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Heißgeliebt über Jahrtausende - Die Kulturgeschichte der Eiscreme

28.08.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Wer denkt, Eiscreme verführt die Menschen erst seit der Erfindung der Tiefkühltruhe, der irrt. Schon vor 5000 Jahren sollen die alten Chinesen daran genascht haben. Seither erscheint die Eiscreme in stets neuem Gewand und ist weltweit heißgeliebt - ob als Eis am Stiel, Konfekt oder im Becher mit Sahne. Von Susanne Hofmann

Credits
Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Susanne Schroeder, Jerzy May
Technik: Simone Lobenhofer
Redaktion: Iska Schreglmann

Im Interview:
PD Dr. Heiner Stahl, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Siegen
Dr. Fritz Treiber, Molekularbiologe Universität Graz, dort auch Koordinator für Ernährung, Gesundheit und Konsum
Giorgio Ballabeni, Eismacher in München

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

1. ZUSPIELUNG (Eisdiele - Aufnahme 25 Eisdiele) 

0:29 Ich hätte gern einmal Mango-Maracuja, einmal Pistazie

0:55 Rote Früchte und Pistazie bitte. 

2:01 Ich hätte gerne Schokolade und Rose

Was bekomme ich? Rote Früchte, Schokolade und Pistazien

ERZÄHLERIN

Aus den Edelstahlbehältnissen in der großen Vitrine leuchten sie einem entgegen: zwei Dutzend Eissorten, Sorbet und Milcheis - Pistazie, Schokolade, Vanille, Himbeere, Melone ... Davor hat sich eine Schlange gebildet, bis hinaus auf den Gehweg in der Münchner Maxvorstadt. Und in einem Nebenraum, in der Werkstatt des Eismachers Giorgio Ballabeni [spricht man wie geschrieben], hat sich eine Handvoll Gourmets und Hobbyköche versammelt. Sie wollen das Geheimnis der Eiscreme lüften. 

2. ZUSPIELUNG Aufnahme 15 0:30

„Das war immer was Besonderes, also von klein auf. Eine Kugel hat damals 25 Pfennige gekostet. Und dann gab es damals nur fünf Eissorten. Und dann ist man davorgestanden, hat sich die Nase plattgedrückt und hat dann seine Lieblingseissorte dann gern bekommen. Herrlich“

2b) Aufnahme 5 Minidialog

0:12 „Wir haben zuhause eine Eismaschine und machen gerne selber Eis. Und meine Frau mag sehr gerne Schokoladeneis und die meisten Schokoladeneis, die haben jetzt Stückchen drin. Und das verstehen wir nicht. Wir wollen also einen Schokoladeneis ohne Stückchen selber machen. (0:30) Was ich halt so gerne mag, ist Schokoladeneis mit Sahne. Und das ist dann so ein zarter Schmelz im Mund, und wenn ich Stückchen drinnen hab, dann passt das nicht. - Und das mit Stückchen drin, das ist vielleicht eine amerikanische Eigenart, also mit irgendwelchen Keksen oder sowas. Deshalb nix mit einem richtig guten Eis zu tun.“

MUSIK: „Morgenstrahlen“ –  (0:15)

ERZÄHLERIN

Richtig gutes Eis – wie man das selbst macht, wollen sie von ihm lernen: dem Eismacher Giorgio Ballabeni, geboren in Padua und mit seiner Eisdiele seit Jahrzehnten eine der ersten Adressen für Eisgenuss in München.  

3. ZUSPIELUNG Ballabeni 4) 1.10

„Man braucht 3 Faktoren um eine perfekte Eis – Technologie, Tesoro, den Wert von den Rohstoff und Talent, 3 T. 

ERZÄHLERIN

In der Mitte des kleinen hellen Raumes: Eine große Arbeitsfläche, darauf blitzen große Edelstahltöpfe. Griffbereit: Küchenwaage und Mixer. In die Arbeitsfläche eingelassen: mehrere Eis-Behälter. Hier entsteht in den nächsten drei Stunden frisches Schokoladen-, Pistazien-, Cappuccino- und Vanilleeis sowie Himbeer- und Zitronensorbet. 

4. ZUSPIELUNG 10) 0.2 Szene: Ballabeni – 

„Als erster Schritt ist Wasser, wir wiegen Wasser…“  - Atmo liegenlassen

ERZÄHLERIN

Der Maestro hantiert mit dem Saft von erntefrischen Zitronen aus Sizilien, verschiedenen Arten von Zucker und fügt einige Tropfen ätherisches Zitronenöl hinzu. Alles wird in einem großen Chromtopf aufgekocht und dann mit dem Mixer zu einer homogenen Masse verrührt. 

MUSIK: „Morgenstrahlen“ –  (0:12)

Auch wenn wir Eis mit Italien assoziieren und die meisten Eisdielen hierzulande traditionell in italienischer Hand sind – erfunden wurde die Eiscreme nicht jenseits der Alpen, sondern 

MUSIK: „China“ –  (0:15)

ERZÄHLERIN

in China und das wohl schon vor rund 4.000 Jahren. Dass hier die Anfänge der eisgekühlten Süßspeise liegen, sagt auch der Molekularbiologe Fritz Treiber von der Universität Graz. Er führt seine Studentinnen und Studenten regelmäßig durch die Weltgeschichte der Ess- und Tischkultur. 

