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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Romantik - Zwischen Schwärmerei und Freiheitsstreben

30.01.2024 · 22 Min.

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Über diese Folge

Angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche verlieren die Romantiker den Glauben an die nüchterne Vernunft und stellen ihr das Gefühl entgegen: Sie schwärmen für die Natur, feiern die Dunkelheit und ergründen mystische Welten. Autorin: Hanna Dragon (BR 2019)

Credits
Autor/in dieser Folge: Hanna Dragon
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Katja Bürkle, Wolfgang Pregler
Technik: Robin Auld
Redaktion: Andrea Bräu

Im Interview:
Christian Begemann (Professor; LMU)

Linktipp:

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

MUSIK

SPRECHERIN

Die thüringer Universitätsstadt Jena im Jahr 1799. Im Haus des 32-jährigen Sprachforscher August Wilhelm Schlegel versammeln sich junge, aufbegehrende Intellektuelle. Und bilden eine Art Wohngemeinschaft.  

Unter ihnen: Augusts jüngerer Bruder Friedrich, Altphilologe. Dann: Der Naturphilosoph Friedrich Wilhelm Schelling, verliebt in Caroline, die gebildete Gattin des Gastgebers. Der 22-jährige, streng gläubige Medizinstudent und Dichter Clemens Brentano, der für die acht Jahre ältere Schriftstellerin Sophie Mereau schwärmt. Der charismatische Bergbaustudent Friedrich von Hardenberg alias Novalis, 27, dem Goethe das Zeug zum „geistigen Imperator“ bescheinigt. Und der Sprachkünstler Ludwig Tieck, der 30 Jahre später an August Wilhelm Schlegel schreiben wird: 

MUSIK ENDET

ZITATOR

Jene schöne Zeit in Jena ist (…) eine der glänzendsten und heitersten Perioden meines Lebens. Du und Dein Bruder Friedrich, Schelling mit uns, wir alle jung und aufstrebend, Novalis-Hardenberg, der oft zu uns herüber kam: diese Geister bildeten ununterbrochen ein Fest von Witz, Laune und Philosophie.

SPRECHERIN 

Die Jenaer Freunde philosophieren miteinander beim Mittagessen, kultivieren gemeinsame Spaziergänge durch die Natur, tragen einander ihre unveröffentlichten Texte vor, besprechen die Artikel, die sie für die programmatische Zeitschrift „Athenäum“ schreiben, hinterfragen die traditionelle Rolle der Frau. Und verspotten die Verse des an der Jenaer Universität lehrenden Dichterfürsten Schiller, der sie vor dem „unendlichen Fall in bodenlose Tiefe“ warnt. 

MUSIK

Die Romantiker lassen ihrer Phantasie freien Lauf in einer Zeit der politischen Umstürze. Die Revolution in Frankreich hatten die deutschen Intellektuellen anfangs noch als Durchbruch der Freiheit gefeiert. Doch die Erhebung des Volkes schlug um in Gewaltexzesse. Seit der Machtübernahme Napoleons herrscht in Europa Krieg. Aus Sicht der Romantiker habe die Vernunft, das grundlegende Prinzip der Revolution, den Kontinent in den Abgrund geführt. 

SPRECHERIN 

Auch gesellschaftliche Umbrüche prägen die Zeit um 1800. Die allmählich einsetzende Industrialisierung fördert Landflucht, Verstädterung und soziale Missstände. Die Romantiker bezweifeln, dass der Fortschritt immer das Bessere mit sich bringe. Und kritisieren die Gesellschaft, in der sich alles zunehmend ums Geld dreht.  

MUSIK endet

Romantik: Was bedeutete dieser Begriff damals? Christian Begemann vom Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München:

ZUSPIELUNG 1:

Im 18. Jahrhundert wird „romantisch“ im Sinne von „romanhaft“  verstanden. Und das ist kein Kompliment. Denn der Roman hat ein ganz schlechtes Ansehen. 

Er ist, wenn man an den Barockroman denkt, eine Abfolge von kuriosen Ereignissen und Geschichten. Und der Begriff des Romantischen, der ist erstmal auf das Abenteuerliche hin ausgerichtet und ändert sich dann erst im Zuge der romantischen Bewegung selber. (0:29)

MUSIK

ZITATOR

Die Welt muss romantisiert werden. 

SPRECHERIN

Fordert Novalis, der Erfinder der berühmten „blauen Blume“, dem Symbol der romantischen Sehnsucht. Und liefert die vielleicht schönste Definition der Romantik:

ZITATOR

Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. 

MUSIK ENDET

SPRECHERIN

Die Romantiker sehnen sich nach dem Geheimnisvollen, Unerklärlichen. Denn: Die Aufklärung hat viele Mythen entzaubert. Germanistikprofessor Christian Begemann:

ZUSPIELUNG 2:

Mit der Aufklärung, überhaupt mit dem ganzen Schub der Verwissenschaftlichung in der Neuzeit - so sehen es jedenfalls die Romantiker - tritt eine Trennung von der Natur ein. Die Natur wird unterworfen, sie wird ausgebeutet, sie wird auch in der 

Wissenschaft beobachtet oder im Experiment dazu gezwungen, uns wie ein Angeklagter auf der Folter Antwort zu erstatten, und damit ist die Natur nichts mehr, was uns auf Augenhöhe gegenübersteht, sondern sie ist nur noch ein Objekt 

MUSIK

SPRECHERIN

Die Romantiker wollen die mythische Einheit des Menschen mit der Natur wiederherstellen. Durch Poesie. Josef von Eichdorff:  Die Wünschelrute.

ZITATOR

Schläft ein Lied in allen Dingen 

Die da träumen fort und fort, 

Und die Welt hebt an zu singen, 

Triffst du nur das Zauberwort.

SPRECHERIN

Das dichterische Zauberwort „romantisiert“ die Welt. 

MUSIK endet

Dieser Vorstellung folgend bringt Friedrich Schlegel, der theoretische Kopf des Jenaer Kreises, das Programm der Romantik auf den Punkt. In dem berühmten 116. Athenäums-Fragment heißt es:

ZITATOR

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. 

SPRECHERIN

Mit „progressiv“ meint der Theoretiker Schlegel: Der mythische Zustand der Harmonie, das Absolute, lässt sich mit Worten nicht erfassen. Der Dichter kann sich diesem Ziel nur „progressiv“, also Schritt für Schritt nähern. Das Werk wird somit nie vollendet; das Fragment wird zu einer neuen literarischen Gattung.  

Den Begriff „Universalpoesie“ erklärt Schlegel folgendermaßen:

ZITATOR

Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen. 

SPRECHERIN

In romantischen Romanen und Erzählungen werden Gedichte vorgetragen, Lieder gesungen und Bilder beschrieben: Eine Vorwegnahme des Wagnerschen Gesamtkunstwerks, das alle Künste vereinigt. Die „progressive Universalpoesie“ soll nach Schlegel das ganze Leben durchdringen: Das Leben wird zum Kunstevent.

MUSIK

SPRECHERIN

Der Heidelberger Dichter Joseph von Eichendorff verwirklicht diese Vorstellung in seiner Märchennovelle „Aus dem Leben eines Taugenichts.“  

ZITATOR

Fahre zu, Ich mag nicht fragen, Wo die Fahrt zu Ende geht.

SPRECHERIN

Das ist das Lebensmotto des jungen Müllerssohns, den das Klappern des Mühlrades an das trostlose Einerlei des bürgerlichen Alltags erinnert. Er folgt seiner Sehnsucht, und zieht in die Ferne. Wandern: Ein typisches Motiv der Romantik, das die Sehnsucht nach dem Absoluten versinnbildlicht. 

Der Taugenichts - ein Abbild des mittelalterlichen fahrenden Gesellen - spielt Geige und überlässt sich diversen Genüssen und Liebeleien. Eine Zeit lang wird er sesshaft als Zolleinnehmer, sitzt da…

ZITATOR

im prächtigen roten Schlafrock mit gelben Punkten, 

SPRECHERIN

und raucht seine Pfeife. Er will finanziell für seine Zukunft vorsorgen: Ein Gedanke, den er schnell wieder verwirft. 

ZITATOR

Die Kartoffeln, und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten Blumen. 

SPRECHERIN

Und dann macht er sich wieder auf den Weg.  

ZUSPIELUNG 3:

Man könnte sagen, das ist fast eine Künstlererzählung, nur, dass der Taugenichts eben gar kein Künstler ist. Das heißt: alles wird ihm zur Kunst. Das Leben selber wird ihm zur Kunst. Er ist die poetische Existenz, die man realisieren will. (0:14) 

SPRECHERIN

Der Taugenichts heiratet am Ende seine große Liebe und bekommt obendrauf ein Schloss geschenkt.  

ZITATOR

(…) und von fern schallte immerfort Musik herüber, und Leuchkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten (…) - und es war alles, alles gut!

