Offene Beziehung - Das Ende der Monogamie?
07.04.2025 · 23 Min.
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Laut Umfragen ist fast jeder Dritte schon mal fremdgegangen. Evolutionsbiologen betonen, der Mensch sei gar nicht für die Monogamie geschaffen. Warum also nicht ehrlich sein und die Beziehung öffnen? Es gibt Paare, für die passt dieses Modell. Sie scheinen weniger von Verlustangst geplagt zu sein. Andere hingegen stimmen nur zähneknirschend zu aus der Angst, den Partner oder die Partnerin zu verlieren. Von Karin Lamsfuß (BR 2024)
Credits
Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Caroline Ebner, Sven Hussock
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut;
Anouk Algermissen, Psychologin und Paarberaterin;
Friedemann Karig, Wissenschaftsjournalist und Autor;
Verena König, Traumatherapeutin
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Literaturtipps:
Friedemann Karin: Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie. Atb-Verlag, 2018.
Wolfgang Krüger: Treue: der Konflikt zwischen Vertrauen und Begehren. BoD – Books on Demand 2019.
Holger Lendt und Lisa Fischbach: Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe. Piper 2014.
Und hier noch zwei besondere Podcast-Empfehlungen der Redaktion:
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
O-Ton 1 Steffen (0‘01“):
Ich liebe sie beide.
O-Ton 2 Wolfgang Krüger (0’11“):
Dass wir viele andere Menschen lieben können, glaube ich nicht, ich glaube, dass die Liebe immer etwas Exklusives hat, zumindest, was Erotik anbetrifft.
O-Ton 3 Steffen (0‘12“):
Warum nur eine? Sag mir einen ordentlichen Grund, warum man nur eine Freundin haben sollte. Ich denke nicht, dass ein Herz eine mechanische Größe hat.
O-Ton 4 Anouk Algermissen (0‘07“):
Die meisten Menschen, die sich mit dem Thema Offene Beziehung beschäftigen, die machen das aus dem Grund, dass sie mehr Freiheit wollen.
O-Ton 5 Nicole (0‘07“):
Wir haben so ne hohe Scheidungsrate: Warum bieten man seinem Partner nicht einfach die Möglichkeit an, offen und ehrlich zu sein?
Atmo Sektkorken, Party + Musik 2: Shameless - 44 Sek
Sprecherin:
Es passiert auf der Weihnachtsfeier, an Karneval oder auf dem Oktoberfest. Fremdgehen ist fast schon Normalität. Jeder zweite bis dritte – je nach Studie – ist schon einmal fremdgegangen. In der Folge wird gelogen, verheimlicht, manchmal gebeichtet. Ganz oft mündet das in einer großen Katastrophe für die Partnerschaft. Weil der Vertrauensbruch nicht mehr zu kitten ist.
Sprecher:
Jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden. Mit zunehmender Beziehungsdauer sinkt die sexuelle Zufriedenheit. Viele Paare reden nicht mehr miteinander. Irgendwann angeblich nur noch sieben Minuten am Tag. Ist die Monogamie am Ende?
O-Ton 6 Wolfgang Krüger (0‘31“):
Die Konstruktion, die wir heute haben von Partnerschaften, die ist ausgesprochen anspruchsvoll. Also wir wollen, dass wir mindestens zehn, 20 Jahre mit jemandem zusammen sind, dass man den Alltag miteinander verbringt, dass man Konflikte klärt, dass man sich möglicherweise ein Haus baut, dass man also so was ist wie ne Wirtschaftsgemeinschaft, dass man die Kinder zusammen hat, dass man Vertrauen hat, und dann wollen wir auch noch, dass man immer wieder in den anderen verliebt ist und eine lebendige Erotik hat!
Sprecher:
Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut.
Sprecherin:
Nicht selten entsteht in eingeschlafenen langjährigen Beziehungen und Ehen eine heimliche Sehnsucht: nach mehr Lebendigkeit, nach Aufregung, nach intensivem Fühlen.
O-Ton 7 Wolfgang Krüger (0‘18“):
Und wenn man dann noch Herzklopfen haben will, muss man tendenziell fremdgehen, und 60% der Seitensprünge gehören diesem Muster an, dass man merkt: Die Beziehung hat eigentlich kein wirkliches Liebespotential mehr, man will sich aber nicht trennen, also geht man fremd.
Musik 3: Clouds up aus: The virgin suicides - 35 Sek
Sprecher:
Warum nicht mal anders mit dem Thema umgehen? Warum nicht die Beziehung öffnen – und zwar offen und ehrlich?
Sprecherin:
Vielleicht ist das ja die Lösung für ein bislang ungelöstes Dilemma: Nämlich, dass einerseits viele Beziehungen auf Dauer an Lebendigkeit verlieren. Andererseits heimliche Seitensprünge einen hohen Preis haben: zerbrochene Beziehungen und Verrat an den eigenen Werten.
Doch gibt es beides gleichzeitig: Treue UND Freiheit?
O-Ton 8 Anouk Algermisssen (0‘23“):
Ich glaube, viele Paare versuchen zu navigieren, eine langfristige, stabile Partnerschaft zu haben, und gleichzeitig einen Weg zu finden, ihr Freiheitsbedürfnis, Experimentierbedürfnis auszuleben, und ich glaube, das ist für viele Menschen sehr spannend, sich überhaupt die Freiheit rausnehmen zu können, das monogame Modell überhaupt hinterfragen zu dürfen.
Sprecher:
Sagt die Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen.
Sprecherin:
Sie begleitet Paare dabei, ihre Beziehung zu öffnen. Im Durchschnitt sind ihre Klientinnen und Klienten um die 30.
Sprecher:
Laut einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage im Auftrag des Partnervermittlers ElitePartner hatten bereits 14 Prozent aller Männer und sieben Prozent aller Frauen zumindest eine Zeit lang eine offene Beziehung. Unter den 18- bis 39-Jährigen waren es sogar 19 Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen.
O-Ton 9 Algermisssen (0‘32“):
Was auch häufig ist, ist, dass man unterschiedliche sexuelle Vorstellungen hat oder auch Vorlieben, dass das z.B. schwer vereinbar ist, und es gibt auch manche Menschen, da geht es gar nicht so sehr um die Sexualität, die im Vordergrund steht, sondern tatsächlich um das Konzept der Beziehungsform. Also da kommen die sozusagen rein und sagen „Wir wollen selber noch mal überlegen, wie wir Beziehung führen möchten und machen das sozusagen im Kontext der offenen Beziehung. Um uns das noch mal neu anzugucken und zu schauen, wie wir Beziehung leben wollen.
