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Gotische Bilderwelten - "Völlig losgelöst von der Erde"

16.07.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

"Es werde Licht, es geht immer weiter aufwärts", so könnte man einen Stil umschreiben, der sich ab Mitte des 12. Jahrhunderts von England aus in ganz Europa durchgesetzt hat. Die sogenannte "Gotik". Die Gotik brachte, um es ein wenig salopp zu sagen, ein wenig Licht ins vermeintlich dunkle Mittelalter. (BR 2023) Autor: Martin Trauner

Credits
Autor dieser Folge: Martin Trauner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Irina Wanka, Johannes Hitzelberger
Redaktion: Thomas Morawetz

Im Interview:
Prof. Heidrun Stein-Kecks, Department Medienwissenschaften und Kunstgeschichte - Institut für Kunstgeschichte Erlangen;
Dr. Matthias Weniger, Bayerisches Nationalmuseum

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

MUSIK und evtl. Atmo

ZITATOR (Goethe)

Als ich das erste Mal nach dem Münster ging, hatte ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks. Auf Hörensagen ehrte ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen …

SPRECHERIN

Schreibt im 18. Jahrhundert der damalige Jurastudent Johann Wolfgang Goethe. Er war Anfang zwanzig, einigermaßen gebildet und er war zum Studieren in Straßburg gelandet. Also wollte er, wie man das halt in einer neuen, fremden Stadt so macht, er wollte sich die Kirche, das Münster anschauen… Die Kirche war schon damals vor langer Zeit, für Goethe muss das wohl im finstersten Mittelalter gewesen sein, im sogenannten „gotischen Stil“ erbaut worden… 

ZITATOR (Goethe)

Ich war ein Feind der verworrenen Willkürlichkeiten gotischer Verzierungen. 

SPRECHERIN

Diese Verworrenheit hätte der junge Goethe, der ja auch in seinen jungen Jahren schon alles wusste, natürlich sofort auf den ersten Blick erkannt, aber zur Sicherheit hatte er in einem damaligen Wörterbuch, also einer Enzyklopädie 18. Jahrhunderts nachgeschlagen. Da stand freilich nichts Gutes drin über die Gotik… Das Wörterbuch schreibt (von …)

ZITATOR (Goethe)

… von Unbestimmtem, Ungeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem… 

SPRECHERIN

Also: Von aufwändig gestalteten Gewölben und von Spitzbögen; von viel zu großen, und viel zu bunten Fenstern; ja: und alles strebt in die Höhe, alles irgendwie vertikal… Alles zusammengewürfelt. Scheußlich. Oder nicht? - Goethe überlegt tatsächlich, ob er das Straßburger Münster überhaupt

betreten soll…

MUSIK und Atmo aus

SPRECHERIN

Kurz mal eine Pause. Verlassen wir mal Goethe in Straßburg. – Begeben wir uns - wie der spätere Großdichter Goethe - auf eine Spurensuche und fragen mal bei heutigen Experten nach. - Was eigentlich bedeutet heutzutage der Begriff „Gotik“?

001 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

(Stöhnt) – Schwieriger Begriff, weil er eine lange Geschichte hat und weil er, einerseits, sehr bekannt ist, weil jeder was mit Gotik anfangen kann… aber doch das Ganze differenzierter gesehen werden muss..

SPRECHERIN

Sagt Heidrun Stein-Kecks, Professorin für Kunstgeschichte… Wobei? Erkennen wir auch heute noch – so wie Goethe damals – erkennen wir Gotik auf den ersten Blick?

002 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Ja, auf den ersten Blick erkennt’s man freilich an den Spitzbögen und an dem Gewölbe, an den Dimensionen, an der Höhenentwicklung, am bestimmten Vertikalismus, an den Glasfenstern, also alles solche Dinge, die man sehr leicht erkennt und die auch allseits bekannt sind… Aber das alleine bedeutet nicht den Unterschied zwischen Gotik und Romanik

SPRECHERIN

Nochmals zum Begriff der Gotik. Das klingt ja schon irgendwie nach den Goten? - Gotik und Goten, gibt’s da eine Verbindung?

003 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Also es stimmt tatsächlich, dass der Begriff der „Gotik“ von den Goten abgeleitet wird. Das geht zurück auf einen Autor des 16. Jahrhunderts …  

SPRECHER (ZITATOR)

Auf Giorgio Vasari. Der war ein Italiener. Aus dem 16. Jahrhundert. Er schrieb Künstlerbiographien. Und er teilte die Welt der Kunst in „Stilepochen“ ein. Also erfand er Begriffe wie „Manierismus“, „Renaissance“ oder auch die „Gotik“. Die Gotik oder die Goten, die mochte er freilich nicht. Die Goten, das waren die Deutschen… Er glaubte…

004 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

…dass die Goten diejenigen waren, die das römische Reich zerstört haben. Und zugleich aber auch alles damit Verbundene in der Architektur, also alle antike Architektur im Römischen Reich zerstört haben, in den vielen Kriegen, die sie geführt haben (…) Und niemand wusste mehr, wie man gut baut. Also das Wissen um eine gute Architektur ist vollständig verloren gegangen. Durch den Einfall der Goten und der Zerstörung des Römischen Reiches.

MUSIK und ATMO (Straßburger Dom)

SPRECHERIN

Aber jetzt nochmals zurück zu Goethe, zu dem Moment, als er in das Straßburger Münster reingehen will: Die Goten, die waren also halbwilde Halsabschneider, das dachte auch Goethe seinerzeit. Die Kunst der Gotik, die Kunst des Mittelalters, die muss folglich – Giorgio Vasari hatte es ja so geschrieben - barbarisch gewesen sein…

ZITATOR (Goethe)

Ich war nicht gescheiter als ein Volk, das die ganze fremde Welt barbarisch nennt. Es hieß alles „Gotisch“, was nicht in mein System passte. Also: „Ganz vom Zierat erdrückt.“

SPRECHERIN

Vielleicht kann man Goethes Eindrücke am besten mit Musik nachvollziehen. Eine so alte Kirche wie das Straßburger Münster, die hätte Goethe gerne im Sinne der Romanik gesehen, also die Kunst aus der Zeit vor der Gotik... Dunkel, ein paar Kerzen, bescheiden, gregorianische Choräle, natürlich einstimmige Musik … Also in etwa so…

MUSIK „Sederunt“ – „langweilige“ Gregorianik

SPRECHERIN

Und dann betritt Goethe das Straßburger Münster. Eine „neue Musik“ empfängt ihn, die Kunst der „Ars Nova“. Es ist die Kunst der, ja, nennen wir sie einfach mal so, die Kunst der Gotik. - Mehrstimmige Musik. Die war extra für den gotischen Kirchenraum komponiert worden …

MUSIK „Sederunt“ - Perotin

SPRECHERIN

Es werde Licht!

005 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Es war schon das Gefühl der ganzen Epoche, was sich auch in der Musik natürlich fortgesetzt hat (…)  

ZITATOR (Goethe)

Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davor trat. Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte …

SPRECHERIN

Der Baumeister des Münsters, erkannte Goethe, muss ein Genie gewesen sein. Denn er brachte den Himmel auf Erden…

MUSIK hoch und aus

006 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Mit der Gotik kommt ja Licht in ganz anderer Form in die Kirchen hinein. Und das sieht man den Kunstwerken natürlich auch an. Romanische Kirchen waren sehr dunkel oft, hatten nur kleine Fenster (…) in der Gotik werden die Wände geöffnet, durch die riesigen Fenster.

SPRECHERIN

Sagt der Kunsthistoriker Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum in München…

ATMO Bayerisches Nationalmuseum

007 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Also, wir stehen jetzt hier im Kirchensaal des Bayerischen Nationalmuseums mit viel gotischer Kunst…

SPRECHERIN

Der sogenannten Kirchensaal sieht aus wie eine kleine gotische Kirche, also halt so mit Spitzbögen und Rippengewölbe, aber voll mit Bildern, Skulpturen und Grabplatten aus der Zeit der „Gotik“…

008 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Man wollte einfach den Gegenständen aus dem christlichen Mittelalter einen entsprechenden Rahmen geben und hat deshalb so eine kirchenartige Halle um die Figuren herumgebaut, die dann tatsächlich als Kirchensaal bekannt ist, nicht nur innerhalb des Hauses …

SPRECHERIN

Der Kirchensaal, erbaut in den 1890er Jahren in einem neugotischen Stil, hat keine Fenster, ist aber hell erleuchtet, durch Lichtspots an der Decke…

009 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Wenn Sie einmal die Möglichkeit hatten, sich gotische Kunstwerke in gotischen Kirchen ohne künstliches Licht anzuschauen, dann werden Sie merken, wie das Licht spielt… und das geht verloren, wenn Sie da mit Spots drauf leuchten, dann verliert das alle Tiefe und verliert auch alles Leben…

MUSIKAKZENT

SPRECHERIN

Was nun heißt „gotische Kunst“. Bedeutet das mehr als ein paar Verspieltheiten in der Architektur? - Erstmal zurück auf Anfang. Wo hat diese mittelalterliche Kunst ihren Anfang gefunden? 

