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Die Medusa - Schlangenhaar und tödlicher Blick

20.06.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Mit ihrem Schlangenhaar und ihrem versteinernden Blick ist sie zum Inbegriff des schrecklichen Monsters geworden. Andererseits wurde ihr abgeschlagenes Haupt zum allgegenwärtigen Schutzsymbol. Doch Medusa war nicht von jeher ein Ungeheuer, sondern wurde erst durch männliche Gewalt und weiblichen Neid dazu. Autor: Frank Halbach (BR 2024)

Credits
Autor dieser Folge & Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Wilkening, Ines Hollinger
Redaktion: Andrea Bräu

Im Interview:
Prof. Dr. Volker Mergenthaler, Literaturwissenschaftler
Giulia Grossi, Althistorikerin

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ZITATORIN (zischend flüsternd)

Fürchterlich bin ich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzt.

SPRECHERIN

Angst ist die älteste und stärkste Emotion des Menschen.

ZITATORIN (wie oben, sich allmählich steigernd)

In Grauen und bleichem Entsetzen lässt mein wutfunkelnder Blick euch erstarren.

SPRECHERIN

Der Mensch ist bedroht - von Anfang an. Um diesem ursprünglichen Gefühl numinoser Angst zu begegnen, begann er zu erzählen.

SPRECHER 

„Angst muss immer wieder rationalisiert werden, sowohl in der Geschichte der Menschheit wie in der des Einzelnen. Das geschieht primär nicht durch Erfahrung, sondern durch Kunstgriffe, wie Erklärungen für das Unerklärliche, Benennungen für das Unnennbare. Was durch Namen identifizierbar geworden ist, wird aus seiner Unvertrautheit durch die Metapher herausgehoben, durch das Erzählen von Geschichten erschlossen…“

SPRECHERIN

Schreibt der deutsche Philosoph Hans Blumenberg über den Ursprung mythischer Erzählungen in seinem Literaturklassiker „Arbeit am Mythos“. 

SPRECHER

Mit den Mythen betrat der Held die Bühne menschlicher Fiktion.

ZITATORIN (hasserfüllt)

Mit Sichelschwert, Tarnhelm und spiegelndem Schild.

SPRECHERIN

Ihm gegenüber steht: das Monster. 

ZITATORIN (trotzig)

Abscheulich, schlangenhaarig, menschenhassgetränkt!

SPRECHER

Was wäre Siegfried ohne Drachen? Beowulf ohne Grendel, Odysseus ohne den Zyklopen, Herkules ohne die Hydra, Ödipus ohne die Sphinx oder Perseus ohne…

SPRECHERIN

Die Medusa: Ihr Gesicht zur Fratze verzerrt, ihr Mund reißzahnbewehrt, statt Haaren züngelnde Schlangen. So grauenhaft sieht sie aus, dass zu Stein erstarrt, wer sie erblickt.

SPRECHER

Seit der Antike dargestellt in Skulpturen, Gemälden, besungen und in sich immer wieder verändernden Mythen erzählt, hat Medusa über Jahrtausende ihren Weg bis in die Popkultur der Gegenwart gefunden: Im Fantasy-Roman, Kinoblockbuster oder PC-Spiel.

MUSIK hoch 

SPRECHERIN

Oder besser ihr abgeschlagener Kopf. Medusa und ihre Geschichte sind eines der berühmtesten Motive der griechisch-römischen Mythenwelt.

O-Ton 1 Mergenthaler 

Was man vielleicht vorweg stellen muss ist, dass man Medusa als mythologische Figur begreifen muss. Das heißt: da gibt es nicht irgendwie eine Quelle, die festlegt, was zu ihr dazugehört, sondern das ist das Ergebnis einer Akkumulation eines kontroversen differenzierten Akkumulationsprozesses, der über zweieinhalbtausend Jahre sich hinstreckt, mehr oder minder, und auch nicht eine Figur irgendwie produziert, sondern eine Reihe von Figuren, die unter dem Namen Medusa Karriere gemacht haben und unterschiedliche 

Ausprägungen genommen haben. Je nachdem, welchen Aspekt man verfolgt.

SPRECHER

Sagt der Literaturwissenschaftler Professor Volker Mergenthaler, der sich eingehend mit dem Mythos Medusa beschäftigt hat.

MUSIK privat Take 001 „Prologue“; Album: Dracula Untold; Label: Back Lot Music – BLM0284; Interpret: Gavin Greenaway; Komponist: Ramin Djawadi; ZEIT: 01:04

SPRECHERIN

Wie bei den meisten Mythen liegt der Ursprung der Geschichte der Medusa im Dunklen. Was von Medusa rein mündlich erzählt wurde, vermag niemand zu sagen. Doch schon in einem der ältesten schriftlich fixierten fiktionalen Werke Europas, Homers Ilias, zu datieren auf etwa das 8. Jahrhundert vor Christus, findet die Medusa Erwähnung.  

ZITATORIN

Das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers,

Schreckenvoll und entsetzlich.

SPRECHER

Als furchterregendes Emblem auf dem Schild der Göttin Athene und des Anführers der Griechen im Trojanischen Krieg: Agamemnon.

ZITATORIN

Die Schreckengestalt der Gorgo drohete schlängelnd,

Mit wutfunkelndem Blick, und umher war Graun und Entsetzen.

SPRECHERIN

Das Schreckliche an Medusa, das Furchtbare, das von ihr ausgeht ist…

ZITATORIN (bitter)

Ihr Antlitz.

MUSIK ENDE

O-Ton 2 Mergenthaler 

In den Details wird das dann unterschiedlich ausbuchstabiert: Sie hat Schlangenhaar, sie hat einen furchtbaren Blick, das Gesicht ist irgendwie zu einer Fratze geschnitten, mit bleckenden Zähnen und heraushängender Zunge. Also ich würde sagen, wenn man das irgendwie psychologisieren wollte, in unserer moderne Welt, würde ich sagen das ist eine Entstellungserfahrung. Da begegnet uns etwas, das wir als menschlich in seinen Grundzügen erkennen, das aber so verzerrt verrückt entstellt ist, dass es auf mich selbst zurückfällt und mir Angst macht, sozusagen. Ich könnte selbst so aussehen und ich mich versichern möchte, dass ich nicht so aussehe. (…) Was ist das Monster eigentlich? Es ist ein Gegenüber, das aus der Norm fällt und das nicht deswegen verunsichert und dann eben zu Stein oder wie auch immer erstarren lässt.

SPRECHER

Ein Monster verlangt nach einem Helden. Die Medusa nach einem der berühmtesten Heroen in der griechischen Mythologie: Perseus, Sohn des Zeus, der sich in Gestalt eines Goldregens seiner Mutter Danaë genähert hatte.

MUSIK

SPRECHERIN

Dem König von Argos war geweissagt worden, ein Sohn seiner Tochter Danaë würde ihm einst zum Verhängnis werden. Er setzt daher Danaë und ihren Sohn Perseus auf dem Meer aus. Die Götter aber retten beide, so dass sie auf einer Insel der Kykladen an Land gespült werden. Hier weckt Danaë die Begierde des Königs Polydektes.

SPRECHERIN

Der auch vor Drohungen und Erpressungen nicht zurückschreckt, als er Danaë nachstellt. Perseus und dem Fischer, der Mutter und Sohn bei sich aufgenommen hat, gelingt jedoch immer wieder Danaë zu beschützen.

SPRECHER

Dieser Perseus muss weg. König Polydektes verlangt daher von Perseus, ihm das Haupt der Gorgone Medusa zu bringen, das jeden, der es sieht, zu Stein verwandelt. Die Gorgonen sind gemäß der griechischen Mythologie drei Schwestern, Kinder des Meeresgottes Phorkys und seiner Schwester Keto. Drei geflügelte Schreckensgestalten, welche jeden, der sie erblickt, zu Stein erstarren lassen.

ZITATORIN

Der Gorgonen Geschlecht, jenseits des Okeanos wohnend,

Hart an der Grenze der Nacht, bei den singenden Hesperiden,

Stheino, Eurýale auch, und die jammervolle Medusa.

Sie war sterblich allein, doch Tod so wenig wie Alter

Kannten die zwo.

SPRECHER

Als echter Held macht sich Perseus natürlich sofort auf den Weg.

O-Ton 3 Mergenthaler 

Allerdings tut er das nicht als Soloplayer, sondern wenn man so will, als Teamplayer mit Backup. Und das Backup ist göttlicher Natur. Das ist Athene, die ihm ein bisschen was mitgebracht hat - wichtige Items: ein Sichelschwert, die „Harpe“, ein Beutelchen, Säckchen wie auch immer die „Kibisis“ und das entscheidende, die „Aigis“, ein Schild. Sie hat einen Schild mitgebracht, der blankpoliert ist, in dem man ein Spiegelbild sehen kann.

ZITATORIN

Perseus trat an die Schlafenden heran, mit abgewandtem Gesicht in seinen ehernen Schild blickend, der ihm das Bild der Gorgo zeigte, und indem ihm Athene die Hand führte, schnitt er ihr das Haupt ab. 

g Schwert + MUSIK ENDE

O-Ton 4 Mergenthaler

Also das ist die die Erfolgsgeschichte von Perseus. Und da ist eben, dass das Spannende dran, dass damit eigentlich erst mal eine Medientheorie verbunden ist: Also das denkbar Schrecklichste, dem kann ich mich eigentlich nicht aussetzen, ohne zugrunde zu gehen. Ich kann ihm aber begegnen, wenn ich es medialisiere. Das heißt, wenn ich vermittelt draufschaue. Und das kann man bis in unsere Zeit eigentlich übertragen. 

