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Die Geschichte der Wanderarbeiter - Suche nach einer Perspektive

22.11.2023 · 22 Min.

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Über diese Folge

Die Globalisierung hat dem Phänomen der Wanderarbeiter neuen Schwung verliehen. Aber die Wanderarbeiter sind kein neues Phänomen. Schon die Arbeiter, die im Alten Ägypten die Pyramiden bauten, kamen aus dem ganzen Land und lebten nur zeitweilig nahe der Baustelle. (BR 2021) Autorin: Susanne Hofmann

Credits
Autor/in dieser Folge: Susanne Hofmann
Regie: Anja Scheifinger
Es sprachen: Christian Baumann, Katja Bürkle, Christian Schuler
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
Redaktion: Nicole Ruchlak

Im Interview:
Willi Kulke, Historiker und Museumsleiter im LWL-Industriemuseum Ziegelei Lage;
Lars Petersen, Archäologe, Ägyptologe und Kurator im Badischen Landesmuseum

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ERZÄHLER

Nach der sengenden Hitze des Tages legt sich die kühlende Nacht über das Land, diesen südlichsten Teil der ägyptischen Wüste. Beinahe lautlos gleitet das Boot des deutschen Ägyptologen Johannes Dümichen den Nil entlang, der Mond erhellt die zerklüfteten Felsen am Ufer in dieser Sommernacht des Jahres 1869. Fasziniert lässt der Reisende seinen Blick schweifen – und traut seinen Augen nicht:  

ZITATOR

„War es Täuschung oder Wirklichkeit? … Wir kamen näher und ich konnte nun die Erscheinung in ihrer ganzen Grossartigkeit, konnte die riesenhafte Gestalt, wie die der anderen, ganz ebenso gebildeten neben ihr, deutlich übersehen, wie sie, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, die Hand auf das Knie gestützt, in imposanter Ruhe dasassen und auf den Strom zu ihren Füssen herniederschauten.“

ERZÄHLERIN 

Vier gigantische Statuen. Sie sitzen vor dem Felsentempel Ramses des Zweiten in Abu Simbel. Gut 20 Meter ragen sie in die Höhe. Ein Monument, das vom Selbstbewusstsein des Pharaos zeugt, der sich vor mehr als 3.000 Jahren in diesen Statuen verewigen ließ: Ramses der Große. 

M Middle East Sunrise weg

Seine größte Errungenschaft ist jedoch nicht die Vielzahl imposanter Bauwerke, die er hinterlässt. Die Ägypter verdanken ihm eine nie dagewesene Blütezeit, ein halbes Jahrhundert in Wohlstand und Frieden. 

ERZÄHLER

Denn Ramses gelingt die Aussöhnung mit den Erzfeinden Ägyptens, den Hethitern. Die Herrscher beider Länder schließen den ersten erhaltenen schriftlichen Friedensvertrag der Geschichte, und beide Höfe nehmen einen regen Austausch auf, schildert der Ägyptologe Lars Petersen. Er arbeitet am Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. 

1. ZUSPIELUNG Petersen (09:20)

„Man will dann ja auch sich weiterhin gut vertragen. Und dazu gehörten dann natürlich Prestigeobjekte und wertvolle Geschenke, die dann von beiden Seiten ausgetauscht worden sind.“ 

ERZÄHLERIN

Bei diesen diplomatischen Beziehungen spielt eine Personengruppe eine besondere Rolle: ägyptische Ärzte, die die damalige Welt in Erstaunen versetzen. Für Lars Petersen sind diese ägyptischen Ärzte die ersten Wanderarbeiter der Antike, von denen man sicher weiß. Wanderarbeiter - also Menschen, die, so die Definition des Duden, ihren „Arbeitsplatz weit entfernt von ihrem Wohnort aufsuchen“ müssen. Der Ägyptologe Lars Petersen:

2. ZUSPIELUNG Petersen (09:20)

„Weil diese ägyptischen Ärzte so bedeutend waren, hat dann der hethitische Herrscher darum gebeten, dass für eine Zeit die Ärzte zu ihm kommen, um da auch die Bevölkerung medizinisch zu versorgen - also die ganze Bevölkerung wahrscheinlich nicht – das ist dann der Königshof gewesen. Also die ägyptische Medizin war in der Zeit sehr, sehr fortschrittlich, man hatte erste chirurgische Eingriffe, die für die damalige Zeit, das ist ja 3.300 Jahre her, so bedeutend waren, dass sich die gesamte damalige Welt die Hände nach ihnen geleckt hat, um auch die an ihren Hof zu bekommen.“

ERZÄHLER

Allerdings dürfte die zeitweilige Betätigung am hethitischen Hof nicht wie bei den späteren und heutigen Wanderarbeitern aus ökonomischer Notwendigkeit erfolgt sein, so Petersen, sondern im Rahmen eines Austausches im Dienste der Diplomatie. 

ERZÄHLERIN

Die ägyptischen Ärzte waren hoch spezialisiert, davon zeugen Papyrus-Quellen. Sie praktizierten beispielsweise als Augen-, Zahn- oder Ohrenärzte. Und Untersuchungen der erhaltenen Mumien mit den Mitteln der Endoskopie und der Computertomographie haben ergeben: Die ägyptischen Chirurgen konnten sogar Amputationen vornehmen und Prothesen einsetzen – eine Kunst, die in anderen Kulturen damals wahrscheinlich unbekannt war. Der Ägyptologe Petersen ist überzeugt, dass diese frühen Wanderarbeiter,

3. ZUSPIELUNG Petersen 12:04

„die Fachkräfte der damaligen Zeit dann natürlich ihre Techniken und ihr Wissen auch weitergegeben haben. Und so hat sich natürlich auch die gesamte antike Welt immer auch weiterentwickelt. … Für einen Ägypter war es sehr, sehr wichtig, von seiner Religion her, dass er wieder zurück kehrt nach Ägypten, … dass er, wenn er verstirbt, in der Erde Ägyptens nahe beim Nil bestattet wird … Deshalb wissen wir auch, dass diese ägyptischen Ärzte auch wieder zurück nach Ägypten kamen.“

M Moresca da gamba (a) C1601420112 Länge 0´31´´ unter:

ERZÄHLER

Ebenfalls im antiken Ägypten finden sich erste Spuren einer weiteren Gruppe historisch bedeutsamer Wanderarbeiter: Als Anfang des 19. Jahrhunderts europäische Abenteuerreisende die monumentalen Ramses-Statuen im ägyptischen Abu Simbel wiederentdecken, machen sie an den Figuren eine spannende Beobachtung. Lars Petersen:

4. ZUSPIELUNG Petersen 21:00

„Die waren ganz erstaunt, dass sie neben den ägyptischen Hieroglyphen auch griechische Inschriften gefunden haben, also keine offiziellen Inschriften, die wirklich gezielt in Stein gemeißelt waren, sondern wie heute, so Graffiti, also „I was here“. 

ERZÄHLERIN

Die griechischen „Graffiti“ geben den Archäologen zunächst Rätsel auf. Wie haben sich Griechen nach Ägypten verirrt, mehrere Tausend Kilometer südlich ihrer Heimat? 

5. ZUSPIELUNG Petersen 21:00

„Da haben sich griechische Söldner, die unter einem bestimmten Pharao tätig waren, nämlich dem Pharao Psammetich dem Zweiten im sechsten Jahrhundert, die haben sich da verewigt, und die haben dann quasi so aufgeschrieben ihren Namen und ihre Kompagnie und unter wem sie gedient haben. Die müssen da irgendwie eine Rast gehalten haben.“

ERZÄHLER

Griechische Söldner sind ab 600 vor Christus im östlichen Mittelmeerraum überaus gefragt – nicht nur bei den ägyptischen Herrschern. In der Region kommt es immer wieder zu militärischen Konflikten, gute Kämpfer sind gefragt. In den Quellen werden die griechischen Söldner „eherne Männer“ genannt, in Anspielung auf ihre Rüstung und ihre Waffen, die aus Eisen geschmiedet sind, so Lars Petersen:

6. ZUSPIELUNG Petersen 24:47

„Die waren sehr gut ausgebildet, aber auch ausgerüstet, und das war vor allem das, was man schätzte. Die kamen mit Sack und Pack, also die hatten ihre Rüstung, ihre selbstgeschmiedeten oder die sie sich haben fertigen lassen, die sie natürlich gut schützten. Sie hatten präzise, gute Waffen, die sie selbst verwendeten, und die einfach dann den Gegnern überlegen waren. … also das muss wohl so eine richtige Eliteeinheit gewesen sein, … vielleicht so etwas wie die französische Fremdenlegion, die bestimmte Aufgaben dann im Militärdienst in Ägypten übernommen haben.“ 

M Moresca da gamba (a) C1601420112 Länge 0´47´´  unter:

ERZÄHLERIN

Für ihre Dienste unter fremden Herrschern und in fremden Regionen werden diese frühen militärischen Wanderarbeiter fürstlich entlohnt. In Ägypten erhalten sie pures Gold. Dafür müssen sie allerdings auch fern der Heimat kämpfen, und manch einer muss in der Fremde auch sein Leben lassen. 