5. ZUSPIELUNG Fritz Treiber 0:50

„Und da ist natürlich Eis auch ein Thema, … 1:56 Das ist immer schwierig, man braucht ja Quellen dazu, wo jemand was notiert hat, was da gegessen wurde, und die noch vorhanden sind, die stammen aus China. Wo eben Eis oder Schnee dann vermischt wurde mit Honig und Früchten. Und das war wirklich nur eine Speise für also für Könige, für Kaiser, beziehungsweise dann für wirklich gehobene Schichten, weil natürlich Eis selten oder weit hertransportiert hat müssen, und ja, das war wirklich eine Speise für Leute, die damals schon viel Geld gehabt haben.“

ERZÄHLERIN

Die Chinesen legten Höhlenkeller zum Konservieren von Lebensmitteln an. Darin bewahrten sie große Eisblöcke auf, die sie im Winter aus zugefrorenen Seen oder Flüssen gehauen hatten. Diese Eishöhlen fungierten als riesige Kühlschränke. Als besondere Köstlichkeit galt in ihnen, einige Jahrhunderte später, eisgekühlter Brei aus zerkochtem Reis, Gewürzen und Milch. Wenig später begannen auch die Menschen weiter westlich, sich für eine frühe Form von Eiscreme zu erwärmen, sagt Fritz Treiber von der Universität Graz:

6. ZUSPIELUNG Fritz Treiber 5.35

„Es ist überliefert, so im fünften vorchristlichen Jahrhundert, dass im Perserreich auch schon Eis gegessen wurde, da waren es dann Kombinationen mit Rosenwasser, mit Safran und Obst. Ja, also sehr, sehr exklusiv auch. Aber natürlich auch wohlschmeckend. Und es ging dann weiter – Alexander der Große soll sich auch am Eis erfreut haben. In Griechenland der Antike wurde Eis gegessen, und auch bei den Römern stand es auf der Speisekarte.“ 

MUSIK: „Awakening“ –  (1:05)

ERZÄHLERIN

Hippokrates, der berühmte Arzt des Altertums und Verfechter der Säftelehre, lobte Gefrorenes als Wohltat für den Körper – es belebe die Säfte, befand er. Gut 500 Jahre später, kurz nach Christi Geburt, herrschte in Rom Kaiser Nero. Er soll sich von Staffelläufern Schnee von den Bergen gebracht haben lassen. Eine Butte mit der eiskalten Fracht wurde immer weitergegeben, so dass Nero im heißen Rom seinen Gästen exklusiv erfrischendes Eis, damals wohl eine Sorbet-artige Speise, servieren lassen konnte. Vermutlich wurde das Eis kleingestoßen und als körnige Masse vermischt mit Früchten und Honig gereicht. Eine Art frühe Granita, wie man sie heute noch in Italien bekommt. Mit dem Ende des Römischen Reichs verlieren sich vorerst die Spuren der Eiskultur im Westen. 

7. ZUSPIELUNG Fritz Treiber 8:00 

„Und erst viel, viel später ja, da sind wir schon in der Renaissance, ist man dann draufgekommen: Man gibt noch a Milch, Fett, Rahm dazu und dann Früchte und rührt das Ganze auf. Und dann kommt so was, was wir jetzt als Eis kennen, so was Cremeartiges, das man dann löffeln kann. Aber bis dorthin war das ein langwieriger Prozess, weil es auch keinen Kühlschrank gegeben hat, das darf man nicht vergessen, und kein Gefrierfach. Das heißt, da ist man immer angewiesen auf Eisblöcke, die man im Winter gesammelt hat, irgendwo in einen großen Keller gegeben hat und dann von dort des Eis dann verarbeitet hat, und somit war es immer ein rares Gut und natürlich nur einer gewissen Herrschaftsschicht, Adelsschicht oder sehr sehr reichen Bürgertum vorbehalten.“

MUSIK: „Morgenstrahlen“ – (0:25)

ERZÄHLERIN

Ganz anders heute, wo man Eis in jedem Supermarkt und an jeder Straßenecke bekommt. Der Kurs von Giorgio Ballabeni für angehende Eismacherinnen und Eismacher ist allerdings eine durchaus exklusive Veranstaltung. Schließlich teilt der Meister hier seine Rezepte, an denen er Jahrzehnte lang gefeilt hat. Nach einer Stunde bekommen die Teilnehmer eine erste Kostprobe vom frisch zubereiteten Zitronensorbet:

8. ZUSPIELUNG 3.55

„Ausgesprochen lecker, das Zitronensorbet hat genau die richtige Säure, dass es noch nach Zitrone schmeckt, aber eben nicht bitter, sondern total erfrischend, … 

ERZÄHLERIN

Weniger freigiebig gingen die Köche im Europa der Renaissance mit den Rezepten ihrer Eiskreationen um. Sie waren ein wohlgehütetes Geheimnis. Eisgenuss blieb der gehobenen Küche vorbehalten. Im 16. Jahrhundert erfuhr die Eiscreme in Italien eine wichtige Weiterentwicklung – erstmals verwendeten die Italiener Milch als Zutat. Und in Rom machte ein Arzt eine bahnbrechende Entdeckung: Blasius Villafranca bemerkte, dass sich Wasser abkühlen ließ, indem man Salpeter oder Salz beimengte. Diesen Effekt nutzte man ab sofort für die Herstellung von Eis. Wie sie funktioniert, erklärt der Historiker Dr. Heiner Stahl vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Siegen. Er forscht zu Sinnes- und Geschmacksgeschichte und zur Geschichte der Eiscreme:

9. ZUSPIELUNG 16:13 Stahl

„Also stellen Sie sich vor, Sie haben einen Holzzuber, einen relativ großen. Und da tun Sie Wasser rein, da tun Sie gehacktstücktes Natureis rein und Salz. Es heißt also es ist eine Salz-Wasser-Eis-Lösung, … und das rühren sie im Kreise, dass das sozusagen in Bewegung ist, … dann stellen Sie in die Mitte einen Messingbüchse, und in diese Messingbüchse haben Sie das hineingetan, was Sie gefrieren lassen wollen.  … das haben Sie vorher aufgekocht, und diese noch warme Masse kommt dann in diese Messingbüchse, und dann wird es physikalisch: Nämlich die Hitze wird durch das Metall abgeleitet nach außen, … wird in dieser Salzwasserlauge gespeichert, und an der Innenseite von dieser Büchse gefriert dann diese Masse.“

ERZÄHLERIN

Es findet also ein Wärmeaustausch statt, die Kälte gelangt nach und nach in die Eiscreme. Diese entsteht ganz langsam dadurch, dass das Gefrorene ständig von der Innenwand des Gefäßes abgeschabt und in die weniger kalte Masse untergemischt wird, bis die gesamte Creme allmählich von Kälte durchdrungen ist. Seit Villafrancas Entdeckung ist nun also – auf den ersten Blick paradox – Salz die wichtigste Zutat im Herstellungsprozess der Süßspeise Eis.

