Die Hecke - Grenze, Sichtschutz, Lebensraum
06.05.2025 · 22 Min.
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Hecken sind Grenzen der besonderen Art, sie verbinden Schönheit und Funktion. Die Hecke schirmt unliebsame Blicke ab, hält Feinde fern, schützt Vögel, Kleinsäuger und Feldfrucht. Ein Podcast von Christiane Seiler
Credits
Autorin dieser Folge: Christiane Seiler
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Susanne Schroeder, Thomas Birnstiel
Technik:
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Cornelia Priefert, Leiterin Landschaftspflegeverband Uckermark-Schorfheide
Janna Einöder, Biologin beim NABU-Berlin, zuständig für Stadtgrün
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Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich
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Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:
BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Linktipps:
Göttinger Rebhuhnschutzprojekt HIER geht es zur Website
Steckbriefe der wichtigsten heimischen Gehölze der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft HIER geht es zur Website
Literatur:
Heinrich E. Weber: Gebüsche, Hecken, Krautsäume. Stuttgart, Ulmer Verlag, 2003: Ein umfassendes, wissenschaftliches Standardwerk zu allen Aspekten der Hecke; Kulturgeschichte, Straucharten, Strauchgesellschaften.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Sprecher
Hartriegel, Hagebutte, Haselnuss, …
Sprecherin
Wer über Hecken spricht, muss sich mit Sträuchern beschäftigen. Wie die Biologin Janna Einöder:
02 O-Ton Hecke Einöder
Ein Strauch ist ja im Gegensatz zu einem Baum eine Pflanze, die mehrere Stämme hat. Eine Hecke ist meistens eine Begrenzung auch. Man nennt es auch ‚lebender Zaun‘. Ein langgezogener Zusammenschluss aus Sträuchern.
Sprecher
Brombeere, Himbeere, Hundsrose, …
03 O-Ton Hecke Priefert
Hundsrosen ist auch eine wichtige Strauchpflanze. Und einfach typisch auch.
Sprecherin
Carolin Priefert ist Naturschützerin.
04 O-Ton Hecke Priefert
Früher hat man ja damit auch noch viel mehr gemacht, man hat natürlich die ganzen Beeren, auch vom Weißdorn, gesammelt, sich Tee, Marmelade und Salben und Kräuter Tinkturen hergestellt.
Sprecher
Thuja, Buchsbaum, Kirschlorbeer, …
05 O-Ton Hecke Einöder
Wir haben es‚ Sträucher des Schreckens‘ genannt, weil viele Sträucher nur als Sichtbarriere oder ähnliches gepflanzt werden. Aber auf den ökologischen Wert und wie das ästhetisch aussieht, da wird relativ wenig Acht gegeben. Da geht es darum, dass man die schnell und gut pflegen kann, keine Früchte und sowas, sondern dass das schön pflegeleicht in der Stadt herumsteht.
Sprecher
Kornelkirsche, Forsythie?
06 O-Ton Hecke Priefert
Die sieht wahnsinnig interessant erstmal aus. Die blüht ja auch sehr früh. Aber das ist für die Insekten eine totale Falle. Die fliegen dahin, bringen Energie auf, um dann weiß ich wie spät festzustellen, dass sie da gar nicht satt werden. Und es gibt ein paar andere Pflanzen, wie die Kornelkirsche zum Beispiel. Die hat ähnliche gelbe Blüten. So ein bisschen technohaft sieht sie auch aus. Manche nennen sie Technostrauch, weil die so ein bisschen wild auch ist. Und die blüht fast zeitgleich, hat ähnliche Blüten und die bietet dann eben den Insekten tatsächlich Nahrung.
Sprecher
Faulbaum und Kreuzdorn, …
07 O-Ton Hecke Einöder
Das sind zwei Sträucher, die ja eher schlicht daherkommen, nicht so dolle blühen. Aber der Zitronenfalter, die Raupen des Zitronenfalters, essen nur an diesen zwei Sträuchern und wenn diese zwei Sträucher fehlen, dann fehlt auch der Zitronenfalter. Das heißt, man kann sagen, wenn man diese zwei Sträucher pflanzt, dann pflanzt man quasi Zitronenfalter.
Sprecher
Kätzchenweide, Schlehdorn, Weißdorn, …
01 AT Hecke Hecke mit summenden Insekten
Sprecher
„Für mich erhob sich summend darüber der Duft der Weißdornhecken.“
Sprecherin
Der Erzähler von Marcel Prousts Roman „In Swanns Welt“ erinnert sich an einen Sonntagsspaziergang mit seinen Eltern, auf einem Weg gesäumt von Weißdornhecken. Duft und Schönheit der Blüten, Summen der Insekten, der Windhauch, der Arme und Gesicht berührt. Eine umfassend sinnliche, sogar spirituelle Erfahrung:
Sprecher
„Diese Hecken bildeten in meinen Augen eine unaufhörliche Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden; unter ihnen zeichnete die Sonne auf den Boden ein lichtes Gitterwerk, so als fiele ihr Schein durch ein Kirchenfenster; ihr Duft strömte sich so voll und überquellend aus, wie ich ihn vor dem Altar der Muttergottes stehend verspürt hatte und die ebenso geschmückten Blüten trugen eine jede mit gleicher gedankenloser Miene ihr schimmerndes Strahlenbündel aus Staubgefäßen.“
Sprecherin
Auch ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Kindheit, Anfang der 70er Jahre muss es gewesen sein. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto, saß auf der Rückbank und sah mir die Landschaft an. Wir durchquerten die Ebene zwischen Köln und den ersten Ausläufern des Mittelgebirges. Ich sah Felder, Wiesen, Obstanbau, Industrie, Dörfer. Und schnappte ein Gespräch meiner Eltern auf. Es ging um Flurbereinigung, ein kompliziertes Wort, das mir rätselhaft vorkam. Vor allem mein Vater schimpfte, übrigens auf Bayrisch. Man zerstöre die Schönheit der Landschaft, meinte er. Wo seien die schönen kleinen Felder geblieben, die gewundenen Bächlein, die Gebüsche. Alles abrasiert und begradigt. Und, das fand er besonders schlimm, was war mit den Hecken geschehen?
01 AT Hecke und Gesumm
Ich verstand, dass man aus mir unverständlichen Gründen ausgerechnet den blühenden, beerenreichen Hecken den Garaus machen wollte. Was ich nicht wusste: es bildete sich bereits Widerstand. Im Jahr 1986 gründete der fränkische Förster und CSU-Politiker Josef Göppel den Landschaftspflegeverband Mittelfranken. Es ging ihm um die Erhaltung der Kulturlandschaft, dafür brachte er mitunter verfeindete Naturschützer, Landwirte und Kommunalpolitiker an einen Tisch. Seitdem werden in Deutschland sogar wieder neue Hecken angelegt. Etwa von dieser jungen Frau:
08 O-Ton Hecke Priefert
Carolin Priefert vom Landschaftspflegeverband Uckermark-Schorfheide.
09 AT Hecke in Peetzig
Sprecherin
Mit ihr stehe ich Ende Februar vor einer Hecke am Rande einer Wiese in der Uckermark. Einen sanften Hang hinauf erstreckt sie sich zwischen Feldweg, Wiese und Acker.
10 O-Ton Hecke Priefert
Das sind die Hecken, die jetzt schon über 30 Jahre fast alt sind. Also gerade in den 90ern vom Landschaftspflegeverband angelegt wurden. Auch mit den Landwirten zusammen. Also mehrere Kilometer, dann auch teilweise im rechten Winkel. Und man sieht ja die Hänge hier, die Ackerflächen sind ziemlich exponiert auch. Und umso besser ist es natürlich, dass sie dann als Windschutz gleichzeitig dienen, auch für die Landwirte und eben auch vor Wassererosionen schützen. Und natürlich für die Tierarten, die hier alle vorkommen, ist das natürlich einfach das Biotop...
Sprecherin
Denn eine Hecke ist nicht nur schön, sondern auch nützlich, sogar für die Landwirtschaft. Und ein unverzichtbares Element in der Vernetzung der Biotope. Denn Tiere benutzen diese Strukturen als Orientierungslinien in der Landschaft. Dank der miteinander verbundenen Hecken, Gebüsche und Wiesen können sie sich geschützt in der Landschaft bewegen, auch über längere Strecken. Und finden dort zusätzlich Nahrung.
11 O-Ton Hecke Priefert
Es kann natürlich aus verschiedenen Strukturen bestehen. Man kann im Garten eine Hecke haben, auch nur aus einer Strauchart oder Baumart. Aber in der freien Landschaft ist es natürlich wichtig, dass wir einerseits auf standortheimische Straucharten achten, was die Tiere dann wirklich auch benutzen können an Beeren und Insekten wirklich an Blühpflanzen, nicht dass es nur so na Pseudo-Blüten sind, die sie gar nicht benutzen können, sie sollte ausreichend breit sein wirklich eine gute Funktion hat sie, wenn sie zehn Meter breit ist, weil man dann große Einzelbäume auch in der Mitte pflanzen kann. Und man hat links und rechts immer noch eine breite Strauchschicht. Dass da die Tierarten wirklich genug Unterschlupf finden können. Und am Rand immer auch immer noch so ein Kraut, Blühpflanzen oder einfach Grassaum auch noch im Stehen bleibt, ne.
