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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Sepsis - Wenn jede Minute zählt

13.09.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Infektionskrankheiten und äußere Wunden können eine Sepsis hervorrufen. Weltweit stirbt sogar alle 4 Sekunden ein Mensch an einer solchen Blutvergiftung. Und auch in Deutschland ist sie die dritthäufigste Todesursache. Aber sie gehört dennoch zu den am wenigsten bekannten Krankheiten. Von Daniela Remus (BR 2022)

Credits:
Autorin dieser Folge: Daniela Remus
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Rahel Comtesse, Constanze Fennel
Technik: Winfried Messmer
Redaktion: Matthias Eggert

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Linktipps zum Weiterlesen:

Literaturtipp:

  • Konrad Reinhart (Hrsg)
    Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge der Sepsis, Thieme Verlag 2010

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  • Der tropische Regenwald - Bedrohter Klimapuffer

    14.09.2025 · 23 Min.

    Der Dschungel braucht Hilfe! Denn die Menschheit zerstört das einzigartige Ökosystem und seine enorme Artenvielfalt. Durch illegale Abholzung, Minen- und Staudammbau, Plantagen- und Weidewirtschaft. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2020) Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Christian Baumann, Jörg Puls, Julia Cortis, Johannes Hitzelberger Technik: Fabian Zweck Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Feuer weltweit - Der "normale" Ausnahmezustand JETZT ANHÖREN Tipping Points in der Klimakrise - Es gibt kein zurück JETZT ANHÖREN Kampf gegen Klimawandel - Warum tut sich der Mensch so schwer? JETZT ANHÖREN Das Volk der Yanomami - Ihr Kampf ums Überleben JETZT ANHÖREN Interviewpartner/innen dieser Folge: Prof. Dr. Anja Rammig, Biologin, TU München Rita Mamallacta, Quechua, Ecuador Angel Fernandez, Geologe, Nationalpark La Gomera Diego Restrepo, Minenarbeiter, Kolumbien Chris Kaiser, Bedandtree.com Chris Rials-Seitz, Umweltaktivistin, Ecuador Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

  • Schrittweise frei - Die jüdische Bevölkerung Bayerns im 19 Jahrhundert

    12.09.2025 · 21 Min.

