Heinz Erhardt - Was bin ich für ein Schelm!
05.12.2023 · 22 Min.
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Erhardt, zunächst Radio-Moderator und Schauspieler, war der Humor-Star der Wirtschaftswunderjahre. Größten Erfolg allerdings hatte er mit seinen witzig und spritzig gereimten Erzeugnissen, erstmals gedruckt 1963 in dem Büchlein "Noch 'n Gedicht", das auch den Klassiker "Die Made" enthält. Heinz Erhardts Komik entstand aus bewusst unbeholfenen Handlungen und Reden, und sprachlicher Doppeldeutigkeit: "Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung....".
Credits
Autor/in dieser Folge: Petra Hermann-Boeck
Regie: Petra Hermann-Boeck
Es sprachen: Christiane Blumhoff
Redaktion: Brigitte Reimer
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZUSPIELUNG 1
(C 140284 Das Beste von Heinz Erhardt
Disc 1, Take 3)
Nachdem ich mich he-ute, äh, heute, um dieses Mikrophon versammelt habe, ergreife ich außer der Gelegenheit auch noch das Wort, um es an Sie zu richten.
SPRECHERIN
Ein typischer Heinz-Erhardt-Satz. Bürgerlichen Ansprüchen scheinbar hilflos ausgeliefert nimmt er gewohnte Sprach-Versatzstücke auseinander, verdreht und verfremdet sie,
ZUSPIELUNG 2 (CD 63543, take 1/CD 146755, 1)
Ich würde mich ja gern ans Klaviezymbel setzen und etwas pianieren, aber….
SPRECHERIN
um sein Akademikerdeutsch dann im Spiel mit doppelten Wortbedeutungen auf den platten Fußboden der Alltagsprache herunterzuholen - aus einiger Bildungshöhe.
ZUSPIELUNG 3 (Anfang Interview)
Wenn ich ein Vöglein wär und auch zwei Flügel hätt, flög ich zu Dir, da ich kein Vöglein bin und nur ein Flügel hab, spiel ich Klavier.
MUSIK, darüber:
SPRECHERIN
Heinz Erhardt, Musikant, Poet, Reimkünstler, Entertainer, wohl gerundetes Symbol der Wirtschaftswunderjahre. Meist in der Rolle des Biedermannes, der kein Brandstifter sein mag, aber tolpatschig und mit Hintersinn über manche Ungereimtheit des Lebens stolpert. Willy Astor:
ZUSPIELUNG 4 (Astor)
Also ich finde, das Tolle an Heinz Erhardt ist, dass seine ganzen Gedichte und Texte unheimlich zeitgemäß sind. Über die könnt man auch in 100 Jahren noch lachen, das sind einfach Kunstwerke und es hat einfach eine gute Kraft, es hat einen Körper und deswegen hat es immer Bestand.
ZUSPIELUNG 5 (Zehrer)
Ja, so eine Figur taucht bei uns in jeder Generation nur einmal auf ... vielleicht gibt es so eine Linie im 20. Jahrhundert der komischen Köpfe, die auch langlebig in Erinnerung geblieben sind. Das fängt an mit Otto Reuter zur Jahrhundertwende, geht über zu Karl Valentin, dann kommt aber auch schon Heinz Erhardt, wurde dann wohl abgelöst von Otto Waalkes ….
SPRECHERIN
Klaus Zehrer, Literaturwissenschaftler und Humorkritiker, über Heinz Erhardt,
der seine eigene Geschichte so beginnt:
ZUSPIELUNG 6 (Erhardt C 140284, take 3)
Also, es war vor etlichen Jahren, da erblickte ich das elektrische Licht der Welt... Der Winter war sehr kalt und ich lag so rum, was sollte ich machen, ich hatte schon Beine, aber ich konnte noch nicht laufen und ich fror so vor mich hin, denn meine Eltern waren ausgegangen, der Ofen auch und da beschloss ich dann, ein Dichter zu werden. Denn alle berühmten Dichter haben ja in ihrer Jugend gefroren.
SPRECHERIN
Und oft auch später noch. Wie der arme Poet, den man in der Schule kennen lernte, wo den Zöglingen auch die bekannten Klassikerballaden eingetrichtert wurden. Ein Kanon, auf den Heinz Erhardt noch zurückgreifen konnte. Und das Publikum? War froh und dankbar, dass da mal einer die Luft rausließ.
ZUSPIELUNG 7 (Erhardt CD 71819, disc 1, 7)
Sie hören als zweites Gedicht, gleich das erste. Johann Wolfgang von Frankfurt. Der König Erl
Wer reitet so spät durch Wind und Nacht?
Es ist der Vater. Es ist gleich sieben, nein acht. (Die Uhr ging nach)
Im Arm den Knaben er wohl hält,
er hält ihn warm, denn er ist erkält´.
Halb drei, halb fünf. Es wird schon hell.
Noch immer reitet der Vater schnell.
Erreicht den Hof mit Müh und Not---
der Knabe lebt, das Pferd ist tot!
SPRECHERIN
Auch Heinz Erhardt muss als Kind oft gefroren haben, vor allem seelisch:
seine Eltern trennen sich bereits kurz nach seiner Geburt. Der kleine Heinz wächst bei seinen Großeltern in Riga auf. Kurz bevor er eingeschult werden soll, entführt ihn die Mutter nach Petersburg. Dort allerdings leidet er unter solchem Heimweh, dass er zu den Großeltern zurückgeschickt werden muss.
ZUSPIELUNG 8 (Erhardt CD 63543, take 1))
Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.
SPRECHERIN
Dann nimmt der Vater, ein Kapellmeister, den knapp 10jährigen Buben mit auf Tournee durch ganz Deutschland. Sohn Heinz wechselt 15 Mal die Schule, kann schließlich dort nicht mehr Fuß fassen und schmeißt das Abitur.
ZUSPIELUNG 9 (Erhardt CD 63543, take 1))
Jeder sollte sein eigener Hirte sein, jeder sollte sich hüten und zwar davor, dass einem die anderen Leute das Fell über das Ohren hauen.
SPRECHERIN
Der Großvater steckt ihn in seine Musikalienhandlung. Ein solides Geschäft. Neben der Arbeit studiert Erhardt jedoch am Konservatorium in Leipzig Musik.
ZUSPIELUNG 10 (Erhardt)
Ich wollte Pianist werden, Chopin, Schumann, und die Romantiker lagen mir besonders.
SPRECHERIN
Außerdem sammelt er erste Lorbeeren als Stegreifkomiker.
ZUSPIELUNG 11(Erhardt CD 63543, take 1))
Liebe Spottfreunde, es darf für uns kein Äußerstes geben, zu dem wir nicht entschlossen wären und keine Lauer, auf der wir nicht lägen.
SPRECHERIN
Dann stirbt der Großvater. Erhardt hat keine Lust auf den Musikalienhandel. Aber er lernt die Liebe seines Lebens kennen: Gilda Zanetti.
ZUSPIELUNG 12 (Erhardt)
Das war in Riga in einem Fahrstuhl. Ich stieg in den Fahrstuhl, sie war schon drinnen, und ich fragte, eine sehr dumme Frage: Verzeihen Sie, fahren Sie auch nach oben, wo soll man sonst hinfahren, wenn man im Parterre einsteigt. Und zufällig musste ich auch in die gleiche Wohnung, wo meine Frau wohnte und ein Jahr später haben wir geheiratet.
SPRECHERIN
Gilda ist es, die Heinz Erhardt darin bestärkt, sich endgültig für die Bühne zu entscheiden. Sie wird ihn lebenslang begleiten und unterstützen.
ZUSPIELUNG 13 (Erhardt CD 63543, take 1)
Nicht jeder, der die Bretter, die die Welt bedeuten, betritt, merkt, dass er auf dem Holzweg ist.
SPRECHERIN
Erhardt geht nach Berlin, sucht ein Engagement und hat´s schwer. Oft gibt es nichts anderes zu essen, als die mittägliche Erbsensuppe, die in der Volksküche ausgegeben wird. 1938, kurz vor Kriegsbeginn, schafft er den Durchbruch im renommierten „Kabarett der Komiker“.
ZUSPIELUNG 14 (Erhardt CD 63543, take 5))
Ich wollte durch mein Erscheinen gar nicht erst herkommen, weil ich so scheu von Hause aus bin, aber der Chef des Hauses meinte, komm Heinz, wirf alles von dir, was dich host, äh, hemmt, jetzt steh ich hier Cognak, äh, rum.....
SPRECHERIN
Er tourt durch ganz Deutschland und brilliert ausgerechnet an der Seite einer der schönsten Frauen dieser Zeit, der Tänzerin La Jana.
ZUSPIELUNG 15 (Erhardt)
mein erstes Autogramm: Herr Le Jana, könnt ich von Ihrer Frau ein Autogramm haben?
SPRECHERIN
Inzwischen manövriert Hitler die Welt in den Krieg. 1941 wird auch Heinz Erhardt einberufen – als Nichtschwimmer kommt er zur Marine. Dort schiebt man ihn glücklicherweise zur musikalischen Unterhaltung ab: Erhardt darf erst mal auf die große Pauke hauen.
ZUSPIELUNG 16 (Erhardt)
Da hatte ich 187 Takte Pause und dann kam ein Bums von mir, der war sehr wichtig, und der Obermusikmeister wusste dann, wo er war. Bei den Proben hatte mein Nachbar mir immer einen Tritt gegeben, da wusste ich: jetzt kommt der Schlag, da hab ich reingehauen, das stimmt jetzt auch. Aber bei der Aufführung hat der mich im Stich gelassen und schließlich habe ich auf gut Glück
reingehauen, weil ich dachte: jetzt ist der Höhepunkt, aber nein, es war falsch, die konnten nicht mehr blasen, vor Lachen. Es war eine Katastrophe. Nachher kam der Obermusikmeister zu mir und meinte, Sie mögen ein guter Mensch sein, aber Sie sind ein schlechter Schlagzeuger, wir werden Sie abkommandieren, Sie kommen zur Wehrbetreuung nach Kiel. Da hab ich erst meine richtige künstlerische Laufbahn begonnen.
SPRECHERIN
Dank der Auftritte in Riga und mit La Jana hat Heinz Erhardt bereits allerhand Repertoire: selbstverfasste Gedichte und Chansons. Das berühmteste wird das „Fräulein Mabel“.
ZUSPIELUNG 17 (Erhardt)
Das Chanson hatte ich schon in Riga gedichtet und war sehr stolz auf diesen Reim, Mabel, eibel. Meine Verwandten sagten immer: Was für einen Quatsch.
ZUSPIELUNG 18 (CD 141509, 14)
Kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel
würden Sie sie sehn, wird’s ihnen eibel.
Beine hat se krumm so wie ein Säbel
meine süße kleine Freundin Fräulein Mabel.
(AB HIER EV UNTER TEXT)
Kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel.
Immer nimmt sies Messer statt der Geibel.
Trotzdem habe ich für sie ein Fabel,
für die süße kleine Freundin Fräulein Mabel.
Manche gibt es, die mir heute, dieses stille Glück nicht gönnen
nur deshalb, weil diese Leute so was nicht verstehen können.
Kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel.
Sie bewohnt gleich nebenan ne meibel -
lierte kleine Wohnung unterm Geibel,
meine süße kleine Freundin, Fräulein Mabel.
ZUSPIELUNG 19 (Zehrer)
Heinz Erhardt war ein Humorist, ein volkstümlicher Humorist im besten Sinne. Er hat keine hohen intellektuellen Hürden aufgestellt, sondern er war einfach, er war allgemeinverständlich. Aber er war dabei niemals platt...
SPRECHERIN
findet Klaus Zehrer, Humorkritiker und Kolumnist bei dem Satiremagazin „Titanic“.
ZUSPIELUNG 20 (Zehrer)
Ich seh ihn in der Tradition der Volkssänger, das kommt alles aus dem 19. Jahrhundert, wo es auch schon eine große Tradition des Wortspiels gab. Und wenn man H. E. genau liest, dann sieht man, dass er sehr viel von Wilhelm Busch gelernt hat.
SPRECHERIN
Von Heinz Erhardt gelernt hat dagegen der bayerische Kabarettist, Musiker und Komponist Willy Astor. Ihm ist der Komiker geradezu ans Herz gewachsen.
ZUSPIELUNG 21 (Astor)
Dieses Feinstoffliche, das Heinz Erhardt mitgebracht hat in seinem Humor, das hab ich erst später durch das Lesen seiner Sachen ergründet und ich hab ihn immer schon sehr gern gemocht. Ich mochte es gut leiden, dass er ein stiller Mann war außerhalb seiner Arbeit. Er hat ja auch Musik komponiert. Er war ein super Musiker.