Sprecherin
Zehn Meter breit? Damit wäre die Hecke schon breiter als mancher Garten.
12 O-Ton Hecke Einöder
Also wenn man Hecken und Sträucher natürlich wachsen ließe, dann können die natürlich sehr üppig werden.
Sprecherin
Janna Einöder ist beim NABU Berlin für das Stadtgrün zuständig. Und macht die Erfahrung, dass zum Beispiel Hecken auch ein Störfaktor sein können.
13 O-Ton Hecke Einöder
Je nachdem, wo sie stehen, können die eben zur Beeinträchtigung der Sicht führen. Verkehrssicherheit ist ja in der Stadt ein ganz großes Thema. Wir haben auch mit der Kriminalprävention gesprochen. Hecken sind ja auch zum Beispiel werden dafür genutzt, auch Drogen zu verstecken. Da geht es auch um Angsträume und Co. Also auch von den Aspekten können Hecken im Stadtbild zum in Anführungsstrichen Problem werden.
Sprecherin
Der Standort einer Hecke, ob in der Agrarlandschaft, in der Stadt oder im Garten beeinflusst ihre Größe, ihr Erscheinungsbild und auch die Straucharten, die sie bilden. Eins aber haben sie alle gemeinsam: Wie so viele Elemente der Natur, die wir lieben, ist die Hecke menschengemacht, eine linienförmige Struktur der Kulturlandschaft.
14 O-Ton Hecke Einöder
Also, das muss schon angepflanzt werden. Klar gibt es vegetative Vermehrung, aber dass das in einer akkuraten Heckenstruktur passiert, ist sehr unwahrscheinlich. Die Natur ist eben wild.
Sprecherin
Wild entstehen in der Landschaft Strukturen wie Gestrüpp, Gehölz, Gebüsch und Waldsaum, in denen sich ähnliche Sträucher wie in Hecken spontan zusammenfinden. Auch das aber geschieht in größerer Zahl erst, seit Menschen Wälder roden, Siedlungen anlegen und Vieh halten. Im Laufe von mehreren tausend Jahren hatten Menschen durch ihre Wirtschaftsweise in Mitteleuropa eine spezifische kleinteilige, artenreiche Landschaft aus Ackerflächen, Wiesen, Heidelandschaften, Gehölzen, Streuobstwiesen, Moore und eben Hecken geschaffen. Heute sind in Mitteleuropa etwa 550 Bäume und Sträucher an der Bildung von Hecken beteiligt, davon gehören wiederum etwa 475 Arten zu den Rosaceae, also den Rosengewächsen. Sehr viele dieser Sträucher haben Stacheln oder Dornen, zur Abwehr von Herbivoren, also Vieh und wilden Grasfressern.
01 AT Hecke Summen in der Hecke
Sprecherin
Eine Hecke bietet also Schutz, sie hält den Wind ab, hält Tiere von Feldern fern. Sie markiert auch eine Grenze und hindert Feinde am Eindringen. Der Römische Kaiser Julius Cäsar beschreibt in „De bello Gallico“ die kunstvoll angelegten Hecken der belgischen Nervier, die seiner Reiterei im Weg standen, zu einer Zeit, als von Natodraht und Panzersperren noch keine Rede war:
Sprecher / Zitator
„Sie sägen junge Bäume an, biegen sie herunter und bewirken durch die vielen in die Breite nachwachsenden Aste, auch mit zwischengepflanztem Brombeer- und Dorngesträuch, daß diese Gehege Befestigungen mit der Wirkung von Mauern bilden, die nicht nur ein Durchkommen, sondern selbst einen Durchblick unmöglich machen.“
Sprecherin
Die Wörter Hecke, englisch „hedge“, französisch „haie“ niederländisch heg, dänisch haek gehen alle auf das althochdeutsche Wort „hag“ zurück. Das bedeutet, so steht es im Grimmschen Wörterbuch, schlagen, einzäunen, einhegen. Noch heute findet sich dieses Wort in zahllosen Ortsnamen wie Den Haag oder Hagen. Neben dem Schutz menschlicher Siedlungen dienten Hecken in früheren Zeiten dazu, das Vieh von den Ackerflächen fernzuhalten. Denn noch bis in’s 18. Jahrhundert wurden Weiden, Ackerflächen und Wälder, die sogenannte Allmende oder Mark, meist gemeinschaftlich genutzt, Vieh wurde nicht eingezäunt, sondern gehütet. Hecken hielten etwa Kühe und Schweine von den Feldern fern. Die dafür nötigen Sträucher entnahm man wilden Gebüschen und Gehölzen in der unmittelbaren Umgebung und bearbeitete sie zum Beispiel in der von Caesar beschriebenen Art, um sie möglichst undurchdringlich zu machen. Die Sträucher lieferten außerdem Beeren und Obst, Hagebutten für Tee oder Marmelade, Schlehen für den Likör, Brombeeren für den Kuchen. Selbst der Heckenschnitt war keine lästige Pflicht. Carolin Priefert:
15 O-Ton Hecke Priefert
Da haben sie es von sich aus gemacht für Brennholz. Oder man hat es eben benutzt für Korbherstellung, alles Mögliche. Und ja, wer macht das heute schon? Natürlich in bestimmten Bereichen, dass man dann mal Zäune, auch mit den kleinen Zweigen, dann wieder baut…
Sprecherin
Im 18. und 19. Jahrhundert führte man in vielen Fürstentümern die Markenteilung durch, das bis dahin gemeinschaftlich genutzte Land wurde privatisiert und die Hecken änderten ihre Funktion. Nun dienten sie als sichtbare Markierung und Umfriedung des neuen Privatbesitzes an Acker- und Weideland. Gebüsche auf Weiden und Wiesen wurden gerodet, damit man die Flächen besser bearbeiten konnte. Es entstanden Landschaften, wie sie zum Beispiel in Südengland oder Schleswig-Holstein noch heute bewundert werden können. Bis dann mit der Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg viele dieser Hecken. Sehr zum Nachteil der Tiere, die auf Schutz und Nahrung angewiesen sind.
16 O-Ton Hecke Priefert
Die Kleintiere haben alle, auch so Igel oder so, haben alle nur ein paar 100 Meter Radius. Also gerade bei uns in Brandenburg haben wir ja, im Vergleich zu Bayern, immer noch wahnsinnig große Schläge, auch wenn wir schon Hecken angelegt haben. Es ist natürlich ein Unterschied, ob jetzt, ja, wir hier nur ein paar kleine Hektar haben oder die Fläche, wo wir drauf gucken, jetzt mehrere 100 Hektar fast sind, wo wir draufgucken können. Und nur am Rand dann eben mal so ein paar Bäume stehen und der Wald doch auch noch zwei Kilometer entfernt. Ist das für die Tiere auch wichtig, dass sie umso mehr Gebüsche oder Hecken wirklich zur Verfügung haben.
17 AT Hecke Gesang der Goldammer fehlt
Sprecherin
Während wir sprechen, lässt sich ein kleiner Schwarm aus Gold- und Grauammern in der Hecke nieder. Erste Frühlingsboten. Andere Gäste bleiben im Dickicht verborgen.
18 O-Ton Hecke Priefert
Kröten, die auch gerade hier unten Winterschlaf machen können. Also wir sehen ja auch das Laub und schon auch eine Streuschicht, auch vom vertrockneten Gras. Eidechsen, die überwintern können.
Sprecherin
Je mehr Hecken nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost- und Westdeutschland durch Zäune ersetzt, Acker und Weideflächen vergrößert und Feldwege asphaltiert wurden, desto mehr Tiere verschwanden aus der Landschaft. Prominentes Beispiel: der Feldhase. Einige Exemplare haben die Landflucht aus Brandenburg nach Berlin angetreten, wo sie mehr Schutz und Nahrung finden als in der Agrarlandschaft. Seit ca. 20 Jahren vermehren sie sich vor allem im Plattenbaubezirk Marzahn-Hellersdorf. Janna Einöder:
19 O-Ton Hecke Einöder
Die Jungtiere werden oft eben dann von den Eltern unter den Hecken versteckt und dann halt so ungefähr tatsächlich an Ostern liegen dann Feldhasenjungen oft unter Hecken. Das ist ganz wichtig.
Sprecherin
Feldhasen werden in Deutschland auf der roten Liste der bedrohten Tierarten als gefährdet gelistet. Ein anderes traditionelles Jagdwild gilt inzwischen als stark gefährdet, stellenweise sogar vom Aussterben bedroht: Das Rebhuhn. Sein Bestand in Deutschland ging seit Anfang der 80er Jahre um 85% zurück.