Die Kühlmethode mittels Salz ermöglichte es den Florentiner Konditoren, das weltweit erste Speiseeis von fester Konsistenz herzustellen. Bis heute funktionieren Eismaschinen übrigens nach dem gleichen Prinzip mit einem doppelwandigen Gefäß: In das äußere Gefäß kommt Kühlflüssigkeit, im inneren entsteht durch Abkühlung und ständiges Rühren das Speiseeis. 

MUSIK: „Nahe Ferne“ –  (1:55)

ERZÄHLERIN

Von Italien aus gelangten die Eis-Rezepte nach Frankreich – eine Art Mitgift von Katharina von Medici aus Florenz, die 1533 den späteren König von Frankreich heiratete. Sie wollte, so heißt es, den Franzosen die Überlegenheit der Esskultur ihres Landes vor Augen und Gaumen führen. Französische Konditoren entwickelten daraus die Eisbombe, eine besonders raffinierte Kreation, die aus mehreren Schichten von Eiscreme unterschiedlicher Geschmacksrichtungen bestand. Eines der ersten erhaltenen Rezepte für Eiscreme stammt aus einem französischen Kochbuch aus dem Jahr 1682 – es trägt den poetischen Namen „Schnee von Orangenblüten“: 

ZITATOR

„Nimm süße Sahne und gib hinein zwei Handvoll feinen Zucker und nimm die Blütenblätter von Orangenblüten und hacke sie klein und gib sie in die Sahne… und fülle alles in einen Topf und gib den Topf in einen Weinkeller; und du musst Eis klein hacken, es mit Salz vermischen und daraus ein Bett auf dem Boden des Weinkühlers machen, bevor du den Topf hineinstellst. … Und du musst weiterhin eine Lage Eis vermischt mit einer Handvoll Salz hineingeben und dies wiederholen, bis der Weinkühler gefüllt und der Topf bedeckt ist und du musst das Ganze an den kühlsten Ort stellen, den du finden kannst und du musst es ab und an schütteln, damit es nicht zu einem harten Eisblock friert. Es wird etwa zwei Stunden dauern“ 

ERZÄHLERIN

Dieses Rezept zeigt, warum Eis noch bis ins 18. Jahrhundert eine höchst exklusive Speise war, die selbst an einer fürstlichen Tafel nur selten gereicht wurde. Der Historiker Heiner Stahl von der Universität Siegen:

10. ZUSPIELUNG Stahl 5.00

„Das Besondere am Eis oder Gefrorenen ist meiner Ansicht nach, dass es vor allem so viel Zeit in Anspruch nimmt, das herzustellen. Das heißt also, in einem ganz normalen täglichen Ablauf an so einem Fürstenhof kostet es viel zu viel Zeit, Gefrorenes herzustellen. … Dieser Zeitaufwand ist natürlich viel einfacher auszugleichen, wenn man das von einem Konditor einkauft, der in einer Residenzstadt seine eigene Konditorei betreibt 

ERZÄHLERIN

Konditoren oder Zuckerbäcker, aber auch Lebküchner zählten zu den ersten professionellen Eismachern der frühen Neuzeit, so Heiner Stahl:

11. ZUSPIELUNG Stahl 6:21

„Wer mit diesen ganzen Backwaren oder Konditoreiwaren zu tun hat, der sammelt im Laufe des Berufslebens natürlich Kenntnisse und wendet die halt an. Und ob man da jetzt Brezeln macht, irgendwelche Kringel oder Baisé oder halt Gefrorenes, ist alles eine Frage des Wissens, des Übens, des Zeithabens und vor allem auch der Aufträge.“

ERZÄHLERIN

Unter den Konditoren oder Zuckerbäckern im 18. Jahrhundert finden sich laut den Recherchen von Heiner Stahl auch viele Frauen. Seine Erklärung: Der Beruf gehörte keiner Zunft an, bot also eine Nische. Frauen wuchsen oft in das Gewerbe hinein und führten dann auch die Geschäfte. Das zeigen Rechnungen und Schriftverkehr mit Behörden. Es ist anzunehmen, dass die Konditoren in ihren Werkstätten die Kunst des Eismachens immer weiter verfeinerten:

12. ZUSPIELUNG Stahl 10:57

„Die Werkstatt ist dann quasi ein Laboratorium, wo man neue Sachen erfindet oder kombiniert oder wo man ausprobiert, entweder anhand von einem Kochbuch, was jemand anderes geschrieben hat, oder weil man selber vielleicht an einem Fürstenhof oder einem Bürgerhaushalt selber gelernt hat und sein Wissen mitgenommen hat oder in einem Restaurant oder einen Gasthof schon gearbeitet hat.“ 

MUSIK: „innovative beginning“ –  (0:25)

 ERZÄHLERIN

Von Italien aus eroberte die Eiscreme ganz Europa, später auch Amerika. Italienische Eisverkäufer gehörten in London genauso wie in Übersee im 18. Jahrhundert zum Stadtbild. Sie boten ihre Eiscreme aus gekühlten Behältern auf der Straße an und machten sie so auch einfachen Leuten zugänglich. In den USA wurde der Eisgenuss also zu einem demokratischen Vergnügen. Lange konnte Eis aber nur in kleinen Mengen und in einem aufwändigen Prozess zubereitet werden. 

MUSIK aus

ERZÄHLERIN

Das änderte sich 1843, als Nancy Johnson aus Philadelphia ein Gefriergerät patentieren ließ: Eine Art großer Eimer für die Salzlake, in dem sich ein verschließbarer zylindrischer Behälter für die Eismasse befand. Der Clou: Die Eismasse wurde mechanisch per Handkurbel  gerührt. Wenige Jahre später machte eine Weiterentwicklung ihrer Maschine eine effizientere Kühlung möglich – nun konnte man große Mengen Eiscreme mit feiner Konsistenz herstellen. In den USA etablierte sich auch der erste erfolgreiche Großproduzent von Eiscreme: Jacob Fussell [Aussprache englisch], ein Milchhändler aus Baltimore, ließ seinen Sahneüberschuss zu Eiscreme verarbeiten. Er war mit seinem Produkt so erfolgreich, dass er dem Molkerei-Business den Rücken kehrte, um sich ganz auf die Herstellung von Speiseeis zu konzentrieren. Er eröffnete die ersten Eisfabriken unter anderem in Washington, Boston und New York. 