ERZÄHLER

Daheim ist das Ansehen von Söldnern eher gering, sie gelten als Außenseiter, leben meist abseits der Polis. Aber oft sehen Männer keinen anderen Ausweg: Die Bevölkerung Griechenlands wächst und im gebirgigen Land werden die Lebensmittel knapp. Viele Männer müssen sich anderswo nach einer Lebensgrundlage umschauen und entscheiden sich oft für ein Leben als Söldner auf fremden Territorien.  

M weg

M Arabesk C1601420116 Länge  0´31´´  unter: 

ERZÄHLERIN

Im gleichen Zeitraum, um 500 vor Christus, sind andere frühe Wanderarbeiter dokumentiert: Im antiken Persien entsteht die heutige Weltkulturerbe-Stätte Persepolis, die Stadt der Perser. Eine riesige, prachtvolle Palast- und Tempel-Anlage. Erbauen ließen sie die persischen Großkönige, so Lars Petersen:

M weg

7. ZUSPIELUNG Petersen

„Die haben wirklich gezielt aus ihren neuen Provinzen oder Satrapien, so hieß es bei den Persern, haben die sich dann die interessanten Leute geholt. Also da gibt es …Quellen aus Persepolis, die dann sagen: Auf unserer Baustelle des Königspalastes haben 200 Ägypter und 200 Syrer gearbeitet… teilweise Namen und die Gehaltsforderungen und was die bekommen haben und was die auch gemacht haben - also das waren Steinmetze, das waren Holzhandwerker, also Schreiner, die auf diesen Baustellen dann auch gearbeitet haben, und dann wahrscheinlich auch wieder in die Regionen zurückgegangen sind, wo sie ursprünglich herkamen.“

ERZÄHLER

Auch für das römische Reich ist der Einsatz diverser Wanderarbeiter verbürgt. Insbesondere in der Landwirtschaft waren sie gang und gäbe. Zu Erntezeiten waren Kolonnen von Erntehelfern aus anderen Regionen für Großgrundbesitzer tätig, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

ERZÄHLERIN

Schon die frühen Wanderarbeiter kommen bei Tätigkeiten zum Einsatz, die besondere Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern – und, wenn die heimische Bevölkerung nicht damit dienen kann oder will. Der Historiker Willi Kulke, der das Industriemuseum in Lage leitet, hat dem Phänomen der Wanderarbeit in Geschichte und Gegenwart eine Ausstellung gewidmet. Er ist davon überzeugt: Wanderarbeiter gab es schon immer. 

8. ZUSPIELUNG Kulke 1:39

„Es gab immer schon Gegenden, in denen Mehrbedarf war an Arbeit, und wo weniger Bedarf war und Wanderarbeit ist ganz häufig auch davon bestimmt, dass die Arbeit nur saisonal anliegt. … in der Landwirtschaft gibt‘s ganz viele Bereiche, die nie existieren würden, … ohne dass Menschen aus Gegenden kommen, in der sie noch weniger verdienen und die deswegen ein Interesse daran haben, für einen bestimmten Zeitraum auch in der Fremde zu arbeiten.“

M En seumeillant NC079510114 Länge 0´49´´    unter:

ERZÄHLER

Gerade im Mittelalter gab es viele Handwerker, die davon lebten, mit ihrem Leiterwagen über Land von Ort zu Ort zu ziehen, um den Menschen ihre Dienste und Waren anzubieten. Viele waren gezwungen, längere Zeit auf der Straße zu leben, sie schliefen in Schuppen oder Unterständen. Liefen die Geschäfte schlecht, waren sie auf Almosen angewiesen. Kesselflicker, Bürstenbinder, Scherenschleifer, genauso wie etwa auch Hausierer – alle zählen zum fahrenden Volk. Viele von ihnen sind Juden, Sinti und Roma, die sich nicht in den Städten niederlassen dürfen und von den Zünften ausgeschlossen sind. Der Historiker Willi Kulke:

M weg

9. ZUSPIELUNG Kulke 12:12

„Das waren vor allen Dingen Berufe, die in der Menge in der Stadt nicht gebraucht wurden – so ein Kesselschmied, der konnte ein ganzes Jahr nicht davon in einer Stadt leben. Genauso wenig ein Scherenschleifer, … der zog durch ein bestimmtes Gebiet und war halt eins, zwei, vielleicht auch viermal im Jahr in den entsprechenden Dörfern für einen Tag oder zwei, verrichtete seine Arbeit, aber dann war das auch erledigt mit der Menge der Scheren und Messer, die entsprechend nachzuschleifen waren, und er zog weiter in den nächsten Ort nach. Also bei diesen Berufen ist es vor allen Dingen ein Gewerbe, bei dem die Nachfrage in den einzelnen Orten nicht so groß war, zum anderen aber auch eine gewisse Fachkenntnis notwendig war, um Messer, Scheren entsprechend richtig zu schleifen oder einen Kupferkessel also wirklich wieder dicht zu bekommen, der unter Umständen durchgescheuert war oder aus anderen Gründen Löcher bekommen hatte.“

M En seumeillant NC079510114 Länge 0´28´´   unter:

ERZÄHLERIN

Diese Wanderhandwerker und-kaufleute decken Nischen ab, die die ansässigen Handwerker und Kaufleute nicht bedienen. So bieten die Hausierer ein buntes Sortiment an Kurzwaren, Tüchern, Bändern, Kerzen, aber auch Tee, Kaffee oder Schmuck an. Die niedergelassenen Krämer betrachten sie oft als lästige Konkurrenz, sie werden als arbeitsscheu und sittlich verdorben verunglimpft. So heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1769: 

M weg

ZITATOR  

„Sie betrügen den geringen Mann nicht nur mit schlechten Waren und übersetzen ihn im Preise, sondern bestehlen ihn auch noch manchmal dazu. Sie verführen die Weiber zu unnützer Pracht und Üppigkeit; sie schleppen ihnen heimlich Kaffee und starke Getränke zu, und verleiten sie gar oftmals zu andern Ausschweifungen.“

ERZÄHLER

Die Dienste der umherziehenden Hausierer und Handwerker werden zwar benötigt, dennoch müssen sie eher am Rande der Gesellschaft leben, so der Historiker Willi Kulke. Man beäugt sie mit Argwohn. Fehlt irgendwo ein Silberlöffel, fällt der Verdacht schnell auf diese wandernden Arbeiter. 

10. ZUSPIELUNG Kulke 13:31

„Es waren halt Menschen, von denen man nicht so genau wusste, wo sie herkamen, wo sie lebten, wie sie lebten. … Das war dieser Makel der unehrenhaften Handwerker, Gewerke oder Gewerbe, die halt eben nicht wie ein Kaufmann oder ein Tischler oder ein Schumacher fest am Ort etabliert waren und entsprechend anerkannt. So waren halt eben Scherenschleifer, Kesselflicker oder andere halt schon eher ein unehrbares Handwerk.“

11. ZUSPIELUNG Museum  (mit Musik)  

ERZÄHLERIN

Das Ziegelei-Museum Lage. Eine eigene Ausstellung ist hier einer besonderen Gruppe von Wanderarbeitern aus dem westfälischen Lippe gewidmet. Die lippischen Wanderziegler haben vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg nicht nur ihre Heimat-Region geprägt, sagt der Leiter des Ziegeleimuseums, Willi Kulke.  