ZUSPIELUNG 22 (Erhardt Interview 14.35))
Das Gedicht ist nur durch Zufall gekommen, sie waren meist nicht länger als 4 Zeilen. Und immer wenn ich vier Zeilen zu ende hatte, dann sagte ich: noch n Gedicht.
ZUSPIELUNG 25 (Erhardt CD 63543, take 1))
Das Leben kommt auf alle Fälle
aus einer Zelle.
Doch manchmal endet´s auch – bei Strolchen! -
in einer solchen.
SPRECHERIN
Es war sicher ein Glück für Heinz Erhardt, dass sein fast zeitloser Humor keine tagesaktuellen oder politischen Bezüge suchte. So kommt er relativ unbeschadet durch die Nazi-Zeit, den Krieg und kann 1946 beim NWDR wieder neu beginnen. Selbst die Engländer, die jede Sendung im voraus absegnen müssen, sind begeistert. Er sei der einzige Deutsche, über den sie lachen könnten, ohne ein Wort zu verstehen. Dabei arbeitet Erhardt hart an seinen Texten, oft kosten ihn seine Pointen, die nur scheinbar leicht und improvisiert daherkommen, schlaflose Nächte....
ZUSPIELUNG 27 (Zehrer)
Das glaub ich ihm sofort.
ZUSPIELUNG 28 (Erhardt)
Manchmal aber fallen einem auch die Pointen aus dem Ärmel. So war es zum Beispiel in der Waldbühne, in Berlin, 25 000 Menschen, irrsinnig heiß und wie ich auftrete, umschwirrten mich einige Wespen. Ich wagte nicht, den Mund aufzumachen, weil ich dachte, ich verschluck gleich eine. Und ich hatte einen 10 Minuten langen Kampf mit den 5 Wespen. Das war ein so großer Erfolg, dass man sagte, warum machen Sie es nicht immer? Aber wo kriegt man immer gleich Wespen her. Aber da war noch was anderes. Als die Wespen dann verscheucht waren, trug ich ein Gedicht von mir vor, das ich schon mindestens 1000 mal vorgetragen hatte, blieb aber mittendrin stecken, vielleicht war die Hitze dran schuld, Totenstille. Ich errötete bis unter die Haarwurzeln: Mit einem Mal bücke ich mich, tu so, als ob ich etwas hochhebe und sage: ach. Ich hatte den Faden verloren und stecks dann oben in die Tasche. Das war die Rettung.
ZUSPIELUNG 29(CD 71819, disc 2, take 16)
Aber das passt jetzt ganz genau hinein. Urlaub im Urwald.
Ich geh im Urwald für mich hin.
Wie schön, dass ich im Urwald bin.
Man kann hier noch so lange wandern,
ein Urbaum steht neben dem andern.
Und an den Bäumen Blatt für Blatt
hängt Urlaub.
Schön, dass man ihn hat.
SPRECHERIN
Der Erfolg beim Radio zieht Theaterauftritte nach sich. Lustspiele sollen die Entbehrungen der Nachkriegszeit vergessen lassen. „Lieber reich, aber glücklich“ mit Heinz Erhardt sehen 1947 allein in Hamburg 35.000 Zuschauer.
ZUSPIELUNG 30 (Erhardt)
Das Wort Schauspieler möchte ich da vielleicht doch etwas vorsichtiger gebrauchen – ich kann mich eben nur selbst spielen.
SPRECHERIN
Mancher Text funktioniert auch als Szene mit verteilten Rollen. Ein Dramolett auf den Buchstaben G.
ZUSPIELUNG 26 (Erhardt CD 63543, take 1)
Gong
Geliebte Gisela. - Geliebter Gregorius. Günstige Gelegenheit - Gatte ging? - Geschäftsreise - Guckshaven – Großgerau - Glänzende Geldgegend - Getränk gefällig? - Genialer Gedanke. Gerade Gewürzgurke gegessen. - Gesundheit - Gleichfalls – Gutes Gesöff – Glücklich? - Gewiss - Geht ganz gut, gell?
SPRECHERIN
In den 50er Jahren kommt dann der Film. Körperlich inzwischen für die Breitwand geradezu geschaffen gibt Erhardt den kleinen, großen Mann. So ist er „Der müde Theodor“: Liebevoll, gutmütig bis zur Trotteligkeit. Immer mit Brille. Aber nicht ohne Durchblick. Meist mimt er den Familienvater, auch alleinerziehend wie in „Witwer mit fünf Töchtern“. Partnerverlust als Kriegsfolge.
ZUSPIELUNG 31 (Zehrer)
Ja das war sicher ein Thema der Zeit, das aber umgekehrt wurde. Es war ja ein viel eklatanteres Thema, dass Frauen ihre Männer verloren haben und als Witwen gelebt haben. Der Witwer, der alleinstehende Mann, der war ja ein eher seltenes Phänomen, aber das ist eine übliche Technik des Humoristischen, das man das Wohlbekannte so leicht verfremdet und umgekehrt und so in eine Form bringt, die einen nicht so ganz an die schmerzhafte Realität erinnert.
ZUSPIELUNG 32 (Erhardt)
An sich war ich sehr glücklich mit diesen Vaterrollen.
SPRECHERIN
Ausgerechnet diese Filme - von der Kritik nicht ganz zu Unrecht als Klamauk abqualifiziert - sollten in den 80er Jahren ein Comeback erleben. Für junge Leute sind sie plötzlich Kult.
ZUSPIELUNG 33 (Zehrer)
Es gab eben tonangebende Stimmen in den Medien, die spätestens ab den 60er Jahren doch verlangt haben, dass Komik nicht so apolitisch daherkommen darf wie es Heinz Erhardt doch immer verkörpert hat, dass sie mehr sein muss, dass sie aufklären muss und da kamen dann etwa Formen des Politkabaretts höher in Kurs und Heinz Erhardt galt als altbacken und antiquiert. Mittlerweise sieht man das wieder entspannter. Man sieht auch wieder genauer auf das Handwerk des Humors und kann das wieder wertschätzen, dass Heinz Erhardt da einfach sehr sehr gutes Handwerk geliefert hat.
ZUSPIELUNG 34 (CD 71819,disc 1, take 8)
Der Berg
Hätte man sämtliche Berge der ganzen Welt
zusammengetragen und übereinandergestellt,
und wäre zu Füßen dieses Massivs
ein riesiges Meer, ein breites und tiefs,
und stürzte dann unter Donnern und Blitzen
der Berg in dieses Meer ----, na, das würd spritzen!
ZUSPIELUNG 35 (Zehrer)
Da baut Erhardt so eine Kulisse der Spannung auf, gibt etwas sehr Dramatisches vor, und dann fällt das in einer sehr plötzlichen und überraschenden Pointe in etwas sehr Banales ab. Das ist eine sehr klug und gut und sicher gehandhabte Technik, die etwa Immanuel Kant schon in seiner Humortheorie vorweg genommen hat. Kant sagt, das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts.
ZUSPIELUNG 35, b (CD 63543, take 1)
Man fasse sich, aber kurz, das ist das hüpfende Komma, der springende Punkt.
ZUSPIELUNG 36(Astor)
Für mich ist Heinz Erhardt auf einer absolut gleichen Stufe wie Ringelnatz zum Beispiel. Und Ringelnatz hat ja gesagt: Humor ist der Knopf, auf den wir drücken müssen, damit uns nicht der Kragen platzt und das hat Heinz Erhardt gemacht und er hat es phantastisch gemacht. Das hat eine wahnsinnige Qualität. Ich finde dass Heinz Erhardt auch ein Komiker war, der eine unheimlich starke Poesie verbreitet hat in seinen Texten.
ZUSPIELUNG 35, c (Erhardt CD 63543, take 5)
Himmel, Gesäß und Nähgarn
SPRECHERIN
Und welches Gedicht fällt Willy Astor als erstes ein, wenn er an Heinz Erhardt denkt? Natürlich: die Made
ZUSPIELUNG 37 (CD 63543, take 5/7)
Die Made
Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.
Eines Morgens sprach die Made:
„Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb denn wohl!
Halt, noch eins! Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!“
Also sprach sie und entwich.-
Made junior aber schlich
hinterdrein; und das war schlecht!
Denn schon kam ein Sprecht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. Schade!
SPRECHERIN
Das Gedicht von der Made. Wahrlich ein Klassiker und ein Fix-Stern am Himmel deutscher humoristischer Dichtung. Geradezu genial – die Klimax der vielen Aaas und seine verzögerte Schlusspointe. Ein Markenzeichen von Heinz Erhardt.
ZUSPIELUNG 38 (Erhardt, wie vorhin)
Nein noch nicht, da kommt doch noch was...Hinter eines Baumes Rinde ruft die made nach dem Kinde ... ja jetzt ist es aus....BEIFALL
ZUSPIELUNG 39 (Zehrer)
Die Texte, wenn man sie sich genauer ansieht, sind natürlich alles andere als harmlos. Da geht es auch um Tod und Leben. Aber er bringt das immer wieder so charmant und unschuldig rüber, dass einem das gar nicht so richtig auffällt. Und das hat Heinz Erhardt so gut gemacht, dass er immer wieder als der unschuldige Witzemacher in Erscheinung getreten ist, der er im privaten auch gar nicht war.
SPRECHERIN
Der erfolgreiche Komiker, der liebenswerte und immer lustige Heinz Erhardt, gestorben am 5. Juni 1979, hat mit Problemen zu kämpfen.
ZUSPIELUNG 40 (Zehrer)
Es gibt eine große Kluft zwischen dem öffentlichen Heinz Erhardt, den wir als Bühnenfigur kennen und dem Menschen, der von großen Ängsten und Problemen besetzt war, der wie man heute weiß, ein massives Alkoholproblem hatte, der wohl auch in der Familie nicht der gemütliche Familienvater war, als der er immer wieder in seinen Filmen erscheint.
ZUSPIELUNG 41 (Erhardt CD 63543, take 1 oder take 4))
Ja ja, manchmal kommt man mit einem blauen Auge davon, das man einem anderen geschlagen hat/
Immer wenn ich traurig bin, trink ich einen Korn (gesungen)
ZUSPIELUNG 42 (Astor)
Er war auch ein nervöser Bühnenkünstler. Das ist aber unheimlich sympathisch, dass da nicht irgend so ein ausgebuffter Typ auf der Bühne steht. Leider hat er die letzten Jahre seines Lebens stumm verbringen müssen, weil er durch seinen Schlaganfall halt die Stimme verloren hat, was die größte Grausamkeit ist für einen Komiker, aber ich muss sagen, des ist mir wahnsinnig nahe gegangen und ich fühl mich mit ihm seelenverwandt.
ZUSPIELUNG 43 (Zehrer)
Es gibt so einen kleinen Vierzeiler von ihm, den ich sehr schätze.
Ich kann nichts dafür, dass der Mond schon scheint
und dass nicht der Mond seinen Mondschein schont
und das Frau Adele im Wohnheim weint
weil sie nicht wie früher in Weinheim wohnt.
Also, da ist nun wirklich der Inhalt nichts. Das ist reine Sprache, das ist reiner sound, im Grunde genommen ist das ein Urvater des deutschen Hip Hop.
ZUSPIELUNG 45 (Erhardt)
Ich freue mich, wenn man über mich lacht. Aber man soll so über mich lachen, dass man sich hinterher nicht schämt, über mich gelacht zu haben
MUSIK, darüber:
ZUSPIELUNG 46 (Astor)
Ich finde, dass man sich vor diesem Mann verneigen soll, weil er einfach großartig war.
ZUSPIELUNG 47 (Erhardt CD 63543, take 5)
Na also ruhig.
Sizilium, sizilium.
