Tarnen und Täuschen - Alles Natur
22.02.2024 · 24 Min.
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Tiere und Pflanzen haben erstaunliche Überlebenstricks entwickelt: Manche täuschen vor, gefährlich zu sein, obwohl sie es nicht sind. Andere locken potenzielle Partner und ahnungslose Opfer mit falschen Signalen in die Falle. Der Einfallsreichtum der Natur ist erstaunlich, wenn es um Täuschen und Tarnen, um Mimikry und Mimese, geht. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. (BR 2022)
Credits
Autorin dieser Folge: Iska Schreglmann
Es sprachen: Iska Schreglmann im Gespräch mit Dr. Thassilo Franke
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Dr. Thassilo Franke, Biologe am BIOTOPIA Lab in München
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Dr. Thassilo Franke
Die Wespe ist ein schönes Beispiel. Die hat diese typische, schwarz-gelb geringelte Warntracht, die man in der Natur sehr häufig findet.
Dann geht das große Maul auf und saugt diesen armen Fisch ein. Dann wird eben der Jäger zum Gejagten und gefressen.
Es gibt auch viele Betrüger, die so tun, als wären sie giftig.
Sprecherin
Alles Natur, Tarnen und Täuschen. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke.
Iska Schreglmann
Den anderen hinters Licht zu führen, das kennen wir aus der Welt der Menschen ja wirklich zu genüge. Hinterhältige Tricks sind aber auch bei Tieren und Pflanzen sehr verbreitet. Sie existieren auf unserem Planeten ja schon wesentlich länger als wir und haben die Mimikry, also das Täuschen und Tarnen, im Lauf der Jahrmillionen perfektioniert. Dr. Thassilo Franke wird uns gleich faszinierende und teils auch etwas bizarre Beispiele vorstellen. Herr Franke, Sie haben hier auf dem Tisch im Studio schon eine ganze Reihe von Dingen ausgebreitet, über die wir im Lauf der Sendung sprechen werden und die, ehrlich gesagt, erst einmal etwas kurios anmuten.
Dr. Thassilo Franke
Ja, also, ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Zum einen ist da ein aggressives Putzmittel und dann zwei Warnschilder, ganz deutlich schwarz, gelb gefärbt, einen Angelköder und - das ist eigentlich das schönste Exponat, was hier heute auf dem Tisch liegt - das ist ein Balk, also ein präparierter Vogel, ein ausgestopfter Vogel. Und zwar handelt sich hierbei um einen Ziegenmelker.
Iska Schreglmann
Das müssen wir beschreiben. Wenn ich jetzt nicht wüsste, dass es ein Vogel ist, würde ich sagen, es ist ein Stück große Baumrinde und wenn man es anfasst, merkt man natürlich, dass es ganz ganz weich ist. Das sind Federn.
Dr. Thassilo Franke
Ja, das ist ganz weiche Baumrinde und genau das will der Vogel damit auch erreichen. Wir haben es hier mit einem sehr schönen Beispiel von Krypsis zu tun, also Tarnung oder auch somatolyse Körperauflösung, so nennt man das in der Wissenschaft. Das ist ein in Vogel, der ganz ausgezeichnet getarnt ist. Und sie sehen auch diese Bänderung, diese rindenartige Bänderung auf dem Gefieder, die geht auch in eine gewisse Richtung, hat also eine Längsrichtung, in der sie verläuft. Und wenn der Vogel ruht, dann setzt er sich auf einen grob berindeten, horizontalen Ast. Er setzt sich nie quer drauf. Er setzt sich immer längst drauf, was für Vögel eher ungewöhnlich ist, normalerweise sitzen Vögel quer auf einem Ast. Der sitzt immer längst auf einen Ast, damit man ihn eben für so einen kleinen Stumpf hält, der von diesem Ast absteht.
Iska Schreglmann
Von der Farbe her ist es wirklich auch exakt so, wie eine marmorierte Baumrinde, also sämtliche Brauntöne von dunkelbraun bis zu hellbeige, würde ich sagen.
Dr. Thassilo Franke
Wenn man ihn so auf dem Boden liegen sehen würde, also zwischen Blättern oder Kiefernnadeln zum Beispiel, oder altem abgestorbenem Gras, dann wäre er auch vollkommen unsichtbar. Und natürlich fragt man sich dann, warum macht der Vogel so was. Warum tarnt er sich überhaupt zu gut? Warum hat er das überhaupt nötig?
Iska Schreglmann
Also wer hat es auf ihn abgesehen?
Dr. Thassilo Franke
Wer hat es auf ihn abgesehen, genau. Am gefährlichsten ist eigentlich sein Leben, wenn er auf dem Boden sitzt und sein Ei ausbrütet, weil, dann kommt er ja wirklich mit Ratten im Begegnung mit Mardern, Wieseln und dergleichen. Aber Gefahr droht auch aus der Luft, zum Beispiel vom Habicht oder sogar von Vögeln wie Krähen, die, wenn die ihn - so einen relativ kleinen, also nicht sonderlich groß, der ist vielleicht wie groß, kann man sagen, das der ist…?
Iska Schreglmann
Naja, länger als Ihre Hand würde ich sagen.
Dr. Thassilo Franke
20 Zentimeter ungefähr, würde ich sagen ist er von der Schnabelspitze bis zur Schwanzspitze. Ist also wirklich kein besonders großer Vogel. Und wenn der natürlich da mit auffälligem Gefieder auf dem Boden sitzen würde, würde der natürlich sofort erbeutet werden.
Iska Schreglmann
So, jetzt haben wir aber über eine klassische Tarnung gesprochen. Also dieser Vogel sitzt auf einem Baumstamm auf der Rinde, beziehungsweise auf dem Boden, und kann so schwer entdeckt werden von Fressfeinden. Jetzt gibt's aber Tiere, die noch ganz andere Tricks auf Lager haben, um Fressfeinde zu Narren.
Dr. Thassilo Franke
Ein Trick ist zum Beispiel vorzugeben, etwas zu sein, etwas Gefährliches zu sein, was man aber in Wirklichkeit nicht ist. Und da gibt es auch schöne Beispiele aus der Vogelwelt, und zwar bei höhlenbrütenden Vögeln kennt man das. Auch in der heimischen Vogelfauna, zum Beispiel unsere Meisen können das sehr gut machen, wenn sich jetzt ein Raubtier zum Beispiel einer Baumhöhle nähert oder in ein Vogelhaus rein schaut. Man kann es auch selber, sollte es aber nicht probieren, aber wenn man es täte, wenn man doch mit dem Finger reingehen würde, da würde die Blaumeisen-Mutter, die auf dem Gelege sitzt und brütet, dann laut fauchen, und dieses Zischen, dieses Fauchen, hört sich genauso an wie das Zischen einer Schlange. Und nachdem ja der Beutegreifer, der von außen in die Höhle eindringen will, im Dunkeln der Höhle nichts sieht, aber dieses Zischen hört, kriegt er es mit der Angst zu tun, weil ja so ein kleines Wiesel auch von einer Schlange überwältigt werden kann und sucht sofort das Weite.
Iska Schreglmann
Nun haben wir über verschiedene Täuschungsmanöver schon gesprochen, und es gibt dafür auch wissenschaftliche Begriffe, also akustische Mimikry, zum Beispiel, Schreck Mimikry oder auch Bates’sche Mimikry.
Dr. Thassilo Franke
Also wenn bei uns von Mimikry die Rede ist, ist eigentlich fast immer von der Bates‘schen Mimikry die Rede. Bates‘sche Mimikry heißt sie, weil sie von einem Naturforscher namens Bates entdeckt wurde. Henry Walter Bates war ein ganz begnadeter Naturforscher, und dabei ist ihm aufgefallen, dass eine Gruppe von Schmetterlingen völlig aus dem Rahmen fiel. Er hat viele Schmetterlinge gefangen, aber die sind meistens weggeflogen. Wenn er sich angepirscht hat, sind sie dann in die Baumkronen rauf oder haben sich im Schatten des Waldes versteckt. Aber eine Gruppe, die flog unbeirrt, ganz langsam, gaukelnd durch die Gegend und hat sich von ihm nicht beeindrucken lassen, hat sich auch ganz leicht fangen lassen. Er hat sich die dann angeschaut und hat gemerkt, dass sie so einen faulen Geruch verströmen und ist dann auf die Idee gekommen: Okay, die haben auch sehr auffällige Flügel, Zeichnungen, die sind mit Sicherheit giftig. Durch ihre bunte Farbe und ihren langsam gaukelten typischen Flug zeigen Sie Vögeln: Vorsicht, ich bin giftig.
