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Raffael - Kunststar der Renaissance

20.02.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Er ist so bekannt, dass er nicht einmal einen Nachnamen braucht: der italienische Maler Raffael (1483 -1520). Bereits seinen Zeitgenossen galt er als "Gott der Malerei". Doch warum wurde gerade er so vergöttert? Autorin: Julie Metzdorf (BR 2020)

Credits
Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf
Regie: Eva Demmelhuber
Es sprachen: Irina Wanka, René Dumont
Technik: Christian Schimmöller
Redaktion: Nicole Ruchlak

Im Interview:
Andreas Henning (Kunsthistoriker und Renaissance-Experte, ehem. Kurator Staatsgemäldesammlungen Dresden)

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

(Musikeinsatz)


ERZÄHLERIN:

Am 6. April 1520 stirbt in Rom der Maler Raffael Sanzio auch Santi genannt. Er ist gerade 37 Jahre alt, unverheiratet und ohne Kinder. Die Zeitgenossen sind erschüttert. Im Grabspruch heißt es, im Moment seines Todes hätte die Erde vor Trauer gebebt und weil sie fürchtete, über den Verlust selbst zu sterben. Beigesetzt wird Raffael im altehrwürdigen Pantheon.


OT 1 Andreas Henning

Dass Raffael im Pantheon begraben wurde auf eigenen Wunsch, das zeigt die Ausnahmestellung, die er in Rom innehatte und die Zeitgenossen, die seinen Tod beschreiben, bzw. die Begleiterscheinungen seines Todes, das ist auffällig, dass es da schon auch immer um noch eine andere Dimension geht. 


ERZÄHLERIN:

Dr. Andreas Henning, Experte für italienische Malerei: 

OT 2 Andreas Henning

unglaubliche Es wird ja unmittelbar in den zeitgenössischen Berichten, Tagebucheinträgen, Briefen, Christus-Referenzen deutlich, also es wird verglichen, dass es ein Erdbeben gab, dass der Papst seine Gemächer verlassen musste, weil sich Risse im Bauwerk gezeigt haben, also dass die Erde erschüttert war. Also Überhöhungen, die aber eben auch einen Grund haben müssen, dass Raffael auf seine Zeitgenossen so gewirkt hat.


ERZÄHLERIN:

Die genaue Todesursache ist unklar. Manche Quellen vermuten, er habe sich bei Ausgrabungen des antiken Roms das Sumpffieber zugezogen und interpretieren seinen Tod als Rache des Hades, weil Raffael die alte Stadt dem Vergessen entreißen wollte. Der Kunsthistoriker Giorgio Vasari verbreitet in seiner Biographie des Malers aus dem 16. Jahrhundert das Gerücht, Raffael sei an einer Geschlechtskrankheit gestorben, die er sich bei einer seiner zahlreichen Affären zugezogen haben soll. Doch Vasari kannte Raffael nicht mehr persönlich, hatte aber immerhin mit zahlreichen seiner Kollegen gesprochen. Allerdings weisen andere Quellen explizit auf den sehr sittlichen Lebenswandel Raffaels hin.

Bereits zu Lebzeiten galt er als Gott der Malerei, und diese Verehrung setzt sich über viele Jahrhunderte hindurch fort – anders als etwa Michelangelo und Leonardo, die von der Nachwelt erst im 19. und 20. Jahrhundert in den Malerolymp erhoben wurden.


OT 3 Andreas Henning

(Raffael) (Es) ist dieser Ausnahmekünstler der Themen so formuliert, dass offenkundig jede Generation neu hinschauen kann und für sich darin neue Dinge und Werte und Anregungen entdeckt. Zugleich ist Raffael der Künstler, der in seiner Biografie gezeigt hat, dass man einen Teil der Kunst auch lernen kann. ((Dass man also nicht nur als Genie aus dem Nichts auf den Markt kommt, sondern dass man sich eben durch Perugino durch die Auseinandersetzung mit Leonardo, Michelangelo auch entwickeln kann. … und insofern ist er ein vorbildlicher Künstler auch dafür, wie man Künstler werden kann.))


ERZÄHLERIN:

Geboren wurde Raffael im Jahr 1483, das genaue Datum ist nicht bekannt. Seine Heimatstadt Urbino ist eine kleine Stadt, in der Kunst und Literatur großgeschrieben wurden. Sie liegt in den italienischen Marken etwa auf der Höhe von Florenz. Raffaels Vater arbeitete zunächst als Goldschmied, später als Maler. Doch er starb früh, Raffael soll gerade einmal 11 Jahre alt gewesen sein, seine Mutter hatte er bereits mit 8 Jahren verloren. In der Werkstatt des Malers Perugino machte Raffael eine Ausbildung. Sein Ausnahmetalent zeigte sich früh. Bereits nach wenigen Jahren soll er seinen Meister überflügelt haben. 


ERZÄHLERIN:

Mit Anfang 20 ging Raffael nach Florenz, um dort Michelangelo und Leonardo zu studieren und ihnen nachzueifern. Eines seiner frühen Meisterwerke dieser Zeit ist die sogenannte „Pala Baglioni“. Das Bild zeigt die Grablegung Christi:


SPRECHER: 

Zwei Männer tragen den Leichnam des Heilands auf einem weißen Leintuch, im Hintergrund ist der Berg Golgatha mit den drei leeren Kreuzen zu sehen, links das Ziel ihres Wegs, die dunkle Grabkammer. Die zahlreichen Figuren um das Geschehen herum sind zutiefst bewegt – körperlich und emotional: Maria Magdalena hat die Hand Christi ergriffen, scheint ihm noch etwas zuzurufen; einer der Jünger hat grollend die Augen zum Himmel erhoben; und seine Mutter Maria ist ohnmächtig zusammengebrochen. 


ERZÄHLERIN:

Aus einem eigentlich eher statischen Bildmotiv macht Raffael hier eine dramatische Bilderzählung.


OT 4 Andreas Henning

Raffael ist ja ein Künstler, der unglaublich aufgesogen hat, was in seiner Zeit existierte, um daraus etwas eigenes zu machen und die Grablegung ist ein unglaublich erzählerisches Altarbild geworden, wo man beispielsweise die Schwere des Körpers Christi, der da zu Grabe getragen wird, ganz unmittelbar spüren kann, das sind wirkliche Individuen, Persönlichkeiten, die da diesen Christus tragen und auch eine Last spüren.


SPRECHER

Außerdem gelingt es Raffael hier, zwei Geschichten auf einmal zu erzählen: In dem Bild zeigt er einerseits den Tod Christi als historisches Geschehen. Zugleich zieht er das konkrete Ereignis auf eine allgemeine Ebene: Wir sehen einen von vielen geliebten jungen Verstorbenen; das Unverständnis seiner Zeitgenossen über diesen viel zu frühen Tod und die Qualen seiner Mutter.


ERZÄHLERIN:

In dieser allgemeinen Version kann wohl jeder das Drama des Geschehens nachempfinden. Und zwar nicht nur mit Jesu Mutter mitfühlen, sondern auch mit der Auftraggeberin, Atlanta Baglioni: Ihr eigener Sohn war jung im Kampf umgekommen. Indem er die Gefühle der Umstehenden betont, holt Raffael das Bibelgeschehen in seine eigene Zeit. 


OT 5 Andreas Henning

Raffael versucht, christliche Themen, theologische Themen für seine Zeit, für die Menschen verständlich zu machen, also er ringt darum eine Ausdruckskraft zu finden, die nicht nur rein symbolisch ist, die sich nicht nur in Attributen erschöpft, die man lesen kann, wo man ein Wissen heranträgt… sondern sein Ansatz ist, etwas sinnenfällig machen zu wollen. 


ERZÄHLERIN:

Sinnfällig im Sinne von: spürbar, für den Betrachter leicht nachvollziehbar. Die Zeitgenossen sind überwältigt von dem Gemälde, von nun an stehen dem jungen Maler Tür und Tor der mächtigsten Häuser offen. Schon bald wird er an den Hof von Papst Julius II. nach Rom berufen. Dort lassen sich die berühmtesten Männer der Zeit von ihm porträtieren, Grafen, Bankiers, Kardinäle, der Papst höchstpersönlich. Sie schätzen ihn nicht nur als Maler, sondern auch als Mensch und Gesprächspartner.


OT 6 Andreas Henning

Ich denke, dass Raffael eine Persönlichkeit war, die sehr interessiert an seiner Zeit an den Neuentwicklungen seiner Zeit war, der auch sehr, sehr viel begriffen hat offenkundig auch mit vielen Beratern, Theologen diskutiert hat… und zugleich muss er aber auch eine extrem soziale Person gewesen sein. Es gibt Berichte, dass wenn er aus seiner Werkstatt zum Papst gegangen ist ein großes Ehrengeleit ihm gegeben wurde, einfach, weil man ihn als Mensch auch so sehr geschätzt und verehrt hat. 


ERZÄHLERIN:

Raffael ist gerade einmal Mitte 20, da bekommt er den Auftrag seines Lebens: er soll die sogenannten „Stanzen“, die Privatgemächer des Papstes im Apostolischen Palast ausmalen. Es handelt sich um große, halbkreisförmige Wandfresken, fast 8 Meter breit und 5 Meter hoch. Er beginnt in der Bibliothek des Papstes und malt dort „Die Schule von Athen“: 


SPRECHER: 

Das Gemälde zeigt einen monumentalen Innenraum mit hohem Tonnengewölbe und Marmorfußboden. Im Zentrum stehen die Philosophen Platon und Aristoteles miteinander ins Gespräch vertieft. Neben ihnen und auf den Stufen zu ihren Füßen stehen, sitzen und liegen die wichtigsten Denker, Wissenschaftler, Mathematiker und Künstler von der Antike bis zur Renaissance: Pythagoras etwa, vor einer Schiefertafel mit einem musiktheoretischen Diagramm darauf; Diogenes, barfuß und in einfacher Kleidung; Heraklit, den Kopf nachdenklich auf die Hand gestützt, mit der anderen Hand schreibend. Insgesamt befinden sich auf dem Bild mehr als 60 Personen.


OT 7 Andreas Henning 

Er stellt diese Figuren in den Gruppen so lebendig und im Gespräch, in der Diskussion, im gegenseitigen diskutieren, zeichnen zum Teil so lebendig miteinander in Bezug, dass man als Betrachter unmittelbar daran teilhaben kann. Das ist glaube ich, das Entscheidende, die Teilhabe des Betrachters. Man kann sich hineinversetzen und mitdenken, miterleben. Man ist im Grunde mit Teil dieser Szene, die da dargestellt ist.


ERZÄHLERIN:

Zusammengenommen stehen all die berühmten Denker für die Wahrheit bzw. die Vernunft als eines der höchsten Prinzipien des menschlichen Geistes. 

Die ersten Arbeiten gefallen dem Papst so gut, dass er die von anderen Malern gerade erst fertig gestellten Fresken wieder abschlagen lässt, damit Raffael alles ausmalen kann. Eine enorme Aufgabe, die er allein gar nicht hätte stemmen können.


OT 8 Andreas Henning 

Raffael … war hochgradig gut organisiert, zumindest ist er einer der ersten Künstler die eine große Werkstatt führen und da auch Arbeitsschritte delegieren, um überhaupt dieses enorme  Oeuvre in nur 37 Jahren schaffen zu können; und er ist ein Künstler, der auch sehr wach ist für neue Techniken, neue Medien, denken Sie an den Kupferstich, die Möglichkeit eigene Bildfindungen mit dem Kupferstich zu verbreiten, anders als das Gemälde oder das Fresko, was ja immer nur ein einem Ort ist, aber mit dem Kupferstich, den ich in vielen, vielen Abzügen verbreiten kann das ist ein Medium, das er sofort begriffen hat und seit 1512 Kupferstecher in seinem Atelier beschäftigt hat, um seine Ideen noch weiter zu streuen, also natürlich ein Geschäftsmann, ein guter Organisator, ein Sozialgenie, interessiert an seiner Zeit, fähig zu denken, zu begreifen und natürlich souverän im Umgang mit den künstlerischen Mitteln.


ERZÄHLERIN:

Zusätzlich zur Ausmalung seiner Gemächer ernennt der Papst Raffael auch noch zum leitenden Architekten des Neubaus von Sankt Peter, dem prestigeträchtigsten Bauwerk der damaligen Zeit. 


(Musik)


ERZÄHLERIN:

Doch wer war dieser überaus begabte junge Mann wirklich? Was wissen wir über den Menschen Raffael? Eine frühe Gönnerin nennt ihn „rücksichtvoll und liebenswürdig“. Tatsächlich hatte er am Hof von Urbino eine gute Erziehung genossen, verfügte über gewandte Umgangsformen, und wusste sich auch im schwierigen Ambiente des päpstlichen Hofes sicher zu bewegen.