    Jahrhundertelang war die jüdische Bevölkerung in Bayern benachteiligt. Mit der Aufklärung wurde die Diskriminierung schrittweise beseitigt, bis mit der Reichsgründung 1871 die Emanzipation abgeschlossen war - vor dem Gesetz, jedoch noch lange nicht in den Köpfen. Von Julia Devlin Credits: Autorin: Julia Devlin Regie: Anja Scheifinger Sprecher:innen: Hemma Michel, Christian Baumann Redaktion: Thomas Morawetz Interviews: Dr. Julia Schneidawind, Ludwig-Maximilians-Universität München Literatur (Beispiele): - Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin 2019 - ausführliches wissenschaftliches Standardwerk. - Michael Brenner, Sabine Ullmann: Die Juden in Schwaben. München 2013 - interessante regionale Studie zu Schwaben, das zum bedeutendsten jüdischen Siedlungsgebiet Deutschlands gehörte. - Michael Brenner, Daniela Eisenstein: Die Juden in Franken. München 2013 - seit dem 11. Jahrhundert lebten Juden in Franken, weshalb sich dort eine vielfältige jüdische Kulturtradition entwickelte. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Weiterführende Links: Das Judentum im 19. Jahrhundert in Bayern Sabine Ullmann, Judentum (19. Jahrhundert), publiziert am 23.05.2023; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Judentum_(19._Jahrhundert)> Jüdisches Leben in Bayern https://hdbg.eu/juedisches_leben/ Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Bayern um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Eine Umbruchzeit, die stark von der Aufklärung geprägt wurde. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, diese Forderungen der französischen Revolution verhallten auch in Bayern nicht ungehört. Freiheit, seine Religion auszuüben, Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, Brüderlichkeit als gesellschaftliche Teilhabe für Alle. Auch für eine Minderheit, die bisher in Bayern nur in Ausnahmefällen geduldet war: die Juden. Sprecherin Die Wittelsbacher hatten jahrhundertelang keine Juden in ihren Landen geduldet. Im 15. Jahrhundert war diese religiöse Minderheit aus Alt-Bayern vertrieben worden. Nur in wenigen Fällen wurden Ausnahmen gemacht. Hoffaktoren beispielsweise, die den Herrschenden nützlich waren, wurden geduldet. Nun rüttelte nicht nur die Aufklärung an dieser Haltung, sondern Bayern gewann darüber hinaus bis 1815 große Territorien in Franken und Schwaben hinzu. Und damit auch jüdische Untertanen. Denn nachdem sie im späten Mittelalter aus den Städten vertrieben worden waren, hatten sich Juden häufig im ländlichen fränkischen und schwäbischen Bereich niedergelassen und hier Gemeinden gegründet. Diese Gebiete fallen nun an das Königreich Bayern. Dort hat zu diesem Zeitpunkt Maximilian von Montgelas großen Einfluss. Schneidawind O-Ton 1 3:57 Die sogenannten Montgelas'schen Reformen, die eben auch das sogenannte Juden Edikt von Achtzehnhundertdreizehn, die sind sehr stark gekennzeichnet, eben auch von diesem Gedanken, ja, Juden so, sofern sie sich nützlich machen für den Staat, können wir überlegen, ihnen schrittweise Zugeständnisse zu machen und ihnen auch mehr Rechte einzuräumen. Jetzt muss man natürlich dazu sagen, dass dieses Judenedikt von Achtzehnhundertdreizehn eben stark von diesen Nützlichkeitsgedanken geprägt war und also natürlich, also gerade für das Gebiet Altbayerns, also auch der jüdischen Gemeinde Münchens durchaus Vorteile hatte, einfach weil es sozusagen eine erstmal so eine gewisse Form der Rechtssicherheit mit sich brachte. Also es war erstmals geregelt, gewisse wirtschaftliche Einschränkungen wurden aufgehoben, man durfte sich, wenn man gewisse Voraussetzungen erfüllt, auch mit diesem sogenannten Matrikeleintrag niederlassen. Sprecher Dr. Julia Schneidawind ist Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der erwähnte Maximilian von Montgelas war der umtriebige und einflussreiche Modernisierer im Ministerium von König Maximilian. Sprecherin Das "Edikt über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche Baiern", das Montgelas federführend gestaltete, garantierte freie Religionsausübung und Rechtssicherheit, hob die alten Berufsverbote auf, verpflichtete die jüdischen Kinder zum Schulbesuch und die jungen Männer zum Militärdienst, ermöglichte ihnen höhere Bildungswege. Erste Schritte zur Integration waren damit getan. Doch der Staat wollte weiterhin die Kontrolle behalten, und so wurde mit dem Edikt gleichzeitig die Anzahl der jüdischen Familien in Ortschaften und Städten begrenzt. Sprecher In Verzeichnissen, sogenannten Matrikeln, erfasste die örtliche Polizeibehörde die jüdischen Mitbürger, und wenn die streng festgelegte Zahl erreicht war, durfte niemand mehr zuziehen. Dies war in Alt-Bayern weniger ein Problem als in den neu-bayerischen Gebieten, Schwaben und Franken. Julia Schneidawind: Schneidawind O-Ton 3 7:29 Gerade dieses Gebiet ist sehr stark davon betroffen, weil man eben unter diesen Obergrenzen sich nicht niederlassen konnte, wo man wollte und vor allem auch nicht dort bleiben konnte, wo man vielleicht sehr lange war, sondern man musste sich anders orientieren... Sprecherin Das bedeutete, dass in Schwaben und in Franken Jüdinnen und Juden wegziehen mussten. Eine Art, dieses Problem zu lösen, war durch Wegheiraten. Schneidawind O-Ton 4a 37.27 Ich denke innerhalb der Familien gab es schon so ne gewisse Praxis, dass der älteste Sohn dann praktisch den Hof übernimmt, oder was auch immer eben da war … Sprecherin Juden, die im Viehhandel oder als Metzger tätig waren, durften regional in kleinem Umfang Land besitzen oder pachten. Schneidawind O-Ton 4b … und dann die Jüngeren, die hat man dann vor allem versucht über Heiratspolitik anderweitig unterzubringen und da musste man auf diese Netzwerke auch zurückgreifen und da gab es ja auch so was wie Heiratsvermittlung, was jetzt nichts mit Zwangsehe zu tun hat, sondern da gab es Personen, die sozusagen da irgendwie auf dem Schirm hatten, wer ist gerade im Alter, wer sucht gerade? Und dann gab es da wirklich so Netzwerke, wo man versucht hat, auch über Familienbanden natürlich zu gucken, wo können wir XY am besten unterbringen und das ist natürlich mit sehr viel Unsicherheit und ja, auch Problemen in der Lebenswirklichkeit verbunden war, das ist auf jeden Fall so. Sprecher Zusätzlich kam es zu einer großen Auswanderungswelle. Über 11.000 jüdische Menschen aus Franken und Schwaben suchten ein besseres Leben in Übersee. Viele von ihnen wurden sehr erfolgreich. Denn sie hatten ja dank des „Judenediktes“ bereits eine Schul- und Berufsausbildung absolviert und konnten sich in den USA als freie und gleichberechtigte Bürger eine Existenz aufbauen.

