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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Jahreszeiten außer Takt? Alles Natur!

17.06.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Starke Regenfälle, milde Winter, heiße Sommer, lange Trockenphasen - das Klima ändert sich und das merkt man auch an der Verschiebung der Jahreszeiten. Iska Schreglmann spricht mit Ismeni Walter, Professorin für Umweltjournalismus an der Hochschule Ansbach über die weitreichenden Folgen für Tiere und Pflanzen. Von Iska Schregmann (BR 2023)

Credits:
Autorin: Iska Schreglmann im Gespräch mit Ismeni Walter
Technik: Peter Riegel
Redaktion: Bernhard Kastner

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Prof. Dr. Ismeni Walter ist Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Im Studiengang Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach ist sie verantwortlich für den Schwerpunkt „Umwelt“. Die Studierenden bekommen bei ihr Einblicke in wichtige Themen wie Biodiversität, Mensch und Umwelt, Klimawandel und Klimapolitik.

Hochschulpage Ismeni Walter:
EXTERNER LINK | https://www.hs-ansbach.de/personen/walter-ismeni/

Mehr Infos zum Bachelorstudiengang Ressortjournalismus:
EXTERNER LINK | https://www.hs-ansbach.de/bachelor/ressortjournalismus/

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  • Dopamin - Botenstoff mit Suchtgefahr

    18.06.2025 · 21 Min.

    Der Botenstoff Dopamin überträgt Signale zwischen Nervenzellen im Gehirn. Er spielt eine zentrale Rolle für unsere Motivation, für das Gefühl der Belohnung und auch beim Lernen. Wie beeinflusst Dopamin unser Verhalten? Können wir ihn gezielt nutzen? Von Maike Brzoska Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Christiane Klenz Es sprach: Katja Amberger Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Professorin Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie Professor Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen und IQ Wisschenschaft und Forschung könnten Sie auch interessieren: Glückshormone - Komplexe Botenstoffe mit viel Wirkung JETZT ENTDECKEN Sucht und Sehnsucht - Unstillbarer Hunger der Seele JETZT ENTDECKEN Süchtig nach Glück - Wie kommt man raus aus der Glücksspiel-Sucht? JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Hormongesteuert - Der Wechseljahre-Podcast mit Dr. Katrin Schaudig Wir alle sind hormongesteuert. Hormone regulieren nicht nur die Sexualität, sondern auch Herzschlag, Blutdruck, Atmung und Schlaf. Aktuell sind neun Millionen Frauen in Deutschland in den Wechseljahren. Und doch ist das Thema Menopause unsexy und schambehaftet. Wohl deshalb wurde bislang darüber am liebsten geschwiegen. Der Podcast bricht dieses Schweigen. JETZT ENTDECKEN Linktipps: Homepage des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein mit Informationen zur Früherkennung von Parkinson und der Möglichkeit zur Teilnahme an Studien der Parkinsonforschung: HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Vermutlich kennen viele diese Situation: 01 ZUSP Atmo (Anschnallen, Autofahrt) Autotür geht zu, Gurt klickt, Tasche auf den Sitz, Auto fährt los SPRECHERIN Man steigt ins Auto, legt die Tasche auf den Beifahrersitz, schnallt sich an, fährt los – und dann das: 02 ZUSP Atmo (Handy piepst) Piep SPRECHERIN Das Handy. Wdh. Atmo 02 Piep MUSIK 2 (Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘31) SPRECHERIN Und sofort geht das Gedanken-Karussell los: Was könnte das sein? Eine SMS? Ein Like auf Facebook? Geldeingang auf dem Konto? Oder gar ein Notfall? Das Handy während der Fahrt aus der Tasche zu kramen, wäre viel zu gefährlich – das ist klar. Und doch ist da jetzt die ganze Zeit dieser Drang, nachzusehen. Könnte ja wichtig sein – was es meistens nicht ist. Trotzdem: Die Neugierde ist groß. 03 ZUSP O-TON (Kiefer) Und die Neugierde wird besonders getrieben, wenn Sie mit Ihrem Handy in der Vergangenheit besonders erfreuliche, positiv überraschende, oder vielleicht auch besonders negative, bedrohliche Nachrichten bekommen haben. Und die wollen Sie natürlich nicht verpassen. SPRECHERIN Sagt Professor Falk Kiefer. Er ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Entscheidend für den Drang, aufs Handy zu schauen, ist das sogenannte Dopamin, ein Botenstoff unseres Gehirns, der in solchen Momenten vermehrt ausgeschüttet wird. MUSIK 3 ( Sine: Geschichten 0‘46) 04 ZUSP O-TON (Kiefer) Dopamin hat die Aufgabe, auf mögliche Belohnungen hinzuweisen, hat also so was wie eine belohnungsankündigende Wirkung. SPRECHERIN Zum Beispiel könnte das Handy-Piepsen eine SMS vom Partner oder der Partnerin ankündigen, über die man sich in der Regel freut. Oder eine Mail von der Chefin, über die man sich vielleicht nicht so freut, aber die man trotzdem nicht verpassen will. Das Dopamin markiert gewissermaßen Situationen oder Dinge als „wichtig“ – und das motiviert uns zu handeln. Zum Beispiel aufs Handy zu schauen, selbst wenn man sich eigentlich aufs Fahren konzentrieren will. Der Botenstoff signalisiert uns: 05 ZUSP O-TON (Kiefer) Das war wichtig und das solltest du beim nächsten Mal nicht verpassen. Das ist die Funktion des Dopamins. Und wenn man das nächste Mal in so eine Situation hineinkommt, dann ist diese Situation durch dieses Dopamin markiert und dann läuft man nicht achtlos an ihr vorbei, sondern hat man im Unterbewussten sozusagen gespeichert, das war relevant und das solltest du wahrnehmen. SPRECHERIN Und das gilt keineswegs nur für Nachrichten auf dem Smartphone. 