20 O-Ton Hecke Priefert
In einem Bereich in der Uckermark, wo wir noch die letzten, ja, Rebhuhn Vorkommen nachweisen konnten in den letzten Jahren haben wir auch Hecken gepflanzt, weil gerade diese Tierart wird auch ganz stark von Füchsen, Waschbären und anderen Feinden werden die Rebhühner eben leider eben gefangen, also getötet und daher gehen die Zahlen zurück, und die Jäger freuen sich auch, wenn wir da Schutzmaßnahmen irgendwie gemeinsam initiieren. Gerade diese Tiere brauchen dann im Winter so ein bisschen Unterschlupf, dass, ja, ihre Spuren sozusagen verwischt werden und auch die Jungtiere eben unterkommen. Auf dem großen Acker oder auf der großen Wiese sind sie natürlich leichtere Beute für den Fuchs. Der findet sie ziemlich schnell …
Sprecherin
Der Niedergang der Rebhuhnpopulation in Deutschland hat also essenziell mit dem Strukturverlust der Agrarlandschaft zu tun.
21 AT Hecke Lockruf des Rebhuhns (mp3)
Dabei war das kleine Wildhuhn mit dem charakteristischen Ruf einst ein beliebtes Wildbret. Der etwa taubengroße, maximal ein Pfund schwere Vogel braucht zum Überleben Gebüsche, Blühwiesen und Stoppelfelder. Die Henne legt ihre Gelege von durchschnittlich 15 Eiern bevorzugt in Bodenmulden unter Sträuchern oder in Blumenwiesen. Forschende der Georg-August-Universität Göttingen haben untersucht, in welchen Habitaten Rebhühner am häufigsten Beute der Füchse werden. Ergebnis: Hecken bieten den in ihnen liegenden Gelegen weniger Schutz als erwartet. Weil nämlich Füchse gerne an Feldrändern und entlang der Wege und Hecken auf Beutesuche gehen. Andererseits schützen diese Hecken sehr wohl jene Rebhuhnnester, die sich in Erdmulden auf den von Hecken begrenzten blühenden Wiesen befinden. Und dieser Schutz ist umso wirksamer, je länger und dichter die Hecken sind. Auch hier wirkt die Hecke also als Barriere, die Füchse und andere Raubtiere vom Eindringen auf die Wiese abhält. Eine weitere Bedingung dafür, dass viele Küken überleben ist, dass in der unmittelbaren Umgebung viele Insekten als Futter vorhanden sind. Und auch hier kommen wieder die Hecken in’s Spiel. Solange sie aus heimischen Sträuchern gebildet sind. Carolin Priefert:
22 O-Ton Hecke Priefert
Man könnte jetzt sagen, naja, warum dann immer nur Standort-heimisch? Hört sich so ein bisschen trocken, altbacken an, aber darum geht es halt, dass die wirklich für die Insekten, die hier bei uns vorkommen, Nahrung bietet.
Sprecherin
Denn gerade bei Insekten hat eine Jahrtausende lange Koevolution mit Pflanzen dazu geführt, dass sie oft sehr spezialisiert sind, was Nahrungsquellen und Orte für die Eierablage angeht. So der schon erwähnte Zitronenfalter, der seine Eier ausschließlich in Faulbaum und Kreuzdorn platziert. Weißdorn, Vogelbeere und Kätzchenweide bieten allein hunderten von Insekten Nahrung, vom Laub der Hundsrose ernährt sich der glänzende Rosenkäfer. Und der Schneeballkäfer könnte ohne den Schneeball-Strauch gar nicht existieren. Bei nicht heimischen Sträuchern fehlt diese Koevolution. Das betrifft auch den bei Kindern so beliebten, allerdings giftigen, Knallerbsen-Strauch. Janna Einöder:
23 O-Ton Hecke Einöder
Das ist die Schneebeere. Die wächst ja auch überall. Es ist ein invasiver Strauch. Tatsächlich. Invasiv heißt ja, dass sie sich relativ explosionsartig ausbreitet und wenig Platz für andere Arten lässt. Also sie ist eben keine gute Raupenfutterpflanze. Mittlerweile sieht man schon auch an den Blüten relativ viele Bienenarten, nicht nur Generalisten wie die Honigbiene oder die Hummel, sondern tatsächlich auch Wildbienenarten und Wespenarten, da hat sich die Fauna schon ein bisschen dran angepasst. Aber an die Blätter, die sind weiterhin noch relativ steril.
Sprecherin
Ein ganz anderer Fall ist der gewöhnliche Liguster, auf englisch „Privet“. Bei Harry Potter ist er der Inbegriff von Spießigkeit. Dass der Strauch überhaupt blüht und Beeren trägt, ist vielen nicht bewusst, weil er oft rabiat zurechtgestutzt wird. Manchmal aber gelingt es einem Berliner Liguster, seine Gärtner auszutricksen, sehr zur Freude der Stadtgrün-Spezialistin.
24 O-Ton Hecke Einöder
Liguster wird hier viel, ist ja auch sehr pflegeleicht, viel geschnitten und im letzten Jahr war es sehr früh sehr warm und da hatte die Blüte dann nach dem Schnitt noch Zeit, nach dem Radikaloschnitt, Zeit sich zu entwickeln. Und dann hatten wir jetzt im Frühling total tolle Ligusterblüte und auch im Herbst jetzt eben die ganzen Beeren. Für Vögel ist es auch wichtig, dass Sträucher dann eben zur Blüte kommen und dann eben die Beeren machen. Man denkt an die Zugvögel, die zurückkommen und dann eben Hunger haben und Nahrung brauchen.
Sprecherin
Denn der gewöhnliche Liguster ist eine sehr wertvolle heimische Pflanze, bietet er doch reichlich Nahrung für Insekten und Vögel. Wenn er blühen und Früchte tragen darf. Wie diese vielfältige 30 Jahre alte Hecke, angelegt vom Landschaftspflegeverband. Carolin Priefert:
02 AT Hecke
25 O-Ton Hecke Priefert
Wir haben immer Zweige, die sind mehr rötlich. Auch hier bei den Hundsrosen und dann eben auch mal ein Hellgrün oder ein Braun. Das helle Grün oder Türkisgrün der Flechten. Dann im Frühjahr treiben natürlich die jungen Blätter aus, dann haben wir ein strahlendes Grün und dann bald im März haben wir dann die Blüten, die weißen Blüten der Schlehe, des Weißdorns. Im Sommer ist es dann natürlich wahnsinnig dicht belaubt. Die großen Bäume haben ja auch verschiedene Blattformen. Die kleinen Flatterblättchen der Birken, oder die dicken Blätter der Linden, Wildbirne, Wildapfel haben dann langsam ihre Früchte. Weißdorn auch im Jahresverlauf. Pfaffenhütchen, das hat doch diese ganz pinken, exotisch aussehenden Früchte. Und dann im Herbst natürlich haben wir die verschiedenen Laubverfärbungen. Also gerade auch teilweise dunkelrote Blätter, das ist schon ein richtiges Farbenspiel aus gelb, dunkelrot, was man auch aus dem Wald kennt, aber in der Hecke ist es eher typisch, dass man so viele verschiedene Straucharten, Baumarten nebeneinander hat.
Sprecherin
So bietet die Hecke Nahrung, Deckung und Nistplätze für die Tierwelt, und Windschutz für die Ackerflächen. Und sie erfreut zu jeder Jahreszeit Augen und Ohren der Spaziergänger.