SPRECHER: 

Zwei Selbstporträts sind überliefert. Sie zeigen einen jungen Mann mit feinen Gesichtszügen, das Haar halblang, die Augen braun. Er wirkt ruhig, selbstsicher und neugierig. 


ERZÄHLERIN:

Über sein Privatleben ist relativ wenig bekannt. Raffael blieb kinderlos. Er war lange mit der Nichte eines Kardinals verlobt, allerdings starb die ihm Zugedachte noch vor der Hochzeit. Spätere Quellen wollen wissen, dass er einen ausufernden Lebensstil pflegte. Eines seiner bevorzugten Modelle – Margherita Luti – soll auch seine Geliebte gewesen sein. Indizien dafür liefert eines seiner schönsten Gemälde:


SPRECHER:

Mit entblößtem Oberkörper sitzt „La Fornarina“ – wie die Bäckerstochter nach dem Beruf ihres Vaters genannt wurde – vor einem Busch. Die Umgebung ist dunkel, das Weiß ihrer Haut scheint vom Mond beleuchtet. Ihre Haare hat die junge Frau mit einem Tuch hochgebunden, vor dem Bauch liegt ein durchsichtiges Stück Stoff. Spannend ist der goldene Reif, den sie am Oberarm trägt: Auf diesen Reif hat Raffael seine Signatur gesetzt. Ein Indiz dafür, dass sie seine Geliebte war – einer völlig Unbeteiligten hätte er kaum seinen Namen auf ihren Schmuck geschrieben.

ERZÄHLERIN:

Andreas Henning hält es zumindest für nicht ganz abwegig, dass Raffael durchaus mehr Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht gemacht hatte als seine langjährige Verlobung und Kinderlosigkeit vielleicht vermuten lassen.


OT 9 Andreas Henning

Logisch, er ist ein Renaissancemensch und er entdeckt die Welt. Und da gehört natürlich nicht nur die Natur, nicht nur die Architektur, die Theologie, sondern gehört natürlich auch der menschliche Körper dazu, auch die Frau. Und insofern finde ich jetzt überhaupt keinen Widerspruch, Raffael auf der einen Seite mit den hochtheologischen Themen auch als Sinnenmensch mir vorzustellen. Das ist im Grunde zwingend sogar - ((sonst hätte er den Menschen in all seiner Persönlichkeit, in seiner Individualität, wie wir ja ihn in seinen Bildern sehen können, in den Porträts, in den Historiendarstellungen oder Altarbildern, das sind ja Mensch, da sind ja fast moderne Menschen haben, die wir sehen. Das geht nur, wenn man in Interesse hat für das Duo, für das Gegenüber, für seine Mitmenschen. … Und dazu gehört der Körper, das ganze Innenleben, die Seele, der Geist, die Persönlichkeit gehört auch dazu. Und insofern, glaube ich, war Raffael sicherlich auch dem Leben zugetan.))


ERZÄHLERIN:

Tatsache ist, dass viele von Raffaels Madonnen so aussehen wie jene römische Bäckerstochter. So auch die Sixtinische Madonna, die Raffael parallel zu den Arbeiten in den Stanzen des Papstes ab 1512 malte. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Altarbild von dem sächsischen Kurfürsten gekauft und befindet sich heute in Dresden. 

SPRECHER: 

Maria schreitet aufrecht über der mittleren Achse des Bildes über die Wolken, das Jesuskind im Arm, ihr Schleier bauscht sich im Wind und umrundet ihren Kopf, sie schreitet auf den Betrachter zu, in Richtung irdische Welt. Bei aller Schönheit strahlt ihr Gesicht einen tiefen Ernst aus. Zu Füßen der Madonna knien Papst Sixtus II – daher der Name „sixtinische Madonna“ – und die heilige Barbara. Das gesamte Gemälde ist von Gegensätzen durchwirkt: männlich und weiblich, jung und alt, die aktive Geste des Papstes und eine völlig in sich versunkene Barbara. 


OT 10 Andreas Henning

Es ist ja nicht nur das klassische … Bildthema Maria mit Heiligen, das ist ein Bild-Thema, was seit 100 Jahren durchläuft und wofür es eine ganz normale Bildlösung gibt, nämlich Maria in der Mitte auf einem Thron, und Raffael hätte es genauso machen können, aber nein, er entscheidet sich für ein Ereignisbild, er entscheidet sich Maria schreiten zu lassen und das Jesuskind zur Erde also zur Inkarnation tragen zu lassen, wenn wir so wollen, haben wir hier ein Weihnachtsbild, nämlich die Geburt Christi und in ihrer Ernsthaftigkeit liegt schon das Wissen, was am Ende dieser Inkarnation passieren wird, nämlich am Lebensende Tod und Passion, Auferstehung Christi. 

SPRECHER

Eine in den Wolken schwebende Maria übergibt ihr Kind der Welt, wo es am Kreuz sterben wird. Raffael hat hier die überirdische und die weltliche Sphäre miteinander verbunden – und so einmal mehr einen völlig neuen Bildtypus geschaffen.

ERZÄHLERIN:

Eine ganz eigene Karriere haben die beiden Engelchen unten auf der Brüstung gemacht. Auf Kaffeetassen, Regenschirmen und Kissenbezügen gedruckt sind sie zu den Stars eines jeden Museumsshops geworden. 


SPRECHER

Auf dem originalen Gemälde lümmeln sie am unteren Bildrand herum und erinnern eher an irdische Kinder als an himmlische Engel. Einer der beiden stützt gelangweilt sein Kinn in die Hand, der andere hat den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt. Sie warten. Einerseits darauf, dass Maria den Menschen das Jesuskind übergibt, andererseits aber auch auf den Beginn der Messfeier, während der sich die Hostie in das Fleisch Christi verwandelt. 


OT 11 Andreas Henning

Diese Engel sind extrem ungewöhnlich, die gibt es vor Raffael nicht, normalerweise spielen und musizieren die Engel, spielen mit dem Jesuskind. Und hier warten sie und ich glaube, dass das dazu geführt hat, dass sie so offen sind für jegliche Art von Deutung, also hier kann seine Empfindungen reinprojizieren und folglich können diese Engel auch für die verschiedensten Produkte verwendet werden.


ERZÄHLERIN:

Auch nach dem Tod Julius II. bleibt Raffael unter Leo X. päpstlicher Hofkünstler und fertigt beispielsweise die Vorlagen für den Teppichzyklus der Sixtinischen Kapelle. 

Leo der X. überträgt ihm außerdem die Oberaufsicht über alle antiken Denkmäler Roms. Fortan leitet Raffael die Ausgrabungen in der Stadt und wirkt so auch als Archäologe. Am wichtigsten aber bleibt die Malerei. Etwa ab 1516 arbeitet er an der Transfiguration. 


SPRECHER: 

Das fast vier Meter hohe Gemälde zeigt im oberen Teil Christus in weißen Gewändern. In einer mandelförmigen Wolke schwebt er dem Himmel entgegen. Die ausgebreiteten Arme lassen seinen Körper dabei wie ein Kreuz wirken. Flankiert wird er von zwei Propheten mit den Gesetzestafeln in ihren Armen. Unter ihm haben sich drei Apostel zu Boden geworfen, geblendet von der hellen Erscheinung halten sie sich die Augen zu. 

Im unteren Teil des Bildes ist die Heilung eines besessenen Knaben zu sehen. Im Gegensatz zu dem streng symmetrisch angeordneten oberen Bildhälfte mit Christus geht es hier chaotisch und ungestüm zu: Die Apostel starren auf einen Knaben, der, von seinen Eltern gehalten, offenbar gerade einen Anfall erleidet. Zwei von ihnen sind in Rot gekleidet und dadurch besonders hervorgehoben, sie deuten mit ihren Händen auf Christus: er ist es, der diesen Knaben heilen wird. 


OT 12 Andreas Henning 

Ich würde sagen, dass Raffael ein hochinnovativer Künstler ist …  Er hat zeitlebens versucht die Bildthemen, die ja oft über Jahrhunderte schon tradiert waren, neu zu begreifen, sinnfällig zu greifen für seine Zeit verständlich zu machen, insbesondere die theologischen Themen, da gehört auch die Transfiguration dazu … wo er die Doppelnatur Christi als Gott und Mensch zugleich sinnfällig macht. 


ERZÄHLERIN:

Neben der meisterlichen Ausführung ist Raffaels Stärke vor allem die „idea“, die „invenzione“, wie es in der Renaissance heißt, also die „Bilderfindung“.

SPRECHER:

Ein Porträt, das nur in einem Stich überliefert ist, zeigt Raffael in einen Umhang gewickelt in seinem Atelier auf einer Stufe lagernd. Links neben ihm lieg eine Palette und drei Gefäße, rechts eine noch unberührte Leinwand. Seine Hände – und das ist absolut untypisch für Malerporträts – sind nicht zu sehen, sie sind in den Umhang gewickelt. Gezeigt wird hier nicht die praktische Ausübung der Malerei, sondern die geistige Tätigkeit als wesentliches Element des Schaffensprozesses. Raffael verkörpert hier das Credo der Renaissance: Idee und Erfindung sind Voraussetzung für das künstlerische Schaffen, ja sie sind sogar wichtiger als die handwerkliche Ausführung.))


ERZÄHLERIN:

Die Transfiguration ist Raffaels letztes Bild. Am 6. April 1520 stirbt er mit nur 37 Jahren. Bevor er im Pantheon beigesetzt wird, wird er unter der Transfiguration aufgebahrt, also unter seinem eigenen Bild des gen Himmel aufsteigenden Christus. Die Zeitgenossen interpretieren die Parallelen zwischen Raffaels und dem Leben Christi als Beweis für seine Göttlichkeit. Wie Christus ist auch Raffael an einem Karfreitag gestorben, beide waren etwa im gleichen Alter, kinderlos und unverheiratet. Seither ist sein Ruhm ungebrochen. Hin und wieder trifft man Menschen, die ihn für einen kitschigen Madonnenmaler halten. Aber das liegt nicht an Raffael.


OT 13 Andreas Henning

Also wer bei Raffael nur das Süßliche sieht, der hat nicht hingeschaut. Denn Raffaels Bilder sind vielschichtig, Raffaels Figuren sind Individuen, genauso wie wir uns heute als Ich-Begabte Wesen begreifen, das können wir in diesen Bildern 500 Jahre zurück schon verfolgen, da beginnt das. … Und insofern würde ich sagen, … lasst uns alle zu Raffaels Bildern reisen und die Sachen im Original anschauen, denn man muss sich davorstellen. Man muss da vorgehen, vor- und zurücktreten, um wirklich eine sinnliche Erfahrung dieser Werke zu kommen. Sie sind fürs Auge gemalt. Das ist das Besondere und das großartige bei Raffael. Insofern müssen wir einfach unsere Augen öffnen und sie wahrnehmen.