SPRECHERIN

Dass ideale Traumwelten und Realität auseinanderklaffen ist den Romantikern bewusst. Um das deutlich zu machen, greifen sie auf eine weitere Erfindung Schlegels zurück: Die romantische Ironie, die alles Gesagte in einem Schwebezustand belässt. Professor Begemann:

ZUSPIELUNG 4:

Die romantische Ironie ist das, was das Gesagte immer  relativiert und  zurücknimmt. Und immer deutlich macht: „Also, nehmt es nicht wörtlich!“ (0:11)   

SPRECHERIN

Ludwig Tieck ist ein Meister der romantischen Ironie. Er bringt das Spiel im Spiel auf die Bühne. In dem Stück „Der gestiefelte Kater“, in dem er den Theatergeschmack der Berliner Bildungsbürger aufs Korn nimmt, verschachtelt er mehrere Spielebenen ineinander: Die auf der Bühne von Schauspieler dargestellten, sich selbst als aufgeklärt bezeichnenden Zuschauer, lehnen das bevorstehenden Stück über eine Märchenfigur ab. Als sie ungehalten werden, muss sich der Autor, ebenfalls eine Figur im Stück, vor ihnen rechtfertigen.

ZITATOR

Ich wollte einen Versuch machen, durch Laune, wenn sie mir gelungen ist, (…) durch wirkliche Possen zu belustigen, da uns unsere neuen Stücke so selten zum Lachen Gelegenheit geben. 

SPRECHERIN

Der Autor ist permanent gezwungen, auf die Wünsche des Publikums einzugehen, dem eine „vernünftige Illusion“ fehlt.  Die Schauspieler fallen stets aus ihren Rollen und kommentieren die misslingende Aufführung. Was gehört nun zum Stück? Was ist Wirklichkeit? Wilhelm Tieck setzt hier das um, was Schlegel in der Theorie einfordert: Im Sinne der „Universalpoesie“ reflektiert die Literatur sich selbst. 

Und präsentiert sich augenzwinkernd als „nur Literatur“: Der Autor erhebt sich über sein Werk.  

SPRECHERIN

Die Romantiker gehen sehr ironisch mit der Kunst um. Die gleichzeitig einen sehr hohen sakralen Stellenwert einnimmt. Denn: Seit der Aufklärung und der Säkularisierung der Gesellschaft bietet der christliche Glaube nicht mehr ausreichend Halt.  

ZUSPIELUNG 5:

Wenn man zum Beispiel  an die Bilder von Caspar David Friedrich denkt, die Kirchenruinen, das ist auch der Zustand des Glaubens, der Zustand des Christentums, das ist eigentlich ruiniert. Und die Romantiker versuchen, dagegen wieder etwas, wie einen neuen Glauben, eine neue Mythologie zu setzen. (0:19) 

SPRECHERIN

Und sie erheben die Kunst zur Religion. Josef von Eichendorff über die Rolle des Dichters:

ZITATOR

Ihm ist's verlieh‘n, aus den verworrnen Tagen, 

Die um die andern sich wie Kerker dichten, 

Zum blauen Himmel sich emporzurichten, 

In Freudigkeit: Hier bin ich, Herr! zu sagen. 

ZUSPIELUNG 6:

Der Dichter wird enorm überhöht gegenüber den Wissenschaftlern, vor allem den Philistern, also  den Normalbürgern, die allein um ihren Lebensunterhalt herum kreisen, oder die rationalistisch an die Wirklichkeit herangehen, die auf die Ökonomie ausgerichtet sind. Und der Dichter ist der Einzige, der noch eine 

Ahnung davon hat, worum es eigentlich geht. Deswegen hat er einen besonderen  Zugang zu tieferen Quellen des Wissens und der Weisheit und stilisiert sich dann gerne als Seher und Prophet (0:34) 

MUSIK

ZITATOR

Wo keine Götter sind, walten die Gespenster. 

SPRECHERIN

Sagt Novalis. In den „Hymnen an die Nacht“, dem Inbegriff der todesverliebten, mystischen Romantik, arbeitet er ein persönliches, spirituelles Erlebnis auf. Die künstlerische Umsetzung verleiht ihm nach dem Tod seiner jungen Geliebten, der er kraft seines Willens „nachsterben“ wollte, einen neuen Lebensantrieb.

ZITATOR

Einst, da ich bitt‘re Tränen vergoß, da in Schmerz aufgelöst meine Hoffnung zerrann, und ich einsam stand am dürren Hügel (…)  

SPRECHERIN

In der dritten Hymne steht das lyrische Ich, eingehüllt in die Dunkelheit der Nacht, am Grab der Geliebten und betrauert ihren Tod. Friedhof, Grab, Einsamkeit und Liebesleid: Typisch Romantik.  

Die schmerzhafte Erfahrung wendet sich ins Positive, als sich das lyrische Ich seinen eigenen Tod,

ZITATOR

den Schlummer des Himmels, 

SPRECHERIN

imaginiert, und sich in der Vorstellung des Losgelöstseins vom Irdischen mit seiner Geliebten vereinigt. 

ZITATOR

An ihrem Halse weint‘ ich dem neuen Leben entzückende Tränen. 

SPRECHERIN

Das lyrische Ich gewinnt die Erkenntnis, dass am Ende des irdischen Lebens das ewige Bündnis mit seiner Geliebten stehen wird. 

ZITATOR

… seitdem fühl‘ ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte. 

SPRECHERIN

Die Nacht: Ein zentrales Thema der Romantik. Ihre Dunkelheit steht im Gegensatz zum Licht der Aufklärung. Sie ist ein Projektionsraum unerschöpflicher Phantasien. Josef von Eichendorff: 

ZITATOR

Es war, als hätt‘ der Himmel 

Die Erde still geküßt, 

Daß sie im Blütenschimmer 

Von ihm nun träumen müsst 

Die Luft ging durch die Felder

Die Ähren wogten sacht

Es rauschten leis die Wälder,

so sternklar war die Nacht. 

Und meine Seele spannte 

Weit ihre Flügel aus, 

Flog durch die stillen Lande, 

Als flöge sie nach Haus

MUSIK ENDET

SPRECHERIN

Nach Haus: Also zurück in den mythischen Zustand der Harmonie, das Ziel der romantischen Sehnsucht. Für den grundgläubigen Katholiken Eichendorff ist es die Rückkehr zu Gott. 

Nachdem sich der Jenaer Kreis nach kurzer Zeit zerstreut hat, gehen die Romantiker auf der Suche nach ihren Idealen unterschiedliche Wege. 

Sie konvertieren, wie Wilhelm Schlegel, zum Katholizismus, der traditionellen Form der Religion. Oder: Sie wenden sich der Vergangenheit zu, verklären das Mittelalter, erforschen die germanische Mythologie. Ludwig Tieck bearbeitet den Stoff der Nibelungensage. Clemens Brentano schreibt ein Gedicht über die Lore Lay – die Zauberin, 

ZITATOR

„so schön und feine“, 

SPRECHERIN 

die einer alten Legende nach mit ihrem Gesang Rheinschiffer ins Verderben stürzt.    

ZITATOR

Und brachte viel zu Schanden 

Der Männer rings umher, 

Aus ihren Liebesbanden 

War keine Rettung mehr.

SPRECHERIN

Andere Romantiker werden zu Patrioten. Während Napoleon das Land besetzt hält, suchen sie nach dem, was das deutsche Volk ausmacht. Die Gebrüder Grimm editieren ihre Sammlung von mündlich überlieferten Volksmärchen. 

Achim von Arnim und Clemens Brentano veröffentlichen die volkstümliche Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“. 

ZUSPIELUNG 7: 

Das hängt mit dem Außendruck zusammen, dass man versucht, etwas zu finden, was eine Gemeinsamkeit, ein Band stiftet gegenüber der napoleonischen Fremdherrschaft. Und das Volk wird da eine ein bisschen unbehaglich stimmende, mythisch verklärte Größe (0:19)

ZITATOR

Wir träumen von Reisen durch das Weltall: Ist denn das Weltall nicht in uns?  

SPRECHERIN

Fragt sich Novalis. In der Phase der Spätromantik, also ab etwa 1815, wird der Romantiker zum Seelenergründer. Zum Vorläufer des heutigen Psychoanalikers. Bergwerke, in denen das Innere erschürft wird, werden mit ihrer Symbolkraft zu einem beliebten Motiv.  

Der Jurist E.T.A. Hoffmann lebt in Berlin, wo sich in privaten Salons bürgerlich-adelige Intellektuelle versammeln. Tagsüber spricht er Recht. Danach widmet er sich dem Schreiben seiner schaurigen Geschichten.

MUSIK 

Im „Der Sandmann“ wird die volkstümliche Figur, die Träume schenkt, ins Schreckliche verzerrt: Der Sandmann streut den Kindern Sand in die Augen, damit sie ihnen aus dem Kopf herausspringen. Mit dieser Beute nährt der böse Kobold dann seine Jungen. 

