Die Maus - Anpassungskünstler und gefürchteter Schädling
15.02.2024 · 23 Min.
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Sie sind possierlich, flink und unglaublich fruchtbar. Das müssen sie auch, bedenkt man, wer ihnen alles nachstellt - und: Sie sind nicht überall gern gesehen. Über 40 Mäusearten gibt es weltweit. Autorin: Renate Kiesewetter (BR 2014)
Credits
Autorin dieser Folge: Renate Kiesewetter
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Stefan Wilkening
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Dr. Walter Bäumler, Zoologe, Mäuseforscher, Ludwig-Maximilians-Universität München.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK: C1432360 007 (00‘30‘‘)
Zitator:
"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." – "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Die Kleine Fabel von Franz Kafka. Der Schriftsteller hatte zeit seines Lebens Angst vor Mäusen. Und damit war und ist er nicht alleine. Denn Mäuse und Menschen haben seit jeher ein gespaltenes Verhältnis. So beschreibt Francesco Santoianni in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" den Jahrhunderte währenden Kampf gegen die Nagetiere als eindeutige Niederlage des Menschen. Zahlreiche Bekämpfungsarten hat sich der Mensch einfallen lassen, doch es gibt sie immer noch, trotz Katzen, Mausefallen, Gift oder ausräuchern. Und die menschliche Fantasie bringt nach Francesco Santoianni immer wieder neue Horrorszenarien hervor:
MUSIK: M0024267 000 (00‘45‘‘)
Zitator:
Überernährt von den Abfällen einer auf Verschwendung gegründeten Gesellschaft, geschützt in relativ warmen und endlosen Kanalisationssystemen, haben sich Mäuse und Ratten im Herzen sämtlicher Metropolen breitgemacht. Fünfzehn Millionen in Rom, fünfundzwanzig Millionen in New York, zehn Millionen in Neapel ... diese Zahlen tauchen regelmäßig in den Massenmedien auf und nähren atavistische Ängste und Vorstellungen von einem dunklen, bedrohlichen Heer, das nur darauf wartet, alles zu verschlingen und zu zerstören.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
'Mus musculus', die Hausmaus … 'so ein kleines putziges Tier', möchte man fast sagen. Der "schlimmste Freund des Menschen", wie Francesco Santoianni die Maus nennt, hatte zumindest in dem berühmten Tierforscher Alfred Edmund Brehm einen Fürsprecher. Seine Beobachtungen aus dem 19. Jahrhundert über die verschiedenen Mäusearten sind anregend und wohlwollend. Aber auch er weiß um die schwierige Beziehung zwischen "heißhungrigen" Mäusen und Menschen:
Zitator:
Die anmutigen und zierlichen Mause sind trotz ihrer schmucken Gestalt und ihres heiteren und guten Wesens arge Feinde des Menschen und werden von ihm mit Ingrimm verfolgt (…) Man kann sich schwerlich ein naschhafteres Geschöpf denken als eine Hausmaus, welche über eine gut gespickte Speisekammer verfügen kann. Sie beweist auf das schlagendste, daß der Sinn des Geschmackes bei ihr vortrefflich entwickelt ist.
Sprecher:
Den ungebetenen nagenden Gästen in Speisekammern, Dachböden und Kellern sei nur das Beste gut genug. Kein Hindernis sei zu groß, kein Winkel zu abgelegen, kein Material zu hart, so Alfred Brehm:
Zitator:
Wo sie etwas Genießbares wittert, weiß sie sich einen Zugang zu verschaffen, und es kommt ihr nicht eben darauf an, mehrere Nächte angestrengt zu arbeiten und selbst feste, starke Türen zu durchnagen. Findet sie viel Nahrung, welche ihr besonders mundet, so trägt sie sich auch noch einen Vorrat davon in ihre Schlupfwinkel und sammelt mit der Hast eines Geizigen an der Vermehrung ihrer Schätze.
MUSIK: Z9383695 016 (00‘55‘‘)
Sprecherin:
Die Hausmaus - bis zu 11 Zentimeter lang mit einem schuppenartigen Schwanz so lang wie der ganze Körper, gerade 20-30 Gramm schwer. "Maus"-grauer oder braungrauer, gedrungener Körper, große Knopfaugen. Spitzes Gesicht. Besonders gut sehen können Hausmäuse und auch andere Mäuse nicht. Viele Arten leben unterirdisch in selbst gebuddelten Höhlengängen, sind nachtaktiv. Ihr Gehör ist deutlich besser ausgestattet, vor allem auch im Ultraschallbereich. Dabei können die Tiere noch Töne von 40.000 Hertz wahrnehmen. Am besten entwickelt aber ist ihr Geruchssinn. In Experimenten fanden Mäuseforscher heraus: Sogar die Geschlechtsreife kann durch Duftstoffe beschleunigt oder verlangsamt werden.
MUSIK ENDE
Sprecher:
Am Geruch erkennen die Tiere auch, ob eine andere Maus zur eigenen Gruppe gehört. Bis zu sechs Stunden lang speichern sie diesen Geruch, danach sind sie einander fremd. Betritt eine fremde Maus das Territorium und fällt bei der Geruchskontrolle durch, gehört sie also nicht zum eigenen Clan, gibt’s Randale und nicht selten einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Wie aggressiv gerade Feldmäuse dabei vorgehen, veranschaulicht der Münchner Zoologe und Mäuseforscher Dr. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Da gibt es also ein Männchen, und es hat so einen Harem, wenn die Wiesen abgemäht sind im Herbst, sieht man, da ist immer wieder eine Kolonie, also alle 30 Meter sind viele Mauselöcher, da leben mehrere Weibchen, und ein Boss. Der markiert die ganze Kolonie als sein Territorium, und wenn da ein fremdes Männchen kommt, wird es sofort angegriffen. In so einer Wiese fängt man jede Menge schwer verwundete Männchen, die also fürchterliche Narben haben.
Sprecher:
Auch dafür kommen die Nagezähne zum Einsatz. Überhaupt: das Gebiss von Mäusen. … Alle Mäuse, egal ob Hausmaus, Ährenmaus, Schermaus, Feldmaus oder Rötelmaus … haben ein hoch spezialisiertes Gebiss:
O-Ton Walter Bäumler:
Also die zwei namengebenden Nagezähne, mit der starken Schmelzauflage, auf der Vorderseite, die des ermöglichen, dass die Mäuse auch sehr hartes Material, zerlegen können, Aluminium ist kein Problem, dass die sich da durchnagen. Sie können sich durch Stahldrähte, die 2, 3 Millimeter dick ist, können Sie durchnagen. Man kann sie praktisch nur in Glasbehältern halten, sonst büchsen sie aus, nagen sie sich durch.
MUSIK: C1506550 010 (01‘30‘‘)
Sprecherin:
Mäuse bevölkern die Erde seit dem Aussterben der Dinosaurier vor ca. 60 Millionen Jahren. Doch wann und wo wurden sie zum Kulturfolger des Menschen? Das datieren Forscher auf einen Zeitpunkt vor 23 Millionen Jahren, rund ums Kaspische Meer, heutiges russisches Westasien. Ursprünglich folgten die kleinen Nagetiere den Nomaden auf der Suche nach Nahrungsresten. Francesco Santoianni beschreibt in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" die Herkunft und die frühen Wanderrouten der Hausmaus:
Zitator:
Ein Gebiet, das das heutige Kasachstan, Turkmenistan und den Iran umfasst, wurde als die Heimat von Mus musculus identifiziert, von der aus ihr Triumphmarsch begann, der in zwei deutlich erkennbaren Richtungen verlief: eine kontinental (zentraleuropäisch) verlaufende und eine auf die Mittelmeerregionen zielende.
Sprecherin:
Andere Quellen nennen Indien als Ursprungsland. Zumindest sollen Knochenfunde beweisen, dass 4.000 vor Christus die ersten Mäuse in Mitteleuropa ankamen. Als blinde Passagiere folgten sie den Menschen. Auf allen Handelswegen, auf der Seidenstraße, auf den Seefahrten nach Indien, nach Amerika. In den letzten 1.000 Jahren besiedelten sie auf diese Weise dann auch Afrika, Amerika und Australien.
MUSIK: CD701250 003 (00‘50‘‘)
Sprecher:
Die enge Bindung an den Menschen wurde immer wieder in Mythologie, Literatur, Religion und Kunst abgebildet: Dabei findet man Mäuse sowohl als verehrungswürdiges als auch verabscheuungswürdiges Sinnbild. Verehrt hat man sie besonders in fernöstlichen Mythologien. Als Begleiter von Daikoku, dem japanischen Gott des Reichtums, wird eine Maus "prächtig geschmückt" dargestellt. Auch in Sibirien gilt sie als Symbol des Wohlstands. Und in der indischen Provinz Rajasthan werden - wohl einzigartig in der Welt - noch heute Mäuse und Ratten verehrt und geschützt: Im Tempel von Deshnoke, geweiht der Göttin der Sänger und der Mäuse, werden sie reichlich gefüttert.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Auch in den griechischen Tempeln von Apollo Smintheus, dem Gott der Mäuse, hat man die kleinen Nagetiere jahrhundertlang verehrt und sogar gezüchtet. Gingen daraus weiße Mäuse hervor, galt das als Zeichen für kommenden Wohlstand. Über solchen unsinnigen Mäuseaberglauben war der römische Politiker und Schriftsteller Cicero entsetzt: Nähme man das ernst, müsse man um die "Sicherheit der römischen Republik" fürchten, wetterte er. Schließlich hätten Mäuse bei ihm zuhause seine Schrift über den Staat angeknabbert - ebenso wie Epikurs Buch Über die Lebensfreude. Nicht nur Ciceros Ausgabe des griechischen Philosophen fiel der Nagelust zum Opfer, auch alle anderen Schriften waren nicht sicher vor den unermüdlichen Schneidezähnen der Mäuse. Der französische Autor Michel Dansel erkundete in seinem Buch "Nos frères, les rats" ("Unsere Brüder, die Ratten") die Symbolik der Nagetiere und schreibt über ihr Werden und Vergehen:
Zitator:
Die Geschichte der Mäuse ist so eng mit der der Menschheit verbunden, dass sie vielleicht sogar all deren Facetten abdecken kann, die dunklen und die hellen Seiten. Sie kann uns zur Erkenntnis erhabener Wahrheiten inspirieren, uns aber gleichzeitig unser traurigstes und demütigendstes Spiegelbild entgegenhalten: das eines Tieres, das dazu bestimmt ist, zu verschwinden und sich vergeblich durch Dinge und Aufzeichnungen verewigen will, die jedoch selbst vom Zahn der Zeit zernagt werden wie Buchseiten von den Zähnen der Mäuse.