SPRECHERIN

Dokumentierte Grausamkeiten aus dem ukrainischen Ort Butscha, verstörende Bilder ungeheurer Zerstörung und Gewalt aus Gaza, unerträgliche Aufnahmen von Morden der Hamas…

O-Ton 5 Mergenthaler

Das ist entsetzlich, was wir da zu sehen haben. Wir gucken es aber an, auf dem TV-Bildschirm, auf dem Handy, und halten das irgendwie aus. Und so würde ich sagen das ist das ist das, was uns der der Mythos im Grunde für heute liefern kann: mit dem mit dem Entsetzlichen, mit dem Grauenhaften Können wir irgendwie umgehen, wenn es eingekastelt wird, nicht, wenn es auf einem kleinen Bildschirm ist, der jederzeit signalisiert: das ist nicht in echt, das ist eine Repräsentation des Schrecklichen. Und dann lässt sich das bearbeiten, bewältigen und aushalten in irgendeiner Form. Das ist also das sozusagen das medientheoretisch Interessante am Mythos.

SPRECHER

Mythos bedeutet zu erzählen. Aber warum erzählen wir? 

SPRECHERIN

Indem wir erzählen, übernehmen wir die Kontrolle. Der Literaturwissenschaftler Volker Mergenthaler:

O-Ton 6 Mergenthaler 

Ich kann etwas in eine Ordnung bringen, das Unstrukturierte, das Schreckenerregende dieses Gegenübers, kann ich in eine Ordnung übertragen, indem ich sie auf die auf die Spiegelfläche bringe oder indem ich sie in eine Erzählung überführe. Beides sind Formen der Medialisierung. beides sind Formen der Strukturierung und der Ordnung. Und insofern Mythos das Schreckliche erzählt und weiterträgt und transformiert ist es immer auch eine Form der Kontrolle der Rationalisierung. Von daher ist dieser Medialisierungskniff, den Perseus mit Hilfe der Athene vollzogen hat, eben mythos-theorethisch interessant, aber auch für ganz moderne Medientheorie immer noch ganz brauchbar.

MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell 

Athene nahm das Haupt der Gorgo in die Mitte ihres Schildes.

SPRECHERIN

Als Unheil abwehrendes magisches Schutz- und Schreckmittel schmückt das sogenannte Gorgoneion fortan Waffen, Wagen, Schiffe, Stadt-mauern, Amulette, Gewänder, Möbel und Sarkophage.

SPRECHER

Der abgeschlagene Kopf ist ein Zeichen, das Macht demonstriert. Das Ungeheuer ist besiegt - doch zugleich gegenwärtig. 

((ZITATORIN

Vor dem Anblick jedem stirbt des Lebens Hauch.

SPRECHER

Das Antlitz der Medusa behält seine Wirkung: Zunächst als bluttriefend hervorgezogenes Haupt und später als Abbild auf dem Schild.

SPRECHERIN

Die Enthauptung: blutige Machtdemonstration von Königen, Revolutionären und Terrorristen. ))

SPRECHER

Aber was genau speziell am Haupt der Medusa ist so schrecklich? Und: Wie ist dieses schreckliche Monster entstanden? 

ZITATORIN (geflüstert) 

accipe quaesiti causam. clarissima forma

multorumque fuit spes invidiosa procorum

illa, nec in tota conspectior ulla capillis

pars fuit: inveni, qui se vidisse referret.

hanc pelagi rector templo vitiasse Minervae

dicitur: aversa est et castos aegide vultus

nata Iovis texit, neve hoc inpune fuisset,

Gorgoneum crinem turpes mutavit in hydros.

nunc quoque, ut attonitos formidine terreat hostes,

pectore in adverso, quos fecit, sustinet angues.

(darüber)

Höre den Grund des, was du erfragst. Obsiegend in Schönheit

War der beneidete Wunsch zahlreicher Bewerber Medusa;

Aber es fiel kein Teil an der ganzen Gestalt in das Auge

Mehr, als das Haar. So hört' ich von manchen, die selbst es gesehen.

Diese entehrt der Fürst des Meers, wie es heißt, in Minervas Tempel.

(wegblenden)

[Von hinnen gewandt hielt Iupiters Tochter die Aigis

Vor ihr keusches Gesicht, und damit nicht fehlte die Strafe,

Ließ sie der Gorgo Haar sich wandeln in scheußliche Hydern.

Jetzt noch immer, mit Angst zu schlagen erbebende Feinde,

Trägt sie vorn auf der Brust von ihr selber geschaffene Schlangen.]

darüber

SPRECHERIN

Im ersten Jahrzehnt nach Christi Geburt erzählt auch der antike römische Dichter Ovid in seinem mythologischen Gedicht „Metamorphosen“ von Perseus und Medusa.

MUSIK ENDE

O-Ton 7 Grossi I 

Und eine Innovation des Ovid ist, dass er uns jetzt aber noch einen Hintergrund zu dieser Figur erzählt. Und zwar sei diese Gorgone, diese Medusa, nicht einfach immer schon ein Monster gewesen, sondern sie sei ursprünglich mal eine wunderschöne junge Frau gewesen, die sich vor männlichen Verehrern kaum retten konnte und vor menschlicher Aufmerksamkeit. 

SPRECHER

Die Althistorikerin Giulia Grossi hat sich dem Medusa-Mythos aus feministischer Perspektive genähert.

O-Ton 8 Grossi 

Und diese wunderschöne junge Frau war allerdings eine Priesterin der Athene, also der Göttin, die später ganz wesentlich zu ihrem Tod beiträgt. Und ja, diese ungewollte männliche Aufmerksamkeit ist leider ein Leitmotiv ihres Lebens, denn sie zieht eben die Aufmerksamkeit von Poseidon beziehungsweise Neptun, auf sich, dem Meeresgott. Und dem kann sie leider nicht entkommen. Denn der tut ihr sexualisierte Gewalt an, und zwar in dem Tempel der Athene. Und statt also ihrer Schutzbefohlenen zu Hilfe zu kommen, sieht Athene das als ein schweres Vergehen gegen sie selbst, gegen die Integrität dieser Göttin und der Integrität dieses Heiligtums. Und sie bestraft Medusa dafür, indem sie ihr ein furchtbares Aussehen verleiht eben durch beispielsweise das Schlangenhaar, was heute noch ein sehr bekanntes Motiv oder das bekannteste ikonografische Motiv der Medusa ist und sie eben gleichzeitig auf diese Insel verbannt. Und zudem noch diese schreckliche Gabe des ja das versteinernden Blickes, was diese arme Frau, zusätzlich auch noch isoliert, komplett.

MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell

SPRECHERIN

Medusa wird vergewaltigt und dafür auch noch bestraft, von der, die sie eigentlich beschützen sollte, ihrer Priesterin.

SPRECHER

Sie wird also keineswegs nur Opfer männlicher Gewalt, sondern zugleich auch des weiblichen Neids.

ZITATORIN

Meine Locken wanden sich wild in Wut, mein Bewusstsein klammerte sich fest am Hass, der Wunsch nach Rache erfüllte mich und ich begann mich an ihm zu nähren. Mein Haar verwandelte sich in Vergeltung zischende Vipern und meine Augen sahen die Welt in Stein.

MUSIK ENDE

O-Ton 9 Gross

Wir wissen ganz genau, den Kontext, den politischen Kontext, den gesellschaftlichen Kontext, in dem Ovid schreibt. Und zwar ist es in dem ja ziemlich brisanten Zeitalter des Übergangs einer republikanischen Staatsform in eine monarchisch Staatsform der römischen Kaiserzeit, die eigentlich jetzt beginnt, also mitschreibt um die Zeitenwende der Herrschaft des Augustus, mit dem er ein sehr angespanntes Verhältnis hat. Und er macht gar kein Geheimnis daraus, dass Augustus in seinem Epos als quasi-göttliche Figur gleichgestellt wird. Und ein sehr wichtiges Thema, was sich durch die Metamorphose vor allem die ersten Metamorphosen-Bücher durchzieht, wo auch dieser Medusa-Mythos beziehungsweise Perseus-Mythos drin erzählt, ist die Ohnmacht der Menschen vor göttlicher Macht. Also alle Menschen sind dieser göttlichen Macht, der absoluten Willkür dieser olympischen Götter zu allen Zeiten unterworfen. Und was wir in diesem Epos ja auch sehen, ist, dass es keinerlei Konsequenzen für Athene gibt oder für Perseus, der ja der Held dieser Geschichte ist, und die soll es auch nicht geben.

SPRECHERIN

In der patriarchalen Weltordnung hat die Schönheit Medusas eine gewaltige Schattenseite: Sie provoziert männliches Begehren und sexualisierte Gewalt. Erst mit der Verwandlung ins schlangenhaar-bewehrte zornige Ungeheuer gewinnt Medusa Sicherheit. Zudem kann sich die Medusa jetzt mit ihrem versteinernden Blick zur Wehr setzen und wird schließlich auch noch auf eine Insel verbannt, auf der sie nur mit ihren gorgonischen Schwestern lebt. Verwandlung und Verbannung gewährleisten also Schutz vor weiterer männlicher Gewalt. Giulia Grossi:

O-Ton 10 Grossi

Die Tatsache, dass Medusa ja Opfer eines sexuellen Übergriffes wurde und das Ganze aber ja keinerlei Konsequenzen für ihren Aggressor einerseits bedeutet hat, andererseits aber auch für diese Gottheit ihre Schutzbefohlene, ihre Patronin, die sie dafür bestraft.

