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Louis Braille - Der Erfinder der Blindenschrift

04.01.2025 · 25 Min.

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Über diese Folge

Louis Braille, geboren 1809, war blind und ein genialer Erfinder: Er erfand die Braille-Schrift, ein Punktsystem, das Blinden mühelose Leselust ermöglicht und ihnen die ganze Welt des Wissens erschließt. Von Brigitte Kohn (BR 2023)

Credits
Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Katja Bürkle, Andreas Neumann
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Yvonne Maier

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Interviewpartner/innen:
Dr. Aleksander Pavkovic, Slawist,  Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. 

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Literaturtipps:

Drave, Wolfgang: 200 Jahre Blindenbildung in Deutschland, Edition Bentheim, 2006.

Jousse, Hélène: Die Hände des Louis Braille. Roman. Faber § Faber Leipzig 2020.

Mellor, C. Michael Mellor: Louis Braille. Fühlbare Genialität. Blindenschrift-Verlag „Pauline von Mailinckrodt, Paderborn 2009.

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  • Archetypen – Urbilder der Seele?

    02.01.2025 · 22 Min.

    Bilder, die seit Generationen die gleichen Emotionen und Assoziationen in uns auslösen? Allgemeingültige Vorstellungen oder gar Handlungsmuster, die alle Menschen teilen? C.G. Jungs Konzept von den Archetypen, universalen Urfiguren, ist nicht nur graue Theorie, sondern auch Bestandteil moderner Psychotherapie. Von Frank Halbach Credits Autor und Regie dieser Folge: Frank Halbach Es sprachen: Edith Saldanha, Christian Baumann Technik: Moritz Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Dr. Christian Rösler, Professor für Klinische Psychologie, Psychoanalytiker und Psychotherapeut. Dr. Ute Mahr, Psychologin und Psychotherapeutin, Autorin von „Handbuch Archetypen-Therapie“. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Beowulf - Archetyp und Monstertöter HIER Warum wir Rituale brauchen - Anker im Alltag HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Literatur: Micha Brumlik. C. G. Jung. Zur Einführung. Hamburg 1993. Carl Gustav Jung: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. Zürich 1935. Ute Mahr: Handbuch Archetypen-Therapie: Der Blick in die Struktur der Seele. Nürnberg 2010. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Kennen Sie das? Träume mit Bildern oder Symbolen, die scheinbar nichts mit dem im Alltag erlebten zu tun haben? Betörende Nymphen oder schreckliche Drachen? Lodernde Feuersbrünste oder orkangepeitschte Ozeane? Die sich häutende Riesenschlange oder der majestätische Löwe? SPRECHERIN Welcher Bilder bedient sich das Unbewusste, um uns unsere gegenwärtige Lage mitzuteilen? SPRECHER Oder sind es mythische Sinnbilder, Ur-Metaphern, die jeder Mensch in sich trägt? SPRECHERIN Archetypen. So nennt man in der Analytischen Psychologie Grundstrukturen menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster, die einem kollektiven Unbewussten angehören sollen – in den Urbildern von Mythen, Träumen Märchen, Religion und Kunst entfalten Archetypen demnach ihre Wirkkraft auf die Psyche des Menschen. SPRECHER Das tiefenpsychologische Konzept der Archetypen geht auf den Schweizer Psychiater und Psychologen Carl Gustav Jung zurück. MUSIK ENDE O-Ton 1 Rösler (00:34) Carl-Gustav Jung hat zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen, als Psychiater im berühmten Burghölzli in Zürich. Und die haben da einen neuen Ansatz ausprobiert, Psychotiker zu behandeln. Bis dahin galten die sozusagen als eine organische Störung des Gehirns. Und der neue Ansatz war zu sagen: „Nein, da steht ein Sinn dahinter. Aber wir verstehen den eben noch nicht. Aber wenn wir den verstehen können, kriegen wir vielleicht einen Zugang zu den Patienten und zur Krankheit.“ SPRECHER Dr. Christian Rösler ist Professor für Klinische und Analytische Psychologie, Psychotherapeut und Psychoanalytiker. O-Ton 2 Rösler (02:28) Der Kern im Grunde des Archetypen-Konzeptes ist, dass in unserer Psyche Urbilder angelegt sind - so hatte er das ursprünglich genannt, erst später kam der Begriff Archetypen - und dass diese Urbilder […] sich zeigen, insbesondere in Psychosen. Und später, hat er das weiterentwickelt, dass eben diese Archetypen im Grunde die ganze Entwicklung der Persönlichkeit gestalten, so dass am Ende bei Jung die Vorstellung stand, dass die Entwicklung der Persönlichkeit auch beim gesunden Menschen gestaltet ist durch eine bestimmte Abfolge von archetypischen Bildern. SPRECHER „Archetypen sind kollektiv vorhandene unbewusste Bedingungen, welche als Regulatoren und Anreger der schöpferischen Phantasietätigkeit wirken und entsprechende Gestaltungen hervorrufen, indem sie das vorhandene Bewusstseinsmaterial ihren Zwecken dienstbar machen.