Ida B. Wells - Kämpferin gegen die Lynchjustiz
08.03.2025 · 24 Min.
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Ida B. Wells hat ihr Leben den Bürgerrechten gewidmet. Als eine der ersten Schwarzen investigativen Journalistinnen der USA kämpfte sie gegen die grausamen Lynchmorde an, denen Tausende meist Schwarzer zum Opfer fielen. Von Michael Zametzer (BR 2022)
Credits
Autor dieser Folge: Michael Zametzer
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Andreas Neumann, Katja Bürkle, Peter Lersch
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:
Prof. Dr. Manfred Berg, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Dr. Nicole Hirschfelder, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
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- Die Erfindung des Rads - Als die Welt ins Rollen kam
11.03.2025 · 24 Min.
Es gilt als eine der bedeutendensten Erfindung in der Menschheits-geschichte - das Rad. Als Transportmittel öffnete es den Handel zwischen Kulturen, als Streitwagen führte es zur Bildung von mächtigen Großreichen, als Idee führte es zu Zahnrädern und Uhren und langfristig zur globalen Mobilität. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Welt im altorientalischen Mesopotamien ins Rollen kam. Heute gilt die alteuropäische Tipolye-Kultur auf dem Gebiet der heutigen Ukraine vor 6.000 Jahren als wahrscheinlicher Ursprungsort des Fahrens. Autor: Geseko von Lüpke Credits Autor dieser Folge: Geseko v. Lüpke Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Andreas Neumann, Benjamin Stedler Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Stefan Burmeister, Archäologe, Frühgeschichtler; Asko Parpola, Finnischer Paläo-Linguist und Historiker; Elke Kaiser, Prof. für Frühgeschichte an der FU Berlin; Harald Haarmann, Linguist, Historiker, Autor Carola Metzner-Nebelsick, Historikerin, LMU München; Norbert Oberschmidt, Rad-Entwickler, Autor Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Der Beginn der Landwirtschaft - Zivilisation und Risiko JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/3 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Burmeister, Stefan: Der Mensch lernt fahren – zur Frühgeschichte des Wagens, Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (MAGW), Band 142, 2012, S. 81-100 Burmeister Stefan: Die drei großen W: Waren – Wagen – Wege. Überlegungen zum Überlandverkehr in prähistorischer Zeit, mit besonderem Blick auf Nordwestdeutschland, aus: Bartelheim, Martin( Hrsg.): RessourcenKulturen, Band 8, Tübingen University Press Haarmann, Harald: Die Erfindung des Rades. Als die Weltgeschichte ins Rollen kam. Beck-Verlag, München 2023 Kaiser, Elke: Die frühen Räderfahrzeuge im nordpontischen Raum. Die archäologische Überlieferung und das protoindoeuropäische Wagenvokabular. Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 43, 2022, 13–25 Kaiser, Elke: Räderfahrzeuge in der frühen Bronzezeit Osteuropas. In: B. Nessel, D. Neumann, M. Bartelheim (Hrsg.), Bronzezeitlicher Transport. Akteure, Mittel und Wege. Ressourcenkultur 8 (Tübingen 2018) 139–165. Metzner-Nebelsick, Carola: Charriots and Horses in the Carpathian Lands during the Bronze Age, Published in: B. Baragli, A. Dietz, Zs. J. Földi, P. Heindl, P. Lohmann and S. P. Schlüter (eds.), Distant Worlds and Beyond. Distant Worlds Journal Special Issue 3, Heidelberg, Propylaeum 2021, 111–131. DOI: https://doi.org/10.11588/propylaeum.886.c11954 Parpola, Asko: Proto-Indo-European Speakers of the Late Tripolye Culture as the Inventors of Wheeled Vehicles: Linguistic and archaeological considerations of the PIE homeland problem. Pp. 1-59 in: Karlene Jones-Bley (eds.), Proceedings of the Nineteenth Annual UCLA Indo-European Conference, November 2-3, 2007. (Journal of Indo-European Studies Monograph 54.) Washington, D.C.: Institute for the Study of Man, 2008 Oberschmidt, Norbert: Das Rad. Eine bewegte Geschichte; ifu-verlag für regionalkultur, Heidelberg 2015 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Lang, lang, ist‘s her. Ungefähr zu jener Zeit, als der ‚Mann vom Tisenjock‘, ein dunkelhäutiger jungsteinzeitlicher Wanderer mit dem modernen Namen ‚Ötzi‘ die Alpen überqueren wollte; und 3.356 Jahre vor unserer Zeitrechnung von einem Pfeil getroffen in eine Gletscherspalte stürzte. Runde 5.380 Jahre. Der glatzköpfige Mann, der weit nach seiner Zeit als ‚Mumie von Similaun‘ weltberühmt werden sollte, mag das Geräusch schon gekannt haben: Das Knarzen der sich drehenden Holzräder, das harte Rumpeln der archaischen Achsen, die sich ächzend reibenden Holzbohlen des klobigen vierrädrigen Wagens. Musik 2 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'41 SPRECHERIN Und der Eindruck wird sich tief in sein steinzeitliches Bewusstsein eingeprägt haben. Denn die Erfindung von Rad und Wagen – das wissen wir heute – war eine höchst ungewöhnliche und bis heute täglich wirksame Erfindung. In dem Zeitalter, das wir gewöhnlich die ‚Graue Vorzeit‘ nennen – dem Neolithikum oder der Jungsteinzeit, in dem sich der Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu Hirten- und Bauernkulturen vollzog. Über Jahrzehntausende war der Mensch zu Fuß gelaufen. Und plötzlich begann er zu fahren! Der Archäologe Stefan Burmeister versucht sich auszumalen, wie groß damals das Staunen gewesen sein mag. ZUSPIELUNG Wort 1 (Stefan Burmeister) Man muss sich vorstellen, wie der Mensch sich bis dahin selbst fortbewegt hat. Also eben immer nur auf seinen eigenen Füßen. Mit dem Wagen taucht plötzlich eine ganz andere Art von Fortbewegung auf. Man sitzt oder steht über den Dingen und schwebt, auch wenn es vielleicht ein bisschen ruckelig ist. Aber man gleitet ja im Grunde so dahin und muss sich selbst nicht mehr bewegen. Das ist natürlich eine ganz andere Form der Automobilität, die ja schon eher sowas von ‚Erscheinen‘ hat, als von Gehen oder sich fortbewegen. ZUSPIELUNG Atmo 2 Mischung: (Hupen eines Oldtimers, Stampfen einer Dampf-Lokomotive, Quietschende