Das ist, glaube ich, ein Motiv, was ganz wichtig wird und ganz emblematisch für diese Auseinandersetzung mit eben der Normalisierung von solcher sexuellen Gewalt. Das ist einfach an der Tagesordnung ist. Und es gibt keine Konsequenzen mehr. Was für Konsequenzen soll es schon geben? Und andererseits eben auch

dieses die Thematik des weiblichen Neides. Dass Frauen gegeneinander ausgespielt werden und wenig Solidarität untereinander zeigen, ist eben auch ein Motiv, was hier ganz gut abgehandelt und diskutiert werden kann.

SPRECHER

In den 1960er und 70er Jahren entdeckt der Feminismus den Medusa-Mythos für sich.

SPRECHERIN

Es geht um weibliche Autonomie, um Selbstbestimmung, die sich eben auch auf sexuelle Selbstbestimmung erstreckt. Um autonome Organisations- und Lebensformen – die drei Gorgonen leben frei und unabhängig - ohne Männer – ihr eigenes Leben. Eine autonome Gemeinschaft, die sich mittels des versteinernden Blicks der Medusa auch verteidigen kann.

MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell 

ZITATORIN

Es reicht Medusa ins Gesicht zu schauen, um sie zu sehen: und sie ist nicht tödlich. Sie ist schön und sie lacht.

MUSIK ENDE

SPRECHER

Schreibt die französische Schriftstellerin Hélène Cixous in ihrem Essay „Das Lachen der Medusa“ aus dem Jahr 1975, der als ein Schlüsseltext der feministischen Theorie gilt.

O-Ton 11 Grossi II

Und Hélène Cixous eben dann darauf verweist, eben einerseits diese männliche Angst, die sich in Medusa manifestiert, vor weiblicher Selbstbestimmung und vor weiblicher Macht und andererseits die Tatsache eben, dass Medusa eine schöne Frau gewesen sei und gelacht hat.(…) 04:06 Dass eben diese männliche Angst vor weiblicher M acht, die jahrhundertelang eben zu solcher Unterdrückung geführt hat und eben auch zu einer Selbstunterdrückung von Frauen versucht zu lösen. Und eben die Selbstbestimmung und Freiheit von Medusa unterstreicht und nicht das Gefährliche, das ihre Schönheit hatte, auch aus weiblicher Perspektive die Gefahr eines sexuellen Übergriffs, sondern eben die Freiheit, die solche Schönheit und sexuelle Selbstbestimmtheit mit sich bringen kann.

MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”

Als Gefangene meiner selbst sehne ich mich danach, mein zischendes Haar abzuwerfen, meine verhängnisvollen Augen zu schließen, die verdreht sind von einer Wut, die ich nie wollte…

SPRECHERIN

Weit weniger optimistisch nähern sich Dichterinnen wie die amerikanische Lyrikerin Ann Stanford dem Medusa-Mythos. Düster und schonungslos erzählen sie von der Vergewaltigung durch Poseidon aus der Ich-Perspektive. Endlich erhält Medusa selbst eine Stimme. Und es ist keine göttliche Strafe, sondern die Wut über Poseidons Angriff, die Medusa verwandelt.

ZITATORIN

Mein zorngetränkter Blick tötete alles Lebendige. Ich war allein. Ich bin allein.

MUSIK ENDE

SPRECHERIN

Medusas entstelltes Antlitz: der Ausdruck weiblicher Wut. Wut, die seit jeher keinen Platz in der patriarchalen Gesellschaft hatte - sanktioniert, pathologisiert, weggeschlossen, wegerzogen.

SPRECHER

Medusa bleibt eine zutiefst ambivalente Figur: furchteinflößend und als Zeichen zugleich schützend.

SPRECHERIN

Opfer männlicher sexueller Gewalt einerseits, Symbolfigur autonomer Weiblichkeit andererseits.

SPRECHER

Der Mythos Medusa wird fortgeschrieben: Die Gorgone tritt in Computerspielen wie „Heroes of Might and Magic“, „God of War“ oder „Assassin’s Creed“ auf. In Kinoblockbustern wie „Kampf der Titanen“ in Jugend-Fantasy wie „Percy Jackson“…

SPRECHERIN

2022 veröffentlicht die britische Schriftstellerin Natalie Haynes ihren Roman „Stone Blind – Der Blick der Medusa“.

SPRECHER

Der Kopf der Gorgone werde hier zum Symbol dafür, wie Geschichten durch die Zeit verzerrt werden können und eine neue und kraftvolle Resonanz erhalten, urteilt „The Guardian.“

SPRECHERIN

2022 hat an den Münchner Kammerspielen „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai Premiere. Yishai schildert schonungslos in ihrem klageliedartig komponierten Textgeflecht alle erdenklichen Details sexualisierter Gewalt. Im Mai 2023 führt Sabine Fischmann das Stück „#MeToo Medusa. Ein feministischer Wutausbruch“ im Frankfurter Stalburg Theater auf.

MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”

ZITATORIN

Ich bin die für schuldig befundene Unschuldige. Die man enthauptete, während sie schlief. Deren verstümmelte Überreste ganze Heere in Schrecken versetzen. Ich bin, was nach einer Vergewaltigung von einer Frau bleibt.

SPRECHERIN

Medusa-Varianten, die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, ihre eigene Stimme zurückzugeben versuchen. Medusa steht heute mehr denn je für ein sehr intimes und persönliches Thema, das zugleich doch höchst politisch ist.


