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Deutsche und Amerikaner - Wie 1945 aus Feinden Freunde wurden

02.07.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Die US-Armee rückte 1945 in deutsches Feindesland vor und brachte statt Hass und Furcht Schokolade, Kaugummi, Coca Cola - und die Grundlagen für einen demokratischen Neuanfang. In Windeseile wurden Amerikaner und Deutsche im beginnenden Kalten Krieg zu engen Verbündeten. Von Florian Kummert

Credits
Autor dieser Folge: Florian Kummert
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprach: Katja Amberger 
Technik: Laura Picern
Redaktion: Iska Schreglmann

Im Interview:
Helmut Markwort, Journalist
Wolfgang Reinicke, Historiker


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Linktipps:

Zeitzeugen-Berichte, Haus der Bayerischen Geschichte, Regensburg
HIER geht es zur Website

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

OTON 1 Helmut Markwort 1

Ich bin ja im Hessischen aufgewachsen. Mein Vater war Justizbeamter in Darmstadt. Und da waren aber so viele Luftangriffe immer auf Darmstadt, dass die Familie gesagt hat, wir gehen aufs Land, wir ziehen nach Rodach, bei Coburg. Heute heißt das ganz vornehm Bad Rodach. Aber wir sind zu weiblichen Vorfahren nach Rodach. Und da habe ich als Achteinhalbjähriger den Einmarsch der Amerikaner erlebt.

ERZÄHLERIN

Erinnert sich Helmut Markwort, vor allem bekannt als langjähriger Herausgeber des Nachrichten-Magazins Focus. Der Journalist und Politiker ist Jahrgang 1936. 

OTON 2 Helmut Markwort 2

Natürlich hatte man uns Angst gemacht vor den Amerikanern. Die fressen Kinder und was nicht alles. 

Musik:  Minimal melancholy underscore 0‘34

ERZÄHLERIN

Am 10. April 1945 marschieren die Amerikaner in Rodach ein, nachdem die Stadt einige Tage zuvor durch Artilleriefeuer beschossen wurde. Dabei ging auch die Spielzeugfabrik von Helmut Markworts Großvater in Flammen auf.

OTON 3 Helmut Markwort 3 

Ich habe kurz vor dem Einmarsch die lächerlichen Anstrengungen des sogenannten Volkssturms miterlebt. Die alten Männer, die noch da waren und Frauen, die haben Panzersperren auf der Hauptstraße, wo wir wohnten, errichtet, die Straße aufgerissen. Panzersperren gegen die Amis. Dann kamen die Amerikaner, sind da drüber gefahren wie über nichts. Schwupp, waren die Panzersperren weg.

Geräusch Panzer, berstendes Holz

ERZÄHLERIN

Tagelang sind zuvor nur vereinzelte deutsche Soldaten zu sehen, auf der Flucht vor den Amerikanern, am Ende ihrer Kräfte, mit einer kaum mehr funktionierenden Ausrüstung. Die Amerikaner dagegen rücken mit neuesten Panzern und Jeeps an, technisch weit überlegen. Die verbliebenen Rodacher empfangen die US-Streitkräfte, stehen aufgereiht am Rand der Hauptstraße, und sind – so erzählt Markwort - erleichtert.

OTON 4 Helmut Markwort 4

Also dieses Rodach liegt ja an der Grenze zu Thüringen. Und als man hörte, der Krieg ist verloren, alles aus, gab es unter meinen Tanten - die Männer waren ja alle im Krieg, ich war ja umzingelt von Tanten und Dienstmädchen und nur Frauen - da gab es nur ein Gerede: hoffentlich kommen nicht die Russen. Das war die größte Angst: vor den Russen. Und tatsächlich war ja zwei Kilometer hinter Rodach, Hildburghausen in Thüringen, bis dahin sind die Russen gekommen, und die Amerikaner sind zu uns gekommen. Deswegen wurden die wie Befreier begrüßt. Die haben freundlich gewinkt und die waren sehr nett. Das war ein herzliches Willkommen. Und da sind wir Kinder immer hingelaufen. Und die haben Kaugummi rausgeworfen.

MUSIK:  Glenn Miller - American Patrol 0‘37

ERZÄHLERIN

Chewing Gum. Die Wunderwaffe der Amerikaner, die die Herzen der deutschen Kinder erobert. Ebenso effektiv und beliebt: Hersheys Schokolade. Und natürlich dieses dunkelfarbige, süße Getränk in den kleinen, elegant geschwungenen Glasflaschen. 

OTON 5 Helmut Markwort 5

Das sensationelle Getränk Coca-Cola. Das kannte ja kein Mensch. Ihr Coke, das war natürlich ein Hammer.

MUSIK Glenn Miller - American Patrol (unter nächstem Absatz wieder ausblenden)

ERZÄHLERIN 

Die Siegermacht USA, hier gefeiert als Befreier. Doch während der nicht einmal neunjährige Helmut Markwort seine erste Cola genießt und sich in Windeseile mit den amerikanischen Soldaten anfreundet, wird in anderen Teilen Bayerns noch erbittert gekämpft. Tag für Tag arbeitet sich die US-Armee nach Süden vor, nimmt Bayreuth und Nürnberg ein. Am 23. April erreichen die Gis die Donau bei Regensburg. 

OTON 6 Wolfgang Reinicke 1a

Regensburg wurde auch beschossen durch die Amerikaner. Es gab aber eine Bewegung im April 1945, wo sich mutige Bürgerinnen und Bürger dafür eingesetzt haben, dass die Stadt eben friedlich den Amerikanern, die schon vor den Toren der Stadt standen, übergeben würde. Das ist dann vereitelt worden von den NS-Machthabern, die sich noch halten konnten. 

ERZÄHLERIN

Erzählt der Historiker Wolfgang Reinicke. Er hat die Dauerausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg mitkonzipiert. Ein Blick zurück in die Vergangenheit. Die Tragik der letzten Kriegstage wird anhand etlicher Objekte spürbar. Auf einem Pappschild steht geschrieben: „Hier starb ein Saboteur.“

OTON 7 Wolfgang Reinicke 1b

Wir stehen hier gerade an einer sehr berührenden Hinterlassenschaft. Domprediger Johann Mayer, der sich sehr stark für diese friedliche Übergabe der Stadt an die Amerikaner eingesetzt hat und dafür dann mit seinem Leben bezahlen musste, wurde von den Nationalsozialisten noch wenige Tage vor Kriegsende gelyncht und gehängt. Und seine Leiche hing dann in der Stadt eine gewisse Zeit und um seinen Hals herum wurde ein sehr fieses Schild gehängt. „Hier starb ein Saboteur.“ Das sollte abschreckend wirken und nochmal die ganze Verachtung der NS-Machthaber für diesen Versuch des aus ihrer Sicht schändlichen Verrats darstellen.

ERZÄHLERIN

Nur vier Tage später, am 27. April 1945, wird Regensburg kampflos den US-Truppen übergeben. Aus den Häusern, von den Balkonen und selbst von Kirchtürmen hängen nun weiße Fahnen. Ein erhaltenes Exemplar ist auch im Haus der Bayerischen Geschichte zu sehen. 

OTON 8 Wolfgang Reinicke 2

Die weiße Fahne, wahrscheinlich das Symbolobjekt schlechthin vom Kriegsende, nicht nur in Bayern 1945, sondern in ganz Deutschland. Man muss sagen, eine ehemals weiße Fahne, diese weiße Fahne, der sieht man das Weiß gar nicht mehr so richtig an. Das war ein ehemals weißes Bettlaken aus Neuendettelsau, der Diakonie dort, aus dem Lazarett. Und dieses Bettlaken wurde an einen Kiefernstamm dran geknüpft und mit diesem Kiefernstamm zusammen aus dem Nordturm der Laurentiuskirche in Neuendettelsau gehängt. Und zwar war das im April 1945, um den Amerikanern, die eben auch vor den Toren standen, zu signalisieren, bitte, wir ergeben uns, bitte nicht mehr schießen.

Musik:  Moderate moods (red.) 0‘28

ERZÄHLERIN 

Zeitzeugen, die noch aus erster Hand vom Aufeinandertreffen der Deutschen und Amerikaner erzählen können, gibt es immer weniger. Doch das Haus der Bayerischen Geschichte hat ein umfangreiches Archiv an Zeitzeugen-Interviews angelegt. Gespräche – geführt von den 1990er Jahren bis heute. Sie halten die Erinnerungskultur lebendig. 

OTON 9 Ludwig Steinherr 1

In aller Herrgottsfrüh hieß es plötzlich, die Amerikaner sind da, die Amerikaner sind da! Und ich bin ans Fenster gesaust und da sind sie gekommen, so hintereinander in einer langen Reihe in den Ort einmarschiert, an den Hausreihen entlang, haben dann gleich Maschinengewehre aufgebaut und so kleine Granatwerfer. 

ERZÄHLERIN 

Erzählt Ludwig Steinherr über den Einmarsch im oberfränkischen Ebrach. Die Gis und die Germans. Ein Aufeinandertreffen mit Sprachbarrieren. 