010 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Ja. Entstanden ist das, was wir heute „gotische Architektur“ bezeichnen, als „Stilepoche“, als eine Epoche mit einer bestimmten Stilzuschreibung, das beginnt tatsächlich in Frankreich.

SPRECHERIN

Also nicht bei den vermeintlichen Goten in Deutschland. Sondern in Frankreich.

011 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Da hat man sogar zeitweise von französischer Kunst gesprochen, was ja auf eine gewisse Weise auch stimmte, weil es wirklich aus Frankreich kam…

SPRECHERIN

Die Kunsthistorikerin Heidrun Stein-Kecks ergänzt…

012 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

In der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts, in den elfhundert 30er und 40er Jahren. Und zwar nicht in Frankreich, man müsste schon differenzieren, es beginnt tatsächlich in Paris, und in den Kronlanden, also in er Krondomäne des französischen Königtums …

SPRECHERIN

Krondomäne oder Krongut, das waren und sind schon wirklich sehr spezifische Begriffe für mittelalterliche Herrschaft, also, das was wir heute unter Gotik verstehen, begann in der Nähe von Paris, in Saint Denis. Die Stadt Saint Denis grenzte nördlich an Paris…l 

013 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Als man 1140 in Saint Denis den Chorumgang gebaut hat, Abt „Suger“ oder „Suscher“, die Geburtstunde der, was wir heute als Gotik so verstehen, da war hier noch tiefste Romanik, und da war noch hundert Jahre lang Romanik, also noch als die Gotik in Frankreich ihren Höhepunkt erreichte, in Reims, da war immer noch Romanik in Bayern, bei uns.

SPRECHERIN

Die Kathedrale von Saint Denis wird zum Vorbild für viele neue Sakralbauten. Plötzlich wollten viele Fürsten in ihren Städten solche prächtigen Kathedralen, etwa in Köln, Regensburg oder Straßburg. Denn die Kathedrale ist ja nicht nur Ausdruck der göttlichen Herrschaft, sondern auch ein Zeichen der weltlichen Macht.

MUSIK

SPRECHERIN

Und die Gotik zeigt sich nicht nur in neuen Kirchenbauten …

014 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Gotik bedeutet ja nicht nur die Architektur, sondern das ist ja ein Gebilde aus verschiedenen Künsten, die sich in der Architektur und gemeinsam in der Architektur zusammenfinden…

ATMO Nationalmuseum

SPRECHERIN

Im Bayerischen Nationalmuseum stehen wir vor einer bärtigen, langhaarigen  Figur, die sich scheinbar um einen Stock wickelt, auf den Schultern trägt der Wilde, ein Kind…

015 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Also Extravaganz ist sicher ein Aspekt, der wichtig ist, dieses tänzerische, dieses Extrovertierte…

SPRECHERIN

Aber wer ist jetzt dieser extrovertierte Tänzer?

016 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Das ist der Heilige Christophorus, der wirkte natürlich besonders wild und urtümlich…

MUSIK

ZITATOR

Christophorus ist ein sehr spezieller Heiliger. In der Kunst wurde er als bärtiger Riese dargestellt, der ein Kind auf seinen Schultern über einen Fluss trägt. Der Legende nach soll er zum dem Kind gesagt haben, du bist mir immer schwerer geworden, so als hätte ich die Last der ganzen Welt auf den Schultern getragen. Das Kind habe geantwortet: Du hast sogar den Schöpfer der Welt auf deinen Schultern getragen. Ich bin das Christuskind….

MUSIK aus

SPRECHERIN

An der Holzfigur des Christophorus im Museum fällt sofort das kunstvoll gestaltete Gewand auf…

017 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Es ist vor allem immer in der Anlage der Gewänder… Also, was wir noch als Kunstgeschichtsstudenten etwas merkwürdig fanden, wenn unsere Lehrer immer nur über die Gewandbildung und über die Falten und über die Schüsselfalten und über die Muldenfalten und über die Röhrenfalten geredet haben… Aber man merkt, dass sich diese Generationen doch darüber definiert haben und dass das doch im Zentrum der künstlerischen Beschäftigung stand. Das kann man halt an den Zeichnungen und den Zeugnissen der Zeit ablesen…

SPRECHERIN

Der aus Lindenholz gefertigte Christophorus stammt aus dem späten 15. Jahrhundert. – Also weit nach der Zeit der Begründung der Gotik in den Parisern Vororten… Und dann stellt sich doch die Frage, wie lange dauerte eigentlich die „Gotik“ – 

018 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Das, was man als Gotik bezeichnet, erstreckt sich über ein halbes Jahrtausend. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber wenn man so möchte, den Beginn in der französischen Gotik des 12. Jahrhunderts bis hin zur spätesten Gotik nördlich der Alpen…

SPRECHERIN

Gotik zeigte sich in vielen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten. Etwa in England, aber auch in Italien oder Spanien. Und auch in Bayern. Doch man muss wegen des großen Zeitrahmens vorsichtig sein, meint Heidrun Stein-Kecks

019 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Deswegen komme ich auf diese zeitliche Differenzierung. Wir haben in der Frühzeit Beispiele in Regensburg mit der Ulrichskirche, eine erste Übernahme von gotischen Formen in einer Kirche neben dem Dom und dann natürlich den Dom selber, der ein schönes Bespiel französischer Gotik in verschiedenen Elementen zeigt…

MUSIK

ZITATOR 

Mit dem Bau des Regensburger Doms wurde 1275 begonnen, nachdem die alte Kirche abgebrannt war. Angeblich war der damaligen Bischoff von Regensburg bei einer Reise nach Frankreich auf ein Kirchenkonzil in Lyon von der dortigen Bauweise so beeindruckt, dass er seine neue Kirche im Stile der französischen Gotik bauen wollte…

SPRECHERIN

Wohl eine Legende, sie erklärt aber sehr schön den Einzug der Gotik nach Bayern. Aber auch der Bischoff von Regensburg durfte damals schon gewusst haben, die Fertigstellung seiner Kirche wird er nicht mehr erleben…

020 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Die Lebensspanne eines Baumeisters ist bei Gott nicht der angemessene Rahmen für die zeitliche Spanne eines solchen Auftraggebers, es sei eines Königs oder Bischoffs oder die wie auch immer… Also wenn es um ein Projekt geht, wie bei einem solchen Kathedralbau oder eine große Abteikirche… Dieser Bau dient nicht nur der Versammlung der Menschen zum Gottesdienst. Sondern diese Architektur ist ja selbst ein Ort, in dem „Gott Wohnung nimmt“

SPRECHERIN

Also etwa nach der Apokalypse, wenn die Welt zu Ende geht, wenn der Herrgott wiederkehrt. Wenn alles den Bach runter gegangen ist…

021 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Dann braucht es hier Bauten, die als Wohnstatt Gottes dienen können

SPRECHERIN

In einer gotischen Kirche, die vielleicht als Abbild des himmlischen Jerusalems dienen könnten?

022 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Sagt sich so leicht dahin, Abbild des himmlischen Jerusalems, aber es ist tatsächlich eben ein Ort, in dem Gott Wohnung nimmt, da gelten andere Spannen als eines menschlichen Lebens.

SPRECHERIN

Und dieses Denken beeinflusst auch Bayern weiter… 

023 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Was wir dann in Bayern natürlich auch haben, ist aus der Spätgotik die Nürnberger großen Pfarrkirchen, Sankt Sebald und Sankt Lorenz, also die Chöre an diesen älteren Kirchen oder in Sankt Lorenz eben auch das ganze Langhaus. - Also, wir haben durchaus Beispiel, die zur gotischen Architektur zu zählen sind.

