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Staatsdenker des Putinismus - Iwan Iljin

05.05.2025 · 24 Min.

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Über diese Folge

Mit Putins Machtpolitik erfuhr er eine ungeahnte Renaissance: Der russische Philosoph Iwan Iljin (1883-1954). In Artikeln beschreibt er dezidiert den umbau eines postkommunistischen Russlands in ein autoritäres großrussisches Reich. Von Christine Hamel (BR 2024)

Credits
Autorin dieser Folge: Christine Hamel
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Katja Bürckle, Christian Baumann, Oliver Stokowski, Jerzy May, Constanze Fennel, Andreas Neumann
Technik: Christine Frey
Redaktion: Nicole Ruchlak

Im Interview:
Ilya Budraitskis, Historiker an der University of California in Berkeley

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Sprecherin: 

Rossija- Russland. Unermüdlich umkreist Iwan Iljins Denken Russland.

Zitator: 

Ich lebe nur für Russland. (..) Russisch sein bedeutet nicht nur, Russisch zu sprechen. Es bedeutet, Russland mit dem Herzen wahrzunehmen, mit Liebe seine kostbare Originalität und seine absolute Einzigartigkeit in der gesamten Weltgeschichte zu sehen, zu verstehen, dass diese Einzigartigkeit ein Geschenk Gottes ist, das dem russischen Volk persönlich gegeben wurde.  

Musik 2

"From My Youth" - Künstler: Andrei Vasilyevich Malutin & Akafist Male Chamber Choir - Album: Famous Russian Choral Works - Komponist: Traditional - Länge: 0'41

Sprecher: 

Die Russen, ein von Gott auserwähltes Volk - auserwählt zur Rettung und Befreiung der gesamten Menschheit. Diese Idee ist fester Bestandteil großrussischer Ideologie. 

Sprecherin:

Iwan Iljin begeistert sich für den Glauben, den er in Russland als besonders schöpferisch empfindet, hebt Russlands „geschichtliche Tragik“ hervor, ihm imponiert die „nationale Zähigkeit“ und unermüdlich geht er der russischen Seele auf den Grund. Russland, schreibt Iljin – und die Ukraine gehört für ihn selbstverständlich dazu - sei ein lebendiger Organismus. 

Musik 3

"Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 1'01 

Zitator:

Wenn man mit Ausländern über Russland spricht, muss jeder loyale russische Patriot ihnen klar machen, dass Russland kein Zufall ist, dass Russland kein zufälliger Haufen von Territorien und Stämmen und kein künstlich koordinierter "Mechanismus" von Regionen ist, sondern ein lebendiger, historisch gewachsener und kulturell begründeter ORGANISMUS. Dieser Organismus ist eine geographische Einheit, deren Teile durch wirtschaftliche gegenseitige Ernährung verbunden sind; dieser Organismus PAUSE ist eine geistige, sprachliche und kulturelle Einheit, die das russische Volk mit seinen nationalen und jüngeren Brüdern historisch verbunden hat - durch geistige gegenseitige Ernährung; er ist eine staatliche und strategische Einheit, die der Welt ihren Willen und ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung bewiesen hat.

Sprecherin:

Iljin ist ein großer Kritiker des Intellektualismus und hält nicht viel von Analyse und Argumentation 

Sprecher:

Er will zeigen statt beweisen. Daher sein blumiger Stil. 

Sprecherin: 

Lange war das etwa 40 Bücher umfassende Werk des Philosophen in der Mottenkiste der „Ideologeme“ des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verschwunden. Während der gesamten Sowjetzeit war Iljins Werk mit einem Bann belegt. Schließlich hatte er rechten, faschistischen Ideen das Wort geredet.

Sprecher:

Aber dann entdeckte Putin-Russland den Philosophen – als Gewährsmann für eine propagierte Einzigartigkeit der russischen Kultur, für den starken Staat, den russischen „Sonderweg“ und als Ideenstifter einer orthodoxen-neokonservativen Ideologie, der sogenannten „Traditionellen Werte“. 

Sprecherin:

Der Historiker, Politik- und Sozialtheoretiker Ilya Budraitskis hat sich lange mit Iwan Iljin auseinandergesetzt. Zu seinem Forschungsgebiet gehören der Konservatismus und der Aufstieg des Rechtspopulismus. Er war Dozent an der Moskauer Hochschule für Sozial und Wirtschaftswissenschaften. Seit 2022, dem Einfall Russlands in die Ukraine, arbeitet er an der University of California in Berkeley. 

VOICE OVER 

Das derzeitige Regime in Russland wird nicht von einer bestimmten Philosophie geleitet, auch nicht von der Philosophie Iwan Iljins. Aber es ist nicht zu übersehen, dass Iljin ein wichtiger Autor für das Regime ist. Es gibt beispielsweise viele Reden von Wladimir Putin, die sich auf Iljin beziehen. Auch andere Staatsfiguren sprechen ständig über ihn. Man fühlt sich Iljin durchaus verbunden, sowohl seinen Moralvorstellungen als auch seinen politischen Konzeptionen. 

Sprecher:

Bei der Zeremonie der illegalen Angliederung der besetzten Gebiete in der Ukraine sagte Putin: 

(O-Ton Putin) 

VOICE OVER PUTIN

Ich möchte meine Rede mit den Worten eines wahren Patrioten - Iwan Alexandrowitsch Iljin – schließen. „Wenn ich meine Heimat als Russland betrachte, bedeutet das, dass ich auf Russisch liebe, überlege und denke, singe und spreche; dass ich an die geistigen Kräfte des russischen Volkes glaube und sein historisches Schicksal mit meinem Instinkt und Willen akzeptiere. Sein Geist ist mein Geist, sein Schicksal ist mein Schicksal, sein Leid ist mein Leid, seine Blüte ist meine Freude. 

