Mikroplastik - Ein aussichtsloser Kampf?
10.02.2024 · 22 Min.
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Mikroplastik ist winzig und überall: Durch Wind und Wasser verteilen sich die kleinen Teile schnell und können auch an entlegene Orte der Erde gelangen. Die Langzeitwirkungen sind bisher kaum erforscht. Autorin: Claudia Steiner (BR 2020)
Credits
Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Katja Amberger, Florian Schwarz
Technik: Fabian Zweck
Redaktion: Matthias Eggert
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Im Interview:
Christian Laforsch (Professor; Tierökologe von der Universität Bayreuth);
Julia Schwaiger (Dr.; Leiterin des Referats Aquatische Ökotoxikologie und mikrobielle Ökologie am Bayerischen Landesamt für Umwelt im oberbayerischen Wielenbach);
Katharina Istel (Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland, NABU)
Linktipps:
Mehr Wissenswertes zum Thema Mikroplastik finden Sie auf BR 24:
BR 24 | WAS MIKROPLASTIK MIT UNSERER GESUNDHEIT MACHT
Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:
BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
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- Abaelard und Heloise - Weisheit, Liebe, Absturz
12.02.2024 · 24 Min.
Die schönste und traurigste Liebesgeschichte der Welt - zwischen einem charismatischen Gelehrten und einer klugen, hübschen jungen Frau. Ihre Briefe sind Weltliteratur, ihre tragische Liebe rührt bis heute. Autorin: Katalin Fischer (BR 2018) Credits Autorin dieser Folge: Katalin Fischer Regie: Petra Hermann-Boeck Es sprachen: Katja Amberger, Martin Umbach, Hemma Michel, Christoph Jablonka Technik: Birgit Vetter Redaktion: Petra Hermann-Boeck, Andrea Bräu Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Am Anfang war der Kuss. Aber was für einer! Er gab den Auftakt zu einer legendären großen Liebe. Nun ist es leider die Art von großen Lieben, dass sie unglücklich enden. Zumindest werden sie nur dann berühmt - Unglück ist nun mal poetischer als Glück. SPRECHER: Die Protagonisten: außergewöhnlicher, kluger, schöner Mann, außergewöhnliche, kluge, schöne Frau, ein böser Onkel, drei grausame Mordgesellen. Und obwohl sie fast tausend Jahre alt ist, ist diese Geschichte heute noch so lebendig und anrührend, wie nur die Wahrheit sein kann. SPRECHERIN: Pierre Abaelard ist 38, der schönste Mann von Paris, charismatisch, erfolgreich, berühmt. Er ist Philosoph und Theologe, doch seine Haltung zu Ethik und Religion ist ganz anders, als vorgeschrieben - denn er appelliert an die Vernunft SPRECHER Der Glaubenssatz des Hl. Augustinus schrieb vor: „Credo ut intelligam“, „Ich glaube, um zu verstehen“. Abaelard kehrt den Spruch um: „Nihil credendum, nisi prius intellectum“, nichts sei zu glauben, was man nicht zuvor verstanden habe. Eine ungeheuerliche, eine ketzerische Anmaßung! Anstatt bedingungslosen Gehorsams fordert Abaelard zu eigenständigem Denken auf. SPRECHER: Abaelard wird zum Anführer der jungen Rebellen des Denkens – und zum Staatsfeind Nummer eins der Konservativen. Bereits nach kurzer Lehrzeit unterrichtet er selbst und hat an der Domschule von Paris bald den größten Zustrom an Studenten. SPRECHERIN: Was zur Folge hat, dass auch das Maß des Hasses gegen ihn wächst. Immer wieder kehrt im Leben des Pierre Abaelard dasselbe Muster wieder: er besiegt seine Lehrer und Widersacher durch Scharfsinn, wird dafür verteufelt, angeklagt, verurteilt. Und zieht die Studenten magisch an, begeistert sie - und das Spiel beginnt von neuem. 1. O-Ton: Peter Adamson „Was man mindestens über Abaelard wissen muss, ist, dass er wirklich einen Höhepunkt in der mittelalterlichen Philosophie repräsentiert. Er übernimmt Ideen aus der Antike, zum Beispiel von Aristoteles, aus der aristotelischen Logik, und setzt sie ein, damit er den christlichen Glauben dann verteidigen kann und erklären kann.“ SPRECHER: sagt Peter Adamson, Professor für spätantike Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. SPRECHERIN: Großer Wirbel um Abaelard. Ganz Paris ist entzückt. Bald ist er der berühmteste Magister des Abendlandes. Doch das allein hätte ihn vielleicht noch nicht für alle Zeiten ins kollektive Weltbewußtsein eingeschrieben, wäre da nicht die Geschichte mit Heloise gewesen. SPRECHER: Trotz seiner 38 Jahre ist der smarte Gelehrte noch jungfräulich. Prostituierte mag er nicht, für Damen der Gesellschaft hat er keine Zeit und mit bürgerlichen Frauen keine gemeinsame Sprache. Begierde, Leidenschaft, Liebe sind ihm unbekannte Größen, sie schlummern in den Tiefen seiner Seele. Bis sie eines Tages erweckt werden. Mit eben jenem ersten Kuss. SPRECHERIN: 1117. Täglich pilgert ein riesiger Strom von Studenten in Abaleards Vorlesungen. Heloise ist 16 oder 17, sie wohnt gleich nebenan und bekommt den ganzen Aufruhr mit. Sie ist eine Waise, erzogen im Kloster und seit kurzem bei ihrem Onkel Fulbert, dem Subdiakon von Notre Dame. Schon früh fiel sie wegen ihrer außergewöhnlichen Gelehrigkeit auf – Latein, Griechisch, Hebräisch, Philosophie und Theologie –, alles sog sie in sich auf. Sie ist hübsch und geistreich, wie Abaelard, und wie er, eine starke