OTON 10 Ludwig Steinherr 2

Dann kam einer ins Haus rein und hat nach Guns gefragt. Have you Guns? Jetzt hat niemand von uns gewusst, was denn nun Gans sind. Eine Cousine, die bei uns war, die hat das Abitur gerade gemacht gehabt, hat Englisch gesprochen, dann haben wir die geholt. Die wusste aber auch nicht, was Gans waren. Ich habe mir schon gedacht, er macht das immer so, das sieht so aus wie ein Gewehrspannen. Aber sie hat ihm dann erklärt, wir hätten also keine Gänse und dann ist er wieder abgezogen.

Musik:  Hectic hiding (reduziert) 0‘37

ERZÄHLERIN 

Am 4. Mai 1945 ist - mit der Kapitulation von Berchtesgaden - der Krieg in Bayern endgültig vorüber. Zu den GIs gehören auch jüdische Soldaten, die nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland auf Seiten der Amerikaner gekämpft haben. Wolfgang Robinow (Aussprache: Roobino, Betonung auf erstem o, w hinten stumm), Jahrgang 1918, ist einer der ersten US-Soldaten, der am 30. April 1945 den Münchner Marienplatz erreicht. 1998 erinnert er sich an diesen Moment, nach einem äußerst zähen Vormarsch. 

OTON 11 Wolfgang Robinow

Erstens mal waren die Straßen ja nicht gerade frei, wie sie heute sind. Es war völlig blockiert durch alle möglichen Bombardierungs-geschichten, was da übrig blieb. Und außerdem sind wir sehr langsam und vorsichtig gefahren, weil wir ja nie wussten, wo ist eine Mine. Wir hatten gewisse Erfahrungen mit Minen auf dem Weg nach München. Und dann kamen wir also zum Marienplatz. Und bis wir ungefähr bis zu Stachus kamen, haben wir keine Menschenseele gesehen, nicht eine Person. Und wie wir auf den Marienplatz kamen, da waren auf einmal Deutsche da, sehr alte Männer, kleine Jungs, Mädchen und Frauen, die uns als die großen Befreier begrüßten, ein paar hatten sogar ein paar Blumen, haben uns geküsst und so weiter. Also ein großer Empfang.

ERZÄHLERIN 

Dabei war das besiegte Nazi-Deutschland von den Ausbildern der amerikanischen Einmarschtruppen ganz klar als feindliche Nation deklariert worden, als „enemy nation“. Es gab das Gebot der „Non-Fraternization“. Als US-Soldat sollte man tunlichst keinen Kontakt zur Bevölkerung aufnehmen und auch den Deutschen war es eigentlich untersagt, mit den GIs zu interagieren. Doch Theorie und Praxis gingen schnell getrennte Wege, betont Historiker Wolfgang Reinicke. 

OTON 12 Wolfgang Reinicke 3

Das ist ein großes Glück gewesen. Vielleicht hat da gerade geholfen, dass viele Kinder an den Straßen auch standen und eben den Amerikanern zugewunken haben und die ihrerseits dann eben diese Candys dabei hatten und die Süßigkeiten verteilt haben. Das war natürlich ein großes Pfund, quasi psychologisch, aber auch materiell, was die amerikanischen Besatzungssoldaten damit dabei hatten. Zum einen diese Süßigkeiten, andererseits auch ihre Verpflegungsrationen. Die Amerikaner waren sehr gut ausgerüstet. So gut, dass sie wirklich auch selber einen Teil von ihrer täglichen Ration dann abgeben konnten, um sich damit vielleicht etwas einzutauschen, wie auf dem Land frische Eier oder sonst was. Das hat, glaube ich, eine Art Eigendynamik entwickelt, die denjenigen, die diesen Einmarsch quasi geplant und befehligt hatten, so in dieser Dimension gar nicht bewusst gewesen ist.

ERZÄHLERIN 

So fanden sich viele Deutsche direkt nach dem Einmarsch der Amerikaner in deren Diensten, darunter auch Helmut Markwort. Ein knapp neunjähriger Einser-Schüler, aufgeweckt, leutselig und sprachbegabt. 

OTON 13 Helmut Markwort 6

Wie durch ein Pfingstwunder, ich kann es Ihnen nicht erklären, konnte ich Amerikanisch sprechen. Ich konnte mit den Amis reden, das fanden die toll, da haben die mich rausgefischt. Und einer der Höhepunkte war, dass der Panzerspähwagen in Rodach in die Volksschule reinfuhr und da kam der Sarge da zu dem Lehrer und sagte, we need him as an interpreter, wir brauchen ihn als Dolmetscher. Da hat er natürlich seinen Bückling gemacht und schwupp war ich frei. Ich bin da an die Grenzen hingefahren. Ich bin auch mit den Jeeps mitgefahren zu den amerikanischen Außenpatrouillenstationen, wo auf der anderen Seite die Russen waren mit dem Maschinengewehr. Und wurde so ein kleiner Schwarzhändler auch. Die Amerikaner waren ja faul, die haben sich nicht bemüht Deutsch zu sprechen, ich habe das für die gemacht. Die Amerikaner hatten Seife und Zigaretten und Schokolade und Coca-Cola. Und da sind wir zu den Bauern gefahren, ich habe dann gedolmetscht, die haben dafür Eier und Hühner und Speck gegeben und so. Meine ganze Verwandtschaft, meine Mutter und ihre Schwester, viele Geschwister haben alle von den Amis gelebt. Die haben die Wäsche gebracht und abgeholt. Ich war natürlich das Maskottchen dieser Einheiten, jahrelang.

CD  Out of this world 0‘45

ERZÄHLERIN

Der Name Helmut ist den GIs zu kompliziert, also nennen sie den Jungen „Jimmy“. Der spricht auch die Fräuleins an, an denen die Soldaten Gefallen gefunden haben und muss regelmäßig die Grenzstationen anrufen. Alles in Ordnung? Keine besonderen Vorkommnisse auf Seiten der russischen Armee? Helmut Markwort alias „Jimmy“ meldet dann alles dem diensthabenden Offizier. Zum Dank bekommt er eine maßgeschneiderte US-Kinder-Uniform, mit passender Mütze. Dienstrang Master Sergeant. Die Uniform trägt er auch, als sein Vater einige Monate später aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird. 

OTON 14 Helmut Markwort 7

Mein armer Vater, der hat einen Todesschreck bekommen. Er stieg da aus dem Lastwagen aus, den hat einer mitgenommen als entlassener Kriegsgefangener. Und da guckt sein Sohn in einer Ami-Uniform aus der Wohnung raus. Er ist bald umgefallen. Der wollte nie wieder was mit Politik zu tun haben. Aber seine Stimmung ist schnell umgeschwungen, weil ich ihn massenweise mit Zigaretten versorgt habe. Lucky Strike, der war ein Kettenraucher. Ich hatte alles. 

Geräusch:  Baseball schlagen, spielende Kinder

Musik:  Out of this world 0‘26

ERZÄHLERIN 

Mit den GIs kam auch eine neue Sportart nach Bayern: Baseball. Im Haus der Bayerischen Geschichte hängt ein Foto, das bayerische Buben lachend mit Baseball-Schlägern zeigt, im Sommer 1945. Einer von ihnen, Heinrich Huber, erinnert sich 2013 im Interview:

OTON 15 Heinrich Huber

Eine erste Amtshandlung war für die G.I.s, sich einen Baseballplatz zu schaffen auf der Stadlerwiese. Und wir Jungs, wir sind am Rande gestanden, haben da zugeschaut und haben gedacht, hey, was machen die da? Und die Amis haben dann gemerkt, dass wir interessiert waren. Wir waren so sieben, acht, neun, zehn, elf Jahre alt. Und ja, die sagten dann: Hello boys, what about you? Would you like to play baseball with us? Ja, really? Okay. Also uns ging es ganz herrlich in der Zeit und wir Buben, wir sind ja sofort zu den Amerikanern übergelaufen und haben ja die Gelegenheit gehabt, mit den Lastwägen mitzufahren und vor allem auch, wir haben dann in der Zeit jeden Nachmittag Baseball gespielt auf der Stadlerwiese.

Musik: Out of this world 0‘21

ERZÄHLERIN

Es erwacht die Liebe zur US-Kultur, ob Baseball oder Rock’n’Roll, zu Jazz, Jeans und zu Hollywood-Filmen. Und es erwacht auch die Liebe der Soldaten zu den German Fräuleins.

Annäherungen, die nicht allen in der US-Regierung gefallen. Insbesondere nicht Henry Morgenthau (AUSSPRACHE: 'Morrgntau, 'Hännri), US-Finanzminister. 1945 veröffentlicht er das Buch „Germany is our problem“, indem er den nach ihm benannten Morgenthau-Plan skizziert und sich für eine raue, alles andere als freundliche Behandlung des besiegten Deutschlands einsetzt. Das Ziel: Deutschland darf nie wieder einen Angriffskrieg führen. Dazu will er das Land komplett demilitarisieren und in einen Agrarstaat verwandeln, die Industrie demontieren und Großgrundbesitz zerschlagen. Vielen in der US-Regierung ist der Morgenthau-Plan aber zu radikal, so dass er letztlich für die tatsächliche Besatzungspolitik der Alliierten im Nachkriegsdeutschland keine Rolle spielt. 