Sprecherin:
Die neuen Beziehungsmodelle jenseits der klassischen Monogamie werden gerne in Lifestyle-Magazinen als Zeitgeist-Phänomen präsentiert. Offen, unkonventionell, experimentell. So dass sich jeder, der treu lebt fragt:
Musik 4: Conundrum – 12 Sek
Sprecher:
Hab ich irgendwas verpasst? Bin ich vielleicht einfach zu spießig?
Sprecherin:
Eine Frau lebt mit zwei Männern, ein Mann mit vier Frauen, mal lieben sich die Männer und Frauen auch untereinander, mal nicht. Erleben wir gerade eine Beziehungsmodell-Revolution?
O-Ton 10 Friedemann Karig (0‘20“):
Monogamie ist nicht das eine natürliche Modell, nach dem wir alle leben müssen. Es war sozusagen mal eine schlaue Idee der menschlichen Kultur, sich darauf festzulegen, aber natürlich so wie unsere Sexualität entstanden ist, ist wahrscheinlich eher eine serielle Monogamie, die wir heute auch leben, oder sogar polygame Formen des Zusammenlebens.
Sprecher:
Friedemann Karig. Wissenschaftsjournalist und Autor des Buchs „Wie wir lieben“. Er hat viele Paare zur Treue, zur Ehrlichkeit und zum Miteinander befragt. Und Studien und Berichte ausgewertet: von Biologen, von Evolutionspsychologen, Genetikern, Soziologien, Anthropologen und Sexualwissenschaftlern.
O-Ton 11 Friedemann Karig (0‘17“):
Es gibt so viele Liebesmodelle, wie es Menschen gibt. Es lohnt sich für jeden einzelnen, nach dem für ihn passenden Leben und Lieben zu suchen. Jenseits der Monogamie und jenseits einer Kultur, die uns heute immer noch vorschreiben will, dass eins plus eins genau das Richtige ist.
Sprecher:
Religiöse und gesellschaftliche Normen bröckeln schon länger. Das lässt mehr Raum für individuelles Experimentieren, mehr innere Freiheit.
Sprecherin:
So scheint es, als befänden wir uns gerade in einem Selbstbedienungsladen der unterschiedlichen Beziehungsmodelle. Monogam, polyamor, offen, heimliche Affäre, Freundschaft plus,– um nur einige zu nennen. Jeder und jede kann ins Regal greifen und sich das passende Modell heraussuchen. Ist das wirklich so einfach?
O-Ton 12 Verena König (0‘27“):
Aus der therapeutischen Haltung betrachtet, glaube ich, dass es sehr wichtig ist, dass wir uns bewusst machen, dass die anderen Beziehungsformen wie beispielsweise Polyamorie oder Polygamie oder offene Beziehungsmodelle, dass die nicht unbedingt weniger Reife und weniger Selbstreflexion von uns erfordern als die herkömmlichen Beziehungsmodelle, sondern im Gegenteil eher mehr.
Sprecher:
Verena König, Traumatherapeutin.
O-Ton 13 Verena König (0‘15“):
Es geht ja im Grunde bei Beziehungen immer um tiefe Bindung, es geht um Bindung. Es geht darum, dass sich zwei Menschen, zwei Herzen, zwei Körper, zwei Nervensysteme begegnen und verbinden. Zwei oder mehrere.
Musik 5: Silver lining title – 59 Sek
O-Ton 14 Nicole (0‘26“):
Christian und ich waren in einer offenen Beziehung, ganz am Anfang, ich hab es ihm vorgeschlagen, weil er hatte mir gesagt, er hatte vor mir nur eine Beziehung, und da ist bei mir tatsächlich auch so der Gedanke gekommen: ‚Oh Gott, wenn das jetzt für immer ist … wird er sich fühlen, dass er was verpasst hat in seinem Leben, und da hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich möchte ihm das anbieten, weil wenn das von beiden Seiten okay ist – warum nicht?
Sprecher:
Nicole, Fabian und Christian leben eine polyamore Beziehung. Das heißt: Eine feste Liebesbeziehung mit mehr als zwei Menschen.
Sprecherin:
Bei den Dreien heißt das konkret: Nicole hat sowohl mit Fabian als auch mit Christian eine innige Beziehung. Körperlich sowie seelisch. Christian ist ihr Ehemann und Fabian ihr zweiter Partner. Die beiden Männer haben jedoch keinen Sex miteinander, erklärt Fabian:
O-Ton 15 Fabian (0‘27“):
Wir haben das mal so hinterfragt und sind drauf gekommen, dass wir uns auf eine asexuelle Weise lieben. Also wir sind auch in einer vollen Beziehung miteinander, das ist halt auch der Punkt, den viele übersehen: Vielen denken: ‚Aha, Sex ist gleich Beziehung, Nicole hat zwei Beziehungen, Christian und Fabian jeweils nur eine Beziehung, d.h. Nicole hat mehr vom Leben, Christian und Fabian weniger. (…) Und das ist halt bei uns nicht der Fall, vor allem auch, weil wir auch ne Triade sind.
Sprecherin:
Christian und Nicole führten schon immer eine offene Beziehung. Das heißt: Jeder durfte fremdgehen. Dann kam Fabian hinzu. Zunächst als ein guter Freund des Paares. Und dann verknallte sich Nicole in Fabian. Nun sind sie zu dritt.
O-Ton 16 Nicole (0‘23“)
Also für mich ist das Schönste, dass immer jemand für einen da ist. Das ist tatsächlich bei uns Dreien so: Tatsächlich egal, wer mal ausfällt, es passiert sehr, sehr selten, dass einer alleine ist, (…) als ich krank war, hat der Fabi was zu tun gehabt und zum Christian gesagt: „Machst du heute Teedienst für die Nicole?“ Also es ist wirklich immer einer für einen da!
O-Ton 17 Fabian (0‘06“)
Deine Familie wird einfach größer. Je mehr Menschen füreinander da sind, desto mehr Halt hast du auch! Und mehr Sicherheit!
Musik 6: Romantics – 23 Sek
Sprecherin:
Halt und Sicherheit. Begriffe, die Außenstehende erst mal nicht mit offenen oder polyamoren Beziehungen verbinden würden. Diese Lebens- und Liebesformen klingen eher nach Anarchie und Instabilität.
Sprecher:
Nicht unbedingt, sagt die Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen:
O-Ton 18 Anouk Algermissen (0‘17“)
Wenn die offene Beziehung gelingt, dann kommt damit häufig auch eine größere Tiefe einher. Weil man dann nicht etwas rausnimmt, sondern ich muss ja noch mehr Kraft in die Beziehung investieren, damit ich die schön halten kann und gleichzeitig auch mein Bedürfnis befriedigt bekomme.
Sprecher:
Wie viele Menschen in Deutschland zumindest zeitweise polyamor leben, ist nicht bekannt. Zahlen – allerdings auch nur geschätzte - aus den USA gehen von fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus.