“ SPRECHERIN Definierte 1946 in seiner Schrift „Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen“. C.G. Jung. Allerdings hat er selbst seine Definition davon, was Archetypen seien, ständig überarbeitet, revidiert und erweitert. SPRECHER Wie also definiert die Analytische Psychologie Archetyp heute? O-Ton 3 Rösler (32:41) Also wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass es in Bezug auf die Archetypentheorie in der Analytischen Psychologie sehr viel Konfusion gibt. Das fängt allein schon damit an, wie man Archetypen definiert. Ich habe selbst mal eine Studie gemacht, wo ich Kollegen und Experten aus dem Feld gefragt habe: Wie definiert ihr denn Archetypen? Da kam völlig unterschiedliche Definitionen raus, die zum Teil auch völlig inkompatibel waren. Und das zeigt allein schon, dass, was wir darunter verstehen, da gibt es überhaupt keinen Konsens. SPRECHERIN In C.G. Jungs Theorie repräsentieren grundlegende Archetypen universelle Muster eines kollektiven Unbewussten. Jung hat die Existenz von Archetypen aus dem Vergleich von Motiven aus Träumen besonders, aus Märchen, Sagen, und astrologischen Vorstellungen und vergleichender Religionswissenschaft und Mythologie abgeleitet. Auch die Motivik der Alchemie lieferte ihm viel Vergleichsmaterial. O-Ton 4 Roesler (07:36) Die Alchemisten haben im Grunde mit chemischen Substanzen operiert. Und Jung war eigentlich der Auffassung, dass das gar nicht um Chemie an sich geht, sondern dass die ihre eigenen psychischen Prozesse in das Material hineinprojiziert haben. Und dass es eigentlich um Philosophie und Persönlichkeitsentwicklung und ja im Grunde ein transzendentales Weltmodell geht. SPRECHER C.G. Jung kam letztlich zu dem Schluss: Archetypen sind prototypisch, von der Kultur unabhängig und immer wiederkehrend. Sie sind tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt und haben somit starken Einfluss auf unsere Kultur, unsere Träume und auf unsere individuellen Biographien. MUSIK „Organics“; ZEIT: 00:17 SPRECHERIN Die große Mutter, der Held, der Schatten… MUSIK ENDE O-Ton 5 Rösler (03:36) Also die Idee ist, dass die Archetypen im Grunde einen Prozess in Gang setzen, der zur Zentrierung der Persönlichkeit führt und letztlich auch zur Realisierung von noch ungelebten oder undifferenzierten Persönlichkeitsanteilen. Und dass dieser Prozess im Grunde einer Landkarte folgt, die man beschreiben kann. Und das ist natürlich eine total interessante Idee, weil wenn das so wäre, könnten wir Psychotherapeuten, wenn wir über diese Landkarte verfügen, sozusagen unsere Patienten durch diesen Prozess geleiten, weil wir sozusagen schon wissen, was da kommt. Oder weil wir das, was auftaucht, dann interpretieren und einordnen können. MUSIK privat Take 002 Nfrt.y.ty; Album: Homo Infinitus; Label: Amores Solitares – AS001; Interpret: Lum/ Sunru: Komponist: Lum; ZEIT: 00:43 SPRECHERIN In der Behandlung von Patienten in der Psychiatrie stieß C.G. Jung bei der Erforschung dieser „Landkarte“ immer wieder auf Halluzinationen oder Träume, in denen Bilder vorkamen, die mythischen Symbolen glichen. Woher kamen diese Symbole? SPRECHER Sie waren offensichtlich nicht einfach erlernt. Archetypen seien vielmehr vorbewusste Strukturen der Psyche, meinte Jung, Formen eines von Anfang an vorhandenen kollektiven Unbewussten: SPRECHERIN Grundmuster instinkthaften Verhaltens. SPRECHER Das hieße demnach, der Mensch verfügt über angeborene psychische Strukturen? MUSIK ENDE O-Ton 6 Rösler (15:03) Ja, grundsätzlich schon. Allerdings muss man gleich dazusagen, dass diese Strukturen eben nicht übereinstimmen mit dem, was Jung sich unter Archetypen vorstellte. Also was man heute weiß, ist dass das menschliche Neugeborene ausgestattet ist mit bestimmten Fähigkeiten und Kompetenzen, die sich vor allen Dingen auf Interaktion in sozialen Beziehungen richten. Und damit kann man sehr stark argumentieren, dass wir von Natur aus Beziehungswesen sind. Also zum Beispiel können Neugeborene schon recht bald Mimik lesen, im Gesicht ihrer Bezugsperson können darauf reagieren. Sie interessieren sich sehr für Sprache, für Sprachmelodie. Da fokussieren sie sehr stark drauf. […] Sie haben eine sogenannte angeborene Spracherwerbsfunktion. SPRECHERIN In C.G. Jungs Konzept drängen Archetypen gezielt auf die Verwirklichung eines Zustandes, auf Entfaltung. Grundlegende Archetypen bei C.G. Jung sind: MUSIK „In doubt“; ZEIT: 01:19 SPRECHER Das Selbst: die Vereinigung des Bewusstseins und des Unbewussten, das Streben nach Ganzheit, nach dem Ziel der persönlichen Entwicklung. SPRECHERIN Der Schatten: Er steht dem positiven Selbstbild des Menschen entgegen. Die „Dunkelheit“ des Schattens steht für seine Unbewusstheit. Schattenarbeit ist Bewusstwerdungsarbeit am persönlichen Unbewussten. SPRECHER Das Kind: alle Erfahrungen, eines Menschen, die er in der Kindheit gemacht hat und zugleich alle mit der Kindheit assoziierten Merkmale aus der kollektiven Psyche. Die bekanntesten Varianten: das geliebte Kind, das verwundete Kind, das verlassene und das ewige Kind. SPRECHERIN Die Mutter: die Große Mutter oder Urmutter, die Vorstellung von einer gebärenden und Schutz gewährenden Frau. Dem gegenüber steht das Bild von der zerstörenden, verschlingenden Mutter. SPRECHER Gott: der Übermächtige, fern und nah zugleich, Furcht einflößend und Vertrauen erweckend, der Geheimnisvolle – das "Numinosum". SPRECHERIN Und nicht zuletzt: Animus und Anima - „Personifikationen einer weiblichen Natur im Unbewussten des Mannes und einer männlichen Natur im Unbewussten der Frau“. Archetypische Symbole der Anima wären: die Sirene, die Loreley, die fremde Schönheit, die unerreichbare Geliebte. Beispiel für Symbole des Animus: der verlockende Magier, der starke Held, der zauberhafte Künstler oder der spirituelle Führer. MUSIK ENDE O-Ton 7 Rösler (34:16) Ich glaube, es braucht eine gewisse Skepsis in Bezug auf die Strukturen und Theorien, die Jung da formuliert hat. Da war er doch an mancher Stelle sehr ein Kind seiner Zeit. Also zum Beispiel, was das Verhältnis der Geschlechter angeht und männliche und weibliche psychische Anteile usw. Wobei er auch natürlich an der Stelle revolutionär war, insofern, als er als Erster die Idee formuliert