Priming Effekte: Wie unabhängig sind wir in unseren Entscheidungen?
11.07.2025 · 23 Min.
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Werbung und Produktpräsentation im Supermarkt nutzen den Priming- Effekt schon lange: Durch äußere Reize wird unser Gehirn und daraufhin unser Verhalten beeinflusst. Die Eiswerbung im Kino ist nur ein Beispiel dafür. Wir alle werden viel öfter vor - beeinflusst als wir glauben. Von Daniela Remus (BR 2024)
Credits
Autorin und Sprecherin dieser Folge: Daniela Remus
Regie: Christiane Klenz
Technik: Stefan Oberle
Redaktion: Susanne Poelchau
Im Interview:
Prof. Hans-Peter Erb, Sozialpsychologe, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg
Prof. Andreas Glöckner, Sozialpsychologe, Universität Köln
Dr. Katrin Rothmaler, Sozialpsychologin, Universität Leipzig
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
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ERZÄHLERIN
Kennen Sie das? Sie stehen in einem Mode-Laden und überall hängen rote Preisschilder. Dazu die Plakate: „Nur noch heute, super Rabatt Aktion!” Irgendwie fühle ich mich davon angezogen, fast jedes Mal, ich kann es auch nicht richtig erklären. Ich gehe hinein und gucke durch die Regale und Kleiderständer, ganz unverbindlich, denke ich wenigstens. „Kann das sein, kostet der Pulli jetzt wirklich nur noch die Hälfte? Und diese sommerlich gemusterte Bluse aus Leinen, die ist ja auch noch heruntergesetzt, meine Güte, was für ein Schnäppchen..” Eine Verkäuferin kommt dazu, nickt und sagt, „da haben Sie aber Glück, dass die noch da ist. Eine ganz außerordentliche Qualität und das zu dem Preis. Nur noch heute.” Es ist schon später Nachmittag, ich muss also schnell sein, will ich mir das Schnäppchen sichern. Also kaufe ich!
MUSIK 2 De-Phazz – Nia en bun om 0’33)
ERZÄHLERIN
Zuhause bin ich irgendwie ernüchtert. „Eigentlich trage ich doch keine bunten Blusen, und Pullis habe ich auch schon genug. Ich ärgere mich über mich selbst: Warum falle ich immer wieder auf diese Rabattaktionen herein?” Warum kann ich mich nicht gegen das Gefühl wehren, das sei eine super Gelegenheit?
MUSIKENDE
ERZÄHLERIN
Mir ist schon klar, dass ich nicht die einzige Person bin, der das passiert, aber trotzdem wundert es mich. In anderen Situationen nehme ich mir doch auch die Zeit abzuwägen, sorgfältig zu entscheiden. Was führt zu meinem Verhalten? Lasse ich mich von den Rabatten beeinflussen? Mir fallen Berichte ein, dass Menschen, die im Kino eine Eiswerbung sehen, in der Pause häufiger Eis kaufen als ohne Eiswerbung. In der Psychologie heißt dieser Effekt Priming. Die Eiswerbung weckt bzw. stärkt das Bedürfnis ein Eis zu essen. Wirkt der etwa auch bei mir, der Priming Effekt, wenn ich bei einer Rabatt Aktion zuschlage? Um dieses Phänomen zu verstehen, habe ich recherchiert und mich mit Psychologinnen und Psychologen verabredet. Damit sie mir erklären könne, warum ich mich so verhalte und was das eigentlich ist, Priming.
TAKE 1 (O-Ton Erb) L: 0, 20
Priming ist ein Begriff aus der Gedächtnispsychologie ursprünglich und auf deutsch würde man vielleicht als Bahnung übersetzen. Es gibt alte Publikationen, wo das noch so genannt wird, aber heute haben wir diesen englischsprachigen Begriff.
MUSIK 3 De-Phazz – Mr. Minky 0’26)
ERZÄHLERIN
Erklärt der Sozialpsychologe Hans-Peter Erb, als ich ihn in seinem Büro in der Helmut-Schmidt Universität in Hamburg treffe. Er forscht seit vielen Jahren zu diesem Phänomen, weil es ihn fasziniert, wie das Gehirn äußere Einflüsse aufnimmt, verarbeitet und wie es darauf reagiert. Das klingt sehr theoretisch, ist es aber nicht, wie ich im Gespräch mit ihm erfahre.
TAKE 2 (O-Ton Erb) L: 0, 35
Das kann man sehr leicht demonstrieren. Wenn ich z.B. sage Butter, dann sagen Sie… D.R. Brot. E: Wunderbar es hat geklappt, ich hätte 10 Euro gewettet! Das klappt nicht immer, aber sehr häufig. Wenn man sagt, Werkzeug, dann kriegt man Hammer und wenn man Stuhl sagt kriegt man Tisch usw. Das bedeutet nichts anderes, als dass bestimmte Begriffe im Gedächtnis nah beieinander liegen …und wenn sie nah beieinander liegen, dann sind sie irgendwie verknüpft miteinander. Und wenn das eine aktiviert wird, dann wird das andere gleich mit aktiviert. So ist das bei Butter und Brot, bei Tisch und Stuhl.
MUSIK 4 De-Phazz – Mr. Minky 0’02)
ERZÄHLERIN
Priming ist also, nüchtern ausgedrückt, ein Reiz-Reaktions-Schema. Wir nehmen einen Reiz wahr, wie in meinem Fall eben das Wort Butter, und unser Gehirn hat sofort verwandte Begriffe dafür parat. Bei mir war es Brot, bei anderen Menschen kann es der Butterpreis sein. Mein Gehirn hat also auf den gegebenen Begriff mit einer dazu passenden Assoziation reagiert. Diese Verknüpfung wird aber nicht nur sprachlich durch Wörter oder Begriffe ausgelöst. Auch Geräusche, Gerüche, Bilder oder der Geschmack bestimmter Nahrungsmittel können Erinnerungen, Assoziationen oder Stimmungen auslösen, erklärt der Sozialpsychologe. Am eindrücklichsten beschrieben hat das der französische Schriftsteller Marcel Proust.
MUSIK 5 Snorri Hallgrimsson – Avant-dernières pensées: I. Idylle 0’42)
ERZÄHLERIN
In der weltberühmten Madeleine-Szene. Der Autor des Romans beschreibt, wie er ein Stück Madeleine, das in Tee getunkt ist, in den Mund nimmt und sich durch diesen Geschmack spontan in seine Kindheit zurückversetzt fühlt. Unwillkürlich steigen Erinnerungen in ihm auf und auch das wohlige Gefühl, das er damals in seiner Kindheit empfand, wenn er ein solches Gebäckstück aß.
MUSIKENDE
ERZÄHLERIN
Duft und Geschmack der Madeleine funktionieren in dem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit also als Priming Effekt. Die Madeleine weckt Erinnerungen, die damit verknüpft sind. Welche Assoziationen ein solcher Priming Effekt hervorruft, kann allerdings von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Sie hängen von den Vorerfahrungen ab. Wenn ich beispielsweise klassische Musik höre, dann denke ich unwillkürlich an die Sonntage meiner Kindheit zurück. An diese ganz besondere Stimmung, wenn meine Eltern entspannt und ruhig im Wohnzimmer saßen, Musik hörten und einen Tee dazu tranken. Andere Menschen, die diese Erfahrung so nicht gemacht haben, denken bei klassischer Musik vielleicht eher an den Musikunterricht in der Schule.
MUSIK 6 John Lennon – Imagine 0’54)
ERZÄHLERIN
Und noch ein Beispiel: Bei Imagine von John Lennon fällt mir sofort die erste Party ein, die ich besuchen durfte. Mit 14, in der Turnhalle der Schule, mit Engtanz und ersten Verliebtheiten.
MUSIKENDE (Imagine)
ERZÄHLERIN
Ob Gerüche, Bilder, Geräusche, einzelne Satzfetzen oder Wörter, alles kann also ein sogenannter Prime sein. Ein Reiz, der mein Denken, meine Erinnerung und manchmal sogar mein Handeln beeinflusst.
TAKE 3 (O-Ton Erb) L: 0, 30
Im Grunde werden ja ständig irgendwelche Konzepte geprimt bei uns. Sie sehen hier ein Buch liegen, dann ruft das bei Ihnen etwas auf, was mit dem Buch verwandt ist, dagegen können Sie gar nichts tun. Jetzt könnte ich natürlich auch gemein sein und Ihnen bestimmte Primes geben, so nennt man diese Stimuli, mit deren Hilfe man andere aufrufen kann, Primes geben und dann erwarten, dass bei ihnen bestimmte Inhalte aufgerufen werden.
MUSIK 7 Henrik Schwarz – Gymnopédie No.3 0‘54)
ERZÄHLERIN
Im Alltag sind wir solchen Reizen durchgehend ausgesetzt, sagt Hans-Peter Erb. Ob wir mit anderen Menschen reden, ob wir Filme anschauen oder Nachrichten hören. Manche dieser Priming Effekte nehmen wir bewußt wahr, die meisten aber wohl nicht. Ein Prime, der mir schon lange bewußt ist: Ein Krankenwagen mit Sirene fährt laut an mir vorbei. Sofort denke ich darüber nach, wie krank oder schwer verletzt derjenige ist, der damit in ein Krankenhaus gebracht wird, ob die Zeit reichen wird, damit dieser Mensch gerettet werden kann. Diese Situation ist bestimmt schon X-Mal passiert, aber in meinem Kopf läuft trotzdem jedes Mal dasselbe Muster ab. All das sind Priming Effekte, sagt Hans-Peter Erb. Und die können sogar unsere Stimmung beeinflussen.
TAKE 4 (O-Ton Erb) L: 0,30
Könnte ihnen z.B. Urlaub sagen, dann denken Sie hoffentlich an einen schönen Urlaub zurück im letzten Sommer oder so. Dann könnte sich etwa Ihre Laune verändern, dass sie gut draufkommen, weil ich Urlaub gesagt haben. Sie können schlecht draufkommen, wenn ich sage, Wurzelbehandlung vielleicht? Da könnte ich damit auch Ihre Stimmung beeinflussen, das funktioniert.
ERZÄHLERIN
Um zu überprüfen, ob das stimmt, empfiehlt er mir, mich selbst zu beobachten und einzelne Situationen bewußt wahrzunehmen. Und so habe ich nach dem Besuch bei Hans-Peter Erb bemerkt, dass nicht nur ein Gespräch über den nächsten Urlaub meine Stimmung hebt, sondern auch das Lob meiner neuen Frisur oder der zufällige Blick auf Spielzeug, das meine Kinder bei ihrem Auszug bei uns gelassen haben. Dass alle Menschen durch Priming beeinflusst werden, konnte auch in psychologischen Testreihen und Untersuchungen festgestellt werden, erklärt Andreas Glöckner, Sozialpsychologe an der Universität Köln.