Sprecherin:
Polyamorie ist von der Idee her kein wildes Bäumchen-wechsel-dich, sondern ein tiefes sich Einlassen auf mehrere Menschen. Wer so lebt, sieht sich mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Die gehen von
Sprecher: „kann nicht klappen“
Sprecherin: …über…
Sprecher: „ist sowieso der Anfang vom Ende!“
Sprecherin: …bis hin zu…
Sprecher: „Ich würde umkommen vor Eifersucht!“
O-Ton 19 Christian (0‘17“):
Am Anfang war schon etwas Eifersucht da, aber das hat sich aber ziemlich schnell gelöst, weil wir uns sowieso schon vorher sehr gut kannten. Dass wir Freunde waren, vorher. Und dadurch, dass wir viel geredet haben, um abzuklären und zu besprechen, ist die Eifersucht eigentlich ziemlich schnell verschwunden.
O-Ton 20 Nicole (0‘14“)
Ich glaub, am Anfang haben beide so ein bisschen Eifersucht gespürt, das hab ich auch so gemerkt, wir haben darüber gesprochen, das ist ja auch ein normales Gefühl, was dazu gehört, aber mit der Zeit verliert man ja die Eifersucht, weil man kennt diese Situation.
Sprecherin:
Einfach reden, und schon schwindet die Eifersucht?
Sprecher:
Psychologin Anouk Algermissen macht oft andere Erfahrungen:
O-Ton 21 Algermissen (0‘29“):
Menschen in offenen Beziehungen sind ebenfalls eifersüchtig, verlustängstlich, und denen tut das ebenfalls weh. Also das ist keine andere Gattung von Mensch! Aber die Menschen in offenen Beziehungen, die das aushalten, wollen das ja! Also es gibt ja für sie irgendnen Nutzen, nen Vorteil! Vielleicht ist es für sie auch aufregend, davon zu hören! Dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass das weh tut, dass das nicht so einfach ist zu hören, aber irgendwo hat es auch was Aufregendes, was Kribbelndes!
Sprecherin:
Damit das Ganze überhaupt eine Chance hat, sollten Paare feste Regeln vereinbaren, so die Psychologin:
O-Ton 22 Algermissen (0‘15“):
Also wie möchte ich informiert werden über die Außentreffen zum Beispiel? Wie soll da der Austausch passieren? Möchte ich wissen, wer das ist? Möchte ich vorher ein Foto sehen, möchte ich, dass wir danach darüber sprechen? Möchte ich, dass wir nicht darüber sprechen?
Musik 7: Explain – siehe M1 – 15 Sek
Sprecherin:
Liebe nach festen Regeln. Liebe, die gönnt.
Sprecher:
Der Berliner Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger sieht das Ganze kritisch:
O-Ton 23 Wolfgang Krüger (0‘26“):
In der Literatur wird manchmal beschrieben, man solle die Großzügigkeit haben: „Ich wünsche dir viel Vergnügen bei deinen Erlebnissen!“ und das halte ich schlicht und ergreifend für eine dreiste Zumutung, ich will, wenn ich mit einem Partner, einer Partnerin zusammen bin und habe dort eine gute und erfüllte Sexualität, dann will ich, dass ich der Einzige bin und dass es exklusiv ist. Und ich würde eher Sodbrennen kriegen, wenn ich wüsste, dass dieser Partner, diese Partnerin mit anderen schläft.
Sprecherin:
Wolfgang Krüger, der auf 40 Jahre Erfahrung als Psychotherapeut zurückblickt, ist ein Verfechter der Treue. Er stellt das Modell der offenen Beziehung grundsätzlich infrage. Denn – so seine Meinung - es verkenne die Komplexität der menschlichen Seele. Und das filigrane Wechselspiel zwischen Körper und Seele.
O-Ton 24 Wolfgang Krüger (0‘42“):
Erotik ist im Grunde Leidenschaft, ist von der Tendenz her etwas, was immer eine Verschmelzung beinhaltet, und das ist die Absicht. Wenn ich miteinander schlafe, dann will ich, dass sich die Grenzen zwischen mir und dem anderen, dass ich die aufhebe! Das ist der Sinn von Sexualität! Der Sinn von Sexualität ist Verschmelzung. Das bedeutet Kontrollverlust. (…) Und man tut immer so in der Sexualität als wären das einfach Liegestütze, die Spaß machen. Aber Sexualität ist ein hoch emotionaler, sinnlicher Prozess, wo viel passieren kann, man kann sich eben auch in den anderen verlieben, obwohl man das am Anfang nicht wollte. Und das können Sie nicht vereinbaren, und da können Sie nicht irgendwelche Regeln aufstellen, das ist im Grunde alles Kinderei.
Musik 8: Highschool... aus: The virgin suicides – 35 Sek
Sprecherin:
In seinen Augen liegt ein weiteres Problem darin, dass Paare – sobald sie die Beziehung öffnen – permanent diskutieren müssen:
Sprecher: Wie viel Nähe wollen wir, wie viel Autonomie?
Sprecherin: Wer darf wie oft mit anderen Partnern zusammensein?
Sprecher: Wollen wir uns davon erzählen?
Sprecherin: Bleibt das gemeinsame Schlafzimmer eine Tabuzone?
Sprecher:
Klingt anstrengend.
Doch für Anouk Algermissen liegt genau darin die ganz große Qualität von offenen Beziehungen:
O-Ton 25 Anouk Algermissen (0‘29“)
Da gibt’s auch einige Studien zu, die ganz interessant sind: Paare in offenen Beziehungen, wenn die funktioniert, müssen die eben ne sehr hohe Kommunikationskompetenz haben. Und das hilft ihnen eben auch in vielen anderen Lebensbereichen. Also sei es, wenn man über Finanzen spricht, über Lebensplanung spricht, wenn es viel Stress von außen gibt: Das ist ja eine Kompetenz, die man auf viele unterschiedliche Lebensbereiche anwenden kann. Und wenn man die einmal gelernt hat und diese Fähigkeit ausgebaut hat, dann hat man da auf jeden Fall nen großen Vorteil.
Sprecherin:
In jedem Fall müssen Begriffe wie „Vertrauen“ und „Treue“, die ja bis dato ganz hohe Werte in Beziehungen waren, neu definiert werden.
O-Ton 26 Anouk Algermissen (0‘40“):
Ich kann natürlich auch Vertrauen anders aufbauen: indem ich merke, dass da jemand ist, der mein Interesse im Blick hat, der auf mich achtgibt, der dennoch sich weiterhin an die Absprachen hält, die wir auch ausgemacht haben, auch wenn die innerhalb einer offenen Beziehung passieren, aber dann können das eben Absprachen sei wie ‚Du meldest dich, nach dem Treffen‘ oder ‚wir besprechen das nach‘ oder ‚ich weiß vorher, wenn du triffst‘ (…) Wenn man merkt, dieses stetige ‚Ich weiß, worauf ich mich verlassen kann‘ fällt weg, weil jetzt sehr viel Unsicherheit und Neues mit reinkommt, da muss man sich ganz bewusst nach neuen Quellen des Vertrauens und der Sicherheit umsehen.