MUSIKAKZENT

SPRECHERIN

Die Kunst, die heute unter der Rubrik Gotik überliefert ist, scheint dann doch sehr stark auf den sakralen Raum begrenzt zu sein. Also hohe Kirchen mit ihren Heiligendarstellungen. - Gotik in der normalen Welt, also im profanen Bereich, scheint es nicht all zu viel gegeben zu haben. Oder doch? 

024 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Das gab’s natürlich auch im profanen Bereich… Der Punkt ist nur, dass die Dinge, die erhalten sind, meistens über Kirchen überliefert worden sind, weil im profanen Bereich die Dinge dann durch Neuausstattung verschwunden sind oder dass auch private Kunst später in Kirchen gestiftet wurde und dadurch überlebt hat…

SPRECHERIN

Sagt Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum. Und Heidrun Stein-Kecks meint, natürlich ist Gotik in der normalen Welt sichtbar, zumindest in der Architektur.

025 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Was auch dazukommt, dass sich in dieser Spanne der „Gotik“ sich auch die Gesellschaft verändert, die Herrschaftsstrukturen sich verändern. Dass mit einem Erstarken der Städte der neuesten Technik und den neuesten Bauformen errichtet werden, wie zum Beispiel die Rathäuser…

MUSIKAKZENT

ZUSPIELUNG (ATMO Stufen)

„Was ich Ihnen noch zeigen kann, wenn wir hier ein paar Stufen hochgehen….

SPRECHERIN

Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum führt in einen Raum…  na ja, wie soll man das beschreiben, der Raum ist ein sogenanntes Tonnengewölbe und die holzvertäfelte Decke besteht aus lauter kleinen Bildern. 

026 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Wir haben hier zum Beispiel die Zunftstube der Augsburger Weber. Den Versammlungsraum. Das ist also ein profaner Versammlungsraum. Und sicherlich einer der spektakulärsten Raumfüllungen der profanen Gotik überhaupt …

MUSIK

ZITATOR 

In der Augsburger Zunftstube trafen sich im Mittelalter die Weber. Ausgestaltet wurde der Raum Mitte des 15. Jahrhunderts von Peter Kaltenhoff. Die Holzverkleidung erwarb das Bayerische Nationalmuseum bereits im Jahre 1864. Und hat es somit gerettet. Denn das Weberhaus wurde anschließend abgerissen, weil es baufällig war und weil es einer neuen Straßenführung im Weg stand... 

SPRECHERIN

Übrigens, der Architekt des Bayerischen Nationalmuseums, Gabriel von Seidl, protestierte seiner Zeit vehement gegen den Abriss des Augsburger 

Webergebäudes. - Aber zurück in die nachgebaute Zunftstube im Museum:

027 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Sie sehen ja hier auch schon wieder an den Kielbögen über den Darstellungen der Personen, die das ganze Spektrum, alles, was wichtig war in der damaligen Welt, über die antiken Helden bis zu den sieben Kurfürsten, bis zu den regierenden Fürsten, aber auch Alexander der Große, Caesar, alle kommen hier irgendwie vor…

ZITATOR 

Die Augsburger Weber sahen sich als Teil des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“. Also wird auf den Holztäfelchen alles abgebildet, was in diesen großen Kontext passt. Die großen griechischen und römischen Helden, Schöpfungsgeschichte, jüdische und heidnische Propheten. Ein Kunterbunt der Geschichte….

SPRECHERIN

Die Augsburger Zunftstube überwältigt. Obwohl nur abgebaut und dann wieder aufgebaut. Denn nun fühlt man sich tatsächlich in die Zeit der Gotik zurückversetzt, was, na ja, und das muss man jetzt mal vergessen, was immer die Gotik in all ihren Differenzierungen auch bedeuten mag…

028 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Also die Weber stellen sich in eine enorme Ahnenreihe, aber überfangen alles mit diesen Bögen, wie wir sie aus der Gotik kennen und mit der Gotik verbinden… Und Sie können es auch mit der Tür, das ist die originale Tür, die dazugehört, mit diesen Beschlägen oder diesen Kastenschlössern, die sind auch gotisch …

MUSIKAKZENT

SPRECHERIN

Die Gotik, also die gotische Kunst hat auch etwas ganz Handfestes. Denn Gotik bedeutet auch schlichtweg Verbesserungen ganz praktischer Art

029 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Und das setzt natürlich auch eine große handwerkliche Perfektion voraus… 

SPRECHERIN

Sagt Matthias Weniger. Denn Handwerker wurden mindestens vier Jahre lang ausgebildet….

030 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Das führt zu diesem hohen Grad der Perfektion. Und auch in einem Umgang mit dem Material, die wussten genau, was sie machen, das ist in den späteren Jahrhunderten verloren gegangen, aber sie wussten, wie man verhindert, dass das Holz reißt, also hatten noch handwerkliche Kenntnisse, die man später nicht mehr hatte… 

SPRECHERIN

Auch Heidrun Stein-Kecks meint, die gotischen Handwerker, haben ihre Zeit nachhaltig beeinflusst…

031 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks)

Das geht ein als ein, wie soll man sagen, als ein weit verbreiteter und allgemeiner Baustil, beziehungsweise die Elemente und auch die technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die bei dem Bau der ersten frühen gotischen Kathedralen entwickelt wurden, die gehen natürlich in die allgemeine Baukunst über…

MUSIK

SPRECHERIN

Und jetzt muss man auch noch erwähnen, die Kunst der Gotik ist eine Bildsprache, ein Bildprogramm. Natürlich sind die Kirchenbauten, die Illustrationen in Handschriften, die üppig gestalteten Fenster in den Kirchen, die Skulpturen, ein Mittel, ein didaktisches Mittel, um das Göttliche zu begreifen. Aber vor allem geht es in der Zeit der Gotik auch um Emotion. Matthias Weniger führt im Bayerischen Nationalmuseum zu einer Skulptur. Ein Löwe, ja, der ist der König der Tiere, aber darauf sitzt ein Skelett.

032 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

(Und) Hier haben wir die Bekrönung einer Uhr aus einem Kloster, Zisterzienserkloster Heilsbronn bei Nürnberg vor uns … beziehungsweise wir haben die Kopie, das Original steht auf der anderen Seite …

ATMO Nationalmuseum

MUSIK

ZITATOR

Genannt wird die Skulptur „Der Tod, auf einem Löwen reitend“. Der Bildschnitzer erhielt für sein Werk aus dem Jahre 1513 ganze sieben Gulden.

033 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

Es soll natürlich symbolisieren, dass selbst über den Löwen, das mächtitigste aller irdischen Wesen, das mächtigste Tier, doch letztlich der Tod regiert und dass auch der Löwe keine Macht gegen den Tod hat..

SPRECHERIN

Vielleicht drückt diese Figur am besten den Zeitgeist und das Lebensgefühl der Gotik aus. - 

Die Ambivalenz zwischen prachtvollem Leben und der Vergänglichkeit des Menschen….

034 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger)

… und wir haben versucht, an der Kopie die alte Funktionalität zu zeigen (…) In dem Tod, der auf den Löwen reitet, war eine Glocke eingebaut, und der Tod hat, wenn die Uhr die volle Stunde geschlagen hat, hat er mit dem Knochen auf die Glocke im Inneren des Löwen geschlagen (man hört es!) und dazu hat sich die Zunge des Löwen bewegt und hat auch der Unterkiefer des Todes schaudererregend geklappert … 