TAKE 5 (O-Ton Glöckner) L. 0, 25
Der Hintergrund dazu ist die Idee, dass das Gedächtnis nicht so funktioniert wie eine Bibliothek, also dass es so ist, man kann einzelnen Wissensinhalte rausziehen, wie ein Buch, sondern es funktioniert eher wie ein Netzwerk …Sie ziehen also an einem Ende des Netzes und viele Dinge, die damit zusammenhängen, folgen dann mit.
MUSIK 8 Manuel Scuzzo: Fliegen 0’53)
ERZÄHLERIN
Da das Gehirn wie ein Netzwerk funktioniert, kann es gar nicht anders, als bei einem Reiz, an ähnliche Begriffe oder Situationen zu denken. Seit ich mich für diese Sendung mit dem Priming Effekt beschäftige, fällt mir das im Alltag ständig auf: Egal was ich im Laufe eines Tages mache, ob ich dusche, aus dem Fenster gucke, arbeite, Interviews führe oder Fahrrad fahre, permanent werden meine Gedanken angestoßen, umher zu schweifen. Ob ich vom Regen naß werde, mit der Kollegin Mittag esse oder mich auf den Kinobesuch am Abend freue. Aber trotzdem merke ich nicht immer, wie und wovon meine Stimmung oder meine Gedanken angestoßen werden. Viele Impulse sind unterschwellig.
MUSIKENDE
ERZÄHLERIN
So ist es vermutlich auch den Studienteilnehmern gegangen, die an einem der berühmtesten Experimente zum Thema Priming teilgenommen haben. In den 1990er Jahren sollten sie in den USA aus Wörtern wie „Bingo”, „alleine” oder „weise” Sätze bilden. Diese Begriffe waren speziell ausgewählt worden, um Gedanken über das Alter und Altersstereotype anzuregen. Denn die Netzwerkarbeit des Gehirns fördert nicht nur Erinnerungen zutage oder beeinflusst Entscheidungen, sondern prägt auch das soziale Miteinander, zum Beispiel durch das Aufrufen von Stereotypen und Vorurteilen.
MUSIK 9 Manuel Scuzzo: Traum 0’36)
Als die Studienteilnehmer ihre Aufgaben beendet hatten, liefen sie einen langen Flur entlang, um das Labor zu verlassen. Was sie nicht wussten: Dieser Weg gehörte zum Experiment dazu. Dabei wurde nämlich ihre Gehgeschwindigkeit gemessen. Und tatsächlich soll das Tempo von denen die durch die Aufgaben dazu angeregt worden waren, über das Alter nachzudenken, deutlich langsamer gewesen sein, als bei der Kontrollgruppe, die diese Aufgabe nicht erhalten hatte.
MUSIK 10 Gold Panda – New Days 0’20)
ERZÄHLERIN
Seither haben Psychologen und Psychologinnen in verschiedenen Experimenten untersucht, ob es tatsächlich so einfach ist, Menschen in ihrem Verhalten zu beeinflussen. Aber nur die wenigsten der aufsehenerregenden Experimente ließen sich in den folgenden Jahren replizieren.
TAKE 6 (O-Ton Glöckner) L: 0, 25
Das war in der Tat eine große Problematik, in den 2010er Jahren gab es eine große Initiative, an der wir auch mitgewirkt haben, in der eine Vielzahl von Studien noch einmal durchgeführt wurden, um zu überprüfen, ob dasselbe Ergebnis nochmal rauskommt, unter idealen Bedingungen.
ERZÄHLERIN
Aber: Nur ein Drittel der Studienergebnisse ließ sich durch diese Initiative bestätigen, zwei Drittel nicht. Sozialpsychologe Andreas Glöckner erklärt mir das so: Die aktuellen wissenschaftlichen Standards, , sind heute höher als vor 30 oder 20 Jahren. Das erkläre zumindest einen erheblichen Teil dieser Abweichungen. Aber eben nicht alles.
TAKE 7 (O-Ton Rothmaler) L: 0,30
Ich muss zugeben, vor ein paar Jahren hatte ich so einen Moment, wo ich dachte, ach das ergibt doch alles keinen Sinn, wenn sich das alles nicht replizieren lässt, und die eine Studie sagt das, die andere das, was machen wir denn hier eigentlich alle? Dann hatte ich eine ganz tolle Betreuerin, die gesagt hat, du musst dir das große Bild angucken, the big picture. Es ist nicht die eine Studie, sondern es sind viele, viele, viele Studien und wenn man auf alle Studien guckt, …dann ergibt sich schon ein großes Bild davon.
ERZÄHLERIN
Erklärt die Sozialpsychologin Katrin Rothmaler von der Universität Leipzig. Wenn man sich also die Mehrzahl aller Studien anschaue, die zum Thema Priming erstellt worden sind, dann seien die Erkenntnisse eben doch eindeutig: Es gibt Priming Effekte! Auch wenn sie vielleicht nicht immer so spektakulär ausfallen, wie bei der beschriebenen Alters-Studie. Und noch etwas gibt die Psychologin zu bedenken: Menschliche Reaktionen und Verhaltensweisen lassen sich, selbst bei identischer Versuchsanordnung, nicht immer eins zu eins miteinander vergleichen. Denn jeder Mensch reagiert anders. Der kulturelle Hintergrund spielt dabei eine Rolle, Geschlecht und Alter, aber auch Bildung oder Kindheitserfahrungen.
TAKE 8 (O-Ton Erb) L. 0, 35
Das steht fest, dass Leute unterschiedlich beeinflusst werden, das lässt sich pauschal nicht unbedingt sagen, die sind leichter beeinflussbar als die, da würde man darauf gucken, was ist der Einflußeffekt? Und auf manche Effekte sprechen manche Leute besser an als andere. Manchmal gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, wie sie beeinflusst werden können auf welche Art und Weise, z.B. in sozialen Situationen sind Frauen leichter beeinflussbar, weil ihnen das wichtiger ist, die sozialen Beziehungen, so im Durchschnitt gibt es eine Tendenz…
MUSIK 11 Gold Panda – New Days 0’30)
ERZÄHLERIN
Priming Effekten ist also jeder Mensch ausgesetzt, sagt Hans Peter Erb, aber zu welchem Denken, Urteilen oder Verhalten sie führen, das kann stark voneinander abweichen. Was aber sicher ist: Die Gehirne aller Menschen lassen sich durch Priming aktivieren. Und das ist nicht nur negativ, sondern zu einem gewissen Grad sogar hilfreich im Alltag, erklärt Andreas Glöckner.
TAKE 9 (O-Ton Glöckner) L: 0, 35
Das hilft ihnen immens weiter. Sonst müssten sie bewußt alle Informationen extern sammeln. Das heißt, im Internet stundenlang nach Informationen suchen, selber nochmal drüber nachdenken, was sie noch alles darüber wissen, das dann alles vielleicht im Computer mit einem komplizierten Modell zusammenrechnen. Und dann hätten sie für jede Entscheidung vielleicht drei Stunden gebraucht, um die zu fällen. Aber im täglichen Leben treffen sie einfach Tausende von Entscheidungen jeden Tag und das System hilft ihnen, sehr schnell recht gute Entscheidungen zu treffen.
ERZÄHLERIN
Priming Effekte beeinflussen mich also nicht nur, sondern sie helfen mir auch ganz konkret, mich im täglichen Angebot möglicher Entscheidungen und Handlungen schnell zu orientieren. Zum Beispiel wenn ich im Supermarkt vor einem Regal stehe und entscheiden muss, welchen Jogurt ich kaufen möchte, welche Zahnpasta oder wenn ich überlege, welches Shampoo besonders pflegend ist, sagt Hans-Peter Erb:
TAKE 10 (O-Ton Erb) L: 0, 35
In dem Augenblick laufen bestimmte Automatismen ab, was ja auch garnicht schlecht ist. Wenn ich z.B. beeinflusst worden bin, bestimmte Zahnpasta zu kaufen, die 2 Euro kostet, (Lachen)wie hoch hätte die Anstrengung denn sein müssen, damit ich jetzt nicht eine beeinflusste Entscheidung treffe sondern irgendwie eine rationale Entscheidung? Dann steh ich vor dem Regal für eine halbe Stunde und les die Packungsbeilagen, völliger Blödsinn, das hat auch eine gewisse Rationalität, dass wir uns auch davon leiten lassen…
MUSIK 12 Gold Panda – Joni’s Room 0’41)
ERZÄHLERIN
Für unser Gehirn ist der Priming Effekt so etwas wie eine Energiesparlampe. Ich muss nicht bei jeder Entscheidung, gerade wenn sie nicht existentiell ist, grundlegend und neu darüber nachdenken, sondern nehme sozusagen die Abkürzung über den Priming Effekt. Das kann Werbung sein, die ich zur besonderen Pflegekraft dieses Shampoos gesehen habe, aber auch die Meinung einer Freundin, die mich neulich auf eine bestimmte Marke hingewiesen hat.
TAKE 11 (O-Ton Glöckner) L. 0, 35
Dieser Grundaufbau des Gehirns und des Gedächtnisses hat sehr viele Vorteile evolutionärer Art, …die Idee dabei ist, dass Sie durch so eine Vernetzung von Informationen in der Lage sind, sehr, sehr schnell sehr, sehr viele Informationen zu verarbeiten, ihre Erfahrung dabei zu berücksichtigen und auch die einkommende Situation. Das heißt: Wenn irgendwas das Konzept Tiger aktiviert hat oder Löwe, dann haben Sie eine ganze Reihe von Dingen, die damit zusammenhängen, vielleicht auch eine gewissen Fluchtreaktion die damit zusammenhängt und dann vorbereitet wird.
MUSIK 13 Megalomaniac 0’36)
ERZÄHLERIN
Evolutionsbiologisch betrachtet ist dieses schnelle Reiz-Reaktions-Schema des Gehirns vermutlich sehr vorteilhaft gewesen. Wahrscheinlich ein Aspekt, warum unsere Spezies so lange überlebt hat. Und auch heute noch hilft uns der Priming Effekt ganz konkret, das tägliche Leben zu bewältigen. Das leuchtet mir unmittelbar ein. Dennoch beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Wenn es stimmt, dass ich mir der meisten Reize und Einflüsse gar nicht bewußt bin, denen ich ausgesetzt bin, dann frage ich mich doch, inwieweit ich eigentlich die Herrin in meinem Kopf bin. Oder gleiche ich eher einer Flipperkugel, die von Reizen und Anregungen durch den Alltag getrieben wird? Bin ich doch kein autonomes Individuum, frei und selbstbestimmt? Wie unabhängig bin ich in meinen Entscheidungen?
