Hubschrauber und Multikopter - Die Geschichte der Drehflügler
25.04.2025 · 23 Min.
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Senkrecht abheben, schweben und woanders punktgenau wieder landen: Davon träumte der Mensch schon vor Jahrtausenden. Was im alten China als Spielzeug mit Vogelfedern begann, setzten Tüftler Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals als personentragende Hubschrauber um. Damit startete der Siegeszug der "Drehflügler". Seit kurzem erobern auch elektrisch angetriebene Multikopter den Luftraum. Von David Globig (BR 2024)
Credits
Autor dieser Folge: David Globig
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Irina Wanka, Christopher Mann
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Dieter Bals, Museumsleiter, Hubschraubermuseum Bückeburg;
Dr. Robert Kluge, Kurator für die moderne Luftfahrt, Deutsches Museum, München;
Prof. Ilkay Yavrucuk, Leiter des Lehrstuhls für Hubschraubertechnologie, Technische Universität München
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Abenteuerhörspiel - Kapitän Ahab, seit dem Kampf mit Moby-Dick einbeinig, jagt das furchterregende Ungeheuer über die Weltmeere und wird am Ende von ihm in die Tiefe gerissen. Ismael, der Erzähler, ist der einzige Überlebende. Ob Film oder Musical, Kinderbuch oder Comic: Moby-Dick, der weiße Wal, ist ein Mythos. Adventure Cut der 10-stündigen Hörspielfassung Moby-Dick oder Der Wal. | Mit Rufus Beck, Felix von Manteuffel, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Bernhard Schütz, Karsten Hübner, Rudolph Taruoura Grün u.a.
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- Runzelige Rinden und bunte Borken - Die Haut der Bäume
25.04.2025 · 23 Min.
Runzelig, schuppig oder glatt - die Borke verrät die Baumart!Sie schützt den Baum vor Hitze, Kälte und Fressfeinden, sie ernährt ihn mit Wasser und Nährstoffen und bietet Käfern und Vögeln einen Lebensraum. Künstler sind fasziniert von der Schönheit ihrer Struktur: Die Baumrinde ist mehr als die Haut der Bäume. Von Kirsten Zesewitz (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Kirsten Zesewitz Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Susanne Schroeder Technik: Robin Auld Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Norbert Wimmer, LWF; Birgitta Volz, Künstlerin; Martin Gebhardt, Survival-Trainer Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Nationalpark Bayerischer Wald - Alles Natur! JETZT ANHÖREN Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im Klimatest JETZT ANHÖREN Totholz - Alte Bäume voller Leben JETZT ANHÖREN Wie Bäume sich verteidigen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Die Fichte - Immergrün ohne Zukunft? JETZT ANHÖREN Der Stadtwald - Vom Energielieferanten zum Erholungsort JETZT ANHÖREN Der Specht - Höhlenbohrer unter den Vögeln JETZT ANHÖREN Der Borkenkäfer - Der Schädling, der Trockenheit und Fichten liebt JETZT ANHÖREN Das Reh - Scheuer Waldbewohner im Kreuzfeuer JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 WALD Musik 1: Boundless beauty – C1549590104 – 1:10 Min SPRECHERIN Tiefe Risse ziehen sich den Baumstamm empor, mächtige Furchen – Furchen, wie ein Canyon, ein Gebirge, ein tief gepflügter Acker. Eine Landschaft in der Vertikalen, denn die Furchen gehören zu einer alten Pappel. Ihre Borke ist ein Kunstwerk, sie zieht die Blicke auf sich. Vor allem im Winter: Es gibt nichts, was ablenkt. Im Frühling stehen die Knospen im Fokus, sie verheißen neues Leben, Wachstum. Im Sommer geht der Blick in die Baumkrone, zu den grünen, schattenspendenden Blättern – und im Herbst zu ihrem bunten Laub. Erst, wenn aller Schmuck gefallen ist, kommt die große Zeit der Borke. Sie weiß natürlich das ganze Jahr über mit Strukturen, Farben und Schattierungen zu überzeugen – es sieht nur kaum einer. Außer: Menschen, deren Augen geschult sind. Förster (wie Norbert Wimmer), zum Beispiel. OT 1 Norbert Wimmer Das ist hier von der Rinde her mein Lieblingsbaum: ein älterer Bergahorn, der wirklich so eine schöne, fantastisch variationenreiche, plattige Rindenstruktur ausgebildet hat. Die wird auch im Alter immer noch ästhetischer und mit vielen abplattenden Teilen... Da ist sehr vieles verborgen. Sie sehen, es sind ganz feine enge Ritzen und das sind natürlich super Verstecke für Spinnen und Käfer und Raupen... ATMO 3-4 Abknipsen Borke SPRECHERIN Norbert Wimmer puhlt ein Stück Rinde ab und zeigt auf die Wollreste an der Innenseite: Unter der Rinde des Ahorns war mal ein Spinnennest. Der Förster würde am liebsten sofort weitersuchen, denn hier, in den alten Bäumen unweit des oberfränkischen Klosters Banz gibt es unzählige Verstecke, Nester und Höhlen… Aber der Reihe nach: Vor Schönheit und Artenvielfalt gilt es zunächst zu klären: Was ist das eigentlich, die Borke? OT 2 Norbert Wimmer Die Borke ist diese abgestorbene Substanz rund um den Baum, die also überhaupt keine lebenden Zellen mehr hat und eigentlich nur noch als Schutz dient. Wenn das verletzt wird, gibt es Eintrittspforten für Pilze. Und das ist natürlich ein Problem für den Baum. Also im Grunde dient die Borke dazu, diesen Baum, diesen Stamm, aber auch sämtliche Äste usw. vor mechanischen Schäden zu schützen. ATMO Wald + Musik 2: Crystal palace i – C1572130101 – 58 Sek SPRECHERIN Bäume trotzen mit ihrer dicken Borke täglich dem Wetter: Regen, Sonne, Wind und Hagel – sie ist der Schutzwall und, ja, sowas wie die äußere Haut des Baumes. Nach innen schließt sich die wenige Millimeter dünne Bastschicht an – das Leitungsgewebe: Der Bast transportiert die für den Baum lebenswichtigen Zuckerlösungen durch den Stamm: Im Frühling von der Wurzel in die Krone, wo Energie für das Öffnen der Knospen gebraucht wird – im Sommer von der Krone in die Wurzel, wo die Produkte der Photosynthese gespeichert werden. Borke