MUSIK 

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Tobias Windmaißer ist beim Bund Naturschutz in Bayern für die Vernetzung des Grünen Bandes im Inneren Bayerischen Wald zuständig. MUSIK ENDE 05 Zsp Kreuzotter Tobias Windmaißer Wir konnten auf mehreren Flächen die Attraktivität für die Kreuzotter erhöhen, dadurch dass wir Totholzhaufen und Lesesteinriegel angelegt haben. Viele Flächen werden extensiv beweidet und Teilbereiche nur sporadisch gemäht. Das alles führt zu einer höheren Strukturvielfalt auf der Fläche. Und zum Beispiel brauchen junge Kreuzottern als Nahrung die Hüpferlinge, also die Larven von Amphibien wie dem Grasfrosch. Die kommen natürlich nur vor, wenn auf der Fläche auch Tümpel oder kleine Gewässer vorliegen. Und die haben wir aktiv reaktiviert oder neu angelegt. Und das in der Summe führt dann dazu, dass die Flächen für die Kreuzotter besser geeignet sind. SPRECHERIN Solche Maßnahmen zeigen Wirkung: Auf einigen wenigen, besonders abwechslungsreichen Flächen im Bayerischen Wald können Experten zuletzt zur Paarungszeit mehrere Tiere auf einmal beobachten. Tobias Windmaißer: 06 Zsp Kreuzotter Tobias Windmaißer Und mittlerweile ist dieses Gebiet in Anführungszeichen eine Paarungsarena geworden für die Kreuzotter. Und dort wurden schon einmal über zwei Dutzend Exemplare auf einmal gezählt. Sowas ist allerdings wirklich eine Seltenheit. SPRECHERIN In Bayern kommen die Schlangen inzwischen nur noch in abgegrenzten Gebieten vor. Ziel der Umweltschützer ist es, die Lebensräume zu erhalten und falls möglich - die Gebiete wieder zu vernetzen, so dass es zu einem genetischen Austausch kommt. Oft sind die Populationen aber so stark isoliert, dass dies schwierig ist. Max Prietzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum: 07 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Kleine, stark isolierte Populationen, denen fehlt natürlich der genetische Austausch und das kann natürlich durch genetische Prozesse zu einer Verarmung (…) und dementsprechend zu geringerer Reproduktion bis hin zum Aussterben der Population führen. (…) Es laufen tatsächlich Studien, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, unter anderem in Schweden gibt es ein sehr ausführliches Beispiel, da wurde eine Population (…) über mehrere Jahre untersucht und die war eben stark verarmt und man hat dann aus einer nahen Population einzelne Tiere, in dem Fall männliche Tiere, in diese Population eingebracht und konnte eben relativ schnell Erfolge sehen. SPRECHERIN Die Reproduktionsrate stieg, heißt: es gab wieder mehr Jungtiere. Aber auch die Zahl der Tiere insgesamt nahm zu. In Bayern greift man noch nicht zu solchen Maßnahmen, sagt Max Prietzel. 08 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Da ist ein weiteres Problem natürlich, dass wir aktuell tatsächlich noch zu wenig zur Genetik der Art selber wissen, also erst vor relativ kurzer Zeit, (…) ist eine neue genetische Unterart, die Alpenkreuzotter, auch in Bayern festgestellt worden und da ist es natürlich so, dass man, wenn man da Tiere aus sehr stark unterschiedlichen Regionen miteinander verbringt, dass dann natürlich da auch Effekte auf die genetische Diversität wirken, also dass das natürlich auch zu Nachteilen führen kann. Dementsprechend brauchen wir da eigentlich erstmal noch deutlich fundiertere Daten, um in diese Richtung denken zu können. ATMO Donner & Regen, Wind MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain”; Album: Mind of Tesla; Label: CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino; ZEIT: 00:29 SPRECHERIN Je nach Witterung suchen sich die Schlangen im Herbst oder Spätherbst ein Winterquartier – zum Beispiel frostsichere Höhlen oder Hohlräume unter Steinhaufen. Etwa von Oktober bis März verbringen die Tiere, die sonst als Einzelgänger unterwegs sind, dann oft zusammen mit Artgenossen. Sie müssen etwa ein halbes Jahr ohne Nahrung auskommen. Völlig regungslos sind sie aber auch im Winter nicht. MUSIK ENDE MUSIK „Particle“; ZEIT: 01:20 SPRECHERIN Im Frühjahr kommen dann zunächst die Männchen aus ihren Winterquartieren. Sie legen sich in der Nähe ihres Schlafplatzes zum Aufwärmen in die Sonne. In diesen Wochen reifen ihre Spermien. Ab April häuten sich die Reptilien dann. Da die Haut nicht mitwächst, muss die zu klein gewordene Haut regelmäßig abgestreift werden. Dies geschieht vier bis fünf Mal im Jahr, indem die Tiere zum Beispiel über Steine oder Baumstümpfe kriechen. Dabei wringen sie sich aus der zu eng gewordenen Haut wie Menschen aus einer zu engen Jeans. Zurück bleibt das sogenannte Natternhemd. Im neuen, silber-schwarzen Hochzeitskleid steht dann im April und Mai die Paarung an. Kreuzottern werden im Alter von drei bis vier Jahren geschlechtsreif. Die paarungsbereiten Weibchen sondern Pheromone ab. Die etwas kleineren Männchen folgen dem Duft. Sinneszellen auf ihrer gespaltenen Zunge ermöglicht es ihnen, räumlich zu riechen und die Weibchen zu finden. Wenn auch andere Männchen um das Weibchen buhlen, findet ein Ringkampf statt. Dazu richten die konkurrierenden Männchen ihre Vorderkörper auf und umschlingen sich. Jeder versucht, seinen Kopf über den des anderen zu schieben und den Gegner auf den Boden zu drücken. Das unterlegene Männchen bei den ritualisierten Kommentkämpfen ergreift die Flucht. Der Sieger kommt zum Zug. Paul Hien: MUSIK ENDE 09 Zsp Kreuzotter Paul Hien Also die setzen niemals ihre Giftzähne ein. (…) Das sind so rituelle Kämpfe. Da wird nur kurz geschaut, wer ist der Stärkere, ohne dass man jemanden wirklich verletzen will. (…) SPRECHERIN ((Bei der Paarung kriecht das Männchen mit zuckenden Bewegungen über das Weibchen und berührt es immer wieder mit der Zunge. Dann erfolgt die Begattung, indem die sogenannten Kloaken aneinandergepresst werden.)) Der Paarungsakt kann mehr als zwei Stunden dauern, erzählt Reptilienexperte Paul Hien. 10 Zsp Kreuzotter Paul Hien Und es ist so, dass sich ein Weibchen mit mehreren Männchen paaren kann. Und da kann sogar der Wurf mehrere Väter (…) haben. (…) Nach dem Paaren versucht das Männchen, sein Weibchen dann noch eine Weile zu beschützen vor anderen Männchen. Weil je mehr sich damit paaren, desto weniger Chancen hat das erste Männchen, dass seine Gene dann tatsächlich weitergegeben werden. MUSIK „Natural Harmony“; ZEIT: 01:04 SPRECHERIN Kreuzottern gehören zu den ovoviviparen Reptilien. Ovovivipar bedeutet Ei-Lebend-Geburt. Das heißt: Die Weibchen brüten die Eier acht bis zehn Wochen im Körper aus und legen sich dazu jeden Tag in die Sonne. Zwischen August und Oktober kommen dann mehrere Jungschlangen lebend zur Welt, umhüllt von einer dünnen, durchsichtigen Eihülle. Diese müssen die neu geborenen, bis zu zwölf Zentimeter langen Schlangen zerreißen. Kurz darauf häuten sie sich zum ersten Mal. Die Jungtiere sind sofort selbstständig. Sie ernähren sich hauptsächlich von jungen Gras- oder Moorfröschen. Dafür bewegen sie ihren kleinen Schwanz hin- und her. Für die Frösche sieht der winkende Schlangenschwanz wie ein fetter Wurm aus. Wenn die Hüpferlinge in Reichweite sind, beißen die kleinen Jungvipern, die bereits Gift haben, zu. Doch es gibt immer weniger Frösche, sagt Max Prietzel. MUSIK ENDE 11 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Wir haben jetzt in den letzten Jahren, auch klimawandelbedingt, sehr starke Rückgänge, vor allen Dingen von Grasfrosch und diese frisch metamorphierten Hüpferlinge, die spielen eben eine wichtige Rolle bei den jungen Kreuzottern und durch den Rückgang eben des Grasfrosches sind langfristig auch Auswirkungen auf die Kreuzotterbestände zu befürchten. SPRECHERIN Ein weiterer Grund für den Rückgang der Amphibien wie dem Grasfrosch: Sie reagieren sehr empfindlich auf Umweltgifte oder auch Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat. ((Kreuzotter-Experte Paul Hien: 12 Zsp Kreuzotter Paul Hien Amphibien geht es gerade richtig schlecht weltweit. Und