12. ZUSPIELUNG Kulke

„Ich würde einfach mal so vereinfacht sagen: Die Lipper haben Berlin aufgebaut. Die saßen in Glindow, Zehdenick rund um Berlin und haben Millionen von Ziegeln produziert, mit denen dann später diese riesen Mietskasernen mit drei, vier bis zu sieben Hinterhäusern entstanden, mit denen große Fabriken entstanden – und ohne die Lipper wäre diese Industrialisierung so nicht möglich gewesen, weil sie den Baustoff lieferten eben dafür.“ 

ERZÄHLER

Am Anfang ist die Not. Im damaligen Fürstentum Lippe leben die meisten Menschen von der Handspinnerei und -weberei in Heimarbeit. Mit dem Aufkommen der Textilfabriken ab Mitte des 19. Jahrhunderts verlieren sie ihr Einkommen. Die Landwirtschaft wirft zu wenig ab, um die ganze Bevölkerung davon zu ernähren. Da bietet der Bauboom in Städten wie Berlin, Hamburg oder Bremen den arbeitssuchenden Lippern eine Chance. Der Historiker Willi Kulke:

13. ZUSPIELUNG Kulke 7:56

„Die schaffen einen Baustein, einen von vielen, um Industrialisierung in Deutschland überhaupt möglich zu machen. … Und da konnte man aber auch nur Wanderarbeiter gebrauchen, weil Ziegel kann man nur von März bis Oktober herstellen, danach es zu kalt und friert dieser Lehm. Und es ist nicht möglich, also Steine zu formen, die nicht wieder auseinanderbröseln. Dafür braucht man dann Wanderarbeiter, die bereit sind, genau das tun, in einer bestimmten Saison zu arbeiten und dann das Land aber auch wieder zu verlassen oder die Gegend wieder zu verlassen, weil man sie nicht haben wollte, wenn sie keine Arbeit hatten.“

ERZÄHLERIN

In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschreibt Theodor Fontane 1873 das arbeitsame Leben der lippischen Wanderarbeiter vor den Toren Berlins: 

ZITATOR  

„Die Lipper, nur Männer, kommen im April und bleiben bis Mitte Oktober. Die Leute sind von einem besonderen Fleiß. Sie arbeiten von drei Uhr früh bis acht oder selbst neun Uhr abends, also nach Abzug einer Eßstunde immer noch nah an siebzehn Stunden. Sie verpflegen sich nach Lipper Landessitte, das heißt im wesentlichen westfälisch. Man darf sagen, sie leben von Erbsen und Speck, die beide […] aus der lippeschen Heimat bezogen werden, wo sie diese Artikel besser und billiger erhalten. Mitte Oktober treten sie, jeder mit einer Überschußsumme von nahezu 100 Talern, den Rückweg an […].“

M Lights Z8033153109 Länge 2´31´´  unter:

ERZÄHLER

In geschlossenen Gruppen fahren die Wanderziegler mit der Bahn jedes Frühjahr in die Fremde, um dort auf den Ziegeleien in Akkordarbeit ihr Geld zu verdienen. Vor allem die Familienväter schicken den Großteil ihres kargen Lohns sofort zurück in die Heimat, behalten nur ein kleines Taschengeld für sich. Die finanzielle Lage der Ziegler bessert sich erst in den 1920er Jahren – da können sich einige den Luxus eines eigenen Fahrrads oder Radios leisten, allerdings nur, wenn sie dafür monatelang eisern sparen. 

ERZÄHLERIN

Die Männer werden in der Fabrik angelernt und eingearbeitet, jeder spezialisiert sich auf eine bestimmte Tätigkeit in der Produktion – sei es als Tongräber, Former oder Brenner. Bei schlechtem Lehm, Krankheit oder Unfällen müssen alle den Verlust tragen. 

ERZÄHLER 

Meist leben zwei Dutzend Arbeiter zusammen in einem Wohnhaus, manchmal auch nur in einer einfachen, spartanisch eingerichteten Bretterbude, immer jedoch in unmittelbarer Nähe zur Fabrik mit dem Ziegelofen. Immer wieder kommt es deshalb zu Bränden. Die Männer teilen sich einen Schlafsaal, jeder hat eine einfache Bettstatt, als Unterlage dient ein mit Stroh gefüllter Leinensack. Oft werden die Jüngsten, vielfach erst 14-Jährigen, abstellt zum Kochen, später leisten sich viele Mannschaften eine Haushälterin. Die Mahlzeiten nehmen sie gemeinsam ein. Man bildet eine Ersatzfamilie, hat kaum Kontakt zur Außenwelt -das schweißt zusammen. 

ERZÄHLERIN

Die Familie bleibt während dieser Monate zuhause. Die meisten Frauen bewirtschaften einen kleinen Hof, halten Hühner und vielleicht ein Schwein, bauen Gemüse an, ziehen die Kinder groß und müssen zum Teil für die Pacht ihres Hofes beim Großbauern arbeiten. Ein richtiges Familienleben, einen Alltag, den Frau und Mann teilen, findet nur im Winter statt. Kontakt halten sie während der Monate der Trennung über Briefe, immer wieder bekommen die Wanderziegler auch ein Stück Schinken oder Speck aus der Heimat geschickt. Der Lohn für die Zieglerarbeit soll schließlich am Ende der Saison möglichst vollständig in den gemeinsamen Haushalt fließen.  

ERZÄHLER

Die Hochphase der Wanderarbeit der lippischen Ziegler endet nach dem Ersten Weltkrieg. In Lippe entwickelt sich eine eigene Industrie und die Ziegler werden zunehmen durch Maschinen ersetzt.

M weg

ERZÄHLERIN

Und heute? Heute sind weltweit ganze Wirtschaftszweige auf Wanderarbeiter angewiesen – Menschen, die ihrer Heimat vorübergehend oder regelmäßig für etliche Monate oder Jahre den Rücken kehren, um dorthin zu ziehen, wo es Arbeit und ein Auskommen für sie gibt. Viele von ihnen werden ausgebeutet und wie Sklaven behandelt.

China: Abermillionen von Chinesen ziehen durch das riesige Land und ermöglichen dort unter härtesten Arbeitsbedingungen den gigantischen Bauboom. Indien: Rund 40 Millionen Wanderarbeiter kommen vom Land in die Städte, um dort meist als Tagelöhner in Fabriken, auf dem Bau oder für Transportunternehmen zu schuften. Unzählige leben in den Slums buchstäblich von der Hand in den Mund, etliche schlafen auf der Straße.

ERZÄHLER

Deutschland: Altenpflegerinnen aus Osteuropa stemmen ein Gros der häuslichen Pflege hierzulande; sie leben im Haushalt mit den Pflegebedürftigen, um die sich für einen kargen Lohn kümmern, fern der eigenen Familie in der Heimat. Spanien: Ein Heer an Saisonarbeitern schwärmt alljährlich auf die Felder, um Salat zu pflanzen, Melonen und Tomaten zu ernten oder Spargel zu stechen. 

ERZÄHLERIN

In Europa arbeiten die Saisonarbeitskräfte zum Mindestlohn – zumindest auf dem Papier. Doch immer wieder ziehen die Arbeitgeber einen großen Anteil ab und behalten ihn ein -– für die Verpflegung, Arbeitsgeräte und die Unterbringung; eine Unterbringung, oft in einfachen Containern oder überfüllten Sammelunterkünften. Gewerkschaften kritisieren die Arbeitsbedingungen als Sklaverei: Oftmals muss ohne Ruhetage durchgearbeitet werden, Zehn-Stunden-Tage sind bei der körperlichen schweren Arbeit keine Ausnahme. Die Betriebe müssen für die Arbeiter während eines Zeitraums von drei Monaten keine Sozialabgaben zahlen. 

M Jour Triste Z8028908106 Länge 0´55´´  unter:

ERZÄHLER

Auch wenn der Auszug in die Fremde quer durch die Geschichte sicherlich abenteuerliche Aspekte hat - als schiere Wanderslust ist das Massenphänomen der Wanderarbeit nicht zu erklären. Freiwillig lassen die wenigsten ihr Zuhause und ihre Familie zurück, um der Arbeit nachzuwandern. Davon ist Willi Kulke überzeugt. Der Arbeit wegen zeitweise oder langfristig seiner Heimat den Rücken zu kehren, bedeutet für die Menschen schließlich den Sprung ins kalte Wasser, das Kappen von gewachsenen Beziehungen und den Verlust der Heimat. Für viele eröffnet Wanderarbeit aber auch eine Perspektive, oftmals die einzige. Daran hat sich in den letzten Jahrhunderten nichts geändert.

M weg

14. ZUSPIELUNG Kulke 10:32

„Solange, wie Menschen arm sind irgendwo und Arbeit suchen, wird es immer Wanderarbeit geben. Und genauso wird es immer das Bedürfnis geben, für einen bestimmten Zeitraum möglichst billige Arbeitskräfte anzuwerben, die Dinge tun, die die heimische Gesellschaft selber so nicht tun will, so wie sie heute fast niemanden mehr finden, der bereit ist, für diese Löhne Erdbeeren zu pflücken oder Spargel zu stechen. … Solange wie keine gerechten, also wirklich auskömmliche Löhne dafür gezahlt werden für eine wirklich sehr, sehr schwere körperliche Arbeit, solange wird man immer andere Arbeitskräfte anwerben, die oft aus eigener Not halt eben bereit sind, jetzt zum Beispiel aus der Ukraine zu kommen, um hier Spargel zu stechen.“