TAKE 12 (O-Ton Glöckner) L. 0, 15
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich gegen solche Beeinflussungen zu wehren. Das fängt damit an, dass man sich solcher Beeinflussungen bewußt ist, der Mechanismen bewußt ist…
ERZÄHLERIN
Sagt Andreas Glöckner von der Universität Köln. Jeder Mensch kann sich diesen Effekten entziehen. Allein schon weil kein Prime langlebig ist. Wir müssen uns Priming wie den Kegel einer eingeschalteten Taschenlampe vorstellen, der nur für eine kurze Zeit ein bestimmtes Thema beleuchtet, erklärt die Psychologin Katrin Rothmaler:
TAKE 13 (O-Ton Rothmaler) L. 0, 30
Es gibt bestimmte Prozesse, da kann sich niemand gegen wehren, wenn auf der Straße jemand sagt, huch und guckt irgendwohin, dann gucken alle dahin. Das kann man fast nicht unterdrücken. Gleichzeitig kann ich mich ja total gut fokussieren auf meine Arbeit, obwohl vielleicht um mich drumrum total viel passiert. Ich denke, in diesem Bereich bewegen wir uns. …welche Reize ich wie weiterverarbeite, was ich damit mache, wie ich drauf reagiere, das habe ich dann trotzdem immer noch in der Hand.
ERZÄHLERIN
Und zwar wie? Ich denke an die Frage, die ich am Anfang gestellt habe: Wie kann ich mich gegen den Reiz wehren, bei roten Preisschildern und vermeintlichem Zeitdruck, Kleidung zu kaufen, die ich nicht brauche und in den meisten Fällen später auch kaum anziehe.
TAKE 14 (O-Ton Rothmaler) L: 0, 25
Dieses Priming findet superschnell statt und auf einer ganz tiefen, basalen Ebene. Die Entscheidung, die ich dann treffe, also die Kaufentscheidung, die liegt ganz hinten, und dazwischen sind ja tausend Prozesse, die ich noch steuern kann und wo ich jederzeit noch eingreifen könnte.
ERZÄHLERIN
Aber genau das ist nicht immer so einfach wie es klingt. Denn um bei mir selbst als Beispiel zu bleiben: klar weiß ich, dass Rabattaktionen genau das bewirken sollen: Menschen wie mich zum Kaufen zu überreden. Durch rote Preisschilder, enorme Preissenkungen. Ich weiß es, kann mich diesen Reizen dennoch nicht immer entziehen. Andreas Glöckner gibt mir ein paar praktische Tipps:
TAKE 15 (O-Ton Glöckner) L: 0, 30
Wenn Sie Verkäufer betrachten, die versuchen, sie unter Zeitdruck zu setzen, genau aus dem Grund, Sei müssen jetzt entscheiden… Eine simple Strategie ist einfach, sich dem Druck nicht auszusetzen, weil der oft den Hintergrund hat bzw. haben kann, dass man genau diese Beeinflussung erreichen möchte. Also Abstand gewinnen, das ist, wenn man den Mechanismus verstanden hat, eine sehr, sehr simple Möglichkeit.
MUSIK 14 De-Phazz – Fellini Score 1’23)
ERZÄHLERIN
Denn: Priming ist ein kurzer Anreiz, keine andauernde Beeinflussung. Es ist also ausgesprochen sinnvoll, den Laden erstmal zu verlassen und sich selbst zu fragen: Brauche ich dieses Teil tatsächlich? Ist der Preis für mich in Ordnung? Schon wenige Minuten später kann der Priming-Effekt verflogen sein und mir ist völlig klar, eine bunte Leinenbluse möchte ich nicht kaufen! Also ganz banal: Sich Zeit nehmen, sich fragen, bin das wirklich Ich, die das will? Mein Eindruck nach meinen Recherchen ist: Schon allein zu wissen, dass es Priming Effekte gibt und wie unser Gehirn auf sie reagiert, verändert etwas. Und schützt öfter mal vor Verhalten und Handlungen, die wir in Ruhe betrachtet, nicht wollen oder richtig finden.
Ich zum Beispiel werde beim nächsten Schlussverkauf auf jeden Fall erstmal den Laden verlassen, wenn ich ein tolles Schnäppchen kaufen möchte. Damit in meinem Kleiderschrank tatsächlich nur noch die Sachen liegen, die ich auch gerne anziehe, in denen ich mich wohl fühle.
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- Die Pest in Oberammergau - Von der Seuche zum Passionsspiel
11.07.2025 · 23 Min.
Es ist die Nacht vor dem Kirchweihfest 1633. In der Dunkelheit schleicht sich der Oberammergauer Kaspar Schisler von Eschenlohe aus in sein Heimatdorf. Bringt er damit die Pest in den Ort? - Das Unglück vor nahezu 400 Jahren hat die weltberühmten Passionsspiele hinterlassen und eine Menge fromme und skurrile Geschichten. Von Markus Mähner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Franziska Ball, Benedikt Schregle, Frank Manhold Technik: Adele Meßmer, Lorenz Kersten Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Viola Schenz, Journalistin und Autorin des Buches "Ein Dorf begeistert die Welt: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele" Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Pest im Mittelalter - Europas demographische Katastrophe. Von Ulrike Rückert / Artikel Dorit Kreissl (2010 / 2015) JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Es ist der 11. September 1880. Ein Pferdefuhrwerk quält sich den steilen Ettaler Sattel aus dem Loisachtal kommend empor. Auf seinem Bock: Der lutherische Theologe Alexander von Oettingen von der Universität Dorpat im deutschsprachigen Estland. Neben ihm: Der äußerst gesprächige Murnauer Kutscher, der weiß auf was es bei der Oberammergauer Passion ankommt: ZITATOR 1 Die Hauptsache bei die Gschicht sei, daß viele Wagen voll Bierfässern dort versoffen würden. Ja, die verstehn´s dort halt. SPRECHERIN So Alexander von Oettingen in seinen "Erinnerungen eines Pilgers nach Oberammergau" von 1880. Und tatsächlich: M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 1´15´´) unter: Die Reise zu den inzwischen weltberühmten Oberammergauer Passionsspielen ähnelt eher einer Pilgerreise als eines Kulturausflugs. Denn links und rechts ist die Straße gesäumt von schier zahllosen Fußgängern, die sich keine Kutsche leisten können. Alle wollen sie nach Oberammergau, dem verschlafenen bayerischen Dorf, wie es in Disneyland nicht schöner stehen könnte: Umrahmt von kecken Berggipfeln und sprudelnden Ammerquellen, präsentiert es sich mit Lüftlmalereien und Herrgottsschnitzern an jeder Ecke, "abgeschieden und weltoffen", vor allem dank seiner Passionsspiele, von denen der offizielle Passionsführer von 1880 schreibt: ZITATOR 3 (od 2) Am Mississippi wie an der Spree, an der Donau wie an der Themse, an der Seine wie am Rhein lautet das Losungswort: Nach Oberammergau! Tausende eilen auf Bahnen und Dampfern nach dem sonst so stillen Gebirgsdorfe und scheuen selbst die Beschwerden und Mühseligkeiten und Gefahren einer mehrwöchigen Seereise nicht, um dem alten Mysterium beizuwohnen. SPRECHERIN Doch woher stammt es, das "alte Mysterium"? Der Gründungsmythos der Oberammergauer Passionsspiele ist so bewegt, wie seine nun bald 400jährige Geschichte. M Dakryon (Länge: 1´00´´) SPRECHERIN Es ist das Jahr 1633. In Bayern sieht es düster aus: Vor einem Jahr überquerte der Schwedenkönig Gustav Adolf mit seinen Truppen den Lech und brachte damit den Dreissigjährigen Krieg auch nach Bayern. Das tägliche Leben ist geprägt von Missernten und Hungersnöten, von Inflation und Hexenverfolgung. Galileo Galilei schwört in diesem Jahr in Rom vor der Heiligen Inquisition von seinem besseren Wissen ab. Das Klostergericht Ettal, zu dem Oberammergau gehört, lässt keine Hexenverbrennungen zu. Aber es fallen immer wieder "feindliche Räuber" - wie es in der Dorfchronik heißt - in Ettal und Oberammergau ein und zerschlagen dort den Kirchenschrein. Zu allem Übel grassiert auch noch der Schwarze Tod: Die Pest - im Ammergau glücklicherweise nicht so schlimm wie im Flachland. Musik Bitter intrigues (reduziert) (Länge: 0´53´´) SPRECHERIN Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als der Oberammergauer Tagelöhner Kaspar Schisler Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern bekommt. Es ist der Abend vor Kirchweich 1633. "Der Schisler" hat sich von Eschenlohe im Loisachtal, wo er sich als Knecht verdingt, auf den Weg über einen Bergsattel ins heimatliche Oberammergau gemacht. Überall sieht er Pestwachen. Niemand darf ins Dorf, denn bis jetzt verlief die Pest hier harmlos. Schisler aber stiehlt sich in der Nacht an den Wachen vorbei und bringt das Unglück mit: Innerhalb kurzer Zeit sterben... ZITATOR 2 ...binnen eines Jahres dahier 84 Personen, darunter zwei Pfarrer bald nacheinander. In dem großen Leidwesen traten die Vorgesetzten der Gemeinde zusammen und machten das Verlöbniß, die Passionstragödie alle zehn Jahre zu halten, und von dieser Zeit an ist kein einziger Mensch mehr gestorben, obgleich noch etliche die Pestzeichen an sich hatten. SPRECHERIN So die gut 200 Jahre später verfasste Dorfchronik. Ein Wunder? Schenz 1a Man mag jetzt an ein Wunder glauben, man mag es aber auch nicht. SPRECHERIN Viola Schenz, Journalistin und Autorin des Buches "Ein Dorf begeistert die Welt: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele" Schenz 1b Wahrscheinlich ist eben einfach, dass zu dieser Zeit, als dieses Gelübde ausgerufen wurde: die die an der Pest erkrankt waren, einfach schon gestorben waren und die diese überlebt hatten, eben resistent waren, sodass eben weil auch niemand mehr in den Ort gelassen wurde, sodass es einfach keine weiteren Pestfälle mehr gab. Das hat einfach eine rein medizinische, virologische Erklärung. SPRECHERIN Doch war es wirklich der Schisler, der die Pest brachte? Immer wieder tauchten Zweifel auf. Manche meinen, es sei eine Dienstmagd mit dem Namen Agata Lindenauer gewesen, die die Pest mit aus dem benachbarten Kohlgrub brachte. Natürlich können es auch Schwedische Soldaten gewesen sein, wie in vielen anderen Gebieten Bayerns. Fakt ist: der Name Schisler ist im Oberammergauer Pfarrmatrikel aus diesen Jahren nicht unter den Verstorbenen verzeichnet. Schenz 2 Aber es wurde eben diesem Schisler zugeschrieben. Und dass er eben nicht mehr in diesen Todeslisten verzeichnet ist, das kann ein Zufall sein oder ein Versehen oder auch ein bewusster Akt. Das weiß man heute nicht mehr. Aber klar ist: jemand hat die Pest gebracht. Es gab viele Tote, der Rest des