wenn es den Amphibien schlecht geht, geht es leider auch den Kreuzottern schlecht. )) SPRECHERIN Adulte, also ausgewachsene Schlangen jagen Eidechsen, Frösche, Feld-, Wald- oder Spitzmäuse. Paul Hien: 13 Zsp Kreuzotter Paul Hien Und die ausgewachsenen Ottern, die sind dann auf Mäuse spezialisiert und dieser langgestreckte Körper von einer Schlange, der ist natürlich perfekt dazu geeignet, dass man in ein Mauseloch hineinschlüpft und die Maus da drin direkt fangt. Das kann natürlich ein anderer Beutegreifer in der Form nicht, wie zum Beispiel ein Fuchs oder der Bussard. Der muss eben warten, bis die Maus rauskommt oder danach graben. SPRECHERIN Über ihre gespaltene Zunge können die Ottern räumlich Geruchsspuren erfassen und potenzielle Beutetiere verfolgen. Max Prietzel: 14 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Und dann, wenn sie die Tiere aufgespürt haben, sind sie eigentlich ein Lauerjäger. Also sie warten eigentlich, dass das Tier in Reichweite kommt, um dann eben zum Giftbiss anzusetzen und das Tier zu beißen. SPRECHERIN Dazu werden die beiden im Oberkiefer im Ruhezustand nach hinten geklappten Giftzähne nach vorne aufgestellt. Die beiden hohlen Zähne sind am Kiefer mit einer Giftdrüse verbunden. Von dort fließt das Gift in Sekundenbruchteilen durch die Zähne in die Bisswunde. Nach dem Biss lassen die Schlangen die Beute los und warten einige Sekunden oder Minuten, bis das Gift auf das Herz-Kreislaufsystem des Opfers gewirkt hat. Die Schlangen verfolgen das mit letzter Kraft flüchtende Tier und verschlingen es dann vom Kopf aus im Ganzen. ((Damit die Schlange beim Schlingen atmen kann, stülpt sie ihren Kehlkopf nach vorne.)) Pro Jahr frisst eine ausgewachsene Kreuzotter etwa 20 bis 30 Kleintiere. ATMO (Laubrascheln, Schritte, Menschen im Wald) MUSIK privat Take 003 „Children of Pizzicato”; Album: Perfect Fith Intervals; Label: 2018 Hoshow Mitani; Interpret: Hoshow Mitani; Komponist: Hoshow Mitani; ZEIT: 00:50 SPRECHERIN Menschen werden selten gebissen. Weil die scheuen Kriechtiere Erschütterungen wahrnehmen können, sind sie in der Regel längst geflohen, wenn Menschen in ihre Nähe kommen. Nur wenn man versucht, das Reptil anzufassen, beim Beerensammeln oder bei Waldarbeiten aus Versehen auf sie tritt oder sich die Schlange bedroht fühlt, beißt sie auch bei Menschen zu. Das Gift der Kreuzotter ist zwar stark und bis zu dreimal so giftig wie das der Klapperschlange - aber sie verfügt nicht über große Giftmengen. Für einen gesunden Erwachsenen ist ein Kreuzotterbiss vor allem schmerzhaft. ((Je nach abgegebener Giftmenge und Gesundheitszustand kann es auch zu Übelkeit, Schwindel und Atemnot kommen.)) In der Regel ist ein Biss aber nicht lebensgefährlich. Paul Hien: MUSIK ENDE 15 Zsp Kreuzotter Paul Hien So wie alle anderen Giftschlangenarten auch, kann die Kreuzotter ihr Gift beim Biss dosieren. Es kann sein, dass überhaupt kein Gift eingesetzt wird, das ist dann ein sogenannter Trockenbiss oder man bekommt eine volle Dosis ab oder irgendwas dazwischen. Normalerweise wird eine Kreuzotter immer versuchen, ihr Gift sparsam, so sparsam wie möglich einzusetzen und nicht an den Menschen zu verschwenden, weil den kann sie ja letztendlich nicht fressen. SPRECHERIN Bei den meisten Patienten kommt es nur zu einer Rötung und Schwellung an der Bissstelle. Ein Antiserum, also Gegengift, muss nach einem Kreuzotterbiss nur sehr selten eingesetzt werden, zum Beispiel wenn schwere Herz-Kreislauf-Probleme auftreten. Dennoch empfehlen Mediziner, das betroffene Körperteil nach einem Biss zu schienen und sich nicht anzustrengen. Denn je niedriger die Herzfrequenz, desto langsamer verteilt sich das Gift im Körper. Auch sollten Menschen, die gebissen wurden, zur Sicherheit zum Arzt gehen. Abbinden oder die Wunde auszusaugen wird nicht empfohlen – im Gegenteil, dies kann die Symptome eher verschlimmern. Manchmal kommt es auch zu Bissen, weil die Kreuzotter verwechselt wird, zum Beispiel mit der ungiftigen Ringelnatter. Dabei hat die Ringelnatter kein Zickzackmuster und anders als die Kreuzotter runde und nicht schlitzförmige Pupillen. Doch die sehr unterschiedlichen Färbungen von Kreuzottern führen dazu, dass sie oft nicht erkannt wird. Es gibt silbergraue, hell- und dunkelgraue, braune, blau-graue, orangene, rotbraune oder kupferrote Exemplare. Einfarbig kupferfarbene Tiere werden Kupferottern genannt. Und es gibt auch schwarze Kreuzottern – auch bekannt unter dem Namen Höllenotter oder Bergviper. Paul Hien: 16 Zsp Kreuzotter Paul Hien Die Kreuzotter ist eine polymorphe Art, das heißt, die sind individuell sehr unterschiedlich gefärbt und gezeichnet. Also bei Tieren ist sowas generell sehr selten, weil normalerweise sind die Tiere halt farblich perfekt an ihre Umgebung angepasst und die Kreuzotter besticht aber da durch eine Vielfalt, die ist unglaublich und es gibt kaum eine andere Schlangenart auf der Welt, die derart variabel ist. ((Also die meisten haben ja dieses namensgebende Zickzackband am Rücken, aber auch da gibt es unglaublich viele Varianten, da schauen wirklich keine zwei gleich aus.)) SPRECHERIN Vor allem vor der schwarzen Kreuzotter war die Furcht groß. Lange Zeit glaubten die Menschen fälschlicherweise, dass die schwarzen Exemplare giftiger seien als heller gefärbte Tiere. Atmo (Schrei von Greifvogl) SPRECHERIN Trotz ihres potenten Gifts hat auch die Kreuzotter natürliche Fressfeinde. So werden die Schlangen von Greifvögeln wie dem Mäusebussard oder dem Schwarzmilan, aber auch von Raben erlegt. Auch Marder, Dachse, Füchse und Fischotter fressen die Schlangen. Die Liste der Prädatoren ist lang, sagt Max Pritzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum: 18 Zsp Kreuzotter Max Pritzel In letzter Zeit häufen sich auch die Hinweise, dass die erhöhte Schwarzwilddichte lokal sehr stark auf die Kreuzotter-Populationen wirkt. Die Wildschweine können die Kreuzottern vor allen Dingen in den Winterquartieren aufspüren durch ihren guten Geruchssinn und dann natürlich auch ausgraben und fressen ((und dementsprechend ist es vor allen Dingen auch wichtig, dass Kirrungen in kreuzottersensiblen Gebieten natürlich entsprechend verlegt werden. SPRECHERIN Unter Kirrung versteht man einen Ort, an dem Futter ausgebracht wird, um Wild anzulocken und zu bejagen. Kirrungen in offenere Waldbereiche oder an Waldränder sollten deshalb vermieden werden, weil diese Bereiche Hotspots für Kreuzottern sind. Durch die erhöhte Frequenz der Wildschweine aufgrund der Kirrungen steigt die Gefahr, dass die Tiere im Umkreis aus den Winterquartieren ausgebuddelt werden.)) Unter anderem durch den Maisanbau hat sich Schwarzwild, also Wildschweine, stark vermehrt. Wie viele Wildschweine in Bayern in den Wäldern leben, ist unklar. Klar ist nur, dass ihre Zahl über die Jahrzehnte deutlich zugenommen hat und durch Jagd immer wieder reduziert werden muss. Hinzu kommen neue Feinde, sagt Paul Hien: 19 Zsp Kreuzotter Paul Hien Der Mensch hat Waschbär oder Marderhund eingeführt, die gab es vorher überhaupt nicht und es werden auch immer mehr Hauskatzen, Freigängerkatzen, die den Tieren draußen das Leben schwer machen. MUSIK „Wave“; ZEIT: 00:53 SPRECHERIN Weniger Lebensräume, mehr Feinde, mehr Landwirtschaft, mehr Umweltgifte – für die Kreuzotter bei uns wird es eng – und das wirkt sich nicht nur auf das Überleben der Schlangen aus. Paul Hien: 20 Zsp Kreuzotter Paul Hien Reptilien und vor allem Amphibien sind wie eine Art Frühwarnsystem. (...) Das ist wie mit dem Kanarienvogel, den man früher in Kohleminen mit reingenommen hat. Allerdings haben viele Menschen nicht verstanden, dass es dabei eigentlich gar nicht um den Kanarienvogel geht. Also im übertragenen Sinne geht es halt bei dem Schutz von Reptilien und Amphibien eigentlich um unsere eigene Zukunft. Also ohne Tiere funktionieren halt keine Ökosysteme und ohne funktionierende Ökosysteme haben wir ein massives Problem irgendwann.

