Leuchttürme und Feuerschiffe - Rettende Wegweiser auf See
27.03.2024 · 23 Min.
Folgen-WebseiteÜber diese Folge
Nacht und Nebel sind die größten Feinde der Seefahrer. Leuchttürme und Feuerschiffe waren lange Zeit rettende Lichter im Dunkel, die Schiffe vor Gefahren warnten und viele vor dem Untergang bewahrten. Von Christiane Neukirch (BR 2019)
Autor/in dieser Folge: Christiane Neukirch
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Julia Fischer, Andreas Neumann, Jerzy May
Technik: Clemens Kamp
Redaktion: Nicole Ruchlak
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Diesen Podcast durchsuchen
Weitere Folgen
- Der Misanthrop - Kulturgeschichte des Menschenfeinds
27.03.2024 · 21 Min.
Misanthropen werden vielfach kritisiert, doch sie schaffen durch Irritationen eine reflexionsfördernde Distanz zu etablierten Denkweisen. Von Rolf Cantzen (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Rolf Cantzen Regie: Irene schuck Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Andreas Neumann Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Dr. Ulrich Horstmann, emeritierter Professor für Anglistik, Schriftsteller, Essayist, Prof. Dr. Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR 1: (boshaft) Timons Hass geweiht Sei künftighin der Mensch und alle Menschlichkeit. ERZÄHLERIN: Timon ist bei Shakespeare der Protagonist des Menschenhasses. O-TON 1: Prof. Dr. Ulrich Horstmann (flüsternd) „Pssst, jetzt lassen wir zusammen die Sau raus.“ ERZÄHLERIN: … zusammen mit Ulrich Horstmann. MUSIK AUS Er ist Professor für englische Literaturwissenschaft, Schriftsteller und Verfasser der philosophischen Streitschrift „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“. O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Menschenflüchtiges Denken lebt aus dem Pathos der Distanz. ERZÄHLERIN: Bei der Menschenflucht und beim Menschenhass geht es vor allem darum, Abstand zu gewinnen und Distanz herzustellen – zu den Menschen, unter denen man leidet, weil sie einem selbst oder anderen Menschen Schlimmes angetan haben oder auch, weil man ihre Nähe nicht mehr aushält. Dann kommen sie – böse, menschenfeindliche Gedanken: O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Ausflüge in das Nicht-Erlaubte, eigentlich Nicht-Tolerierbare, in die Randbezirke dessen, was uns durch den Kopf geht, in den abgeschlossenen, abgesperrten Hinterstübchen. … ERZÄHLERIN: Gelegentlicher Menschenhass könne Entlastung bieten, meint Ulrich Horstmann: O-TON 4: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Solche Ausflüge waren immer attraktiv, wenn nicht jemand daraus Handlungsanweisungen und Imperative ableitet. ERZÄHLERIN: Es geht also bei menschenflüchtigen oder menschenhassenden Ausflügen nicht darum, etwas zu tun, es geht darum, sich bestimmte Gedanken zu gestatten, vielleicht auch, damit wir es nicht tun: Ein gedankliches Korrektiv, das prophylaktisch wirkt. Obwohl – geben wir es ruhig zu – uns unliebsame Besucher oder Menschen im Allgemeinen schon gewaltig auf die Nerven gehen können: O-Ton 5: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Die Möglichkeit das eigentlich Unaussprechliche herauszulassen und einem Stellvertreter zuzuhören, der das artikuliert, was man selbst nicht sagen darf, das ist der Köder und den schlucken wir von Zeit zu Zeit alle liebend gern. ERZÄHLERIN: Stellvertreter können die Protagonisten in Büchern, im Theater, in Filmen sein. Ein Auslöser für menschenhasserische Impulse können auch Situationen sein, in denen wieder einmal von uns erwartet wird, menschenliebenden Appellen und Tugenden beizupflichten, wenn uns positive Menschenbilder beruhigen, wenn optimistische Philosophien und der Glaube an den Fortschritt uns beglücken sollen ... MUSIK: ZITATOR 2: (hier und im Folgenden ironisierend) Die Welt ist gut! ZITATOR 1: … und wenn unsere Welt noch nicht gut ist, wird sie es. MUSIK: O-Ton 6: Prof. Dr. Michael Pauen Wenn man sich das ein bisschen genauer anschaut, sieht man einerseits, dass die optimistischen Theorien einfach unter dem Eindruck bestimmter theologischer oder metaphysischer Vorannahmen stehen, also vor allem unter der Annahme, dass diese Welt von einem guten, verständigen, wohlmeinenden und allmächtigen Gott geschaffen worden ist. Das heißt, so ein Gott kann keine andere als eine gute Welt schaffen. Und wer das bestreitet, der vergeht sich an seinen fundamentalen religiösen und theologischen Annahmen. Und dann muss diese Welt eben gut sein. ERZÄHLERIN: … auch die Menschen sind gut, die auf dieser Welt herumlaufen. Klar, sie morden millionenfach, vergewaltigen, ruinieren die Natur, doch letztlich gilt: MUSIK: ZITATOR 2: Der Mensch ist gut! ZITATOR 1: … oder wird es. MUSIK aus O-Ton 7: Prof. Dr. Michael Pauen Sinnstiftende Theorien haben es an sich, dass sie negative einzelne Erfahrungen erklären können. ERZÄHLERIN: Michael Pauen ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität. In einem seiner Bücher zeigt er, wie es vielen Philosophen immer wieder gelingt, alles schön zu reden und dass eine philosophische Minderheit es schwer hat, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen: O-Ton 8: Prof. Dr. Michael Pauen Das bedeutet, wenn dann dieser höhere Sinn letztlich darauf hinausläuft, dass wir in einer guten Welt oder möglicherweise der besten aller möglichen Welten leben, dass dieses Leid an Bedeutung verliert. MUSIK: ZITATOR 2: Alles ist gut, alle sind glücklich oder könnten es sein! MUSIK aus ERZÄHLERIN: Das wird zu einer philosophisch legitimierten Lebenslüge. Misanthropen – Menschenfeinde, Menschenhasser, Menschenverächter, es gibt verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten – Misanthropen spielen da nicht mit, weil sie mit Menschen nicht die besten Erfahrungen gemacht haben oder einen anderen Blick auf die Menschheit werfen: O-Ton 9: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Misanthropen sind natürlich Freaks, Misanthropen sind randständige Figuren, das sind Figuren, die diese Randständigkeit ausnutzen. ERZÄHLERIN: Sie leben auch oft am Rand, sind Einzelgänger, fügen sich nicht nahtlos ein in die Gesellschaft, obwohl auch sie die Gesellschaft brauchen – und sei es, um sich von ihr abzugrenzen. MUSIK: ERZÄHLERIN: („Timon“ immer deutsch aussprechen.) … Die Geschichte des Menschen- und Menschheitshassers Timon von Athen. ZITATOR 1: (boshaft) Timons Hass geweiht Sei künftighin der Mensch und alle Menschlichkeit. ERZÄHLERIN: Über die Jahrtausende hinweg blieb die Lebensgeschichte von Timon von Athen das Motiv für zahlreiche Theaterstücke und vor allem: die Diskussionsgrundlage, an der Philosophen ihre Gedanken zur Misanthropie entwickelten. Timon war zunächst reich, großzügig und freundlich, sammelte viele Menschen um sich, von denen er meinte, sie seien seine Freunde. Dann ging ihm das Geld aus. Er erwartet nun im Gegenzug von seinen Freunden Unterstützung, wird aber in Stich gelassen und hasst nun nicht nur die falschen Freunde, sondern die gesamte Menschheit. ZITATOR 1: Weg mit der Menschheit! ERZÄHLERIN: Auch als er zufällig wieder zu Geld kommt, ändert sich – in Shakespeares Bearbeitung des Stoffs – an seinem Menschenhass nichts: Er bleibt unversöhnt. O-TON 10: Prof. Dr. Ulrich Horstmann (flüsternd) Ihr könnt euch vorstellen, was in mir vorgeht. ZITATOR 1: (aggressiv, boshaft) Glatt lächelnde, verächtliche Schmarotzer, Höfliche Mörder, sanfte Wölfe, Kratzfüßige Sklaven, Dünste, Wetterfahnen! – Alle Krankheiten von Mensch und Vieh Solln euch mit Grind bedecken! ERZÄHLERIN: Shakespeare gestattet sich in seinem Stück „Timon von Athen“ nicht nur deftige Flüche, Timon treibt sein Menschenhass zu Vernichtungsphantasien. Alkibiades gibt er Geld, damit er Athen zerstört, der Hure Timandra, damit sie alle mit Syphilis ansteckt: ZITATOR 1: Mach