Reifen eines Sportwagens) SPRECHER ‚Auto-Mobilität‘ – wer sich das Wort auf der Zunge zergehen lässt, erahnt die Jahrtausende der Kulturentwicklung, die von den rustikalen Konstruktionen der Jungsteinzeit, über elegante Streitwägen der Ägypter und Griechen, herrschaftlich kaiserliche Prunkkarossen, Planwägen im Wilden Westen, verspielte Hochzeitskutschen, erste Automobile, mächtige Lokomotiven bis hin zum hochgezüchteten Formel-Eins-Rennwagen reichen. Erfindungen, die die Welt zum Dorf machten, den globalen Handel begründeten, Geschwindigkeit und Zeitmessung nach sich zogen – und zu dem führten, was heute als privater PKW oder mächtiger 40-Tonner unseren Alltag im 21. Jahrhundert prägt. Doch wie begann das alles? Wo und wann kam die Weltgeschichte ins Rollen? Musik 3 Titel: "Jd021" - Album: Derrida - Komponist und Ausführender: Ryuichi Sakamoto - Länge: 0'50 SPRECHERIN Der Blick zum Himmel – zum Rund von Sonne und Mond – hatte den Menschen wohl schon immer gezeigt, dass es mit den über den Himmel ziehenden Kreisen etwas Besonderes auf sich hatte. Auch als mythisches Symbol für den Lauf der Jahreszeiten war der Kreis schon lange ein Begriff, nicht jedoch als bewegliches Rund. Lange Zeit gingen die Historiker davon aus, dass die Idee zum Rad zum ersten Mal in den legendären Reichen im Urstromland aufblitzte, die als Wiege der Zivilisationen galten. Denn im sumerischen ‚Uruk‘ auf dem Gebiet des heutigen Irak hatte man im Grab eines Königs alte Schrifttafeln gefunden, deren Zeichen und Piktogramme bereits 3.400 vor Christus vierrädrige Wagen zeigten – also stolze 5.400 Jahre alt sind. Doch der finnische Paläo-Linguist und Historiker Asko Parpola vermutet einen noch älteren und ganz anderen Ursprungsort des Rades: ZUSPIELUNG Wort 2 (Asko Parpola /männl. Overvoice) It has been an accepted theory for a long time that the Sumerians invented wheeled Lange Zeit galten die Sumerer als Erfinder von Rad und Wagen rund 3.400 vor Christus. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten hat man in Europa mehr und mehr Funde gemacht, die aus ungefähr der gleichen Zeit stammen. Deshalb wird die ‚sumerische Theorie‘ heute in Frage gestellt. Ich glaube, dass Rad und Wagen im Gebiet der zentralen Ukraine erfunden wurden, nahe der heutigen Stadt Kiew, rund 3.600 Jahre vor Christus oder etwa zu der Zeit. …. in that time scale. Musik 4 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'46 SPRECHER Denn in Ost-Europa hat die Archäologie erstaunliches zu Tage befördert: Spuren sogenannter ‚Mega-Sites‘ – riesiger stadtähnlicher Strukturen mit zigtausend Einwohnern, Tausenden von Häusern und Werkstätten schon aus dem fünften vorchristlichen Jahrtausend: Jungsteinzeitliche Großstädte der sogenannten ‚Tripolye-Kultur‘, in denen wunderschön verzierte Terrakotta-Vasen gefunden wurden, für die schon das Töpferrad erfunden worden sein musste - bei der das erste Mal das Prinzip der Drehung angewendet wurde. Zeugnisse einer noch umstrittenen ‚alt-europäischen Hochkultur‘, in denen man zwar noch keine Wägen, aber entsprechende tönerne Spielzeuge gefunden hat, erzählt Elke Kaiser, Professorin für Archäologie an der Freien Universität Berlin: ZUSPIELUNG Wort 3 (Elke Kaiser, 0:40) Und dort haben wir schon Mitte des vierten Jahrtausends vor Christi Geburt Hinweise in Form von so kleinen Tierchen aus Ton, die durchlochte Beine haben. In der Nähe sind dann auch Ton-Räder gefunden worden. Und man nimmt an eben, dass in diesen horizontal durchlochten Beinen dieser Tierfiguren dann wahrscheinlich ein Hölzchen gesteckt hat, quasi wie eine Achse und auf beiden Seiten dann Räder befestigt waren. Das sind keine richtigen Wagen, aber spielzeug-ähnliche Figuren, die von den Menschen damals irgendwie bei irgendwelchen Ritualen benutzt worden sind. SPRECHERIN Spielzeuge, die natürlich darauf schließen lassen, dass solche Dinge schon im praktischen Gebrauch waren, bevor Kinder damit symbolisch hantierten. Richtige Räder und Wägen fand man aber nicht. Solche großen archäologischen Fundstücke gibt es erst aus osteuropäischen Gräbern, die ein paar Hundert Jahre später datieren, rund 3.100 vor Christus. Und jüngste Ausgrabungen haben aus etwa der gleichen Zeit Rad- und Spurenfunde aus ganz verschiedenen Regionen und Kulturen von der Nordsee bis zum Hindukush zu Tage gebracht. Musik 5 "Part 1 - Resonating Stone, Shakuhachi" - Album: Music Of Stones - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge: 1`18 SPRECHER So fanden sich in Norddeutschland 3.450 Jahre alte Räderspuren aus der bäuerlichen ‚Trichterbecher‘-Kultur, an Schweizer Bergseen zerbrochene Vollholz-Räder, deren Gebrauch der ‚Ötzi‘ erlebt haben mag, etwas später ganze Holzwägen als Grabbeilagen im Ural und am Schwarzen Meer, sowie Wagenreste am Persischen Golf und im Gebiet des heutigen Pakistan. Archäologen standen vor einem Rätsel, wieso scheinbar fast gleichzeitig an so weit voneinander entfernten Orten in völlig unterschiedlichen Kulturen die gleiche Innovation auftauchte. Waren es gleichzeitige Entdeckungen, waren es frühe Handelskontakte, oder gab es Ideenexport durch wandernde Handwerker? Wie in einem Puzzle versuchen heute die Altertums-Forscher den Ort und die Verbreitung der Erfindung zu rekonstruieren. Theorien gibt es so manche, Beweise wenige. Musik 6 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'33 SPRECHERIN Doch so manches spricht dafür, dass tatsächlich im Zusammentreffen der mehr als 6.000 Jahre alten und handwerklich wohl hochentwickelten ukrainischen Tripolye-Kultur und migrierenden Steppen-Nomaden aus dem Osten sich der kreative Impuls formte, mit dem Wagen etwas ganz Neues zu probieren. Denn dafür bestand vielerlei Bedarf: In den frühen osteuropäischen Städten für den Transport von Getreide und Material, bei den Steppen-Nomaden und Viehhirten für Handelsgüter und Material-Transport. Der Linguist und Historiker Harald Haarmann ist aber davon überzeugt, dass es eine