Musik 4 

"Dekalog IX, Pt. 12" - - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'58

Sprecherin:

Iwan Iljin wird am 28. März 1883 in Moskau geboren. Seine Mutter Karolina Luisa Schweikert von Stadion ist Russlanddeutsche, deshalb wächst Iwan zweisprachig auf. Der Vater Aleksander Iljin ist ein renommierter Moskauer Rechtsanwalt aus einer aristokratischen Familie, Zar Alexander II. war sein Taufpate. Iwan hat drei Brüder. Nach einem glänzend bestandenen Abitur schreibt er sich an der Fakultät für Rechtswissenschaften an der Moskauer Universität ein 

Sprecher:

Sein Interesse gilt aber der Philosophie. Nur gibt es im Russischen Reich keine eigenständigen Philosophiefakultäten, denn Philosophie gilt als gefährliche Disziplin im Zarenreich. Ein Grund, warum er während seines Studiums viel Zeit in Deutschland verbringt. 

2. Zsp.: (Ilya Budraitskis) 

VOICE OVER

Den größten Einfluss auf ihn hat Hegel. Hegel ging davon aus, dass die Geschichte letztlich eine positive Wendung nimmt. Das heißt, der Mensch vereinigt sich mit Gott. Iljin glaubte, dass eine solche Wiedervereinigung unmöglich ist. Deshalb gehört es zum Schicksal des Menschen, dass Vollkommenheit oder eine perfekte Gesellschaft IHM zufolge nicht erreichbar sind, sie bleiben immer Utopie.

Musik 5

"Chase - Apartment to Subway" - Jóhann Jóhannsson - Länge: 1'05

Sprecher:

Über den Charakter Iwan Iljins ist wenig bekannt, Fotografien zeigen einen ernsten, streng blickenden Mann, tiefliegende Augen, Halbglatze und Oberlippen- sowie Kinnbart. Es gibt eine frappante Ähnlichkeit zu Lenin. Die Cousine seiner Frau, die Dichterin Ewgenija Gerzyk erinnert sich wenig schmeichelhaft an ihn. 

Zitatorin:

(…) Die Fähigkeit, ideologische Gegner zu hassen, zu verachten, zu beleidigen war bei Iljin besonders ausgeprägt, und von dieser Seite kannten ihn die Moskauer in den damaligen Jahren. 

Sprecher:

Ein aggressiv-polemischer Einzelgänger, der die russische Intelligenzija als „geistig sittenlos“ empfindet. Sie habe Russland – Zitat - „Verwesung“ und „Niedergang“ gebracht, und den Bolschewiki, also den kommunistischen Revolutionären damit den Weg geebnet.

Musik 6 

"Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Künstler: Alexei Aigui - Länge: 0'30

Sprecherin:

Nach seiner Rückkehr nach Russland nimmt Iljin eine Lehrtätigkeit an der Fakultät für Rechtsphilosophie auf. Seine akademische Laufbahn wird jedoch von den politischen Ereignissen überrollt. Die Oktoberrevolution, bei der die kommunistischen Bolschewiki unter Führung Wladimir Lenins gewaltsam die Macht an sich rissen, ist Iljin von Anfang an verhasst. Die Gründe schlüsselt Ilya Budraitskis auf. 

3. Zsp.: (Ilya Budraitskis) – 

Voice Over

Die Rechtfertigung des Leidens und des Todes sind für Iljin sehr wichtig. Denn nur durch den Tod, durch das Leiden, erreicht der Mensch höhere Sphären. Deshalb ist der Bolschewismus für ihn inakzeptabel. Er lehnt alle sozialen Utopien ab, weil sie seines Erachtens eine falsche Vollkommenheit anbieten. Vollkommenheit ist für Iljin nicht erreichbar. 

Sprecher: 

Iwan Iljins Denken verrät vielmehr die Sehnsucht nach Kampf und Bewährung, nach Härte und Schwere. Er bewundert den Faschismus Benito Mussolinis, der das Leben als einen einzigen Kampf darstellt. 

Zitator

Im Leiden wird die Menschheit weise

Sprecher: 

ist Iljin überzeugt. 

4. Zsp.  (Ilya Budraitskis)

Voice Over

Der Weg des Menschen, der Weg der politischen Bewegung ist bei Iljin ein ständiger Kampf um höhere, geistige Werte. Das heißt, der Mensch offenbart sich nur in extremen Situationen, im Leiden und im Angesicht des Todes. 

Sprecherin: 

Selbst die bolschewistische Revolution versteht Iljin letztlich als schicksalhaften Leidensweg, aus dem die Russen, das gotterwählte Volk abermals geläutert hervorgehen werden. 1925 schreibt er: 

Musik 7

"Chase - Apartmen to Subway" - Jóhann Jóhannsson - 

Komponist und Ausführender: McCanick (Josh C. Waller's Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 1'05

Zitator

Schreckliche und schicksalsbestimmende Ereignisse, die unsere wunderbare Heimat heimgesucht haben, jagen mit versengendem und reinigendem Feuer durch unsere Seelen. In diesem Feuer brennen alle falschen Grundlagen, Verirrungen und Vorurteile, auf denen die Ideologie der ehemaligen russischen Intelligenz errichtet wurde. 

Sprecherin: 

Iljin meint hier die Orientierung vieler russischer Intellektueller am Westen, ihren Pazifismus, ihren – wie er es nennt - „sentimentalen Moralismus“. Ihn stört vor allem der Atheismus der Liberalen, ihre angebliche „Willenlosigkeit“, ihr Kampf um Freiheit und Demokratie, ihre Freizügigkeit.

Zitator: 

Auf diesen Grundlagen durfte man Russland nicht erbauen, die Verirrungen und Vorurteile führten es zu Verwesung und zum Niedergang. 

Sprecher: 

Aber, so fährt er fort: 

Musik 8 

"Girl Theme (From “Girl” Original Motion Picture Soundtrack)" - Künstler und Komponist: Valentin Hadjadj - Album: Girl (Themes & Variations / Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'30

Zitator: 

In diesem Feuer (der Revolution) wird unser religiöser und staatlicher Dienst erneuert, werden unsere geistigen Augen geöffnet, werden unsere Liebe und unser Wille geläutert. Und das erste, was dadurch in uns wiedergeboren wird, wird die religiöse und staatliche Weisheit (…) der russischen Orthodoxie sein. 