hat, das eben jeder Mensch auch gegengeschlechtliche Anteile in sich hat. Das ist eine wirklich sehr interessante Idee. SPRECHERIN Ein weiterer Kritikpunkt für Professor Christian Rösler ist, dass Jung zwar menschheits-umfassende Archetypen postulierte, aber selbst nicht nur Kind seiner Zeit, sondern auch seines Kontinents blieb. O-Ton 8 Rösler (13:26) Das ist im Grunde auch ein zentraler Kritikpunkt an Jung, dass er also, obwohl er sich für außereuropäische Kulturen interessiert hat, letzten Endes in seinem Grundmodell sehr eurozentrisch geblieben ist. Und im Grunde auch was in der griechischen und römischen Antike es an Vorstellung gab, das hat er als universell gesetzt. Was tatsächlich bei genauerer Überprüfung eben so nicht stimmt. Also ein zentrales Beispiel ist diese Vorstellung von der großen Mutter, die eben ein Archetyp ist bei Jung. SPRECHERIN Vorstellungen über einen solchen archetypischen Kult der Muttergottheiten beruhen auf Mythenkonstruktionen des 19. Jahrhunderts über die Große Göttin, die mit altsteinzeitlichen und jungsteinzeitlichen Statuetten in Verbindung gebracht wurden. Der britische Prähistoriker Andrew Fleming meinte dazu schon 1969: SPRECHER „Solche Theorien verraten meist mehr über die Weltsicht ihrer Vertreter als über die Vorgeschichte.“ SPRECHERIN Vieles, was C.G. Jung für angeboren, von vornherein in einem kollektiven Unbewussten verankert hielt, scheint aus heutiger Sicht sozialisiert. Das betrifft Vorstellungen über Geschlechterrollen ebenso wie die Annahme eines für alle Kulturen gleichen Musters von Religion. O-Ton 9 Roesler (22:03) Es gibt diese universell übereinstimmenden Inhalte nicht, bis auf eine Ausnahme: Das sind die Mythologien. Da gibt es tatsächlich verblüffende Übereinstimmungen. Also man findet Märchen in der Südsee, die also fast zu 100 Prozent übereinstimmen mit einem Märchen aus Lappland. Und das war tatsächlich immer schon eine Frage in der Ethnologie: Wie kann man das erklären? Da gibt es mittlerweile aber einen Ansatz von einem Harvard-Ethnologen, der quasi argumentiert, mit der Ausbreitung des Homo sapiens über die Welt. Wir wissen heute, das ist sehr gut belegt durch archäologische Funde, durch genetische Studien und so weiter, dass der moderne Mensch Homo sapiens sich etwa vor 65.000 Jahren aus Afrika zunächst mal an der Südküste Asiens entlang ausgebreitet hat und von dort dann über eiszeitliche Landbrücken nach Indonesien, Australien und dann über die Beringstraße-Landbrücke nach Amerika. Und wenn man diesen Routen folgt und den Zeiten, wann Menschen wo angekommen sind, kann man rekonstruieren, das mit ihnen eben auch die Mythologien gewandert sind. MUSIK privat Take 002 Nfrt.y.ty; Album: Homo Infinitus; Label: Amores Solitares – AS001; Interpret: Lum/ Sunru: Komponist: Lum; ZEIT: 00:37 SPRECHER Bestimmte mythologische Motive, wie zum Beispiel das von einer Sintflut finden sich so überall auf der Welt. SPRECHERIN Für sie gibt es wiederum gute Erklärungen jenseits eines kollektiven Unbewussten. Am Ende der letzten Eiszeit sind die Meeresspiegel zum Teil so schnell angestiegen, dass Menschen weltweit dieses Phänomen als Sintflut erlebt haben und so in ihren Mythologien verarbeitet haben. SPRECHER Eine ganze Reihe von Behauptungen, die C.G. Jung in seiner Theorie aufgestellt hat, muss also als eindeutig widerlegt gelten. MUSIK ENDE O-Ton 10 Roesler (24:41) Was ich aber tatsächlich wertvoll finde nach wie vor an der Archetypen-Theorie ist die Idee, dass psychische Veränderungsprozesse wie zum Beispiel in Psychotherapien, aber auch zum Beispiel in spirituellen Entwicklungswegen, dass die eine universelle Struktur haben, also dass die nach bestimmten Mustern verlaufen. SPRECHER Dr. Ute Mahr arbeitet viel mit solchen Mustern in ihrer Praxis. Ihr „Handbuch Archetypen-Therapie“ verbindet die Erfahrungen aus 20-jähriger Praxis als Psychotherapeutin und universitärer Psychotherapieforschung. SPRECHERIN Von C.G. Jungs Theorie ausgehend hat sie spezifischere Archetypen für innerseelische Strukturen definiert: so etwas wie innerste Identitäten. O-Ton 11 Mahr (19:15) Als allererstes die Seelen Rolle. Man könnte sagen das ist so das Basis-Potenzial. Und das entspricht jetzt sehr den Archetypen von C.G. Jung. MUSIK „Particle“; ZEIT: 00:43 SPRECHER Der Heiler: mütterlich, einend, harmonisierend. SPRECHERIN Der Künstler: Etwas ins Leben bringen, die eigene Individualität ausdrücken. SPRECHER Der Krieger: Handeln, Disziplin und Pflicht. SPRECHERIN Der Gelehrte: Wissen sammeln, möglichst vollständig, systematisch. SPRECHER Der Weise: Mit dem ganzen Wesen kommunizieren, erworbenes Wissen teilen. SPRECHERIN Der Priester: Streben nach dem höheren Ideal. SPRECHER Der König: durchsetzungsstark, führen, leiten. MUSIK ENDE SPRECHERIN „Seelische Archetypen“, die im Menschen angelegt seien. Im therapeutischen Gespräch, Selbstwahrnehmung und körperorientierter Psychotherapie nähert sich Dr. Ute Mahr mit ihren Klient*innen diesen Basispotentialen. Sie betont dabei, dass es sich bei diesen „seelischen Impulsen“ nicht um lebenslang gleichbleibende Strukturen handelt O-Ton 12 Mahr (17:27) Was ganz Wesentliches in der Arbeit mit den Archetypen: Die haben einen innewohnenden Umsetzungsdrang - ich will was tun. Und eine gelingende Therapie hat für mich immer mit Potentialentfaltung mit Wirksamkeit, mit wirksam werden, zu tun. SPRECHERIN Ute Mahr bearbeitet mit ihren Klientinnen und Klienten in der Regel zunächst die Ängste, die die Entfaltung des Potentials entgegenstehen und macht sich mit ihren Klienten