnstiel, Caroline Ebner, Sebastian Fischer Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Lambert Grasmann, ehem. Direktor des Heimatmuseums Vilsbiburg Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Mutter haben - Eine Familiengeschichte im Schatten der deutschen Teilung von Ruth Johanna Benrath in 2 Episoden JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Pietro Menis Meinen Einstand, meine erste Erfahrung in Deutschland erlebte ich zu Beginn des Jahrhunderts in der Ziegelei von Marktoberdorf in Bayern. Ich war noch keine elf Jahre alt und hatte nie zuvor einen Zug bestiegen, noch die Welt jenseits der Berge von Gemona gesehen. Dreißig Stunden dauerte die Fahrt in drei verschiedenen Zügen: einer bis zur Grenze bei Pontebba, ein zweiter durch Österreich bis Kufstein und ein dritter durch Ebenen, dichte Wälder und geschäftige Städte des fetten Bayern. Wie groß war doch die Welt! SPRECHERIN So beschrieb der Schriftsteller Pietro Menis, wie er im Jahr 1903 das erste Mal nach Bayern kam, um als "Mui", als Wegtrager in einer Ziegelei zu arbeiten. Er war zehn Jahre alt, und ihn quälte das Heimweh. ATMO Dampfzug ZITATOR Pietro Menis 'Gleich sind wir da, "mui", packt eure Sachen.' Durch das beschlagene Fenster sah ich dichtes Schneetreiben. Kurz danach hielt der Zug unter einem kleinen Dach, unter das der Sturm den Schnee trieb. Ich zitterte vor Kälte und Angst. 'Um diese Zeit macht deine Mutter die Polenta!' sagte einer. Ich begann zu weinen; sie hatten ihr Ziel erreicht und lachten mit unmenschlichem Vergnügen. Ich erinnere mich, daß 'die Großen', die 'eisenharten' Ziegler, auch später, in den folgenden Jahren, ihren Sadismus auslebten, indem sie den Jüngsten ihre heiligste Zuneigung in Erinnerung riefen - die geliebten Gesichter in der Ferne. SPRECHERIN Pietro war einer von tausenden Italienern, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre ländlich geprägte Heimat in Norditalien verließen, um sich während der Sommersaison im Ausland zu verdingen. ZITATOR Pietro Menis Die 'Arbeit', die Ziegelei, befand sich in einem kleinen Tal zwischen einem Hügel, der rechts anstieg, und einem Fluß, der links hinunterfloß. 'Beim Morgengrauen geht's los. An die Mutterbrust könnt ihr euch im Herbst wieder werfen...' MUSIK 2 Gerd Baumann & Gregor Hübner: In dead silence 1‘00 SPRECHERIN Es war die bittere Not, die die Menschen dazu zwang. Schon immer war es in den kargen Alpentälern schwer gewesen, sich ein Auskommen zu verschaffen, und Saisonwanderung, besonders von spezialisierten Handwerkern wie Terrazzolegern und Schmieden, aber auch von Krämern, hatte jahrhundertealte Tradition. Dann geriet die italienische Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Krise, da billige Agrarprodukte aus Russland und den USA auf den Markt kamen. Dies traf besonders die norditalienische Region Friaul schwer. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung stark an, vor allem, weil die Kindersterblichkeit erheblich zurückging. Die Menschen verarmten, denn es gab nicht genug Arbeitsplätze in der Nähe. Nun waren es nicht mehr nur die spezialisierten Handwerker, die saisonal nach Arbeit suchten, sondern vor allem ungelernte Kräfte. ATMO Baulärm SPRECHER Anders nördlich der Alpen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Industrialisierung im Deutschen Kaiserreich Fahrt auf, die Städte wuchsen, das Eisenbahnnetz verdichtete sich. Es gab immer mehr Arbeit, und immer mehr Baustellen. Gleichzeitig wurde es auch immer schwieriger, in