O-Ton 27 Wolfgang Krüger (0‘20“):
Dass man über alles redet und dass man auf diese Weise auch wieder Vertrauen hat, durch die Offenheit usw., das ist im Grunde gut und schön, ich finde nur: Solche Regelungen sind am Rande der Albernheit, weil ich Leidenschaften und Gefühle nicht durch irgendwelche Regeln bestimmen darf, wer das versucht, hat meines Erachtens vom Wesen der Leidenschaft nichts verstanden.
Musik 9: We move lightly 1:12 Min
Sprecherin:
Es ist wahrlich kein einfacher Weg, alternative Beziehungsmodelle auszuprobieren und zu leben. Vom Umfeld oft misstrauisch beäugt ist es auch intern ein fortlaufender Prozess des Klärens und Diskutierens. Des Probierens und des Experimentierens. Regeln werden aufgestellt, Regeln wieder verworfen. Es gibt ja kaum Vorbilder.
Traumatherapeutin und Paarberaterin Verena König gibt zu bedenken: Die Sache ist komplexer als man denkt – und zwar auf einer viel tieferen Ebene: Gerade Menschen mit unsicheren, instabilen frühen Bindungserfahrungen fühlen sich womöglich hingezogen zu einer offenen Beziehung, in der sie – vermeintlich – niemanden wirklich nah an sich ranlassen müssen. Gleichzeitig kann diese Unsicherheit auch alte Wunden aufreißen:
O-Ton 28 Verena König (0‘30“):
Also ich würde zur Vorsicht mahnen oder einladen wollen, wenn Beziehungen ein grundlegend angstbesetztes Thema ist. Also wenn Menschen zum Beispiel immer wieder grundlegend das Gefühl haben, sie laufen Gefahr, verlassen zu werden. Sie sind vielleicht nicht gut genug, wenn sie sich gewohnheitsmäßig übermäßig anpassen und solche Beziehungsmuster leben, dann würde ich sagen, ist die Gefahr recht hoch, dass man etwas tut oder sich auf etwas einlässt, was man nicht wirklich möchte und was einen dann sehr belasten kann.
Sprecherin:
Ein weiteres Problem: Die Ehrlichkeit zu sich selbst. In der Regel ist es so: Einer von beiden will die Beziehung öffnen. Der andere stimmt vielleicht zu. Allerdings nicht immer aus tiefer Überzeugung, sondern manchmal aus reiner Verlustangst:
O-Ton 29 Verena König (0‘34“):
Ich würde auch zur Vorsicht mahnen wollen oder einladen wollen, wenn das Ganze sich überfordernd anfühlt und man es nicht gut differenziert kriegt. Es ist vielleicht noch mal auch hilfreich, sich zu fragen: Geht es da wirklich um Polyamorie? Ist es unser beider Bedürfnis? Ist es das Bedürfnis des Einen? Wer ist hier vielleicht im Hintertreffen? Wer wird vielleicht übergangen? Geht es eigentlich um Sexualität? Geht es wirklich um Bindung? Was für Probleme sind vielleicht ausschlaggebend, die dann zu dieser Idee führen ‚Wir könnten unsere Beziehung öffnen‘?
Sprecher:
Eine Beziehung zu öffnen und Dritte oder gar Vierte hinzuzuholen – sei es offen gelebt oder im Rahmen eines „Stillschweigeabkommen“ – ist immer ein Wagnis. Niemand weiß, wohin die Reise geht. In jedem Fall aber ist es ein sehr anspruchsvoller Weg, sich selbst kennenzulernen. Alles in allem ein ziemlich herausforderndes Experiment.
Musik 10: Clouds up – siehe vorn – 38 Sek
Sprecherin:
Um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen: Ist die offene Beziehung denn nun das Ende der Monogamie? Bedingt. Sie ist durchaus eine Alternative zum heimlichen Fremdgehen. Zum Lügen, Betrügen und dem Schmerz, wenn alles ans Tageslicht kommt.
Sprecher:
Weniger ist die offene Beziehung eine Alternative für zwei Menschen, die sich gerne, bewusst und aus tiefstem Herzen füreinander entscheiden.
Sprecherin:
Gerade das, so der Psychotherapeut Wolfgang Krüger habe in unsicheren Zeiten wie die, in denen wir leben, eine ganz hohe Qualität.
O-Ton 30 Wolfgang Krüger (0‘29“):
Ich glaube, dass Treue eher etwas Modernes ist. Das hat immer im Laufe der Geschichte geschwankt, wir haben immer dann eine Mehrheit derer gehabt, die sich eine offene Beziehung gewünscht haben, in Zeiten von Sicherheit, und mittlerweile schlägt das Pendel eher etwas in die Richtung dass Treue wieder sehr viel mehr angesagt ist, weil der Wunsch nach Verlässlichkeit, der wird momentan stärker.
Sprecher:
Treue hat für viele nach wie vor eine große Bedeutung. Das gaben laut einer Studie des Institutes für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 90% aller befragten Menschen an.
Über Musik 11: We move lightly – siehe vorn – 1:06 Min
Sprecherin:
Am Ende ist es immer eine Entscheidung:
Sprecher:
Zwischen Sicherheit und Stabilität auf der einen Seite.
Und Aufregung, Freiheit und Abwechslung auf der anderen Seite.
Sprecherin:
Die Frage ist immer, was man vom Leben will. Und welchen Preis man bereit ist zu zahlen.
Für Wolfgang Krüger ist die Sache klar: Er will blind vertrauen können.
O-Ton 31 Krüger (0‘25“):
Wir wollen neben dem anderen liegen und morgens wach werden und haben noch den Schlaf in den Augen und wollen quasi unsere Hand ausstrecken und bevor wir den Verstand einschalten können, haben wir fast eine kindliche Form des Vertrauens, und diese Form des Vertrauens ist uns unendlich wichtig, weil wenn wir in einer Krise sind, wenn wir krank sind, wenn wir seelisch irgendwie schwanken, dann wissen wir: Auf diesen einen Menschen ist im Grunde Verlass.
Musik aus.