Iska Schreglmann
Und welche Farben sind das dann?
Dr. Thassilo Franke
Das sind meistens orange-, schwarz- und gelbfarben bei diesen Schmetterlingen und diese giftigen Schmetterlinge, die gehören in die Familie der Glasflügler. Das sind Edelfalter. Und von denen weiß man auch heute, dass die ausgesprochen giftig sind. Was ihm aufgefallen ist, und zwar erst beim genaueren Hinschauen, erst als er die Falter in der Hand hatte, dass es noch andere gab, die exakt genauso aussahen, aber zu einer ganz anderen Schmetterlings-Verwandtschaft gehörten. Und bei diesen giftigen Faltern handelt es sich um Edelfalter. In unserer heimischen Schmetterlingsfauna gehört da zum Beispiel das Tagpfauenauge rein und bei der anderen Schmetterlingsgruppe, die genauso aussah, bei der handelt es sich um Weißlinge. Vielleicht ist jedem der Kohlweißling ein Begriff.
Iska Schreglmann
Ich denke schon. Das ist ja einer der häufigsten Falter bei uns.
Dr. Thassilo Franke
Und das ist eine ganz andere Schmetterlings-Verwandtschaft, also Edelfalter und Weißlinge sind überhaupt nicht verwandt. Und das hat ihn stutzig gemacht. Also im Endeffekt hat er Paare gefunden von diesen Edelfaltern, diesen giftigen und dem völlig ungiftigen Weißling, die exakt gleich aussagen. Und da hat es dann Klick gemacht und er hat gesagt okay, alles klar ist ja logisch, der eine, der ist ein Betrüger, der tut einfach so, als ob er giftig wäre. Also, er bedient sich dieser Warnsignale, des anderen, der wirklich gefährlich ist und vermeidet dadurch, von einem Vogel gefressen zu werden.
Iska Schreglmann
Für diese Strategie gibt es ja im Tierreich noch mehrere Beispiele, wenn wir an dieses schwarz-gelb gestreifte Muster der Wespen denken.
Dr. Thassilo Franke
Ja genau. Also im Endeffekt auch, was wir vorhin bei den Schmetterlingen hatten, diese auffälligen Flügel Zeichnungen. Da haben wir es mit Warnsignalen zu tun. Aposematische Zeichnung nennt man das in der Wissenschaft, also gefährlich. Jeder, der so aposematisch gezeichnet ist macht eigentlich darauf aufmerksam, dass er gefährlich ist. Aber nicht jeder…
Iska Schreglmann
Die einen sind ja auch gefährlich, nämlich die Wespen.
Dr. Thassilo Franke
Genau, die Wespe ist ein schönes Beispiel. Die hat diese typische, schwarz-gelb geringelte Warntracht, die man in der Natur sehr häufig findet. Es gibt zum Beispiel Schmetterlingsraupen, die auch schwarz-gelb geringelt sind, wie der Jakobskrautbär, den man vielleicht kennt. Das ist ein Schmetterling, dessen Raupe sich gefährliche Giftstoffe ihrer Nahrungspflanze zu eigen machen. Pyrrolizidinalkaloide heißen die, die sind im Jakobskreuzkraut enthalten. Das ist eine ganz gefährliche, giftige Pflanze, die auch von der Landwirtschaft bekämpft wird, weil sich eben Weidevieh auch daran vergiften kann. Und dieser Raupe macht eben dieses Gift nichts aus, aber sie lagert das Gift in ihrem Körper ein und wird dadurch extrem giftig. Und vor dieser Giftigkeit warnt sie mit dem gleichen Signal, wie die Wespe vor ihrer Giftigkeit warnt.
Iska Schreglmann
Gut. Das heißt das macht ja dann in dem Fall auch Sinn, dass der Vogel diese Raupe nicht frisst.
Dr. Thassilo Franke
Und da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an, nämlich, man muss überlegen, woher weiß der Vogel überhaupt das schwarz-gelb gefährlich ist?
Iska Schreglmann
Ist das Erfahrung?
Dr. Thassilo Franke
Genau. In diesen sauren Apfel muss jeder junge Vogel irgendwann mal beißen, dass er tatsächlich so ein schwarz-gelb geringeltes, saftiges Insekt, sich schnappt und dann eben mit dem Giftstachel in Berührung kommt und gestochen wird, dort sich elend fühlt oder die giftige Raupe frisst und dann erbrechen muss und eine fürchterliche Magenverstimmung hat. Und diese Erfahrung lehrt dann diesen Vogel, den naiven Vogel - man spricht von naiv, also bevor er diese Erfahrungen gemacht hat, weil es eben nicht angeboren ist und das merkt er sich dann von dem Zeitpunkt an und meidet eben alles, was diese Signal-Zeichnungen vorweist. Und das ist im Regelfall auch vernünftig. Aber in manchen Fällen ist es eben überflüssig, weil es gibt eben auch viele Betrüger innerhalb der Tiere, die so tun, als wären sie giftig. Man denke an die Schwebfliege. Das ist das klassische Beispiel, was auch in jedem Schulbuch drinsteht. Die Schneepflüge ist auch schwarz-gelb gestreift, ist vollkommen harmlos, hat keine Giftstoffe. Wäre eigentlich ein wunderbarer Leckerbissen, aber die Amsel, die einmal eine Wespe gefressen hat, die macht einen weiten Bogen um die Schwebfliege, weil sie gar nicht erst ausprobieren will, ob die nicht auch stechen kann. Das ist einfacher dann eben weiterzufliegen und sich eine schwarze Fliege zu schnappen.
Iska Schreglmann
Und da gibt es auch einen bekannten Forscher, einen Biologen, der genau diese Strategie entdeckt hat, nämlich Fritz Müller. Fritz Müller, der vor 200 Jahren geboren wurde und in Wirklichkeit Johann Friedrich Theodor Müller hieß.
Dr. Thassilo Franke
Ja, früher waren diese langen Namenskolonnen sehr in Mode. Er hat beobachtet, beobachtet, beobachtet, und er hat alles aufgeschrieben. Er hat dann irgendwann Charles Darwins Buch „Die Entstehung der Arten“ gelesen, war vollkommen fasziniert davon und hat dann eigentlich eifrig Daten gesammelt, Fakten gesammelt und hat die in Briefen immer wieder an Darwin kommuniziert. Und darunter waren eben auch solche Beobachtungen an Schmetterlingen, wo ihnen aufgefallen ist, dass nicht, wie Bates es gesagt hat, es ungiftige Schmetterlinge gibt, die sich der gleichen Warnzeichnungen wie giftige bedienen, sondern dass es auch verschiedenste, nicht näher miteinander verwandte, giftige Schmetterlinge gibt, die mit der gleichen Warntracht werben, die nicht verwandt sind, und das nennen wir heute Signalnormierung. Also, es ist eigentlich in der Technik weit verbreitet, aber dass es so etwas auch im Tierreich gibt, das ist zum ersten Mal Fritz Müller aufgefallen.
Iska Schreglmann
Und doch nicht nur im Tierreich. Wenn ich mich jetzt hier umschaue und zu unseren Requisiten gucke, die hier auf dem Studiotisch vor uns ausgebreitet liegen, da gibt es ja auch einige signale Leuchtfarben aus unserer menschlichen Welt. Also jetzt diese Putzmittelflasche hier zum Beispiel, die ein auffälliges gelb-schwarzes Etikett trägt.
Dr. Thassilo Franke
Ja, das ist eine Flasche mit einem Putzmittel, die davor warnt, dass die Flüssigkeit da drin ätzend ist. Ich bin heute früh auch schon so einem Warnzeichen begegnet, und zwar ich habe, bevor ich hier ins Studio kam, einen Antigen-Schnelltest gemacht. Und da ist ja häufig so ein kleines Plastiktütchen mit drin, wo man dann eben diesen mit Nasenschleim durchsetzten kleinen Tupfer entsorgen kann.
Iska Schreglmann
Ich glaube jeder weiß, was Sie meinen…
Dr. Thassilo Franke
Und da steht nämlich hier ein wunderschönes - schauen Sie mal, sehen Sie was da drauf ist?