Ortes war dann resistent. Die, die erkrankt waren und gestorben waren, waren eben eh tot und insofern fiel eben das Gelübde und des Ende dieses Pestbefalls sehr günstig zusammen. M Achlys (Länge: 0´25´´) unter: SPRECHERIN Bereits ein Jahr später, 1634, findet das erste Oberammergauer Passionsspiel statt. Auf dem Friedhof, wie in vielen anderen Orten Bayerns auch. SPRECHERIN Zurück ins Jahr 1880, knappe 250 Jahre nach dem Gelübde, zu Alexander von Oettingen: ZITATOR 1 Gottlob, das alte Gelübde bringt es mit sich, daß nur alle zehn Jahre gespielt werden soll. Sonst würde die Sache, wie sie schon heuer es zu werden drohte, zu einem lukrativem Geldunternehmen im neuesten Stil. Es war eben Mode geworden, jene "Pilgerfahrt" zu machen. Eine viertel Million Mark soll die Einnahme dieses Jahres betragen haben. SPRECHERIN Die ganze Welt drängt nach Oberammergau. Die Passion ist ihrem Dorfspiel auf dem Friedhof entwachsen. Und, wie so oft, bringt der Erfolg auch viele Trittbrettfahrer mit sich, wie Alexander von Oettingen 1880 aus München zu berichten weiß: ZITATOR 1 Auf meine Erkundigung in den "Vier Jahreszeiten", wo man, wie es hieß, in solider Weise die Vermittlung der Fahrangelegenheit, der Einlaßkarten und der Wohnung übernähme, war der Preis, auch wenn man auf die ersten Plätze verzichtete, 70 bis 80 Mark à Person! Nein, das konnte und wollte ich nicht. SPRECHERIN Die Organisation überlässt der Theologe dann einem Alois Mössl, der im Bierkeller zum Pschorr seine Kundschaft mit einem Preis von 25 Mark ködert - inklusive Fahrt und Eintrittskarte für den zweiten Platz. Zuerst schaut er sich aber noch das gerade erschienene Volkschauspiel "Die Herrgottsschnitzer von Oberammergau" an. 10 Jahre später, 1890, wird der Stoff als Roman von Ludwig Ganghofer dem Ort für immer sein Bild aufdrücken. 1952 bringt ihn Winnetou-Regisseur Harald Reinl ins Kino. M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 0´44´´) unter: SPRECHERIN Am Morgen des 11.September 1880 verlässt der Zug München Richtung Murnau - die Bahnstrecke ist vor einem Jahr erst eingeweiht worden. Es ist neblig, wie so oft hier im Herbst. Erst am Starnberger See, an dem Halt für eine Dampferrundfahrt gemacht wird, klart es auf und ein prächtiges Alpenpanorama empfängt den "Passions-Pilger". Oberammergau hat zu dieser Zeit 1200 Einwohner. Und man kann sagen: Das ganze Dorf ist mit den Spielen beschäftigt, denn schließlich dürfen nur Einheimische mitspielen. Genauso wie heute. Viola Schenz: M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 1´18´´) Schenz 3 Gut die Hälfte des Dorfes steht irgendwann über die Woche verteilt auf der Bühne, und der Rest ist sowieso auch irgendwie dabei: Wir haben die Feuerwehr, wir haben den Notarzt. Wir haben natürlich - ganz wichtig - den Chor und das Orchester. Die sind natürlich auch groß besetzt. Über hundert Mitglieder. Und wir haben die ganzen Garderobieren, wir haben die Einlasser. Und dann gibt es das ganze Drumherum noch. Also es ist eigentlich, es gibt kaum jemanden in Oberammergau, der nicht oder die nicht berührt wäre von diesen Spielen. Alle sind in irgendeiner Form involviert. SPRECHERIN Aber auch Auswärtige verdienen am Spiel. Sei es die Bahn, die Kutscher oder die Schifffahrtsgesellschaften, die die Besucher aus Übersee bringen. Ja, 1880 hat sogar der englische Geistliche Thomas Cook als erster Reiseveranstalter der Welt ein Büro in Oberammergau eröffnet. Die Aufführung dauert 8 Stunden. Bänke gibt es lediglich ohne Lehnen. Und wie heute sind es bereits 5000 Zuschauer pro Aufführung. Das macht bei 23 Aufführungen vom 17. Mai bis zum 26.September gut über 100.000 Zuschauer. Und das bei einer Einwohnerzahl von gerade mal 1200! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´52´´) SPRECHERIN Gut einhundert Jahr zuvor sah es allerdings weniger rosig für das Passionsspiel aus: Die aufklärerischen Tendenzen in der bayerischen Regierung mochten dem "religiösen Jahrmarkt" einen Riegel vorschieben und verboten 1770 die Passion. Szenen, wie jene aus der Oberammergauer Barockpassion, in der kleine Teufelchen dem toten Judas die Gedärme in Form von Straubengebäck aus dem Magen reißen und sie genüsslich verspeisen, kamen nicht gut an in München. Man solle... ZITATOR 4 (od. 2) "...doch heimgehen und sich das Leiden Christi von ihrem Pfarrer predigen lassen. Das sei besser, als wenn sie den Herrgott auf ihrem Theater herumschleppen." SPRECHERIN Doch nach einer Überarbeitung von Text und Inszenierung bekam Oberammergau als einziger Ort für seine Passionsspiele eine Sondererlaubnis. Damit verblieb man der letzte Spielort einer Passion in Bayern! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´24´´) SPRECHERIN Und so gingen die Oberammergauer Passionsspiele in ihre nächste Phase: Die des internationalen Ruhms und - ja man kann es nicht anders sagen - die des Massentourismus: 1830 untersagt zwar der Dorfpfarrer Alois Putz das Spielen auf dem Friedhof, doch da... Schenz 4 …hat man dann das vom Friedhof verlegt, auf einen eigenen Platz im Nordteil des Ortes. Da war eine große freie Wiese. Die hat damals übrigens noch dem Ettaler Kloster gehört, also die hat man den Ettalern quasi abgekauft und hat dann dort erst Vorläuferbauten und dann das endgültige Passionstheater errichtet. M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´42´´) SPRECHERIN Ein Vorteil davon: Nun hat man deutlich mehr Platz für die Heerscharen, die alle zehn Jahre nach Oberammergau strömen. Bereits 1840 reisen selbst der Kronprinz Maximilian von Bayern, und der König und die Königin von Sachsen in das malerische Gebirgsdorf. Für Oktober hat sich sogar Ludwig der Erste angekündigt, doch früh einsetzender Schnee lässt die Reise nicht mehr zu. Für die Passion zehn Jahre später wird eine eigene Pferde-Bus-Direktlinie von München nach Oberammergau eingerichtet. Auch die Passion 1870 scheint wieder alles Vorangegangene zu übertreffen, da kommt just während der achten Vorstellung am 17. Juli die Nachricht: Frankreich hat Preußen den Krieg erklärt! SPRECHERIN Dafür kommen bei den nachgeholten Aufführungen im Jahr 1871 umso mehr Zuschauer, besonders auch aus England und den USA. Das Deutsche Kaiserreich und somit ein vereinigtes Deutschland hat sich nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich am Anfang des Jahres gegründet und präsentiert sich nun auch im Bergdorf Oberammergau stolz der Welt. Doch der unablässig zunehmende Tourismus bringt auch absurde Nebenwirkungen mit sich. Schenz 5 Es gab also etliche Vorfälle, dass das Publikum einfach zwischen Darsteller und seiner Rolle nicht mehr unterscheiden konnte. Und das tatsächlich dann in der großen Pause oder auch am nächsten Tag - das Publikum war ja dann oft mehrere Tage im Ort -, dass dann eben der Judas-Darsteller, wenn er blöderweise auf der falschen Straßenseite ging, niedergeschimpft wurde von irgendeinem Passionsspielbesucher und ausgeschimpft wurde, weil er doch hier Jesus verraten habe. SPRECHERIN Selbst Ludwig II., der 1871 einer Privataufführung beiwohnt, geht es da nicht anders. Schenz 6 Unser Märchenkönig, der ließ es sich nicht nehmen, die Hauptdarsteller alle mal zu einem großen Diner einzuladen. Und zum Ende dieses Dinners hat er allen einen silbernen Löffel als Andenken in die Hand gedrückt. Nur der Judas-Darsteller bekam einen Löffel aus Blech einfach als Missbilligung seiner Rolle und für das, was er Jesus angetan habe. SPRECHERIN Dennoch schenkt er der ganzen Gemeinde auch noch das damals größte Steindenkmal der Welt, eine Kreuzigungsgruppe, die auf einem Hügel oberhalb von Oberammergau errichtet wird. Gleichzeitig beginnt er auch mit dem Bau von Linderhof. M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 1´15´´) unter: Doch nicht nur der König, auch eine breite Bevölkerungsschicht entdeckt zunehmend die Faszination für die Alpen und den dazugehörigen Charme des einfachen, ländlichen Lebens - als Gegenentwurf zur sich industrialisierenden Großstadt. GERÄUSCH Vogelgezwitscher SPRECHERIN Auch Alexander von Oettingen, der inzwischen in Oberammergau angekommen ist und sein Quartier bezieht, lernt ihn kennen, den "Charme des einfachen Lebens": ZITATOR 1 Mir war gesagt worden, die Interieurs dieser Häuschen seien in ihrer "Armseligkeit voll poetischen Reizes". Mir fehlte offenbar der Sinn dafür. Zur Poesie gehört auch Luft und Licht. Diese höchst ursprünglichen Dorflagerstätten kosteten, obwohl für vier Menschen nur zwei Handtücher disponibel waren, á Person 4 Mark für EINE Nacht! Das "Geschäft" spielt jedenfalls auch bei der gastlichen Nachtunterkunft eine große Rolle. (((SPRECHERIN Auch im Wirtshaus nebenan kommt wenig Entspannung auf: Es ist so voll, dass es kaum etwas zu Essen gibt. ZITATOR 1 Glücklich wer ein Glas Bier erobert. Die Mehrzahl durstet und sehnt sich vergeblich darnach. Eine Flasche Wein läßt sich schon eher erreichen. Die lohnt eben mehr! ))) SPRECHERIN Der auch heute immer wiederkehrende Vorwurf, die Passionsspiele würden schon lange nicht mehr des Gelübdes wegen aufgeführt, sondern einzig, um Geld in die Dorfkasse zu spielen, ist also schon gut 150 Jahre alt. M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´46´´) Dafür bekommt allerdings der Zuschauer auch Einiges geboten. Die Massenszenen und die "Lebenden Bilder" - die recht originalgetreue Nachstellung klassischer Gemälde, die Szenen aus der Bibel zum Thema haben - sind einzigartig. Da befinden sich gut und gern mal mehrere hundert Menschen auf der Bühne – die alle Oberammergauer sind! Und das geht von Babys bis zu 100jährigen. 