daran, gemeinsam das Entwicklungsziel zu definieren. O-Ton 13 Mahr (28:13) Die zweite Grundkategorie ist die Angst. (…) Das Basispotenzial ist das eine, was eint. Die Angst, ist das zweite, was entzweit. Das heißt aber wenn ich selber Angst habe, kann ich meinen Archetyp nicht umsetzen. Weil etwas hemmt mich. (…) Das heißt sie verdeckt das Potenzial. Der Mensch kann sich gar nicht entfalten. Und das liegt gar nicht bei den äußeren Umständen, sondern wir sind nur bei der eigenen Angst. SPRECHER Archetypische Kräfte bieten so einerseits großes Entwicklungspotential, andererseits ist das Vordringen zu einem angenommenen inneren „Basispotential“ keineswegs einfach. SPRECHERIN Denn wer sich auf die Innenreise begibt, begegnet Widerständen: inneren, wie der Angst, und auch äußeren. Und beides hängt zusammen: Die Angst davor, das Gewohnte, scheinbar sichere verlassen und die Reaktion darauf - denn oft hat es die Umgebung nicht besonders gern, wenn sich ein Mensch plötzlich anders verhält als gewohnt, wenn er sich gewissermaßen auf die Reise macht. MUSIK privat Take 002 „Kukulkán (Original Mix)“; Album: Afiafi; Label: Random Collective ---; Interpret: AmuAmu; Komponist: AmuAmu; ZEIT: 01:49 SPRECHER Ängste zu überwinden, die davon abhalten, „authetisch“ zu leben, Lebensfreude zu spüren. Das versprechen in vielfältigster Form angebotene Seminare, die sich unter dem Begriff „Heldenreise“ zusammenfassen lassen. SPRECHERIN Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Seminare machen sich mit Meditionen, in Gesprächen und therapeutischen Übungen, auf die Suche nach dem, wonach sie sich sehnen, nach so etwas wie dem „wahren“ Potential. SPRECHER Sie sollen ihren inneren Dämonen, Widerständen, Ängsten und Blockaden stellen. SPRECHERIN Mit Phantasiereisen, durch Inszenierungen oder Tanz und Körperarbeit sowie Methoden der Gestalttherapie und kreativen Techniken wie Malerei soll es den in der Gruppe arbeitenden Teilnehmenden ermöglicht werden, sich einerseits ihrer unbewussten „wahren“ Ziele bewusst zu werden und andererseits einschränkende, negative Selbst- und Weltbilder zu erkennen und durch Rituale aufzulösen und zu verändern. SPRECHER Nicht selten werden solche Seminare beworben mit den Labeln Persönlichkeitsentwicklung und Transformation - durch die Verbindung mit archetypischen Kräften wie: der Wilde Mann beziehungsweise die Wilde Frau, der Liebhaber/ die Liebhaberin, die Kriegerin/der Krieger, die Närrin/der Narr, der Magier/die Magierin, die Weise/der Weise. SPRECHERIN Die Heldenreise gilt als ein universales Grundmuster von Mythologien weltweit. Sie ist nicht auch als archetypische Erzählstruktur in zahllose Hollywood-Blockbuster und Bestsellerromane eingeflossen. MUSIK ENDE SPRECHER Doch auch wer so den im eigenen Inneren schlummernden archetypischen Kräften begegnet, der hat sie noch lange nicht in sein alltägliches Leben integriert, auf der Suche nach Erfüllung und Glück. Ute Mahr: O-Ton 14 Mahr (26:00) Glück ist zum einen, (…) dass mein Innerstes fließen kann, diese Seelenimpulse, diese inneren Anliegen: Ich möchte was in die Welt bringen. Da braucht es, dass die Menschen sie zum einen erkennen, aber natürlich auch Hilfen kriegen, wie sie sie umsetzen. Das heißt, es braucht Bewältigungsfähigkeiten. Deswegen nützt die Archetypentherapie allein nichts. SPRECHERIN Aber sie kann ein wirksamer Bestandteil von therapeutischer Arbeit sein. SPRECHER Zur Selbstwahrnehmung, zur Auseinandersetzung mit tief-seelischen Themen. O-Ton 15 Rösler (25:26) Mein Schwerpunkt liegt im Moment auf der Erforschung von Träumen. Und da ist es tatsächlich so, dass wir untersuchen Traumserien aus Psychotherapien. Also die Träume wurden im Rahmen der Psychotherapie besprochen, wie das eben in analytischen Therapien üblich ist. Und diese Träume wurden dokumentiert, und wir analysieren diese Traumserie und gucken: tauchen denn da solche typischen Motive auf. Und tatsächlich finden wir nicht die Archetypen, die Jung beschrieben hat. Aber es gibt typische, wie könnte man sagen, Szenarien in Träumen. Also zum Beispiel, was wir gefunden haben, ist, das am Beginn von Therapien häufig ein Traummotiv auftaucht, dass das Traum-Ich bedroht wird - von gefährlichen Tieren oder Monstern oder Naturkatastrophen oder was auch immer. Und dass, wenn die Person sich entwickelt in eine gute Richtung, dass dann dieses Motiv der Bedrohung verschwindet und das Traum-Ich im Traum immer handlungsfähiger wird. Und das wäre dann tatsächlich so etwas, was man als archetypisch bezeichnen könnte. MUSIK privat Take 002 Nfrt.y.ty; Album: Homo Infinitus; Label: Amores Solitares – AS001; Interpret: Lum/ Sunru: Komponist: Lum; ZEIT: 01:02 SPRECHERIN Was die Archetypen keinesfalls sind? SPRECHER Naturwissenschaftliche Fakten. O-Ton Rösler 16 (31:19) Das war ein Irrtum Jungs. Der war halt als Naturwissenschaftler ausgebildet und war, das kann man recht gut zeigen, wenn man so seine Werke analysiert, war der Auffassung, dass eigentlich nur eine naturwissenschaftlich fundierte Theorie eine echte, gute Theorie ist. Und er hatte ungeheure Angst, als Philosoph gebrandmarkt zu werden, was er auf keinen Fall sein wollte. Er verstand sich als Naturwissenschaftler, und das ist ja ein, sagen wir mal ein Kardinalfehler, der sich durch die gesamte Geschichte der wissenschaftlichen Psychologie im zwanzigsten Jahrhundert zieht. Also der verzweifelte Versuch, die Psychologie als Naturwissenschaft zu formulieren, obwohl sie eigentlich eine angewandte Kulturwissenschaft und Geisteswissenschaft ist, meiner Ansicht nach.