06 ZUSP O-TON (Kiefer) Sexuelle Aktivität macht eine Dopamin-Ausschüttung, macht eine Aufmerksamkeits-Hinwendung zu der Person, mit der man das gemeinsam erlebt. Aber auch andere Belohnungsreize. Wenn ich von jemandem Geld bekomme, wenn ich von jemand positive Rückmeldung bekomme, wenn ich von jemandem auf Insta oder Facebook eine positive Rückmeldung bekomme, dann macht das alles so ein kleines Belohnungsgefühl und so einen kleinen Dopaminpeak … MUSIK 4 ( Sine: Dreamland 0‘42) SPRECHERIN Also eine vermehrten Dopamin-Ausschüttung – und die fühlt sich richtig gut an, sagt die Professorin Daniela Berg. Sie ist Direktorin der Klinik für Neurologie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 07 ZUSP O-TON (Berg) Es wird damit ein Teil des Gehirns aktiviert, das den Betroffenen das Gefühl vermittelt, mir geht es richtig gut. SPRECHERIN Auch alltägliche Dinge wie Essen oder Trinken sind mit einer Dopamin-Ausschüttung verknüpft, das war, evolutionär betrachtet, äußerst wichtig für unser Überleben. 08 ZUSP O-TON (Kiefer) Wenn Sie ganz weit in die Evolution zurückgehen, sehen Sie, die wichtigsten Informationen sind: Wo kriege ich was zu essen? Wo sind meine Lebensgrundlagen gut? Und wo vermeide ich Negatives, also Gefahren oder Verletzung oder Schmerzen? Also wir müssen aus Gefahren klug werden, aber wir müssen auch aus Belohnung klug werden. Und das passiert im Hintergrund. Und wir richten uns aus in die Richtung, wo wir positive Erfahrungen gemacht haben. MUSIK 5 ( Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘22) SPRECHERIN Auf diese Weise lenkt das Dopamin ein Stück weit auch unsere Aufmerksamkeit. Denn im Prinzip strömen in jedem Moment unzählige Informationen und Reize aus der Umgebung auf uns ein. Irgendwie muss das Gehirn eine Auswahl treffen – was davon ist wichtig und was nicht? 09 ZUSP O-TON (Kiefer) Allein unser visuelles System, unsere Augen, verarbeiten pro Sekunde ungefähr den Inhalt von einer halben DVD an Roh-Datenmaterial, und dazu kommen noch unsere taktilen Reize, das Hören und das Schmecken usw. Und aus dieser Datenmenge muss das Gehirn natürlich die relevantesten Informationen herausfiltern. Und das ist ein wichtiger Teil des Lernens von jedem Organismus, die wichtigen Informationen von den unwichtigen zu unterscheiden. Also wir entwickeln Antennen, im übertragenen Sinne, für die Dinge, die wichtig sind. MUSIK 6 ( The Weather Station: Passage 0‘39) SPRECHERIN Und genau mit diesen Antennen laufen wir heute noch durch den Alltag, zum Beispiel durch die Fußgängerzone. 10 ZUSP O-TON (Kiefer) Wo es Schuhgeschäfte gibt und Süßigkeiten-Geschäfte und Kneipen gibt, dann sind das unterschiedliche Hinweisreize, die ich mit unterschiedlichen Erfahrungen verbinde. SPRECHERIN Wobei jemandem, der in der Vergangenheit gelernt hat: Neue Schuhe machen mich glücklich, vermutlich zuerst das Schuhgeschäft auffällt. Stichwort selektive Wahrnehmung. 11 ZUSP O-TON (Kiefer) Der erste Schritt ist die Wahrnehmung, aber vielleicht habe ich mit allen dreien ja schon positive Erfahrungen gemacht. Ich kaufe gerne Schuhe und ich trinke gerne und ich esse gern Süßes. Und dann geht es aber auch in diesem Dopamin-System darum: Wie stark ist diese Belohnungserwartung? SPRECHERIN Macht es mich glücklicher, neue Schuhe zu kaufen oder ein Bier trinken zu gehen? 12 ZUSP O-TON (Kiefer) Also es geht nicht nur um Markierung „ja“ oder „nein“, sondern um ein bisschen Markierung, um ein bisschen mehr Markierung und um ganz starke Markierung. Also meine Motivation, in die Kneipe zu gehen ist vielleicht größer als die ins Schuhgeschäft zu gehen. MUSIK 7 (The Weather Station: Passage 0‘37) SPRECHERIN Wir sind zwar keine Marionetten, die – am Dopamin-Faden hängend –automatisch in die Kneipe oder in das Schuhgeschäft gezogen werden. Aber die Motivation, der Drang kann schon sehr stark sein. Der Übergang in eine Sucht ist fließend, auch wenn bei einer Suchterkrankung immer auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Doch das Dopamin-System ist schon sehr wichtig bei der Entstehung von Suchterkrankungen. 13 ZUSP O-TON (Kiefer) Wenn ich in eine Kneipe gehe und jedes Mal Alkohol trinke, dann wird diese Kneipe mit einem Daumen hoch mit einem Dopamin-Peak markiert. Und das führt dazu, dass diese Kneipe mit Belohnungs-Erwartungen aufgeladen wird und ich immer mehr Motivation habe, mich in diese Richtung zu bewegen. Und dadurch ist das ein ganz zentraler Mechanismus, der dazu führt, dass mit jedem Konsum die Motivation, in diese Situation hineinzugehen und wieder zu konsumieren, steigt. SPRECHERIN Wobei pharmakologische Substanzen wie Alkohol, Cannabis, Opiate oder Amphetamine im Vergleich etwa zum Schuhe kaufen noch eine Besonderheit haben: Sie stimulieren das Dopamin-System, auch wenn mir der Rausch gar nicht gefällt oder wenn mir davon speiübel wird. 14 ZUSP O-TON (Kiefer) Das heißt, sie machen eine pharmakologisch erzwungene Markierung in dem Belohnungssystem, also erzwingen einen Daumenhoch. SPRECHERIN Anders als etwa ein Nahrungsmittel, das bei mir Bauchschmerzen verursacht – das werde ich in Zukunft tunlichst meiden. Im Gegensatz dazu führen pharmakologisch wirksame Suchtmittel auf jeden Fall zu einer Dopamin-Markierung – egal, ob mir der Rausch nun guttut oder nicht. 15 ZUSP O-TON (Kiefer) Von daher ist es so, dass selbst Menschen, denen übel wird irgendwann von Alkohol oder die merken, die Opiate tun überhaupt nicht mehr gut, die haben trotzdem den Drang, das wieder einzunehmen, weil einfach die selektive Aufmerksamkeit und die Belohnungserwartung von dieser bewussten Einschätzung weitgehend unabhängig ist. MUSIK 8 ( Yost x Chiras: Inside The Mind 0’46) SPRECHERIN Es zieht einen in die nächste Kneipe – und es ist äußerst schwierig, dem Drang zu widerstehen. 