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JETZT ANHÖREN Warum Tiere singen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: WirTier. Ein Podcast über die Begegnung von Mensch und Tier. WirTier erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen und Erkenntnisse über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und lassen uns teilhaben an ihrem Wissen über Tiere. Denn auch Forscherinnen und Forscher wissen zunehmend: Tiere haben Gefühle, Intelligenz und ein Sozialleben. Und auch Vici und Julius, die Hosts von WirTier, verändern sich durch diese Begegnungen – und stellen sich vielfältigen Herausforderungen auf der Weide, im Garten oder auch in freier Wildbahn. Literaturtipps: Lars Chittka "The Mind of a Bee", erschienen bei Princeton University Press, ab März 2024 auch auf Deutsch unter dem Titel "Im Cockpit der Biene": EXTERNER LINK | https://press.princeton.edu/books/ebook/9780691236247/the-mind-of-a-bee Ludwig Huber, "Das rationale Tier", erschienen beim Suhrkamp-Verlag: EXTERNER LINK | https://www.suhrkamp.de/buch/ludwig-huber-das-rationale-tier-t-9783518587713 Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wild Wild Web - Geschichten aus dem Internet Hier findet ihr Geschichten aus dem Internet, die ihr so noch nie gehört habt. Heute: Orcas spielen Schiffe versenken - und das Netz macht sie zu Kämpfern gegen Klimawandel und Kapitalismus. Aber was steckt hinter den Orca-Begegnungen? Und warum lieben plötzlich alle Killerwale? Meme-Lord El Hotzo hilft uns bei der Suche nach Antworten: ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Biene(n) oder Hummel(n) Musik: Evolutionary science A 0‘37 Sprecherin In aller Welt entdecken Wissenschaftlerteams bei immer mehr Tierarten intelligentes Verhalten. Für Aufsehen sorgen etwa die Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe von Lars Chitttka [ch wie im Wort "richtig" ausgesprochen], Professor für Sinnes- und Verhaltensökologie an der Queen Mary University in London. Der deutsche Biologe und Entomologe beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit den geistigen Fähigkeiten von Bienen und Hummeln. O-Ton 01 Chittka Also, einer der frühen Versuche, die wir so als mehr oder weniger Witz-Projekt während meiner Doktorarbeit gemacht haben, war die Frage danach, ob Bienen zählen können. Sprecherin Bei solchen Forschungsfragen geht es immer auch um menschliche Intelligenz, denn es müssen zunächst die dafür passenden Versuche erdacht und kreiert werden. O-Ton 02 Chittka Und da haben wir große pyramidenförmige Zelte aufgestellt in einer Serie zwischen ihrem Stock, dem Bienenstock und einer Futterstelle. Sprecherin Die Bienen lernten, dass dazwischen eine bestimmte Anzahl von Zelten, von Hindernissen liegt. O-Ton 03 Chittka Und wenn wir mehr aufgestellt haben, sind die Bienen im Schnitt früher gelandet. Und wenn wir weniger aufgestellt haben, sind sie über das gelernte Ziel, über die gelernte Entfernung herausgeschossen und sind weitergeflogen als normalerweise. Und da zeigte sich also tatsächlich, dass sie auf die Zahl dieser Landmarken reagiert haben. Und das hätte damals also in den 90er-Jahren eigentlich noch niemand für möglich gehalten. Musik: Busy concentration 0‘40 Sprecherin Bienen und Hummeln - Insekten insgesamt -, hat man vor dieser Zeit nicht viel mehr zugetraut als automatisiertes, roboterartiges Verhalten. Das Zählen der Hindernisse jedoch war der Start für einen Perspektivwechsel im Denken der Menschen, dem weitere Versuche zur Erforschung der geistigen Fähigkeiten von Bienen und Hummeln folgten. Heute ist Lars Chittka davon überzeugt, so schreibt er in seinem Bestseller "Mind of a Bee", dass jede Biene ein Bewusstsein hat, dass sie ihre umgebende Welt wahrnimmt, dass sie die Folgen ihrer Handlungen abschätzen kann, dass sie über Intelligenz verfügt. O-Ton 04 Chittka Und es haben mich immer wieder auch mal Studenten gefragt, wenn die denn so schlau sind, haben Sie denn auch Gefühle? Und das kam mir immer nach einer etwas absurden Fragestellungen vor und einer Fragestellung, bei der ich dachte, das ist eigentlich gar nicht erforschbar. Und deswegen habe ich das immer so abgetan. Musik: Fearful tearful 0‘41 Atmo Hummeln Sprecherin Doch dann hat das Team um Lars Chittka einen Versuch entwickelt, der eigentlich dafür gedacht war, herauszufinden, ob Hummeln lernen können, bestimmte Fressfeinde zu erkennen und sie in Zukunft zu meiden. Dafür haben die Wissenschaftler Krabbenspinnen nachgebaut - Spinnen, die in der Natur die Farbe von den Blüten, auf denen sie lauern, annehmen. Zwei Arme der Plastikspinne waren mit kleinen Schwämmen versehen, mit denen die Hummeln kurz festgehalten und dann wieder losgelassen wurden. Die Hummeln verhielten sich im Anschluss an diese Erfahrung auffällig. O-Ton 05 Chittka Sie waren also sichtbar nervös, haben vor jeder einzelnen Blüte auch noch Tage nach solchen Attacken sehr lange hin und her gescannt, bevor sie sich entschieden haben, dass das ja sicher sein könnte. Aber was ganz besonders erstaunlich war, war dieses Verhalten von so genanntem False-Alarm, also falschen Alarmen, wo sie eine komplett sichere Blüte inspiziert haben und dann weggeflogen sind. Und das sah uns tatsächlich so aus, als ob da, naja, zumindest schlampig formuliert, so etwas wie eine posttraumatische Stressbelastung vorlag. Nun war das noch keine formelle Diagnose von so einem Phänomen. Aber das deutete in die Richtung einer Art Gefühlswelt. Sprecherin Diese Erkenntnisse zählen wohl zu den vorläufigen Höhepunkten dessen, was Menschen Tieren kognitiv zutrauen. In der Wissenschaft beschäftigt man sich seit mehr als 100 Jahren mit der Erforschung der Intelligenz von Tieren - zunächst, ohne vor dieser großen Respekt zu haben. Musik: Plan of the animals 0‘54 Bevor Jane Goodall in den 1960er Jahren zeigte, dass Schimpansen Äste so bearbeiten, dass sie mit ihnen nach Termiten stochern können, dass sie also in der Lage sind, Werkzeuge zu schaffen und zu nutzen, haben Menschen den Tieren in Sachen Intelligenz so gut wie nichts zugetraut. Intelligenz war - so das vorherrschende Denken - allein dem Menschen vorbehalten. Doch die Schimpansen haben die Türen geöffnet: Heute weiß man, dass viele Tiere Werkzeuge nutzen - diverse Affenarten, aber auch Krähen, Oktopoden oder Delfine, die Schwämme aufsammeln, und sich auf die Schnauze legen, um damit den Meeresboden zu durchpflügen und kleine Tiere aufzuscheuchen. Immer mehr Tierarten bestehen auch den Spiegeltest - seit gut 50 Jahren ein Standard in der Erforschung tierischer Intelligenz: Tiere, die zeigen, dass sie sich im Spiegel erkennen, sind sich ihrer selbst bewusst, so die menschliche Theorie. Raben, Elefanten und manche Fischarten haben im Spiegel Flecken auf ihrem Körper entdeckt und versucht, diese zu entfernen. Zuletzt ist in der Forschung immer mehr in den Fokus gerückt, dass Tiere einer Art sich individuell verhalten - das gilt für große wie für kleine. Atmo Bienen Und damit zurück zu den Bienen und Lars Chittka: Die erste Frage, die ein menschliches Gehirn sich zusammendenken könnte, ist vielleicht: Wie schaffen es Bienen, intelligent zu agieren, trotz ihres - bei allem Respekt - ja eindeutig kleinen Gehirns. O-Ton 06 Chittka Es ist ja so, dass diese Gehirne zwar klein sind, aber das ist natürlich alles sehr, sehr elegant miniaturisiert. Wenn man sich die Struktur anguckt, hat