Persönlichkeit. Insgesamt also - sexy! Die beiden sind füreinander geschaffen. Onkel Fulbert, der das nicht ahnen kann, will den Gelehrten als Hauslehrer für Heloise engagieren - und Abaelard findet das ziemlich gut! ZITATOR: „Die Liebe zu Heloise durchglühte mich. So vereinbarte ich mit Fulbert, dass er mich in seinem Hause aufnehme. Fulbert kam ans Ziel seiner Wünsche: mein Geld für sich und meine Gelehrsamkeit für seine Nichte. Ich kann es wohl kurz machen: der Hausgemeinschaft folgte die Herzensgemeinschaft! Während der Unterrichtsstunden hatten wir vollauf Zeit für unsere Liebe, und der Küsse waren mehr als der Sprüche. Meine Hand hatte oft mehr an ihrem Busen zu suchen als im Buch, und statt in den wissenschaftlichen Textbüchern zu lesen, lasen wir sehnsuchtsvoll eins in des anderen Auge. Es war eine innige Liebe, süßer als der feinste Balsam!“ SPRECHERIN: Für Abaelard erschließt sich eine neue Welt. Er lernt noch größeren Genuss kennen, als die Philosophie! ZITATOR: „In unserer Gier genossen wir alle Stufen der Liebe, und was die Liebe sich Ausgefallenes denken konnte, trieben wir. Je weniger wir solche Freuden bisher genossen hatten, um so glühender gaben wir uns ihnen hin – und kein Überdruss kam uns an.“ SPRECHERIN: Heloise liebt ihn mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens. Sie schreibt ihm im Laufe ihres Lebens mehrere wundervolle Briefe. Peter Adamson: 2. O-Ton: Adamson „Es gibt nicht so viele Denkerinnen im Mittelalter wie Heloise. Es gibt schon mehr weibliche Denkerinnen, als man vielleicht meint, aber selten ist es, dass wir eine Autorin haben, wo wir so einen starken Eindruck haben, wie ihre Persönlichkeit war, und da erfahren wir sogar viel über ihr Leben.“ SPRECHERIN: Viele Liebende idealisierten den Geliebten - schreibt sie in einem ihrer Briefe - und müssten eines Tages ihren Irrtum erkennen. ZITATORIN: „Was aber Anderen der Irrtum, verschaffte mir die offenkundige Wahrheit. Was die anderen von ihrem Mann nur meinen, das wußte ich, das wußte die Welt. Die Wahrheit meiner Liebe zu dir gründete in ihrer Irrtumslosigkeit. Welcher König oder Philosoph hätte sich mit dir vergleichen können? Welche Stadt, welches Dorf wollte dich nicht haben? Alle Frauen, verheiratet oder nicht, wollten dich sehen, wenn du öffentlich auftratst, und sie reckten den Hals, wenn du abtratest. Alle verzehrten sich nach dir in leidenschaftlicher Gier, wenn du fern warst, und ihr Blut ging schneller, warst du zugegen. Welche Königin oder Fürstin neidete mir nicht meine Wonne und mein Bett?“ SPRECHERIN: Und die Straßen hallen wider von Liedern mit Heloises Namen - Liebende im Liebesrausch. SPRECHER: Onkel Fulbert glaubt lange Zeit nicht an das Gerede über eine Affäre der beiden. Da stellt Heloise eines Tages – voller Freude, wie sie schreibt – fest, dass sie schwanger ist. Abaelard bringt sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu seiner Schwester in die Bretagne, denn Onkel Fulbert tobt, wie erwartet. Beruhigt sich aber, als Abaelard ihm verspricht, Heloise zu heiraten. Nur möge der Onkel die Sache bitte diskret behandeln, seiner Karriere zuliebe. Abaelard ist kein Priester und nicht dem Zölibat verpflichtet, dennoch gilt der Ehestand für eine theologische Laufbahn als hinderlich. Onkel Fulbert verspricht alles. SPRECHERIN: Doch da kommt Widerstand von unerwarteter Seite: Heloise will nicht! Sie sorgt sich um Abaelards Karriere, will auch eigentlich lieber Geliebte bleiben. In gelehrten Worten erläutert sie die Vorzüge der Ehelosigkeit: Ein Philosoph sollte seine Kraft und Zeit nicht an eine Ehe verschwenden. Was sei schon die Ehe? fragt sie mit rhetorischer Bravour. Nichts, lediglich der „Stand des gesellschaftlich anerkannten Geschlechtsverkehrs!“ Zugleich verteidigt sie auch die Rechte der Frauen auf Eigenständigkeit – die sollte nicht von Vätern oder Männern abhängen. Und das zu Beginn des 12. Jahrhunderts! Bravo Heloise! SPRECHER: Ihr Sohn kommt zur Welt, Astrolabius, der Sternengreifer. Er bleibt Abaelards Schwester anvertraut, schlägt später selbst eine geistliche Laufbahn ein, kommt aber im Leben der beiden Liebenden nicht mehr vor – im Mittlelalter nichts Außergewöhnliches. SPRECHERIN: Nach der Entbindung fährt Heloise nach Paris. Sie muss sich letztlich beugen - die Hochzeit findet im kleinsten Familienkreis statt. SPRECHER. Onkel Fulbert ist befriedigt, die Frischvermählten kehren jeder in seine eigene Behausung zurück. SPRECHERIN: Happy End? Still und leise? SPRECHER: Leider nein. Die Katastrophe kommt noch. Onkel Fulbert hält sich nicht an sein Versprechen und posaunt die Kunde von der Eheschließung aus. Heloise widerspricht ihm öffentlich, streitet die Hochzeit ab, worauf sie von ihrem Onkel gehörig vermöbelt wird. Abaelard will die Geliebte in Sicherheit wissen, er bringt sie in das Kloster, in dem sie aufgewachsen war. SPRECHERIN: Ein verhängnisvoller Fehler. Denn Fulbert glaubt nun, dass er sich Heloises entledigen will. Er ist erzürnt und plant eine Tat von unendlicher Grausamkeit: er heuert drei Mörder an, die Abaelard nachts in seinem Haus überfallen - und entmannen. Es ist so grauenvoll dass man gar nicht genau hindenken darf. Der Schwerverletzte überlebt mit Mühe. ZITATOR: Welche Scham ergriff mich! Welcher Kummer über Heloises Pein peinigte mich! Welche verzweifelte Wehmut erfüllte sie über meinen Kummer! Die Trennung unserer Körper verschmolz unsere Seelen, und die Liebe, der die Möglichkeit entzogen war, flammte grenzenlos auf.