16 ZUSP O-TON (Kiefer) Das ist ein Teil dieses Drangs, der bei Drogenabhängigkeit eine große Rolle spielt. Sie gehen durch eine Welt, in der sie das Schuhgeschäft und die Süßigkeiten gar nicht mehr wahrnehmen, weil diese Belohnungserwartung auf die Kneipe und auf die Trinksituation so übermächtig geworden ist, dass auch das Wissen, hinterher ist mir wieder schlecht und am nächsten Tag geht es mir übel, gar keine Rolle mehr spielt in der Situation, sondern sie sind so fokussiert und diese Erwartung ist so groß, dass es extrem schwerfällt, dem zu widerstehen. SPRECHERIN Das Wissen um die Rolle von Dopamin bei Suchterkrankungen, macht man sich inzwischen auch bei der Therapie von Suchterkrankungen zunutze. Zum Beispiel arbeiten Forschende daran, mithilfe von Medikamenten die Dopamin-Ausschüttung, etwa nach Alkoholkonsum, ganz gezielt zu unterdrücken. Das ist sehr schwierig und erfordert viel Feintuning, um nicht das ganze Dopamin-System aus dem Takt zu bringen, aber es gibt erste Erfolge. 17 ZUSP O-TON (Kiefer) Und tatsächlich zeigen auch Daten, dass das ein Mechanismus ist, der Trinkmengen-Reduktion und Abstinenz unterstützen kann. SPRECHERIN Eine andere Möglichkeit ist, umzulernen. 18 ZUSP O-TON (Kiefer) Wir haben einen Raum in unserer Klinik, der aussieht wie eine Kneipe. Und in denen präsentieren wir unseren Patientinnen und Patienten ihr Lieblingsgetränk und sie können sich das einschenken. Sie können sich das angucken, sie können daran riechen. Und das stimuliert natürlich unheimlich dieses Belohnungssystem. Und wenn Sie es dann aber nicht konsumieren, sondern abwarten, bis dieser Drang und dieses Belohnungsvorhersage-Gefühl wieder runtergeht, dann kann dieses System umlernen. Dann haben Sie nämlich den Hinweisreiz gesehen. Sie haben aber nicht konsumiert und vereinfacht gesagt, war das eine falsche Belohnungsvorhersage im Gehirn und die wird langsam sukzessive dann runter korrigiert und wird mit der Zeit immer geringer. SPRECHERIN Man übt sich gewissermaßen in Abstinenz und mit der Zeit nimmt der Dopamin-vermittelte Drang, Alkohol zu trinken, ab. MUSIK 9 (Sine: Dreamland 0‘41) Das gilt auch für andere Situationen, wo es nicht um Sucht im engeren Sinne geht. Sondern um die kleinen Dopamin-Kicks im Alltag: schnelle Zigarette in der Mittagspause oder kurz mal checken, ob mein Beitrag auf Facebook oder Instagram geliked wurde. Solchen Dingen eine Weile zu entsagen, ist gerade ziemlich angesagt in den sozialen Medien – auch wenn das erst mal paradox klingt, wenn bei Instagram die Insta-Abstinenz gefeiert wird. Aber tatsächlich gibt es einen Hype um das sogenannte Dopamin-Detox. 19 ZUSP O-TON (Berg) Dopamin-Detox bedeutet, dass man ganz bewusst auf Aktivitäten verzichtet, die eine starke Ausschüttung von Dopamin, also diesem Belohnungshormon, sozusagen, verursacht. Das heißt, das Ziel ist, dass man so eine Art Reset vom Gehirn macht, damit man wieder wesentliche Motivation für die alltäglichen Aufgaben bekommt und nicht ständig überstimuliert ist. Und das versucht man so, dass man bestimmte Dinge versucht zu meiden, zum Beispiel zu viel Social Media und Internetkonsum, Videospiele, aber auch ernährungsbedingt, zum Beispiel Junk-Food, zu viele Süßigkeiten, ständiger Konsum von Musik und Podcast, exzessives Handy nutzen. Also all diese Dinge, womit man einfach sich überall stimuliert und das Gehirn an schnelle Belohnungen gewöhnt. SPRECHERIN Wobei der Begriff „Detox“, also Entgiftung, eigentlich unpassend ist. 20 ZUSP O-TON (Berg) Der Begriff ist eher irreführend, denn man kann und will ja eigentlich auch gar nicht das Dopamin aus dem Körper spülen. Es ist ja kein Detox in dem Sinne. Aber was ganz wichtig für die Betroffenen ist: Man lernt, mit dieser eigenen Abhängigkeit umzugehen. Das heißt, diese Reizüberflutung, die zu meiden, diese bewusst zu reduzieren, um wieder wirklich auch eine tiefe Freude und eine tiefe Befriedigung an Dingen zu bekommen, die das Leben ausgeglichen und schön machen. Und das sind sehr, sehr positive Effekte und das erleben viele Menschen und deshalb ist das durchaus zu befürworten. MUSIK 10 ( Yost x Chiras: These Lonely Winds 1’02) SPRECHERIN Der Neurotransmitter Dopamin spielt aber längst nicht nur beim Belohnungslernen und der Entstehung von Suchterkrankungen eine wichtige Rolle. Vielmehr hat der Botenstoff sehr viele verschiedene Aufgaben, ähnlich wie auch andere Botenstoffe. 21 ZUSP O-TON (Kiefer) Die Evolution hat eben nicht unendlich viele Neurotransmitter, Botenstoffe unserem Gehirn zur Verfügung gestellt. Also wir kennen Glutamat oder Serotonin oder Dopamin, aber letzten Endes sind es gar nicht mehr als zwei Handvoll wichtiger Neurotransmitter, die unser Verhalten, unsere Kognition und unsere Emotionen regulieren. Und wir wissen, haben sehr viele unterschiedliche Hunderttausende, Millionen von möglichen Kognitionen, Emotionen, Dingen, die im Gehirn passieren. Und dafür ist eben eine sehr feine Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Neurotransmittern, aber auch zwischen dem, was sie tun an unterschiedlichen Rezeptoren in unterschiedlichen Regionen, in unterschiedlichen Schaltkreisen. SPRECHERIN Eine sehr feine Abstimmung im Gehirn ist auch für unsere gesamte Motorik wichtig, und dabei übernimmt der Neurotransmitter Dopamin ebenfalls eine wichtige Rolle. 