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Mikrowellen erhitzen Speisen schier magisch, von innen heraus. Der Herd mit den elektromagnetischen Wellen erfährt viel Skepsis, könnte aber eine Renaissance erleben. Einen Wendepunkt unserer Esskultur markiert er in jedem Fall. (BR 2020) Autorin: Inga Pflug Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Caroline Ebner, Ann-Isabelle Zils, Florian Schwarz, Diana Gaul, Peter Weiß Technik: Peter Preuß Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dipl.-Ing. Moritz Heber, Deutsches Museum München, Kurator u.a. für Haustechnik; Prof. Dr.-Ing. John [joːn] Jelonnek, Karlsruher Institut für Technologie, Leiter Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik; Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, Universität Regensburg, Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft, Volkskundler und Kulturanthropologe Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 (CD516970005 Benny Goodman Sextet: Slipped Disc 0’59) Sprecherin1: Januar 1945. Während sich die Welt bekriegt, stecken Ingenieure in den Laboren von Raytheon in Waltham, Massachusetts ihre Köpfe zusammen. Sie tüfteln an einem Radar-Gerät. Die Technik ist für das Militär gedacht. Da fühlt Radar-Forscher Percy Spencer plötzlich etwas Warmes in seiner Hosentasche – und findet einen geschmolzenen Schokoriegel. Der ist nicht etwa nur durch seine eigene Körperwärme aufgeweicht. Etwas anderes muss ihn erwärmt haben – regelrecht aufgeheizt! Fasziniert geht der Tüftler der Ursache auf den Grund, findet sie in den elektromagnetischen Strahlen des Radargeräts – und bis zur Entwicklung des Mikrowellenherdes ist es nur noch ein kleiner, logischer Schritt. Sprecherin2: So geht die Geschichte von der Erfindung der Mikrowelle. Oder doch nicht? OT1 Heber: Das ist dieser Mythos, sag ich jetzt mal, auf dem man immer wieder stößt, den man aber ein Stück weit eigentlich hinterfragen muss. Also das ist so eine Serendipity Erzählung sagen wir dazu, also eine Erzählung von einem glücklichen Zufall, der zu einer großartigen Erfindung geführt hat… Sprecherin2: … sagt Moritz Heber, vom Deutschen Museum in München. OT2 Heber: … das Klettband, Penicillin, Teflon, das sind so Beispiele für glückliche Zufälle. Im Fall der Mikrowelle stimmt das nicht ganz, und es ist ganz interessant, welchen Weg diese Erfindung eigentlich genommen hat. Sprecherin2: Der Krieg, die Radar-Forschung – sie haben tatsächlich mit der Mikrowelle zu tun. Doch den Ausgangspunkt für den Siegeszug des Mikrowellenherdes sieht Moritz Heber nicht in Massachusetts, sondern in Großbritannien: OT3 Heber: In den 30er Jahren, als man also wirklich große Angst hatte vor dem drohenden Krieg, haben viele in vielen Ländern, also nicht nur Großbritannien, auch Deutschland, USA, Japan, alle an Radargeräten geforscht. Und den Engländern ist 1940 in der Beziehung ein echter Durchbruch gelungen. Das Magnetron, also das ist das Kernstück, das eben diese Mikrowellenstrahlung erzeugt, das war bis dahin sehr groß und schwer. Und die Engländer haben 1940 ein Magnetron erfunden, was sehr klein war, sehr leicht und was sich dadurch auch in Flugzeuge einbauen ließ. Aber sie konnten es nicht in großen Stückzahlen fertigen. Und deswegen ist Großbritannien an die USA herangetreten und hat gesagt, also wir legen unsere Forschungsergebnisse offen, unsere Erfindung teilen wir mit euch. Aber ihr müsst uns diese Magnetrone bauen. Sprecherin2: So kommt die Erfindung erst in die USA – und dort in das Forschungslabor zu Percy Spencer. MUSIK 2 (Z9379852205 Django Reinhardt: Swing Guitars 0‘33) Sprecherin1: Und tatsächlich setzt sich der Tüftler dort auch mit der erhitzenden Wirkung von Mikrowellen auseinander. Er bereitet das erste Mikrowellen-Popcorn zu – und auch Eier lässt er unter dem Einfluss der elektromagnetischen Wellen aus dem Magnetron explodieren, berichtet Moritz Heber. Doch an eine reine Zufallsentdeckung will der Hausgeräte-Experte nicht glauben. Denn: OT 04 Heber: Dieser Effekt, dass elektromagnetische Strahlung Wärme induziert, also Wärme hervorruft, der war schon lange bekannt. Spencer selbst schreibt in seinem Patent auch, dass das eigentlich nicht neu ist. Aber dass es eben jetzt besonders effektiv ist. Sprecherin2: Für wahrscheinlicher hält es Moritz Heber deshalb, dass der Rüstungskonzern Raytheon sich in den 1940er-Jahren bereits auf eine Zeit nach dem Krieg vorbereitet und zivile Märkte erschließen will. Und da kommt die Mikrowellentechnik eben gerade recht. MUSIK 3 (CD617730001 Lionel Hampton and His Orchestra: Jivin‘ The Vibes 0’17) Zitator 1 Werbeannonce [historisch]: Make the greatest cooking discovery since fire – Radarange Microwave Oven – Cuts most cooking times by 75%. Bakes a potato in 4 Minutes, cooks a hot dog in 20 seconds and a 5 lb roast in 35 minutes. Sprecherin2: Das Herzstück des Mikrowellenherdes, das Magnetron, in dem die hochfrequenten Schwingungen erzeugt werden, muss also erst konstruiert werden und technisch ausreifen. Die Mikrowellen selbst aber sind keine Erfindung, sondern ein natürliches Phänomen. MUSIK 4 (CD617730001 Lionel Hampton and His Orchestra: Jivin‘ The Vibes 0’25) Zitator 1 Werbeannonce [historisch]: Erleben Sie das großartigste Kocherlebnis seit der Entdeckung des Feuers! Die Mikrowelle! Verkürzt die Kochzeit um 75%! Gart eine Kartoffel in 4 Minuten! Einen Hotdog in 20 Sekunden! Und zwei Kilo Braten in 35 Minuten. Sprecherin2: Zwar benutzen wir den Begriff "Mikrowelle" heute landläufig stellvertretend für den ganzen Mikrowellenherd. Der physikalische Begriff "Mikrowelle" jedoch ist nur ein vereinfachter Begriff für bestimmte elektromagnetische Wellen, erläutert der Ingenieur und Elektrotechniker Professor John Jelonnek. Er leitet das Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik am Karlsruher Institut für Technologie. MUSIK 5 (Z8027766104 Less: Zum Greifen fern 0‘59) OT5 Jelonnek: Die Mikrowelle ist im Grunde genommen nur der Bereich des elektromagnetischen Spektrums in einem bestimmten Frequenzbereich, also von 300 Megahertz, wie wir das sagen, bis ungefähr 300 Gigahertz. Aber in der Natur haben Sie das komplette Spektrum aller Frequenzen vorhanden. Es ist also was völlig natürliches. Wir kennen es als natürliche Wärmestrahlung. Wir kennen es als Licht. Sprecherin2: Die verschiedenen elektromagnetischen Wellen im Spektrum unterscheiden sich in Wellenlänge und Frequenz. Ohne technische Hilfsmittel wahrnehmen können wir aber eben nur einen äußerst geringen Anteil aller elektromagnetischer Wellen: die Wärme der Infrarotstrahlung und das sichtbare Licht. Sprecherin1: Kein Wunder, dass dem Mikrowellenofen und seiner Funktionsweise anfangs durchaus Skepsis entgegenschlägt. OT 6 Heber: In den USA hatten die Hersteller oder der Vertrieb von Mikrowellen doch einige Zeit damit zu tun, Köchinnen und Hausfrauen davon zu überzeugen, dass ein Lebensmittel mit Mikrowellen zu erwärmen, dass das jetzt nicht irgendwie mystisch, magisch, unverständlich und dadurch vielleicht auch irgendwie beängstigend ist, sondern dass das ein ganz einfacher physikalischer Vorgang ist, der ganz ungefährlich ist. Sprecherin1: … erläutert Haustechnik-Experte Moritz Heber. OT 7 Heber: Und da wurden dann auch irgendwie Analogien herangezogen, dass man sagt okay, die Mikrowellenstrahlung, die bewegt einfach die Moleküle in deinem Essen ganz schnell hin und her. Und so wie du deine Hände zusammenreiben kannst, entsteht dann Reibungswärme im Essen. Und das ist also ganz normal und gar kein Problem. Sprecherin2: Besonders gut klappt diese Erwärmung auf molekularer Ebene bei Flüssigkeiten und wasserhaltigen Speisen. Denn Wasser bringt eine bestimmte Eigenschaft mit: MUSIK 6 (Z8014180102 SINE: Feel Love 0‘35) Sprecherin1: Stark vereinfacht gesprochen, ist ein Wassermolekül, also H2O, eine Art Kompassnadel oder Magnet mit einer positiv und einer negativ geladenen Seite. John Jelonnek spricht von einem sogenannten Dipol. Und an diesen beiden unterschiedlich geladenen Seiten packt nun sozusagen die Mikrowelle an. OT 8 Jelonnek: Nehmen Sie mal nen Rugbyball, der oval ist. An der einen Seite malen Sie ein Plus und an der anderen Seite ein Minuszeichen. Es hat also ein positives Ladungsende und ein negatives Ladungsende. Sprecherin1: … veranschaulicht es John Jelonnek: OT 9 Jelonnek: Nehmen Sie ganz viele dieser ovalen Bälle und legen sie in ein Wasserbad, ganz unregelmäßig. Sie werfen sie einfach dort hinein. Jetzt legen Sie ein Feld an, dann werden sich alle diese Moleküle versuchen, nach dem Feld auszurichten, alle in einer Richtung. Das ändert sich aber periodisch mit der Frequenz. Hier haben wir eine Frequenz von 2,45 Gigahertz. Das heißt, es ändert sich sehr, sehr schnell. Und dadurch kommt es einfach zur Reibung. Die müssen sich alle ja immer drehen und reiben sich sozusagen aneinander. Und es kommt zur Erwärmung des Materials. MUSIK 7 (Z8030896149 Chris Gilcher / Michi Koerner: Unbiased Opinion (reduced) 0’39) Sprecherin1: Und zwar direkt in den Lebensmitteln – was den großen Vorteil der Mikrowellengeräte gegenüber anderen Herdarten ausmacht: Während im Backofen oder auf der Herdplatte die Hitze ja erst einmal durch Topf, Pfanne oder Bräter ans Essen herankommen und dann bis ins Innere vordringen muss, findet die Erhitzung im Mikrowellenherd direkt im Essen statt: Die Mikrowellen dringen einige Zentimeter ins Gargut ein, lassen dort die Dipol-Moleküle des Wassers "schwingen", das Essen wird warm. Das Innere des Ofens selbst bleibt kühl. Sprecherin2: Röstaromen wie in der Pfanne bilden sich so freilich nicht. Das allerdings ist für die Entwickler des Mikrowellenherdes nicht das größte Problem: OT 10 Heber: Das große Problem war, dass die Lebensmittel, die man in der Mikrowelle erwärmen wollte, dass die sehr ungleichmäßig erhitzt wurden, erwärmt wurden. Das kennt man heute auch noch teilweise. Sprecherin2: … sagt Moritz Heber. Auch das hat mit der Physik der elektromagnetischen Wellen zu tun – und dem Phänomen der sogenannten Stehenden Wellen: Sprecherin1: Die Mikrowellen, die vom Magnetron aus in den Garraum gesendet werden, reflektieren an den metallenen Wänden des Ofens. Sie werden an die gegenüberliegende Wand und zurück geworfen und so weiter, wie Licht zwischen zwei Spiegeln. Sprecherin2: Zwischen den beiden festen Wänden kommt das maximale Feld, also quasi der Bauch der Welle, so aber immer an der gleichen Stelle zustande. Hochleistungsmikrowellen-Forscher John Jelonnek verbildlicht das Phänomen mit der Wellenbewegung eines Springseils: MUSIK 8 (CD735920005 Skipping Rope 0’40) OT11 Jelonnek: Sie haben an zwei Enden zwei Kinder, die das Seil bewegen, dass es so Wellenbewegungen macht. Und das Seil wird sich quasi immer an den gleichen Stellen auf und ab bewegen. Und an den Enden ist das Seil nicht ausgelenkt, beziehungsweise dort gibt es kein Feld. Da, wo die Kinder sind, dort in sind sozusagen Null-Stellen. Sprecherin 2: … und dort bleibt das Essen kalt. Sprecherin 1: Schlechte Voraussetzungen für einen Markterfolg – und eine technische Schwierigkeit, an deren Lösung die Mikrowellen-Pioniere lange getüftelt haben, berichtet auch Moritz Heber: OT 12 Heber: Zunächst hat man überlegt, ob man den Raum in der Größe ständig verändern muss, spricht, dass sich die Wände der Mikrowelle verschieben, sodass quasi der Raum größer und kleiner wird. Das ist natürlich enorm unpraktisch. Dann ist man auf die Idee gekommen, dass man an der Decke von diesem