Iska Schreglmann
Ja, Biohazard - Das ist auch ein Symbol, schwarz auf neongelbem Hintergrund. Das davor warnen soll, dass man das eben nicht anfassen soll. Und hier ist auch noch ein ausgedrucktes Schild, was vor Radioaktivität warnt, das kennt wahrscheinlich auch jeder dieses schwarze Dreieck auf neongelbem Grund.
Dr. Thassilo Franke
Genau das sind Warnzeichen. Immer diese gelbe Farbe, die schwarze Beschriftung. Das ist die Signalnormierung, zum Beispiel, für Warnzeichen.
Iska Schreglmann
Wobei man sagen muss, dass wir Menschen einen entscheidenden Vorteil haben gegenüber den Tieren, weil wir nicht erst Radioaktivität erleben müssen oder scharfe Putzmittel, um die Feststellung zu machen, dass wir davon lieber die Finger lassen sollten, sondern wir vertrauen dieser Signalnormierung.
Aber es gibt ja auch noch ganz andere Arten der Abschreckung nicht durch Optik, sondern zum Beispiel durch Gerüche.
Dr. Thassilo Franke
Ja, es gibt auch eine olfaktorische Mimikry, nennt man das. Da ist wahrscheinlich noch ziemlich viel zu erforschen. Man hat sich am Anfang immer eher auf diese optischen Reize, weil wir Menschen eben auch Augentiere sind, konzentriert. Aber es gibt auch Gruppen von Lebewesen, die alle gefährlich sind und mit ähnlichen Düften auf ihre Gefährlichkeit aufmerksam machen. Also ich denke, dass da die Marienkäfer zum Beispiel Beispiel sind. Das kennt ja jeder, der schon mal Marienkäfer in der Hand gehalten hat, dass der dann einen sehr intensiven, typischen Marienkäfer-Geruch verströmt. Und das ist eine Substanz, Coccinidin heißt die, die diesen Geruch ausmacht. Der Marienkäfer gibt sie über seine Fußgelenke ab. Man nennt das Reflexbluten. Dann kommt diese orangene Flüssigkeit raus, und es machen eben sehr, sehr viele verschiedene, nicht unbedingt nah miteinander verwandte Marienkäferarten. Und auch dieser charakteristische Duft könnte eine Art Müller‘sche Mimikry sein, dass sie eben durch diesen penetranten Marienkäfer-Geruch zusätzlich zu ihrer schwarz-roten Warntracht noch auf ihre Giftigkeit aufmerksam machen.
Iska Schreglmann
Also Abschreckung ist das eine. Aber es gibt auch das andere, umgekehrte, man möchte jemanden anlocken, die sogenannte Lockmimikry.
Dr. Thassilo Franke
Das wäre dann die dritte Form. Das ist die aggressive, die Peckham‘sche Mimikry, benannt nach dem Ehepaar Elisabeth und George Peckham. Die haben früher an Spinnen gearbeitet, und die haben das sehr ausführlich beschrieben. Aber es ist auch vorher schon Wissenschaftlern bekannt gewesen, dass es das gibt, dass eben Tiere tricksen, um ihrer Beute habhaft zu werden. Ich glaube, das bekannteste Beispiel was jeder kennt, ist dieser Tiefseeanglerfisch, dessen vorderster Rückenflossen-Strahl enorm verlängert ist und der ähnlich wie so eine Angelrute funktioniert und vorne vor dem zähnestarrenden Maul des Fisches dann einen einleuchtenden Köder in die Dunkelheit der Tiefsee hängt und hin und her bewegt. Und wenn dann eben ein kleiner Fisch vorbeikommt und diesen leuchtenden Punkt zieht, dann hält er das für eine leuchtende Qualle oder eine leuchtende Garnele. Und sobald der Fisch da reinbeißen will, dann geht das große Maul von dem Tiefseeangler auf und saugt diesen armen Fisch ein. Dann wird eben der Jäger zum Gejagten und dann eben selbst gefressen. Das wäre jetzt ein Täuschungsmanöver, wo wir von Lockmimikry sprechen. Vorher haben wir jetzt die ganze Zeit über Schreckmimikry gesprochen, wo man abgeschreckt wird. Aber das ist ein Beispiel für Lockmimikry.
Iska Schreglmann
Und weil sie gerade von Ködern erzählt haben, hier auf dem Tisch vor uns liegt ja auch ein Köder, der allerdings als solcher, finde ich, nicht erkennbar ist. Das ist – ja, zwei fingernagelgroß, würde ich mal sagen, oder lang - und da drangebunden ist so etwas wie eine Vogelfeder. Sie können es besser beschreiben…
Dr. Thassilo Franke
Ja, was sie da in der Hand halten, das habe ich erst vor zwei Wochen vor meinem Patenkind bekommen, also meinem Patensohn. Der ist begeisterter Angler, er ist Fliegenfischer. Beim Fliegenfischen ist es ja so, dass man mit Kunstködern arbeitet, die verblüffende Ähnlichkeit mit Wasserinsekten haben, zum Beispiel Köcherfliegen oder Eintagsfliegen. Beim Angeln wird dann dieser Kunstköder knapp über der Oberfläche hin und her bewegt. Und wenn da eine Forelle von unten diesen Köder sieht, dann verwechselt sie es tatsächlich mit einer Eintagsfliege, springt aus dem Wasser, schnappt nach dem Kunstköder und zack, hängt sie an der Angel und ist auf den Trick hereingefallen.
Iska Schreglmann
Und die Menschen ködern aber nicht nur die Tiere, sondern auch sich gegenseitig. Mir fallen gerade diese Phishing-Mails ein, mit denen Betrüger versuchen, zum Beispiel eine Mail - die sieht dann auch täuschend echt aus - einer Bank zu imitieren, um an die Kontodaten von den ahnungslosen Nutzern zu kommen.
Dr. Thassilo Franke
Das ist ein super Beispiel für aggressive Mimikry bei Menschen. Das ist eigentlich klassisch und die sind zum Teil richtig gut. Also, wenn man mal so eine Phishing-Mail aufmacht, die schaut wirklich aus wie von einer Bank. Da muss man zweimal hinschauen, dass man wirklich sieht, dass man hier im Begriff ist, einer aggressiven Attacke eines Verbrechers auf den Leim zu gehen, wenn man da jetzt sein Passwort zum Beispiel eingeben würde.
Iska Schreglmann
Also, wenn man mal darüber nachdenkt, gibt es ja noch viele andere Beispiele, also die ganzen Fake-Accounts auf den Social-Media-Plattformen oder ja, erschreckenderweise sogar habe ich gesehen aufblasbare Panzer, die wie ein Gummiboot aufgeblasen werden. Und dann denkt der Feind quasi, dass da eine große Armee im Hintergrund steht.
Dr. Thassilo Franke
Solche aufblasbaren Panzer, die gehören schon lange zum militärischen Arsenal unterschiedlichster Kräfte. Zum ersten Mal sind sie aufgetaucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, von einem Spezialverband, der dreiundzwanzigsten Special Force der US Army. Und da ging es darum, dass diese Special Force vortäuschen wollte, eine große Truppe darzustellen, obwohl sie nur tausend Mann insgesamt hatte, ungefähr, bisschen mehr waren es, glaube ich. Und die haben dann eben aufblasbare Panzer in Position gebracht und haben dann auf die Art und Weise eine Truppenstärke von ungefähr 30.000 vorgetäuscht und haben so die Wehrmacht dort getäuscht am Ende des Krieges. Man nannte die auch Ghost Army, also Geisterarmee, weil sie zum größten Teil nur aus diesen Attrappen bestand. Das ist aber auch ein Beispiel für aggressive Mimikry, da haben Sie ganz recht.
Iska Schreglmann
Wissenschaftler vermuten das auch Viren und andere Krankheitserreger Mimikry betreiben, um unser Immunsystem zu täuschen.
Dr. Thassilo Franke
Ja, was sie da ansprechen, das ist die sogenannte molekulare Mimikry. Hier ist es so, dass Krankheitserreger, auch Viren, Proteine produzieren, die den Proteinen gleichen, die auch die menschliche Körperzelle erzeugt. Und ein gesundes Immunsystem greift ja normalerweise nicht den eigenen Körper an und nimmt auch Abstand davon, eben diese Krankheitserreger zu vernichten und deswegen können die sich besser durchsetzen. Das kann übrigens aber auch zu Problemen führen, weil manchmal ist es dann so, dass das Immunsystem dann stimuliert ist und dann doch körpereigene Zellen attackiert. Und deswegen kann so eine molekulare Mimikry, wenn es ganz blöd läuft, eben auch zu einer Autoimmun-Antwort führen. Und es sind Fälle bekannt, wo auch Covid19-Verläufe vermutlich von diesem Phänomen der molekularen Mimikry betroffen waren.