  • Modernes Hebräisch - Wie aus der Sakralsprache Ivrit wurde

    11.09.2025 · 24 Min.

    Hebräisch ist eine der ältesten und gleichzeitig jüngsten Sprachen der Welt. Über Jahrhunderte als Sakralsprache verwendet, wird sie im 19.Jahrhundert als alltäglichen Umgangssprache wieder belebt. Modernes Hebräisch: Wie aus der Sakralsprache Ivrit wurde. Autorin: Ulrike Beck Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Jerzy May Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Michael Brenner, Historiker, Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München; Daphna Uriel, Dozentin für Modernes Hebräisch am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: CUT - Das Silvester, das uns verfolgt | ARD Audiothek In diesem Podcast gehen wir auf eine Reise: Von 2015 bis Heute. Und sehen: Diese Nacht hat einen Riss in der Gesellschaft hinterlassen. Damals wurden mehr als 600 Frauen Opfer von sexuellen Straftaten. Die Täter: Meist Männer aus Nordafrika. Dieses Täterprofil hat Debatten über Integration, Flucht und Sicherheit verändert. Bis heute. Was haben wir in Sachen Migration und Asyl gelernt, ignoriert und verpasst seit der Kölner Silvesternacht 2015? Wir reden über Ängste und Angstmacher, Täter und Opfer, die AfD und über ein kleines Dorf in der Eifel, Marmagen. Wir hören die Geschichten derer, die von der Nacht nicht losgelassen werden. So wie uns alle die Silvesternacht 2015 bis heute nicht loslässt. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik: C1028320014 Kol Nidrei 1‘12 Zitator Wenn Moses heute zurückkäme und um ein Stück Brot bäte, verstünde man ihn. Erzählerin Das behauptet David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident des 1948 gegründeten Staates Israel. Musikakzent Erzähler Hebräisch ist im Laufe des 1.Jahrtausends v. Chr. entstanden - als Sprache, in der die heiligen Schriften des Judentums verfasst wurden. Bis heute ist das Hebräische die globale liturgische Sprache für das Judentum geblieben, die Sprache fürs Gebet. Erzählerin Dass diese Sprache als lebendige Sprache die Jahrtausende überdauern wird und erfolgreich ins alltägliche Leben zurückgeholt wird, danach sieht es ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus nicht aus. Denn nachdem die Römer Jerusalem und den Zweiten Tempel bereits zerstört hatten, verhängt 135 n.Chr. Kaiser Hadrian ein Ansiedlungsverbot für Juden in Jerusalem. Erzähler Damit beginnt die Zeit des Exils, in der Juden auf der ganzen Welt verstreut leben. Fast zweitausend Jahre lang spricht niemand mehr hebräisch, um ein Brot zu kaufen oder sich zu unterhalten. Erzählerin Dennoch stirbt die Sprache nicht aus, sondern wird als Mittelhebräisch von gebildeten Juden weiterhin benutzt. Wie der Historiker Michael Brenner erklärt. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München: 1.O-Ton (Brenner ab 2:16) Hebräisch war eine Sprache, die im Alltag durchaus vorhanden war, aber eben zum einen im Gebet und zum anderen im Studium. (…) Und so muss man sich vorstellen, dass viele Juden über viele Jahrhunderte hinweg - und das betrifft vor allem die Männer, weil die studiert haben - durchaus mit dem Hebräischen vertraut waren. Und das sieht man auch daran, dass sich auch im Mittelalter manchmal Juden, die auf der einen Seite in Ägypten und dann in Polen lebten oder sagen wir mal in Deutschland lebten, dass die sich auch Geschäftsbriefe auf Hebräisch schreiben konnten. Wenn das die einzige Sprache war, die sie miteinander verband. Erzähler In der Zeit der Diaspora beginnen Juden in den jeweiligen Ländern des Exils neue Sprachen zu entwickeln. Die bekannteste davon ist Jiddisch. 