und Bast sind zusammen: die Rinde. Musik 3: Crystal palace xxii - C1572130122 – 38 Sek SPRECHERIN Unter dem Bast liegt das Kambium, die aktive, lebendige Wachstumsschicht des Baumes. Das Kambium bildet permanent neue Holzzellen nach innen und Bastzellen nach außen – auf diese Weise wird der Baum dicker, er wächst in die Breite. Nach innen folgen Splintholz, Kernholz und Mark im Zentrum des Baumstammes; fernab der Rinde und: gut geschützt. Mit zunehmendem Alter der Bäume werden die Schichten abgestorbener Zellen immer dicker und zerreißen zu Platten, Streifen oder tiefen Furchen – das typische Borkenmuster der Baumart entsteht. Es gibt ihr auch einen Charakter. OT 3 Norbert Wimmer Die Borke verändert sich sehr stark bei manchen Baumarten. Bei manchen Baumarten bleibt sie lange ähnlich, zum Beispiel bei der Rotbuche. Irgendwann so mit 150, 160 Jahren Alter kommt dann eben dieser Sprung, wo die Borke aufreißt. Beim Spitzahorn beginnt es viel eher und wird auch dann noch viel auffälliger. SPRECHERIN Die Borke verrät die Baumart. Also, fast. Denn manche Borken sind sich in bestimmten Lebensphasen so ähnlich, dass selbst ein Förster eine alte, tief gefurchte Linde kaum von einer Eiche unterscheiden kann. Jenseits von so unverwechselbaren Borken wie der schwarz-weiß gefärbten Birke, gibt es grobrissige Bäume wie die Douglasie, schuppenartige wie die Kiefer oder glatte wie die Hainbuche. MUSIK 4: Two by two – Z8042455103 – 1:03 Min SPRECHERIN Der französische Fotograf und Landschaftsarchitekt Cedric Pollet hat daraus eine eigene Kunst gemacht – und die halbe Welt bereist, um auf allen Kontinenten die wundersamsten Rinden zu fotografieren. Kunstwerke der Natur. Verrücktheiten. Farb- und Formexplosionen. Entstanden sind mehrere Ausstellungen und ein dicker Fotoband nur über: „Rinden“. Da wetteifern regenbogenfarbene Eukalyptusrinden mit leuchtend roten Erdbeerbäumen, die platten Schuppen französischer Platanen mit den adrett gekämmten Rillen englischer Edelkastanien. Archaisch mutet dagegen der Küstenmammutbaum an – ein wildes, tief gefaltetes Gebirge hölzerner Borkenstrukturen... ATMO 5 Gang in Keller (Treppe) + ATMO 6 SPRECHERIN (Anm.: Volz sprich: „Folz“) Mit solch tiefen Furchen kann Birgitta Volz allerdings wenig anfangen, auch trutzige Eichen sind ihr ein Graus. Die Künstlerin bestreicht die Stämme von Bäumen mit einer organischen Ölfarbe, drückt ein Vlies darauf und erhält so Abdrucke ihrer Borke. In teilweise meterhohen Dimensionen. Dafür steigt die 60-Jährige auch mal auf eine Leiter. Allerdings: Für ihre kunstvollen Rindendrucke braucht Birgitta Volz Bäume mit einer vergleichsweise glatten Rinde: Buchen, Linden oder Kastanien. OT 4 Birgitta Volz Wenn die Borke sehr expressiv ist, hat die ja oft sehr, sehr hohe Niveauunterschiede, und das druckt extrem schlecht. Das heißt, je schicker die Borke aussieht, desto schwieriger ist, die zu drucken. Und es kommen oft vollkommen andere Sachen raus. Also eigentlich ist es vollkommen unvorhersehbar, was da passiert und für mich reine Magie. ATMO 7 Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Im Keller des elterlichen Hauses in Nürnberg ist ihr Depot: Hier lagern Rindendrucke aus 30 Jahren künstlerischen Schaffens. Birgitta Volz zieht eine Schublade nach der anderen heraus: ATMO 7 kurz hoch Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Die Drucke lagern in speziellen Schränken, einige hängen über Verstrebungen an der Decke, wieder andere stehen in meterhohen Rollen in der Ecke des Kellers. OT 6 (ATMO-OT FREI STEHEND - mit ATMO vorne dran) Hier ist zum Beispiel Holzwurmfraß, da sieht man was für schöne Strukturen die machen… ATMO 7 Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Birgitta Volz hat ein Jahr lang an den Bäumen im alten Hainpark der Stadt Bamberg gearbeitet, ihre Rindenmuster in Drucken verewigt. Eine Ausstellung ist daraus entstanden: „Lineamenta arborum – Die Gesichtszüge der Bäume.“ OT 8 Birgitta Volz Die Birke macht oft sehr schöne dekorative Schwarz-Weiß-Muster. Und die Kirschen, die machen fast Musik. Die haben diese wunderbaren Linien und Punkte. Das ist wirklich wie so ein Rhythmus, wie eine Komposition. Buchen haben sehr gegenständlichen Ausdruck und auch sehr viel Schnitzereien drinnen. Fichten sind unwahrscheinlich kleinteilig, die haben lauter Punkte. Da kann man dann so einen richtigen Impressionismus draus machen… Musik 5: Across the aisle – Z8042455104 – 31 Sek SPRECHERIN Viele der Muster haben etwas Grafisches, es sind Wellenbewegungen, Dreiecksformen, Trapeze… Bei längerem Hinschauen werden jedoch auch Figuren sichtbar: Gesichter, Körper, mythische Gestalten. Eine alte Salweide im Alpenvorland hat es Birgitta Volz besonders angetan, ihre Rinde hat die Künstlerin schon mehrmals gedruckt… OT 9 Birgitta Volz Ich zeige Ihnen mal die schönen Hexen, die sind auch von meiner Salweide. Das Bild ist 1,20 Meter. Und es ist genauso von der Rinde gekommen, wie es hier ist. Hier haben wir mehrere Hexen drauf. Also hier ist nun eine schöne junge mit wehenden Haaren. Da ist eine, die ist richtig unheimlich, die ist fast wie so ein Zombie-Schädel. Und wenn man länger schaut, findet man überall noch kleinere Gesichter drauf. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn das ohne mein Zutun von der Rinde kommt. ATMO 8 rascheln (kurz) und ATMO 7 (Schubladen) SPRECHERIN Birgitta Volz legt die Blätter vorsichtig in ihre Mappen zurück, zu den anderen mythischen Gestalten in ihrem Archiv. Die Künstlerin glaubt, dass Bäume ein Gedächtnis haben. Sie können mehrere hundert Jahre alt werden – und während dieser langen Lebenszeit sind sie Zeugen unzähliger historischer Ereignisse oder lokaler Begebenheiten… OT 10 Birgitta Volz Ich bin mittlerweile nach 30 Jahren Arbeit in dem Bereich davon überzeugt, dass unsere Umgebung wie eine Speicherkarte funktioniert. Nicht nur Bäume, sondern auch Steine oder sogar alte Mauern, die von Menschen gemacht wurden – die gesamte Umgebung kann ein Speicher der Ereignisse oder des kulturellen Gedächtnisses sein. MUSIK 6: Crystal palace i – siehe vorn – 19 Sek SPRECHERIN Gedächtnis, Haut oder gar Gesicht des Baumes: Botanisch gesehen, ist die Borke zuallererst ein Schutz. Was (passiert) aber, wenn diese trutzige, robuste Schutzschicht verletzt wird? ATMO Wald SPRECHERIN Zurück in den Wald nahe des oberfränkischen Klosters Banz und zu Norbert Wimmer. Der Förster hat eine Lärche entdeckt, die bei Holzarbeiten einige Blessuren davongetragen hat. Eine große Wunde klafft in ihrer Rinde – dort, wo der gefällte Nachbarbaum sie wohl gestreift haben könnte. OT 11 Norbert Wimmer Schmerzen im menschlichen Sinne haben Bäume nicht, da sie einfach neurologisch überhaupt nicht dazu ausgestattet sind. Dem Baum tut es nicht weh. Aber es bringt ihm Nachteile, eben, dass zum Beispiel Pilze eintreten können, weil Pilze warten nur darauf, an dieses Holz, an diesen irrsinnigen Energiespeicher, der da über Jahrzehnte aufgebaut wurde, ranzukommen, dort ihr Myzel reinwachsen zu lassen und diese Sonnenenergie - gebunden in Holz – für sich zu nutzen. ATMO Wald SPRECHERIN Es gibt nur einen Ausweg: der Baum muss die Wunde so schnell wie möglich schließen. Und das tut er mit Hilfe seines Kambiums, der Wachstumsschicht. Das Kambium bildet neue Holzzellen, die sich von außen nach innen über die Wunde schieben. Wie ein Wulst. Jeder hat wohl schon einmal eingewachsene Wanderschilder oder Nägel gesehen – Ergebnisse der baumeigenen Hautheilung. Der Heilungsprozess dauert oft Jahre oder Jahrzehnte und manchmal schafft es der Baum auch gar nicht – entweder, weil die Wunde zu groß ist oder: weil sie immer wieder aufgerissen wird… ATMO knisternde Schritte SPRECHERIN Norbert Wimmer stapft zu einer alten Buche und schaut durch sein Fernglas nach oben. In gut 15 Metern Höhe sind zwei große Höhleneingänge im Stamm. OT 12 Norbert Wimmer Die hat der Schwarzspecht gebaut und hat sie auch jahrelang als Nisthöhle benutzt. Dann ist die Hohltaube eingezogen... Jetzt ist es aber so, wie Sie sehen, sind diese Höhlen in einer vitalen Rotbuche. Das heißt, jedes Jahr wird ein neuer Jahrring gebildet und unmerklich wird dieser Baum dicker. Würde niemand was da oben machen, (an diesen zwei Höhleneingängen) würden die in 20 Jahren komplett zuwachsen. Jetzt kommt aber der Schwarzspecht jedes Jahr mal vorbei und erweitert diese Höhleneingänge wieder. Manche Höhlen nutzt er tatsächlich nicht mehr, die überwallen dann. Und das ist die Stunde zum Beispiel für Fledermäuse! Oder für seltene Käferarten wie den Eremiten, der in solchen riesigen Höhlen lebt. Deswegen ist es oft so, dass in scheinbar gesunden Bäumen (durch dieses Überwallen) riesige Höhlen sich im Innern befinden, von denen wir gar nichts ahnen. ATMO Wald ATMO knisternde Schritte/ Schritte auf Laub SPRECHERIN (Man merkt,) Norbert Wimmer ist kein Förster, der Stammlängen vermisst und die Holzpreise auswendig kennt: Der dunkelhaarige Mann in T-Shirt und Stoffhose ist an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft für den Naturschutz zuständig. Ein Fernglas baumelt um seinen Hals. ATMO Wald, knisternde Schritte SPRECHERIN Hier, im ehemaligen Klosterwald der Zisterzienser gibt es noch viele alte Bäume – und Strukturen, die ganz verschiedenen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bieten. Es sind tatsächlich die rissigen, löchrigen, unperfekten Bäume, unter deren Rinde das Leben tobt. OT 13.2 Norbert Wimmer Je grobborkiger, desto mehr! Desto mehr Möglichkeiten bieten sie für verschiedene Bewohner. Musik 7: Across the aisle – siehe vorn – 37 Sek SPRECHERIN Unzählige Käfer, Wanzen, Spinnen und Fledermäuse leben unter der Borke, vom menschlichen Auge unbemerkt, in winzigen Ritzen, Spalten und Löchern. Laut Bund Naturschutz sind rund ein Viertel aller in Deutschland vorkommenden Käferarten auf diesen Lebensraum angewiesen. Hinzu kommen hunderte Pilze, Moose und Flechten, die vor allem ältere Borken besiedeln und so weitere Biotope für Spring-schwänze, Moostiere und mikroskopisch kleine Würmchen schaffen. OT 14 Norbert Wimmer An einer alten 300-jährigen Eiche, da ist eigentlich immer irgendwas zu beobachten. Da kommt zum Beispiel der Mittelspecht vorbei. Dann kommt vielleicht auch in so Uraltbäumen eine Nymphenfledermaus, die wirklich so klein ist, dass sie in so eine Rindenritze passt… ATMO Wald + Musik 8: Crystal palace xxii – siehe vorn – 53 Sek SPRECHERIN Jeder Waldbesitzer, der in den letzten Jahren mitansehen musste, wie seine Fichten (durch Schädlingsbefall) starben, wird an dieser Stelle einen Bewohner der Baumrinde vermissen: den Borkenkäfer. Gehasst und bekämpft – aber im Grunde genommen auch nur: ein Insekt, das sich von Rinde ernährt. Der Borkenkäfer bohrt sich vor allem in Fichten ein und legt unter der Rinde sein sehr beeindruckendes System von Fraß- und Geburtsgängen an. Das Problem: Er zerstört den Bast, die lebenswichtige Leitungsbahn, in der die Nährstoffe zwischen Wurzel und Krone transportiert werden. Der Baum stirbt. Norbert Wimmer möchte lieber über einen anderen Rindenfresser sprechen: den Biber. OT 15 Norbert Wimmer Viele glauben, der Biber frisst Holz, nein, er frisst tatsächlich die Rinde. Also nicht diese Borke, sondern dieses Bastgewebe, das sehr zellulosehaltig ist, das leichter verdaulich ist wie Holz. Und das auch nur als Winternahrung. Letztendlich gibt es nur ganz wenige Organismen, die Holz verdauen können. Das sind Pilze, und das sind wirklich nur ganz wenige Käfer, die entsprechende Zellulasen im Darm haben. Und erst wenn dieses Holz mal vorverdaut ist, dann können andere Insekten die Pilzkörper besiedeln. Aber Holz zu