Iska Schreglmann
Da wird es natürlich brandgefährlich. Jetzt haben wir über verschiedenste Formen der Täuschung gesprochen in unserem Körper. Wir Menschen untereinander, die Tiere gegenüber den anderen Tieren. Aber es gibt ja auch noch die Welt der Pflanzen.
Dr. Thassilo Franke
Bei den Pflanzen gibt es auch sehr schöne Beispiele. Die sind allerdings noch nicht so lange bekannt. Da gibt es zum Beispiel eine Gruppe von Blumen, die alle mit dem gleichen Signal auf sich aufmerksam machen, nämlich schöne rosarote Blütenbüschel, die vor Nektar nur so triefen. Das ist der Bergbaldrian, die Waldwitwenblume oder die Taubenskabiose. Und da ist es natürlich so, wenn ein Schmetterling dann einmal so eine Nektarquelle anfliegt, dann prägt er sich die Gestalt ein und geht da mit Vorliebe genau auf die. Und es heißt, er muss nur einmal kosten und hat dann gleich die ganze Gilde für sich entdeckt und fliegt die dann ab und bestäubt die Blüten. Und da gibt es auch einen Trickser, das ist die Kugelorchis. Das ist eine kleine Orchidee, die auch in den Alpen vorkommt, die auch genauso aussieht, aber die jetzt im Unterschied zu den anderen dreien eben keinen Nektar enthält. Und wenn da dann der Bestäuber hinfliegt, dann geht er leer aus, kriegt weder Pollen und Nektar, aber bestäubt trotzdem diese Kugelorchis.
Iska Schreglmann
Gut für die Pflanzen, weniger gut für den Schmetterling. Wobei, wenn es ab und zu passiert, ist es jetzt auch kein Problem.
Dr. Thassilo Franke
Da ist eben das Verhältnis entscheidend. Es muss natürlich so sein, dass das Modell in dem Fall diese Gilde aus drei rosaroten Puschelblumen, die vor Nektar nur so triefen, häufig ist und der Nachahmer in dem Fall die betrügerische Kugelorchis, die muss selten sein. Und dann fällt es dem Schmetterling gar nicht auf, wenn hin und wieder mal so eine Blüte leer ist. Es ist ja auch so, wenn vor ihm schon ein Artgenosse so eine Blüte abgesammelt hat, dann ist die ja auch leer. Also das fällt dann gar nicht so sehr ins Gewicht.
Iska Schreglmann
Also bei Tricksen und Täuschen muss es auch eine gewisse Balance geben. Ganz herzlichen Dank an Doktor Thassilo Franke.
Dr. Thassilo Franke
Ja, gern geschehen, war mir ein Vergnügen.
Sprecherin
Alles Natur. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. Redaktion Bernhard Kastner
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MUSIK ENDE SPRECHERIN drüber Bei der Gabun-Viper sorgen nicht nur Pigmente, sondern Mikro- und Nano-Strukturen ihrer Schuppen dafür, dass auftreffendes Licht fast vollständig absorbiert wird. Tiefes Schwarz entsteht in unserer Wahrnehmung also nicht nur durch dunkle Färbung, sondern auch durch Oberflächenstruktur von Schuppen, Federn oder Panzern. Katrin Vohland (sprich: Foland) vom Naturhistorischen Museum in Wien: 0 2 Katrin Nanotubes Und dann hat man festgestellt, dass es auch Nanostrukturen gibt im Tierreich zum Beispiel bei dem Paradiesvogel, aber zum Teil auch bei Spinnen, die das Licht so oft reflektieren und brechen, dass eben davon überhaupt nichts mehr übrigbleibt. Oder auch bei Schmetterlingen hat man das gefunden. Die sind so schwarz wie dieser Tiefseefisch, also sind auch ultraschwarz. Also das sind so kleine Nanotubes aus Chitin. Und das ist auch noch mal ein anderer Mechanismus, als wenn man ein schwarzes Pigment im Fell hat. SPRECHERIN Chitin ist ein Bestandteil des Außenskeletts vieler Gliederfüßer. Nanotubes sind winzig kleine Röhren, die beispielsweise die Oberfläche von tiefschwarzen Schmetterlingsflügeln bilden. Die Falter der Heliconius-Familie leben in Mittel- und Südamerika und haben intensiv gefärbte Flügel: Zitronengelb-Tiefschwarz, Leuchtrot-Tiefschwarz, Knallblau-Tiefschwarz. Sie nutzen ihre Farbsignale sowohl zur innerartlichen als auch zu zwischenartlichen Kommunikation: Fressfeinden täuschen sie vor, giftig zu sein. Ein klarer Fall von Mimikry, also Signalisierung falscher biologischer Tatsachen. Und unter ihresgleichen dienen die schwarzbunten Kontraste dem Anlocken von Geschlechtspartnern. Männliche Tiere wollen in ihrer Auffälligkeit Weibchen anziehen, denn die Farbe Schwarz bringt andere Farben erst richtig zum Leuchten. Katrin Vohland: O 3 Katrin Female Choise Allgemein geht man davon aus, alles was man sieht, hat einen evolutionären Vorteil. Also Tiere, die farbig sind, sind attraktiver für Geschlechtspartner. Man spricht ja oft auch von ‚Female Choice‘. Also letztlich investieren die Weibchen mehr in der Fortpflanzung und wählen sich dann entsprechend die Tiere aus. Bei einigen von den Tieren, die tatsächlich schwarz sind, die haben oft bunte Punkte, die dann sehr attraktiv wirken und auch eine Signalwirkung haben. ATMO Paradiesvögel im Wald SPRECHERIN drüber Rekord-Halter in diesem Farbenspiel sind da sicher die Paradiesvögel, die vor allem auf der Insel Neuguinea in Austral-Asien leben. Den männlichen Tieren verleihen dunkle Pigmente und winzige Nano-Strukturen auf der Oberfläche ihrer Federn ein samtiges, superschwarzes Aussehen: Die schwarzen Federn absorbieren je nach Einfallwinkel 0,05 bis 0,31 Prozent des Lichtes. Daneben oder dazwischen wachsen dann schillernde und bunt leuchtende Federn. Der Aufwand ist zielführend: Paradiesvögel sind polygyn, das heißt, Männchen paaren sich nach Möglichkeit mit mehreren Weibchen. ATMO ENDE ATMO Fliege SPRECHERIN drüber Ganz bescheiden kommen dagegen viele schwarze Insekten daher. Fliegen zum Beispiel. Sie wollen weder auftrumpfen noch etwas vortäuschen. Sie sind aus ganz anderen Gründen schwarz: Ihr schwarzer Körper erleichtert ihnen schlicht das Überleben: A 5 weg O 4 Katrin Insekten Insekten, die ja nicht selber Energie produzieren, sondern davon abhängig sind, dass Energie von außen kommt, wärmen sich schneller auf, wenn es warm ist. Das könnte einfach ihren Wärmehaushalt und damit ihre Mobilität unterstützen. SPRECHERIN Schwarz absorbiert das komplette Lichtspektrum und nimmt dabei auch die Wärme des Lichts auf. Das bringt nicht nur Insekten, , sondern auch Tieren in kalten Regionen Vorteile. Jochen Wolf: 0 5 Jochen Eisbär drüber Der Eisbär ja, der ist ja weiß, wenn man den Eisbären aber rasieren würde, dann wäre der pechschwarz. Also die Haut des Eisbärs ist schwarz, aber die Fellfarbe ist weiß. Und das hat beim Eisbär den ganz einfachen Sinn, dass der weiße Eisbär natürlich wunderbar getarnt ist. Der muss weiß