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Manufakturen - Schritt in eine neue Arbeitswelt

16.01.2024 · 22 Min.

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Über diese Folge

Der Begriff Manufaktur steht heutzutage für Handwerk und Wertarbeit. Aber Manufakturen waren eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte - man könnte in ihnen die Tech-Startups des 18. Jahrhundert sehen. Autor: Christian Sachsinger (BR 2021)

Credits
Autor dieser Folge: Christian Sachsinger
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Wilkening, Florian Schwarz
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Nicole Ruchlak

Im Interview:
Prof. Reinhold Reith, Historiker;
Stefan Gorissen, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Atmo Versailles

Sprecherin:

Das französische Schloss Versailles ist ein Touristenmagnet ohnegleichen. Wer es aber schafft, am Morgen als einer der ersten in der langen Schlange vor den goldenen Toren zu stehen und sich beeilt, schnell in den ersten Stock zu gelangen, bevor alle anderen dort sind, dem bietet sich ein besonderes Schauspiel: der Spiegelsaal präsentiert sein Farbenspiel – so wie es der Hausherr Ludwig der 14., besser bekannt als der Sonnenkönig, vor über 300 Jahren genießen konnte. 

Musik 1: Sonata Nr. 1 

von Marc-Antoine Charpentier – 1:13 Min.

Sprecher 2:

Der Spiegelsaal des Schlosses Versailles bei Paris ist noch heute ein beeindruckendes handwerkliches Meisterstück. Der Raum misst über 70 Meter in der Länge und gut 10 Meter in der Breite. Auf der einen Seite gewähren 17 Fenster einen einzigartigen Ausblick auf den prunkvollen Schloss-Park. Gegenüber an der Innenwand des Saals stehen 17 Spiegel – jeder zusammengesetzt aus über 350 Teilstücken. Die riesigen Spiegel holen den Park nun optisch in den Saal. Am Abend reflektierten die glatten Flächen den Schein von hunderten von Kerzen, die dort bei Bällen entzündet wurden.

Sprecherin:

Noch heute bringt der Spiegelsaal Besucher zum Staunen. Im ausgehenden 17. Jahrhundert führte er den Gästen des Sonnenkönigs beim Betreten dessen Reichtum und Macht schlagartig vor Augen. Es gab nichts Vergleichbares. 

Musik aus. 

Atmo Glaserei – Glas wird zerschnitten

Sprecher 1:

Spiegelglas war im 17. Jahrhundert ein teures Luxusprodukt. Es herzustellen war kompliziert und nur wenige Handwerker beherrschten die Technik. Diese Experten lebten fast alle in Venedig, die venezianische Republik hatte damals das Monopol für die Herstellung von Spiegeln. Versailles war jedoch das Zentrum Frankreichs und für die Dekoration des Schlosses kamen nur in Frankreich hergestellte Produkte in Frage. Also gründete Jean-Baptiste Colbert – der Finanzminister – eine eigene königliche Spiegel-Manufaktur und warb dafür in Venedig kurzerhand einige der Spezialisten ab. Es war ein Affront. Erzählungen zufolge sandte die Regierung der Venezianischen Republik Agenten nach Frankreich. Sie sollten jene Männer, die Colbert abgeworben hatte, vergiften, um das Spiegel-Monopol Venedigs zu verteidigen.

Sprecherin:

Der Plan misslang offenbar, denn sonst gäbe es den Spiegelsaal womöglich gar nicht.  Und die Manufaktur arbeitete, lange nachdem der ursprüngliche Auftrag erledigt war, erfolgreich weiter. Das Unternehmen gibt es bis heute. Die damalige Compagnie des Grandes Glaces verlagerte die Produktion später in das nordfranzösische Dorf Saint-Gobain. Heute ist die Saint-Gobain-Gruppe ein internationaler Konzern mit zig Milliarden Euro Umsatz und weit über 100.000 Mitarbeitern – auch in Deutschland. 

Musik 2: „La Dauphine für Cembalo G-Dur/g-Moll“ von Rameau - M0005340009 – Länge: 33 Sekunden

Sprecher 1:

Saint Gobain und der Spiegelsaal - ein Beispiel für Manufakturen, wie sie in Europa im 17. und vor allem im 18. Jahrhundert immer häufiger vorkommen. 

Sprecherin:

Doch was macht diese Betriebsform aus? Und warum entsteht sie überhaupt? Der Historiker Prof. Reinhold Reith versucht es anhand eine einfachen Beispiels zu erklären:

O-Ton 1 (10:20) 

Wenn wir eine Kutsche produzieren, ist das möglich, indem mehrere Handwerker daran beteiligt sind und die Arbeit dazu in verschiedenen Werkstätten verrichtet wird. (…) Wenn wir jetzt diese Arbeitsprozesse in einem Raum oder in einem Gebäude zusammenfassen, dann spricht man von der kooperativen Arbeitsteilung und das Gebäude wird als Manufaktur bezeichnet. 

Sprecherin:

Es ist produktiver, wenn sich etwa ein Radmacher, ein Schreiner und ein Sattler zusammentun und gemeinsam die Kutsche bauen, als wenn jeder für sich im eigenen Atelier vor sich hin werkelt und man am Ende feststellt, dass die Einzelteile nicht richtig zusammenpassen. Zumal die Karossen immer ausgefeiltere Konstruktionen werden. 

Sprecher 1

Es braucht also Experten, Spezialisten, die zudem in der Lage sind, an einem Ort gemeinsam aufeinander abgestimmt zu arbeiten. 

Manufakturen werden dabei zu Stätten, an denen High-Tech entsteht. Das gilt für die Herstellung riesiger Spiegel in Frankreich, das gilt aber auch für die Strumpfproduktion.

O-Ton 2 

(17:30) Durch den sogenannten Strumpfwirkerstuhl gewinnt die Strumpfwirkerei einen hohen Produktivitätsfortschritt. 19:20 Das sind mehrere Nadeln, die da bewegt werden können. Durch den Strumpfwirkerstuhl steigt die Produktivität. Was gelingt ist, dass diese Strümpfe gleichförmig hergestellt werden können. Und die Hugenotten sind in dieser Technologie sehr versiert und sie bringen diese Technologie mit in die deutschen Territorien, wo sie sich niederlassen.

Sprecherin:

Und damit sind wir wieder bei Ludwig dem 14. Der Sonnenkönig von Versailles hatte die Hugenotten, wie Frankreichs Protestanten genannt wurden, wegen ihres Glaubens aus dem Land gejagt. Viele von ihnen gingen nach Deutschland und mit ihnen kam viel wertvolles Know-How, auch nach Bayern, etwa nach Erlangen. 

O-Ton 3 Reith

Vor allem in Erlangen ist dann bekannt für die Strumpfproduktion im 18. Jahrhundert und ist eine der wichtigsten Standorte überhaupt.

ATMO Strumpfwirken / Handkulierstuhl

Sprecher 1

Das Strumpfwirken ist eine viel effizientere Technik, als das Stricken der Strümpfe. Man braucht dazu aber nicht nur einen Satz Nadeln, sondern den bereits erwähnten Strumpfwirkerstuhl, eine hochkomplexe Maschine, bestehend aus mehreren tausend Einzelteilen. Er sieht ein wenig aus wie ein übergroßes Klavier, in das oben unzählige Fäden hineinlaufen, die dann zu einem feinmaschigen Strumpf verwoben werden. Kein Vergleich mit rauhen, kratzigen Wollsocken. 