zersetzen ist eine ganz andere Nummer als diese zellulosehaltige Bastschicht zu verdauen. MUSIK 9: long forgotten future – Z8018372104 – 23 Sek ATMO Wald_5 (Wuhlheide) SPRECHERIN Von Oberfranken nach Berlin. Martin Gebhardt hatte die Wuhlheide im Südosten Berlins als Treffpunkt vorgeschlagen. Hier macht der Survival-Trainer auch einige seiner Kurse: bringt Leuten bei, wie sie in einer echten Wildnis überleben können. Zum Beispiel, mit Hilfe von Baumrinde. OT 16 Martin Gebhardt Ich würde als Allererstes, wenn ich nach Rinde zum Essen suche, erst mal alle Bäume aussortieren, die giftig sind, wie zum Beispiel die Eibe oder die Robinie, da würde ich die Finger davonlassen und dann schauen nach Bäumen wie Weide, Linde oder Birke. Das sind so die Bäume, wo es erstens nicht unangenehm schmeckt, zum Beispiel nach zu viel Gerbsäure wie bei der Eiche, und wo es sicher ist, das zu essen. ATMO 10 (kurz) + ATMO Schälen (Archiv) SPRECHERIN Martin Gebhardt kramt ein Taschenmesser aus seiner Gürteltasche. Er hat einen gut 5 Zentimeter dicken Ahornast vom Waldboden aufgelesen und fängt an, die äußere Rinde abzuschälen. Für seine Kurse würde der 42-Jährige niemals einen Baum verletzen: Um zu lernen, wie man aus Rinde Mehl gewinnt oder Spaghetti kocht, reicht ein Ast, sagt Gebhardt. Vorsichtig säbelt er die äußere Rindenschicht ab… OT 17 Martin Gebhardt Und dann kommt hier untendrunter der Bast zum Vorschein. Der ist auch sehr dünn. Den sieht man hier fast nicht. Und – jetzt haben wir so eine grüne Schicht und idealerweise zieht man, wenn es geht, die Rinde ab mit der Hand, weil, dann kommt das Kambium an der Holzschicht zum Vorschein. SPRECHERIN Anders als Hirsch und Borkenkäfer kann der menschliche Magen den Bast, also das zellulosehaltige Leitungsgewebe nicht gut verdauen, die Holzfasern erst recht nicht – was geht, ist das Kambium, die Wachstumsschicht des Baumes. Martin Gebhard steckt sich eine fingerhutgroße Portion Kambium-Raspel in den Mund. ATMO 11 FREI „hm…“ OT 18 Martin Gebhardt Es schmeckt manchmal nach Baum, so ein bisschen erdig. Wenn man jetzt zum Beispiel Kiefern nutzt, dann schmeckt das Kambium auch manchmal ein bisschen harzig, ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn man zum Beispiel das Kambium nutzt von der Linde, der Weide oder der Birke, dann schmeckt das recht neutral – wie man ein Birkenblatt essen würde, ein frisches. Und wenn man merkt, das ist jetzt total zäh und man kriegt es mit seinen Zähnen überhaupt nicht klein, dann hat man sehr wahrscheinlich den Bast mit erwischt, oder Holzfasern. Das ist nicht schlimm, da werden wir nicht von umkommen, aber es muss einem klar sein, dass wir es nicht verdauen können. SPRECHERIN Das Kambium dagegen schon – und es bringt sogar einiges an Energie: 80-100 Kilokarien pro 100 Gramm, um einige Tage zu überleben, könnte es helfen. Kambium enthält Stärke, also Zucker, Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe. Mit einer Feuerstelle eröffnen sich allerdings noch einmal ganz andere Möglichkeiten: In Streifen geschnitten, lässt sich Kambium nämlich auch als Spaghetti kochen oder wie Schinken anbraten. ATMO Schälen + Wald kurz hoch SPRECHERIN Martin Gebhardt steckt sich eine lange Haarsträhne hinter die Ohren: Der stämmige Mann mit grauem Vollbart, Pferdeschwanz und Brille kommt ursprünglich aus der IT-Branche; inzwischen lebt der Familienvater von seinen Bushcraft-Seminaren. Der Begriff „Bushcraft“ bedeutet frei übersetzt, die Fähigkeit, das Handwerk, mit nur wenig Ausrüstung in der Wildnis zu überleben. Feuermachen ohne Streichhölzer beispielsweise, eine regendichte Schlafstätte bauen – oder ein nahrhaftes Essen zubereiten. Und für all das kann man Baumrinde gebrauchen. OT 20 Martin Gebhardt Rinde ist ein ganz wunderbarer Werkstoff. Zum Beispiel können wir aus Birkenrinde Behälter bauen, zum Sammeln von Früchten (weiteren Nahrungsmitteln sozusagen). Ich brauch dazu nur ein Messer, um die Rinde abzubekommen, kann dann mit kleinen Stöckchen die Ecken formen und so meine Himbeeren transportieren. Ich kann mir aus Birkenrinde eine Schöpfkelle bauen. Rinde wird auch genutzt um… Wenn wir draußen unterwegs sind und wir brauchen ein Feuer, dann halten wir immer Ausschau nach einer Birke. Birkenrinde hat verschiedene ätherische Öle, die supergut brennen. Und wenn wir uns ein bisschen was abschaben davon und dann mit einem Feuerstahl, also mit einem Metallstab, der Funken erzeugt, können wir damit einwandfrei Feuer machen. Brennt sofort. ATMO Wald SPRECHERIN Förster Norbert Wimmer wäre vermutlich nicht so glücklich, über Bushcraft-Fans, die in seinen Wäldern das Überleben in der Wildnis üben. Vielleicht hätte er aber auch Verständnis für sie, denn Leute wie Martin Gebhardt setzen sich mit der Natur auseinander, gehen achtsam mit ihr um – weil sie sie brauchen. OT 21 Martin Gebhardt Bäume sind für mich extrem wichtige Partner im Wald. Ich kann daraus viel Material und Ressourcen ziehen. Aber ich profitiere auch unheimlich von den Bäumen, wenn ich sie überhaupt nicht anfasse: Sie bieten mir Schutz vor Unwetter, vor Regen. Sie bieten mir Schatten. Bäume bieten unheimlich viel Lebensraum für Tiere. Und ja, das Allerwichtigste ist natürlich, die produzieren unsere Luft zum Atmen, die ist lebenswichtig für mich. Und ich finde auch daher sollten wir sie unheimlich schätzen. Einfach, dass sie da sind und uns versorgen, bedingungslos. Musik 10: Boundless beauty – siehe Musik 1 – 32 Sek SPRECHERIN In einem sind sich Martin Gebhardt, Birgitta Volz und Norbert Wimmer einig: Sie lieben den Wald, sie lieben Bäume – und sie empfinden eine Faszination für ihre ganz verschiedenen, kunstvollen, magischen, essbaren, schützenden – und besonders an alten Bäumen: extrem lebendigen Rinden. STOPP
- Die E-Gitarre - Der Sound aus dem Brett
25.04.2025 · 21 Min.