2020 hat ein Bauer sogar seine Hühner für die Händlerszene im Tempel angemeldet - alles echte Oberammergauer! Die übrigens ab Aschermittwoch ein Jahr vor der Aufführung dem sogenannten Haar- und Bart-Erlass unterliegen. Schenz 7 Das heißt, ab diesem Tag dürfen die Darsteller, also Männer und Frauen, ihre Haare nicht mehr schneiden und die Männer auch nicht mehr die Bärte. SPRECHERIN Einer, der das ganz ernst genommen hat und sich mit seiner Rolle komplett identifizierte, war Anton Lang. Schenz 8 Und dieser berühmte Anton Lang, dieser Darsteller von 1900 und 1910 und 1922, also der große Christus-Darsteller, der dann eben auch zwischen diesen Dekaden-Aufführungen, seine Haare lang wachsen ließ. Also der dann wirklich so als ewiger Christus durch den Ort ging. Zu dem gingen dann die Leute während der Passion tatsächlich hin und baten ihn, ihre Kinder zu segnen. Und als dann sein jüngstes Kind, der Gottfried, 1918 auf die Welt kam, da geht die Legende, dass die Haushälterin der Familie Lang durch Oberammergau rannte und meinte: ein Christuskind ist geboren. Also unglaubliche Szenen! SPRECHERIN Auch die strengen Vorschriften für Mitspieler bringen immer wieder absurde Szenen hervor. So gibt es lange Zeit für Frauen eine Altersbeschränkung, ab der sie nicht mehr mitspielen dürfen. Was 1922 zu einem komischen Bild auf der Bühne führt, als Anton Lang zum letzten Mal den Jesus verkörpert. Schenz 9 Also, wir hatten dann da einen 47-jährigen Jesus am Kreuz hängen und seine Mutter Maria war halt dann irgendwie eine Anfang-20-Jährige. Also grotesker geht's nicht. Aber so war es eben. Diese Regelung aber trieb dann wirklich seltsame Blüten: in einem Fall das war für die 1950er-Passion: Da war eben eine sehr begabte Darstellerin für die Maria vorgesehen. 1948/49, also als schon die ersten Proben liefen und also die Darsteller schon festgelegt waren, hat sie mal - so wurde ihr nachgesagt - auslassend mit amerikanischen Soldaten irgendwo in einer Dorfwirtshaus getanzt. Damals war ja Oberammergau, wie viele Teile Oberbayerns, von den Amerikanern besetzt. Und es wurde ihr natürlich sofort negativ ausgelegt, und der Gemeinderat befand also, dass sie dieser Rolle der Maria nicht würdig war. Und ihr wurde stattdessen die Rolle der Maria Magdalena, also der Sünderin, nahegelegt. Weil das doch ihrem Verhalten viel mehr entspreche. M Dakryon (Länge: 0´47´´) SPRECHERIN Generell stehen die Spiele 1950 unter einem schlechten Stern. Denn es fehlt schlicht an Mitspielern. Viele junge Oberammergauer sind vom Krieg nicht heimgekehrt, die Verbliebenen sind oft zu alt. Und die zahlreichen Flüchtlinge, die im Dorf leben - es sind 2.200 Flüchtlinge auf 3.000 Einwohner - dürfen nicht mitspielen. Zudem muss sich das Passionsspiel mit seinen antisemitischen Tendenzen auseinandersetzen. Die Nationalsozialisten hatten 1934 die "Jubiläumsspiele" - 300 Jahren Oberammergauer Passion - für ihre Zwecke vereinnahmt. Und nun kommen verstärkt Kritiken am veralteten Passionstext auf. Schenz 10 Nicht unbedingt aus dem Ort selber oder aus der Gemeinde, wie man es vielleicht sich denken würde, sondern tatsächlich aus Amerika von prominenten amerikanischen Juden, allen voran Arthur Miller und Leonard Bernstein, die tatsächlich dann auch zu zum Boykott der Spiele aufgerufen haben - was tatsächlich zur Folge hatte, dass bei den 1970er Spielen ganze Blöcke leer blieben im Passionstheater. Aber der eigentliche Donnerschlag war das Zweite Vatikanische Konzil, das sich ewig hinzog, von 1962 bis 1965 in Rom, wo eben sehr viele Reformen beschlossen wurden und unter anderem eben auch ein Aufruf speziell nach Oberammergau ging, das Verhältnis zwischen christlichen und nichtchristlichen Konfessionen zu überdenken und die Spiele zu reformieren. Und was machten die Oberammergauer: Sie machten nichts! Sie scherten sich überhaupt nicht darum! Was dazu führte, dass ihnen quasi der Vatikan die Lizenz entzog für die Spiele. SPRECHERIN Daraufhin fällt das Passionsspiel in eine große Krise, die den ganzen Ort in zwei Lager spaltet: Die Traditionalisten und die, die sowohl Text als auch von der Zeit überholte Regeln und Strukturen aufbrechen wollen. Das dauert allerdings bis 1990, als der noch nicht einmal 30-Jährige Oberammergauer Christian Stückl die Leitung der Spiele übernimmt. Stückl Das Dorf war reif für Reformen und deswegen sind die meisten dann mitgegangen. Ich hab dann die erste verheiratete Frau zur Maria gemacht. Ich hab versucht das Katholische aufzureißen und hab gesagt: Wir müssen auch die Protestanten mit einbeziehen. Wir müssen gemeinsam Gottesdienst feiern, wir müssen ein anderes Verhältnis zum Judentum haben. Also vielleicht hab ich an bestimmten Stellen auch einfach nen riesen Dickschädel und sag: Ich mach´s nur so. Anders mach ich´s nicht! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´56´´) SPRECHERIN Was den Passionsspielen allerdings keineswegs geschadet hat. 2014 werden sie in die UNESCO-Liste für Immaterielles Kulturerbe aufgenommen. Die Spiele 2022 - sie wurden wie genau 100 Jahre zuvor wegen einer Pandemie um zwei Jahre verschoben - werden die finanziell erfolgreichste Passion in der Geschichte. Knapp 50 Millionen Euro Umsatz bei 412.000 Zuschauern! Das Losungswort von 1880 gilt also immer noch, am Mississippi wie an der Spree, an der Seine wie am Rhein: Auf nach Ammergau!
- Judy Garland und Shirley Temple - Hollywoods Kinderstars
10.07.2025 · 24 Min.
Sie zählen zu Hollywoods berühmtesten und erfolgreichsten Kinderstars: Judy Garland und Shirley Temple. Die blondgelockte Shirley Temple bot mit ihrem Lachen und mit Optimismus ein Gegenprogramm zum tristen Alltag während der Großen Depression in den 1930ern. Judy Garland begeisterte in Filmen wie "Der Zauberer von Oz" mit ihrer einzigartigen Gesangsstimme, kämpfte aber ihr Leben lang gegen Tabletten- und Alkoholsucht und die Fallstricke des Ruhms. Autor/in dieser Folge: Florian Kummert Regie: Silke Wolfrum Es sprachen: Ariane Payer, Christian Baumann und Rahel Comtesse Technik: Regina Staerke Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literatur: Kristen Hatch: Shirley Temple and the Performance of Girlhood (Rutgers University Press, 2015, engl.) John F. Kasson: The Little Girl Who Fought The Great Depression (W. W. Norton & Company, 2014, engl.) Judy Garland: Ihre Filme – ihr Leben. (Heyne Filmbibliothek, 1980) Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Man nehme 150 Milliliter Ginger Ale, ebenso viel Zitronenlimonade, eine Viertel Zitrone und einen Schuss Grenadine. Alles gut mixen, dann in ein hohes Glas voller Eiswürfel gießen und oben drauf als krönender Abschluss eine Cocktailkirsche. Fertig ist der… Shirley Temple! SPRECHERIN Dass dieser Cocktail keinen Alkohol enthält, kommt nicht von ungefähr. Denn seine Namensgeberin war Hollywoods größter Kinderstar der 1930er Jahre. MUSIK You Gotta SMILE to be HAPPY SPRECHERIN Ein Wirbelwind an Sommersprossen und blonden Locken - angeblich 52 jeden Abend vor dem Bettgehen sorgfältig eingedrehte Korkenzieher-Locken - immer gut gelaunt, immer lächelnd. Lächeln, smile, singt sie in einem ihrer Hits, fein ausbuchstabiert: S M I L E. You gotta Smile to be Happy. H-A-P-P-Y. Du musst lächeln, um glücklich zu sein. MUSIK You Gotta SMILE SPRECHERIN Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms ist die immer lächelnde, immer fröhliche Shirley Temple überall - und das ist tatsächlich wortwörtlich zu verstehen. Ihr Bildnis erscheint Tag für Tag in Dutzenden von Magazinen und Werbekampagnen, sie gilt als eine der am häufigsten fotografierten Personen der Welt. Fotos von ihr hängen in ärmlichen Slumbaracken ebenso wie in reichen Vorstadtvillen. Etwa über dem Wohnzimmersims im Jugendhaus von Andy Warhol in Pittsburgh. Oder im Hobbykeller von FBI-Direktor J. Edgar Hoover in Washington, D.C. Sie lacht auch vom Foto im Schlafzimmer des Verstecks von Anne Frank in Amsterdam, als diese mit ihrer jüdischen Familie aus Angst vor den Nationalsozialisten im Verborgenen leben muss. SPRECHER Als Anne Frank im Juni 1942 in ihr Versteck zieht, ist Shirley Temples Karriere bereits wieder am Abklingen. Dafür leuchtet ein neuer Stern am Himmel von Hollywood. Judy Garland, das Mädchen mit der atemberaubenden Stimme, wird 1939 weltberühmt, mit diesem Lied: MUSIK OVER THE RAINBOW Somewhere over the rainbow Way up high there’s a land that I heard of Once in a lullaby, oh… SPRECHER Irgendwo über den Regenbogen träumt sich Judy Garland als Mädchen Dorothy, das gemeinsam mit ihrem kleinen Hund Toto sowie ihrer Tante und ihrem Onkel auf einer Farm in Kansas lebt. Doch die böse Nachbarin sieht den Hund als Bedrohung und will ihn wegnehmen. So sehnt sich Dorothy nach einem Land, wo die Träume wahr werden… MUSIK OVER THE RAINBOW And the dreams that you dear to dream of really do come true-ooh-ooh SPRECHER Schließlich schnappt sich Dorothy ihren geliebten Toto und will weglaufen. Doch ein Wirbelsturm zieht auf und bläst das Mädchen samt dem Farmhaus in das zauberhafte Land namens Oz. Dort macht sie sich auf den Weg zum sagenumwobenen Zauberer von Oz. MUSIK SPRECHERIN Heute zählt „Der Zauberer von Oz“ zu den großen Klassikern der Filmgeschichte und ist Teil des Weltdokumentenerbes der UNESCO. Judy Garland gelingt mit der Rolle der große Durchbruch in Hollywood. Dabei wollte das produzierende Studio MGM für das enorm teure Projekt in der Hauptrolle zunächst einen etablierten Kinderstar, nämlich: Shirley Temple. Doch die war beim Konkurrenzstudio, der 20th Century Fox, unter Vertrag und die Austauschverhandlungen scheiterten. VOICEOVER KRISTEN HATCH 1 Yes, thank God… Judy Garland's vocal range. Gottseidank! Mit Shirley Temple wäre das nie und nimmer so ein Erfolg geworden, und natürlich hatte sie auch nicht den Stimmumfang von Judy Garland. SPRECHER Sagt Kristen Hatch, Professorin für Filmstudien an der University of California in Irvine. Ihr Spezialgebiet: der Hollywoodfilm der 1930er Jahre und die