Sprecherin:

In Erlangen wird diese Technik in den Manufakturen immer weiter verfeinert, die Stadt widmet sich völlig diesem Wirtschaftszweig. … 

Zeitweise sind in Erlangen 3000 Menschen mit der Herstellung von Strümpfen beschäftigt, bei gerade einmal rund 9000 Einwohnern. Angeblich klappern in jeder Ecke der Stadt Strumpfwirkerstühle. Wie das damals geklungen haben muss, kann man heute noch im Esche-Museum im sächsischen Limbach-Oberfrohna hören.

Atmo aus.

Musik 3: „1. Satz aus: L'Omphale. Suite für Orchester e-Moll“ von Telemann, (take 001 Ouvertüre) Länge: 1:01 Min.

Sprecher 1

Manufakturen entstehen meist da, wo es um hochwertige Waren geht, die kompliziert herzustellen sind. Häufig sind es Luxusprodukte, die sich nur die Fürsten und Könige leisten können und wollen. Das gilt in erster Linie für Porzellan, damals auch weißes Gold genannt. 

Die hauchdünnen Teller, Tassen und Kannen waren aufwändig bemalt; sie sind der Stolz vieler Herrscherhäuser. Man kann damit bei Banketten Stil und Reichtum demonstrieren. Denn die Herstellung ist teuer, sie geschieht in eigenen Manufakturen, also staatlich geförderten Unternehmen. 

So gründet 1710 August der Starke, Kurfürst von Sachsen, die erste europäische Porzellanmanufaktur. Ein Projekt, das dem Fürsten nur Verluste beschert. Ganz ähnlich die Ludwigsburg Porzellanmanufaktur, die ebenfalls ständig bezuschusst werden muss. 

Sprecherin:

Andere Branchen sind dagegen deutlich rentabler, wie der Stoffdruck. Manche Betriebe schaffen hier einen steilen wirtschaftlichen Aufstieg. Der Historiker Reinhold Reith:

O-Ton 4 Reith 

4:30 Diese bedruckten Baumwolltuche sind der meistgehandelte Gegenstand im 18 Jhd. Da geht´s um das Drucken, da geht´s um die Farben, da geht´s um das Design. Da geht´s auch um die Technik, wie wird gedruckt, wie werden die Farben aufgebracht. Da geht´s um großen zentralisierten Betrieben mit mehreren hundert Arbeitskräften. 

Sprecher 1:

Bedruckte Baumwolle, man nennt das damals Kattun - vom Englischen Cotton - übt eine große Faszination auf die Menschen aus. Sie wird zur bevorzugten Oberbekleidung von Frauen der unteren und mittleren Schichten der Gesellschaft. Die Stoffe zeigen wiederholende Muster, die an Blumen oder Blätter erinnern und etwas Leichtes, Spielerisches haben. Kein Wunder, dass diese Stoffe bald die aus dicken Maschen gestrickten, einfarbigen Wollkleider verdrängen. 

Angetrieben wird dieser Kattun-Boom von Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihren Manufakturen nun gute Geschäfte machen. 

Sprecherin:

Einer von ihnen ist Johann Heinrich Schüle, ein ehrgeiziger Kaufmannsgehilfe, der das Potenzial des Baumwolldrucks früh erkennt. Er reist 1755 nach Hamburg, wo die Technik schon weiter fortgeschritten ist, und schaut sich alles genau an. Glanz und Raffinesse bekommen die Stoffe erst, wenn sie nach dem Druck noch per Hand an den richtigen Stellen nachkoloriert werden. Berichten zufolge sitzt Schüle mit seiner Frau und seiner Tochter oft bis in die Morgenstunden an den Stoffen, um sie „einzumalen“, wie diese Arbeit damals genannt wird. Aber die Mühe lohnt, Schüles Stoffe finden reißenden Absatz und bald kann er sich mehrere Einmalerinnen leisten, die ihm die mühselige Arbeit abnehmen. 1763 errichtet der findige Kattunexperte eine erste Fabrik. Seine Stoffe liefert er mittlerweile nach ganz Europa. Ein Augenzeuge, der Schüles Fabrik besichtigen durfte, schildert die Abläufe dort so:

Musik 4: Fantasia Nr. 1 F-Dur von Bach, Carl Philipp Emanuel, Länge: 36 Sekunden

Sprecher 2: 

„Die einfarbigen Muster werden mit großen Kupferplatten abgedruckt, wozu zwey besondere Kupferstecher gehalten werden. Die vielfarbigen Muster aber hat man noch nicht in Platten versucht, sondern man besinet sich hölzerner Formen, wozu eine besondere Innung von Modelschneidern ist, die zum Theile recht gut arbeiten. Es war mit Vergnügen anzusehen, mit welcher Fertig- und Genauigkeit die Drucker bey den verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen die rechte Stelle wieder trafen.“

Sprecherin:

Schüle engagiert in seiner Manufaktur viele Experten, er wirbt hochqualifizierte Drucker aus London ab und engagiert eine renommierte Zeichnerin aus Hamburg.

Mit Geschick und Durchsetzungsvermögen schafft er es, als einfacher Bürger ein Firmenimperium aufzubauen. Sein wirtschaftlicher Einfluss wird so groß, dass ihn der Kaiser 1772 in den Adelsstand erhebt. Doch zu diesem Zeitpunkt geht die Phase der Manufakturen in Europa schon fast zu Ende.

Musik 5: 5. Satz aus: Triosonate Nr. 3 a-Moll, BuxWV 254 von Buxtehude., take 109. Länge: 1:10 Minuten

Sprecher 1:

Drehen wir die Zeit noch einmal gut 100 Jahre zurück, um genauer zu beleuchten, warum Manufakturen als neue Betriebsform überhaupt aufkommen. 

Ein wesentlicher Grund ist, dass der Staat interessiert ist an der Entstehung von Manufakturen – und zwar nicht nur an solchen, die Porzellan oder Spiegel produzieren. Denn Mitte des 17. Jahrhunderts muss die Wirtschaft unbedingt wieder in Schwung kommen. Nach dem 30-jährigen Krieg gilt es im deutschen Reich Aufbauarbeit zu leisten. Weite Landstriche sind von den langen Kämpfen verwüstet und entvölkert. Die Gesellschaft soll, nun da wieder Frieden herrscht, wachsen. Um die Menschen in Lohn und Brot zu bringen, fördert der Staat eben auch Manufakturen. Privates Unternehmertum ist dabei zunächst gar nicht vorgesehen. Manufakturen wie die von Johann Heinrich Schüle, entstehen erst später. Doch auch sie passen den Herrschern ins Konzept. 

Denn der sogenannte „Kameralismus“ als Staatswirtschaftslehre dominiert das Denken und Planen deutscher Regierungen und vor allem ihrer Finanzminister. 

O-Ton 5  Reith

(33:45) Man kann das mit dem Begriff aktive Handelsbilanz umreißen(…) 35:00 Dass man eben bestimmte Produkte nicht mehr einführen muss, sondern im eigenen Land produzieren kann, um möglicherweise sogar exportieren könne. Gedacht ist das Ganze von der Kamera, der fürstlichen Schatzkammer, die dann über die Steuern einen Überschuss erzielen kann.  

Sprecher 1:

Wobei dieser Ehrgeiz, Export-Weltmeister zu werden, damals noch keine deutsche Eigenschaft ist, sondern eine zutiefst französische. 