Raum einen kleinen Rührer, also einen Metallstab, der sich ständig dreht, anbringt. Dadurch werden die Wellen dann unterschiedlich reflektiert. Und zuletzt, und das kennt man heute, hat man ja den Teller, der sich dreht, in der Mitte. Sprecherin 2: Zum Garen von rohem Hähnchenfleisch und anderen möglicherweise mit Salmonellen oder Listerien belasteten Lebensmittel sollte die Mikrowelle trotzdem nicht benutzt werden: Zu groß ist das Risiko, dass nicht alle Stellen gleichmäßig durcherhitzt werden. Sprecherin 1: Die ersten Mikrowellen finden aber aus noch viel pragmatischeren Gründen in der normalen Durchschnitts-Küche keinen Platz, sondern nur in der Gastronomie oder Kantine: OT 13 Heber: Die ersten Mikrowellen, die überhaupt auf dem Markt verfügbar waren, das waren riesengroße Geräte, so groß wie ein Kühlschrank, 300 Kilo schwer. Die haben eine Wasserkühlung benötigt. Also spricht einen eigenen Wasseranschluss. Sprecherin2: Rund 20 Jahre dauert es ab der Patentierung, bis wirklich haushaltsfähige Geräte auf dem Markt sind. Sprecherin1: Denen allerdings macht bald schon die langsam erstarkende Umweltbewegung in den USA zu schaffen, die die elektromagnetische Strahlung kritisch beäugt. OT 14 Heber: Das hat auch erst dazu geführt, dass überhaupt in den USA dann mal ein Gesetz erlassen wurde, was Grenzwerte für auch für Haushalts-Mikrowellengeräte überhaupt erst einmal festgeschrieben hat. Und im Zuge dessen 1971 hat das amerikanische Gesundheitsministerium dann auch Mikrowellen mal getestet auf dem Markt und hat festgestellt, dass irgendwie ein Drittel der Geräte diese Grenzwerte überschreiten. Und das hat natürlich schon, sage ich mal, den Mikrowellen erstmal einen Dämpfer versetzt, ja. MUSIK 3 (M0050378111 ISAN: Linnæus 0‘34) Sprecherin1: Und dem Gerät einen Makel verpasst, der ihm bis heute anhaftet: Wer das Stichwort "Mikrowelle" in die Suchmaschine eingibt, findet neben Kaufangeboten und Rezepten unausweichlich auch Berichte über verstrahltes Essen, zerstörte Vitamine und gefährliche Strahlen aus der Mikrowelle. Sprecherin2: Was auch an der synonymen Verwendung der Begriffe "Elektromagnetische Wellen" und "Elektromagnetische Strahlung" liegen könnte. OT 15 Jelonnek: Leider hat die Strahlung eine negative Auffassung für viele Menschen. Dabei ist Strahlung etwas, was eigentlich nur die Leistung angibt, die man eigentlich erhält, wenn elektromagnetische Wellen sich ausbreiten. Sprecherin2: … sagt John Jelonnek vom Karlsruher Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik. Wie bereits erwähnt umfasst das elektromagnetische Spektrum neben sichtbarem Licht, Mikrowellen, Radar oder Rundfunkwellen auch Frequenzen im Bereich der ionisierenden Strahlung, also etwa Gamma- und Röntgenstrahlung sowie kurzwellige Ultraviolettstrahlung. Und diese elektromagnetischen Wellen können biologisch schädlich wirken. Sprecherin1: Mikrowellen aber nicht, verspricht John Jelonnek. Nicht mal im Mikrowellenofen selbst würde jemand "verstrahlt": OT 16 Jelonnek: Sie sollten sich natürlich nicht in ein hohes Mikrowellenfeld reinstellen, auf gar keinen Fall, weil dann würden sie quasi erwärmt werden. Das ist das, was passiert. Sprecherin 1: Denn die Mikrowellen unterscheiden nicht zwischen dem Wasser im lebenden Organismus und der Flüssigkeit im Essen. Sprecherin 2: Abgesehen von ihrer Temperatur verändern sich die Lebensmittel in der Mikrowelle aber nicht, betont Jelonnek: OT 17 Jelonnek: Das heißt auch, wenn man jetzt wieder abkühlt, werden sich quasi alle Moleküle wieder durcheinander ausrichten und nach außen hin neutral sein. Also aus wissenschaftlicher Erkenntnis heutzutage kann man keinen negativen Effekt, der Mikrowellen, also der der hochfrequenten elektromagnetischen Wellen, auf irgendein Essen zeigen. Es gibt's dort nicht. Sprecherin1: Die Forscher am Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik in Karlsruhe arbeiten an weitaus größeren Mikrowellenöfen, als wir sie aus der Küche kennen. In ihrer Mikrowellenprozessanlage können unter anderem Kunststoffteile für Luft- und Raumfahrt und die Automobilindustrie gehärtet werden. Bei 36.000 Watt erwärmen sich die Bauteile dort nicht nur schneller als in einem herkömmlichen Härtungsofen, sondern das Verfahren ist auch energieeffizienter. Weil eben auch dort – wie in der Küchenmikrowelle – nur das Gargut – in diesem Fall das Bauteil – erhitzt werden kann und nicht der ganze Ofen mit aufgeheizt werden muss. Sprecherin2: Trotz der hohen Leistung: Genauso wie der Mikrowellenherd Zuhause arbeitet der Karlsruher Mikrowellenofen bei 2,45 Gigahertz. Und ist für den Experten genauso beherrschbar: OT 18 Jelonnek: Das ist das schöne eigentlich in der Hochfrequenztechnik. Sie können für die elektromagnetischen Wellen sogenannte Fallen einbauen. Bestimmte Strukturen, dass die Mikrowelle bei geschlossener Tür wirklich im Ofen bleibt. Sprecherin1: Dafür sorgt beispielsweise das Metallgitter im Fenster der Gerätetür. Somit treffen die Mikrowellen nur das Essen im Inneren. Und nicht den Bediener vor dem Gerät. Sprecherin2: Das bestätigen auch Überprüfungen des Bundesamtes für Strahlenschutz: Zitator 1: "Durch Abschirmmaßnahmen ist gewährleistet, dass im Betrieb nur sehr wenig Strahlung nach außen gelangt. Eine weitere Sicherheitsmaßnahme sorgt über eine technisch mehrfach ausgelegte Schutzvorrichtung für eine zuverlässige Abschaltung des Gerätes, sobald die Tür geöffnet wird." Sprecherin2: … heißt es dort . Für die dennoch auftretende Leckstrahlung um Sichtblende und Türe ist in einem Abstand von fünf Zentimetern von der Geräteoberfläche ein Emissionsgrenzwert von fünf Milliwatt pro Quadratzentimeter festgelegt. OT 19 Jelonnek: Das heißt, das, was raus darf und was gemessen wird bei der technischen Zulassung der Mikrowelle, ist so gering, (ist eine Größenordnung) wie die eigene Temperaturstrahlung des eigenen Körpers. Sprecherin2: Bei wiederholten Messungen lagen die tatsächlichen Werte laut Bundesamt bei einem Prozent des zulässigen Grenzwertes: Zitator 1: "Bei technisch einwandfreien Geräten besteht daher keine gesundheitliche Gefahr, auch nicht für besonders schutzbedürftige Personen wie Schwangere oder Kleinkinder." [Collage Rezept-Fragmente] MUSIK 10 (C1218710013 High LLamas: Showstop 0’32) Zitatorin 2: Kartonverpackung entfernen, Deckfolie mehrfach einstechen … Zitator 1: Das Rührei bei 440 Watt ca. 7 Min. stocken lassen, zwischendurch mit einer Gabel zerpflücken. Zitatorin 2: … bei 600 Watt ca. 3 Minuten, bei 900 Watt ca. 2 Minuten erhitzen. Zitator 1: … bitte nachschauen, ob der Kuchen durchgegart ist. Zitatorin 2: kurz ruhen lassen, nach dem Öffnen umrühren. MUSIKENDE OT 20 Hirschfelder: Der große Erfolg der Mikrowelle kommt ja nicht zufällig genau zu dem Zeitpunkt, in dem die Grund-Geometrie des Kochens sich vor allem in unseren westlichen Gesellschaften verändert. Sprecherin2: … sagt Gunther Hirschfelder. Für den Volkskundler und Kulturanthropologen markiert der Mikrowellenherd einen Wendepunkt in unserer Esskultur: MUSIK 11 (Z9376907208 Hot Butter: Popcorn 0’41) OT 21 Hirschfelder: Kochen ist eigentlich vor allem immer eine Notwendigkeit gewesen hat, viel Zeit beansprucht. Und das versuchte man immer zu reduzieren, weil viel Zeit bedeutet dann eben oft zu viel Zeit. Und in den Jahren um 1970, als die Sache mit der Mikrowelle Fahrt aufgenommen hat, da ist das Kochen sozusagen von einer unbedingten Notwendigkeit zu einem Hobby geworden, zum Ausdruck von Lifestyle. Da haben wir die Unterscheidung seitdem auch für eine Bevölkerungsmehrheit in Versorgungsküche auf der einen Seite und Erlebnisküche auf der anderen Seite. Und da kommt die Mikrowelle auf einmal mit ins Spiel. Sie erleichtert die Versorgungsküche. Und die Versorgungsküche hatte sich bis dahin schon in kurzer Zeit ohnehin massiv verändert. Sie war viel effizienter und viel schneller geworden, und die Mikrowelle wirkt hier sozusagen als Katalysator wie ein Turbo. MUSIK 12 (1218710004 The High Llamas: Janet Jangle 0’30) Sprecherin1: Schnell die Reste vom Vortag aufwärmen, weil zum Kochen heute keine Zeit ist? Die Mikrowelle macht's. Popcorn? Warm und frisch, natürlich aus der Mikrowelle! Die Familienmitglieder sind alle zu unterschiedlichen Zeiten daheim und trotzdem jeder will eine warme Mahlzeit? Ab mit den Portionen in die Mikrowelle! Sprecherin2: Statistisch erfasst wird der Ausstattungsgrad mit Mikrowellengeräten in der Bundesrepublik erstmals 1988 in der Einkommensverbrauchsstichprobe. Zwölf Prozent der Haushalte besitzen damals eine Mikrowelle. 30 Jahre später liegt der Wert bei mehr als 70 Prozent. Sprecherin1: Wie stark sie genutzt wird, erfasst die Statistik nicht. Und auch die Kulturwissenschaft tappt da im Dunkeln. OT 22 Hirschfelder: Die Mikrowelle ist ein Multifunktionstool, und wir wissen gar nicht genau, was die Menschen damit anstellen. Auf der einen Seite habe ich ausdifferenzierte Kochbücher, die eine ganze Menge Möglichkeit geben, mit der Mikrowelle intelligent umzugehen. Dann hab ich Einzelgerichte, die ich einfach Kompakt in die Mikrowelle schiebe, die auch verschiedene Komponenten haben können. Der Discount und die Supermärkte bieten da eine reiche Auswahl und auch Essen auf Rädern bespielt hier in dieser Liga … Sprecherin1: Vom Ruf der Mikrowelle als Prestige-Objekt für den High-End-High-Tech-Haushalt freilich ist heute nicht mehr viel übrig: In modernen (Luxus-) Küchen wird die Mikrowelle längst nicht mehr zum Zentralelement gemacht. Oft wird sie leicht verschämt in der Ecke versteckt. Sofern sie überhaupt noch vorhanden ist. MUSIK 13 (Z8031838101 Fred und Luna: Zyklopädie Nummer 28 0’41) OT 23 Hirschfelder: Bei vielen Wohnformen für Menschen, die unter harten Bedingungen arbeiten, da spielt die Mikrowelle eine viel größere Rolle. Wir haben die Mikrowelle in den Unterkünften der Saisonarbeiter etwa, wir haben sie in manchen Studentenapartments. Sie rangiert sozusagen am unteren Ende der Wertigkeitsskala der Küchenutensilien. Sprecherin1: Vielleicht aber nicht mehr lange, mutmaßt der Kulturanthropologe. Denn in Zeiten, in denen Energieeffizienz eine immer größere Rolle spielt und sich neue Wohnformen auf kleinstem Raum etablieren, könnte die Mikrowelle eine Renaissance erleben. Davon ist Gunther Hirschfelder überzeugt: OT 24 Hirschfelder: Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir Wohneinheiten haben, wo man nicht mehr eine ganze Küche einbaut, sondern wo man eine wassergespeiste Spülanlage hat und wo man dazu zum Beispiel ein Ein-Platten Induktionskocher hat und eine parallel dazu vielleicht noch eine kleine Mikrowelle, da hätte man eine Kombination, mit der man doch eine ganze Menge machen kann. Sprecherin1: Und auch die Küchengeräte-Hersteller haben die Mikrowellen wieder ins Visier genommen: Sogenannte Dialoggarer kombinieren Ober- und Unterhitze oder Heißluft mit den elektromagnetischen Wellen, messen permanent wie viel Energie das Lebensmittel schon aufgenommen hat und versprechen durch einen intelligenten Einsatz verschiedener Frequenzen ein besonders gleichmäßiges und zeitsparendes Koch-Ergebnis. MUSIK 14 (CD516970005 Benny Goodman Sextet: Slipped Disc 0’30) Sprecherin2: Und so dürfte das Ergebnis von Percy Spencers Tüfteleien am Radar-Gerät noch länger erhalten bleiben. Und bestimmt noch den ein oder anderen Schoko-Riegel zum Schmelzen bringen. Sprecherin1: Denn ob wahre Geschichte oder Erfinder-Mythos: Schokolade-Schmelzen können die elektromagnetischen Strahlen wirklich.