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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Die Insel ‚Wrangel Island‘ in der Arktis, 140 Kilometer bis zur sibirischen Küste. Ein Ort - umgeben von Nebel und gefrorenem Meer, bedeckt mit Eis. Eine Tierfalle im Schnee, darin: ein magerer Fuchs in seinen letzten Atemzügen. Ein paar hundert Meter weiter: Zelte. In einem davon liegt die gefrorene Leiche eines weißen Mannes – in einem anderen sitzt eine 25 Jahre alte Iñupiaq, eine Ureinwohnerin Alaskas, und schreibt auf einer Schreibmaschine. ZITATOR ADA “I finished my knitted gloves today and I open last biscuit box. The ice is over little below horizon. I thank the lord Jesus and his father.” OVERVOICE ADA “Ich habe heute meine Handschuhe fertiggestrickt und die letzte Plätzchendose aufgemacht. Das Eis reicht bis kurz unter den Horizont. Ich danke dem Herrn Jesus und seinem Vater.“ SPRECHER Ada Blackjack heißt die schmale Person, die da im August 1923 auf ein Rettungsschiff wartet. Die dicken Schollen um die Insel müssen schmelzen, nur dann hat ein Schiff die Chance durchzukommen. Eine waghalsige Expedition hat sie an diesen Ort gebracht. Vier Männer sind bereits tot – Ada Blackjack ist die einzige Überlebende. MUSIK m03 (SAGA DOCUMENTARY, CHRONICLES, JACQUELIN, Christophe, FRENCH TRADE, 1:22) SPRECHER Gut zwei Jahre zuvor: Vilhjálmur Stefánsson, ein draufgängerischer Polarforscher und Ernährungswissenschaftler, geboren in Kanada, sucht sich die Mannschaft für eine Expedition auf Wrangel Island zusammen. Offizielles Ziel ist es, die Insel mindestens ein Jahr zu bewohnen und sie damit zu kanadischem Staatsgebiet erklären zu können. Stefánsson ist charismatisch und ehrgeizig, er will mit der Expedition auch seinen Ruhm weiter ausbauen. ((Der Entdecker pflegt die Theorie der ‚freundlichen Arktis‘, die alles zum Leben bietet, wenn man es nur richtig anstellt. )) Lockend mit Abenteuer und dem Versprechen, es gäbe auf der Insel reichlich jagbares Wildfleisch, hat er bald eine junge und reichlich unerfahrene Crew zusammengestellt. Er selbst bleibt zu Hause. Allan R. Crawford wird zum Leiter erkoren. Der Kanadier ist zwanzig Jahre alt, Geologiestudent und hat keinerlei Vorerfahrung mit Expeditionen. Mit ihm kommen drei Amerikaner: Errol Lorne Knight und Frederick W. Maurer, beide 28, und Milton Galle, der 20 Jahre alte Sekretär von Stefánsson. OTON 1 “These four explorers needed somebody to cook and so for them. And Ada was a seamstress. She knew how to sew, to repair Mukluks, that the men wore, those heavy boots, and (…) she could speak English and she was available.” OVERVOICE OTON 1 “Diese vier Entdecker brauchten jemanden zum Kochen. Und Ada war eine Näherin. Sie konnte nähen und Mukluks reparieren, die die Männer trugen, diese schweren Stiefel. Und sie konnte Englisch und stand zur Verfügung.“ SPRECHER Diane Glancy, Literatin und Sachbuchautorin, hat sich für ein Buchprojekt lange mit der fast vergessenen Geschichte der Ada Blackjack auseinandergesetzt. Geboren wird sie 1898 an der Westküste Alaskas, in einer abgelegenen Siedlung nahe der Goldgräberstadt Nome. Sie ist Tochter einer indigenen Familie von Iñupiat, Ureinwohnern Alaskas. Ihr Vater stirbt früh. Aus Geldnot wächst Ada in einer von Methodisten betriebenen Missionsschule auf. Dort lernt sie Englisch, lernt schreiben und nähen – alles Dinge, die sie als 23-Jährige für die Expedition interessant machen. Ada Blackjack hat freilich eigene Gründe, die Expedition zuzusagen. OTON 2 “It was poverty and need and maybe a little longing for escape. Because she lived in poverty in Nome, Alaska, probably sleeping sometimes on the street. She had a husband who deserted her. She had two sons who died and another one lived, but she put him in a mission school (…). It was expedient for her to have money (…).” OVERVOICE OTON 2 „Armut spielte eine große Rolle und vielleicht auch ein wenig die Sehnsucht, zu entkommen. Denn sie lebte in bitterer Not in Nome, Alaska, vermutlich übernachtete sie manchmal auf der Straße. Sie hatte einen Ehemann, der sie verließ. Sie hatte zwei Söhne, die starben. Ein weiterer lebte, doch sie musste ihn in eine Missionsschule geben. Geld war für sie wichtig.“ MUSIK m04 (Son Of The Blacksmith, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 1:38) SPRECHER Für Ada Blackjack eröffnet das Expeditions-Honorar von 50 Dollar pro Monat die Chance, ihren Sohn Bennett nach ihrer Heimkehr zu sich zurückzuholen. Aus Geldnot ist er in einem Heim untergebracht. Außerdem hofft sie, mit dem Honorar seine schwere Tuberkulose behandeln lassen zu können. Und so besteigt sie am 9. September 1921 die ‚Silver Wave‘: das Schiff, das die fünf Leute der Expedition nach Wrangel Island bringt. Weitere Iñupiat, die ihr als Teilnehmer angekündigt waren, springen im letzten Moment ab. Vermutlich ist den Native Americans, erfahren was das Überleben im Eis betrifft, die schlechte Vorbereitung der Expedition nicht entgangen. Ada Blackjack, selbst nicht bei ihrem eigenen Volk aufgewachsen, ist also mit den vier jungen Männern alleine. Die Crew hat Verpflegung für ein halbes Jahr dabei – dazukommen soll das Fleisch selbst erlegter Tiere. Ein Schiff, das für das Jahr darauf angekündigt ist, soll sie entweder mit Nachschub versorgen oder aber evakuieren. Kaum am Zielort angelangt, hisst der Expeditionsleiter Allan Crawford den Union Jack und beansprucht die Insel für Kanada. Die Katze der Expedition, Victoria, und die vier Männer beginnen, die Insel in Besitz zu nehmen und ihr Lager aufzuschlagen. Ada hingegen erfasst bei Ankunft ein klammes Gefühl, das sie rückblickend in ihrem Tagebuch beschreibt: ZITATOR ADA „When we got to Wrangel Island, the main land looked very large to me, but they said that it was only a small Island. I thought at first that I would turn back, I decided it wouldn’t be fair to the boys so I felt I had to stay.” OVERVOICE ADA “Als wir auf Wrangel Island ankamen, sah das Festland für mich sehr groß aus, aber sie sagten es sei nur eine kleine Insel. Ich dachte zuerst, ich würde wieder umdrehen. Ich beschloss, dass das den Jungs gegenüber nicht fair wäre, daher hatte ich das Gefühl, dass ich bleiben musste.“ SPRECHER Die ‚Silver Wave‘ legt also ohne Ada Blackjack ab und verschwindet am Horizont. In den bald etablierten Inselalltag und ihre Rolle darin findet die junge Frau nur schwer, aus verschiedenen Gründen: OTON 3 “There's something called Arctic hysteria that some explorers face. When you’re out there in the great nothingness your whole being can sort of collapse on you and you don't know where you are and you are senseless sometimes and she pouted. (…) And sometimes she wouldn't work. She wouldn't sew or wouldn't cook and Lorne Knight told her once (…) if she didn't work, she would not eat. So there was a lot of animosity between them. (…) and they exiled her to her own little tent. (…) and when she was lazy, they said: no wonder your children died. and they would say very hateful things (…). And that didn’t help her attitude, her mind. (…) Another thing is that in native community women are your company and she had no women around her. (…) I think she was trying to treat the men like a community of women. (…) She finally came around and did the work. But she was very temperamental in the beginning and I think they expected her to be like one of the men. And of course she was not, being native and a woman … and young and not used to all of this. And they had camraderie and she was left out of it.” OVERVOICE OTON 3 “Es gibt ein Phänomen unter Entdeckern, das sich „Arktische Hysterie“ nennt. Wenn Du da draußen im großen Nichts bist kann dir dein ganzes Sein in sich zusammenfallen und du weißt nicht mehr, wo du bist und du wirst unvernünftig. Ada schmollte. Und manchmal verweigerte sie die Arbeit. Sie nähte nicht, kochte nicht, und Lorne Knight drohte ihr einmal, dass wenn sie nicht arbeitete sie auch nichts zu essen bekäme. Zudem leben indigene Frauen eng mit anderen Frauen zusammen, aber es gab keine andere Frau. Ich denke, dass sie versuchte, die Männer wie ihre Gemeinschaft von Frauen zu behandeln. Irgendwann kriegte sie die Kurve und machte ihre Arbeit. Aber sie war anfangs sehr launisch und ich glaube, die Männer hatten erwartet, dass sie sich wie einer von ihnen verhielt. Natürlich tat sie das nicht, als Indigene und als Frau… sie war jung und die Situation für sie völlig neu. Und die Männer hatten Kameradschaft und sie war außen vor.“ MUSIK m05 (The Time That's Left, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 2:00) SPRECHER Die Männer verbringen ihre Tage mit Jagen, Holzsammeln, Reparaturen. Außerdem haben sie eine Fotokamera dabei und schreiben Tagebuch – Milton Galle hat sich hierfür sogar eine Schreibmaschine mitgebracht. Ada hat mit all dem zunächst nichts zu tun, sie kocht und näht. Anfangs erlegen die Männer und ihre Jagdhunde ausreichend Fleisch für alle – die ‚Friendly Arctic‘ scheint auf Wrangel Island ihr Gesicht zu zeigen. Die ersten zwölf Monate vergehen ohne größere Ereignisse, so wirkt es jedenfalls im erhaltenen Teil der Expeditionstagebücher. Dann erwarten die fünf das Schiff mit Nachschub. Doch das Jahr 1922 bringt Wrangel Island einen kalten Sommer, die Insel bleibt von dicken Eisschollen umgeben. Der von Steffánson losgeschickte Schoner namens „Teddy Bear“ bleibt im Eis stecken und muss unverrichteter Dinge umkehren. Vergeblich warten die fünf auf der Insel, während es wieder Winter wird. ZITATOR ADA “Around about November they knew the boat wouldn’t come. About the middle of November we moved up to the west of our present camp, about four miles I think, so they wouldn’t have to haul the wood so far. After we arrived in our new camp I started to sewing skins for the two boys, Knight and Crawford, who were going to take a trip to Siberia.” OVERVOICE ADA “Ungefähr im November wussten sie, dass das Boot nicht kommen würde. Irgendwann Mitte November verlegten wir unser Lager weiter Richtung Westen, um circa vier Meilen denke ich, so dass sie das Holz nicht so weit schleppen mussten. Nachdem wir in unserem neuen Lager angekommen waren, begann ich mit Fellen zu nähen, weil die zwei Jungs, Knight und Crawford, vorhatten, nach Sibirien zu gehen.“ SPRECHER Die beiden Männer wollen sich übers Eis bis nach Sibirien durchschlagen und dort per Telegramm Kontakt mit Stefánsson aufnehmen. Vorher feiern die fünf Festsitzenden auf Wrangel Island noch ein wenig ausgelassenes Weihnachtsfest. ZITATOR ADA “At Christmas time we had some Salt seal meat and some hard bread and tea for our Christmas dinner. That time when we had dinner I wondered where I would be if I lived until Next Christmas.” OVERVOICE ADA “An Weihnachten hatten wir gesalzenes Seehundfleisch und etwas hartes Brot und Tee als Weihnachtsessen. Als wir beim Abendessen saßen fragte ich mich, wo ich sein würde, wenn ich das nächste Weihnachten erleben würde.“ SPRECHER Die beiden Männer müssen ihre Reise durchs Eis bald abbrechen: Lorne Knight ist den massiven Anstrengungen körperlich nicht mehr gewachsen. Er zeigt Anzeichen von Skorbut, wirkt zusehends angeschlagen. Die Vorräte im Camp werden knapper und knapper – und die jagbaren Tiere auf der Insel rarer. Und so entschließen sich die drei gesunden Männer der Expedition, Wrangel Island gemeinsam zu verlassen und Hilfe zu holen. Zurück bleiben der kranke Lorne Knight, der bald nur noch liegen kann, und Ada Blackjack. Die junge Iñupiaq ist mit der neuen Situation schlicht überfordert. Nicht nur muss sie sich nun um einen Kranken kümmern und weiter kochen und nähen. Sie ist jetzt auch für den überlebenswichtigen Fleischnachschub verantwortlich. OTON 4 “When it came time that she had to hunt, the men were looking at her because she was a native woman. She should have known how to hunt. But she said: I was raised in a mission school. I had to depart from my Inuit ways, I didn't know how to hunt. I didn't know how to trap.” OVERVOICE OTON 4 „Als es soweit war, dass sie jagen sollte, sahen die Männer sie an: sie war indigen, sie erwarteten also, dass sie jagen konnte. Aber sie sagte: Ich bin in einer Missionsschule erzogen worden. Ich musste meine Inuit Kultur verlassen. Ich weiß nicht, wie man jagt. Ich weiß nicht, wie man Fallen aufstellt.