Sprecher:
Sigmund Freud brachte noch eine andere Sicht ins Spiel. Er betont das Schützenswerte eines kleinen Wesens, einer geliebten Person, eines Kindes. Und bedenken wir nicht oft unsere Lieben mit Kosenamen wie "Maus, Mausi, Mäuschen"? (MUSIK: E0007900 104 [00‘15‘‘]) Klein aber schlau wappnet sich auch Micky Mouse, die berühmteste Comic-Maus, gegen ihre riesigen Feinde.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
In der biblischen und christlichen Symbolik stehen die Mäuse für die Seele, den Teufel, die Zerstörung, für Sünde und ungezügelte Sexualität. Sie wurden etwa von der katholischen Kirche gerne als Sinnbild für alles Heidnische verwendet, das in Form der Mäuse die christlichen Hostien annagt. Arme verfolgte Nager – ein katholischer Bischof hat sie sogar exkommuniziert. Und es wurden Heilige gegen Mäuseplagen angerufen – wie die Heilige Gertrud. Sie hatte schließlich als Spinnerin die Mäuse von ihrem Spinnrocken vertrieben. Möglicherweise diente diese Geschichte als Vorlage zur Redensart:
Zitator:
Da beißt die Maus kein` Faden ab. …
MUSIK: G0030590 006 (00‘20‘‘)
Sprecher:
Schon im Mittelalter gab es professionelle Mäusefänger. Daran erinnert die Sage vom Rattenfänger in Hameln, der mit seiner Flöte alle Mäuse und Ratten aus ihren Löchern hervorlockte und sie so aus der Stadt hinauslotste.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Schließlich konnten die Nager sich so zahlreich vermehren, dass sie durch die Vernichtung der Ernten oder der Lebensmittel-Vorräte existenzbedrohend wurden. Nur: Wie sollte man ihrer Herr werden? Nachts mit dem Dreschflegel auf die Jagd gehen? Eine antike griechische Anweisung für Bauern riet:
Zitator:
Nimm ein Stück Papier und schreib darauf folgendes: "Ich beschwöre euch, ihr Mäuse, die ihr hier anwesend seid, daß ihr weder mir schadet noch duldet, daß eine andere Maus dies tut. (…) Stecke das Papier auf einen unbehauenen Stein auf dem Felde vor Sonnenaufgang. Sieh zu, daß die beschriebene Seite nach oben zu liegen kommt.
Sprecher:
Eher unwahrscheinlich, dass diese Maßnahme erfolgreich war! … Mäuse ernähren sich als nachtaktive Allesfresser von Wurzeln, Blättern, Samen, Pflanzenstängeln, Obst, Gemüse und Gräsern. Mäuse sind flinke Läufer, manche können auch hervorragend klettern. Andere, wie die Hausmaus, können sehr gut schwimmen. Mäuse kommen also in der Regel überall hin. Dabei sind die kleinen Kulturfolger bei ihren Nahrungsraubzügen auch noch wählerisch, sie bevorzugen eindeutig die kulinarische Vielfalt und Abwechslung. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Früher hat man zum Beispiel Marmelade eingemacht, und hat nur so Zellophanpapier drüber geklebt, wenn da eine Hausmaus drin war, dann hat die das erste Marmeladeglas aufgenagt oben, des Zellophanpapier, bisschen Marmelade herausgenommen, dann ans zweite, dann ans dritte, bis alle geöffnet waren, und dann hat sie wieder beim ersten weitergemacht, so dass man alle Marmeladegläser, obwohl die noch voll waren, ja, vergessen konnte, das konnte man wegwerfen.
Sprecherin:
Denn die Mäuse fressen nicht nur Lebensmittel, sie verunreinigen diese zusätzlich mit ihren Ausscheidungen. Dabei können sie gar nicht anders als möglichst viel zu fressen: Erstaunlicherweise ist der Nahrungsbedarf der Mäuse so groß, weil sie so klein sind:
O-Ton Walter Bäumler:
Da gibt es eine allgemeine bioenergetische Grundregel: Je kleiner ein Tier ist, desto mehr Nahrung benötigt es im Verhältnis zu seinem Gewicht. Eine Maus braucht pro 100 Gramm Mäusegewicht, braucht sieben Mal mehr Kalorien – oder Joule sagt man – wie ein Tier in der Größe eines Menschen.
MUSIK: C1560350 W01 (00‘30‘‘)
Sprecher:
Mäuse vermehren sich rasant: Die Hausmaus zum Beispiel ist das ganze Jahr über fortpflanzungsfähig. Ein Wurf hat zwischen drei und acht Junge, bei bis zu acht Würfen im Jahr macht das die stattliche Zahl von 64 Jungtieren - wohlgemerkt in einem Jahr! Nach nur sechs Wochen sind diese selbst wieder geschlechtsreif, mit einer Tragezeit von drei Wochen.
MUSIK ENDE
Zitator:
Die Mutter schlägt ihr Wochenbett in jedem Winkel auf, welcher ihr eine weiche Unterlage bietet und einigermaßen Sicherheit gewährt. Nicht selten findet man das Nest in ausgehöhltem Brode, in Kohlrüben, Taschen, Todtenköpfen, ja selbst in Mausefallen. Gewöhnlich ist es aus Stroh, Heu, Papier, Federn und anderen weichen Stoffen sorgfältig zusammengeschleppt.
Sprecherin:
Aus Brehm's Thierleben.
Sprecher:
Äußerst geschickt und kunstvoll bastelt zum Beispiel die Ährenmaus das Nest für ihren Nachwuchs. Fast als häkele, stricke und flicke sie unentwegt mit den Grashalmen. Bei uns heimisch in den Getreidefeldern und Forstkulturen des Donauraums bietet sie dem Betrachter ein interessantes Schauspiel. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Die turnt also sehr geschickt und – ja – fast artistisch durch die Grashalme, die hat dort also die Grashalme oben, und hat so einen Greifschwanz, den wickelt sie um die Grashalme durch, lässt sich dann oft auch – ja – hängen, oder wie als Anker, und hangelt sich dann von einem Grashalm zum nächsten. Und das ist eigentlich sehr interessant, das zu sehen, ja, manchmal richtig lustig, wenn die da kopfüber an denGrashalmen hängt.
Sprecherin:
Das kunstvolle Nest der Ährenmaus ist in der Welt der Mäuse eine besondere Kinderstube. Wie bei den Hausmäusen kommen die Jungen blind, taub und nackt zur Welt, bei ihrer Geburt wiegen sie weniger als ein Gramm. Nun werden sie 21 Tage von der Mäusemutter mit Milch gesäugt, stets zärtlich und fürsorglich gepflegt. Bei einigen Arten übernimmt sogar eine andere Muttermaus die Pflege, falls die eigene ums Leben kommt. Alfred Brehm beschrieb den sorgsamen Umgang einer Mäusemutter mit ihren Jungen so:
Zitator:
Bei jeder Bewegung der Mutter ließen sie ein feines, durchdringendes Piepen oder Quietschen hören. (…) Am 18. abends kamen sie zum ersten Male zum Vorschein; als aber die Mutter bemerkte, daß sie beobachtet wurden, nahm sie eine nach der anderen ins Maul und schleppte sie in das Nest. Einzelne kamen jedoch wieder aus einem anderen Loche hervor. Allerliebste Tierchen von der Größe der Zwergmäuse mit ungefähr 3 Zoll langen Schwänzen! (…) Sie saugten noch dann und wann (…), spielten miteinander, jagten und balgten sich auf die gewandteste und unterhaltendste Weise, setzten sich auch wohl zur Abwechslung auf den Rücken der Mutter und ließen sich von derselben herumtragen.
Sprecher:
Der Spieltrieb ist den Mäusen angeboren. Im Spiel werden die Mäusekinder für die Anpassung an die Umwelt trainiert. Und noch etwas - und das haben sie mit den Menschen gemein - zeichnet die kleinen Nager aus: die Neugier. Sie erobern sich nagend ihre Umgebung, nichts bleibt vor ihren Zähnen sicher. Und sie lernen dabei.
MUSIK: C1352870 113 (00‘25‘‘)
Sprecherin:
Dieses Neugier-Verhalten der Maus könnte, neben ihrem possierlichen Aussehen, der Grund dafür sein, warum sie zur Vorlage für die beliebte ARD-Fernsehmaus wurde. Seit Jahrzehnten begeistert die sonntags Kinder und Erwachsene mit ihren "Lach- und Sachgeschichten".
MUSIK: NC015960 036 (01‘10‘‘)
Sprecher:
Seit die echten, biologischen Mäuse dem Homo sapiens folgen, übertragen sie auch immer wieder Krankheiten auf den Menschen. Über Jahrhunderte hinweg gefürchtet war der "Schwarze Tod", die Pest, die unzählige Menschen dahinraffte. Doch auch die Überträger selbst, vor allem Ratten aber auch Mäuse, verendeten in Scharen bei Ausbruch von Seuchen, wie Albert Camus in seinem Roman "Die Pest" dramatisch beschrieb:
Zitator:
Aus den Verschlägen, den Untergeschossen, den Kellern, den Kloaken stiegen sie in langen, wankenden Reihen hervor, taumelten im Licht, drehten sich um sich selber und verendeten in der Nähe der Menschen. Nachts hörte man in den Gängen und den engen Gassen deutlich ihren leisen Todesschrei. Am Morgen fand man sie in den Straßengräben der Vorstädte ausgestreckt, ein bißchen Blut auf der spitzen Schnauze, die einen aufgedunsen und faulig, die anderen steif, mit gesträubten Schnauzhaaren.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Seit Ende des 19. Jahrhunderts weiß man: Die Pest ist eine Infektionskrankheit, verursacht durch das Bakterium Yersinia pestis. Überträger des gefürchteten Erregers sind nicht die Nager direkt, sondern deren Flöhe, die den Bazillus von infizierten Tieren durch Stiche in die Haut auch auf den Menschen übertragen.
Sprecher:
Katastrophen wie die mittelalterlichen Pestepidemien konnten moderne Naturwissenschaft und Medizin eindämmen. Aber auch heute noch können Mäuse und Ratten mit ihrem Urin und Kot Salmonellen oder Virus- und Bakterienerkrankungen beim Menschen auslösen – etwa die Weil‘sche Krankheit, eine Leberkrankheit. Behandelt wird sie mit hochdosierten Antibiotika. In unseren Breiten überträgt die Rötelmaus so genannte 'Hantaviren'. Diese Viren werden auch durch die Ausscheidungen der Maus übertragen. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Typischer Fall ist, jemand räumt sein Gartenhaus auf, da waren Mäuse drin, da ist‘s natürlich recht schmutzig drin, da hat sich einiges angesammelt, man kehrt oder fegt es aus und atmet den Staub ein und infiziert sich damit.
Sprecher:
Die ersten Symptome sind hohes Fieber und heftige Nierenschmerzen. Die Erkrankung ist meldepflichtig und kann durch Labortests nachgewiesen werden. Selten verläuft sie tödlich. Ein Impfstoff ist in der Entwicklung.
MUSIK: M0010586 004 (00‘15‘‘)
Sprecherin:
Mäuse fressen viel, weil sie klein sind. Und sie vermehren sich so zahlreich, weil sie keine lange Lebensdauer haben. Der Zoologe Walter Bäumler:
MUSIK ENDE
O-Ton Walter Bäumler:
Die Lebenszeit der kleinen Säugetiere ist allgemein sehr kurz, erstaunlich kurz. Eine Maus hier, eine einheimische, die erreicht hier kaum das zweite Lebensjahr.
Sprecherin:
Ein Grund für diese kurze Lebensdauer sind der beschleunigte Stoffwechsel und die erhöhte Atemfrequenz der kleinen Nager. Dadurch altern die Tiere auffallend schneller.