MUSIK  upbeat, z.B. Glenn Miller Little Brown Jug 0‘43

ERZÄHLERIN 

Von zentraler Bedeutung dagegen wird der Marshall-Plan, benannt nach US-Außenminister George Marshall (AUSSPRACHE: Mahschl (sch=stl.), Dschohdsch): ein umfangreiches Hilfsprogramm, das viele westeuropäische Staaten beim Wiederaufbau unterstützt. Bis 1952 fließen über 13 Milliarden US-Dollar, davon über 1,4 Milliarden Dollar nach Westdeutschland. Für damalige Verhältnisse gewaltige Summen. Finanzielle Mittel, aber auch technische Hilfe, die die wirtschaftliche Stabilität und den Wiederaufstieg Deutschlands massiv fördern. Ein Meilenstein in der Annäherung der beiden Nationen, da der Marshall-Plan den Status der USA als Partner und Förderer Deutschlands zementiert, und vor allem Vertrauen schafft. Ein Vertrauen, das bereits vor dem Marshall-Plan ab 1946 durch private Hilfspakete gefestigt wurde, so der Regensburger Historiker Wolfgang Reinicke.

OTON 16 Wolfgang Reinicke 4a

Eine private Initiative, CARE, aus den USA, war aufs Ganze gesehen mindestens genauso wichtig dafür, dass die Amerikaner von der deutschen Bevölkerung als positiv wahrgenommen wurden. Denn jetzt kam wirklich professionelle Hilfe aus den USA, sogenannte Liebesgaben, wie sie sehr schnell geheißen haben, in Paketform. Wo man dann sehr genau sich angeschaut hatte, für die hungernde Bevölkerung, was braucht man da: hochkalorienhaltige Lebensmittel, die auch natürlich in Konserven sein mussten oder getrocknet, um nicht zu verderben. 

ERZÄHLERIN

Der Nährwert jedes CARE-Pakets betrug etwa 40.000 Kilokalorien. Mit Rindfleisch in Kraftbrühe, Steaks, Leber, Corned Beef, Speck, Margarine, Schweineschmalz, Zucker, Honig, Schokolade, Rosinen, Aprikosen-Konserven, Eipulver, Vollmilch-Pulver und zwei Pfund Kaffee. 

OTON 17 Wolfgang Reinicke 4b

Die wurden unter anderem nach Deutschland geschickt und dort verteilt. Und dass eben die ehemalige oder eigentliche Feindmacht, die das Land besetzt und den Krieg beendet und das NS-Regime zum Teufel gejagt hatte, dass die jetzt auch noch ein Jahr nach dem Krieg anfängt, in großem Maßstab solche CARE-Pakete hierher zu schicken, an die Bevölkerung, die Hunger leidet. Das gab den, glaube ich, ganz wichtigen Turnaround, dass man doch Zutrauen fand, dass die Amerikaner so schlecht nicht sein konnten und dass man sich gerne an denen orientiert.

Musik:  Himmelfaden 0‘44

ERZÄHLERIN

Allerdings nicht in allen Bereichen. Die US-Militärregierung will eigentlich auch in Bayern das amerikanische Schulsystem installieren, aber High Schools und Colleges unter weiß-blauem Himmel? Ein Vorstoß, der in allen Regierungsbezirken auf Widerstand stößt. Es gibt eine parteiübergreifende Koalition, die gegen die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems protestiert. Grund- und Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien sollen bleiben. Mit Erfolg. Die angedachte Schulreform scheitert. Auf politischer Ebene hingegen werden die Institutionen der US-Demokratie eine wichtige Blaupause für den Neuanfang. 

OTON 18 Wolfgang Reinicke 5

Der Bayerische Landtag wurde 1946 wieder einberufen und das konnte nur passieren, diese ganz schnelle Re-Demokratisierung, weil Bayern eben Teil der amerikanischen Besatzungszone geworden ist. Weil die Amerikaner ganz starken Wert gelegt haben darauf, dass diese Demokratisierung so schnell wie es irgendwie geht wieder Fuß fasst. Und es wuchs von der Gemeindeebene bis rauf zur Landesebene und Bayern hat auch Ende 1946 schon eine eigene demokratische Verfassung wieder gehabt. Auch das nur, weil die Amerikaner dafür die Grundlagen gelegt haben. Und warum haben die Amerikaner das gemacht? Natürlich, weil sie wollten, dass ihre Vorstellung, ihr Way of Life sich in den von ihnen besetzten Zonen durchsetzt. Aber man sorgt auch dafür, dass diejenigen, die man befreit hat, jetzt auch ganz schnell wieder auf die eigenen Füße kommen und sich selber organisieren können. Denn man brauchte ja auch Partner für den sich abzeichnenden neuen Konflikt zwischen Ost und West, zwischen USA auf der einen Seite und Sowjetunion und dem sogenannten Ostblock auf der anderen Seite.

ERZÄHLERIN

Nach dem Tod des US-Präsidenten Roosevelt im April 1945 und vor allem nach dem republikanischen Sieg in den Kongresswahlen von 1946 setzen sich Vertreter eines strikt antikommunistischen Kurses durch, darunter US-Präsident Harry S. Truman. 

Musik: Perdido 0‘28

Ein Kurs, der vor allem ein Ziel hat: der möglichst rasche Wiederaufbau West-Deutschlands als Bastion gegen den Kommunismus - militärisch, ökonomisch, und politisch. Die ersten Amerikahäuser werden gegründet und Austauschprogramme mit US-Universitäten, in denen vor allem deutsche Nachwuchspolitikerinnen und -Politiker Nachhilfe in Demokratie erhalten. 

OTON 19 Hildegard Hamm-Brücher 1

Also ich behaupte, wir hätten es in Deutschland nicht geschafft, eine Demokratie aufzubauen, die sich so positiv doch in den Fundamenten entwickelt hat, ohne diese amerikanische Wegweisung.

ERZÄHLERIN

So schätzte es Hildegard Hamm-Brücher ein, Jahrgang 1921. Im Mai 1948 wird sie für den Münchner Stadtrat auf die Liste der Bayern-FDP gewählt und erhält 1949 ein einjähriges Studium an der renommierten Harvard-Universität. Im Gespräch für das Zeitzeugen-Projekt im Haus der Bayerischen Geschichte erinnert sie sich 1998:

OTON 20 Hildegard Hamm-Brücher 2

Ich hatte ja noch in der Schule eingedrillt bekommen: Demokratie, das passt für Deutsche nicht, diese Quatschbuden und Parteienstreits, wie schrecklich! Und einer hat befohlen und alle haben zu gehorchen, das war doch das große Unglück und das umzudenken, das lernen umzudenken und nach dem Umdenken anders zu handeln, sich anders zu verhalten, das ist ja nicht vom Himmel gefallen und das haben die Amerikaner in einer geradezu rührenden Geduld bis weit in die 50er-Jahre hinein uns dabei geholfen. Und diese Programme waren eben gerade für junge Menschen wie mich ein Startkapital, wie ich es nirgendwo anders herbekommen hätte. 

MUSIK: Glenn Miller, In the Mood 0‘30

ERZÄHLERIN

Mit gleichberechtigtem Zugang für Männer und Frauen. Ein Mosaikstein in einem vielschichtigen Netzwerk, das zwei Nationen aufs Engste verbinden sollte. Das Gegensätze überwinden konnte und mit Hilfe von politischen Ideen, wirtschaftlichen Kräften und auch der Macht der Popkultur in kürzester Zeit aus Feinden Freunde machte. 