Kultur des Friedens und der Kooperation brauchte, um eine so weltverändernde Innovation erst möglich zu machen. ZUSPIELUNG Wort 4 (Harald Haarmann) In Europa sind die Funde deutlich älter. Das Töpfer-Rad ist erfunden worden vor Rad und Wagen. Also die primäre, die Verwirklichung der Idee des Rades für praktische Zwecke hängt zusammen mit der Arbeit in der Töpfer-Werkstatt und das war das Töpferrad. Und dann sekundär kam man natürlich schnell drauf nachzudenken, wie man das umsetzen kann für Transportmöglichkeiten. Das technische Know How und die Möglichkeiten, da weiterzukommen, die lagen bei den Alt-Europäern. Die ‚Tripolya-Kultur‘ oder ‚Tripoli‘, wie man sie Russisch auch nennt, war der östliche Ausläufer dieses Komplexes Alt-Europas oder der ‚Donau Zivilisation‘. Und diese Großstädte waren für die Hirten-Nomaden weiter im Osten interessant, denn mit diesen Leuten standen sie in regen Handelsbeziehungen. Rad und Wagen sind erfunden worden, so wie ich das sehe, in friedlicher Kooperation: In interkultureller Kooperation unter Einbringung von Ressourcen und Know-How von beiden Seiten - da konnte es gelingen, so eine wichtige Erfindung zu machen. SPRECHERIN Von der wohl matriarchalen und sehr egalitären - Donau-Kultur wird angenommen, dass sie 6 bis 4.000 vor Christus gut zwei Jahrtausende ohne Krieg und soziale Hierachien auskam – perfekte Voraussetzung für Kreativität und neue Ideen, glaubt Harald Haarmann. Zur Erfindung des Rades kam es, als die kreativen Siedler auf Nomaden stießen, die Hartholz als Ressource mitbrachten. Er ist überzeugt, dass die bahnbrechende Erfindung sich von dort durch wandernde Handwerker und Händler schnell in alle Richtungen verbreitete. Vielleicht nicht mit den klobigen, ohne bewegliche Vorderachse auf Wanderpfaden kaum lenkbaren Wägen. Dafür waren die ersten leicht brechbaren Vollholz-Räder nicht geschaffen. Aber zu Fuß als wandernde Handwerker und Ideenträger der Rad-Erfindung. Und so mag es kaum 100 oder 200 Jahre gedauert haben, bis die Idee des Wagens bis nach Sibirien und Mesopotamien, nach Persien, Pakistan und China reichte. Musik 7 Titel o3 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge: 1'02 SPRECHER Vor Ort mögen die einfachen Kastenwägen vielerlei Funktionen erfüllt haben: Als lokales Transportmittel für Laubheu und Ernten, als Planwagen für Nomaden und Viehzüchter, als sakrales und rituelles Symbol – viel später auch als Kriegsgerät. Vielleicht auch mal als archaischer LKW für den Handel mit begehrten Metallen in der beginnenden Kupferzeit. Aber immer wieder zunächst auch als Prestige-Objekt und Prunkwagen mächtiger lokaler Herrscher oder reicher Händler. Denn das Fahrzeug als Statussymbol ist keine neue Idee. Der Mythos der Mobilität reichte sogar über das Leben hinaus. Bedeutende Persönlichkeiten wurden ab 3.100 vor unserer Zeitrechnung mit ganzen Wägen begraben. Das war, als wenn man heute seinen Porsche mit ins Grab nähme, bemerkt lächelnd der finnische Historiker und Linguist Asko Perpola. ZUSPIELUNG Wort 5 (Asko Perpola, // engl. mit männl. OV) Usually the graves exhibit the status of the dead person. So if he was a Das Grab spiegelte den Status des Toten. War er ein mächtiger Mann, wurde er reich begraben. Und da das Gefährt ein Zeichen von Macht und Wohlstand war, kam es mit ins Grab. Und dazu kam die symbolische Bedeutung. Besonders 1000 Jahre später, als der Streitwagen erfunden wurde. Da mag man sich vorgestellt haben, dass der Tote vielleicht auf dem Wagen zu den Himmels-Göttern fuhr. Dann hätte er ihn für die Reise in die Anderswelt schon mal dabei! …. he would have it. SPRECHERIN Weil außer den Grabfunden und vereinzelten zerbrochenen Rädern wenig der meist hölzernen Gefährte der heutigen Archäologie erhalten blieben, sind die materiellen Belege für die erste Erfindung des Wagens und seine folgende Verbreitung nur dünn gesät. In der Erforschung der frühen Vergangenheit etablierte sich aber eine ganz eigene Richtung – die historische Paläo-Linguistik. Sie untersucht die Wortstämme von Sprachen und kann so ermitteln, wie sich Begriffe und Worte in früheren Zeiten verbreitet haben. SPRECHER Weil die Erfinder eines Gegenstands ihm oft auch einen Namen geben, und dieser Begriff in der Regel von Nachahmern übernommen wird, kann man an der Verwendung des Ursprungs-Wortes oft erkennen, wo der Gegenstand originär herstammt. In vielen Kulturen werden bis heute indo-europäische Worte für Wägen und ihre Bauteile benutzt. Diese entstammen einer Sprache, die sich vor 5.000 Jahren in der HEUTIGEN Ukraine durchsetzte, als die indo-europäischen Normaden mit den friedlichen alt-europäischen Kulturen kooperierten. Für den Linguisten Harald Haarmann ein weiterer Beleg, wo der Wagen ursprünglich herkam. Und der Sprach-Archäologe zeigt an einem skurrilen Beispiel, dass sich über die linguistische Spurensuche sogar Erkenntnisse über die ursprünglich ausschließlich friedliche Nutzung der frühen Gefährte gewinnen lassen. ZUSPIELUNG Wort 6 (Harald Haarmann) Der Wortschatz für den Wagenbau, der hat sich auch im Alt-Europäischen entwickelt, da sind Lehnwörter im Altgriechischen erhalten. ‚Satty Mai‘ ist der Ausdruck für einen zweirädrigen Wagen speziell für Frauen. Mit dem Wagen wurde die Braut zum Ort der Hochzeit gefahren: Friedlicher kann man es nicht kaum vorstellen. Und die Griechen in der Antike haben das dann auch aufgegriffen: Die Hochzeits-Kutsche! Die Idee ist uralt und die Erfindung ist uralt. Also mindestens seit über 5000 Jahren gibt es eine Hochzeits-Kutsche. SPRECHERIN Tatsächlich scheinen in den frühen Kulturen der Kupfer-, Bronze- und Eisenzeit die einfachen, schwer lenkbaren Kastenwägen den Ansprüchen lange genügt zu haben. Ständige kleine Innovationen, wie die Erfindung des Speichenrads, machten die großen vierrädrigen doppelachsigen Wägen immer stabiler und belastbarer. Doch es sollte noch weitere 1.000 Jahre dauern, bis – wohl ebenfalls fast zeitgleich in Ost-Europa, in