“ SPRECHER Die Männer lassen sie Ende Januar 1923 dennoch zurück und Ada Blackjack, die eine Riesenangst vor Polarbären hat, muss mitten im Eis so schnell wie möglich den Umgang mit Waffen und das Stellen von Tierfallen lernen. Ergiebige Beute wie Bären oder Walrosse macht sie nicht. Zum Überleben bleiben für sie und ihren Patienten vornehmlich ab und an getroffene Enten, Fischöl und das - gerade für einen Kranken - schwer verdauliche Fleisch von Füchsen. In ihrem Tagebuch berichtet Ada Blackjack von ihren ersten Versuchen, einen Fuchs zu fangen. Sie versteckt eine Falle im Schnee - und wartet dann tagelang vergeblich auf Beute, während ihr Patient zusehends hungriger und schwächer wird. ZITATOR ADA “I guess I covered them to much and that is the reason why I didn’t get any fox, then I baited it again end just left it on top of the snow didn’t cover it up at all. The next morning I got up and looked out and I saw a fox (….). That was the first one I had caught , and that was on the 22nd of February, 1923. (…) (( In killing them I would take a stick and hit them on the head until I stunned them then I would bend their heads back until I brocke there heck. Then I would take them home and skin them.)) Later in the spring, around April the fox got very scarce, and I couldn’t trap and more at all. After I couldn’t get any more fox, Knight became worse he got very faint every time he moved.” OVERVOICE ADA “Ich glaube, ich habe sie zu stark abgedeckt und das ist der Grund warum ich keine Füchse gefangen habe, dann habe ich nochmal einen Köder hineingelegt und ließ die Falle oben auf dem Schnee, ohne sie überhaupt abzudecken. Am nächsten Morgen stand ich auf und sah hinaus und ich sah einen Fuchs. Das war der erste, den ich gefangen habe, und das war am 22. Februar 1923. Später im Frühjahr, ungefähr im April, wurden die Füchse knapp, und ich konnte keine mehr fangen. Als ich keine mehr fangen konnte, ging es Knight schlechter, jede kleinste Bewegung schwächte ihn.“ MUSIK m06 (Hel's Bard, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 0:26) SPRECHER Im späten Frühjahr 1923 gibt es auf der Insel kaum mehr jagbare Tiere. Der kranke Lorne Knight kommt mit seiner wachsenden Todesangst und seiner Abhängigkeit von der jungen Frau schlecht zurecht. Immer wieder, so beschreibt Ada Blackjack es in ihrem Tagebuch, beschimpft er sie wüst und macht ihr ungerechte Vorwürfe. SPRECHER Auch Ada Blackjack selbst beginnt die Folgen der Mangelernährung zu spüren. Am 2. April 1923 schreibt sie: ZITATOR ADA “(…) Knight wants me to go out to the traps but my eye is very ach so I cannot go out when my eye is that way because in evening I could barly stand the ache of my eye and one side of head. If anything happens to me and my death is known (…) I wish if you please take everything to Bennett that is belong to me. I don’t know how mach I would be glad to get home to folks.” OVERVOICE ADA “Knight will, dass ich zu den Fallen gehe, aber mein Auge tut sehr weh. Ich kann nicht rausgehen, wenn mein Auge so ist, am Abend konnte ich kaum mehr stehen, weil mein Auge und eine Seite von meinem Kopf so wehgetan haben. Wenn mir etwas zustößt und mein Tod bekannt wird, dann wünsche ich, dass bitte alles, was mir gehört, zu Bennett gebracht wird. Ich wäre so sehr froh, wenn ich zu meinen Leuten nach Hause kommen könnte.“ SPRECHER Dass wir ihre damaligen Gedanken in dieser verzweifelten Lage heute erfahren und Ada Blackjacks einzigartige Geschichte dadurch ein Stück weit nacherleben können, ist ihrem Tagebuch zu verdanken. Mit dem Schreiben beginnt sie erst, nachdem die drei Männer das Camp verlassen haben – und die Schreibmaschine von Milton Galle, die sie schon länger fasziniert zu haben scheint, unbenutzt herumsteht. Was bringt sie dazu, ein Tagebuch zu führen? OTON 5 “After those three men left I just think she wanted the presence of herself. (…) And she had a typewriter before her and she had tried to peck on it once. And (…) he wouldn't let her use it. So once he was gone to Siberia, she went to that typewriter and started pecking, to see how these different letters could make the words that she wanted to make. (…) So that was very difficult when you've never typed on a typewriter before and you have this language that is not really yours - English language - and you have to put it on paper.” OVERVOICE OTON 5 “Nachdem die drei Männer fort waren, denke ich, wollte sie ihre eigene Gegenwart spüren. Und sie hatte da eine Schreibmaschine vor sich stehen. Sie hatte darauf schon einmal versucht, einen Buchstaben zu tippen und er hatte sie nicht gelassen. Also ging sie jetzt, als er auf dem Weg nach Sibirien war, hin und begann zu tippen, um zu sehen, wie diese verschiedenen Buchstaben zu den Worten wurden, die sie schreiben wollte. Das ist sehr schwierig, wenn Du zuvor noch nie auf einer Schreibmaschine geschrieben hast und dann noch in einer Sprache, die nicht wirklich deine ist – englisch – schreibst.“ SPRECHER Ada Blackjacks Tagebücher sind teils schwer zu lesen, wegen vieler Tipp- und Schreibfehler – englisch war schließlich nicht ihre Muttersprache, sondern Iñupiaq. Großteils beschreibt sie in knappen, fast teilnahmslos wirkenden Sätzen die erledigten Tätigkeiten und Vorfälle des Tages. Was sie gegessen, genäht, gejagt hat. Wie es dem kranken Lorne Knight ergeht. Ihre fatalistische Sachlichkeit ist für sie wohl auch eine Überlebensstrategie. Das Tagebuch gibt noch weitere Hinweise, wie sie die Einsamkeit und das Ausgeliefertsein im Eis überstehen konnte. Je bedrohlicher die Situation für sie, desto häufiger erwähnt sie ihren Sohn Bennett. Ihn will sie retten, für ihn lohnt es sich, durchzuhalten. Zudem drückt sie im Tagebuch gerade in besonders aussichtslosen Situationen ihren Glauben an Gott aus. Die rückblickend hoch problematische Christianisierung indigener Kinder in den Missionsschulen Nordamerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch Ada Blackjack widerfahren. Auf Wrangel Island bietet ihr ihr Glauben an Gott jedoch Rückhalt – so sieht es Diane Glancy, die selbst indigene Cherokee-Wurzeln und über Blackjacks Überleben viel nachgedacht hat. OTON 6 “I think her faith helped her quite a bit (…) and she was native (…). There's something.. survival through hardship is sort of built in to the native, I think, and especially in the north, where the conditions are so harsh, there is a built in survival mode, or a will to survive through hardship. That maybe the men who had had more comfort in their lives, could not tolerate the suffering of the end (…) It was just the strength of Ada. (…) She was a survivor.” OVERVOICE OTON 6 “Ich denke, dass ihr Glauben ihr ziemlich viel geholfen hat…. und sie war indigen. Da gibt es sowas…. Extreme Lagen überstehen zu können ist den Ureinwohnern besonders zueigen, gerade im Norden, wo die Bedingungen so hart sind. Es ist wie ein Überlebensmodus, oder ein Wille, große Bedrängnis zu überstehen. Ich denke, vielleicht konnten die Männer, die mehr Komfort in ihrem Leben gewohnt waren, das Leiden am Ende nicht ertragen. Es lag einfach an Adas Stärke. Sie war eine Überlebenskünsterlin.“ MUSIK m05 (The Time That's Left, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 0:57) SPRECHER Die drei Männer, die sich nach Sibirien hatten retten wollen, bleiben auf immer spurlos im Eis verschwunden. Wir wissen nicht, wie weit sie gekommen und woran sie gestorben sind. Es gibt bis heute keinen eindeutigen Hinweis zu ihrem Verbleib. Der skorbutkranke Lorne Knight verbringt über vier Monate, ohne sich auch nur aus seinem Schlafsack bewegen zu können. Zuletzt verliert er seine Zähne und die Fähigkeit zu schlucken. Er stirbt, nur noch Haut und Knochen, am 22.Juni 1923. Auch Ada Blackjack ist zu diesem Zeitpunkt stark geschwächt. Sie vermag es nicht, den bald gefrorenen Leichnam zu bewegen. Die sterblichen Überreste des Lorne Knigth bleiben im Schlafsack liegen, sie selbst zieht in ein anderes Zelt um. Jetzt ist sie ganz alleine. SPRECHER Drei Tage später erlegt sie mit glücklicher Hand einen Seehund – es ist das erste frische Fleisch, das sie in Wochen zu essen bekommt. Es rettet ihr vermutlich das Leben. Langsam bricht der Sommer an, jetzt steigt auch die Zahl der jagbaren Tiere auf der Insel, Ada Blackjack kommt wieder zu Kräften. Mit großer Geschicklichkeit findet sie sich im einsamen Alltag zurecht, baut sich etwa eine Plattform, von der aus sie die gefürchteten Polarbären früh erkennen kann. Und auch nach einem Rettungsschiff späht sie von dort aus. Denn der Sommer ist die Zeit, in der ein Schiff kommen kann – wenn es denn kommt. Genau beobachtet Ada Blackjack den Stand der Eisschollen um die Insel und notiert ihn mehrmals in ihr Tagebuch. Im August 1923 lebt sie beinahe schon zwei Monate lang völlig alleine auf der Insel, da fällt ihr etwas auf, was sie zuerst gar nicht ernst nehmen kann: ZITATOR ADA „I heard a funny noise like a boat whistle but thought it was a duck or something. It was foggy and I couldn’t see so I didn’t think any more about it until the next morning. I took my book after supper, (…) then I went to sleep. The next morning about six o’clock I heard that same noise again and it sounded more like a boat whistle this time so I grabbed my field glasses and went out on top of my raft, and sure enough there was a boat (…).” OVERVOICE ADA “Ich hörte ein seltsames Geräusch, wie das Signal von einem Schiff, aber ich dachte, es sei eine Ente oder sonstwas. Es war neblig und ich konnte nichts sehen, daher dachte ich nicht mehr daran. Am nächsten Morgen um circa sechs Uhr hörte ich das gleiche Geräusch wieder und jetzt klang es mehr nach einem Schiffssignal, also griff ich zu meinem Feldstecher und stieg auf mein Floß und tatsächlich, da war ein Schiff.“ MUSIK m03 (SAGA DOCUMENTARY, CHRONICLES, JACQUELIN, Christophe, FRENCH TRADE, 1:38) SPRECHER Am 20. August 1923, nach zwei Jahren in menschenfeindlicher, eisiger Ödnis wird Ada Blackjack gerettet. Sie hat den Kampf ums Überleben gewonnen. Die kleine Frau umarmt ihre Retter, die nach eigener Aussage überrascht darüber sind, in welch gutem Zustand sie Ada Blackjack antreffen. An Bord des Schiffes nimmt sie das erste Bad seit langer Zeit. Mit ihr zurück nach Nome in Alaska reisen Fotos der Expedition, die noch vorhandenen Tagebücher, einige Fuchsfelle und die offensichtlich außergewöhnlich zähe Expeditionskatze Victoria. Zu Hause angekommen, veröffentlicht der Kapitän des Rettungsschiffes, Harold Noice, einen Zeitungsartikel über Ada Blackjack, der einer Lobeshymne gleichkommt. Als „weiblicher Robinson Crusoe“ wird die Iñupiaq von der Öffentlichkeit bald gefeiert. Sie selbst schweigt dazu, der Rummel liegt ihr nicht. Mit ihrem Expeditions-Honorar jedoch kann sie ihren Sohn, wie geplant, zu sich holen und seine Krankheit behandeln lassen. Es mag wie ein ‚Happy End‘ klingen, doch die Geschichte der Ada Blackjack muss ganz erzählt werden. Denn nach dem Ruhm folgen in Zeitungen Anklage und Verachtung. ZITATOR SCHLAGZEILE 1 “Spurned Eskimo Woman Is Blamed For Arctic Death” OVERVOICE SCHLAGZEILE 1 „Zurückgewiesene Eskimo Frau wird für Tod in der Arktis schuldig erklärt“ ZITATOR SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme) „Though Man’s Body Was Wasted by Starvation, Ada Blackjack Was Healthy” OVERVOICE SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme) “Während Männerleiche von Hunger verzehrt war, war Ada Blackjack gesund“ SPRECHER Kapitän Noice hat bemerkt, dass Adas Geschichte Aufmerksamkeit und Geld bringt - und veröffentlicht im Februar 1924 noch einmal einen Artikel über sie, der eine Reihe sensationslüsterner Zeitungsberichte nach sich zieht. Noice hat sämtliche Tagebücher für sich behalten, und wirft ihr nun vor, der Tod des skorbutkranken Lorne Knight sei ihre ihre Schuld. Das ließe sich angeblich dessen Tagebüchern entnehmen. Sie habe ihn verhungern lassen, nachdem er sie nicht habe heiraten wollen. Sie selbst hingegen habe ihre Retter ja wohlgenährt empfangen. MUSIK m07 (Z8030731110, Everywhere forgotten, Jon Mattox, Mattox, Jon, 0:52) Diese öffentliche Anklage bringt Ada Blackjack schließlich dazu, zu sprechen. Noice‘ Behauptungen will sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie fährt zur Los Angeles Times und bietet von sich aus ein Interview an. Sie schildert darin ihre Erinnerungen und erklärt auch die übers Jahr variierenden Ernährungszustände der Inselbewohner durch die Zu- und Abnahme des Jagdwildes. Als Harold Noice schließlich dazu gezwungen wird, die Tagebücher herauszugeben, fehlen in Knights Tagebuch Seiten, manche Stellen sind geschwärzt. Noice hat offenbar versucht, alles zu tilgen, was seine Anschuldigungen als Diffamierung offensichtlich macht. Die Eltern des Verstorbenen hatten ohnehin nie an Ada Blackjacks Schuld geglaubt. AKZENT SPRECHER Nach diesem Vorfall verfällt Ada Blackjack wieder in Schweigen. Sie führt ein Leben in bitterer Armut, reiht Gelegenheitsjob an Gelegenheitsjob. In hohem Alter wird sie von einer Zeitung noch einmal zu ihren Erinnerungen befragt. Kein Tag vergehe, antwortet sie, ohne dass sie von ihren schlimmen Erlebnissen auf Wrangel Island verfolgt würde. OTON 7 “She lived to be 85 years old and the last parts of her life were very grim. She washed dishes in Nome, Alaska. She did whatever she could to survive. She did not have a happy life. But you don't pay attention to happiness, when you're in Alaska and a native, you just keep going.” OVERVOICE OTON 7 “Sie wurde 85 Jahre alt und die letzten Jahrzehnte ihres Lebens waren sehr düster. Sie wusch Teller in Nome, Alaska… Sie tat was auch immer, um zu überleben. Sie hatte kein glückliches Leben. Aber Glück ist keine Kategorie, wenn du als Indigene in Alaska lebst. Du machst einfach weiter.“ MUSIK m09 (Z8037260108, In the shadows, Alan Jay Reed, Tony Delmonte, Dark business, Reed, Alan Jay; Delmonte, Tony, 0:30) SPRECHER Andere schlagen aus Ada Blackjacks Erlebnissen hingegen Profit. Ihre Geschichte wird mehrfach erzählt und verkauft. Manch einer verdient daran, Ada nicht. Sie erhält lediglich 500 Dollar für ihr Tagebuch – das bald in den Archiven verschwindet