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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Bratpfanne + offener Kamin Musik 1: Greenhouse – 45 Sek ERZÄHLERIN Kochen macht schlau. Gekochte Speisen haben vor Hundertausenden von Jahren das Gehirnwachstum unserer Vorfahren gefördert und so zur Entwicklung des Homo Sapiens geführt – davon gehen jedenfalls Anthropologen aus. Denn Kochen, Garen, Sieden oder Schmoren ist eine Art Vorverdauung außerhalb des Körpers. Die in der Nahrung enthaltenen Nährstoffe können besser verwertet werden, bzw. der Verdauungsapparat muss weniger Energie investieren. Die kann stattdessen ins Gehirn wandern. ERZÄHLER Das Kochen erweiterte außerdem die Nahrungspalette unserer Vorfahren: es eliminiert Gifte und macht manche Pflanzen überhaupt erst genießbar. Vor allem aber dürfte das Kochen das Sozialverhalten der frühen Menschen entscheidend geprägt haben. Der Soziologe Georg Simmel wies schon vor mehr als 100 Jahren darauf hin: ATMOS Essen + Murmeln + Sektgläser ZITATOR A Georg Simmel (gest. 1918, zit. nach: Der Zeitgeist, Beiblatt zum Berliner Tageblatt von 1910) Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen. ATMO Feuerstelle + Musik 2: Prelude - 40 Sek ERZÄHLERIN Die Feuerstelle war wohl von Anfang an ein Ort der Gemeinschaft und der Kommunikation. Die ersten nachweisbaren Küchen der Menschheit stammen aus der Zeit um 8000 vor Christus und wurden in der Nähe von Jerichow gefunden: Es waren offene Feuerstellen, einfache Lehmöfen und Mahlsteine in den Innenhöfen strohgedeckter Lehmhütten. Vermutlich wurden sie von den Bewohnern der umliegenden Hütten gemeinschaftlich genutzt. Kochen und Essen, das Zubereiten und die Aufnahme der Nahrung, waren also eng miteinander verknüpft. Design-Experte Josef Strasser: 1 OT Josef Strasser: Anfänge Ganz ursprünglich war das sehr natürlich nicht getrennt, sie hatten ein Feuer, auf dem Feuer wurde gegart, und dann gab es bald auch schon die ersten Keramiktöpfe, in denen dann auch Flüssigkeiten gekocht worden sind, das war nicht getrennt, das war in Einem. ERZÄHLER Im Lauf der Zeit verlagerte sich das Kochen in den Innenraum. Eine Feuerstelle am Boden, später auf einem gemauerten Sockel, wurde Küchenstandard für Jahrhunderte: 2 OT Josef Strasser: Wärme Die Küche war das Zentrum, das Feuer liefert auch Wärme, und das war das Entscheidende, deswegen war das ein sehr zentraler und wichtiger Raum. ERZÄHLER Doch Kochen ist auch gefährlich. Genauer gesagt: offenes Feuer ist gefährlich. Regelmäßig kam es zu Feuersbrünsten, denen ganze Stadtviertel zum Opfer fielen. Selbst ohne Unfälle war die Luft in Räumen mit offenem Feuer schlecht. 3 OT Josef Strasser: Ruß Viele kennen noch den Begriff der Schwarzkuchl, also der schwarzen Küche, das kommt daher, weil das Feuer in dem Raum Rauch entwickelt hat, und der Rauch hat das Ganze geschwärzt, letztendlich war der Raum verrußt. ATMO Feuerstelle ERZÄHLERIN Die Mahlzeit köchelte in einem Kessel, der an einer Kette über der Flamme hing. Mithilfe eines Kesselhakens konnte die Temperatur geregelt werden: Einen Zahn zulegen hieß, die Temperatur zu erhöhen. Der aufsteigende Rauch zog über Öffnungen im Dach ab, er konservierte das Gebälk, wehrte Ungeziefer ab und konnte immerhin zum Räuchern benutzt werden. Der Jurist und Historiker Justus Möser beschrieb 1767 in den „Osnabrückischen Intelligenzblättern“: Weiter Atmo Feuerstelle + Baby + Kessel + Kuh ZITATOR B Justus Möser (vom niedersächsischen Landesarchiv frei zur Verfügung online gestellt) Der Herd ist fast in der Mitte des Hauses und so angelegt, dass die Frau, welche bei demselben sitzt, zu gleicher Zeit alles übersehen kann. Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht die Wirtin zu gleicher Zeit drei Türen, dankt denen die hereinkommen, heißt solche bei sich niedersetzen, behält ihre Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller, Boden und Kammer, spinnet immer fort und fort dabei. ERZÄHLER Für die einfache Bevölkerung blieb die Feuerstelle jahrhundertelang der Mittelpunkt des Hauses. Privilegierte Stände konnten die Küchenarbeit ans Personal delegieren und räumlich ausgrenzen. In Burgen, Schlössern oder Klöstern befand sich die Küche normalerweise in einem eigenen Wirtschaftsbau oder Küchenflügel, in bürgerlichen Haushalten im hinteren Teil der Wohnung. Die repräsentativen Räume blieben so rauch- und geruchfrei. ERZÄHLERIN Zum Heizen der Häuser setzten sich ab dem späten Mittelalter Kachelöfen durch. Sie standen in der Wohnstube und wurden von der Küche aus befeuert, der Raum mit dem Kachelofen selbst blieb rauchfrei. Damit war erstmals ein und derselbe Raum warm und rauchfrei. 4 OT Josef Strasser: Kachelofen Kachelofen ist mehr im Wohnbereich, die großen Gebäude mussten ja geheizt werden und dann gab es halt den Kochherd, die Küche, die meistens abgetrennt war. Da muss man natürlich schauen in welcher sozialen Ebene befinden wir uns. Das sind natürlich Unterschiede, ob ich ein kleines Haus habe mit einer kleinen Küche oder ob ich ein riesiges Schloss habe mit einer extra ausgestalteten Küche. ERZÄHLER Ausgenommen die Ärmsten unter den Armen, basierte der vormoderne Haushalt auf dem Prinzip der Vorratswirtschaft. Die meisten Güter wurden nicht als fertige Produkte gekauft, sondern im Haus selbst produziert: Man buk Brot und schlug Butter, es wurde geschlachtet, geräuchert und gepökelt, Wurst und Marmelade gekocht, man kelterte womöglich eigenen Wein, auch Kerzen wurden gezogen, Flachs zum Spinnen bearbeitet, Seife gekocht. „Betriebsleiterin“ war die Hausmutter. Diese Art des Wirtschaftens änderte sich im 19. Jahrhundert zunehmend mit der beginnenden Industrialisierung. Musik 3: The heroic weather-conditions of the universe, Part 2: Smoke / Fire - Z8034868 107 – 53 Sek ERZÄHLERIN Im Zuge der Industrialisierung entstand die Kleinfamilie: junge Männer und Frauen verließen den ländlichen Hof und die Großfamilie und arbeiteten in der Stadt in einer Fabrik, gelebt wurde in kleinen, meist dunklen Mietwohnungen, erst allein, dann mit Frau und Kindern. Für Brot und Wurst sorgten in den Städten nun Bäcker und Metzger. Auch vieles anderes konnte man nun einfach kaufen. Niemand musste mehr Butter stampfen oder Seife kochen. Die Küchen konnten kleiner werden. Und andersherum: man brauchte kleine Küchen: 5 OT Josef Strasser - Landflucht + Separierung Natürlich ist es in erster Linie die Wohnungsnot, durch die Landflucht, durch die Überbevölkerung der Städte, und in diesem Zusammenhang entstanden auch die sozialen Wohnungsbauprogramme. Und die große Reform war dann, dass man versucht hat, für möglichst viele Leute preiswerten Wohnraum zu schaffen, und dass dieser Wohnraum natürlich beengt war, liegt auf der Hand und aus dem Grund so hat sich da eine Neuentwicklung ergeben, dass man die Küche separiert hat. Statt eines Raumes, in dem alles integriert war, entstanden nun quasi zwei Zellen, du hast auf der einen Seite den eigentlichen Arbeitsraum, die Kochküche, auf der anderen Seite das Esszimmer. Musik 4: The king’s tulips – 37 Sek ERZÄHLER Voraussetzung für kleinere Küchen, in denen man nicht sofort am Ruß erstickte, war die Eliminierung des offenen Feuers. Der Architekt Francois de Cuvilliés der Ältere. baute in München nicht nur ein schickes Hoftheater, er erfand 1734 auch den Vorläufer unseres modernen Vierplatten-Herds, den sogenannten „Castrolherd“, von französisch „casserole“, Kochtopf. Für die kleine Amalienburg im Nymphenburger Schlosspark in München bedeckte er einen geschlossenen Feuerkasten mit einer durchlöcherten Eisenplatte. Die Brandgefahr verringerte sich erheblich. ERZÄHLERIN Benjamin Thompson alias Graf Rumford entwickelte – übrigens ebenfalls in München – die Sache weiter und leitete die Hitze des Feuers durch mehrere Kanäle gezielt an verschiedene Stellen der Herdplatte. Anfangs nur für wenige Wohlhabende erhältlich, verdrängten solche geschlossenen Herde nach und nach das offene Feuer aus den Häusern, die Küchen wurden rußfrei. ERZÄHLER Während der Industrialisierung wuchsen in Europa die Städte rasant an, für Arbeiter wurden große Siedlungen gebaut. 6 OT Josef Strasser – klein + Siedlungsbau Die soziale Frage hat sich ja überall in den Industriestaaten gestellt, England sowieso aber auch in Österreich oder Frankreich aber insbesondere auch in Deutschland und Frankfurt ist so ein großes Paradebeispiel, dass man einfach zehntausende von Wohnungen geschaffen hat. Musik 5: „Himmelspforte“ – 17 Sek ERZÄHLER Die Küchen für die Siedlungen in Frankfurt sollte Margarethe Schütte-Lihotzky gestalten, eine junge österreichische Architektin. Das Ergebnis ging in die Geschichte ein: die sogenannte „Frankfurter Küche“ von 1926 wurde zur Mutter aller Einbauküchen. 7 OT Josef Strasser - Taylorismus + Spüle Man muss aber ein bisschen zurückgehen in der Geschichte, es gab so Bestrebungen bereits im 19. Jahrhundert, ganz wichtig sind da die USA, auch die Frauenbewegungen, dass man sich gedacht hat, wie kann ich das Leben einfacher machen, also rationeller organisieren, … es gab ja diesen Taylorismus, die Rationalisierung in der Industrie und man versucht, das aufs Wohnen, aufs Private zu übertragen, also wie organisiere ich Arbeitsabläufe. ERZÄHLERIN Die Frankfurter Küche sollte vor allem preiswert und deswegen möglichst klein sein. Als Vorbild dienten der jungen Architektin die Speisewagenküchen der Eisenbahn, in denen bei einer Spurweite von etwas mehr als 1,40 Meter naturgemäß sehr platzsparend gekocht werden musste. 6,5 Quadratmeter Grundfläche hatte die Frankfurter Küche. Schränke, Herd, Arbeitsflächen und Spüle waren an den Wänden angeordnet, die Mitte blieb frei bzw. dort stand die Hausfrau und konnte mit wenigen Handgriffen rundum agieren. Platz für eine zweite Person im Raum gab es nicht. Es war eine Arbeitsküche. Ein Tisch hätte da nur gestört, gegessen wurde fortan in einem separaten Ess- oder Wohnzimmer. 