- Das Geschenk - Die Magie der Überraschung
05.12.2023 · 22 Min.
Zu den unterschiedlichsten Anlässen kommen Geschenke zum Einsatz: Ob Geburtstag, Weihnachten, Hochzeit - die Kultur des Schenkens hat eine lange Tradition und viele Gesichter: Geschenke können erfreuen, aber auch unter Druck setzen. (BR 2018) Autorin: Veronika Wawatschek Credits Autor/in dieser Folge: Veronika Wawatschek Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Michael Hafner Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Frank Adloff (Professor); Holger Schwaiger (Dr.); Friedrich Rost (Dr.) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK: Melodie „Morgen Kinder“ unterlegen Kinderstimmen: Ich mag Nikolaus am liebsten, weil der bringt immer Geschenke. // Ich mag des Christkind am liebsten, weil des Geschenke bringt // Mein schönstes Geschenk war der Bauernhof // Mein schönstes Geschenk war, wo wir in Zirkus Krone gegangen sind. 1. ZSP – Friedrich Rost Der Reiz des Schenkens, das Besondere, was Weihnachten eben grade durch das Schenken ausmacht, der hat uns alle seit frühester Kindheit gepackt und wir kommen praktisch nicht von ihm los. Es hat eben eine Magie, einen Zauber, eine Hektik, die nur einmal im Jahr sozusagen wirklich nur in dieser Kulmination auftritt. SPRECHERIN … sagt Friedrich Rost. Der Erziehungswissenschaftler von der FU Berlin hat sich neben seiner pädagogischen Forschung viel mit der Kunst des Schenkens beschäftigt, mit diesem Zauber, der uns jedes Jahr vor allem zu Weihnachten in Kindheitserinnerungen schwelgen lässt, mit dieser so besonderen Stimmung, diesem Knistern, dieser Aufregung, dieser Vorfreude, bevor es dann endlich so weit ist: ATMO: Glöckchen Kinderstimmen: Wenn man ne Glocke hört, dann weiß man, dass des Christkind da war. // Dann geh ich schnell die Treppe runter von unserem Kinderzimmer und will die Geschenke sehen, das Wohnzimmer ist dann voller Geschenke und alles glitzert … SPRECHERIN Keine Frage: Geschenke bekommen ist schön. Schenken macht Spaß - und zwar nicht nur zu Weihnachten. Auch wenn da am meisten Geld ausgegeben wird: Pro Kopf investieren die Deutschen laut Handelsverband Deutschland gut 450 Euro im Jahr in Weihnachtsgeschenke. Nicht immer erfolgreich: Umfrage Teil 1: Kinder Ich hab nicht immer gekriegt, was ich wollte. // Du musst Barbie sagen // Die Meerjungsfraubarbie hab ich nicht gekriegt! SPRECHERIN Der Wunschzettel ist kein Bestellschein und das Christkind bringt nicht immer das Ersehnte, wie eine Umfrage des Handelsverbands HDE von 2016 zeigt: So werden zwar häufig Uhren oder Elektrogeräte verschenkt, die finden sich aber nicht unter den Top Ten der beliebtesten Geschenke. Und statt der vielen Geschenkgutscheine unterm Christbaum hätte die Mehrheit der Deutschen lieber Geld. Umfrage Teil 2: Mein schlimmstes Geschenk Das schlimmste Geschenk, was ich jemals bekommen hab, das waren tatsächlich Cowboystiefel. Ich war einige Wochen zuvor zu Besuch bei meiner Tante und genau die gleichen Stiefel hat mein Cousin mal geschenkt bekommen, auf jeden Fall standen die da sehr auffällig im Flur, hab die so in die Hand genommen, weil ich so erschrocken war, wie man so was tragen kann. Und hab dann zu meinem Cousin gesagt: Och, das ist ja schön, so ein Stiefel, wollt ich ein Kompliment machen, obwohl ich das überhaupt nicht so empfunden hab und dann hat er sich gedacht, er findet die Stiefel so toll, dann schenk ich ihm die Stiefel. 002 #00:00:17- Das war wirklich sehr schlimm. Das war eine Plastiktüte, die uns an den Balkon gehängt wurde, dann hieß es, da ist das Weihnachtsgeschenk drin und es war eingeschweißtes Geräuchertes. SPRECHERIN Ja, Geschenke können gehörig schiefgehen, bestätigt der Erlanger Soziologe Holger Schwaiger. Er nennt das Schenken einen Akt der Kommunikation. Und wie jede Form der Kommunikation kann auch das Schenken misslingen oder gar noch Schlimmeres auslösen: 2. ZSP – Holger Schwaiger Es ist in dem Sinne bei den archaischen Völkern oftmals davon gesprochen worden, das ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, indem eben dann die Völker mit materiellen Geschenken so überhäuft wurden, dass sie überhaupt keine Chance mehr hatten, quasi eine Gegengabe zu geben, weil sie da einfach nicht mehr mächtig dazu waren. SPRECHERIN Im Alten Testament schenkt König David die Kriegsbeute seinen Freunden - zur Demonstration der eigenen Macht. Und auch in der griechischen Antike gaben Geschenke nicht nur Grund zur Freude: Als Paris in Homers Schilderungen Aphrodite einen goldenen Apfel schenkt mit der Aufschrift „für die Schönste“, zieht er den Zorn und Neid von Hera und Athene auf sich. Der Trojanische Krieg nimmt seinen Lauf. Und als Pandora verbotenerweise die ihr geschenkte Büchse öffnet, wird sämtliches Leid und Unheil über die Menschen gebracht. Warum also schenken wir überhaupt? Professor Frank Adloff von der Universität Hamburg antwortet mit einer ganz allgemeinen Beobachtung: 3. ZSP – Prof. Frank Adloff Jedenfalls ist die Gabe in allen Gesellschaften konstitutiv für das Soziale kann man sagen, also für den Zusammenhalt der Gesellschaft ganz zentral. SPRECHERIN Der französische Soziologe Marcel Mauss bezeichnete die Gabe in seinem gleichnamigen Werk 1925 als eine Art ‚Gesellschaftsvertrag‘. Denn Geschenke können Frieden stiften oder bewahren, sie sind ein Zeichen der Freundschaft, der Solidarität oder des Interesses am Gegenüber - und sie kommen sogar im Tierreich vor: ATMO Vogelgezwitscher SPRECHERIN Laubenvögel in Australien beschenken ihre Partnerinnen beispielsweise mit einer Beere, wenn sie ihnen in ihren Liebespavillon gefolgt sind. Für das Turmfalkenweibchen gibt es beim Brüten eine Maus und welche Katze hat ihr Herrchen nicht schon mal mit einem toten Vogel vor der Terrassentür beglückt. Der Verhaltensbiologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt vermutete, dass sich diese tierischen Geschenke aus dem Paarungsverhalten und aus der Fürsorge für den Partner entwickelt haben: Sie befrieden, helfen dabei, einen intimen Kontakt anzubahnen und stechen damit möglicherweise sogar Konkurrenten aus. TRENNER: WERBEMUSIK SPRECHERIN Ein Trick, auf den die Werbung bis heute setzt, wie der Berliner Erziehungswissenschaftler Friedrich Rost feststellt: 4. ZSP – Friedrich Rost Werbegeschenke haben ja das Ziel, jemanden für sich zu gewinnen oder an sich zu binden. SPRECHERIN Diesen Mechanismus beobachtete auch der französische Soziologe und Anthropologe Marcel Mauss bei indigenen Völkern in Nordwestkanada oder auf Samoa. Frank Adloff, Professor für Soziologie und Sozialökonomie in Hamburg, hat sich eingehend mit dem Werk von Marcel Mauss beschäftigt: 5. ZSP – Frank Adloff Wenn beispielsweise Gruppen aufeinanderstoßen und das ist tatsächlich das, was Marcel Mauss hauptsächlich in seinem Text geschrieben hat, die jetzt noch nicht eine gemeinsame Kultur haben oder nicht gemeinsame Normen haben, die sich noch nicht darauf verlassen können, dass Frieden herrscht. Da gilt die Gabe im Grunde als Eröffnungszeichen für Friedfertigkeit. SPRECHERIN Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Kula-Ring auf den Tobriand-Inseln bei Papua-Neuguinea. Zwei Arten von Schmuckstücken, Halsketten und Armbänder, kursieren in entgegengesetzter Richtung zwischen den Inseln. Sie zeigen: Wir leben friedlich zusammen. Erst nach dem Überreichen dieser Schmuckstücke beginnt der Tausch von Gebrauchsgegenständen. Der Kula-Ring hat also die Basis für eine weitere Zusammenarbeit gelegt. Ganz anders dagegen ein Brauch beim nordwestamerikanischen Volk der Kwakiutl, der sogenannte ‚Potlatsch‘. In der Gegend um Vancouver und Seattle diente das Geschenk eher der Machtdemonstration: 6. ZSP Adloff Sie haben sich wechselseitig Dinge geschenkt, Schmuckstücke, Wertgegenstände und die Personen, die hinterher aussteigen mussten, die nicht weiterkonnten, die hatte sozusagen diesen Wettlauf verloren. SPRECHERIN Ende des 19. Jahrhunderts verbot die kanadische Regierung den Potlatsch. Das ursprünglich spirituelle Ritual war zu einem Wettkampf des Schenkens verkommen – zu einem Kampf mit friedlichen Mitteln. Die Machtfrage wird hier nicht mit Waffengewalt ausgetragen, sondern mit immer üppigeren Geschenken. Nur wer etwas übrighat, kann geben. Geschenke können so ein Machtgefälle ausdrücken, Zeichen der Überlegenheit, aber auch Zeichen der Unterwerfung und Huldigung sein. MUSIK : Wir kommen daher aus dem Morgenland SPRECHERIN Sie ist eine der bekanntesten Schenk-Geschichten der Bibel, an die Kinder bis heute rund um den Dreikönigstag am 6. Januar erinnern: Als der Stern den Weisen aus dem Morgenland die Geburt eines Königs verkündet, machen sie sich auf den Weg zu dem Baby, das da so ärmlich in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe liegt - edle Geschenke im Gepäck: Gold, Weihrauch und Myrrhe als Zeichen dafür, wer der wahre König ist, sagt Friedrich Rost: 7. ZSP – Friedrich Rost Die haben ja Gaben gebracht, die auf die Einzigartigkeit dieses Kindes hinweisen und die sehr wertvoll sind, die Symbolik darin liegt ja, dass weltliche Herrscher sich dem geistlichen Führer unterwerfen und dieses mit Geschenken tun, das war wirklich ein Akt des Respekts und der Unterwerfung und dementsprechend hat das eine hohe Symbolkraft. SPRECHERIN Opfergaben oder Geschenke der Hingabe finden sich in vielen Religionen, stellt der Soziologe Holger Schwaiger fest. Dahinter stecke die Idee: 8. ZSP – Holger Schwaiger: Der Mensch ist den Göttern oder seinen Gottheiten dadurch, dass er auf der Erde leben kann oder das Leben geschenkt bekommen hat, ist er ihnen auch etwas schuldig, etwas zurückzugeben und nachdem der Gott nicht so präsent ist wie der Nachbarsjunge haben sich eben Kulte um das Schenken entwickelt, dass man eben auf diese Art und Weise den Gottheiten etwas zurückgeben kann. SPRECHERIN Das Leben als das größte Geschenk, das der Mensch bekommen kann und das ihn zu Dankbarkeit verpflichtet: Ob Opfer, Spenden oder Almosen - immer verbunden waren diese Kulte mit der Hoffnung, dass solche Gaben den Weg ins Paradies erleichtern - und nebenbei auch das Zusammenleben auf Erden. ZITATOR "Was immer du auf Erden verschenkst, es wird dich in den Himmel begleiten." SPRECHERIN … heißt es im Koran und in den Sprüchen Salomos ist im Alten Testament zu lesen: ZITATOR "Wer Geschenke gibt, hat alle zu Freunden." SPRECHERIN ‚Geschenke erhalten die Freundschaft‘, heißt es im Volksmund. ‚Brot und Spiele‘ - auf dieses Motto setzten auch Herrscher lange Zeit - die