2.O-Ton (Brenner ab ca. 5:00) Das heißt, der Großteil der Juden etwa um 1900 sprach Jiddisch, denn die meisten Juden lebten in Osteuropa. Ihre Wurzeln waren aber in Deutschland, und man nahm sozusagen bei der Vertreibung aus den deutschen Territorien am Ende des Mittelalters zu Beginn der Neuzeit die deutsche Sprache mit. Aber sie blieb auf dem Stand des etwa vierzehnten, fünfzehnten Jahrhunderts stehen und entwickelte sich weiter, aber mit dem eben Einsprengseln Hebräisch und slawische Sprachen, sodass die jiddische Sprache entstand, die auch in hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Erzählerin Ähnlich ist es mit den Juden, die am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aus Spanien und Portugal vertrieben werden und sich in Nordafrika, in der heutigen Türkei oder auf dem Balkan niederlassen. Auch sie entwickeln eine eigene Sprache: das Judäo-Spanisch bzw. Ladino. Musik: Z8015143113 Julitschka 1‘07 Erzähler Die Idee, die hebräische Sprache neu zu beleben, entsteht in der Zeit der Aufklärung. Bereits 1771 beginnt der deutsch-jüdische Philosoph Moses Mendelssohn in Berlin, die Psalmen und die fünf Bücher Mose ins Deutsche zu übersetzen. Erzählerin Mendelssohn besteht darauf, dass seine Übersetzung der Tora ab 1780 auch in hebräischen Buchstaben gedruckt und ausführlich auf Hebräisch kommentiert wird. Wenige Jahre später legen Mendelssohns Schüler den Grundstein für eine säkulare Dichtung auf Hebräisch. Indem sie die erste kontinuierlich erscheinende Zeitschrift gründen, die unter dem Titel „Hameassef“, „Der Sammler“ in Berlin und Königsberg erscheint. Musikakzent Erzähler Dass Hebräisch nicht nur die Zweit- oder Drittsprache von gebildeten jüdischen Männern bleibt, das macht sich der Sprachwissenschaftler Eliezer Ben Yehuda ein Jahrhundert später zur Lebensaufgabe. Er gilt als der Vater des modernen Hebräisch, dem Ivrit. Musikakzent Erzählerin 1858 im russischen Zarenreich, im heutigen Litauen als Eliezer Perlman geboren, begeistert er sich schon während seiner Schulzeit für jüdische Aufklärungsliteratur. Die er auf Hebräisch liest. Bald benennt er sich um in Eliezer Ben Yehuda. Neben seiner Liebe zur jüdischen Literatur und Sprache begeistert ihn der aufkommende Zionismus. Erzähler Also der jüdische Nationalismus, der davon ausgeht, dass die Juden nicht nur eine religiöse Gemeinschaft sind, sondern auch eine politische. Und insofern genau wie andere Völker auch den Anspruch haben, einen eigenen Staat zu bilden. Erzählerin Die Frage nach einer eigenen Nation wird 1881 nach dem Attentat auf den russischen Zaren Alexander II. existentiell. Denn die Schuld an dem Attentat wird „den Juden“ angelastet. In der Folge kommt es ab 1881 zu einer Welle von Pogromen in Russland und Polen. Musik: C1028320025 Der jiddische Fidler 0‘33 Erzähler Eliezer Ben-Yehuda ist einer der ersten von rund 30.000 osteuropäischen Juden, die wegen der antisemitischen Übergriffe in Russland und Polen mit der sogenannten ersten Aliyah nach Palästina auswandern. Erzählerin 1881 verlässt er Russland und lässt sich in Jerusalem nieder. Angetrieben von seinem Ziel: Ivrit, also ein modernes Hebräisch, als Umgangssprache für das Leben in einem neuen säkularen jüdischen Staat zu etablieren. 