alle krank, die ihre Lust dir lassen, Mach reif die Jugend für die Hungerkur der Seuche. ERZÄHLERIN: Kurzum: Shakespeare lässt in seinem Protagonisten Timon – umgangssprachlich formuliert – die Sau raus. Er gestattet sich menschenfeindliches Denken. ZITATOR 1: Alles glatte Schurkerei. Drum seid gemieden, Feste, Gelage, menschliches Gewimmel! Timon verabscheut sein Ebenbild, sich selbst! Weg mit der Menschheit! MUSIK aus O-TON 11: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Wenn ich die Menschheit hasse, muss ich natürlich als Element dieser kollektiven Größe eigentlich auch mich selbst hassen, darf mich selbst nicht ausnehmen. So ist Timon gestrickt. Das macht er. ERZÄHLERIN: Von seinem extremen Menschenhass kann sich Timon nicht selbst ausnehmen: Er hasst sich selbst und bringt sich wahrscheinlich – bei Shakespeare ist das nicht eindeutig – selbst um. O-TON 12: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Der Wille, bei seinen Mitmenschen, wie wahrscheinlich auch bei sich selbst tabula rasa zu machen. MUSIK: ZITATOR 1: … eine Jauchegrube Sei dann euer aller Grab! Musik aus ERZÄHLERIN: Der Philosoph Platon – die Tragödien antiker Autoren vor Augen ¬– analysiert die Geschichte von Timon eher vorsichtig: ZITATOR 2: (Zitat gekürzt) Menschenfeindschaft entsteht, wenn man einem zu sehr vertraut und einem Menschen für durchaus wahr, gesund und zuverlässig gehalten hat, bald darauf aber denselben als schlecht und unzuverlässig findet, und dann wieder einen; und wenn einem das öfter begegnet und bei solchen, die man für die vertrautesten und besten Freunde hält, so hasst man dann endlich alle, und glaubt, dass an niemandem irgendetwas Gesundes ist. ERZÄHLERIN: Menschenfeindschaft wegen mehrfacher Enttäuschung! Platon diskutiert, ob das nicht auch an dem Enttäuschten selbst liegt: Vielleicht ist er zu naiv bei der Wahl vermeintlicher Freunde. Einem vernünftigen Menschen passiert das wahrscheinlich nicht und er verallgemeinert auch nicht vorschnell schlechte Einzelerfahrungen. Bei Platon ist die Misanthropie nicht der bösen Menschheit anzulasten, sondern dem beschränkten oder verwirrten Misanthropen. Das heißt: MUSIK ZITATOR 2: (unbeschwert) Im Wesentlichen sind Welt und Mensch in Ordnung! ZITATOR 1: … mit Vernunft und Moral wird alles gut. MUSIK aus ERZÄHLERIN: Der römische Philosoph Cicero pathologisiert die Misanthropie zu einer Art psychischem Defekt: ZITATOR 1: Misanthropie ist eine Krankheit der Seele, die aus einer gewissen Furcht vor denjenigen entsteht, die sie fliehen und hassen. ERZÄHLERIN: Cicero sieht in der Misanthropie einen psychischen Defekt. Das heißt: Nur Anormale, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren haben, hassen die Menschen. Mit einer solchen Definition erübrigt es sich, ernsthaft über Menschenhass zu diskutieren. Menschenhass oder Menschenfeindlichkeit ist dann kein ernsthaftes philosophisches Problem, sondern – heute würde man sagen – ein psychopathologisches. O-Ton 13: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Das bedeutet eigentlich, dass ich den Misanthropen zurückverfrachte in die Zwangsjacke des Normalen, des Sozial-Akzeptablen, dessen, der seine Zunge im Zaum hält und sich so benimmt, dass er bei seinen Mitmenschen keinen Anstoß erregt. MUSIK: ZITATOR 2: (insistierend) Der Mensch ist gut. ERZÄHLERIN: … und man muss ihn lieben: Immer! Schließlich ist er ein Geschöpf Gottes! MUSIK aus ZITATOR 1: Nächstenliebe! Du sollst deinen Nächsten lieben! ERZÄHLERIN: … hassen tut ihn der Teufel. Und wer Menschen hasst, ist des Teufels. Im christlichen Mittelalter hatte man kein Verständnis für Misanthropie. MUSIK ERZÄHLERIN: In der Renaissance erinnerte sich Machiavelli an die Misanthropie-Diskussion der Antike. Er empfahl den Mächtigen, die Menschen nach Strich und Faden zu manipulieren: ZITATOR 2: Denn von den Menschen lässt sich im Allgemeinen so viel sagen, dass sie undankbar, wankelmütig und heuchlerisch sind, voll Angst vor Gefahr, voll Gier nach Gewinn. ERZÄHLERIN: … und deshalb gibt es keinen Grund, den Menschen Respekt und Achtung entgegen zu bringen. Im Gegenteil: Ihre Boshaftigkeit und Dummheit rechtfertigen jede Unterdrückung: ZITATOR 2: Wenn der Fürst auch genötigt wäre, das Blut eines Untertanen zu vergießen, mag er es ruhig tun … MUSIK aus ERZÄHLERIN: In der Aufklärung ging die Menschenfreundlichkeit dann wieder so weit, dass man jede Misanthropie, Einzelgängerei und Eigenbrödlerei verbannte und oft die Menschenliebe zum alleinigen Maßstab machte. ZITATOR 1: Die praktische Menschenliebe ist aller Menschen Pflicht. ERZÄHLERIN: … „moralisierte“ Kant und hält den Menschenhass für teils hässlich, teils verächtlich. Auch andere Philosophen verdammten Menschen, die sich einen anderen – einen negativen – Blick auf den Menschen und seine Geschichte gestatteten. Der Mensch sollte sich positiv mit der Menschheit identifizieren, sich nicht negativ von ihr und der Welt abgrenzen. O-Ton 14: Prof. Dr. Michael Pauen Ich glaube, Hegel ist da das beste Beispiel. Also, die hegelsche Geschichtsphilosophie steht noch in der Tradition dieser optimistischen Aufklärungsphilosophie. Letztlich Hegels Vorstellung, dass Geschichtsphilosophie eine Art von Theodizee sein, also Rechtfertigung Gottes, und damit letztlich ein Nachweis, dass diese Welt gut ist, das ist für Hegel noch unbestritten. MUSIK ZITATOR 2: (unbeschwert) Die Welt ist gut … ZITATOR 1: … und der Mensch ist es auch, weil er sich immer weiter zum Guten entwickelt! MUSIK aus ERZÄHLERIN: Mord und Totschlag, das Leiden, das sich Menschen gegenseitig zufügen, sind unbedeutende Kollateralschäden. Damit muss die Menschheit leben. O-Ton 15: Prof. Dr. Michael Pauen Da ist offensichtlich eine Vernachlässigung der individuellen Perspektive zu Gunsten der Perspektive des Ganzen, aus der sich wieder angeblich alles zusammenfügt. Ob sich das tatsächlich zusammenfügt, ist dann gar keine Frage, weil das einfach vorausgesetzt wird. ERZÄHLERIN: Diese Vernachlässigung des individuellen Leids – überhaupt: die Vernachlässigung des individuellen Menschen und negativer Erfahrungen – führen, so der Philosophieprofessor Michael Pauen; dazu, dass einige Dichter und Denker aus der verordneten Menschenliebe ausbrechen. ZITATOR 2: Gerade so ging es mir … ERZÄHLERIN: … schreibt Friedrich Schiller an einen Freund. MUSIK Erzählerin: Er spürt wie die Menschenliebe umschlägt... ZITATOR 2: … alle Menschen werden Brüder … ERZÄHLERIN: Schiller spürt, wie die Menschenliebe umschlägt in Menschenhass: ZITATOR 2: Ich hatte die Welt mit der glühendsten Empfindung umfasst, und am Ende fand ich, dass ich einen kalten Eisklumpen in den Armen hatte. MUSIK aus ERZÄHLERIN: Der Mensch braucht den anderen Menschen, doch das ist kein Grund, die Menschheit nicht zu hassen. Man kann sogar einzelne Menschen lieben und das Kollektiv „Menschheit“ hassen: O-Ton 16: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Das erinnert mich an einen ganz großen Satiriker, den viele auch für einen Misanthropen halten nämlich an Jonathan Swift. Der hat in einem Brief folgendes gesagt: „I love John, Jill and Jack, but I hartley detest mankind.