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Ja das ist jetzt ganz schlecht.“ Autorin: Mittlerweile wollen immer mehr Landwirte von Markus Fink und den Agrorebellen beraten werden. Dauernd klingelt sein Telefon. Markus Fink liebt seine Arbeit. Er ist in Größenbrunn östlich von Wien aufgewachsen. Seine Großeltern hatten einen bäuerlichen Betrieb, dazu gehörte ein kleiner Weinberg. Ein Weingarten sagen die Österreicher. Dort kelterten die Landwirte früher den Wein für den Eigenbedarf: O-TON 11 Markus Fink „Das wurde dann nicht mehr rentabel, sehr viel Arbeit. Mittlerweile sind die Flächen größtenteils als Brachflächen geblieben. Nur wenige Landwirte bauen hier noch Trauben an, und aus diesen Flächen werden jetzt hoffentlich sukzessive Olivenhaine. Der Boden ist gut. Es sind Südhänge.“ Autorin: In der Ferne liegt die Slowakei. Weit ist es nicht zur Grenze. Mit dem Auto fahren wir durch die Gegend, die sich nach und nach verändert: O-TON 12 Markus Fink „Schauens mal da, da haben wir Palmen, sieht man überall an jeder Ecke. Da Zwergpalmen kleine Olivenbäume. Das wäre in den 1980er Jahren unmöglich gewesen!“ Autorin: Klimatisch ist der Anbau kein Problem. Fink und seine Kollegen haben mit verschiedenen Sorten experimentiert. Sie sind in den Mittelmeerraum gefahren, nach Italien, Portugal und Spanien, um die richtigen Bäume zu finden. Am Anfang erklärten sie die Landwirte - zum Beispiel in Spanien - für verrückt: O-TON 13 Markus Fink „Die spanischen Bauern kennen Österreich als allererstes als Skifahrergebiet, wenn sie es überhaupt kennen. Und die meinen, ich wäre ein bisschen „loco“. „Loco“ bedeutet verrückt oder crazy. Ja, dann erklärt man halt na ja, wie schaut in Zentralspanien das Klima aus zum Beispiel in Madrid? Wie viel Minusgrade bekommts Ihr in Madrid eigentlich? Naja, also vielleicht minus sechs, minus sieben, minus acht der mal. Ja, naja, wir kommen hier dann auf minus neun, minus zehn. Das ist gar nicht so weit weg und wie lange auch nur ein, zwei Tage im Jahr. Und damit sehen dann auch die Landwirte dort, dass es vielleicht gar nicht so crazy ist, im Osten Österreichs sage ich jetzt einmal, im pannonischen Gebiet, Olivenbäume zu pflanzen, zumindest das auszuprobieren, diese zu pflanzen.“ Musik 4 "Always turns to spring" - Komponist und Ausführender: Bill Frisell - Album: Ghost Town - Länge: 0'29 Autorin: Das pannonische Gebiet ist eine Tiefebene, die sich von Ungarn bis nach Österreich erstreckt. Die Winter sind mild und feucht. Die Sommer heiß mit viel Sonnenschein. Ein submediterranes Klima. Ideal für die Olivenbäume sagt Markus Fink. Er stoppt das Auto, steigt aus und führt auf einen Aussichtspunkt. Dort stehen ein paar dürre Pflanzen vom Wind zerzaust. O-TON 14 Markus Fink „Das ist unser zweiter Forschungshain. Der befindet sich auf der Parndorfer Platte. Das ist eine typische sehr windige Gegend, extrem heiß und trocken im Sommer und annähernd kein Schnee im Winter, heute ist ein gefühlter Wintertag, fünf Grad und Regen.“ Autorin: Markus Fink greift in die Erde und lässt sie durch die Finger rieseln, dann flüchtet er ins Auto. Der Regen ist zu stark. O-TON 15 Markus Fink „Wir versuchen, verschiedene Sorten verschiedenen Alters zu vergleichen, verschiedene Substrate zu setzen, mit Hanglage, ohne Hanglage, mit Schotter drunter, lehmig oder nicht lehmig oder was auch immer. Und dann zu vergleichen. Wie entwickeln sich die Bäume? O-TON 16 Carmen Sánchez „Schlürfgeräusch ... Hörst Du das? Das ist damit etwas Luft hereinkommt und sich vermischt.“ Autorin: Olivenölprobe bei Carmen Sanchez in Köln Pulheim. Die Spanierin hat zwei Schälchen mit verschiedenen Oliven-Ölen vorbereitet und lässt mich vergleichen: O-TON 17 Carmen Sánchez: „Das schmeckt nach Tomate, hinten raus die Schärfe. Genau! Und nach dem Runterschlucken hast du vielleicht noch das Gefühl der Bitterkeit und Schärfe.“ Autorin: Die Schärfe und Bitterkeit sind Merkmale für ein gutes Olivenöl. Und es gibt noch mehr. O-TON 18 Carmen Sánchez „Auch ein sehr gutes Zeichen ist: Wenn das ein Olivenöl ist fettig. Aber diese gute Qualität ist er eher seidig. Also die Zunge wird nicht so von eine Schicht aus Fett bedeckt. Diese seidige Flüssigkeit ist total sauber und hinterlässt keine Spuren. Das ist auch ein sehr gutes Zeichen.“ Autorin: Carmen Sanchez weiß, wovon sie spricht, sie ist diplomierte Oliven-Öl Sommeliere, genauer gesagt sie sich an der Universität von Jaen in Andalusien zur Expertin für natives Olivenöl ausbilden lassen. Ihre Mission: den Menschen beibringen, was wirklich gutes Oliven-Öl ist. Oder besser Oliven-Saft. O-TON 19 Carmen Sánchez: „Schau mal, die Olive ist eine Frucht. Alle anderen Öle kommen aus Kernen, und die Olive als da mehr ist eine Frucht. Und wenn ich sie auspresse, dann bekomme ich einen Saft.“ Autorin: Viel von diesem Saft ist gerade nicht auf dem Markt. Europas Olivenbauern haben schlechte Jahre hinter sich, die Ernten sind eingebrochen, die Preise auch für minderwertiges Öl drastisch gestiegen. Das gab es bislang noch nicht, erzählt Carmen Sanchez: O-TON 20 Carmen Sánchez „Spanien ist Hauptproduzent von Oliven-Öl. Und es ist das erste Mal in der Geschichte vom Oliven-Anbau, dass zwei Ernten direkt hintereinander katastrophal sind. Das passiert 2023 und davor 2022. Das hat sicherlich mit dem Klimawandel zu tun.“ MUSIK 5 "Always turns to spring" - Komponist und Ausführender: Bill Frisell - Album: Ghost Town - Länge: 1'03 Autorin: Dürre und Hitze führten dazu, dass die Blüten an den Olivenbäumen geradezu verbrannt sind und keine Oliven entstehen konnten. Das heißt, die Ernten in Spanien haben sich halbiert. Eine Katastrophe! Spanien vermarktet etwa 50 Prozent des weltweit konsumierten Olivenöls. Auf einmal fehlten riesige Mengen an Öl. Und die Preise für das grüne Gold kletterten in die Höhe. Auch Italien und Griechenland hatten schlechte Ernten. Hier hatte es vergangenen Mai und Juni zu viel geregnet. Also in der Blütezeit. Dadurch klappte es mit der Bestäubung nicht. Normalerweise weht der Wind den Pollen einer anderen Olivenpflanze heran. Doch durch den Dauerregen war es zu nass, die Blüten konnten sich nicht bestäuben, also gab es keine Frucht. Die Feuchtigkeit lockt auch die Olivenfruchtfliege an, einen gefürchteten Schädling: O-TON 21 Carmen Sánchez „Genau bei Feuchtigkeit. Genau dann fühlt sich diese Fliege sehr wohl. Sie bohrt die Frucht an. Und das bedeutet Sauerstoff in Kontakt mit den Fruchtfleisch. Das bedeutet dass die Oxidation, die Fermentationsprobleme bei dem Olivenöl direkt da sind. Egal, wie toll der Bauer ist. Egal, wie toll die Ölmühle ist. Geschmacklich wird das Öl nix mehr werden.“ Autorin: Der Mittelmeerraum ist das Zentrum der Olivenbäume, doch auch andere Regionen holen auf. In Australien und Kalifornien werden schon lange Oliven angebaut. Sie kamen mit den Missionaren und Reisenden, Entdeckern und Erobern in die Länder. In Verkostungen probiert Carmen Sanchez jetzt ganz oft Oliven-Öl, das aus anderen Weltregionen stammt. Immer wieder sind sie und ihre Kollegen überrascht, wie gut Oliven-Öl aus Südafrika, Brasilien oder Uruguay ist: Könnte dann nicht auch Deutschland zum Anbaugebiet werden? Jetzt, wo es gefühlt jeden Sommer heißer wird? O-TON 23 Carmen Sánchez „Im Prinzip ja. Der Olivenbaum ist sehr bescheiden, das ist ein Kerl, der sehr bescheiden und ist und der kann wachsen, ohne große verwöhnt zu werden. Nur Wasser tut gut und vor allem was er braucht, und was er deutlich vermisst, ist die Sonne. Er braucht den Sommer. Warum? Weil was eine Blüte schafft ist unglaublich. Also erstmal kommt irgendwann eine kleine Frucht, die wie eine Erbse aussieht. Da gibt es noch nicht einen harten Kern ist nichts und bis Anfang des Sommers. Ich rede jetzt so zum Beispiel von Spanien. Bis Juni hat er es geschafft einen Stein zu bekommen. Dann macht er Urlaub bis September. Und im September fängt die Olive an, die Frucht also, das Öl zu machen.