22 ZUSP O-TON (Berg) Vor allem für die unwillkürliche Motorik, zum Beispiel schlucken. Und schlussendlich kommt es auch in unserem vegetativen Nervensystem vor. Das heißt, es reguliert zum Beispiel die Durchblutung von Organen. SPRECHERIN Insgesamt betrachtet übernimmt Dopamin also eine Fülle von Aufgaben und ist an vielen Funktionen beteiligt. Das ist auch der Grund, warum eine Fehlregulation des Dopamins sehr verschiedene Erkrankungen zur Folge haben kann. 23 ZUSP O-TON (Kiefer) Dopamin spielt eine große Rolle bei Parkinson-Erkrankungen zum Beispiel. Und bei Psychosen spielt es eine große Rolle. Bei Hormonstörungen spielt es eine große Rolle. Und all diese Dinge sind ganz unterschiedliche Krankheitsbilder mit unterschiedlichen Dopamin-Funktionen. SPRECHERIN Auch die Aufmerksamkeitsstörung ADHS, bipolare Störungen und chronische Erschöpfungszustände werden mit Fehlregulationen des Dopamin-Systems in Verbindung gebracht. Wobei manche Erkrankungen mit einem Dopamin-Überschuss einhergehen und andere mit einem Dopamin-Mangel, Parkinson beispielsweise. 24 ZUSP O-TON (Berg) Das ist eine Erkrankung, die nennen wir neurodegenerativ, das heißt Neurone, Nervenzellen gehen zugrunde. Und das sind insbesondere diese Dopamin-produzierenden Zellen im Mittelhirn. Und daraus resultiert ein Dopamin-Mangel, das heißt die Regel-Kreisläufe, die Signalübertragung, die läuft nicht mehr richtig. Und deswegen kommt es zu diesen Parkinson-typischen Symptomen, die insbesondere die Bewegung, also die Motorik betreffen, die unwillkürliche Motorik. Und das ist dann eine Verlangsamung, eine Steifigkeit und auch dieses ganz typische Ruhezittern. Aber – und das ist ganz wichtig – es gibt auch nichtmotorische Symptome. Zum Beispiel gedrückte Stimmung bis hin zu Depression oder auch eine Verlangsamung des Denkens. MUSIK 11 ( Andreas Franzmann: Complexity 0’54) SPRECHERIN Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an Parkinson zu erkranken. Wobei es eine genetische Veranlagung gibt – manche Menschen haben also ein größeres Risiko als andere. Aber auch Lebensstil oder Umweltgifte wie Pestizide spielen eine Rolle. Daniela Berg leitet eine Forschungsgruppe zur Früherkennung von Parkinson, behandelt also regelmäßig Betroffene. Die ersten Symptome ähneln sich oft, berichtet sie. 25 ZUSP O-TON (Berg) Wenn die Betroffenen gehen, dann bewegt sich der eine Arm normal mit, der andere aber nicht. Der hängt praktisch nur so runter oder bewegt sich zumindest weniger mit. SPRECHERIN Dass ein Arm nicht mitschwingt, bemerken die Betroffenen selbst oft gar nicht, es sind eher die Angehörigen, die sagen, du gehst irgendwie komisch. Da stimmt was nicht. Für die genaue Diagnose machen Ärztinnen und Ärzte dann weitere Untersuchungen. Zum Beispiel die sogenannte Spect-Untersuchung. 26 ZUSP O-TON (Berg) Das steht für Single-Photon-Emission-Computertomographie. Und das funktioniert so, dass man radioaktiv markiertes Dopamin den Betroffenen spritzt. Und das bindet dann an sogenannte Rezeptoren, die auf den Ausläufern von den Dopamin-Zellen sind. Und wenn diese Dopamin-produzierenden Zellen zugrunde gehen, dann kann das radioaktiv markierte Dopamin nicht mehr an diese Rezeptoren binden und dann leuchten die Regionen weniger stark auf. Und das kann man tatsächlich messen. MUSIK 12 ( Sine: Endstation 1‘53) SPRECHERIN Die Diagnose ist für Betroffene oft lebensverändernd, denn die Krankheit ist chronisch, es gibt keine Aussicht auf Heilung. Man kann das Fortschreiten nur verlangsamen. 27 ZUSP O-TON (Berg) Stoppen können wir die Erkrankung leider noch nicht. Was wir versuchen – das ist ein großer Forschungsschwerpunkt mehrerer Gruppen, arbeiten wir selber auch sehr intensiv dran –, die Krankheit so früh wie möglich zu erkennen, um die Betroffenen so gut wie möglich über die Symptome, die auftreten, einstellen zu können. SPRECHERIN Das macht man mithilfe von Medikamenten, die das fehlende Dopamin ersetzen. Daneben können Patientinnen und Patienten aber auch selbst einiges tun, auch darüber spricht Daniela Berg mit ihnen. 28 ZUSP O-TON (Berg) Alles, was sich positiv auf Nervenzellen, auf die Dopamin-produzierenden Zellen auswirken kann, und die Betroffenen darüber auch zu unterrichten, was da machbar ist. SPRECHERIN Dazu gehört vor allem: Bewegung. 29 ZUSP O-TON (Berg) Was wir wissen ist, dass zum Beispiel körperliche Aktivität ausgesprochen gut fürs Gehirn ist. Wir wissen, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko für Parkinson um die Hälfte reduzieren kann. SPRECHERIN Auch die Ernährung kann positiven Einfluss auf den weiteren Verlauf der Erkrankung nehmen. Das gilt nicht nur für Parkinson, sondern für viele Krankheiten. Ein Grund mehr, seine täglichen Gewohnheiten, seinen regelmäßigen Konsum hin und wieder zu überdenken. Und vielleicht kommt man dabei zu dem Ergebnis, dass es Zeit ist, dem Burger, dem Social-Media-Account oder dem Alkohol eine Weile zu entsagen – nicht, weil diese Dinge Parkinson auslösen würden, das wäre viel zu verkürzt gedacht. Aber sich im Alltag ständig den kleinen Dopamin-Kicks hinzugeben, kann einen davon abhalten, das zu tun, was wirklich sinnvoll ist. 30 ZUSP O-TON (Berg) Diese Aktivierung des schnellen Belohnungssystems ist ja auch etwas, was unser Gehirn in einer ständigen Anspannung sozusagen hält, also dieses ganz normale, sinnvolle, gute Regulieren des Dopamin-Systems verhindert. Und damit auch verhindert, Dinge zu tun, die dem Gehirn guttun, zum Beispiel regelmäßige körperliche Aktivität oder eben auch, wenn jetzt das schnelle Belohnungssystem durch eine nicht gute Ernährungsgewohnheit beeinflusst wird – eben viel Junk-Food, viele Süßigkeiten –, dann ist es etwas, was auf einer ganz anderen Ebene, dem Gehirn nicht guttut. MUSIK 13 ( Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘26) SPRECHERIN Und auch das Handy vielleicht einfach mal ausmachen. 31 ZUSP Atmo (Handy aus) Düdüd. SPRECHERIN Und dann kann man auch in Ruhe Auto fahren.