Rolle der Kinderstars, die in diesem Jahrzehnt zu den kassenträchtigsten Publikumslieblingen überhaupt zählten. VOICEOVER KRISTEN HATCH 2 They had made different …tried to make her look more childlike. Vom Kinderbuch „Der Zauberer von Oz“ gab es in der Stummfilmzeit bereits mehrere Verfilmungen. Dorothy wurde dabei von jungen Frauen in ihren 20ern gespielt, auch wenn sie im Buch eher ein kleineres Mädchen ist. Für das Publikum war es also nicht ungewöhnlich, Frauen in Kinderrollen zu sehen. In den 1930er Jahren kam das aber immer seltener vor, und Judy Garland war vom Alter her schon grenzwertig für die Rolle. Maske und Kostüm konnten sie aber noch problemlos jünger wirken lassen. Allerdings klagte Judy Garland über die Kostüme, die ihr die Brüste abschnürten, um ihr ein kindliches Äußeres zu geben. SPRECHER Am Ende der Dreharbeiten ist Judy Garland bereits 17, doch sie schafft es, Dorothy als Mädchen zu portraitieren, das die perfekte Unschuld symbolisiert. Eine Kinder-Figur, mit einem reinen Herzen. VOICEOVER KRISTEN HATCH 3 She also represents … eyes full of hope. Sie verkörpert vor allem: Hoffnung. Ihre Figur verliert nie die Hoffnung, dass es ihr gelingt, wieder nach Hause zu kommen. Sie folgt der Gelben Steinstaße, mit einem Lächeln und Augen voller Hoffnung. SPRECHERIN Hoffnung. Unschuld. Das sind auch die Attribute, die Shirley Temple in den Jahren zuvor zur erfolgreichsten Schauspielerin der 1930er-Jahre haben werden lassen. Denn ihr Karrierestart fällt zusammen mit einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen der Vereinigten Staaten, der „Great Depression“, der „Großen Depression“. Als im Oktober 1929 die Kurse an der New Yorker Börse ins Bodenlose stürzen und einen gewaltigen Börsencrash einleiten, kommt es zu einer weltweiten Rezession. Die Arbeitslosenquote schnellt in den USA bis 1932 auf 25 Prozent hoch. Die, die ihre Arbeit noch haben, erhalten oft einen Hungerlohn, und kämpfen darum, die eigene Familie über Wasser zu halten. Der republikanische Präsident Herbert Hoover gilt in der Bevölkerung als entscheidungsschwach und griesgrämig. Gegen den demokratischen Herausforderer hat er 1932 nicht den Hauch einer Chance. Franklin Delano Roosevelt sitzt zwar seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl, gilt aber als großer Charismatiker und unermüdlicher Optimist. Bei seiner Amtseinführung brennt sich ein Satz ins kollektive Bewusstsein der Öffentlichkeit ein: OTON REDE ROOSEVELT The only thing we have to fear is fear itself. SPRECHER Die einzige Sache, die wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst. SPRECHERIN Mit seinen New Deal-Programmen startet Roosevelt eine Reihe von Wirtschafts- und Sozialreformen, eine für US-Verhältnisse massive Interventionspolitik, mit Schul- und Armenspeisungen, Hilfen für die Arbeitslosen, einer Regulierung der Finanzmärkte sowie der Einführung von Sozialversicherungen. SPRECHER Ebenso wichtig ist für Roosevelt aber der psychologische Kampf gegen die Krisenstimmung im Land. Er will die Furcht bekämpfen, und - so gut es geht - Optimismus und Zuversicht verbreiten. Dazu nutzt er die Macht der Filmkunst im Kampf gegen die niedergedrückte Stimmung im Land. SPRECHERIN Und setzt dabei vor allem auf ein unerschütterlich lächelndes Mädchen und das wohlige Gefühl, das sie in den Kinosälen verbreitet: Shirley Temple. Von Roosevelt ist das Zitat überliefert: SPRECHER „Wenn die Stimmung der Bevölkerung auf einem Tiefpunkt ist, gibt es nichts Heilsameres für Amerikaner als sich für nur 15 Cents einen Film anzusehen, in das lächelnde Gesicht eines kleinen Kindes zu blicken und die Sorgen zu vergessen.“ MUSIK: You Gotta SMILE to be HAPPY, C1561980122, 0‘13 SPRECHER Shirley Temple, das kleine Mädchen, das die große Depression bekämpfte, wird am 23. April 1928 in Santa Monica, Kalifornien, geboren. Der Vater, George Temple, arbeitet in einer Bank, die Mutter Gertrude, tanz- und filmbegeistert, setzt all ihre Hoffnungen und Ambitionen - nach zwei Söhnen - auf ihr drittes Kind: ihr Mädchen mit den Sommersprossen und den Locken, die sie einrollt und Woche für Woche peroxidblond färbt. Kurz nach Shirleys drittem Geburtstag meldet Gertrude ihre Tochter in Ethel Meglins Tanzstudio an, damals die Topadresse in Hollywood, um Tanzschritte und Gesang zu lernen und möglichst jung vor einer Filmkamera zu landen. Die sogenannten „Meglin Kiddies“ werden regelmäßig für Bühnenauftritte und Filmrollen gebucht. Drei Jahre vor Shirley Temple war auch Judy Garlands Mutter mit ihrer damals fünf Jahre alten Tochter zu den „Meglin Kiddies“ gekommen. SPRECHERIN Im April 1934 gelingt Shirley Temple der große Durchbruch - da ist sie gerade sechs geworden. Der Film „Stand Up and Cheer!“ zeigt sie singend, tanzend, und auch stepptanzend, in der Nummer „Baby Take a Bow“.
- Allen das Gleiche? Die Philosophie der sozialen Gerechtigkeit
10.07.2025 · 23 Min.
Jedem das Seine? Oder allen das Gleiche? In der Philosophie, die sich von Anbeginn mit Fragen der Gerechtigkeit beschäftigt, taucht der Begriff der sozialen Gerechtigkeit erst relativ spät auf. Welche Gedanken und Ideen zum Thema soziale Gerechtigkeit gibt es und wie kann eine Gesellschaft sie erreichen? Autorin: Claudia Heissenberg (BR 2023) Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Heissenberg Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger, Caroline Ebner Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Christoph Butterwegge, Armutsforscher und emeritierter Professor für Politikwissenschaft, Universität Köln; Wilfried Hinsch, Professor für Philosophie, Universität Köln Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Gerechtigkeit - Im Wandel der Philosophie JETZT ANHÖREN John Rawls - Vordenker einer gerechten Gesellschaft JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Wilfried HINSCH, Die gerechte Gesellschaft – Eine philosophische Orientierung. Kurze, aber umfassende und gut verständliche Abhandlung über die Idee der sozialen Gerechtigkeit und die Frage, wie sich unser Gerechtigkeitsverständnis entwickelt hat. Richard WILKINSON und Kate PICKETT, Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Die beiden britischen Wissenschaftler haben eine Fülle an statistischem Material ausgewertet und festgestellt, dass Gesellschaften, die weniger Ungleichheit aufweisen, auch weniger Kindersterblichkeit, weniger Kriminalität, weniger Drogenmissbrauch, weniger Gewalt, weniger Krankheiten etc. haben. Thomas MORUS (Sir Thomas More), Utopia. Für alle, die keine Angst vor alten Texten haben (geschrieben wurde das Büchlein 1515) und immer schon mal wissen wollten, wie das Leben in Utopia aussieht. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 (Z8046313101 Tobi Morare: Ghetto Beat 0‘54) ZITATOR: Das S in unserer Partei steht für den sozialen Zusammenhalt und für soziale Gerechtigkeit. (CSU) ZITATORIN: Gerechte Teilhabe am erwirtschafteten Ertrag ist das Gebot sozialer Gerechtigkeit und ökonomischer Vernunft. (SPD) ZITATOR: Deshalb ist es gerecht, dass die Stärkeren einen größeren Beitrag für unser Gemeinwesen leisten als die Schwächeren. (CDU) ZITATORIN: Ausuferndes Gewinnstreben und wachsende materielle Ungleichheit zersetzen die Gesellschaft von innen. (Die Linke) ZITATOR: Für uns ist das Prinzip der Fairness Voraussetzung und Maßstab der steten Suche nach Gerechtigkeit. (FDP) ZITATORIN: Gerechtigkeit meint auch Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. (Die Grünen) O-TON 1: (Butterwegge) Die große Mehrheit der Bevölkerung strebt eigentlich danach, dass eine gerechtere Verteilung stattfindet in der Gesellschaft, und deshalb müssen die Parteien selbst dann, wenn sie beim Regierungshandeln davon wenig erkennen lassen, zumindest programmatisch dieses Ziel der sozialen Gerechtigkeit hochhalten. ERZÄHLERIN: … sagt Christoph Butterwegge, Armutsforscher und emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. O-TON 2 (Butterwegge): Parteien, die sagen würden, wir wollen mehr Ungerechtigkeit und mehr Ungleichheit schaffen, wir wollen das Privatvermögen des reichsten Mannes in der Bundesrepublik, Dieter Schwarz, Eigentümer von Lidl und Kaufland, Privatvermögen 41,8 Milliarden Euro, wir wollen das noch vergrößern und wir wollen gleichzeitig dafür sorgen, dass der Paketzusteller, der Fahrradkurier und der Getränkelieferant noch weniger verdienen, so ne Partei würde höchstens von den am meisten Privilegierten unterstützt. MUSIK 2 (Z8039716115 Louis Edlinger/Tony Delmonte: Stay Calm 0‘48) ERZÄHLERIN: Seitdem Menschen über eine gerechte Ordnung von Gesellschaft und Staat nachdenken, geht es um die Frage: Wie sind Macht und Einfluss, Güter und Einkommen, Lasten und Pflichten zu verteilen? Diese Frage beantwortet allerdings jeder anders. Denn das, was als gerecht oder als ungerecht empfunden wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt ab von der persönlichen Situation. Wo die Verantwortung der Gesellschaft beginnt und wie weit sie gehen soll – beurteilen Menschen in den USA zum Beispiel ganz anders als in Skandinavien. Und für einen Linken bedeutet soziale Gerechtigkeit etwas völlig anderes als für einen Liberalen oder Konservativen. O-TON 3: (Wilfried Hinsch) Die einen sagen, wir müssen mehr Umverteilung vornehmen, die anderen sagen, nein, nein, wir brauchen mehr Ungleichheit, damit mehr produziert wird, dann gewinnen alle. ERZÄHLERIN: Wilfried Hinsch ist Professor für Philosophie und Autor des Buches „Die gerechte Gesellschaft. Eine philosophische Orientierung“. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit der Frage, welche Bedingungen gesellschaftliche Einkommens- und Vermögensverteilungen erfüllen müssen, um als gerecht gelten zu können. O-TON 4: (Hinsch) Erstens kann man feststellen, Menschen haben sehr verschiedene Auffassungen, es geht hoch her, wenn angesichts aktueller Probleme über Fragen sozialer Gerechtigkeit gesprochen wird. Denken Sie an diese hohen Extrazahlungen an Top-Manager, also die Emotionen gehen hoch und die Meinungen gehen weit auseinander. Und ich denke auch, dass man philosophisch am Ende keine einhellige Auffassung von sozialer Gerechtigkeit finden wird, so wie man verschiedene Auffassungen davon haben kann, wie man am besten die Gleichberechtigung von Männern und Frauen umsetzt. ERZÄHLERIN: Wenn über soziale Gerechtigkeit gestritten wird, geht es nicht allein um Fakten, sondern auch um die eigenen Wertvorstellungen und ethischen Normen. Jedem das Seine? Oder allen das Gleiche? MUSIK 3 (Z8039716115 Louis Edlinger/Tony Delmonte: Stay Calm 0‘08) ZITATOR: Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. ERZÄHLERIN: Das ist Artikel 1 in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die nach der Französischen Revolution am 26. August 1789 verkündet wurden. Laut Wilfried Hinsch prägt diese Idee der Gleichheit unsere Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft bis heute. Trotzdem vergrößern sich die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten von Jahr zu Jahr. 3,2 Milliarden Menschen mussten 2022 mit weniger als 200 Dollar im Monat auskommen, heißt es im Welternährungsbericht der Vereinten Nationen. Elon Musk, einer der reichsten Menschen der Welt, verfügt über ein Vermögen von über 200 Milliarden Dollar. Ist das gerecht? Ist es gerecht, dass Frauen in gleicher Position oft weniger verdienen als Männer? Ist es gerecht, dass die soziale Herkunft entscheidend ist für den Schulabschluss? Was bedeutet soziale Gerechtigkeit? MUSIK 4 (Z80465531001 Caspar: Intro 0‘15) ZITATOR: Bedarfsgerechtigkeit ZITATORIN: Chancengerechtigkeit ZITATOR: Leistungsgerechtigkeit ZITATORIN: Verteilungsgerechtigkeit ZITATOR: Geschlechtergerechtigkeit ZITATORIN: Lohngerechtigkeit MUSIK 5 (MR027040111 William Byrd: The Woods So Wild. Variations 1‘02) ERZÄHLERIN: Bereits 1515, also 174 Jahre vor der Französischen Revolution, verfasste der englische Jurist, Humanist und Politiker Sir Thomas More ein Büchlein mit dem Titel „Von der besten Staatsverfassung und über die neue Insel Utopia“. Darin beschreibt er das Leben auf einer fiktiven Insel, wo es keine Habgier gibt, weil niemand Wert auf persönlichen Besitz legt. „Das Land, was nirgends ist“, so die Übersetzung seiner Wortschöpfung Utopia ist sein Modell für eine gerechte Gesellschaft und zugleich Kritik an den Zuständen und der Politik seiner Zeit. Auf Utopia arbeiten die Menschen, und zwar Männer und Frauen gleichermaßen, nicht länger als sechs Stunden pro Tag, alle Kinder erhalten Schulbildung, es gibt gemeinschaftliche Mahlzeiten, aber weder Geld noch Handel. ZITATOR: Ebenso wundern sich die Utopier darüber, dass das Gold, das seiner Natur nach so unnütz ist, jetzt überall in der Welt so hochgeschätzt wird, dass der Mensch selbst viel weniger gilt als das Gold selber, und zwar so viel weniger, dass irgendein Dämlack, geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener hat, allein deshalb, weil er zufällig einen großen Haufen Goldstücke sein Eigen nennt. MUSIK 6 (Z8046313101 Megan Thee Stallion: Cobra 0‘45) O-TON 6: (Yvonne) Es sollte eigentlich keine Armut auf der Welt allgemein geben, weil es gibt so viele reiche Leute auf dieser Welt und die könnten was von ihrem Geld abgeben oder so, damit jeder gleich ist. O-TON 7: (Bella) z.B. Altenpfleger oder so, das ist ja eine körperliche sehr anstrengende Arbeit, die werden sogar unterbezahlt, z.B. jetzt Anwälte, die schreiben nur einen Brief und schicken die raus und kriegen dafür 150 Euro oder keine Ahnung wie viel, ich find das gar nicht in Ordnung, ganz ehrlich. O-TON 8: (Ilayda) Also die Reichen kriegen halt immer mehr, und die Armen kriegen halt gar nichts, und das merkt man halt auch. O-TON 9: (Enise) Gib ihnen doch einfach was ab! Ich verstehe nicht, warum es manchen Menschen einfach so schwerfällt, einfach etwas zu teilen. Nicht jeder hatte dieses Glück, was du hattest, die Chance wie du so viel Geld zu verdienen, dann gib doch einfach was ab. Das sind doch auch Menschen, wir sind doch alle Menschen. ERZÄHLERIN: Bella, Enise, Ilayda und Yvonne wissen genau, was es bedeutet, Geldsorgen zu haben – am Ende des Monats, wenn jeder Cent zweimal umgedreht werden muss. Die Designersachen der vier Mädchen, Statussymbole und Sinnbild für den sozialen Aufstieg, sind nicht echt. Die kaufen Enise und Ilayda in den Sommerferien bei Straßenhändlern in der Türkei. Bella und Yvonne fahren fast nie in Urlaub. Von Fernreisen, dem Führerschein oder gar einem eigenen Auto können sie nur träumen. Auch Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge hat als unehelicher Sohn einer alleinerziehenden Mutter schon früh erfahren, dass manche Menschen gleicher sind als andere, weil das, was man hat, einen Unterschied macht. O-TON 10: (Butterwegge) Warum geben Reiche ungern ab? Das ist naheliegend. Durch Reichtum kann man natürlich sich ein schönes Leben machen, man hat dadurch viel mehr Möglichkeiten als je ein Armer hat, und es ist natürlich auch der soziale Status daran geknüpft, man gilt in der Gesellschaft natürlich auch mehr, wenn man reich ist, und deswegen werden die Reichen kaum freiwillig auf den Reichtum verzichten, … ERZÄHLERIN: … sagt der Armutsforscher. Und der Philosoph? O-TON 11: (Hinsch) Es gibt den Eigennutz, es gibt den Egoismus, es gibt dieses mehr haben wollen für sich selber, wobei dieses mehr haben wollen ja auch diese zwei Punkte hat, diese zwei Aspekte, einerseits will man einfach mehr haben, also mehr Kuchen, weil man möchte noch mehr Kuchen essen, aber manchmal will man auch mehr haben, weil man mehr haben will als die anderen. Es kommt einem gar nicht darauf an, jetzt mehr Kuchen zu haben, aber man will mehr Kuchen haben als der Nachbar. MUSIK 7 (Z8038700120 Fatima Dunn / Tony Delmonte /Beda Thornton: Thoughts Through The Window (Main) 0‘38) ZITATOR: Die Gleichheit und Gerechtigkeit wollen, sind immer die Schwächeren, während die Stärkeren sich über diese Dinge keinen Kummer machen. ERZÄHLERIN: … meinte Aristoteles, der vor mehr als 2.000 Jahren die Grundlagen für unser Verständnis von Gerechtigkeit legte. Für den griechischen Philosophen ist sie eine Tugend, die den guten Menschen kennzeichnet. Wer gerecht handelt, tut etwas für andere und denkt nicht nur an sich selbst, strebt also nicht nach persönlichen Vorteilen. Aristoteles unterscheidet dabei: O-TON 12: (Hinsch) Die Gerechtigkeit des Umgangs miteinander, die sogenannte kommutative Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit der Verteilung. Von Gütern, Einkommen, Weizen, aber auch Verteilung von Land, Pflichten und dergleichen, aber das Entscheidende war, dass aus einer aristotelischen Perspektive, Gerechtigkeit eine persönliche Tugend ist und dass damit der Fokus der Diskussion im Grunde auf der Frage: Verhalten sich einzelne Personen gerecht oder ungerecht lag. ERZÄHLERIN: Ein Unternehmer, der seine Angestellten und Arbeiter nicht ausbeutet, sondern ordentlich entlohnt, handelt also im Sinne von Aristoteles gerecht und tugendhaft. Genauso wie Menschen, die Notleidenden wohltätig unter die Arme greifen. Dass aber nicht nur der Einzelne, sondern der Staat, also die Gemeinschaft aller, als übergeordnete Instanz eingreifen könnte oder sollte, um das Problem der ungleichen Verteilung zu lösen, spielte in philosophischen Überlegungen lange Zeit keine Rolle. O-TON 13: (Hinsch) Das eine ist, dass es über weite Strecken der Geschichte, auch bis ins 19. Jahrhundert hinein, doch die vorherrschende Vorstellung gab, besonders verstärkt durch das Christentum, dass Armut im Grunde immer verdiente Armut ist. Also Armut als Strafe Gottes. Und dass es eine ganze Weile brauchte, bis der überwiegende Teil der Bevölkerung und der überwiegende Teil der Politiker zu der Überzeugung kam, dass es unverschuldete Armut gibt. MUSIK 8 (R0011480005 Etienne Nicolas Méhul: Ouvertüre aus „La Chasse du jeune Henri“ 1‘09) ERZÄHLERIN: Einer, der bereits früh erkannte, dass Reichtum und Armut nicht unbedingt auf Verdiensten oder Versäumnissen beruhen, war Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet. Der Philosoph, Mathematiker und liberale Aufklärer setzte sich nicht nur für die Gleichberechtigung von Frauen und die Abschaffung der Sklaverei ein. In seinem 1794 erschienenen „Entwurf eines historischen Gemäldes der Fortschritte des menschlichen Geistes“ fragt sich der Marquis, ob die ungerechten Einkommens- und Vermögensverhältnisse und die Unfähigkeit des Staates, dagegen vorzugehen, eines Tages Vergangenheit sein werden? ZITATOR: „Um jener wirklichen Gleichheit, dem letzten Zwecke der Staatskunst, zu weichen, welche nur noch eine solche Ungleichheit bestehen lässt, die im Interesse aller nützlich ist, weil sie die Fortschritte der Zivilisation, des Unterrichts und der Industrie begünstigt, ohne weder Abhängigkeit noch Herabwürdigung, noch Verarmung nach sich zu ziehen? O-TON 14: Und dann hat er die Idee gehabt, die im Grunde auch allen unseren Versicherungssystemen, also nicht nur der Sozialversicherung, sondern auch der Gesundheitsversicherung zugrunde liegt, nämlich dass wir uns doch versichern können gegen die Lebensrisiken, vor denen wir stehen. Dass wir soziale Gerechtigkeit als eine Versicherungsangelegenheit betrachten. ERZÄHLERIN: Condorcet plädiert für eine Art Pflichtversicherung, in die alle einzahlen. Ausgezahlt wird nur im Fall von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall oder frühzeitigem Tod des Ernährers, damit die betroffene Familie nicht verarmt. Damit war der französische Philosoph ein früher Wegbereiter für den Sozialstaat, wie er heute in vielen Ländern besteht. Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit taucht in der Philosophie allerdings erst rund 150 Jahre später auf. Mitte des 19. Jahrhundert schreibt der Jesuit Luigi Taparelli d’Azeglio, einer der Begründer der katholischen Soziallehre, angesichts der katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen der armen Bevölkerung während der Industrialisierung erstmals über „giustizia sociale“. O-TON 15: (Hinsch) Also Not und Elend derjenigen, die nicht in privilegierten gesellschaftlichen Positionen lebten. Und dann kamen natürlicherweise Forderungen nach größerer Gleichstellung, nach Verhinderung von Verelendung und dergleichen auf und das ist das, was man seitdem mit der Idee der sozialen Gerechtigkeit verbindet. Und diese Idee wurde im Grunde erst mit der großen Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre und mit dem New Deal von Roosevelt in den Vereinigten Staaten wirklich voll erfasst und umgesetzt. ATMO: Börsenglocke + Börsenatmo ZITATORIN: Wall Street in Panic as stocks crash. Billions lost. MUSIK 9 (Z8035054114 Paul Whiteman & His Orchestra: Sweet Sue, Just You 0‘12) ZITATOR: Wallstreet in Panik. Milliardenverluste! ERZÄHLERIN: … titelt der „Brooklyn Daily Eagle“ in der Spätausgabe vom 29. Oktober 1929. MUSIK 10 (Z9457573208 Bix Beiderbecke & His Gang: At The Jazz Band Ball 0‘28) ZITATORIN: (kurz frei, dann als Atmo unter Erzählerin) Wallstreet was in a panic today, with no one to guide it out. Stocks broke terrifically without any support whatever. ERZÄHLERIN: Es ist der Tag, der in Amerika als Schwarzer Donnerstag und in Europa als Schwarzer Freitag in die Geschichtsbücher eingeht. Der Crash der New Yorker Börse markiert den Beginn der schwersten Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts. Innerhalb weniger Stunden stürzen die Aktienkurse ins Bodenlose. Banken sind zahlungsunfähig, Geschäfte und Fabriken schließen ihre Pforten. Millionen Menschen verlieren ihr Vermögen, ihren Besitz, ihren Arbeitsplatz. Dazu kommt eine verheerende Dürre im Mittleren Westen Amerikas, die viele Landwirte in den Ruin treibt und eine Hungersnot auslöst. O-TON 16: (Hinsch) Und diese beiden Ereignisse haben Roosevelt klar vor Augen geführt, dass es Dinge gibt, die sozusagen einzelmenschlich nicht bewältigbar sind und die auch einzelne Wohltätigkeitsorganistionen, Charitys oder christliche Einrichtungen, die sich um notleidende Menschen kümmern, mit denen sie nicht zurechtkommen können, hier muss etwas sehr viel Massiveres geschehen. ERZÄHLERIN: Der sogenannte „New Deal“ bezeichnet eine Reihe von Reformen, die die Not der Menschen lindern und die Wirtschaft ankurbeln sollen. Abgesehen von zinsgünstigen Krediten für Landwirte und Unternehmer und der Erhöhung des Spitzensteuersatzes von 25 auf 79 Prozent, werden den Banken riskante Wertpapiergeschäfte untersagt und Einlagensicherungsfonds für Sparguthaben eingerichtet. Zeitweise arbeiten rund sieben Millionen Amerikaner in Jobs, die der Staat geschaffen hat, und fast jeder Fünfte bezieht staatliche Hilfsleistungen. Wie erfolgreich Roosevelts New Deal am Ende tatsächlich war, ist allerdings umstritten. O-TON 17: (Hinsch) Es wird aber praktisch von niemanden bezweifelt, dass der New Deal insgesamt es geschafft, hat, erstens den Glauben in die Fähigkeit einer liberalen Demokratie, auch mit schweren Krisen zurechtzukommen, bewiesen hat und zweitens, dass ein wesentliches Element darin besteht, dass der Staat massive wirtschaftliche Unterstützung leistet für große Teile der Bevölkerung. ERZÄHLERIN: Die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft korrigierte der New Deal jedoch nicht. Dabei wird längst nicht jede Ungleichheit auch als ungerecht wahrgenommen. Für den Philosophen Wilfried Hinsch ist Ungleichheit in Einkommen und Vermögen zum Beispiel gerechtfertigt, wenn sie nicht nur dem Einzelnen, sondern allen Vorteile bringt. Auch Armutsforscher Butterwegge findet nicht, dass alle gleich viel verdienen und besitzen müssen. O-TON 18: (Butterwegge) Also es soll schon Unterschiede in der Gesellschaft geben, aber sie müssen natürlich im Rahmen bleiben, d.h. wenn der Vorstandsvorsitzende 268-mal so viel verdient wie ein Arbeiter, der in seinem Konzern tätig ist, dann hat das mit sozialer Gerechtigkeit nichts mehr zu tun. Wenn der Arzt, sagen wir mal, weil er eine längere Ausbildung hat, weil er mehr Verantwortung trägt, wenn der doppelt so viel verdient, wie die Krankenschwester dann finde ich das akzeptabel. MUSIK 11 (Z8046363105 Will Dorey: Care About Me 0‘37) ERZÄHLERIN: Erst wenn es für Ungleichheit keine zufriedenstellende Begründung gibt, entsteht der Eindruck, das sei ungerecht. Und dabei geht es nicht nur um die Verteilung von Einkommen und Vermögen, sondern auch um die Möglichkeiten, etwas aus seinem Leben zu machen. Für den Philosophen John Rawls muss soziale Gerechtigkeit darum immer auch das Glück der Menschen berücksichtigen, die am schlechtesten gestellt sind. In seinem 1971 erschienenen Buch „A Theory of Justice“ entwickelt der US-Amerikaner die Idee von Gerechtigkeit als Fairness. O-TON 20: (Hinsch) Dazu gehört auch diese Idee, dass Ungleichheit rechtfertigungsbedürftig ist. Die Idee, dass wir eine Gesellschaft haben wollen, in der sich Menschen gegenübertreten, die mit Selbstachtung und Selbstvertrauen ihr Leben bestreiten können und miteinander umgehen können. ERZÄHLERIN: Soweit die Theorie. Die Realität sieht allerdings anders aus. Dazu ein paar Zahlen aus der Statistik: 2020 schafften 35 Prozent aller deutschen Schüler und Schülerinnen das Abitur. Bei Schülern mit ausländischen Wurzeln waren es 14 Prozent. Also weniger als die Hälfte. Christoph Butterwegge: O-TON 21: (Butterwegge) Es ist nicht so, dass ein Kind aus einer Familie des Paketzustellers die gleichen Chancen hat wie das Kind, das aus einer Großunternehmerfamilie kommt, wo eine Villa ist, ist auch ein Weg zum Abitur, zum Studium und zur beruflichen Karriere, und es ist ganz klar, dass da Kinder aus reichen Familien viel bessere Startchancen haben. ERZÄHLERIN: In kaum einem anderen westlichen Land sind die Bildungserfolge der Kinder so stark mit dem sozialen Status der Eltern verknüpft wie in Deutschland. Niedriges Einkommen oder ein Migrationshintergrund sind die größten Hindernisse für einen erfolgreichen Schulabschluss. MUSIK 12 (Z8045759106 Sensorama: New Aged 1‘00) O-TON 22: (Enise) Diese allgemeine Bildung, Beispiel, wenn deine Eltern Arzt oder Anwalt oder so sind und du wächst dann in so einer Familie auf, dann wachsen diese Kinder schon meistens disziplinierter auf und wissen schon von Anfang an, lernen ist wichtig oder später was zu erreichen und erfolgreich zu werden oder mit dem Beruf Karriere zu machen, das wissen die schon von Anfang an, dass das wichtig ist, weil die ihre Eltern als Vorbild haben. ERZÄHLERIN: Wer nicht über ein akademisches Bildungserbe von Eltern und Großeltern verfügt, hat in der Schule schlechte Karten und braucht auf Chancengleichheit nicht zu hoffen. O-TON 23: (Bella) Ich kann vermuten, was es bedeuten könnte, also Chancengerechtigkeit, dass jeder eine Chance verdient, eine gerechte Chance sozusagen, so wie jeder andere Mensch gleichbehandelt wird, so stelle ich mir das vor. O-TON 24: (Yvonne) Dass jeder die gleiche Chance hat, das zu machen, was er will und das zu erreichen, was er will, dass jeder, egal jetzt ob Junge oder Mädchen, dass die gleichbehandelt werden, und dass nicht einer besser behandelt wird. O-TON 25: (Hinsch) Soziale Gerechtigkeit ist wie viele ethische oder sozial-ethische Ideale eine Frage der Abstufung, also es gibt mehr oder weniger davon, und ganz sicher gibt es auch in Gesellschaften, die wir nicht als himmelschreiend ungerecht betrachten würden, wie die deutsche Gesellschaft, gibt es gleichwohl gravierende Ungerechtigkeiten. Etwa in den Bildungschancen von Menschen, aber auch allgemeiner in den Chancen der Selbstverwirklichung und die Möglichkeiten eigene Lebenspläne zu entwickeln und dann auch zu verfolgen. O-Ton 26: (Butterwegge) Wenn der Gegensatz zwischen Arm und Reich so ausgeprägt wie bei uns, dass auf der einen Seite, 150 oder 200 Multimilliardäre existieren und auf der anderen Seite, die Armut sich immer mehr in die Mitte der Gesellschaft hinein ausbreitet, dann gibt es wenig soziale Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit hieße, es muss Umverteilung von oben nach unten geben, damit der Reichtum gerechter verteilt ist und damit mehr Menschen die Möglichkeit haben in dieser reichen, wohlhabenden Gesellschaft gut zu leben und damit natürlich auch ein glücklicheres Leben zu führen. MUSIK 13 (Z8046012101 Conrad Oleak / Marcel Rainer: Reading The Indictment (full) 1‘12) ERZÄHLERIN: Alle Menschen sind gleich. Aber inwiefern? Als politische Zielsetzung und gesellschaftliche Wunschvorstellung wird soziale Gerechtigkeit von nahezu niemandem in Frage gestellt. Trotzdem ist soziale Ungleichheit schon lange ein Merkmal menschlicher Gesellschaften. Und was konkret unter sozialer Gerechtigkeit zu verstehen ist und inwieweit soziale und ökonomische Ungleichheiten gerechtfertigt sind oder von staatlicher Seite abgefedert werden müssen – darüber gehen die Meinungen weit auseinander. O-TON 27: (Butterwegge) Es sollte ja in der Gesellschaft ein Diskurs darüber stattfinden, was soziale Gerechtigkeit ist und wie man sie am besten verwirklicht, wenn es darüber nicht unterschiedliche Meinungen gäbe, wäre das ja eine sehr langweilige Gesellschaft, gerade im Kapitalismus ist es nötig, dass man sich darüber klar wird, was sozial gerecht wäre und wie man es vielleicht auch politisch in die Wege leitet. ...Darüber sich zu streiten, sich auseinanderzusetzen, das macht eigentlich Demokratie aus.