den Sommermonaten genügend Arbeitskräfte für die Saisonarbeit zu finden. Mit Einheimischen war das nicht mehr zu stemmen - zumal am Ende des 19. Jahrhunderts eine Auswanderungswelle knapp zwei Millionen Deutsche nach Übersee geführt hatte. Da lag es nahe, ausländische Arbeitskräfte anzustellen. Sie waren bereit, die harte Arbeit zu leisten, die bei den Einheimischen nicht beliebt war. MUSIK 3 Gerd Baumann: Sieben Leben 0‘56 SPRECHERIN Auch Bayern boomte. Hier fanden vor allem Arbeitskräfte aus Italien Arbeit. Weil sie von jenseits der Alpen kamen, wurden sie "transalpini" genannt. Sie fanden - wie Pietro Menis - vor allem in den zahlreichen Ziegeleien Arbeit. Wo immer sich im lehmreichen Bayern im 19. Jahrhundert ein Vorkommen dieses Rohstoffs fand, wurde er alsbald abgebaut, zu Ziegeln verarbeitet und zu den nächstgelegenen Baustellen gebracht. Zahlreiche Ziegeleien gab es zum Beispiel um Augsburg und München. Die dort gefertigten Ziegel wurden für den Bau der rasch wachsenden Stadt benötigt, für die großen Kasernen, für die Pflasterung der Gehwege und Straßen und für die Tunnel der neuen Kanalisation. Die Städte waren ziegelhungrig, sie verschlangen Unmengen des Baustoffes. SPRECHER Doch auch anderswo, wo der Rohstoff Lehm zu finden war, entstanden aufgrund der großen Nachfrage Ziegeleien. So auch im niederbayerischen Vilsbiburg. Im Heimatmuseum der Stadt erfährt man viel zu der Ziegeleigeschichte. Lambert Grassmann hat hier in seiner Zeit als Direktor des Heimatmuseums die Abteilung "Ziegelpatscher und Ziegelbrenner im Vilsbiburger Land" eingerichtet. Im obersten Stockwerk des stattlichen Baus - dem ehemaligen Heilig-Geist-Spital aus dem Spätmittelalter- kann man seine Funde bewundern. SPRECHERIN Da gibt es Dachziegel aller Formen und Größen, tönerne Wetterhähne, die hölzernen Formen, in denen der rohe Lehm gepresst wurde. Es gibt markierte Ziegelsteine, die Beschriftungen tragen, auf denen eine Zeichnungen eingeritzt ist oder ein Name. Dies sind die Feierabendziegel, bei denen sich ein Ziegler die Freude gemacht hat, einen Ziegel individuell zu verschönern. Anrührend das Exemplar, das den Abdruck einer kleinen Hand zeigt: Hier hat ein Kind, vielleicht so alt wie Pietro Menis, seine Hand in den noch feuchten Lehm gedrückt. Lambert Grasmann hat diese Exponate zusammengesucht. Wie er erzählt, hat er O-Ton Grasmann 1 Darunter einen Ziegelstein erhalten, eine Bodenplatte, die bezeichnet ist: "Buia, Santi Angelo". Kein Mensch hat gewusst, was das bedeutet. SPRECHER Die quadratische Platte aus Ton stammte aus einem Bauernhaus der Umgebung. Sie war Teil des Fußbodenbelags gewesen. Jemand hatte sich große Mühe damit gegeben, in sorgfältigen Buchstaben in den noch feuchten Ton zu ritzen: Buia Santi Angelo. O-Ton Grassmann 2 Der Kreisheimatpfleger von Dingolfing, Fritz Markmüller, hat mir das aufgelöst: Buja ist eine Stadt, wo - aus dem Umkreis vor allem - Ziegler nach Bayern, in die Schweiz und nach Frankreich gewandert sind und haben Ziegel hergestellt. SPRECHERIN Buja liegt im Friaul, einer Landschaft in Venetien im Nordosten Italiens. Die in Bayern tätigen transalpini kamen vor allem aus dieser Gegend. Lambert Grassmann hat sogar noch einen persönlichen Kontakt zu den transalpini herstellen können. O-Ton Grassmann 3 Und ich habe einen alten Herrn gefunden, der ist mir verraten worden von der Gemeinde, einen Domenico Calligaro, dessen Vater in Vilsbiburg von 1883 bis 1908 Akkordant, also Ziegelmeister war, und der für die Anwerbung der