Der Traum - Das unbekannte Hirngespinst
14.03.2025 · 22 Min.
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Der Traum ist eine im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen, Bildern, Ereignissen, Erlebnissen - so definiert es der Duden. Doch wie kommen diese Bilder zustande? Woher rühren die Vorstellungen? Und was nützen sie? Fest steht: Wir träumen viel mehr, als uns bewusst ist. Und wir können auch ganz bewusst träumen. Von Inga Pflug (BR 2023)
Credits
Autorin dieser Folge: Inga Pflug
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Caroline Ebner und Stefan Merki
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Iska Schreglmann
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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Interviewpartner/innen dieser Folge:
Lucas Krieg, Künstler & Traumcoach in Nürnberg, traum-studio.de;
Dr. Thomas Schreiner, Lehrstuhl für Kognitive Neuropsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München;
Prof. Dr. Michael Schredl, Traumforscher, Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors Mannheim;
Prof. Dr. Tobias Staudigl, Lehrstuhl für Kognitive Neuropsychologie an der LMU München
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- Programm-Ansagerinnen - Fernsehgesichter der ersten Stunde
17.03.2025 · 24 Min.
Sie wurden als "sprechende Visitenkarte" bezeichnet oder auch als "Gastgeberin": Seit den Anfängen des Fernsehens stellten Programm-Ansagerinnen zu einen den Bogen her zwischen unterschiedlichen Programminhalten und überbrückten zum anderen die zu Beginn des Fernsehens oft noch minutenlangen Umschaltzeiten. Von Carola Zinner (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Carola Zinner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Irina Wanka, Jenny Güzel, Jerzy May Technik: Regina Staerke Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Carolin Reiber, ehem. Ansagerin; Sylvia Brécko, Kabarettistin, ehem. Ansagerin, Autorin der Magisterarbeit „Die Entwicklung der Fernsehansage im Verhältnis zum Programmschema“ Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Die Anfänge in Deutschland JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Werbung, Propaganda, Aufklärung JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · WIE WAR DAS DAMALS...? Als das Radio in die Welt kam? JETZT ANHÖREN radioWissen · Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstop JETZT ANHÖREN radioWissen · Radio Caroline - Der vorbildliche Piratensender JETZT ANHÖREN Linktipps: Am 25. Januar 1949 wurde der Bayerische Rundfunk gegründet. Seitdem ist viel passiert. Ein bunter Ritt durch 75 Jahre Programm für Bayern: ZUR JUBILÄUMS-WEBSITE Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik: Busy Busy 0‘7 ZUSPIELUNG 1 Collage „Guten Abend, meine Damen und Herren...- verehrte Zuschauer!“ ERZÄHLERIN Seit Beginn des Fernsehens gab es Ansagerinnen, die durch das Programm führten. Galt beim Radio anfangs noch der Grundsatz, männliche Stimmen seien seriöser und daher zu bevorzugen, drehte sich, als das Bild zum Ton kam, das Verhältnis um. Gutaussehende Frauen wurden zum „Gesicht des Senders“, seine „sprechende Visitenkarte“. ZUSPIELUNG 2 Brécko Die allererste Fernsehansage gab es tatsächlich schon im März 1935 von der Ansagerin Ursula Patzschke-Beutel - die hat dann gleichzeitig auch den Hitlergruß mit versendet - ZITATORIN „Achtung, Achtung! Fernsehsender Paul Nipkow. Wir begrüßen alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß Heil Hitler! ZUSPIELUNG 3 Brécko Und im Dezember 1952 dann der offizielle Fernsehstart mit Ansagerin Irene Koss. ERZÄHLERIN Die Schauspielerin und Kabarettistin Sylvia Brécko hat nicht nur selbst beim WDR als Ansagerin gearbeitet, sie verfasste auch mit ihrer Magisterarbeit über die Entwicklung der Fernsehansage eine der wenigen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema. ZUSPIELUNG 4 Brécko Anfangs dienten die Fernsehansagen dazu, die technisch notwendigen Umschaltzeiten zwischen den verschiedenen Sendern und auch Sendungen zu überbrücken. Außerdem war sie Bindeglied zwischen dem Sender und am Zuschauer, sollte informieren und Geschmack machen auf das folgende Programm. Und sie sollte eine harmonische Überleitung bieten, was besonders wichtig war bei aufeinanderfolgenden gegensätzlichen Sendeformaten. Direkt dran ZUSPIELUNG 5 C. Reiber So dass der Zuschauer sagte, ach, das müssen wir uns anschauen. Und, sicher, der Auftritt war auch nicht unwichtig. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 6 „Bevor wir beginnen, ein kurzer Blick auf das, was wir Ihnen heute Abend bieten.“ (All diese eingestreuten Ansagen können als PUFFER dienen) ZUSPIELUNG 7 C. Reiber Wie sieht die aus, was trägt sie für eine Frisur? Was hat sie heute an? Das war schon alles wichtig, und das wussten wir auch. Und das war ja auch schön. ERZÄHLERIN Die Moderatorin Carolin Reiber, Jahrgang 1940, begann ihre Fernseh-Karriere als Ansagerin beim Bayerischen Rundfunk. Angefangen hatte alles mit einem munteren Interview Ende der 1950er Jahre, in dem die hübsche junge Frau von einem Aufenthalt in den USA erzählte. ZUSPIELUNG 8 C. Reiber Daraufhin meinte der damalige Leiter der Abendschau, Heinz Böhmler, ach, die wäre doch was. Und der ging zu meinen Eltern - ich sehe ihn noch im Wohnzimmer - und fragte meine Eltern, ob sie es erlauben würden, wenn ich Ansagerin werden würde. Wir sind ja mit 21 erst volljährig geworden! Und meine Eltern meinten, naja, wenn sie ´s kann, warum nicht. ERZÄHLERIN Schließlich steht zu dieser Zeit „Ansagerin“ neben „Stewardess“ ganz oben auf der Liste weiblicher Traumberufe. Doch die Umsetzung dieses Wunsches gelingt nur den wenigsten, auch weil die Eltern für solche „Flausen“ ihrer Töchter meist wenig Verständnis