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Von Andreas Pehl Credits Autor dieser Folge: Andreas Pehl Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Julia Fischer Technik: Adele Meßmer Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Klaus Adelt (Stockfischhändler, Selbitz) Sören Affeldt (Kommunikationsleiter Europäisches Hansemuseum, Lübeck) Bart Holterman (Wissenschaftlicher Mitarbeiter FGHO, Lübeck) Hans Christian Küchelmann (Archäozoologe, Bremen) Bjørg Helen Nøstvold (Stockfischproduzentin, Torsvåg/ Vannøya) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Aal - Ein Fisch voller Rätsel JETZT ENTDECKEN Fische - Die unterschätzten Lebewesen JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Europäisches Hansemusem Lübeck HIER Forschungsprojekt über Stockfischhandel des Deutschen Schifffahrtmuseum - Leibniz-Institut für maritime Geschichte HIER Genussregion Franken: Stockfisch in Bayern HIER ENTDECKEN Blog "Fish and Ships" HIER ENTDECKEN Literatur: Küchelmann, Hans Christian (2023): „Men schall ock berger, yslander, und hidlander vysch, elcken under synen namen unde vor syne werde, vorkopen“. Zur hansischen Versorgung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte mit Stockfisch. in: Benecke, Norbert (Hrsg.): Leben in der mittelalterlichen Stadt. Neue archäobiologische Forschungen, Archäometrische Studien 2, 111-158, Berlin (https://www.knochenarbeit.de/berger-yslander-und-hidlander-vysch/) – wissenschaftlicher Artikel zum Stockfischhandel Magra, Christopher P.: The Fisherman's Cause: Atlantic Commerce and Maritime Dimensions of the American Revolution, 2009. Hintergründe zur Amerikanischen Revolutuion und der Fischindustrie. Kochbücher aus Bayern mit Stockfischrezepten: "Buoch von guoter Spise" Würzburg (ca. 1350), "Kochbuch des Meister Eberhards" Landshut (1404-1450) "Kochbuch des Meister Hannsen" Amberg (1460), „Kuchenmeisterey" Passau (1487), "Kochbuch der Sabina Welserin" Augsburg (1553) Kochbuch des Balthasar Staindl Augsburg (1569). Prilloff, Ralf-Jürgen (2022): Frühneuzeitliche Tierreste von der Herreninsel im Chiemsee. Einblicke zur Tierhaltung, -nutzung und Ernährung in einem Chorherrenstift. in: Dannheimer, Hermann (ed.): Kloster und Stift Herrenchiemsee – Archäologie und Geschichte (um 620–1803). Band 2: Historische und Naturwissenschaftliche Beiträge, Abhandlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Neue Folge 148, 291-325, München Mark Kurlansky: Kabeljau. Der Fisch, der die Welt veränderte. Claassen Verlag, 1999. – Schwerpunkt auf Klippfisch und Bedeutung des Kabeljaus für Amerika. Holterman, Bart: The Fish Lands. German Trade with Iceland, Shetland and the Faroe Islands in the late 15th and 16th Century. De Gruyter Oldenbourg, 2020. https://doi.org/10.1515/9783110655575 - Stockfischhandel zwischen Deutschland und Island/ Shetland und den Faröern Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Zugansage: „Nächster Halt Selbitz. Ausstieg in Fahrtrichtung links“ ERZÄHLERIN Selbitz in Oberfranken. Ganz im Norden Bayerns. 02 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Aussteigen, Schritte am Bahnsteig, Begrüßung ERZÄHLERIN Die Heimat von Klaus Adelt. Hier beginnt die Reise zu einer fast vergessenen geschichtsträchtigen Delikatesse: dem Stockfisch. 03 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 736a Ich persönlich nehme eine starke Astschere. Wenn ich das geschäftlich machen würde, müsste ich so eine große Schere nehmen, wie es die Orthopäden beim Operieren von der Hüfte nehmen. ERZÄHLERIN Auf der Küchenzeile liegt etwas, das aussieht wie eine überdimensionale Trockenpflaume in Fischform. Nicht ganz Fischform, der Kopf fehlt. Es ist ein getrockneter Kabeljau, von Klaus Adelt aus Norwegen nach Franken importiert. 04 Zsp. Stockfisch ATMO aus 737 Flossen abschneiden 05 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 736b Der Fisch wird meistens in drei Teile geteilt und kommt dann mindestens acht Tage ins Wasser. Im Wasser nimmt er noch mal das Doppelte an Gewicht an und muss dann irgendwann mal von seiner Haut befreit werden. 06 Zsp. Stockfisch ATMO aus 738 Haut vom Fisch ziehen ERZÄHLERIN Mit einer Zange beginnt Klaus Adelt, die Haut vom Fisch zu ziehen. Darunter: das helle, trockene Fleisch. 07 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 712a Stockfisch hat es gegeben um Karfreitag. Mit all den Dingen, die dem Stockfischessen vorausgehen, sprich der Geruch im Haus, wo er gelagert war. Das Einwässern und all die Geschichten. 08 Zsp. Stockfisch ATMO aus 738 Haut vom Fisch ziehen 09 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 717 In jedem Haushalt wird der Stockfisch etwas anders zubereitet. Grundbestandteil ist immer der getrocknete Kabeljau, der Stockfisch, Speck, Zwiebeln, und dann kommt es auf die Brühe an, auf die Sauce: Weiße Brühe mit Milch, Eierbrühe. Jede Familie schwört auf ihr Rezept: Unser Rezept ist das beste. Und so hat es die Oma und die Uroma gemacht und so sollen es die Enkel auch mal machen. 10 Zsp. Stockfisch ATMO aus 739 Wasser in einen Eimer 11 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 720 Ludwigstadt, Teile von Kronach. Und dann geht es rüber in den Münchberger Raum. Der Hofer Raum vollständig. Das sind die typischen Stockfischgebiete. ERZÄHLERIN Ein Eimer Wasser, ein Löffelchen Natron über den Fisch, damit er beim Kochen schön weiß bleibt, viel Fischaroma im Keller von Klaus Adelt. 12 Zsp. Stockfisch ATMO aus 739 Fisch herrichten 13 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 711 Durch das, dass die Eltern das Lebensmittelgeschäft hatten und der Stockfisch in der Osterzeit eine ganz entscheidende Rolle gespielt hat, er wurde damals in Ballen angeliefert, mit Draht fest verbunden, in Jute eingenäht und war für unsere Leute der ideale Fisch für die Fastenzeit. Und als wir das Geschäft aufgegeben haben, haben wir keinen Stockfisch mehr verkauft. Es gab auch eine Zeit lang, in der der Stockfisch etwas in Vergessenheit geraten ist. Musik: Time traveller red 0‘42 ERZÄHLERIN Mitte der 1990er Jahre hat Klaus Adelt dann die alten Traditionen wieder aufleben lassen und eine Karriere als nebenamtlicher Stockfischhändler begonnen. Er trat in die Fußstapfen vieler Kaufleute, an deren Ware sich in Bayern heute kaum mehr jemand erinnert. Um im Frankenwald oder im Fichtelgebirge auf den Tellern zu landen, hatte der Fisch eine lange Reise hinter sich. Eine der wichtigsten Etappen auf seiner Route von Nord nach Süd war die Hanse, ein Bund von Städten rund um die Nord- und Ostsee, der im 13. bis 17. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. 14 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 715 Es gab die Handelswege über die Hansestädte. Von dort aus ging dann der Fisch weiter über die Handelsrouten nach Mitteldeutschland, nach Franken. Hansestädte, über Magdeburg, Leipzig und die Händler hierher, die dann auch nach Nürnberg geliefert haben. 15 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Zugansage: „Nächster Halt Lübeck“ ERZÄHLERIN Die Reise auf den Spuren des Stockfischs geht gut 500 Kilometer nach Norden. Lübeck, eine der führenden Hansestädte, spielte eine Schlüsselrolle beim Stockfischhandel. 16 Zsp. Stockfisch ATMO 854 Museumsführung 17 Zsp. Stockfisch O-TON Affeldt 855 Hanse – der Wortursprung ist nur „Schar“: eine Gruppe von Leuten, die unterwegs sind. Das kommt aus dem Althochdeutschen. Und ursprünglich ist es so, dass die Hansen von niederdeutschen Kaufleuten sich in Europa umtun und Handel treiben, Privilegien aushandeln, Sonderrechte mit Grafen vereinbaren, um ihren Handel voranzubringen. ERZÄHLERIN Sören Affeldt ist Kommunikationsleiter im Europäischen Hansemuseum in Lübeck. Für Händler aus Oberdeutschland, also Süddeutschland war es fast unmöglich, ohne die Hanse an deren privilegierte Handelsgüter zu kommen, etwa an den Stockfisch. 18 Zsp. Stockfisch O-TON Affeldt 852 Handelsverbindungen gibt es natürlich zu den oberdeutschen Städten. Da handelt man, aber die werden nie Hanseprivilegien nutzen können an anderen Orten. Bei Hanse ist es so, dass wir Kaufleute haben, die haben Freundschaften, Verwandte. Und die tauschen Informationen aus: wo kann ich was gut einkaufen oder teuer verkaufen. 19 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 864 Das Spätmittelalter, die frühe Neuzeit ist eine Zeit, wo eine gewisse Urbanisierung in Europa sich durchsetzt. Die Städte werden im Laufe des Hochmittelalters gegründet und die wachsen. Es gibt eine größere Bevölkerung, die sich selbst nicht mehr ernähren kann. Da müssen Produkte gehandelt werden, um sie zu ernähren. Und dann gibt es nur ein paar Produkte, die infrage kommen, die man so lange haltbar machen kann, dass man sie über Tage oder Wochen oder Monate transportieren kann, ohne dass sie schlecht werden. ERZÄHLERIN Bart Holterman ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums am Lübecker Hansemuseum. Musik: Needle and twine 0‘35 ERZÄHLERIN In Küstenstädten wie dem norwegischen Bergen entwickelte sich eine blühende Wirtschaft rund um den Kabeljau. Fischer, Hafenarbeiter, Schiffsbesatzungen und Kaufleute verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Stockfischhandel. Der Wohlstand, der dadurch erwirtschaftet wurde, floss in den Bau von Kirchen, Schulen und öffentlichen Gebäuden, was das Stadtbild vieler Handelszentren bis heute prägt. Doch was ist dieser Stockfisch denn eigentlich? 21 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 860 Der Stockfisch ist getrockneter Fisch, meistens Kabeljau, der rein luftgetrocknet ist. Das geht eigentlich nur im hohen Norden, in Polargebieten. Und da reden wir über Nordnorwegen aber auch Island. Da sind die Lofoten ein sehr berühmtes Gebiet, wo das produziert wurde, aber auch in anderen Regionen. 22 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre Bugwelle ERZÄHLERIN Die Reise geht weiter nach Norden. Viel weiter. In den Küstenregionen Nordnorwegens lebten unzählige Menschen von der Kabeljaufischerei und der Stockfischproduktion. Auf den Lofoten trafen sich in der Kabeljausaison im Winter viele tausend Fischer aus ganz Norwegen. Die heute bei Touristen so beliebten Rorbuer, Holzhäuser, die auf Stelzen ins Meer hinausgebaut sind, boten den saisonal tätigen Fischern aus ganz Norwegen ein Dach über dem Kopf. 23 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre mit Ansage auf Norwegisch ERZÄHLERIN Rund 2.500 Kilometer nördlich von Lübeck liegt die Insel Vannøya. Schneebedeckte Berge ragen steil aus dem grauen Meer. Die tiefstehende Wintersonne färbt den Himmel rosa. 24 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Fähre legt an ERZÄHLERIN Ein paar sturmgewöhnte Holzhäuser, ein Leuchtturm auf rundgewaschenen, schwarzen Felsen, baumlose, tiefverschneite Landschaft, ein Kai mit kleinen Fischerbooten. 25 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Schiffsbeladung und Produktion 26 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 902 Musik: Tradition 0‘30 ERZÄHLERIN Im Fischerdorf Torsvåg entlädt ein kleines Boot seinen Fang in der Fischverarbeitung von Norfra. Bjørg Helen Nøstvold ist Firmenchefin. Der Kabeljau werde an Bord der Boote geschlachtet und müsse sofort ausbluten, das sei sehr wichtig für die Qualität und die Haltbarkeit. Rund 120 selbstständige Fischer liefern hier ihren Fang ab. 27 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 903 OV weiblich Die haben bessere Qualität als die großen Schiffe. Weniger Fang ist leichter zu hantieren und sie können auf die Qualität achten. Die meisten Fischer wohnen hier auf der Insel, sie fahren nicht weit raus, maximal zwei Stunden zu den Fischgründen. Dadurch bringen sie täglich frischen Fisch, der liegt nicht ewig an Bord. 28 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Meeresrauschen am Strand ERZÄHLERIN Hier im Norden Norwegens spielt die natürliche Wanderung des Kabeljaus den Fischern gewissermaßen in die Netze, erzählt Bjørg Helen Nøstvold. 29 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 912 OV weiblich Ganz vereinfacht: Der Kabeljau schlüpft auf den Lofoten. Dann schwimmt er mit der Meeresströmung nach Norden, Richtung Russland, wo er aufwächst. Wenn er größer wird, schwimmt er in die Barentssee, und wenn er dann geschlechtsreif wird, geht seine Reise zurück auf die Vesterålen und die Lofoten. Auf diesem Weg kommt er zuerst hier bei uns vorbei. ERZÄHLERIN An Land wird der Fisch komplett verarbeitet. Aus der Leber wird Fischöl hergestellt, aus den Rogen Kaviarersatz. Kinder schneiden die Zungen heraus, die hier im Norden als saisonale Spezialität gebraten auf den Tellern landen. Die Schwimmblase ist in Asien eine Delikatesse, der getrocknete Kopf gilt in Nigeria als Spezialität. Aus den Därmen wird Dünger hergestellt. 