  • Glockenbecher - Archäologie und Genetik der Jungsteinzeit

    19.02.2024 · 22 Min.

    In der Spätsteinzeit entstand in Europa die Glockenbecherkultur. Genetiker und Archäologen sind gemeinsam der Frage auf der Spur, wie diese weitläufige Kultur entstanden ist. Autor: Matthias Hennies (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Matthias Hennies Regie: Martin Trauner Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Constanze Fennel Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Elisabeth Reuter, Töpferin, Friedland; Prof. Philipp Stockhammer, LMU München; Dr. Wolfgang Haak, MPI für Menschheitsgeschichte, Jena; Dr. Guido Brandt, MPI für Menschheitsgeschichte, Jena; Prof. Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Halle Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo 1 Werkstatt 43:35 Schmirgeln, Klopfen, Wasser rauscht Sprecher Elisabeth Reuter, Töpferin, sitzt in ihrer Werkstatt an einem alten Tisch und knetet eine Rolle Ton. Trennt ein Stück ab und formt ein Gefäß. 1. O-Ton Reuter 13:20 Geräusche. Ich drehe es auf der Unterlage immer und bearbeite es auf der einen Seite mit den Daumen und auf der anderen Seite mit den restlichen Fingern, also mit beiden Händen gleichzeitig - Atmo 2 Werkstatt 39:27 unterlegen MUSIK Sprecherin / Titel Glockenbecher – Archäologie und Genetik der Jungsteinzeit. Eine Sendung von Matthias Hennies („Hénnjes“). Sprecher Elisabeth Reuter töpfert einen Becher, der in der Jungsteinzeit, im 3. Jahrtausend vor Christus, in ganz Europa verbreitet war. Damals kannten die Menschen die Töpferscheibe noch nicht, auf der sich Tongeschirr viel schneller produzieren lässt. Die Töpferin aus Friedland in Hessen ist Spezialistin für Gefäße aus frühen Jahrtausenden. Im Handumdrehen formt sie ein rundes Schälchen, Basis für einen „Glockenbecher“, der mit jeder neuen Rolle Ton, die sie auf den Rand aufsetzt, größer wird. 2. O-Ton Reuter 17:45 Und damit das Gefäß breiter wird, setze ich das nicht in die Mitte, sondern eher zum Rand hin und drücke es auch noch nach außen. Wir brauchen die Glockenform. MUSIK Sprecher Der „Glockenbecher“ ist ein gutes, gründlich erforschtes Beispiel für eine große Frage der Geschichtswissenschaften: Wie haben sich in der Vergangenheit neue Ideen verbreitet? In einer Epoche, als es noch keine Schrift gab, als die Menschen nicht in großen, gut organisierten Staaten, nicht in dicht bevölkerten Städten lebten: Haben Einwanderer in jenen Zeiten neues Gedankengut eingeführt? Oder verbreitete es sich von Mund zu Mund, durch Reisende oder Händler, als Ideen-Transfer? Atmo 3, 35:25 (50:50) Schaben 3. O-Ton Reuter 45:59 Ich bearbeite es noch mal nach, um es zu glätten und oben auseinanderzuziehen- Sprecher Das Gefäß erinnert an eine Glocke, die auf dem Kopf steht: Ein voluminöser Bauch, dann ein schmaler Hals, der sich wieder zu einer weiten Mündung öffnet. Es war mit regelmäßigen Linien und Mustern verziert. Die Töpferin demonstriert, wie man sie herstellt: Sie legt behutsam eine Schnur um das weiche, ungebrannte Gefäß. 4. O-Ton Reuter 53:08 Das sind so Kordeln, gedrehte, die kann ich in den Ton eindrücken, muss ich mit gutem Augenmaß arbeiten, ich habe jetzt eine Linie rund um mein Gefäß eingedrückt, das sieht man als leichte schräge Spuren in dieser Linie. MUSIK Sprecher Linie wird unter Linie gesetzt, danach ist der Becher fertig zum Brennen. Etwa acht Stunden später kommt ein fein verziertes, stabiles Gefäß aus dem Feuer. Wozu mag man es im dritten Jahrtausend vor Christus verwendet haben? 4 ½. O-Ton Stockhammer 2’20 neu Wir wüssten natürlich sehr gern, was es mit denen auf sich hat, gerade mit dieser einheitlichen Form: Es gibt Nahrungsrückstands-Analysen an einigen wenigen dieser Becher, in denen man „Mädesüß“ gefunden hat. Ein mir vorher auch unbekanntes Kraut, aus dem man eine alkoholische Substanz ziehen konnte, vielleicht war der Glockenbecher einfach ein spezifisches Gefäß zum Konsum alkoholischer Getränke, so wie wir in Bayern einen Maßkrug haben. Sprecher Für die Archäologie ist etwas Anderes wichtiger, stellt Philipp Stockhammer klar, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Dass Glockenbecher gegen Ende der Jungsteinzeit massenhaft als repräsentative Grabbeigaben dienten. Unzählige Exemplare haben sich bis heute erhalten, quer durch Europa, und die Gräber hatten – mit kleinen Abweichungen – immer dieselbe Ausstattung, immer dieselben Beigaben. 5. O-Ton Stockhammer 1‘37 In Mitteleuropa würde das Glockenbechergrab eine Körperbestattung sein, mit angezogenen Beinen, es ist eine so genannte Hockerbestattung, wobei alle Skelette Nord/Süd orientiert waren und die typischen Beigaben waren bei den Männern neben einem Keramikbecher oft ein Kupferdolch und eine so genannte Armschutzplatte, das ist etwas, was man am Arm trägt, damit die Sehne des Bogens, wenn man schießt, nicht den Unterarm verletzt. MUSIK Sprecher Viel weiß man nicht über die Gemeinschaften, die diese Bestattungssitte praktizierten. Die Krieger kämpften offensichtlich mit Pfeil und Bogen, sie nutzten vermutlich schon Pferde als Reittiere. Lebensgrundlage war die Landwirtschaft, die Menschen bearbeiteten Äcker und züchteten Vieh. Siedlungen sind in Mitteleuropa bisher nur selten zu Tage gekommen. Die auf dem gesamten Kontinent verbreiteten, einheitlichen Gräber deuten aber auf ein weit gespanntes Kommunikationsnetzwerk hin, das Bevölkerungsgruppen über große Entfernungen verband. Zugleich lassen sie auf eine ziemlich egalitäre Sozialstruktur schließen, doch mancherorts gab es auch eine wohlhabendere Schicht. MUSIK aus 5 ½. O-Ton Stockhammer 4:55 neu Es gibt Gräber auch in Süddeutschland, mit Gold, mit Bernstein – und wir haben auch ein Grab in Süddeutschland, das mit spanischem Silber ausgestattet ist, also Objekte, die klar zeigen, ja, es gab Menschen, die in diesem Netzwerk offensichtlich eine herausragende Position innehatten und denen es möglich war, über dieses Netzwerk aus fremden Regionen Objekte und natürlich auch Wissen zu beziehen. Sprecher Entscheidend für die Entwicklung der „Glockenbecher-Kulturen“ war der Einfluss von Steppenhirten, die aus Osteuropa kamen. 6. O-Ton Stockhammer 6:01 Im frühen dritten Jahrtausend wanderten aus der heutigen Ukraine, kann man vielleicht sagen, Steppenhirten nach Mitteleuropa ein, ja, sie kamen bis nach Spanien und wir sehen genetisch bei diesen Einwanderern, dass es vor allem Männer waren. Es ist sehr spannend – wir sehen es am Y-Chromosom, das wird ja auf der männlichen Linie weitergegeben – dass sich das in ganz Europa ausbreitet und auch quasi durchsetzt. Wir wissen nicht, wie friedlich das abgelaufen ist, vor allem, weil zur selben Zeit die männlichen lokalen Linien alle enden. MUSIK Sprecher Friedlich kann es wohl kaum abgegangen sein. Archäologische Belege dafür sind allerdings noch nicht zutage gekommen. Am Erbgut von Skeletten aus Glockenbecher-Gräbern lässt sich nur nachweisen, dass die Steppenhirten einheimische Frauen nahmen und sich mit der mitteleuropäischen Bauernbevölkerung vermischten. MUSIK aus 7. O-Ton Stockhammer 7:22 Und aus dieser Vermischung ist eben nicht nur genetisch was passiert, sondern auch kulturell was passiert: Und dieses Glockenbecher-Phänomen ist quasi eine kulturelle Bewältigung dieser Einwanderer aus dem Osten. Sprecher Mit der Expansion der Männer aus der Steppe verbreiteten sich die Glockenbecher-Kulturen rasant, quasi parallel zum Weg der Einwanderer. Quer durch Europa, von Osten nach Westen zunehmend, gaben die neuen Gemeinschaften ihren Toten die unverwechselbaren Tongefäße mit ins Grab. Offen war bisher jedoch, ob allein die Migranten aus dem Osten die neue Sitte weitergetragen haben oder ob sie auch unabhängig von den Steppenhirten praktiziert wurde. Ein internationales Forscherteam hat nun Knochen und Zähne von 400 Menschen aus Glockenbecher-Gräbern auf Erbgut der Steppenhirten untersucht, in einer der bisher umfangreichsten Untersuchungen prähistorischer DNA. Archäologen aus ganz Europa holten dafür Skelettreste aus früheren Ausgrabungen aus den Magazinen. 8. O-Ton Haak 8:23 Wir sprechen von Proben aus Portugal, Spanien, Frankreich, den britischen Inseln, dann über Benelux und Mitteleuropa bis hin nach Tschechien, Italien und Ungarn hinein. Sprecher Das Projekt eröffnete neue Einblicke in die Veränderungen im Genom der Europäer und illustriert zugleich die großen Fortschritte der Genforschung, erläutert Dr. Wolfgang Haak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, der als Genetiker daran mitgearbeitet hat. 8 ½. O-Ton Haak 1:32 neu Ich komme ja noch aus einer Generation, wo man das ganz mühselig aus diesen alten Knochenfunden herausarbeiten musste, das waren ganz langwierige Prozesse, und man hat da mit großem Aufwand ganz wenig Informationen herausbekommen, also nur noch wenige Bruchstücke aus dem Genom, die man dann zusammengestückelt hat, und damals hat man noch alles allein gemacht, man hat alles von A-Z, der Probennahme bis letztlich zur Publikation machen können, das ist heute nicht mehr der Fall. Sprecher In den großen Projekten der Paläogenetik arbeiten jetzt Spezialisten in Dutzenden Labors von Harvard über Kopenhagen bis Jena zusammen. Das ist möglich – und oft auch nötig –, weil Millionen von Erbgut-Proben nun parallel, in Massen-Analysen, untersucht werden können. 9. O-Ton Haak 4:09 Da musste man auch sich auf den Hosenboden setzen, schön Hausaufgaben machen, das war ne steile Lernkurve für uns alle, das hat natürlich die gesamte Molekulargenetik betroffen, also nicht nur die alte DNA, sondern die Biologie insgesamt, und da ist es egal, was man sequenziert, ob das jetzt die Hefe ist oder der Löwe aus dem Zoo oder eben prähistorische Menschen, wir sind jetzt in der Lage, mit höchster Auflösung die Dinge anzugehen. Atmo 4 Labor Brandt 1, 58:50 und MUSIK Roboter gurgelt, rasselt, brummt Sprecher Ein Roboter fährt auf einer Laborbank des Jenaer Forschungsinstituts hin und her. Er pipettiert minimale Mengen Erbgut und Chemikalien in winzige Kanäle in einem blauen Kunststoffklotz. Damit beginnt das erste der drei entscheidenden neuen Verfahren: die „Library Preparation“, der Aufbau einer DNA-Bibliothek. Laborleiter Dr. Guido Brandt erläutert die Hintergründe. 10. O-Ton Brandt 3:38 Ich habe ein DNA-Fragment aus einer Probe und damit ich dieses DNA-Fragment analysieren kann, muss ich es manipulieren. Und das machen wir, indem wir an die beiden Enden dieses DNA-Fragments bekannte DNA-Sequenzen herankleben. Das sind selbst designte Sequenz-Schnipsel, die Sie bei Firmen in Auftrag geben und die synthetisieren synthetische DNA. In diesen „Adaptern“, wie wir sie nennen, sind bestimmte Bereiche enthalten, die dafür verantwortlich sind, dass ich die DNA vervielfältigen kann, dass ich sie später aber auch von Fragmenten einer anderen Probe unterscheiden kann. Man muss sich das so vorstellen wie einen Barcode, wie an der Supermarktkasse einen Strichcode. Sprecher Dank dieses “Strichcodes” sind die Proben aus dem Erbgut eines Menschen identifizierbar – und können im nächsten Arbeitsschritt zusammen mit der DNA mehrerer hundert anderer Individuen sequenziert werden. Die „Massive Parallele Sequenzierung“, der zweite große Fortschritt, beruht einer dramatischen Verbesserung der Sequenziermaschinen. 