haben. Als „vernünftige“ weibliche Berufe gelten in Westdeutschland Sekretärin, Verkäuferin oder Krankenschwester, eine Anstellung in den Büros von Ämtern, der Post oder der Bahn. Und für so genannte „Bücherwürmer“ kommt auch das Lehramt in Frage – was allerdings noch bis Mitte der 1950er Jahre zur Sackgasse werden kann, weil in vielen Bundesländern die Frauen aufgrund des so genannten Lehrerinnenzölibats verpflichtet sind, bei einer Eheschließung, den Dienst zu quittieren. MUSIK: Rumba Anna 0‘28 Anmutung 50er Jahre ERZÄHLERIN Nach den Kriegsjahren, in denen Frauen häufig in harten Knochenjobs die fehlenden Männer hatten ersetzen müssen, gilt es im Westdeutschland der 50er und 60er Jahre als Privileg, als Ehefrau nicht zur Arbeit gehen zu müssen, sondern sich mit aller Kraft um einen geordneten Haushalt und das Wohlergehen von Mann und Kindern kümmern zu können. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 9 Ansage b Das Programm des Deutschen Fernsehens kommt heute vom Südwestfunk. Dazu begrüßen wir auch die Zuschauer des Österreichischen Fernsehens. ERZÄHLERIN Auch die Fernsehansagerinnen passen in gewisser Weise ins Schema der 50er und 60er. Schließlich ist es ihre Aufgabe, den attraktiven Rahmen zu bilden für die „gewichtigen“ Programminhalte, die fast ausschließlich von Männern erstellt werden. Ansagerinnen machen es dem Publikum quasi in der „Guten Stube“ Fernsehen schon mal gemütlich, bevor man zum wichtigen Teil des Abends kommt. Es ist eine Rolle, die ihnen beim Publikum enorme Popularität einbringt. ZUSPIELUNG 10 (Brécko) In den 50ern waren sie regelrechte Stars. Alles, was die ersten Fernsehansagerinnen Irene Koss, Ursula von Manescul, Dagmar Bergmeister sagten, trugen und taten, war der Presse eine Schlagzeile wert. Sie waren die Gesichter des jeweiligen Senders. ZUSPIELUNG 11 (Reiber) Das war so, dass die Leute oft, was ich sehr lustig fand, wenn ich zu meinem Friseur ging, hat er mal wieder… es kam wieder eine Kundin mit einem Bild von Ihnen „Ich möchte die Frisur haben!“ Aber das war ja ein Kompliment. Das war ja schön, wenn jemand sagt, ah, ich möchte genauso eine Frisur haben wie sie. ERZÄHLERIN Die hohen Gehälter allerdings, die man den Fernsehansagerinnen angesichts ihrer Prominenz oft unterstellt, existieren nur in der Vorstellung des Publikums. Carolin Reiber: ZUSPIELUNG 12 (Reiber) Wir hatten ja alle einen Beruf noch nebenbei. Ja, ich war ja Auslandskorrespondentin dann, und die anderen waren Schauspieler, die Anneliese Fleyenschmidt war mit dem Schreiben beschäftigt - also wir hatten alle unseren Nebenjob noch. Keine konnte davon leben. ZUSPIELUNG 13 (von Aretin/ Kappelsberger/ Fleyenschmidt) Dann kamen Briefe, gell: Was soll ich meine Tochter studieren lassen? - also um Ratschläge - Ja, wir waren ja in der Familie drin / Was hat denn die für eine Frisur – tät uns auch gefallen, oder gefällt uns überhaupt nicht… / Ich hab wahnsinnig viel Anrufe, Briefe gekriegt, das ging also an, ich hab meinen Schäferhund verloren, meine Tochter will Abitur machen, ich hab Schwierigkeiten in der Ehe, ich krieg keine Wohnung: ich hatte das Gefühl, du wirst ein bisschen wie ein Sozialbüro auch – zu der haben wir Vertrauen, die gehört zu uns, die kennt ja viele Leute, die ist ja in der Öffentlichkeit, und die kann mir helfen. ERZÄHLERIN Annette von Aretin, Anneliese Fleyenschmidt und Ruth Kappelsberger: Pionierinnen der Fernsehansage beim Bayerischen Rundfunk. Musik: Wo rote Rosen blüh’n 0‘42 Bei einem Treffen im Sommer 1992 schwelgten die drei in Erinnerungen an die aufregenden Anfangsjahre. Die drei waren bei einem Auswahlverfahren, das damals noch im Versuchsstudio in einem Münchner Blindenheim stattfand, aus hunderten von Bewerberinnen herausgefiltert worden, als der Sender 1954, knapp zwei Jahre nach dem bundesweiten Start des deutschen Fernsehens, ein eigenes Fernsehprogramm entwickelte. Am 6. November 1954 war es dann so weit: Annette von Aretin kündigte die erste Fernsehsendung aus Bayern an. ZUSPIELUNG 14 (Von Aretin – Start des BR-Fernsehens in der ARD) „Guten Abend, verehrte Zuschauer. Gestern konnten unsere Zuschauer uns zum ersten Mal sehen. Und heut dürfen wir uns Ihnen vorstellen: Der Bayerische Rundfunk im Deutschen Fernsehen. Von jetzt ab werden wir im Bereich des Senders Wendelstein unsere Münchner Abendschau täglich um 19 Uhr bringen und im Deutschen Fernsehen, also im Gemeinschaftsprogramm der Deutschen Rundfunkanstalten zwischen 20 und 22 Uhr, werden wir 5 oder 6mal in jedem Monat zu sehen sein. An den übrigen Tagen wird das Programm von den Studios in Hamburg, Köln, Berlin, Frankfurt, Stuttgart und Baden-Baden bestritten. Wir begrüßen unsere Zuschauer von den Alpen bis zur Nordsee auf das herzlichste und ebenso unsere Kollegen auf den anderen Stationen. Und wir hoffen, dass Ihnen unser Programm gefällt! ZUSPIELUNG 15 (Aretin, 1992) Evtl. Diese Zuspielung in die Mitte der obigen Ansage setzen, nach „Deutschen Fernsehens“, anschließend dann mit der Ansage weiter bis „Programm gefällt“). Und, bitte, den kleinen (Fremd-) Schnaufer unter „panisch“ nach Möglichkeit rausfiltern. Ich war panisch. Und hab das Ganze eigentlich wie in Narkose abgewickelt. Und es hat kein Wort gefehlt, also es ging, nur diese Angst hab´ ich nie mehr verloren beim Ansagen. ERZÄHLERIN Vielleicht liegt es an diesem permanenten Lampenfieber, dass die gelernte Fotografin, die bereits seit Ende der 40er Jahre in den verschiedensten Bereichen für den Bayerischen Rundfunk arbeitet, nach einigen Jahren als erste der drei Kolleginnen wieder aus der Ansage aussteigt – Annette von Artin leitet fortan das Besetzungsbüro des Hauses. Der Promi-Status beim Publikum bleibt ihr trotzdem erhalten, ist „unsere Annette“ doch festes Mitglied im Rateteam der deutschlandweit beliebtesten Fernsehsendung des Bayerischen Rundfunks. ZUSPIELUNG 16 Thema „Was bin ich“ 0‘33 ERZÄHLERIN „Was bin ich“ – DER Quotenrenner aus Bayern mit einer Einschaltquote von bis zu 75 Prozent. Das Team muss die Berufe wechselnder Studiogäste erraten, die auf Fragen ausschließlich mit „Ja“ oder „Nein“ antworten dürfen – wobei sie vom „Gastgeber“ Robert Lembke ebenso humorvoll und intelligent begleitet werden MUSIK falls lang genug, nochmal hoch ZUSPIELUNG 17 (Reiber) Es war sozusagen das Highlight des Bayerischen Rundfunks. Da die ganze Nation zugeschaut.