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Donald Woods Winnicott gilt als einer der bedeutendsten Psychoanalytiker. Allerdings werden seine Werke erst nach seinem Tod auch außerhalb Englands wirklich bekannt. Da hatten andere seine Ideen zu antiautoritärer Erziehung längst aufgegriffen. Winnicott war also ein Vorreiter, sein Ideenreichtum wird oft mit Sigmund Freuds verglichen. Anders als Freud konzentrierte er sich auf die ersten Lebensmonate – auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Sprecher 3 Winnicott „Das Baby“ - das gibt es doch gar nicht! Wenn Sie mir ein Baby zeigen, zeigen sie mir immer auch die Person, die sich um es kümmert. Ein aufeinander bezogenes Paar. Sprecherin 1 So entschieden unterbrach Winnicott einmal eine Diskussion unter Kollegen im Krankenhaus. Viele seiner psychoanalytischen Theorien speisten sich aus seinen Beobachtungen als Kinderarzt. Musik: Z8034319107 Creative ideas 0‘9 Sprecher 3 Winnicott (Hintergrund) Die hinreichend gute Mutter. Die haltende Umgebung. Das wahre und das falsche Selbst. Sprecherin1 Winnicott hatte ein Ziel: Die Psychoanalyse in einfachen, verständlichen Worten zu vermitteln – und zwar möglichst vielen. Das gelang ihm nicht zuletzt durch seine lebhaften und empathischen Vorträge im Radio der BBC. O-Ton 04 (Winnicott) 00’15 You’ll be relieved to know that I am not going to tell you what to do. I’m a man, and so I can never really know what it is like to see wrapped up over there in the cot a bit of my own self. Sprecher 3 Winnicott Es wird Sie erleichtern zu hören, dass ich Ihnen keine Anweisungen geben werde. Ich bin ein Mann – ich werde nie genau wissen, wie es sich anfühlt, ein Baby in der Wiege liegen zu sehen, dass einmal Teil von mir war. Musik: Z8034755101 Bright ideas 0‘30 Sprecherin 1 Winnicott war bekannt für seinen Humor. Spontaneität und Lebendigkeit waren ihm wichtig. Ein Ziel der Psychoanalyse sah er darin, dass die Patientin oder der Patient die Fähigkeit wieder entdecke, sich selbst zu überraschen. 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Dazu gehören auch aggressive Impulse, dass es zum Beispiel mal beißt. Dahinter stecken aber keine bösen Intentionen. Und hier ist die Reaktion der Mutter entscheidend. O-Ton 09 Auchter (00’48) Winnicott sagt an einer Stelle, die Mutter darf sich nicht rächen, sondern muss es so sehen: Das passiert, das gehört zur normalen Entwicklung dazu. Und in dem Maße in dem sie böse oder destruktiv reagiert, kriegt das Kind ein Bild von sich, „Oh, was hab ich gemacht, wie schrecklich, wie böse bin ich!“ Weil es ja alles so grenzenlos ist, jetzt habe ich die Mutter umgebracht, jetzt habe ich sie getötet. Furchtbar! Und wenn das Kind dann erleben kann, ok – ich hab diese Impulse gehabt, aber die Mutter kommt zwei Minuten später und reicht mir die Brust, dann wird diese Aggression eingedämmt, sie wird eingegrenzt. Sprecherin1 Das ist ganz wichtig. Denn wenn die Mutter wiederholt überreagiert, kann sich im Baby ein „falsches Selbst“ entwickeln, wie Winnicott es nennt. In anderen Worten, es passt sich den Reaktionen, den Ansprüchen und Vorstellungen der Mutter an. Sein authentisches, oder wahres Selbst wird dadurch verzerrt. Zu einem gewissen Grad, sagt der Kinderarzt, ist das normal. Keine Mutter ist perfekt. The Good Enough Mother - die hinreichend gute Mutter. Das ist ein Schlüsselbegriff in Winnicotts Theorie. Er erkennt an, dass eine Mutter ihrem Kind und ihrer Aufgabe gegenüber auch mal gemischte Gefühle hat. Ein Thema, das bis heute hochaktuell ist. Winnicott diskutiert es mit Müttern in der BBC schon 1960. O-Ton 10 Winnicott (Original) 00’14 It’s only too easy to idealize a mother’s job. We know very well that every job has its frustrations and its boring routines, and at times being the last thing anyone would choose to do. Sprecher 3 Winnicott (Original unterlegen) Es ist allzu leicht, die Arbeit einer Mutter zu idealisieren. Jeder Job kann frustrierend sein, und langweilige Routinen haben, und sich anfühlen wie das Letzte, was irgendwer machen wollen würde. Musik: Z8033060101 Ice investigator 0‘25 O-Ton 11 Auchter 00‘29 Wie bei allen Menschen, allen Wissenschaftlern die was schreiben oder so, hat das, womit sie sich zentral beschäftigen auch sehr viel mit ihrer Entwicklungsgeschichte zu tun. Und es ist ja nun ganz klar, dass Winnicott die Mütterlichkeit ins Zentrum seiner Arbeit gestellt hat. Der Vater taucht vergleichsweise sehr viel weniger auf. Atmo: Meer 0‘20 Musik: C1490150018 Valse enigmatique 0‘57 Sprecherin 1 Die südenglische Hafenstadt Plymouth, im Jahr 1896. Donald Woods Winnicott wird in eine gutbürgerliche, protestantische, wohlhabende Familie geboren. Der Vater ist Geschäftsmann, politisch aktiv, und viel außer Haus. Der junge Donald zieht sich zurück in den Garten, macht seine Schulaufgaben auf einem Baum. Er schreibt später, dass er sich wie ein Einzelkind mit mehreren Müttern fühlt: zwei Schwestern, über fünf Jahre älter als er, einem Kindermädchen, einer Gouvernante – und seiner eigenen Mutter. Eine schattenhafte Figur. Mit 67 schreibt Winnicott ein Gedicht über sie. Eine Mutter weint, unter einem Baum. Sprecher 3 Winnicott (Auchter nach hinten untermischen) Ich lernte, sie zum Lachen zu bringen. Mein Leben war, sie zu beleben. O-Ton 12 (Ende) Auchter 00’20 …to enliven her was my living. Der Psychoanalytiker André Krien hat einmal von der toten Mutter gesprochen, und tote Mutter heißt nicht, dass die Mutter nicht da ist, sondern dass die Mutter da ist aber nicht lebendig für ihr Kind da ist. Und so etwas hat Winnicott glaube ich mit seiner Mutter erlebt, und man weiß fast nichts über sie! Sprecherin 1 Über den Vater schreibt Winnicott dafür umso ausführlicher. Meistens voller Verständnis; egal, wie roh er ihm gegenüber war. Regelmäßig singt der Vater z.B. vor seinem dreijährigen Sohn Donald ein Lied, mit hämischer Stimme. Über eine Wachspuppe, die den Schwestern gehört und Rosie heißt. Sprecher 3 Winnicott “Rosie sagt zu Donald - Ich liebe dich. Donald sagt zu Rosie - Ich glaube dir nicht.” Vielleicht ging das Lied auch andersherum, ich weiß es nicht mehr. Ich nahm jedenfalls meinen Krocketschläger und schlug der Puppe die Wachsnase platt. Mein Vater nahm Streichhölzer, erwärmte ihr die Nase und machte wieder ein Gesicht daraus. Ich war sehr beeindruckt von ihm. Sprecherin 1 Obwohl sich Winnicott in seinen privaten Aufzeichnungen so viel mit dem Vater beschäftigt - in seinen Theorien klammert er die Väter weitestgehend aus. Kritiker werfen ihm vor, die ödipale Beziehung, also das Dreiecksgeflecht zwischen Mutter, Vater und Kind, zu stark außer Acht zu lassen. In zwei langen Psychoanalysen setzt sich Winnicott mit der eigenen Kindheit auseinander. Er entdeckt seine Lebendigkeit – sein wahres Selbst – aber die Vaterrolle kritisch zu betrachten wird ihm nie ganz gelingen. Musik: Z8019017133 Nocturnal research 0‘40 Sprecherin 1 Immerhin setzt er sich vor ihm durch mit seinem Wunsch, Arzt zu werden. Während des Studiums liest er Freuds „Traumdeutung“ – und ist begeistert. Die Kinderheilkunde mit der Psychoanalyse zu verbinden, das wird sein Ziel. Sprecher 3 Winnicott Ich bin absolut dafür, dass man objektiv bleibt und die Dinge klar untersucht und sorgfältig abhandelt; aber ich bin dagegen, dass man deswegen langweilig wird, und die Fantasie – die unbewusste Fantasie – aus dem Spiel lässt. – Wenn ich nicht Arzt geworden wäre, dann wahrscheinlich Kabarettist!! Atmo: Bomben / Krieg 0‘39 Sprecherin 1 1940: während des zweiten Weltkriegs bombardiert die deutsche Luftwaffe England und plant die Invasion der Insel. Die Britische Psychoanalytische Gesellschaft tagt in London, als ein Angriff beginnt. Die Teilnehmer sitzen im Saal, als im Minutentakt Bomben zu fallen beginnen. Man duckt sich, aber die Diskussion wird fortgeführt. Nur einer erhebt sich: Winnicott. Sprecher3 Winnicott Ich möchte darauf hinweisen, dass ein Luftangriff im Gange ist. Sprecherin 1 Die Szene ist typisch für ihn: Während andere sich in Debatten verlieren, bewahrt Winnicott den Bezug zur Realität. Die Britische Psychoanalytische Gesellschaft ist zu dieser Zeit tief gespalten: Eine Gruppe fühlt sich Anna Freud verbunden, der Tochter von Sigmund Freud. Die andere Melanie Klein - einer der prägendsten Figuren in der Geschichte der Psychoanalyse. O-Ton 13 (Auchter) 00’19 Da hat Winnicott das Gefühl gehabt, da kommt eine interessante, eine liberale Analytikerin. Und es ist dann so, dass Melanie Klein in seinem