Sprecher: 

Auch wenn Iljin die Revolution als stählendes Schicksal für das russische Volk und die Orthodoxie begreift, engagiert er sich doch aktiv, ihr so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten. Er sammelt Geld für die Kampfverbände der konterrevolutionären „Weißen Bewegung“, gerät aber auch mit seinen aufrührerischen Artikeln ins Visier der sowjetrussischen Obrigkeit. 

Sprecherin:

Wegen antibolschewistischer Tätigkeit wird er zwischen 1918 und 1922 sechs Mal verhaftet, sogar zum Tode verurteilt. 

Sprecher:

Da Lenin aber Iljins Dissertation über Hegel schätzt, wird das Urteil nicht vollstreckt. 

Sprecherin:

Vielmehr wird der Philosoph 1922 zusammen mit seiner Frau und vielen anderen Schriftstellern, religiösen Denkern und Wissenschaftlern auf einem der beiden berühmten Philosophenschiffe zwangsabgeschoben. Iljin bleibt in Weimardeutschland, arbeitet am Russischen Wissenschaftlichen Institut in Berlin und versucht vom Ausland aus, die Konterrevolution zu unterstützen.

Sprecher:

Iwan Iljin wird zu dem wichtigsten Propagandisten der Weißen Bewegung, eines Sammelbeckens von Bolschewismusgegnern aller Couleur. 

Sprecherin:

1925 erscheint sein Schlüsselwerk „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“. 

5. Zsp.: (Ilya Budraitskis) 

Voice Over

Das heißt, dem Bösen muss aktiv widerstanden werden. Hier ist es wichtig zu sagen, dass Iljin nicht die Gewalt verteidigt, es geht ihm vielmehr um die Kraft. Aus seiner Sicht ist die Gewalt schlecht, denn sie ist willkürlich und ja nicht mit den höheren göttlichen Werten verbunden. Aber um dem Bösen entgegenzuwirken, muss Kraft aufgeboten werden. 

Sprecher: 

Diese Kraft kann dann allerdings sehr gewalttätig werden – nur dass Iljin das „kämpfende Liebe“ nennt. 

Musik 9

"Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'55 

Zitator: 

Folglich bleibt eine einzige, universelle Regel: dem Bösen aus Liebe zu widerstehen –(…) aus Liebe zu nötigen und zu unterdrücken, wo es nötig ist, aus Liebe zu überreden, aus Liebe hinzurichten (…) Ja, der Weg der Kraft und des Schwertes ist kein gerechter Weg. Doch gibt es einen anderen, gerechten Weg? Doch nicht etwa der sentimentale Weg der Widerstandslosigkeit, der Weg des Verrats der Schwachen. (…) Natürlich hat dieser Weg etwas weitaus „Ruhigeres“, etwas weitaus „Anständigeres“ und dem äußeren Anschein nach ein Aussehen, das weniger Blutvergießen fordert, jedoch nur Leichtsinnigkeit und böse Torheit können nicht wahrnehmen, um welchen Preis diese „Ruhe“ und „Anständigkeit“ erkauft wurden.

Sprecherin:   

Den moralischen Folgen seiner Handlung, seiner Schuld muss sich der Kämpfer bei Iljin wiederum stellen. Etwa durch religiöse Askese. Darin besteht - so Iljin – recht eigentlich dann sein Heldentum.  

Sprecher:

Die religiös unterfütterte Kampfansage sorgt natürlich für viel Diskussionsstoff und Häme. Maxim Gorkij spricht von einem 

Zitator 2

„Evangelium der Rache, in dem er beweist, dass man Menschen nicht töten darf, außer sie sind Kommunisten.“  

Sprecher:

Iljins Kollege Nikolaj Berdjajew, der nach Paris weitergezogen war, nennt Iljin einen „Tschekisten im Namen Gottes“, wiederum andere erkennen in dem Buch die „Predigten des Faschismus.“ 

Sprecherin: 

Dem Faschismus steht er tatsächlich nahe, auch er plädiert für einen straff einheitlich hierarchisch gegliederten Staatsaufbau. Diese „Nationale Diktatur“ solle im Verbund mit der Orthodoxie Russland für die Rückkehr des Zarentums vorbereiten.

6. Zsp.: (Ilya Budraitskis)

Voice Over

Das heißt, im Prinzip ist sein Ideal eine autokratische Monarchie. Wie viele andere Emigranten und Monarchisten hat er erkannt, dass es keine Rückkehr zur vorrevolutionären Ordnung geben wird, dass ein neues System notwendig geworden ist. Ein System einer aktiven Erziehung des Volkes. Denn das Problem der alten Monarchie war es, so Iljin, dass es das Volk nicht erziehen, die Gesellschaft nicht aktiv beeinflussen konnte. Und das hat zur Revolution geführt. Deshalb ist es notwendig, die Aufgaben einer russischen konservativen Bewegung neu zu überdenken. Iljin redet vor diesem Hintergrund manchmal einem „russischen Faschismus“ das Wort. 

Zitator:

Politik 

Sprecherin:

definiert er 1948

Zitator: 

ist die Kunst, den Feind zu erkennen und auszuschalten.

Sprecherin:

Iljin glaubt, dass andere Staaten an einem schwachen Russland interessiert seien und an seinem Zerfall arbeiten. 

Zitator

Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass die Zersplitterer Russlands auch im postbolschewistischen Chaos versuchen werden, ihr absurdes Experiment durchzusetzen, sie werden es betrügerisch als den Triumph der Freiheit, Demokratie und Föderalismus darstellen.

((Sprecherin:

Für ein paar Jahre ist Iljin Herausgeber der Zeitschrift „Russkij Kolokol“ – „Russische Glocke“. Die Publikation hat sich dem Ziel verschrieben, „dem urwüchsigem und großen Russland zu dienen

Sprecher: 

Neun Nummern können erscheinen, eine davon widmet sich dem „Russischen Faschismus“, dann muss die Zeitschrift wegen ausbleibender Finanzierung eingestellt werden.))

Sprecherin: 

1933 begrüßt Iwan Iljin erwartungsgemäß die Machtergreifung Hitlers. Nicht nur aus Gründen des Antibolschewismus. 