sein, wenn er auf Robbenjagd geht sonst wird er zu früh entdeckt. Andererseits dient aber die schwarze Hautfarbe dazu, dass er mit der Kälte besser klarkommt. Er kann sich einfach aufwärmen und die Haare sind auch noch besonders gestaltet, sodass sie ganz viel Licht durchlassen und auf die Haut reflektieren. SPRECHERIN Die schwarze Haut des weißen Eisbären sieht man übrigens an den unbehaarten Stellen: Nase, Schleimhäute des Mundes und Augen. ATMO Sumpf nachts SPRECHERIN drüber Auf Menschen wirken schwarze Tiere oft unheimlich. Bei schwarzen Hunden denken vor allem im englischsprachigen Raum Viele an den „Black Dog“. Ein wahrer Höllenhund also, der als Zeichen des Todes gedeutet wird. SPRECHERIN Dabei ist es im wahren Leben genau andersrum: Für viele Hunde ist es ein wahres Unglück, mit einem schwarzen Fell zur Welt zu kommen – auch heute noch. In den USA spricht man mittlerweile vom „Black Dog Syndrome“, oder vom „Big Black Dog Syndrome“, dem Syndrom großer schwarzer Hunde, die wenig Chancen auf eine Adoption haben. ATMO ENDE ATMO 8 Katze hoch SPRECHERIN drüber Schwarze Katzen dagegen setzten lange Zeit christlich geprägte Assoziationen frei, wurden mit dem Teufel und Hexen assoziiert oder schlicht als Unglücksbringer abgestempelt. Vielen brachte ihre Fellfarbe früher tatsächlich den Tod. Katrin Vohland: ATMO kurz hoch, dann weg O 6 Katrin Was man auch weiß, ist, dass man ganz schwarze Katzen früher umgebracht hat. Das heißt, die Katzen, die immer noch ein weißes Fleckchen hatten, hatten eine höhere Überlebenschance. Das heißt, hier wird gewissermaßen ein künstlicher oder ein von Menschen gemachter Selektionsdruck auf die Katzen. Deswegen findet man offenbar sehr wenig schwarze Katzen ... SPRECHERIN … also rein schwarze Katzen, ohne weißes Fleckchen. Eine Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes in deutschen Tierheimen hat Vorurteile gegenüber schwarzen Haustieren bestätigt: Lea Schmitz: O 7 Lea länger sitzen Eine Katze, die irgendwie grau getigert ist, die wird sicherlich schneller Interessenten finden als ein schwarzes Tier. Die sind auch oft so ein bisschen unsichtbar, also die werden so’n bisschen übersehen. Und wenn da so ein gemustertes Tier, helle Farbe, ist, wirkt vielleicht irgendwie freundlicher. Die finden dann schnell ein neues Zuhause und die schwarzen Tiere bleiben definitiv oft öfter länger im Tierheim sitzen. SPRECHERIN 550 Tierheime sind dem Tierschutzbund angeschlossen. Bei der Umfrage haben 313 Einrichtungen teilgenommen. Insgesamt hat rund die Hälfte der teilnehmenden Tierheime bestätigt: Schwarze Hunde und Katzen haben es schwer, ein neues Zuhause zu finden. Viele sind so genannte „Dauersitzer“, verbringen schon ihr halbes Leben oder mehr im Heim.Gründe für die Ablehnung der Menschen sind übrigens nicht nur Angst oder Aberglaube, wie Lea Schmitz weiß: O 8 Lea Da spielt dann das Thema Ästhetik eher noch eine Rolle. Also, dass die einfach nicht so als schön empfunden werden, auch Fotogenität. Also die Leute machen ja heute viele Fotos auch von ihren Tieren, teilen die in den sozialen Medien. Und ein schwarzes Tier ist vielleicht nicht ganz so einfach zu fotografieren, weil man einfach so die Umrisse, die Mimik einfach nicht so gut wahrnimmt. SPRECHERIN ((Deswegen hat der Tierschutzbund im Oktober 2020 die Kampagne „Schwarze Tierheimtiere“ gestartet, um mit den Vorurteilen aufzuräumen. Unter anderem wurde ein Fotowettbewerb ausgeschrieben für schwarzer Tiere und eine „Top-Ten-Liste“ schwarzer Tierheimtiere im Netz publiziert, die besondere Menschen brauchen.)) Denn wenn zur schwarzen Fellfarbe andere „Vermittlungshemmnisse“ kommen, wie Kristina Berchthold vom Münchner Tierschutzverein sagt, dann wird es richtig schwierig: Tiere mit Leinenaggression oder solche, die sich mit Artgenossen nicht vertragen ... ATMO Hundegebell hoch, dann weg SPRECHERIN: Nur, warum ist das so? Ist denn was dran an dem Vorurteil, dass schwarze Tiere aggressiver sind als andere? Der Evolutionsbiologe Jochen Wolf hat sich diese Frage auch gestellt: O 9 Jochen Wolf Stresshormon-Achse Fürs Verhalten wahrscheinlich am wichtigsten ist der Zusammenhang der Melano-Genese, also der Herstellung von Melanin mit der sogenannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse, HPA Achse, das wird auch Stressachse genannt und das ist einfach ein System in Wirbeltier-Organismen, was zwischen mehreren Hormondrüsen kommuniziert … SPRECHERIN … Drüsen, Hormone und Teile des Mittelhirns interagieren im Verlauf dieses Stress-Reaktions-Stoffwechselweges. Stoffwechsel findet permanent in den Zellen statt: Er ist ein biochemischer Prozess, bei dem etwas auf-, ab- oder umgebaut wird, zum Beispiel bei der Atmung, der Energiegewinnung, der Entgiftung – oder eben auch bei der Stressreaktion. Vorangetrieben und gesteuert werden diese Stoffwechselprozesse in den Zellen von Enzymen. Und Enzyme sind Eiweißverbindungen, die mach sich wie winzig kleine Maschinen vorstellen kann, die die biochemischen Prozesse im Organismus katalysieren. Der Bauplan der Enzyme ist in der genetischen Information in jeder Zelle gespeichert. Und weil Stoffwechselwege untereinander vernetzt sind, kann ein und dasselbe Enzym in unterschiedlichen, zellulären Prozessen eine Rolle spielen kann – bei Stressreaktion und bei der Pigmentierung zum Beispiel: O 10 Jochen Wolf Zusammenhang da Diese HPA Achse, wenn man sich die Stoffwechselwege anschaut, überlappt die oder steht die in Verbindung mit dem Melanom-Genese-Stoffwechselweg. Und so kann man sich schon vorstellen, dass Mutationen in diesem Bereich Auswirkungen auf beides haben, auf Farbe und auf den Hormonen-Stoffwechsel und vor allem auf den Stresshormon-Stoffwechsel. SPRECHERIN Allerdings heißt das noch nicht, dass dunkle Tiere aggressiver auf Stress reagieren. Wissenschaftler in Bielefeld untersuchen das gerade bei Mäusebussarden: O 11 Jochen Mäusebussarde drüber Die stellen Unterschiede fest im Verhalten zwischen drei Farb-Morphen, die dort vorkommen. Es gibt diese ganz hellen Mäusebussarde, so mittelbraune und ganz dunkelbraune, und die hellen Männchen sind aggressiver, genau andersherum!, gegen Attrappen von Nesträubern. Und die dunklen Männchen sind am wenigsten aggressiv. Bei Weibchen ist es genau umgekehrt. ATMO weg SPRECHERIN Farb-Verhaltens-Kombinationen bei Mäusebussarden und anderen Wildtieren gibt