Erleben, und ich denke das teilen andere auch, immer rigider und immer dogmatischer geworden ist. Musik: Z8019016121 Research aktivity 0‘43 Sprecherin 1 Ein Streit entbrennt. Anna Freud ist überzeugt, dass die äußeren Umstände entscheiden für die Entwicklung des Kleinkinds sind. Melanie Klein hingegen meint, dass es angeborene innere Muster sind, die das Baby prägen. Winnicott sieht beide Faktoren im Zusammenspiel: die Umwelt beeinflusst das Innere erleben und umgekehrt. Das deckt sich auch mit seinen Erfahrungen als Arzt. Er versucht im Streit zu vermitteln, aber die Fronten haben sich verhärtet. Also schließt er sich der “Middle Group” an – einer Gruppe von Psychoanalytikern, die sich als unabhängig deklarieren. Winnicott geht es immer wieder um Unabhängigkeit. Um Dynamik. Während viele seiner Kolleginnen und Kollegen bei ihren Patienten von “Haltung” oder “Disposition” sprechen, ist ihm das zu starr, er nutzt lieber das Wort “Fähigkeit”. Einer seiner bedeutendsten Essays heißt “Die Fähigkeit, Allein zu sein.” Und im Grunde geht es ihm genau darum auch bei der hinreichend guten Mutter: Dass sie ihr Kind hält und ihm trotzdem Raum gibt. Es auch mal in Ruhe lässt. O-Ton 14 Winnicott (00’30) I’ve known mothers whose enjoyment of their motherhood was somehow spoilt by the fact that they felt somehow responsible for the aliveness of the baby. If the baby was sullen, they would play about and poke his face, trying to produce a smile which of course meant nothing to the infant, it was just a reaction. Some children are never allowed even at earliest infancy just to lie back and float. They lose a great deal. Sprecher 3 Winnicott Ich kenne Mütter, die ihre Mutterschaft weniger genossen haben, weil sie das Gefühl hatten, irgendwie verantwortlich dafür zu sein, dass ihr Kind lebendig ist. Wenn das Kind still war, haben sie ihm in die Backe gepiekst, so dass es lachte. Dem Kind bedeutet das natürlich gar nichts, es war bloß eine Reaktion. – Manchen Kindern wird, selbst wenn sie ganz klein sind, nicht erlaubt einfach mal da zu liegen und sich treiben zu lassen. Ihnen entgeht einiges. Sprecherin 1 Bei einem seiner Vorträge Anfang der 40er Jahre werden zwei Redakteurinnen der BBC auf Winnicott aufmerksam. So beginnt seine Tätigkeit für’s Radio, die über 15 Jahre dauert. Wegen seiner weichen Stimme halten ihn viele anfangs für eine Frau. Er ist beliebt, bekommt säckeweise Leserbriefe. Vielleicht, weil es Ratgeber zuhauf gibt, Erklärungen wie seine dafür weniger. O-Ton 15 Winnicott 00’20 …this time he is a bundle of discontent. A human being to be sure, but one who has raging lions and tigers inside him. He is almost certainly scared by his own feelings. If no-one has explained all this to you, you may become scared, too. Sprecher 3 Winnicott Und plötzlich ist ihr Baby ganz unzufrieden. Ein Mensch, sicher, aber einer mit brüllenden Löwen und Tigern in sich. Das Baby erschrickt ziemlich sicher vor seinen eigenen Gefühlen. Und wenn Ihnen das niemand erklärt hat, bekommen Sie vielleicht auch Angst! O-Ton 16 Caldwell (00’24) If you listen to the BBC broadcasts, you have to get over the accent, which puts Winnicott in a particular class position. People might find that off-putting. They’re outdated in one way, in another, they’re sympathetic. Sprecherin 2 Caldwell Wenn man sich die BBC Sendungen anhört heutzutage muss man erstmal über seinen Akzent hinwegkommen. Er klingt schon sehr nach Upper Class. Das mag einige nerven. Die Beiträge wirken etwas altmodisch, aber auch sympathisch. Sprecherin 1 Und dennoch erstaunlich modern. Winnicott ist Realist, der nichts idealisiert. O-Ton 17 Winnicott (Original) (00’25) A woman’s life changes in many ways when she conceives a child. Up to this point she may have been a person of wide interests, perhaps in business. Or a keen politician. She may have tended to despise the relatively restrictive lives of friends who’ve had a child, even making rude remarks about their resemblance to vegetables. Sprecher 3 Winnicott Das Leben einer Frau verändert sich in vielerlei Hinsicht wenn sie ein Kind erwartet. Sie mag bis dahin zahlreiche Interessen gehabt haben, eine Unternehmerin gewesen sein oder politisch involviert. Vielleicht hat sie verächtlich auf das relativ eingeschränkte Leben von Freunden mit Kindern geschaut, oder sogar grobe Bemerkungen gemacht – sie würden Gemüse ähneln. Musik: Z8014761114 Foreboding of war 0‘40 Sprecherin 1 Die Kriegsjahre zerreißen Familien und setzen sie neu zusammen. 1939 beginnt die britische Regierung mit ihrem Evakuierungsprogramm: In nur zwei Tagen werden über 1,5 Millionen Kinder in ländliche Gebiete geschickt, um sie vor den Bombenangriffen in Sicherheit zu bringen. Winnicott wird psychiatrischer Berater dieses Programms. Auf der einen Seite ist er strikt dagegen, Kinder von ihren Eltern zu trennen. Auf der anderen Seite hat man keine Wahl. Trotzdem beobachtet er in vielen Kindern nach der Evakuierung antisoziale Tendenzen. O-Ton 18 (Caldwell) (00’26) The impact of the evacuation program depended a great deal, and Winnicott wrote about this and emphasized it, on what kind of homes, what kinds of families, the children came from, and what homes, families and institutions they went to. And of course he did the work with Clare Britton, who then became Clare Winnicott, his second wife. Sprecherin 2 Caldwell Die Folgen dieser Evakuierung, und darüber hat Winnicott ausführlich geschrieben, hingen davon ab, aus was für einem Umfeld die Kinder kamen, und in was für Familien oder Institutionen sie geschickt wurden. Und natürlich hat er diese Arbeit zusammen mit Clare Britton gemacht, die dann seine zweite Frau wurde. Sprecherin 1 Clare Britton, eine Sozialarbeiterin im Evakuierungsprogramm, wird einen erheblichen Beitrag zu Winnicotts Arbeit leisten. 1948 stirbt sein Vater. Winnicott erleidet den ersten von mehreren Herzinfarkten. Gleichzeitig fühlt er sich befreit von einer strengen Instanz. Er bittet seine erste Frau Alice, mit der er fünfundzwanzig Jahre zusammen war, um die Scheidung, und heiratet Clare. Die beiden arbeiten bis an ihr Lebensende zusammen. Pause Musik: Z8014761135 Pensive pondering red 0‘28 1971 stirbt Winnicott an einem weiteren Herzinfarkt. Es ist Clare zu verdanken, dass viele seiner Schriften posthum veröffentlicht werden. Winnicotts Werk spiegelt seine optimistische Art: Er beschreibt Delinquenz als Zeichen von Hoffnung auf Aufmerksamkeit. Krankheit als Schlüssel zur Erkenntnis. O-Ton 19 (Auchter) (00’28) Er weist darauf hin dass wir uns in der Vergangenheit in der Psychoanalyse viel zu sehr fixiert haben auf das Pathologische. Und ihm ist es wichtig, nicht zu sagen, dass ist ein Neurotiker, ein Psychotiker, schrecklich. Sondern ihm geht es darum zu verstehen warum ist jemand so wie er ist oder warum ist er geworden wie er ist, und welche Bedeutung das für denjenigen hat hervorzuheben. O-Ton 20 (Caldwell) 00’26 His analytic work was inspiring, inspiring about human possibility really. The sense of an attention to the idea of people being alive and open is one of the things that he thinks analysis is about. Sprecherin 2 Caldwell Seine analytische Arbeit war inspirierend, wirklich inspirierend was unsere Möglichkeiten betrifft. Er hat daran geglaubt, dass es in einer Analyse darum geht, im Blick zu behalten dass Menschen lebendig und offen sind. Musik: Z8014761138 Thinking of better times red 0‘53 Sprecherin 1 Und immer hatte er dabei den Anfang im Blick. Die ersten Momente einer wachsenden Beziehung. O-Ton 21 (Winnicott) (00’37) Even in the womb, your baby is a human being unlike any other human being. It is of course easy to read into the face of newborn babies things that are not there. Though to be sure a baby may look very wise at times, even philosophical. But if I were you, I shouldn’t wait until the psychologists have decided how human a baby is at birth. I should just go right ahead and get to know the little boy or girl. And let him get to know you. Sprecher 3 Winnicott Selbst im Bauch ist ihr Baby wie kein anderes Baby. Natürlich lässt sich ins Gesicht eines Neugeborenen leicht etwas hineininterpretieren. Und Babys können ja wirklich sehr weise aussehen, sogar philosophisch. Ich würde an Ihrer Stelle jedenfalls nicht darauf warten, dass die Psychologen entscheiden, wie menschlich ein Baby bei der Geburt ist. Ich würde einfach gleich loslegen und den kleinen Jungen oder das kleine Mädchen kennenlernen. Und zusehen, dass es Sie kennenlernt.