Sprecher:

Das moderne Leben mit seinem Pluralismus, aller Liberalität und die bürgerliche Gesellschaft sind ihm verhasst. Herzlichkeit? Eine Sache der Kleinbürger für einen, der, wie er sagt, „das Schwert der Liebe“ in Händen hält. In jedem aufrichtigen Nationalsozialisten, schreibt er in glühender Verehrung, brenne

Zitator:

Patriotismus, Glaube an die Identität des deutschen Volkes und die Kraft des deutschen Genies, Ehrgefühl, Opferbereitschaft, Disziplin, soziale Gerechtigkeit und klassenübergreifend brüderlich-volkstümliche Einheit. Solange Mussolini Italien und Hitler Deutschland führt, wird der europäischen Kultur eine Gnadenfrist gewährt.

Sprecher:

Er bedauert allerdings die Gottlosigkeit der Nationalsozialisten, das Nichtreligiöse des Nationalsozialismus. 

Sprecherin:

Im Frühjahr 1934 wird Iljin trotz seiner offenen Sympathie für die Nationalsozialisten die Leitung am Russischen Wissenschaftlichen Institut entzogen. 

7. Zsp.: (Ilya Budraitskis)

Voice Over

Ich denke, das Hauptproblem mit Hitler war, dass Iljin ein russischer Nationalist war, ein russischer Monarchist, kein deutscher Nazi. Hitler sympathisierte ja nicht sonderlich mit der Idee der Wiederherstellung eines starken monarchischen Russlands. Zudem war Iljin kein aktiver Antisemit, es gibt nur sehr selten Bemerkungen gegen Juden in seinem Werk. Antisemitismus ist bei weitem kein Eckpfeiler seiner Weltanschauung.

Sprecherin: 

1938 beschlagnahmt die Gestapo Iljins Werke und verbietet alle öffentlichen Auftritte. Einen Urlaub im Tessin nutzen Iwan Iljin und seine Frau im selben Jahr dazu, erfolgreich ein Aufenthaltsgesuch für die Schweiz zu stellen. Jede politische Tätigkeit ist fortan verboten, doch Iljin gründet voller zähem Eifer noch 1938 im Tessin die Geheimgesellschaft „Weißer Kongress“. Vor ihren Mitgliedern stellt der Monarchist im Untergrund seine Grundlagen zu einer neuen Verfassung für ein russisches Imperium vor. 

Sprecher:

Gewissermaßen sein Vermächtnis für Russlands Zukunft. So wünscht er sich das.  

8. Zsp.: (Ilya Budraitskis) 

Voice Over

Den Staat begreift Iljin als die Kraft, die dem göttlichen Anfang im Menschen trotz seiner bösen, unbewussten Natur zur Entfaltung verhilft. Der Staat zielt nicht darauf ab, eine perfekte Gesellschaft zu schaffen. Aber er wirkt aktiv auf den Menschen ein, um in ihm, auch mit Gewalt, mit Zwang, mit Unterdrückung diesen echten göttlichen Anfang zu wecken.

Musik 10

"Chase - Apartmen to Subway" - Jóhann Jóhannsson - 

Komponist und Ausführender: McCanick (Josh C. Waller's Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'42

Sprecher:

Der Staat stellt die höchste Vollendung menschlichen Strebens dar und hat uneingeschränkten Verfügungsanspruch über die Beherrschten. In „Unsere Aufgaben“ schreibt er für ein Russland nach dem Sozialismus:

Zitator:

Und da der Staat eine Institution ist, regieren sich die Menschen in ihm nicht selbst und verfügen nicht über sich selbst, sondern werden erzogen, unterrichtet und gehorchen. (…) Der Staat ist seinem Wesen nach verbindlich, imperativ und zwingend. 

Sprecherin:

Putin ließ das Buch im Januar 2014 an Staatsbeamte verteilen. 

Sprecher: 

Die russische Kultur, argumentiert Iljin, erzeuge automatisch „brüderliche Einheit“ überall dort, wo sich die Macht ausbreitet. Ein Satz, den Wladimir Putin als Erfolgsrezept für die russische Okkupationspolitik in der Ukraine versteht – und so tauchen in den besetzten Städten immer wieder Plakate mit Puschkin auf, dem russischen Nationaldichter. Russische Kultur, zitiert Putin Iwan Iljin, sei 

Zitator

die kontemplative Betrachtung des Ganzen.

Sprecherin: 

In der Schweiz arbeitet Iwan Iljin unermüdlich weiter. 

Musik 11

"Dekalog IX, Pt. 12" - - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'51

Sprecherin:

Iljins Denken richtet sich jetzt vor allem auf eine strahlende Wiedergeburt Russlands, auf eine Zukunft nach dem Sozialismus. 

Zitator

Wer seinen nationalen Führer nicht von ganzem Herzen liebt und ihm nicht vertraut, nicht an ihn glaubt, sendet ihm nicht seinen von Herzen gewollten Strahl der Loyalität, der Kraft und Inspiration, der sammelt keine Energien für ihn und in ihm und verliert ihn deshalb mit seiner vitalen und schöpferischen Kraft. Deshalb versuchen die Feinde des Führers und Souveräns immer, ihn durch Verdächtigungen, Spott und Verleumdungen zu erschöpfen und seine Macht zu untergraben.   

Sprecherin:

1954 stirbt Iwan Iljin in Zollikon. Bis 1991 geraten er und seine Werke in Vergessenheit. Erst nach dem Kollaps der Sowjetunion werden seine Schriften in einigen engen Interessenkreisen wiederentdeckt. 

Sprecher:

Philosophen und ewige Monarchisten interessieren sich für Iljins detaillierten Aufbauplan eines religiös-totalitären Einheitsstaates. 

Sprecherin:

Doch nach Putins Machtantritt im Jahr 2000 nimmt die Iljin-Rezeption richtig Fahrt auf. Im Oktober 2005 wird Iwan Iljins Urne aus seinem Grab in der Schweiz ausgegraben und nach Moskau gebracht. Russlands amtierender Präsident Waldimir Putin nimmt persönlich zusammen mit dem Patriarchen an der feierlichen Beisetzung auf dem Friedhof des Moskauer Donskoj Klosters teil. Iljins Nachlass wird aufgekauft und der Moskauer Universität übergeben. Seither gehört der rechtsorthodoxe Denker zu den kanonisierten Autoren russischer Geistesgeschichte, sein Staatsverständnis wird im russischen Abitur abgefragt. 