30 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 906 OV weiblich Den Fisch selber können wir entweder frisch verschicken oder wir können ihn salzen, dann wird es Klippfisk, Klippfisch, der als Bacalao vor allem nach Portugal geliefert wird, oder wir hängen ihn auf, dann wird es Stockfisch, der geht vor allem nach Italien und Kroatien. 31 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Trockengestelle ERZÄHLERIN Hinter dem Fabrikgebäude steht eine fast endlose Reihe von Holzgestellen. Ein bisschen erinnert das Ganze an ein überdimensionales Klettergerüst. 32 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 937 OV weiblich Hier sind unsere Gestelle zum Trocknen der Fische. Oben drüber haben die ein Netz, damit die Vögel die Fische nicht fressen. Möwen sind nicht so klug, aber Krähen finden schnell raus, wie man Fisch stehlen kann. Musik: Cold spell (b) 0‘53 ERZÄHLERIN Die geköpften und ausgenommenen, ansonsten aber unbehandelten Fische werden zwei und zwei am Schwanz zusammengebunden und über die Holzstangen gehängt. Vielleicht hat der Stockfisch von diesen Trockenstangen seinen Namen. Eng an eng baumeln die Fische im arktischen Wind. Die Temperaturen rund um den Gefrierpunkt trocknen den Fisch langsam aus. Schnee beeinträchtigt in diesem Prozess nicht, nur zu starker Frost zerstört das Fleisch. Doch den gibt es hier am Meer so gut wie nie. Insekten sind hier im hohen Norden im Winter kein Thema, nur zu hohe Feuchtigkeit und Regen sind eine Gefahr für den künftigen Stockfisch: dann könnten sich Stockflecken bilden oder der Fisch faulen. 33 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 943 OV weiblich Wir hängen ihn raus und dann klopfen wir auf Holz, dass es nicht zu warm und nicht zu kalt ist und es nicht zu viel regnet. Und dann warten wir drei Monate und holen ihn wieder rein. Dann sehen wir, wie das Ergebnis ist. ERZÄHLERIN Nach rund drei Monaten wird geprüft, ob der Fisch trocken genug ist. Das übernehmen erfahrene Mitarbeiter wie Ola. 34 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Klopfprobe 35 Zsp. Stockfisch O-TON Ola 945 Erklärung auf norwegisch ERZÄHLERIN Ola nimmt zwei Fische, die genau so aussehen wie die in Selbitz, in der Küche von Klaus Adelt, und klopft sie gegeneinander – gut getrockneter Stockfisch müsse klingen, wie wenn man zwei Holzstücke gegeneinanderschlägt, zwei Stöcke. 34 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Klopfprobe ERZÄHLERIN Aus rund 1.200 Kilo fangfrischem Fisch sind nach dem Ausnehmen und Trocknen rund 300 Kilo Stockfisch geworden. Die Qualitätskontrolle steht an: ist das getrocknete Fleisch weiß und fest, frei von Stockflecken oder Moosansatz? 36 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Trockenfisch umräumen, knackt, schön! 37 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 951 OV weiblich Dann wird nach Gewicht sortiert, nach Länge und Qualität. ERZÄHLERIN Und dann macht sich der Stockfisch auf die Reise. 38 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre, Bugklappe schließt Musik: Time traveller red 0‘20 ERZÄHLERIN Zurück nach Deutschland. Rund 3.000 Kilometer hat der Stockfisch auf dem Rücken, bevor er in Franken ankommt, heute im Kühlanhänger von Klaus Adelt – früher per Schiff über Bergen und die Hansestädte. Bart Holtermann vom Europäischen Hansemuseum in Lübeck: 39 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 880 Sobald der Fisch getrocknet ist, wird er vor den norwegischen Kaufleuten von Nordnorwegen nach Bergen gebracht. Da waren die Hanse-Kaufleute sehr dominant. Die hatten dort ihr Kontor, ihre Niederlassung. Und die Hanseaten haben es dann gekauft und dann weiter auf die britischen Inseln, aber auch auf den Kontinent exportiert. ERZÄHLERIN Von den Hansestädten im Norden Deutschlands und der Niederlande aus führte der Weg des Stockfischs über Flüsse oder über Land in den Süden. 40 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 872 In den Süden, das geht sehr weit, dass dieser Stockfisch weiter transportiert wird. Es gibt einige Quellen, die sogar explizit sagen, dass Stockfisch typisch etwas für Schwaben ist oder für Süddeutsche. 41 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 806 Stockfisch hat eine sehr standardisierte Herstellungsgamemethode. Und an den Produktionsorten findet man deswegen andere Dinge als an den Orten, wo er verhandelt und konsumiert wurde. Konkret werden bei der Produktion die Köpfe abgetrennt. Die findet man in Skandinavien. ERZÄHLERIN Hans Christian Küchelmann aus Bremen ist Archäozoologe. Er beschäftigt sich mit der Beziehung von Menschen und Tieren über die verschiedenen Kulturen und Zeiten. Neben schriftlichen oder bildlichen Quellen untersucht er archäologische Funde von tierischen Überresten. 42 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 807 Ein Hinweis auf Stockfisch ist tatsächlich, wenn man relativ große Kabeljauknochen hat und eine Ungleichverteilung der Skelettelemente. Also wenn man zum Beispiel überhaupt keine Kopfelemente hat und nur Knochen von großen Individuen. Es gibt Fundstellen an der Nordseeküste, wo man sowohl frischen Kabeljau als auch Stockfisch hat. Der frische Kabeljau zeichnet sich dadurch aus, dass er meistens kleiner ist. Wenn die groß werden, wandern sie in den Norden ab. Da findet man dann auch die Kopfelemente von kleineren Individuen. Und um das abzusichern, kann man biomolekulare Methoden anwenden wie DNA-Analysen. Mit denen kann man nachweisen, aus was für einer Population der Kabeljau stammte. ERZÄHLERIN Mit solchen Methoden können Archäozoologen untersuchen, wann die Erfolgsgeschichte des Stockfischs begann. 43 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 809 Seit ungefähr 2.000 Jahren – also um Christi Geburt findet man in Nordnorwegen Veränderungen in der Nahrungszusammensetzung der Menschen. Man kann sehen, dass da eine Standardisierung der Fischverarbeitung stattfindet und dass es mehr wird. D.h., es sieht so aus, als ob so circa in der Eisenzeit damals in Norwegen die ersten Anfänge dieser Methode der Stockfischherstellung beginnen. Musik: Mystic tendency (b) 0‘17 ERZÄHLERIN Zunächst wird der Stockfisch regional gehandelt. In der Wikingerzeit dient er den Seefahrern als gut haltbares Nahrungsmittel auf ihren langen Reisen in Richtung Island, Grönland und Vinland/ Amerika. 