8 OT Josef Strasser - Abtrennung Ein großer Vorteil ist die Hygiene, dass ich einen Raum habe, in dem ich Speisen zubereite und in dem Raum keine anderen Dinge mache, Kinder spielen und das zweite sind die Gerüche, die beim Kochen entstehen, auch Geräusche natürlich, dass das getrennt war, dass das weg war vom Wohnbereich. ERZÄHLER Doch die Küchen für die Arbeitersiedlungen sollten nicht nur klein sein. Sie sollten der Hausfrau die Küchenarbeit erleichtern und Zeit sparen. Margarethe Schütte-Lihotzky untersuchte daher die Bewegungsabläufe und versuchte sie zu optimieren. Musik 6: Gimme that shimmy – 42 Sek ERZÄHLERIN Ein höhenverstellbarer Drehstuhl sorgte für die optimale Position je nach Tätigkeit, Fenster ließen sich öffnen, ohne erst irgendwas wegräumen zu müssen, Küchenabfälle konnte mit einer Wischbewegung von der Arbeitsfläche direkt in eine Abfallrinne gewischt werden, war sie voll, konnte man sie wie eine Schublade herausziehen und entleeren. ERZÄHLER Oder das Bügelbrett: Es wurde mit einem Griff von der Wand heruntergeklappt und mit der Brettspitze auf den gegenüberliegenden Spülschrank aufgesetzt, es hatte also weder störende Füße, noch musste man es umständlich rein- und raustragen. 9 OT Josef Strasser - Abtropfen Wie mache ich das beispielsweise beim Spülen, dass ich nicht die Hände übergreifen muss, sondern ich hab die linke Hand, mit der halte ich das Geschirr mit der rechten spüle ich und ich lege es dann auch wider auf der linken Seite ab und nicht auf der rechten Seite. Es ging auch darum, dass man das Geschirr abtropfen ließ, sie hat ein Abtropfgestellt erdacht, um sich das Abtrocknen zu ersparen. ERZÄHLERIN Die Frankfurter Küche war ganz im Geist der Frauenbewegung entstanden. Schütte-Lihotzky war eine der ersten Architektinnen überhaupt, Frauen durften in Österreich erst Ende des 19., in Deutschland gar erst Anfang des 20. Jahrhunderts Architektur studieren. Dass sich die junge Vorreiterin nun ausgerechnet auf die Planung einer Küche stürzte, klingt nach einem Klischee, hatte aber Gründe: 10 OT Josef Strasser - Architektinnen Ein Mann, ein Architekt denkt sich die Küche so und so, da er nicht in der Küche arbeitet, hat er auch nicht diese Arbeitsabläufe intus. Um die Arbeitsabläufe zu verbessern, muss man sich halt einfach mal damit beschäftigen oder sich damit auskennen. Und deswegen liegt es ein bisschen auf der Hand, dass Frauen als Architektinnen da einen anderen Blick haben als Männer. ATMO Braten ERZÄHLER Die Frankfurter Küche war eine Küche von Frauen für Frauen. Doch vor allem aus konservativen Kreisen gab es von Anfang an Kritik. Sonntags dürften die Kinder aus der Nachbarschaft Puppenküche darin spielen, witzelte man angesichts der geringen Ausmaße der Küche. In der Tat war die Umgewöhnung natürlich enorm. Die Frau – die seinerzeit nun mal fast ausschließlich in der Küche stand – wurde hier zum Zentrum einer Art Maschine, die sie erst bedienen lernen musste. ERZÄHLERIN Von der Frankfurter Küche selbst wurden nur etwa 12.000 Exemplare gebaut – nicht viel angesichts des rasanten Anstiegs der Bevölkerung in jener Zeit. Und trotzdem: Die Idee Einbauküche setzte sich in Stadtwohnungen durch; die Frankfurter Küche war der Urtyp aller Einbauküchen. 11 OT Josef Strasser - Erfolg Sie hat eine große Wirkung gehabt, hat das Leben vereinfacht, Arbeit erspart, Zeit erspart und damit natürlich auch die damit verbundenen Kosten. Musik 7: Urgem X – 35 Sek ERZÄHLER Seit den 50ern wuchs parallel auch die Zahl der elektrischen Geräte in den Küchen: Toaster, Eierkocher, Rührgerät, Brotschneidemaschine, Waffeleisen, Mikrowelle: Die Küche wurde nach und nach zum Maschinenpark. In den 60ern hielt der elektrische Kühlschrank Einzug, dazu Fertigprodukte, Dosen und Brühwürfel. Das Leben der Hausfrau wurde in mancherlei Hinsicht tatsächlich einfacher. Wäre da nicht dieses eine Problem gewesen: 12 OT Josef Strasser - Ironie Man will das Beste, Rationalisierung, Arbeit sparen, Kräfte sparen, so dass die Frau Zeit gewinnt, für andere Tätigkeiten und was passiert: Isolierung. ERZÄHLERIN Die Kleinstküche wurde zunehmend als Hausfrauenknast gesehen, der Frauen eben nicht befreit habe, sondern in ihrem Kochlabor gefangen hielt, an den Rand der Wohnung gedrängt und vom Esszimmer und dem Rest der Familie getrennt. Um Wege zu verkürzen, baute man Durchreichen, ein Bedienfenster, damit das Essen auch ja warm auf den Tisch kam. ERZÄHLER Ende der 70er kam Bewegung in die Küchenfrage: Der Designer Otl Aicher, Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm war eine Art Star-Designer seiner Zeit, unter seiner Federführung wurden die Olympischen Sommerspiele in München in Regenbogenfarben gestaltet. Aicher war nicht nur ein Genussmensch, er kochte auch selbst gern. Als er den Auftrag zur Gestaltung einer neuen Küche bekam, begab er sich erstmal auf Recherchereise. Musik 8: With Compliments – 45 Sek ERZÄHLERIN Ein Jahr lang besuche er verschiedene Spitzen-Restaurants in Europa und teilweise in den USA und analysierte die dortigen Küchen. Denn von wem könnte man besser etwas über Küchen lernen als von Profis? Das Ergebnis: Aicher begriff Küchen als Orte der Kommunikation: ZITATOR: „Essen macht kommunikativ. Es verhindert, dass man alles in sich hineinfrisst“ ERZÄHLERIN …schrieb der Designer 1982 in seinem Buch „Die Küche zum Kochen“. Eine Küche, in der sich praktisch nur eine Person aufhalten kann, war für Aicher ein Unding. Für ihn spielte sich das wahre Leben in der Küche ab, und nicht etwa im Wohnzimmer. ERZÄHLER Dazu war es notwendig, dass alle alles verstehen können. Mit der gängigen Küchenzeile in einem vom Esstisch abgetrennten Raum war diese Idee nicht vereinbar. Denn mit dem Gesicht zu Wand und den Gästen im Rücken kann man schwerlich am Gespräch teilnehmen, sagt der Soziologe Tilman Allert. 13 OT Tilman Allert - Töpfe Jemand, der kocht, der wird immer um den Genuss der Kommunikationspointen gebracht, weil er immer am Topf steht und da zischt und raucht es und man kriegt nichts mit. ERZÄHLERIN Tilman Allert begreift Küchen als Orte einer „legitimen Trivialkommunikation“. Hier wird nicht unbedingt – manchmal aber durchaus! – über die bedeutenden Dinge der Welt gesprochen. In der Küche darf geschnackt und getratscht werden. Genau das mache sie laut Allert zu so einem einzigartigen Ort menschlicher Geselligkeit. Das und: das gemeinsame Essen. ERZÄHLER Das sah schon Otl Aicher so: Kochen und Essen sollten seiner Meinung nach wieder zueinander finden, im gleichen Raum. Es gibt nichts zu verstecken: Der Prozess des Entstehens der Mahlzeit soll erkennbar sein. Nicht zuletzt regt es ja auch den Appetit an, wenn man das Essen erst ein Weilchen anschaut und noch nicht gleich zulangen darf. 15 OT Tilman Allert - Respekt Es ging ihm um einen Respekt vor dem, was in der Küche geschieht. Das Rohe oder das Ungegarte bringen wir in die Küche, kochen es und über diesem Vorgang wird aus der rohen Natur man könnte sagen genießbare Natur. Und das ist bei Aicher verbunden mit einer Respekteinstellung gegenüber den Gaben der Natur, die für ihn als Katholiken immer Gottesgaben waren. ERZÄHLERIN Aicher holt das uralte Konzept der offenen Küche wieder aus der Schublade. Er entwickelt einen zentralen Küchenblock, eine Kochinsel, mitten im Raum. Außerdem gestaltet er Küchen-Utensilien, die sich an der Profi-Gastronomie orientieren. Wer täglich kocht, braucht professionelles Werkzeug, da machen Billigangebote keine Freude. ERZÄHLER Ebenfalls von den Berufsköchen abgeschaut: alle Dinge müssen gut erreichbar sein. Erreichbarkeit geht einher mit Sichtbarkeit. Statt Schränke und Schubladen favorisierte Aicher einfache Haken in S-Form, an die man die wichtigsten Küchengeräte einfach dranhängen und mit einer Hand abnehmen konnte. 16 OT Tilman Allert - Küchenblock Dieser Küchenblock und überhaupt die Küchenausstattung, die heute es ermöglicht, dass man in der Küche Geselligkeit praktiziert, die bringt das, was Aicher in den 70er Jahren schon ausgedacht hatte, noch mal deutlicher auf den Punkt, nämlich die Küche als einen geselligen Ort zu begreifen, an dem man irgendwie kocht, etwas entstehen lässt, aber an dem die Kommunikation untereinander zentral ist, also der Aicher ist auf eine Weise modern, wie er sich das selbst damals wohl gar nicht hat vorstellen können. Musik 9: elephant parade – 27 Sek + ATMOS Murmeln, Braten, Sekt ERZÄHLERIN Ist ja auch eine schöne Vorstellung: der Küchenchef, die Küchenchefin des Abends steht in der Mitte des Raums und kocht, gegenüber stehen die Gäste oder haben auf Barhockern Platz genommen, trinken einen Aperitif oder helfen beim Gemüseschnippeln. Später wechselt man an den großen Tisch gleich nebenan. ERZÄHLER Aber mal ehrlich: Wer kann sich das schon leisten? In Neubauten mit viel Grundfläche kann man so bauen, in einer Altbau-Mietwohnung ist das nicht umsetzbar. 17 OT Tilman Allert - Milieu Das ist natürlich milieuspezifisch, das muss man sich erlauben können. Aber man muss hinzunehmen, dass in den einfachsten Wohnverhältnissen bis auf den heutigen Tag das berühmte Wohnzimmer, das es ja immer noch gibt, eigentlich vollkommen ungenutzt bleibt und alles Gesellige spielt sich in der Küche ab. Unabhängig vom Geldbeutel könnte man sagen ist die Küche der Ort, an dem man sich versammelt und an dem man Gedanken austauscht. ERZÄHLERIN Heute ist die offene oder auch „Wohnküche“ das Ding der Stunde – und eine Art Kompromiss: Arbeitsfläche, Spüle und Geräte sind oft immer noch in einer Zeile an der Wand angeordnet, aber der Kochende befindet sich zumindest im gleichen Raum mit den Gästen oder restlichen Familienmitgliedern. Das ist zwar nicht ganz so toll wie vis-á-vis mit den Gästen am zentralen Küchenblock zu hantieren, aber immerhin besser als in einem anderen Raum zu stehen und nur ab und zu mal einen Wortfetzen durch die Durchreiche zu erhaschen. ATMOS Essen + Braten + Murmeln ERZÄHLER Zu ihrer Zeit gab es gute Gründe für die Entwicklung von Einbauküchen für nur eine Person. Im Verlauf der Küchengeschichte ist ihre Existenz aber doch nur ein Wimpernschlag. Kochen, Essen und Reden gehören heute wieder zusammen. Wer kann, plant deshalb einen Tisch ein, im selben Raum, in dem auch gekocht wird. Selbst wer in einer Mietwohnung mit schlauchförmiger Küche wohnt, versucht wenigstens noch einen kleinen Klapptisch in die Küche zu bauen. Dazu Musik 10: elephant parade – 35 Sek ERZÄHLERIN Noch besser ist ein großer Tisch. An dem wird nicht nur gegessen. Reden, Schreiben, Spielen, Basteln, wunderbar die große Zeitung ausbreiten, hier werden Hausaufgaben gemacht und Flickarbeiten ausgeführt, hier wird die Nähmaschine aufgebaut, eine Blumenvase hat darauf Platz oder eine Schüssel für Obst oder Briefe. Es ist ein Platz nicht nur fürs Essen – sondern fürs Leben. Musik hoch und aus //