jede einzelne von diesen Nervenzellen mitunter eine so fein verzweigte Struktur wie eine komplette Eiche, nur halt sehr viel kleiner. Und jede dieser Nervenzellen hat bis zu 10.000 Kontakte mit anderen Nervenzellen. Jede einzelne dieser Kontaktpunkte ist zumindest theoretisch erstmal plastisch und kann sich verändern durch Erfahrungen. Und wenn man sich dann die Komplexität dieser Verdrahtung zumindest in Ansätzen vor Augen führt, wird klar, warum wir als Wissenschaftler immer noch keinen kompletten Zugang dazu haben, wie komplex das gesamte Verdrahtungsdiagramm eigentlich ist. Musik: Leaping electrons (reduced) 0‘19 Sprecherin Ein verdichtetes Wunderwerk, geschaffen in Millionen Jahren der Evolution. Davon zeigt sich auch Ludwig Huber begeistert, Professor für vergleichende Kognitionsforschung an der Universität Wien. O-Ton 07 Huber Und das sind vielleicht die aufsehenerregendsten Befunde überhaupt, weil man hier ja auch mit Lebewesen zu tun hat, die nicht nur sehr weit von uns in der Verwandtschaft sozusagen entfernt sind, sondern weil sie auch ganz andere Gehirne haben als wir. Sprecherin Ludwig Huber ist Autor des Sachbuchs "Das rationale Tier", in dem er mit einer vierstelligen Anzahl von Zitaten aus wissenschaftlichen Studien nachweist, dass man auch nichtmenschlichen Lebewesen Rationalität und Bewusstsein in einem anspruchsvollen Sinn zugestehen kann. O-Ton 08 Huber Das ist das Zentrum des Buches, dass sie auch in einer gewissen Art und Weise rational sind, dass sie also Entscheidungen treffen, die effizient sind und die ihr Überleben fördern, also eine Art von praktischer Rationalität. Und dass dabei auch das Gefühl, die Emotion eine Rolle spielt. Musik: Animals playing catch 0‘25 Sprecherin So ein Tier ist auch der Oktopus. Oktopusse gebrauchen Werkzeuge, planen ihr Verhalten, täuschen Artgenossen, spielen gerne und können zählen. Sie gelten als die intelligentesten Weichtiere, verfügen allerdings über kein zentralisiertes Nervensystem, ihre Neuronen befinden sich hauptsächlich in den Armen. O-Ton 09 Huber Ja, also mit der Zentralisierung ist das so eine Sache. Wir wissen, auch in der Neurobiologie des menschlichen Gehirns, dass diese, wenn Sie so wollen, Rechenoperationen nicht in bestimmten Zentren, kleinen Gebieten lokalisiert sind, sondern dass fast überall ein großer Teil des Gehirns beteiligt ist, also ein verteiltes Nervensystem innerhalb eines kompakten Gehirns. Und wenn man an dieses verteilte Rechnen denkt, dann ist es so nicht so weit hergeholt, dass sich in einem Kraken, in einem Oktopus, das auch in die Arme verteilt und dieses Nervensystem im einfach nicht sagen morphologisch Kompakt ist, sondern eben auch anatomisch etwas verbreitet verteilt. Musik: Little fish 0‘56 Sprecherin Mit Intelligenz in Verbindung gebrachtes Verhalten im Tierreich endet nicht bei den Weichtieren. Ein deutsch-dänisches Forscherteam hat Lernverhalten bei Quallen festgestellt. Die untersuchten kleinen Würfelquallen pulsieren normalerweise auf der Jagd nach Wasserflöhen durch trübe Gewässer mit Mangrovenwurzeln. Diese Umgebung wurde in einem Versuchsbecken simuliert. Die Quallen stießen zunächst gegen die vermeintlichen Wurzeln, doch schon nach wenigen Minuten vergrößerten sie den Abstand zu ihnen und prallten durch eine Anpassung der Schwimmrichtung nur noch halb so häufig dagegen. Das kann als assoziatives Lernen bezeichnet werden, d.h. Ursache und Wirkung sind der Qualle unbekannt, doch sie lernt durch Konditionierung. Zwar verfügt diese Qualle über 24 Augen, ein Gehirn aber hat sie nicht. O-Ton 10 Huber Natürlich, wenn wir vom Menschen ausgehen, dann sind wir sehr gehirnlastig unterwegs. Wenn man an wirbellose Tiere denkt, dann schaut die Sache anders aus. Aber es ist ein Nervensystem, das ist das Entscheidende. Es ist ein Nervensystem, es sind Neurone. Die chemisch-physikalische Arbeitsweise dieser Neurone ist sehr, sehr ähnlich wie der unserer Neurone, von daher ist der Unterschied nicht so groß. Aber im Netzwerk, in der Anordnung dieser Nervenzellen gibt es einen großen Unterschied. Musik: Genetics 0‘52 Sprecherin Die kognitiven Fähigkeiten und das damit zusammenhängende Verhalten von Tieren lässt sich allerdings nicht verallgemeinern. Die Forschung heute erkennt immer mehr, dass es große Unterschiede zwischen einzelnen Individuen innerhalb einer Art und innerhalb einer Population gibt. Selbst der Amazonenkärpfling, der Amazon Molly [englisch ausgesprochen], ein kleiner Fisch, der sich selbst klont, bei dem das Genom der Nachkommen, dem der Mutter entspricht, zeigt Individualität. Vom ersten Tag an sind einige der Klone aktiv und sozial und schwimmen weit weg auf der Suche nach Nahrung, andere bleiben lieber ruhig an einem Ort und schnappen dort nach herumfliegendem Futter. Ein Erklärungsmodell ist, dass der genetische Code nur eine Komponente dessen ist, was von den Eltern mitgegeben wird, hinzu kommen weitere unzählige Moleküle, die mit unseren Genen interagieren, die Epigenetik. Diese könnte eine größere Rolle bei der Entwicklung auch des menschlichen Verhaltens spielen, als Wissenschaftler bisher angenommen haben. Individualität hat Lars Chittka jedenfalls auch unter Bienen und Hummeln feststellen können. O-Ton 11 Chittka Also bei allen psychologischen Lernversuchen, die wir gemacht haben, zeigt sich, dass sich unterschiedliche Individuen oft ganz unterschiedlich verhalten. Das bezieht sich auf die Geschwindigkeit, mit der sie Dinge lernen und behalten, aber auch in Bezug darauf, wie offen sie gegenüber neuen Gegenständen sind, die sie noch nicht gesehen haben. Sprecherin Wenn den Bienen beispielsweise neue Blüten präsentiert wurden, zeigten manche Individuen Neugier und steuerten diese an, andere waren vorsichtig und blieben auf Abstand. Atmo Schafe Musik: Building the horse 0‘29 Sprecherin Auch Tiere, die in diesem Sinne für den Menschen lange nicht von Interesse waren, zeigen intelligentes und individuelles Verhalten: die sogenannten Nutztiere. Kristina Horback, Professorin für angewandte Verhaltensforschung an der University of California, Davis, untersucht deren kognitiven Fähigkeiten. Schafe zum Beispiel werden aus ihrer Sicht unterschätzt, zu Unrecht in die belämmerte Ecke gestellt. O-Ton 13 Horback Sheep are often a joke ... makes sense that this type of a social identification has evolved. Overvoice weiblich Über Schafe wird oft gescherzt, dass sie einander immer bloß folgen und sonst nicht viel los ist, aber die Forschung zeigt anderes: Schafe können z.B. die Gesichter von bis zu 50 anderen Schafen erkennen und zwischen einem bekannten und einem unbekannten Schaf unterscheiden. Und sie können sich diese 50 Individuen mindestens zwei Jahre lang einprägen. Das Gesicht ist für Schafe sehr wichtig. Außerdem können sie anhand des Gesichtsausdrucks erkennen, ob sich das andere Schaf in einem gestressten oder in einem ruhigeren Zustand befindet, z. B. anhand der Haltung der Ohren oder der Anspannung der Muskeln um die Augen. Man kann also sagen, dass bei Schafen eine Menge subtiler sozialer Intelligenz im Spiel ist. Dass das überraschend ist, liegt daran, dass Schafe eine bisher ziemlich übersehene Spezies sind. Dabei sind sie sehr gesellig, ein soziales Wesen zu sein ist wichtig für sie. Es macht also Sinn, dass sie diese Fähigkeiten entwickelt haben. Sprecherin Tiere wie Schafe, die in einem komplexen Sozialgefüge