  • WirTier - Ein Podcast über die Begegnung von Mensch und Tier

    17.06.2025 · 3 Min.

    Zu Gast bei Radiowissen: Jeden Dienstag neu. WirTier erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und ihr Wissen über Tiere. Sechs Folgen - ab dem 13. Mai.

  • Verhandeln - Rhetorik, Macht und Nervenkrieg

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    Gut verhandelt? Die Frage entscheidet über den persönlichen Kontostand und über die Aussichten einer Nation. Denn verhandelt wird über alles und überall: in Juristerei, Wirtschaft, Politik, auf Flohmärkten und Jobbörsen. Wie gelingt die Verhandlung und wie ändert sich historisch ihr Handwerkszeug? Von Marie Schoeß (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Marie Schoeß Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Matthieu Belohradsky Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Roman Trötschel, Professor für Sozial- und Politische Psychologie an der Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität Lüneburg Simon Wolf, nach Studium und Promotion in der Rhetorik arbeitet er als Rhetorik-Coach Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Verhandeln ist mehr als Kopfarbeit: Treten zwei Menschen einander gegenüber – bereit zum Verhandeln –, beginnt ein diffiziles Spiel, das den ganzen Menschen beansprucht. Alles ist jetzt gefragt. Augen, Arme, Mundwinkel, Herz, Puls, Kopf und Zunge: Jeder Nerv, jede Zelle muss mitspielen, alles muss eingestimmt sein auf das, was jetzt folgt. Höchstspannung – sichtbar gerade in den Momenten des Scheiterns. Wenn die Spannung plötzlich abfällt. Im November 2017 zum Beispiel. SPRECHER Erinnern Sie sich noch? Deutschland sucht gerade eine neue Regierung, die Sondierungsverhandlungen sind dieses Mal aber deutlich kniffliger als gewohnt. Union, Grüne und FDP wollen es miteinander versuchen und so – in dieser Kombination, auf Landesebene – haben die Beteiligten noch nie zusammengefunden. Ihre Programme liegen in zentralen Fragen auch weit auseinander. Für sie alle – schwarz, grün, gelb – steht also einiges auf dem Spiel. Lassen sich genügend der eigenen Ziele durchsetzen? Gelingt es – allen – das Gesicht zu wahren, weil alle Zugeständnisse in den Fragen machen, die für die jeweils anderen zentral sind? Können so auch lauter faule Kompromisse verhindert werden? All das ist offen, als die FDP plötzlich vor die Presse tritt. Christian Lindner hat seine Parteikolleginnen und Kollegen im Rücken, eine fast schon versteinerte Miene haben sie, als ihr Parteivorsitzender verkündet: Besser nicht regieren, als falsch regieren. Musik: Prayer wheel (red.) 0‘20 SPRECHERIN Mit diesem Statement gehen die Verhandlungen erfolglos zu Ende, und den anderen – Verhandlern auf Seiten der Union, der Grünen – stehen die Fragen ins Gesicht geschrieben: Was ist da schiefgelaufen? Was kann man daraus lernen? 01 ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Es geht in Verhandlungen sehr stark um Reputation, Aufbau von Vertrauen und den Aufbau von Beziehungen, weil ich langfristig davon Vorteile ziehen werde. Und wenn ich fragwürdig kurzfristige Erfolge erziele, indem ich die Gegenseite über den Tisch ziehe, Interessenskonflikte vortäusche oder was auch immer, hat das zwar kurzfristig Erfolg, aber langfristig wird mir das auf die Beine fallen. Es dauert 20 Jahre, mir eine Reputation aufzubauen, aber ich kann sie in fünf Minuten zerstören. SPRECHERIN Roman Trötschel ist Experte in Sachen Verhandlungen, er lehrt als Professor für Sozial- und Politische Psychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Versucht zu verstehen, unter welchen Umständen Verhandlungen glücken und was sie scheitern lässt. Vertrauen, weiß er, ist ein zentraler Punkt für jede Verhandlung. Musik: Precision on demand 0‘36 SPRECHER Und der Herbst 2017 bildet da keine Ausnahme. Mehr als ein Mal dringen Informationen nach draußen. Irgendwer spielt sie an die Presse, offenbart sie der Öffentlichkeit – sicher auch, weil es in diesem Moment der eigenen Strategie dient. Vertrauen baut man so aber nicht auf. Auch das plötzliche Wechseln von Strategien und Positionen ist nicht gerade vertrauensbildend. Der Streit um den Familiennachzug ist ein Beispiel dafür. Ein Knackpunkt, die Verhandler beißen sich an dieser Frage fest – insofern wäre ein vertrauensvoller Umgang gerade jetzt wichtig. Das Gegenteil aber passiert: Jürgen Trittin, lange unter den diskretesten Verhandlern, kritisiert die FDP öffentlich dafür, plötzlich einen Schulterschluss mit der CSU zu suchen, heißt: Plötzlich auch darauf zu pochen, den Familiennachzug weiter auszusetzen, was für die Grünen bekanntermaßen ein rotes Tuch ist. Das Interview: zerstört Vertrauen. Der plötzlich gesuchte Schulterschluss, der dem Interview vorausging, ebenfalls. SPRECHERIN Das Ende der Verhandlungen, der nicht abgesprochene Abbruch, war letztlich Ausdruck des Vertrauens-Problems innerhalb der Verhandlungen. Die Sondierungsverhandlungen sind aber nur ein Beispiel: Gescheiterte Verhandlungen gehören zum politischen Alltag. Und auch für Vertrauensverluste findet man etliche Beispiele. 