“ ZITATOR 1: Ich liebe John, Jill und Jack, aber zutiefst verabscheue ich die Menschheit. O-Ton 17: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Und das ist ein Satz, in dem sehr, sehr viel Wahrheit steckt, nicht nur über Swift, sondern über das Phänomen der Misanthropie. ERZÄHLERIN: Jonathan Swift – er lebte um 1700 – lässt seinen Protagonisten Gulliver nicht nur nach Liliput und in die Welt der Riesen reisen, sondern auch zu den edlen Pferden, die sich ekelhafte Menschen als Haustiere halten. Die phantasievollen Reisen des Gulliver erlauben Swift eine Distanz zu den Menschen, die ihr Wesen transparent macht: Sie sind lasterhaft, gierig, dumm und sie stinken. Die edlen Pferde nutzen ihre Häute, um Segel daraus zu fertigen. In einem anderen Text, dem „bescheidenen Vorschlag“, rät er zum Kannibalismus: ZITATOR 1: Ein Kind wird bei einem Essen für Freunde zwei Gänge ergeben und wenn die Familie allein speist, so wird das Vorder- oder Hinterviertel ausreichen. ERZÄHLERIN: Der gebürtige Ire Swift wird oft als ‚Menschenhasser‘ bezeichnet, wegen solcher Texte. Der historische Hintergrund macht klar, er ist entsetzt von dem, was Menschen anderen Menschen antun: Die reichen Landbesitzer wandelten in Irland aus Profitgier Ackerland in Schafsweiden um. Die Folge: Zehntausende von Bauern verhungerten. Swifts vermeintlich menschenhasserischer Ratschlag, doch einfach Kinder zu verspeisen, macht auf groteske Weise den Zynismus und die Unmenschlichkeit dieser Landbesitzer erkennbar. Die Verlogenheit ist, dass nicht die Verursacher des menschlichen Leid als Menschenhasser bezeichnet werden, sondern die, die darauf aufmerksam machen. MUSIK ZITATOR 2: (unbeschwert) Der Mensch ist gut … MUSIK aus ERZÄHLERIN: … wer das in Frage stellt, wer anders denkt, als es sich gehört, ist Menschenfeind, wie Swift oder etwa der Philosoph Philipp Mainländer: ZITATOR 1: Ich möchte alle windigen Motive zerstören, welche den Menschen abhalten können, die stille Nacht des Todes zu suchen. ERZÄHLERIN: Mainländer schrieb um 1870 seine „Philosophie der Erlösung“ ... O-Ton 18: Prof. Dr. Michael Pauen … da gibt es die Vorstellung, dass Erlösung noch darin bestehen kann, dass die Welt letztlich ihr Ende findet. Und damit eben das Leid ein Ende findet. ERZÄHLERIN: Mainländer will die Welt und die Menschen ausgelöscht sehen. Seine Überlegung: Leben ist Leiden, Gott ist gestorben und sein verrottender Leib ist die Schöpfung und deshalb sei es besser, mit all dem aufzuhören: ZITATOR 1: Alles, was ist, ist von Übel und auf das Übel hin bestellt: der Zweck des Weltganzen ist das Übel; die Ordnung und der Zustand, die Gesetze, der natürliche Gang des Universums sind durchaus von Übel. Gut ist nur, was nicht ist. ERZÄHLERIN: Mainländer sucht die Distanz nicht auf fiktiven Reisen, wie Swifts Gulliver, sondern in seiner Vorstellung, dass es ihn selbst, die Welt und die Menschheit nicht mehr gibt. Der Mensch als Krone der Schöpfung ist nur gut, wenn er nicht existiert. O-Ton 19: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Misanthropie ist eine Luftnummer. Was meine ich damit? Normalerweise geht es beim Lieben und Hassen um interpersonale Interaktion … ZITATOR 2: Ich hasse dich, du hasst mich … ERZÄHLERIN: … und das belastet die Kommunikation. Doch die Menschheit ist keine Person, mit der ich kommuniziere, sondern ein Abstraktum. Das heißt für Ulrich Horstmann: O-Ton 20: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Der Menschheit als Kollektivsubjekt ist es herzlich gleichgültig, ob sie geliebt wird oder gehasst wird. Insofern kämpft der Misanthrop mit Windmühlenflügeln. ERZÄHLERIN: Man tut der Menschheit also nicht weh, wenn man ihr skeptisch, feindlich oder mit Hass gegenübersteht, wenn man sie nicht mag: O-Ton 21: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Ich bin auch heilfroh, dass es mir – pathetisch vergönnt war – im späten 20. Jahrhundert und frühen 21. Jahrhundert zu leben mit dem furchtbaren 20. Jahrhundert im Rücken, das mich in seiner Grausamkeit nicht mehr erreicht hat – Gott sei Dank …! Das war im wortwörtlichen Sinne eine Offenbarung. ERZÄHLERIN: Die Grausamkeiten im 20. Jahrhundert – Kolonialismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, um nur die schlimmsten zu nennen – waren keine Taten von erklärten Menschenhassern. Die Menschheitsverbrecher hatten eherne Ziele. Sie ‚liebten‘ angeblich die Menschheit und gaben vor, ihr zu dienen und nur ihr Bestes zu wollen. ZITATOR 1: … weil sie der Menschheit dienten, darum schnitten sie den Menschen die Hälse ab. ERZÄHLERIN: … schrieb Max Stirner, ein provokanter Philosoph des 19. Jahrhunderts. Die Liebe zur Menschheit kann tödlich sein für den einzelnen Menschen. Misanthropie kann ein Korrektiv sein zur mörderischen Menschenliebe, indem sie Distanz schafft und irritiert. MUSIK Ulrich Horstmann fasst es so zusammen: O-Ton 22: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Ich halte diese Widerspruchskomponente, dieses „Nein, es ist ganz anders“ für einen Hirnschrittmacher. ERZÄHLERIN: Die Misanthropie wäre dann so etwas wie eine philosophische Therapie. Und psychologisch betrachtet stellen sich Fragen: Wie sollen Menschen mit Sympathie füreinander in dieser Wirklichkeit leben, wenn sie sich nicht ab und zu misanthropische Anwandlungen gönnen? MUSIK aus
- Mikrochips - Halbleiter als Global Player
26.03.2024 · 23 Min.
Mikrochips sind mittlerweile unentbehrlich: Sie stecken im Kühlschrank, im Auto oder der EC-Karte. Seit Intel 1971 den ersten integrierten Schaltkreis in Serie produzierte, hat die Technologie einen globalen Siegeszug angetreten. Doch das kostbare Gut sorgt immer wieder für Streit unter Wirtschaftsmächten. Von Lukas Grasberger (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Jerzy May, Julia Fischer Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Frank Dittmann, Kurator Hauptabteilung Technik, Deutsches Museum, München Genevieve Bell, Senior Fellow bei Intel und Professorin für Kybernetik, Australian National University, Canberra Klaus Behling, Journalist und Klaus Behling, Autor „Die DDR und der High-Tech-Schmuggel“, Potsdam Reinhard Buthmann, Autor „Kadersicherung im Kombinat VEB Carl Zeiss Jena: Die Staatssicherheit und das Scheitern des Mikroelektronikprogramms“ Jan-Peter Kleinhans, Halbleiter-Experte Stiftung Neue Verantwortung, Berlin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Geschichte des Mikroskops - Als die Welt vergrößert wurde Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Die junge Frau erschrickt, als sie aufwacht: Sie hat verschlafen! Der Wecker hat nicht geklingelt. Schnell ins Bad, Waschen und Zähneputzen, aber: Die elektrische Zahnbürste streikt. MUSIK HOCH Doch der Alptraum beginnt erst: Auch das Auto springt nicht an. Im Krankenhaus, wo die junge Frau arbeitet, kann sie nicht Bescheid geben: das Smartphone ist tot. In der Klinik würde ohnehin keiner abnehmen, es herrscht Ausnahmezustand. Fast das gesamte medizinische Personal ist auf der Intensivstation, wo es versucht, den Ausfall von lebenserhaltenden Maschinen zu kompensieren. MUSIK HOCH ERZÄHLERIN Dieses Szenario ist erfunden und ist noch nie eingetreten. Aber es zeigt: Versagten alle Mikrochips auf einmal ihren Dienst: Unser gesamtes Alltagsleben würde binnen Sekunden zusammenbrechen. ERZÄHLERIN Mikrochips sind heute in unserem Alltag allgegenwärtig: Millimetergroße, und dennoch mehrstöckige Gesamtkunstwerke, in dem viele Millionen Transistoren, Widerstände und Kondensatoren lautlos zusammenarbeiten – und die in der Dating-App genauso stecken wie in der komplexen Steuerung des Autoverkehrs. Klingt nach abgefahrener Raketenwissenschaft? Ja, das war die Chip-Technologie Anfangs im wahrsten Sinne des Wortes, sagt der Münchner Technik-Historiker Dr. Frank Dittmann. O-Ton 1 Dr. Frank Dittmann, Kurator Abteilung Starkstromtechnik, Energietechnik und Automatisierungstechnik, Deutsches Museum München „Denn da kommts ja vor allem drauf an, sehr klein zu bauen, und bei Raketen oder auch bei Flugzeugen die Masse zu minimieren. Das kann man mit solchen integrierten Bauelementen sehr gut. Und das ist so forschungsintensiv, bevor man überhaupt verstanden hat, was da passiert: Das konnte eigentlich nur das Militär bezahlen.