“ Autorin: Bis das alles passiert, kann es jahrelang dauern. Erst wenn Olivenbäume etwa sechs Jahre sind, werfen sie Ertrag ab. Musik 6 "Paean (Original Composition For Replica Lyre in the Ancient Greek Dorian Mode)" - Album: The Ancient Greek Lyre - Ausführender: Michael Levy - Länge: 0'42 Autorin: Viele Geschichten ranken sich um den Baum und seine schmackhaften Früchte. Schon zum Ende der Bronzezeit wurden Ölbäume im östlichen Mittelmeerraum systematisch kultiviert. Auf Kreta waren Oliven bereits 6.000 vor Christus ein wichtiges Lebensmittel. Die antiken Griechen waren Spitzenreiter im Verbrauch. Ein Kämpfer verbrauchte 30 Liter jährlich zur Körperpflege, 20 weitere Liter für seine Ernährung und einen halben Liter als Medizin. Auch in der Bibel spielt der Olivenzweig eine Rolle als Symbol des Friedens. Carmen Sanchez ist jeden Tag aufs Neue fasziniert: O-TON 24 Carmen Sánchez: „Der Olivenbaum ist so unglaublich, weil der Olivenbaum, wenn wir hören, dass er es schafft, so alt zu werden ist, Manchmal erlebt er ganz böse Sachen, und aus dem Nichts treibt wieder Leben. Das hieß ich kriege ein. Es ist unglaublich. (schluckt ...stockt ...)“ Autorin: Als Carmen Sanchez nach Deutschland kam, traute sie ihren Augen kaum. Direkt im Nachbardorf in Stommeln bei Köln wuchsen: Olivenbäume. Musik 7 "Un Héros Très Discret - Départ en Train" - Album: Jacques Audiard - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'23 Autorin: Dicht an dicht stehen die 115 Olivenbäume beim Gartenhof Becker, die langen Zweige mit den grünen Blättern recken sich nach oben. Dem Regen entgegen. Es ist ein kühler Maitag. Inhaber Michael Becker hat seinen Schirm aufgespannt. Trotz der kühlen Temperaturen trägt er kurze Hosen: O-TON 25 Michael Becker: „2008/2009 dieser Winter war hier zwei oder drei Tage lang unter 20 Grad. Und da haben wir gemerkt, dass das eine Sorte ist, die auch die Kälte verträgt - das ist die Sorte Leccino aus der südlichen Toskana und die anderen Sorten sind uns fast alle kaputtgegangen.“ Autorin: „Der Oliven-Hain in der Kölner Bucht ist nach Angaben von Michael Becker, der nördlichste der Welt. Und hat es mittlerweile in der Gegend zu einiger Berühmtheit gebracht. Jedes Jahr veranstaltet der Gärtner ein Oliven-Fest zu dem tausende Besucher pilgern, im Hain sitzen, gute Olivenöle probieren und einiges über den Baum erfahren. Dabei hatte alles 2005 als Experiment begonnen sagt Becker, der zu sich in die Küche eingeladen hat.“ O-TON 26 Michael Becker: „Im Prinzip hab ich gedacht das muss funktionieren. Die Kölner Bucht ist einer der wärmsten Regionen, die es in Deutschland gibt im Winter. Also im Sommer nicht. Es ging ja eigentlich nur darum, ähm zu gucken, können die die Kälte ab oder können die das nicht? Und ja, ich, mein Vater hat gesagt jetzt bist du ganz bekloppt. Er als alter Obstbauer. Wir hatten immer schon eine Apfelplantage Pflaumen, Birnen und da lag die Olive ja auch irgendwie so dazwischen, das passte schon irgendwie.“ Autorin: Und es passte wirklich. Nach ein paar Jahren gab es dann die ersten Ernten. 2020 waren es sogar 300 Kilo Oliven. Zusammen mit Freunden und Bekannten spannten sie Netze auf, pflückten die Oliven klassisch per Hand. Und dann? Dann war da der Traum vom eigenen Olivenöl aus Köln: O-TON 27 Michael Becker „Also das Problem bei Olivenöl ist, von der Ernte bis zur Presse, soll möglichst 24 Stunden sein. So was. Was machen Sie? 24 Stunden von hier also die nächste Presse wäre dann mehr oder weniger am Gardasee? Ah, das ist kaum zu schaffen. Und so mussten wir halt versuchen, irgendwoher eine Presse zu kriegen. Und dann haben wir dann im Prinzip in Italien eine Presse bestellt, die es halt im Baumarkt gibt, um die anscheinend wohl viele italienische Familien, die zwei, drei Bäume haben. Die machen da ihr eigenes. Aber das hat bei uns dann eben nicht ganz so gut funktioniert.“ Autorin: Aus hundert Kilo Oliven wurden gerade einmal dreieinhalb Liter Öl: O-TON 28 Michael Becker „Das war natürlich ein Witz, Aber es war das erste hergestellte Olivenöl in Deutschland. Ich habe immer gesagt, das muss Olio di Cologne heißen.“ Autorin: Der Geschmack war fantastisch, ähnlich einem italienischen Öl. Doch der Aufwand ist bislang zu groß. Jetzt experimentiert der Gärtner mit eingelegten Oliven. O-TON 29 Michael Becker: Das ist so sehr pikante Einlegemethode. Also natürlich Wasser, Kochsalz, Pökelsalz und Rosmarin, Thymian, Knofi, Lorbeerblätter, schon mal eine Zitrone oder Peperoncino. Das gibt dann so ein eigentlich ein Geschmackserlebnis. Und jeder, der das probiert ist eigentlich begeistert und ich mein, Oliven aus dem Rheinland wäre natürlich auch schon eine schöne Sache.“ Autorin: Wenn da nicht noch einige Hürden wären: O-TON 30 Michael Becker: „Da muss dann auch auf Nährwerte geachtet werden. Also das Gesundheitsamt stand, nachdem wir das erste Öl gemacht haben, standen die am nächsten Tag schon bei uns. Und ja, sie verkaufen doch noch nicht das Öl. Und ich könnte mir aber vorstellen, dass das mit den Oliven eingelegt schon funktionieren würde, da würden wir jetzt mal so eine Testphase machen.“ Autorin: Seit 19 Jahren stehen die Olivenbäume hier in Köln. Sie haben den Gärtner Michael Becker verändert. Mittlerweile ist er nicht mehr für seine Äpfel, Pflaumen und Rosen bekannt, sondern für den Oliven-Hain. Manchmal geht er abends durch die Reihen spazieren … O-TON 31 Michael Becker: „Also, ich muss Ihnen ehrlich sagen im Winter mache ich das sehr oft, weil ich dann auch immer, wenn ich merke, es wird ein bisschen kälter, Schiss kriege. Und in den ersten Jahren war das auch ganz extrem. Also, da bin ich immer, da war ich auch irgendwie total stolz. Ich bin ich auch jetzt noch stolz darauf. Das ist auch heute immer noch für mich irgendwie so ein so ein Highlight. Und wir machen im Olivenhain ja auch Olivenöl-Verkostungen, die auch immer total schön sind. Und ich habe dann vor ein paar Jahren noch mal neu geheiratet. Und dann haben wir tatsächlich auch einen Olivenhain, so halbwegs die Hochzeit gefeiert.“ Autorin: Michael Becker glaubt fest daran, dass es die Olivenbäume auch in Deutschland schaffen könnten. Noch ist er der Einzige in der Kölner Bucht. O-TON 32 Michael Becker: „Aber ich denke einfach, wenn der eine oder andere Pionier da auch noch mal versucht, was zu machen, also hier in der Region, kann das funktionieren.“ Musik 8 "Un Héros Très Discret - Départ en Train" - Album: Jacques Audiard - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'28 Autorin: Noch kann es dauern, bis die Olivenbäume hier heimisch werden. Vor allem bis es das erste Olivenöl gibt. Doch diese Versuche sind vielversprechend. In Österreich haben die Agrorebellen große Pläne. Sie tüfteln zusammen mit der Uni Wien und dem Institut für Bodenkultur an einer Neuzüchtung. Die erste österreichische Olivensorte, sagt Markus Fink: O-TON 33 Markus Fink: „Nämlich aus einer alten italienischen Sorte. Die haben wir gekreuzt mit einer sehr tragefreudigen selbstfruchtenden und spanischen Sorte. Und aus dieser Kreuzung haben wir jetzt erste Pflanzen gewonnen und mal sehen, ob die auch wirklich selbstfruchtend sind und auch wirklich sehr freudig sind und auch wirklich so frostresistent sind wie die alte italienische Sorte. Aber da sind wir auf einem guten Weg.“ Autorin: Und viele Landwirte sind auch offen dafür. Gerade die neuen Generationen. Im Marchfeld im Osten von Österreich steht der 25jährige Matthias Welleschitz im Olivenhain. Angesichts des Klimawandels muss man umdenken, findet er: O-TON 34 Matthias Welleschitz: „Es sind halt andere Herausforderungen als vor 30 Jahren. Und Landwirte sind ja bekannt dafür, dass sie kreativ sind. Und irgendwie wird es zu meistern sein. Ansonsten schauts für alle schlecht aus.“ Autorin: Matthias Welleschitz hofft jetzt auf seine ersten Olivenernten. Fallen die gut aus, will er zusammen mit seiner Familie weitere Olivenbäume pflanzen. Genug Flächen sind vorhanden