es offensichtlich, dennoch sollte man solche Einzelbeobachtungen vorsichtig bewerten: O 12 Jochen Zusammenhang unklar Dieser Zusammenhang, den gibt es schon irgendwie. Stressresistenz, Immun-Antwort und vielleicht auch Aggressivität sind Verhaltens- Komponenten, die denkbar sind und für die es auch einige Hinweise gibt. Aber ein ganz, ganz klares Signal auf Farbe und Verhalten gibt es meines Wissens bisher kaum. Das ist schon relativ hypothetisch. ATMO 11 Saat/Nebelkrähen SPRECHERIN Anderes Beispiel: Krähen. In Westeuropa brüten die tiefschwarzen Rabenkrähen, im Osten hellgrau-schwarze Nebelkrähen. Sie gehören zur gleichen Art, vermischen sich grundsätzlich aber nicht – nur in einem 50 bis 100 Kilometer breiten Streifen entlang der Elbe. Welche Rolle spielt die Farbe ihres Gefieders - und vielleicht auch ihr unterschiedliches Verhalten? Jochen Wolf hat dazu mit einem internationalen Forscherteam junge Raben- und Nebelkrähen untersucht: O 13 Jochen Bäume hoch Also wir klettern dann die Bäume hoch, holen die kleinen Krähen raus und haben das einmal ein Radolfzell gemacht und dann einmal noch in Schweden, in der Nähe von Stockholm. ATMO hoch SPRECHERIN drüber, dann weg Die Krähen wurden in Volieren direkt miteinander konfrontiert: O 14 Jochen Schwarze und graue miteinander Schwarze untereinander, graue untereinander, ab einem bestimmten Zeitpunkt haben wir dann eine graue mit einer schwarzen jeweils immer wieder zusammengesetzt und geschaut, ob die sich ob es da konsistente Verhaltens-Unterschiede in der Interaktion gibt. SPRECHERIN Und? Waren die schwarzen pfiffiger oder aggressiver? Wie haben sie denn reagiert? ATMO ENDE O 15 Jochen Nö Nö, mei, wie so’ne Krähe halt reagiert, ja, krähen ab und zu, setzen sich nebeneinander, verscheuchen sich … Aber Krähen sind ja wahnsinnig sozial, bis eben auf die Fortpflanzungszeit, da werden sie territorial. Aber sonst, erst mal abtasten, es stellt sich sehr schnell ne Dominanz-Hierarchie raus, die aber eben nicht an der Farbe hing. Und gar nicht mal die Körpergröße, das sind wirklich … die haben wahnsinnig unterschiedliche Persönlichkeiten. SPRECHERIN Also: die Federfarbe macht keinen Unterschied. Bleibt die Frage, warum es im gesamten Verbreitungsgebiet Europa nicht mehr gemischte Paare gibt, warum sie sich nur entlang der Elbe vermischen. O 16 Jochen Wir haben das genomisch untersucht, haben da von ganz, ganz vielen Individuen das gesamte Erbgut sequenziert und stellen fest, dass die sich tatsächlich im Grunde nur in zwei, drei Bereichen unterscheiden, die alle mit der Farbgebung zusammenhängen. SPRECHERIN Also dieselbe Krähenart, in der es Tiere mit hellerem und mit dunklerem Gefieder gibt. Eine scheinbar unwichtige Farbmutation, die den Tieren doch wichtig zu sein scheint, denn die allermeisten schwarzen Saatkrähen ziehen schwarze Partner vor und graue wählen graue. Ihr Auswahlkriterium ist nicht, wie bei den Paradiesvögeln zum Beispiel, ästhetischer Natur ... O 17 Jochen … aber es scheint schon so zu sein, dass die durch Imprinting, das haben ja Vögel, ganz früh durch Prägung für später für die Partnerwahl auf ihre Eltern geprägt werden. Und dann wählt man eben nicht die Falschen. SPRECHERIN Das heißt: Junge Krähen aus gemischten „Ehen“ im Gebiet der Elbe haben nichts gegen Partner mit anderer Federfärbung, die Krähen außerhalb finden es schon wichtig, dass ihre Partner so aussehen wie sie und ihre Eltern: Entweder schwarz (im Westen) oder grau (im Osten Europas). ATMO Krähe hoch, dann weg SPRECHERIN Vielleicht liegt es auch bei anderen Tieren an der Prägung, dass andersartige Artgenossen ausgestoßen werden. MUSIK privat Take 005 „Castle Leoch“; Album: Outlander; Label: Madison Gate Records – 043396406490; Interpret: Bear McCreary; Komponist: Bear McCreary; ZEIT: 01:08 & ATMO Schaf kurz hoch Schwarze Schafe zum Beispiel. Ihnen kann die Farbmutation tatsächlich Pech bringen, allerdings nicht wegen ihrer dunklen Erscheinung. In Schottland gibt es immer weniger schwarze Schafe, von der alten Soay-Rasse zumindest (sprich: So-i). Forscher der Universität Sheffield haben festgestellt, dass das Gen für dunkle Wolle mit nachteiligen Eigenschaften gekoppelt ist. Eigentlich müssten die schwarzen Schafe gemäß der Evolutionstheorie ihre helleren Geschwister verdrängen. Denn schwarze Schafe sind bei dieser Rasse größer und schwerer, also besser angepasst als die weißen. Aber dunkle Soay-Schafe leben kürzer und pflanzen sich weniger erfolgreich fort. Die natürliche Auslese hat also nicht primär etwas mit der dunklen Fellfarbe zu tun, sondern mit versteckten Eigenschaften, die an das Farbgen gekoppelt sind: Bei den schottischen Schafen die kürzere Lebensdauer und die weniger erfolgreiche Fortpflanzung. MUSIK ENDE ATMO 12 Schaf SPRECHERIN Kommunikation, Tarnung, Wärmehaushalt oder auch genetische Laune: Es gibt viele Gründe für ein schwarzes Fell oder Federkleid, für schwarze Schuppen oder eine schwarze Haut. Tiefseefische und Fliegen, Paradiesvögel, Gabun-Vipern, Katzen, Hunde, Saatkrähen, Soay-Schafe … außer ihrer Farbe haben sie nicht viel gemein. Auf uns Menschen wirken dunkle Tiere eher beunruhigend. Dabei haben sie doch nur eins im Sinn: Das eigene Überleben sichern. GERÄUSCH RABE ATMO ENDE
- Die Eltern im Kopf - Lebenslange Begleitung
21.02.2024 · 22 Min.
Der Einfluss der Eltern auf ihre erwachsenen Kinder ist groß. Von klein auf hat deren Weltsicht ihr Verhalten geprägt. Existentielle Entscheidungen wie die Berufs- und Partnerwahl folgen oft vorgegebenen Mustern und erfüllen unbewusst Wünsche der Eltern. Die Ablösung vom Elternhaus ist ein lebenslanger Prozess. Autorin: Silke Wolfrum (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Silke Wolfrum Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christoph Jablonka, Christopher Mann Technik: Regine Elbers Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Sandra Konrad (Psychologin, systemische Familientherapeutin, Buchautorin); Bettina Isengard (Dr.; Soziologin an der Universität Zürich) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Linktipps: Wir empfehlen diesen informativen Beitrag von ARD alpha: EINMAL KIND, IMMER KIND? Wie eine gute Beziehung zu euren Eltern gelingen kann JETZT LESEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST
- Kriegsenkel - Das besondere Erbe dieser Generation
21.02.2024 · 23 Min.