11. O-Ton Brandt 7:30 Die Technik von vor 15 Jahren, die wurde letzten Ende verwendet, um das erste humane Genom zu erzeugen, man hat da zwei Jahrzehnte dran gearbeitet und es hat Millionen von Dollar verschlungen, heute ist es möglich, ein humanes Genom für unter 1000 Dollar in 24 Stunden zu erzeugen. Der große Vorteil ist einfach diese massive parallele Sequenzierung, die es mir erlaubt, viele hundert Individuen auf einmal zu bearbeiten und eben Millionen von DNA-Sequenzen in einem Sequenzierlauf zu erzeugen. Sprecher Früher mussten Forscher für die Sequenzierung einen Abschnitt aus einer DNA-Probe auswählen. Dass beim „Next Generation Sequencing“, wie es auch genannt wird, nun Millionen DNA-Sequenzen gleichzeitig bearbeitet werden, vereinfacht insbesondere die Erforschung Alten Erbguts: Nun fällt eine solche Fülle von Daten an, dass es keine Bedeutung mehr hat, wenn einige DNA-Sequenzen nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden nicht mehr intakt sind. Die Paläogenetik erlebt daher einen mächtigen Boom. MUSIK Sprecher Die neue Technik wäre nicht komplett ohne den Entwicklungssprung in der Bioinformatik. Um die gigantischen Datenmengen aus der Parallelen Sequenzierung auswerten zu können, mussten neue Computerprogramme geschrieben und leistungsstarke Rechner angeschafft werden. 12. O-Ton Brandt 22:18 (O-Ton vorn gekürzt!) Durch das Library Prep werden einfach alle Moleküle, die in meiner Probe drin sind, in eine Library transferiert und damit ist es möglich, alle sofort zu sequenzieren. Und später dann eben am Computer der richtigen Position im Genom zuzuordnen. Es wird dann über bestimmte bio-informatische Algorithmen errechnet, wo ein Sequenzschnipsel im Genom am besten hinpasst. MUSIK Sprecher Den Wissenschaftlern eröffnen sich damit neue Erkenntnis-Möglichkeiten: Statt vor der Analyse auf gut‘ Glück einen DNA-Abschnitt auszuwählen, können sie jetzt das komplette Erbgut mehrerer Individuen rekonstruieren und danach entscheiden, wo die vielversprechenden Abschnitte liegen: Die Y-Chromosomen für die männlichen Linien etwa, die mitochondriale DNA für die Vererbung auf mütterliche Seite oder Mutationen im Erbgut, wenn es um die Charakterisierung von Bevölkerungsgruppen geht. MUSIK aus Sprecher Im Glockenbecher-Projekt fanden die Genetiker das Erbgut der Steppenhirten in fast allen Skelettresten aus Mittel- und Westeuropa. Nur in den ältesten Proben, die auf etwa 2800 vor Christus datiert werden und aus Spanien stammen, ließ sich keine DNA der Einwanderer feststellen. Für den Archäologen Stockhammer ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Glockenbecher waren auf der iberischen Halbinsel schon vor Ankunft der Einwanderer bekannt. Die neue Bestattungssitte hat sich also nicht nur durch Migration in Europa verbreitet, sondern ist unter iberischen Bevölkerungsgruppen schon vorher weitergetragen worden: als Ideentransfer, sozusagen von Mund zu Mund. 13. O-Ton Stockhammer 11:11& 23:17 Der Impetus kam durch Einwanderer, aber das Glockenbecher-Phänomen an sich ist dann nicht durch großräumige Wanderungen entstanden, sondern durch Kontakt zwischen den Beteiligten. Es war sicher das erste großräumige Phänomen, von dem man zeigen konnte, dass es nicht vor allem durch Migration entstanden ist. Sprecher Ausnahme: Die britischen Inseln, die die Einwanderer ab Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus eroberten. Sie löschten die Einheimischen, deren Vorfahren einst Stonehenge erbaut hatten, fast vollständig aus. Und sie brachten die Glockenbecher mit: Auf den britischen Inseln verlaufen Einwanderung und Verbreitung von Glockenbechern eindeutig parallel. Insgesamt gesehen, liefert die Studie neuen Stoff für einen alten Streit. Lange meinten Altertumswissenschaftler, wo einheitliche Fundensembles zu Tage kamen, hätte auch eine einheitliche Menschengruppe gelebt. So sprach man von einem „Glockenbecher-Volk“. Oder man meinte, überall, wo eiserne Bratspieße und so genannte „Antennendolche“ ausgegraben wurden, hätten Kelten gewohnt. In den sechziger Jahren kamen Zweifel auf: Kann man tatsächlich aus ähnlichen Objekten schließen, dass ein Volk sie hervorgebracht hat, mit einer übereinstimmenden Signatur des Erbguts? Die Glockenbecher-Untersuchung spricht dagegen. 14. O-Ton Stockhammer 7‘57 Wir haben ja die Gräber der Einwanderer, bevor sie nach Mitteleuropa kamen. Die hatten eben auch Becher, aber die waren keine Glockenbecher, die waren eben ein bisschen anders, die waren schnurverziert. Die hatten keine Kupferdolche, die hatten Steinäxte, die hatten auch Hockerbestattungen, aber nicht Nord-Süd, sondern Ost-West. Und das Spannende ist, das Glockenbecher-Phänomen dreht quasi alle kulturellen Aspekte dieser Steppenhirten in ihr Gegenteil, aber es bleibt ein Dialog, wie eine Dialektik, zwischen dem, was da aus dem Osten in den Westen gekommen ist und dem, was vorher schon im Westen da war. Sprecher Die Glockenbecher-Sitte und die Kultur der Einwanderer gehen nicht auf denselben Ursprung zurück, betont Stockhammer, haben sich im Umbruch der massiven, blutigen Einwanderungswelle aber gegenseitig beeinflusst. Doch die alte Streitfrage ist noch nicht entschieden. Gerade am entscheidenden Resultat der Studie, das den Ideentransfer belegen soll, hat der Genetiker Wolfgang Haak Zweifel. Er hebt hervor: Die Verbreitung von Glockenbechern fällt räumlich und zeitlich zum allergrößten Teil mit der massiven Expansion der Steppenhirten zusammen. Nur die ältesten, auf 2800 vor Christus datierten Glockenbecher aus Spanien passen nicht ins Bild. 15. O-Ton Haak 18:28 (vorn gekürzt!) Das sind nur diese ersten 300 Jahre, wo das nicht zusammengeht, dann später geht es wirklich 1:1 zusammen, was wir im Rest des Genoms sehen und auch die archäologische Sachkultur, das geht Hand in Hand. MUSIK Sprecher Ist die Datierung der spanischen Funde wirklich zuverlässig? Die Jahreszahl 2800 vor Christus wurde nicht aktuell im Rahmen der Studie ermittelt, sondern lag bereits aus der Ausgrabung vor. Und, so Haak weiter, lassen sich diese Gräber eindeutig der Glockenbecher-Kultur zuordnen? Der Genetiker, der in mehreren internationalen Großprojekten aktiv ist, will das europaweite Phänomen nun noch detaillierter erforschen: mit neuen archäologischen Daten und Erbgut-Analysen von mehreren tausend Individuen. MUSIK aus Sprecher Weitere Untersuchungen bieten sich auch an, weil hinter der neuen Bestattungssitte mehr steht als nur eine andere Grabbeigabe: Die Menschen begannen eines Tages, ihren Toten Glockenbecher ins Grab zu legen, weil sie für sie eine konkrete Bedeutung hatten. Sie waren Ausdruck einer bestimmten Überzeugung, eines Glaubens. Welche Wünsche und Hoffnungen damit verbunden waren, lässt sich nicht rekonstruieren, doch es war eine neue Religion oder eine neue Ideologie. Und sie hatte erstaunlichen Erfolg, verbreitete sich von Ungarn bis Portugal, von Italien bis auf die britischen Inseln. Die Menschen standen trotz der Entfernung miteinander in Verbindung, sie bildeten ein Netzwerk, sagen die Forscher. 16. O-Ton Haak 25:30 Warum hat es immer wieder funktioniert? Da muss es ja ein kulturelles oder soziologisches Konzept gegeben haben, vielleicht auch eine Ideologie, die dann attraktiv war, das war möglicherweise einfach das Wirtschaftsmodell, das gezogen hat, das Gelobte Land, das neue Ding, es ging aufwärts, vorwärts, das ist ein Modell, das man mal prüfen müsste. Sprecher Dieses Netzwerk bereitete wahrscheinlich der Innovation den Boden, die eine neue Epoche einläutete: der Herstellung der Bronze, des ersten praktischen Metalls. Mancherorts in Europa hatten Menschen schon vorher Kupfer bearbeitet, aber kupferne Waffen und Werkzeuge sind relativ weich. Legiert man Kupfer jedoch mit etwas Zinn, wird das Material härter, lässt sich gut bearbeiten und glänzt obendrein wie Gold: Das sind die Vorzüge der Bronze. Bronze ist aber nicht leicht herzustellen, weil Zinnvorkommen in Europa rar sind: Größere Lagerstätten finden sich nur im äußersten Westen Englands, im heutigen Cornwall. Dort ließen sich Menschen der Glockenbecher-Kulturen ab 2450 vor Christus nieder. Viele Archäologen vermuten, dass sie die Kenntnis von der Zinnbronze über den Kontinent verteilten. Philipp Stockhammer: MUSIK 17. O-Ton Stockhammer 37:22 Gerade das Glockenbecher-Netzwerk war einer der entscheidenden Momente, Wissen auszutauschen: Oh, hier haben wir die Zinnlagerstätten, oh, hier haben wir Kupfer, oh, hier haben wir die neuen metallurgischen Techniken aus dem Orient. Und deshalb war das Glockenbecher-Phänomen eigentlich die entscheidende Triebfeder für die Herausbildung der Bronzezeit in Mitteleuropa, und ich sehe in meinen Forschungen, dass sich in Mitteleuropa eigentlich nur dort die frühe Bronzezeit entwickeln konnte, wo wir vorher auch das Glockenbecher-Phänomen fassen. MUSIK aus Atmo 5 XII 56-807, 0:09 Besucher im Museum Sprecher Etwa ab 2400 vor Christus entwickelte sich ein Zentrum der frühen Bronze-Herstellung im östlichen Mitteldeutschland. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle kann eine Fülle einschlägiger archäologischer Funde präsentieren. 18. O-Ton Meller 5:38 Die frühesten Bronze-Objekte, die wir hier haben, kann ich Ihnen zeigen, das sind Dolche… Atmo 6 Museum XI 57-799, 7:50 Schritte Sprecher Professor Harald Meller, Museumsdirektor und Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, ist an mehreren Forschungsprojekten zum Anfang der Bronzezeit in Europa beteiligt. Auch er zieht eine Verbindung zwischen der Glockenbecher-Kultur und der Metallverarbeitung. 19. O-Ton Meller 13:27 Die Fähigkeit, Bronze herzustellen, gibt es schon ganz alt im Vorderen Orient und am Balkan, aber bei uns in Mitteleuropa ist die Bronzeherstellung noch mal erfunden worden, zumindest ist das die Hypothese, durch die Eroberung von Südengland, Glockenbecherleute erobern Südengland, und die entdecken dann in Cornwall das Zusammentreffen von reichen Zinnquellen in den Flüssen und dieses Zinn ermöglicht es natürlich, Bronze herzustellen. Atmo 6 Museum XI 57-799, 7:50 Schritte Sprecher Vor einer Wand-hohen Vitrine, in der auf dunklem Stoff mehrere Reihen bronzener Beilklingen aufgehängt sind, eine wie die andere, wird deutlich, welche Revolution die Entdeckung dieses Materials bedeutete: Sie veränderte die Gesellschaft grundlegend. 20. O-Ton Meller 18:39 Der Bronzeguss ist für uns so wahnsinnig wichtig, weil damit die Menschen zum ersten Mal selbstgeschaffen identische Dinge herstellen. Vorher hast du ein Steinbeil, jedes Beil ist anders, abhängig von der Quelle. Das heißt, ein Fürst lässt 100, 200, 300 Beile gießen, und die sind völlig identisch, die kann er jetzt an die Bauernsöhne verleihen, kann er eine Armee aufstellen. MUSIK Sprecher Ab Ende des dritten Jahrtausends vor Christus herrschten erstmals mächtige Fürsten in einigen Gegenden Mitteleuropas. Aus den Glockenbecher-Kulturen, die kaum Hierarchien kannten, hatte sich eine neue Gesellschaftsstruktur gebildet. Meller spricht dabei übrigens von „Glockenbecherleuten“ – als ob sich die bauchigen Tongefäße doch mit einer genetisch einheitlichen Bevölkerung identifizieren ließen. Über die Frage, ob die Bestattungssitte mit Glockenbechern, die erfolgreiche neue Religion, von Einwanderern verbreitet wurde oder als Idee von Mund zu Mund wanderte, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