Loyalität des Volkes den Mächtigen gegenüber und im Kriegsfall verstand sich dann von selbst. Denn Geben und üppiges Schenken waren lange Zeit denjenigen vorbehalten, die mehr hatten als sie brauchten. EVTL Flötenmusik / Barockmusik unterlegen SPRECHERIN Als Georg der Reiche im Jahr 1475 in Landshut Hedwig, die Tochter des polnischen Königs heiratet, isst und trinkt die ganze Stadt eine Woche lang auf Kosten des Herzogs. Und der österreichische Kaiser Franz Josef spendiert seinen Untertanen anlässlich seiner Hochzeit mit Sissi eine Amnestie für die Aufständischen von 1848. Auch heute noch versuchen Unternehmen mit einem großzügigen Weihnachtsgeld, Gewinnbeteiligungen oder anderen Vergünstigungen ihr Ansehen bei ihren Mitarbeitern oder in der Öffentlichkeit zu steigern. Geschenke können gefügig machen - aber nach Meinung des Hamburger Soziologen Frank Adloff handelt es sich bei solchen Zweckgaben nicht mehr um wahre Geschenke: 9. ZSP – Frank Adloff Wenn man das so in diese Haltung hineingibt, ich gebe, damit du gibst, do ut des, dann annulliere ich die Gabe eigentlich auch, weil dann ist es schierer Eigennutz. SPRECHERIN Die Gabe an sich ist nämlich qua definitionem an keine Bedingung geknüpft. Der Brockhaus spricht von einem Geben ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Ähnlich sieht es auch die deutsche Rechtsprechung: 10. ZSP – Frank Adloff Im bürgerlichen Gesetzbuch gibt es Passagen, in denen festgelegt ist, was ein Geschenk ist und da ist es beispielsweise so, dass es eine unentgeltliche Übertragung von Eigentum ist. Also ich gebe etwas, ohne etwas dafür zu bekommen. SPRECHERIN Wenn aber Firmen großzügig an bestimmte Parteien spenden, Pharmaunternehmen Ärzte in teure Hotels zu Tagungen schicken und Journalisten, die sich zum Essen einladen lassen, wohlwollende Restaurantkritiken verfassen, sind das nach den Worten des Erlanger Soziologen Holger Schwaiger keine Geschenke mehr. Bei solchen Wohltaten fehle ein ganz wesentlicher Aspekt: 11. ZSP – Holger Schwaiger Korruption ist kein Geschenk. Ein Geschenk zeichnet sich in unserer heutigen Gesellschaft mal ganz banal und für jeden erkenntlich dadurch aus, dass zumindest mal ne Verpackung drum ist. Dass vielleicht eine Schleife, eine Widmung und ähnliches drum ist. Und genau das ist ja bei der Korruption nicht der Fall. SPRECHERIN Denn diese Geschenke stehen einem guten Miteinander eher im Weg. Echte Geschenke sind seiner Meinung nach dagegen für das gesellschaftliche Zusammenleben von einer immensen Bedeutung: 12. ZSP – Holger Schwaiger Auf diese Weise lässt sich eben sehr viel an Emotion ausdrücken, in der Beziehung zwischen Schenker und Beschenktem. Weil das Schenken ist im Prinzip eine Kommunikation der Liebe. Und Liebe ist einfach bedingungslos, das ist das vorteilhafte daran. SPRECHERIN Geldgeschenke können für Holger Schwaiger deshalb nicht im engeren Sinne zu den Geschenken gezählt werden. 13. ZSP – Holger Schwaiger Weil, wenn es sich um eine emotionale Form der Kommunikation handelt, kann man nicht sagen: Weißt du was, liebes Gegenüber, meine Beziehung zu dir, zwischen der Oma und mir beispielsweise ist 50 Euro wert. Das gibt es nicht, eine Beziehung ist nicht Geld wert, meines Erachtens. SPRECHERIN Schnell wäre man dann seiner Meinung nach auch einem gewissen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt: 14. ZSP – Holger Schwaiger Dann kann man eben nicht sagen: Meine Beziehung zu dir ist 30 Euro wert und letztes Jahr hast du mir 50 Euro geschenkt, hat sich denn unsere Liebe oder unsere Beziehung abgekühlt? SPRECHERIN Außerdem gehe die persönliche Note verloren, also genau das, was ein Geschenk eigentlich ausmache, und es würden sich viel grundsätzlichere Fragen stellen: 15. ZSP – Holger Schwaiger Die Personalisierung ist beim Geldgeschenk aufgehoben, mit der Begründung: Du kannst dir jetzt was kaufen, was dir gefällt, schließlich weiß ich nicht, was dir gefällt. Und da muss man natürlich fragen: Wenn ich schon nicht weiß, was dir gefällt? Was ist denn dann unsere Beziehung wert? Also wenn ich mich von einem Partner schon so weit entfernt habe, dass ich gar nicht mehr weiß, was ihm gefallen würde, dann ist möglicherweise die Beziehung schon in einem ganz anderen Status, als dass man sich noch viel schenken kann. SPRECHERIN Was also macht ein gutes Geschenk aus? Umfrage #00:00:11-3# Das schönste Geschenk, was ich je gekriegt hab, war zu meinem 18. Geburtstag, ein Ring, der zusammengeschweißt war aus den Eheringen meiner Eltern. Das war bedeutungsvoll und extrem wichtig für mich. 001 #00:00:16-2# Das war tatsächlich, dass mein Großvater meiner Schwester mal Inliner geschenkt hat und ich, glaub ich, ziemlich traurig danebengestanden hab, weil ich mir das auch sehr gewünscht hab und eine Woche später kam er dann und hat mir dann auch ein Paket überreicht, wo diese Inliner drin waren und weiß auch, dass ich in Tränen ausgebrochen bin, das war das Allergrößte, es war wirklich das größte Geschenk, was er mir machen konnte. #00:02:46-8# Es muss persönlich sein, es muss von Herzen kommen, ich glaub, es hat nichts mit Geld zu tun, es hat nichts mit Wert zu tun, der Wert ist glaub ich eher emotionaler Natur und ich glaub, das macht ein gutes Geschenk auch aus. SPRECHERIN Helmut Kohl hat einmal ein Trimm-Dich-Fahrrad bekommen. Für Angela Merkel gabs beim Antrittsbesuch des französischen Premierministers Francois Fillon 2007 ein Buch über Radioaktivität und Bundeskanzler Gerhard Schröder schenkte George W. Bush eine Motorsäge als „Geschenk unter Männern“ - solche Staatsgeschenke sagen oft mehr über den Schenker aus, denn über den Beschenkten. Friedrich Rost: 17. ZSP – Friedrich Rost Heute wird wahrscheinlich jeder aus seiner Alltagserfahrung heraus sagen, dass das Geschenk gelungen ist, was beim Gegenüber ankommt, was ihm Freude macht und diese Freude spiegelt sich zurück auf denjenigen, der das Geschenk gegeben hat. SPRECHERIN Klar ist: Zum Schenken gehören immer zwei. Umfrage #00:02:09-0# Die erste Regel meines Vaters war: Schenke nur, was du gerne behalten möchtest, das heißt, was er damit sagen wollte: du verschenkst das an jemanden anderen, was du letztendlich, wenn du es dann hast, auch gerne haben würdest, weil es dann so gut und so wichtig ist, dass du dir viele Gedanken darüber gemacht hast. #00:01:56-0# Das beste Geschenk, was ich verschenkt hab, das ist Zeit: Zeit verschenken, das mach ich immer mal gerne, grad mit den Patenkindern von mir. Die bekommene Zeit und dann machen wir einfach einen ganz tollen Tag. SPRECHERIN Früher ging es vor allem um den Willen des Schenkers, heute steht eher der Wunsch des Beschenkten im Vordergrund: Womit kann ich meinem Gegenüber eine Freude machen? Heute soll ein Geschenk persönlich sein, aber nicht einen bestimmten Zweck verfolgen – so die landläufige Meinung. 18. ZSP – Friedrich Rost Wenn mit dem Geschenk signalisiert wird: Du musst dich ändern! Du bist nicht perfekt, das ist natürlich eine Aussage, die nicht dem Sinn des Schenkens entspricht. SPRECHERIN Also kein Hometrainer, um den Ehemann zum Abspecken zu bewegen und auch kein Matheübungsbuch für den Sohn, der sich beim Rechnen schwer tut. Darüber hinaus haben sich eine ganze Reihe weiterer Normen rund ums Schenken entwickelt, wie Holger Schwaiger ausführt: 19. ZSP – Holger Schwaiger Man nimmt das Geschenk und schenkt es normalerweise nicht weiter und schenkt es auch nicht zurück, was zum Beispiel in archaischen Gesellschaften durchaus üblich war. Und man tauscht dieses Geschenk auch nicht um. (…) Und es gibt noch weitere Gebote, wie das Schenken ablaufen soll. Zum Beispiel ist natürlich auch Dank und Freude ein besonderer Faktor, der das Schenken immer begleitet. Es gibt nichts Ungewöhnlicheres, als wenn man sich für ein Geschenk nicht bedankt. Jeder sagt zu seinen Kindern, wenn das Kind etwas geschenkt bekommt: Hast du auch artig danke gesagt? SPRECHERIN Die Frau freut sich wirklich über diesen ganz besonderen Seidenschal, die Großeltern schauen sich das Fotoalbum der Enkel immer und immer wieder an und die Schwester strahlt übers ganze Gesicht, als sie die eigens für sie angefertigte Kette umlegt. Auch wenn die Tendenz zu immer mehr Gutscheinen geht, für den Soziologen Holger Schwaiger macht das Materielle, das was man auspacken und in der Hand halten kann gerade den besonderen Reiz am Schenken aus: 20. ZSP – Holger Schwaiger Geschenke, Materielles bleibt Ein Geschenk hat einen Wert, es ist ein Gegenstand in der Regel. Der ist nicht flüchtig im Gegensatz zu Worten, zum Blick und so weiter. Dadurch, dass das Geschenk immer da ist und eine Art Erinnerungsfunktion oder Souvenircharakter hat, dadurch werde ich immer an diese Botschaft, die mit dieser Kommunikation übertragen wird, „ich hab dich lieb“, „ich habe Sympathie für dich“, „ich mag dich“, diese Botschaft kann nicht einfach weggewischt werden wie Worte die einfach verhallen. SPRECHERIN Geschenke können Zeichen sein, die überdauern: Ob es sich nun um den Ring am Finger handelt, der die Liebe auch dann noch symbolisiert, wenn die gerade im Alltag auf Eis gelegt scheint. Ob es das Sofa der Oma ist, das bleibt, auch wenn die Oma längst gestorben ist. Oder ob dadurch Politik sichtbar wird: sei es durch die Freiheitsstatue vor Manhattan, die Frankreich den USA zur Besiegelung der Unabhängigkeit von Großbritannien schenkte oder den Panda-Bären, den China Taiwan 2008 schenkte, um das gegenseitige Verhältnis zu verbessern. Geschenke sind weit mehr wert, als der Wert, den ihnen das Preisschild beimisst. 21. ZSP Adloff Ich würde sagen: Ohne Gabe kein Zusammenleben. Also meine These ist im Grunde immer, dass jede Form von Sozialität, dass jedes sich aufeinander einlassen, ob das nun die kleinste Interaktion ist oder auch größere gesellschaftliche Zusammenhänge darauf beruhen, dass wir bereit sind, uns zu öffnen, dem anderen etwas zu geben und auch ein Risiko einzugehen. Es gibt immer einen Moment der Bedingungslosigkeit im Sozialen. Wir können nicht davon ausgehen, dass immer schon klar ist, dass ich etwas zurückbekomme. Wir können nicht davon ausgehen, dass die Normen schon alles regeln. Oder dass aus eigenem Interesse heraus die Welt funktioniert. Sondern ohne dieses Moment des Überschusses, der Bedingungslosigkeit kann das eigentlich überhaupt gar kein verlässliches Zusammenleben geben. MUSIK drunter und fade out: Morgen, Kinder, werden wir uns freuen!
- Die Geschichte des Mikroskops - Als die Welt vergrößert wurde ...
04.12.2023 · 22 Min.