  • Hitze in der Stadt - Kühlbringende Ideen und Lösungen

    01.07.2025 · 22 Min.

    Die Zahl der Hitzesommer nimmt zu. In Städten sind die Auswirkungen besonders stark, sie entwickeln sich zu Glutöfen. Viele Stadtplaner steuern inzwischen gegen - mit Bächen, Parks und begrünten Fassaden. Von Claudia Steiner (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Katja Amberger, Katja Bürkle, Peter Veit Technik: Roland Böhm Redaktion: Matthias Eggert, Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Stephan Pauleit (Professor am Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung der TU München); Sabrina Erlwein (Doktorandin am Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung der TU München); Espeth Oppermann (Vom Rachel Carson Centre der LMU München); Stefan Petzold (Referent beim Naturschutzbund Deutschland); Giovanni Betti (Assistenz-Professor für Architekturdesign an der Universität in Berkeley/USA) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hitze, Hagel, Hochwasser - Städte wappnen sich für Extremwetter JETZT ANHÖREN Wasserknappheit bei uns - Rauscht es bald nicht mehr? JETZT ANHÖREN El Niño und la Niña - Wie sie das Weltwetter aufmischen JETZT ANHÖREN Kühltechnik - Wie künstliche Kälte unser Leben beeinflusst JETZT ANHÖREN Linktipps: Hintergrundinfos des Naturschutzbundes zum Stadtklima und umweltpolitische Forderungen, um die Städte gegen die Klimakrise zu rüsten: EXTERNER LINK | https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/ressourcenschonung/bauen/stadtklima/index.html Handlungsempfehlungen für Kommunen aus dem Projekt "Klimaschutz und grüne Infrastruktur in der Stadt" der Technischen Universität München: EXTERNER LINK | https://www.zsk.tum.de/fileadmin/w00bqp/www/PDFs/Berichte/180207_Leitfaden_ONLINE.pdf Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Der Kölner Dom - Ein Riese der deutschen Geschichte

    01.07.2025 · 22 Min.