den Steppenkulturen am Ural und in Mesopotamien – nach der Domestizierung des Pferdes der beweglich, lenkbare und für damals unglaublich schnelle zweirädrige Streitwagen erfunden wurde. Dann hatte es mit der friedlichen Nutzung der Erfindung bald ein Ende. Musik 8 "The Blinding Sun" - Album: Babel - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'58 SPRECHER Der Streitwagen sollte ab 2.100 vor Christus – wahrscheinlich ausgehend von der Sintaschta-Kultur am Ural – eine völlig andere Kriegsführung etablieren, die sich schnell verbreitete. Er wird zum Fahrzeug der Krieger-Eliten, Herrschaft wird militarisiert. Streitwagen-Armeen wurden aufgestellt, fahrbares Kriegsgerät in großer Menge produziert. In Indien rekrutierte man Söldner-Truppen mit Streitwägen aus Vorderasien, die sich bald auf dem Subkontinent festsetzten und eigene Reiche bildeten. In China führte der Besitz des neuen Kriegsgeräts zum Dynastie-Wechsel. Lokal begann so etwas wie ein früher Rüstungswettlauf. Im Nahen Osten entstanden und vergingen Großreiche. Und in gigantischen Schlachten stießen erstmals mächtige Armeen hochgerüstet aufeinander, erzählt der Historiker und Linguist Harald Haarmann. ZUSPIELUNG Wort 7 (Harald Haarmann) Der Streitwagen hat eine entsprechende Revolution in der Waffentechnik ausgelöst. Die frühen Gruppen, die den Streitwagen verwendet haben und eingesetzt haben, haben wohl erkannt, dass wenn sie die einsetzen können, dann haben Sie Vorteile. Und das waren die Mitanni, Indo-Europäer im Nahen Osten, und die haben sich im Nu ein regionales Reich aufgebaut. Und das waren dann die Indo-Europäer in Kleinasien und diejenigen, die nach Nordwest-Indien eingewandert sind. Genauso im Nahem Osten wurde das bald aufgegriffen. Und dann waren die Ägypter in der Lage, Krieg zu führen mit den Hethitern. Das waren ja Großmächte. Bei der Schlacht von Kadesch 1274 vor unserer Zeitrechnung, da müssen zwischen vier- und fünftausend Streitwagen im Einsatz gewesen sein. Also richtig eine Armada, die dann bei Kämpfen direkt aufeinandergetroffen sind. Das war also die erste große Schlacht. SPRECHER Der frühe Rüstungswahn auf Rädern nahm dann teils skurrile Züge an. So wurde das legendäre Trojanische Pferd mit verborgenen Kämpfern in seinem Bauch auf Rädern in die jahrelang belagerte Stadt gerollt und besiegelte den Untergang Trojas. Ebenso sollten in den antiken Kriegen riesige Rammböcke auf Rädern Stadttore brechen. Und gigantische bis zu 40 Meter hohe Belagerungstürme auf Rädern halfen Angreifern städtische Schutzmauern zu überwinden. Das Rad war zum unverzichtbaren Werkzeug der Kriegsführung geworden. Um seine Nutzung rankten sich Heldengeschichten und Mythen. Musik 9 "Titel 07" - Komponist: Ernst Reijseger - Album: Gazing point - Länge: 0'12 SPRECHERIN Die immense mythische und sakrale Bedeutung des Wagens drückte sich auch darin aus, dass das Gefährt – vom griechischen Gott Dyonisos an den Himmel gehoben – zum Sternbild wurde. Musik 9 "Shabaka" - Album: Music of Ancient Egypt - Komponist: Michael Atherton - Länge: 0'38 SPRECHERIN Die Faszination des drehenden Runds aber reichte noch weiter zurück. In der chinesischen Tradition gab es die Vorstellung des Weltenrads schon lange bevor im Reich der Mitte Wägen fuhren. In Europas Norden entstand 1.400 vor Christus der ‚Sonnenwagen von Trundholm‘ – einer bronzenen Scheibe, die von zwei Pferden über den Himmel gezogen wurde. So wurde das Rätsel des leuchtenden Sonnen-Sterns erklärt, der täglich über das Fundament zog. Bei den alten Griechen war Helios als Sonnengott der Wagenlenker. Auch andere Weltreligionen kannten das Bild seit Urzeiten, berichtet die Prähistorikerin Carola Metzner-Nebelsick von der Universität München … (LMU) ZUSPIELUNG Wort 8 (Carola Metzner-Nebelsick) Also ich denke da an den vedischen Hinduismus, das Epos des Rigveda. Dort wissen wir beispielsweise, dass die Sonne durch den Gott Suriya symbolisiert wurde, und der wird auf einem Streitwagen fahrend, von mehreren Pferden gezogen, visualisiert. Auch der griechische Gott Helios, der Sonnen-Gott fährt mit einem von 4 Pferden gezogenen Wagen über das Firmament. Rad-Symbole sind gleichermaßen auch religiöse Symbole, das geht so ein bisschen einher auch mit der Symbolik der Sonne, die man zumindest hier in Mitteleuropa durch Räder symbolisiert begreift. Musik 10 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'33 SPRECHERIN Es ist ein komplexes Gebilde aus Gedanken, Geschichten und Objekten, dass sich seit vielleicht siebentausend Jahren um das Rad und den Wagen rankt. Kaum eine andere Erfindung in der Geschichte der Menschheit hat eine so lange Geschichte fortlaufender Innovationen und Folgen. Denn aus dem Rad entstand über die Zeiten nicht nur eine Millionen Kilometer umfassende Infrastruktur aus Straßen und Gleisen, sondern auch globaler Verkehr und Handel, Kulturaustausch und globales Reisen. Musik 11 Titel: "Futile Arad Search" - Ausführender: Muslimgauze - Album: Blue Mosque - Komponist: Bryn Jones - Länge: 0'43 SPRECHER Die Erfindung führte auch zu ganzen Zeitaltern, die von rad- und zahnrad-betriebenen Maschinen geprägt waren, zur Energiegewinnung mit Wind- und Wasserrädern, zur Taktung der Zeit über Zahnräder in Uhren. Und ließen – gerade in den letzten hundert Jahren – aus einer urzeitlichen Erfindung eine hoch-industrialisierte Weltgesellschaft entstehen, deren zentrales Merkmal eine nie dagewesene Mobilität ist und bleibt, so der Radforscher, Autorad-Entwickler und Autor Norbert Oberschmidt … ZUSPIELUNG Wort 9 (Norbert Oberschmidt) Alles, was rollbar gemacht werden wollte, hat man rollbar gemacht. Die Bedeutung des Rates ist unbestritten einer der wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, dieses Ziehen und Reiben durch einen Rollen ersetzen zu können? Und dieser Effekt, der ist wohl der markante für das Rad überhaupt: Reibung ist ja immer eine unschöne Sache. Rollen ist eine ‚runde Sache‘. So wie das Rad eben rund ist!