Ein Floh tanzt vor einer staunenden Gesellschaft und ein Tuchhändler sieht ein Bakterium: Als in der Renaissance das Mikroskop erfunden wird, eröffnen sich neue Welten. (BR 2021) Autorin: Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Andreas Neumann, Hemma Michel, Michael Atzinger Technik: Regina Staerke Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Erdmann Spiecker, Lehrstuhl für Mikro- und Nanostrukturforschung & Center für Nanoanalysis and Electron Microscopy (CENEM), Universität Erlangen-Nürnberg, Werkstoffwissenschaftler; Julia Böttcher, Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWis) der Universität Erlangen-Nürnberg, Wissenschaftshistorikerin; Marion Maria Ruisinger, Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt, Medizinerin, Medizinhistorikerin Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher/in 1: Ein Haar erscheint wie ein armdickes Seil, Blütenpollen wirken wie exotische Früchte mit Stacheln und in einem klarer Wassertropfen tummeln sich Myriaden kleiner Monster: Unter dem Mikroskop offenbart die Natur, was dem reinen Auge verborgen bleibt – und eröffnet ungeahnte Dimensionen: Seit der Mensch die Welt um sich herum vergrößert, zeigt sie ihm ein immer detaillierteres Bild von sich selbst. MUSIK M02 Sprecher/in 2: Den ersten Blick auf diesen Mikrokosmos erhaschen Gelehrte am Anfang des 17. Jahrhunderts. Kaum vorstellbar, wie es sich angefühlt haben muss, mit eigenen Augen auf eine vollkommen unbekannte – weil bislang unsichtbare – Welt zu schauen. 01 Ruisinger: Angefangen hat das mit etwas, was ganz Viele – ich auch – auf der Nase tragen, nämlich mit der Brille. Sprecher/in 1: … beschreibt Marion Maria Ruisinger [Aussprache wie geschrieben]. Sie ist Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt. Sprecher/in 2: Dass durchsichtige Linsen oder auch Wassertropfen vergrößernd wirken, ist damals schon lange bekannt. Ab dem Mittelalter gleichen sogenannte Lesesteine aus geschliffenem Beryll – einem durchsichtigen, glasähnlichen Mineral – Sehschwächen aus. Aus ihnen entwickeln sich Monokel und Brillen, vom Beryll leitet sich auch das Wort "Brille" ab. Dementsprechend sind die Brillenmacher im 17. Jahrhundert die Fachleute für gläserne Linsen, sagt die Medizinhistorikerin: 02 Ruisinger: Brillenmacher waren tatsächlich auch die ersten, die es mal ausprobiert haben, was passiert, wenn man mehrere Linsen in einem Sehstrahl hintereinander anordnet. Dafür braucht man so eine Röhre, wo man diese Linsen dann fixieren kann und wenn man durchguckt – je nachdem wie die Linse geschliffen war, wie die Röhre gestaltet ist – konnte man plötzlich sehr Fernes deutlich näher sehen, das war dann das was wir heute Teleskop nennen. Oder man konnte ganz kleine Dinge sehr viel größer sehen. Das ist das, was wir heute Mikroskop nennen. Man kann also sagen, der Blick in die Ferne und die Entdeckung dieser kleinen Welt haben eine gemeinsame Geburtsstunde und einen gemeinsamen Geburtsort. Nämlich die Werkstatt des Brillenmachers, so um 1610/1620. Sprecher/in 1: Geburtshelfer für beide Instrumente ist das im ausgehenden Mittelalter allmählich erwachende Interesse, im Buch der Natur zu lesen. 03 Ruisinger: Im Buch der Natur lesen, das heißt nicht nur die alten Schriften eines Dioskurides zum Beispiel untersuchen, sondern rausgehen und die Pflanzen vor Ort ansehen. Nicht nur die Anatomie des Galen studieren, sondern den Leichnam selbst öffnen und nachschauen. Dieses Lesen im Buch der Natur, das beginnt im Spätmittelalter in Norditalien, ist der Blick der Gelehrten in der Renaissance, und der wird immer weiter vorangetrieben. Man schaut immer genauer, erforscht den Menschen – zum Beispiel jetzt in der Medizin – immer mehr im Detail, bis die ganze makroskopische Anatomie erschlossen ist, also alles, was ich mich unbewehrtem Auge sehen kann, und dann, um es dann noch weiter vorantreiben zu können, da muss man eine Vergrößerung ansetzen. Sprecher/in 1: Zunächst mit der Lupe, später dann mit dem Mikroskop. MUSIK M03 Sprecher/in 2: Im Grunde entspricht das Prinzip des Mikroskops einer doppelten Lupe: Das von der ersten Linse – dem Objektiv – vergrößerte Bild wird von einer zweiten Linse – dem Okular – nochmals vergrößert. Die Werte beider Linsen vervielfachen sich dabei: Schafft das Objektiv beispielsweise eine 20-fache Vergrößerung und das Okular eine 10-fache, ergibt sich insgesamt eine 200-fache Gesamtvergrößerung des betrachteten Objekts. Sprecher/in 1: Und die Natur bietet reichhaltigen Lesestoff für das optisch unterstützte Auge der Forscher: menschliche Exkremente oder Säfte wie Blut, Speichel, Urin oder die Samenflüssigkeit lassen sich genauso unter die Lupe nehmen wie Pflanzen oder Naturphänomene wie etwa Schneeflocken. Den Anfang machen allerdings wohl Insekten: Sprecher/in 2: Als quasi "erste mikroskopische Abbildung" gilt eine Bienen-Zeichnung des italienischen Naturforschers Francesco Stelluti: Er zeichnet das gesamte Insekt überlebensgroß in unterschiedlichen Perspektiven, aber auch einzelne Details wie den Kopf, die Beine oder die Fühler. MUSIK M05 Sprecher/in 1: Und auch andere Insekten beschäftigen die Gelehrten – stellen sie doch ein geradezu ideales Untersuchungsmaterial dar: Sie sind verfügbar und relativ robust, klein, aber auch nicht zu klein. Der englische Wissenschaftler Robert Hooke etwa stellt in seinem Werk "Micrographia" unter anderem mikroskopische Beobachtungen über den Floh an und schwärmt: Zitator: "Er ist über und über mit einer wunderbar polierten dunklen Rüstung geschmückt, deren Platten fein gefügt sind und viele scharfe Nadeln tragen. Diese ähneln den Stacheln des Stachelschweins oder blanken, spitz zulaufen den Stahlnadeln [...]. Er hat auch zwei Beißwerkzeuge, ein wenig wie die der Ameise, aber ich konnte keine Zähne entdecken. Sprecher/in 1: Folgerichtig werden die frühen Mikroskope auch Flohgläser genannt. Sprecher/in 2: Während das Teleskop dazu führt, dass das geozentrische, also erdzentrierte Weltbild ins Wanken gerät und der Erde und damit dem Menschen allmählich seine zentrale Position im Universum nimmt, verursachen die Studien mit dem Mikroskop übrigens keine Konflikte mit der Kirche. Die Untersuchung der Natur wird als Untersuchung der Schöpfung Gottes verstanden: 04 Ruisinger: Man kann sagen Naturforschung, so betrachtet, ist eine Art von Gottesbeweis und damit ganz unproblematisch für die kirchliche Lehre. Sprecher/in 1: In der Praxis ist das Mikroskopieren allerdings ganz und gar nicht unproblematisch. Durch die Linse tatsächlich etwas zu sehen – eine Herausforderung, beschreibt Wissenschaftshistorikerin Julia Böttcher vom Erlanger Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen: 05 Böttcher: Man kann zum Beispiel für die Mikroskope des 17. Jahrhunderts anhand von Nachbauten sehr schön sehen, dass das Bild beispielsweise auf dem Kopf stand, wenn man da hindurchgeschaut hat. Das heißt, allein schon die Probe vor der Linse zu verschieben, war etwas, was man mit Erfahrung meistern musste, weil man sie intuitiv in die falsche Richtung geschoben hätte. Sprecher/in 1: Die größte Herausforderung der Zeit ist es allerdings, überhaupt erst einmal qualitativ hochwertige Linsen herzustellen. Das Ziel: ein scharfes, farbreines, unverzerrtes, stark vergrößertes Bild. Die Realität aber sieht meist anders aus: 06 Böttcher: Linsen von Mikroskopen, die aus der Entwicklungszeit stammen, hatten zahlreiche Farbfehler beispielsweise, weil man nicht n der Lage war, die unterschiedliche Brechung verschiedener Farben in den Griff zu bekommen. (Das gelang erst im 19. Jahrhundert.) MUSIK M03 Sprecher/in 2: Denn Licht besteht aus unterschiedlichen Wellenlängen, also mehreren Farben – was beispielsweise sichtbar wird, wenn aus einem angeleuchteten Prisma das Licht in einer Art Regenbogen-Strahl wieder farbig austritt. 07 Böttcher: Man sieht ein hochgradig künstliches Bild, etwas, das der normalen, alltäglichen Wahrnehmung teilweise richtiggehend entgegensteht. Und das man dann mehr oder weniger erst mal interpretieren muss oder deuten muss, um es dann entweder beschreibend oder als Zeichnung an andere zu vermitteln. Sprecher/in 1: Tüfteln ist also angesagt. MUSIK M06 Sprecher/in 2: Und das gelingt wohl keinem so gut, wie dem Niederländer Antonie van Leeuwenhoek [ˈantoːnɛɪ̯ ˈvɑn ˈleːwənhuk]. Als Tuchhändler hat er gelernt, mit starken Lupen die Qualität von Stoffen zu untersuchen. Und er treibt das Lupenprinzip zur Perfektion, löst das Problem der Farbfehler bei mehrlinsigen Mikroskopen auf seine ganz eigene Weise: Mit einer einzigen Linse. Medizinhistorikerin Marion Maria Ruisinger: 08 Ruisinger: Der hat sich nicht bemüht, ein möglichst klares Glas zu finden, das dann möglichst gut geschliffen wird von einem Linsenschleifer, sondern der hat das selbst gemacht, in seinem Hinterstübchen, im Geheimen – er hat das Geheimnis auch mit ins Grab genommen – hat eine große Zahl von Mikroskopen produziert. Und vermutlich hat er diese winzig kleine Linse, so groß wie der Kopf von einer Glas-Stecknadel, wahrscheinlich hat er die dadurch produzieren können, dass er einen feinen Glasstab erhitzt hat, dass der vorne flüssig wurde und mit so einer drehenden Bewegung sich dann so eine kleine Kugel geformt hat. Und diese winzige Kugel an dieser Glasschmelze, die wurde dann seine Linse. Sprecher/in 2: Eine bis zu 270-fache Vergrößerung schafft Leeuwenhoek mit seiner Apparatur, die insgesamt nicht größer ist als eine Streichholzschachtel und die er sich ganz dicht vors Auge halten muss. Sprecher/in 1: Damit sieht er mehr als alle anderen zuvor – ohne zu wissen, was er da eigentlich sieht. 09 Ruisinger: Er hat sich seinen eigenen Zahnbelag abgekratzt und angekuckt – gesehen, dass da irgendwas drinnen ist. Würmchen, Tierchen, was Schwarzes, was Dunkles, aber er hat das nicht weiter benennen können, er hat's nicht verstanden, nicht verstehen können, was das ist. Sprecher/in 1: … erläutert die Medizinerin und Medizinhistorikerin. 10 Ruisinger: Es waren Bakterien. Aber um Bakterien sehen zu können, muss ich Bakterien kennen. Das heißt, hier wurde die Mikroskopie ganz wichtig für die Bakteriologie, aber zuerst musste das Konzept der Bakterien erdacht werden. Durch ganz andere Methoden. Und erst, nachdem man das Konzept auf dem Tisch lag, konnte man das, was man gesehen hat auch entsprechend einordnen. Sprecher/in 1: Sind diese Konzepte aber schon vorhanden, hilft das Mikroskop nun, sie auch zu beweisen. Auch dafür nennt Marion Maria Ruisinger ein Beispiel: 11 Ruisinger: Als 1628 William Harvey seine Schrift publiziert in Frankfurt, in der er behauptet, dass das Blut im Kreis fließt. Da hat er ganz starken Gegenwind bekommen von seinen Kollegen, weil er damit das System der antiken Medizin, das fast 2.000 Jahre lang Gültigkeit gehabt hat, umgekippt hat. Das war eine Revolution. Das konnte man so nicht glauben. Und sie hatten ein starkes Argument, er konnte nämlich nicht wirklich schlüssig beweisen, nicht nachweisen, dass das Blut im Kreis fließt. Ihm hat die Verbindung zwischen den Arterien und den Venen gefehlt, die konnte er nicht sehen mit bloßem Auge. Und das hat dann erst eine Generation später ein Anatom aus Italien leisten können, mit dem Mikroskop. An den Lungen des Frosches hat er nachweisen können, dass es tatsächlich Blutgefäße gibt, die so klein sind, so haarfein, dass sie die Arterien und die Venen verbinden ohne dass man sie mit bloßem Auge sehen kann: die Kapillaren, wie sie heute in der Medizin heißen, die Haargefäße. MUSIK M07 Sprecher/in 1: Insbesondere in der Medizin etabliert sich das Mikroskop relativ zügig zum anerkannten Arbeitsgerät. Sprecher/in 2: Spätestens im 18. Jahrhundert werden mikroskopische Bilder auch für eine breitere Masse populär: Die barocke Gesellschaft amüsiert sich kollektiv an der vergrößerten Natur. Mit Hilfe des "Beamers des 18. Jahrhunderts", dem sogenannten Sonnenmikroskop. 