  • Europas erste moderne Menschen - Leben in der Eiszeit

    19.02.2024 · 24 Min.

    Es ist bitterkalte Eiszeit. 30.000 Jahre zurück in Europa. Was wissen wir über unsere genetischen Vorfahren? Archäologinnen und Archäologen durchleuchten das Genom und stoßen auf überraschende Erkenntnisse zum Leben der Eiszeit-Menschen, der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa. Autorin: Katharina Hübel Credits Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Jennifer Güzel Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. George McGlynn, Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München; Prof. Dr. Cosimo Posth, Urgeschichte und naturwissenschaftliche Archäologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen; Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen und wissenschaftlicher Vorstand des Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie GmbH; Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Mammut & Co - Die Megafauna der letzten Eiszeit JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Eiszeit. Mensch. Natur. Klima. Hg. Von Gaelle Rosendahl und Wilfried Rosendahl. Nünnerich-Asmus Verlag und Media. 2022. Steinzeit in Bayern. Das Handbuch in zwei Bänden. Hg. Von Thorsten Uthmeier und Doris Mischka. Wbg Theiss. 2023. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1a "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'09 01 OT McGlynn (Atmo Knistern) Wie Sie sehen: sehr gut verpackt, um den Schutz zu gewähren… In diesem Fall haben wir hier einen Oberschenkel und sehr schön intakt… Sprecherin: In drei unspektakulär grauen Pappkartons – Spezialanfertigung, säurefrei – lagert er: der älteste Homo Sapiens, den Wissenschaftler bislang in Deutschland gefunden haben, der Menschentyp, der dem Neandertaler den Rang ablaufen wird. Rund 34.000 Jahre alt, aus der Eiszeit. Ein „Bayer“, wenn man so will. Der so genannte „Mann von Neu-Essing“. In den Kisten der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München lagert sein Schädel, mit deutlichen Löchern zwar, aber dennoch gut erkennbar als menschlich, die beiden Kiefer mit Zähnen, Rückenwirbel, Arm- und Fingerknochen, Rippenbögen, Bruchstücke des Beckens, Schenkelknochen… 02 OT McGylnn Knochenoberflächengelenk hier… und Muskelansätze auf der anderen Seite sehr gut zu erkennen… MUSIK 1 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'20 Musik 2 In the High Valleys - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Stephan Micus - Album: Länge: 0'34 Sprecherin: Der „Mann von Neu-Essing“ ist einer der ersten anatomisch modernen Menschen, die in Europa überhaupt gelebt haben. Menschen, die uns mitgeprägt haben. Können deren Skelette Antworten geben auf die Fragen: Woher stammen wir? Wer sind unsere Vorfahren? 03 OT McGlynn Funde aus dieser Zeit sind absolute Raritäten. Sprecherin Sagt der Wissenschaftler Dr. George McGlynn. Das heutige Nordspanien, Frankreich oder Belgien, beispielsweise, sind Regionen, die vor 34.000 Jahren ebenfalls eisfrei waren und bewohnt von homo sapiens. Zudem waren Teile des heutigen Tschechiens und Österreichs von einzelnen Menschengruppen bewohnt. Jäger und Sammler, die mobil waren und den Tieren hinterher zogen. 04 OT McGlynn Wir sprechen von einem Zeitpunkt, wo doch viel Vergletscherung war und eine sehr harsche Umgebung. Der Neuessinger Mann ist ein fast vollständig intakter Skelettfund, manche von den anderen Funden sind lediglich einzelne Knochenfunde, ein Kiefer, ein Schädelstück, deshalb ist der Neuessinger Fund auch etwas ganz Besonderes wegen seiner Intaktheit. Man kann schon sagen, die Fundzahl von fünf, sechs Fundplätzen beträgt so um die 35 bis 40 Funde. Das ist ein absoluter Glücksfall, wenn man etwas findet, ganz selten findet man mehrere Teile eines einzelnen Individuums. Und anhand dieser fragmentierten Funde ist man praktisch als Wissenschaftler gezwungen, sehr viel reinzulesen. Aber es ist auch eine Riesenherausforderung. Sprecherin Die George McGlynn nicht alleine angeht. Musik 3 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'5 Sprecherin Die Archäologie hat im letzten Jahrzehnt durch naturwissenschaftliche Methoden einen Modernisierungsschub bekommen. Archäologen kooperieren mit Chemikern, Genetikern, Informatikern. Denn manchmal trügt der Anschein und erst das Labor verrät die korrekten Daten. Wie beim „Mann von Neu-Essing“, der über viele Jahrzehnte falsch datiert, nämlich viel jünger geschätzt, in den Archiven verschwunden war. Sein Fall ist nun wieder aufgerollt und liefert neue Erkenntnisse über die Menschen in der Eiszeit. Wind und Schritte Sprecherin Wobei mit „Eiszeit“ die letzte Kaltzeit in der Geschichte unseres Planeten gemeint ist. Durchgängig kalt und eisig war es dabei gar nicht immer, erklärt Prof. Thorsten Uthmeier, der am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg arbeitet und den Fundort des Mannes von Neu-Essing mit untersucht hat. OT05 Uthmeier Im Schnitt ist es so, dass die Jahresmitteltemperaturen bestimmt so zwischen sechs und acht Grad niedriger waren als die heutigen Jahresmittelwerte, mit auch während der Eiszeiten relativ milden Sommern, aber eine kurze Vegetationsperiode und sehr, sehr kalte Winter. Also im Schnitt Temperaturen von minus zwanzig bis minus zehn Grad. ATMO Schritte auf Schnee / Wintersturm Sprecherin Die Temperaturen konnten aber auch auf Minus vierzig Grad fallen, Dauerfrost war angesagt. Und oft gab es Winterstürme. Klima-Archäologen rekonstruieren die Temperaturen der Vergangenheit über Eisbohrkerne, aus Grönland oder der Antarktis. Gigantische Bohrkerne von über 3 Kilometern Länge. Musik 4 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'55 Sprecherin Im Eis ist Staub eingeschlossen, außerdem Luft. Noch wichtiger: Sauerstoff, der im gefrorenen Eiszeitwasser konserviert ist. Er kann Chemikern etwas über die damalige Temperatur verraten. Je nachdem, wie viele Neutronen sich in den Sauerstoffatomen befinden. Ihre Anzahl schwankt je nach Außentemperatur. Außerdem geben Knochen-Funde Aufschluss über die eiszeitlichen Lebensbedingungen. Wissenschaftler nennen sie: „Umwelt-Archive“. Über die Knochen bestimmen die Archäologen die Tierarten und wann sie gelebt haben. Damit wissen sie, wovon sich die Menschen damals ernährt haben und bekommen auch eine Vorstellung von den Temperaturen. 07 OT Uthmeier Hier sind es in der Regel Rentiere, zum Teil auch Pferde, die haben eine große Temperaturtoleranz, die weichen dann vielleicht auf andere Weidegebiete aus. Die können auch niedrigeren Temperaturen widerstehen. Sprecherin Kleinere Tiere wie bestimmte Maus- oder Nagerarten hingegen halten extreme Kälte nicht so gut aus. Auch Pflanzen verraten mehr über das Klima und über die Möglichkeiten der Menschen. OT08 Uthmeier Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, dass das Wälder gewesen sind, sondern in aller Regel sind das so kleine buschartige Gewächse von Nadelgehölzen. Wir wissen, dass die Beschaffung von Brennholz wahrscheinlich eine relativ schwierige Aufgabe gewesen ist. Weil es durchaus Konstruktionen gibt, um mit dem Brennholz besonders ökonomisch umzugehen. Regelrechte Herdkonstruktionen, eine Steinsetzung, die man dann mit einer Steinplatte abgedeckt hat. Und auf diese Art und Weise hatte man eigentlich einen kleinen Ofen und konnte auf diese Weise mit der Erhitzung der Steine ganz ökonomisch mit dem Brennholz umgehen, und das waren meistens nur kleine Zweige. Sprecherin Das Eis der kilometerhohen Gletscher bedeckte vor 34.000 Jahren ganz Nordeuropa, aber auch das heutige Nord- und Ostdeutschland, sowie den untersten Zipfel Süddeutschlands. Bayern hingegen – der Lebensraum des Mannes von Neu-Essing - war größtenteils eisfrei. Die Gebiete des heutigen Bodensees, Ammersees, Starnberger Sees und Chiemsees lagen allerdings unter einer über ein Kilometer dicken Eisschicht. Die Landschaft weiter nördlich bestand aus üppigen Steppen, die im Sommer auch schnee- und eisfrei waren und in denen Jäger und Sammler ein gutes Nahrungsangebot finden konnten. Da viel Wasser in den Gletschern gespeichert war, war der Himmel recht wolkenfrei und hell, mit viel Sonnenschein. OT09 Rosendahl Damals waren die Tiergruppen, die in großen Herden vorhanden waren, das wichtige Lebenspotenzial. Sprecherin Professor Wilfried Rosendahl ist wissenschaftlicher Vorstand des „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“, das den „Mann von Neu-Essing“ neu durchleuchtet hat. Musik 5 "In to the void" - Komponist: Bill Laswell - Album: Filmtracks 2000 - Länge: 0'37 Sprecherin Weitläufige Gras-Steppen voller Kräuter und Blumen sind der Lebensraum für zahlreiche Herden von Wollhaar-Mammuts, Wild-Pferden, Riesenhirschen oder Moschusochsen. Aber auch für gefährlichere Tiere, die sich heute in Mitteleuropa nicht mehr wohl fühlen würden wie Flusspferde und Wollhaarnashörner; zottelige Höhlenbären, -Löwen, -Hyänen und Säbelzahntiger. Die Menschen zur letzten Kaltzeit hatten – trotz aller Gefahren – also einen reich gedeckten Tisch: OT10 Rosendahl Die können Wurzeln essen. Sie können im Herbst Nüsse essen, im Frühjahr Beeren. Sie können frische Blätter essen, aber das limitiert sich natürlich mit dem Vorhandensein von Vegetation. Aber im Frühjahr gibt es eben Pflanzensprösslinge, die sie essen können. Sprecherin Löwenzahnblätter, junge Fichtenspitzen. Heilende Kräuter wie Thymian oder Spitzwegerich, Birkenblätter. Als besondere Delikatesse gab es manchmal sogar Honig – und fischen konnten die Menschen vor 34.000 Jahren natürlich auch schon. Atmo Eiszeit: peitschender Wind Sprecherin Der Winter konnte mit Stürmen recht ungemütlich und kalt werden, aber die Jäger und Sammler wussten sich zu helfen – mit Zeltkonstruktionen, Rückzug in Höhlen und natürlich: Feuer. 11 OT Rosendahl Die Menschen konnten Leder gerben, sie konnten Kleidung herstellen, sie konnten nähen, sie haben Knochenwerkzeuge hergestellt, Steinwerkzeuge hergestellt. Sie haben aus Elfenbein Kunstwerke geschnitzt. Sie haben aus Knochen Flöten gemacht, sie haben sich wahrscheinlich geschminkt. Also sie hatten ein ganz, ganz buntes Leben. Um das tägliche Überleben zu sichern, mussten sie nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Man muss sich bewusst machen: Es gibt Eiszeit-Kunstwerke in Südwestfrankreich, da sind in die Felswand hineingepickelt mit Steinwerkzeugen Pferde, die galoppieren über einen Meter Länge, drei, vier Pferde hintereinander. Das machen Sie nicht, wenn Sie täglich jede Sekunde irgendwie am Lebenslimit nagen und gucken müssen, dass Sie überleben, da ist auch Zeit für Muße, für Schönes und für Kreativität. Sprecherin Für die Jäger und Sammler vor zehntausenden von Jahren gab es mehr im Leben als nur das Überleben. Das Neu-Essing-Skelett wurde in einer Höhle gefunden, gut vier, fünf Meter unter der Erdoberfläche begraben. Eingefärbt mit Rötel. 