Arbeiter, dann fürs Essen zuständig war, und auch für die Bezahlung, die er ja vom Ziegeleibesitzer erhalten hat, die hat er dann an die Arbeiter weitergegeben. SPRECHERIN Die Akkordanten waren Zwischenunternehmer. Sie waren oft selber Ziegeleiarbeiter gewesen und beherrschten die benötigten Sprachen - deutsch, italienisch und das im Friaul gesprochene furlanisch. Vor Saisonbeginn handelten sie mit den Ziegeleibesitzern einen Vertrag aus. Darin wurde festgelegt, wieviele Steine zu liefern waren und wie die transalpini untergebracht und verpflegt würden. Auch der Preis für 1000 Stück Steine wurde ausgehandelt. Mit dem Vertrag in der Tasche kehrten die Akkordanten ins Friaul zurück und warben dort eine Mannschaft, die sogenannte squadra an. Die Menschen, die die Wintermonate ohne Einkommen gewesen waren, verpflichteten sich bereitwillig. Diese Tage des Anheuerns wurden in einigen Dörfern wie ein Volksfest begangen, auch wenn kritische Stimmen von einem "Markt für Menschenfleisch" sprachen. MUSIK 4 Gerd Baumann: Brenner 1‘00 SPRECHER Im März oder April brachen die Ziegler dann nach Deutschland auf. Vor dem Bau der Bahn war dies ein Fußmarsch von etwa zehn Tagen. Die Route folgte jahrhundertealten Pfaden, über den Plöckenpass, den Felbertauern und den Pass Thurn nach Kitzbühl und Kufstein bis nach Bayern. Der Akkordant führte seine Arbeitsgruppe, organisierte die Verpflegung und die Unterkunft auf der Strecke. SPRECHERIN Mit der Brennerbahn wurde 1867 eine direkte Verbindung zwischen Deutschland und Italien geschaffen. Dies verkürzte die Reisedauer nach Bayern auf zwei Tage. Im Herbst ging es dann zurück. Der Akkordant Luigi Calligaro blieb jedoch in Vilsbiburg, wie Lambert Grassmann von dessen Sohn erfahren hat. O-Ton Grassmann 4 Der Domenico Calligaro, 1890 geboren, war natürlich bei seinem Vater mit dabei, und der Mutter, und die haben diese Jahre, von 1883 bis 1908 in Vilsbiburg gelebt. Die sind praktisch nicht heimgefahren, oder heimgewandert, wie die Ziegelarbeiter, die ja im März gekommen sind und im Oktober, spätestens Anfang November wieder in die Heimat mit Geld zurückgekehrt sind, sondern der ist dageblieben. Dieser Luigi Calligaro, dieser Akkordant, der hat in Vilsbiburg eine gehobene Stellung gehabt. Der war schon jemand, den man auch gehört hat. SPRECHER Durch ihre Orts- und Sprachkenntnisse hatten die Akkordanten eine mächtige Position, denn die von ihnen geworbenen Saisonarbeiter waren auf sie ebenso angewiesen wie die Ziegeleibesitzer. Möglicherweise war die verbesserte Bahnverbindung der Grund dafür, dass der Akkordant Luigi Calligaro nicht mehr als Begleitung benötigt war. Auch war es für das Familienleben einfacher - der Sohn Domenico musste nicht aus seinem Alltag herausgerissen werden. O-Ton Grassmann 5 Er war ja im Kindergarten in Vilsbiburg, und ist auch in die Schule gegangen, er hat mir sein Schulzeugnis gezeigt. Ich hab von seinem Sohn dann, vom Piere-Luigi, ein Erstkommunionzeugnis von 1901 bekommen; das kann man im Heimatmuseum sehen. MUSIK 5 Salewski & Thomas Geltinger: Radfahren 0‘52 SPRECHERIN Fast achtzig Jahre später kehrte Domenico Calligaro nach Vilsbiburg zurück - 1979, zu einem Klassentreffen. Lambert Grassmann hat ihn dann kurz darauf während eines Italienurlaubs in Buja besucht. Daraus entwickelte sich nicht nur eine persönliche Freundschaft, sondern auch eine lebendige Städtepartnerschaft zwischen Vilsbiburg und Buja. SPRECHER Sehr gerne kommen die Besucher aus Buja ins Museum, denn hier liegt ein