- Ich mein, mit Robert Lembke….! ERZÄHLERIN Carolin Reiber erinnert sich noch genau an die große Aufmerksamkeit des Publikums für die Ansagen vor Straßenfegern wie „Was bin ich“. Sprache, Kleidung, Haare: alle wurde genauestens registriert – und oft auch kommentiert. ZUSPIELUNG 18 (Reiber) Die Kleider waren schon ein Problem: Es war ja erst mal alles Schwarz-Weiß. Und dann hatten wir einen Spind, ich hatte einen Schrank, da hing etwas in Tracht, etwas für Trauer und etwas für Sport. Denn das Programm hat ja oft gewechselt. Und dann mussten wir schnell umdisponieren. Und dann hat mir eine Zuschauerin geschrieben, also Frau Reiber, die Sendung war ja ganz gut, aber ihre Bluse war ganz schön verknittert. Die war nicht gut gebügelt! ZUSPIELUNG 19 (Fleyenschmidt) Wir konnten einen Pullover auf drei verschiedene Arten tragen. Denn konntest Du einmal linksrum, einmal rechtsrum, einmal mit nem Blüschen drunter, einmal mit ner Brosche hin, und dann sagten Leute: Die hat jeden Tag was anderes an. ERZÄHLERIN So Anneliese Fleyenschmidt. In welchem Outfit die Ansagerinnen auf dem Bildschirm erscheinen, interessiert auch die Kolleginnen brennend, die in den anderen Sendeanstalten auf die nächste Schalte warten. Dezent soll die Kleidung sein, gepflegt und ein bisschen vornehm – wenn man da nicht gerade ein Dirndl trägt wie etwa Carolin Reiber vom Bayerischen Rundfunk gelegentlich, kann es leicht mal zu Überschneidungen kommen. ZUSPIELUNG 20 (Reiber) An einem Abend, das wird ich nie vergessen: München mit der tollsten Ansage für „Was bin ich?“, dann WDR Claudia Dorn, dann…: viermal, und wir hatten alle das Gleiche an: einen beigen Twinset mit einer Perlenkette. Das war ein Halleluja! Das Gleiche passierte dann auch natürlich mit den Frisuren. Da kam die Zeit der Perücken, die Zeit der großen Haarteile. Und ich kann mich noch erinnern, da hatten wir dann mal einen Kommentar: Jetzt wächst die Frisur aus dem Bildschirm! ZUSPIELUNG 21 (Fleyenschmidt, Kappelsberger) Die Leute waren auf das Fernsehen wirklich wild. Die drehten um 5 Uhr den Knopf auf und blieben bis 10 dran. Drum hab ich immer gesagt: Die kommen an unserem Kopf gar nicht vorbei. Die drehten auf und dann waren wir da. Aber auf der anderen Seite war man ewig auf dem Präsentierteller – also ich habe meinen ersten Schock gekriegt, ich hab meinen Wagen abends in die Werkstatt gefahren zur Inspektion – und da war die Putzfrau da und schaut – Grüß Gott – Grüß Gott – sind Sie die vom Fernsehen? – Ja… - Nu, auf dem Bildschirm sind se aber auch scheener! ERZÄHLERIN Weil das Fernsehen in den Anfangsjahren ausschließlich schwarz-weiß ausgestrahlt wird, müssen Anneliese Fleyenschmidt, Ruth Kappelsberger und Annette von Aretin immer wieder für maskenbildnerische Experimente herhalten. Denn in Schwarzweiß wirkt beispielsweise ein roter Lippenstift nicht unbedingt rot. Aber ein blauer vielleicht…? ZUSPIELUNG 22 (v. Aretin, Fleyenschmidt) Da sind wir mit blauen Lippen – da hieß es, roter Lippenstift wirkt schwarz – mit hellblauen Lippen haben wir lieblich gesäuselt. / Wenn wir die allererste Zeit nehmen, da waren nur Experimente; da hat der Kameramann experimentiert, der Redakteur hat experimentiert, wir haben experimentiert, das Licht hat experimentiert – wir waren eigentlich selig, wenn wir auf dem Schirm waren und nicht gewackelt haben. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 23 Ansage e „Im Telezoo… “ ZITATOR 31. Sitzung des Fernseh-Ausschusses des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks. Behandelte Tagesordnung: Das Problem der Ansage - Gespräch mit den Ansagerinnen - Reportage der Münchner Abendschau über das Eheseminar in Landau Das Aufzeichnungsverfahren (Kursives verschwindet in Blende) ERZÄHLERIN Das Protokoll einer Sitzung vom 19. Dezember des Jahres 1955: sechs Herren und eine Dame vom Rundfunkrat und vom Sender beratschlagen, wie es mit der Fernsehansage weitergehen soll. Dafür sind Gäste geladen. ZITATOR „Der Vorsitzende begrüßt die Damen von Aretin, Fleyen-Schmidt und Kappelsberger, mit denen man sich heute einmal gemeinsam über das Problem der Ansage unterhalten wolle. ERZÄHLERIN So richtig begeistert scheinen die Sitzungsteilnehmer von den Ansagen nicht zu sein; Fernsehen gilt im Gegensetz zu Radio immer noch als leicht unseriös. Und Damen, so prominent im Programm? ZITATOR Pfarrer Hildmann wirft zunächst die Frage auf, wozu überhaupt eine sichtbare Ansage gebraucht werde. () Ob nicht die Sendungen selbst so stark sein sollten, dass sie den Kontakt schaffen?“ ZUSPIELUNG 24 Werbespot zur Rundfunkgebühr mit Ruth Kappelsberger „Verehrte Zuschauer… und Sie kriegen bestimmt ganz was Schönes!