  • Meditation und Krisen - Wenn der Blick nach innen zu intensiv wird

    19.06.2025 · 22 Min.

    Meditation als Möglichkeit zur Entspannung ist sehr beliebt und mit Apps und Videos gibt es viele kostenlose Angebote. Doch beim Blick nach innen und der Konzentration auf sich selbst, können auch Gefühle, Gedanken, Krisen und Traumata zum Vorschein kommen, mit denen man nicht gerechnet hat. Von Eva Deinert Credits Autorin dieser Folge: Eva Deinert Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Berenike Beschle, Peter Veit, Jenny Güzel Technik: Regine Elbers Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Dr. Ulrich Ott, Dr. Liane Hofmann, beide Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. Prof. em. Dr. Michael von Brück, Religionswissenschaftler Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Meditation - Übung mit tiefem Sinn JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: nah dran - die Geschichte hinter der Nachricht Worüber wird in dieser Woche alles gesprochen? Nah dran bietet euch immer freitags die Hintergründe zum Thema der Woche, persönlich, verlässlich und verständlich. JETZT ENTDECKEN Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Linktipps: Mehr über die Beratungsstelle von Dr. Ulrich Ott und Dr. Liane Hofmann am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) HIER Hofmann, L., & Ott, U. (27. Februar 2024). Beratung bei spirituellen und meditationsinduzierten Krisen [Video]. YouTube Literatur: Hofmann, L. & Ott, U. (2024): Themenschwerpunktausgabe "Spirituelle und meditationsinduzierte Krisen". Zeitschrift „Bewusstseinswissenschaften – Transpersonale Psychologie und Psychotherapie“, 30(2). Hofmann, L. & Heise, P. (Hrsg.) (2017). Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Stuttgart: Schattauer/ Klett-Cotta. von Brück, M. (2025): Wie wir Menschen werden. Anthropologie für die Zukunft. Interkulturelle Entdeckungen, Herder Verlag. Sedlmeier, P. (2016). Die Kraft der Meditation. Was die Wissenschaft darüber weiss. Rowohlt. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Willkommen zu deiner Meditation. Nimm dir einen Moment Zeit, um anzukommen. Such dir einen Ort, an dem du für die nächsten Minuten ungestört sein kannst. Setz dich bequem hin – aufrecht, aber entspannt. Lass deine Schultern sanft sinken… und schließ, wenn du möchtest, langsam die Augen. „Spür den Boden unter dir. Spür, wie dein Körper getragen wird. Und dann… richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Ein… und aus.“ SPRECHERIN (ab kursivem Text drüber) So beginnen viele Meditationsvideos, die es millionenfach im Internet auf YouTube oder in Apps zu finden gibt. Laut einer Umfrage des Statistik-Portals Statista hat fast jede bzw. jeder vierte Deutsche eine Meditationsapp auf dem Handy. Meditieren ist nicht mehr nur ein Trend, es ist ein Massenphänomen geworden. Viele meditieren, um Stress loszuwerden, Probleme zu bewältigen, besser zu schlafen, ruhiger und entspannter zu werden oder sich selbst besser kennenzulernen. Und die Wissenschaft gibt ihnen erstmal Recht: Studien zeigen, dass Meditation Stress reduzieren kann – unter anderem durch die Senkung des Stresshormons Cortisol. Oder dass Meditieren bei depressiven Verstimmungen zu einer Besserung und zur emotionalen Resilienz beitragen kann. Auch das Immunsystem profitiert von Meditation und wird dadurch nachweislich gestärkt . Bei Meditierenden verändert sich außerdem das Gehirn in den Bereichen, die für Emotionen und Aufmerksamkeit zuständig sind, es steigert also die Konzentration. Und wer meditiert, schläft besser, weil Meditieren das sogenannte "Gedankenkarussell" reduzieren kann, was viele Menschen vom Einschlafen abhält. MUSIK wird dunkler SPRECHERIN Im Internet tauschen sich Meditierende über ihre Erfahrungen aus. Zum Beispiel in offen einsehbaren Foren wie Reddit. Dort finden sich auch Erfahrungsberichte wie diese – die von einem scheinbar anderen Effekt erzählen. ZITATOR Ich habe seit Wochen einen sehr starken Druck auf der Brust und damit einhergehende Angstgefühle, wenn soziale Events bevorstehen. Habe deswegen angefangen, geführte Meditationen von Mady Morisson [auf Youtube] zu machen. Die ersten Male waren der Hammer und ich habe mich danach sehr befreit gefühlt. Das ist jetzt nach dem 5. - 6. Mal leider umgeschlagen und ich wurde beim Meditieren noch unruhiger, als ich es vorher war. Das hat heute seinen Höhepunkt gefunden, ich habe währenddessen Atemnot und Herzklopfen bekommen, weil ich so durch den Wind war. Jetzt fühle ich mich einfach nur sehr ausgelaugt und abgestumpft. SPRECHERIN Diplompsychologin Dr. Liane Hofmann vom Institut der Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg beschäftigt sich mit genau solchen Fällen und kennt die Phänomene, die für viele Menschen überraschend und unerwartet sind: ZSP 1 Hofmann: Aufhebung der Verdrängungsschranke Also insgesamt bringt die Meditation eben als erster Effekt erst mal diese Aufhebung der Verdrängungsschranke. Und es kommt ganz viel Material, auch in die Psyche, mit dem man dann umgehen muss, das man verarbeiten muss. Das ist eine der ersten Wirkungen. SPRECHERIN Liane Hofmann beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema spirituelle Entwicklung und ihre möglichen Krisen. Die Verdrängungsschranke ist ein Begriff aus der Psychologie und beschreibt eine Art inneren Schutzmechanismus für unser Bewusstsein, der dafür sorgt, dass schmerzhafte Erinnerungen, unangenehme Gefühle und Traumata erstmal im Unbewussten bleiben und uns nicht im Alltag überwältigen. Meditation kann dazu führen, dass diese Verdrängungsschranke weicher wird und diese Inhalte manchmal plötzlich ins Bewusstsein dringen. Das kann ganz individuell sowohl als befreiend als auch beunruhigend empfunden werden. MUSIK ENDE SPRECHERIN Um zu verstehen, was bei Mediation also schieflaufen kann, muss man erstmal erklären, wie Meditation genau funktioniert. Meditation gibt es in vielen unterschiedlichen Praktiken und Formen: Zum Beispiel Atemmeditation, die sich auf das Ein- und Ausatmen konzentrieren, Achtsamkeitsmeditationen oder „Mindfulness“, die neben dem Atem auch andere Körperempfindungen beobachten. Zen-Meditationen, also das Sitzen in der Stille, mit dem Fokus auf das Atmen und „nicht-Denken“. Im östlichen Christentum wird das Herzensgebet rezitiert, also ein Satz mantraartig wiederholt, um den Geist zu konzentrieren. Auch Fasten und Schweigerituale gehören dazu. Dynamische Formen sind Gehmeditationen, QiGong oder auch Yoga-Praktiken. Ihren Ursprung haben viele davon: in der Religion. ZSP 2 von Brück: in allen Religionen bewusstseinserweiterungen Wir haben in allen Kulturen, in allen Religionen Techniken der Bewusstseinsbeeinflussung, Bewusstseinserweiterung gegenüber dem alltäglichen Bewusstsein. SPRECHERIN Der Theologe Michael von Brück ist emeritierter Professor der Religionswissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München und Zen- und Yogalehrer. Er hat lang Meditationsformen in verschiedenen Religionen untersucht. ZSP 3 von Brück: jenseits Horizont Das wird dann in den Religionen natürlich mit dem Wunsch oder so möchte ich mal verknüpft, einen Erfahrungsbereich zu erreichen, der jenseits des alltäglichen, raumzeitlichen Gefühls, zweckorientierten Denkens, ich muss immer dies oder das tun, einen Horizont erweitert, in dem dann eben die religiösen Erfahrungen und die religiösen Erlebnisse möglich sind. SPRECHERIN Gäubige, die meditieren, haben über die Religionen hinweg einiges gemeinsam: ZSP 4 von Brück Ziel von Meditation Das Ziel tiefer in das, was ist eigentlich der menschliche Geist, was ist unser Leben, das kann doch nicht alles sein, sondern was ist eigentlich hinter dem allen. Daran zu kommen, nicht nur durch den Gedanken, sondern durch eine tiefe psychosomatische Erfahrung, das ist das Ziel der ganzen Geschichte, wobei noch dazukommt, dass viele dieser Rituale und der Techniken, die ich eben erzählt habe, in Gemeinschaft stattfinden. Also etwa das Trommeln, das Tanzen, aber auch das Meditieren, selbst das Sitzen im Schweigen, geschieht in Gemeinschaft und schafft eine Art von Kommunität, gemeinsamer Sicherheit auch, die für Menschen, die natürlich Angst haben, Angst vor dem Leben, Angst vor