Verzeichnis mit über 2.300 italienischen Ziegelarbeitern und -arbeiterinnen aus. Lambert Grasmann hat dazu Krankenversicherungsunterlagen ausgewertet. Denn im wilhelminischen Kaiserreich waren ab 1883 alle Beschäftigten in Handwerks-, Fabrik- und Gewerbebetrieben krankenversicherungspflichtig. O-Ton Grassmann 7 Da sind also die Namen drin, die Herkunft der Ziegler, die persönlichen Daten, der Arbeitsort, und die Arbeitszeit, also vom Anfang bis zum Herbst, solang sie halt da waren. SPRECHERIN Eine Fundgrube für die Familienforschung. O-Ton Grassmann 8 Wenn Besucher aus Buja kommen, da können die wunderbar suchen drin, die finden dann einen Angehörigen, der da gearbeitet hat. MUSIK 6 Salewski & Thomas Geltinger: Oli 1‘00 SPRECHERIN Die Arbeit in den Ziegeleien war hart. Ein zeitgenössischer Beobachter schreibt: Zitator Giovanni Cosattini Die Arbeiter, welche der größten Anstrengung unterworfen sind, sind die Handformer, deren Arbeit, den Tonklumpen hochzuheben und in die Form zu drücken, eine große Arbeitskraft in Armen und Brust erfordert... Jeder Ziegelformer hat eine Arbeitsbank zu seiner Verfügung nebst einer kleinen Kiste für den Sand, der auf das Rohmaterial gestreut wird... Ihm helfen zwei Muli, wie im Berufsjargon die beiden Knaben zwischen 10 und 15 Jahren genannt werden, denen es obliegt, die gefüllte Form aufzuheben, den Ziegel herauszunehmen, ihn auf den Trockenplatz zu schaffen, die Form zur Bank zurückzubringen, sie mit Sand zu bestreuen und dem Former zu reichen. SPRECHERIN Auch Frauen wurden als Muli eingesetzt. O-Ton Grassmann 15 Die Frauen, das waren die Wegtrager. Und die Kinder. Die mui auf Furlan, auf Friulanisch, und sonst auf Italienisch heißen sie muli. So hat man sie genannt, und so hat man sie auch benutzt. SPRECHERIN Zwischen fünf- und siebentausend Ziegel musste ein einzelner stampatore, ein Ziegelpatscher, wie er auf bayerisch hieß, an einem Tag schlagen. Die Arbeit begann zwischen vier und fünf Uhr morgens und dauerte bis in die Nachtstunden. Und dies bei ebenso dürftiger Ernährung, die vor allem aus Polenta und Käse bestand, und bei dürftiger Unterkunft: Die Schlafräume waren meist mit Stroh ausgelegte Bretterverschläge auf dem Gelände der Ziegelei, oder die Holzböden der Trockenstadel. SPRECHER Im Jahre 1879 setzte das Königreich Bayern eine Gewerbeaufsicht ein, um den Schutz von Arbeitern und Arbeiterinnen in Betrieben zu kontrollieren. Lambert Grassmann weiß zu berichten: O-Ton Grassmann 9 Da ist der sogenannte Fabrikeninspektor gekommen aus Landshut und hat nachgeschaut, wie es mit den Arbeitsstellen ausschaut, mit den Unterkünften, etc., mit den hygienischen Verhältnissen, und das waren natürlich nicht die besten. Gerade die sogenannten Aborte, hat er geschrieben: "Es gibt kein Dach, es gibt keine Seitenwand, es gibt keine Rückwand, es gibt keine Türe. Es gibt nur einen Balken." Und dann, aufgrund dieser Beanstandung, ist es dann besser geworden. Es sind dann feste Unterkünfte gemacht worden, ein paar Häuser stehen noch... SPRECHER Besonders die Kinder- und Jugendarbeit in den Ziegeleien war der Gewerbeaufsicht ein Dorn im Auge. Sie versuchten, das Mindestalter für die Jugendlichen heraufzusetzen und ihre Arbeitszeit zu begrenzen. O-Ton Grassmann 10 Es hat einen Aushang geben müssen, wo also diese Schüler aufgelistet werden müssen, 28.47 und da ist also immer wieder aufgefallen, dass welche unter 13 Jahren, mit 10 Jahren also haben sie welche mitgenommen. Und die san dann heimgeschickt worden. Wie das gegangen