“ Musik: Busy Busy 0‘5 ZITATOR Die Damen von Aretin, Fleyen-Schmidt und Kappelsberger berichten aus der Praxis ihrer Ansagetätigkeit. Selbstverständlich können sie zu den Sendungen keine persönliche Meinung äußern, doch seien ihnen kleine Änderungen im Text der Ansage gestattet. Herr Märker bezweifelt, dass die Erscheinung der Ansagerin den persönlichen Kontakt stärke. Andererseits wäre eine Ansage ohne persönliche Erscheinung der Ansagerin auch nicht das rechte; doch solle das Bild der Ansagerin auf dem Schirm zwischen Großaufnahme und Aufnahme aus der Entfernung wechseln. Dr. Münster erklärt die derzeitigen Großaufnahmen der Ansagerin mit den Raumschwierigkeiten: im Studio II könne man durch die Beengtheit des Raumes die Distanz für ein ¾ Bild eigentlich nicht gewinnen. ZUSPIELUNG 25 (Aretin, Fleyenschmidt) Wir saßen in einem wirklich 12-Quadratmeter-Raum, hier saß der mit den Nachrichten, der immer Dienst gehabt hat, da saß die Ansagerin, und da saß jeweils der berühmte Gast. Und wenn man nicht dran war, ist man unter der Kamera rausgeschlichen, ganz leise, ist in den Regieraum – ist es in Ordnung so? Also es war wirklich eine lustige Akrobatik. / Wir waren in dem Studio, das war eine Baracke und es war sehr heiß, und es war Sommer. Und oben auf der Baracke stand die Sonne, und wir hatten wahnsinnig starke Lichter, und die Lichter waren noch viel heißer als heute, man schwitzte also. Und wir waren die „Damen ohne Unterleib“, ja, man saß also da und redete. Und einer der Kameraleute, der sah, dass mir so warm war, und brachte also eine solche Schüssel mit kaltem Wasser. Ich hatte also keine Strümpfe an, ich hab also die Füße ins kalte Wasser, hab oben ganz fein weitergeredet. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 26 Ansage Konsalik-Roman – Der folgende Film…. wünschen Ihnen viel Vergnügen 0´13 ERZÄHLERIN Mit Beginn des Farbfernsehens 1967 beginnt ein neues Kapitel - mit neuen Experimenten. Die spätere Ansagerin Silvia Brécko preist sich glücklich, damals nicht schon dabei gewesen zu sein. ZUSPIELUNG 27 (Brécko) Denn da konnte deine Gesichtsfarbe sich während einer Ansage ohne weiteres mehrmals von aschfahl über grünlich-gelb nach knallrot ändern. Durch die technische Übertragung der Farbsignale in den drei Grundfarben kam es nämlich anfangs zu ständigen Farbschwankungen auf dem Bildschirm. Das Farbfernsehen steckte halt noch in den Kinderschuhen. ERZÄHLERIN Allerdings steht auch nur in wenigen Haushalten schon einer der teuren Farbfernseher. Doch egal ob schwarzweiß oder bunt: auch in den wilden 70er Jahren gilt für Fernsehansagerinnen, insbesondere für die der ARD: ja nicht zu viel Sexappeal! Auch Moderatorinnen wie Carolin Reiber oder Petra Schürmann, die ehemalige Miss World, dürfen zwar im Regionalprogramm durchaus mal Bein zeigen. Als ARD-Ansagerinnen aber sind und bleiben sie die „Damen ohne Unterleib“. ZUSPIELUNG 28 (Brécko) Das ZDF setzte nicht zuletzt durch den größeren Unterhaltungsanteil in seinen Programminhalten schon früher darauf, auch mal Totalen zu zeigen. Und die Privatsender sind natürlich gleich in die Vollen gegangen, mit Dekolleté, Kurven und langen Beinen. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 29 Ansage Zur „Hallo-Elvis-Party erwarten Sie…. Gute Unterhaltung!“ Musik: You dirt rat 0‘31 ERZÄHLERIN Bereits ein Jahrzehnt, bevor ab 1984 die Privatsender mit ihrem – oft deutlich schrilleren Programm - den deutschen Fernsehmarkt eroberten, bemühten sich die Öffentlich-Rechtlichen um einen merklich lockereren Ton. Das galt auch für die Ansagen: die Texte stammten zunehmend nicht mehr aus den Redaktionen, sondern wurden von den Ansagerinnen selbst verfasst – und von den Ansagern, denn zum festen Team der Fernsehsender gehörten nun auch Männer, die bisher nur in „Ernstfällen“ wie etwa dem Tod hochrangiger Politiker oder aber im Radio zum Einsatz gekommen waren. Auch sonst wurden die Übergänge fließender, und die vertrauten Fernsehgesichter tauchten immer öfter außerhalb des gewohnten Studioumfelds auf: die gelernte Schauspielerin Ruth Kappelsberger etwa spielte häufig in kleinen Heimatfilmen mit, während die kurzhaarige blonde Hanni Vanhaiden vom NDR – Markenzeichen dicke Brille – eine Kindersendung moderierte und sich als Schlagersängerin versuchte. Musik: Vanhaiden „Ich bin die Mieze vom 1. Kanal“ 0‘15 (nach Wahl, rechtzeitig über Programmaustausch bestellen). Den Vanhaiden-Song „Ich bin die Mieze vom 1. Kanal“ finde ich nur auf Youtube, von wo man ihn im Rahmen der Produktion bitte runterziehen müsste) ERZÄHLERIN Und Carolin Reiber macht deutschlandweit Fernseh-Karriere. Dabei hatte sie doch in ihrer Anfangszeit als Ansagerin für ihr rollend-bayerisches „r“ oft heftige Kritik einstecken müssen. ZUSPIELUNG 30 (Reiber) Also zunächst haben sich vor allem die Hessen darüber beklagt, was die Münchnerin da für ein „r“ spricht. Aber: ich bekam es in den Griff, und nach einiger Zeit konnte ich nach Wunsch rollen oder nicht. ERZÄHLERIN Und mit der ZDF-Sendung „Lustige Musikanten“, die sie ab 1978 moderiert wird das bayerische „R“ ohnehin zu ihrem ganz besonderen Markenzeichen. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 31 Ansage a: Ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserem Abendprogramm im Ersten! ERZÄHLERIN Nach der Einführung der Privatsender, in denen Ansagen schon bald von Programmtrailer und Spots ersetzt wurden, ging auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern die Ära der Programmansagen langsam zu Ende. Leider, sagt Sylvia Brécko, die heute erfolgreich als Kabarettistin arbeitet. ZUSPIELUNG 32 (Brécko) Weil die Fernsehansage zur Sender-Kennung beitrug. Gesichter, die man konkret mit einem Fernsehsender verbindet. Menschen, zu denen der Zuschauer eine Verbindung aufbaut. Außerdem hatte die Fernsehansage Tradition. Sie war von der ersten Fernsehstunde an dabei, und Traditionen zu pflegen schadet oft nicht. Musik: The Bat Swing (A) 0‘40 ERZÄHLERIN Das letzte Ansage-Wort bei den Öffentlich-Rechtlichen, sieht man einmal vom Kultursender Arte und von ARD alpha ab, wo man gelegentlich noch heute auf diese Art der Programmpräsentation zurückgreift, gehörte – Zufall oder nicht – einem Mann. Mit der Präsentation des Silvesterprogramms 2004 durch Dénes Törzs vom NDR ging die Ära der Fernsehansage zu Ende.