12 Ruisinger: Es ist ein bisschen wie ein Diaprojektor. Die Lichtquelle ist die Sonne. Und dann muss das Sonnenlicht durch das Fenster fallen, das Fenster wird entsprechend mit einem schwarzen Tuch, mit einer schwarzen Platte verstellt, dass nur noch durch ein kleines Loch das Sonnenlicht reinfällt und dieser Lichtstrahl wird in einem dunklen Raum in dieses Sonnenmikroskop geleitet, fällt dort durch eine Linse und fällt dann durch das Objekt und wird vergrößert, so dass es wie bei einer Beamer-Projektion auf einer weißen Wand landet … Sprecher/in 1: … beschreibt Ruisinger den Aufbau. Und dann muss es atemberaubend gewesen sein. 13 Ruisinger: Und stellen Sie sich jetzt vor, wenn da nicht irgendein langweiliger Objektträger eingeklemmt ist, sondern auf einer kleinen Nadelspitze sondern ein lebender Floh. Der wird groß wie ein Kalb auf die Wand projiziert, strampelt, bewegt sich. Das muss ein unglaublicher Effekt gewesen sein. In einer Zeit, die noch nicht so verwöhnt war von bewegten Bildern, wie wir es heute sind. Sprecher/in 1: Eine andere Art der Mikroskopie – irgendwo im Grenzgebiet zwischen Wissenschaft und gesellschaftlichem Amüsement. MUSIK M08 Sprecher/in 2: Im 19. Jahrhundert schließlich verbessert sich das mikroskopische Bild durch unterschiedliche Glassorten und Linsen-Schliffe immer weiter. Optiker wie Carl Zeiss fertigen Mikroskope von bis dahin ungeahnter Präzision – und Robert Koch, einer der Begründer der modernen Bakteriologie, dürfte nicht zuletzt dem Mikroskop seinen Nobelpreis für Medizin verdanken. Sprecher/in 1: Inzwischen gleichen bei modernen Licht-Mikroskopen zusätzliche Linsen Abbildungsfehler aus. Hochwertige Objektive etwa bestehen aus mehr als einem Dutzend Linsen. Spezielle Beleuchtungssysteme sorgen dafür, dass das Licht optimal auf das zu mikroskopierende Objekt konzentriert werden kann. Sprecher/in 2: Und heutzutage sind es nicht mehr nur Lichtwellen, die für den genauen Blick auf die Natur genutzt werden. Auch Elektronen oder Röntgenstrahlen erlauben in der modernen Mikroskopie immer detailliertere Einblicke. ATMO Sprecher/in 1: Universität Erlangen, Institut für Mikro- und Nanostrukturforschung: In einem fensterlosen Raum steht ein großer weißer Kasten, im Inneren ausgekleidet mit silberner Folie und mit allerlei technischem Gerät bestückt. Es ist ein hochauflösendes Röntgenmikroskop, das optisch zunächst einmal nichts mehr mit einem Lichtmikroskop zu tun hat. Der Aufbau ist aber im Grunde genommen ähnlich, beschreibt Materialforscher Prof. Erdmann Spiecker: Statt Licht kommen hier eben Röntgenstrahlen zum Einsatz 14 Spiecker: Wir haben links eine Röntgenquelle, da werden also Elektronen auf ein Metall beschleunigt – hier ist das ein Chrom-Material – und das erzeugt ganz spezielle Röntgenstrahlung einer Wellenlänge. Und diese Röntgenstrahlung wird dann hier in einem Kondensor-System gebündelt und auf die Probe gebracht. Die Probe sitzt hier auf einem ganz feinen Pin, also auf einer Spitze. Dann hat man hinten eben auch Linsen, man braucht spezielle Linsen, und dann wird das auf eine Kamera gelenkt. MUSIK M02 Sprecher/in 2: Auf dem feinen Pin sitzt – scheinbar nichts. Doch die Probe, die hier untersucht wird, ist einfach selbst schon so klein, dass sie nur unter dem Mikroskop auf die kleine Spitze übertragen werden kann. Sprecher/in 1: Neben dem Röntgenmikroskop hat der Werkstoffwissenschaftler ein Beispiel vorbereitet, wie es auch die frühen Mikroskop-Forscher auf dem Tisch gehabt haben können: Einen Schmetterling, einen grünen Zipfelfalter. Mit bloßem Auge wirkt der Flügel des kleinen Falters leicht pudrig. Unter dem starken Lichtmikroskop dann zeigen sich schon kleine längliche Schuppen, die dachziegelartig übereinanderliegen und schillern. Im Röntgenmikroskop schließlich offenbart eine einzige dieser winzigen Flügelschuppen das ganzes Geheimnis ihrer Farbpracht: 15 Spiecker: Wenn man genauer hinguckt in diese Flügelschuppen, besteht diese Schuppen aus ganz, ganz vielen ganz kleinen regulären Strukturen aus Chitin und die haben eine hochperiodische Struktur. Und diese Periodizität dieses 'Kristalls', kann man auch sagen, ist ungefähr im Bereich der Wellenlänge des grünen Lichts. MUSIK M03 Sprecher/in 1: Die grüne Farbe des Zipfelfalters kommt also nicht durch Pigmente zustande, sondern weil das mit bloßem Auge unsichtbare Muster in der Oberflächenstruktur hunderter einzelner Flügelschuppen bestimmte Wellenlängen des Lichts reflektiert – ohne extreme Vergrößerung nicht einmal zu erahnen. Sprecher/in 2: Ohne Hilfsmittel kann das menschliche Auge ein bis zwei Zehntelmillimeter große Strukturen erkennen und voneinander unterscheiden. Das genügt, um etwa am Blatt einer Pflanze noch Adern und Äderchen zu erkennen. Sprecher/in 1: Mit einem leistungsstarken Lichtmikroskop dagegen lassen sich schon Dinge im Mikrometer-Bereich darstellen – zum Beispiel die Zellen und Spaltöffnungen eines Blatts. Eine noch bessere Auflösung gelingt aber nicht, egal, wie viele und welche guten gute Linsen man einsetzen würde. Sprecher/in 2: Das liegt an der Wellenlänge des Lichts: Ist die größer als das, was man unter dem Mikroskop erkennen will, funktioniert es schlichtweg nicht. Der Grund: die sogenannte Beugungsbegrenzung. 16 Spiecker: Diese Beugungsphänomene führen dazu, dass man einen Punkt nicht auf einen Punkt abbilden kann. Das heißt, wenn ich ein punktförmiges Objekt habe und ich habe eine Linse und bilde diesen Punkt ab auf eine Bildebene, dann ist das kein Punkt mehr, sondern ein verbreitertes Scheibchen. Und dieses Scheibchen hat eine Breite, die eben auf keinen Fall viel, viel kleiner als die Wellenlänge sein kann. MUSIK M01 Sprecher/in 1: Der Trick: kürzere Wellen benutzen. Und hier kommt das Röntgenmikroskop ins Spiel. Sprecher/in 2: Auch Röntgenstrahlen sind Wellen. Da sie aber eine deutlich kürzere Wellenlänge haben, können sie deutlich mehr Details abbilden. Eine Auflösung von etwa 50 Nanometern erreicht das Röntgenmikroskop in Erlangen . Sprecher/in 1: Zusätzlicher Vorteil: Die Röntgenstrahlen können das Objekt auch von allen Seiten durchleuchten wie in der Computertomographie beim Arzt. In der 3D-Animation bestehend aus den zahlreichen Einzelbildern kann man so dann durch die kleine Schmetterlingsflügel-Schuppe gleichsam hindurchfliegen. Kringel, Hohlräume und die gesamte Feinstruktur sind zu erkennen – und könnten etwa Rückschlüsse auf die komplexe Bildung der Flügel während der Verpuppung liefern. Sprecher/in 2: Schmetterlingsflügel sind aber freilich nicht die Standard-Materialien, die hier am Lehrstuhl für Mikro- und Nanostrukturforschung untersucht werden. Normalerweise be- und durchleuchten Erdmann Spiecker und sein Team Hochleistungsmaterialien, etwa für Flugzeugturbinen oder Solarmodule. Auch mit dem sogenannten Transmissions-Elektronenmikroskop, bei dem Elektronen die Funktion des Lichts übernehmen. Das Gerät leistet eine millionenfache Auflösung. Sogar Atome lassen sich hier identifizieren und verfolgen. Das Ziel: Verstehen, wie die innere Struktur und die Eigenschaften eines Materials zusammenhängen. 17 Spiecker: Fast alle Metalle, die wir im täglichen Gebrauch nutzen, sind kristalline Materialien. Und da kann man dann die einzelnen Netzebenen des Kristalls auflösen, man kann nach Fehlern kucken, man kann kucken, wie sich solche Materialien auch verhalten unter äußeren Einwirkungen. Das ist auch ein Schwerpunkt hier bei uns. Wir betreiben sogenannte In-situ-Mikroskopie. Das heißt, wir kucken zu, während ein Material sich verändert als Folge einer mechanischen Verformung oder eines Wärmeeintrags. Und so können wir dann verstehen, wie Materialien auf dieser kleinen Längenskala funktionieren. Sprecher/in 1: Entsteht der sichtbare Riss in einer Flugzeugturbine vielleicht schon lange vorher auf atomarer Ebene? Und verändert eine Solarzelle beim Stromerzeugen ihre Eigenschaften? Sprecher/in 2: Die Mikroskope, die den Einblick zur Beantwortung solcher Fragen liefern, sind hochempfindliche Gerätschaften. Schon der Aufenthalt im Mikroskopie-Raum kann dabei stören, weil die Forschenden selbst Wärme, Schallwellen oder Erschütterungen einbringen. Sprecher/in 1: Grundsätzlich aber entstehen auch diese ultra-detaillierten Bilder nach dem Konzept, das schon die Pioniere der Mikroskopie genutzt haben: Ein Objekt wird beleuchtet – nur eben mit anderen Wellenlängen. Sprecher/in 2: Eine andere Art des modernen Mikroskopierens ist das Rastern. Hier wird mit einer Art Sonde, also etwa einem feien Elektronenstrahl, die Oberfläche eines Objekts Punkt für Punkt abgetastet. Ein Computer setzt die einzelnen Informationspunkte dann zu einem Bild zusammen. Sprecher/in 1: Den Anblick dieser spannenden, fast landschaftsähnlichen Oberflächen-Strukturen kennen wir etwa aus der Darstellung von Viren. Sprecher/in 2: Aber auch auf dem Gebiet der Lichtmikroskopie gab es zuletzt wieder bahnbrechende Entwicklungen: So ist es den Mikroskopikern nach mehr als 300 Jahren endlich gelungen, die Beugungsbegrenzung des Lichtmikroskops auszuhebeln und noch wesentlich feinere Details sichtbar zu machen. 18 Spiecker: Das geht aber nicht mit jedem Mikroskop, man braucht sogenannte Fluoreszenz-Mikroskopie. Fluoreszenz-Mikroskopie heißt, man regt die Probe zur Fluoreszenz an, das heißt, sie leuchtet selber. Und mit dieser Fluoreszenzmikroskopie und neuen Techniken kann man dann eben diese hohen Auflösungen erreichen. Sprecher/in 1: Was ihren Entwicklern wiederum den Nobelpreis eingebracht hat. Sprecher/in 2: Die gesamte Stärke der modernen Mikroskopie liegt letztlich in der Kombination der verschiedenen Mikroskope. Das eine zeigt, dass es an einer bestimmten Stelle etwas zu sehen gibt, das nächste zeigt, was es dort gibt und ein weiteres durchleuchtet das Objekt bis zum kleinsten Atom oder Orbital. Sprecher/in 1: Das Gesehene dann zu interpretieren und einzuordnen – das obliegt dann wieder der Kunst des Forschers. Genauso wie im 17. Jahrhundert, als das Mikroskop erfunden wurde.