3.O-Ton (Brenner ab 6:16) Eliezer Ben Yehuda war ein Hebräisch Enthusiast und ein früher Zionist, der sagte: Wir sollten uns in unserer alten Heimat wieder ansiedeln, vor allem auch, weil wir dazu gezwungen werden aufgrund des Antisemitismus, der Pogrome in Russland. Und der sagte wir brauchen auch unsere alte Sprache wieder. Und zwar nicht nur als Sprache fürs Studium und als Sprache für das Gebet, sondern als gesprochene Sprache. Und er machte sich daran, ein hebräisches Lexikon zu schreiben und die hebräische Sprache in dem Sinn wiederzubeleben, dass er eben Ausdrücke kreierte, die im modernen Hebräisch nicht existierten. Denn viele Begriffe des neunzehnten Jahrhunderts existierten natürlich in der Bibel und demnach im biblischen Hebräisch nicht. Also musste man diese Begriffe neu schaffen und diese Sprache wiederbeleben als Alltagssprache. Erzähler Ben-Yehudar macht sich in Jerusalem an die Aufgabe, mit Ivrit eine Sprache zu schaffen, die sich einerseits in Schriftbild und Morphologie am biblischen Hebräisch orientiert und für die gleichzeitig ein zeitgemäßes Vokabular kreiert werden muss, damit sie überhaupt als Alltagssprache taugt. 4.O-Ton (Brenner 7:42) Ja, das war gar nicht so einfach, denn so ein richtiges Beispiel dafür gab es nicht. Sodass er erstmal versuchte, aus den existierenden Worten - im Hebräischen zum Beispiel haben die Verben jeweils eine Wortwurzel, die meistens aus drei Buchstaben besteht - dass er versuchte, aus diesen bestehenden Wurzeln neue Worte zu schaffen. Und das andere war, dass er dann in manchen Fällen eben auch versuchte, aus europäischen Sprachbeständen - Deutsch, Französisch, Englisch auch wiederum neue Worte zu schaffen. Und so entstand also ein neues Vokabular - einmal aufbauend auf dem alten biblischen Hebräisch und auf der anderen Seite aufbauend, auf modernen europäischen Sprachen. Musik: Z8015897108 Kirkja 0‘25 Erzählerin Es entstehen Vokabeln wie „sabon“ für Seife, das vom französischen „savon“ kommt. Oder iton, in dem das deutsche Wort Zeitung steckt, weil das hebräische „et“ übersetzt Zeit bedeutet. Im Laufe der Jahre werden zig Lehnwörter fester Bestandteil des Ivrit-Vokabulars. Erzähler Darunter auch viele deutsche, wie Daphna Uriel ausführt. Sie ist Dozentin für Modernes Hebräisch und unterrichtet Studierende am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der LMU München. 5.O-Ton (Uriel ab 26:51) Vor allem in Disziplinen wie Architektur, Bau, Maschinen. Wir haben Kugellager, wir haben Installator (…) wir haben Zimmer bis heute ist genutzt „Zimmer frei“. (…) Es gibt Schilder mit Zimmer frei - das schreibt man auf Hebräisch. Es gibt Schalter, Stecker, alle diese Sachen sagen wir auf Hebräisch. Erzählerin Und Vokabeln, die bis heute in der hebräischen Verbform durchkonjugiert werden, wie Michael Brenner veranschaulicht: 6.O-Ton (Brenner ab ca. 9:00) Zum Beispiel das Wort Spritzen also mit Wasser spritzen. Also Le ha spritz, hu Spratz und so weiter kommt alles von Spritzen aber wird dann hebräisch durchkonjugiert. Und es gibt natürlich auch Worte wie Fernseher, der erstmal wörtlich übersetzt wurde wie im Deutschen auch. Aber was die Leute verwenden - heute und seit vielen Jahrzehnten - ist der englische Begriff Televizija - also kein Mensch, sagt Fernseher, auf Hebräisch übersetzt. Erzähler 1881 sind längst nicht alle diese Worte Bestandteil des Ivrit-Vokabulars, denn Ben-Yehuda muss die Sprache erst erschaffen, die sich so schnell wie möglich als alltagstauglich etablieren soll. Um dieses Ziel schneller zu erreichen, benutzt er seine Familie als