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Seine Zweige mit den vielen dunkelgrün-glänzenden, esslöffelgroßen Blättern reichen den Besitzern gern mal bis zur Schulter. Birkenfeige sagen einige zu dieser Zimmerpflanze; Botaniker nennen sie lateinisch: Ficus Benjamini. MUSIK ENDE ZSP 1 Gröger Also hier unser Exemplar ist wahrscheinlich so zehn Meter hoch, das werden richtig große Bäume. Es haben nicht nur kleine Pflanzen Eingang in die Zimmerpflanzen-Kultur gefunden, sondern auch größere. Weiter über ATMO 3 Palmenhaus ERZÄHLER Andreas Gröger ist promovierter Biologe und stellvertretender Leiter des Botanischen Gartens in München-Nymphenburg. Im 21 Meter hohen Palmenhaus aus Glas und Eisen ist die Luft feucht und es hat 20 Grad. Hier wachsen tropische Pflanzen, die es gern warm haben: ZSP 2 Gröger Und wenn sie die hier anschauen, unsere Birkenfeige, fällt ihnen auf, dass die aus vielen Dutzenden von einzelnen Stämmen besteht, so ein Geflecht von Stämmen entsteht. Das deutet ein bisschen darauf hin, was die biologische Eigenart der Birkenfeige ist: die gehört zu den Baumwürgern. In freier Natur würde sie im Regenwald oben an irgendeiner Astgabel keimen, schickt dann so ganz unschuldig kleine fadenförmige Wurzeln nach unten. Und wenn die den Urwaldboden erreicht, dann umspinnt sie ihren Träger mit einem Gewirr von solchen Wurzeln und erstickt letztendlich ihren Trägerbaum, der dann abstirbt. Und anstelle vom Trägerbaum steht dann dieser Schlot aus zusammengeflochtenen Stämmen der Birkenfeige. ERZÄHLER Andreas Gröger kennt nicht nur erstaunliche Eigenheiten von Tropenpflanzen, er hat auch dazu geforscht, wie wir Menschen uns die Tropen in unsere Wohnzimmer geholt haben. Den Benjamini plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen, findet er gut! ZSP 3 Gröger Das heißt aber nicht, dass sie deswegen Angst vor einer Birkenfeige haben müssen. Wenn es der Birkenfeige bei ihnen gut geht, dann wird sie auch ab und zu mal so fadenförmige Wurzeln entwickeln. Aber dann freuen Sie sich darüber! ERZÄHLER Angesichts dieses tropischen Riesen fast absurd, ihn im Topf zu halten. Wann sind wir Menschen nur auf die Idee verfallen, uns draußen in der Natur Pflanzen auszugraben und in einen Topf zu setzen, um sie mit nach drinnen ins Zimmer zu nehmen? ZSP 4A Gröger Also, wenn man geschichtlich zurückschaut: Schnittblumen haben sich die Leute immer, haben sich Römer auch schon in die Wohnung geholt! Aber Zimmerpflanzen, das ist ein relativ modernes Phänomen. ZSP 4B Rahemipour Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist nämlich sehr-sehr eng verbunden auch mit der Geschichte des Wohnens insgesamt. ERZÄHLER Professorin Patricia Rahemipour ist Historikerin und Direktorin des Instituts für Museumsforschung in Berlin. Dort hat sie für das Botanische Museum im Jahr 2019 eine Ausstellung zum Phänomen Zimmerpflanze kuratiert. MUSIK „Le compteur”; ZEIT: 00:55 ZSP 5 Rahemipour Ich würde sagen, wir fangen vielleicht erst mal mit einer kleinen Definition an, was wir eigentlich unter Zimmerpflanzen verstehen: Zimmerpflanzen sind tatsächlich Pflanzen, die ganzjährig eingetopft in einer Wohnung stehen. ZSP 5B Gröger Also generell ist Zimmer nicht draußen! Im Zimmer herrschen andere Bedingungen als draußen in freier Natur. ZSP 5C Rahemipour Also Zimmerpflanzen brauchen Licht. Das ist eine sehr simple Tatsache, die ist für uns auch relativ leicht zu lösen. Aber für mittelalterliche Wohnverhältnisse war das überhaupt nicht so trivial, weil Fenster: Es gab nur sehr-sehr kleine, um die Kälte nicht in die Häuser hineinzulassen. Und die waren mit Tierhäuten abgedeckt. Das heißt, man hatte im Prinzip überhaupt kein Licht in den Zimmern, so wie wir das kennen. MUSIK ENDE ERZÄHLER Fenster mit Glas zu verschließen war sehr kostspielig und die ersten Fenstergläser waren noch sehr dick, ähnlich den Böden von Weinflaschen und gar nicht durchsichtig, sondern grünstichig. Bis es klares Fensterglas gab, das genügend Sonnenlicht hindurch ließ und zwar für einen Preis, den sich zumindest reichere Privathaushalte leisten konnten: Das hat sehr lange gedauert und den Einzug der Pflanzen in die Wohnumgebung verzögert. ZSP 6A Rahemipour Und der zweite Aspekt ist die Frage nach dem Klima in diesen Räumen. Die Zimmer waren ja früher relativ kalt. Viele Zimmerpflanzen sind aber Importe aus wärmeren Klimazonen. Das heißt, sie haben auch erst dann wirklich in die Wohnstuben Einzug gehalten, als die Temperaturen stimmten. Das war erst relativ spät in der Geschichte des Wohnens überhaupt der Fall. ZSP 6B Gröger Also hier, nördlich der Alpen, hat man geschlossene Räume gehabt mit dem Kachelofen oder offenem Feuer in einer Ecke, also punktuelle Hitze. Dann kalte Ecken, richtig kalte Zimmer. Das packen extrem wenige Pflanzen: Da war höchstens mal ein Rosmarin-Stöckchen oder Myrthen-Pflänzchen am Fensterbrett gestanden. Das war also das Maximum, was man so hatte. ZSP 6C Rahemipour Ein anderer Aspekt: Zimmerpflanzen pflegen sich ja nicht selber. Also wenn ich mir angucke, wie in einem mittelalterlichen Kontext die Menschen gelebt haben und wie wenig Freizeit sie hatten: Man hatte auch gar keine Zeit, sich um so etwas zu kümmern! Und wenn man jetzt alles zusammennimmt, also sagt okay, wir brauchen Licht, wir brauchen ne Heizung und wir brauchen den Zugang zu Wasser, weil das war natürlich nicht überall gleichermaßen verfügbar. Dann kann man sagen: So Mitte des 19. Jahrhunderts sind sie zunächst einmal in die repräsentativen Zimmer eingezogen. ERZÄHLER Zuvor standen eingetopfte Pflanzen schon in Orangerien. Gebäuden für kostbare Pflanzen, wie sie seit dem Barock in hohen Adelskreisen zur standesgemäßen Ausstattung ihrer Schlösser gehörten. Orangerien waren reich verglast und damit heller als Wohngebäude. Pflanzen aus den subtropischen Gebieten konnten hier in großen Kübeln untergebracht werden. Zitrusbäumchen mit ihrem schönen Duft waren aber nur im weitesten Sinn die ersten Zimmerpflanzen, meint Gröger: ZSP 7A Gröger Heißt ja nicht umsonst Orangerien! Da ging es um die Nutzpflanzen erstmal: Orangen, Zitronen waren begehrte, exotische Früchte, die heutzutage selbstverständlich im Supermarktregal liegen. Aber die damals hier nördlich der Alpen kultiviert werden mussten für die Aristokratie. Und dann war halt vielleicht auch noch eine Ananas dabei. Das war natürlich die Krönung schlechthin, eine Ananasfrucht zu haben. ZSP 7B Rahemipour Absolut, absolut. Also mein Lieblingsbeispiel ist immer die Ananas! Die ersten Ananasfrüchte, die in Europa weiterverkauft wurden, waren so teuer wie eine Kutsche. Und das war das mehrfache Jahresgehalt eines einfachen Bauern. ZSP 7C Gröger Also am Anfang der Zimmerpflanze stand die Nutzpflanze: Der Zitronenbaum oder die Ananaspflanze. Und dann kamen Schmuckpflanzen dazu, wie zum Beispiel die Kamelien oder die Agaven und so weiter. MUSIK „Movement introductif“ ZEIT:00:37 ERZÄHLER Kamelien mit ihren prächtig rotgefüllten Blüten waren lange Zeit begehrte Modepflanzen der europäischen High Society. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die ersten Pflanzen aus Asien, wo sie in freier Natur bis zu 11 Meter groß werden. Die immergrünen Kameliensträucher vertrugen das Klima in den kühlen aber frostfreien Orangerien Europas gut. Zu besonderen Anlässen holte man sie in ihren Töpfen in die repräsentativen Schlossräume. Blühend natürlich! MUSIK ENDE ZSP 8A Gröger Blumenschmuck! Natürlich! Bei den Kamelien, das ist so ein klasse Beispiel: Im Winter, im Januar, Februar, ist die Zeit der Kamelienblüte. Im Winter mit Blumenpracht zu protzen, das war natürlich eine Aussage! ZSP 8B Rahemipour Das war natürlich Prestige, das war Macht. Man wollte zeigen, dass man sich was leisten kann. In der Zeit, als man begann, mit Zimmerpflanzen sich zu umgeben, war das wesentlicher Aspekt. Das ist heute ganz weit in den Hintergrund gerückt. Aber zu Beginn der Zierpflanzen in den Zimmern war das sicherlich ein wichtiger Aspekt. ERZÄHLER Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubten neu entwickelte Konstruktionen aus Glas und Eisen lichtdurchflutete Anbauten ans Haus - So genannte Wintergärten. Entfernt erinnerten diese Zimmer an Orangerien: Auch in ihnen spielten exotische Pflanzen die Hauptrolle. Im Wintergarten empfing man nun Gäste zum Tee an zierlichen Tischen, stickte oder las in einer Zeitung. Eine Konsequenz des Industriezeitalters, sagt Andreas Gröger: ZSP 9 Gröger Plötzlich ist die Bürgerschicht finanziell erstarkt. Nicht nur mehr die Fürsten und Herzöge und Könige, auch das Bürgertum, das plötzlich viel Geld hatte und repräsentieren wollte. Und die haben repräsentiert mit einem Musiksalon, mit einer Bibliothek und eben auch mit speziellen Pflanzensammlungen: Eine Kakteensammlung zu haben oder eine Orchideensammlung, das war natürlich schon ziemliches Prestige. ERZÄHLER Mit den Orchideen verlor die naturbegeisterte und repräsentationssüchtige High Society Europas den Kopf. Die Blüten der Orchidee stellten alles in den Schatten, was man in Europa kannte: an langen Rispen hingen ihre Blüten wie bunte Schmetterlinge. Exotik pur! ZSP 10A Gröger Genau! Im neunzehnten Jahrhundert, vor allem in England, da gab es einen richtigen Orchideen-Hype. Da gab es einzelne Gärtnereien, die haben manchmal bis zu 20 Pflanzenjäger gleichzeitig losgeschickt, um in den Tropen Orchideen zu sammeln, die dann auf Auktionen recht teuer versteigert worden sind. ZSP 10B Rahemipour Das führte so weit, dass man sogar aus Silber Broschen hergestellt hat, die die Form von Orchideenblüten hatten. Weil einige Menschen sich eben nicht das Original leisten konnten. Sondern da war es billiger, eine silberne Brosche zu erwerben als eine Blüte. ZSP 10C Gröger Es waren tatsächlich die Gärtnereien, die damit einen kommerziellen Gewinn machen wollten. Es war ein richtiger Goldrausch auf neue Orchideen damals. Es hieß damals, England, das ist das große Orchideen-Grab. Weil viele Orchideen dahin kamen. Dann kamen sie in Privatsammlungen, wo sie wenige Wochen überlebt haben und dann eingegangen sind. ERZÄHLER Gröger räumt ein, dass Orchideenkultur wirklich kompliziert ist. Allein schon, weil es über 30.000 Arten mit unterschiedlichen Ansprüchen gibt. Aber wie hemmungslos aus den damaligen Kolonien immer neuer Nachschub geholt wurde, ist heute unvorstellbar. Dass lebende Pflanzen überhaupt wochenlange Seereisen von fernen Kontinenten nach Europa überlebten, ermöglichte eine Erfindung von Nathaniel Ward Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Wardschen Kisten. ZSP 11 Rahemipour Das sind Kisten, die hermetisch abgeschlossen sind mit Glasfenstern und in denen am Boden Erde ist. Und in die Erde sind die lebenden Pflanzen eingepflanzt worden und zu Beginn der Reise zugemacht. Und durch die Verdunstung des Wassers, das die Pflanzen selber abgeben, sammelt sich dann Kondenswasser an den Fenstergläsern, läuft wieder nach unten in das Substrat hinein und bewässert sozusagen als hermetisch abgeschlossenes System die Pflanzen, die in dieser Kiste sind. MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:38 ERZÄHLER Kostbar waren Zimmerpflanzen zu Beginn, weil sie tatsächlich am weit entfernten Ursprungsort ausgegraben wurden, oder bei Aufsitzerpflanzen, so genannten Epiphyten zu denen auch Orchideen gehören, einfach von den Urwaldbäumen abgenommen, dann eingetopft, verschifft und erst in Europa verkauft wurden: Entweder direkt an einen reichen privaten Pflanzenliebhaber, oder an eine Gärtnerei, die versuchte, die exotischen Pflanzen zu vermehren. MUSIK ENDE ZSP 12 Gröger Ganz banal! Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist eine lange Geschichte des Sammelns und des Züchtens. ERZÄHLER Und sie dreht sich vor allem um Tropenpflanzen, weil die mit ihrer Blüten- und Blattvielfalt nicht nur schmückende Qualitäten besitzen. Vor allem sind Tropenpflanzen an ein Klima angepasst, in dem permanentes Wachstum möglich ist. Pflanzen Nordeuropas eignen sich nicht fürs Zimmer, sie können bei gleichbleibenden Zimmertemperaturen nicht überleben, sie brauchen einen Winter. Tropische Pflanzen sind ideal, sie ziehen sich nicht monatelang zurück. Aus welchen Weltregionen überhaupt neue Zimmerpflanzen kamen, bestimmten zunächst Schiffrouten: ZSP 13 Gröger Wenn Sie sich anschauen, so geschichtlich, wo die meisten Zimmerpflanzen herkamen in der Anfangszeit, dann stammen viele aus Südafrika, eben grad wegen diesen günstigen Schiffsverbindungen. Oder aus der direkten Umgebung von Rio de Janeiro stammen viele entscheidende wichtige Zimmerpflanzen! ERZÄHLER Das Usambaraveilchen mit seinen Samtblättern, der Philodendron, der Weihnachtskaktus, das flammende Käthchen: Lauter Pflanzen, die gut erhalten in Europa ankamen. Natürlich ging es ihren reichen exzentrischen Besitzern in Europa dann auch darum, diese Kostbarkeiten am Leben zu erhalten. Wieviel Wasser braucht das neue Prachtstück und wie oft? Will es in sandiger oder in lehmiger Erde eingetopft sein, oder nur in einem Körbchen hängen und ab und zu gebadet werden wie die schöne Orchidee? Nur wenige grundsätzliche Bücher gab es zur Stubengärtnerei und die konnten nicht aktuell bleiben, weil immer Neues eingeführt wurde. Das bedeutete, man musste direkt mit den großen Spezialitäten-Gärtnereien Kontakt halten. ZSP 14 Gröger Und die hatten dann Gärtner mit viel Know-how, die wussten dann über die Sammler in welchen Bedingungen im natürlichen Lebensraum Pflanzen wachsen. Es war echt was für Spezialisten, nicht für das allgemeine, breite Publikum. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es die Verbreitung im Bürgertum. Aber die Arbeiterschaft, die hat den maximal ein Blumensträußchen auf dem Tisch stehen aber keine Zimmerpflanzen. ATMO 4 Kakteenhaus mit Schritten unter Erzählertext ERZÄHLER Unter den Zimmerpflanzen war der Kaktus eine frühe Modepflanze, die in Haushalte aller Schichten einzog. Auch auf Gemälden tauchten Kakteen schon Mitte des 19. Jahrhunderts auf, bei Carl Spitzweg zum Beispiel. Kakteen passten perfekt zur Temperatur damaliger Wohnräume: Denn im Winter haben es ein Kaktus bei uns gern kühl, im Sommer gefällt es ihm am sonnigen Fenster. Wirklich eine gute Zimmerpflanze für Anfänger, meint Gröger. Unter den artgerecht gepflegten Verwandten im großen Kakteenhaus des Botanischen Gartens in München sind einige Kakteen viele Meter hoch: ZSP 15 Gröger Kakteen-Kreuzung geht ganz einfach, hat man auch schon vor 150 Jahren gemacht. Und deswegen gibt es viele Kaktushybriden auch auf dem Markt. Die Kakteen sind natürlich das Sinnbild für Wüstenklimate. Aber das darf man nicht vergessen: Es gibt auch Kakteen in Regenwaldgebieten. Die leben dort nämlich im Kronendach. Denken Sie mal an den Osterkaktus oder Weihnachtskaktus oder die verschiedenen Blattkakteen, die sind alle epiphytische Kakteen, die im Kronendach leben! Die können zwar schon mit Wasserarmut umgehen, weil sie oben im Kronendach auch begrenzt Zugang zu Wasserreserven haben, aber sie vertragen durchaus Luftfeuchte! MUSIK „Mein kleiner grüner Kaktus“; ZEIT: 00:53 ERZÄHLER Im Zimmer wirkt ein Kaktus oft wie eine kleine lebende Skulptur. Das gefiel noch in den 1920er Jahren, der Zeit der Weimarer Republik, den Bauhaus-Architekten um Walter Gropius, erklärt Historikerin Rahemipour: ZSP 16 Rahemipour Da war ja ein unglaublich minimalistischer Lebensstil forciert, und da mussten die Zimmerpflanzen auch zu passen. Also es gibt ein Foto, auf dem Gropius einen Kaktus irgendwo stehen hat. Ansonsten wurde sogar in Pamphleten formuliert: Zimmerpflanzen passen nicht zu unserem Stil. Also bitte keine Zimmerpflanzen. Das war natürlich in der Zeit eine avantgardistische Mode und auch spezielle Menschen, die ihre Bauhauseinrichtungen pflegten. Aber die Mode der Zimmerpflanzen sollte sich eben auch danach richten. MUSIK ENDE ERZÄHLER Nicht nur Kakteen auch andere Zimmerpflanzen tauchen in den 1920er 1930er Jahren immer mehr in einfachen Wohnungen auf. Auch im Kleinbürgertum und bei den Bauern gehörten sie zur Ausstattung der repräsentativen guten Stube. Die waren meist recht kühl und nur zu besonderen Anlässen geheizt. Pflanzen wurden in diesen Kreisen aber selten teuer gekauft: ZSP 17 Gröger Tauschbörsen von Stecklingen gibt's jede Menge und ist bei Pflanzenliebhabern gang und gäbe, schon immer gewesen und auch heute noch. Klassiker ist zum Beispiel die Grünlilie. Die Grünlilie können sie fast nicht kaufen! Weil die sich so leicht daheim vermehrt, dass die einfach so untereinander privat weitergegeben wird und deswegen eine kommerzielle Vermehrung uninteressant ist. ERZÄHLER In das Geschäft mit Zimmerpflanzen stiegen in den 1930er 1940er Jahren immer mehr Gärtnereien ein. Sie mussten klug auswählen, welche Pflanzen sich nicht ganz so leicht von Laien vermehren ließ, damit die Gärtnerei am Gewinn beteiligt blieb. Und auf der anderen