Sprecher:
Die meisten Mäuse aber sterben nicht eines natürlichen Todes, sie fallen ihren zahlreichen natürlichen Feinden zum Opfer:
Sprecherin:
Mäusebussard
Sprecher:
Raubfußbussard
Sprecherin:
Schlangen
Sprecher:
Waldeule
Sprecherin:
Schleiereule
Sprecher:
Füchse
Sprecherin:
Steinmarder
Sprecher:
Wiesel
Sprecherin:
Katzen
Sprecher:
Und schließlich der Mensch mit seinen zahlreichen Methoden der Mäusebekämpfung. Aus den Häusern ist die Hausmaus weitgehend vertrieben: Altbauten werden saniert, Neubauten sind weitgehend mäusesicher, Schlupflöcher und Ritzen sind rar geworden. Auch an Kühlschränke und fest geschlossene Dosen in Speisekammern kommen die kleinen Feinschmecker nicht mehr so leicht heran.
Sprecherin:
Wenn spätabends eine Maus über die Gartenterrasse huscht und schnell wieder im Beet verschwindet, dann ist es wohl eher die Feldmaus. Sie ist größer, an die Umwelt besser angepasst und deswegen durchsetzungsfähiger. Hausmäuse sind eher selten geworden, meint Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Allerdings einige Refugien hat sie noch behalten, wie die U-Bahn Schächte in München, da ist sie wieder aufgetaucht, aber ansonsten ist sie in den Räumen, in den Wohnungen und Gebäuden also kaum noch anzutreffen. Ich vermute ja, dass die alten Kellergewölbe mit Erdkontakt nicht mehr vorhanden sind, aber in so einem U-Bahn Schacht, da ist der Kontakt zur Erde noch da, und dass dast vielleicht der Grund ist, warum die sich das so zäh halten drin - sehr schwer zu beseitigen sind.
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Sprecherin Das Eis der kilometerhohen Gletscher bedeckte vor 34.000 Jahren ganz Nordeuropa, aber auch das heutige Nord- und Ostdeutschland, sowie den untersten Zipfel Süddeutschlands. Bayern hingegen – der Lebensraum des Mannes von Neu-Essing - war größtenteils eisfrei. Die Gebiete des heutigen Bodensees, Ammersees, Starnberger Sees und Chiemsees lagen allerdings unter einer über ein Kilometer dicken Eisschicht. Die Landschaft weiter nördlich bestand aus üppigen Steppen, die im Sommer auch schnee- und eisfrei waren und in denen Jäger und Sammler ein gutes Nahrungsangebot finden konnten. Da viel Wasser in den Gletschern gespeichert war, war der Himmel recht wolkenfrei und hell, mit viel Sonnenschein. OT09 Rosendahl Damals waren die Tiergruppen, die in großen Herden vorhanden waren, das wichtige Lebenspotenzial. Sprecherin Professor Wilfried Rosendahl ist wissenschaftlicher Vorstand des „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“, das den „Mann von Neu-Essing“ neu durchleuchtet hat. Musik 5 "In to the void" - Komponist: Bill Laswell - Album: Filmtracks 2000 - Länge: 0'37 Sprecherin Weitläufige Gras-Steppen voller Kräuter und Blumen sind der Lebensraum für zahlreiche Herden von Wollhaar-Mammuts, Wild-Pferden, Riesenhirschen oder Moschusochsen. Aber auch für gefährlichere Tiere, die sich heute in Mitteleuropa nicht mehr wohl fühlen würden wie Flusspferde und Wollhaarnashörner; zottelige Höhlenbären, -Löwen, -Hyänen und Säbelzahntiger. Die Menschen zur letzten Kaltzeit hatten – trotz aller Gefahren – also einen reich gedeckten Tisch: OT10 Rosendahl Die können Wurzeln essen. Sie können im Herbst Nüsse essen, im Frühjahr Beeren. Sie können frische Blätter essen, aber das limitiert sich natürlich mit dem Vorhandensein von Vegetation. Aber im Frühjahr gibt es eben Pflanzensprösslinge, die sie essen können. Sprecherin Löwenzahnblätter, junge Fichtenspitzen. Heilende Kräuter wie Thymian oder Spitzwegerich, Birkenblätter. Als besondere Delikatesse gab es manchmal sogar Honig – und fischen konnten die Menschen vor 34.000 Jahren natürlich auch schon. Atmo Eiszeit: peitschender Wind Sprecherin Der Winter konnte mit Stürmen recht ungemütlich und kalt werden, aber die Jäger und Sammler wussten sich zu helfen – mit Zeltkonstruktionen, Rückzug in Höhlen und natürlich: Feuer. 11 OT Rosendahl Die Menschen konnten Leder gerben, sie konnten Kleidung herstellen, sie konnten nähen, sie haben Knochenwerkzeuge hergestellt, Steinwerkzeuge hergestellt. Sie haben aus Elfenbein Kunstwerke geschnitzt. Sie haben aus Knochen Flöten gemacht, sie haben sich wahrscheinlich geschminkt. Also sie hatten ein ganz, ganz buntes Leben. Um das tägliche Überleben zu sichern, mussten sie nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Man muss sich bewusst machen: Es gibt Eiszeit-Kunstwerke in Südwestfrankreich, da sind in die Felswand hineingepickelt mit Steinwerkzeugen Pferde, die galoppieren über einen Meter Länge, drei, vier Pferde hintereinander. Das machen Sie nicht, wenn Sie täglich jede Sekunde irgendwie am Lebenslimit nagen und gucken müssen, dass Sie überleben, da ist auch Zeit für Muße, für Schönes und für Kreativität. Sprecherin Für die Jäger und Sammler vor zehntausenden von Jahren gab es mehr im Leben als nur das Überleben. Das Neu-Essing-Skelett wurde in einer Höhle gefunden, gut vier, fünf Meter unter der Erdoberfläche begraben. Eingefärbt mit Rötel. 12 OT Rosendahl Also mit einem roten, pulverartigen Ton, das kann rituelle Bedeutung haben. Und wenn ich eine Bestattung habe, dann verrät mir das schon was, dann muss das mit einer Glaubensvorstellung verbunden sein. Dass es nach dem Tod noch was gibt, das zeigt schon mal wie intensiv auch das Gruppenleben war und wie die Gedankenwelt dieser Menschen war. Sprecherin Beim Fund von Neu-Essing handelt es sich um die älteste menschliche Bestattung, die Archäologen in Deutschland bislang finden konnten. MUSIK 6 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28 Sprecherin Es ist deshalb ein so wichtiger Fund, weil er ein entscheidendes Puzzle-Teil mehr für die Forscher darstellt. 1913 wurde er von Archäologen ausgegraben – an einem vielschichtigen Fundort in der Nähe von Kelheim in Niederbayern, den inzwischen auch Thorsten Uthmeier mit seinem Team untersucht hat. 13 OT Uthmeier Wenn man auf dem Kirchplatz in Neu-Essing steht, dann links sieht man den Felsen, wo die Sesselfelsgrotte ist. Da gibt es Fundschichten aus der Zeit der Neandertaler. Da gibt es zehntausende von Steinwerkzeugen. Es gibt die ganze Jagdbeute, es gibt Umweltdaten. Und dann gibt es aber auch Daten aus der Zeit der späteiszeitlichen Jäger und Sammler… Sprecherin Ein ganzer Höhlenkomplex. In der so genannten „Mittleren Klause“ war der „Mann von Neu-Essing“ bestattet. Auch wenn der „Mann von Neu-Essing“ schon 1913 eine Sensation war, als er ausgegraben wurde – die wirkliche Dimension des Fundes ist erst in den letzten Jahren deutlich geworden. Musik 6 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'28 Sprecherin Ein großes, interdisziplinäres Archäologenteam beginnt, den Fund nach modernsten Standards zu untersuchen. George McGlynn von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München schaut sich zunächst die Knochen an, vermisst sie und prüft ihren Zustand. Da gibt es die nächste Überraschung für die Forscher – die eine bis dahin gültige Annahme über die Eiszeit widerlegt: 15 OT McGlynn Der Neu-Essinger ist interessanterweise kein großer, robuster, kräftiger Kerl, wie man es vielleicht erwarten würde bei solch widrigen Lebensumständen, allein die Kälte und die Wildtiere. Wir wissen, dass der frühere Mensch, der Homo Sapiens, in Europa und auch in Afrika, wo er herkommt, in Gruppen gelebt hat – er muss in Gruppen gelebt haben... Sprecherin Als Gruppe zu funktionieren war der entscheidende Vorteil des Homo sapiens in der Kältezeit. 16 OT McGlynn Vielleicht 30 Personen, ist jetzt rein spekulativ, aber damit eine kleine Gruppe von Jägern und Sammlern überleben kann, muss es diese Anzahl betragen. Sie haben ganz sicher miteinander gejagt, miteinander gesammelt, einander verteidigt, füreinander gesorgt. Und genau diese Gruppendynamik muss existiert haben, um die Überlebenschancen zu sichern. Ein Einzelkämpfer in so einer Umgebung, das gab es einfach nicht. Sprecherin So konnte er auch mit gerade mal ein Meter sechzig und nicht besonders muskulös gesund alt werden. Wie ausgeprägt die Muskeln waren, kann George McGlynn an Veränderungen und Verfärbungen auf der Knochenoberfläche erkennen. 17 OT McGlynn Unser Neu-Essinger Mann ist eigentlich ein kleiner, grazil gebauter Mann, er hat auch kaum irgendeine nennenswerte Knochenveränderung, was auf Gewalt oder Verletzungen hindeuten würde. Und ist aber trotzdem fast 50 Jahre alt geworden. Sprecherin George McGlynn schätzt sein Sterbealter, indem er sich anschaut, wie sehr die Backenzähne und Beckengelenke abgenutzt sind. Demnach ist der Mann von Neu-Essing mit zirka 50 Jahren deutlicher älter geworden als Forscher das bislang für Menschen aus der Eiszeit angenommen haben – mit einem Durchschnittsalter von 30 bis 35 Jahren. Knochen und Zähne des Neu-Essingers sehen mustergültig aus, stellt Archäologe George McGlynn fest. 18 OT McGlynn Er hatte auch keine so genannten physiologischen Stressmarker. Zum Beispiel, wenn im Kindesalter, wenn sich der Zahnschmelz vom Dauergebiss entwickelt, lang anhaltende Fieber oder Unterernährung oder schwere physiologische Stresse leiden, unterbricht der Körper den Entwicklungsprozess. Und das führt zu einer Verzögerung von dieser Bildung von Zahnschmelz. Diese Verzögerung führt dazu, dass man wellenartige Linien an den Zähnen sieht. Das ist ein Beispiel. MUSIK 7 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'40 Sprecherin George McGlynn konnte noch mehr herausfinden: Wo der Mann von Neu-Essing unterwegs war. Mit der so genannten Stronziumanalyse. In Knochen ist unter anderem auch Stronzium enthalten. Je nachdem, welche Nahrung ein Mensch zu sich nimmt, auf welchem Boden die Pflanzen gewachsen sind, die er isst, oder welche Luft er atmet, welche Temperaturen ihn umgeben haben, lagern sich andere Varianten der Elemente im menschlichen Körper ab – auch in Knochen und Zähnen, die Archäologen zehntausende Jahre später noch finden können. Diese chemische Varianz macht sich die Archäologie zu nutze. 