“ ERZÄHLERIN Es war der Kalte Krieg - und vor allem der Wettlauf zwischen Ost und West ins All, der der Entwicklung der Chip-Technologie einen entscheidenden Schub gab. Musik CREATIVE IDEAS (B) 0‘40 ERZÄHLERIN Ein frühes Video der US-Raumfahrt-Organisation NASA: Männer in schwarz-weiß drücken klobige Tasten an einer riesenhaften Steuerungs-Konsole. Es sind Test-Ingenieure, die den Navigations-Rechner für das Apollo-Raumfahrzeug ausprobieren, das im Jahre 1969 auf dem Mond landen sollte. Der Computer im Inneren der heute monströs wirkenden Apparatur war der erste, der eine Technologie nutzen sollte, die noch in den Kinderschuhen steckte. Die aber bald – unter der landläufigen Bezeichnung „Mikrochip“ - maßgeblich den Weltenlauf mitbestimmen wird. Für die Mond-Mission des Jahres 1969 brauchte die NASA zur Berechnung der Flugbahn einen Rechner an Bord, der zuverlässig funktionierte – der gleichzeitig aber auch so klein und leicht wie möglich war. O-Ton 2 Dittmann „Wenn ich ne Rakete hochschicke, dann geht’s natürlich um Platz, und es geht auch um Gewicht, es geht auch um Energie, die man dort einsetzen muss.“ ERZÄHLERIN ...erklärt Frank Dittmann. Er ist Kurator der Abteilung für Starkstrom-, Energie- und Automatisierungstechnik am Deutschen Museum München. O-Ton 3 Dittmann „All das waren natürlich limitierende Faktoren. Also insofern musste man sich eine Technologie suchen, die dafür Lösungen bereithielt - und das ist eben die Halbleitertechnik.“ MUSIK: CANS AND COMPUTERS 0‘42 ERZÄHLERIN Die Neuerung bei dieser Technologie: Elektronische Schaltungen brachte man im Miniaturformat auf hauchdünnem Silizium auf. Silizium, das vor allem aus Quarzsand hergestellt wird, gilt als perfektes Trägermaterial. Denn Silizium ist ein so genannter Halbleiter, das heißt: Es ist - je nach Notwendigkeit – elektrisch leitfähig oder isolierend. Zwischen diesen beiden Zuständen kann nun gezielt geschaltet werden. So lassen sich Schaltkreise – quasi Rechner im Miniformat – komplex gestalten, wie dies früher nur mittels Röhren möglich war. ERZÄHLERIN Die Idee, Bauelemente auf einem Trägermedium zusammenzubringen, stamme bereits aus den 1930er-Jahren, betont Frank Dittmann. Doch diese Zusammenschaltung von Elektronen-Röhren, wie sie etwa bei Radiogeräten zum Einsatz kam, hatte ihre Tücken. Sie machte die Geräte immer größer, komplexer – und fehleranfälliger. Welches der vielen Teile war jetzt wieder kaputtgegangen? Oder hatte die weit verzweigte Verdrahtung irgendwo einen Wackler? O-Ton 4 Dittmann „Deswegen haben die angefangen, einen neuen Typ von integriertem Schaltkreis zu produzieren, oder – zu erst einmal – zu entwickeln. Nämlich den integrierten Mikroprozessor. (...) Nämlich Bauelemente zusammen zu einer Schaltung, und dann möglichst in ein Gehäuse zu bringen. Vorher war ja die Idee: man baut die speziellen Schaltungen so für das, was man braucht. Und wenn man was anderes braucht, muss halt ne spezielle Schaltung her. Und dort war die Idee: Ich baue einen kleinen Rechner – also Prozessor -, den ich programmieren kann. Damit er das tut, was ich will.“ ERZÄHLERIN Es war der Radio-Konstrukteur Jack Kilby, der 1958 einen Miniatur-Schaltkreis von der Größe eines halben Bierdeckels entwickelte. Statt der klobigen Röhren setzte der Elektroingenieur auf kleine, aber feine Transistoren: Bauteile, die als Ein- oder Ausschalter oder als Verstärker von Strom fungierten. Diese elektronischen Bauteile wurden nun auf einen Halbleiterkristall aufgebracht, die Transistoren und ihre Verdrahtung wurden quasi auf den Halbleiter-Träger aufgezeichnet. Je mehr man die Striche auf dem Chip verfeinerte, umso mehr ließen sich die Schaltkreise verkleinern. MUSIK: TESTING OUT 1‘02 Die Idee schien in der Luft zu liegen: denn nahezu gleichzeitig mit Kilby tüftelte auch sein Konkurrent Robert Noyce an dieser integrierten Schaltung. Noch war die Technologie zu teuer für den Massenmarkt: Doch das US-Militär investierte in derartige sogenannte integrierte Schaltkreise, um die Schnelligkeit von Waffensystemen und Rechnern zu steigern. Nur dank dieser Vorarbeit konnte die Landung auf dem Mond dann zum erste Meilenstein in der Geschichte des Mikrochips werden. MUSIK HOCH ERZÄHLERIN Die Serienfertigung von Mikrochips für den freien Markt begann 1971 die US-Firma Intel. Da die Bauteile immer winziger wurden, konnten auf den dünnen Halbleiterplättchen immer mehr Schaltkreise aufgebracht werden. Damit wandelten sich Computer fundamental, sagt die Anthropologin Genevieve Bell. Die australische Professorin hat lange Jahre als leitende Wissenschaftlerin für Intel gearbeitet. O-Ton 5 Genevieve Bell OV SPRECHERIN Voice Over „Ich konnte einmal mit der Person sprechen, die irgendwann in den 40er-Jahren den ersten australischen Computer gewartet hat. Er sagte mir: Immer wenn ich ihn ausgeschaltet habe, dann war das, als würde man ein lebendes Wesen töten. Rechner waren damals physisch sehr präsent: sie nahmen viel Raum ein, sie machten Lärm, und sie rochen. Das sollte sich in den folgenden Jahrzehnten ändern. Dank unserer Mikrochips wurden sie immer kleiner - und in den 70er-Jahren waren Computer recht unpersönliche Geräte geworden, die bald auf jedem Schreibtisch standen; die keine persönliche Wartung mehr brauchten - und die zunächst vor allem für buchhalterische Zwecke genutzt wurden.“ ERZÄHLERIN Der erste Intel-Mikrochip „4004“ war dann auch in einem Tischrechner verbaut, nützlich etwa für Buchhalter und Ingenieure. Schnell nahm das Ganze Fahrt auf: Nahezu jedes Jahr verdoppelte sich auf den Chips die Anzahl der Bauteile. Mit doppelt so vielen Schaltungen kann ein Mikrochip doppelt so schnell rechnen. Verdoppelt sich die Transistoren Zahl nun alle 12 bis 24 Monate – wie es der Intel-Gründer Gordon Moore vorhersagte, dann steigt die Leistungsfähigkeit schnell exponentiell. O-Ton 6 Bell OV Sprecherin Voice Over „Gordon Moore hat nicht nur die technischen Entwicklungssprünge des Mikrochips prognostiziert, nein: Er hat in seinem Aufsatz auch treffende Szenarios skizziert, was passieren würde, würden diese Mikrochips allgegenwärtig. Dann nämlich würden die Mikroprozessoren die Art und Weise verändern, wie wir miteinander kommunizieren. Wie wir arbeiten; wie wir einkaufen – ja: wie wir zusammenleben, in unseren Wohnungen, oder genereller, in Städten. Moore hat verstanden, dass eine auf den ersten Blick nur technische Innovation das Potenzial hatte, unser aller Leben von Grund auf zu verändern.“ MUSIK: MACHINE LIKE 0‘38 ERZÄHLERIN Der Mikrochip war Bell zufolge die Keimzelle der anhaltenden „digitalen Revolution“. Es reiche deshalb nicht, Mikrochips stetig in Punkto Materialien, Produktionsprozess, oder Leistungsfähigkeit zu verbessern, betont Genevieve Bell, die neben ihrer Professur noch als „Senior Fellow“ für Intel tätig ist. Forscher und Entwickler müssten immer auch aktuelle wie zukünftige Anwendungsmöglichkeiten mitdenken. Als Anthropologin spüre sie deswegen im Auftrag des Unternehmens der grundsätzlichen Frage nach: Was machen Mikrochips mit Menschen? O-Ton 7 Bell Sprecherin Voice Over In den letzten Wochen etwa habe ich mir von hier, meinem Büro in Canberra aus, digitalisierte Objekte der Weltausstellung im 19. Jahrhundert in London angesehen. Schließlich können wir uns dank leistungsfähiger Mikroprozessoren in unseren Rechnern nun nicht nur unterhalten, sondern uns sogar über Kamera sehen. ERZÄHLERIN ...erzählt Bell per Videokonferenz von Australien aus. O-Ton 8 Bell Sprecherin Voice Over „Und wenn Sie nun vorhergesagt haben, dass Sie mit ihrem Erscheinungsbild in der Videokonferenz unzufrieden sind, so zeigt das, dass diese Technologie nicht nur unsere gegenseitige Wahrnehmung - sondern auch das Bild von uns selbst verändert.