Transgenerationale Weitergabe nennen Psychologen das Phänomen der emotionalen Weitergabe von Kriegserlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, von dem wohl rund ein Drittel der Kriegsenkel betroffen ist. (BR 2017) Autorin: Daniela Remus Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Christiane Roßbach, Johannes Hitzelberger, Carsten Fabian, Rahel Comtesse, Peter Veit Technik: Gerhard Wicho Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Sabine Bode, Journalistin, Köln; Christina Kanese, Finanzberaterin, Hamburg; Matthias Lohre, Journalist, Berlin; Prof. Hartmut Radebold, Altersforscher, Kassel; Prof. Luise Reddemann, Psychoanalytikerin, Köln Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik „Lethargia (more red)“, Matthias Deger/Andreas Suttner Take 1 (O-Ton Lohre) „Es war immer eine bleierne Atmosphäre bei uns zu Hause, weil unser Vater doch die Ruhe haben wollte und weil unsere Mutter doch letztlich auch Ruhe haben wollte und immer Angst hatte, dass unser Vater noch wütend wird.“ Musik kurz freistehend Take 2 (O-Ton Kanese) „Warum hatte ich so eine Angst davor, als junges Mädchen ver¬ge¬waltigt zu werden? Natürlich klar, ist das so in der Gesellschaft, pass auf und so, aber es ist eine ganz reale Angst, obwohl nie in irgendeiner Form irgendwas mal ge¬we¬sen ist, ich habe wirklich keine Angst haben müssen, wo man dann auch irgendwie denkt, wo kommt das her?“ Musik endet / Musik „Torture chamber“, Andreas Suttner/Anselm C. Kreuzer Erzählerin: Die Finanzexpertin Christina Kanese und der Journalist Matthias Lohre wurden 1973 und 1976 geboren. Ihre Eltern haben den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt. Mit Nächten im Bombenkeller, Todesangst und Panik. In bren¬nen¬den Städten, bei eisiger Kälte, auf der Flucht oder als Flakhelfer. Erzähler: Millionen Menschen waren damals diesen Kriegs¬er¬eig¬nissen aus¬ge¬setzt, darunter auch etwa 16,5 Millionen Kinder. Diese Kriegs¬kinder starteten nach 1945 in das Nachkriegsleben. Musik endet Werbe-Trailer-Collage, 99233330 Z00 – endet unter dem nachfolgenden Text Musik „Prophecies“, Anton Batagov, beginnt unter dem nachfolgenden Text Erzählerin: Auch wenn Wirtschaftswunder, Vollbeschäftigung, Wohlstand, Fleiß und funktionierende Demo¬kra¬tie eine große Erfolgsgeschichte zu sein schienen, sind doch viele dieser Kriegs¬kinder die Schrecken und Traumata, die sie als passiv Beteiligte des Krieges erfuhren, nie ganz losgeworden. Sie haben sie in sich vergraben, abgekapselt und verdrängt. Und oft un¬be¬wusst an ihre Kinder übertragen. Erzähler: Trans¬ge¬ne¬ra¬tio¬nale Weitergabe nennen die Psychologen und Psychotherapeuten dieses Phänomen, das aus der Trauma¬for¬schung bekannt ist. Hierzulande hat es jahrzehntelang nie¬man¬den interessiert. Erst seit wenigen Jahren ändert sich das: Die Generation der Kriegs¬¬en-kel erforscht nun, wie die Kriegser¬leb¬nisse ihrer Eltern das Fa-milienleben geprägt haben: Musik endet Take 3 (O-Ton Bode) „Es gibt Sätze die immer wieder auftauchten: Nummer Eins, ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen. Das Zweite ist: Ich habe Ängste, die sich durch meine Biographie nicht erklären lassen, ich bin ganz normal aufgewachsen. Das sind Ängste, die ich schlecht steuern kann, ich weiß nicht, wo sie her¬kom¬men. Das Dritte ist, nicht so recht Boden unter den Füßen zu haben, das Vier¬te ist, nicht im eigenen Leben angekommen zu sein, gar nicht zu wis¬sen, wo man wirklich zu Hause ist.“ Erzählerin: So schildert Sabine Bode, was Kriegsenkel an sich wahrnehmen. Die 1947 geborene Journalistin war eine der ersten, die sich gefragt hat, welche Spuren der Zweite Weltkrieg bei den Kriegs¬kindern und deren Kindern hinterlassen hat. Erzähler: Dass viele Kin¬der und Jugendliche durch den Zweiten Welt¬krieg seelisch schwer be¬¬schä¬digt und belastet worden seien, wird jetzt sichtbar. Z. B. durch die gehäuften Depressionen und Suizide in der Gene¬ra¬tion der Kriegs¬kinder. Dass viele von ihnen, selbst im hohen Alter, die Kriegs¬er-in¬¬nerungen aber noch immer zu verdrängen versuchen, ist für die Traumaforscherin und Psychoanalytikerin Luise Reddemann aus Köln durchaus nachvollziehbar. Denn diese Menschen waren damals in jungen Jahren passiv Beteiligte eines Krieges, für den ihre Eltern¬ge¬ne¬ration politisch verantwortlich war. Das hat in der damaligen Zeit viele von ihnen in psychische Konflikte gestürzt. Take 5 (O-Ton Reddemann) „Das andere ist aber auch, dass wir aus der Traumatherapie wissen, dass die Menschen eine Zeit brauchen, vor allem erstmal äußerlich wieder zur Ruhe zu kommen, d.h. wieder in Sicherheit zu sein, nach schlimmen traumatischen Erfahrungen, und dass man sich da dann häufig nicht auseinandersetzen kann mit dem Schlimmen.“ Musik „Prophecies“, Anton Batagov Erzählerin: Und genau das tun auch immer mehr Kinder der Kriegskinder. Zu diesen sogenannten Kriegsenkeln gehören etwa 20 Millionen Menschen, die zwischen 1955 und 1975 geboren wurden. Viele von ihnen fühlen sich als unfreiwillige Erben des Zweiten Weltkriegs. Erzähler: Manche schrei¬ben auto¬biographische Bücher, wie der Journalist Matthias Lohre, andere arbeiten ihre Familiengeschichte in Thera¬pien auf, wieder andere, wie die Finanzexpertin Christina Kanese, treffen sich in Ge¬sprächsgruppen oder grün¬den Vereine, tauschen sich in Internet-Foren aus oder veranstalten Ta¬gungen zum Thema. Denn viele der sogenannten Baby¬boomer, heute ungefähr zwischen 40 und 60 Jahre alt, blicken zwar auf eine Kind¬heit in Wohlstand und Frieden zurück, beklagen aber gleichzeitig eine emotionale Kälte, Gewalt, Schweigen, Familien¬geheimnisse und diffuse Ängste. Erzählerin: Dass das nicht auf die übersteigerte Selbstbeschau einer verwöhnten Generation zurückzuführen ist, bestätigen die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die es dazu gibt. Auch Berichte von Psycho¬the¬rapeu¬ten, Psychoanalytikern und Traumaforschern, die mit diesen Menschen arbeiten, bezeugen das. Musik endet unter dem nachfolgenden O-Ton Take 6 (O-Ton Bode) „Das Interessante ist, dass diese Gruppe sich den Namen selbst ge¬ge-ben hat. Das gibt es ja normalerweise nicht, dass plötzlich aus der Gesellschaft Menschen sich zusammentun, und sich ge¬ne¬ra¬tions¬bezogen dann auch noch einen recht originellen Namen geben, nämlich Kriegs¬-enkel. Ich habe den nicht erfunden! Das heißt, es gibt da ganz of¬fen¬-sichtlich Bedarf, sich um etwas zu kümmern, was bislang im Schat¬ten gelegen hat.“ Musik „Angst 1“ und „Angst 3“, László Dobos/Michi Koerner sowie Atmo Zweiter Weltkrieg beginnen unter dem nachfolgenden Text Erzählerin: Die eigene Familiengeschichte nämlich, im Schatten des Zweiten Weltkriegs: Zitatoren: – Fast tausend Städte und Orte werden bombardiert, fast die Hälfte aller Häuser dabei zerstört – 2,5 Millionen Kinder werden ab 1940 im Rahmen der Kinder-landverschickung aus den städtischen Ruinen aufs Land geschickt – Mindestens 10 Millionen Menschen, vor allem Frauen und Kinder, sind 1945 aus den sogenannten Ostgebieten auf der Flucht – Mindestens 1,9 Millionen Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, so die Schätzungen der Historiker – 500.000 Kinder sind nach dem Krieg Vollwaisen – 20 Millionen Kinder und Jugendliche leben nach dem Krieg als Halbwaisen Musik und Atmo enden / Musik „Time suspension“, Dru Masters Erzählerin: All das hinterlässt Spuren: Wissenschaftler gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Kriegskinder psychisch schwer belastet und sogar jeder Zehnte regelrecht traumatisiert ist. Für deren Kinder mitunter eine schwere Belastung, die die ganze Kindheit überschattet. Musik endet Erzähler: Auch die Eltern von Matthias Lohre sind Kriegskinder. Der Journalist, 1976 in einem Dorf im Münsterland geboren, hatte schon als kleines Kind das Gefühl, seine Eltern emo¬tional nicht zu erreichen. Deshalb wollte er einfach nur weg und zog nach der Schule so schnell wie möglich fort. Heute lebt er in Berlin. Take 7 (O-Ton Lohre) „Meine Eltern waren zwar komisch, seltsam, ich habe sie nicht verstanden, und sie waren wortkarg und eine ganz andere Welt, aber das habe ich darauf geschoben, dass meine Eltern vergleichsweise alt waren. Ich bin das jüngste von fünf Kindern, meine Mutter war 38 als ich zur Welt kam, mein Vater 44.