2018 etwa, ein anderes Scheitern. Auch das vor aller Augen. Musik: Facts&data 0‘42 SPRECHER Donald Trump verlässt den G7-Gipfel vor dem eigentlichen Ende. Erinnern Sie sich noch? An diesen Aufbruch, der nichts ist als: Symbolpolitik, ein Signal, wie groß der US-amerikanische Präsident die eigene Verhandlungsmacht einschätzt, wie gering die seiner Partner? Trump müsste hier nicht weg, der Anschluss-Termin mit dem nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong Un ließe ihm Zeit, aber er verlässt die Verhandlungspartner frühzeitig, fliegt – und twittert: Er werde die US-Unterhändler anweisen, „die Abschlusserklärung nicht zu unterstützen“. Gerade hatte man sich auf einen Kompromiss geeinigt – ein großer Wurf war der ohnehin nicht, die großen Streitfragen waren ausgeklammert worden – aber jetzt auch noch das: Das öffentliche, nicht abgesprochene Aufkündigen des Kompromisses. 02 – ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Es dauert 20 Jahre, mir eine Reputation aufzubauen. Aber ich kann sie in 5 Minuten zerstören. SPRECHERIN Verhandeln kann Nervenkrieg sein, das beweisen diese Beispiele – aber sie suggerieren gleichzeitig etwas Falsches: Dass eine Verhandlung Wettbewerb ist. Weiter nichts. Die Wahrheit ist komplexer: 03 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Was Verhandlungen auszeichnet, ist, dass das immer Situationen sind, in denen Kooperation und Competition gemeinsam auftreten. Einerseits versuche ich ja als Verhandlungspartei die Interessen der eigenen Seite – also wenn ich eine Gruppe vertrete oder auch meine individuellen Interessen – durchzusetzen gegen den Widerstand der anderen Seite. Aber ich würde ja mit der anderen Seite nicht verhandeln, wenn ich das ganz allein könnte. SPRECHERIN Ein klassischer Fehler in Verhandlungen: Sie als Fußballspiel zu verstehen, entweder man gewinnt oder man verliert. Dabei ist die vielleicht wichtigste Einsicht eines Verhandlers, dass die Gegenseite auch Entscheidungsmacht hat, dass die Abhängigkeit wechselseitig ist, dass beide Akteure Teil des Entscheidungsprozesses sind, im besten Fall sogar beide gewinnen. Wer daran zweifelt, kann die Verhandlung eigentlich gleich einstellen. 04 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Grundsätzlich können soziale Konflikte auf verschiedene Art und Weise gelöst werden. Entweder durch Agieren und Reagieren – also, dass eine Partei Aktionen ergreift. In Tarifverhandlungen – eine Partei löst einen Streik aus, und die Gegenseite reagiert dann drauf, geht vor Gericht. Oder durch Interagieren. Und Interagieren ist dann Verhandeln. Musik: Research activity 0‘40 SPRECHER Noch ein Beispiel: Die „Letzte Generation“ will – genauso wie „Fridays for Future“ – einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen, will der Gesellschaft vor Augen führen, was der Klimawandel für die Jungen bedeutet. Aber während sich „Fridays for Future“ offen zeigt, ihre Positionen zum Gegenstand von Diskussionen und Verhandlungen zu machen, pocht die „Letzte Generation“ immer wieder darauf, dass vieles schlicht „nicht verhandelbar“ sei. Und setzt insofern auch auf eine andere Strategie: auf Aktion statt Interaktion. 05 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Ja, also von der Definition, da kann man sagen, dass es bei der Verhandlung immer um den Abgleich von konfligierenden Interessen geht. Zwei Personen oder zwei Institutionen haben unterschiedliche Interessen. Das können auch mehr als zwei sein. Und sie haben trotzdem das gemeinsame Interesse, das auf dem Weg der Verhandlung zu klären und nicht auf anderem Wege. SPRECHERIN Dr. Simon Wolf arbeitet als Rhetorik-Coach, wobei er Theorie und Praxis der Verhandlung zusammenbringt. Er ist damit Fachmann für eine Disziplin, an der niemand vorbeikommt: Verhandelt wird überall, in Küchen und Kirchen, in Parlamenten und auf dem Pausenhof. Zu verstehen, was eine Verhandlung ausmacht, wie sie sich gut gestalten lässt, ist also enorm wichtig – für das Leben jedes Einzelnen und die Entwicklung einer Gesellschaft. Und trotzdem gehen es viele falsch an. Simon Wolf kennt das aus der Praxis: 06 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Häufig gibt es so die Idee von der einen richtigen Formulierung, und da muss man schon von der Gesprächsführung her und erst recht von der Verhandlungsführung her sagen: Das eine richtige goldene Wort gibt es nicht, sondern im Gegenteil es geht um Verhaltensweisen, und es geht um Mindset. Also von der einen goldenen Formulierung, von dem einen goldenen Wort muss man sich leider ein Stück weit lösen. Musik: New beginning 0‘19 SPRECHERIN Aufs Mindset, also auf die Haltung und Einstellung bei der Verhandlung, pocht auch Roman Trötschel. Es hält flexibel, sagt er. Und dass ein Mindset keine Wertvorstellung sei, nichts Starres, Unverhandelbares. Eher schon eine Brille. 07 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Und wie so eine Brille, die ich auf- und absetzen kann, wirken auch Mindsets, die sind nämlich sehr flexibel. Und ich brauche Flexibilität in Verhandlungen. Und jetzt gibt es kein universelles Mindset, das mir grundsätzlich hilft, in Verhandlungen voranzukommen. Vielleicht schon das grundsätzliche Verständnis, dass Verhandlungen eben immer Kooperation und Competition sind, also beides. Das muss Bestandteil des Mindsets sein. Aber zusätzlich kann ich mir in Abhängigkeit von meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmte Grundprinzipien geben. SPRECHERIN Wer ein großes Harmoniebedürfnis in sich trägt, setzt besser erstmal die Brille „Hartnäckigkeit“ auf, damit er nicht zu schnell um des Friedens willen einknickt. Darf sie aber auch wieder absetzen, wenn die wichtigsten Elemente besprochen sind. Eine Varianz an Brillen – Grundprinzipien in der Verhandlung – helfen ohnehin am besten weiter. „Neugier“ ist eines davon. Und „Kreativität“. 