19 OT McGlynn Ich stamme persönlich aus den USA, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das hat sich in meinen Knochen und meinen Zähnen verfestigt als Baustein und in den Zähnen, was Zahnschmelz wird. Diese werden nicht abgebaut, sie verändern sich nicht, sie sind praktisch amerikanische Zähne. Aber meine Knochen, die bauen sich ständig um. Jeden Tag, jede Minute. Binnen zehn Jahren sind alle Baustoffe in einem Knochen komplett ausgetauscht. Ich habe keine Spur von amerikanischen Knochen in mir. Wenn man meine Zähne und Knochen vergleichen würde auf chemischer Ebene, würde man sofort sehen: Dieser Mensch ist woanders geboren und aufgewachsen als wo er jetzt ist. Sprecherin: Archäologen können feststellen, in welcher Gegend ein Mensch gelebt haben muss, indem sie die chemischen Signaturen seiner Zähne und Knochen vergleichen mit Funden aus verschiedenen Regionen. Und wenn die chemische Signatur von Zähnen und Knochen gleich ist, wie beim Mann von Neu-Essing, wissen sie: Er ist zeitlebens in einer ähnlichen Gegend geblieben. 20 OT McGlynn Allerdings heißt es nicht, dass er sich nicht bewegt hat. Jäger und Sammler haben sich mit den Saisonen sehr stark bewegt, an die Kältezeit, Wärmezeit, sie haben sich auch an die Herden angepasst, an die Bewegung von Tieren. Sprecherin Auch wissen die Forscherinnen und Forscher mehr über seinen Speiseplan. Durch die Isotopen-Analyse. Dabei werden erneut chemische Elemente in den Knochen untersucht. Wie zum Beispiel Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff. Sie unterscheiden sich voneinander durch die Anzahl der Neutronen. Diese Varianten eines Elements heißen Isotope. 21 OT McGlynn Für Ernährung ist es wichtig, eine Isotopie-Karte von der Gegend zu machen. Das heißt, wir nehmen Pflanzen, Tiere, Erdproben, Knochenfunde aus der Zeit. Und wir untersuchen diese zuerst und kriegen für Kohlenstoff eine gewisse so genannte Signatur, was für Wollnashorn, für Mammut, für alle Rothirsche, für Gräser oder Baumrinde spezifisch ist. Sprecherin Die Isotopenwerte haben beim Mann von Neu-Essing ergeben, dass er eine Allround-Ernährung hatte: Er nahm Großwild wie Mammuts und Riesenhirsche genauso zu sich wie Hasen oder Eichhörnchen. Auch Schnecken, Raupen, Frösche, Beeren, Gräser, Kräuter und Fisch. Musik 8 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 1'15 Sprecherin Doch wer war der „Mann von Neu-Essing“? Darauf gibt die Genetik Antwort. 22 OT McGlynn Die übliche Darstellung von Jägern und Sammlern aus dieser Zeit weicht sehr stark ab phänotypisch, wie er ausgesehen hat, von dem, was wir gefunden haben durch die molekulargenetischen Untersuchungen, die in Mainz von meinem Kollegen Burger und Team durchgeführt wurden. Diese Methoden gibt es erst seit vielleicht einem Jahrzehnt. Sein Aussehen ist mit bis zu 98, 99 Prozent dunkelhaarig, mit dunklen Augen, aber auch dunkler Hautfarbe, und die übliche Darstellung von den nordisch ausschauenden Menschen stimmt einfach nicht. Wir sehen, dass diese Wanderung aus der so genannten out of Africa-Theorie mit hundertprozentiger Sicherheit auch zutrifft. Diese Homo-Sapiens-Gruppen sind vor etwa 50.000 Jahren aus Afrika in zwei Wellen nach Europa ausgebreitet. Sprecherin: Auch die Vorstellung, davon, wie „Ötzi“ ausgesehen hat, ist übrigens erst 2023 durch die Gen-Analyse korrigiert worden: Auch die berühmte Gletschermumie aus den Südtiroler Alpen hatte dunkle Haut, dunkle Augen, dunkle Haare. Und Ötzi ist rund 30.000 Jahre jünger als der „Mann von Neu-Essing“. Die dunkle Hautfarbe der ersten Menschen in Europa hat sich also viel länger gehalten als bislang angenommen. Auch die Darstellung des Ötzi im Museum muss jetzt korrigiert werden. Dort steht immer noch eine Gestalt mit heller Haut. Die ersten Europäer – sie waren auf jeden Fall dunkelhäutig. MUSIK 9 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'10 Sprecherin: Und auf die Archäologinnen und Archäologen warten noch weitere Überraschungen. Jetzt hat ein Forscherteam von 125 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die bislang umfangreichste Genom-Analyse eiszeitlicher Jäger und Sammler in Europa begonnen: 116 Individuen, die eine Zeitspanne von rund 30.000 Jahren abdecken. Professor Cosimo Posth ist Paläogenetiker an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und leitet das Projekt. Ihn hat erstaunt, dass die eiszeitlichen Homo Sapiens genetisch längst nicht so einheitlich waren wie bislang angenommen. Es gab ihn nicht: DEN Eiszeit-Menschen. Besonders drastisch zeigt sich das an einem Beispiel. Lange haben sich Archäologen gefragt: Was ist eigentlich mit den ersten Menschen in Europa passiert, als sich die Eispanzer von Norden her weiter ausgebreitet haben, vor 25.000 bis 19.000 Jahren? Als viele Gebiete, auch im heutigen Bayern, unbewohnbar wurden? Eine Theorie war: Sie gingen ins heutige Italien. Das hat sich zwar bewahrheitet. Doch was dann geschehen ist, damit hatte Cosimo Posth nicht gerechnet: Die komplette Bevölkerung starb aus. Die Menschen, die danach im heutigen Italien lebten und nachweisbar zu unseren Vorfahren gehören, haben genetisch nichts mit den aus dem Norden zugewanderten Eiszeitmenschen zu tun. 24 OT Cosimo Posth Wo ist der Ursprung der Population, die uns mehr als zehn Prozent der DNA gegeben hat? MUSIK 10 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28 Sprecherin: Die Spurensuche geht weiter für die Archäologinnen und Archäologen. Sicher ist: Eiszeitmenschen gehören zu unseren Vorfahren, doch wie sich das genetisch darstellt, stellt sich heute komplexer dar, als jemals zuvor.
- Die Schleiereule - Unheilsbotin und Mäuseschreck
15.02.2024 · 24 Min.
Die Schleiereule ist ein Zivilisationsfolger, der weltweit verbreitet ist und beim Menschen viele, auch widersprüchliche Assoziationen auslöst: Sie gilt als Todesbotin ebenso wie als Schutztier. Ihr lautloser Flug und ihre ausgetüftelte Technik machen sie zu einer sehr erfolgreichen Jägerin. Im Israel-Gaza-Konflikt wurde sie zudem von Schweizer Wissenschaftlern bislang als Friedensbotin eingesetzt: Autorin: Brigitte Kramer Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild, Stefan Merki Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Werner Hellwig, ehrenamtlicher Eulenbeauftragter beim Landesbund für Vogel-und Naturschutz, Coburg; Bernd-Ulrich Rudolph, Leiter der Vogelschutzwarte, Bayerisches Landesamt für Umwelt, Augsburg; Alexandre Roulin, Schleiereulenexperte Universität Lausanne; Carmen Pöhl, Freiwillige beim Verein Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu, Bad Wurzach Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wie können die Fledermäuse zurückkehren? Alles Natur JETZT ANHÖREN Der Mauersegler - Der Vogel, der im Flug schläft JETZT ANHÖREN Schwalben - Flugakrobaten und Baumeister JETZT ANHÖREN Weiterführende Literatur: Webseite von Alexandre Roulin mit Forschungsergebnissen und Informationen zum Projekt Owls for Peace im Nahen Osten: EXTERNER LINK | https://barnowl-research.ch/en Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 Eulen Ruf SPRECHERIN darüber So klingt eine verärgerte Schleiereule, die sich bedroht fühlt, wenn jemand den Nistkasten aufmacht - zum Beispiel, um den Nachwuchs zu zählen. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg O TON 1 Werner Hellwig, Eulenbeauftragter Landesbund für Vogel- und Naturschutz, Coburg man merkt schon, sobald man die Scheune betritt, fliegt oftmals die Alteule ab, was nicht weiter tragisch ist, denn sie kommt dann wieder zurück zu ihren jungen Tieren. Die Jungvögel sitzen meist noch irgendwo…So drei, vier, fünf Jungvögel und wie sie dann von denen angeschaut werden – ist schon faszinierend. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg SPRECHERIN Der pensionierte Maschinenbauingenieur Werner Hellwig hat viele Stunden seines Lebens im Büro verbracht. Jetzt ist er ehrenamtlicher Eulenbeauftragter des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz im Landkreis Coburg und ist viel draußen. Er wollte „etwas für die Natur“ tun und helfen, damit auch seine zehn Enkel später noch Schleiereulen-Küken in die Augen schauen können. MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 1´22´´) unter: SPRECHERIN darüber Schleiereulen faszinieren viele Menschen. Sie sind schön. Sie sind still. Sie leben in unserer Nähe. Und sie sind ungewöhnlich – denn wer kennt sonst noch ein nachtaktives Tier, das mehrheitlich weiß ist? Nein, das ist kein Fehler der Natur, das ist Raffinesse. Mehr dazu später. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg SPRECHERIN darüber Schleiereulen – Tyto alba und Tyto guttata, je nach Gefiederfarbe – leben fast überall auf der Erde, außer in kalten, schneebedeckten Regionen, in Gebirgen und ausgedehnten Waldgebieten. Es gibt rund 30 Unterarten: Mediterrane Schleiereule, Madagaskar-Schleiereule, Australien-Schleiereule, Galapagos-Schleiereule, Guinea-Schleiereule … Sie alle haben eine recht große Spannweite von rund einem Meter und brauchen deshalb weite, offene Flächen zum Jagen, idealerweise mit Hecken, Gräben oder Zäunen. Das Besondere an ihnen ist das herzförmig eingerahmte, helle Gesicht mit dunklen, für Eulen recht kleinen Augen. M Missing fragments (Länge: 2´00´´) Z8035579110 SPRECHERIN Sie haben keine Federohren wir ihre Verwandten, die Waldohreule oder der Uhu. Diese Federohren sind auch keine Ohren, sondern nur aufgestellte Federn, die vermutlich der Kommunikation dienen. Ohren hat die Schleiereule natürlich schon. Die liegen unsichtbar seitlich am Kopf und helfen neben den Augen bei der Nahrungssuche. Der Gesichts-“Schleier“, also die dichten, kurzen Federn, verstärkt den ankommenden Schall für das Gehör und schirmen zugleich andere Geräusche ab. Er wirkt wie eine Parabolantenne und ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Schleiereule. Beim Beuteflug nimmt sie so auch das geringste Geraschel und das leiseste Getrappel wahr. Atmo Schleiereule Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus Mäusen: Feld-, Wühl-, Hausmäuse … aber auch mal aus Spitzmäusen, Maulwürfen oder Fledermäusen. Davon vertilgen die Eulen – sie sind rund 35 Zentimeter groß und wiegen weniger als ein Pfund – eine Menge: drei bis vier Mäuse pro Tag. Deshalb sind Schleiereulen bei den meisten Menschen auch beliebt. Sie sind Kulturfolger: Sie halten den Bauern die Mäuse vom Leib, idealerweise sogar direkt in den Scheunen: Tagsüber ruhen sie im Stehen auf einem Balken und lehnen sich dabei gerne an. In der Dämmerung werden sie aktiv, putzen sich und beginnen dann, nach Beute Ausschau zu halten. In einer Scheune sondieren sie von oben die Lage und lassen sich dann zum Jagen auf den Boden nieder. In Deutschland ist mit diversen Strukturreformen der Landwirtschaft die gute alte Scheune vielerorts verschwunden – und mit ihr die Mäuse und die Schleiereulen. Deshalb stehen sie auf der Roten Liste der bedrohten Arten. O TON 2 Werner Hellwig das Thema ist mit dem Bauernsterben bei uns hier sicherlich genauso wie in anderen Regionen, dass Scheunen gar nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden und auch kein Stroh mehr haben. Ich komme zum Teil in Scheunen rein, die sind ziemlich leergefegt. Da hat die Eule keine Chance, irgendwo auf dem nackten Betonboden zu brüten. SPRECHERIN Doch wie kann man ihnen helfen? Indem man zum Beispiel Nistkästen in vor der Witterung geschützten Räumen für sie aufstellt. O TON 2 Werner Hellwig Was wir festgestellt haben, ist, wenn Tiere im Umkreis sind, also Schafe, Rinder, dann haben wir eine große Chance, dass die Eule kommt, weil da sind auch die Mäuse dann da, in der Regel. Wenn es irgendwo am Waldrandgebiet ist, das mag die Eule nicht so gerne, dann haben wir eher geringe Chancen, dass die Eule reingeht. SPRECHERIN Deutsche Scheunen: zu sauber, zu ordentlich. Trotzdem haben Werner Hellwig und seine Helfer Erfolg. In den 1980er Jahren zählte Hellwigs Vorgänger ganze drei Brutpaare im Landkreis Coburg in Oberfranken, derzeit gibt es im Mittel 20 Brutpaare pro Jahr. Wobei die Zahlen zwischen den Jahren stark schwanken, je nach Größe der Mäusepopulation: 2022 wurden 36 Jungvögel gezählt, 2023 waren es 86. 80 Prozent der Fläche im Landkreis Coburg werden land- und forstwirtschaftlich genutzt, davon 20 Prozent als Dauergrünland: Das ist das Nahrungsgebiet, das die Schleiereule eigentlich braucht. Doch auch hier: Deutsche Wiesen und Weiden: zu ordentlich, zu eintönig. O TON 3 Werner Hellwig Was uns fehlt, sind so ein bisschen die zusammenhängenden Ödland Streifen, wo die Kleinsäuger dann ausreichend Lebensraum haben. Wir haben da Maßnahmen ergriffen vom Landesbund für Vogelschutz, auch in der Richtung, dass wir Flächen aufkaufen oder Flächen anpachten, dass wir da Nahrungsangebot schaffen. Eulengeräusch SPRECHERIN darüber Bernd-Ulrich Rudolph von der Vogelschutzwarte des Bayerischen Landesamts für Umwelt kennt die Problematik. Er ist zuständig für Schutzprogramme und die Dokumentation der Bestände: O TON 4 Bernd-Ulrich Rudolph Wir haben ja diesen Flächenverbrauch, den Zuwachs, auf der landwirtschaftlichen Flur vor allem spielt der sich ab. Große Gewerbegebiete und so weiter entstehen um die Siedlungen. Der Verkehr nimmt zu und die Straßendichte nimmt zu. Und das führt dazu, dass zum einen natürlich auch Nahrungsflächen weniger werden und zum anderen die Zahl der Kollisionsopfer steigt. SPRECHERIN Kollisionsopfer, weil Eulen gegen Autos, LKWs oder Züge fliegen: O TON 5 Bernd-Ulrich Rudolph Eulen fliegen ja niedrig, Die jagen in unter zwei Metern Höhe über dem Boden. Die müssen ja die Mäuse hören und dann schnell zugreifen, wenn sie die orten. Und dabei überqueren sie natürlich vielfach die Straßen, auch Eisenbahnlinien, sodass die Zahl der Eulen unter den Verkehrsopfern oder Kollisionsopfern schon überdurchschnittlich hoch ist. SPRECHERIN Die Datenlage der Schleiereule ist in Bayern etwas unklar. Zwischen 1996 und 2016 hat sich die Zahl der Brutpaare schätzungsweise halbiert, es ist aber nicht bekannt, wie viele Paare es Mitte der 90er Jahre gab. Andere Daten aus einer Erhebung zwischen den Jahren 2005 bis 2009 sprechen von rund 1.500 Brutpaaren in Bayern. In den letzten Jahren gehen die Zahlen wieder nach oben, so Rudolph. SPRECHERIN darüber Schleiereulen kommen in Franken, in der Donauniederung und in Schwaben vor. Das Alpenvorland oder gar die Alpen sind kein Lebensraum für sie: O TON 6 Man kann sich die Linie der südlichsten Brutvorkommen in Bayern vorstellen zwischen Augsburg und Landsberg, also die Region Schwabmünchen. Im Unterallgäu gibt es noch Brutpaare. Nördlich von München, im Erdinger und Freisinger Moos, gibt es Brutpaare, aber recht viel weiter nach Süden kommt sie nicht vor, weil eben im Alpenvorland die Winter im Durchschnitt deutlich härter sind mit längeren Schneelagen. Und da die Schleiereule nicht dem Winter ausweicht, also sie bleibt im Brutgebiet, kommt es dann dazu, dass bei längerem Schnee die Vögel verhungern. SPRECHERIN darüber Sie verhungern, weil sich die Mäuse unterhalb der Schneedecke bewegen und so für die Eulen unauffindbar sind. Musik After bombing raid (Länge: 1´37´´) Z8037642103 unter: SPRECHERIN darüber Im Nahen Osten gibt es für Schleiereulen genug Fressen, aber sie sterben oft, weil die Bauern systematisch Giftköder gegen Ratten und Mäuse auslegen. Sie vergiften damit auch deren Jäger: Die häufen das Gift im Körper an und sterben nach einer Zeit. MUSIK 2 hoch SPRECHERIN darüber Der Schweizer Biologe Alexandre Roulin [sprich: Rulää] betreibt seit 15 Jahren das Projekt „Owls for Peace“, Eulen für den Frieden – im fruchtbaren Grenzgebiet rund um den Fluss Jordan – im Norden Israels, im Norden Jordaniens und im Westjordanland, das zu den Palästinensischen Gebieten gehört. Es geht um Ökologie, um Frieden und um Schleiereulen. MUSIK 2 hoch SPRECHERIN darüber Einige Eulen nisten in Israel und jagen ihre Beute hauptsächlich in den palästinensischen Autonomiegebieten, wobei sie täglich die Grenzen überfliegen. Es gibt auch „binationale“ Paare. Schleiereulen bleiben ein Leben lang zusammen. Außerhalb der Balz- und Brutzeit gehen sie allerdings ihre eigenen Wege. Landwirte und Schulkinder aus verschiedenen Gemeinden sind an dem Owls for Peace-Projekt beteiligt, lernen sich gegenseitig kennen und sehen die Bedeutung ihres gemeinsamen Naturerbes. O TON 7 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir benutzen Schleiereulen, um die Bauern zu motivieren, weniger Gift auf ihren Feldern auszubringen, um Nagetiere zu töten. Wir sagen ihnen, dass die Schleiereulen den Job erledigen können. Sie machen alle das Gleiche: israelische Bauern, palästinensische und jordanischen Bauern. SPRECHERIN Die Nagetierpopulationen steigen in der Region rasant an, sie können ganze Ernten zerstören. O TON 8 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir haben Erfolg, weil wir weder über Politik noch über Religion sprechen. Wir bringen die Menschen aus diesen drei Gemeinschaften an einen Tisch, um über einen gemeinsamen Feind zu sprechen. Und der gemeinsame Feind sind die Nagetiere. SPRECHERIN Umweltschutz wurde zu Wissenschaftsdiplomatie. O TON 9 Alexandre Roulin OVERVOICE Und was mir in all den Jahren aufgefallen ist, ist, dass die Juden und die Araber Freunde sein können. Die Leute, mit denen wir arbeiten, sind Freunde! Und das ist eine Inspiration, von unten, von den Bauern, nach oben, zu den Anführern M Somber secrets (Länge: 0´44´´) Z8035579107 unter: SPRECHERIN In Israel kauften und montierten die Bauern die Nistkästen selbst, bislang rund 5.000. In Jordanien stehen drei bis vierhundert Kästen, in den Palästinensischen Gebieten rund 200. Die hat die Stiftung von Roulin gekauft und Menschen dafür bezahlt, sie anzubringen – mit israelischem und internationalem Geld. Jetzt hat Israel die Unterstützung eingestellt, wegen des Krieges. Die Situation ist schwierig. Momentan denken alle an die Menschen, nicht an