- Die Macht des Wortes - Segen, Fluch und Wortmagie
07.03.2025 · 21 Min.
Die Geschichte der Worte ist eine der Ermächtigung - denn sie kommen von Gott oder den Göttern. In allen Kulturen hat man so von jeher versucht, mit Zaubersprüchen, Flüchen oder Segen, die Welt und das Schicksal zu beeinflussen. Auf dem Glauben, dass bestimmte Wörter magische Kraft besitzen, fußt die Macht des Wortes. Von Frank Halbach (BR 2023) Credits: Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Bürkle, Edith Saldanha, Burchard Dabinnus Technik: Susanne Harasim Redaktion: Susanne Poelchau Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Hut des Zauberers - Vom Magier der Bronzezeit bis zu Gandalf JETZT ANHÖREN Literatur des Mittelalters - Zaubersprüche und Minnesang JETZT ANHÖREN Die Metapher - Vom Umgang mit Sprachbildern JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Svenja Nagel / Rebekka Schirner (Hrsg.): Sprache - Macht - Magie Unter Mitarbeit von Yuki Asano, Christina Globke, Dominik M. Müller und Anno Schreier, Stuttgart 2021. Christian Braun (Hrsg.): Sprache und Geheimnis. Sondersprachforschung im Spannungsfeld zwischen Arkanen und Profanem, Berlin 2012. Wolfgang Ernst: Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter, Köln/Weimar/Wien 2011. Christa M. Haeseli: Magische Performativität. Althochdeutsche Zaubersprüche in ihrem Überlieferungskontext, Würzburg 2011. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
- Die Geschwister Brontë - Viktorianische Bestseller
07.03.2025 · 24 Min.
Im Jahr 1847 erscheinen in Großbritannien drei Romane von drei bisher unbekannten Männern, die Furore machen werden. Nur, wer sind die drei Newcomer, die die Literatur der viktorianischen Zeit auf den Kopf stellen werden? - Bald stellt sich heraus, es sind drei Schwestern, die Geschwister Brontë: Emily, Charlotte und Anne, die alle unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen. Von Martin Trauner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Susanne Schroeder, Marlen Reichert, Christopher Mann Technik: Roland Böhm Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Dr. Katharina Pink – Dozentin für Englische Linguistik LMU München Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Mitte der späten 1850er Jahre in England. Die Schriftstellerin Elisabeth Gaskell reist in die Grafschaft Yorkshire… Sie will nach Haworth… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Beim Anstieg wird die Vegetation ärmer. Nichts gedeiht, alles existiert einfach. Keine Bäume: nur Büsche oder Sträucher…. SPRECHERIN: Elisabeth Gaskell soll eine Biografie über Charlotte Brontë schreiben. Die war wenige Jahre zuvor in Haworth gestorben, hier hatte sie ihr fast ganzes Leben verbracht, in einem kleinen Ort, im Norden Englands. MUSIK stoppt 001 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Elisabeth Gaskell hat ja schon sehr früh ihre Biografie geschrieben, da war die noch keine zehn Jahre tot… SPRECHERIN: Sagt die Anglistin Katharina Pink. Sie hat ein Buch über das Leben der Charlotte Brontë geschrieben. 002 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Und das war sowieso sehr ungewöhnlich, eine Biografie über eine Schriftstellerin zu haben, die ihrerseits von einer Frau und auch einer Schriftstellerin verfasst war, und da wurde schon sehr viel „Imagepflege“ getrieben. Also Gaskell hat schon einiges unterdrückt… MUSIK: „Someone loves us“ SPRECHERIN: Aber wieder zurück in die Mitte des 19.Jahrhunderts, zu Elisabeth Gaskell… In den kargen Norden Englands… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Man kann Haworth schon zwei Meilen sehen, bevor man ankommt. Haworth liegt neben einem wirklich sehr hübschen Hügel… SPRECHERIN: Aber aus den Romanen von Charlotte Brontë und derer beiden Schwestern weiß Gaskell auch: Haworth mag zwar auf den ersten Blick irgendwie hübsch sein, aber; Haworth ist auch irgendwie anders …. MUSIK: „Ice glas“ ZITATOR (Lockwood –sarkastisch) (stark verfremdet – HALL -usw) Das ist wirklich eine wahrlich schöne Gegend, ich glaube, in ganz England gibt es keine Gegend, die weiter vom Lärm der Gesellschaft entfernt ist. Der „wahre Himmel“ für einen Misanthropen … ZITATORIN (Charlotte) Hall usw Da saß ich auf dem niedrigen Bettgestell, die Augen auf’s Fenster gerichtet, durch das nichts anderes zu sehen war, als ein riesiges Moor und ein grauer Kirchturm inmitten des Friedhofs. MUSIK bleibt düster und ATMO: Wind SPRECHERIN: Dass der Ort Haworth ein wenig außergewöhnlich sein mag, das hat Elisabeth Gaskell also gewusst, bevor sie auf ihre Recherchereise ging - Haworth, das bedeutet: wilde, kalte Moore - bedrückend und einsam – und da ist eine Kirche mit Friedhof. Mittendrin das Pfarrhaus von Patrick Brontë. Er ist zu Gaskells Zeit der Pfarrer von Haworth. Und er war der Vater dreier literarisch begabter, oder sogar höchst begabter Töchter… Sie alle lebten in diesem beengten, ärmlichen Pfarrhaus… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Das Haus ist aus grauem Stein, zwei Stockwerke hoch, mit schweren Ziegeln gedeckt, es muss ja den Winden standhalten… MUSIK aus und Atmo (WIND) weiter 003 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Ja. Also dieses Haus, das muss man sich wirklich vorstellen, das steht so ziemlich weit oben an so einem Hügel, der Wind pfiff sommers wie winters um die Ecken, umgeben von einem Friedhof, und wenn man aus dem Fenster schaut, war da ein grauer Kirchturm und sonst nur dieses Hochmoor, was meistens braun war… SPRECHERIN: Sagt Katharina Pink. Sie lehrt an der Münchner Ludwig Maximilians Universität. Und sie gibt Elisabeth Gaskell irgendwie Recht. Haworth war schon einigermaßen außergewöhnlich. 