    Der Kölner Dom: Über 600 Jahre dauerte es, bis er stand. Als er 1880 vollendet war, war der Dom sogar für kurze Zeit das höchste Gebäude der Welt. - Aber der Kölner Dom fasziniert nicht nur durch seine schiere Größe, sondern als Monument der Kultur- und Kunstgeschichte. (BR 2024) Credits Autor und Regie dieser Folge: Martin Trauner Es sprachen: Katja Bürkle, Peter Veit Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Mathias Deml – Kunsthistoriker am Dombauarchiv in Köln Weiterführende Links zum Kölner Dom: Geschichte des Kölner Doms Hier geht es zur Website Mathias Deml erklärt den Altar der Stadtpatrone von Stephan Lochner Hier geht es zu YouTube Literaturtipps: Arnold Wolff, „Der gotische Dom in Köln“ – da entdeckt man viele Kleinigkeiten aus der Geschichte des Doms. Und vor allem: Schöne Fotografien Harald Friese, „Der Kölner Dom“ – eine umfassende Darstellung mit vielen Bildern Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Da gibt es dieses Bild aus der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs. - Die Stadt Köln liegt in Schutt und Asche. - Die Hohenzollernbrücke, die auf den Dom zuführt, ist von der deutschen Wehrmacht gesprengt worden - die Altstadt: ein Skelett. - Nur der Dom, der Kölner Dom, der hat das alles überstanden… 001 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und wenn man sich die Stadt zu diesem Zeitpunkt anguckt, ist die Kölner Innenstadt eine einzige Trümmerwüste und zumindest, aus der Ferne heraus betrachtet, wirkt der Dom so, als ob er den Krieg fast unversehrt überstanden hätte. ERZÄHLERIN Der Dom zu Köln, entworfen im Mittelalter, gebaut im Stile der Gotik, ein Mythos - ein Monument für die Ewigkeit? MUSIK: „Sederunt principes“ ZITATOR (Helmcken 1899) Der Dom zu Köln — welch heiliger, unergründlicher Zauber liegt in diesem Bilde, in diesem Worte verborgen! Der Dom zu Köln ist für die deutsche Kunst und Kultur, was der Rhein ist für die Herrlichkeit der deutschen Nation. Das Symbol des Rheines ist der Dom! ERZÄHLERIN Schreibt ein Kirchenführer aus dem Jahr 1899. Also: der Kölner Dom, der scheint unvergänglich. Unbezwingbar. Und da gibt es ja noch dieses Bild aus den Kriegszeiten 1945, vom Dom, der alles unbeschadet überstanden habe… 002 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Weswegen dann auch teilweise das Gerücht entstanden ist, der Dom sei ganz bewusst im Krieg verschont worden. - Das stimmt so nicht ganz. MUSIK aus ERZÄHLERIN Sagt Mathias Deml, Kunsthistoriker am Dombauarchiv in Köln. Denn: nicht nur die Alliierten, selbst die deutsche Wehrmacht hat den Dom beschossen. Aber: 003 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Dass der Dom im Vergleich zu den anderen Bauten in Köln noch so gut aussah, ist letzten Endes seiner Konstruktionsweise zu verdanken. Die meisten der Bomben sind durch die Gewölbe oder auch mal durchs Fenster in den Dominnenraum eingeschlagen, dort detoniert. Da der Dom aber in erster Linie aus gewaltigen Fensterflächen und relativ schmalen Pfeilern besteht, konnte ein Großteil der Druckenergie, die entstanden ist, durch die Fenster wieder nach außen gelangen. Das heißt, die Pfeiler wurden durchgeschüttelt. Ein großer Teil der oberen Gewölbe ist eingestürzt. Die Grundsubstanz blieb allerdings stehen. Atmo Glocke ERZÄHLERIN Der Dom hat also den Krieg – obwohl nicht unversehrt - überstanden, und konnte so 1948, drei Jahre nach Kriegsende, ganz besonders gefeiert werden. : 004 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Ja, es gibt tatsächlich 1948 ein großes Jubiläum in Köln. Da feiert man 700 Jahre Grundsteinlegung. ERZÄHLERIN Die Dombauhütte in Köln hatte davor viel zu tun… Eine Radioreportage von 1948 berichtet: 005 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) Gründonnerstag im Kölner Dom Jahr 1948. Es ist nicht das würdige Bild, das ansonsten an diesem Tag des Kirchenjahres in einer Kathedrale herrscht. ERZÄHLERIN Ein knappes halbes Jahr vor dem Jubiläum im Sommer 1948 besucht der Radioreporter Bernhard Ernst den Kölner Dom… 006 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) Und der Rundfunksprecher steigt – etwas wider der Würde des Tages, die Feuerwehrleiter, eine 40 Meter hohe hinauf, um auf eines der Gerüste des Kölner Doms zu gelangen, zum Dombaumeister … ERZÄHLERIN Zum amtierenden Dombaumeister Willy Weires. Der berichtet ganz nüchtern von den Restaurierungsarbeiten nach den Kriegsschäden… 007 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) Das ist ein schweres Laufgerüst, das wir dort angebracht haben, um die Arbeiten schneller voranzutreiben. Denn sie werden sehen, dass uns dieser Termin sehr auf dem Nacken liegt und dass wir uns sehr anstrengen müssen, um den Dom zur angegebenen Zeit wieder zugänglich zu haben… ERZÄHLERIN Der Reporter freilich ist gerührt von der Erhabenheit dieses Bauwerkes… 008 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) und dann Orgelmusik aus dem O-Ton (Und) ich glaube, wir können am 15. August, wenn wir hier im feierlichen Rahmen stehen, dann von dem Feste der Auferstehung aus den Trümmern sprechen … MUSIK (Orgel aus dem O-Ton und dann weg) ERZÄHLERIN Der 15. August ist das wohl wichtigste Datum in der Geschichte des Kölner Doms. An diesem Tag, im Jahr 1248, soll der Erzbischof Konrad von Hochstaden den Grundstein für die neue Kirche gelegt haben. – Ganz nah am Rhein. - Aber erstmal: Selbst wenn man sich den Kölner Dom an keinem anderen Platz mehr vorstellen könnte als direkt vor dem Hauptbahnhof, stellt sich trotzdem die Frage: Gibt es einen speziellen Grund, warum genau hier der Grundstein gelegt wurde? 009 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Darüber können wir nur spekulieren. Es gab mal in früheren Zeiten die Theorie, dass an der Stelle ein Tempel gestanden haben könnte. Für den gibt es allerdings keinerlei Hinweise. Wir wissen, dass eine erste große Kirchenanlage an dieser Stelle um das Jahr 500 errichtet worden ist. ERZÄHLERIN Und bei Ausgrabungen hat man tatsächlich etwas gefunden. 010 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Aus dieser frühen fränkischen Zeit haben wir unter anderem ein Taufbecken gefunden, das älteste Taufbecken, das im Rheinland erhalten ist. Also nicht so, wie wir heute in Kirchen an Taufbecken kennen, sondern wirklich ein großes Becken für die erwachsenen Taufe, wo man dann zwei Treppenstufen hinab gestiegen ist. (…) Ein ganz sensationeller Fund. ERZÄHLERIN Vermutlich im 9. Jahrhundert errichtet man dann hier eine sehr große karolingische Kirche, den so genannten „Alten Dom“ - Aber warum braucht es dann ein paar hundert Jahre später einen „Neuen Dom“? 011 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Ja, darüber haben wir leider keine Quelle, die uns das ganz genau sagt, aus dem und dem Grund beginnen wir zu bauen. Wir können nur darüber spekulieren und es gibt sicherlich eine Vielzahl von Gründen. ERZÄHLERIN So Mathias Deml. – Ein entscheidender Grund dürfte gewesen sein, dass im Jahr 1164 der damalige Kölner Erzbischof Reinhard von Dassel Gebeine aus Mailand nach Köln gebracht hat – die Gebeine der Heiligen Drei Könige. 012 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Die Mailänder haben die natürlich nicht ganz freiwillig hergegeben. Es war sozusagen eine Kriegsbeute. Zwei Jahre vorher hatte Kaiser Friedrich Barbarossa zusammen mit seinem Kölner Erzbischof die Stadt Mailand belagert und erobert und als Dank für die geleisteten Dienste hat Reinhard von Dassel diese Gebeine vom Kaiser geschenkt bekommen. MUSIK: „Ascolta“ ERZÄHLERIN Die Heiligen Drei Könige sind jetzt in Köln! - Nun muss man wissen, dass diese drei Könige sehr umstrittene und auch nur „so genannte Heilige“ sind. Förmlich „Heiliggesprochen“ wurden sie bis heute nicht. - Im neuen Testament werden sie nur vom Evangelisten Matthäus mit einem Satz erwähnt. Und der nennt sie die „Magoi apo anatolon“ – Also die „Sternendeuter aus dem Osten“. - Wie viele Magier es waren oder gar, wie sie hießen, darüber schweigt sich Matthäus aus. MUSIK aus 013 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) In Mailand scheinen diese Reliquien relativ unbekannt gewesen zu sein, aber Reinhard von Dassel war ein sehr gewiefter Politiker auch und er reiste nun mit weiten Umwegen nach Köln, unter anderem durchs Burgund, und machte überall, wo er vorbeikam, kräftig Werbung dafür, dass er nun im Besitz der Gebeine der heiligen drei Könige - nach mittelalterlichen Vorstellungen, die Gebeine der ersten christlichen Könige überhaupt - ist. Und als sie in Köln ankamen, wurde Köln zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte des Christentums … ERZÄHLERIN Für die Reliquien der Heiligen Drei Könige baut man gegen Ende des 12. Jahrhunderts einen prunkvollen Schrein, da fehlt also nur noch eine prachtvolle Kirche, um die Gebeine auszustellen, und eine große Kirche auch für die Pilger, die zunehmend in die Stadt kamen. Denn nach Köln zu wallfahren hat sich für viele als doch einfacher erwiesen, als die schwere Reise nach Santiago de Compostela in Spanien anzutreten oder gar das Abenteuer nach Jerusalem zu wagen. Zu den anderen wichtigen Heiligen Stätten der Christenheit. MUSIK: „Tanec“ ERZÄHLERIN In Köln beruft man nun einen Dombaumeister. Der erste in einer sehr langen, aber auch einer sehr langen unterbrochenen Tradition. - Heute kennt man von ihm gerade noch seinen Namen: Meister Gerhard. 014 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Wir wissen, dass er wahrscheinlich in den 1260er -Jahren gestorben ist. Aufgrund der Architektur des Kölner Domes können wir darauf schließen, dass er entweder aus Frankreich kam oder zumindest in Frankreich geschult worden war. Und dort die neuesten großen Kirchenbauunternehmungen sehr gut kannte. ERZÄHLERIN Die neuesten „Kirchenbauunternehmungen“ in Frankreich, das sind etwa die Kathedralen von Amiens oder die von Saint-Denis. Und diese Kathedralen sehen so ganz anders aus als die alten romanischen Kirchen. Die es in Köln zuhauf gibt. Diese neuen Gemäuer streben in die Höhe, der Innenraum ist nicht finster, wie bei den alten Kirchen, sondern Licht durchflutet die riesigen Fenster und erhellt den Chorraum. - Heute übrigens nennt man diesen Stil: „Gotik“. Entstanden in Frankreich… 015 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Der Kölner Dom ist tatsächlich ein erstaunlich französischer Bau, was seine Architektur angeht. Der sich in vielen Dingen etwa im Grundriss an der Kathedrale von Amiens orientiert, im Wandaufbau und in Details, aber auch an der modernsten Pariser Architektur des frühen 13. Jahrhunderts, etwa der Saint-Chapelle in Paris. - Und wie unser ehemaliger Dombaumeister Arnold Wolf immer hervorgehoben hat, neigt der Kölner Dom dazu, die dort gefundenen Formen noch mehr weiter zu entwickeln und zu perfektionieren. Das ist natürlich jetzt schwierig, ohne Bilder, im Radiointerview zu beschreiben… MUSIK: „Eros“ ERZÄHLERIN Der Schauspieler August Wilhelm Iffland hat es 1790 trotzdem versucht. ZITATOR (August Wilhelm Iffland - 1790) Die Pracht des himmelan sich wölbenden Chors hat eine majestätische Einfalt, die alle Vorstellung übertrifft. In ungeheurer Länge stehen die Gruppen schlanker Säulen da, wie die Bäume eines uralten Forstes (…) ERZÄHLERIN August Wilhelm Iffland war hingerissen, als er den Dom betrat. ZITATOR (August Wilhelm Iffland - 1790) Lässt sich auch schon das Unermessliche des Weltalls nicht im beschränkten Raume versinnbildlichen, so liegt gleichwohl in diesem kühnen Emporstreben der Pfeiler und Mauern das Unaufhaltsame, welches die Einbildungskraft so leicht ins Grenzenlose steigert… MUSIK aus ERZÄHLERIN Aber noch einmal zurück ins Mittelalter, als in Köln das Unternehmen „Dombau“ Fahrt aufnimmt. 