Diese traumatisierende Vorstellung verfolgt den Protagonisten Nathanel sein leben lang. Er bringt sie mit dem Alchemisten, der ihn in seiner Kindheit misshandelt hat, in Verbindung. 

Später glaubt er diesen in der Figur eines Wetterglashändler zu erkennen und steigert sich dadurch immer mehr in eine Paranoia. Auf der Seite der Vernunft, des klaren Verstandes steht Clara, seine Verlobte. Sie hält seine Visionen für innere Bilder, die er nach außen verlegt.

MUSIK ENDET

ZUSPIELUNG 8:

Gespenstisch ist, das wir uns keinen Reim darauf machen können, was hier wirklich geschieht, hat er Recht, gibt es da einen geheimnisvollen Advokaten, Alchemisten, Wetterglashändler der sich sozusagen immer durch sein Leben  hindurchzieht? Oder hat Clara Recht, die sagt, das ist einfach ein Wahnsystem. Wir wissen es nicht. Das ist die Geburtstunde einer bestimmten Gattung der Literatur, nämlich der  phantastischen Literatur, die genau damit  spielen wird, dass wir als Leser nicht wissen: Woran sollen wir uns halten? Und das verwirrt unser Realitätsverständnis ganz erheblich. (0:38)   

SPRECHERIN 

Zu Nathanaels Pathologie gehört, dass er sich in die Automate Olimpia verliebt, künstliche Intelligenz, von Menschenhand erschaffen, wie Mary Shalleys Frankenstein. Eine für diese Epoche typische Auseinandersetzung mit dem mechanistischen Denken des Rationalismus und seinen Folgen. 

„Ach, ach!“ Das ist alles, was Olimpia sagen kann: Ein ideales Gegenüber für den narzistischen Helden. Seine Gedichte, die Clara nicht würdigt, finden offenbar Zuspruch bei seiner neuen Geliebten. Nathanael glaubt, dank seines „poetischen Gemüts“ als einziger ihr wahres Wesen zu erkennen.

ZITATOR  

Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der inneren Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der Aschauung des ewigen Jenseites. Doch für alles das habt ihr keinen Sinn und alles sind verlorne Worte.

SPRECHERIN

Eine doppelte Kritik: An den Philistern, die keinen Sinn für das Eigentliche haben. Und an dem sich selbst feiernden romantischen Künstler.  

E.T.A. Hoffmann zählt zu den letzten großen Dichtern der Romantik. Während diese Epoche in den 1830er Jahren allmählich verblasst, schreibt Josef von Eichendorff noch seine großen Gedichte. Gleichzeitig treten andere, zum Teil politisch motivierte Strömunge auf - Biedermeier, Junges Deutschland und Vormärz.  Heinrich Heine verfasst die polemische Schrift „Die romantische Schule“. Eine erste zusammenfassende Darstellung der Romantik. Und gleichzeitig: Ihr Verriss.  

ZITATOR

Das Fräulein stand am Meere 

Und seufzte lang und bang, 

Es rührte sie so sehre 

Der Sonnenuntergang. 

Mein Fräulein! sein sie munter, 

Das ist ein altes Stück; 

Hier vorne geht sie unter 

Und kehrt von hinten zurück.

SPRECHERIN

Wie Heine gehen auch andere Romantiker zu sich selber auf Distanz. Zum Beispiel Ludwig Tieck, eine der Gründungsfiguren der Romantik.  

ZUSPIELUNG 9:

Tieck hat in der frühen Erzählung „Der blonde Eckberg“   eine Formel der Romantik geprägt, das Wort „Waldeinsamkeit.“ 

MUSIK

Und das Wort findet sich in gefühlt 150 Texten der Romantik wieder, weil es genau so einen neuralgischen Punkt trifft: Der Wald, die Natur, die Dunkelheit. 

Und in seinen letzten Jahren als Schriftsteller, 1839, publiziert Tieck eine Erzählung, die heißt „Waldeinsamkeit.“ Und das geht davon aus, dass das Wort auf einmal in einer Immobilienanzeige erscheint: Ein schönes Haus mit angrenzender Waldeinsamkeit günstig zu verkaufen. Da ist die Romantik auf die Immobilienanzeige gekommen. 

Das ist der ultimative Verbrauch von einst ganz emphatisch besetzten romantischen Vokabeln, die jetzt einfach sich totgelaufen haben. Die in den  allgemeinen Wortschatz übergegangen sind. (0:58) 

MUSIK endet

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  • Agnes Heller - 'Du hast immer die Wahl!‘

    31.01.2024 · 24 Min.