Zitator: 

Macht kommt von ganz allein zum starken Mann

Sprecherin: 

erklärt er und begründet damit seine Ablehnung des 

Zitator 

blinden Glaubens an die Zahl von Wählerstimmen und ihre politische Bedeutung. 

Musik 12

"Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'53 

Sprecherin: 

Iljins Schriften sind wenig konzis, sie sind verwirrend und widersprüchlich, sie verbinden patriotische Leidenschaft mit spirituellen Dimensionen und autoritären Zügen. Dieses Amalgam verbindet Iljins Denken mit dem Putin-Regime, das sich der Begrifflichkeit Iljins bedient: Russland, Liebe, Geist, Recht, äußere Feinde, Einheit sind die Schlagwörter. Aus ihnen konstruiert der Putinismus eine Erzählung, die dem ebenso klaren wie brutalen Vorgehen der Machthabenden einen leuchtenden, unschuldigen Rahmen verpasst. Und in diesem Rahmen kann die Propaganda der russischen Patrioten den Angriffskrieg gegen die Ukraine als „Krieg der Liebe“ darstellen.


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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 1 O-TON PROF. FILLENBERG 00.49 Ich muss zugeben, dass ich immer noch Tränen in den Augen hab, wenn das Baby geboren ist. Ich glaub, das hängt auch damit zusammen, dass ich unglaublich stolz bin auf die Frau, die diese Leistung absolviert hat in dem Moment. Und das ist so eindrücklich, dass mich das nie loslässt. ERZÄHLERIN: Die Hebamme Barbara Fillenberg, Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Hebammenwissenschaft an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz, hat vielen Kindern auf die Welt geholfen und viele Paare auf den Weg ins Elternsein begleitet. Sie weiß, dass das Erleben und Gestalten von Geburten sehr stark von historischen und sozialen Rahmenbedingungen abhängt und sich im Lauf der Zeit verändert. MUSIK ENDE 2 O-TON BARBARA FILLENBERG 8.50 Ich stelle schon fest, dass das Thema Geburt nicht mehr so präsent ist in den Köpfen der werdenden Eltern. Dass das eigene Baby das erste Baby ist, das die Eltern auf dem Arm tragen, und dass sie sich im Vorfeld wenig Gedanken machen, was das eigentlich bedeutet, ein Kind zu kriegen. Oder sie haben sich so viel Gedanken gemacht, dass sie viele Filme anschauen und viel Informationsmaterial einholen und dann eher in die Risikodenkweise kommen. Und das ist für uns als Hebammen nicht ganz befriedigend, weil wir ja einen ganz anderen Ansatzpunkt haben, und wir hätten schon gerne, dass die Kinder lernen, dass eine Geburt was ganz Normales ist, was dazugehört zum menschlichen Leben und dass das auch ein normaler Vorgang ist im Leben einer Frau, der bei den Frauen meistens ganz gutgeht.“ ERZÄHLERIN: Dass das Kinderkriegen meistens ganz gut geht, darauf konnte man nicht immer so zuversichtlich hoffen. Im 18. Jahrhundert nehmen etwa 20 Prozent der Geburten einen tragischen Verlauf. Auch Johann Wolfgang Goethe wäre bei seiner Geburt fast gestorben. Seine Mutter Catharina Elisabeth erzählt Jahrzehnte später ihrer Freundin, der Dichterin Bettine von Arnim, von den Strapazen ihrer Niederkunft, und Bettine gibt das Gehörte brieflich an Goethe weiter: MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 00:53 ZITATORIN: "Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest der Mutter schwere Stunden; aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingeborenen Wohnort trieb, und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen." ERZÄHLERIN: Protestantische Gesangsbücher jener Zeit enthalten Lieder, die Schwangeren Mut machen sollen. Vor der Geburt machen viele Frauen ihr Testament. Catharina Elisabeth Goethe und ihr erstes Kind haben Glück: Alles wird gut. ZITATORIN: „Sie … bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: Rätin, er lebt!“ MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Wein gilt als Stärkungsmittel, man reibt schwächliche Neugeborene damit ein und gibt ihn auch den Gebärenden und Wöchnerinnen zu trinken. Des Weiteren hält man Zugluft von der Wochenstube fern, heizt gründlich ein, stellt Tücher, heißes Wasser und frische Butter als Schmier- und Gleitmittel bereit. Hebammen haben im allgemeinen Klistiere im Gepäck, Leinenfäden zum Abbinden der Nabelschnur, stumpfe Scheren zum Durchschneiden derselben, Salmiakgeist und Kräutersalben, auch Weihwasser und Spritzen zur Nottaufe von Kindern, die bei der Geburt zu sterben drohen. Und dann wartet man ab und hofft das Beste. Bei Komplikationen jedoch muss eine Hebamme entschlossen zugreifen. Goethes Hebamme geht so rabiat zu Werke, dass die Familie ihr die Schuld an dem gefährlichen Verlauf der Geburt gibt. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Das 18. Jahrhundert ist eine Zeit großer Veränderungen, auch in der Medizin. Immer mehr männliche Ärzte drängen in die Geburtshilfe und beanspruchen die Kontrolle über die Hebammen, ohne selbst Praxiserfahrung zu haben. Das geht nicht ohne Konflikte ab, und die schwelen lange auch in den Hierarchien moderner Kliniken bis in die Gegenwart hinein. Barbara Fillenberg ist zuversichtlich, dass die Akademisierung für mehr Augenhöhe sorgen wird. Seit 2020 ist Hebammenwissenschaft auch in Deutschland ein Studiengang, der den Hebammen auch wissenschaftliche Karrieren eröffnet. Das wird die Forschung beleben, denn Hebammen legen den Fokus auf den normalerweise unproblematischen Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, während Ärzte sich stärker mit Risiken auseinandersetzen müssen. MUSIK ENDE Das Studium der Hebammenkunde hat einen hohen Praxisanteil und zieht viel Interesse auf sich, weiß die Medizinhistorikerin Nadine Metzger, die die Studentinnen an der Universität Erlangen in der Geschichte des Hebammenberufs unterrichtet. Sie hat ein Lehrbuch verfasst mit dem Titel „Medizinische Terminologie für Hebammen“, das auch umfangreiche Kapitel zur Geschichte dieses Berufes enthält, und sie arbeitet gern mit den jungen Leuten im aufblühenden Feld der Hebammenwissenschaften. 3 OTON NADINE METZGER: Die sind unglaublich engagiert, und es gibt auch sehr viele Bewerbungen auf die Studienplätze. Die Studienplätze sind sehr begrenzt, weil es so intensive Praxisanleitungen in diesem Studium hat, und da kann man halt nicht 100 Leute gleichzeitig ausbilden, sondern maximal 25 oder 35 hier in Erlangen. Es kommen aber viele hundert Bewerber auf diese Plätze. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner: Original Motion Picture Soundtrack; Label: Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Gelehrte Hebammen gab es früher auch schon. In der Antike sind sie nicht einmal so selten. Viele von ihnen haben eine ähnliche Ausbildung wie Ärzte, manche verfassen auch Bücher. Platon überliefert, dass die Mutter des Sokrates Hebamme gewesen sei und dessen philosophisch-didaktische Methode inspiriert habe: So wie die Hebamme dem Kind auf die Welt helfe, so verhelfe er, Sokrates, seinen Schülern dazu, Gedanken und Einsichten zur Welt zu bringen. Der Philosoph Aristoteles sucht häufig das Gespräch mit Hebammen, wenn er an seinen anatomischen und naturkundlichen Schriften arbeitet. Im 17. Jahrhundert hat es Justine Siegemund, eine gebildete Pastorentochter, von der Dorfhebamme zur Hofhebamme am brandenburgischen Hof gebracht und ein vielbeachtetes Lehrbuch veröffentlicht. MUSIK ENDE 4 O-TON BARBARA FILLENBERG 28. Siegemund hat einen Begriff geprägt, den ich bis heute faszinierend finde, das ist das Kontaktwissen. Als Hebamme lerne ich die Frau als Person kennen, lerne ihre Familie kennen, und wenn ich die Wochenbettbegleitung mache und die Schwangerschaftsvorsoge auch im häuslichen Umfeld anbiete, dann stelle ich fest, wie die Frau lebt und welche Ressourcen ihr zur Verfügung stehen. Dass ich auch erspüren kann von der Frau, was braucht die jetzt von mir. ERZÄHLERIN: Im 18. Jahrhundert entwickelt eine Französin namens Angélique du Coudray ein wegweisendes Unterrichtsmodell … 5 O-TON BARBARA FILLENBERG um zu zeigen, wie sich das Kind durch das Becken schraubt bei der Geburt. Sie konnte an diesem Modell auch Komplikationen darstellen, und Hebammen hatten immer die Gelegenheit, an diesem Modell zu üben, auch manuell zu üben, und das wird bis heute angewandt. ERZÄHLERIN: Aber Siegemund und Coudray sind Ausnahmehebammen. Die durchschnittliche Hebamme im Mittelalter und in der frühen Neuzeit kommt aus den ärmeren Schichten: Als Bäuerin oder Handwerkersfrau ist sie auf einen Zuverdienst angewiesen und hat weder Zeit noch Kenntnisse zum Bücherschreiben. Aber Erfahrung mit Geburten und einen guten Ruf in der Dorfgemeinschaft, das hat sie schon. 6 O-TON METZGER: Die verheirateten Frauen wählen untereinander aus ihrer Mitte die Hebamme, und das ist eine Frau, zu der sie offensichtlich Vertrauen haben. Das ist aber nicht so, dass die eine Ausbildung gehabt hätten, das war nicht großartig organisiert. Eine informelle Wissensweitergabe. ERZÄHLERIN: Im Dorf spricht es sich schnell herum, wenn bei einer Frau die Wehen einsetzen. Nachbarinnen und Verwandte eilen herbei, die Männer holen die Hebamme ab, begleiten sie durch oft unwegsames Gelände und ziehen sich zu Hause, wenn es dann hart auf hart kommt, zurück. Gebären ist Frauensache. 7 O-TON NADINE METZGER Traditionell haben immer die Frauen aufrecht geboren. Entweder gestützt im Stehen, im Hocken, durch andere Frauen aufrecht gehalten, oder im 17., 18. Jahrhundert auf Gebärstühlen, im aufrechten Sitzen. ERZÄHLERIN: Die Gebärende bleibt bekleidet, das gebietet das Schamgefühl auch unter Frauen, und die Hebamme ertastet die Lage des Kindes unter ihren Röcken. Ist die Lage problematisch, muss das Kind im Mutterleib gewendet werden. Ein Kaiserschnitt ist noch keine Option, die Mutter würde verbluten. 8 O-TON NADINE METZGER: Die Hebamme Justine Siegemund beschreibt in ihrem Buch ein von ihr entwickeltes Verfahren mit Hilfe eines Wendestäbchens, wo die Hebamme ihren Arm bis in den Uterus einführt und mit einem Stäbchen und einer Schlinge das Kind im Mutterleib wendet. Das muss eine schreckliche Prozedur gewesen sein, aber das hat Leben gerettet. Das zu können und zu wissen, wie man das macht, und es im richtigen Moment zu machen, das hat eine gute Hebamme in der Vormoderne ausgezeichnet. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:41 ERZÄHLERIN: In Fällen, in denen sich ein tragisches Ende abzeichnet, dürfen und müssen Hebammen dem Kind die Nottaufe spenden und den sterbenden Müttern die Beichte abnehmen, also priesterliche Funktionen übernehmen. Die Kirche achtet darauf, dass sie die entsprechenden Gebetsformeln und Rituale beherrschen, und sie erwartet auch von ihnen, dass sie Verstöße gegen die Sittlichkeit, uneheliche Geburten zum Beispiel und den Namen von Kindsvätern, melden. Zur Zeit der Inquisition müssen Hebammen sich verstärkt bemühen, an ihrer Rechtgläubigkeit keinen Zweifel zu lassen, um nicht in den Verdacht der Hexerei zu geraten. Das ist nicht so einfach, da Bräuche und Rituale mit heidnischem Einschlag oft noch sehr beliebt sind. AKZENT Die Entlohnung der Hebammen regelt allerdings niemand. Wohlhabende Familien geben Geld oder Naturalien, Feuerholz zum Beispiel, bei den Armen gibt es wenig oder nichts zu holen. Viele Hebammen, die ja oft selbst einen harten Lebenskampf bestehen müssen, verwenden also mehr Sorgfalt und Zeit auf reiche Familien als auf arme. Das ist einer der Missstände, die den Regensburger Stadtvätern 1452 ins Auge fallen, weswegen sie den ersten überlieferten Versuch unternehmen, die Geburtshilfe amtlich zu regeln. Sie sehen … MUSIK ENDE ZITATOR: „den Mangel und Abgang, den sie in ihrer Stadt an guten Hebammen hätten, und dass durch Unordnung der Hebammen zu Zeiten die Frauen verwahrlost würden“. ERZÄHLERIN: Die Regensburger Stadtväter verbieten den Hebammen, den Geburtsvorgang künstlich zu beschleunigen oder die Gebärende vorzeitig zu verlassen, um zu einer anderen womöglich reicheren Frau zu eilen. Und außerdem sollen die Hebammen bei der Arbeit nicht trinken, jedenfalls keinen Alkohol. ERZÄHLERIN: Die Stadtväter regeln noch einiges mehr, und sie lassen die Frauen einen Eid vor der Obrigkeit schwören, dass sie sich an alle Auflagen halten werden. 10 O-TON NADINE METZGER: Dass Hebammen ihren Job richtig machen, wurde kontrolliert durch ein Gremium ehrbarer Frauen, wahrscheinlich die Gattinnen von Ratsherren oder wichtigen Handwerksmeistern. Und die haben in dieser weiblichen Sphäre der Frauengemeinschaft geguckt, dass die vereideten Hebammen sich an den Eid halten. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:16 ERZÄHLERIN: Hebammeneide sind also der Ursprung der Professionalisierung der Geburtshilfe. Später werden sie vor Ärztekollegien abgelegt, denn seit dem 17. Jahrhundert steigen im Zuge des Fortschritts der Naturwissenschaften das Ansehen und der Einfluss der Ärzte in der Stadtgesellschaft rapide an. Immer mehr Landesherren erkennen, dass die Gesundheit ihrer Landeskinder und eine hohe Bevölkerungszahl für die Wirtschaft und die Landesverteidigung wichtig sind, und fördern den Beginn einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Ärzte kontrollieren und überwachen die Hebammen zunächst und bilden sie später auch aus. Obwohl diese Entwicklung Konflikte und Nachteile mit sich bringt, hält die Medizinhistorikerin Nadine Metzger nichts davon, vormoderne Verhältnisse zu idealisieren. Ähnlich wie die historische medizinische Literatur enthalte das schriftlich überlieferte traditionelle Hebammenwissen auch Irrtümer wie beispielsweise Opiumgaben