Übungsfeld. Erzählerin Die Devise im Hause Ben-Yehuda lautet: Rak Ivrit - nur Hebräisch. Seiner Familie mutet er damit sehr viel zu, denn außer ihnen spricht zu dieser Zeit niemand Hebräisch auf der Straße. Michael Brenner: 7.O-Ton (Brenner ab 11:18) Sein Sohn hat Memoiren veröffentlicht, geschrieben, und da spricht er unter anderem darüber, wie er als Kind von seinem Vater angehalten wurde, er dürfe nur Hebräisch sprechen. Nun hatte der arme Junge aber keine anderen Kinder, mit denen er Hebräisch sprechen konnte. Und auch mit der Mutter, also im Haushalt, dürfte nur Hebräisch gesprochen werden. Aber es gab noch nicht für alles Worte. Der Vater kreierte sozusagen gerade das hebräische Wörterbuch, und die Mutter sagte dann manchmal so Sätze wie ja, bring mir das und gibt mir das. Und ich gebe dir das, weil sie nicht wusste, was die Worte dafür waren. Musik: C1028320020 Doina 0‘21 Erzähler Ben-Yehudas ältester Sohn Ben-Zion, der sich später Itamar Ben-Avi nennt, gilt als das erste Kind, dass nach fast 2000 Jahren wieder mit Hebräisch als Muttersprache aufgewachsen ist. Wenn auch zu einem hohen Preis für die ganze Familie. Daphna Uriel: 8.O-Ton (Daphna ab ca. 11:40) Die wurden aus der Gemeinde in Jerusalem ausgeschlossen, weil die Gemeinde in Jerusalem war orthodox. Und die Orthodoxen meinten man dürfe kein Hebräisch sprechen, weil das ist die heilige Sprache, das ist nicht für Alltag gemeint. Ich denke, er wurde berühmt, auch weil er so ein Fanatiker war. Aber auch wegen seiner zweiten Frau. Das war die Schwester seiner ersten Frau. Sie kam aus Russland und die war richtig die Motor hinter ihm. Die war eine sehr starke Frau, hat viele Spende gesammelt, damit er konnte einfach setzen und das Wörterbuch schreiben. Erzählerin 1891 stirbt Ben-Yehudas erste Frau Debora an Tuberkulose. Kurz darauf heiratet Eliezer Deboras Schwester Paula. Eine jüdische Journalistin und Autorin, die sich in Jerusalem angekommen Hemda nennt. Musikak: C1028320024 Kinneret 0‘59 Erzähler Trotz aller Anfeindungen und Schicksalsschläge arbeitet Ben-Yehuda unermüdlich weiter an seinem Ziel, in Palästina eine säkulare jüdische Nation zu errichten, in deren Mittelpunkt die hebräische Sprache steht. Nach seiner Überzeugung die einzige Sprache, die alle Juden emotional und historisch miteinander verbindet. Erzählerin Er gibt Zeitungen in modernem Hebräisch heraus, gründet die Akademie für hebräische Sprache und arbeitet fieberhaft an seinem Gesamtwörterbuch der hebräischen Sprache, dessen erste sechs Bände 1910 erscheinen. Erzähler Er schafft die theoretischen Grundlagen für ein neues Hebräisch, das bis auf seine Familie und wenige andere aber praktisch niemand in Palästina spricht. Das bedeutet, dass er die jüdische Bevölkerung in Palästina dazu bringen muss, Ivrit zu lernen, um sich bald in dieser Sprache zu verständigen. Doch wie soll das gehen? Michael Brenner: 9.O-Ton (Brenner ab 15:06) Ja, das war kein einfaches Unternehmen. Und der Begründer der zionistischen politischen Bewegung, Theodor Herzl, war selber kein Anhänger der Wiederbelebung des Hebräischen. (…) Er sagte: Ja, wir können ja nicht mal ein Bahnticket in hebräischer Sprache kaufen. Wie sollen wir denn Hebräisch im Alltag sprechen? (…) Und das war eine große Herausforderung, die letztlich nur gelingen konnte, weil viele der osteuropäischen Zionisten, die eben wie Ben Yehuda aus Russland oder Polen kamen, auch die Notwendigkeit sahen: Eine Sprache muss in diesem Staat gesprochen werden, die