Die Industrialisierung der Eisproduktion bewirkte zunächst einmal einen Qualitätssprung: Die Grundmasse konnte schneller und stärker gekühlt werden, und damit erreichte man, dass die Eiskristalle sehr fein blieben. Und durch den Zusatz von Gelatine und Milchpulver erhielt industriell hergestellte Eiscreme eine besonders sämige Konsistenz. 

Parallel zur Massenproduktion in den USA gedieh in Deutschland um 1900 die Eismanufaktur in kleinen Werkstätten in der Nähe von zentralen Marktplätzen, sagt der Historiker Heiner Stahl. Eis „to go“ war also damals schon Mode.

14. ZUSPIELUNG Stahl 39:37

„Was die Porzellanschale um 1830 war es dann um 1900 eine Eiswaffel Und dann gibt es kleine Zinnlöffelchen, … Und dann müssen sich das ungefähr so vorstellen: Sie haben eine Straßenecke, wo so eine Person mit einem Eiswagen steht. Da gehen Leute hin, kaufen sich Eis, lassen die Zinnlöffelchen fallen. Die Zinnlöffel kosten relativ viel Geld. Und dann sagen Sie zu den Kids, die rumspringen und rumlungern, wenn ihr mir 30 von diesen Löffelchen bringt, kriegt ihr noch mal eine Extrakugel. Diese 30 Löffel… werden dann ein bisschen ausgewaschen und dann wieder den anderen Leuten angeboten. Es ist also unter hygienischen Aspekten eine riesige Sauerei.“

ERZÄHLERIN

Außerdem ist das Eis, das damals feilgeboten wurde, alles andere als natürlich, so der Eisforscher.

15. ZUSPIELUNG Stahl 37.08 

„Um 1900 habe ich Lebensmittelaromen, habe ich Lebensmittelfarbstoffe, da habe ich verschiedene chemische Zusatzstoffe, um das Ganze schneller gefrieren zu lassen und ums länger gefroren zu halten. Diese Eismasse um 1900 ist gestreckt, sie ist chemisch, sie ist übersüßt. Sie hat eigentlich gar nichts mehr mit dem zu tun, wie man um 100 Jahre vorher das Eis gemacht hat.“

ERZÄHLERIN

Der richtige Durchbruch von Eis kam noch später, weit nach dem zweiten Weltkrieg, als sich ein gewisser Wohlstand verbreitete und Kühlschränke in die Haushalte einzogen. Nun konnte man Eis nicht nur in Eisdielen schlecken, sondern auch im Supermarkt einkaufen und dann nach und nach zuhause als Nachspeise verzehren. Beim Eis entstand eine Hierarchie – es gab, in der gehobenen Preisklasse, aus natürlichen Zutaten hergestelltes Eis, und günstigere Sorten von minderer Qualität, die mit Zusatzstoffen und künstlichen Aromen versetzt waren. Alle fanden ihre Abnehmer – denn Eis hat einen ganz eigenen Reiz, erklärt der Molekularbiologe Fritz Treiber von der Universität Graz:

16. ZUSPIELUNG Treiber 9:35

„Beim Eis der eigentliche Effekt ist ja, wir überlisten unser Gehirn beziehungsweise auch unsre Geschmackssensoren. Wenn wir ein normales Creme-Eis nehmen, nehmen wir das in den Mund oder schlecken einmal ein Stück herunter, und … am Anfang schmeckt man ganz kurz noch nichts. Dann, durch die Wärme im Mund, schmilzt das Eis, die Aromen werden auf einen Sitz frei, der Zucker kommt auf die Zunge. Da sind die Geschmackssensoren - süß. Die geben sofort den Reiz weiter, die anderen Aroma-Moleküle gehen dann über das retronasale Riechen, das heißt im Mundraum so hinten, den Rachen rauf zur Nase, dort werden dann die Rezeptoren für die verschiedenen Aromen eben angeregt, und im Gehirn wird dann schnell zusammengebaut… und dann kommt der Geschmack zustande - ... Ja und in der Kombination mit Zucker, das ist ja regt unser Hirn an als Belohnung und natürlich dann das Fett, also zum Beispiel Milch oder mit Sahne, dann haben wir das Fett auch noch dabei, auch das löst Belohnungssignale im Hirn aus. Und das ist dann auch ideal, dass man davon noch einmal mehr isst.“

MUSIK: „Morgenstrahlen“ – (0:25)

ERZÄHLERIN

Diesen Effekt kennen auch die Eisfans im Kurs von Giorgio Ballabeni. Sie sind inzwischen bei ihrer fünften Sorte angekommen, immer streng nach Rezept. Bis aufs Gramm genau wird jede Zutat abgewogen. Das Ergebnis soll schließlich harmonisch, cremig und aromatisch sein. Zucker, erklärt der Eismacher, braucht es nicht nur für die Süße, sondern mindestens genauso:

17. ZUSPIELUNG Aufnahme 11 - 0.10 Italiener über Zucker

„für die Weichheit, also Gefrierschutz-Wirkung. Also jede Zucker hat eine bestimmte Wert in Süße-Intensität und Weichheit-Potenzial. Deswegen muss beide kenne um die perfekte Texture, also wenn perfekt ist die Texture ist cremig und schön, wenn nicht perfekt ist o lala.