  • Die Geschichte der Bundeswehr - Kriegstüchtig oder bedingt abwehrbereit?

    01.01.2025 · 24 Min.

    Unumstritten war die Bundewehr in der Öffentlichkeit nie, und nach Ende des Ost-West-Konflikts und der teilweisen Integration der Nationalen Volksarmee in gesamtdeutsche Streitkräfte schien sie an Bedeutung zu verlieren. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat sich das geändert. Von Jochen Rack Credits Autor dieser Folge: Jochen Rack Regie: Irene Schuck Es sprach: Berenike Beschle Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: AUFERSTANDEN AUS RUINEN - DDR und BRD im Kalten Krieg Alles Geschichte - History von radioWissen · Gleich mit Beginn des Kalten Krieges 1945 befand sich Deutschland im Zentrum des Konflikts. Das zerbombte Land war wegen seiner geografischen Lage, seiner Größe und seines Wirtschafts-Potenzials für die Atommächte USA und Sowjetunion äußerst interessant. In Deutschland wurde der Konflikt ausgetragen. Von Rainer Volk (BR 2022) HIER Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: OT 01 Rede Scholz: „Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents. Mit dem Überfall auf die Ukraine hat der russische Präsident Putin kaltblütig einen Angriffskrieg vom Zaun gebrochen. Das ist durch nichts und niemanden zu rechtfertigen. (Klatschen)“ Sprecherin: Die „Zeitenwende“, die Olaf Scholz drei Tage nach Russlands Invasion im Parlament ausgerufen hatte, war verbunden mit der Schaffung eines Sondervermögens von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. Außerdem, versprach der Bundeskanzler, werde Deutschland „von nun an Jahr für Jahr mehr als 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts“ in seine Verteidigung investieren. Die Bundeswehr sollte aufgerüstet werden, damit sie in Zukunft ihren Auftrag der Bündnis- und Landesverteidigung erfüllen kann. Denn tatsächlich war sie dazu im Jahr 2022 nicht in der Lage. Das Heer, konstatierte der Inspekteur des Heeres Alfons Mais, stehe mehr oder weniger blank da. Wie schon einmal in den 1960er Jahren lautete die Diagnose: „Bedingt abwehrbereit.“ Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius forderte im Jahr 2023, die Bundeswehr müsse wieder kriegstüchtig werden. OT 02 Pistorius: Ich weiß, das klingt hart. Ich weiß, das klingt ungewohnt und viele erschreckt es. Krieg führen können, um keinen Krieg führen zu müssen, und das ist kriegstüchtig. Sprecherin: Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine brachen Kontroversen auf, die die Bundeswehr seit ihrer Aufstellung im Jahr 1956 immer begleitet hatten. Denn als Lehre aus der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges, der 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, lehnten viele Deutsche die Wiederbewaffnung ab, zumal unter den Bedingungen des Ost-West-Konfliktes ein neuer Krieg zum Atomkrieg eskalieren konnte. Doch Bundeskanzler Konrad Adenauer wollte die am 23. Mai 1949 gegründete Bundesrepublik unter den nuklearen Schutzschirm der USA stellen. So trat am 5. Mai 1955 die Bundesrepublik der NATO bei, nachdem mit den Pariser Verträgen am selben Tag das Besatzungsstatut in Westdeutschland aufgehoben worden war. Im November desselben Jahres wurden 6.000 Freiwillige in der Bundeswehr eingestellt. Die neuen Lehrkompanien von Heer, Luftwaffe und Marine ließ Adenauer am 20. Januar 1956 in Andernach zum Appell antreten. OT 03 Adenauer: Soldaten der neuen Streitkräfte. Das deutsche Volk sieht in Ihnen die lebendige Verkörperung seines Willens, seinen Teil beizutragen zur Verteidigung der Gemeinschaft freier Völker, denen wir heute wieder mit gleichen Rechten und Pflichten wie die anderen angehören. Sprecherin: Die Schaffung bundesrepublikanischer Streitkräfte war allerdings nicht möglich ohne personelle Anknüpfung an die Wehrmacht, erklärt Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam: OT 04 Neitzel: Es gab ja keine Bundeswehr, es gab kaum Kasernen. Und die politische Führung, also Adenauer, die haben sich entschieden, mit 14.000 Wehrmachtsoffizieren diese Bundeswehr aufzubauen. Sprecherin: Man könne schließlich eine Armee nicht von achtzehnjährigen Generälen kommandieren lassen, soll Adenauer gesagt haben. So nahm die Bundeswehr in ihrer Gründungsphase auch ehemalige Nazis in ihre Reihen auf, z.B. 45 dienstgradniedrigere Offiziere der Waffen-SS, auf die man aus fachlichen Gründen glaubte, nicht verzichten zu können. Gleichzeitig wurde die Bundeswehr gegründet im bewussten Bruch mit den Traditionen des deutschen Militarismus. Ihr neuer Geist sollte sich in den schlichten Uniformen ausdrücken und die militärskeptische westdeutsche Öffentlichkeit davon überzeugen, dass die Bundeswehr eine demokratische Truppe war. Die Entnazifizierung der neuen Truppe gelang nur halbwegs, schreibt Sönke Neitzel in seinem Buch „Deutsche Krieger“. Aber die Wiederbewaffnung wurde von vielen Westdeutschen nicht nur deshalb kritisiert. Nach den traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges wollten viele Deutsche nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Pazifismus schien die einzige Lösung. Innenminister Gustav Heinemann trat aus Protest gegen Adenauers Wiederbewaffnungspläne zurück. OT 06 Neitzel: Die Minderheit, die gegen die Streitkräfte war, war sehr heterogen. Das gab es von links bis rechts. Also es gab natürlich die linken Gruppen auf Seiten der Sozialdemokratie, die evangelische Kirche, es gab aber auch national eingestimmte Gruppen, die glaubten, mit der Gründung von westdeutschen Streitkräften sei die Teilung zementiert. Sprecherin: Adenauers Sicherheitsberater und später erster Verteidigungsminister Theodor Blank wurde bei öffentlichen Auftritten mehrfach ausgebuht und mit Eiern beworfen. Doch Adenauer setzte die Wiederbewaffnung gegen alle Widerstände der Opposition durch. Nach der Einberufung der ersten Freiwilligen in die Bundeswehr folgte die Einführung der Wehrpflicht am 21. Juli 1956. 