- Romeo und Julia - Die tragische Lovestory
14.03.2025 · 23 Min.
Sie sind das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur, Stoff zahlloser Theaterstücke, von Musik und Kinofilmen - und längst Synonym für alle herzergreifenden Liebesbeziehungen: Romeo und Julia. William Shakespeares Liebesdrama hat sie zur berühmtesten Liebesgeschichte aller Zeiten gemacht. Von Frank Halbach (BR 2022) Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christiane Roßbach, Edith Saldanha, Sven Hussock Technik: Roland Böhm Redaktion: Susanne Poelchau Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Valentinstag - Von Märtyrern und Liebenden
14.03.2025 · 22 Min.
Auf der ganzen Welt schicken sich Verliebte am Valentinstag Karten und schenken sich Blumen. Haben Floristen das Fest erfunden? Geht es auf den katholischen Schutzheiligen der Liebenden St. Valentin zurück? Oder auf einen alten heidnischen Brauch? Aber wieso kam der Valentinstag dann über die USA nach Europa? Von Frank Halbach (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Edith Saldanha, Christian Baumann Redaktion: Andrea Bräu Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Kamasutra - Leitfaden für Liebe, Erotik und Lebensweise JETZT ANHÖREN Stalking - Wenn die „Liebe“ Wahnsinn ist JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Klaus Thiele-Dohrmann: Wenn die Vögel Hochzeit machen. Geoffrey Chaucer und die Geschichte des Valentinstags. In: DIE ZEIT. 08/2004, 12. Februar 2004 – detaillierte Darstellung der Bedeutung von Chaucers Gedicht. Josef Kurz: Recherchen und Gedanken zum Valentinstag. 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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK „Something stupid“; ZEIT: 00:57 SPRECHERIN Alle Jahre wieder: Zwangsverordnete Gefühlsduselei, sentimentale Candlelight-Dinner, pinke Konfektschachteln in Herzform… SPRECHER Am 14. Februar ist Valentinstag: Das Fest der romantischen Liebe SPRECHERIN Begangen mit unzähligen kitschigen Karten, mehr oder weniger geschmackvollen Blumengebinden und sündhaft teuren Pralinen. SPRECHER Zeit, sich endlich mal wieder dran zu erinnern, Partner oder Partnerin zu zeigen, dass und wie sehr man liebt. SPRECHERIN Meinen die einen. Eine Verkaufsstrategie des Blumenhandels im Speziellen und der gesamten Kommerzindustrie im Allgemeinen… SPRECHER …sagen die anderen. SPRECHERIN Gänzlich unromantischer Konsum oder… SPRECHER Eine wirklich alte Tradition – wie immer wieder zu hören und zu lesen ist. SPECHERIN Eine vor gerade Mal einem halben Jahrhundert aus Amerika importierte Tradition. Weil diese neue „alte“ Tradition Rekordumsätze beschert, schimpfen Kritiker. Er gehe doch aber auf den Heiligen Valentin zurück, dessen Gedächtnis am 14. Februar begangen werde, behaupten Verfechter des Valentinstags. MUSIK ENDE MUSIK 2 privat Take 018 „Windflower“; Album: Mortal Engines; Label: Back Lot Music – BLM0759; Interpret: Tom Holkenborg; Komponist: Tom Holkenborg; ZEIT: 01:05 SPRECHER Im 3. Jahrhundert, da lebte in Rom Valentin. Er liebte Dinge, die wachsen, und unter seinen Händen gediehen wunderbare Blumen und sein Garten erblühte zum schönsten der heiligen Stadt, denn der Segen Jesu Christi, den er aus tiefstem Herzen verehrte, lag auf ihm. Aber das war nicht das einzige, was Valentin zum Knospen brachte: Er traute Liebespaare nach christlichem Ritus und schenkte ihnen Blumen aus seinem Garten, um auch ihre Herzen erblühen zu lassen. Ehen, die Valentin derart segnete, standen unter einem besonders guten Stern, waren glücklich und kinderreich. Auch setzte sich Valentin mit Rat und Tat für Liebende ein, indem er mit den Angehörigen sprach, wenn sie einer Verbindung zweier Liebender nicht zustimmen wollten. Doch der römische Kaiser Claudius Gothicus hatte den christlichen Ritus verboten: Er ließ Valentin in den Kerker werfen. Am Abend vor seiner Hinrichtung schrieb er im Auftrag der Tochter seines Gefängniswärters noch einen Brief an ihren Liebsten, um ihr zum Glück zu verhelfen. Am 14. Februar 269 wurde er enthauptet. Seither ist der Märtyrer, der heilige Valentin aus Rom, der Schutzpatron der Liebenden. MUSIK hoch und ENDE SPRECHERIN Diesen heiligen Valentin, Patron der Liebenden, dem am 14. Februar gedacht wird: Es gibt ihn nicht. Jedenfalls nicht mehr. Seit der Reform des römischen Generalkalenders im Jahr 1970 und der anschließenden Reform des Regionalkalenders für das deutsche Sprachgebiet 1972 taucht dieser Heilige weder an diesem noch an sonst einem Tag im liturgischen Kalender auf. SPRECHER Es gibt drei Heilige mit Namen Valentin. Ein heiliger Valentin war Bischof von Rätien. Sein Gedenktag wird aber am 7. Januar begangen. SPRECHERIN Dann gibt es einen Valentin von Rom und einen Valentin von Terni. Womöglich handelt es sich aber bei den beiden um ein und dieselbe Person. Die Überlieferung vermischt beide nämlich. SPRECHER Als der Heilige, der für Liebe und Zärtlichkeit Pate steht, wird in der Regel Valentin von Terni identifiziert. SPRECHERIN Allerdings ist dieser Heilige Vall-entin der Schutzheilige gegen Fallsucht, also Epilepsie. Daher wird er mit einem