dem Sterben, ganz bedeutend ist und ganz starke heilende Wirkung haben kann. MUSIK SPRECHERIN Heute hat sich Meditation verändert: viele Menschen fangen nicht aus religiösen Gründen damit an. Sie wollen aber von den positiven Effekten, die Meditation haben kann, profitieren - der Beeinflussung des Bewusstseins und der positiven, heilenden Wirkung auf den Körper. Dr. Ulrich Ott ist Psychologe und Meditationsforscher am Institut der Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg und kennt weitere Gründe. ZSP 5 Ott: Motive zur Meditation bis Instrospektion So die wichtigsten sind erst mal die Entspannung und die Stressreduktion. Das ist auch oft eine Einstiegsmotivation. Dann die Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit generell. Die Selbsterforschung, also die eigenen Motive zu ergründen, sich so Introspektion zu betreiben, wer bin ich eigentlich, was will ich eigentlich in meinem Leben. SPRECHERIN Wer lernen möchte, sich besser zu entspannen und gelassener mit Stress umzugehen, sucht also die Möglichkeit, seine mentale Gesundheit sozusagen zu trainieren. Viele Gesundheits- und Fitnessinfluencer preisen auf Social Media daher Meditation für dieses Ziel an. Bei anderen steckt vielleicht ein Leidensdruck dahinter: ZSP 6 Ott: Motive zur Meditation – Umgang mit Problemen. Ein sehr großes Motiv ist auch der Umgang mit Problemen. Das können Schmerzen sein, belastende Gefühle, zum Beispiel nach Trennung oder auch körperliche Erkrankungen, die mit Beschwerden einhergehen. Und dann haben Sie den ganz großen Bereich der spirituellen Zielsetzungen, wo es um spirituelle Erfahrungen geht, mystische Erfahrungen bis hin zu Befreiungen, sehr tiefer Selbsterkenntnis in der Meditation. Also von Entspannung bis Erleuchtung haben Sie sozusagen ein Spektrum von Motiven, warum Menschen anfangen zu meditieren. SPRECHERIN Wie Meditation auf Körper und Gehirn wirkt, ist unabhängig von der Art der Praxis. Ulrich Ott erklärt diesen überraschenden Fakt so: ZSP 7 Ott: Die Aufmerksamkeit nach innen wenden Also was Sie beschreiben können, ist, dass wir normal im Alltag ja sehr geschäftig sind und mit vielen Dingen aus der Außenwelt uns beschäftigen und in der Meditation wenden sie ja die Aufmerksamkeit nach innen. und nehmen erst mal unseren Körper wahr. Der hat sehr viele wichtige Quellen von Emotionen, von Gefühlen, von unserem Seinsgefühl. Und damit nehmen Sie Kontakt auf. Also vieles, was unbewusst ist, was unterhalb einer Wahrnehmungsschwelle ist im Alltag, was aber die ganze Zeit da ist. Sie atmen ja die ganze Zeit. Ihr Herz schlägt die ganze Zeit. Sie haben ein Gefühl, wie es Ihnen geht im Bauch, ein Bauchgefühl. Zu diesen Quellen finden Sie einen Zugang. Und da sind eben nicht nur körperliche Empfindungen, sondern auch viele tiefe Gefühle zu Hause. Zum Beispiel eine Wut im Bauch oder eine alte Trauer oder eine Verletzung im Herzen. Und die werden dann wieder wahrnehmbar. SPRECHERIN Und das ist ja auch so gewollt in der Praxis der Meditation: Die bewusste Beschäftigung mit sich selbst, raus aus dem Alltag. Dabei kann schon bewusstes Atmen ausreichen, um eine Brücke zu bilden zwischen Bewussten und Unbewussten. Und diese Brücke führt dann hinter die Verdrängungsschranke - also hinter diese Barriere, die im Alltag dafür sorgt, dass Dinge häufig im Unbewussten bleiben. Was dort wohnt, kann dann auftauchen. ZSP 8 Hofmann: Ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit Das können Bilder sein, das können Gefühlszustände sein, Impressionen sein. Die können aus ganz frühen Zeiten kommen oder aus aktuellen Situationen heraus entstehen. Und manchmal ist das bekannt und man hat einen Bezug dazu. Aber manchmal tauchen da auch Gefühle und Eindrücke auf, wo man gar nicht weiß, wo kommt das eigentlich her. Das kann ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit. SPRECHERIN Für manche Menschen ist das nicht überraschend, sie kennen diese Wirkung von Meditation. Andere Menschen sind irritiert, wenn solche Bilder, Gefühle und Gedanken auftauchen und für sie ist es nicht einfach, damit umzugehen. Laut einer Untersuchung einer Arbeitsgruppe, an der auch Forschenden der Charité Berlin beteiligt waren, haben 22% der Meditierenden schon mindestens eine unangenehme Erfahrung erlebt beim Meditieren. 13% berichten sogar von einem negativen oder schädlichen Effekt, sie waren gesundheitlich beeinträchtigt oder brauchten Unterstützung. Welche Erfahrungen als unangenehm wahrgenommen werden, ist höchst individuell. Ulrich Ott: ZSP 9 Ott: sensorische Deprivation - innere Bilder dass Sie merken, da sind ungewöhnliche Empfindungen im Körper, vielleicht auch energetische Empfindung, das wird sehr oft berichtet, dass man irgendwo Energieströme oder Wirbel im Körper spürt, das ist am Anfang so. Es kann auch sein, dass sie mit geschlossenen Augen Lichterfahrungen haben, dass die Farben sehen. Das ist zum Teil einfach eine Wirkung der sensorischen Deprivation, das heißt dieses Rückzugs der Sinne aus der Außenwelt. Ja, dann sinken die Reizschwellen fürs Feuern im Gehirn und dann kann sein, dass sehr viel spontane innere Bilder auftauchen. SPRECHERIN Meditierende wollen bewusst die äußeren Reize, die Hektik, die Informationsflut, den Alltagsstress reduzieren und praktizieren in der Regel auch in einer ruhigen, geräuscharmen Umgebung möglichst ohne Störungen - das ist die Sensorische Deprivation. Das Gehirn hat dann weniger Input von außen – und beginnt, die inneren Wahrnehmungen hochzufahren. Körperempfindungen werden intensiver, z.B. nimmt man den Atem lauter wahr oder der Herzschlag wird spürbarer. Gedanken und Emotionen drängen sich deutlicher auf. Diese erhöhte Empfindsamkeit ist ein Zeichen der gesteigerten Wahrnehmung und ein natürlicher Effekt davon, dass die Aufmerksamkeit fokussiert wird. Das Nervensystem nimmt jetzt auch schwache Reize viel schärfer wahr. ZSP 10 Hofmann: Hypersensibilität Und das wird so stark, dass die Leute dann sagen, ich kriege viel mehr mit von meinen eigenen Zuständen und die sind zuweilen schwer zu ertragen. Oder ich bin auch empathischer geworden. Ich kriege mehr mit von den Stimmungen von anderen Menschen. Und das wirkt dann auf Dauer überwältigend. SPRECHERIN Hypersensibilität nennt das die Wissenschaft. Liane Hofmann und Ulrich Ott berichten, dass diese Nebenwirkung häufig beschrieben wird von den Anrufern in ihrer Beratungsstelle in Freiburg. Am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene beraten sie Menschen bei spirituellen und meditationsinduzierten Krisen. Viele beschreiben, dass sie ein gesteigertes Mitgefühl erleben, Stimmungen stärker wahrnehmen, als ständen ihre Antennen permanent auf Empfang. Also: Innere Bilder und alte Gefühle, die auftauchen, das bewusste Wahrnehmen von sonst normalen oder automatischen Prozessen im Körper und Hypersensibilität sind Wirkungen von Meditation, die irritieren und herausfordern können. Aber es gibt auch noch tiefergehende Krisen, die bei intensiver Praxis auftreten können. ZSP 11 Ott: Depersonalisation dann kann es auch dazu kommen, dass Sie so Ihre alten Rollen, Verständnisse und Denken, was Sie immer dachten, wer Sie sind und wie Sie sind, dass das hinterfragt wird. dass sie sich gar nicht mehr mit ihrem alten Ich identifizieren können, wie sie das bisher getan haben. Also, dass es eine tiefe Hinterfragung ihres bisherigen Weltbildes gibt. Und das kann eine Erschütterung sein, eine existenzielle Krise auslösen oder auch, dass die Umwelt nicht mehr so vertraut ihnen vorkommt und sie sich so ein bisschen fühlen wie in der Matrix und denken, da gibt es irgendwie noch was anderes, aber sie haben noch nicht so richtig ... Das integriert in ihr neues Weltbild. SPRECHERIN Ein derartiger “spiritueller Durchbruch” in der Meditation ist ein Moment tiefster innerer Erkenntnis oder Erfahrung, in dem sich das gewohnte Selbstgefühl auflöst oder erweitert. Etwas, dass viele Meditierende erreichen wollen, die auf der Suche nach der Erleuchtung sind. ZSP 12 Ott: spirituelle Durchbrüche Also diese Übergangsphasen, diese Durchbrüche in spirituelle Erfahrungsbereiche, das können halt auch manchmal Zusammenbrüchen sein. Man kommt da mit Bereichen in Berührung, wo man nicht so richtig weiß, wie man damit umgehen