ist, weiß ich nicht, aber sie sind dann heimgeschickt worden. MUSIK 7 Salewski & Thomas Geltinger: Martins Aquarium 1‘24 SPRECHERIN Auch in der bayerischen Schulbehörde sorgte man sich um die minderjährigen Italiener. Denn die Schulpflicht erstreckte sich in Bayern auch auf ausländische Kinder. So richtete ab 1890 die Schule an der Wörthstraße im Münchener Stadtteil Haidhausen eigene Schulklassen ein, in denen die Kinder der transalpini und jugendliche Ziegeleiarbeiter auf Italienisch unterrichtet wurden. Hier, am Ostufer der Isar, befanden sich zahlreiche Ziegeleien, denn zwischen Ismaning und Ramersdorf erstreckte sich eine ertragreiche Lehmzunge. SPRECHER Das Ansinnen mutet heute bemerkenswert fortschrittlich an. Es war ein bayerisch-italienisches Prestigeprojekt. Der päpstliche Nuntius schaute gelegentlich vorbei. Der italienische Generalkonsul und der Vizekonsul ließen sich gerne bei der jährlichen Abschlussfeier sehen, und dank großzügiger Spenden wurde jedes Kind an diesem Tag mit einem neuen Gewand, einer Brotzeit und einem Glas Bier bedacht. Doch die gutgemeinte Idee scheiterte an der Praxis. Zu weit waren die Wege, und zu sehr wurde die Arbeitskraft auch der Jüngeren gebraucht. Und so wurde das Projekt schon 1904 wieder aufgegeben. SPRECHERIN Auch die katholische Kirche kümmerte sich um die transalpini. Dies war aufgrund der Konfession naheliegend. Die Kirche verglich die Arbeitsmigration mit dem Exodus der Israeliten aus Ägypten oder mit der Flucht der Heiligen Familie. Sie gründete die Hilfsorganisation "Opera di assistenza". Lambert Grassmann weiß von Vilsbiburg zu berichten: O-Ton Grassmann 13 31.01 1898 hat also die Obrigkeit möglich gemacht, dass die italienischen Ziegelarbeiter in der Wallfahrtskirche Maria Hilf zu Vilsbiburg einen Gottesdienst haben besuchen können, und die Predigt hat ein aus München stammender ... Pater gehalten, der Pater Linus, der war Vikar des Kapuzinerklosters in München, hat natürlich Italienisch können, vielleicht war's sogar ein Italiener. MUSIK 8 Pixner, Delgado, u.a.: Melanchodia 1‘16 SPRECHER Neben den Ziegeleien waren die zahlreichen Baustellen im Boomland Bayern ein Betätigungsfeld der transalpini. Im Hoch- und Tiefbau, für Häuser, Tunnels, Straßen und Eisenbahn wurden die italienischen Wanderarbeiter eingesetzt. Hier kamen den transalpini ihre Erfahrung mit dem schwierigen Terrain der Alpen zugute. Der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf schildert in seinem autobiografisch geprägten Roman "Das Leben meiner Mutter", wie er einen solchen Bautrupp erlebte: ZITATOR Oskar Maria Graf Die Bauleute setzten sich zum Teil aus bärtigen, dunkelhäutigen, ausgedörrten Italienern zusammen... Sie redeten ein ziemlich unverständliches Kauderwelsch zusammen, aber sie schufteten viel ergebener als die einheimischen, meist schon gewerkschaftlich organisierten Maurer. Sie kamen scharenweise Sommer für Sommer aus den armen Gegenden ihrer fernen Heimat, arbeiteten für jeden Lohn und kannten nur eine Kameradschaft unter sich, die wahrscheinlich auch nur von der gleichen Sprache herrührte. Sie knauserten und sparten und waren auf jeden Pfennig Nebenverdienst gierig erpicht... SRECHERIN Oskar Maria Graf beschreibt, warum die transalpini als Arbeitskräfte so beliebt waren: sie waren zuverlässig, anspruchslos und bereit, die unbeliebte, harte Arbeit zu leisten. Zudem waren sie durch ihre mangelnden Deutschkenntnisse und ihren immer nur saisonalen Einsatz isoliert. Daher wurden sie gerade auf