Musik 6: „Sonata Nr. 1“ (vgl. Musik Nr. 1) , Länge: 1:26 Min

Sprecherin:

Ludwig der 14. hat einen immensen Finanzbedarf. Um den Adel des Landes an sich zu binden, baut er das kleine Versailler Jagdschloss seines Vaters zum pompösen Machtzentrum aus. Der Glanz und die Anziehungskraft des Hofes sollen so groß werden, dass sich dem kein Fürst und kein Kardinal mehr entziehen kann. Es gibt viele Posten und Titel in Versailles, der Beamtenapparat wird dabei immer gewaltiger und teurer. Außerdem führt der Sonnenkönig eine Reihe von kostspieligen Kriegen, um die Grenzen zu festigen oder auszudehnen, die sogenannten Reunionskriege. Das alles muss finanziert werden. Finanzminister Colbert betreibt deshalb die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus. Im Lateinischen ist der „mercator“ der Kaufmann oder Händler, also einer der etwas anzubieten und zu verkaufen hat.  

Und so geht es Colbert darum, die produktiven Kräfte im Inland zu fördern. Staatliche Manufakturen sollen Porzellan, Spiegel, Seide oder feines Tuch herstellen und zwar mehr als im Inland gebraucht wird, um es möglichst in andere Länder verkaufen zu können. Die Gewinne und die Steuern sollen dem König wieder mehr Spielraum bei seinen Projekten verschaffen. 

Musik aus

Sprecher 1:

Ob die neuen Produktionsbetriebe indes für die Menschen immer ein Segen sind, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Arbeitsbedingungen jedenfalls sind es oft genug nicht. Zwar werden die Spezialisten, von deren Wissen und Können die Produktion abhängt, meist sehr gut entlohnt. Doch in den Manufakturen arbeiten mit zunehmender Größe auch immer mehr einfache Arbeiter und Arbeiterinnen. Und die beziehen ein klägliches Gehalt für eine Kräfte zehrende Tätigkeit, wie zum Beispiel in der Schülschen Manufaktur in Augsburg. 

Musik 7: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 20 Sek

Sprecher 2: 

„Es arbeiteten damals daselbst ohngefähr 350 Personen, und unter denselben viel Weiber und Kinder. Die Arbeiter kommen im Sommer täglich früh um 6 Uhr und arbeiten bis abends um 8 Uhr, doch werden sie nicht nach der Zeit, sondern nach den Stücken bezahlt.“

Sprecherin:

Es sieht so aus, als würden solche Betriebe das Zeitalter der Industrialisierung einläuten. Ist die Manufaktur also eine Übergangserscheinung zwischen einer rein handwerklich geprägten Zeit und der kapitalistisch geprägten Wirtschaft des 19. Jahrhunderts … mit Fabriken, in denen Menschen nur noch einzelne stupide Handgriffe verrichten? Lange Zeit wurde das in der Wissenschaft so gesehen, gestützt auch von der Theorie Karl Marx. Im Band 1 des „Kapital“ heißt es: 

Musik 8: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 23 Sek

Sprecher 2: 

„Die auf Teilung der Arbeit beruhende Kooperation schafft sich ihre klassische Form in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigentlichen Manufakturperiode, die rau angeschlagen von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts währt.“

Sprecher 1:

Doch ganz so eindeutig ist die Entwicklung nicht. Die weit verbreitete Vorstellung, dass Manufakturen die Vorläufer der modernen Fabriken waren, wird von mehreren Historikern inzwischen bezweifelt, so etwa vom Historiker Prof. Stefan Gorissen. Er lehrt an der Universität Bielefeld. 

O-Ton 6 Gorißen

(10:00) Von der Qualifikation her ist die Manufaktur. deutlich näher am Handwerk. Der Maschineneinsatz und das Vorgeben eines Arbeitsrhythmus durch Maschinen spielt in der Manufaktur keine Rolle. Das ist geradezu das Charakteristikum der Manufaktur im Unterschied zur Fabrik. Häufig gibt es qualifizierte Arbeitskräfte, die den Teilprozess selbständig durchführen müssen. 

Sprecherin:

… wie eben jene Handwerker, die die Räder oder den Innenraum einer Kutsche herstellen – und zwar jeweils als Ganzes. 

Es geht also häufig gerade nicht um Arbeitsteilung, wie später in den Fabriken, wo die Arbeitsprozesse so aufgeteilt werden, dass nur noch einzelne Handgriffe übrigbleiben, die man ohne große Kenntnisse ausführen kann. Auch wenn große Manufakturen, wie jene in Augsburg oder in Saint Gobain viele ungelernte Kräfte beschäftigen, stehen im Zentrum die Experten, ohne die die Baumwolldrucke nicht schön und die Spiegel nicht richtig glatt werden. Manufakturen drehten sich um Know-How, um Präzision und um Qualität. 

O-Ton 7 Gorißen

(11:15) Ein entscheidender Grund, eine Manufaktur zu gründen, ist, dass man sehr genaue Kontrolle über den Arbeitsprozess und über die Arbeitskräfte haben möchte. Da wo es darauf ankommt, den Produktionsprozess genau zu steuern, da lohnt es sich eine Manufaktur zu gründen. 

(11:45) Ein berühmtes Beispiel ist die Seidenproduktion, also das Abhaspeln der Seidenfäden aus diesem Kokon der Seidenraupe, ist ein Prozess, bei dem man festgestellt hat, dass die Qualität des gewonnenen Garns sehr stark davon abhängt wie genau im Detail dieser Prozess durchgeführt wird. 

Sprecherin:

Womöglich spielt eine andere Betriebsform als Wegbereiter für arbeitsteilige Fabriken eine viel wichtigere Rolle: die Verlage. Was heute nur noch aus dem Buchgeschäft bekannt ist, war vor gut 200 Jahren eine weit verbreitete betriebliche Organisationsform. Stefan Gorißen:

O-Ton 8 Gorißen

(2:30) Das heißt, man hat einen Kaufmann – einen Verleger –, der die Arbeitsprozesse anleitet und eine Vielzahl von Gewerbetreibenden meist auf dem platten Lande anleitet, Produkte herzustellen. Oft arbeitsteilig und meist im Nebenerwerb. Die nutzen arbeitsarme Zeiten, z.B. den Winter, um Gewerbeprodukte herzustellen.

Musik 9: „Bachmachine für 4 Klarinetten“ – 48 Sek.

Sprecher 1:

So werden zu Hause Wollfäden gesponnen oder einfache Stoffe gewoben, die fertigen Waren dann eingesammelt, womöglich noch weiterverarbeitet, etwa zu Kleidung und dann als Massenware verkauft. Die Serienproduktion, wie sie später in den Fabriken läuft, hat ihren Vorläufer also eher in den Verlagen, als in den Manufakturen. Die Verleger sorgen dafür, dass die Teilarbeitsschritte am Ende zusammenlaufen, und sie übernehmen die Vermarktung im großen Stil.

Während die Manufaktur oft auf Qualität ausgerichtet ist, geht es bei den Verlagen dagegen oft um Quantität. Die Bedeutung der Verlage für die Wirtschaft ist dabei schon von den reinen Zahlen her viel größer, als die der Manufakturen: 

O-Ton 9 Gorißen

Man kann schätzen so um 1800 in Deutschland. vor Beginn des Industriezeitalters gibt es im Handwerk 1,3 Mio. Beschäftigte, im Verlagswesen etwa 1 Mio. und in Manufakturen 100.000. 

Sprecher 1:

Die Manufakturen sind also eher eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands und Europas. 

Musik 10: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 1:07 Min

Sprecherin:

Auch von Johann Heinrich Schüles riesigem Kattun-Betrieb ist nicht mehr viel übrig. Nur noch der historische Hauptbau, der ein wenig an ein kleines Barockschlösschen erinnert, steht noch. An den Seiten sind für die Hochschule Augsburg neue Seitenflügel aus Glas angebaut worden. 