004 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Tatsächlich muss man sagen, dass der Ort, an dem die Brontë Schwester aufgewachsen sind, „Ticks off the box“ sind… MUSIKAKZENT ATMO PARKPLATZ SPRECHERIN: (Schnell drüber und mit dem Werbevideo verschneiden) Heute liegt vor dem Pfarrhaus ein großer Parkplatz - Ein Wallfahrtsort für die Brontë Verehrer und Verehrerinnen, sie kommen hauptsächlich aus dem angelsächsischen Raum hierher. Um ein wenig in das Leben und in die Welt der Geschwister Brontë einzutauchen. Vor allem in das Leben der Charlotte Brontë… 005 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also, Haworth ist ja heutzutage ein Museum. Man hat alles, was man so finden konnte, ausgestellt und kuratiert und aufbewahrt, aber das tragische bei Emily und Anne: Es gibt nichts. SPRECHERIN: Im Museum steht tatsächlich viel Krimskrams aus viktorianischer Zeit. Kleidung, die Charlotte getragen haben könnte. Charlottes Schreibtisch. Charlottes Arbeitszimmer. Charlottes Stift … Aber von Emily und Anne, von ihren jüngeren Schwestern, da gibt’s wenig… ATMO aus MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN: Wer sind sie nun, die berühmten – zumindest berühmt im englischsprachigen Raum – also: wer sind die Geschwister Brontë? Die fast ihr ganzes Leben in der Düsternis und Einsamkeit von Haworth verbracht haben? - Um sich einigermaßen zu Recht zu finden, muss man tatsächlich so etwas wie eine Familienaufstellung machen. – MUSIK aus SPRECHERIN: Also: Da gibt es zunächst einmal die wohl wichtigste Person, den Vater, den Pfarrer von Haworth. Patrick Brontë. 006 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Der ist in der Nähe von Belfast aufgewachsen, als eines von zehn Kindern, wie es in Irland so üblich war … SPRECHERIN: Patrick Brontë kommt am 17. März 1777 in einer armen irischen Bauernfamilie als Erstgeborener zur Welt. Am St. Patricks Day. Dem Gedenktag des irischen Nationalheiligen. Daher wohl sein Vorname. Gefördert vom Dorfpfarrer geht er zum Studieren ins englische Cambridge. Aber zuvor hat er noch schnell mal seinen Nachnamen geändert. Da hat er … 007 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) ..hat er den Namen „Brunty“, der eigentlich mit „Y“ oder „I“ geschrieben war und irischen Ursprungs war, abgewandelt, um seine irischen Wurzel ein wenig zu vertuschen. Und da hat er sich dann für dieses „E“ mit Trema entschieden… SPRECHERIN: „E“ mit Trema heißt, Patrick fügt einen Doppelpunkt über den Schlusslaut seines neuen Nachnamens ein. Ein wenig exzentrisch… 008 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber es ist schon komisch, weil dieses „E“ mit Trema ist ja auch in englischen Sprachraum absolut unüblich und auch im französischen Sprachraum nicht wahnsinnig häufig vorzufinden… SPRECHERIN: Immerhin, damit hat er ein Markenzeichen gesetzt. Mit seinem „E“ mit Trema. Noch heute stolpert man über den Namen „Brontë“ wegen des ungewöhnlichen Schlussvokals. - Jedenfalls, mit seiner Frau Maria, geborene Branwell, bekommt Patrick „Brontë“ sechs Kinder… 009 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Ja, sechs Kinder haben die bekommen, in relativ kurzer Zeit, und von denen sollte Patrick alle überleben. MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN: Auch seine Frau überlebt er. Maria stirbt kurz nach der Geburt der letzten Tochter, vermutlich an Unterleibskrebs, mit 38 Jahren. - Patrick hatte mittlerweile die Stelle im Pfarrhaus im nordenglischen Haworth angetreten. Nun musste er alleine auf seine sechs Kinder aufpassen… MUSIK ENDE SPRECHERIN: Sechs Kinder, das bedeutete für ihn: fünf Töchter, ein Sohn: Maria, Elisabeth, Charlotte, Emily, Anne. Und Branwell. - Maria und Elisabeth, die beiden ältesten Schwestern, starben bereits sehr früh im Alter von zehn und elf Jahren. Blieben noch die anderen vier Kinder: - Zum Beispiel Charlotte, die drittgeborene: 010 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Charlotte ist eher unfreiwillig in die Rolle der ältesten Schwester gerückt. Es waren ja noch zwei Schwestern davor, die auf tragische Weise früh ums Leben gekommen sind … Ich würde sagen, sie war so die strengste, also, sie hat sich das selbst auch stark auferlegt, so diese Rolle der strengen großen Schwester, das Vorbild, viel Selbstbeherrschung, Fleiß und vor allem sehr intellektuell, aber das kann man tatsächlich über alle drei sagen… SPRECHERIN: Über Tochter Charlotte wissen wir heute am meisten. Es gibt etliche Briefe und Aufzeichnungen, vor allem ihr erster Roman kann durchaus autobiografisch gelesen werden. Es ist die Geschichte der Gouvernante „Jane Eyre“, die schon doch sehr der realen Charlotte ähnelt. - Charlotte starb als letzte der Geschwister Brontë. Mit 38 Jahren. - Vermutlich hat sie beim Sichten der Nachlässe der anderen auch darauf geachtet, dass nicht all zu viel Intimes aus ihrer Familie in die Nachwelt überliefert wird… 011 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also es ist doch anzunehmen, dass die sehr viel vernichtet hat… SPRECHERIN: Meint Katharina Pink… 012 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Weil gerade Emily Brontë, die hat ja kein Blatt vor den Mund genommen. Die ist vielleicht die jüngere Schwester von Charlotte gewesen, war vom Naturell her eine wirklich so eigenständige Persönlichkeit in diesem Haushalt. Die hat ihr eigenes Ding gemacht, ihren eigenen Kopf gehabt. MUSIK: „You’ll be Queen for one day “ SPRECHERIN: Emily Brontës Werk ist schmal, aber beeindruckend. Ein paar Gedichte und ein Roman: „Wuthering Heights“. Eine Liebesgeschichte im Hochmoor. Deutscher Titel: „Sturmhöhe“. - Emily stirbt mit 30 Jahren. – Musik aus SPRECHERIN: Und dann gibt es noch eine Schwester, die jüngste. Anne. Auch von ihr sind einige Gedichte überliefert und zwei Romane. – Sie stirbt bereits mit 29 Jahren. – 013 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Bei Anne darf man vermuten … also: Charlotte hatte eine sehr herablassende Haltung gegenüber Anne, die war ja so das Nesthäkchen der Familie und sie wurde von Charlotte chronisch nicht ernst genommen als Autorin (…) also die hat auch noch was geschrieben, die darf auch mitmachen… (Und da ist leider auch davon auszugehen, dass einige Sachen nicht der Zensur anheim gefallen sind, sondern die waren einfach zu trivial in Charlottes Augen. Also: Das kann man vermuten, aber ach das sind natürlich Spekulationen…) MUSIK: „You’ll be Queen for one day “ SPRECHERIN: Fehlt noch der vierte im Bunde, der Bruder. Ja, irgendwie gehört auch er dazu. Freilich: als Schriftsteller war er nicht sonderlich erfolgreich... Der Bruder wird, obwohl er eigentlich wie der Vater „Patrick“ heißt, von allen „Branwell“ genannt. 