“ ERZÄHLERIN Niemand bleibe von den Auswirkungen der neuen Technologie und der Erfindung des Mikrochips unberührt, sagt die australische Professorin. Dies gelte für Bewohner eines weit abgelegenen afrikanischen Dorfes, die nur dank Online-Überweisungen von Verwandten im reichen Europa überlebten - genauso wie für einen auf den ersten Blick von der Welt abgeschnittenen Farmer in den Weiten Australiens. O-Ton 9 Bell OV Sprecherin Voice Over „Der erzählte mir bei einer meiner Feldforschungen: „Wissen Sie, ich google jeden Tag!“. Darauf ich ich: „Moment mal, gerade haben Sie erzählt, sie hätten nicht einmal einen Computer?“ Es stellte sich dann heraus, dass dieser Farmer immer seine Tochter anruft, wenn er eine Frage hat – und die gibt diese dann für ihn in die Suchmaschine ein. Dieser Landwirt brauchte also nicht einmal einen Rechner, um mit der Welt vernetzt zu sein. Ein Beispiel, das zeigt: Die Mikroprozessor-Technologie beeinflusst das Leben jedes Individuums weltweit – auch wenn sich die Auswirkungen jeweils sehr unterschiedlich ausgestalten.“ MUSIK: MASCHINE LIKE 0‘17 ERZÄHLERIN Doch damit die Mikrochip-Technologie weitreichende Wirkungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft entfalten konnte, musste sie zuerst einmal den jahrzehntealten Nimbus einer sperrigen Spezialanwendung für Buchhalter oder Ingenieure ablegen. O-Ton 10 Bell Sprecherin Voice Over „Dazu kamen sie dann nach Hause: Als Personal – oder so genannte Home-Computer.“ ERZÄHLERIN Zu Beginn der 1980er-Jahre waren Home-Computer das neue Ding. Erstmals kam eine breite Bevölkerung mit Computern in Kontakt, der in einem grauen Gehäuse ruhenden „Commodore 64“ - zog auch in viele deutsche Haushalte ein. GERÄUSCH PAC MAN SOUND Doch der von außen bieder wirkende „Brotkasten“ hatte es in sich: Auf der Platine waren neben dem-Haupt-Prozessor auch ein Sound- und ein Videochip integriert. Dies machte ihn zum Renner für scheppernde und blinkende Computerspiele, die oft im Wohnzimmer über den Fernsehbildschirm flimmerten. GERÄUSCH TIPPEN Der digitale Fortschritt veränderte in den 80ern auch die Büroarbeit: Überall zogen Personal Computer – kurz PCs – ein. Schrittmacher dieser Geräte waren Chips, die immer kleiner und gleichzeitig leistungsfähiger wurden. Damit konnte mehr Speicher genutzt werden - was komplexere und bessere Programme ermöglichte. Doch nicht nur in den Büros – auch in der Produktion war der Siegeszug der Mikrochip-Technologie nicht aufzuhalten. Weltweit wurden Maschinen und Anlagen in großem Stil mit Mikrochips bestückt. O-Ton 11 Klaus Behling, Autor „Die DDR und der High-Tech-Schmuggel“ „Das ist ja nicht nur ein bisschen Rechentechnik gewesen, sondern das war eine grundlegende Umstellung in der Produktion.... ERZÄHLERIN ...die vor allem den Anlagen- und Maschinenbau betraf, sagt der Journalist und Autor Klaus Behling. O-Ton 12 Behling „Und diese Umstellung der Produktion hat natürlich zu Wertverschiebungen geführt. Diese Maschinenbau-Ergebnisse haben sich mit der Mikroelektronik so verändert, dass also letztlich die eigentliche Maschine nur noch 20 Prozent des Wertes ausmachte, manchmal sogar noch weniger, und die Steuerung 80 Prozent. MUSIK: NOT KNOWING 0‘29 ERZÄHLERIN Glänzende Geschäfts-Aussichten für die Halbleiter-Industrie, die solche Mikrochips für die Maschinen-Steuerung liefern konnte – und düstere Perspektiven für diejenigen, die nicht an diese Chips kamen, wie etwa Hersteller in der DDR. Seinerzeit weit vorn in Bau und Export etwa von Werkzeugmaschinen, drohten dem Staat nun massive Einbußen bei den lebensnotwendigen Devisen. O-Ton 13 Behling „Sie machte also diesen riesen Eisenklotz, und ein anderer setzte sein kleines Kästchen rein – und kassierte 80 Prozent des Preises für die Maschine. Und daraus ergab sich dann letzten Endes die Notwendigkeit, entsprechend zu reagieren.“ MUSIK: STRIP OF WORLD 0‘23 ERZÄHLERIN Es waren zum einen ein zu später Einstieg in die Halbleitertechnik, zum anderen das Abgeschnitten-Sein von Know-How und Material, die die DDR ins Hintertreffen und damit in Zugzwang brachten. Denn der Westen hatte gegen die sozialistischen Staaten des Ostblocks ein Wirtschaftsembargo verhängt, das auch Hochtechnologie umfasste. Den Mangel versuchte die DDR mit dem Schmuggel und dem Klau von Wissen wettzumachen – Wissen, was Chips sowie das Rohmaterial und Maschinen für deren Produktion anbelangt. Was unter das Embargo fiel, musste teuer illegal eingeführt werden – und entsprach oft nicht einmal dem modernsten Stand der Technik. Die DDR lieferte sich so ein hochruinöses Wettrennen mit dem Westen, das nicht zu gewinnen war. O-Ton 14 Buthmann „Diese ganze Mikroelektronik-Import-Geschichte der DDR – forciert Mitte der 80er-Jahre – führte eindeutig in eine krisenhafte Situation und verschärfte mit Sicherheit den Abstieg der Volkswirtschaft der DDR – und mithin auch des politischen Systems. „Der illegale Import von Hochtechnologiegütern hat mit Sicherheit die Existenzdauer der DDR verkürzt.“ ERZÄHLERIN ...so das Fazit von Reinhard Buthmann, der das Mikroelektronik-Programm der DDR erforscht hat. MUSIK: SIGNS OF RELAXATION 0‘48 Zeitgleich mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ kamen erste Zweifel am „Moore´schen Gesetz“, dieser Prognose eines exponentiell wachsenden Potenzials von Mikrochips auf, bis Mitte der 1990er-Jahre hatten dann die Ansprüche an Mikroprozessoren ihre tatsächliche Leistungsfähigkeit überstiegen. Neue Lösungen mussten her: Statt immer mehr Leistung in nur einen Prozessor zu stecken, teilte man die Aufgaben auf: Hauptprozessor, Arbeitsspeicher und Grafikeinheit werden nun auf einem Chip platziert - neben – oder sogar übereinander. Dieses „System On a Chip“ kam zunächst vor allem bei Smartphones zum Einsatz. O-Ton 15 Dittmann „Wir tragen heute einen Supercomputer von vor zwanzig Jahren in Hosentasche – und merken das gar nicht. Es ist enorm, wie da die Leistungsfähigkeit zugenommen hat“ ERZÄHLERIN Chips, die immer kleiner und leichter werden, ermöglichen eine neue Infrastruktur unserer Informationsgesellschaft: Das „Internet der Dinge“, sagt Genevieve Bell. O-Ton 16 Bell OV Sprecherin Voice Over „Gordon Moore hat bereits vorhergesehen, dass Mikroprozessoren an allen möglichen oder unmöglichen Orten zum Einsatz kommen würden – etwa in Autos, und dass diese Objekte mit anderen Gegenständen kommunizieren würden.“ ERZÄHLERIN Unterschiedliche Objekte – seien sie real oder virtuell – sind miteinander sowie mit dem Internet vernetzt und arbeiten im „Internet der Dinge“ zusammen. Hauchdünne Halbleiter-Chips können dabei nicht nur als Prozessoren Rechnen und Steuern. Sie sind auch als Speicher im Einsatz - und als Sensoren, die messen und Signale übermitteln. Im „Smart Home“ etwa weiß ein „intelligenter“ Kühlschrank, was fehlt – und sendet diese Botschaft ans Smartphone seines Besitzers, sobald dieser den Supermarkt betritt. Beim autonomen Fahren misst ein Sensor den Abstand zu einem vorausfahrenden Auto und meldet dies an einen Prozessor-Chip, der diese Information verarbeitet - und automatisch bremst. MUSIK: ENDLESS DATA (C) 0‘42 Eine segensreich scheinende Zukunftstechnologie – die sich aber schnell als Fluch erweisen kann: Fällt ein für die Sicherheit der Passagiere höchst relevantes Teil aus, ist das ganze System lahmgelegt. Die Omnipräsenz der Mikrochips hat mittlerweile Abhängigkeiten in großem Maßstab geschaffen. Mangelt es – wie während der Corona-Pandemie - gar ganz an Chips, so geraten Wirtschaftskreisläufe ins Stocken, weiß der Halbleiter-Experte Jan-Peter Kleinhans. Er arbeitet für den Berliner Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“. O-Ton 17 Jan-Peter Kleinhans, Halbleiter-Experte Stiftung Neue Verantwortung „Egal, ob das der Traktor ist zum Maisernten, oder das Beatmungsgerät in der Intensivstation, oder der Bankautomat, von dem ich mein Geld hole. All das ist ohne Halbleiter nicht denkbar.