ERZÄHLERIN

Nach drei Stunden Intensivkurs inklusive Verkostung lautet die Erkenntnis bei den Eiskurs-Teilnehmerinnen und -teilnehmern: Geschmack, Konsistenz und Temperatur auf den Punkt zu treffen, ist fast schon eine Wissenschaft für sich: 

MUSIK: „Morgenstrahlen“ – (1:10)

18 . ZUSPIELUNG Aufnahme 22 2:08

„nicht, wie man sich den Italiener vorstellt, einfach nach Lust und Laune, sondern das ist ganz genau berechnet hier, gewogen und überlegt, dass das dann ja konstant besonderen Geschmack macht.

„Wenn man was Warmes kocht, dann kann man immer wieder dazwischen probieren, ob es passt oder nicht. Aber durch dieses Einfrieren verändert sich der Geschmack, insbesondere die Empfindung für Süße, so stark, dass ich hier nicht vorher schmecken kann … wie es später wird. Darum muss ich hier exakt nach diesem Rezept vorgehen, und dann passt es.“

„Und - je mehr Zeit man sich lässt, je mehr Aufwand man macht, desto besser ist das Ergebnis. Die Hoffnung, dass man jetzt schnell sich ein Eis macht für eine halbe Stunde, und dann hat man ein wunderbares Eis, die ist halt ein bisschen zunichte gemacht. Aber ist eigentlich bei allen Sachen so, das gute Dinge bisschen brauchen.“