    Verfolgt von den Nationalsozialisten, bedroht von den Kommunisten: Die ungarische Jüdin Agnes Heller hat sich zeitlebens als Philosophin der Freiheit und politische Kämpferin für Demokratie gesehen. Autorin: Daniela Remus (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Hemma Michel, Peter Veit Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Csaba Olay, Philosoph, Eötvös Loránd Universität Budapest; Dr. Ludger Hagedorn, Philosoph, Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien; Dr. Georg Hauptfeld, Historiker, Edition Konturen Verlag, Wien Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Literaturtipps: Heller, Agnes: Eine kurze Geschichte meiner Philosophie. Edition Konturen, Wien 2017. Hauptfeld, Georg: Der Wert des Zufalls. Agnes Heller über ihr Leben und ihre Zeit. Edition Konturen, Wien 2018. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo (Tagesschau Jingle dann Ausschnitt 2. Mai 1989) „Ungarn hat heute damit begonnen, die seit 40 Jahren zu Österreich bestehenden Grenzbefestigungen abzubauen. Auf mehreren Kilometern wurden elektrische Signalanlagen demontiert und Stacheldraht niedergerissen.” MUSIK 1: Z8035223303 John Frizell: Frank’s Parents 0‘37 Sprecherin: Am 2. Mai 1989 beginnt Ungarn als erstes osteuropäisches Land, den sogenannten ‚Eisernen Vorhang‘, Stück für Stück zu öffnen. Was danach folgt ist allgemein bekannt: Tausende Flüchtlinge verlassen über Ungarn die DDR. Nach und nach löst sich ein Land nach dem anderen aus der sowjetischen Umklammerung. Freies Umherreisen zwischen Ost und West ist wieder möglich. Und davon machen auch viele Emigranten Gebrauch, die Jahrzehnte vorher in den Westen geflohen waren. So wie die ungarische Philosophin Agnes Heller. Take 1 (O-Ton Hagedorn) Sie liebte das Land, sie liebte die Sprache. Ich bin eine ungarische Jüdin und ich liebe die ungarische Sprache! Ist der Satz, den sie immer wieder gesagt hat, das war wichtig für sie. MUSIK 2: Z8035223304 John Frizell: The Blackouts 0‘37 Sprecherin: Agnes Heller kehrt voller Freude und Enthusiasmus nach jahrzehntelangem Exil zurück nach Ungarn, erzählt Ludger Hagedorn, Mitarbeiter am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Und begleitet in den kommenden Jahrzehnten kritisch und meinungsstark die Entwicklung der ungarischen Gesellschaft. Für viele Intellektuelle wird sie so zur Grande Dame der ungarischen Philosophie, für viele Konservative und Rechte dagegen wird sie eine verhasste politische Kommentatorin. Take 2 (O-Ton A. Heller) Das ist meine wichtigste Geschichte, die einzige kontinuierliche Geschichte, ich habe sehr viele Geschichten, ich kann schreiben die Geschichte meiner politischen Engagements, die Geschichte meiner Lieben, sehr viele Geschichten hat man doch … Sprecherin: Erzählt Agnes Heller 2017 in einem Interview mit Ludger Hagedorn im Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Take 3 (O-Ton A. Heller) Aber das ist die einzige kontinuierliche Geschichte, das ist meine Lebensgeschichte, das ist wichtigste Sache in meinem Leben, dass ich eine Philosophin geworden bin und auch geblieben bin! MUSIK 3: ZE002570106 Bela Bartok (Corinna Simon): Spottlied 0‘20 Sprecherin: 1929 wird Agnes Heller in Budapest geboren, als Tochter assimilierter jüdischer Eltern. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Hutmacherin. Kultur, deutsche und ungarische Literatur, Philosophie und Musik sind wichtig im Hause Heller, auch wenn es der Familie finanziell nicht besonders gut geht. Agnes Heller ist ein wissbegieriges Kind, spricht und liest Deutsch und Ungarisch, schreibt Geschichten und diskutiert mit ihrem Vater stundenlang über Politik, schreibt sie in ihren Erinnerungen Der Wert des Zufalls: Zitatorin: „Meine Kindheit war sehr glücklich, meine Eltern verstanden sich wunderbar. Wir waren wirklich arm, es kam vor, dass wir kein Mittagessen hatten. Gehen lernte ich sehr langsam, als ich ein Jahr alt war, konnte ich noch immer nicht richtig laufen. Sprechen konnte ich schon mit neun Monaten, und seither habe ich damit nicht mehr aufgehört.” (S. 11 Zufall) MUSIK 4: Z803522330 John Frizell: Edgewood Arsenal 0‘35 Sprecherin: Ungarn ist damals ein wirtschaftlich erschöpftes und politisch zerstrittenes Land: Nach dem Ersten Weltkrieg, den es an der Seite von Österreich verloren hat, sind rund zwei Drittel seines Territoriums durch die Friedensverträge verloren. Millionen von Ungarn leben in den angrenzenden Ländern. Die kommunistische Räterepublik wird von einer rechten Regierung abgelöst, die diese Folgen rückgängig machen will und sich deshalb mit den Nationalsozialisten verbündet. Atmo (Musik aus Wochenschau G0028030Z00 Deutsch Wochenschau-Fanfaren von 1945) Sprecherin: Aber das Bündnis endet 1944. Weil die Ungarn, die, Zitat „ jüdische Frage” nicht im Sinne der Nationalsozialisten lösen, marschiert die Wehrmacht ins Land. Agnes Heller, mittlerweile 15 Jahre alt, lebt mit ihrer Familie im Budapester Ghetto, als der Vater von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert wird. Dort stirbt er Anfang 1945. Agnes und ihre Mutter sollen mitten in Budapest am Ufer der Donau mit Tausenden anderer ungarischer Juden erschossen werden. Aber durch glückliche Umstände und Zufälle, gelingt ihr gemeinsam mit ihrer Mutter die Flucht - und das Überleben bis zum Eintreffen der Roten Armee. MUSIK 5: R0103330W01 Bela Bartok: Bilder aus Ungarn für Orchester, Sz 97 0‘39 Sprecherin: Nach der Befreiung engagiert sich Agnes Heller zunächst bei den Zionisten, wo sie István Hermann kennen- und lieben lernt. 1948 wird sie ihn mit 19 Jahren heiraten. Kurz davor hat sie begonnen in Budapest Chemie und Physik zu studieren. Aber nachdem sie durch ihren späteren Ehemann eine Philosophievorlesung gehört hat, wech¬selt sie begeistert zur Philosophie. Ihr Lehrer und Mentor ist der ungarische Marxist und Philosoph György oder Georg Lukács. Zitatorin: „Zu jener Zeit war ich noch nicht ganz bei mir, eher ein philosophischer Embryo. Als achtzehnjährige Universitätsstudentin schrieb ich Seminararbeiten unter anderem über Kant, Hegel und Spinoza. Zum Glück sind sie nicht erhalten.” (S. 16 Philosophie) Sprecherin: So selbstironisch beschreibt Agnes Heller Jahrzehnte später in Eine kleine Geschichte meiner Philosophie ihren Einstieg in die Welt der Philosophie, die sie durch György Lukács kennenlernt. Zitatorin: „Seine Schülerin zu werden war das größte Glück meines Lebens. Ohne ihn wäre ich nie Philosophin geworden, sondern wäre bei meinem ursprünglichen Vorhaben geblieben, Chemie zu studieren.” (S. 17 Philosophie) Sprecherin: Agnes Heller ist, wie viele ihrer Zeitgenossen in ganz Europa, zutiefst davon überzeugt, dass der Kommunismus die richtige Antwort auf die Erfahrung des Holocaust und der nationalsozialistischen Ver¬wüstung Europas ist. Take 4 (O-Ton Heller) Wir lebten nach dem Krieg in einer Illusion, wir wollten doch die Erlösung. Nach diesem Krieg mit unseren Erlebnissen, ob es der Holocaust war oder nur der Zweite Weltkrieg gewesen war, wir hatten unsere Toten, wir hatten unsere Wunden. Alle von uns wollten die Erlösung, alle! MUSIK 6: Z9358598008 Moby: Scream Pilots 0‘35 Sprecherin: Aber die Hoffnung auf Erlösung durch den Kommunismus nach marxistisch-leninistischem Vorbild hält nicht lange an. Und als 1956 die Rote Armee die ungarische Revolution mit Panzern blutig niedergewalzt, werden auch Intellektuelle wie Lukács und Heller, die sich den Demonstranten und Reformern angeschlossen hatten, verhört, kurzfristig verhaftet, aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und als Universitätsdozenten entlassen. Säuberungen durchziehen das Land, viele Demonstranten werden zum Tode verurteilt. Agnes Heller verliert ihre Stelle als Assistentin von Lukács und muss fünf Jahre lang als Lehrerin an einer Schule arbeiten. In dieser Zeit geht auch ihre Ehe mit István Hermann in die Brüche. Der Vater ihrer Tochter Zsuzsa, die 1952 geboren wird, plädiert dafür, sich mit dem Regime zu arrangieren. Für Agnes Heller unmöglich. Nicht nur politisch geht sie einen anderen Weg, auch privat: Sie lernt ihren zweiten Ehemann, den Historiker Ferenc Fehér kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod zusammenlebt. 