“ ERZÄHLERIN Die Chipkrise hat auch die deutsche Wirtschaft bis ins Mark getroffen: Den Bau von Maschinen und Anlagen, sowie die Autoindustrie. In vielen VW-Fabriken ruhte wochenlang die Produktion, weil Mikrochips fehlten. Maschinenbauer mussten trotz voller Auftragsbücher Kurzarbeit anmelden. Die Gründe für den weltweiten Mangel an Mikrochips sind komplex, haben aber viel mit der Pandemie zu tun. Wenn ein Autohersteller einen Chip braucht, bestellt er diesen häufig bei einem Zulieferer. Dieser wiederum kauft bei Halbleiter-Konzernen ein. Doch auch dieses Halbleiter-Unternehmen produziert oft nicht selbst - sondern hat die Herstellung häufig an einen Auftragsfertiger in Asien ausgelagert. Dazu kommt die Chip-Produktion an sich, die an die 1000 Schritte beinhaltet und bis zu drei Monate dauert. Fällt nun – wie bei asiatischen Herstellern geschehen - coronabedingt die Produktion aus, fehlt also plötzlich ein Glied in der Produktionskette, so geht schnell gar nichts mehr. MUSIK: MACHINE LIKE (C) 0‘40 Doch der Chip-Mangel bei deutschen Auto-Herstellern ist auch hausgemacht. Sie selbst stoppten mit der ersten COVID-Welle das Gros ihrer Bestellungen. Als die Nachfrage wieder anzog, fehlten diese Chips. Halbleiter-Hersteller wie Intel, TSMC oder die Münchner Infineon hatten nicht auf ihre Kunden aus der Autoindustrie gewartet – sondern ihre kleinen Bauteile nunmehr in Richtung IT- und Unterhaltungsindustrie weitergeleitet. Deren Verkäufe boomten, weil immer mehr Menschen immer mehr Streamingdienste und Video-Konferenzen nutzten. Der Mangel an Mikrochips in wichtigen Wirtschaftsbereichen schädigt das Wachstum auf kurze und mittlere Sicht, sagt Jan-Peter Kleinhans. O-Ton 18 Kleinhans „Es gibt ja verschiedene Hochrechnungen und Analysen, dass sich die Chipknappheit bereits schon heute auf das Bruttoinlandsprodukt in Europa und zum Beispiel auch in den USA auswirkt. Das ist aber eben in der Tat nur mittelfristig so.“ ERZÄHLERIN Lösungen seien bereits in Sicht, sagt der Halbleiter-Experte Kleinhans: Langfristige Verträge etwa könnten den Auftragsherstellern von Chips mehr Sicherheit geben – und damit Investitionen sowie die stockende Produktion wieder ankurbeln. MUSIK: ANOTHER DAY 0‘55 Halbleiter werden mehr denn je zu einer kostbaren Ware, sagt die australische Wissenschaftlerin Genevieve Bell. Und der Mikrochip zu einem Objekt, das die moderne Wirtschaftswelt im Innersten zusammenhält. O-Ton 19 Bell Sprecherin Voice Over Dank leistungsstarker Analyse-Software konnte man etwa in Rekordzeit die genetischen Marker des Corona-Virus bestimmen und die Impfstoff-Entwicklung voranbringen. Doch letztendlich hat uns dieses „Massenexperiment“ der Pandemie auch gelehrt zu unterscheiden zwischen Angelegenheiten, bei denen wir glücklich sind, wenn sie dank Chips digital funktionieren – und zwischen Dingen, die wir schmerzlich vermissen, wenn sie nicht physisch präsent sind.“
- Der Knoten - Vom Schnürsenkel zum Gottesbeweis
26.03.2024 · 23 Min.
Ob wir uns nun die Schuhe zubinden oder den Müllsack schließen, ob wir segeln oder klettern, nähen oder uns den Pulli umhängen: Knoten sind auch im digitalen Zeitalter allgegenwärtig. Von Julie Metzdorf Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Hemma Michel, Johannes Hitzelberger Technik: Laura Picerno Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Michael S. Karg, Buchautor und Knotenexperte Anna Heringer, Architektin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Dampfmaschine? Elektrizität? Das Rad? Können Sie alles vergessen. Der Knoten war es, der die Menschheit voranbrachte: Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel Dauer: 0´35´´ geknotete Stricke hielten die Axt am Stiel und die Speerspitze am Stock, Schlingen und Schlaufen halfen Lasten zu tragen und Fallen zu stellen, mit Knoten verband man Baumstämme zu Flößen und Hütten, spannte Sehnen an Ästen zu Bögen, knüpfte Netze und überhaupt: die Bezeichnung Steinzeit sollte man abschaffen. „Knotenzeit“ ist viel passender. 1 OT Michael S. Karg also man vermutet, dass der Mensch bereits vor zwei 250.000 bis vielleicht sogar 1 Million Jahre vor unserer Zeit schon begonnen hat, Dinge zu verknoten und den Knoten zu nutzen als Werkzeug. Und wenn man bedenkt, das Rad, das kam ja eigentlich vergleichsweise spät. Und insofern hatte der Knoten schon sehr viel geleistet, bevor das Rad überhaupt erst erfunden wurde. ERZÄHLERIN Michael Simon Karg ist Experte. Er hat ein Buch über die zentrale Bedeutung des Knotens für die Menschheit geschrieben: „Am Anfang war der Knoten“ heißt es. Michael Karg hat einmal Soziologie studiert, aber ein Knoten-Wissenschaftler ist er nicht. Denn eine Wissenschaft vom Knoten gibt es nicht: 2 OT Michael S. Karg Er ist nach wie vor unglaublich wichtig in der Alpinistik, in der Nautik, im Bühnenbau nimmt man ihn her, sogar in der Medizin auch in der Forensik spielt er eine Rolle, eine unglaubliche thematische Breite und gleichzeitig aber auch eine wahnsinnige zeitliche Tiefe. Und ich persönlich habe es mir nur so erklären können, dass es schlicht und einfach zu komplex ist für eine einzige Wissenschaft. Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel Dauer: 0´55´´ ERZÄHLER Wer über Knoten spricht, muss zunächst mal über das Seil sprechen. Über den Faden, die Schnur, das Tau, die Leine. Oder wie man solche „materialisierten Linien“ noch alles nennen kann. Genau genommen ist der Knoten nur ein bestimmter Zustand solch einer Linie. Der Knoten IST das Seil. Das Seil wiederum bleibt beim Verknoten gleich, es ändert sich nicht im Geringsten. Braucht man den Knoten nicht mehr, kann man ihn einfach wieder lösen und hält das Seil vom Anfang in den Händen. Sehr ressourcenschonend. Die Anzahl der Möglichkeiten, WIE man das Seil verknoten kann, geht dabei ins Unendliche. 3 OT Michael S. Karg Er beinhaltet eine irre Komplexität, wenn man bedenkt: aus einer einzigen Leine lassen sich Tausende verschiedene Knoten machen. ERZÄHLER Aber zurück zum Faden, der ist nämlich wichtig: Jeder Knoten kann nur so gut sein wie die Leine, mit der er geknüpft wurde. Musik Misjudgement Dauer: 0´23´´ Die frühen Menschen benutzen zunächst Leinen, so wie sie sie in der Natur vorfanden: Sehnen, Därme, Wurzeln, Lederriemen. Irgendwann entdeckten die Menschen das Verdrillungsprinzip, vor mehr als 40, vielleicht auch 50.000 Jahren, also in Alt- und Jungsteinzeit. Musik In the water Dauer: 0´37´´ ERZÄHLERIN Pflanzliche Materialien wie Flachs, Hanf oder Brennnesseln wurden in einem komplexen Prozess und unter Verwendung mehrerer Werkzeuge zu Garnen verarbeitet. Dazu mussten die Pflanzen erst einmal einige Wochen lang unter Wasser gären. Dann wurden sie getrocknet, gedroschen und gekämmt, Forscher fanden dazu Muschelschalen mit winzigen eingesägten Kerben an den Rändern, die wohl als Kämme gedient haben. Erst dann konnten die Fasern zu Garn und mehrere Garne zu einem Seil verdrillt werden. ERZÄHLER Aber woher weiß man das eigentlich? Pflanzenfasern aus der Altsteinzeit haben wohl kaum bis heute überdauert. 