“ SPRECHERIN: Ganz Paris ist auf den Beinen, alle sind entsetzt. Die gesamte Weiblichkeit ist in Tränen aufgelöst, als hätte jede einzelne von ihnen ihren Mann verloren. Die Empörung unter den Studenten, aber auch in Kreisen der Geistlichkeit ist groß, die Öffentlichkeit steht zu Abaelard. Zwei der Verbrecher werden gestellt, sie werden geblendet und ebenfalls entmannt. Der Bischof enthebt Fulbert seines Amtes und lässt seinen Besitz beschlagnahmen. SPRECHER: Heloise stürzt in tödliche Verzweiflung. ZITATORIN: „Herzliebster, du weißt es, alle, alle wissen es, was ich in dir verloren. Ohne Zaudern brächte ich mein altes Gewand, mein altes Herz zum Opfer, um aller Welt zu zeigen, wie ich dein eigen sei, mit Leib und Seele. Mir war es immer der Inbegriff aller Süße, deine Geliebte zu heißen, ja - bitte zürne nicht! – deine Schlafbuhle, deine Dirne! Herr Gott, sei du mein Zeuge, wenn der Kaiser käme, der Beherrscher der ganzen Welt, mich zu ehelichen, wenn er mir dabei die ganze Erde verschriebe zum ewigen Besitz, ich möchte lieber deine Dirne heißen, als seine Kaiserin!“ 3. O-Ton: Adamson „Offensichtlich, dass sie sehr schlau war, das ist wahrscheinlich, was Abaelards Interesse an ihr geweckt hat. In dem Briefwechsel selbst scheint sie ihre eigenen philosophischen Ideen zu haben, zum Beispiel betont sie sehr, wie paradox es ist, dass man Schlechtes aus guter Absicht machen kann. In dem Fall hat sie alles aus Liebe zu Abaelard gemacht, und das ist alles so schlecht ausgegangen.“ SPRECHERIN: Jahrzehnte später, als Äbtissin, beklagt sie immer noch die verlorene Liebe und Leidenschaft: ZITATORIN: „Die Liebesfreuden, die wir zusammen genossen, sie brachten uns so viel Süße! Ich kann sie nicht verurteilen, ich kann sie kaum aus meinen Gedanken verdrängen. Ich kann gehen, wohin ich will, immer tanzen die lockenden Bilder vor meinen Augen. Nicht einmal im Schlaf komme ich von diesen Bildern los, sogar mitten im Hochamt drängen sich die wollüstigen Fantasiegebilde vor und fangen meine arme arme Seele so ganz und gar ein! Aus reinem Herzen sollte ich beten, stattdessen verspüre ich immer und immer die Verlockungen der Sinnlichkeit.“ SPRECHER: Der Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise gehört zu den schönsten Schätzen der Liebesliteratur. SPRECHERIN: Ihr ganzes Leben lang bedrängt die leidenschaftliche Heloise den Geliebten mit glühenden Worten. SPRECHER: Er kann dem nichts Entsprechendes entgegensetzen, seine Briefe versuchen, geistigen Trost, geistliche Anleitung zu spenden. Und dennoch – unverkennbar schimmert auch in ihnen der Glanz der Liebe durch - auch Abaelard liebt Heloise auf dem Grund seines gebrochenen Herzens, bis zu seinem Lebensende. SPRECHERIN: Beide gehen ins Kloster. Beide machen weiterhin Karriere. Heloise in stiller Geradlinigkeit, Abaleard auf einer Achterbahnfahrt aus Erfolgen und Abstürzen. Heloise wird Äbtissin und durch ihre Schriften berühmt, Abaelard bleibt, was er war, ein glühender Verfechter der kritischen Vernunft, mittels derer althergebrachte religiöse Vorstellungen angezweifelt werden dürften. Womit er - fünfhundert Jahre früher - bereits den Geist der Aufklärung vorwegnimmt. Und sich weiterhin unendlicher Liebe und unendlichem Hass aussetzt. SPRECHER: Eine seiner Schriften behandelt die göttliche Dreieinigkeit. Seine Gegner werfen ihm vor, drei Göttern zu huldigen. SPRECHERIN: Was ausgemachter Blödsinn ist. Abaelard definiert lediglich die Dreieinigkeit als drei Aspekte Gottes: Macht, Weisheit und Gnade plus Liebe. SPRECHER: Seine Fürsprecher und seine Feinde geraten sich darüber in die Haare, zuletzt siegt die Missgunst: 1121 wird Abaelard wegen Gotteslästerung vor ein Konzil in Soissons zitiert. Seine Fans fordern, er solle sich selbst verteidigen dürfen - die Gegner lehnen das ab. Wenn Abaelard redet - so ihr Argument -, sei er unwiderstehlich, seine Überzeugungskraft unschlagbar. Was also tun? Ganz einfach: das Konzil verurteilt ihn, ohne ihn anzuhören. Mit eigenen Händen muss er seine Schrift ins Feuer werfen, anschließend wird er in ein abgelegenes Kloster gesperrt. Bald jedoch tritt dort ein neuer Abt die Führung an und erlaubt Abaelard, sich eine eigene Klause zu errichten. Nur von einem Burschen begleitet zieht er in die Einöde und baut sich eine Laubhütte. SPRECHERIN: Und es passiert wieder: als Studenten hören, dass Abaelard wieder unterrichten darf, strömen sie in Scharen zu ihm. SPRECHER: Als Dank für seine Vorlesungen bebauen die Studenten Äcker, bauen ihm ein Gebetshaus, das er nach dem Heiligen Geist Paraklete benennt. Drei Jahre währt das stille Glück. SPRECHERIN: Abaleard schätzt alle Weisheit, so auch die der Philosophen der Antike oder des Judentums. ZITATOR: „Gott schenkt seine Liebe allen Völkern, auch Juden und Heiden!