014 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Patrick Branwell war der einzige Sohn in der Familie. Und er war so der Hoffnungsträger. Von dem hat man sich erhofft, dass er die „steile“ Karriere des Vaters fortsetzt… SPRECHERIN: Der Vater verhätschelt den Sohn. Auf ihn setzt er alles. Und weil Pfarrer Brontë immer schon selbst künstlerische Ambitionen hegte, sollte Branwell in diese großen Fußstapfen treten… 015 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Wenn sich Patrick oder Branwell, wie er hieß in der Familie, eingebildet hat, er wird jetzt Maler, dann wurde auch sämtliches Erspartes mobilisiert, um ihn an der Royal Academy anzumelden. Aber auch das hat natürlich wieder nicht geklappt. Dann wollte er Schriftsteller werden, dafür hat’s dann leider auch nicht gereicht. – Aber das wurde immer unterstützt, und in die Töchter wurde nicht so sehr investiert. Da wurde gerade genug investiert, dass sie hoffentlich eines Tages auf eigenen Beinen stehen können, finanziell. Weil in Sachen Erbe oder Familienunterstützung nicht so viel zu erwarten war… SPRECHERIN: Branwell bricht mit 31 Jahren vor der Tür des Pfarrhauses in Haworth zusammen und stirbt. Todesursache war wahrscheinlich sein heftiger Alkohol- und Drogenkonsum. Also Whiskey und Opium. ATMO „Haworth“ und MUSIK: „We were right “ ZITATORIN (Emily Brontë: High weaving heather) Hochwogendes Heidekraut unter Sturmböen gebeugt. Mitternacht und das Licht des Mondes und der helle Sternenhimmel Dunkelheit und Ruhm verschmelzen im Jubel Die Erde strebt zum Himmel und der Himmel steigt herab… SPRECHERIN: Ein späteres Gedicht von Emily Brontë, „High weaving heather“. Sie konnte in der rauen Umgebung von Haworth eine Spur von Poesie entdecken 016 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Die war vielleicht auch die einzige, die in Haworth, in Yorkshire, was ja eine kalte, karge Landschaft war, wirklich glücklich und beheimatet war… SPRECHERIN: Wie gesagt, die Mutter starb bereits sehr früh, da war Emily gerade zwei Jahre alt. - Aber wie sah nun der harte Alltag in Haworth für die Geschwister Brontë aus? - Nun. Pfarrer Patrick, sehr puritanisch geprägt, legte viel Wert auf Bildung. Vor allem natürlich auf Religion, aber auch auf Philosophie und Politik. Am Morgen las er den Kindern aus der Zeitung vor. Dann ging er in sein Arbeitszimmer. Ansonsten blieben die Kinder sich selbst überlassen. 017 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Es gab keinen Familienkreis in dem Sinne. Deswegen war der Bund unter den Geschwistern so stark… SPRECHERIN: Eine Schule besuchten die Schwestern zunächst nicht. Um Sohn Branwell kümmerte sich der Vater, der sollte ja etwas Besonderes werden. Die Mädchen wurden von der Tante unterrichtet. 018 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Der Erfahrungsraum von den drei Schwestern war wirklich sehr, sehr, sehr begrenzt. Auch wenn man so eine Biografie über die schreibt, dann schreibt man halt wahrscheinlich: Ja, die nächsten fünf Jahre waren sie zu Hause. Ja: Sie waren zu Hause! (…) SPRECHERIN Zu Hause in Haworth. - Ein ebenbürtiger, gesellschaftlicher Austausch fand nicht statt oder besser gesagt, konnte gar nicht stattfinden. Denn in Haworth dürfte eine Pfarrersfamilie zu den gebildetsten gehört haben. Und in die nächste große Stadt, obwohl nur wenige Meilen entfernt, konnte man nicht fahren. Der Weg dahin: zu beschwerlich. Also: 019 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Das heißt: man war immer Zuhause, man hat viel gelesen, deswegen hatte man rein intellektuell einen sehr großen Wissenshorizont, aber der tatsächliche Erfahrungshorizont, wo es dann um Gefühle ging und Emotion – da war nicht viel los … MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Im Laufe des Jahres 1824, Charlotte war acht, Emily sechs Jahre alt, gab Pfarrer Patrick seinen Töchtern doch die Möglichkeit, etwas anderes als das Pfarrhaus und die umliegenden Moore zu sehen. Er brachte seine vier ältesten Töchter – damals lebten die beiden großen Schwestern Elisabeth und Maria noch – in einem Mädcheninternat unter. Der Vorteil: Die „Töchterschule“ war günstig, Pfarrer Brontë konnte sich das Schulgeld leisten und: seine Kinder sollten eine Ausbildung erhalten: als künftige Gouvernanten oder als gute Ehefrauen. Nachteil der Schule: diese Zeit muss für die Schwestern traumatisch gewesen sein. Unbeheizte Räume, karges Essen, aber vor allem viel Beten, viel Frömmigkeit und strengste Disziplin. – Die beiden großen Töchter werden schon einige Monate später wieder nach Hause geschickt. Zu kränklich seien sie für den Schulbesuch. - Die beiden sterben kurz nach der Heimkehr im Elternhaus in Haworth. Pfarrer Brontë holt darauf Charlotte und Emily wieder zu sich ins Pfarrhaus. MUSIK: „Aurora borealis“ ZITATORIN (Charlotte Brontë) Branwell kam mit einer Schachtel Holzsoldaten in unser Zimmer. Emily und ich hüpften aus dem Bett und ich schnappte mir einen der Soldaten und rief: Das ist der Herzog von Wellington! SPRECHERIN Charlotte erinnert sich. Damals muss sie um die 10 Jahre alt gewesen sein. Die vier verbliebenen Geschwister verbrachten nach den bedrückenden Erlebnissen im Internat wieder viel Zeit miteinander. – Die Holzsoldaten hatte Branwell vom Vater geschenkt bekommen. Und mit Hilfe dieser zwölf Figuren entwickelten die Kinder seltsame Spiele… ZITATORIN (Charlotte Brontë) Alle unsere Spiele waren sehr eigenartig. Ich denke, darüber brauche ich nichts zu schreiben. Ich werde sie nie vergessen! SPRECHERIN Was man heute weiß: Die Kinder Brontë erfinden Phantasiewelten, etwa Gondal und Angria. Und für ihr „Spiele“ schreiben sie Texte: Gedichte oder kleine Stücke; oder sie malen Bilder. Sie erschaffen sich eine parallele Phanasiewelt zu der realen Welt in Haworth… 020 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also das war eher so ein eskapistisches Schreiben, mit dem sich die Kinder auch unterhalten haben gegenseitig. Denn sie hatten ja keinerlei Spielzeug oder Spielkameraden. MUSIK aus ZITATORIN (Charlotte Brontë) Eines Tages stieß ich zufällig auf eine Menge von Manuskripten in der Handschrift meiner Schwester Emily 021 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (Es war so): Charlotte hat zufällig gemerkt, dass Emily Gedichte schreibt. Die hat