leben, sind auf gut entwickelte kognitive Fähigkeiten angewiesen, erläutert Ludwig Huber. O-Ton 14 Huber Dass sich verstehe, wie ein anderes Gruppenmitglied zu einem weiteren anderen Gruppenmitglied steht, wie sich das verändert, wie sich da vielleicht die Rangordnung ändert oder ob die vielleicht jetzt plötzlich eine Allianz schmieden gegen mich, also das sind immer wesentlich umfangreichere Beziehungsnetze, um die es da geht, die ein Tier in der sozialen Gruppe verstehen muss, lernen muss, aufpassen muss aufmerksam sein muss, ein ständiges Monitoring braucht und so weiter. Das hat dazu geführt, dass es tatsächlich die dominante Theorie für die Evolution von Kognition ist, dass man sagt, es ist die soziale Intelligenz mehr als die technische Intelligenz. Musik: Z8032615140 Mysterious animal play 0‘36 Atmo Bienen Sprecherin Die soziale Intelligenz gilt in der Forschung als die Treiberin für die Evolution von Kognition. Auch von Bienen ist bekannt, dass sie sehr soziale Wesen sind. Berühmt ist ihr Schwänzeltanz, mit dem die Kundschafter-Biene den anderen durch Bewegungen mitteilt, was für Nahrung sie gefunden hat, welche Qualität diese hat und wo genau sie zu finden ist. Die Entdeckung dieses Tanzes brachte dem Verhaltensforscher Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis ein. Die Fähigkeit dazu ist der Biene angeboren, doch um möglichst genau tanzen zu können, müssen sie als Jungtiere erfahrenen Tänzerinnen zugeschaut haben, also von ihnen gelernt haben. Lernfähigkeit zeigten auch Hummeln in einem Versuch der Arbeitsgruppe von Lars Chittka. Um an eine Belohnung ranzukommen, mussten sie lernen, an einem Seil zu ziehen. O-Ton 15 Chittka Das ist ja eine völlig neuartige Aufgabe gewesen für die Tiere. Aber es war tatsächlich nicht nur so, dass man das den Hummeln beibringen konnte, sondern auch, dass die sich das voneinander abschauen konnten. Also wenn man einmal ein Tier trainiert hatte mit dieser Aufgabe, dann verbreitete sich ohne weiteres Zutun von uns Verhaltensbiologen, verbreitete sich diese Technik sehr schnell in der gesamten Kolonie. Und fast alle Arbeiterinnen haben das dann irgendwann nachgemacht und diese Technik beherrscht. Und das ist natürlich genau wie bei der Art von Werkzeuggebrauch, die man bei manchen Primatenarten findet, eine Technik, die dann sozial gelernt ist und sich nur auf diese eine Gruppe bezieht. Die von den Individuen dieser Gruppe dann beherrscht wird, aber von anderen Populationen eben nicht. Und so gesehen ist es tatsächlich eine Art von tierischem Kulturverhalten. Atmo Schweine Sprecherin Formen sozialen Lernens zeigen auch Schweine, die eigentlich darauf angewiesen sind in Gruppen von bis zu 20 Tieren zusammenzuleben. Sie sind also sehr sozial und gelten auch als intelligent. Die Verhaltensforscherin Kristina Horback kann das bestätigen. O-Ton 16 Horback Neat cognitive skills ...understand a a perspective. Overvoice weiblich Wenn wir die kognitiven Fähigkeiten anschauen, die erforscht und quantifiziert sind, dann sind da z.B. die Gedächtnisfähigkeiten, ähnlich wie bei einem Hund lassen sich die Schweine auf Substantive und Verben trainieren, auf die sie reagieren; sie lernen auch das Frisbee zu holen oder über einen Stuhl zu springen. Und sie sind dazu in der Lage, zu täuschen. Ein Schwein versteht, dass ein anderes Schwein eine andere Perspektive hat. Wenn das eine Schwein etwa weiß, wo das Futter versteckt ist, dann kann es ein anderes Schwein absichtlich vom richtigen Weg abbringen, damit es in die falsche Richtung läuft. Sprecherin In der Forschung wird die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen zu übernehmen als "Theory of mind" bezeichnet und zählt zu den höchsten Formen der Kognition. O-Ton 17 Huber Ich habe mit Schweinen und Hunden gearbeitet. Wir machen ähnliche Tests, wir finden ähnliche Sachen. Und ich sage immer: Das eine Tier landet am Sofa, das andere am Teller. Und das ist ein eine absolute Schizophrenie. Musik: Almost neutral (red) 0‘56 Sprecherin Hier wird die Intelligenz der Tiere für die Menschen zu einem eher unangenehmen Thema. Viele essen gerne Fleisch, Studien zeigen jedoch, dass die meisten sich dagegen sträuben, Tiere zu essen, die als intelligent gelten. Das wiederum führt dazu, so eine weitere Studie, dass Menschen Tieren den Verstand absprechen, wenn es um den eigenen Fleischkonsum geht; dass das Wissen über die Intelligenz manipuliert wird, Informationen dazu strategisch verzerrt oder ignoriert werden. Doch die Forschung trägt dazu bei, dass das Wissen um die kognitiven Fähigkeiten von Tieren, auch von Nutztieren, wächst, und, so Kristina Horback, dass sich die Haltungsbedingungen verbessern. Auch ihre Forschung zu den kognitiven Fähigkeiten und zur Individualität von Nutztieren trägt dazu bei. O-Ton 18 Horback So if we, for example, know more about personality ... which can really boost immunity. Overvoice weiblich Wenn wir mehr über die Persönlichkeit von Nutztieren wissen, können wir zum Beispiel herausfinden, ob Hyperaggressivität bei einzelnen Individuen vererbbar ist - diese stellt manchmal ein großes Problem dar in der erwünschten Gruppenhaltung von Schweinen - und die Zucht dieser Individuen dann verhindern. Für Tiere, die sehr aktiv und erkundungsfreudig sind, können wir Ausgestaltungselemente wie Bürsten, Seile oder Spielzeuge entwerfen, um ihre Unterbringung zu verbessern; wir können dann zusätzlich die Tiere identifizieren, die weitere Abwechslung benötigen, dass man z.B. die Position der Bürsten oder die Qualität der Ausgestaltungselemente verändert. Andere Individuen wollen Stabilität, sind vorsichtiger, bewegen sich langsamer und wollen die gleiche Bürste an der gleichen Stelle. Wenn wir wissen, wie wir die Qualität der Behandlung und Pflege für jedes einzelne Tier optimieren können, können wir das Wohlergehen der Tiere verbessern. Dadurch können wir höchstwahrscheinlich den Stress dieser Tiere verringern, was auch die Immunität stärken kann. Musik: Z8034319137 Machine like 0‘23 Sprecherin Es hänge sicher mit der intensiven industriellen Landwirtschaft zusammen, so Kristina Horback, dass die Interaktion zwischen Mensch und Tier abgenommen hat und dass man davon abgekommen ist, das Verhalten und die Bedürfnisse von Tieren zu beachten und mehr über deren Intelligenz und auch Emotionen zu erfahren. O-Ton 19 Horback But we're getting back to it now with a lot more research in terms of animal welfare and animal cognition. Overvoice weiblich Aber wir kommen da wieder hin, durch immer mehr Forschung im Bereich des Tierschutzes und der Tierkognition. Sprecherin Und es gibt sicher noch sehr viel mehr Faszinierendes zu entdecken. Der portugiesische Neurowissenschaftler António Damásio [Antonnio Damahssio] beispielsweise ist der Überzeugung, dass alle Tiere über verschiedene Emotionen und ein emotionales Erfahrungsgedächtnis verfügen. Musik: Secret proofs 0‘35 Körper und Geist sind dabei, Damásio nach, nicht so voneinander zu trennen, wie es das menschliche Denken bisher vorsieht. So sei es zunächst der Körper der Hummel, der mit Angst reagiert, wenn die Spinne nach ihr packen will. Ob die Hummel, ob andere Tiere, das Gefühl von Angst auch selbst empfinden, könnte eine der zukünftigen Forschungsfragen sein und auch eine, die eng mit mehr Tierwohl verknüpft ist. Atmo Hummel(n)

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