die Eulen: O TON 10 Alexandre Roulin OVERVOICE In der Vergangenheit hat das Projekt immer überlebt, auch wenn sich die politische Situation wirklich von einem Tag auf den anderen geändert hat. Wir denken, dass das Projekt mehr denn je gebraucht wird. SPRECHERIN Auch mit den Palästinensern steht Roulin in Kontakt: O TON 11 Alexandre Roulin OVERVOICE Das Leben im Westjordanland wird zum Albtraum. Deshalb suche ich jetzt nach Geld, Geld aus der Schweiz, einem neutralen Land. Mir ist klar: Sie brauchen Hoffnung. SPRECHERIN In den Palästinensischen Gebieten und in Jordanien hatten es Schleiereulen noch nie leicht: O TON 12 Alexandre Roulin OVERVOICE Es gibt noch ein anderes Problem in der arabischen Welt. Dort haben sie Angst vor Schleiereulen. Sie sind ein schlechtes Omen für sie. Wir müssen den Menschen beibringen, dass die Schleiereulen nicht die Feinde, sondern die Verbündeten sind. Sie haben einen sehr starken Aberglauben, wie wir übrigens früher in Europa auch, genau dasselbe. Cumulonimbus (b) C1601420103 (Länge: 0´25´´) unter: SPRECHERIN In Spanien dachte man lange, Schleiereulen flögen in die Kirchen, um dort das Öl aus den Kerzen zu trinken. Deshalb wurden sie verjagt. In Deutschland dachte man, eine tote, an die Scheunenwand genagelte Schleiereule schütze vor Blitz und Feuer. M Morgentau Z8015897125 (Länge: 0´53´´) unter: Dabei sind Schleiereulen friedfertige Wesen, zumindest im eigenen Nest: Alexandre Roulin hat herausgefunden, dass Küken komplexe Verhaltensmuster haben: Während der Wartezeit auf die Eltern klären die Küken untereinander, welches die nächste Beute bekommen soll. Roulin sagt, sie streiten nicht, sie verhandeln. Das beweist die absolute Ruhe im Nest, wenn die Eltern eine Maus bringen: Die Küken haben schon vorher entschieden, wer gefüttert wird. Roulin ist wohl einer der erfahrensten Schleiereulen-Experten der Welt. Seit mehr als 40 Jahren untersucht er sie. Das hat etwas mit Faszination für dieses außergewöhnliche Tier zu tun: O TON 13 Alexandre Roulin OVERVOICE Es gibt diese Variation in den Farben rot-weiß, eine sehr deutliche Variation. MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 0´50´´) unter: SPRECHERIN Tyto alba ist mehrheitlich hell, Tyto guttata ist eher gelblich-rostfarben. Die hellen Schleiereulen leben auf der iberischen Halbinsel und auf den britischen Inseln. Dort haben sie die letzte Eiszeit überlebt. Dann, nach der Schmelze, haben sie den Rest Europas wieder besiedelt, vor rund 100.000 Jahren. Bei dieser Wanderung nach Norden und Osten ist ihr Gefieder mutiert und hat rötliche Töne angenommen. … Es gibt also erst seit der Eiszeit zwei Farbvarianten. Derzeit kann man in Bayern beobachten, wie sich die beiden vermischen. Es kommt zu neuen Farbabstufungen. O TON 14 Alexandre Roulin OVERVOICE Dieser Vogel ist kosmopolitisch. Wir finden ihn nahezu überall auf dem Planeten. Wenn Sie beispielsweise die Farbe untersuchen, sagen wir in Deutschland, in Spanien, in der Schweiz, dann kann man versuchen zu prüfen, ob das, was man hier findet, auch in den USA, in Südamerika oder in Afrika zu finden ist. Man kann die Studien an einem anderen Ort machen, sie einfach wiederholen. SPRECHERIN: Zudem gibt das Brutverhalten Auskunft über Umwelteinflüsse: O TON 15 Alexandre Roulin OVERVOICE Die Populationsgröße schwankt sehr stark. Die Gelegegröße, also die Anzahl der Küken, die sie produzieren, schwankt von Jahr zu Jahr. Das ist interessant, denn man kann die Auswirkungen von Schwankungen im Lebensraum, in der Umwelt, im Klima und so weiter auf die Brutparameter sehr gut untersuchen. Bei einer Art, die immer stabil ist und immer fünf Eier legt, weiß man nicht, welchen Einfluss die Natur hat. Liegt viel Schnee, gibt es eine hohe Sterblichkeit. Gibt es viele Mäuse, gibt es viele Schleiereulen. SPRECHERIN Ein Gelege besteht normalerweise aus vier bis sieben Eiern. Die Eltern legen sie nicht in schwer zugängliche, hohle Bäume, sondern bevorzugt in Kästen, und die Küken bleiben zwei Monate lang im Nest: Viel Zeit zum Forschen. Und viel Stress für die Eltern. Bei großen Gelegen müssen die schon mal ein Dutzend Mäuse pro Tag ins Nest bringen. Dabei hilft ihnen ihre ausgetüftelte Jagd-Technik … beziehungsweise ihre Jagd-Techniken: M Shimmering night C1568800108 (Länge: 1´08´´) unter: SPRECHERIN darüber Schleiereulen praktizieren einerseits die so genannte Ansitzjagd: Sie warten und lauschen auf einem Ast oder Pfosten, bis sich eine Maus bemerkbar macht. Dann greifen sie sie im steilen Sturzflug. Das ist energiesparend, aber zeitraubend. MUSIK 3 hoch SPRECHERIN darüber Dann gibt es auch den Pirschflug, bei dem sie in geringer Höhe die Landschaft abfliegen und Beute orten. Das ist meist ergiebiger, verbraucht aber mehr Energie. MUSIK 3 hoch SPRECHERIN darüber Zudem beherrschen sie noch den sogenannten Rüttelflug, wie ihn auch andere Raubvögel wie der Falke anwenden: Die Schleiereule verharrt dabei in der Luft wie ein Helikopter und sondiert das Gelände unter ihr. Dabei kann sie den Standort einer Maus genau festlegen und diese dann treffsicher erbeuten. MUSIK 3 hoch, etwas stehen lassen SPRECHERIN darüber Und warum flitzt die Maus nicht weg, wenn sie in der dunklen Nacht ein weißes Ungetüm über sich sieht? MUSIK 3 weg O TON 16 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir haben entdeckt, dass das weiße Gefieder das Licht des Mondes reflektiert. Wenn die Beutetiere dann dieses Licht sehen, wirkt es wie eine Taschenlampe, oder ein Scheinwerfer. Sie geraten in Panik und erstarren. Und je länger sie unbeweglich bleiben, desto mehr Zeit haben die Jäger, um ihre Beute zu fangen. O TON 17 Alexandre Roulin OVERVOICE Und mit dem GPS haben wir herausgefunden, dass die weißen Vögel, nicht die roten, das absichtlich bei Vollmond tun. Die weißen Schleiereulen positionieren sich dem Mond gegenüber. Und bei Neumond, also mit wenig Licht, jagen sie nicht mit dem Mond vor ihnen. M Year of famine NC015960037 (Länge: 0´35´´) unter: SPRECHERIN Zu diesem Schreckgespenst-Effekt kommt noch die absolute Lautlosigkeit der Schleiereulen. Die dichten, kammartig gezähnten Ränder der vordersten Schwinge und der dichte, weiche Flaum an der Oberseite der Schwingen schlucken jegliche Strömungsgeräusche während des Fliegens. TRENNER/MUSIK 1 hoch, etwas stehen lassen SPRECHERIN darüber Faszinierend! Das findet auch Carmen Pöhl, die sich wie Werner Hellwig als Freiwilige im Eulenschutz engagiert. Nicht in Coburg, sondern im nördlichen Allgäu, in Oberschwaben: MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 0´48´´) unter: Eine „strukturreiche, kleinteilige“ Landschaft nennt die Ärztin ihre Heimat, mit Wiesen, Hecken, Bächen und mehreren geschützten Feuchtgebieten, in denen verschiedene Eulenarten leben. Vor etwa drei Jahren fand Carmen Pöhl bei einer Radtour eine tote Sumpfohreule auf dem Weg, „ein wunderschönes, perfektes Tier“, wie sie sagt. Sumpfohreulen sind nicht sesshafte Vögel, sie brüten am Boden und sind in Deutschland sehr selten und stark bedroht. Ihnen zu helfen ist für Laien schwierig. Bei Schleiereulen, den sesshaften Kulturfolgern, ist das leichter: O TON 18 Carmen Pöhl Dieser Kontakt dann auch zu dieser toten Sumpfohreule, und auch der Fakt, dass bei uns immer wieder Gewölle am Boden lagen, haben mir dann doch klar gemacht, dass es hier Eulen gibt. Und ich kam dann auf die Idee, dass ich die unterstützen sollte. Ich habe dann zuerst begonnen, bei den Nachbarn zu fragen, die Scheunen haben, ob sie vielleicht nicht einen Kasten aufhängen wollen. Leider habe ich dann erleben müssen, dass die Nachbarn die Idee nicht gut fanden. Die hatten sich tatsächlich Sorge gemacht, dass so eine Eule dann auch Dreck machen könnte. SPRECHERIN darüber Carmen Pöhl konnte tatsächlich etwas bewegen. Dank eines Artikels in der Schwäbischen Zeitung bekam sie Anrufe von sechs Lesern und Leserinnen, die auch gerne einen Schleiereulenkasten aufhängen wollen. G Schleiereule SPRECHERIN darüber Schleiereulen sind weit verbreitete Wildtiere, die die Nähe des Menschen suchen und in unserem Kollektivgedächtnis ihren Platz haben. Deshalb kann man sie als Botschafter ihrer Artgenossen bezeichnen, der anderen rund 200 Eulenarten, die es gibt. O TON 20 Carmen Pöhl Ich finde an allen Eulen besonders, dass sie so stille Jäger sind, dass man ihnen nachsagt, dass sie besonders weise sind. Sie sind ja auch in unserer Geschichte und auch in unseren Märchen immer wieder aufgetaucht. Ja, es sind wunderbare Tiere. Kunstwerke der Natur. M Missing fragments (Länge: 1´00´´) Z8035579110 unter: SPRECHERIN Ja, das sind Eulen, Kunstwerke der Natur. Wegen ihrer Effizienz bei der grenzübergreifenden Mäusejagd erleben sie im Nahen Osten gerade einen Imagewandel: weg von der Unheilsbotin, hin zur Friedenstaube. In Mitteleuropa nagelt sie zum Schutz vor Blitz und Feuer wohl niemand mehr an das Scheunentor, aber unsere intensive Landnutzung macht ihnen zu schaffen. Wenn wir sie weiterhin um uns haben wollen, müssen wir unseren Lebensraum mit ihnen teilen. Wir müssen dafür sorgen, dass es weite offene Flächen gibt, auf denen sie Nagetiere und kleine Säugetiere finden. Und sie brauchen geschützte Nistplätze, wo sie ihre Brut ungestört aufziehen können. Eigentlich nicht viel.
- Hoffnung - Die Stille Kraft
14.02.2024 · 23 Min.