1963 heiraten sie, 1964 wird ihr Sohn György geboren. Take 5 (O-Ton Hauptfeld) Ich seh es so, dass sie von großen idealistischen Hoffnungen der Revolution 1956 Schritt für Schritt von einem orthodoxen Marxismus weggegangen ist, dann in den 70er Jahren noch gehofft hat, dass eine neue Linke eine bessere Art von Marxismus entwickeln kann und sich dann in den späten 80er und 90er Jahren sich endgültig davon verabschiedet hat. Sprecherin. So zeichnet Georg Hauptfeld, Geschäftsführer des Verlags Edition Konturen in Wien, der seit Jahren die Bücher von Agnes Heller publiziert, ihren intellektuellen Werdegang skizzenhaft nach. Als die ungarische Regierung in den 60er Jahren Lukács und auch Agnes Heller rehabilitiert, geht sie zurück an die Universität und wird Teil der sogenannten ‚Budapester Schule‘, bis heute die einflussreichste Strömung ungarischer Philosophen. Take 6 (O-Ton Olay) Die Budapester Schule ist eine Schule bestehend aus den engeren Schülern von Georg Lukács, der wichtigste Philosoph ungarischer Abstammung ist, und Lukács selber hat (…) vier Denker als die Budapester Schule bezeichnet, das ist Agnes Heller, Michael Vajda, der zweite Ehemann von Heller Ferenc Fehér und György Márkus. Sprecherin: Erklärt Csaba Olay, Professor für Philosophie an der Eötvös Loránd Universität in Budapest. Take 7 (O-Ton Olay) Diese Leute, alle geboren in den 20er und 30er sammelten sich um Lucács herum und bemühten sich um eine Renaissance des Marxismus. (…) Es war ganz klar, dass diese Formel Renaissance des Marxismus und Rückkehr zu den Quellen gegen einen starren Stalinismus gerichtet war, aber was das theoretisch bedeuten sollte, das war viel weniger deutlich. MUSIK 7: Z8035223312 John Frizell: Laurel Canyon 0‘30 Sprecherin: Das Eintreten für eine Renaissance des Marxismus, das Suchen nach Reformen ohne das linke Gesellschaftsmodell völlig aufzugeben, hatte keine Chance in Ungarn. Genauso wenig wie in den anderen Ostblock-Staaten zur Zeit des Kalten Kriegs. Die Intellektuellen der Budapester Schule wurden zu Dissidenten im eigenen Land, mit Publikations- und Lehrverboten. Schließlich konnte Agnes Heller emigrieren, 1977 nach Australien, wo sie eine Professur für Soziologie innehatte, knapp zehn Jahre später erhielt sie einen Ruf auf den Lehrstuhl von Hannah-Arendt in New York. MUSIKENDE Sprecherin: Das Denken von Agnes Heller war und ist untrennbar verwoben mit ihrer Biographie: Als Jüdin von den Nationalsozialisten verfolgt, als abweichende Denkerin zur Dissidentin in Ungarn geworden, ein Star der Neuen Linken in Westeuropa und den USA. Und in ihren späten Jahren die Ikone der Demokraten gegen die europa- und demokratiefeindliche Politik Viktor Orbans. Diese gegensätzlichen Erfahrungen haben ihr philosophisches Denken grund¬legend geprägt, so Csaba Olay: Take 8 (O-Ton Olay) Ich würde das so auf den Punkt bringen, dass wir zwei Hauptthemen bei Agnes Heller finden: Einmal die Ethik, in einem weiten Sinne (…) und zum zweiten die Theorie der Moderne. (…) Und man kann sagen, dass die tragische Erfahrung des Holocaust und des real existierenden Sozialismus eben beide Fragen motivieren können. Und Agnes Heller hat selber kurz und bündig ihr Denken so charakterisiert: Sie suchte Antworten auf die Katastrophen ihres Jahrhunderts! Sprecherin: Und das heißt, sie wollte diese Katastrophen des 20. Jahrhunderts verstehen, sagt Ludger Hagedorn: Take 9 (O-Ton Hagedorn) Verstehen heißt für sie, einen Umgang damit finden, Erklärungen zu finden, vor allem Erklärungen zu finden, wie solche Systeme funktionieren konnten, nicht aber, wie sie immer gesagt hat, die Menschen, die daran beteiligt waren, zu hassen. Sprecherin: Das Feld, auf dem sie diese totalitären Systeme intellektuell durchdringen und verstehen wollte, waren die philosophischen Teildisziplinen Ethik und Moral¬philosophie. In drei Bänden hat Agnes Heller ihre Überlegungen dazu ausgearbeitet. Take 10 (O-Ton Heller) Im ersten Buch beschäftige ich mich mit den Traditionen ethischer Themen, mit Absichten und Konsequenzen, was man in Frage stellen kann, was ist gut was ist böse usw. Im zweiten Buch, (…) was in den verschiedenen Situationen ein Vorbild tat oder tun kann und im dritten Buch, das ist Ethik der Persönlichkeit. Sprecherin: Der Philosoph Csaba Olay, der zehn Jahre lang mit ihr in Budapest an der Universität zusammengearbeitet hat, ordnet Hellers Ansatz philosophiehistorisch so ein: Take 11 (O- Ton Olay) Es ist keine politische Ethik oder keine Ethik für überindividuelle Entitäten oder Größen. Und es ist auch ein weiteres Verständnis von moralischen Phänomenen, in dem Sinne, dass sich Heller nicht nur fragt, was ist (…) das Grundprinzip der Ethik, sondern auch solche Fragen stellt, wie ethische Forderungen in ein gutes, gelingendes Leben einpassen? Wie man ein gerechter Mensch wird? Sprecherin: Dreh- und Angelpunkt in Hellers Philosophie ist der Begriff der Freiheit. Nach Hellers Lesart bedeutet Freiheit, sich zu entscheiden und frei zu wählen. Und zwar als existentielle Möglichkeit zu handeln, die jedem Menschen zukommt, unabhängig von Bildung, Herkunft oder Geschlecht. Jede und jeder hat immer die Wahl! Davon ist die Philosophin überzeugt, selbst in Umständen und Situationen, die äußerlich unfrei erscheinen. Als Beispiel verweist sie auf ihre eigene Erfahrung: Als sie 1944 am Ufer der Donau steht, darauf wartend von den ungarischen Faschisten erschossen zu werden, habe sie sich entschieden, kurz vor ihrer Erschießung in die Donau zu springen. Eine solche Entscheidung treffen zu können, mache die individuelle Freiheit aus, selbst in Unfreiheit. MUSIK 8: Z8035223304 John Frizell: The Blackouts 0‘29 Sprecherin: Aber Agnes Heller hat diesen Freiheitsbegriff nicht zum Bestandteil eines philosophischen Systems gemacht, wie es beispielsweise Spinoza, Kant oder Hegel getan haben. Komplexe und v.a. systematische Theoriegebäude hat sie abgelehnt, sie führten zwangsläufig zu einem totalitaristischen Anspruch, so ihr Vorbehalt, erklärt Philosoph Ludger Hagedorn, vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Take 12 (O-Ton Hagedorn) Das ist für sie ein Impuls, der ein philosophischer Impuls gewesen ist, sich nicht einem -ismus zu verschreiben. Sie hatte ja große Schwierigkeiten mit den -ismen hat sie immer gesagt, sogar mit dem Feminismus, der ihr von allen vielleicht noch der sympathischste war und der Humanismus auch. Selbst diese -ismen wollte sie nicht unterschreiben. Wenn du in einem -ismus bist, dann musst du alles unterschreiben oder alles glauben, was die Menschen glauben, die in einem -ismus sind, so hat sie das öfter formuliert. MUSIK 9: Z8035223321 John Frizell: Fake It 0‘53 Sprecherin: Aber nicht nur Hellers Skepsis gegenüber allumfassenden Welt¬er-klärungssystemen hat dazu geführt, dass sie ihr Denken nicht als philosophisches System angelegt hat, sondern auch die Tatsache, dass sie jegliche Art von Metaphysik ablehnte. Eine Welt hinter der