“ SPRECHERIN: sagt er und leitet damit als erster den Dialog der Religionen ein – auch ein früher Bezug zur Aufklärung. Andersgläubige sollten nicht durch Gewalt, sondern allenfalls durch Argumente bekehrt werden. Also wieder einmal: man soll doch bitte die Theologie mit Vernunft angehen. SPRECHERIN: Gott, wie ketzerisch! Die Kirchenväter drohen wieder mit Anklage, und Abaelard wird – vielleicht als Strafe, vielleicht auch zu seiner Rettung – von seinem Vorgesetzten in ein abgelegenes Kloster geschickt. Es ist schlimmer als ein Gefängnis. Die Mönche dort versuchen mindestens zweimal, Abaelard zu ermorden: einmal füllen sie seinen Becher mit vergiftetem Messwein, ein anderes Mal mischen sie Gift in sein Essen. Purer Zufall, dass ein Anderer aus seinem Teller ißt - und stirbt. Elf Jahre lang leidet Abaelard in dieser Hölle. SPRECHER: Nach zwei Jahren allerdings - ein kurzes Intermezzo des Glücks. Das Nonnenkloster in Argenteuil, dessen Priorin Heloise mittlerweile ist, wird aufgelöst, die Schwestern stehen heimatlos da. Als er das hört, macht sich Abaelard unverzüglich auf den Weg. Es sind über 500 Kilometer, die er zu Pferde zurücklegt - die Reise dauert gute vier Wochen -, um seiner ehemaligen Geliebten zu helfen. Er schenkt den Nonnen die Paraklete, seinen einzigen Besitz. Das Wiedersehen mit Heloise ist schmerzlich-schön. SPRECHERIN: In seinen Memoiren vermerkt er: ZITATOR: „Die Klatschmäuler sagten, dass ich immer noch in den Fesseln der Sinneslust liege, darum könnte ich das Fernsein von meiner einstigen Geliebten nur schwer verschmerzen - wenn überhaupt.“ SPRECHER: Und Heloise, in einem ihrer herzzerreißenden Briefe: ZITATORIN: „Dich verlieren heißt mein eigenes Leben verlieren. Ich wäre weiß Gott ohne Zaudern auf dein Geheiß in die Hölle dir vorausgeeilt oder doch nachgestürzt. Ich war doch nicht mehr Herr meines Selbst! In dir, nur noch in dir war es - und ist es! Ist es jetzt mehr als je! Ist mein Selbst nicht bei dir, so ist es nirgends, und ohne dich hat es keinen Sinn und kein Wesen.“ SPRECHERIN: Der nächste Absturz des Pierre Abaelard folgt schon bald. Sein Postulat, alle Dogmen der Religion müssten einer vernunftmäßigen Erklärung zugänglich sein, bringt ihm wieder eine Anklage ein. Sein Widersacher, der eifrige Wachhund des Klerus, Bernhard von Clairvaux, nimmt die Jagd auf den Rebellen auf. Religion und kritische Vernunft? Hah! Ketzerei! Gottlosigkeit! SPRECHER: Abaelard bittet diesmal selbst um ein Konzil, um sich zu verteidigen. Der Erzbischof von Sens ist dazu bereit und lädt auch Bernhard zur Disputation ein. Doch der lehnt ab, er wagt es nicht. Gegen Abaelard fühle er sich wie „ein reines Kind“, sagt er. Stattdessen stachelt er andere Kirchenfürsten an, Abaelard zu vernichten. SPRECHERIN: 1140 wird das Konzil von Sens einberufen. Eine Riesenshow! Der König rückt mit dem gesamten Hofstaat heran, alle Größen der Geistlichkeit kommen, Prunk, Aufruhr. Abaelard, mutig und kämpferisch wie eh und je, geißelt den Klerus: (die Unmoral der Priester, den Ablasshandel, die Lügen um falsche Wunder.) SPRECHER: Da er weiß, dass er keine Chance hat, verkündet er sogleich, dass er sich nur dem Richtspruch des Papstes unterwerfen werde - und verlässt die Stadt. Die verblüffte Geistlichkeit bleibt ratlos zurück. Doch da der scharfsinnige Angeklagte nicht mehr da ist, wagt es Bernhard nun, gegen ihn zu sprechen - und erreicht die Verurteilung. SPRECHERIN: Abaleard schafft es nicht mehr zum Papst. Gebrochen, krank und verarmt muss er in Cluny einkehren, um sich zu erholen. Und während er dort ist, bestätigt Papst Innozenz II. das Urteil von Sens. Abaleard wird verbannt und zu ewigem Schweigen verdammt. Endlich! Der Rebell, der Freidenker, der Revolutionär ist erledigt! SPRECHER: Als der Abt von Cluny, der freundliche Petrus Venerabilis, sieht, wie sich Abaleards Zustand verschlechtert, schickt er ihn zur Erholung nach Chalons. Dort schreibt er noch einige Hymnen von unsterblicher Schönheit für Heloise. Und stirbt, 63 jährig. Seine letzten Worte: „Ich weiß es nicht.“ SPRECHERIN: Heloise überlebte den Geliebten um 22 Jahre und bat darum, mit ihm in der Paraklete begraben zu werden. SPRECHER: Die Echtheit einiger ihrer Briefe zieht man in Zweifel. Dennoch - sie sind ein literarischer Schatz. Und erzählen so viel über sie, zum Beispiel, 5. O-Ton: Adamson „dass sie es bereut, dass sie nicht mehr zusammen mit Abaelard sein kann. Dass sie Nonne geworden ist, also das ist nicht wirklich, was sie wollte. Und dass eine Frau über die Jahrhunderte hinweg mit uns so reden kann über ihre Gefühle und über ihre eigene Einstellungen, das ist wirklich einmalig. Ich bin eigentlich schon überzeugt, dass der Briefwechsel authentisch ist.“ SPRECHERIN: Während der französischen Revolution wurde das Grab in der Paraklete aufgebrochen und geplündert, doch brachte man 1817 die - vermuteten - Überreste von Abaelad und Heloise nach Paris. Dort liegen sie nun, endlich wieder vereint, auf dem Friedhof Père Lachaise. Viele Jahre lang pilgerten Liebende aus aller Welt dorthin, um Blumen auf ihr Grab zu legen.
- Photosynthese - Das wundersame Pflanzenkraftwerk
08.02.2024 · 23 Min.