Wenn nichts mehr geht, dann bleibt die Hoffnung. Sie stirbt bekanntlich zuletzt. Hoffnung gibt Kraft und hält am Leben. Doch die Hoffnung hat auch eine Kehrseite: dann nämlich, wenn sie träge und faul macht. Autorin: Karin Lamsfuß (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling und Stefan Merki Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker Uni Freiburg; Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Ethik-Professor; Wolfgang Jacobs, Theologe und Krankenhausseelsorger Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Wunder - Faszination des Unerklärlichen JETZT ANHÖREN Der Himmel - Bilder vom ewigen Glück JETZT ANHÖREN Dankbarkeit - Quelle der Freude und des Glücks JETZT ANHÖREN Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische Utopie JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 (Z8000712 117 Carrie Newcomer: A Whole Lot Of Hope 0’40) O-Ton 1 Maio: Der hoffende Mensch ist derjenige, der weiß, dass die Zukunft offen ist. O-Ton 2 Jacobs: Hoffnung ist etwas, was die Leute brauchen, um sich am Leben zu halten. O-Ton 3 Maio: Der hoffende Mensch ist zugleich auch der, der im Hoffen immer zugleich auch bangt. O-Ton 4 Eurich: Hoffnung ist die Erwartung auf eine Zukunft, die möglicherweise besser ist als die Gegenwart und als die Vergangenheit. O-Ton 5 Jacobs: Die Erwartung, dass etwas Wünschenswertes eintritt, ohne die Gewissheit zu haben, dass es eintreten wird. Sprecherin: Die Hoffnung ist ein seltsames Ding: Kaum ein Tag vergeht, oft kaum eine Stunde, ohne dass Menschen nicht irgendetwas Zukünftiges erhoffen: Banales wie etwa, dass sie den Zug noch erwischen, die Kinder gute Noten bekommen, sich Oma über den Kuchen freut, die Aktienkurse steigen. Und Bedeutsames wie etwa, dass sie ihren Job behalten, die Ehe lange hält oder ein geliebter Mensch wieder gesund wird. Der Mensch schreibt ständig Geschichten mit offenem Ausgang weiter – natürlich in der Hoffnung, dass diese glücken bzw. gelingen. Doch, das wird der Hoffnung im Kern nicht gerecht. Und so spielt das Leben auch nicht. MUSIK 2 (Z8028426 102 Tindersticks: The Amputees 0’27) Sprecherin: Er war ein Sonnyboy. Kitesurfer. Sonnengebleichte, blonde Haare, braun gebrannt. Verena verliebte sich sofort in ihn. Nach dem Studium heirateten beide. Und hofften auf ein tolles, aktives, gemeinsames Leben. O-Ton 7 Verena: Und dann irgendwann dieser Dienstag-Abend war, wo wir zu dritt bei dem Arzt saßen, also mein Mann, sein Vater und ich, und der Arzt dann sagte: „Ich muss Ihnen die Mitteilung machen: Ja, Sie haben Multiple Sklerose“! Und dann steht man da auf einmal und denkt: Das Leben ist jetzt erst mal zu Ende. Ich war 33 und er war 29. MUSIK 3 (Z8028007 110 Max Richter: Hope strings eternal 0’27) Sprecherin: Es gab keine Hoffnung auf Heilung, maximal darauf, dass die Krankheit einen milden Verlauf nehmen würde. Zwei Jahre lang sah es so aus, als würde sich diese Hoffnung erfüllen. Kaum Symptome. Beide lernten mit der Krankheit zu leben. O-Ton 8 Verena: Und dann kam wirklich der totale Hammerschub, weil es ihn dann nicht nur am linken Bein getroffen hatte, sondern an der ganzen rechten Körperhälfte, die war dann quasi wie gelähmt. - So! Und das war wirklich der Punkt, wo unser Leben auf den Nullpunkt gesetzt worden ist. Es ist die Frage: wird er sich überhaupt irgendwie rühren können? Oder ist er jetzt irgendwie so’ n Schwerstpflegefall? Sprecherin: Alle Hoffnung war zerstört. Und nun? MUSIK 4 (C1637800 101 Martin Tingvall: Hope 0’42) Sprecherin: Die Philosophie gibt hier nur wenige Antworten. Nur ganz wenige philosophische Werke - wie etwa „das Prinzip Hoffnung“ des deutschen Philosophen Ernst Bloch - beschäftigen sich mit der Hoffnung. Dabei geht es bei diesem Thema eigentlich um eine ganz grundlegende philosophische Frage: Wie kann Leben gelingen – mit all seinen Wünschen und Sehnsüchten auf der einen Seite und der Möglichkeit des Scheiterns dieser Wünsche auf der anderen Seite? O-Ton 9 Eurich: Da schwingt dann natürlich auch immer Hoffnung mit. Und da handelt es sich dann aber um eine andere Dimension von Leben und Lebensorientierung, die nicht nur mit Haus und Partnerschaft und so was zu tun hat. Sondern da betreten wir wirklich den tiefen Boden des Seins. Sprecherin: Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Professor für Ethik. Zitator: Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. … Sprecherin: Meinte Friedrich Nietzsche. Hoffnung ist vor allem dort wichtig, wo der Mensch nicht mehr handeln kann. Weil es nicht in seiner Macht liegt. Oder weil alles getan ist. Dann hilft nur noch die Hoffnung. Oder das Gebet. Hoffnung im tieferen Sinne ist also keine Gier nach kurzfristiger Wunscherfüllung, sondern eine Grundhaltung zum Leben mit all seinen Widrigkeiten und Unwägbarkeiten. O-Ton 10 Maio: Wenn man sich fixiert auf eine ganz bestimmte Form der Zukunft, dann hoffe ich nicht. Dann erwarte ich etwas. Wenn diese Erwartung nicht eintritt, dann verzweifle ich. Sprecherin: Giovanni Maio, (sprich: Ma-jo) Professor für Medizinethik an der Uni Freiburg. Er hat ein Buch geschrieben über die „Kunst des Hoffens“ bei schwerer Krankheit. Er sagt: Wirkliche Hoffnung entspringt einer Haltung jenseits von vordergründigem Optimismus, von „alles wird gut“. Sie ist eher verortet im den inneren Sphären der Zuversicht, des Vertrauens: O-Ton 11 Maio: Am Anfang hofft man auf etwas ganz Bestimmtes. Und das ist ganz natürlich, dass man hofft, dass man nicht krank ist. Und hofft, dass es heilbar sein wird. Das ist ganz normal und nachvollziehbar. Aber wir haben zwei verschiedene Formen von Hoffnung: die eine Hoffnung, die sagt „Ich hoffe, dass …“ und die andere Hoffnung, die da sagt: „Ich bleibe dennoch hoffend“. Zitator: Trotzdem! Dennoch! Jetzt erst recht! Sprecherin: Das ist die wahre Sprache der Hoffnung. Diese Hoffnung ist nicht auf ein bestimmtes Ziel fixiert. Sie geht tiefer. Zitator: Die Hoffnung hilft uns leben … Sprecherin: Sagte schon Johann Wolfgang von Goethe MUSIK 5 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’25) Sprecherin: Verena und ihr Mann wussten: Der letzte Krankheitsschub hatte alles verändert. Seine Beine funktionierten nicht mehr. Also musste eine barrierefreie Wohnung her. Denn Treppensteigen war unmöglich geworden. Autofahren auch. Wie ihr Alltag künftig aussehen könnte, das wussten beide nicht. O-Ton 12 Verena: Als er im Krankenhaus war und es wirklich gerade so schlimm war, dann saß er da im Rollstuhl und sagte: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“. Und wir beide dann geheult haben wie die Schlosshunde und nicht mehr weiterwussten, und alles war schwarz. MUSIK 6 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’22) Sprecherin: In Grenzsituationen wie einer schweren Erkrankung zeigt sich der Charakter der stärkenden Seite der Hoffnung besonders. Weil es hier um das kostbarste Gut geht: um die Unversehrtheit des Körpers. Um das Leben. Natürlich hofft jeder zunächst auf Heilung. Doch was ist, wenn das nicht klappt? Bleibt die Heilung aus, ist alles hoffnungslos. O-Ton 13 Maio: Wenn man am Anfang die Hoffnung reduziert auf ‚Ich will unbedingt Heilung, wenn nicht, dann ist alles sinnlos‘. Das ist Ausdruck nicht nur von Hoffnungslosigkeit, sondern es ist Ausdruck von Ungeduld, es ist auch Ausdruck von fehlender Klarsichtigkeit. Der Hoffende sieht ganz klar. Und er glaubt daran, dass er innere Ressourcen hat, um auch das Vergebliche so anzugehen, dass keine Sinnlosigkeit eintritt. Sprecherin: Die Hoffnung hat unzählige Gesichter. Mal ist sie zaghaft, mal ist sie stark. Sie keimt auf, sie wird wieder zerstört. Sie verändert sich stetig. Immer aber ist sie im Fluss. O-Ton 14 Maio Hoffnung hat drei Elemente: Sie ist einerseits Erkenntnis: zu erkennen, wie bedrohlich die Zukunft ist; zugleich ist sie aber auch ein Gestimmtsein, im Sinne des Offenbleibens bezogen auf die Zukunft. Und sie ist drittens Phantasie. Die Bereitschaft, die Zukunft wirklich als offen anzuerkennen und daran zu glauben, dass sich Dinge ereignen, die einem doch Kraft geben können. MUSIK 7 (MR036260 104 Edmar Castaneda & Gregoire Maret: Hope 0’41) Sprecherin: Hoffen ist also: wissen, dass nichts sicher ist. Und trotzdem vertrauen, dass genügend Ressourcen da sind, um Herausforderungen zu meistern. So bewegt sich die konkrete Hoffnung weg von der Fixierung auf ein bestimmtes Ziel hin zu einem grundsätzlichen Vertrauen. Also nicht: Zitator: Alles wird gut! Sprecherin: Sondern: Zitator: Auch wenn es nicht gut wird, wird es einen Weg geben, damit umzugehen. O-Ton 15 Verena: Also ich habe gemerkt: Natürlich kommen dann manchmal so Ängste hoch: Ach, wenn’s doch so bleibt, was machen wir denn dann? Und dann habe ich gedacht: Damit setzt du dich auseinander, wenn’s so ist, und in dem Moment, wo noch die Hoffnung besteht, dass es wieder besser wird, hältst du dran fest. Zitator: Die Hoffnung mag eintreffen oder nicht, so hat sie doch das Gute, dass sie die Furcht verdrängt. Sprecherin: Meinte der deutsche Schriftsteller Jean Paul im 18. Jahrhundert. MUSIK 8 (Z8028982 103 Ed Hogston: Memories 0’30) Sprecherin: Wolfgang Jacobs ist Theologe, ehemaliger Pfarrer und hat lange als Krankenhausseelsorger gearbeitet. 14 Jahre lang hat er täglich Gespräche geführt mit Menschen, die hofften und die bangten. Aber niemand, so erinnert er sich, hatte die naive Hoffnung, dass alles wieder gut werden möge. O-Ton 16 Jacobs: Bei Menschen, die einen Bezug zur Religion oder Spiritualität haben, war das die Hoffnung darauf, dass eine Gottheit oder eine Macht oder eine Kraft ihnen so etwas gibt wie die Zuversicht, dass das, was ihnen da widerfährt, sowohl ne Form von Sinn hat, als auch etwas ist, das nicht ganz aussichtslos ist. Zitator: Durch ein unerklärliches Phänomen haben viele Leute Hoffnungen, ohne Glauben zu besitzen. Sprecherin: … sagte der französische Philosoph Honoré de Balzac. Und weiter heißt es in dem Zitat: Zitator: Die Hoffnung stellt die Blüte des Wunsches dar, der Glaube ist die Frucht der Gewissheit. Sprecherin: Gläubige Menschen tun sich manchmal leichter mit der Hoffnung. Sie legen ihr Leben in Gottes Hand und fühlen sich auch in schwierigen Lebenslagen beschützt und getragen. Als würde eine höhere Macht gut für sie sorgen – so beschreiben viele ihr Gefühl. Die Hoffnung trägt und stärkt also. Aber ihre Kraft wird auch manchmal missbraucht. Etwa, um aussichtslose Therapien durchzusetzen. Oder um die eigene Hilflosigkeit nicht zugeben zu müssen, so Medizinethiker Giovanni Maio: O-Ton 17 Maio: Wenn die Medizin glaubt, sie kann nur dann Hoffnung vermitteln, wenn sie Heilung verspricht, dann ist sie oft sehr vollmundig. Und dann macht sie oft auch Therapien, die im Grunde nicht immer sinnvoll sind. Weil sie meint, nur so Hoffnung vermitteln zu können, stattdessen müsste man sich wirklich intensiv mit dem Patienten beschäftigen und über sein Bangen reden