08 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Für die Vorbereitung auf eine Verhandlungsstrategie ist es in der Praxis ganz wichtig zu sehen: Was sind meine Interessen? Nicht nur meine Positionen. SPRECHERIN Bedeutet: Nicht nur zu wissen, was ich will, sondern warum ich das will. Das erhöht die Flexibilität und ist Moment für Kreativität. Musik: Corporate questions more red 0‘42 SPRECHER Konkretes Beispiel: Wenn ich ins Gespräch mit meinem Chef gehe und mehr Gehalt fordere, kann ich schnell scheitern. An Vergütungsgruppen zum Beispiel, die in einer Firma klar geregelt sind und an denen wirklich niemand vorbeikommt. Wenn ich aber weiß: Ich will mehr Gehalt, weil ich Geld für ein Lastenrad zurücklegen will, kann ich womöglich von der Firma ein Rad gestellt bekommen. Oder eine Karte für die Öffentlichen Verkehrsmittel, fürs Fitness-Studio, irgendwas, das mir anderweitig Geld spart. In ganz vielen Situationen lässt sich das Bedürfnis befriedigen, nur nicht immer auf dem einen naheliegenden Weg. Deshalb die Frage nach dem Warum. 09 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Letzten Endes steigern wir dadurch unsere Verhandlungsmacht, weil wir mehr Möglichkeiten auf den Tisch bekommen. SPRECHERIN Ist Kreativität gerade während der Verhandlung entscheidend – dann, wenn es wirklich ums Suchen und Finden eines Kompromisses geht –, braucht es die Neugier schon viel früher: 10 – ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Ich muss tatsächlich wie ein Detektiv vorgehen und verstehen: Was ist denn eigentlich mit der anderen Seite los in dieser Verhandlung? Was will die denn eigentlich? Die Gegenseite vertritt Positionen. Aber hinter den Positionen der Gegenseite steckt Psychologie – nämlich Motive, Wertvorstellungen, Denkmuster. Und das muss ich aufdecken und muss neugierig sein. Eigentlich bedeutet Neugier Informationssuche – und zwar so viel wie möglich. Musik: Creative workshop red 0‘42 SPRECHERIN „Hinter den Positionen steckt Psychologie“, sagt Roman Trötschel. Und in dieser Aussage steckt wiederum eine ziemlich wichtige Einsicht für die Kunst der Verhandlung: Eine Verhandlung ist mehr als ein Austausch von Argumenten, mehr als ein Spiel, das allein mit dem Verstand zu gewinnen ist. Eine Verhandlung hat rationale, aber auch emotionale, fast schon körperliche Anteile. Die Vorbereitung muss insofern auch den ganzen Menschen einbeziehen: die Argumente und Emotionen der anderen Seite. Und meine eigenen. 11 – ZUSPIELER SIMON WOLF Schon Aristoteles sagt uns, ein emotional erregter Gesprächspartner kann sich nicht mehr so gut konzentrieren. Und das heißt, die emotionale Vorbereitung gehört immer auch zu Verhandlungs-Vorbereitung dazu. Damit geht typischerweise die Körpersprache Hand in Hand. Wenn ich emotional aufgeräumt und entspannt bin, dann kann ich meine Körpersprache auch besser einsetzen. Wenn ich sowieso schon auf 180 bin, dann machen die Mundwinkel und dann macht die Zornesfalte auf der Stirn, was sie will. Und dann wird ein Gesprächspartner ein viel leichteres Spiel haben, weil ich meine Körpersprache nicht so gut kontrolliere und dann meine Emotionalität ein Stück weit besser zu lesen und zu sehen ist. SPRECHERIN Die Emotionalität des anderen einfach auszunutzen, wenn sie sich denn zeigt, ist trotzdem keine gute Idee. Stichwort: Aufrichtigkeit, Vertrauen. Beides ist immens wichtig – gerade, wenn Verhandlungen Zeit brauchen oder gar kein Ende kennen. Die G7: tagen nicht bloß ein Mal. FDP und Grüne haben sich bei den Jamaika-Verhandlungen 2017 nicht zum letzten Mal an den Verhandlungstisch gesetzt. Und die Verhandlung zu Hause, um die gerechte Aufteilung der Care-Arbeit zum Beispiel, ist auch erst abgeschlossen, wenn das Kind das Haus verlassen hat. Kurzfristige Verhandlungserfolge, die auf Kosten des Vertrauens gehen, helfen da kaum weiter. Weder am Küchentisch und noch bei Klimaverhandlungen. Musik: Chemical transformation 0‘50 SPRECHERIN Und für letztere braucht es mehr als ein Bewusstsein, welches Mindset hilfreich ist. Roman Trötschel hat sich auf solche Verhandlungen spezialisiert. Transformationsverhandlungen nennt er sie. Im Grunde fallen darunter alle Verhandlungen, die einen gesellschaftlichen Wandel einleiten wollen und dabei nachhaltige Lösungen anstreben. Einfach ist das nie. Aus mehreren Gründen: Weil viele verschiedene Interessen aufeinanderstoßen. Weil der Verhandlungsgegenstand nie bloß die Gegenwart betrifft, sondern immer auch die Zukunft. Und weil jede Entscheidung Folgen für verschiedenste Bereiche hat: fürs Soziale, Wirtschaftliche, Ökologische. Die UN-Klimakonferenz in Paris ist ein gutes Beispiel dafür – gut nicht nur wegen der Vielzahl an Interessen, der Vielzahl an Fragen und Folgen, sondern vor allem, weil hier wirklich mal eine Verhandlung geglückt ist. SPRECHER Kleiner Sprung zurück, ins Jahr: 2015. Am 30. November beginnen die Klima-Verhandlungen in Paris, bis zum 11. Dezember sind sie angesetzt, aber spontan werden sie um einen Tag verlängert, es ist eben enorm kompliziert. Am Ende steht ein Klimaabkommen, völkerrechtlich bindend für alle Staaten der Welt, das bis heute Wirkung hat. Hier wird das Ziel gesteckt, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten, möglichst bei 1,5 °C. Und diese Zahl, 1,5 °C, ist bis heute Richtwert, wenn die Frage aufkommt: Tun wir genug, tun wir zu wenig in Sachen Klimawandel? 