alle Juden miteinander verbindet. Und dann wurde das teilweise auch mit Gewalt durchgesetzt. Es gab sogenannte Brigaden für die hebräische Sprache, die dann auch schonmal Leute, die in Tel Aviv am Strand entlang gegangen sind und jiddisch gesprochen haben, angehalten und sagten: Sprecht Hebräisch, kein Jiddisch, also da war man auch sehr streng. Erzählerin Bei der Mammutaufgabe, Hebräisch als gesprochene Alltagssprache zu etablieren, ist Ben-Yehuda nicht allein. Es sind die zionistischen Einwanderer, die - genau wie er - ab 1882 wegen der Pogrome in Russland aus Osteuropa nach Palästina kommen. Und die Voraussetzungen schaffen, dass diese Herausforderung gelingt. Erzähler Denn die Neueinwanderer gründen landwirtschaftliche Siedlungen und errichten Schulen, in denen ausschließlich auf Hebräisch unterrichtet wird. Als erste hebräische Schule der Neuzeit nimmt 1886 die Grundschule Havv in der Siedlung Rishon LeZion den Unterricht auf. Erzählerin Es entstehen immer mehr Schulen, Kindergärten und ab 1905 werden in Jaffa auch die ersten High-School-Klassen auf Hebräisch unterrichtet. Es sind die Kinder, die zu Hause das Neuerlernte ihren Eltern beibringen. Und zwar über viele Jahrzehnte: 10.O-Ton (Brenner ab 17:36) Denn die meisten ihrer Eltern waren noch in den 60er-Jahren Einwanderer, die aus den verschiedenen Ländern kamen, und die Kinder bekamen es in der Schule. Aber schwierig war es tatsächlich, vor allem zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, diese hebräischen Schulen in Israel durchzusetzen. Gefördert wurden sie nämlich oft von Geldgebern aus Europa, aus Frankreich, aus Deutschland. Und zum Beispiel gab es den Hilfsverein deutscher Juden, der eine Schule in Haifa eingesetzt hat. Einmal gab es einen richtigen Sprachenstreit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Geldgeber aus Deutschland drangen darauf, dass die Unterrichtssprache Deutsch sei in Haifa. Während die Lehrer dann einen Streik ankündigten, sagten, wir wollen Hebräisch unterrichten. Letztlich haben Sie das dann auch gewonnen. Erzähler Die „Gesellschaft zur Hilfe für deutsche Juden“ besteht 1913 darauf, dass in der geplanten Ingenieursschule, dem späteren Technion in Haifa, der Unterricht auf Deutsch abgehalten wird. Da - so die Argumentation - das notwendige technische und wissenschaftliche Vokabular auf Ivrit noch zu dürftig sei. Musik: C1028320020 Doina 0‘38 Erzählerin Dabei macht schon zu Beginn des 20.Jahrhunderts die Wiederbelebung der Sprache deutliche Fortschritte. Auch, weil die erste Generation der Kinder, die in den Schulen Hebräisch gelernt hat, erwachsen ist. Und nun mit ihren eigenen Kindern hebräisch spricht. Damit wächst eine neue Generation von Muttersprachlern auf, die das moderne Hebräisch daheim, statt in der Schule lernt. Erzähler Als 1909 die erste hebräische Stadt Tel Aviv gegründet wird, ist Ivrit als Alltagssprache nicht nur auf den Straßen und in den Cafés zu hören, sondern wird dort auch als Verwaltungssprache verwendet. Sämtliche Straßenschilder und öffentliche Ankündigungen werden auf Hebräisch geschrieben. Erzählerin Diejenigen, die noch kein Hebräisch sprechen, werden nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Zeit des Britischen Mandats dazu angehalten, in der Öffentlichkeit ausschließlich Ivrit zu sprechen. Durch die Kampagne „Jude, spreche Hebräisch“, die Ben-Yehudas Sohn Itamar Ben-Avi 1919 ins Leben ruft. Erzähler Die freiwilligen Wächter der sogenannten Legion der Verteidiger der Sprache kennen dabei kein Pardon. Auch nicht für den Nationalpoeten Chajim Nachman Bialik, wie Daphna Uriel erzählt: 11.O-Ton [Daphna ab ca.13:50] Einmal folgten die Bialik auf die Straße. Sie haben gehört, dass er jiddisch gesprochen hat, und (…) es gab (…) einen Prozess: „Warum haben Sie Jiddisch auf die Straße gesprochen?