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Und wer sich damit befasst, gerät leicht in Unannehmlichkeiten. Sprecher: Die Bibliothek umfasst über 30.000 Bücher. Erstausgaben, deutsche Klassiker, Jüdische Literatur. Das Arbeitswerkzeug des Schriftstellers, des Bestsellerautors Lion Feuchtwanger… Zitator (Lion Feuchtwanger) Kommt es Ihnen nicht doch manchmal merkwürdig vor, dass sie in meinem Haus sitzen? Ihr Führer gilt sonst nicht als Freund der jüdischen Literatur. Musik 2: The ship – 1:02 Min Sprecher: Drei Bibliotheken hat Lion Feuchtwanger in seinem Leben aufgebaut. Die Erste in Berlin. Und noch zwei im Exil. Im französischen Sanary-Sur-Mer, und schließlich in Pacific Palisades, einer Villenkolonie nahe Los Angeles. Er, der Münchner Jude, der Weltschriftsteller, berühmt für seine historischen Romane, für Jud Süß, Erfolg, die Josephus-Trilogie, wird die USA nie mehr verlassen. Er bleibt staatenlos. 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Ein Stück aber findet bei den Verlagen gar keinen Anklang: Die Geschichte des Juden Joseph Süß Oppenheimer am Hof des Württembergischen Herzogs. In „Jud Süß“ behandelt Feuchtwanger die zentralen Fragen der Assimilation von Juden in Deutschland. Von Marta kommt der Vorschlag, den Stoff doch als historischen Roman umzusetzen. 7 ZSP Heike Specht Also sie hat ihn auf diese Spur gesetzt und das hat dann funktioniert und wurde ja dann wirklich schon in den Zwanzigern ein Weltbestseller, was ja überhaupt erst quasi das Fundament gelegt hat, dann auch für seinen Lebensstil in Deutschland noch und dann aber vor allem im Exil. Musik 7: Hypnose – siehe oben – 33 Sek Sprecher: „Jud Süß“ wird ein Welterfolg, der sich schon im ersten Jahr 100.000mal verkauft. In Großbritannien und den USA erscheint der Roman ab 1926 auf Englisch unter dem Titel „Power“, später folgen Übersetzungen in 15 weitere Sprachen. Bittere Ironie der Geschichte: Der Roman liefert später die Vorlage für den wohl schlimmsten antisemitischen Propagandafilm der Nazis. MUSIK aus Sprecher: In den frühen 1920er Jahren wächst auch die Freundschaft zu Bertolt Brecht. Der bedingungslose Erneuerer des Theaters findet in Lion Feuchtwanger, dem Erfinder des dramatischen historischen Romans, einen streitfreudigen Partner. MUSIK 8: Tresor unser – 43 Sek Sprecher: 1925 wird den Feuchtwangers dann München zu klein – und das Klima zu nationalistisch. Das heiße Pflaster der Weimarer Jahre liegt ohnehin nicht an der Isar, sondern an der Spree. In Berlin leben auch viele jüdische Intellektuelle, Schriftsteller, Filmemacher, Schauspieler. Wenn München Anfang des 20. Jahrhunderts noch leuchtete, so pulsiert Berlin nun im Takt der modernen Zeit. MUSIK weg, Atmo tickende Standuhr Sprecher: Lebenslanges, intensives Lesen ist zentral für die Arbeit Lion Feuchtwangers. Dementsprechend richtet er ab 1932 im neuen Berliner Domizil, einer Villa am Grunewald, eine umfangreiche Bibliothek ein. In den Regalen seines Arbeitszimmers stehen dann etwa 300 Bücher, die er für das aktuelle Romanprojekt benötigt. Also eine Art Handapparat, das Handwerkszeug des Autors. Insgesamt wird die neue Sammlung über 10.000 Bücher umfassen. Eine Bibliothek zum Arbeiten, mit einigen wertvollen Bänden. 8 ZSP Julia Schneidawind: Lion Feuchtwanger war jetzt kein klassisch bibliophiler Sammler, aber er hat sich durchaus auch Erstausgaben gegönnt. Also da war er manchmal schon interessiert, gerade dann, wenn diese Werke auch Bezug zu seinen eigenen Arbeiten hatten. Sprecher: 1930 erscheint der Roman „Erfolg“. Er macht seinem Titel alle Ehre und beschert Feuchtwanger Ruhm und Geld. Der Schlüsselroman zeichnet ein karikaturenhaftes Bild vom gesellschaftspolitischen Klima der zwanziger Jahre in München. Das Personentableau verweist dabei direkt auf die Akteure jener Zeit, die den Nährboden des deutschen Faschismus mit gedüngt haben. Die Schriftstellerin Heike Specht: 9 ZSP Heike Specht: Genau dieser Blick ins Innere, dieses gnadenlose Wahrnehmen, wie die nichtjüdische Gesellschaft, die Mehrheitsgesellschaft tickt. Das ist tatsächlich prophetisch. MUSIK 9: Der Drache – 46 Sek Sprecher: Von der Machtübernahme der Nazis erfahren die Feuchtwangers in den Vereinigten Staaten, wo sie seit 1932 auf einer langen Vortrags- und Lesereise unterwegs sind. Und – sie stehen ganz oben auf der Feindesliste der Nazis. Am 10. Mai 1933 brennen Feuchtwangers Bücher auf dem Berliner Opernplatz. Sein Name steht auf der ersten Ausbürgerungsliste und – die gleichgeschaltete Universität in München erkennt ihm den Doktortitel ab. Sprecher: Und zuhause, in der Berliner Villa, bleibt kein Buch neben dem anderen stehen. Julia Schneidawind: 10 ZSP Julia Schneidawind Die Bibliothek Lion Feuchtwangers in Berlin wurde tatsächlich schon 1933 von den NS-Behörden geplündert. Und das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Lion Feuchtwanger von Beginn ein sehr starker Kritiker des Regimes war und auch das öffentlich gemacht hat. Und das war auch der Grund, warum gerade diese Bibliothek schon 33 eben geplündert wurde in seiner Villa in Berlin. Während andere Bibliotheken erst später dann tatsächlich das Interesse der NS-Behörden auf sich gelenkt hatten, war es eben dieses Beispiel für sehr frühe Plünderung. Und wir wissen heute tatsächlich nicht, was mit den einzelnen Büchern passiert ist. Es gibt auch wieder nur Anekdoten darüber, dass die Bücher verschleudert wurden, also dass die Nazis das irgendwie versucht haben, zu Geld zu machen. Aber Anhaltspunkte dafür haben wir leider nicht. Sprecher: Weil sie nicht nach Deutschland zurückkönnen, wählen Lion und Marta ein Exil in Frankreich, den malerischen Küstenort Sanary-sur-Mer an der Cote d’Azur. Dort stranden viele deutsche und österreichische Intellektuelle auf ihrer Flucht vor den Nazis: Hermann Kesten, Bertolt Brecht, die Brüder Mann, Arnold Zweig. Lion Feuchtwanger beginnt sofort mit dem Aufbau einer neuen, der zweiten Bibliothek. 