1950 schraubte der Radio-Techniker Leo Fender in Kalifornien den Prototyp der "Telecaster" zusammen - die erste Stromgitarre. Damit war das richtige Instrument geboren, dass den Jazz wild und roh werden ließ - die Initialzündung für die Geburt des Rock and Roll - der Soundtrack für eine sich nach Veränderung sehnender Jugend. Von Christian Schaaf (BR 2011) Credits: Autor dieser Folge: Christian Schaaf Regie: Martin Trauner Es sprachen: Herbert Schäfer, Christiane Rossbach, Heinz Peter Technik: Roland Boehm Redaktion: Petra Hermann-Boeck Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. RadioWissen hat noch weitere hörenswerte Folgen zum Thema: Jimi Hendrix - Virtuose der E-Gitarre JETZT ANHÖREN Woodstock - Der rebellische Sound der Utopie JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN
- Ausgetrocknete Flussbetten - Was kommt nach dem Wasser?
24.04.2025 · 22 Min.
Flüsse und Bäche trocknen wegen des Klimawandels immer öfter aus. Dabei können sie ihre Dienste als Ökosystem nicht mehr leisten und viele Arten gehen verloren. In dem Projekt ?Dry River? machen europäische Forscher und Forscherinnen nun eine Bestandsaufnahme, um unsere Fließgewässer besser schützen zu können. Von Brigitte Kramer (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer Technik: Susanne Herzig Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Dr. Annika Künne, Geographin, Universität Jena; Professor Dr. Markus Weitere, Biologe, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Magdeburg; Professor Dr. Klement Tockner, Biologe, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Frankfurt am Main. 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Viele von ihnen fallen trocken, verschwinden, versickern oder enden als jämmerliche Rinnsale. Was passiert, wenn Flussbetten vorübergehend austrocknen? Was geht dabei verloren, und was kommt danach? Professor Klement Tockner von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung erklärt, was ein gesunder Fluss alles leistet: O TON 1 Klement Tockner Eine der wichtigsten Leistungen ist die Selbstreinigungskraft, das heißt das Entfernen von Nähr- oder auch von Schadstoffen an der Gewässersohle, um eben sauberes Trinkwasser für uns Menschen bereitzustellen, um Wasser für die Landwirtschaft bereitzustellen. Dazu kommt auch, dass das Gewässerbett ein ganz wichtiger Lebensraum zum Beispiel für Insektenlarven, aber auch für Jungfische ist. Musik: Questions an decisions 0‘40 SPRECHERIN Die „Reinigungsleistung“ entsteht zum einen durch die Fließbewegung, bei der das Wasser auf den Grund gedrückt und den Organismen dort zugespült wird. Diese reinigen das Wasser, zum Beispiel, indem sie es durch ihre Kiemen fließen lassen und dabei Nahrungspartikel herausfiltern - so wie es die Flussperlmuschel tut. Die Selbstreinigung eines Flusses findet zudem auch an der Gewässeroberfläche statt, in einem Biofilm, den Mikroorganismen unter Sauerstoffverbrauch bilden. Gesunde Flüsse leisten aber noch mehr: O TON 2 Klement Tockner Die Gewässer sind natürlich auch ein ganz zentraler Erholungsraum für uns Menschen. Das Gurgeln oder das Rauschen eines Baches hat eine positive Auswirkung auf unsere Wahrnehmung unserer Umwelt. Das sind alles zentrale Leistungen, die Gewässer für uns bereitstellen. ATMO 2 Plätschernder Bach etwas stehen lassen, dann Blende Musik: Surviving victims 1‘09 SPRECHERIN darüber Wenn sie diese „zentralen Leistungen“ nicht mehr erbringen können, haben wir Menschen ein massives Problem: Nicht nur wegen des Trinkwassers. Fallen Flüsse bei uns trocken, zeitweise oder stellenweise, sterben viele Arten, die in ihrem Ökosystem gedeihen. Musik 3 hoch Denn im Gegensatz zu anderen Regionen der Erde, wo das Austrocknen eines Flusses zu seinem natürlichen Zyklus gehört und die Arten sich daran angepasst haben, brauchen in Mitteleuropa viele Tier- und Pflanzenarten eine Rückzugsmöglichkeit in feuchte oder nasse Lebensräume. In die „hyporheische Zone“ zum Beispiel, die Übergangszone im Sediment zwischen Grundwasser und Fließgewässer. Doch die ist oft auch trocken, weil der Grundwasserspiegel stetig sinkt. Das ist gravierend, weil Flüsse Hotspots der Vielfalt sind und zu den wertvollsten Ökosystemen überhaupt gehören: Sie bedecken zwar nur ein Prozent der Landoberfläche, dienen aber zehn Prozent der Arten als Lebensraum. Musik 3 weg. Das Ökosystem Fluss ist also weit mehr als nur das fließende Band, das wir wahrnehmen: O TON 3 Annika Künne Um sich das überhaupt besser vorstellen zu können, muss man eigentlich wissen, dass das Gewässer oder Flussbett auch den Bereich unter und neben dem Fluss, also auch die Flussauen mit einschließt. Also eine Zone, wo eine Interaktion stattfindet zwischen dem oberflächlichen Wasser, was wir dann als Bach oder Fluss wahrnehmen, und natürlich auch dem Grundwasser. Musik: Absorbed in thought 0‘34 Atmo Bach/Fluss SPRECHERIN drüber Flüsse und Bäche sind nichts anderes als zutage tretendes Grundwasser: Es kommt in Quellen an die Oberfläche und bildet dann ein oberirdisches Gewässer. Fließgewässer brauchen eine intakte Uferlandschaft, erkennbar zum Beispiel an Auenwäldern, in denen in unseren Breitengraden Brennessel oder Bärlauch wachsen. Diese Uferstreifen