Seite durfte die Pflanzen nicht zu kompliziert sein, damit die Gärtnerei es selbst einigermaßen hinbekam, mit der massenhaften Vermehrung. So richtig los ging es für die Branche erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 50er 60er-Jahren. ZSP 18 Rahemipour Das heißt: mit Erfindung der Heizung der Zentralheizung zogen dann nach und nach Pflanzen ein, die heute auch noch sehr bekannt sind und sehr beliebt: Die Monstera zum Beispiel, oder Sukkulenten zogen in die Wohnzimmer ein, um dann dort zu leben. ERZÄHLER Monstera Deliciosa, das Fensterblatt mit seinen herzförmigen, gern mal DIN A 4 großen Blättern und den dekorativen Einschnitten darin, den Fenstern, bekam nun auch in der breiten Bevölkerung ihren großen Auftritt. Erschwingliche Möbel für Zimmerpflanzen kamen auf den Markt: Gestelle mit nierenförmigen bunten Podesten, auf denen ein ganzes Arrangement tropischer Pflanzen Platz hatte. Dazu Stäbe, an denen herabhängende Pflanzen aufgehängt werden konnten und an denen rankende Pflanzen wie die Monstera Halt fanden. ZSP 19 Rahemipour Mit Beginn der 60er-Jahre hat sich sogar die Architektur ein wenig nach den Zimmerpflanzen gerichtet. Plötzlich wurde etwas erfunden, so ein Zimmerpflanzen-Fenster: Ein Fenster, das sehr groß war, eine sehr breite Fensterbank hatte, wo dann alle Zimmerpflanzen Platz drauf fanden. ERZÄHLER Zimmerpflanzen wie Gummibaum, Alpenveilchen oder Azalee wurden ab den 1950er Jahren für jedermann erschwinglich und ein beliebtes Mitbringsel zu Festen aller Art. Gärtnereien boomten! Neue mit Erdöl und Erdgas betriebene Heizanlagen erleichterten das Erwärmen immer größerer Treibhäuser. Der Zimmerpflanzenhandel wurde ein Riesengeschäft und ist es bis heute: knapp 1,5 Milliarden Euro wurden im Jahr 2023 in Deutschland allein für Zimmerpflanzen ausgegeben. Und das sind nur 17 Prozent vom gesamten Markt für Blumen und Pflanzen in Deutschland. ZSP 20 Rahemipour Das heißt der Zierpflanzenmarkt als solcher war noch viel-viel größer. Also mit Pflanzen kann man einfach richtig reich werden. MUSIK „Frida“ ERZÄHLER Und die Gärtnereien verstehen es, Zimmerpflanzen auf den Markt zu bringen, die zum jeweilig modernen Wohnstil passen - auch Ende des 20. Jahrhunderts: MUSIK ENDE ZSP 21 Rahemipour Es gab vermehrt WGs, die Menschen ziehen öfter um, ziehen auch mal ins Ausland. Und auch hier hat sich die Mode der Zimmerpflanzen ein wenig angepasst als robuste Arten, wie zum Beispiel Ficus Benjamini und so weiter plötzlich in Mode gekommen sind. Die haben es wirklich toleriert, dass man alle zwei Jahre mal das Zimmer gewechselt hat und dann nur das Bäumchen mitgenommen hat. ERZÄHLER Die Yucca-Palme war so ein extrem robustes Mode-Gewächs der 1980er 1990er Jahre. Gern wurde sie so eingetopft, dass ein handliches Stück Stamm aus der Erde wuchs, der jederzeit wieder eingekürzt werden konnte, falls mal was schiefging mit dem Gießen. Oft waren es nun Hydrokultur-Kübel, in denen Zimmerpflanzen gezogen wurden: gefüllt mit kleinen braunen Kügelchen aus Ton, angereichert mit Nährflüssigkeit. Heute werden Pflanzenmoden in noch viel kürzerer Taktung eingeläutet als zu Beginn. Influencerinnen und Influencer auf Youtube oder Instagram zeigen sich gern mit ihren tropischen Pflanzensammlungen. MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:51 ZSP 22 A Rahemipour Und weil ich vorhin schon mal von der Ananas gesprochen habe. Es gibt gerade eine Neuzüchtung, wo eine Ananaspflanze im Prinzip die Frucht halb ausbildet, die dann quasi wie so eine Medaille auf der Pflanze selber sitzt. Sie ist wirklich ästhetisch sehr schön. Sie passt eben zu einer Wohnzimmereinrichtung. ZSP 22 B Gröger Man muss sich immer klarmachen: auch heutzutage bei Zimmerpflanzen geht es immer um was Neues! Die Gärtnereien versuchen immer, etwas Neues auf den Markt zu bringen: nicht den Gummibaum, den schon jeder kennt, Birkenfeige. Sind so Modewellen auch bei den Zimmerpflanzen. Es war schon immer so und es ist auch immer noch so.
- LGBTIQ - Eine Bewegung und ihre Geschichte
05.05.2025 · 23 Min.
Die Geschichte der queeren Bewegung hat viele Dimensionen, sie ist seit jeher vielstimmig - und oft uneinig. Queer-Sein hat sich seinen Weg in den politischen und wirtschaftlichen Alltag gebahnt, mit Möglichkeiten, die lange undenkbar waren. Ist all das in Gefahr? Aktuell bereitet der Aufschwung rechtspopulistischer Politik in Europa vielen queeren Menschen Sorge. Von Karin Becker (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Karin Becker Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Diana Gaul, Peter Lersch Technik: Winfried Messmer Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Hier gibt es eine weitere hörenswerte folge von radioWissen: Trans*menschen und die Medizin - Forschung und Vorurteil JETZT ANHÖREN Homosexualität - Diskriminiert, kriminalisiert, gleichgestellt JETZT ANHÖREN Die Goethe-Institute in Nordamerika haben in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum in Berlin und der Bundeszentrale für politische Bildung ein spannendes Projekt entwickelt: EXTERNER LINK | QUEER AS GERMAN FOLK Willkommen im Club - der LGBTIQ*-Podcast von PULS Willkommen im Club der LGBTIQ*-Community! Aber wer ist das eigentlich und wieso braucht sie so viele Buchstaben im Titel? Welche Klischees ärgern Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und andere queere Menschen so richtig? Was beschäftigt sie gerade? Gemeinsam mit euch entdecken Kathi und Julian, die eine lesbisch, der andere schwul, die wunderbare Welt der "Alle-Buchstaben-Community". BR PODCAST | PULS | WILLKOMMEN IM CLUB
- Hebammen - Hilfe ins Leben
05.05.2025 · 22 Min.
Eine Geburt ist immer auch ein soziales Ereignis, das Menschen prägt und ihr Leben verändert. Der Beruf der Hebamme war immer mit einer besonderen Aura umgeben. Von Brigitte Kohn (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Jenny Güzel Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Barbara Fillenberg, Hebamme und Lehrstuhlinhaberin für Hebammenwissenschaft an der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e.V. PD Dr. habil. med. Nadine Metzger, PhD, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 1 O-TON PROF. FILLENBERG 00.49 Ich muss zugeben, dass ich immer noch Tränen in den Augen hab, wenn das Baby geboren ist. Ich glaub, das hängt auch damit zusammen, dass ich unglaublich stolz bin auf die Frau, die diese Leistung absolviert hat in dem Moment. Und das ist so eindrücklich, dass mich das nie loslässt. ERZÄHLERIN: Die Hebamme Barbara Fillenberg, Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Hebammenwissenschaft an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz, hat vielen Kindern auf die Welt geholfen und viele Paare auf den Weg ins Elternsein begleitet. Sie weiß, dass das Erleben und Gestalten von Geburten sehr stark von historischen und sozialen Rahmenbedingungen abhängt und sich im Lauf der Zeit verändert. MUSIK ENDE 2 O-TON BARBARA FILLENBERG 8.50 Ich stelle schon fest, dass das Thema Geburt nicht mehr so präsent ist in den Köpfen der werdenden Eltern. Dass das eigene Baby das erste Baby ist, das die Eltern auf dem Arm tragen, und dass sie sich im Vorfeld wenig Gedanken machen, was das eigentlich bedeutet, ein Kind zu kriegen. Oder sie haben sich so viel Gedanken gemacht, dass sie viele Filme anschauen und viel Informationsmaterial einholen und dann eher in die Risikodenkweise kommen. Und das ist für uns als Hebammen nicht ganz befriedigend, weil wir ja einen ganz anderen Ansatzpunkt haben, und wir hätten schon gerne, dass die Kinder lernen, dass eine Geburt was ganz Normales ist, was dazugehört zum menschlichen Leben und dass das auch ein normaler Vorgang ist im Leben einer Frau, der bei den Frauen meistens ganz gutgeht.“ ERZÄHLERIN: Dass das Kinderkriegen meistens ganz gut geht, darauf konnte man nicht immer so zuversichtlich hoffen. Im 18. Jahrhundert nehmen etwa 20 Prozent der Geburten einen tragischen Verlauf. Auch Johann Wolfgang Goethe wäre bei seiner Geburt fast gestorben. Seine Mutter Catharina Elisabeth erzählt Jahrzehnte später ihrer Freundin, der Dichterin Bettine von Arnim, von den Strapazen ihrer Niederkunft, und Bettine gibt das Gehörte brieflich an Goethe weiter: MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 00:53 ZITATORIN: "Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest der Mutter schwere Stunden; aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingeborenen Wohnort trieb, und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen." ERZÄHLERIN: Protestantische Gesangsbücher jener Zeit enthalten Lieder, die Schwangeren Mut machen sollen. Vor der Geburt machen viele Frauen ihr Testament. Catharina Elisabeth Goethe und ihr erstes Kind haben Glück: Alles wird gut. ZITATORIN: „Sie … bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: Rätin, er lebt!“ MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Wein gilt als Stärkungsmittel, man reibt schwächliche Neugeborene damit ein und gibt ihn auch den Gebärenden und Wöchnerinnen zu trinken. Des Weiteren hält man Zugluft von der Wochenstube fern, heizt gründlich ein, stellt Tücher, heißes Wasser und frische Butter als Schmier- und Gleitmittel bereit. Hebammen haben im allgemeinen Klistiere im Gepäck, Leinenfäden zum Abbinden der Nabelschnur, stumpfe Scheren zum Durchschneiden derselben, Salmiakgeist und Kräutersalben, auch Weihwasser und Spritzen zur Nottaufe von Kindern, die bei der Geburt zu sterben drohen. Und dann wartet man ab und hofft das Beste. Bei Komplikationen jedoch muss eine Hebamme entschlossen zugreifen. Goethes Hebamme geht so rabiat zu Werke, dass die Familie ihr die Schuld an dem gefährlichen Verlauf der Geburt gibt. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Das 18. Jahrhundert ist eine Zeit großer Veränderungen, auch in der Medizin. Immer mehr männliche Ärzte drängen in die Geburtshilfe und beanspruchen die Kontrolle über die Hebammen, ohne selbst Praxiserfahrung zu haben. Das geht nicht ohne Konflikte ab, und die schwelen lange auch in den Hierarchien moderner Kliniken bis in die Gegenwart hinein. Barbara Fillenberg ist zuversichtlich, dass die Akademisierung für mehr Augenhöhe sorgen wird. Seit 2020 ist Hebammenwissenschaft auch in Deutschland ein Studiengang, der den Hebammen auch wissenschaftliche Karrieren eröffnet. Das wird die Forschung beleben, denn Hebammen legen den Fokus auf den normalerweise unproblematischen Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, während Ärzte sich stärker mit Risiken auseinandersetzen müssen. MUSIK ENDE Das Studium der Hebammenkunde hat einen hohen Praxisanteil und zieht viel Interesse auf sich, weiß die Medizinhistorikerin Nadine Metzger, die die Studentinnen an der Universität Erlangen in der Geschichte des Hebammenberufs unterrichtet. Sie hat ein Lehrbuch verfasst mit dem Titel „Medizinische Terminologie für Hebammen“, das auch umfangreiche Kapitel zur Geschichte dieses Berufes enthält, und sie arbeitet gern mit den jungen Leuten im aufblühenden Feld der Hebammenwissenschaften. 3 OTON NADINE METZGER: Die sind unglaublich engagiert, und es gibt auch sehr viele Bewerbungen auf die Studienplätze. Die Studienplätze sind sehr begrenzt, weil es so intensive Praxisanleitungen in diesem Studium hat, und da kann man halt nicht 100 Leute gleichzeitig ausbilden, sondern maximal 25 oder 35 hier in Erlangen. Es kommen aber viele hundert Bewerber auf diese Plätze. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner: Original Motion Picture Soundtrack; Label: Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Gelehrte Hebammen gab es früher auch schon. In der Antike sind sie nicht einmal so selten. Viele von ihnen haben eine ähnliche Ausbildung wie Ärzte, manche verfassen auch Bücher. Platon überliefert, dass die Mutter des Sokrates Hebamme gewesen sei und dessen philosophisch-didaktische Methode inspiriert habe: So wie die Hebamme dem Kind auf die Welt helfe, so verhelfe er, Sokrates, seinen Schülern dazu, Gedanken und Einsichten zur Welt zu bringen. Der Philosoph Aristoteles sucht häufig das Gespräch mit Hebammen, wenn er an seinen anatomischen und naturkundlichen Schriften arbeitet. Im 17. Jahrhundert hat es Justine Siegemund, eine gebildete Pastorentochter, von der Dorfhebamme zur Hofhebamme am brandenburgischen Hof gebracht und ein vielbeachtetes Lehrbuch veröffentlicht. MUSIK ENDE 4 O-TON BARBARA FILLENBERG 28. Siegemund hat einen Begriff geprägt, den ich bis heute faszinierend finde, das ist das Kontaktwissen. Als Hebamme lerne ich die Frau als Person kennen, lerne ihre Familie kennen, und wenn ich die Wochenbettbegleitung mache und die Schwangerschaftsvorsoge auch im häuslichen Umfeld anbiete, dann stelle ich fest, wie die Frau lebt und welche Ressourcen ihr zur Verfügung stehen. Dass ich auch erspüren kann von der Frau, was braucht die jetzt von mir. ERZÄHLERIN: Im 18. Jahrhundert entwickelt eine Französin namens Angélique du Coudray ein wegweisendes Unterrichtsmodell … 5 O-TON BARBARA FILLENBERG um zu zeigen, wie sich das Kind durch das Becken schraubt bei der Geburt. Sie konnte an diesem Modell auch Komplikationen darstellen, und Hebammen hatten immer die Gelegenheit, an diesem Modell zu üben, auch manuell zu üben, und das wird bis heute angewandt. ERZÄHLERIN: Aber Siegemund und Coudray sind Ausnahmehebammen. Die durchschnittliche Hebamme im Mittelalter und in der frühen Neuzeit kommt aus den ärmeren Schichten: Als Bäuerin oder Handwerkersfrau ist sie auf einen Zuverdienst angewiesen und hat weder Zeit noch Kenntnisse zum Bücherschreiben. Aber Erfahrung mit Geburten und einen guten Ruf in der Dorfgemeinschaft, das hat sie schon. 6 O-TON METZGER: Die verheirateten Frauen wählen untereinander aus ihrer Mitte die Hebamme, und das ist eine Frau, zu der sie offensichtlich Vertrauen haben. Das ist aber nicht so, dass die eine Ausbildung gehabt hätten, das war nicht großartig organisiert. Eine informelle Wissensweitergabe. ERZÄHLERIN: Im Dorf spricht es sich schnell herum, wenn bei einer Frau die Wehen einsetzen. Nachbarinnen und Verwandte eilen herbei, die Männer holen die Hebamme ab, begleiten sie durch oft unwegsames Gelände und ziehen sich zu Hause, wenn es dann hart auf hart kommt, zurück. Gebären ist Frauensache. 7 O-TON NADINE METZGER Traditionell haben immer die Frauen aufrecht geboren. Entweder gestützt im Stehen, im Hocken, durch andere Frauen aufrecht gehalten, oder im 17., 18. Jahrhundert auf Gebärstühlen, im aufrechten Sitzen. ERZÄHLERIN: Die Gebärende bleibt bekleidet, das gebietet das Schamgefühl auch unter Frauen, und die Hebamme ertastet die Lage des Kindes unter ihren Röcken. Ist die Lage problematisch, muss das Kind im Mutterleib gewendet werden. Ein Kaiserschnitt ist noch keine Option, die Mutter würde verbluten. 8 O-TON NADINE METZGER: Die Hebamme Justine Siegemund beschreibt in ihrem Buch ein von ihr entwickeltes Verfahren mit Hilfe eines Wendestäbchens, wo die Hebamme ihren Arm bis in den Uterus einführt und mit einem Stäbchen und einer Schlinge das Kind im Mutterleib wendet. Das muss eine schreckliche Prozedur gewesen sein, aber das hat Leben gerettet. Das zu können und zu wissen, wie man das macht, und es im richtigen Moment zu machen, das hat eine gute Hebamme in der Vormoderne ausgezeichnet. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:41 ERZÄHLERIN: In Fällen, in denen sich ein tragisches Ende abzeichnet, dürfen und müssen Hebammen dem Kind die Nottaufe spenden und den sterbenden Müttern die Beichte abnehmen, also priesterliche Funktionen übernehmen. Die Kirche achtet darauf, dass sie die entsprechenden Gebetsformeln und Rituale beherrschen, und sie erwartet auch von ihnen, dass sie Verstöße gegen die Sittlichkeit, uneheliche Geburten zum Beispiel und den Namen von Kindsvätern, melden. Zur Zeit der Inquisition müssen Hebammen sich verstärkt bemühen, an ihrer Rechtgläubigkeit keinen Zweifel zu lassen, um nicht in den Verdacht der Hexerei zu geraten. Das ist nicht so einfach, da Bräuche und Rituale mit heidnischem Einschlag oft noch sehr beliebt sind. AKZENT Die Entlohnung der Hebammen regelt allerdings niemand. Wohlhabende Familien geben Geld oder Naturalien, Feuerholz zum Beispiel, bei den Armen gibt es wenig oder nichts zu holen. Viele Hebammen, die ja oft selbst einen harten Lebenskampf bestehen müssen, verwenden also mehr Sorgfalt und Zeit auf reiche Familien als auf arme. Das ist einer der Missstände, die den Regensburger Stadtvätern 1452 ins Auge fallen, weswegen sie den ersten überlieferten Versuch unternehmen, die Geburtshilfe amtlich zu regeln. Sie sehen … MUSIK ENDE ZITATOR: „den Mangel und Abgang, den sie in ihrer Stadt an guten Hebammen hätten, und dass durch Unordnung der Hebammen zu Zeiten die Frauen verwahrlost würden“. ERZÄHLERIN: Die Regensburger Stadtväter verbieten den Hebammen, den Geburtsvorgang künstlich zu beschleunigen oder die Gebärende vorzeitig zu verlassen, um zu einer anderen womöglich reicheren Frau zu eilen. Und außerdem sollen die Hebammen bei der Arbeit nicht trinken, jedenfalls keinen Alkohol. ERZÄHLERIN: Die Stadtväter regeln noch einiges mehr, und sie lassen die Frauen einen Eid vor der Obrigkeit schwören, dass sie sich an alle Auflagen halten werden. 