zu seinen Füßen liegenden Epileptiker dargestellt. SPRECHER Und teilt sich diese Zuständigkeit wiederum mit Valentin von Rätien, der gleichfalls für Epilepsie und außerdem als Patron gegen Krämpfe, Gicht und Viehseuchen zuständig ist. SPRECHERIN Verwirrend. Aber am 14. Februar gefeiert wurde der Tag des Valentin von Terni. SPRECHER Und diesen Tag hat man aus dem liturgischen Kalender gestrichen, da sich die Quellenlage für einen Heiligengedenktag am 14. Februar als nicht stichhaltig herausgestellt hat. SPRECHERIN Was aber viel wichtiger ist: Weder das Leben des Heiligen Valentin, noch seine Wirkung lassen sich in einen Zusammenhang als Schutzpatron der Liebenden bringen. Der Valentinstag als Fest der Liebenden hat mit einem heiligen Valentin nur eines zu tun: den Namen Valentin! Sonst leider nichts. MUSIK privat Take 019 „Something stupid“; Album: Background Music & Sounds From I’m In Records; Label: 2023 Integral Music Group; Interpret: unbekannt; Komponist: Carson Parks; ZEIT: 00:20 SPRECHER Aber woher stammt der Anlass für das Fest der Liebenden am 14. Februar dann? MUSIK hoch und Ende bei 00:20 SPRECHERIN Das ist die Frage. Denn im Mittelalter galt der 14. Februar vielmehr als Unglückstag: Es soll der Geburtstag von Judas gewesen sein, dem Jünger, der Jesus verraten hat. Kälber, die am 14. Februar geboren waren, wurden nicht zur Zucht eingesetzt. Bruthennen durfte man nicht auf die Eier setzen, weil man glaubte, sie würden faulen oder missgestaltete Küken würden aus ihnen schlüpfen. In der Schweiz hat der Valentinstag sogar einer Dämonengestalt, dem „Väledi“, den Namen gegeben, eine Hauptfigur der Steiner Fasnacht. Sein Maskenträger führt den Narrentanzes auf den Dorfplatz an. SPRECHER Blickt man jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurück: MUSIK „LUDI INTER PANA“; ZEIT: 00:59 SPRECHERIN In Rom wurde vom 13. bis 15. Februar das Hauptfest des Gottes gefeiert, der als Beschützer der Bauern und Hirten, ihres Viehs und ihrer Äcker galt: Faunus. Die Feierlichkeiten nannte man die Luperkalien, nach dem Beinamen des Gottes: „Lupercus“, was so viel wie „Wolfsabwehrer“ bedeutet. SPRECHER Die Luperkalien waren ein Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest, das man bei Annährung des Frühlings feierte. Und es war bei den Römern Sitte, anlässlich dieser Feierlichkeiten jungen Frauen junge Männer für eine gewisse Frist zuzulosen. Frühe Frühlingsgefühle durften so rituell abgesegnet ausgelebt werden. SPRECHERIN Ganz genau weiß man über diesen Brauch im Rahmen des Festes von Faunus nicht Bescheid. Was man weiß: Die katholische Kirche versuchte nach dem Sieg über das Heidentum, diesem Tag einen gänzlich anderen Anstrich zu verpassen: Statt den Namen eines oder einer Liebsten wurden den jungen Leuten die Namen christlicher Heiliger zugelost, deren Leben, Tugend und Märtyrertum sich der oder die Jugendliche zum Vorbild nehmen sollte. MUSIK ENDE MUSIK privat Take 019 „Something stupid“; Album: Background Music & Sounds From I’m In Records; Label: 2023 Integral Music Group; Interpret: unbekannt; Komponist: Carson Parks; ZEIT: 00:20 SPRECHER Ein früher Fall, wo das Angebot nicht mit der Nachfrage der Zielgruppe übereinstimmt. MUSIK hoch und Ende bei 00:20 SPRECHERIN Das mit dem Losen allerdings: das hat sich bis ins Mittelalter gehalten. MUSIK „ Saltarello Nr. 1. Tanz für Renaissance-Instrumente“; ZEIT: 31 SPRECHER In England konnte am 14. Februar jeder Valentin zu seiner Valentine kommen. Das Schicksal entschied: per Los oder einfach durch die erste Begegnung nach Sonnenaufgang. SPRECHERIN Der unverheiratete junge Mann durfte nun das ledige Mädchen ausführen und so lange als Partnerin betrachten – natürlich bei Wahrung von Sitte und Anstand. SPRECHER Solche Paarbildungen galten als besonders glücksverheißend für eine spätere eheliche Bindung. SPRECHERIN Begleitet wurde dieser Brauch davon, sich gegenseitig kleine Aufmerksamkeiten zu schenken, insbesondere Gedichte: MUSIK ENDE – „The Disposition of Linen“; ZEIT: 01:29 SPRECHER Zwar kenn‘ ich Amor nicht in Tun und Wesen Noch weiss ich, wie er treuen Dienst vergütet, Doch hab in Büchern ich gar oft gelesen, Welch Wunder er vollbringt, und wie er wütet, Und lese, dass als König er gebietet. SPRECHERIN Dichtet der Autor der weltberühmten "Canterbury Tales" Geoffrey Chaucer in den 1380er Jahren. Anlass ist wohl die Vermählung König Richards II. mit Anna von Böhmen. Das Gedicht umfasst 100 Strophen und trägt den Titel: SPRECHER Das Parlament der Vögel SPRECHERIN Wer kennt nicht das Kinderlied: SPRECHER (angedeutet singend) Ein Vogel wollte Hochzeit machen. SPRECHERIN Bei Chaucer geht es schon vor über 600 Jahren um eine solche Vogelhochzeit. Ein Königsadler wirbt leidenschaftlich um eine schöne Adlerdame. SPRECHER Die wird rot wie eine "Rosenblüte im Sommersonnenschein" … SPRECHERIN …und es verschlägt ihr die Sprache. SPRECHER Zwei weitere Adlerjunggesellen melden sich zu Wort. Der Falke plädiert für ein Turnier um die Adlerin. Die Gans merkt an, werde ein Freier nicht erhört, solle er nach einer anderen Braut suchen. Die Turteltaube besteht auf