  • Über das Grübeln - Gefangen in den eigenen Gedanken

    22.11.2023 · 22 Min.

    Oft verliert sich unser Denken in endlosen Schleifen und unausweichlichen Wiederholungen und lässt einem keine Ruhe. Dieses Grübeln zeigt, dass nicht wir es sind, die grübeln, sondern dass es in uns grübelt. (BR 2014) Autor: Rolf Cantzen Credits Autor/in dieser Folge: Rolf Cantzen Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Irina Wanka, Dtlef Kügow, Thomas Loibl Technik: Klemens Kamp Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek, FU-Berlin; Dr. Tobias Teismann, Geschäftsführender Leiter des Zentrums für Psychotherapie in Bochum Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Meditation - Übung mit tiefem Sinn JETZT ANHÖREN Glück beginnt im Kopf - Erkenntnisse der Neurobiologie JETZT ANHÖREN Einsamkeit - Mehr als allein JETZT ANHÖREN Wird schon! Die Kraft der Zuversicht JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Ingenieurskunst Tunnelbau - Wege durch den Stein

    22.11.2023 · 22 Min.

    50 Kilometer quer durch ein Gebirgsmassiv: Moderne Tunnelbau-Technik macht es möglich. Doch schon die Römer bahnten sich ihren Weg durch etliche hundert Meter Fels und Gestein - ohne Maschinen und die Hilfe von Geologen. (BR 2019) Autor: David Globig Credits Autor dieser Folge: David Globig Regie: Axel Wostry Es sprachen: Susanne Schroeder Technik: Adele Kurdziel Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Klaus Grewe, Vermessungsingenieur und Archäologe; Prof. Kurosch Thuro, Lehrstuhl für Ingenieurgeologie, TU München; Sebastian Heer, Bahnigenieur und ehemals Teamleiter eines Tunnelbauprojekts der Deutschen Bahn; David Salameh, Projektmanager, Herrenknecht AG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Am 15. Oktober 2010 findet in den Alpen ein Ereignis statt, das weltweit für Aufsehen sorgt und so einzigartig ist, dass das Schweizer Fernsehen live davon berichtet. Schauplatz: die Baustelle des Gotthard Basistunnels. 01 ZUSPIELUNG Reportage SF, darüber: SPRECHERIN: Einige hundert Bauarbeiter und Offizielle starren wie gebannt auf eine Spritzbeton-Wand. Ein Rumpeln ist zu hören, immer mehr Risse durchziehen die Fläche. Dann brechen die ersten Teile der Wand zusammen und ein riesiger rotierender Bohrkopf wird sichtbar. Jubel brandet auf. Mitten im Fels der Schweizer Alpen sind die Röhren, die die Arbeiter von zwei Seiten aus ins Gestein getrieben haben, exakt aufeinander gestoßen. Der erste Durchbruch für den 57 Kilometer langen Gotthard Basistunnel ist geschafft. GERÄUSCH Hammer und Meißel, darüber: SPRECHERIN: Tunnel sind keine Bauwerke unserer Zeit. Die Anfänge reichen zurück bis zu den Menschen der Frühkulturen. Sie haben mit primitiven Werkzeugen bereits Stollen und Kammern gegraben. Die ersten Tunnel im eigentlichen Sinne entstanden dann in der Antike. Angelegt mit Hammer, Meißel und Schaufel. Eine wichtige Rolle spielte dabei anfangs das Wasser, erklärt der Vermessungsingenieur und Archäologe Klaus Grewe. 02 O-TON Grewe: "Es beginnt mit den sogenannten Quanaten. So heißen die Tunnel, die die alten Iraner schon gebaut haben - wahrscheinlich schon 1000 vor Christus -, um Oasen und Siedlungsplätze mit Wasser zu versorgen. Da musste man Wasservorkommen weit entfernt erforschen und dann dieses Wasser heranbringen. Und dazu baute man Tunnel in einer ganz speziellen Technik, dass man nämlich in gewissen Abständen Schächte anlegte und von der Sohle der Schächte aus einen Vortrieb zum nächsten Schacht machte und sich so dann langsam auf einen Schacht vorarbeitete, den man am Anfang angelegt hatte, um zu erkunden wo überhaupt Wasser im Boden vorhanden ist." SPRECHERIN: Alle paar Dutzend Meter entstand so eine Art umgedrehtes T: ein Schacht, der in die Tiefe führte; und von dem aus nach zwei Seiten jeweils ein Querstollen angelegt wurde. Irgendwo zwischen den Schächten trafen die Querstollen aufeinander und bildeten schließlich eine durchgehende Verbindung. AKZENT SPRECHERIN: Die Wasserversorgung sollte auch der Hiskia-Tunnel von Jerusalem sicherstellen, der etwa 700 vor Christus gegraben wurde. Vermutlich ist er das erste Tunnelbauwerk, für das sich Menschen – anders als bei den Quanaten - von zwei Seiten aus durch einen Berg gearbeitet haben. Das geschah nicht einfach aufs Geratewohl. 03a O-TON Grewe: "Man sieht im Tunnel sehr deutlich, dass man immer wieder Richtungskorrekturen vorgenommen hat. Und das bedeutet, dass man gemessen haben muss. Man hat also in gewissen Abständen, nach ein paar Metern Vortrieb, immer nachgemessen, wo bin ich eigentlich. Und wenn man falsch war, hat man korrigiert und es in eine andere Richtung weiter vorgetrieben. Dann wieder kontrolliert, bis man sich endlich gefunden hat, getroffen hat." SPRECHERIN: Auf den letzten Metern konnten sich die Tunnelarbeiter dabei jeweils am Geräusch der Werkzeuge im anderen Tunnelabschnitt orientieren. Irgendwann standen sich die beiden Arbeitstrupps tatsächlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. 03b O-TON Grewe: "Und darüber gibt es sogar eine Inschrift, die im Tunnel angebracht war: Man war sehr stolz, dass man das geschafft hatte. Und damit kann dieser Hiskia-Tunnel als der erste Großtunnel der Geschichte gelten." SPRECHERIN: Wobei sich das Bauwerk, trotz seiner Länge von mehr als 500 Metern, geradezu bescheiden ausnimmt im Vergleich zu einem Tunnel, der gut 100 Jahre später, also im sechsten Jahrhundert vor Christus auf der Insel Samos entstand. Der durquerte einen über 200 Meter hohen Berg. Darüber berichtete sogar der griechische Historiker Herodot ganz begeistert. In seinen Augen war das, was die Bewohner von Samos geschaffen hatten, eines der gewaltigsten Bauwerke in ganz Griechenland. ZITATOR: "Sie gruben einen Tunnel, der am Fuße des Berges beginnt und zu beiden Seiten Öffnungen hat. Seine Länge beträgt sieben Stadien." SPRECHERIN: Nach heutigem Maß sind das etwa 1040 Meter: mehr als jeder andere Tunnel zu dieser Zeit. Und wieder einmal ging es dabei um die Wasserversorgung. ZITATOR: "Durch seine ganze Länge ist ein anderer Kanal geführt, durch den das Wasser in Röhren zur Stadt geleitet wird; es kommt aus einer starken Quelle. Baumeister dieses Tunnels war Eupalinos aus Megara, Sohn des Naustrophos." SPRECHERIN: Nicht nur durch seine Abmessungen ist dieser Tunnel etwas Besonderes: Eupalinos hatte ihn offenbar vorab ganz genau geplant. Trotzdem wurde es noch einmal spannend: nämlich in dem Moment, als sich die Tunnelbauer, die von beiden Seiten aus begonnen hatten, in der Mitte des Berges treffen sollten. Klaus Grewe. 05 O-TON Grewe: "Eupalinos wendet ein ganz intelligentes Verfahren an, um sich wirklich zu treffen. Er hat nämlich in dem Moment, wo er sich eigentlich hätte treffen müssen, so ein bisschen Angst bekommen, es könnte nicht gelingen und er wäre dann der Blamierte gewesen. Und deswegen erfindet er etwas ganz Tolles, was nachher auch die Römer noch angewandt haben, nämlich einen, ich nenne das so, einen finalen Versicherungshaken. Das heißt, er stellt auf einer Seite den Vortrieb ein und auf der anderen Seite fährt er nicht geradeaus weiter vor, sondern macht einen Schlenker, so wie eine Sichel. Sichelförmig fährt er um den Treffpunkt herum und stößt dann von der Seite auf das Gegenbaulos. Und damit musste er sich eigentlich zwangsläufig immer treffen. Das war das Geniale des Eupalinos." SPRECHERIN: Noch heute ist das Bauwerk über die gesamte Länge begehbar – nachdem Archäologen es in den 1970er Jahren freigeräumt haben. Spätestens seit Eupalinos hatten die Tunnelbaumeister der Antike sämtliche mathematischen, technischen und organisatorischen Grundlagen beisammen, die selbst riesige Vorhaben ermöglichten. 