44 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 815 Island ist von Norwegen aus im Wesentlichen besiedelt worden. Und die norwegischen Siedler haben diese Methode mitgenommen nach Island. Die Westfjorde, die für Landwirtschaft nicht so gut geeignet sind, waren mit die am ersten besiedelten Orte. Und die Vermutung ist, dass sie gezielt ausgesucht wurden als Siedlungsplätze, weil dort auch Kabeljaupopulationen sind, die sich leicht befischen lassen. Und dann wurde auch in Island Stockfisch hergestellt. ERZÄHLERIN Die Nachfrage nach Stockfisch wuchs und damit auch die Professionalisierung der Produktion. 45 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 813 Ab dem Hochmittelalter, elftes, zwölftes Jahrhundert, lässt sich eine Standardisierung der Produktion feststellen und ein Handel in den Süden. Am Anfang waren auch die Engländer und schottische Händler sehr involviert, die sind dann relativ bald durch die Hanse verdrängt worden und haben nur noch eine untergeordnete Rolle eingenommen. ERZÄHLERIN Salz um Fisch haltbar zu machen war zu teuer. Nur wenige Orte konnten überhaupt lebensmitteltaugliches Salz liefern. Daher war die reine Trocknung die bevorzugte und billigste Methode für Kabeljau. Immer weiter in den Süden ging der Siegeszug des Stockfisches, wie archäologische Funde zeigen. Und so landet der Stockfisch schließlich auch in Süddeutschland. 47 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 823 Es gibt mehrere Funde aus Österreich, Salzburg, zum Beispiel, da gibt es die Residenz, ein Gasthaus, da hat der Kollege Pucher Kabeljaufunde gemacht. In Mauerbach im Kloster gibt es Funde und auch historische Inventarlisten, wo Stockfisch vorkommt. Und Süddeutschland ist das neueste Fundmaterial aus Herrenchiemsee, auch ein Kloster. ERZÄHLERIN Stockfisch also auch auf Herrenchiemsee, nicht nur Saibling, Renke, Hecht? 48 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 828 Süßwasserfisch war damals eine relativ teure Ressource im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Und da kommt der Stockfisch ins Spiel, mit dem man Profit machen konnte, der aber immer noch bezahlbar war. Musik: Curious question 0‘25 ERZÄHLERIN Der Grund, warum er so reißenden Absatz fand, war wohl aber nicht unbedingt der Preis. Je weiter der Fisch transportiert wurde, desto teurer wurde er. Von einem „Arme-Leute-Essen“ kann daher wohl nur in den mitteleuropäischen Küstenregionen die Rede sein, nicht unbedingt in Süddeutschland. Was war also der Grund für den hohen Stockfischkonsum? 49 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 856 Dazu gibt es immer die Theorie, dass die katholische Kirche eine Rolle spielt, weil der Verzehr von Fleisch an Fastentagen untersagt ist. Und deswegen ist man an Fastentagen, teilweise war das echt ein großer Teil des Jahres, auf Fisch umgestiegen. Ich hab persönlich ein bisschen ein Problem mit dieser Erklärung, ich weiß, dass sie sehr gängig ist. Aber mich stört immer ein bisschen daran, dass vorausgesetzt wird, als ob Leute nur Fisch essen, wenn sie dazu gezwungen werden. Wenn es die katholische Kirche nicht gegeben hätte, denke ich nicht, dass die Leute keinen Stockfisch gegessen hätten. Es ist eher die lange Haltbarkeit von tierischen Proteinen, die entscheidend ist. ERZÄHLERIN Erzählt Bart Holterman aus Lübeck. 50 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 869 Die Entwicklung von Städten, da hat man immer das Problem, dass die Leute, die da wohnen, nicht ihr eigenes Essen produzieren, weil zu viele Leute auf einer kleinen Fläche sind. Und je größer die Stadt wird, desto mehr Leute dort wohnen, desto schwieriger das Problem. ERZÄHLERIN Schwankungen bei der Ernte, Hungersnöte, Kriege und Seuchen erschwerten die Ernährungslage zusätzlich. Musik: Highwaymen B 0‘30 ERZÄHLERIN Ein Fisch, der die Welt veränderte, lautet der überspitzte Titel eines Buchs zum Kabeljau von Mark Kurlansky. Mit der Entdeckung der Neuen Welt und der Entwicklung transatlantischer Handelsrouten im 15. und 16. Jahrhundert wurde der Stockfischhandel zu einem globalen Phänomen. 52 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 861 Neufundland, das hat man Ende des 15. Jahrhunderts entdeckt und herausgefunden, dass es da große Fischbestände gibt, Kabeljau war sehr reich vorhanden, und da sind die Europäer selbst hingefahren und haben vor Ort gefischt. Die haben nicht nur den vorhandenen Stockfisch aufgekauft, sondern selbst produziert. Und die haben die Fische dort eingesalzen und dann auf den Stränden trocknen lassen und dann zurückgenommen. ERZÄHLERIN Stockfisch und mit der besseren Verfügbarkeit des Salzes auch die gesalzene Variante, der Klippfisch, wurden so auch quer über den Atlantik ein bedeutendes Handelsgut. Der sogenannte atlantische Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und den amerikanischen Kolonien war ein zentraler Bestandteil der europäischen Expansion: getrockneter Kabeljau, Sklaven, Zucker. Stockfisch und Klippfisch waren eine preiswerte Möglichkeit, die Plantagenarbeiter und Sklaven zu ernähren. Kriege wurden um die besten Fischgründe geführt, Fischereirechte und Kabeljau spielten bei der Amerikanischen Revolution eine wichtige Rolle. Und immer noch streiten die Staaten um Fischgründe und Quoten zwischen Profit und dem Versuch, die schwindende Kabeljaupolulation zu erhalten. Der Stockfisch spielt heute dabei nur noch eine kleine Rolle. Und dennoch gehört er immer noch dazu – auch in der traditionellen Küche Frankens. Musik Optimistic prospects (reduced 2) 0‘52 53 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 879 Es gibt ganz viel Essen, was entstanden ist, weil man irgendwelche Wege versucht hat, es haltbar zu machen, aber die zur Delikatesse geworden sind. So ist es mit dem Stockfisch auch: Delikatesse oder Tradition. ERZÄHLERIN Und auch wenn der Aufwand höher ist als bei anderen Fischgerichten: der Stockfisch ist es wert, meint Klaus Adelt aus Selbitz: 54 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 725 Schlemmerfilet à la Bordelaise ist viel einfacher. Raus aus der Schachtel, rein mit der Aluschale und fertig ist es. Aber der Geschmack! Und der typische Karfreitag-Geruch, wenn der Hauch von Stockfisch durchs Haus zieht. Weihnachten riecht es nach Stollen und Plätzchen und am Karfreitag nach Stockfisch!