Aber obwohl die Manufakturen im Prinzip völlig verschwunden sind und als Betriebsform bald gar keine Rolle mehr spielen - als Begriff haben sie das 18. Jahrhundert überdauert. Sie gelten bis heute als Markenzeichen und das zu Recht, wie Reinhold Reith findet.

O-Ton 10 Reith:

39:45 Wir sehen häufig in der Werbung, dass da von Manufaktur gesprochen wird. (…) Es ist ein sehr positiv besetzter Begriff. Er steht für Qualitätsarbeit, für hohe Präzision, er steht für das Design der Produkte. Ich glaube es trifft diese Produktionsform schon.

Musik aus.

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Die Aussteuer verwendet das junge Ehepaar für die Einrichtung einer botanischen Werkstatt. Tagsüber streifen sie gemeinsam durch die Natur und sammeln Blumen, Gräser, Kräuter, Farne und Moose, die abends gepresst und zum Trocknen ausgelegt werden. O-TON 6: (Scheps) Sie hat sich auch relativ wenig um Konventionen geschert, also die Kleinstadtgesellschaft ist ja auch immer so auf permanenter Lauer und Beobachtung, man hört also auch heute noch, wenn man in Siebenlehn fragt, ja, die war dann verheiratet und wohnte im Forsthof, und man soll es nicht glauben, sie hat dann im Wäscheschrank nicht die Wäsche aufbewahrt, sondern dort lagen die Herbarien und die Tierpräparate drin. ERZÄHLERIN: Im Winter wird die Ausbeute geordnet und zu Herbarien zusammengestellt, die die Eheleute an Apotheker, Lehranstalten und Privatpersonen verkaufen. Der Verdienst reicht gerade für das Nötigste, denn die Geschäfte laufen schleppend. 1848 kommt Tochter Charitas zur Welt. ZITATORIN: Jedes Mal, wenn ich Charitas in fremde Hände geben muss, frage ich mich wieder und wieder: Was ist meine erste Pflicht? Soll ich meinem Mann die Gehilfin oder soll ich dem Kind die Mutter sein? Wilhelm sagt - und das sehe ich auch ein – wir müssen reisen, das hängt notwendig mit dem Beruf zusammen. Musik: Morgentau 1‘03 ERZÄHLERIN: Oft ist das Ehepaar mehrere Wochen unterwegs, um Material für die Herbarien zu sammeln. Die schweren Körbe muss Amalie schleppen, denn Wilhelm Dietrich fühlt sich dafür zu schwach. Als die junge Ehefrau durch Zufall erfährt, dass ihr Mann eine Affäre mit dem Dienstmädchen hat, bricht für sie eine Welt zusammen. Enttäuscht und zutiefst gekränkt besorgt sie sich einen Reisepass und flieht mit Charitas zu ihrem Bruder Karl nach Bukarest. Aber das Leben in der Großstadt, der Luxus und die strengen Regeln im Haus der eleganten Schwägerin gefallen Amalie nicht. Sie findet eine Anstellung bei einem Ehepaar in den Karpaten und ist froh wieder in der Natur zu sein. Regelmäßig schickt sie dem treulosen Gatten das gesammelte Material und kehrt nach einem Jahr wieder nach Siebenlehn zurück. O-TON 7: (Hücking) Und dann fingen die Jahre an, wo ihr Mann, ich sag mal träge geworden ist und lieber zuhause saß, der Herr Naturforscher, als dass er selber noch in der Natur forschte, und das waren die Jahre, wo sie dann alleine durch halb Europa gezogen ist MUSIK: Chirping the forest und Föhnsturm 0‘42 ERZÄHLERIN: Ihre einsamen Wanderungen führen Amalie Dietrich bis in die Alpen und an die holländische Nordseeküste, wo sie Algen und Seetang sammeln soll. Immerhin hat sie mittlerweile einen Hund an ihrer Seite. Hektor ist nicht nur ein treuer Begleiter, sondern hilft ihr auch, den Wagen mit den Pflanzen zu ziehen. Trotzdem zehren die langen Fußmärsche bei Wind und Wetter an ihrer Gesundheit. Ausgelaugt und an Typhus erkrankt wird Amalie am Strand von Den Haag ohnmächtig und muss vier Wochen lang das Bett hüten. Als sie schließlich wieder zuhause eintrifft, ist die Tür verschlossen und Wilhelm Dietrich verschwunden. O-TON 8: (Hücking) Nun war der Ehemann weg, sie allein erziehende Mutter ...und hat sich dann wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bahnfahrkarte gekauft und ist nach Hamburg gefahren ... und sie hatte einen Kontakt da und der hat sich die Sachen angeguckt und war begeistert von ihren Herbarien und hat gesagt, du ich kenn da jemand, der sich für Naturkunde interessiert ERZÄHLERIN: Johan Cesar Godeffroy, der Fürst der Südsee, wirft die ärmliche Frau aus Sachsen, die um eine Anstellung als Feldforscherin bittet, kurzerhand aus dem Büro. Aber Amalie Dietrich lässt nicht locker, und als sie mit zahlreichen Empfehlungsschreiben der namhaftesten Wissenschaftler ein zweites Mal bei ihm vorspricht, bekommt sie ihren Vertrag und hat zum ersten Mal ein festes Einkommen, mit dem sie die Ausbildung ihrer Tochter bezahlt. Dafür wird sie zehn Jahre lang in den Jahren 1863 bis 1873 die Nordostküste Australiens erforschen und Material für das Museum zusammentragen. ATMO 1: Feder auf Papier ZITATOR: Hamburg, den 20.1.1865. Unser Museum zieht immer mehr Beachtung auf sich, und es ist der wissenschaftlichen Welt wohl bekannt, wie viel Amalie Dietrich zu dessen steter Ausdehnung beiträgt. Wir freuen uns, dass Sie nördlicher gehen wollen und möchten Sie nochmals bitten, nicht nur Skelette von dort vorkommenden großen Säugetieren, sondern auch möglichst Skelette und Schädel von den Eingeborenen sowie auch deren Waffen und Geräte zu senden. Diese Sachen sind sehr wichtig für die Völkerkunde. MUSIK: Mundunkala the creator 0‘40 ERZÄHLERIN: Im 19. Jahrhundert begann man in der Anthropologie die Evolution zu erforschen. Wissenschaftler stellten sich die Frage, wie sich der Mensch aus dem Tier entwickelt hat und warum die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt so unterschiedlich sind. Einige vermuteten, dass die Ureinwohner von