“ Und Bialik hat sich verteidigen, und am Ende wurde er freigesprochen. Weil und warum? Weil am Ende des Gespräches hat er ein Fluch auf Hebräisch gesagt auf diesen Mann, der ihn verfolgte. Und deswegen wurde er freigesprochen, weil er Hebräisch doch benutzt hat. Erzählerin Nur einen Monat vor seinem Tod gelingt es Eliezer Ben-Yehuda, 1922 den Hochkommissar des britischen Mandats für Palästina davon zu überzeugen, dass Hebräisch neben Arabisch und Englisch zur dritten offiziellen Amtssprache erhoben wird. Dazu wäre es nicht gekommen, hätte es fünf Jahre früher nicht eine wegweisende Deklaration gegeben. Michael Brenner: 12.O-Ton (Brenner ab 19:25) Ja, das hängt natürlich auch mit den Versprechen der Briten zusammen, die schon 1917 in der Balfour-Deklaration gegeben wurden, nämlich den Juden eine nationale Heimstätte - es hieß nicht Staat - aber nationale Heimstätte in Palästina zu geben. Und zu diesem Nationalen gehört natürlich auch die Sprache. Und man war tatsächlich sehr stolz darauf, auf der Seite der aus Europa eingewanderten Juden, dass nun etwa auf den Briefmarken oder auf den Geldscheinen, also auf allen offiziellen Symbolen, auch Hebräisch verwendet wurde und etwa auf den Briefmarken das Wort Eretz Israel zumindest abgekürzt also das Land Israel in hebräischen Buchstaben auch erscheinen durfte. Erzähler 1948 wird Hebräisch neben Arabisch endgültig zur Amtssprache des neu gegründeten Staates Israel. Dass es gelungen ist, Hebräisch als antike Bildungssprache nach Jahrtausenden als Alltagssprache wiederzubeleben, ist eine einzigartige kulturelle Leistung. 13.O-Ton (Brenner ab 20:42) Man kann das in der Tat nicht mit dem Griechischen vergleichen, denn das biblische Hebräisch und das moderne Hebräisch sind zumindest so miteinander verwandt, dass jeder Israeli jede Israelin heute ganz gut die Bibel verstehen kann. Während natürlich, wenn jetzt König David auferstehen würde, er wahrscheinlich nicht jedem Wort folgen könnte, das in Israel gesprochen würde. Und Ben Yehuda und seine Nachkommen haben es geschafft, eine moderne Sprache zu schaffen, die im Alltag völlig kompatibel ist und trotzdem die Wurzel des biblischen Hebräisch zu bewahren und in diese Sprache zu integrieren. Erzählerin Ivrit bedeutet übersetzt nichts anderes als „hebräisch“. Als Ausdruck einer Sprache, mit der es gelungen ist, im Laufe der Jahrtausende einen historischen Bogen zwischen völlig verschiedenen Zeitaltern zu spannen. Musik: C1028320024 Kinneret 0‘52 Erzähler Es ist daher kein Zufall, dass die Bezeichnung Ivrit für das heute gesprochene Hebräisch sich auf ein lange zurückliegendes Ereignis in der biblischen Geschichte bezieht: den Turmbau zu Babel. Daphna Uriel: 14. O-Ton (Daphna ab ca. 37:00) Ivrit kommt eigentlich von Ever, war ein so mythologische Figur in der Bibel. Der war so diese Uralt-Vater von vielen Nationen in der Region. Und die Geschichte mit Ever ist, dass er war so eine gute Mann und hat verweigert mitzumachen mit dem Bau von Turm von Babel. Und deswegen wurde er und seine Nachkommen nicht bestraft und ihre Sprache hat sich nicht verwirrt.

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