Ohne Photosynthese gäbe es weder Pflanzen oder Algen noch Sauerstoff - entscheidende Grundlagen irdischen Lebens. Dieses faszinierende pflanzliche Solarkraftwerk ist so komplex, dass es technisch noch nicht komplett nachgebaut werden konnte. Autorin: Renate Ell (BR 2021) Credits Autor/in dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Peter Weiß Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Hans-Henning Kunz (Professor, Dr.; Lehrstuhl für Biochemie und Physiologie der Pflanzen, Ludwig-Maximilians-Universität München); Thorsten Grams (Professor, Dr.; Lehrstuhl Ökophysiologie der Pflanzen, TU München); Thomas Hannappel (Professor, Dr.; Fachgebiet Grundlagen von Energiematerialien, TU Ilmenau) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pflanzen-Nährstoffe - Vom Mangel bis zum Überfluss JETZT ANHÖREN Nachtaktive Pflanzen - Was uns im Dunkeln blüht JETZT ANHÖREN Denkende Pflanzen - Natur neu entdeckt JETZT ANHÖREN Die Taktgeber der Natur - Im Einklang mit Sonne und Mond JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Intuition - Gefühltes Wissen aus dem Unbewussten
07.02.2024 · 23 Min.
"Intuition ist Vernunft, die es eilig hat", sagt ein Sprichwort. Welche Prozesse ablaufen, wenn wir unserem Bauchgefühl vertrauen, versuchen Wissenschaftler zu enträtseln. Ein Schlüssel ist das Erfahrungswissen. Autorin: Dorit Kreissl (BR 2017) Credits Autorin dieser Folge: Dorit Kreissl Regie: Dorit Kreissl Es sprachen: Detlef Kügow, Anne Isabelle Zils, Heinz Peter Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Regina Obermayr-Breitfuß, Psychologin, Intuitionsforscherin, Coaching; Prof. Gerd Gigerenzer, Psychologe, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin Literaturtipps: Gerd Gigerenzer: "Bauchentscheidungen", C. Bertelsmann Verlag München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2007. Daniel Kahnemann: "Schnelles Denken, langsames Denken", Siedler-Verlag München 2012 in der Verlagsgruppe Random House GmbH. Übersetzer: Thorsten Schmidt. Regina Obermayr-Breitfuß: "Intuition, Theorie und praktische Anwendung", Verlag: Books on Demand; Auflage: 1. Aufl. (Februar 2005). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Brand MUSIK Wach 89243140 Z00 ZITATORIN: Feuerwehrmänner dringen in ein Haus ein, in dem die Küche brennt. Kaum haben sie mit den Löscharbeiten begonnen, schreit der Zugführer "Raus hier", ohne zu wissen, warum. In dem Moment, als der letzte Feuerwehrmann den Raum verlassen hat, stürzt die Decke ein. Erst später wird dem Zugführer bewusst, dass das Feuer ungewöhnlich leise und seine Ohren ungewöhnlich heiß gewesen waren. Er hatte keine Ahnung, was nicht stimmte, aber er wusste, dass etwas nicht stimmte, und tat intuitiv das Richtige. O-Ton 1 Gigerenzer Intuition ist gefühltes Wissen, was folgende Eigenschaften hat: Man spürt sehr schnell was man tun sollte, kann es aber nicht erklären: und dennoch leiten intuitive Entscheidungen vieles in unserem beruflichen, aber auch privaten Leben. ERZÄHLER: Professor Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. O-Ton 2 Breitfuß Intuition definiere ich als ein geistiges Wissen, das auf ganz natürliche Weise im Menschen da ist und wo der Mensch, wenn er möchte, selbst einen Zugang dazu findet. Es ist kein psychisches Wissen, sondern ein geistiges Wissen. ..Jedes Baby bringt das mit auf die Erde, das ist auf ganz natürliche Weise vorhanden. Musik aus ERZÄHLER: Die österreichische Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß. Sie forscht seit rund 30 Jahren zum Thema Intuition: O-Ton 3 Breitfuß Intuition vermag einen erweiterten Erkenntnisprozess in einem Menschen. Diese vertieften Aha-Erlebnisse, wo ich größere Komplexitäten in einem wesentlichen Punkt erfassen kann; worum es wirklich geht, zu sagen, ich treffe damit den Nagel auf den Kopf oder ich erfasse den Kern in einem Augenblick. ERZÄHLER: Intuition ist lebensnotwendig, sie trifft den "Nagel auf den Kopf". Aber warum kann man intuitive Entscheidungen kaum erklären. Gerd Gigerenzer: O-Ton 4 Gigerenzer Viele Bereiche unseres Gehirns sind der Sprache nicht mächtig, dennoch findet sich dort sehr viel Information, die dort gespeichert ist. Wenn wir also nur dem Recht geben, was wir sprachlich begründen können, dann würden wir sehr viel verlieren. ERZÄHLER: Aber auch Sprache funktioniert intuitiv: ein vierjähriges Kind befolgt mühelos grammatikalische Regeln, obwohl es sie noch gar nicht kennt. Und im Baby-Alter spielt non-verbale Kommunikation eine große Rolle. O-Ton 5 Breitfuß Das Baby ist direkt mit der Intuition verbunden. Ich sag dann den Müttern immer: das Baby spürt bis ins Schlafzimmer, das spürt alles in der Familie, im gesamten Umfeld, kann das natürlich nicht in Worten ausdrücken und gibt entsprechende Signale. Die sind verschieden, und eine Mutter braucht eine gute Intuition um herauszufinden – das ist auch so ein Aha-Erlebnis, also das und das meint jetzt das Baby. Aber die Mutter kann davon ausgehen, dass sie, wenn sie das Baby anschaut, auch direkt verbunden ist mit dem intuitiven Wissen. MUSIK Intuition Z9338823 215 ERZÄHLER: Intuition kommt vom lateinischen Wort "intueri" - das heißt "ansehen", "erkennen", "betrachten", wobei es viele unterschiedliche Interpretationen dieses "Betrachtens" gibt. Es gibt keine einheitliche Definition von Intuition, Musik aus sondern viele verschiedene Theorien dazu. Um zwei davon soll es im Folgenden gehen: O-Ton 6 Gigerenzer Intuition ist Erfahrungswissen, das man aber nicht begründen kann, das heißt man erlernt gute Intuition in einem Bereich. ERZÄHLER: so definiert es Professor Gigerenzer. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben - eines davon: "Bauchentscheidungen - Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition" wurde zum viel zitierten Standardwerk. In ihm analysiert der Forscher, wie Intuition funktioniert und macht das an folgendem Beispiel deutlich: O-Ton 7 Gigerenzer Ich habe in den USA mit Drogenfahndern gearbeitet, deren Aufgabe es ist, an einem großen internationalen Flughafen Drogenkuriere zu erkennen. …Wie kann man aus einer Menge von hunderttausenden Menschen den einen Drogenkurier entdecken? …Ich habe einmal einen gefragt, warum hast Du diese Frau hier herausgeholt und nicht irgendeinen anderen, und er sagte: Ich kann es selbst nicht erklären. Ich spür nur, das da was nicht stimmt. Wie hat dieser Drogenfahnder gelernt hinzusehen? Nun, er ist zehn Jahre mit einem erfahrenen Kollegen mitgelaufen. Der erfahrene Kollege hat ihm am Anfang gesagt: Schau mal, siehst Du den Mann da hinten. Und der junge Kollege hat 50 Männer gesehen und erst langsam hat er gelernt zu sehen. Es war aber nie in Sprache. Er konnte es nie erklären. ERZÄHLER: Der Drogenfahnder hat auf gespeichertes Wissen zurückgegriffen und seine Schlüsse aus sogenannten "Faustregeln" gezogen. Gigerenzer verwendet den Begriff synonym mit dem wissenschaftlichen Ausdruck "Heuristik". Eine Faustregel ist eine einfache Denkstrategie für effiziente Problemlösungen, die auf die wichtigsten Informationen zurückgreift, und so schnelles Handeln ermöglicht. O-Ton 8 Gigerenzer Sie können, wie die meisten Menschen, zwischen einem echten Lächeln und einem aufgesetzten Lächeln wahrscheinlich unterscheiden. .. Das kann man wissenschaftlich herausfinden, nämlich: bei einem aufgesetzten Lächeln, da bewegen sich die Muskeln im Mundbereich, beim echten Lächeln gehen die Augenbrauen nach oben. Und das verstehen Menschen; diese Regel aber, sie ist intuitiv... das ist sozusagen die Kunst, auf das Wesentliche zu achten und das schnell herauszufiltern und den ganzen Rest zu ignorieren. Vieles in unserem Leben sind Faustregeln, die können bewusst sein, aber auch unbewusst. Wenn sie unbewusst sind, dann spricht man von Intuition. ERZÄHLER: Die Faustregeln sind in der Umwelt und im evolvierten Gehirn verankert. Es stellt uns Fähigkeiten zur Verfügung, so der Psychologe, die sich im Lauf von Jahrtausenden entwickelt haben. Zu den evolvierten Fähigkeiten gehören Sprache, Wiedererkennung, Gedächtnis, Nachahmung, Emotionen oder etwa die simple Fähigkeit, ein Objekt mit den Augen zu verfolgen, wie beim Fangen eines Balls. Bei der Blickheuristik fixiert der Läufer den Ball und passt seine Laufgeschwindigkeit so an, dass der Blickwinkel konstant bleibt. Das alles läuft automatisch, intuitiv ab. Würde er stattdessen die Wurfgeschwindigkeit des Balls berechnen, würde er ihn wohl nie fangen. Auch die Problemlösung im nächsten Beispiel, erfolgt buchstäblich in der Luft. O-Ton 9 Gigerenzer Ich hatte einen Freund, der hatte zwei Freundinnen, eine zu viel. Dann hat er eine Checklist gemacht, eine Rechnung, hat alles aufgeschrieben, was dafür und dagegen spricht, und als er das Ergebnis sah, spürte er, das ist falsch und er hat sich für die andere entschieden. Das können Sie viel schneller und einfacher haben, als lange Pro- und Kontra-Listen zu schreiben. Wenn Sie in einer solchen Situation sind, dann nehmen sie eine Münze und werfen Sie sie in die Luft. Und während sie noch dreht, werden Sie wahrscheinlich spüren, was nicht aufkommen darf. MUSIK Wach 89243140Z00 ERZÄHLER: Im Hintergrund hören Sie Karlheinz Stockhausen mit dem Titel "Wach" aus "17 Texte intuitiver Musik für kommende Zeiten". Der Komponist prägte in den 60er-Jahren den Begriff "intuitive Musik". Eine Musik, die aus dem Augenblick heraus entsteht. MUSIK hoch ERZÄHLER: Wie wichtig sind Augenblicks-Entscheidungen in unserem Leben? Liegt man mit ihnen immer richtig? Musik aus ZITATOR KAHNEMAN: "Das Vertrauen, das wir in unsere intuitiven Überzeugungen und Präferenzen setzen, ist in der Regel gerechtfertigt. Aber nicht immer. Wir sind oft selbst dann von ihrer Richtigkeit überzeugt, wenn wir irren." ERZÄHLER: analysiert der israelisch-amerikanische Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman. In seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" beschreibt er, wie Bauchentscheidungen zu verzerrtem Denken, voreiligen Schlüssen, falschen Ergebnissen und Vorurteilen führen können. Faustregeln vereinfachen, so Kahneman, sie lassen relevante Fakten oft außen vor, wie bei diesem Aufgabe, das er Versuchsteilnehmern stellte: MUSIK Taschenrechner Z9369244 003 ZITATORIN: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1 Euro 10. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Musik aus ERZÄHLER: Die schnelle intuitive Antwort: der Ball kostet zehn Cent. Das ist falsch. Die richtige Antwort erfordert ein längeres Nachdenken: Der Ball kostet 5 Cent. Und der Schläger einen Euro fünf Cent. Kahneman geht von zwei Systemen aus: Das bewusste System unseres Verstandes stellt komplizierte Berechnungen an, wägt ab, es ist mühsam und zeitaufwendig. Das unbewusste System arbeitet automatisch, es ist schnell und mühelos. Dieses mühelose, intuitive System spielt dem Gedächtnis manchmal einen Streich, es gaukelt ihm etwas vor, schreibt Kahneman … ZITATOR KAHNEMAN: …"David Stenbill, Monica Bigoutski, Shana Tirana. Ich habe diese Namen gerade erfunden. Wenn Sie irgendeinem davon in den nächsten Minuten begegnen, werden Sie sich wahrscheinlich daran erinnern, wo Sie die Namen zum ersten Mal gesehen haben." ERZÄHLER: Den Versuchsteilnehmern begegnen die erfundenen Namen einige Zeit später in einer Liste wieder, auf der Prominente und Unbekannte aufgeführt sind. Die Probanden erhalten die Aufgabe, die Prominenten auf der Liste herauszufiltern. ZITATOR KAHNEMAN: "Es besteht eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass Sie David Stenbill als einen Prominenten identifi zieren werden, auch wenn Sie nicht wissen werden, ob Ihnen dieser Name in Zusammenhang mit Kinofilmen, Sport oder Politik begegnet ist. Der Psychologe Larry Jacobs, der diese Gedächtnistäuschung als Erster im Labor nachgewiesen hat, gab ihr den Titel "Über Nacht berühmt werden." ERZÄHLER: David Stenbill wird über Nacht berühmt, weil uns sein Name vertraut ist. Hier führt die Faustregel: "Halte Dich an das, was Du kennst" in die Irre. Misstraue dem Vertrauten, es kann in die Manipulation führen, warnt Daniel Kahneman: ZITATOR KAHNEMAN: "Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falschen Aussagen zu glauben, ist häufiges Wiederholen, weil Vertrautheit sich nicht leicht von Wahrheit unterscheiden lässt. Auch autoritäre Institutionen und Marketing-Spezialisten wissen das seit jeher." ERZÄHLER: Intuition kann ebenso zu Vorurteilen führen, wir fallen auf Stereotype herein. Kahneman, der 2002 als bislang einziger Psychologe den Wirtschafts-Nobelpreis für seine "Neue Erwartungstheorie" erhielt, hat dafür dieses Beispiel parat: MUSIK Taschenrechner Z9369244 003 ZITATORIN: "Eine Person wurde von einem Nachbarn wie folgt beschrieben: 'Steve ist sehr scheu und verschlossen, immer hilfsbereit, aber kaum an anderen oder an der Wirklichkeit interessiert. Als sanftmütiger und ordentlicher Mensch hat er ein Bedürfnis nach Ordnung und Struktur und eine Passion für Details'. Ist Steve eher Bibliothekar oder Landwirt?". Musik aus ERZÄHLER: Steve ist das Stereotyp eines Bibliothekars, also tippen die meisten auf diesen Beruf. Kahneman kontert mit Statistik und verweist darauf, dass in den USA auf jeden männlichen Bibliothekar zwanzig Landwirte kommen, folglich dürfte es mehr sanftmütige und ordentliche Landwirte geben. Vertrauen wir unserem Bauchgefühl, kann es passieren, dass wir nach Sympathie und Antipathie urteilen. Zugeben würden wir das freilich nicht, im Gegenteil, sagt Kahneman, wir rationalisieren die intuitive Entscheidung im Nachhinein: ZITAT KAHNEMAN: "Sie mögen nicht wissen, dass Sie ein Projekt optimistisch einschätzen, weil etwas an dessen Leiterin Sie an ihre geliebte Schwester erinnert, oder dass Sie eine Person unsympathisch finden, die entfernt Ihrem Zahnarzt ähnlich sieht. Doch wenn man Sie nach einer Erklärung fragt, werden Sie Ihr Gedächtnis nach plausiblen Gründen durchforsten und mit Sicherheit einige finden. Außerdem werden Sie die Geschichte glauben, die Sie erfunden haben." MUSIK Sanzhi Pod city Z8005259 106 ERZÄHLER: Einen vollkommen anderen Erklärungs-Ansatz vertritt die Linzer Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß. Intuition orientiert sich ihrer Meinung nach nicht an Sympathie und Antipathie. Sie führt den Begriff "Instinkt" in die Debatte ein: O-Ton 10 Breitfuß Intuition und Instinkt ist so verschieden wie Apfelstrudel und Wiener Schnitzel. Der Instinkt orientiert sich nach dem Lust- und Unlustprinzip, nach Sympathie und nach Antipathie. Wenn man das vom Körperbild her sehen kann, ist es sozusagen die ganze Region Musik aus des unteren Menschen, die Bauchregion. Die Intuition orientiert sich überhaupt nicht nach Lust oder Unlust-Prinzip, ob mir ein Mensch sympathisch ist oder nicht, sondern die Intuition ist eine Erkenntnis, wo es um das tiefe innere Wissen geht und nicht nur um Sympathie und Antipathie. Sie ist auch frei von jeder soziokulturellen Prägung. ERZÄHLER: Die Autorin des Buches "Intuition: Theorie und praktische Anwendung", forscht seit Jahrzehnten auch interkulturell über Intuition, unter anderem in Österreich, Kalifornien, Hawaii, England und West Samoa: O-Ton 11 Breitfuß Es gibt Kulturen, die haben so ein absolutes Grundvertrauen zum intuitiven Wissen. Wenn eine Person von innen her etwas spürt, dass sie das überhaupt nicht in Zweifel zieht. In unserer Kultur, also in der westlichen Kultur ist das überhaupt nicht selbstverständlich, weil wir ja durch ganz andere Entwicklungs-stadien gegangen sind….Zum Beispiel in Western Samoa, da habe ich einige Monate gelebt und ich durfte da bei einer Art Gemeinderats-Sitzung dabei sein, ist es selbstverständlich, dass zwei, drei Personen einfach das, was sie intuitiv wahrnehmen an Wissen in die Runde bringen. Das würde niemand in Zweifel ziehen oder komisch finden. Das ist ganz klar neben allen anderen Wahrnehmungen, die im Raum sind, wird das hinzugezogen. ERZÄHLER: Wir brauchen Intuition, sie garantiert unser Überleben, schützt uns vor Gefahren, sagt die Psychologin. Und wir können den Zugang zu unserer inneren Stimme regelrecht üben: O-Ton 12 Breitfuß Wie kann man den Zugang lernen? …Die Intuition antwortet nicht auf