Australien der sogenannte missing link sein könnten, der den Übergang vom Affen zum Menschen darstellen soll. Dr. Birgit Scheps-Bretschneider vom Völkerkundemuseum Leipzig: O-TON 9: (Scheps) Und so wurden also die Gebeine von Menschen aus aller Welt zu sehr gefragten Forschungsobjekten, in Deutschland gab es in Berlin den berühmten Mediziner Rudolf Virchow, der also sehr extensiv menschliche Gebeine gesammelt hat an der Charité, um dann solche Vergleiche vornehmen zu können, er kannte den Reeder Johan Cesar Godeffroy, und er hat dann über viele Jahre gedrängt, auch Gebeine aus Australien haben zu wollen. ERZÄHLERIN: Es gab damals einen weltweiten, lukrativen Handel mit menschlichen Gebeinen. Wissenschaftler wie Virchow konnten vom Schreibtisch aus, Skelette von Afrikanern, Asiaten und Australiern bestellen und wurden prompt beliefert. Wie man an die menschlichen Gebeine gelangt war, interessierte im 19. Jahrhundert niemanden. ATMO 4: Schreibmaschine ZITATOR: Angel of the black death ERZÄHLERIN: Titelte im November 1991 das Newsweek-Magazin “The Bulletin” mit einem Bild von Amalie Dietrich. ZITATOR: „Diese Frau stiftete im 19. Jahrhundert dazu an, Aborigines für wissenschaftliche Untersuchungen zu töten. Schockierende neue Beweise zeigen, sie war nicht die einzige.“ MUSIK: Kokopelli Dreaming 0‘36 ERZÄHLERIN: War Amalie Dietrich wirklich der Todesengel der Aborigines? Eine kaltblütige, skrupellose Frau, die den Auftrag erteilte, Menschen zu töten? Birgit Scheps-Bretschneider ist der Geschichte nachgegangen und hat vor Ort in Australien nach Beweisen gesucht. Unter anderem in der Familienchronik der Familie Archer. Auf deren Farm soll die Naturforscherin, so das Gerücht, nach einem Auftragskiller gesucht haben. O-TON 10: In dieser Chronik findet sich also gar kein Hinweis darauf, dass Amalie Dietrich auf dieser Farm gewesen ist, also dort ist alles Mögliche geschildert, wie viele Schafe man geschoren hat, was in der Familie geschehen ist, also so ein Besuch wäre auch dort mit Sicherheit festgehalten worden, und die Gebeine, die sie nach Europa geschickt hat, sind ja auch erst einige Jahre später an einem ganz anderen Ort gesammelt worden. ERZÄHLERIN: Wie Amalie Dietrich in den Besitz der acht Aborigines-Skelette kam, wird sich wohl nie mehr klären lassen. Aber egal, ob sie die Gebeine der Toten in der Wildnis gefunden oder durch Tauschhandel erworben hat, ob sie dafür Gräber geplündert oder sogar Menschen hat töten lassen - die Geschichte wirft auch ein Licht auf den umstrittenen Sammeleifer und zweifelhafte Anschaffungspraktiken europäischer Naturkundemuseen. Die Gebeine, die Amalie Dietrich von Australien nach Hamburg schickte, gelangten 1885 nach Leipzig und fielen dort im 2. Weltkrieg einem Museumsbrand zum Opfer. O-TON 11: (Scheps) Ich arbeite ja auch sehr intensiv an der Rückführung menschlicher Gebeine in ihre Herkunftsgemeinschaften, zu ihren Familien, und ich weiß also auch, welche emotionalen Schmerzen es für die Menschen bedeutet bis heute, wenn Tote verschwunden sind und nicht bestattet werden können in dem Land, wo sie hingehören MUSIK: Calm fluctuations 0‘50 ERZÄHLERIN: Birgit Scheps-Bretschneider plädiert trotzdem dafür, Amalie Dietrich nicht zu dämonisieren, sondern anzuerkennen, was sie geleistet hat. Denn heute helfen ihre Sammlungen den australischen Ureinwohnern dabei, ihre Geschichte und Kultur zu rekonstruieren. Mehr als 40.000 Herbarienblätter der Pflanzenjägerin geben Wissenschaftlern Auskunft darüber, welche Gewächse an bestimmten Orten heimisch waren, bevor die Siedler den Regenwald für große Zuckerrohrplantagen und Ananasfelder abholzten. O-TON 12: Und man weiß ja, dass heute auch viel renaturiert wird, und das hilft dann auch dabei, wenn man sich entschließt in einem Nationalpark z.B. wieder Pflanzen dort auszubringen, die ursprünglich mal dort gewesen sind. Also das sind sehr, sehr interessante Projekte, die ohne Amalie Dietrichs Arbeit sozusagen in dieser Form überhaupt nicht machbar wären. ATMO 2: Urwaldgeräusche ZITATORIN: Und doch all diese Sammlungen geben nur einen armseligen Begriff von dieser Märchenpracht. Es gehört eben eins zum anderen. Diese Pflanzenwelt ist belebt durch eine farben- und formenreiche Tierwelt. Wenn ich das herrliche Material einpacke, stelle ich mir immer vor, wie Herr Schmelz alles im Museum ausstellt. Schade, dass man den schönen Tieren und Pflanzen nicht etwas von ihrem Drum und Dran mitgeben kann. Losgelöst aus der märchenhaften Umgebung kann alles nicht so wirken, wie es sollte. MUSIK: Talking to my father 1‘23 ERZÄHLERIN: Nach zehn Jahren in der Fremde kehrt Amalie Dietrich 1873 nach Deutschland zurück und beginnt ihre Sammlungen zu ordnen. Sie ist 52 Jahre alt, ihr Gesicht von der Sonne gegerbt und faltig, umrahmt von dünnen, weißen Haaren. Sie bezieht im Museum ein Zimmerchen und besucht regelmäßig naturwissenschaftliche Vorlesungen an der Hamburger Universität. Als die Firma Godeffroy 1879 Konkurs anmeldet, wird das Museum verkauft, und Amalie Dietrich verbringt ihren Lebensabend im städtischen Altersheim. Sie stirbt im Alter von 69 Jahren an einer Lungenentzündung im Haus ihrer Tochter Charitas. O-TON 13: (Scheps) Sie hatte ja ein sehr schweres Leben, hat sich immer durchgekämpft durch die Widrigkeiten, die ihr natürlich auch die damals existierende Männergesellschaft gesetzt hat, und für Amalie Dietrich würde ich mir wünschen, dass man ihre wissenschaftliche Leistung würdigt und dass man sie vielleicht weniger benutzt, um Politik zu machen.