11 ZSP Julia Schneidawind: Lion Feuchtwanger hat dann sozusagen da auch Sammlungen gekauft, aber natürlich auch auf antiquarische Bestände zurückgegriffen. Es gibt diese eine Aufzeichnung in seinem Tagebuch, da schreibt er von einem Besuch von einem Herrn Spier. Ich konnte leider nicht genau rekonstruieren, um welchen Herrn Spier es sich handelt, der ihm die Bibliothek anbietet, und er notiert in das Tagebuch Bibliothek von Spier gekauft. Das ist ein Beispiel dafür. Sprecher: Diese zweite Bibliothek wächst in den folgenden Jahren auf über 20.000 Exemplare an. Sie ist vor allem eine Arbeitsbibliothek. MUSIK 10: About something – 36 Sek Sprecher: Mit der Besetzung Frankreichs 1940 zieht sich auch für die deutsche Exilgemeinde die Schlinge nun zu. Lion Feuchtwanger kommt in das Lager Les Milles und später nach Saint Nicola bei Nimes. Marta, die selbst zeitweilig interniert war, gelingt es, mithilfe eines jungen Diplomaten der amerikanischen Botschaft, ihren Mann aus dem Lager zu holen – mit dem Auto, wie sie in den 1950er Jahren im Interview erzählt. Dabei bedient sie sich einer List: 12 ZSP Archiv: Marta Feuchtwanger Und dann gab ich ihm einen Zettel mit, da stand nur darauf: frag nicht, sag nix, steig ein. Und daraufhin ist mein Mann in das Auto eingestiegen. Und da gab ihm der Konsul einen Mantel und ein Tuch. Und da, wenn die Wachen in angehalten hatten, bei der Rückfahrt, hat er immer gesagt, das ist meine Schwiegermutter. Sprecher: Nach einer abenteuerlichen Flucht über Spanien und Portugal erreichen die Feuchtwangers schließlich die Vereinigten Staaten. Musik 11: The ship – siehe oben – 34 Sek Sprecher: Und die Bibiliothek in Sanary-Sur-Mer? Julia Schneidawind hat den Weg der Bücher rekonstruiert. Lion Feuchtwanger kann seine Mitarbeiterin Lola Sernau noch beauftragen, die Bücher aus der Villa in Frankreich zu holen und zum Verschiffen in Kisten zu verpacken. Allerdings werden die Kisten über Jahre im Hafen von Lissabon feststecken. 13 ZSP Julia Schneidawind Es gab da Probleme mit dem Zoll und anderer bürokratischer Natur, und natürlich war das mit sehr hohen Kosten verbunden. Und der Zustand war nicht ganz so großartig. Und das ist tatsächlich heute aber auch der einzige Anhaltspunkt. Wir haben keine Listen, wir wissen nicht genau, welche Bücher tatsächlich damals in diese in diesen Kisten waren. Musik 12: once more unto the breach – 1:11 Min Sprecher: Nach wenigen Monaten in New York zieht das Paar 1941 nach Kalifornien und findet schließlich 1943 in Pacific Palisades ein neues Zuhause - ein kleiner Küstenort außerhalb von Los Angeles. Das Anwesen ist eine hochherrschaftliche Villa mit Meerblick, später „Villa Aurora“ genannt. Und – letztendlich kommen auch die Bücher aus Frankreich dort an. Sie werden zur Grundlage einer neuen, der dritten Bibliothek. Hermann Kesten, enger Freund Lion Feuchtwangers, äußert sich bewundernd über Feuchtwangers Lebensstil, der ganz den Geschlechterrollen der Zeit entspricht. Zitator: So sollten Schriftsteller wohnen, mit zwanzig Zimmern, mit 11tausend Büchern, einem hügeligen Park mit zwei acres, einer Sekretärin und einer Frau, die kocht, gärtnert, bäckt, chauffiert und dem großen Dichter aufs Ergebenste dient, was für ein Leben. MUSIK aus Sprecher: Das Leben ist für die Exilanten unterschiedlich schwer zu meistern in den Staaten. Marta und Lion aber leben begünstigt. Von den Erlösen des eben erst veröffentlichten Romans „Die Brüder Lautensack“ können sie das Haus finanzieren. Und im Zentrum des Anwesens steht eine neue - die dritte Bibliothek Feuchtwangers. Ein weiterer Neuanfang. Das Projekt Bibliothek hilft ihm über die Frustration von Verlust und Neubeginn hinweg: 14 ZSP Julia Schneidawind Also wir können bei der Sammlung in Los Angeles tatsächlich auch von einer Rekonstruktion sprechen. Er hat auf die Netzwerke zurückgegriffen, die er früher kannte, also auch sehr viele Antiquare. Jüdische Antiquare, die auch im Exil lebten, konnten ihm dann auch wieder Bücher vermitteln. Und er hat sehr viele hiesige Antiquariate besucht. Aber auch über Kataloge, die er ständig auch aus Europa noch zugeschickt bekam, hat er versucht, diese Sammlung erneut aufzubauen. Sprecher: Grundlage für die neue Bibliothek sind aber die Bestände aus Sanary-Sur-Mer, oder wenigstens, die Bücher, die es in die Staaten geschafft haben. Eine Gedulds- und Zerreißprobe für den Schriftsteller, denn erst 1941 soll er – nach vielen Verzögerungen – seinen Schatz zumindest teilweise wieder in die Regale stellen können. Ludwig Marcuse, Freund und Nachbar der Feuchtwangers, schreibt in seinen Memoiren unter dem Titel „Mein zwanzigstes Jahrhundert“: Zitator (Marcuse): Abermals Wände aus Büchern, ein drittes Mal in einer Casa auf einem abgelegenen Hügel über der pazifischen Küste. Das war ein gewaltiges Mausoleum aus den Werken der Dichter: Ich ging immer zu ihm, wenn die Bibliothek meiner Universität versagte. MUSIK 13: A fool’s paradise – 26 Sek Sprecher: Martha Feuchtwanger macht derweil Promotion für ihren Mann, fungiert als geschickte Agentin. Als charmante Gastgeberin und legendäre Köchin macht sie das Exil zu einem Anziehungspunkt inmitten dieser Emigrantenkolonie. Und das Zentrum dieses intellektuellen Clubs ist die prächtige Bibliothek. Musik aus Sprecher: Nach dem Krieg löst sich die Exilgemeinde am Pazifik langsam auf. Brecht, Thomas Mann, Döblin und Werfel kehren nach Europa zurück. Lion und Marta Feuchtwanger bleiben. Wegen des angenehmen Klimas, wie der Schriftsteller in einem Interview erzählt. Aber wohl vor allem, weil er stets fürchten muss, als Staatenloser nicht mehr in die USA zurückkehren zu dürfen, sollte er einmal ausreisen. MUSIK 14: The Ship – siehe vorn – 42 Sek Sprecher: Lion Feuchtwanger stirbt am 21. Dezember 1958. Seine Frau Marta überlebt ihn um fast 30 Jahre. Sie überträgt schon ein Jahr nach seinem Tod die Villa samt Bibliothek der University of Southern California, behält aber das Wohnrecht. Sie wird, bis zu ihrem Tod im Jahr 1987, zur Hüterin von Feuchtwangers Vermächtnis. 15 ZSP Marta Feuchtwanger: Da ich ja auch immer Führungen mache in der Bibliothek. Das sind sehr viele Inkunabeln und auch noch Manuskripte, handgeschriebene, zum Beispiel eine von Papst Innozenz dem Dritten und ganz einzigartige Ausgaben. Nach meinem Tod bleibt es aber genauso, wie es jetzt ist. Sprecher: Der Großteil der Bibliothek, etwa 20.000 Bände, befindet sich bis heute in der Villa Aurora, das mondäne Anwesen ist eine Künstlerresidenz für Stipendiaten aus aller Welt. Der Rest der Bücher ist Teil der „Lion Feuchtwanger memorial library“ an der „University of southern California“ im nahen Los Angeles. MUSIK 15: As ballad – 1:06 Min Sprecherin: Eines verbindet die drei Bibliotheken, die Lion Feuchtwanger im Laufe seines Lebens aufgebaut hat: Sie waren nicht nur Werkstätten für den Schriftsteller, sondern auch Ankerplätze eines Menschen im Exil. 16 ZSP Archiv: Lion Feuchtwanger Im Übrigen bin ich deutscher Schriftsteller und suche mich immer zu umgeben mit deutschen Dingen, mit deutschen Büchern und dergleichen. Wenn ich deutsche Bücher lese, dann habe ich das Gefühl, ich unterhalte mich mit dem Autor.