Fragen "warum ist das so, woher kenn ich das, wieso ist das so" - also da antwortet immer die Logik. Die Intuition antwortet aber auf Fragen, die offen gestellt werden, wie zum Beispiel "was weiß ich über diesen Sachverhalt" oder "Was weiß ich über meine Verantwortung". Dann bekomm ich Antwort. MUSIK Thames town Z8005259 103 ERZÄHLER: Die Intuition spielt bei Unternehmens-Entscheidungen eine wesentliche größere Rolle als bekannt ist, sagt Gerd Gigerenzer, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Das liege zum einen daran, dass die Intuition im westlichen Kulturkreis nicht die Wertschätzung bekommt, die sie verdient. Es werde viel mehr Wert darauf gelegt, dass Entscheidungen zähl- und messbar sind, Musik aus auf Fakten und nicht auf einer unerklärlichen Weisheit beruhen. Zum anderen hätten viele Unternehmen und Behörden Angst zuzugeben, sich aus dem Bauch heraus entschieden zu haben. O-Ton 14 Gigerenzer Ich habe mit großen Unternehmen gearbeitet und die Entscheider vom Abteilungs-leiter bis in den Vorstand hinein gefragt, wie häufig ist eine wichtige berufliche Entscheidung am Ende eine Bauchentscheidung. Nach Aussagen der Führungskräfte etwa 50 Prozent, also jede zweite. Die gleichen Führungskräfte würden das in der Öffentlichkeit nie zugeben, denn man hat Angst. Bei einer Bauchentscheidung muss man die Verantwortung selbst tragen und wir leben in einer Gesellschaft, wo immer weniger Menschen Verantwortung tragen möchten und sie immer mehr delegiert wird. ERZÄHLER: Intuition hat nichts Mystisches an sich. Sie ist weder eine hellseherische Gabe noch eine göttliche Eingebung, kein sechster Sinn, auch keine Willkür und… O-Ton 15 Gigerenzer Und es ist auch nichts, was nur Frauen haben. Wir Männer haben auch Intuitionen. Nur Frauen sind oft ehrlicher und trauen sich mehr, das zuzugeben. ERZÄHLER: Das Stereotyp, Frauen seien intuitiver als Männer, speist sich auch aus dem jahrhundertealten Denken: Männer sind logisch, Frauen gefühlsbetont, also intuitiv. Wie es wirklich um die männliche Intuition bestellt ist, erfragte 2005 eine wissenschaftliche Studie: MUSIK Working on it CD976560 002 ZITATORIN: Über 15.000 Männer und Frauen nahmen am Experiment des britischen Psychologen Richard Wiseman teil. Er legte ihnen Fotos von Paaren vor, auf denen sie echtes von falschem Lächeln unterscheiden mussten. Vor dem Test mussten sie ihre eigene Intuitionsfähigkeit einschätzen: 77 Prozent der Frauen werteten sie als sehr hoch, bei den Männern waren es nur 58 Prozent. Das Testergebnis fiel knapp zugunsten der Männer aus: 72 Prozent erkannten das echte Lächeln, bei den Frauen waren es 71 Prozent. Musik aus ERZÄHLER: Der Mensch wird pro Sekunde von Millionen Sinneseindrücken überflutet. Mehr als 40 Eindrücke auf einmal, sagen Experten, kann er gar nicht bewältigen. Ein Grund für eine weitere intuitive Strategie, die nach dem Prinzip funktioniert: "Weniger ist mehr". Menschen verlassen sich bei ihren Urteilen oft auf einen einzigen guten Grund, ignorieren alle anderen Fakten, nach dem Motto: "Take the best, ignore the rest". Kann das funktionieren? Gerd Gigerenzer: O-Ton 16 Gigerenzer Eine Bauchentscheidung kann natürlich eine sehr gute oder auch eine sehr schlechte Entscheidung sein. Das ist genau so, wenn Sie sich etwas ausrechnen, können sie damit gut oder auch richtig daneben liegen... Also wenn Sie ins Kasino gehen und Roulette spielen, dann können Sie sich ausrechnen, wieviel Sie verlieren werden auf lange Sicht hin. Da brauchen Sie keine Intuition. Aber wenn es darum geht, den richtigen Partner fürs Leben zu finden, oder andere Dinge mit hochgradiger Ungewissheit, wo Überraschungen passieren, da reichen Berechnungen nicht aus und es ist eine Illusion daran zu glauben. ERZÄHLER: Die Linzer Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß meint hingegen: Intuition versagt nie. O-Ton 17 Breitfuß Nie! Sie versagt nie. Sie ist Tag und Nacht gegenwärtig. Ich kann auch einen intuitiven Traum bekommen, das heißt ein ganz klares Wissen: Ich steh in der Früh auf und weiß die Lösung. Große Erfindungen sind oft über intuitive Träume gekommen, weil wir in der Nacht auch mit dem Geistigen verbunden sind, wenn wir das zulassen. Und wenn mir die Intuition etwas mitteilt, dann kann ich mich hundert Prozent darauf verlassen. Sie täuscht mich nie. Sie versagt nie. O-Ton 18 Gigerenzer Wenn Sie in einem Gebiet wenig Erfahrung haben, dann sollten Sie sich nicht auf ihre Intuition verlassen. Wenn Sie viel Erfahrung haben, dann eher schon. O-Ton 19 Breitfuß Wir können Dinge wissen, die wir nie gelernt haben, niemals. Ganz große Erfindungen, ganz große Pioniere bestätigen das immer, dass sie das nicht irgendwo vorher gelernt, gehört, gelesen oder gesehen haben. Also das ganz Neue, das wirklich ganz Neue kommt über die Intuition auf die Erde. MUSIK Intuition Z9338823 215 ERZÄHLER: Vernunft und Bauchgefühl erscheinen als Gegensätze. Dabei werden alle Entscheidungen im Gehirn getroffen, die einen bewusst, analytisch, die anderen unbewusst. Beide sind wichtig. In unserer Gesellschaft wird die rationale Entscheidung allerdings höher bewertet, Musik aus O-Ton 20 Gigerenzer Einstein hat einmal gesagt: "der intuitive Geist ist ein Geschenk und der rationale Geist ist sein Diener. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der der Diener zum Herrn geworden ist und man das Geschenk vergessen hat".