für Neugeborene, sagt sie. 11 O-TON NADINE METZGER: Man muss sich sehr davor hüten, das zu romantisieren. Das Bild der Hebamme als weise Frau mit besonderem Heilwissen, mittelalterlich verbrämt, das ist eine Figur, die sehr stark durch die Nazis gefördert wurde. ERZÄHLERIN: In der Stadt setzen sich die neuen Spielregeln viel schneller durch als auf dem Land, wo lange alles beim Alten bleibt. Zwar werden auch Landgemeinden spätestens seit 1800 dazu verpflichtet, angehende Hebammen zu medizinischen Kursen in die Stadt zu schicken, aber die Landfrauen akzeptieren die neumodischen Geburtshelferinnen oft nicht und schicken lieber nach den traditionellen, die sie schon kennen und die auch an den lebhaften Trubel gewöhnt sind, in dem das Gebären so stattzufinden pflegt. Cousinen, Tanten und Nachbarinnen bechern gemeinsam Wein und Bier, rauchen Tabak und überbieten sich gegenseitig mit Ratschlägen. ZITATOR: „Alle die anwesenden Frauen erzählen die Stellung, in welcher jede von ihnen ihre Kinder am leichtesten zur Welt gebracht hat, und nötigen die Gebärende, alle diese Stellungen nacheinander zu versuchen“, ERZÄHLERIN: … stellt ein Arzt aus Altona im Jahre 1763 irritiert fest. In einigen Stadtarchiven gibt es Akten über Prozesse, in denen sich eine Hebamme und ein Arzt wechselseitig der Ahnungslosigkeit und Praxisferne beziehungsweise der Kurpfuscherei beschuldigen. Karikaturen von beschwipsten Hebammen machen die Runde. 12 O-TON NADINE METZGER. Es ist oft in dieser Zeit für uns schwer zu trennen, was ist üble Nachrede und was ist ein realistisches Problem gewesen. Dieses Bild der alkoholisierten, unfähigen, schmutzigen Hebamme, das ist ein Bild, das sehr viel von ärztlichen Autoren beschworen wird. Im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert und auch noch im 20. Jahrhundert. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 00:55 ERZÄHLERIN: Der moderne Arzt will Ruhe und Konzentration und einen zügigen Geburtsverlauf. Häufig greift er viel zu schnell zur Geburtszange, die es seit dem 17. Jahrhundert gibt und die die Hebammen nicht verwenden dürfen; Risikogeburten sind zum Vorrecht des Arztes geworden. Viele Frauen und Kinder überleben die Tortur einer Zangengeburt allerdings nicht. Auch die Gebärhäuser, die im 18. und 19. Jahrhundert entstehen, haben so erschreckend hohe Sterberaten, dass Kritiker sie als „Mördergruben“ bezeichnen. Und doch werden diese Häuser hauptsächlich deswegen gegründet, um die Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer zu ermöglichen und die der Hebammen zu systematisieren. MUSIK ENDE 13 O-TON METZGER: Die Idee war die, dass arme Frauen, Frauen aus der Unterschicht mit unehelichem Kind, dass die so verzweifelt sind, dass die dann in so eine Anstalt gehen und sich dort als Anschauungsobjekt den Ärzten und Studenten zur Verfügung zu stellen. Und da normalerweise Gebären im Frauen- und Familienkreis abgelaufen ist, haben das wirklich nur ganz verzweifelte Frauen gemacht. Aber aus dieser Praxis konnte dann eben die aufstrebende männliche ärztliche Geburtshilfe genügend Anschauungs- und Forschungsmaterial gewinnen – also, „Material“ ist hier ein entpersonalisierendes Wort für die Gebärende und ihr Kind -, um daraus die Geburtshilfe als ärztliche Disziplin zu etablieren. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 01:00 ERZÄHLERIN: Die Frauen müssen im Liegen gebären, um Medizinstudenten und Hebammenschülerinnen bessere Einblicke zu gewähren. Das Kindbettfieber rafft eine Frau nach der anderen dahin. 1847 schöpft der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis den Verdacht, das könnte mit den ungewaschenen Händen der Ärzte zusammenhängen, die gerade von der Leichenschau kommen, aber er stößt auf Widerstände. Antiseptische Vorgehensweisen setzen sich nur allmählich durch – im Fahrwasser der Fortschritte in der Chirurgie. Von denen profitiert auch die Geburtshilfe. Seit 1882 ist es möglich, den Uterus nach einem Kaiserschnitt mit Carbolseide zu vernähen. Das senkt die Mortalität im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer mehr und ist ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der Geburtshilfe. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Das wachsende Hygiene- und Gesundheitsbewusstsein hat aber auch eine dunkle Seite. Vorstellungen von Rassereinheit und Eugenik machen sich bereits im 19. Jahrhundert in den Wissenschaften breit. Sie finden ihren furchtbaren Höhepunkt im Nationalsozialismus, der auch den Hebammenberuf ideologisch für sich vereinnahmt. 15 O-TON NADINE METZGER Die Reichshebammenführerin Nanna Conti war die Mutter des Reichsärzteführers, Leonardo Conti. Das war eine ganz stramme Nationalsozialistin, die schon in den 20er Jahren in die NSDAP eingetreten war und voll hinter jedem völkischen Gedankengut stand und es sehr geschickt geschafft hat, die Hebammen in den Dienst der Körperpolitik der NS-Diktatur zu stellen. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 00:52 ERZÄHLERIN: In der Nachkriegszeit setzt sich die Klinikgeburt auch auf dem Land flächendeckend durch, in der DDR in den Sechzigern, in der Bundesrepublik etwas später. In der DDR verbucht man bessere Erfolge bei der Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit als in der Bundesrepublik, auch die Hebammenausbildung ist sehr viel fundierter. Im Westen übernehmen Kassenärzte seit 1965 auch die Schwangerenvorsorge, was die Hebammen erst mal ins Hintertreffen geraten lässt. Inzwischen haben sie aber wieder ein gutes Standing, findet die Hebammenwissenschaftlerin Barbara Fillenberg. In ihrer vielfältigen Laufbahn als Hebamme hat sie auch die Erfahrung gemacht, dass Ärzte und Hebammen gut zusammenarbeiten können. MUSIK ENDE 16 O-TON BARBARA FILLENBERG: Und dieses Miteinander, das würd ich mir wünschen, dass wir das intensivieren, weil ich glaube, für die Frauen, für die Familien gibt’s nichts Besseres, als wenn die Berufsgruppen Hand in Hand arbeiten. Für mich ist es so, dass wir von der Frau aus und den Bedürfnissen des Kindes aus denken sollten und nicht unbedingt nur, was will die Berufsgruppe für sich selber, ob das jetzt Ärzte oder Hebammen sind. Der Diskurs bringt uns weiter. Es wär ja schrecklich, wenn‘s immer nur harmonisch wär, dann würden wir ja auf der Stelle treten. 17 O-TON NADINE METZGER: Ich glaube, es sehen alle in dem Bereich als Problem, dass man sich unter Personalmangel-Umständen nicht genügend um die einzelne Gebärende kümmern kann. Es ist ein organisatorisches Problem, es ist ein finanzielles, wirtschaftliches Problem, und allein der Hebammenmangel ist dafür nicht verantwortlich, es ist ein strukturelles Ding. Man kann nur hoffen, dass da gute neue Lösungen entwickelt werden.