kann, weil das so neu und unbekannt ist. SPRECHERIN Der Moment des Durchbruchs kann also bei manchen Menschen auch Überwältigung auslösen, wenn sie nicht damit gerechnet haben. In einem Forum auf der Plattform Reddit beschreibt ein User seine Erfahrungen damit so: ZITATOR Damals gab es in der App einen Einführungskurs, in dem man jeden Tag nach und nach neue Techniken erlernte. Während ich diese Techniken anwendete, begann ich einige seltsame Empfindungen zu entwickeln. Das Schlimmste, was dabei herauskam, war, als ich zu den Abschnitten kam, die einen zum Nachdenken über Fragen wie „Wer ist derjenige, der denkt“, „Was ist die Quelle Ihres Bewusstseins“ usw. anregen. Diese Fragen haben in mir das Gefühl ausgelöst, dass mein Gehirn schmilzt oder explodiert. Ich hatte das Gefühl, dass alles ein erfundenes Konstrukt ist und keine eigentliche Bedeutung hat. Ich wurde zum Zuschauer des Lebens und lebte nicht mehr. SPRECHERIN Dass Menschen sich mit ihren Meditationserfahrungen allein und erschüttert fühlen, liegt auch oft daran, dass die Praxis aus ihrem religiösen Kontext herausgelöst wurde. In den Religionen geht es auch immer um ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Um jemanden, der einen begleitet und anleitet, erklärt Michael von Brück. ZSP 13 von Brück: Man braucht einen Spiegel Das ist in allen Religionen wesentlich. Schauen Sie, im Christentum, nicht wahr, da haben wir ja zum Beispiel also den Beichtvater, im Buddhismus den spirituellen Freund, wie man das nennt, Kalyana Mitra ist der Begriff, eine Begleitung. Man braucht sozusagen auch einen Spiegel, in den man schauen kann. SPRECHERIN Darüber hinaus gehört zu einer Religionsausübung noch viel mehr, zum Beispiel: eine bestimmte Lebensführung, ethisch-moralische Richtlinien, die eine bestimmte innere Haltung und Geisteshaltungen fördern. Sodass ein ganzheitlicher Kontext entsteht, zu dem auch ein weiteres wichtiges Element gehört: Die Einbettung in die Gemeinschaft. ZSP 14 Hofmann: Meditation rausgelöst wir heute hier in der westlichen Gesellschaft haben ein Element von dem ganzen Paket rausgenommen, nämlich die Praxis, dann die Meditation. SPRECHERIN Sei es das Atmen, das Stillsitzen, das Mantrensingen, das Schweigen – in welcher Form auch immer – einen Teil haben wir rausgelöst, der religiös-spirituelle Unterbau fehlt in der modernen Anwendungsweise häufig. ZSP 15 Hofmann: Meditation allein die Leute ... meditieren neben ihrem Alltag, neben ihrem beruflichen Stress, neben ihren familiären Anforderungen. Also es ist oft sehr dicht getaktet und gar keine Muse oder Raum oder oftmals auch keine Verbindung mit der Community, mit einer Gemeinschaft, die mitpraktiziert, was auch ein sehr wichtiger Faktor ist für die Stabilität und den gemeinsamen Prozess. SPRECHERIN Häufig haben Meditierende, die sich bei Liane Hofmann und Ulrich Ott Hilfe in der Beratungsstelle suchen, intensiv allein zu Hause ohne Einbindung in eine Gemeinschaft mit Online-Angeboten und Apps meditiert. Und: ZSP 16 Ott: Risikofaktor allein in Fernost Es ist nicht nur alleine zu Hause. Wir haben auch immer wieder Fälle von Leuten, die sozusagen in andere Kulturen eintauchen, zum Beispiel in Fernasien, im Fernosten, und dort dann einen Kurs buchen im Kloster. Die sind ja für Westler inzwischen offen, aber dann ist eine Sprachbarriere da und sie haben oft nicht den ganzen kulturellen Hintergrund, in den diese Praxis eingebettet ist. Praktizieren aber sehr intensiv, also viele Stunden am Tag, oft im Schweigen. Und da haben wir die Erfahrung gemacht, dass das auch ein Risikofaktor ist, wenn Sie quasi alleine unterwegs sind auf Weltreise und dann so einen ganz intensiven Psychenprozess machen, ohne irgendeine Möglichkeit zu haben, sich auszutauschen. Also das ist auf jeden Fall auch so ein Aspekt von Dekontextualisierung, der da ein Risikofaktor darstellt. SPRECHERIN Ein Retreat ist kein Wellnessurlaub, das unterschätzen viele. Denn die Beschäftigung mit sich selbst ist nicht gleichbedeutend mit Erholung. Auch wer sonst kurze Meditationseinheiten im Alltag praktiziert, kann nach einer intensiven Woche überwältigt sein. Wenn Menschen sich in der Beratungsstelle bei Ulrich Ott und Liane Hofmann melden, geht es zunächst darum, den Kontext zu bieten, der oft in der Praxis – allein zu Hause oder nach einem intensivem Retreat – fehlt. Und das Ganze erstmal zu normalisieren. ZSP 17 Ott: Beruhigung weil die Betroffenen, die Ratsuchenden denken, sie sind die Einzigen, denen das passiert ist. Und ihnen dann zu sagen, das haben wir schon öfter gehört, das ist gar nicht so ungewöhnlich, das beruhigt schon ein bisschen, dass sie das Gefühl haben, sie sprechen mit jemanden, der das schon oft gehört hat, der das einordnen kann, das eine große Beruhigung. Ja, und wenn man das dann erklärt und andere Modifikationen zum Beispiel vorschlägt, eine Reduktion der Praxis oder eine andere Praxis, dann können die Leute trotzdem das, was sie gewinnen durch die Meditation, weiter beibehalten. Das hat ja auch für sie oft einen Wert. SPRECHERIN In anderen Fällen reicht das aber nicht aus. ZSP 18 Hofmann: Depression Oftmals stellt sich bei so einem Gespräch auch heraus, dass die Vorstellung irgendwie die falschen war, dass jemand eigentlich Meditation anfängt, um seine Depression oder seine Angstzustände besser in den Griff zu kriegen. Und es reicht aber einfach nicht aus. Also da wäre vielleicht dann besser bei einer Psychotherapie besser beraten. Und da raten wir dann auch zur Aufnahme von der Psychotherapie. SPRECHERIN Manchmal wird hier aber der Mangel an anderer Stelle deutlich: Psychotherapieplätze sind in Deutschland rar und mit langen Wartezeiten verbunden. Manche Menschen versuchen sich dann zunächst selbst zu helfen, weil sie von guten Effekten der Meditation bei Depressionen und ähnlichem gehört und gelesen haben. Doch unbegleitet kann das das Gegenteil bewirken. MUSIK SPRECHERIN Ein einfacher Rat für Menschen, die mit Meditation anfangen, ist daher ähnlich, wie der, den man jemanden geben würde, der mit Fitnessübungen oder Fasten anfängt: nicht einfach loslegen, sondern sich zunächst darüber informieren. Nicht jede Praxis ist auch für jeden geeignet. Vorsicht walten lassen vor überzogenen Versprechungen der Werbung im Netz und von Influencern auf Social Media. Ulrich Ott sagt, dass zum Beispiel viele Krankenkassen gute Angebote hätten mit zertifizierten Kursen und geprüften Lehrpersonen. Gute Angebote erkennt man auch daran, dass nicht sofort das teure Retreat verkauft wird, sondern zum Beispiel auch Erfahrungen und Vorprägungen abgefragt werden und zunächst zu kürzeren Kursen geraten wird. Gerade eine intensive, mehrtägige Praxis, ohne dass man viel Vorerfahrung hat, kann ein Risikofaktor für Krisen sein. MUSIK SPRECHERIN Liane Hofmann und Ulrich Ott versuchen ihr Wissen um meditationsinduzierte Krisen auch weiterzugeben und in die Breite der Psychotherapie zu bringen. Denn nicht jeder Mediziner oder Psychotherapeut weiß um die beschriebenen Nebenwirkungen von Meditation, wenn ein Patient oder eine Patientin Hilfe sucht. Durch Information, Prävention und Aufklärung lassen sich dann vor allem auch die positiven Effekte von Meditation besser genießen. ZSP 19 von Brück: Gemeinschaft in Zen wenn wir Zen praktizieren, dann ist das eine Woche im Schweigen. Da wird nicht miteinander geredet. Wir sitzen stundenlang, machen unsere Yoga-Praxis selbstverständlich, weil das auch sehr schön ist, sich dann ganz konzentriert zu bewegen. Das ist ja ein Genuss, das gehört unbedingt dazu. So, wir sitzen nebeneinander, 20, 25, 30 Leute und schweigen. Es entsteht nicht gleich nach einer Stunde, sondern aber eben nach ein, zwei, drei, vier Tagen eine Tiefe von Gemeinschaft und Gemeinschaftsgefühl, was jedes geschwätzige Zusammensein hinter sich lässt. Und das schafft eine Sicherheit, eine Tiefe, ja, ich möchte sagen Verwurzelung, die ich gar nicht benennen muss, die aber mein Lebensgefühl so richtig gut zum Ausdruck bringt. Also gerade in dem Schweigen, in der scheinbaren Einsamkeit, entsteht eine Tiefe von Gemeinschaft, die wir im Alltag längst verloren haben. Und das kann natürlich Apps oder sowas überhaupt nicht ersetzen.

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