12 OT Rosendahl Also mit einem roten, pulverartigen Ton, das kann rituelle Bedeutung haben. Und wenn ich eine Bestattung habe, dann verrät mir das schon was, dann muss das mit einer Glaubensvorstellung verbunden sein. Dass es nach dem Tod noch was gibt, das zeigt schon mal wie intensiv auch das Gruppenleben war und wie die Gedankenwelt dieser Menschen war. Sprecherin Beim Fund von Neu-Essing handelt es sich um die älteste menschliche Bestattung, die Archäologen in Deutschland bislang finden konnten. MUSIK 6 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28 Sprecherin Es ist deshalb ein so wichtiger Fund, weil er ein entscheidendes Puzzle-Teil mehr für die Forscher darstellt. 1913 wurde er von Archäologen ausgegraben – an einem vielschichtigen Fundort in der Nähe von Kelheim in Niederbayern, den inzwischen auch Thorsten Uthmeier mit seinem Team untersucht hat. 13 OT Uthmeier Wenn man auf dem Kirchplatz in Neu-Essing steht, dann links sieht man den Felsen, wo die Sesselfelsgrotte ist. Da gibt es Fundschichten aus der Zeit der Neandertaler. Da gibt es zehntausende von Steinwerkzeugen. Es gibt die ganze Jagdbeute, es gibt Umweltdaten. Und dann gibt es aber auch Daten aus der Zeit der späteiszeitlichen Jäger und Sammler… Sprecherin Ein ganzer Höhlenkomplex. In der so genannten „Mittleren Klause“ war der „Mann von Neu-Essing“ bestattet. Auch wenn der „Mann von Neu-Essing“ schon 1913 eine Sensation war, als er ausgegraben wurde – die wirkliche Dimension des Fundes ist erst in den letzten Jahren deutlich geworden. Musik 6 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'28 Sprecherin Ein großes, interdisziplinäres Archäologenteam beginnt, den Fund nach modernsten Standards zu untersuchen. George McGlynn von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München schaut sich zunächst die Knochen an, vermisst sie und prüft ihren Zustand. Da gibt es die nächste Überraschung für die Forscher – die eine bis dahin gültige Annahme über die Eiszeit widerlegt: 15 OT McGlynn Der Neu-Essinger ist interessanterweise kein großer, robuster, kräftiger Kerl, wie man es vielleicht erwarten würde bei solch widrigen Lebensumständen, allein die Kälte und die Wildtiere. Wir wissen, dass der frühere Mensch, der Homo Sapiens, in Europa und auch in Afrika, wo er herkommt, in Gruppen gelebt hat – er muss in Gruppen gelebt haben... Sprecherin Als Gruppe zu funktionieren war der entscheidende Vorteil des Homo sapiens in der Kältezeit. 16 OT McGlynn Vielleicht 30 Personen, ist jetzt rein spekulativ, aber damit eine kleine Gruppe von Jägern und Sammlern überleben kann, muss es diese Anzahl betragen. Sie haben ganz sicher miteinander gejagt, miteinander gesammelt, einander verteidigt, füreinander gesorgt. Und genau diese Gruppendynamik muss existiert haben, um die Überlebenschancen zu sichern. Ein Einzelkämpfer in so einer Umgebung, das gab es einfach nicht. Sprecherin So konnte er auch mit gerade mal ein Meter sechzig und nicht besonders muskulös gesund alt werden. Wie ausgeprägt die Muskeln waren, kann George McGlynn an Veränderungen und Verfärbungen auf der Knochenoberfläche erkennen. 17 OT McGlynn Unser Neu-Essinger Mann ist eigentlich ein kleiner, grazil gebauter Mann, er hat auch kaum irgendeine nennenswerte Knochenveränderung, was auf Gewalt oder Verletzungen hindeuten würde. Und ist aber trotzdem fast 50 Jahre alt geworden. Sprecherin George McGlynn schätzt sein Sterbealter, indem er sich anschaut, wie sehr die Backenzähne und Beckengelenke abgenutzt sind. Demnach ist der Mann von Neu-Essing mit zirka 50 Jahren deutlicher älter geworden als Forscher das bislang für Menschen aus der Eiszeit angenommen haben – mit einem Durchschnittsalter von 30 bis 35 Jahren. Knochen und Zähne des Neu-Essingers sehen mustergültig aus, stellt Archäologe George McGlynn fest. 18 OT McGlynn Er hatte auch keine so genannten physiologischen Stressmarker. Zum Beispiel, wenn im Kindesalter, wenn sich der Zahnschmelz vom Dauergebiss entwickelt, lang anhaltende Fieber oder Unterernährung oder schwere physiologische Stresse leiden, unterbricht der Körper den Entwicklungsprozess. Und das führt zu einer Verzögerung von dieser Bildung von Zahnschmelz. Diese Verzögerung führt dazu, dass man wellenartige Linien an den Zähnen sieht. Das ist ein Beispiel. MUSIK 7 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'40 Sprecherin George McGlynn konnte noch mehr herausfinden: Wo der Mann von Neu-Essing unterwegs war. Mit der so genannten Stronziumanalyse. In Knochen ist unter anderem auch Stronzium enthalten. Je nachdem, welche Nahrung ein Mensch zu sich nimmt, auf welchem Boden die Pflanzen gewachsen sind, die er isst, oder welche Luft er atmet, welche Temperaturen ihn umgeben haben, lagern sich andere Varianten der Elemente im menschlichen Körper ab – auch in Knochen und Zähnen, die Archäologen zehntausende Jahre später noch finden können. Diese chemische Varianz macht sich die Archäologie zu nutze. 19 OT McGlynn Ich stamme persönlich aus den USA, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das hat sich in meinen Knochen und meinen Zähnen verfestigt als Baustein und in den Zähnen, was Zahnschmelz wird. Diese werden nicht abgebaut, sie verändern sich nicht, sie sind praktisch amerikanische Zähne. Aber meine Knochen, die bauen sich ständig um. Jeden Tag, jede Minute. Binnen zehn Jahren sind alle Baustoffe in einem Knochen komplett ausgetauscht. Ich habe keine Spur von amerikanischen Knochen in mir. Wenn man meine Zähne und Knochen vergleichen würde auf chemischer Ebene, würde man sofort sehen: Dieser Mensch ist woanders geboren und aufgewachsen als wo er jetzt ist. Sprecherin: Archäologen können feststellen, in welcher Gegend ein Mensch gelebt haben muss, indem sie die chemischen Signaturen seiner Zähne und Knochen vergleichen mit Funden aus verschiedenen Regionen. Und wenn die chemische Signatur von Zähnen und Knochen gleich ist, wie beim Mann von Neu-Essing, wissen sie: Er ist zeitlebens in einer ähnlichen Gegend geblieben. 20 OT McGlynn Allerdings heißt es nicht, dass er sich nicht bewegt hat. Jäger und Sammler haben sich mit den Saisonen sehr stark bewegt, an die Kältezeit, Wärmezeit, sie haben sich auch an die Herden angepasst, an die Bewegung von Tieren. Sprecherin Auch wissen die Forscherinnen und Forscher mehr über seinen Speiseplan. Durch die Isotopen-Analyse. Dabei werden erneut chemische Elemente in den Knochen untersucht. Wie zum Beispiel Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff. Sie unterscheiden sich voneinander durch die Anzahl der Neutronen. Diese Varianten eines Elements heißen Isotope. 21 OT McGlynn Für Ernährung ist es wichtig, eine Isotopie-Karte von der Gegend zu machen. Das heißt, wir nehmen Pflanzen, Tiere, Erdproben, Knochenfunde aus der Zeit. Und wir untersuchen diese zuerst und kriegen für Kohlenstoff eine gewisse so genannte Signatur, was für Wollnashorn, für Mammut, für alle Rothirsche, für Gräser oder Baumrinde spezifisch ist. Sprecherin Die Isotopenwerte haben beim Mann von Neu-Essing ergeben, dass er eine Allround-Ernährung hatte: Er nahm Großwild wie Mammuts und Riesenhirsche genauso zu sich wie Hasen oder Eichhörnchen. Auch Schnecken, Raupen, Frösche, Beeren, Gräser, Kräuter und Fisch. Musik 8 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 1'15 Sprecherin Doch wer war der „Mann von Neu-Essing“? Darauf gibt die Genetik Antwort. 22 OT McGlynn Die übliche Darstellung von Jägern und Sammlern aus dieser Zeit weicht sehr stark ab phänotypisch, wie er ausgesehen hat, von dem, was wir gefunden haben durch die molekulargenetischen Untersuchungen, die in Mainz von meinem Kollegen Burger und Team durchgeführt wurden. Diese Methoden gibt es erst seit vielleicht einem Jahrzehnt. Sein Aussehen ist mit bis zu 98, 99 Prozent dunkelhaarig, mit dunklen Augen, aber auch dunkler Hautfarbe, und die übliche Darstellung von den nordisch ausschauenden Menschen stimmt einfach nicht. Wir sehen, dass diese Wanderung aus der so genannten out of Africa-Theorie mit hundertprozentiger Sicherheit auch zutrifft. Diese Homo-Sapiens-Gruppen sind vor etwa 50.000 Jahren aus Afrika in zwei Wellen nach Europa ausgebreitet. Sprecherin: Auch die Vorstellung, davon, wie „Ötzi“ ausgesehen hat, ist übrigens erst 2023 durch die Gen-Analyse korrigiert worden: Auch die berühmte Gletschermumie aus den Südtiroler Alpen hatte dunkle Haut, dunkle Augen, dunkle Haare. Und Ötzi ist rund 30.000 Jahre jünger als der „Mann von Neu-Essing“. Die dunkle Hautfarbe der ersten Menschen in Europa hat sich also viel länger gehalten als bislang angenommen. Auch die Darstellung des Ötzi im Museum muss jetzt korrigiert werden. Dort steht immer noch eine Gestalt mit heller Haut. Die ersten Europäer – sie waren auf jeden Fall dunkelhäutig. MUSIK 9 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'10 Sprecherin: Und auf die Archäologinnen und Archäologen warten noch weitere Überraschungen. Jetzt hat ein Forscherteam von 125 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die bislang umfangreichste Genom-Analyse eiszeitlicher Jäger und Sammler in Europa begonnen: 116 Individuen, die eine Zeitspanne von rund 30.000 Jahren abdecken. Professor Cosimo Posth ist Paläogenetiker an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und leitet das Projekt. Ihn hat erstaunt, dass die eiszeitlichen Homo Sapiens genetisch längst nicht so einheitlich waren wie bislang angenommen. Es gab ihn nicht: DEN Eiszeit-Menschen. Besonders drastisch zeigt sich das an einem Beispiel. Lange haben sich Archäologen gefragt: Was ist eigentlich mit den ersten Menschen in Europa passiert, als sich die Eispanzer von Norden her weiter ausgebreitet haben, vor 25.000 bis 19.000 Jahren? Als viele Gebiete, auch im heutigen Bayern, unbewohnbar wurden? Eine Theorie war: Sie gingen ins heutige Italien. Das hat sich zwar bewahrheitet. Doch was dann geschehen ist, damit hatte Cosimo Posth nicht gerechnet: Die komplette Bevölkerung starb aus. Die Menschen, die danach im heutigen Italien lebten und nachweisbar zu unseren Vorfahren gehören, haben genetisch nichts mit den aus dem Norden zugewanderten Eiszeitmenschen zu tun. 24 OT Cosimo Posth Wo ist der Ursprung der Population, die uns mehr als zehn Prozent der DNA gegeben hat? MUSIK 10 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28 Sprecherin: Die Spurensuche geht weiter für die Archäologinnen und Archäologen. Sicher ist: Eiszeitmenschen gehören zu unseren Vorfahren, doch wie sich das genetisch darstellt, stellt sich heute komplexer dar, als jemals zuvor.

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