  • Hier und Jetzt - Im Fokus der Achtsamkeit

    05.05.2025 · 21 Min.

    Im Hier und Jetzt zu sein, klingt attraktiv, ist aber schwierig. Denn der Mensch macht gern Pläne und hängt an Vergangenem. Doch es kann hilfreich sein, den Fokus - zumindest ab und zu - auf die gegenwärtige, sinnliche Erfahrung zu lenken. Bestenfalls öffnet sich dann ein kleiner Freiraum ohne Zwänge und Not. Von Justina Schreiber (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Martin Trauner Es sprach: Irina Wanka Technik: Regine Elber Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Daniela Blickhan, Psychologin und Coach Dr. Michael Huppertz, Psychiater, Psychotherapeut und Achtsamkeitstrainer Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Angst - Vom Umgang mit einem unheimlichen Grundgefühl JETZT ENTDECKEN Gelassenheit - Was ist das, wie geht das? JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“ Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  • Ein Zimmer für uns allein - Der Frauengeschichte-Podcast

    02.05.2025 · 3 Min.

    Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit unserer Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Mit dabei: Meinungen und Perspektiven aus der Instagram-Community von FrauenGeschichte. Hört mal rein! Schönheitsideale, Verhütung, Finanzen, Care-Arbeit – alles Themen, die Frauen seit jeher betreffen, ob gewollt oder ungewollt. Im Podcast „Ein Zimmer für uns allein“ mit unserer Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? Wo müssen feministische Kämpfe weitergeführt werden? Mit dabei: Meinungen und Perspektiven aus der Instagram-Community von FrauenGeschichte. Den Podcast findet ihr in der ARD-Audiothek und überall wo's Podcasts gibt: https://1.ard.de/EinZimmerfuerunsallein oder gleich hier Die Instagram-Community FrauenGeschichte findet ihr hier: https://www.instagram.com/frauen_geschichte/redits

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