  • Die US-Präsidentenwahl - Kampf ums Weiße Haus

    16.01.2024 · 23 Min.

    Die US-Präsidentenwahl zählt zu den kompliziertesten und langwierigsten Wahlsystemen der westlichen Demokratien: von den Vorwahlen mit den Grabenkämpfen unter Demokraten und Republikanern bis hin zum "Election Day", bei dem Präsident oder Präsidentin vom Volk nur indirekt gewählt wird. Autor: Florian Kummert (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Florian Kummert Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Andreas Neumann, Christian Schuler Technik: Susanne Harasim Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Michael Hochgeschwender (Professor; LMU München); Jesse Wegmann (Journalist und Autor "Let The Poeple Pick The President") Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Höhenluft - Ganz schön gut, ganz schön schlecht

    11.01.2024 · 23 Min.

    Eine Höhenkrankheit kann Bergsteigern das Leben kosten. Ein Höhentraining kann Sportlern Rekorde und Medaillen bescheren. Für den Menschen ist das Leben in der Höhe in jedem Fall extrem. (BR 2021) Autor: Bernd-Uwe Gutknecht Credits Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Rahel Comtesse, Jennifer Güzel Technik: Robin Auld Redaktion: Matthias Eggert Im Interview: Prof. Dr. Simon Schäfer, leitender Oberarzt an der Münchner Uniklinik in Großhadern; Dr. Wolfgang Schaffert, HöhenmedizinerFlavio Mannhardt, Sportwissenschaftler, Betreiber des Hypoxicum; Eva-Maria Sperger, Ultratrail-Läuferin; Reinhold Messner, Alpinist; Uwe Hartmann, Lauf-Trainer; Gesa Felicitas Krause, Hindernisläuferin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 Resource scarcity Sprecher: 9900 Meter! So hoch fliegen normalerweise nur Flugzeuge. 9900 Meter zeigte am 14. Februar 2007 das GPS einer im Chiemgau lebenden polnischen Gleitschirmfliegerin an: Ewa Wisnierska war bei einem Trainingsflug in Australien in eine Cumulonimbus-Wolke geraten und in eine Höhe gezogen worden, wo minus 50 Grad Kälte herrschen. Die Profi-Sportlerin verlor das Bewusstsein, überlebte an ihrem Gleitschirm hängend wie durch ein Wunder. Vermutlich ist noch nie ein Mensch ohne künstlichen Sauerstoff in diese Höhe gekommen: Zusp. 1 Collage Eva (bereits gemischt): 0‘49 MUSIK „Ich bin irgendwann aufgewacht. Und dann merkte ich, dass ich die Bremsen gar nicht mehr in den Händen halte, sondern dass die Bremsschlaufen über mir hängen, mit Eiszapfen, alles war vereist. Und dann dachte ich: zum Glück fliegt er geradeaus. Und dann bin ich irgendwann unten aus der Wolke raus. Dann kam die Erleichterung und ich habe gedacht: es könnte gut ausgehen!“ - Sprecher 9900 Meter! Zum Vergleich: der Mount Everest misst 8848 Meter. Überlebt hat die Gleitschirmfliegerin vermutlich aufgrund ihres überdurchschnittlichen Trainingszustandes. Sie hatte direkt vor dem Höhenflug ein mehrwöchiges Höhentraining absolviert! MUSIK 2 Microelements 0‘34 ATMO 1 0’10 Läuferin Sprecherin: Ein Höhentraining, wie es viele Profisportler, aber auch Amateure, in ihre Trainingsroutine einbauen. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Höhenluft gewonnen. Und kommerzielle Anbieter drängen etwa mit Höhenzelten für den Hausgebrauch auf den Markt. Was ist dran an der vielbeschworenen Höhenluft? Wem nutzt sie, wann schadet sie? Musik 3 Medical insights 0‘48 Auf 1500 bis 2500 Metern Höhe werden die besten Trainingseffekte erzielt, sagen Sportmediziner. Wird in diesen Höhenlagen gelaufen, geradelt oder geschwommen, muss der Körper mit weniger Sauerstoff auskommen, gewöhnt sich nach einigen Tagen daran und kann dann in niederen Gegenden einen förmlichen Sauerstoff-Schub und damit eine Leistungssteigerung erleben. ATMO 2 Wandern 0‘28 Sprecher: Nicht nur extreme Alpinisten im Himalaya oder in den Anden, auch Hobby-Wanderer in den Alpen fühlen sich magisch angezogen von den Tafeln auf den Gipfeln, auf denen „3000 Meter“ oder mehr steht, wie hier in den Hohen Tauern: Zusp. 4 Tauern Teil 1: „Bergheil, super gemacht! 3006 Meter!“ MUSIK 3 hochziehen Zusp. 5 Stressreaktion: „Dabei schaltet der Körper auf eine Stressreaktion um, das ist für ihn ja lebensbedrohlich.“ Sprecherin Dr. Wolfgang Schaffert aus dem oberbayerischen Siegsdorf ist Höhenmediziner und selbst begeisterter Alpinist. Zusp. 5 „Das Dumme ist nur, dass wir in der Entwicklungsgeschichte keine Fühler für den Sauerstoffmangel entwickelt haben. Wir spüren ihn eigentlich nicht. Es kommt ab einer Seehöhe von 2500 Metern zu einem deutlichen Absinken der Sauerstoffsättigung im Blut. Es nimmt die Atemtätigkeit deutlich zu, es nimmt der Pulsschlag zu und es kommt zu einem Zusammenziehen der Unterhaut-Venen, so dass das Blut aus den Beinen zu der Lunge hin verlagert wird.“ Sprecherin Seine Erfahrung als Expeditionsarzt zeigt: vielen Bergsteigern sind die physiologischen Gefahren der Höhenkrankheit gar nicht bewusst. Und das betrifft Alle: Trainierte und Untrainierte, Raucher und Nichtraucher, Alt und Jung: Zusp. 6 Bewusstlosigkeit: „Wenn wir auf Höhenlagen über 4000 Metern gehen, kann es schon zu ausgeprägten Beeinträchtigungen der Wahrnehmung, des Bewusstseins, der zentral-nervösen Funktionen kommen. Und die Zeit bis zum Eintreten einer Bewusstlosigkeit ist abhängig von der individuellen Konstitution. Aber viele Versuche sagen, dass ab 5500 Metern bei Manchen schon die Bewusstlosigkeit auftritt.“ Sprecher: Schon ab 2500 Metern über Meereshöhe merkt der Mensch, dass er eigentlich ein Flachländer ist. Die Luft wird dünner, das Atmen fällt zunehmend schwerer, die Muskeln werden immer weniger durchblutet. Über 3000 Meter kommt es bei rund einem Drittel der Bergsteiger bereits zu ersten Anzeichen einer leichten Höhenkrankheit: Schwindel und Kopfschmerzen. Sprecherin: Da gilt es, den Organismus langsam an die Höhe anzupassen. Durch eine allmähliche Akklimatisierung vermehren sich die roten Blutkörperchen und halten so den Sauerstoff-Transport, z.B. zum Gehirn, aufrecht. Bei zu schnellem Aufstieg dagegen droht die Höhenkrankheit in vollem Ausmaß: Musik 4 Secret proofs 0‘42 Sprecher: Die erheblich verminderte Sauerstoff-Aufnahmefähigkeit in Verbindung mit der zunehmenden Kälte können zu Atemnot, Austrocknen, Gleichgewichtsstörungen oder Lähmungserscheinungen führen. Das Risiko für ein Höhenlungenödem wächst. Expeditionen auf den Mount Everest werden dennoch angeboten wie Butterfahrten. Eine Tendenz, die auch dem wohl erfahrensten und erfolgreichsten Bergsteiger der Welt missfällt. Reinhold Messner: der Südtiroler bestieg 1980 als erster Mensch den mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt, den Mount Everest, ohne Sauerstoffmaske: Zusp. 8 Messner Everest: „Die Medizin und die Physiologie war dann der Meinung, 8500 Meter ist das Ende, höher kann man nicht steigen, denn dann käme nicht mehr genug Sauerstoff zum Blutzucker und dann hat man keine Kraft mehr. Und weil eben die Wissenschaftler im Vorfeld so eindeutig sich festgelegt haben, das ist nicht möglich, haben wir natürlich eine große Rückantwort vom Volk gekriegt. Die haben gesagt: ah, es ist trotzdem möglich. Inzwischen sind viele, na ja, einige Leute ohne Sauerstoff raufgestiegen. Der Everest ist mehr oder weniger die Grenze, viel höher ging`s nicht mehr. Und man muss sich vorstellen, dass es dann unendlich langsam wird, weil wir nur noch ein, zwei Schritte machen können und dann brauchen wir viele viele Atemzüge, hyperventilieren da oben. Und wenn man ohne Maske steigt, dann fährt diese ganz kalte Luft – minus 40 Grad hatten wir am Gipfel – in die Lungen und das tut auch weh. Also wenn junge Leute heute sagen, weil es Mode ist, auf die Frage warum? Weil es Spaß macht! Dann muss ich nur lächeln, es macht nicht Spaß!