06 O-TON Grewe: "Die Römer haben es natürlich, wie immer, ein bisschen übertrieben. Sie haben beispielsweise einen Tunnel angelegt, um dem Fuciner See einen Hochwasserschutz zu gewähren. Der Fuciner See ist in Mittelitalien, hat keinen natürlichen Abfluss. Und es gab immer bei Schneeschmelzen und starkem Regen Hochwasser, die das Land um den Fuciner See herum überfluteten. Und so haben schon die Marser, die da siedelten, haben schon dem Caesar in den Ohren gelegen: Bau uns doch einen Tunnel, damit das Wasser abfließen kann, wenn es ansteigt. Und Claudius macht es dann. So um 50 nach Christus baut Claudius einen Tunnel. Und der ist sechs Kilometer lang und hat Bauschächte von über 120 Metern Tiefe. Also ein gewaltiges Bauwerk, was natürlich auch ein Prestigeobjekt für den Kaiser war." SPRECHERIN: Alles immer noch in Handarbeit, nur mit Hammer, Meißel und Schaufel. Der tägliche Baufortschritt war deshalb in den einzelnen Tunnelabschnitten wahrscheinlich nicht besonders groß. Immerhin haben die Archäologen hierfür Anhaltspunkte. 07 O-TON Grewe: "Es gibt einen Tunnel, in dem hat man nach den Tagesschichten Markierungen angebracht. Und man kann danach sehen, dass man im durchaus festen Stein, also im Sandstein, pro Tag etwa 30 Zentimeter schaffte. Also für einen Tunnel, der zwei Meter hoch und 1,20 m breit war, ist das schon eine Leistung. Man kann sich ausrechnen, wie lange man dann für einen Kilometer braucht." SPRECHERIN: Trotzdem ist der Claudius-Tunnel am Fuciner See nach rund elf Jahren fertig. Allerdings: mit dem Römischen Reich endete die Blütezeit des Tunnelbaus erst einmal. Während des gesamten Mittelalters entstanden, bis auf ganz wenige Ausnahmen, keine Tunnel von Bedeutung. Gebaut wurden höchstens kürzere Angriffs- oder Fluchtstollen unter Wehranlagen hindurch. Erst in der Neuzeit begann man wieder, "richtige" Tunnel zu planen. Und ab dem 17. Jahrhundert lernten die Tunnelbauer, auch unter Tage ein wirkungsvolles Hilfsmittel einzusetzen: Schwarzpulver. GERÄUSCH Sprengung unter Tage SPRECHERIN: Die Möglichkeit, festes Gestein zu sprengen, erleichterte und beschleunigte die Arbeit immens; und die Sprengtechnik erlaubte auch größere Tunnel. Mit der industriellen Revolution und dem Siegeszug der Eisenbahn setzte schließlich ein wahrer Boom beim Tunnelbau ein. MUSIK, darüber: SPRECHERIN: Im 19. Jahrhundert machte die Technik gewaltige Fortschritte: Stützende Schildkonstruktionen wurden entwickelt, die man langsam vorschieben konnte. Sie schützten die Arbeiter, die den Tunnel vorantrieben, vor nachrutschendem Gestein und herabfallenden Felsbrocken. Druckluftbetriebene Bohrmaschinen hielten Einzug unter Tage. Alfred Nobel erfand das Dynamit. Eisenbahntunnel von zehn, 15 Kilometer Länge entstanden. Doch je größer die Vorhaben wurden, desto deutlicher wurde auch, dass man schon vorher möglichst genau wissen sollte, auf welches Gestein man da tief unter der Erde trifft – und wie es sich verhält. Solche Fragen können Fachleute wie Kurosch Thuro beantworten, Professor für Ingenieurgeologie. Er lehrt an der Technischen Universität München. 09 O-TON Thuro: "Vor so einem Tunnelprojekt wird der Aufbau des Gebirges oder des Untergrundes sehr genau untersucht. Dafür gibt's auch Standards oder Vorschriften, wie man das tun soll. Und wenn das ordentlich gemacht wird und nach den Regeln der Technik erfolgt, dann weiß man eigentlich auch, was einen erwartet." SPRECHERIN: Dazu erkunden die Experten erst einmal die Oberfläche über dem künftigen Tunnel. Welche Gesteine sind dort zu finden? Oft gibt es bereits geologische Karten, die aber meist noch ergänzt und in einen kleineren Maßstab überführt werden müssen. Dann folgt ein erster Blick in die Tiefe – und zwar ein indirekter Blick. Etwa mit seismischen Verfahren. Denn Schallwellen sind in unterschiedlichen Gesteinen unterschiedlich schnell unterwegs. Und an Gesteinsgrenzen werden sie auf ganz charakteristische Weise reflektiert, gebrochen und gestreut. Auch die elektrische Leitfähigkeit des Bodens verrät etwas über Strukturen unter der Oberfläche. Genauso wie Veränderungen des Magnetfelds der Erde und ihres Schwerefelds, also ihrer Anziehungskraft. Die ist über lockerem Gestein oder einem Hohlraum z.B. ein winziges bisschen geringer. 10 O-TON Thuro: "Der nächste Schritt ist dann erstmal ein Profil zu zeichnen, ein sogenanntes geologisches Profil, wo man eben diesen Gesteins- und Gebirgsverband mal darstellt und sich überlegt, wie die Schichten im Untergrund verlaufen; welche Gesteine grundsätzlich vorkommen, wie sie angeordnet sind, wie ihre Lagerungsverhältnisse sind. Und anhand dieses Schnittes kann man dann schon mal die Problemzonen sehen und sich überlegen, was kann denn für den Tunnelbau Schwierigkeiten bereiten. Der zweite Schritt ist dann: In regelmäßigen Abständen werden Bohrlöcher gemacht, sodass man aus dem Untergrund auch wirklich die Gesteine zu Gesicht bekommt, ..." STIMME OBEN! SPRECHERIN: ... die dann z.B. im Labor der Technischen Universität München untersucht werden. Etwa daraufhin, wie stark sich die Proben unter Druck verformen. Oder wie leicht sich bei schieferartigen Gesteinen einzelne Schichten voneinander trennen lassen. 11 O-TON Thuro: "Wir versuchen da, die höchsten und auch die geringsten Festigkeiten herauszubekommen. Die höchsten Festigkeiten zeigen uns an, mit welcher Maschine man da durch fährt; also in Richtung Werkzeug und wie bewältige ich das auch technisch. Die geringsten Festigkeiten sagen mir etwas über die Stabilität aus." SPRECHERIN: Diese Daten fließen unter anderem in Computer-Simulationen ein. Die liefern z.B. die Information, wie standfest das Gebirge um den Tunnel herum ist. Davon wiederum hängt ab, ob und wie schnell man die Tunnelröhre beim Vortrieb mit Beton sichern muss - oder mit gebogenen Fertigelementen; und wie dick die endgültige Auskleidung der Röhre sein sollte. Ob sie ein festes Material wie Granit vor sich haben oder ein weniger festes wie Mergel, das ist den Ingenieuren letztlich egal. Für beides gibt es die passenden Bauverfahren. Problematischer kann es jedoch werden, wenn sich unterschiedliche Gesteine abwechseln. 12 O-TON Thuro: "Wenn die Festigkeiten sehr stark schwanken, dann hat man eigentlich die Schwierigkeiten, weil man seine Gerätschaften eigentlich drauf einstellen muss." SPRECHERIN: Je genauer die Geologen angeben können, durch was für Gesteinsschichten eine Tunneltrasse läuft, desto besser lässt sich der Bau planen und vorbereiten - und desto weniger Überraschungen gibt es. Z.B. kann es ziemlich unangenehm werden, wenn ein Tunnelbau-Team ohne Vorwarnung auf eine sogenannte Störungszone trifft, betont Kurosch Thuro. 