12 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Das war ein großer, großer Durchbruch, weil diese Verhandlung Orientierung gibt. Es wird ein Bezugspunkt festgelegt, dem viele Parteien und viele Nationen zugestimmt haben, dem sich viele Verhandlungsparteien verpflichtet haben und damit auch die entsprechenden Staaten. Diese Verhandlung ist insofern gelungen, als dass – im Gegensatz zu vorherigen Verhandlungen – nicht beispielsweise die ökonomische Ergebnisdimension die Bezugsgröße ist, sondern tatsächlich die ökologische Ergebnisdimension. Musik: Feeling good 0‘37 SPRECHERIN Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was ist da wirklich geglückt und warum? Die Verhandlung ist gelungen, das sagt Roman Trötschel, weil die ökologische und nicht die ökonomische Dimension die Bezugsgröße ist. Konkret heißt das doch: Diese Verhandlung hat einem ökologischen Ziel den Vorrang gegeben. Selbst wenn die wirtschaftlichen oder sozialen Konsequenzen dieser Vereinbarung problematisch sein sollten, das 1,5 Grad Ziel gilt – langfristig gesehen – als entscheidender. Die langfristige Perspektive hat damit Sorgen ums Hier und Jetzt geschlagen. Und das ist – aus psychologischer Sicht – alles andere als selbstverständlich. 13 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Beispielsweise gibt es so eine grundsätzliche Tendenz von Menschen, zukünftige Konsequenzen weniger stark zu gewichten als unmittelbare kurzfristige Konsequenzen. Auch haben Menschen Schwierigkeiten mit Belohnungsaufschub, dass sie erst in Zukunft für bestimmte Handlungen belohnt werden. Oder Menschen haben große Schwierigkeiten, mit Unsicherheit umzugehen, mit Risiko umzugehen. SPRECHERIN Hier ist er wieder, der ganze Mensch, der eine Verhandlung ausmacht. Musik: Simple but complex behaviour (c) 0‘25 Und der bringt noch ein Problem für solche komplexen politischen Verhandlungen mit, die über unsere Zukunft entscheiden: Es fällt ihm nicht leicht, die verschiedenen Dimensionen gegeneinander abzuwägen. Wenn man an das Abkommen von Paris denkt, spielen ja ganz verschiedene Aspekte mit rein: politische, soziale, wirtschaftliche, ökologische. Wie gewichtet man die? Eine einfache Rechnung lässt sich da kaum anstellen – was in der Praxis regelmäßig dazu führt, dass kurzfristige Ziele gewinnen oder ökonomische Überlegungen ökologische ausstechen: 14 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Aber es gibt auch Erkenntnisse dazu, wie man dem begegnen kann. Beispielsweise, dass man Repräsentanten an den Verhandlungstisch holt, die tatsächlich ausschließlich die Aufgabe haben, Aspekte wie zum Beispiel ökologische Auswirkungen mit auf den Verhandlungstisch zu bringen. Dass Modellierer mit einbezogen werden oder die Erkenntnisse von Modellierern, die zeigen, was es für Szenarien für die Zukunft gibt. SPRECHERIN Klingt kompliziert, aber ein Beispiel dafür haben wir alle miterlebt: die Corona-Krise. Musik: Political efforts red 0‘45 SPRECHER Plötzlich stehen sich etliche Bedürfnisse gegenüber. Da sind die Kinder, die nicht mehr auf Spielplätze dürfen. Isoliert, allein mit überforderten Eltern – von heute auf morgen. Da sind die Risikogruppen, die um ihre besondere Verletzlichkeit besorgt sind, die hoffen, bitten, dass Schulen, Kitas, Kindergärten geschlossen bleiben, damit sich das Virus dort nicht zu schnell verbreitet. Da ist die Industrie, die über die enormen wirtschaftlichen Schäden spricht, wenn man das Land stillstellt. Und die Ärztinnen und Pfleger, die Sorge haben, wie sich die Lage entwickelt, wenn man das Land nicht stillstellt. Und zwischen ihnen allen: die Politiker, die in Verhandlungen entscheiden sollen, welche Bedenken schwerer wiegen. SPRECHERIN Ein Drahtseilakt. Aber verhandelt wurde in der Corona-Krise, wie Roman Trötschel es vorgeschlagen hat: Die Stimmen, die keine Entscheidungsmacht hatten, hatten dennoch Gewicht. Die Politik hat sie mit an den Tisch geholt: die Forschung, die Wirtschaft, die Pädagogen. Sie waren nicht stimmberechtigt, die Entscheidungen trafen die Politiker, aber sie waren oft Teil der Verhandlungen, Stimmen, die dafür sorgen sollten, dass alle Dimensionen verstanden und mit einbezogen wurden. Wenngleich man ihnen nicht immer gefolgt ist. Musik: Undercover investigations red 0‘19 Denn: Wie eine Verhandlung ausgeht, liegt immer auch daran, wie dringlich die Situation erscheint: Dass etwas wichtig ist, sagt Roman Trötschel, reicht in Verhandlungen nicht aus. 15 – ZUSPIELUNG Roman Trötschel Es muss mit Bildern untermauerbar sein. Auch hier wieder das Beispiel mit der Corona-Pandemie – die Bilder aus Italien, die haben die Herausforderung, die Dringlichkeit greifbar gemacht. Dasselbe gilt für die Katastrophe im Ahrtal. Auch das hat die Dringlichkeit greifbar gemacht und Dringlichkeit wird auch dadurch unmittelbar erlebt, dass es näher an einen heranrückt. SPRECHERIN Damit könnte also die Vorbereitung jeder Verhandlung anfangen. Alle Augen auf die Gegenseite: Was würde sie überzeugen, dass das eigene Anliegen nicht bloß wichtig, sondern dringlich ist? Ist jetzt der richtige Moment, die Verhandlung zu beginnen? Oder warte ich auf den Augenblick, der die Dringlichkeit unmittelbar belegt? So also könnte die Verhandlungsvorbereitung beginnen – mit einem neugierigen Blick. Musik: Still waiting 0‘34 SPRECHER: Und dann treten sie alle auf, der Kreative, der Hartnäckige, der Sachliche, der Aufrichtige - alle flexibel einsetzbar, aber eben keine Schachfiguren, sondern Haltungen eines Menschen. Und sie treffen zusammen mit all den Haltungen der anderen Menschen, der Verhandlungspartner. Kein Wunder, dass sich der Ausgang einer Verhandlung nur selten voraussagen lässt.

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