einfach Manuskripte oder Zettel herumfliegen sehen und die gelesen. Wobei Emily erst fürchtend wütend war, weil das impertinent war, so was zu lesen… MUSIK: „Aurora borealis“ SPRECHERIN Natürlich wusste Charlotte, dass ihre kleine Schwester – die übrigens zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre alt war - sie wusste, dass Emily Gedichte schrieb, also für die Welten von Gondal und Angria. Aber diese Verse, die sie da gefunden hatte, die waren ganz anders. ZITATORIN (Charlotte Brontë) Nichts von der Art Poesie, wie sie üblicherweise von Frauen verfasst wird. Es war ein besonderer Sound (Klang). Wild, erhebend, irgendwie auch melancholisch… SPRECHERIN Wie gesagt, Emily war nicht angetan von der Entdeckung, ihr Innerstes ging niemanden etwas an, aber … 022 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (…) Aber dann kam man doch ins Gespräch und Anne sagte dann, ja, ich hab ja auch noch was geschrieben, und dann haben sich die Schwestern zusammengesetzt… SPRECHERIN Die Schwestern beschließen, gemeinsam einen Gedichtband zu veröffentlichen. Ihren Bruder Branwell, der ja auch literarische Ambitionen hatte und der auch seinen Teil zu den Phantasiewelten beigesteuert hatte, lassen sie außen vor. Sie stellen einen Gedichtband zusammen und schicken ihn an verschiedene Verlage. Als Autoren nennen sie: Currer, Ellis und Acton Bell. Allesamt männliche Pseudonyme… 023 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Nicht, weil es so war, dass Frauen gar nicht publiziert haben zu der Zeit, das gab es durchaus. SPRECHERIN Sagt die Anglistin Katharina Pink… 024 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber die Themenfelder, derer man sich als Frau annehmen durfte und wo man als kompetent gelten durfte, waren ja dann auch etwas beschränkt. Und man wurde ja auch immer beurteilt im Hinblick dessen, dass das ja eine Frau geschrieben hat. Und davon wollte Charlotte sich frei machen oder wollte einfach ein neutrales Urteil… SPRECHERIN Der Verlag Aylott & Jones in London veröffentlichte 1846 die „Poems“ von „Currer, Ellis und Acton Bell“. – Die Schwestern übernahmen die Druckkosten, um die 30 Pfund, damit das Bändchen mit seinen 165 Seiten überhaupt erscheinen konnte. Und: Verkauft haben sie ganze zwei Exemplare. Aber immerhin: Die Kritiken waren gut. Es waren derer drei. Übrigens: Charlottes Gedichte, also die von Currer Bell, kamen am schlechtesten weg… MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Und jetzt wird’s gewagt und jetzt geht auch sehr schnell: Romane müssen her. Branwell, der Bruder, er hatte schon geunkt, nur der Roman schaffe Erfolg bei der Leserschaft. Er selbst hätte einen schreiben wollen, aber das ging, wie tragischerweise alles bei ihm, allerdings schief. Aber nicht bei den drei Schwestern … 025 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Sie haben sich dann wirklich überlegt, jetzt probieren wir es mit einem Roman. Und vielleicht sogar so mit einem „Tripledecker“ SPRECHERIN Also so in etwa drei Bücher in einem Schuber – 026 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (…) den konnte man aufteilen, und somit konnten mehrere Leute gleichzeitig daran lesen … SPRECHERIN Die Schwestern bieten ihre Romane, natürlich noch unter den männlichen Pseudonymen, etlichen Verlagen an … 027 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also: Emily Brontë eben „Sturmhöhe“, Anne Brontë „Agnes Grey“, das war ihr Gouvernanten-Roman, ihr erster Roman, und Charlotte Brontë „The Professor“ SPRECHERIN Der Verlag nahm die Romane der jüngeren Schwestern, also der vermeintlichen Brüder, an. Nur Charlottes Roman lehnte man ab. Sie musste also nochmals ran. Und Charlotte schrieb ihr bis heute bekanntestes Werk „Jane Eyre“ Und dafür fand sie tatsächlich einen Verlag´. Eine anderen als den der Schwestern. Aber immerhin: ihr Roman wurde schnell veröffentlicht. 028 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) SPRECHERIN Charlottes „Jane Eyre“ wird zu einem viktorianischem Beststeller. Und so zieht der andere Verlag, der die anderen beiden AutorInnen (ja. Hier gern gendern) unter Vertrag hatte, endlich nach. Und veröffentlicht „Sturmhöhe“ und „Agnes Grey“, die Bücher der jüngeren Schwestern, um auch noch Geld mit dem Brontë-Hype zu verdienen. – MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Charlotte, und auch Anne, schreiben in ihren Romanen über die Erfahrungen als Gouvernante. Für diese Form der Literatur gibt es sogar einen Begriff: Der Gouvernantenroman. 029 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Man kann schon sagen, dass sie den maßgeblich mitbegründet haben. Aber in ihrem Falle liegt das daran, dass sie über das geschrieben haben was sie kannten. SPRECHERIN Erst sehr spät hat man verstranden, dass auch Emily nur über das schrieb, was sie kannte, und sogar mochte. Die Moorlandschaften von Hayworth 030 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Das zeigt sich auch im Roman „Sturmhöhe“. Die war da stark verwurzelt, aber eine sehr unkonventionelle Frau, um nicht zu sagen: unweiblich, wenn man das misst an den Maßgaben der viktorianischen Zeit. SPRECHERIN „Sturmhöhe“ gilt als Meisterwerk der Brontë-Schwestern. Der Roman zählt heute wohl zur Weltliteratur. Dabei geht es nur um zwei Anwesen in den Hochmooren von Yorkshire. 031 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber es ist halt eine interessante Liebesgeschichte. Weil es eben auch eine Rachegeschichte ist. Und Liebesgeschichten die mit Rache verwoben werden, sind dann doch immer erfolgreich über die Jahre (…) ATMO düster (Haworth) MUSIK: „Someone loves us“ SPRECHERIN In „Sturmhöhe“ lässt Emily ihrem fiktiven Erzähler das sagen, was sie wohl selbst über Haworth dachte. Die Figur Lockwood steht am Schluss des Romans vor drei Gräbern. Er, oder vielleicht Emily, sie haben ihren Frieden mit diesem seltsamen Ort gemacht… Mit Haworth… ZITATOR (Lockwood): Ich verweilte bei ihnen unter dem gütigen Himmel. Sah die Nachtfalter, die um das Heidekraut und die Glockenblume umherflogen. Lauschte dem im Laub flüsternden und mildem Wind und wunderte mich, wie irgendjemand glauben könnte, die Schläfer an diesem stillen Flecken der Erde könnten nicht in Fried ruhen … MUSIK