016 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und am Anfang hat man auch relativ schnell gebaut, 1322 war der Domchor als wichtigster und bedeutendster Teil des Kölner Domes in voller Höhe fertig gestellt und konnte feierlich eingeweiht werden. ERZÄHLERIN Also schon nach knapp 70 Jahren Bauzeit… Für mittelalterliche Verhältnisse ganz flott… Danach beginnt man mit dem Bau von Langhaus, Querhaus und den Türmen. Zwei sollen es werden. Ein Südturm und ein Nordturm. MUSIK: „Tanec“ ZITATOR (Francesco Petraraca 1333) „Vidi templum urbe media pulcherimum quamvis inexpletum“ – ERZÄHLERIN Im Jahr 1333 soll der italienische Dichter Francesco Petrarca durch Köln gereist sein. ZITATOR (Francesco Petraraca 1333) Ich sah mitten in der Stadt die herrliche Domkirche, die man nicht ohne Grund die allerherrlichste nennt, obwohl … ERZÄHLERIN Petrarca schiebt ein „quamvis“, also ein--- „obwohl“ hinterher. Was das wohl bedeutet? - Ihm ist halt nicht verborgen geblieben: ZITATOR (Francesco Petraraca 1333) Der Dom ist unvollendet… MUSIK aus ERZÄHLERIN Mathias Deml von der Kölner Dombauhütte ergänzt: 017 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und da merkt man, dass dann der Bauprozess allmählich ins Stocken geraten ist. Und irgendwann zwischen 1520 und 1530, ganz genau wissen wir es nicht, hat man dann die Bauarbeiten tatsächlich für über 300 Jahre unterbrochen. ERZÄHLERIN Warum eigentlich der Dombau zu dieser Zeit eingestellt wurde, weiß man auch nicht genau. Vermutlich war die Zeit der großen Kathedralen nach französischem Vorbild einfach vorbei… Der Dom bleibt also über viele Jahrhunderte ein Fragment. Trotzdem prägt er das Kölner Stadtbild des Mittelalters, und das, obwohl von den Türmen nicht viel zu sehen gewesen ist. Vom Nordturm stehen nur wenige Mauern, gerade mal fünf Meter groß, aber immerhin, zumindest der Südturm ist etwas über 56 Meter hoch, er hat so ungefähr ein Drittel der heutigen Höhe erreicht. Oben auf dem unvollendeten Südturm sieht man eine verwaiste Baustelle… 018 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) (Und) oben auf diesem Turmstumpf stand ein gigantischer hölzerner Baukran, wahrscheinlich eine der größten Baumaschinen des Mittelalters überhaupt, der bis ins 19. Jahrhundert dann das Wahrzeichen von Köln war. ERZÄHLERIN In vielen zeitgenössischen Kupferstichen wird der Dom mit dem Kran abgebildet. Und erstaunlich, obwohl der Dombau ruht, den Kran hält man in Stand, nach einem Blitzeinschlag im frühen 17.Jahrhundert wird er sogar repariert. Der Baukran wird für viele Generationen zum Sinnbild dafür, dass der Dom irgendwann fertig gestellt werden wird… So hofft man das zumindest … 019 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Dieser Baukran war wirklich weltberühmt, sogar in „Moby Dick“, einem amerikanischen Roman von Herman Melville, wird er erwähnt als Symbol dafür, dass die wirklich großartigen Werke der Menschheit viele, viele Generationen brauchen, um vollendet zu werden. MUSIK: „The vikings & Barons“ ERZÄHLERIN Hermann Melville bemüht sich, in einem Kapitel von Moby Dick über alle Erscheinungsformen von Walen zu schreiben. Also: Welche Arten von Walen gibt es? Wie sehen die aus? - In der Fachsprache nennt man dieses Vorhaben eine „Cetologie“ - Ein schwieriges, sogar unmögliches Unterfangen. - ZITATOR (Melville – „Mobby Dick“ - Übersetzung 1922) „Doch nun lasse ich mein cetologisches System im Stich, so unfertig, wie der erhabene Kölner Dom gelassen wurde, mit dem Kran hoch auf der Plattform des unvollendeten Turms. Denn kleine Bauwerke können von dem beendet werden, der sie zuerst geplant hat; die großen, die wahren, sie überlassen es immer der Nachwelt, den Schlussstein einzufügen… MUSIK aus ERZÄHLERIN Über Jahrhunderte ist also nicht viel passiert, an dem Kölner Domrohbau. Der gotische Stil war zunehmend aus der Mode gekommen. Selbst ein Johann Wolfgang von Goethe hält die Gotik lange Zeit für eine Ansammlung von „Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem“. - Doch plötzlich tut sich was in Köln… Denn im späten 18. Jahrhundert findet man die Gotik plötzlich gar nicht mehr ganz so schlecht. Aber nun muss man den Dom erstmal vor einem äuß0eren Feind schützen… 020 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) 1794 ist Köln von französischen Revolutionstruppen erobert worden… MUSIK: „Holcane attack“ ERZÄHLERIN Die Mitglieder des Domkapitels fliehen mitsamt dem Dreikönigsschein und der Dombibliothek auf die andere Seite des Rheins nach Osten, genauer gesagt weit in den Kölner Osten, ins Sauerländische Arnsberg. - Und die französischen Soldaten besetzen den Dom. Das Gebäude dient jetzt als Magazin und als Kriegsgefangenenlager. Die französischen Soldaten verheizen alles Holz, das greifbar ist. Erstaunlicherweise verschonen sie das mittelalterliche Chorgestühl – Aber: die letzte Messe im Dom scheint gelesen zu sein… 021 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und genau in dieser Zeit eigentlich der größten Gefährdung für den Dom gab es nun hier in Köln einige Leute, die den Bau wieder entdeckten. An erster Stelle muss hier Sulpiz-Boisserée, ein Kaufmannsohn aus Köln genannt werden, der nun alles dafür tat, bei seinen Zeitgenossen dafür zu werben, diesen gewaltigen Bau, der sehr, sehr stark auch heruntergekommen war, zu restaurieren und vielleicht dann auch, wie es dann tatsächlich passiert ist, zu vollenden. ERZÄHLERIN Sulpiz-Boisserée ist gerade mal 24 Jahre alt, als er seine Mission beginnt. Die französischen Truppen besetzen immer noch Köln, aber der junge Kaufmannssohn wirbt und wirbt für sein neues Dombauvorhaben. Er kann sogar einen gewissen Johann Wolfgang von Goethe für sich gewinnen, der sich mittlerweile vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Goethe lehnt die Gotik jetzt nicht nur nicht mehr ab, er hält sie für „d i e“ deutsche Baukunst. Natürlich sei die Gotik erfunden worden von einem Genie, so wie er selbst eines ist … 022 (Teil1) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Das Ganze hat sich dann noch vermengt mit nationalen Ideen. Nach den gewonnenen Befreiungskriegen gegen Napoleon hat man lange darüber debattiert, wo man ein großes deutsches Nationaldenkmal errichten könnte. - Und da hat bereits 1814 Josef Görres vorgeschlagen, man könne doch den Kölner Dom, alle Deutschen gemeinsam, egal welcher Konfession, fertig bauen. Görres vertrat die Meinung, die viele seiner Zeitgenossen fälschlicherweise vertraten, die Gotik wäre ein typisch deutscher Baustil. Und in die Diskussion hat sich dann am Ende auch noch der Kronprinz von Preußen eingemengt, der ganz begeistert vom Kölner Dom war. Und nun versprochen hat, wenn ich mal König geworden bin, gebe ich viel Geld dafür aus, den Dom fertig zu bauen. MUSIK: „Sederunt principes“ - ERZÄHLERIN Und dann geht es tatsächlich sehr schnell. Also nicht nur nach mittelalterlichen Maßstäben … Schon 1824 ist eine neue Dombauhütte gegründet worden, die zunächst erst einmal die vielen Schäden des bestehenden Baus beseitigen musste. Und der Kronprinz von Preussen? 022 (Teil2) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Er hat 1842 Wort gehalten und als Friedrich Wilhelm IV. den Grundstein zum Dombau gelegt ERZÄHLERIN Dann geht man den Dominnenraum an. Vollendet das Lang- und das Querhaus. - Und in nur 15 Jahren errichtet die Dombauhütte mit Hilfe neuer Techniken, etwa mit Hilfe der Dampfmaschine, die beiden Türme genauso und in der Gestalt, wie sie ursprünglich, 600 Jahre zuvor, geplant worden sind. 023 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Wir haben aber tatsächlich aus dem Mittelalter einen über vier Meter hohen Pergamentplan. Und der zeigt die beiden Türme bis ins Detail so durchgezeichnet, wie sie mit relativ wenigen Abweichungen tatsächlich dann im 19. Jahrhundert fertig gestellt worden sind. ERZÄHLERIN Mit 157 Metern Höhe ist der Kölner Dom bei seiner Vollendung im Jahre 1880 für einige Jahre das größte Bauwerk der Welt… MUSIK ein wenig pathetisch und dann weg ERZÄHLERIN Und nun hatte man kurz gedacht, nach über 700 Jahren Bauzeit müsste doch jetzt mal Ruhe sein. – Köln hat endlich seinen Dom. Und endlich zu Ende gebaut, aber… 024 (Teil1) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Aber natürlich auch nachdem der Kölner Dom fertig war, 1880, waren die Arbeiten nicht ganz abgeschlossen. Es gab noch Arbeiten im Innenraum, an der Ausstattung, Nachbesserungsarbeiten. Das Ganze hat bis ins frühe 20.Jahrhundert gedauert. Und dann hat der damalige Dombaumeister, der auch die Domvollendung im Amt erlebt hatte, Richard Voigtel, zwei Jahre vor seinem Tod (…) gesagt, die nächsten 100 Jahre müssen wir am Dom nichts mehr machen. ERZÄHLERIN Das war im Jahre 1900. 024 (Teil2) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und nur zwei Jahre nach seinem Tod (…) fiel ausgerechnet auch noch nach einem sonntäglichen Pontifikalamt im Kölner Dom der Flügel einer Engelfigur direkt über dem Hauptportal herunter. ERZÄHLERIN Aber es bleibt nicht bei dem einen Flügel. Den ersten Weltkrieg überstand der Dom noch unbeschadet. Doch im zweiten Weltkrieg erlitt der Nordturm einen Treffer, die Orgel ging verloren, das Hochschiffgewölbe des Langshauses stürzte ein. - Aber trotz dieser Kriege ist erstaunlich, dass sich im Kölner Dom etwas erhalten hat, das vielen anderen Kirchen nicht vergönnt war: Glocken aus dem Mittelalter… 025 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Der Kölner Dom hatte das große Glück, dass im Ersten Weltkrieg nur eine seiner Glocken eingeschmolzen wurde und da auch erst ganz am Ende des Krieges, die sicherlich gar nicht mehr für Rüstungszwecke verwendet worden, die so genannte Kaiserglocke. - Und im Zweiten Weltkrieg schaffte das Domkapitel durch geschicktes Taktieren tatsächlich zu verhindern, dass überhaupt eine Glocke des Domes eingeschmolzen worden ist, so dass der Kölner Dom ein relativ besonderes Geläut hat, zudem unter anderem auch noch vier mittelalterliche Glocken heute gehören. Atmo: Geläut „Kölner Dom“ ERZÄHLERIN Also, wenn wir heute die Glocken des Doms hören, machen wir vielleicht eine akustische Zeitreise. Denn vor 700 Jahren klang das Geläut, wer weiß es, wohl gar nicht so anders wie heute … 026 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Das sind einmal zwei kleine Glocken aus dem frühen 14. Jahrhundert, die bereits 1322 wahrscheinlich zur Weile des Domchors zu hören war, und zwei Großglocken des 15. Jahrhunderts, die Pretiosa und die Speciosa. ERZÄHLERIN Der Kölner Dom hat über viele Jahrhunderte die deutsche Geschichte überstanden und begleitet Und, na ja, er wird vielleicht wohl auch die Irrungen und Wirrungen der nächsten Jahrhunderte überdauern…

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