für unbedingter Treue. Der Kuckuck lobt die Vorzüge des Single-Daseins, wofür er vom Falken als selbstsüchtiger Nimmersatt beschimpft wird, da… SPRECHERIN Da greift die Göttin Natur ein: und meint, die ledige Adlerin solle sich entscheiden. Die bittet um ein Jahr Bedenkzeit. SPRECHER Alle anderen Verlobungen im Parlament der Vögel sind schnell vollzogen. Jedes Männchen bekommt ein Weibchen zugewiesen. SPRECHERIN Und alle singen zum Schluss hochzufrieden: SPRECHER Sankt Valentin, du bist der Hochgestellte, für dich die Vögel dieses Lied beginnen: Willkommen, Sommer, der des Winters Kälte durch seine warme Sonne ließ zerrinnen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Damals fiel der 14. Februar von heute auf den 23. Februar im Julianischen Kalender. Ab dann würden die Vögel damit anfangen, sich zu paaren und zu nisten. Angeblich beziehe sich Chaucers „Parlament der Vögel“ auf eine bereits etablierte Tradition – belegen lässt sich das aber nicht. SPRECHER Zu Chaucers Zeit wurde noch eine Reihe weiterer Gedichte über Vogelhochzeiten am Valentinstag verfasst. Schwer zu sagen, ob die Gedichte entstanden, weil man dachte, dass die Paarungszeit der Vögel beginne oder ob man wegen der Gedichte daran glaubte, dass ab dem sogenannten Valentinstag, das Federvieh mit seiner Balz anfing. SPRECHERIN Und da die mittelalterlichen Werke über die Vogelhochzeiten nicht exakt zu datieren sind, lässt sich auch nicht sicher sagen, ob Chaucer die Idee als erster hatte. MUSIK “Lamento di Tristano“; ZEIT: 01:07 SPRECHER Im Mittelalter wird aber jedenfalls zu ersten Mal der 14. Februar als jährlich wiederkehrendes Fest der Liebe beschrieben: In der „Charter of the Court of Love“, entstanden um das Jahr 1400, werden Festlichkeiten des königlichen Hofes von Karl VI. von Frankreich beschrieben. In der Stadt Mantes-la-Jolie gab es ein Festmahl, Tanz, Turnierkämpfe sowie Wettbewerbe in Liebesliedern und –poesie. SPRECHERIN Allerdings lassen sich keinerlei weitere Quellen des Hofes zu diesem Fest finden. Und von den in der Charta erwähnten Persönlichkeiten war keine in Mantes-la-Jolie, außer der Königingemahlin, der Wittelsbacher Prinzessin Isabeau de Bavière, so dass die Darstellung des Festes wahrscheinlich nur den niedergeschriebene Wunschtraum der Prinzessin darstellt. SPRECHER Herzog Karl von Orléans schreibt im Jahr 1415 nach der Niederlage bei der Schlacht von Azincourt während er als Gefangener im Tower schmachtet, an seine Frau: SPRECHERIN (wie den Brief lesend) Ich bin schon krank vor Liebe, meine süße Valentine… SPRECHER Und in einem der bedeutendsten Werke der Weltliteratur, William Shakespeares „Hamlet“, singt Ophelia: SPRECHERIN Auf morgen ist Sankt Valentins Tag, Wohl an der Zeit noch früh, Und ich, ’ne Maid, am Fensterschlag, Will sein eu’r Valentin. Er war bereit, tät an sein Kleid, Tät auf die Kammertür, Ließ ein die Maid, die als ’ne Maid Ging nimmermehr herfür. MUSIK ENDE SPRECHER Durch Chaucer, Shakespeare und andere britische Poeten gewinnt der Valentinstag im englischen Sprachraum nach und nach einen immer höheren Stellenwert, und Liebesgedichte zum Valentinstag werden zu einer romantischen Erfolgsgeschichte. MUSIK „The Draughtsman's Contract” SPRECHERIN Und zu einem Riesengeschäft: Im Jahre 1797 kam das Buch „The Young Man’s Valentine Writer“ heraus, voll mit Versen für junge Liebhaber, die nicht selbst dichten konnten. Druckereien hatten zu diesem Zeitpunkt schon begonnen, Valentinskarten herzustellen: Die so genannten „Mechanical Valentines“. Anfang des 19. Jahrhundert waren sie so beliebt, dass man sie in Fabriken produzierte. Als in Großbritannien 1840 die Briefmarke eingeführt wurde, und damit zugleich das Karten verschicken erheblich billiger wurde, kam es zu einem regelrechten Valentinskarten-Tsunami: 400.000 Stück waren es zum Valentinstag 1841. SPRECHER Ein weiterer Vorteil der britischen Postreformen: Man konnte Karten ohne Absender verschicken. In der prüden viktorianischen Epoche ließ sich so Liebe und Lust aus der Ferne gestehen, ohne dass man seine Identität preisgeben und damit sein Gesicht verlieren musste. SPRECHERIN Die Feierlichkeiten, Traditionen und Bräuche zum Valentinstag, die sich seit der frühen Moderne in England ausgebildet hatten, gelangten im 19. Jahrhundert durch Auswanderer in die Vereinigten Staaten. Und damit auch das Geschäft mit den Valentinskarten. Hier wurden ab 1848 von Esther Howland aus Worcester, Massachusetts, die ersten in Massenproduktion hergestellten Valentinstagskarten vertrieben. SPRECHER Valentinstag wird, beziehungsweise ist bereits, ein nationaler Feiertag. SPRECHERIN Bemerkt ein amerikanischer Journalist bereits 1849. Damit wurde das Geschäft mit dem Valentinstag zum Wegbereiter weiterer kommerzialisierter Feiertage. SPRECHER 1868 erfand der britische Schokoladenhersteller Cadbury verzierte Pralinenschachteln in Herzform, die man zum Valentinstag verschenken konnte. SPRECHERIN Und im 20. Jahrhundert waren aus dem Brauch des Karten- und Gedichte-Austauschs Geschenke jeder Art geworden, insbesondere erhältlich bei Tiffany & Co oder Cartier. Im Jahr 