sinnlich Erfahrbaren anzunehmen und damit die letzten Fragen nach Sinn und Zweck des menschlichen Lebens beantworten zu können, verneinte sie. Zitatorin: „Gewöhnlich verlassen sich Philosophen bei der Ausarbeitung ihrer Systeme auf eine Grundlage, ein Fundament, auf unbezweifelbare Prinzipien, zum Beispiel den höchsten Gott oder die höchste Wahrheit, und demonstrieren daran ihren Entwurf. Der Trick dabei ist, dass da Ergebnis der Demonstration bereits vorausgesetzt wird, bevor das Verfahren beginnt. ” (S. 80 Philosophie) Sprecherin: Und deshalb sei sie zu der Einsicht gelangt, dass moderne Philosophinnen und Philosophen diesen grundlegenden Welterklärungsansatz nicht mehr erfüllen könnten. Selbst von ihrem Lieblingsphilosophen Immanuel Kant hat sie sich in dieser Hinsicht deutlich distanziert: Take 13 (O-Ton Heller) Ich bin doch ein moderner Mensch, moderne Frau das heißt Metaphysik kann ich nicht annehmen. Dass es zwei verschiedene Welten sind, die Welt der Natur und die Welt der Freiheit, das kann man heute nicht mehr annehmen, das tut mir leid, Kant konnte es annehmen wir können es nicht! Sprecherin: Und das bedeutet, die Kantische Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, vollkommen ernst zu nehmen so ihr Verleger Georg Hauptfeld. Und zwar individuell, auf allen Ebenen des mensch-lichen Zusammenlebens. Take 14 (O-Ton Hauptfeld) Es gibt bei ihr keinen Bezug außerhalb dieser Welt, es gibt da keinen Gott, den man fragen kann, wie man handeln soll, sondern man muss sich das unbedingt selber fragen. Sprecherin: Das bedeutet für Agnes Heller aber nicht, dass alles beliebig ist, dass jedes Verhalten gleichermaßen zu rechtfertigen sei. Oder, dass es lediglich subjektive Wahrheiten geben könnte. Im Gegenteil, so der Budapester Philosoph Csaba Olay, Agnes Heller hat sehr konkrete Vorstellungen davon, was den einzelnen Menschen zu einem gerechten und guten Menschen macht. Take 15 (O-Ton Olay) Die Auszeichnung eines guten Menschen liegt in der existentiellen Selbstwahl. Es liegt darin, dass jemand sich entschließt, ein guter, ein gerechter Mensch zu werden, und das ist das Konzept, was Agnes Heller im Anschluss an Kierkegaard (…) ausführt. Sprecherin: Jeder Mensch könne sich entscheiden, ob er gut oder böse sein wolle. Dazu bedürfe es keiner theoretischen Erkenntnisse, sondern vielmehr einer ethisch-moralischen Praxis das Gute tun zu wollen, so Agnes Heller: Take 16 (O-Ton Heller) Es gibt gute Menschen in allen Gesellschaften und auf diesen guten Menschen stütze ich meine Ethik. MUSIK 10: CD603370024 Polish Military Orchestra: National Anthem Of Hungary 0‘23 Zitatorin: „Der Fall des Eisernen Vorhangs erfüllte mich mit Freude. Endlich änderte sich das Antlitz der Welt, die Eiszeit, die mein Leben viel zu lang geprägt hatte war vorbei. Wir fühlten uns auf der Seite der Wahrheit gegen ein System voller Lügen und Verfälschung der Realität.” (S. 171 Zufall) Sprecherin: 1989 macht Ungarn als erstes osteuropäisches Land seine Grenzen nach Westen auf und beschleunigt damit den Niedergang der sowjetischen Herrschaft über Osteuropa. MUSIK 11: Z8035223306 John Frizell: Studio Z 0‘36 Agnes Heller nutzt diese Möglichkeit und reist neugierig nach Ungarn, das erste Mal seit ihrer Emigration nach Australien. Und ist voller Hoffnung und Vorfreude, weil sie davon überzeugt ist, dass ihr Heimatland jetzt endlich demokratisch, frei und rechtsstaatlich werde. Heller sucht in Budapest eine Wohnung, bekommt eine Stelle als Philosophieprofessorin an der Eötvös Loránd Universität in Budapest und pendelt in den nächsten 20 Jahren zwischen ihrer Professur in New York und der in Budapest hin und her. 2009 zieht sie komplett nach Budapest und begleitet dort meinungsstark und furchtlos die politische Entwicklung Ungarns und Europas. Zitatorin: „Die Regierungen nach der Systemwende und auch wir glaubten, das größte Bedürfnis der Menschen sei die Freiheit, sei ein Rechtsstaat, es würde genügen, liberal-demokratische Institutionen zu schaffen. Doch den Menschen war Wohlstand wichtiger als Demokratie. Sie hatten keine Ahnung, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand hätten nehmen können. Das Ergebnis war Orbán und der Orbánismus.” (S. 173, Zufall) Sprecherin: In Ungarn machte sie sich dadurch viele Feinde, vor allem seit Viktor Orbán dort das Sagen hatte. Take 17 (O-Ton Hagedorn) Agnes Heller war eine Symbolfigur in Ungarn auch gerade im Ungarn der letzten 15-20 Jahre, hatte häufig auch unter politischen Angriffen und Attacken zu leiden und hat versucht, sie weitestgehend zu ignorieren, denen nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Sprecherin: Agnes Heller wurde antisemitisch verunglimpft, nicht nur privat, sondern auch auf den Titelseiten der regierungsnahen Tageszeitung. Man warf ihr vor, korrupt zu sein und beschimpfte sie als vom Ausland finanzierte Kritikerin der Regierung. Aber Agnes Heller, mittlerweile über 80 Jahre alt, ließ sich nicht einschüchtern. Sie lebte unverdrossen weiter in Budapest, gab Interviews, lehrte an der Universität, reiste auf Kongresse, hielt Vorträge, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und lud einmal pro Monat in ein Szene-Restaurant im jüdischen Viertel, um über Philosophie und Politik zu diskutieren. Take 18 (O-Ton Olay) Zusammenfassend würde ich sagen, dass sie eine sehr liebenswürdige Person war, unbestreitbar war und ist sie die international am meisten bekannte Philosophin von Ungarn, das ist eine Tatsache, mit Büchern, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden, das ist einfach nicht zu leugnen. Sprecherin: Alle, die sie kennenlernen durften, wie Csaba Olay, waren von ihrer Energie, ihrem Mut und ihrer gedanklichen Schnelligkeit, selbst im hohen Alter, maximal beeindruckt. Auch Ludger Hagedorn: Take 19 (O-Ton Hagedorn) Das hat Agnes Heller ganz deutlich ausgezeichnet, diese Distanz, die sie zu ihrem eigenen Denken immer hatte. Und die sie auch geschafft hat glaubhaft zu machen, gerade auch in Gesprächen, wenn man ihr begegnet ist, das hatte immer so einen Witz und eine Schnelligkeit, eine Verve, mit der sie das artikuliert hat, dass man gesehen hat, wie ernst ihr das war und dass ihr das auch gelungen ist diese Distanz zu sich selber zu haben. Sprecherin: Dennoch ist Agnes Heller mit ihrer Philosophie, die sie immer wieder selbstkritisch hinterfragt, revidiert und verändert hat, in der intel¬lek-tuellen Welt weitaus weniger präsent, als mit ihrem politischen Denken. Georg Hauptfeld, ihr Wiener Verleger, ist der Ansicht, dass sie unterschätzt wird, eben deshalb, weil sie die herkömmlichen Spielregeln der akademischen Philosophie nicht wirklich eingehalten habe: Take 20 (O-Ton Hauptfeld) Sie war in der akademischen Welt in vieler Hinsicht ein Quer- und Andersdenkender, die nicht wirklich akzeptiert wurde in vielen akademischen Kreisen. Und sie hat auch andererseits viele Philosophen nicht sehr geschätzt, Habermas, Foucault und Derrida waren für sie ganz große Philosophen, aber sonst war sie in der akademischen Welt nicht wirklich akzeptiert. MUSIK 12: Z8035223320 John Frizell: Frank’s Business Perspective 0‘32 Sprecherin: Zeit ihres Lebens ging Agnes Heller jeden Morgen Schwimmen. So auch am 19. Juli 2019. Die mittlerweile 90jährige Philosophin verbrachte den Sommer am Balaton, dem Plattensee, schwamm auf den See und kehrte nicht zurück. Take 21 (O-Ton Hauptfeld) Das letzte, was man von ihr weiß, ist, dass sie zu ihrer Freundin, die gesagt hat sie will umkehren, gesagt hat, das Wasser ist heute so schön, ich schwimme noch eine Weile. MUSIKENDE