“ MUSIK 5 Disturbing factors 0‘37 Sprecherin: Die Höhenkrankheit resultiert aus einer Hypoxie, also der Minderversorgung des Körpers oder einzelner Körperteile bzw. Organe mit Sauerstoff. Gemessen wird das durch den Sauerstoff-Partialdruck pO2 im Blut. Oftmals sind Extremitäten-Arterien beeinträchtigt, sie können komplett verschließen, Beine oder Arme können dadurch absterben. Leidet der gesamte Organismus unter Sauerstoffmangel, dann sprechen Mediziner von einer Anoxie. Sprecher: Ob und wie stark ein Mensch auf eine Hypoxie reagiert, hängt von seinen Genen ab. Professor Dr. Simon Schäfer vom Klinikum der Universität München in Großhadern forscht seit Jahren über die genbedingte Hypoxie-Toleranz: Zusp. 10 Veranlagung: „Zunächst muss man wissen, dass sich der menschliche Körper den Luxus leistet, permanent für das Auftreten eines Sauerstoffmangels vorbereitet zu sein. Unser Körper, jede einzelne Zelle, produziert rund um die Uhr Substanzen nur für den Fall des Sauerstoffmangels. Aber wie stark das ist, das ist von Person zu Person unterschiedlich. Das heißt, es gibt genetische Varianten, Veranlagungen, die dazu führen, dass dieses System, das uns bei Sauerstoffmangel hilft, unterschiedlich stark ausgeprägt ist.“ Sprecherin: Die Wissenschaftler sprechen von der „hypoxisch-inflammatorischen Gen-Regulation“. Dabei untersuchen sie, wie sich der Körper an Sauerstoffmangel anpassen und damit verbundene Entzündungserkrankungen bekämpfen kann. Sprecher: Eine erstaunliche Erkenntnis von Professor Schäfer und seinem Team: nicht nur bei Bewohnern von Höhenlagen wie in Peru oder in Nepal gibt es gute genetische Bedingungen für eine entsprechende Adaptierung, sondern auch bei uns: Zusp. 11 Sherpas: „Ein relevanter Anteil der Bevölkerung in Europa hat auch diese genetischen Varianten, die wir von den Sherpas her kennen und die den Sherpas helfen, eben in großer Höhe sportliche Leistungen erbringen zu können. Und je nachdem, ob eine Person eine oder mehrere dieser genetischen Varianten hat, ermöglicht es auch uns Europäern, besser einen akuten Sauerstoffmangel zu tolerieren.“ Sprecherin: Das heißt vereinfacht: unsere Gene sagen unseren Organen, vor allem der Lunge, wie sie mit Sauerstoffmangel umgehen sollen: Zusp. 12 Ödem: „Eine klassische Komplikation des Höhenbergsteigens ist das Lungenödem, d.h. das Versagen der Lunge. Das entsteht dadurch, dass sich die Lungengefäße ganz stark zusammenziehen und dann Wasser in die Lunge austritt und der Bergsteiger eben nicht mehr atmen kann. Wenn nur ein klein wenig, eine einzelne Stelle der Erbinformation so oder so ausfällt, dann funktioniert die Substanz, das Protein, das dazu führt, dass sich die Gefäße in der Lunge zusammenziehen, sehr stark oder weniger stark. Und das führt am Ende dazu, ob jemand in der Höhe Atemprobleme bekommt oder nicht.“ ATMO 3 Hypoxie 0‘52 Sprecherin: Mit einem speziellen Hypoxie-Training kann man auch im Flachland seine genetischen Voraussetzungen etwas verbessern: Zusp. 13 Hypoxie: „Hypoxietraining beruht auf dem Höhentraining, das man so kennt von den Profis, die ins Höhentrainingslager fahren. Das Hypoxietraining bei uns sieht so aus, dass man in simulierter Höhe trainiert.“ Sprecher: Flavio Mannhardt ist Sportwissenschaftler und betreibt in München das Hypoxicum, ein Fitness-und Gesundheits-Studio, das auf Höhentraining spezialisiert ist. Hier, auf rund 500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, beträgt der Anteil an Sauerstoff in der Luft etwa 21 Prozent. In 2500 Metern Höhe liegt der Wert bei 15,5 Prozent. Zusp. 14 Höhenraum: „Wir sind auf 500 Meter München, aber die Kunden sind gerade z.B. auf 2500 Metern. Das Ganze kann man durch sogenannte normobare Hypoxie möglich machen. Was heißt normobare Hypoxie? Wir verändern den Sauerstoffgehalt da drin. Am Berg ist es ja so, dass man hypobare Hypoxie hat, d.h. dass sich der Luftdruck da verändert, ein geringerer Luftdruck bedeutet, dass wir auch einen geringeren Sauerstoff-Partialdruck haben und dadurch kommt weniger Sauerstoff in der Lunge an. Und das simulieren wir im Höhenraum.“ Zusp. 15 Sensor: „In dem Raum befindet sich ein Sensor, der misst die Gase darin, vor allem den Sauerstoffgehalt und das passiert dann ganz automatisch, er reguliert die Höhe, indem er eine von einem Generator produzierte Höhenluft in den Raum speist. Das ist ein Riesengenerator. Der entzieht der normalen Luft diesen Sauerstoff und wir geben z.B. ein 2500 Meter, dann weiß der ganz genau: ich darf nur noch 15,5 Prozent Sauerstoff in diesen Raum lassen.“ ATMO 4 Laufband 0‘25 Sprecher: Das Studio besteht aus mehreren Kammern, in denen Laufbänder und Fitnessräder stehen. Die kleinen Räume sind luftdicht verschlossen, so dass die gewünschten Höhen-Einstellungen konserviert werden. Auf einem der Laufbänder trainiert die Hobby-Triathletin Britta. Die Raumluft entspricht gerade einer Höhe von... Zusp. 16 Triathletin: „2500…um mich für einen Triathlon vorzubereiten, Mitteldistanz…also ich finde, die Ausdauerleistung steigt enorm. Es ist natürlich sehr anstrengend, wenn man sich vorstellt, dass das eine Abkürzung ist, was Viele meinen – das ist es nicht! Sondern es ist wirklich wahnsinnig anstrengend, hier zu trainieren, aber man hat echt den Vorteil, also man wird nicht schneller im Training, aber ausdauernder.“ ATMO 5 Laufband 0‘3 Zusp. 17 entspannter: „Also es ist eine Anpassungssache, die Adaption braucht ungefähr 48 Stunden, habe ich immer so den Eindruck. Am Tag danach, wenn es ein richtig heftiges Training war, hat man teilweise ein bisschen Konzentrationsstörung, am Anfang, hinterher vermindert sich das. Und ansonsten kann man besser schlafen meiner Meinung nach, man fühlt sich entspannter.“ ATMO 5 Laufband 0‘14 Sprecherin: Regelmäßige Bewegung in der Unterdruck-Kammer, das kann auch nur im lockeren Walking-Tempo sein, schult den Organismus im Umgang mit weniger Sauerstoff, was Sportwissenschaftler wie Flavio Mannhardt als Superkompensation bezeichnen: Zusp. 18 Superkompensation: „Unsere Zellen sind darauf programmiert, mit ca. 21 Prozent Sauerstoff zu arbeiten. Sie bekommen jetzt aber nur noch 15,5 Prozent. Und dieser Reiz bringt den Körper dann zu einer sogenannten Superkompensation. Im Höhentraining nennt sich das eine Adaption oder eine Akklimatisierung, wenn man das über einen längeren Zeitraum macht.