2016 gaben allein die US-Amerikaner 19,7 Milliarden Dollar für Karten, Blumen, Pralinen und andere Geschenke zum Valentinstag aus. MUSIK ENDE SPRECHER In Amerika entwickelte sich der Valentinstag weiter: Vom Tag der Liebenden über einen Tag der familiären Beziehungen bis zu einem Tag der Freundschaft. SPRECHERIN Kein Wunder: Das erweitert die Absatzmöglichkeiten nochmal erheblich. SPRECHER Ab wann genau das Valentinsbrauchtum im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt, lässt sich nicht mehr herausfinden. SPRECHERIN Aus dem Spätmittelalter ist die Bezeichnung Vielliebchentag überliefert. Das trifft nicht nur die ursprünglichere Bedeutung des Tages besser, sondern trennt ihn von einer nicht vorhandenen Verbindung zu einem heiligen Valentin. SPRECHER Spätestens ab den 1950er Jahren gewinnt der Valentinstag auch bei uns eine immer größere Rolle. SPRECHERIN In Westdeutschland bekannt wird er vor allem durch hier stationierte US-Soldaten. 1950 findet in Nürnberg der erste deutsche „Valentinsball“ statt. Als „weltlicher“ Feiertag steht er jedoch lange im Schatten des Muttertags. SPRECHER Der Valentinstag wird aber immer wichtiger. Und zwar in ganz Europa. Er hat es sogar bis nach Lateinamerika, Singapur, Südkorea und Japan geschafft. Und sogar die katholische Kirche bemüht sich mittlerweile, den Valentinstag zu integrieren. Ehepaare werden eigeladen, ihr Eheversprechen zu erneuern, „Segensfeiern am Valentinstag“ veranstaltet, Verlobte dürfen den Beistand Gottes in der Vorbereitung auf die Ehe erbitten, und in der Predigt und in den Gebeten wird darauf hingewiesen, dass Gott die Quelle der Liebe und der Treue ist. MUSIK privat Take 019 „Something stupid“; Album: Background Music & Sounds From I’m In Records; Label: 2023 Integral Music Group; Interpret: unbekannt; Komponist: Carson Parks; ZEIT: 00:20 SPRECHERIN Damit folgt man dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Konsum als Förderer der Liebe? MUSIK hoch und Ende bei 00:20 SPRECHER Und Schuld an allem sind – könnte man zusammenfassend sagen - die alten Römer mit ihrem Faunus-Fest, den Luperkalien. SPRECHERIN Eine zwar spekulative, aber sehr einleuchtende Herleitung. Seit dem 18. Jahrhundert ist die Idee verbreitet, dass der Valentinstag die Bräuche der Luperkalien verewigt. SPRECHER Vor allem durch das Werk „The Lives of the Fathers, Martyrs, and Principal Saints“ des englischen katholischen Priesters und Heiligenforschers Alan Butler, aber auch durch Schriften mehrerer anderer Forscher. SPRECHERIN Butlers Theorie ist heute gemeinhin akzeptiert. SPRECHER Chaucers Gedicht „Das Parlament der Vögel“ ist dann einer der ersten Hinweise, dass der Tag des Heiligen Valentin etwas mit dem Tag der Verliebten zu tun hat. SPRECHERIN Ein Heiliger, dessen Leidensgeschichte und dessen Existenz offenbar erfunden sind. „Schuld“ am Valentinstag sind allerdings nicht einfach die Römer, sondern genau genommen doch die katholische Kirche. SPRECHER Aber hat die den Heiligen nicht abgeschafft? SPRECHERIN In dem Fall liegt die Schuld bei Papst Liberius, dessen Pontifikat von 352-366 währte. Ursprünglich fiel das kirchliche Fest von Christi Geburt auf den 6. Januar – den Tag den heute noch die orthodoxen Kirchen als den Geburtstag Jesu feiern. Papst Liberius aber verlegte 354 die Feier des Weihnachtsfestes auf den 25. Dezember. In erster Linie, um jegliche Verbindung zum heidnischen Sonnenkult zu kappen – denn der 6. Januar war das Fest des römischen Sonnengottes Sol invictus – die unbesiegbare Sonne. Aber was hat Weihnachten mit dem Valentinstag zu tun? SPRECHER Nach mosaischem Gesetz musste ein Neugeborener, und damit auch Jesus, nach vierzig Tagen in den Tempel gebracht werden. Dieser Tag wird als "Darstellung des Herrn" gefeiert. Der erstgeborene Sohn wurde als Eigentum Gottes angesehen, dem Tempel übergeben und musste traditionell durch ein Geldopfer ausgelöst werden. Der Tag ist auch als „Mariä Lichtmess“ oder „Mariä Reinigung“ bekannt, da eine Frau gemäß mosaischem Gesetz nach Geburt eine Knaben 40 Tage als unrein galt und sich einem Reinigungsritual unterziehen musste. SPRECHER Als Weihnachten noch am 6. Januar gefeiert wurde, war 40 Tage später: SPRECHERIN Der 14. Februar. SPRECHER Und wenn Weihnachten auf den 25. Dezember vorverlegt wird, fällt Mariä Lichtmess… SPRECHERIN Auf den 2. Februar, an dem sie noch heute gefeiert wird. Der 14. Februar aber wurde dadurch zu einem leeren Tag, einer Art Loch im Kalender, das gestopft werden wollte. MUSIK 1 „Something stupid“; ZEIT: 01:01 Sprecher (bewundernd) Man nehme einen Heiligen namens Valentin, setzte seinen Todestag auf den vakanten 14. Februar und male den Tag im Laufe der Zeit mit brauchtumsstützenden Ereignissen aus. SPRECHERIN Man nehme ein uraltes Fest, in diesem Fall eines, das irgendwie mit Liebe zu tun, und sehe, wie man maximal Profit daraus schlagen kann. SPRECHER Aber rote Rosen, ein paar Pralinen und ein romantisches Gedicht haben noch niemandem geschadet. Und heute lassen sich digitale Valentinswünsche und animierte Grußkarten online völlig kostenlos verschicken. MUSIK hoch und ENDE