10 O-TON NADINE METZGER: Dass Hebammen ihren Job richtig machen, wurde kontrolliert durch ein Gremium ehrbarer Frauen, wahrscheinlich die Gattinnen von Ratsherren oder wichtigen Handwerksmeistern. Und die haben in dieser weiblichen Sphäre der Frauengemeinschaft geguckt, dass die vereideten Hebammen sich an den Eid halten. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:16 ERZÄHLERIN: Hebammeneide sind also der Ursprung der Professionalisierung der Geburtshilfe. Später werden sie vor Ärztekollegien abgelegt, denn seit dem 17. Jahrhundert steigen im Zuge des Fortschritts der Naturwissenschaften das Ansehen und der Einfluss der Ärzte in der Stadtgesellschaft rapide an. Immer mehr Landesherren erkennen, dass die Gesundheit ihrer Landeskinder und eine hohe Bevölkerungszahl für die Wirtschaft und die Landesverteidigung wichtig sind, und fördern den Beginn einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Ärzte kontrollieren und überwachen die Hebammen zunächst und bilden sie später auch aus. Obwohl diese Entwicklung Konflikte und Nachteile mit sich bringt, hält die Medizinhistorikerin Nadine Metzger nichts davon, vormoderne Verhältnisse zu idealisieren. Ähnlich wie die historische medizinische Literatur enthalte das schriftlich überlieferte traditionelle Hebammenwissen auch Irrtümer wie beispielsweise Opiumgaben für Neugeborene, sagt sie. 11 O-TON NADINE METZGER: Man muss sich sehr davor hüten, das zu romantisieren. Das Bild der Hebamme als weise Frau mit besonderem Heilwissen, mittelalterlich verbrämt, das ist eine Figur, die sehr stark durch die Nazis gefördert wurde. ERZÄHLERIN: In der Stadt setzen sich die neuen Spielregeln viel schneller durch als auf dem Land, wo lange alles beim Alten bleibt. Zwar werden auch Landgemeinden spätestens seit 1800 dazu verpflichtet, angehende Hebammen zu medizinischen Kursen in die Stadt zu schicken, aber die Landfrauen akzeptieren die neumodischen Geburtshelferinnen oft nicht und schicken lieber nach den traditionellen, die sie schon kennen und die auch an den lebhaften Trubel gewöhnt sind, in dem das Gebären so stattzufinden pflegt. Cousinen, Tanten und Nachbarinnen bechern gemeinsam Wein und Bier, rauchen Tabak und überbieten sich gegenseitig mit Ratschlägen. ZITATOR: „Alle die anwesenden Frauen erzählen die Stellung, in welcher jede von ihnen ihre Kinder am leichtesten zur Welt gebracht hat, und nötigen die Gebärende, alle diese Stellungen nacheinander zu versuchen“, ERZÄHLERIN: … stellt ein Arzt aus Altona im Jahre 1763 irritiert fest. In einigen Stadtarchiven gibt es Akten über Prozesse, in denen sich eine Hebamme und ein Arzt wechselseitig der Ahnungslosigkeit und Praxisferne beziehungsweise der Kurpfuscherei beschuldigen. Karikaturen von beschwipsten Hebammen machen die Runde. 12 O-TON NADINE METZGER. Es ist oft in dieser Zeit für uns schwer zu trennen, was ist üble Nachrede und was ist ein realistisches Problem gewesen. Dieses Bild der alkoholisierten, unfähigen, schmutzigen Hebamme, das ist ein Bild, das sehr viel von ärztlichen Autoren beschworen wird. Im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert und auch noch im 20. Jahrhundert. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 00:55 ERZÄHLERIN: Der moderne Arzt will Ruhe und Konzentration und einen zügigen Geburtsverlauf. Häufig greift er viel zu schnell zur Geburtszange, die es seit dem 17. Jahrhundert gibt und die die Hebammen nicht verwenden dürfen; Risikogeburten sind zum Vorrecht des Arztes geworden. Viele Frauen und Kinder überleben die Tortur einer Zangengeburt allerdings nicht. Auch die Gebärhäuser, die im 18. und 19. Jahrhundert entstehen, haben so erschreckend hohe Sterberaten, dass Kritiker sie als „Mördergruben“ bezeichnen. Und doch werden diese Häuser hauptsächlich deswegen gegründet, um die Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer zu ermöglichen und die der Hebammen zu systematisieren. MUSIK ENDE 13 O-TON METZGER: Die Idee war die, dass arme Frauen, Frauen aus der Unterschicht mit unehelichem Kind, dass die so verzweifelt sind, dass die dann in so eine Anstalt gehen und sich dort als Anschauungsobjekt den Ärzten und Studenten zur Verfügung zu stellen. Und da normalerweise Gebären im Frauen- und Familienkreis abgelaufen ist, haben das wirklich nur ganz verzweifelte Frauen gemacht. Aber aus dieser Praxis konnte dann eben die aufstrebende männliche ärztliche Geburtshilfe genügend Anschauungs- und Forschungsmaterial gewinnen – also, „Material“ ist hier ein entpersonalisierendes Wort für die Gebärende und ihr Kind -, um daraus die Geburtshilfe als ärztliche Disziplin zu etablieren. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 01:00 ERZÄHLERIN: Die Frauen müssen im Liegen gebären, um Medizinstudenten und Hebammenschülerinnen bessere Einblicke zu gewähren. Das Kindbettfieber rafft eine Frau nach der anderen dahin. 1847 schöpft der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis den Verdacht, das könnte mit den ungewaschenen Händen der Ärzte zusammenhängen, die gerade von der Leichenschau kommen, aber er stößt auf Widerstände. Antiseptische Vorgehensweisen setzen sich nur allmählich durch – im Fahrwasser der Fortschritte in der Chirurgie. Von denen profitiert auch die Geburtshilfe. Seit 1882 ist es möglich, den Uterus nach einem Kaiserschnitt mit Carbolseide zu vernähen. Das senkt die Mortalität im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer mehr und ist ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der Geburtshilfe. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Das wachsende Hygiene- und Gesundheitsbewusstsein hat aber auch eine dunkle Seite. Vorstellungen von Rassereinheit und Eugenik machen sich bereits im 19. Jahrhundert in den Wissenschaften breit. Sie finden ihren furchtbaren Höhepunkt im Nationalsozialismus, der auch den Hebammenberuf ideologisch für sich vereinnahmt. 15 O-TON NADINE METZGER Die Reichshebammenführerin Nanna Conti war die Mutter des Reichsärzteführers, Leonardo Conti. Das war eine ganz stramme Nationalsozialistin, die schon in den 20er Jahren in die NSDAP eingetreten war und voll hinter jedem völkischen Gedankengut stand und es sehr geschickt geschafft hat, die Hebammen in den Dienst der Körperpolitik der NS-Diktatur zu stellen. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 00:52 ERZÄHLERIN: In der Nachkriegszeit setzt sich die Klinikgeburt auch auf dem Land flächendeckend durch, in der DDR in den Sechzigern, in der Bundesrepublik etwas später. In der DDR verbucht man bessere Erfolge bei der Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit als in der Bundesrepublik, auch die Hebammenausbildung ist sehr viel fundierter. Im Westen übernehmen Kassenärzte seit 1965 auch die Schwangerenvorsorge, was die Hebammen erst mal ins Hintertreffen geraten lässt. Inzwischen haben sie aber wieder ein gutes Standing, findet die Hebammenwissenschaftlerin Barbara Fillenberg. In ihrer vielfältigen Laufbahn als Hebamme hat sie auch die Erfahrung gemacht, dass Ärzte und Hebammen gut zusammenarbeiten können. MUSIK ENDE 16 O-TON BARBARA FILLENBERG: Und dieses Miteinander, das würd ich mir wünschen, dass wir das intensivieren, weil ich glaube, für die Frauen, für die Familien gibt’s nichts Besseres, als wenn die Berufsgruppen Hand in Hand arbeiten. Für mich ist es so, dass wir von der Frau aus und den Bedürfnissen des Kindes aus denken sollten und nicht unbedingt nur, was will die Berufsgruppe für sich selber, ob das jetzt Ärzte oder Hebammen sind. Der Diskurs bringt uns weiter. Es wär ja schrecklich, wenn‘s immer nur harmonisch wär, dann würden wir ja auf der Stelle treten. 17 O-TON NADINE METZGER: Ich glaube, es sehen alle in dem Bereich als Problem, dass man sich unter Personalmangel-Umständen nicht genügend um die einzelne Gebärende kümmern kann. Es ist ein organisatorisches Problem, es ist ein finanzielles, wirtschaftliches Problem, und allein der Hebammenmangel ist dafür nicht verantwortlich, es ist ein strukturelles Ding. Man kann nur hoffen, dass da gute neue Lösungen entwickelt werden.