1957 rückten die ersten Wehrpflichtigen in die Kasernen ein. Dort sollte jetzt ein demokratischer Geist herrschen, nicht wie früher Drill und Kadavergehorsam. Wolf Graf von Baudissin erarbeitete das Konzept der „Inneren Führung“. Es entstanden neue zivile Kontrollinstanzen und eine neue Traditionskultur, die mit den soldatischen Werten der NS-Zeit brechen und das Primat der Politik über die Streitkräfte sicherstellen sollten. Die Bundeswehr wurde als Parlamentsarmee konzipiert. Der Generalinspekteur der Bundeswehr war dem höchsten zivilen Ministerialbeamten nachgeordnet. Ein von der Regierung unabhängiger Wehrbeauftragter vertrat die Interessen der Soldaten. Eine neue demokratische Kultur sollte die Bundeswehr prägen. Von Baudissin prägte dafür den bis heute gültigen Begriff vom „Staatsbürger in Uniform“. Der Aufbau einer riesigen deutschen Streitkraft begann. OT 07 Neitzel: Die Bundesregierung hatte den Alliierten versprochen, 500.000 Mann in drei Jahren, das hat sich als nicht machbar erwiesen, diese 12 Divisionen des Heeres, das ist ein Personalstand, den man erst Ende der 60er Jahre erreicht hat. Sprecherin: Die von den USA eingekauften Starfighter hätten im Rahmen der sog nuklearen Teilhabe im Ernstfall taktische Atomwaffen auf die Streitkräfte des Warschauer Paktes werfen müssen. Die Befehlsgewalt über den Einsatz von Nuklearwaffen lag aber bei den USA. Die Strategie der „massive retaliation“ entwickelte man weiter zur „flexible response“. OT 08 Neitzel: Weil man sagte, wenn es schon einen kleinen Vorstoß des Warschauer Paktes gibt, Eroberung Westberlins oder ein Vorstoß nach Hamburg, kann dann die Reaktion sein, dass wir sofort tausende von nuklearen Sprengköpfen einsetzen? Wohl nicht. Deshalb die Logik, sollte die Bundeswehr konventionell möglichst stark sein. Sprecherin: Dennoch war die Gefahr eines Atomkrieges real wie die Kubakrise 1962 zeigte. Verständlich, dass angesichts von Planungen, die Deutschland zum atomaren Schlachtfeld gemacht hätten, die Proteste gegen die Aufrüstung nicht aufhörten. Die Ostermarschierer, die sich 1960 zum ersten Mal von Hamburg aus auf den Weg machten, knüpften an die britische Bewegung für nukleare Abrüstung an. Doch die Ablehnung der Bundeswehr speiste sich nicht nur aus Kriegsangst, sondern auch aus der Kritik am – trotz Traditionserlass und Innerer Führung – noch immer vorhandenen autoritären Schleifergeist in der Truppe. Bei einem Manöver ertranken 1957 fünfzehn Wehrpflichtige in der Iller, in Nagold brach ein Soldat 1963 beim Dauerlauf tot zusammen – erste Skandale, die am Image der Bundeswehr kratzten. Die Luftwaffe hatte hohe Absturzzahlen zu beklagen, vor allem die Starfighter-Abstürze in den 60er Jahren machten Schlagzeilen. Ein spektakulärer Unfall in der Marine war der Untergang des U-Bootes Hai im Jahr 1966. Alles nicht gerade Kennzeichen funktionierender Streitkräfte. Vor allem seit 1968 machten immer mehr Wehrpflichtige von ihrem Recht auf Kriegsdienstverweigerung Gebrauch. Die APO, die vor allem von Studierenden bestimmte Außerparlamentarische Opposition, forderte gar die Auflösung der Bundeswehr und den Austritt aus der NATO. Und als Anfang der 80er Jahre die sog. Nachrüstung mit den amerikanischen Mittelstreckenraketen Pershing 2 beschlossen wurde, die ein Gegengewicht zu den sowjetischen SS 20 bilden sollten, kam es zu massiven Protesten. OT 09 Petra Kelly Ansprache „Hopp hopp hopp Atomraketen Stopp! Sprecherin: Auf einer großen Friedensdemonstration im September 1983 in Bonn sprach der ehemalige SPD-Kanzler Willi Brandt: OT 10 Brandt Wir brauchen in Deutschland und in Europa, solange es steht, nicht mehr Mittel der Massenvernichtung, sondern weniger. Deshalb sagen wir nein zu immer mehr Atomraketen. Sprecherin: Für Helmut Kohl, 1982 zum Nachfolger von Bundeskanzler Helmut Schmidt gewählt, waren die Protagonisten der Friedensbewegung „schlicht und einfach Vaterlandsverräter“. Ob die Bundeswehr einen Angriff des Warschauer Paktes hätte abwehren können, blieb ungewiss. Zum Glück kam es nie zum Ernstfall. Der Kalte Krieg ging überraschend zu Ende, als die Bundeswehr ihre größte Stärke und Kampfkraft erreicht hatte. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Am 12. September 1990 unterzeichneten die beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in Moskau den Zwei-plus-Vier-Vertrag, der die Voraussetzungen für die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 schuf und Deutschland die volle Souveränität verlieh. Die Bundeswehr sollte zunächst auf 370.000, ab 1994 auf 340.000 Soldaten abgerüstet werden. OT 11 Neitzel Die Bundeswehr wurde in den 1990er Jahren, kann man sagen, zum zweiten Mal gegründet, denn alles das, was die hatte, war jetzt nicht mehr vonnöten. Man hatte 2.200 Leopard 2 Panzer und 2.000 andere Panzer, Leopard 1 und zum Teil noch alte M48. Sprecherin: Und die ostdeutsche Armee - die Nationale Volksarmee NVA - wurde aufgelöst, ein Teil ihrer mehr als 90.000 Zeit- und Berufssoldaten in die Bundeswehr integriert. Die letzten russischen Truppen zogen 1994 aus Ostdeutschland ab, die Wehrpflicht wurde immer weiter verkürzt, Bundeswehrstandorte abgebaut, Kasernen geschlossen und umgewandelt in Wohn- oder Gewerbegebiete. OT 12 Neitzel: Nach 1990 geht der Verteidigungshaushalt massiv in den Keller. Das war davor 3%, sind dann nur noch 2,8 % ist in freiem Fall bis man nur noch 1,4% ausgibt. Sprecherin: Die ursprünglich angepeilte Truppenstärke von 370.000 Soldaten konnte und wollte man schon bald nicht mehr halten. Die Landes- und Bündnisverteidigung schien nicht mehr wichtig in einem friedlich gewordenen Europa. Stattdessen machte man die Bundeswehr fit für humanitäre Auslandseinsätze - wie 1992 in Kambodscha oder 1993 zur Luftraumüberwachung des ehemaligen Jugoslawien. Gleichzeitig gab die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, wie sie mit der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ 1995 geleistet wurde, den neuen Out-Of-Area-Einsätzen einen erinnerungspolitischen Flankenschutz. Eine Bundeswehr, die sich vom verbrecherischen Wehrmachtsmilitarismus abgrenzte, die sich ihres demokratischen Wesens versicherte, konnte im Namen der Verteidigung der Humanität 1993 zum Einsatz in Somalia und 1995 zum Einsatz in Bosnien ausrücken. Die Balkankriege führten zum Umdenken auch bei denjenigen, die bis dahin der Bundeswehr kritisch gegenübergestanden waren, vor allem bei den Grünen, deren Wurzeln in der Friedens- und Ökologiebewegung der 1980er Jahre lagen. 1999 stimmten die Grünen unter der Regierung von Gerhard Schröder für einen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Serbien - ohne, dass es dafür ein UN-Mandat gab. OT 14 Schröder: Die Bundesregierung hat sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. Schließlich stehen zum ersten Mal nach Ende des 2. Weltkrieges deutsche Soldaten im Kampfeinsatz. () Wir haben keine andere Wahl als die Mittel, die vorbereitet sind, dafür einzusetzen und wir werden das ... so lange tun, bis der jugoslawische Präsident auf den Boden von Menschlichkeit und internationalem Recht zurückkehrt. Sprecherin: Deutsche Tornados bombardierten serbische Stellungen, um einen drohenden Genozid im Kosovo zu verhindern. Die Begründung, die der damalige grüne Außenminister Joschka Fischer für den Einsatz gab, sei schlüssig gewesen, meint der Politologe Herfried Münkler. OT 15 Münkler: „Nie wieder Krieg“ zu ergänzen durch „Nie wieder Auschwitz“, das war auf Srebreniza bezogen und es ging darum, dass deutsches Militär präsent ist. Sprecherin: 78 Tage lang wurden serbische Truppen bombardiert. Helmut Kohls Vorgabe, die Bundeswehr dürfe an keinem Ort eingesetzt werden, wo einmal SS und Wehrmacht Krieg geführt hatten, galt nicht mehr. Humanitäre Einsätze zur Verhinderung eines Völkermords waren die Lehre aus den Verbrechen der Wehrmacht. Im Völkerrecht sprach man von der „humanitären Intervention“ und einer „responsibility to protect“. Dann kam der Terroranschlag von 9/11 und der internationale Einsatz in Afghanistan zur Vertreibung der Taliban, an dem sich Deutschland beteiligte. Die politische Legitimation für den Einsatz der Bundeswehr formulierte am 11.3.2004 im Bundestag der damalige Verteidigungsminister Peter Struck: OT 17 Struck: Die Sicherheitslage hat sich entscheidend verändert. Deutschland wird absehbar nicht mehr durch konventionelle Streitkräfte bedroht. Unsere Sicherheit wird nicht nur aber auch am Hindukusch verteidigt. Sprecherin: Deutsche Soldaten bewachten Mädchenschulen und bildeten afghanische Soldaten aus. Das Kämpfen in gefährlichen südlichen Regionen Afghanistans überließen sie den Amerikanern und Briten. So konnte man weiter das Image der Bundeswehr als einer Art von technischem Hilfswerk pflegen. Das Bild des bewaffneten Aufbauhelfers, mit dem sich weite Teile der Gesellschaft, aber auch zunehmend die Bundeswehr selbst angefreundet hatte, passte aber nicht mehr, als deutsche Soldaten in Afghanistan zu Tode kamen. Der Spiegel titelte am 20.11.2006: „Die Deutschen müssen das Töten lernen.“ Und 2010 sprach Karl Theodor zu Guttenberg, damals Verteidigungsminister, zum ersten Mal von kriegsähnlichen Zuständen. OT 18 Guttenberg: Die Situation in Afghanistan ist eine gefährliche, () wir haben eine Abzugsperspektive zwar eröffnet, aber bis dahin wird es weiterhin ein schwieriger, ein gefährlicher Einsatz bleiben, und die Schwere der Gefechte zeigt das heute, dass wir uns in kriegsähnlichen Zuständen in Afghanistan befinden. Sprecherin: In zu Guttenbergs Amtszeit fiel das sog. Karfreitagsgefecht: Als eine Fallschirmjägereinheit der Bundeswehr am 2. April 2010 im Raum Isa Khel, südwestlich von Kundus, gegen afghanische Aufständische kämpfte, kamen drei deutsche Soldaten und sechs Soldaten der afghanischen Armee zu Tode. Die Konsequenz war nicht nur die militärische Aufrüstung der Truppe in Afghanistan, sondern eine neue Gedenkkultur für die Opfer der Bundeswehr. Eine Trauerfeier für die drei in Kunduz gefallenen Bundeswehrsoldaten fand am 9. April 2010 mit militärischen Ehren im niedersächsischen Selsingen statt. Anwesend waren der ranghöchste Soldat Generalinspekteur Wieker sowie Kanzlerin Angela Merkel, die Anteilnahme zeigen und den Einsatz politisch rechtfertigen wollte. OT 20 Merkel Im Völkerrecht nennt man das, was in Afghanistan in weiten Teilen herrscht, einen nicht internationalen bewaffneten Konflikt. Die meisten Soldatinnen und Soldaten nennen es Bürgerkrieg oder einfach nur Krieg. Und ich verstehe das gut. Sprecherin: Der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch blieb bis zum Abzug 2022 umstritten. 