und auf diese Weise tiefer zu denken und zu erkennen, woran einem wirklich liegt. Und inwiefern man das, woran einem liegt, immer noch verwirklichen kann. Auch im Zustand der Unheilbarkeit. Zitator: Die Hoffnung stirbt zuletzt! Sprecherin: Lautet eins der vielleicht meistzitierten deutschen Sprichwörter … MUSIK 9 (Z8025975 102 Christopher Dierks: Hope 1’00) Sprecherin: Der Mensch braucht Hoffnung zum Leben. Zum Überleben. Gerade in schwierigsten Zeiten. Die Frage ist jedoch: Worauf genau bezieht sich die Hoffnung? O-Ton 18 Jacobs: Ich glaube, Hoffnung braucht als Basis das Gefühl von Geborgenheit. Gut im Leben zu sein sozusagen. Sich aufgehoben fühlen. Worin auch immer. Das kann religiös, das kann spirituell sein, das kann auch Philosophisches sein. Aber eine Basis zu haben, worin ich mich aufgehoben und geborgen fühle. Das ist, glaube ich, das Zentrale für Hoffnung. Sprecherin: Hoffnung kann aber auch zur Zumutung werden. Nämlich dann, wenn sie zur Verpflichtung wird. Wenn Angst, Verzweiflung und Mutlosigkeit keinen Platz finden und stattdessen immer nur Hoffnung verbreitet werden soll. O-Ton 19 Verena: Das Allerschlimmste war, alleine auf weiter Flur die Optimismus-Frau zu spielen. Das heißt, diese Zuversicht auszustrahlen: für mich, für ihn und dann auch noch für seine ganze Familie. Ich sag mal so: Es war ein bisschen so, als wenn ich alleine wie Jeanne d’Arc vor so nem Heer von Leuten stehe, die mich alle attackieren mit diesen Ängsten – es gab gar keine Alternative, außer: Ich muss jetzt diese Zuversicht ausstrahlen – auch für mich selber. Sprecherin: Der Theologe und Krankenhausseelsorger hält diesen „Zwang zur Hoffnung“ für fatal: O-Ton 20 Jacobs: Weil die Angehörigen dann meinen: indem sie so was wie Zuversicht und Hoffnung verbreiten, „du schaffst das schon“, würde dem Patienten auch noch mal geholfen. Das Fatale ist: Ich habe dann häufig erlebt, dass Patienten, wenn ich mit ihnen gesprochen habe – ohne die Angehörigen – gesagt haben: „Ja, die meinen immer noch, es würde gehen. Aber ich weiß ja, dass es nicht mehr geht. Aber ich will denen auch nicht die Hoffnung nehmen. Also es ist etwas, wo ganz paradoxe Geschichten ablaufen. Sprecherin: „Ein Spiel mit der Hoffnung“ nennt Wolfgang Jacobs das. Ein Spiel, indem sich alle Beteiligten etwas vormachen. Ein Spiel, das das vielleicht Wichtigste in dem Augenblick verhindert: nämlich sich mit dem auseinanderzusetzen, was ist. MUSIK 10 (Z8026958 125 Glimmer of hope c 0’55) Sprecherin: Tiefe Hoffnung wirkt kraftspendend und falsche Hoffnung zerstörerisch. Der Nährboden wahrer Hoffnung ist Geborgenheit oder spirituelle Verortung – ganz gleich, wie sie aussieht. Hoffnung kann aber auch fadenscheiniges Mittel zum Zweck sein: Um eine Fassade aufrecht zu halten. Oder um sich selbst zu beruhigen. Oder vor der Realität zu fliehen. Zitator: Wer sich von der Hoffnung nährt, ist stets in der Schwebe und lebt nicht. Sprecherin: Das meinte schon vor fast 500 Jahren der niederländische Theologe und Humanist Erasmus von Rotterdam. Friedrich Nietzsche formuliert es noch zugespitzter: Zitator: Sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Sprecherin: Hoffnung, die quält, Hoffnung, die wirkliches Leben verhindert: Diese Hoffnung kann wie ein Kleber sein. Ein Kleber, der Menschen an etwas festhalten lässt, das ihnen nicht guttut: Sie hoffen: Zitator: … dass der schreckliche Nachbar endlich freundlich wird … Sprecherin: … dass der Verflossene endlich zurückkehrt … Zitator: … dass der selbstherrliche Chef endlich mal ein Lob ausspricht … Sprecherin: Falsche Hoffnungen: Diese Hoffnungen sind toxisch. Sie halten gefangen in einer Phantasie, die wahrscheinlich niemals Wirklichkeit wird. Zitator: Nichts ist leichter als Selbstbetrug. Denn was ein Mensch wahrhaben möchte, hält er auch für wahr. Sprecherin: Fand der griechische Redner Demosthenes schon 300 Jahre vor Christus. Hoffnung als Illusion. Als Flucht vor der Realität. Und als willkommene Ausrede, die Hände in den Schoß zu legen. Hoffnung wird in dem Moment missbraucht, wenn sie an die Stelle der Handlung tritt. Und unbedingt notwendige Schritte verhindert. MUSIK 11 (Z8028982 105 Ed Hogston: Wandering 0’40 / im Hintergrund gleichzeitig MUSIK 12 Z9507313 208 Plan B: Hope in hell 0‘25) Sprecherin: Spätsommer 2019: 11.000 internationale Wissenschaftler erklären den „Klima-Notfall“. Und warnen: Zitator: Sollten die Menschen ihr Verhalten nicht radikal ändern, wird unermessliches Leid auf sie zukommen! Sprecherin: Am gleichen Tag verkündet der Tagesschau-Sprecher: Zitator: Die Deutschen sind nach einer aktuellen großen Studie, dem „Glücksatlas“ zufrieden wie noch nie. Sprecherin: Wie geht das zusammen? Die Menschheit fährt - lapidar ausgedrückt - ihren Planeten gerade vor die Wand - und die Deutschen sind glücklich und zuversichtlich wie noch nie? Hat ihnen die vermeintliche Hoffnung, dass doch noch alles gut werden möge, vielleicht einen bösen Streich gespielt? Der Philosoph Claus Eurich nennt dies in Anlehnung an den Theologen Karl Barth: Zitator: Billige Hoffnung O-Ton 21 Eurich: Billige Hoffnung, das wäre die, die nicht wirklich in die Analyse von Situationen hineingeht. Die auch nicht in das Nachspüren in sich selbst reingeht, also die Selbstreflektion in der Tiefe wirklich fehlt. Und die dann in so Sprüchen mündet wie „Es wird schon alles gut werden“. Und: „Die Dinge werden sich schon fügen“. Das ist eine Hoffnung, wo man auch sagen könnte: Die gründet auch schlicht in fehlender Erkenntnis! Oder in fehlender Information. Sprecherin: Billige Hoffnung beschwichtigt kurzfristig. Und sie lähmt langfristig. Sie verhindert, die wirklich wichtigen Schritte zu tun. Zitator: Hoffnung statt Handeln. Sprecherin: Die billige Hoffnung ist die destruktive Seite der Hoffnung. Die dunkle Schwester der … Zitator: Tätigen Hoffnung Sprecherin: Tätige Hoffnung schaut hin, analysiert klar und handelt. O-Ton 22 Maio: Deswegen ist der hoffende Mensch immer ein Mensch, der sich engagiert für seine Zukunft. Der hoffende Mensch ist eben nicht der Fatalist, der dann schicksalsergeben die Zukunft einfach abwartet, sondern es ist derjenige, der an die Zukunft glaubt und deswegen sie gestalten möchte! Sprecherin: Sagt Medizinethiker Giovanni Maio. Billige Hoffnung ist fatal, und tätige Hoffnung dringend nötig. Wahrscheinlich war es in der Menschheitsgeschichte noch nie nötiger, dringender und wichtiger, als in der tätigen Hoffnung zu leben, findet Claus Eurich: O-Ton 23 Eurich: Tätige Hoffnung hat auch keine Gewissheit, dass sich etwas so ereignen wird, wie wir es brauchen oder wir es ersehnen, aber sie spürt, dass sie einen Beitrag leisten muss. Das heißt, das ist dann ein partnerschaftliches Verhältnis, in dem wir selber eine tragende Rolle haben. Und in einem partnerschaftlichen Verhältnis gibt es nie nur das Nehmen. Da gibt es immer auch die Notwendigkeit des Gebens. Zitator: Es ist besser ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen. Sprecherin: Dieses Zitat ist mehr als 2.000 Jahre alt und stammt von Konfuzius. Tätige Hoffnung als Aufwachen aus der Lethargie, der Saturiertheit, der Selbstbezogenheit. O-Ton 24 Eurich: Es geht hier um die Menschheit, und es geht hier um die Schöpfung. Wir haben diese Erde erhalten, auf der wir uns entwickeln konnten, entwickeln durften, haben sie halt gnadenlos ausgebeutet, getreten, misshandelt und sind jetzt kurz davor, selber im Staub zu liegen. Wenn wir überhaupt noch eine Möglichkeit haben wollen, eine Chance haben wollen, dann stehen wir jetzt in einer Bringschuld. Dann sind wir jetzt einfach dran zu geben, zurückzugeben. MUSIK 13 (Z8028982 104 Ed Hogston: Free forever 0’53) Sprecherin: Menschen gehen wieder auf die Straße, vor allem junge Menschen. Schüler protestieren Seite an Seite mit Eltern, Großeltern und Wissenschaftlern. Claus Eurich befürchtet: Ohne radikale Umkehr wird es nicht gelingen. O-Ton 26 Eurich: Umkehr bedeutet, unseren Bezug zum Leben auf vollkommen neue Füße zu stellen. Und uns neu in der Lebenseinheit zu erkennen, zu sehen, und uns entsprechend zu verhalten. Nach meiner Auffassung ist dies nicht nur eine Aufgabe, sondern es wäre ein evolutionärer Schritt. Der mit dem gegenwärtigen Bewusstsein und dem gegenwärtigen Ich-Bezug auf allen Ebenen – vom Egozentrismus bis zum Anthropozentrismus – in keiner Weise angegangen werden kann. Sprecherin: Gier, Machtstreben, Lethargie – all das steht dem radikalen Wandel im Weg. Ein wenig Kosmetik hier, ein kleines Schräubchen dort, an dem gedreht wird. Vielleicht heißt Hoffnung in Anbetracht dieses übermächtigen Gegenwindes auch Hoffnung auf ein Wunder? O-Ton 27 Eurich: Und damit ist auch klar, dass wir ohne ein Entgegenkommen dessen, was wir das ‚Schicksal‘ nennen, wohl keine wirkliche Zukunft haben. Ein älterer priesterlicher Freund, den ich mal besucht habe - wir saßen abends zusammen, und er konnte immer ganz genau spüren, wo ich mental bin. Und dann merkte er mir auch ein bisschen die Niedergeschlagenheit an. Und er sagte: „Claus, ich glaube, du glaubst gar nicht mehr an Wunder! Wunder sind nämlich sicher“. Und dann kam noch der Satz hinterher: „Wunder aber wollen angestoßen werden!“ Sprecherin: Immer wieder gab es Kippeffekte in der Menschheitsgeschichte. Wo einzelne Menschen etwas angestoßen haben, das zu einem ganzen Systemwechsel führte. Es lohnt sich also immer zu hoffen. Tätig zu hoffen. MUSIK 14 (Z8028007 110 Max Richter: Hope strings eternal 0’30) Sprecherin: Verena und ihr MS-kranker Mann haben den Umzug in eine neue, barrierefreie Wohnung nun hinter sich. Er ist noch immer sehr eingeschränkt, geht am Rollator oder fährt im Rollstuhl. Die Hoffnung auf Heilung haben beide aufgegeben. Die Krankheit wird unaufhaltsam voranschreiten: O-Ton 29 Verena Aufgeben gilt nicht! Das ist wahrscheinlich tatsächlich das Erfolgsgeheimnis unserer Beziehung. Dass wir beide uns nicht unterkriegen lassen und beide festhalten an diesem „Es wird irgendwie weitergehen, wir schaffen das zusammen!“ MUSIK 15 (Z8000712 117 Carrie Newcomer: A Whole Lot Of Hope 0’40) Sprecherin: Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit. Beides kann gleichzeitig nebeneinander existieren. Das kleine helle Fünkchen im großen dunklen Meer. Das hat auch Krankenhausseelsorger Wolfgang Jacobs ganz oft erlebt. Es erfordert aber: nicht an falschen Hoffnungen und Pseudo-Optimismus festzuhalten, sondern sich dem Unausweichlichen zu stellen. O-Ton 30 Jacobs: Das ist Wahrhaftigkeit. Und ich glaube, dass in dieser Wahrhaftigkeit auch ne Menge Kraft steckt. O-Ton 31 Eurich: Ich glaube, das ist der Punkt, um den es geht: Tue, was du kannst - und nicht nur aus einer geistigen Überzeugung, sondern aus einer Herzensenergie heraus! Und dann auch einfach hoffend im Leben stehen, dass uns etwas entgegenkommt, mit dem wir im Moment noch nicht rechnen und das wir auch noch nicht sehen können. Was immer das sei!