  • Der Weltraum und wir - Vom Aufbruch der Menschen ins All

    30.01.2024 · 22 Min.

    Weltraum-Reiseberichte gibt es seit Jahrtausenden. Was früher reine Fiktion war, ist mittlerweile oft real. Wie hat sich das Verhältnis von uns Menschen zum Weltraum entwickelt und wie weit reicht unser Blick ins All mittlerweile? Von Christian Schiffer (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Christian Schiffer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Christian Baumann und Sven Hussock Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Bayerisches Feuilleton Wie bedeutend ist Bayern als Weltraummacht? Ist in der bayerischen Seele praktisch schon angelegt, dass man stets nach unendlichen Weiten strebt? Commander Söder ist beileibe nicht der erste Bayer, der mit Bavaria One ins All will... Bayern im Weltraum: Von Raketenschlitten, Perry Rhodan und Bavaria One HIER entdecken Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Die römische Legion - Waffe und Integrationsmaschine

    29.01.2024 · 23 Min.

    Die Legionen Roms waren Jahrhunderte lang die gefürchtetste Armee der Welt. Doch die Legionäre waren mehr als nur Soldaten. Sie brachten auch kulturellen, technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Autor: Robert Grantner (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Robert Grantner Regie: Axel Wostry Es sprachen: Julia Fischerz, Johannes Hitzelberger Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Oliver Stoll, Universität Passau Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN: Die römischen Legionen. Bis heute eilt ihnen ihr Ruf voraus: die größte Militärmacht, die die Welt je gesehen hat. Eine perfekt abgestimmte Einheit, taktisch flexibel und intensiv ausgebildet für den Kampf. Schlacht um Schlacht ringen sie ihre Gegner nieder, walzen sich förmlich über sie hinweg. Es sind die Legionäre, die das Imperium Romanum überhaupt erst möglich machen und über Jahrhunderte seine Einheit sichern. Doch für Professor Oliver Stoll von der Universität Passau waren die römischen Legionen weit mehr, als nur das. O-Ton Prof. Oliver Stoll Eigenartigerweise sieht man häufig nur das Militärische und die scheinbar perfekte Maschine, die da funktioniert, aber es ist schon so, dass die Soldaten einen großen Teil ihres Lebens nicht im Krieg verbracht haben und dass es da ganz viele eigentlich eher zivile Tätigkeiten gegeben hat, die von ihnen ausgeführt worden sind. Und das ist auch ein gutes Zeichen dafür, wie hoch das Potenzial dieser Militäreinheiten gewesen ist auch als Kulturträger! Oder als Faktor, der zu einer langfristigen Veränderung in den Provinzen beigetragen hat. ERZÄHLERIN: Viele Legionäre sind nicht nur Soldaten. Es gibt unter ihnen eine große Anzahl an Spezialisten. Sie sind befreit vom täglichen Militärdienst in den Lagern und zuständig für die unterschiedlichsten Berufe. Der Jurist Tarruntenus Paternus schreibt im zweiten Jahrhundert: ZITATOR „Der Status gewisser Leute garantiert ihnen Befreiung von beschwerlichen Tätigkeiten; in diese Kategorie gehören Feldmesser […] Erdarbeiter für den Grabenbau, Hufschmiede, Architekten, Schiffssteuerleute, Schiffbauer […] Glasmacher, Schmiede, […] Bronzearbeiter, Helmmacher, Wagenbauer, Schindelmacher, Schwertschmiede, Wasserbautechniker, […] Klempner, Grobschmiede, Maurer, Kalkbrenner, Holzfäller und Köhler[…]“ O-Ton Prof. Oliver Stoll Also die Liste geht unendlich weiter. Man sieht daran, wie vielfältig die Beschäftigungsmöglichkeiten waren. Und das Militär ist in dieser Hinsicht eine Art technische Kaderschmiede gewesen, denn es gab auch Auszubildende, die in diesen Berufen im Militär ausgebildet worden sind. ERZÄHLERIN: Das Ergebnis dieser Kaderschmiede ist ein perfekt funktionierendes Imperium, das sich in seiner Hochphase über drei Kontinente erstreckt. Es sind nicht zuletzt die Legionäre, die diesen Siegeszug auch durch ihre technischen Fähigkeiten und durch administrative Tätigkeiten möglich machen. Denn in den einzelnen Provinzen ist dafür relativ wenig ziviles Personal vorhanden. Und so leisten die Soldaten auch Schreibarbeiten, kümmern sich um die innere Sicherheit, oder fungieren als eine Art Wirtschaftspolizei, die Zölle und Tribute erhebt und eintreibt. Wie weitreichend diese Tätigkeiten sein konnten, zeigen Dienstpläne, die in Form von Papyri erhalten geblieben sind. O-Ton Prof. Oliver Stoll Wir haben einen Dienstplan einer Einheit die in Mösia stationiert gewesen ist, Provinz im heutigen Bulgarien. Diese Einheit hat Leute weggeschickt, die in Gallien, also im heutigen Frankreich, Kleidung zu besorgen hatten, oder Pferde. Oder sie waren in Mienen oder Steinbrüchen als Aufsichtspersonal unterwegs. Also eine beträchtliche Menge der Leute waren unterwegs, oder sie mussten Latrinen putzen, oder die Thermenanlage putzen, oder die Rüstung des Zenturio aufpolieren. Also all das ist in verschiedensten Dienstplänen abzulesen. Und man bekommt einen lebhaften Eindruck, wie das Leben ausgeschaut hat. ERZÄHLERIN: Reisen über so weite Strecken sind möglich, weil das Straßennetz im Imperium Romanum auf für uns kaum vorstellbare Art und Weise ausgebaut ist. Mehr als 100.000 Kilometer Straße verbinden abgelegenste Provinzen miteinander und machen einen Austausch in vielerlei Hinsicht möglich. Bei dieser infrastrukturellen Durchdringung der Provinzen spielt das Militär eine entscheidende Rolle. O-Ton Prof. Oliver Stoll Als Bauherren sozusagen, denn die Legionen haben im Auftrag der Kaiser Straßen gebaut, aber nicht nur Straßen, sondern alles, was dazu gehört. Also auch Brücken, Aquädukte, also die ganzen technischen Anlagen sind von Legionären gebaut worden. ERZÄHLERIN: Dazu ein Zitat von Cassius Dio aus dem Buch „Der Adler Roms - Carnuntum und die Armee der Cäsaren“, herausgegeben vom Archäologischen Museum Carnuntinum: ZITATOR „Die Flüsse werden von den Römern ohne große Mühe überblickt, da die Soldaten ständig das Brückenbauen üben wie sonst eine Kriegsmaßnahme, sowohl an der Donau, am Rhein als auch am Euphrat.“ ERZÄHLERIN: Diese hervorragende Ausbildung der Legionäre bleibt auch den Feinden nicht verborgen. Um sich dieses enorme technische Wissen anzueignen und für die eigenen Völker nutzbar zu machen, werden immer wieder römische Soldaten gezielt entführt. Ärzte, Handwerker, Architekten, Bauern – sie alle werden systematisch gejagt, um sie in der eigenen infrastrukturellen Entwicklung zu nutzen. MUSIK ERZÄHLERIN: Römischen Soldaten reisten weit. Sie sind keineswegs stets an einem Ort stationiert, sondern durchlaufen in ihrer Karriere oft viele verschiedene Einsatzgebiete. So wie Lukius Numerius Felix, ein Zenturio, der unter anderem in Regensburg stationiert war. Doch bei weitem nicht nur, wie eine Grabinschrift, die seine Frau ihm zu Ehren setzen ließ, im spanischen Tarragona belegt. O-Ton Prof. Oliver Stoll Und dieser Lukius Numerus Felix war eben zuletzt Zenturio in der siebten Legion, das ist die, die in Spanien stationiert war. Aber vorher in Britannien, in Bosra in Syrien, in Mainz und dann eben, als allererster Posten, den er gehabt hat, war er Zenturio in der Legio Tertia Italica, also die dritte italienische Legion. Das ist die Regensburger Hauslegion. ERZÄHLERIN: Im Imperium Romanum ist also das Militär der Hauptfaktor für Mobilität und Migration. Und damit verbunden auch für den Austausch unterschiedlichster Kulturen und Völker. In der Provinz Rätien, die große Teile des heutigen Bayern umschloss, sind ca. 12 bis 15 Tausend Mann stationiert. Während die Legionäre, beispielsweise die, die in Regensburg stehen, größtenteils aus Italien kommen, gilt das für den großen Teil der Hilfstruppen, der sogenannten Auxilien, nicht. Sie kommen oft aus ganz unterschiedlichen Regionen des Imperium Romanum. O-Ton Prof. Oliver Stoll Kultureller Schmelztiegel Militär ist auf jeden Fall richtig. Wir haben in Bayern, also Rätien, Truppeneinheiten aus Syrien, Straubing, wir haben Batawa, die aus dem Niederrheingebiet kommen, Daker, die aus dem heutigen Bulgarien kommen – also ein buntes Gemisch von Soldaten, die durch den Militärdienst einerseits so eine gemeinsame Identität bekommen. ERZÄHLERIN: Vor Ort kommt es zu einem regen Austausch zwischen den römischen Soldaten, den Hilfstruppen und den Einheimischen. Auch, was die zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft – mit Konsequenzen sogar bis heute. Zum Beispiel in Straubing: O-Ton Prof. Oliver Stoll Da gibt es eine sogenannte Kanatena Kohorte, die ab dem frühen 2. Jahrhundert stationiert gewesen ist. Kanatena ist das heutige Kanawat in Syrien, die sind dort ursprünglich dort rekrutiert worden. Syrische Truppen sind häufig Spezialisten für Bogenschützeneinheiten, manchmal auch beritten. Und die waren in dem Fall eben auch lange Zeit in Straubing stationiert. Sodass man fast davon ausgehen kann, dass der ein oder andere Straubinger syrisches Blut in sich hat. ERZÄHLERIN: Und das, obwohl die Soldaten rein militärrechtlich gar nicht in der Lage sind, eine Familie zu gründen. Bis in das dritte Jahrhundert hinein herrscht nämlich ein Heiratsverbot für die normalen Soldaten, d.h. man muss bei einer Dienstzeit von 20-25 Jahren auf eine reguläre Ehe verzichten. O-Ton Prof. Oliver Stoll Man konnte natürlich nicht davon ausgehen, dass die 25 Jahre zölibatär leben. Das wäre fern der Realität gewesen, aber die durften eben keine rechtmäßigen Ehen führen, sondern nur Konkubinate. Wo kamen die Frauen her? Zum Teil haben die Männer sie aus ihren Regionen mitgebracht, zum Teil haben sie sie vor Ort kennengelernt und zum Teil sind die Frauen auch mitgezogen aus vorher innegehabten Provinzen. MUSIK ERZÄHLERIN: Um die Kastelle der Römer herum bilden sich schnell große Zivilsiedlungen, wo die Familien der Soldaten lebten, aber auch die einheimische Bevölkerung, mit der ein reger Austausch besteht. Und Soldaten haben Geld. An drei Tagen im Jahr wird ausgezahlt: jeweils 75 Dinare, eine beträchtliche Summe für die damalige Zeit, wobei ein Teil davon als Spareinlage bei der Einheit verbleibt; auch werden Abzüge vom Sold vorgenommen: für Ausrüstung, Essen, religiöse Feste, oder Kleidung. Aber es bleibt genügend übrig, um die Soldaten zu einem Motor für die heimische Wirtschaft zu machen. Langfristig floriert die gesamte Region um das Lager herum. Alleine die Versorgung des Militärs muss gesichert werden – eine Legion benötigte ca. 2500 Tonnen Getreide pro Jahr . Das geht nur mit einer hochmodernen Landwirtschaft und entsprechendem Handelswesen, so Oliver Stoll von der Universität Passau. O-Ton Prof. Oliver Stoll Interprovinziell hat da sicherlich ein Handel stattgefunden, aber eben auch über den Limes hinaus! Denn Getreide ist mit Sicherheit auch hier im Donauraum mit den im Vorlimesraum siedelnden Germanen verhandelt worden. Wir wissen zum Beispiel, dass die Hermanduren, ein romfreundlicher Stamm, über die Donau kommen durfte, um bis nach Augsburg hinein Handel zu betreiben. Und die haben eben auch Getreide und Landwirtschaftsprodukte verkauft. ERZÄHLERIN: Der Handel in den Siedlungen um die Kastelle herum beinhaltet auch Waren von weit her. Pfeffer, Kürbisse und sogar Melonen. Rückschlüsse über die Ernährung der Soldaten in den Lagern liefern vor allem Latrinen. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, echte Fundgruben. So belegt die Analyse von Ausgrabungsfunden aus einer Latrine im ehemaligen Kastell Alphen aan den Rijn in Holland eine ganz erstaunliche Produktvielfalt, die der Ausscheider zu sich genommen hat. Bei paläobotanischen Untersuchungen stellt sich heraus, dass der Zenturio – natürlich weitaus wohlhabender als der normale Soldat – unter anderem Oliven, Feigen, Trauben und sogar Pfirsiche gegessen hat. Selbst exotische Südfrüchte werden also über weite Strecken hinweg transportiert. O-Ton Prof. Oliver Stoll Natürlich sind auch diese landwirtschaftlichen Produkte Kulturerbe. Man braucht nur an den Wein zu denken, aber auch viele Kräuter, die uns geblieben sind, wie Mangold, Portulak, Dill, Koriander, Sellerie, Walnuss und Esskastanie, Karotten und Pastinaken. Und nicht zu vergessen auch der Spargel beispielsweise, der von den Römer mitgebracht worden ist bzw. hier heimisch gemacht worden ist. ERZÄHLERIN: Vergleicht man beispielsweise tierische Knochenfunde aus der Zeit der Römer sowohl mit Funden aus vorrömischer Zeit als auch mit solchen aus dem Mittelalter, dann stellt man fest, dass die Rinder und Pferde der Römer weitaus größer waren. O-Ton Prof. Oliver Stoll In manchen Gegenden ist die Größe römischer Rinder erst wieder mit Einführung der künstlichen Besamung erreicht worden. Und das ist ja bekanntermaßen noch nicht lange her,das man das wieder eingeführt hat. ERZÄHLERIN: Neueste Funde aus Regensburg-Großprüfening legen sogar nahe, dass die römischen Soldaten auch den Grundstein für den Siegeszug des bayerischen Bieres gelegt haben könnten. Dort wurde eine Darrenanlage ausgegraben, wo man Spelzgetreide hinbrachte, um es vom Spelz zu trennen und zu rösten. Zusammen mit der gefundenen Brunnenanlage wird das Ganze als die vielleicht erste Brauerei Bayerns interpretiert. Besondere Bierliebhaber waren die Bataver, die in Weißenburg und wohl auch in Passau stationiert waren. O-Ton Prof. Oliver Stoll Die tranken nicht so gerne Wein, sondern Bier! Und wir haben auch da Zeugnisse aus England, wo die auch stationiert waren, ein Brief eines Decurio an seinen Kommandanten: bitte schick uns doch Bier! Uns ist das Bier ausgegangen! Und hier haben wir doch relativ zunehmend Belege dafür, dass diese germanischen Einheiten möglicherwiese auch bei uns hier getrunken und produziert haben und vielleicht auch eine Rolle dabei spielen, dass das Bier heute so stark ist in Bayern, wie es heute ebenso ist. ERZÄHLERIN: Zeit, um das gebraute Bier oder auch den Wein zu trinken, bleibt den Soldaten relativ wenig. Zwar sind Kampfhandlungen eher die Ausnahme, dafür wird aber umso mehr trainiert und geübt. Die Qualität dieser militärischen Großmacht hängt sicherlich zu einem großen Teil mit ihrer ständigen Aus- und Weiterbildung zusammen. Wer also nicht gerade anderweitigen Dienst zu tun hat, der übt Fechten oder Speerwerfen, baut Übungslager oder tut vor allem eines immer wieder: Marschieren! Marschieren spielt eine große Rolle im römischen Militär. 25km in voller Ausrüstung, d.h. mit 30 bis 40 kg sind keine Seltenheit. Und mindestens zweimal im Monat wird eine große Marschübung durchgeführt. Auch um die neuen Rekruten in den verschiedenen Marschformationen zu schulen und sie damit auf mögliche Einsätze vorzubereiten. O-Ton Prof. Oliver Stoll Die römischen Legionäre und Auxiliare waren körperlich fit in der Regel. Natürlich bringt der Dienst Gefahren mit, auch in der Ausbildung kann man sich die Knochen brechen. Es gibt einen Brief aus Ägypten, wo ein Soldat seinem Vater schreibt, er habe sich solange nicht melden können, weil die ganze Einheit eine Fischvergiftung gehabt hätte. Also das gibt es auch. Aber die medizinische Versorgung im Militär war hervorragend, weil die Soldaten ein wertvolles Gut waren. Und in der Antike gab es wohl nirgends so ein gut organisiertes Sanitätswesen wie im römischen Militär. Man kann sagen, dass die ersten Krankenhäuser Europas im Umfeld der römischen Legionslager entstehen. ERZÄHLERIN: Viele Arztbestecke aus der Antike sind fast eins zu eins noch heute im Einsatz: Skalpelle, Knochenheber, Knochenhammer oder Venenklemmen. Es geht darum, die wertvollen römischen Soldaten so lange wie möglich dienstfähig zu erhalten. So wird unter Kaiser Augustus das Sanitätswesen fest in die Berufsarmee integriert. Es gibt Ärzte, oft Griechen, aber auch Sanitäter, die die Verwundeten direkt auf dem Feld behandeln können. ERZÄHLERIN: Auch auf die Hygiene wird im römischen Militär sehr geachtet. Die Thermenanlagen, die meist ziemlich bald nach Errichtung eines neuen Kastells erbaut werden, spielen dabei eine große Rolle. Bad Gögging, Wiesbaden oder Baden Baden waren alle einst solche Badeanlagen für die römischen Soldaten. Aber auch Wasserklos tragen dazu bei, dass Infektionskrankheiten eingedämmt werden. MUSIK ERZÄHLERIN: Ein zentrales Thema für die Soldaten des römischen Militärs ist die Religion. Die Einsätze sind gefährlich, nur etwa die Hälfte erlebt nach der Dienstzeit den Veteranenstatus, und so sucht man den Schutz der Götter. Und davon gibt es viele. Nicht nur die berühmten 12 Staatsgottheiten Jupiter, Juno, Minerva, Vesta, Ceres, Diana, Venus, Mars, Mercurius, Neptun, Vulcanus oder Apollo. Die Religion des römischen Heeres ist ein komplexes Gebilde: Zum einen gibt es die offizielle und streng reglementierte Heeresreligion, mit dem für alle verbindlichen Kaiserkult und den zu verehrenden Staatsgöttern. Daneben gibt es aber auch militärische Kultphänomene, die sich speziell aus den Bedürfnissen der Soldaten entwickelt haben, wie die Verehrung der eigenen Standarte. Zum anderen gibt es aber auch die erstaunlich vielfältige Privatreligion jedes einzelnen Soldaten. Dazu Oliver Stoll von der Universität Passau. O-Ton Prof. Oliver Stoll Jeder Soldat konnte grundsätzlich den Gott verehren, der ihm genehm war, von dem er sich Schutz erhofft hat. Und das hat er auch getan. Das waren zum Teil mitgebrachte Gottheiten aus der Heimat oder einem vorherigen Dienstort. Oder es waren Götter von vor Ort, oder Götter die er an einem besonderen Dienstort brauchte, zum Beispiel die Steinmetze haben gerne Herkules angerufen, weil er der Schutzgott der Steinmetze war. Oder Benefiziarier haben auch gern Jupiter angerufen, oder Merkur, den Gott der Kaufleute. ERZÄHLERIN: Diese Religionsfreiheit zeugt von einer großen Toleranz gegenüber anderen Kulturen und deren Bräuchen, Sitten und Kulten. Das Militär ist auch hier wieder ein Kulturträger. So überrascht es nicht, dass sich die Religionen vor Ort in den Provinzen vermischen. Ein Zeugnis dafür wurde bei Ausgrabungen in Regensburg-Ziegetsdorf entdeckt. Der dort gefundene Tempel ist schon in seiner Bauweise eine Besonderheit. Er ist nämlich nicht nach römischer Bauart konzipiert, sondern nach gallorömischer Art. Seine architektonischen Wurzeln liegen also in Frankreich und sind keltisch. Doch nicht nur die Architektur, sondern auch die Ausstattung dieses Tempels zeugt von einer multikulturellen und multireligiösen Nutzung. O-Ton Prof. Oliver Stoll Man sieht, wo die Leute überall hergekommen sind, die in so einem Heiligtum diesen Gott verehrt haben. Und dann sieht man, dass da die Soldaten einen Gott verehren, der mit dem Namen Merkur versehen wird, der aber vielleicht bei den Einheimischen ganz anders geheißen hat. Das ist die sogenannte Interpretatio Romana, also die Römer interpretieren auch die einheimischen Götter mit ihren eigenen, um sich eine Vorstellung zu machen. Ob die jetzt richtig ist oder nicht. Also auch die Tempelanlagen, die Kultanlagen sind multikulturelle Schmelztiegel, an denen wir Leute verschiedenster Herkunft fassen können. ERZÄHLERIN: Religionskriege, wie wir sie später erleben, sind der Antike fremd. Doch die Toleranz der Römer hat eine klare Grenze: O-Ton Prof. Oliver Stoll Wenn man nicht bereit ist für den Kaiser zu opfern. Das konnten die Römer nicht verstehen, dass man das nicht tut. Also bei allen das einende Element, das von absoluter Bedeutung gewesen ist: der Kaiserkult. Das ist ein Punkt, wo die Toleranz dann aufhört. ERZÄHLERIN: Besonders deutlich tritt dieser Konflikt zum Vorschein, als eine neue Religion entsteht, deren Anhänger sich weigern einen anderen Gott als den ihrigen zu ehren: das Christentum. MUSIK Etwa dreihundert Jahre nach Christus beginnt der langsame Verfall der römischen Legionen. Es finden sich nicht mehr genügend römische Bürger, die sich als Legionäre rekrutieren lassen, und so sind die Kaiser wie Diokletian oder Konstantin gezwungen ausländische Söldner anzumieten. Der innere Zusammenhalt nimmt ab, bald schon wird das Wort „Barbar“ als Synonym für „Soldat“ benutzt. Zwar sind diese Barbaren auch gute Soldaten, doch sie sind bei weitem nicht so loyal gegenüber Rom wie es die ursprünglichen Legionäre waren. Der Niedergang des Imperiums spiegelt sich auch in seinem Militär: Als Rom eines Tages geplündert wird, sind unter den Eindringlingen auch etliche Barbaren, die Jahre zuvor noch in der römischen Legion gedient haben. MUSIK

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