13 O-TON Thuro: "In Störungszonen kann das Gebirge zerschert, zerbrochen und völlig zermahlen vorliegen. Sie können sich vorstellen, wenn Sie von was Festem in was reinkommen, was also so ist: völlig zerlegt bis hin zum Sand oder sogar noch feiner, und dann rieselt - oder mit Wasser wird es sogar reinfließen in den Hohlraum -, hat man also ganz große Probleme." SPRECHERIN: Wenn die Tunnelbauer aber auf solche Störungszonen vorbereitet sind, können sie gut damit umgehen. Auch in einem anderen Bereich ist die Vorarbeit durch Geologen wichtig: beim Grundwasser. Man kann heute zwar problemlos Tunnel unter einem Gewässer und durch grundwasserführende Schichten hindurch bauen – doch das kann sich auf die Umgebung auswirken: weil der Tunnel Wasser ableitet. 14 O-TON Thuro: "Dadurch, dass jeder Tunnel grundsätzlich als Drainage wirkt, beeinflussen wir natürlich den Grundwasserspiegel. Wenn ich den Grundwasserspiegel absenke, können Landwirtschaftsflächen trockengelegt werden oder es können Quellen versiegen. Deswegen wird im Vorfeld auch eine sehr ausführliche Untersuchung hydrogeologischer Art gemacht, um zunächst eine Beweissicherung zu machen: Wo gibt es welche Quellen, wie stark schütten die und so weiter. Und dann wird simuliert, was passiert, wenn ich den Grundwasserspiegel absenke, ..." STIMME OBEN! BITTE ABNEHMEN! SPRECHERIN: ... woraus wiederum folgt, wie stark der Tunnelvortrieb das Grundwasser überhaupt beeinflussen darf. MUSIK, darüber: ATMO Baustelle, darüber: SPRECHERIN: Eine Tunnelbaustelle der Deutschen Bahn in Stuttgart im Jahr 2018. Teamleiter Sebastian Heer steht vor einer groben, grauen Betonwand. Sie soll vorläufig verhindern, dass sich Steine aus dem Fels lösen können. Von hier aus wollen sich die Tunnelbauer in den Berg vorarbeiten. Etwas abseits steht dafür schon ein Spezialbagger bereit. Der muss sich zunächst durch die provisorische Betonschicht arbeiten, erklärt Sebastian Heer. 15 O-TON Heer: "D.h., die jetzt hergestellte Wand nach vorne wird wieder aufgebrochen. Es wird ca. ein Meter Gebirge ausgebrochen und das ausgebrochene Gebirge wird dann abtransportiert; und die freigewordenen Bereiche werden dann mit Stahlmatten, Ausbaubögen und Spritzbeton wiederum gesichert. Dieser Prozess wird dann immer wieder wiederholt, ..." SPRECHERIN: ... damit sich nirgendwo Steine aus der Tunneldecke oder den Wänden lösen können. Graben, sichern, graben, sichern – Meter für Meter. Sobald die Arbeiter in einem freigebaggerten Tunnelabschnitt Ausbaubögen und Stahlmatten befestigt haben, fährt die Betonspritzmaschine heran. 16a ATMO Betonspritze, darüber: SPRECHERIN: Aus einer ferngesteuerten, beweglichen Düse schießt flüssiger Beton und bedeckt innerhalb kürzester Zeit die Metallstrukturen. Wobei die graue Masse kaum verläuft und innerhalb weniger Sekunden erhärtet. Allerdings ist die Spritzbeton-Schicht nur ein erster, vorübergehender Schutz. Damit der Bahntunnel hundert Jahre oder mehr überdauert, bekommt er noch eine Innenschale aus konventionellem Beton. Diese kann auch ganz anderen Kräften standhalten als eine vergleichsweise dünne Spritzbeton-Auskleidung. Gerade im Stuttgarter Raum ist das ein entscheidender Punkt. 17 O-TON Heer: "Bei normalen Tunnelbauwerken hat man eine Innenschalenstärke von ungefähr 40 cm. Wir haben hier bei unserem Tunnelbauwerk teilweise Innenschalen-Stärken von einem Meter; die einfach erforderlich werden, um den geologischen Randbedingungen Rechnung zu tragen." SPRECHERIN: Zu diesen geologischen Randbedingungen zählt auch Anhydrit, ein Mineral, das sich bei Feuchtigkeit zu Gips umwandelt und dabei aufquillt. Passiert das rund um einen Tunnel, können extreme mechanische Spannungen auftreten, mit denen die Tunnelröhre zurechtkommen muss. MUSIK, darüber: SPRECHERIN: Auf vielen Tunnelbaustellen wird nach wie vor mit Bohrhammer, Bagger und Dynamit gearbeitet. Doch bei großen Bahn- und Straßentunnelprojekten kommen seit den 1970er Jahren verstärkt auch riesige Tunnelbohrmaschinen zum Einsatz. Z.B. beim Bau des Eurotunnels zwischen Frankreich und England. Auch im Gotthard Basistunnel arbeiteten sich insgesamt vier dieser Maschinen durch den Fels. Die Bohrer sind regelrechte "Tunnelfabriken": mehrere hundert Meter lang, mit einem Stromverbrauch, wie ihn eine Ortschaft mit einigen tausend Einwohnern hat. ATMO Tunnelbohrmaschine (aus ZUSPIELUNG 01), darüber: SPRECHERIN: An der Spitze der "Fabrik" frisst sich der Bohrkopf drehend ins Gestein, erklärt David Salameh. Er ist Projektmanager bei der Herrenknecht AG, dem weltweit führenden Hersteller von Tunnelbohrmaschinen. Der Bohrkopf kann einen Durchmesser von bis zu 19 Metern haben, also etwa so groß wie ein sechsstöckiges Gebäude. 18 O-TON Salameh: "Es ist eine große, flache Stahlscheibe, auf der die Werkzeuge dann sitzen. Und diese Werkzeuge sind, bei einem Hartgestein sind das sogenannte Schneidrollen, sind einzelne Rollen, Ringe, die auf der Scheibe angebracht sind. Und diese Ringe drücken sich in den Fels und der Fels platzt dadurch ab." SPRECHERIN: Bei jeder Umdrehung sammelt der Bohrkopf das abgeplatzte und zerkleinerte Material ein und lässt es auf ein Förderband im Inneren der Tunnelbohrmaschine fallen. Nächster Arbeitsschritt der "Tunnelfabrik": die Sicherung und Abdichtung der Tunnelröhre. Das geschieht z.B. mit Hilfe von Ringen aus Beton-Fertigteilen, Tübbings oder Tübbinge genannt. <David Salameh. 19 O-TON Salameh: "Diese Tübbingsegmente sind typischerweise ca. zwischen 1,50 Meter und zwei Meter lang. Für einen kompletten Ring besteht der Ring aus ca. sechs bis acht einzelnen Segmenten, mit einem Gewicht zwischen ca. sechs und zwölf Tonnen pro Stück. Und diese werden dann in den Tunnel gebracht, in den Bereich der Maschine; und werden dann in der Regel durch einen speziellen rotierenden Arm aufgenommen. Und dieser bringt sie dann in die entsprechende Position, wo sie dann verbaut wird."> SPRECHERIN: Das alles passiert im Schutz eines zylinderförmigen Stahlschildes, der direkt hinter dem Bohrkopf der Maschine sitzt. In einem Arbeitsgang entsteht so die Innenschale des Tunnels. Nur der vordere Teil der Tunnelbohrmaschine bewegt sich durch den nackten Fels. 20 O-TON Salameh: "Und das hintere Nachlaufsystem fährt auf Rädern praktisch schon im fertig gebauten Tunnel und wird hinten nachgezogen." SPRECHERIN: Je nach Gesteinsart "frisst" sich die "Tunnelfabrik" pro Tag bis zu 40, 45 Meter durch das Gebirge – und hinterlässt dabei eine gleichmäßige Betonröhre. MUSIK, darüber: SPRECHERIN: In vielen Ländern spielen Tunnel eine wichtige Rolle in den Verkehrskonzepten für die nächsten Jahre. Aktuell wird z.B. am Brenner Basistunnel zwischen Österreich und Italien gearbeitet. MUSIK kurz hoch, dann darüber: SPRECHERIN: Die erfolgreichen Riesen-Tunnelprojekte der vergangenen Jahrzehnte beflügeln die Phantasie von Planern und Ingenieuren. So soll an der norwegischen Westküste nördlich von Bergen ein 1,7 Kilometer langer Schiffstunnel entstehen. Groß genug für kleinere Frachter und Kreuzfahrtschiffe, die so einen schwierigen Abschnitt in den norwegischen Gewässern umfahren könnten. Selbst über einen Eisenbahntunnel unter dem Himalaja hindurch wird nachgedacht: von Tibet in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu. MUSIK kurz hoch, dann darüber: SPRECHERIN: Auch wenn so etwas eher phantastisch klingt: Dank moderner Technologien und mehr als 2000 Jahren Erfahrungen im Tunnelbau sind solche Projekte heute durchaus realisierbar. MUSIK hoch bis Schluss

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