59 Bundeswehrsoldaten kamen in Afghanistan zu Tode. Nicht zufällig entstand nun in Deutschland eine zentrale Gedenkstätte für die Opfer: Das Bundeswehr-Ehrenmal in Berlin, wo die Namen aller Bundeswehrsoldaten genannt werden, die seit der Wiederbewaffnung im Dienst ihr Leben ließen. Doch die Kritik an der Bundeswehr riss nicht ab, auch befördert durch eine Reihe von Skandalen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kommentierte die Situation der Bundeswehr 2017 mit den Worten: OT 21 von der Leyen: Pfullendorf - sexualisierte Herabwürdigung, Sondershausen – übelste Schikane, und jetzt der Soldat A. mit rechtsextremistischem Gedankengut, das sind alles unterschiedliche Fälle, aber sie gehören für mich inzwischen zusammen zu einem Muster, dass ich heute sage: Die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem und sie hat offensichtlich eine Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen. Sprecherin: Möglich, dass die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 zu den sog. Haltungsproblemen beitrug, da sich die Bundeswehr seitdem als Armee von Berufssoldaten stärker in Richtung einer soldatischen Parallelwelt entwickelt hat. OT 22 Neitzel: Ich würde schon sagen, dass die Aussetzung der Wehrpflicht zum damaligen Zeitpunkt konsequent war, weil alle NATO Staaten, mit Ausnahme Griechenlands und der Türkei, haben das gemacht. Alle großen Staaten hatten eine Berufsarmee, das waren auch die Streitkräfte, die man in Auslandseinsätzen wirklich brauchte. Sprecherin: Doch die für Out-of-Area Einsätze umgerüstete Truppe zeigte sich nach dem Beginn von Russlands Invasion der Ukraine nicht mehr zur Landesverteidigung fähig. OT 23 Neitzel: Alfons Mais hat am 24. Februar gesagt, das Heer steht nahezu blank da. () Natürlich heißt das nicht, dass wir keine Soldaten, dass wir keine Panzer und Flugzeuge haben. () Die Frage ist nur, ist die Bundeswehr in der Lage, Landes- und Bündnisverteidigung dazu einen wesentlichen Beitrag zu leisten. () Und wir sehen jetzt, dass es an sehr vielen Dingen mangelt. Es mangelt z.B. an Drohnen, an Drohnenabwehr, es mangelt an der Fähigkeit, russische Helikopter zu bekämpfen. Sprecherin: Um das zu ändern, wurde im Bundestag kurz nach Kriegsbeginn das sog Sondervermögen von 100 Milliarden Euro verabschiedet, mit dem die Bundeswehr Waffen und Munition kaufen soll. OT 24 Scholz Das Ziel ist eine leistungsfähige, hochmoderne fortschrittliche Bundeswehr, die uns zuverlässig schützt. () Wir brauchen Flugzeuge, die fliegen, Schiffe, die in See stechen und Soldaten, die für ihren Einsatz optimal ausgerüstet sind. Sprecherin: Die Zerstörung von Mariupol, die Mordtaten russischer Soldaten in Butscha, die Entführung ukrainischer Kinder und Folterung von Zivilisten hatten in großen Teilen der deutschen Gesellschaft ein Umdenken bewirkt. Die Bundeswehr sollte nun schnell mit neuen Waffensystemen ausgestattet werden. Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärte das so: OT 25 Pistorius: Ein souveränes Land muss in der Lage sein, sich gegen äußere Feinde im Ernstfall zur Wehr zu setzen. () Das Ziel muss es sein, es gar nicht erst zum Ernstfall kommen zu lassen: durch eine effektive Abschreckung. Krieg führen können, um keinen Krieg führen zu müssen. Und das ist kriegstüchtig. Sprecherin: Zwar hatte das Parlament das Sondervermögen für die Bundeswehr beschlossen, aber die langfristige Finanzierung der deutschen Streitkräfte war damit nicht gesichert. Offen blieb auch die Frage, welche Ausrüstung die Bundeswehr in Zukunft brauchen würde. OT 26 Neitzel Das ist eine große Diskussion in der Bundeswehr: Wie sieht der Krieg der Zukunft aus? Die meisten Experten, die ich kenne, sagen, der Krieg der vierten Dimension mit den Drohnen im Cyberraum, () Ja, wir brauchen Panzer noch, aber wir müssen gleichzeitig auf jedem Panzer die Möglichkeit haben, Drohnen abzuwehren, wir müssen sie stören, sie auch aktiv abschießen, wir brauchen selber Drohnen. Sprecherin: Für das veränderte Kriegsszenario der Gegenwart will die Bundeswehr eine vierte Teilstreitkraft schaffen, die sich dem Bereich Cyber- und Informationsraum widmet und hybride Angriffe abwehren soll. Die Truppenstärke soll von 180.000 Soldatinnen und Soldaten auf über 220.000 anwachsen, doch Nachwuchsmangel ist ein notorisches Problem, seit 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Es wird sogar die Diskussion um die Wiedereinführung einer allgemeinen Wehrpflicht geführt. Auch Reformen in der Bundeswehrverwaltung, der Abbau von Bürokratie, die die Beschaffung von Waffensystemen verlangsamt und teuer macht, stehen auf der Tagesordnung. Auch von solchen Entscheidungen wird die Zukunft der Bundeswehr abhängen.

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