  • WirTier (4): Auf Kuh-Fühlung

    28.08.2025 · 59 Min.

    Steffi ist ein Bauernhofkind. Aufwachsen mit Kühen bedeutet für sie oft schmerzhafter Abschied, sie macht Schluss mit dem Landleben. Doch ein Versprechen lässt sie nicht los... WirTier-Host Julius wagt sich mit Steffi hinter den Weidezaun. Und zieht dafür doch lieber Stahlkappenschuhe an. CREDITS: Gäste: Stefanie und Helen Mühlbacher vom Lebenshof Kuhtopia e. V. in Petting Hosts und Reporter: Julius Bretzel und Victoria Marciniak Dramaturgie und Regie: Katharina Hübel Redaktion: Bernhard Kastner Technik: Stefan Oberle Musik: Stefan Oberle und Dagmar Petrus Am Banjo, der Mandoline und an der Geige: Julius Bretzel Distribution: Alexandra Klockau, Celine Frohnapfel, Katharina Hübel und Bernhard Kastner Idee und Konzeption: Bernhard Kastner und Katharina Hübel Wir Tier ist eine Produktion der Redaktion Grundbildung, Geschichte und Gesellschaft des Bayerischen Rundfunks 2025. Und wenn ihr uns schreiben wollt – zum Beispiel von euren Mensch-Tier-Begegnungen: wir-tier@br.de Wir freuen uns! Das Manuskript von WirTier (4): Auf Kuh-Fühlung findet ihr HIER. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Tiere erleben Abenteuer. Sie reagieren unterschiedlich auf schwierige Situationen und finden eigene Lösungen. Ihre Lebenswege sind alle individuell. Genauso wie bei Menschen. Bisher haben sich solche Wildnis-Biografien immer im Verborgenen abgespielt. Aber jetzt interessieren sich immer mehr Biologen dafür – und bringen diese Lebensgeschichten mit großem Aufwand ans Licht. Einblick in die abenteuerlichen Lebensgeschichten von Wildtieren, gibt die Podcast-Reihe „Namenlose Helden – Biografien aus der Wildnis“. Vom Storch Hansi, der den Anschluss an den Vogelzug verpasst oder vom Überlebenskampf eines verwaisten Gebardenmädchens. Dank Hightech und Biologgern können Forscher diese Geschichten erzählen – zu hören sind sie in IQ – Wissenschaft und Forschung https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:4f22603952486b85/ Wer mal auf Kuhtopia bei Steffi und Helen vorbeischauen will: https://lebenshof-kuhtopia.de/ Wenn ihr euch für noch mehr spannende und überraschende Frauengeschichten interessiert, dann können wir euch den BR-Instagram-Kanal „FrauenGeschichte“ empfehlen. Den findet ihr hier: https://www.instagram.com/frauen_geschichte/ Hier unser Podcast-Tipp: Es gibt viele Möglichkeiten seinen Alltag umweltfreundlicher zu gestalten. Manchmal kommt man nur von alleine nicht drauf. Wenn ihr einfache Lösungen kennenlernen wollt, die leicht umsetzbar sind und definitiv einen Unterschied machen, dann habe ich einen echten Tipp für euch: „Besser leben.“ Der Bayern 1 Nachhaltigkeitspodcast beleuchtet Fragen aus dem Alltag und gibt nachhaltige Antworten und Lösungen. Jeden Sonntag eine neue Folge: https://1.ard.de/bayern1-besser-leben-cp Für alle, die Lust auf den Deep-Dive zu Bauernhoftieren haben – hört doch mal rein in unsere Tier-Features bei Radiowissen: Das Schwein - Verkanntes Borstentier https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/das-schwein-verkanntes-borstentier/bayern-2/13193385/ Auch so ein lange verkanntes ‚Nutztier‘ – das Schwein! Dass Schweine hochintelligente Tiere sind, ist längst bekannt. Ja, sie sollen sogar intelligenter als Hund und Katze sein! Und es kommen immer mehr bewegende Fakten über diese besonderen Tiere ans Tageslicht: über ihr erstaunliches Gedächtnis, ihre soziale Intelligenz, über ihre Reinlichkeit … Und all diese ‚neuen‘ Erkenntnisse sind nur schwer damit zu vereinbaren, wie wir Menschen in der Regel mit dem sensiblen Borstentier umgehen. Zum Weiterhören: Mit Tieren sprechen - Ein Podcast über die besondere Verständigung von Mensch und Tier, von Natalie Putsche Folge 4, Timo und die Pferde Timo war in seinen jungen Jahren nicht gut zu Pferden. Nach einem Verkehrsunfall hat er begonnen, Pferde und ihre Signale zu verstehen. https://1.ard.de/4-timo-und-die-pferde Folge 5, Hartmann und die Füchse Hartman pflegt auf seiner Auffangstation verletzte Füchse. Oft verbringt er Nächte, um beruhigend mit ihnen zu sprechen. https://1.ard.de/5-hartmann-und-die-fuechse Ein Leben ohne Tier ist möglich, aber sinnlos. Dieser abgewandelte Loriot-Satz stimmt für alle, die Host Natalie für ihren Podcast trifft. Aber wie kann es sein, dass sich Mensch und Tier so gut verstehen, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen?

  • Trailer: Forschung unter Druck

    27.08.2025 · 1 Min.

    Fluten, Hitzewellen, marode Brücken, Cyberangriffe, resistente Bakterien - manchmal entscheidet Forschung über Sicherheit, Gesundheit und Leben. In unserer Reihe "Forschung unter Druck" sprechen wir mit Menschen, die unter enormem Zeitdruck Lösungen finden müssen. Was treibt sie an? Wie halten sie stand? Und welche Ideen bringen sie voran, wenn es auf jedes Detail ankommt? Ab dem 20. August jede Woche eine Folge bei IQ: Folge 1: Eilt: Sicherheit bei Flut und Hitze! | Forschung unter Druck (1) Folge 2: Eillt: Stabile Brücken! | Forschung unter Druck (2) Folge 3: Eilt: Schutz vor Cyberkriminellen! | Forschung unter Druck (3) Folge 4: Eilt: Neue Antibiotika! | Forschung unter Druck (4) Ab dem 20. August bei IQ: Folge 1: Eilt: Sicherheit bei Flut und Hitze! | Forschung unter Druck (1) Folge 2: Eillt: Stabile Brücken! | Forschung unter Druck (2) Folge 3: Eilt: Schutz vor Cyberkriminellen! | Forschung unter Druck (3) Folge 4: Eilt: Neue Antibiotika! | Forschung unter Druck (4) Wir kennen das alle: Wenn etwas schnell fertig werden muss, der Zeitdruck steigt, und es auf jedes Detail ankommt. Aber bei den wenigsten von uns hängt vom Ergebnis gleich das Wohl der Gesellschaft ab – oder sogar das der ganzen Menschheit. Die Menschen, die wir für unsere Reihe „Forschung unter Druck“ interviewt haben, befinden sich in genau dieser Situation. Forschung soll schnell Lösungen liefern. Oft unter Zeitdruck, mit knappen Ressourcen und großer öffentlicher Aufmerksamkeit. Wie gehen Forschende mit diesem Druck um? Und vor allem: Welche Lösungen entwickeln sie?

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