Baustellen immer wieder als Streikbrecher und Lohndrücker eingesetzt, wo sie teilweise durch Polizei von den einheimischen Arbeitern abgeschirmt werden mussten. Denn sie machten sich dadurch natürlich nicht beliebt. Die Bezeichnung "Furlan", eigentlich nur die Bezeichnung für eine Person aus dem Friaul, wurde in deutschen Maurerkreisen sogar ein Synonym für einen Streikbrecher. SPRECHER Graf spricht auch die Sparsamkeit der transalpini an. Sie gaben kaum etwas für sich selber aus, denn sie wollten möglichst viel Geld mit zurück nach Hause nehmen. Das trug in der Tat Früchte. Der Lebensstandard in der Heimat besserte sich, denn die Wanderarbeiter brachten nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Wissen und ihre Fertigkeiten mit ins Friaul. Die Schattenseite war jedoch, dass sie über ein halbes Jahr zuhause fehlten - ein geregeltes Familienleben war mit monatelang abwesenden Familienvätern nur schwer möglich, und die Arbeit in der Landwirtschaft mussten die Daheimgebliebenen stemmen. SPRECHERIN Eine weitere Schattenseite war der gestiegene Bierkonsum der Heimgekehrten. Oft wurde auf den bayerischen Ziegeleien Bier ausgeschenkt, und viele transalpini wollten es auch während der Wintermonate in der Heimat nicht mehr missen. Die Brauereien im Friaul steigerten ihre Produktion zwischen 1890 und 1914 um das Neunfache. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Todesfälle durch Alkohol rasant an. Besonders beunruhigend war, dass gerade die Kinder und Jugendlichen, die aus Bayern zurückkehrten, sich das Biertrinken angewöhnt hatten. MUSIK 9 Gerd Baumann & Ensemble: Neon poetry 1‘21 SPRECHER Wie viele transalpini in Bayern arbeiteten, lässt sich nur ungenau feststellen, Schätzungen gehen von zwölf- bis fünfzehntausend Personen für eine Sommersaison aus. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam die Massenwanderung schlagartig zum Erliegen. Die Italiener, die sich gerade zur Saisonarbeit in Bayern aufhielten und im August 1914 von der Kriegserklärung überrascht wurden, kehrten überstürzt nach Hause zurück. Angetrieben von der Furcht, dass eine Rückkehr später nicht mehr möglich sein könnte. Es gab Unruhen und Staus in vielen Grenzorten, so auch in Kufstein, ein Nadelöhr für die transalpini, die von Bayern ins Friaul zurück wollten. Oder mussten: Denn viele transalpini erhielten einen Einberufungsbefehl. Aus Zieglern wurden nun Soldaten. Das Kriegerdenkmal in Buja zählt 101 Ziegler auf, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. SPRECHERIN Und so kam die lange Tradition der Arbeitsmigration von Italien nach Bayern zum Erliegen. Erst gute vier Jahrzehnte später, in der Wirtschaftswunderzeit, schloss die junge Bundesrepublik ein Abkommen über Arbeitswanderung mit Italien. Dabei zeigte sich, dass beide Seiten noch stark auf die Erfahrung der transalpini vor dem Ersten Weltkrieg zurückgriffen, was eine Illusion der Rückkehr anbetraf. Vor allem die Bundesregierung glaubte, dass die sogenannten Gastarbeiter saisonal oder nach Konjunktur zu steuern wären, weil man sich noch an der zyklischen Arbeitsstruktur des Kaiserreichs orientierte. MUSIK 10 Iso 68: Diffusion capricc. 0’47 SPRECHER Was bleibt von Jahrzehnten der Arbeitsmigration? Nur wenige transalpini ließen sich auf Dauer in Bayern nieder. Doch ihr Vermächtnis findet sich in den Bauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, vermauert in Häusern und Schulgebäuden, Kirchen und Kasernen, Krankenhäusern und dem unterirdischen Kanalnetz der Städte.