wirken bei Hochwasser wie ein Schwamm, bei Niedrigwasser geben sie Wasser in das Flussbett zurück. Musik 1 runter Dr. Annika Künne ist Geologin und arbeitet mit Klement Tockner zusammen an einem internationalen, von der EU finanzierten Projekt, das erstmals den Zustand von Flüssen erfasst: O TON 4 Annika Künne Eben weil dieses Trockenfallen vielleicht in Räumen, wo das früher nicht so häufig aufgetreten ist, wurde das auch wissenschaftlich etwas stiefmütterlich behandelt. Und deswegen haben wir dementsprechend wenig Methoden. Man hat Ansätze, aber man hat noch nicht so viel Analysen, dass man das wirklich ganz genau quantifizieren kann. SPRECHERIN Konkret geht es bei dem Projekt „Dryver“ – der Begriff ist eine Zusammensetzung / aus den Worten… dry, trocken und river, Fluss – um die Erforschung von sechs Flusseinzugsgebieten in Europa – Spanien, Frankreich, Ungarn, Kroatien, Tschechien und Finnland –, und drei in Lateinamerika. 25 Experten aus 11 Ländern sammeln Daten und geben dann Empfehlungen und Strategien heraus für ein anpassungsfähiges Management von Fließgewässern. Die von 2018 bis 2022 fast durchgehende Dürre hat vielen Menschen in Europa gezeigt, wie schnell das Wasser ausgehen kann: O TON 5 Annika Künne Auch hier wird es einfach stärker. Und es gibt Veränderungen, also sowohl der Wasserqualität als auch Wassermangel. Und was wir schon sehen können, ist ein Artenrückgang. Musik: Bleak and droughty 0‘46 SPRECHERIN Trockenfallende Flüsse sind ein weltweites Phänomen, das in Polargebieten, im Hochgebirge oder in karstigen Regionen immer schon aufgetreten ist. Weltweit fallen 51 bis 60 Prozent der Flüsse regelmäßig, vorübergehend, trocken. In besonders trockenen Gebieten der Erde, wie in Indien, Westaustralien oder der afrikanischen Sahelzone, sind es laut den Modellierungen des Forschungsprojekts Dryver sogar 99 Prozent der Fließgewässer. Aber auch in den kühlgemäßigten und feuchten Klimazonen trocknen fast ein Drittel der Fließgewässer immer wieder aus. Wenn man kleine Bäche mitzählt, sind es hier sogar mehr als die Hälfte der Wasserläufe. O TON 6 Annika Künne Bisherige Schätzungen zeigen, dass diese Probleme auch weiter zunehmen werden. Mechanismen kann man dabei noch nicht ganz genau abschätzen, zum Beispiel ab wann ein Fluss bestimmte Funktionen nicht mehr erfüllen kann. MUSIK Surviving victims 0‘13 SPRECHERIN drüber, dann weg Auch große Flüsse wie der Nil, der Gelbe Fluss in China oder der Rio Grande in den USA führen immer weniger Wasser. O TON 7 Klement Tockner Das hat natürlich dann massive Konsequenzen nicht nur für die Natur, sondern auch für die Wasserversorgung, für die Menschen, für die Schifffahrt oder für die Kühlung von Industrieanlagen. Und das nimmt zu, weil wir auf der einen Seite eine Verschiebung des Niederschlagsregimes haben und andererseits eine zunehmende Übernutzung der Gewässer. Musik: Complex questions 0‘38 SPRECHERIN Die Zusammenhänge sind komplex, wie alles bei der Klimakrise - weil eben alles ineinandergreift. Die Zeiten für Regen verändern sich, die Niederschlagsmenge ebenso. Es gibt mehr Starkregen. Sommer und Herbst werden in Mitteleuropa tendenziell trockener. Wegen der erhöhten Temperaturen auf der Erde brauchen wir mehr Wasser, zum Trinken und zum Bewässern und auch für die Energiewende. Und auch weil die Welt sich immer weiter industrialisiert, beziehungsweise digitalisiert. Zum Beispiel entstehen immer mehr Rechenzentren, und die brauchen Wasser zur Kühlung. Dazu kommen die Herausforderungen der Energiewende Stichwort Wasserstoffwirtschaft: In der zukunftsträchtigen Wasserstoffwirtschaft sollen fossile Energieträger durch grünen Wasserstoff ersetzt werden. Grüner Wasserstoff wird mit Strom aus erneuerbaren Energien anhand von Elektrolyse von Wasser hergestellt: Das Wasser wird in seine Elemente Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Für die Produktion von einem Kilo Wasserstoff sind mindestens neun Kilo Wasser erforderlich. Alles dreht sich also um's Wasser. Annika Künne: O TON 8 Annika Künne Wir sehen, dass die Grundwasserstände an mehreren Stellen seit ungefähr zehn Jahren drastisch zurückgehen, und zwar so drastisch, dass man von einer Grundwasserdürre reden kann. Und das sieht man ja nicht. Das Grundwasser ist ja, bleibt ja irgendwie unsichtbar. Und das nächste ist Grundwasserqualität. SPRECHERIN Grundwasser ist Trinkwasser, da muss die Qualität stimmen. Oberirdisch kann man den Missstand mit bloßem Auge erkennen – in den Flüssen und Bächen. Professor Dr. Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beschreibt, was vor dem Austrocknen eines Fließgewässers passiert – also bei Niedrigwasser. Ein Symptom ist ... O TON 9 Markus Weitere … dass die Auen tatsächlich richtige trockene Symptome zeigen. Also Vegetation wird oft trocken, die Gewässer in den Auen gehen zurück oder verschwinden auch ganz. SPRECHERIN Der Fluss trocknet sozusagen vom Rand her aus. O TON 10 Markus Weitere Im nächsten Schritt was passiert ist, dass das Wasser schlicht und ergreifend erstmal langsamer fließt. Da hängt zum Beispiel auch so was wie die Reinigungsleistung dran, weil dafür ist es ganz wichtig, dass sich das Wasser einfach stark bewegt. Wenn jetzt geringer Abfluss zusammenkommt mit vielleicht einer sommerlichen Hitzewelle, auch dann kann es zu ganz unterschiedlichen Prozessen im Gewässer kommen. Es können sich zum Beispiel sehr stark Algen entwickeln, die dann am Ende wieder auch zu einer Sauerstoffzehrung führen und zum Problem werden. Im Extremfall kann es dann zum Fischsterben kommen. SPRECHERIN Wie in der Oder im Sommer 2022, Musik: Sad water 0‘24 als mehrere hundert Tonnen toter Fische im Fluss trieben. Eine giftige Alge hatte die Fische umgebracht. Dazu war das Wasser sehr warm und, weil der Fluss wenig Wasser führte, war die Schad- und Nähstoffkonzentration sehr hoch, darunter die Konzentration von Salz, das aus schlesischen Kohlegruben in die Oder geleitet wurde. Musik weg Für Markus Weitere ein Szenario, an das wir uns gewöhnen müssen, wenn wir nicht eingreifen: O TON 11 Markus Weitere Wir haben Wasserdefizit aufgebaut und haben dadurch auch so ein gewisses Fenster in die Zukunft bekommen. In das, was uns eigentlich erwartet. Und was wir da gesehen haben, ist, dass viele Gewässer tatsächlich anfällig waren. Aber es gibt eben auch eine ganze Menge Gewässer, denen das offensichtlich nicht so viel angetan hat. SPRECHERIN Kann man Flüsse vor dem Austrocknen schützen? Ja, kann man, mit „anpassungsfähigem Management von Fließgewässern“, wie das im Dryver-Projekt heißt. Auch schon das, was vor dem Trockenfallen passiert, muss vermieden werden: Algenbildung, Fischsterben, Schadstoffkonzentration. O TON 12 Markus Weitere Wir sehen da zumindest drei Bedingungen, die das beeinflussen. Das eine ist das Einzugsgebiet, das heißt, kann das Einzugsgebiet viel Wasser aufnehmen, wenn es denn ein Starkregenereignis gibt und das dann dosiert auch abgeben das Wasser in Phasen der meteorologischen Dürre? Das zweite ist die Gewässerbelastung, die chemische Belastung. Also sind die Gewässer schon vorbelastet. Das ist das, was wir in der Oder erlebt hatten. Und es kommt auch auf die Struktur des Gewässers an, da spielt zum Beispiel auch der Randstreifen eine ganz wichtige Rolle. Geht das Gewässer durch den Wald, das heißt fällt Schatten auf die Gewässer. Und das ist ganz wichtig dabei, dass sich das Gewässer eben nicht zu stark erwärmt bei einer sommerlichen Hitze. SPRECHERIN Dabei haben wir Menschen das Wasser aus der Landschaft jahrhundertelang abgeleitet, haben Kanäle gezogen, Flüsse begradigt, Feuchtgebiete trocken gelegt, Barrieren, Talsperren eingebaut, die Flüsse regelrecht zerstückelt, Ufer versiegelt. So geht eine Menge wertvolles Regenwasser verloren: Es fließt ungenutzt dem Meer entgegen. Musik: Light footed 0‘44 Naturnahe Flüsse halten sowohl Hochwassern als auch Dürreperioden am besten stand: O TON 13 Klement Tockner Ein unverbauter Fluss, ein unverbauter Bach hat eine Vielzahl an Lebensräumen, tiefe Stellen, also Gumpen, die kaum austrocknen. Grundwassereintritte, die kühl bleiben. MUSIK 2 hoch Vielfältige Zuflüsse, die wiederum unterschiedlich reagieren. MUSIK 2 hoch Und wie in der Finanzwirtschaft sprechen wir auch in der Ökologie von einem sogenannten Portfolio-Effekt. Das heißt, je vielfältiger ein System ist, desto resistenter ist es gegenüber Schwankungen. Musik: Surviving victims 0‘25 SPRECHERIN drüber Unverbaute Fließgewässer gibt es in Europa nur noch sehr wenige. Gerade mal neun Prozent sind in Deutschland in einem guten ökologischen Zustand. Dabei schreibt die europäische Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000 vor, dass ... ZITATOR ... „alle Mitgliedstaaten der EU verpflichtet sind, bis 2015 und in Ausnahmefällen bis 2027 alle Gewässer in einen „guten ökologischen“ und „guten chemischen Zustand“ zu bringen. Für Grundwasser ist ein „guter mengenmäßiger“ und „guter chemischer Zustand“ zu erreichen. ATMO 3 trauriges Gegurgel hoch, etwas stehen lassen SPRECHERIN drüber Die Erfüllung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie scheint heute utopisch. Die Zusammenhänge sind komplex und die Lösungen weitgreifend. In Bayern erwärmen sich Fließgewässer um durchschnittlich etwa ein halbes Grad in zehn Jahren. Das haben Messungen des Landesamts für Umwelt seit 1980 ergeben. In der Umgebung von Frankfurt fallen Bäche, die aus dem Taunus fließen, trocken, auch in Brandenburg trocknen im Sommer viele Bäche aus. Dort fallen nur etwa 500 Millimeter Regen pro Jahr, und die Niederschläge verschieben sich: Es gibt kürzere, feuchtere Winter und längere Sommer mit langen Trockenzeiten, wie sie eigentlich in südlichen Regionen typisch sind. O TON 14 Annika Künne Also es gibt dann eben Grenzen, wo man sagt okay, das hält in der jetzigen Zeit, wo es einfach unter Klimawandel häufiger zu Trockenfallen kommt und auch das Trockenfallen länger anhält, führt das einfach dazu, dass das die Arten, die vielleicht das eine ganze Weile auch gut hinbekommen haben, jetzt nicht mehr schaffen. SPRECHERIN Klimamodelle gehen zwar davon aus, dass mehr Niederschlag fallen wird. Der könne den Austrocknungsprozess aber nicht abmildern, meint Annika Künne: O TON 15 Annika Künne Das ist schon erschreckend. Das passiert einfach durch die Erderwärmung, weil die Verdunstung so stark zunimmt. Das heißt, das Wasser kommt da gar nicht an, das verdunstet. Musik: Calculations 