4 OT Michael S. Karg Es gibt höchstens Artefakte, wie zum Beispiel perforierte Steine oder auch Muscheln oder Perlen, wo man natürlich dann den Rückschluss ziehen kann, dass da einfach Fäden durchgezogen wurden. Es gibt aber auch Funde von verdrillten Fasern, die sind bereits 50.000 Jahre alt, aus einer Gegend, und man weiß, dass zu der Zeit nur Neandertaler dort lebten. Also selbst die Neandertaler haben das Verdrillungs-Prinzip für sich genutzt. ERZÄHLERIN Und der ganze Aufwand nur, um ein besseres Ausgangsmaterial für den Knoten zu bekommen. Die Verdrillung von Fasern zu Garnen und Seilen gilt als eine der bedeutendsten technologischen und kulturellen Errungenschaften der Menschheit – und der Knoten war wohl ihr Auslöser. Knoten waren extrem wichtig. Sie waren der Grundbaustein für eine unüberschaubare Menge an neuen Werkzeugen: Schlingen und Netze zum Sammeln und Jagen, Flechtwerk für Körbe, Gewebe für Segel und Kleidung. M Alter Ego Dauer: 0´53´´ ERZÄHLER Heute kennen die Menschen vor allem einen Knoten: den sogenannten Überhandknoten. Es ist der einfachste Knoten der Welt: Man nimmt eine Leine und legt mit einem Ende ein Auge, also eine Art Kreis. Dann sticht man mit dem losen Ende von unten durch den Kreis hindurch. Festzurren, fertig. Der Überhandkoten ist ein Stopperknoten. Jeder kennt und verwendet ihn, z.B. um damit einen Luftballon zu verschließen. ERZÄHLERIN Soll ein Knoten etwas zusammenhalten, wird er mit zwei Seilenden geknotet: Rechts über links, unten durchziehen, und dann noch einmal rechts unter links, fertig ist der ewig schöne Kreuzknoten. M Knoten knoten weg ERZÄHLER Sie merken schon: Knoten erklären ist eine echte Herausforderung! Zur Weitegabe von Wissen ist es aber wichtig. Eines der bedeutendsten Knotenbücher ist das „Ashley-Buch der Knoten“ von 1944. Es umfasst mehr als 7000 Zeichnungen, die annähernd 4000 verschiedene Knoten darstellen. Elf Jahre hat der Künstler und Seemann Clifford Ashley daran gearbeitet. Ein Buch über Knoten im Schaufenster eines Buchladens war es auch, das den Autor Michael Karg zum Knoten-Enthusiasten machte: 5 OT Faszination - Michael S. Karg Diese Gleichzeitigkeit von der Einfachheit einer Leine, was kann es einfacheres geben als eine Leine und dann diese irre Komplexität – und gleichzeitig aber auch diese existentielle Dualität: Leinen können töten, aber sie können eben auch Leben retten. ERZÄHLERIN Erst beim Schreiben seines Buchs über die Kulturgeschichte des Knotens fiel Michael Karg auf, dass seine Faszination vielleicht auch etwas mit einem einschneidenden Ereignis in seinem Leben zu tun haben könnte: 6 OT Rettung - Michael S. Karg 2005 bin ich mit fünf Freunden, wir hielten es für gute Idee, auf der Isar Boot zu fahren, und sind dann aber ziemlich schnell gekentert in der Wasserwalze. Und ja hatten da einfach überhaupt keine Möglichkeit, rauszukommen aus eigener Kraft. Und irgendwann kamen dann eben die Hubschrauber, und da hing dann eben auch das Seil herab, und das hat und dann alle unversehrt Gott sei Dank wieder herausgezogen. M Lights Dauer: 1´19´´ ERZÄHLER Doch Knoten dienen nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Symbol: Ausgehend von ihren Funktionen stehen Knoten heute vor allem für Verbundenheit, Vertrauen und Sicherheit. Das passt zur heute üblichen praktischen Anwendung von Knoten in Seefahrt, Alpinistik und Bühnentechnik. Im Sport begegnen uns Knoten zum Beispiel an der Saitenbespannung von Tennisschlägern, in der Musik an der Gitarre und selbst Chirurgen verschließen Nähte heute genau wie ihre Kollegen vor 2000 Jahren oft mit einem Kreuzknoten, hinzu kommen zum Beispiel Gleitknoten: Diese können am Fadenende gelegt und dann zur Nahtstelle hingeschoben werden. Angehende Chirurgen müssen sich während ihrer Ausbildung jedenfalls ernsthaft mit Knoten beschäftigen. ERZÄHLERIN Knoten haben einen abschließenden Charakter: Der Name Knut bedeutet im Skandinavischen Knoten. Man nannte denjenigen Sohn Knut, mit dem man die Familienplanung abzuschließen, also gewissermaßen zuzuknoten gedachte. Aber wie wir wissen: man kann Knoten auch wieder lösen, falls man es sich anders überlegt… 7 OT Michael S. Karg Und der Knoten war eigentlich auch in vielen Kulturen immer auch ein Symbol für Treue. Also man hat zum Beispiel in Skandinavien noch sehr lange an Knoten eine verwendet als Ehe-Symbol, also die Kirche hatte es eigentlich relativ lange es schwer gehabt, den Ring einzuführen, weil er einfach der Knoten so eine starke Bedeutung gehabt hat. M Boleras Sevillanas Dauer: 0´48´´ ERZÄHLER Aber nicht nur Menschen, auch Städte konnten treu sein. Die andalusische Metropole Sevilla hat den Knoten deshalb im Stadtwappen. Vom Kanaldeckel übers Leihfahrrad bis zur Werbung einer Bankfiliale: Das 8-förmige Knotensymbol findet sich überall in der Stadt, meist eingebettet in das Wort „nodo“, was nichts anderes heißt als Knoten. Zugleich umfasst „nodo“ aber auch den Anfang und Ende des Ausspruchs „No me ha dejado“ - sie hat mich nicht verlassen. Genau das soll König Alfonso der Weise gesagt haben, als die Stadt bzw. ihre Bewohner ihm im Kampf beigestanden haben. Das könnte sich kein Stadt-Marketing-Experte des 21. Jahrhundert besser ausdenken, und ob der König das nun wirklich so gesagt hat oder nicht: die identitätsstiftende Wirkung von Anekdote und Symbol sind unbestritten. ERZÄHLERIN Falls Sie jetzt direkt mit dem Knoten anfangen wollen: Kein Problem! Man braucht keinerlei Vorbildung. Eine schöne Leine, die gut in der Hand liegt und einfach mal drauflosgeknotet. Selbst Kinder können schon Knoten binden. Die international hochdotierte Architektin Anna Heringer aus Laufen an der Salzach ist für das Bauen mit Lehm bekannt. Aber auch Knoten benutzt sie in ihren Gebäuden gern. Ihre ersten hat sie bei den Pfadfindern gemacht: 8 OT Anna Heringer Für mich waren die Knoten ganz essenziell beim Bau meines ersten Gebäudes, bei der METI-Schule, das ist im Erdgeschoss ein Lehmbau, aber im Obergeschoss ist es ein Bambusbau. Und wenn man damals so die Literatur über Bambus angeschaut hat, dann waren das alles so Metallgelenke, die dann auch wieder teilweise ausgegossen waren mit Beton, die Zwischenräume usw. … Und dann hab ich mir gedacht, bei den Pfadfindern bauen wir das doch auch alles mit Knoten. ERZÄHLER Für ihre preisgekrönte METI-Schule in Bangladesch hat Anna Heringer Bambusstäbe zu tragenden Decken zusammengefügt. Die Knoten übernahmen hier nicht nur wichtige Funktionen, sie wurden auch ganz bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt. Stundenlang haben Anna Heringer und ihr Team mit den Bauarbeitern vorab geübt, schöne, gleichmäßige Knoten zu machen. 9 OT Anna Heringer Das war eben das Schöne, weil ich es als Jugendliche und Kind wirklich gelernt habe, auf Knoten zu vertrauen. Wir haben halt im Lager immer unsere Sisal-Seile und Schnüre dabeigehabt. Und mit denen haben wir immer von Bauern ein paar Fichten-Rundlinge gekriegt, haben damit alle möglichen Bauten gemacht, Türme, auf denen wir dann oben natürlich gestanden sind. Und dann habe ich gemerkt, wie viel das tragen kann. ERZÄHLERIN Selbstwirksamkeit lautet das Stichwort. Beim Knoten können Kinder wichtige Erfahrungen machen, sie spüren, wieviel Kraft in einem Knoten steckt und lernen früh, wie schön einfache Dinge sein können. 10 OT Anna Heringer Quasi mein allererstes Architekturstück war auch ein Knotenstück, und deswegen habe ich Vertrauen gehabt in Knoten. Im Team, dem Bangladesch Bauteam war auch mein Cousin Emmanuel Heringer dabei, und der ist auch Pfadfinder und Zimmerer und Korbflechter. Und diese Kombination war natürlich genial, und er hat dann wirklich diese, diese Knotentechnik, die wir aus der Jugend konnten, dann einfach dann noch mal verfeinert. Ich: Und haben sie während ihres Studiums der Architektur jemals etwas von Knoten gehört? Heringer: … M-M. Nee… G Seemöwen ERZÄHLER Heute bringen wir Knoten schnell mit Seefahrt und Segelsport in Verbindung. Mit Leinen und Knoten wurden einst Segel, Ruder oder Steuerrad befestigt, die Ladung fixiert oder das Schiff selbst am Kai verankert. Doch Knoten hatten auf einem Schiff von jeher nicht nur praktische Bedeutung. Sie dienten auch dem Zeitvertreib, Taue und Zeit waren ja ausgereichen vorhanden. So wurden Seemänner zu Meistern des dekorativen Knotens und verzierten allerlei kleine Dinge, Griffe an Kisten zum Beispiel oder das Steuerrad. Wer besonders kunstvolle Knoten knüpfen konnten, genoss in der Mannschaft hohes Ansehen. M Aimless 0´20´´ unter: ERZÄHLERIN Letztlich waren Knoten sogar eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken: Der Überlieferung nach übergaben Seemänner ihrer Liebsten bei der Abreise einen sogenannten Liebesknoten, eine Schnur mit zwei Knoten. Waren sie bei seiner Rückkehrt immer noch zusammengezogen, hieß das, dass die Liebste treu geblieben war. M Alter Ego Dauer: 0´33´´ ERZÄHLERIN Das Besondere an Knoten: Sie sind sowohl Werkzeug als auch Werkstoff. Der Knoten entsteht aus der Leine selbst. Wenn wir ihn nicht mehr brauchen, verschwindet er wieder und hinterlässt keinerlei Müll. Gerade noch Leben gerettet und schon in Luft aufgelöst, als hätte es ihn nie gegeben. Die Leine ist wiederverwendbar, und sofort bereit für einen nächsten Knoten. ERZÄHLER Ressourcenschonender geht’s nicht. Welch gute Dienste ein Knoten bei alldem leistet, beweist ein Blick auf den Hochleistungssport. Sportartikelhersteller geben jährlich Millionen von Euro für die Entwicklung neue High-Tech-Materialien aus, die Schuhe werden immer leichter und steifer, die Läufer immer schneller. Doch egal ob Fußballer oder Marathonläuferin: Am Ende schließen sie ihre High-Tech-Schuhe mit einer prähistorischen Verbindungstechnik und machen den guten alten Schnürsenkelknoten. Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel ERZÄHLERIN Aber Knoten sind nicht nur praktisch. Schon das Mittelalter kannte Knoten nicht nur als Hilfsmittel bei Jagd und Handwerk, sondern auch als Informationsträger: Müller zum Beispiel nutzten zum Verschließen der Mehlsäcke unterschiedliche Knoten, die über den Mahlgrad des Mehls Auskunft gaben. Die Ureinwohner Nordamerikas kannten ein auf Knoten basierendes Kalendersystem, 12 OT Michael S. Karg indem man also Leinen mit einer bestimmten Anzahl von Knoten knüpfte, wobei jeden Tag ein Knoten zu lösen war. So konnten sich unterschiedliche Stämme auch miteinander koordinieren, für einen zukünftigen Treffpunkt und Zeitpunkt. Dann weiß man zum Beispiel von den Maya, die haben das Rechen-Instrument verwendet… ERZÄHLER Die Maori wiederum nannten Knoten den „Ursprung des Wortes“. Tatsächlich berichten Knoten-Profis immer wieder, Knoten zu knüpfen sei wie eine Sprache mit einer eigenen Grammatik, bei der sich einzelne Teile immer wieder neu zusammensetzen lassen und aufeinander aufbauen. Die Beschäftigung mit Knoten dürfte das abstrakte Denken der frühen Menschen gut geschult und die Entwicklung von Sprache vorangetrieben haben. ERZÄHLERIN Gleichzeitig blieben Knoten den Menschen immer rätselhaft. Das spiegelt sich in ihrem symbolischen Gehalt: Knoten stehen für Ewigkeit und Unendlichkeit oder für die Welt an sich, also für Dinge, die sich der Mensch nicht recht vorstellen kann. Denn es gibt Knoten, die alle physikalische Logik aufzuheben scheinen und selbst geübte Knotenknüpfer immer wieder staunen lassen, wie sie eigentlich funktionieren. M Alter Ego Dauer: 0´45´´ Der Eiszapfenstek zum Beispiel hält wie von Zauberhand an einem glatten, spitz nach unten zulaufenden Gegenstand. Beeindruckend findet Michael Karg auch den Constrictor bzw. „Würge-Knoten“: 13 OT Würgeknoten - Michael S. Karg Man wirft da ein Seil eigentlich nur, sage jetzt mal dreimal um einen Gegenstand rum und zieht ihn zweimal unter sich selbst durch. Und der hat so eine unglaubliche Wirkung, man zieht an beiden Händen an und egal wie fest, er hält dann einfach, er hält sich selbst fest. Für Urvölker war diese zum Teil nicht mehr nachvollziehbare Funktion von Knoten, diese Wirkung, die er entfaltet, einfach ein Beleg für so eine gewisse göttliche Einwirkung in diese Knoten. ERZÄHLER Der Würgeknoten als Gottesbeweis… Im christlichen Kontext begegnen uns Knoten tatsächlich immer wieder, an Säulen oder in der Buchmalerei. Be der Ordenstracht der Franziskaner ist das Cingulum ein weißer Strick - die drei Knoten dieser Kordel stehen für Armut, Gehorsam und Keuschheit. 14 OT Symbolik- Michael S. Karg Gerade im christlich abendländischen Raum hat der Knoten eine sehr positive Bedeutung gehabt, Knotensäulen, und das hat sich aber dann innerhalb von ein paar Jahrhunderten gewandelt und der Knoten hat dann im Spätmittelalter eine ziemlich schlechte Konnotation erhalten. M Causic – slow motion Dauer: 0´53´´ ERZÄHLERIN Plötzlich waren Knoten ein Problem, mussten gelöst oder durchschlagen werden. Im 18. Jahrhundert etwa tauchen vermehrt Gemälde mit dem gordischen Knoten auf. Einer griechischen Sage nach war das ein Knoten am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios. Er verband die Deichsel des Wagens mit dem Zugjoch und soll aus dem besonders festen Bast der Kornelkirsche gefertigt gewesen sein. Ein Orakel hatte vorhergesagt, wer diesen Knoten löse, würde über Asien herrschen. Viele Tüftler versuchten sich an der Aufgabe und scheiterten. Alexander der Große soll den Knoten schließlich einfach mit seinem Schwert durchgeschlagen und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet haben. M Wooden structure Dauer: 0´30´´ ERZÄHLER Ein Schwert zum Durchschlagen wünscht man sich manchmal auch beim täglichen Kampf mit ungewollten Knoten: Kopfhörerkabel, Wäschestücke, Strickwolle und der Unterfaden an der Nähmaschine verknoten sich regelmäßig von ganz allein zu herausfordernden Knäueln. Es gibt auf Youtube sogar Tutorials, wie man seine Kopfhörer wickeln soll, damit sie nicht verknoten. ERZÄHLERIN Zu einigem Ruhm hat es eine barocke Darstellung der Jungfrau Maria als Knotenlöserin in einer Augsburger Kirche gebracht: M Facades aus: Melody for Saxophone Nr. 12 / Facades Dauer: 0´26´´ das Gemälde aus dem Jahr 1700 zeigt Maria auf einer Mondsichel, in den Händen hält sie ein langes weißes Band, das sie von vielen Knoten befreit. Mit ihrem Fuß tritt sie auf den Kopf einer verknoteten Schlange, Symbol für den Sündenfall. Die Schlange spiegelt das Band mit den Knoten, indem Maria die Knoten löst, macht sie gewissermaßen den Sündenfall rückgängig. 15 OT Michael S. Karg Und diese Madonna als Knotenlöserin ist in Südamerika sehr beliebt, weil der Papst Franziskus während seines Deutschland-Aufenthalts dieses Bild eben entdeckt hat und war dann so fasziniert davon, dass er das bei sich zu Hause dann eigentlich so ein bisschen auch promotet hat und das hat offenbar hohen Anklang gefunden. ERZÄHLER Eine der beeindruckendsten Knotendarstellungen kommt von Leonardo da Vinci. Er schuf die sogenannte Concatenation, ein hochkomplexes Ornament aus einer einzigen durchgehenden Linie, die sich in immer wieder neuen Knoten und Verschlingungen systematisch auf dunklem Untergrund windet und das ganze Blatt füllt. Musik Misjudgement Dauer: 0´50´´ ERZÄHLERIN Leonardo galt der Knoten in der Renaissance als Ideal-Objekt, in dem Schönheit und Nützlichkeit, abstraktes Denken und praktisches Handwerk, Wissenschaft und Dekor zusammenkommen. Ein komplexer Knoten stand sinnbildlich für die Rätsel der Natur – die es zu lösen galt wie einen Knoten. Das großflächige Ornament aus einem einzigen weißen Band zu bilden, entspricht der philosophischen Idee vom Sein an sich: aus dem Einen das Viele. Inspiration für seinen Knoten-Symbolik erhielt Leonardo vermutlich von seinem Landsmann Dante Alighieri, der hatte in seiner Göttlichen Komödie die komplexe Darstellung eines Knotengeflechts als Metapher für das Universum benutzt. M Alter Ego Dauer: 0´46´´ ERZÄHLER Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird viele Knoten finden. Und manches Mal wird er sie auch vermissen: unlösbare Kabelbinder aus Kunststoff ersetzen den guten alten Strick immer öfter. Ein anderes Beispiel ist der Kordelstopper an Jacken und Rucksäcken. Er soll verhindern, dass eine Kordel in den Tunnel hineingezogen wird. Abermillionen von diesen kleinen Plastikteilen sind in Umlauf und werden am Ende mit der abgetragenen Kleindung einfach weggeworfen. Dabei ist der Materialaufwand völlig überflüssig: Ein einfacher Knoten hätte es auch getan.