“ Sprecher: Damit der Trainingsaufwand auch die gewünschten Effekte erzielt, werden die Sauerstoff-Werte der Trainierenden laufend überprüft: Zusp. 19 Kontrolle: „Das Ganze misst man mit einem sogenannten Pulsoximeter am Finger. Wir kontrollieren dann, ob wir noch im grünen Bereich sind und vor allem, ob wir in einem effektiven Bereich sind. Da gibt`s Sauerstoff-Sättigungen im Blut, die optimal sind für Höhentraining und wenn das der Fall ist, dann wissen wir, ok, das Training ist gerade effektiv.“ MUSIK 6 Network access 1‘23 Sprecher: Ein Hypoxie-Trainingsblock geht über fünf Wochen und zwei Stufen Zusp. 20 erste Stufe: „Die erste Stufe, das ist eine Verbesserung des cardiovaskulären Systems nach ca. zwei bis drei Wochen Höhentraining. Was passiert da vor allem? Das Herz-Minuten-Volumen vergrößert sich, d.h. unser Herz kann zur selben Zeit mehr Blut durch den Körper pumpen. Es kommt zu einer sogenannten Vasodilatation, die Blutgefäße weiten sich, hier passt dann auch mehr Blut durch. Und es kommt zu einer Kapillarisierung, vor allem in der Muskulatur, also es entstehen neue Blutgefäße, die den Muskel ausreichend mit Sauerstoff versorgen, aber auch mit Nährstoffen. Auch eine Regeneration ist dann schneller.“ MUSIK 6 kurz hochziehen Zusp. 21 zweite Stufe: „Und die zweite Stufe, die kann man so nach vier bis fünf Wochen Training erwarten. Und zwar schüttet der Körper dann vermehrt ein bestimmtes Hormon aus, das kennen die meisten vom Doping: Erythropoetin, kurz EPO. Und wenn wir mehr EPO im Blut haben, dann bildet der Körper mehr rote Blutkörperchen. Und die transportieren den Sauerstoff durch das Blut, unser Blut kann mehr Sauerstoff aufnehmen und das ist dann der push, der boost, wie wir es nennen, den man dann wirklich spürt nach vier bis fünf Wochen Training.“ Sprecherin: Neben dem subjektiven Gefühl vieler Sportler belegen auch wissenschaftliche Studien den Sinn eines Hypoxie-Trainings, wie Professor Schäfer von der Münchner Uniklinik bestätigt: Zusp. 22 Daten: „Es gibt Daten dazu, dass der Gipfelerfolg verbessert wird, es gibt Daten dazu, dass der Kreislauf, der Sauerstoffabfall im Blut trainiert werden kann. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Höhentraining aus verschiedenen Gründen hilfreich ist für Personen, die in die Höhe wollen. Man gewöhnt sich daran, wie man sich in der Höhe bewegt, wie man in der Höhe atmen muss. Und der Körper erinnert, wie es sich in der Höhe anfühlt.“ ATMO 3 nochmal 0‘29 Sprecherin: Mittlerweile gibt es auch „Hypoxie-Training to go“. Weil selbst das Schlafen in simulierter Höhe die Adaption verbessert, legen sich Höhensportler nachts in ein Höhenzelt, trainieren aber im Flachland, nach der bewährten Methode „sleep high, train low“, also in der Höhe schlafen, in niedrigen Lagen trainieren. Zusp. 23 Schlafzelt: „Also ich habe ein Zelt, mein Partner ist zum Glück auch dabei und der schläft auch mit im Zelt, d.h. wir haben auf unserer Matratze dieses Höhenzelt draufstehen, mit Generator angeschlossen, da haben wir mittlerweile unseren eigenen zuhause, und dann schlafen wir einfach ein paar Wochen da drinnen.“ MUSIK 7 Production process (red.) 0‘50 Sprecher: Eva-Maria Sperger ist eine der weltbesten Ultratrail-Läuferinnen und arbeitet in München als Psychologin sowie Psycho-Therapeutin. Zusp. 24 Monterosa: „Das Monterosa Skyrace, was ein Wettkampf ist, der bis auf 4500 Höhenmeter hochgeht, also richtig über den Gletscher und dafür war es ganz besonders wichtig, sich mit dem Höhentraining darauf vorzubereiten. Ich glaube, wenn ich das nicht gemacht hätte, dann wäre der Wettkampf sicher gar nicht möglich gewesen, dass man sich so schnell am Gletscher bewegt. Auch im Nachhinein hat mir der Wettkampf überhaupt nicht viel ausgemacht.“ MUSIK 7 hochziehen Zusp. 28 Eva-Maria: „Vor den Wettkämpfen war es so, dass ich eine Kombination gemacht habe, dass ich immer wieder im Hypoxicum in der Höhenkammer trainiert habe, auf dem Fahrrad oder auch auf dem Laufband, dass ich dann Passiv-Training gemacht habe, was so viel heißt, dass man sich künstlich auf eine Höhe von vielleicht 5500 Höhenmeter begibt und dann immer wieder in Fünf-Minuten-Intervallen auf dieser Höhe ist und beides kombiniert.“ MUSIK 8 New beginning 0‘19 Sprecherin: Aber nicht nur Sportler, sondern auch Patienten profitieren von Hypoxie-Training, wie Sportwissenschaftler Flavio Mannhardt erklärt. Die „dünne Luft“ fördert Leistung bzw. die Erneuerung der mikroskopisch kleinen Kraftwerke des Menschen, der Mitochondrien: Zusp. 29 Mitochondrien: „Mitochondrien sind u.a. auch zuständig für einen guten Fettstoffwechsel, der Grundumsatz erhöht sich dadurch, die Leute können mehr essen ohne zuzunehmen. Der kalorische Verbrauch in der Höhe ist höher, das Hormon Leptin spielt auch eine Rolle. Leptin ist ein Appetitzügler, es kommen Kunden, die haben Heißhungerattacken, die versuchen es, damit zu zügeln. Und Höhentraining hat auch eine diuretische Wirkung: es gibt Menschen, die haben viele Wassereinlagerungen und durch diese diuretische Wirkung versuchen wir, Giftstoffe, Wassereinlagerungen auszuspülen.“ Sprecherin: Der Hypoxie-Experte Mannhardt empfiehlt die Therapie auch für die Regeneration nach Verletzungen und aufgrund seiner Wirkungen auf gewisse Hormone auch für psychische Beschwerden: Zusp. 30 Gesundheit: „Man weiß, dass Höhenluft glücklich macht, Dopamine werden vermehrt ausgeschüttet. Wir haben manchmal Patienten da, die von Ärzten geschickt werden, die z.B. Depressionen haben, keine Lust mehr haben, harte Medikamente zu nehmen. Dann haben wir auch – die meisten denken da gar nicht daran – aber es gibt ein Hormon, das heißt Melatonin, das ist unser Schlafhormon, wir haben auch Leute da, die Probleme haben mit Schlaf, und diese erhöhte Melatoninproduktion, die ist auch wissenschaftlich erweisen.“ Sprecherin: Von einer Wunderwaffe im Kampf gegen typische Zivilisationskrankheiten zu sprechen, ist sicher überzogen. Aber auch Professor Schäfer, der in Großhadern über Hypoxie forscht, ist von den Vorteilen überzeugt: Zusp. 31 Krankheiten: „Es gibt gute Daten, dass Personen, die zuckerkrank sind, unter Hypoxietraining diese Erkrankung verringern oder den Fortschritt der Erkrankung aufhalten können. Man muss es sich so vorstellen, dass dies hypoxisch inflammatorischen Gene Tausende unterschiedliche Substanzen, Mechanismen ein-und ausschalten können. Und deswegen ein kontinuierliches Training unter Sauerstoffmangel Einfluss auf verschiedene chronische Erkrankungen haben kann. Zuckerkrankheit, Übergewicht oder Bluthochdruck.“ MUSIK 9 C1589890106 Delicate information (red.) 0‘38 Sprecher: Egal ob Patient, Athlet: oder Wanderer: Luftveränderung, also Sauerstoff-Veränderung tut gut. Die dünne Luft kann für den menschlichen Organismus wie eine Frischzellenkur wirken. In gemäßigter Höhe wie hier in den Hohen Tauern kommt zum Jungbrunnen dann noch das Gipfelglück dazu: Zusp. 4 Tauern gesamt: „Bergheil, super gemacht! 3006 Meter! – heroben auf 3000 Meter zu sein ist ein tolles Gefühl.

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