0‘25 SPRECHERIN Bei jedem Grad, um das sie wärmer wird, kann die Luft weitere sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen. Der Dampf bleibt in der Luft, regnet sich vorerst nicht ab, sondern wandert mit der atmosphärischen Zirkulation in Richtung Pole. ATMO: Regen/Fluss Die Folge ist, dass ohnehin schon regenreiche Regionen zu bestimmten Zeiten noch mehr Niederschläge bekommen: O TON 16 Annika Künne Diese, was man im Wetterbericht immer so schön sieht, die Hoch- und Tiefdruckgebiete, das heißt diese Wirbel werden stärker und ziehen dann einfach aus noch größeren Regionen Wasser an und dadurch gibt es viel mehr extreme Niederschlagsereignisse. SPRECHERIN Starker Regen führt zu Überschwemmungen – die wirken in trockengefallenen Fluss- oder Bachbetten geradezu zerstörerisch, wie Klement Tockner von der Senckenberg-Gesellschaft weiß: O TON 17 Klement Tockner Man muss sich vorstellen, während der Trockenperioden sammelt sich organisches Material, Blätter, auch Schadstoffe an der Sedimentoberfläche. Und wenn dann das Wasser kommt, nach dem ersten großen Regenereignis, dann wird dieses Material auf einmal abtransportiert. Man spricht von sogenannten Black Flats, also schwarzen Hochwässern. Dann kann es flussabwärts, zum Beispiel in Seen oder im Küstenbereich, zur völligen Sauerstoffarmut kommen. SPRECHERIN Nährstoffreiches Wasser kann den Sauerstoffgehalt im Wasser verringern. Den brauchen die Wassertiere aber zum Überleben. Viele ersticken. Starkregen richtet nach einer Dürre im Flussbett und im Mündungsgebiet also mehr Schaden an, als er Nutzen bringt. Und wenn dann das Wasser wieder ruhiger fließt? Kehrt dann das Leben zurück? Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum: O TON 18 Markus Weitere Regeneration von trockengefallenen Gewässern, die ist sehr unterschiedlich. Wenn wir zum Beispiel von den Mikroorganismen sprechen, die erholen sich relativ schnell wieder. Wenn wir von größeren Tieren sprechen, dann hängt das davon ab, wie gut die sich zurückziehen konnten, also in andere Gewässerabschnitte auswandern. Oder sind es vielleicht Insekten, die erstmal eine Zeit am Land verbringen und dann wieder ihre Eier in das Wasser legen und sich da als Larven wieder entwickeln? Die kommen auch relativ schnell wieder. Aber es gibt dann durchaus auch Tiere, die letztendlich auch durch so eine Austrocknung aussterben können und die überhaupt nicht mehr wiederkommen oder die unheimlich lange brauchen, bis sie so ein Gewässer wieder besiedeln. MUSIK: Surviving victims 0‘34 SPRECHERIN drüber Ein extremes Beispiel dafür ist die Flussperlmuschel, die als Wasserfilterer viel für das ökologische Gleichgewicht eines Flusses tut: O TON 19 Markus Weitere Die Flussperlmuschel ist bei uns eine sehr seltene, sehr schützenswerte Art, die unheimlich alt wird. Und die kann nicht auswandern, wenn es zur Trockenheit kommt. MUSIK 3 hoch Die Wandergeschwindigkeit ist einfach sehr, sehr gering und die würde dann aussterben. MUSIK 3 hoch Und das wäre tatsächlich ein Verlust, der so schnell nicht wieder gut zu machen ist. SPRECHERIN Auch das gehört zum Dryver-Projekt: Ursachen und Folgen des Trockenfallens werden erfasst. Annika Künne benutzt dazu Felddaten von Kollegen und Kolleginnen, die in Flussbetten Pegelstände und Veränderungen gemessen haben. Auch Bürger können helfen: Mit der Dryver-App können sie den Zustand von Flüssen oder Bächen ganz einfach dokumentieren und in die Datenbank einspeisen. Letztlich sollen mit den Daten Modelle entstehen, die die Realität abbilden und dann mit Klimaprojektionsdaten angetrieben, also gefüttert werden können. So können Klimaprognosen und -anpassungsstrategien für Flüsse erstellt werden und zwar geologisch, biologisch und sozioökonomisch. Was schon heute klar ist: Flüsse müssen renaturiert werden, wenn sie klimaresilienter werden sollen und ihre wertvollen Dienste weiterhin leisten sollen. Dabei geht es nicht nur um die Flüsse selbst, sondern auch um ihre Einzugsgebiete. Markus Weitere: O TON 20 Markus Weitere Ein großes Stichwort sind blau-grüne Infrastruktur in Städten. Also wie kriegen wir Städte zum Beispiel dazu, dass das Wasser nicht zu schnell abfließt über die versiegelten Flächen, sondern dass es zurückgehalten werden kann in Zisternen und ähnlichem, dass wir Grünflächen haben, wo auch Wasser versickern kann. ATMO 1 Rauschender, großer Fluss, etwas stehen lassen SPRECHERIN drüber Wir Menschen haben uns seit jeher an Flüssen angesiedelt, denn sie garantierten Trinkwasser und fruchtbare Böden. Jahrtausendelang hat die Menschheit von Flüssen profitiert, aber sie hat sie auch vergiftet, zerstückelt, kanalisiert, ihnen Wasser abgezapft. Zeit, dass ihre große Bedeutung mehr ins Bewusstsein rückt. Musik: Green planet 0‘42 Flüsse brauchen Raum, um auf die Herausforderungen des zu einem erheblichen Teil durch die Menschen verursachten Klimawandels zu reagieren. Markus Weitere ist optimistisch, gerade wegen der drastischen Ereignisse der Dürrejahre 2018 bis 2022: O TON 21 Markus Weitere Ich glaube, dass das im Moment vielen Menschen bewusst wird, dass sich die Gewässer verändern und dass das durchaus ein Problem ist. Ich habe das Gefühl, dass das Bewusstsein dafür zunimmt.