“ Erzählerin: Doch was auch immer Matthias Lohre in der Folgezeit unternahm, wie sehr er sich anstrengte, ob er Bücher schrieb oder Reportagen, ob er viel Geld verdiente oder eine anspruchsvolle Stelle bekam, er fühlte sich innerlich getrieben und hatte das Gefühl, seine Anstrengungen wären nichts wert: Take 8 (O-Ton Lohre) „Das Komische war: Immer wenn ich irgendetwas erreicht hatte, von dem ich vorher gedacht hatte, das wird mich glücklich machen, dann ist das plötzlich zu einem grauen Nichts zerflossen.“ Erzählerin: Je älter er wurde, desto unglücklicher wurde Matthias Lohre mit dieser Situation. Obwohl er gleichzeitig das dringende Gefühl hatte, er dürfe nicht jammern, ihm ginge es doch gut! Ein Gefühl, das viele Kriegs¬enkel an sich beobachten: Un¬bewusst ver¬gleichen sie ihr Leben mit dem ihrer Eltern und verbieten sich zu kla¬gen, weil sie ja keiner exis¬ten¬tiellen Not aus¬ge¬setzt waren und sind. Erzähler: Erst als der Vater von Matthias Lohre 2012 bei einem Auto¬unfall ums Leben kommt, fragt sich der Journalist, ob die per¬¬ma¬nente Unzufriedenheit, die Angst, nicht genug zu leisten, etwas mit seinen Eltern zu tun haben könnten. Und erkennt plötzlich Pa¬ral¬lelen: Take 9 (O-Ton Lohre) „Kriegskinder wie Kriegsenkel halten ihre Leben aus. Sie versuchen durchzuhalten, wie das die Kriegskinder im Krieg ausgehalten haben und die Kriegsenkel tun das in gewisser Weise auch. Was meine ich mit aushalten? Damit meine ich, dass sie versuchen, Leistung zu bringen, weil sie gemerkt haben, dass Leistung gegenüber den Eltern oder auch in der Schule oder im Job, dass das ihnen die soziale Anerkennung bringt.“ Erzähler: Heile Welt, Sicherheit, Geborgenheit und Ruhe, danach haben sich viele Kriegskinder gesehnt. Denn genau das haben sie in ihrer Kind¬heit häufig schmerzlich vermisst. Von ihren Eltern und Familien gab es wenig Trost, sie sollten tapfer sein. Diese Eltern hatten mit sich selbst genug zu tun, und auch die NS-Ideologie war noch höchst lebendig, wie die Kölner Psychotherapeutin Luise Reddemann erklärt, die selbst 1943 geboren wurde: Take 10 (O-Ton Reddemann) „Die ganze Nazi-Erziehung, würde ich sagen, die hat ja auf sehr viele Menschen eingewirkt und dieses Härte-Denken, also, dass man keine Gefühle zeigen durfte, dass man auch als Individuum nix galt, ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘ und ‚hart wie Kruppstahl sein‘, alle diese Sachen, die spielen meines Erachtens eine ganz große Rolle für die Kriegskindergeneration.“ Erzählerin: Raum für ihre Ängste und Sorgen bekommen die Kriegskinder von der Elterngeneration in der Regel nicht. Take 11 (O-Ton Radebold) „Wenn man sich die Situation dieser Kinder während und kurz nach dem Krieg anguckt, so sind sie ja zu einem großen Teil erst einmal verstört, sie sind abgemagert, sie sind hungrig, sie sind schlecht versorgt mit allem.“ Erzähler: Viele dieser Kinder waren direkt nach dem Kriegsende voller Ängste, sie schreckten nachts auf und konnten sich schlecht konzentrieren, sagt der Psychoanalytiker Hartmut Radebold. Aber schon wenige Jahre später, 1949, haben diese Kriegs¬kinder nichts Auffälliges mehr an sich, das zeigen die Berichte aus einem Kinder¬heim auf der Insel Langeoog. Radebold erklärt das mit psychischen Ab¬wehr¬me¬chanismen: Take 12 (O-Ton Radebold) „Sie haben generalisiert: Das haben doch alle erlebt. Sie haben bagatellisiert: Das war doch nicht so schlimm. Sie haben Verkehrung ins Gegenteil, d.h. sie haben die abenteuerlichen Geschichten erzählt, aber nicht Angst, Panik und Kummer, sie haben aufgespalten in Inhalt und Affekt.“ Erzählerin: Deshalb ist es den Kriegskindern zum überwiegenden Teil gelungen, sich – äußerlich be¬trach¬tet – völlig „normal” im Sinne von unauffällig, weiter zu entwickeln. Take 13 (O-Ton Radebold) „Und sie haben sich identifiziert mit den Ansichten der Familie, d. h. was die ideologisch, zum Teil auch noch aus dem Dritten Reich, was die Familie vermittelt hat, das war sozusagen ein Halt, der nicht kritisch hinter¬fragt werden konnte. Mit diesen Abwehrmechanismen haben sie das, was sie erlebt haben, unter einer stabilen seelischen Betondecke ver¬gra¬ben, haben funktioniert. Aber das war natürlich eine Pseudo-, oder eine pathologische Normalität, die sie hatten.“ Erzählerin: Die Pseudo-Normalität funktionierte, weil der Schrecken abgespalten, beschwiegen und verdrängt wurde. Und weil der emotionale Bezug dazu fehlte, erlaubten es sich die Kriegskinder nicht, über ihre Verluste und Erlebnisse zu trauern, sich ihre Ängste einzugestehen oder ihre Wut. Selbst dann nicht, als sie schon längst erwachsen waren, berufstätig und mit einer eigenen Familie. Musik “Lethargia (more red)“, Matthias Deger/Andreas Suttner Erzähler: All das unausgesprochen Erlebte aber ist es, was die Kriegsenkel in ihren Familien gespürt haben und zum Teil bis heute noch spüren: beklemmende Familienfeste, freudlos und ver¬¬krampft, übertriebenes Spar- und Sicher¬heits¬bedürfnis oder emotionale Kälte beispielsweise. Das alles hat die Kriegsenkel-Generation ver¬unsichert und verursacht gleichzeitig Schuldgefühle. Denn die Kriegsenkel sind sich sehr bewusst, dass sie im Vergleich zu ihren Eltern, äußerlich betrachtet, ein sehr privilegiertes, friedliches Leben führen, ohne Hunger, Angst und Schrecken: Musik unter dem nachfolgenden O-Ton ausgeblendet Geräusch Klimaanlage Take 14 (O-Ton Kanese) „Auch wenn ich meinen Vater frage, das ist halt ein typisches Kriegskind, wie hast Du denn das erlebt: ‚Ach ja, da kann ich mich gar nicht mehr erinnern‘, also da kommt einfach nicht viel…“ Erzähler: …erzählt Christina Kanese. Die 1973 geborene Volkswirtin arbeitet heute als selbstständiger Finanz-Coach in Hamburg: Take 15 (O-Ton Kanese) „…ansonsten hab ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater, aber ich hab früher immer gedacht, das hängt damit zusammen, dass meine Mutter so früh gestorben ist, und dass er natürlich auch über dieses Thema nicht gerne redet, aber dann hab ich gemerkt, das ist speziell dieses Thema, Krieg…“ Geräusch endet Erzählerin: Christina Kanese hatte den Eindruck, sie solle irgendetwas nicht er-fahren. Trotz zahlreicher Gespräche be¬kam sie zur Fa¬milien¬geschichte nicht mehr als ein paar dürre Fakten zusammen: Die Mutter habe als Vier¬¬jährige aus Schlesien fliehen müssen, der Vater sei den üblichen Bom¬¬benangriffen ausgesetzt gewesen. Bei der Finanzexpertin ver¬fes-tigte sich das Gefühl, von ihrer Familiengeschichte ab¬geschnitten zu sein. Erzähler: Gleichzeitig litt sie aber unter massiven Ängsten, die sich keiner er¬klä-ren konnte und die ihr Lebensgefühl deutlich beeinträchtigten. Erst als sie von einer Freundin ein Buch zum Thema Kriegsenkel geschenkt bekam, begriff sie beim Lesen, dass auch sie von den Spät¬folgen der elterlichen Kriegserlebnisse betroffen ist: Geräusch Klimaanlage Take 16 (O-Ton Kanese) „Je mehr ich da Licht reingebracht habe, ich für mich mehr erklären konnte, aha, da haben die, meine Mutter, meine Oma, wahrscheinlich richtig schlimme Dinge erlebt, und das für mich auch so eine Erklärung war, warum ich bestimmte Ängste habe, so, die rein objektiv überhaupt nicht erklärbar sind. Warum hatte ich so eine Angst davor, als junges Mädchen ver¬ge¬waltigt zu werden?“ Erzähler: Eine emotionale Achterbahnfahrt sei die Auseinandersetzung mit dem Thema gewesen, so beschreibt Christina Kanese es heute, aber auch extrem erhellend: Take 17 (O-Ton Kanese) „Das war für mich dann so richtig eine Erkenntnis, dass ich dachte, ah, jetzt konnte ich es mir erklären, und dadurch konnte ich es auch ein Stück¬weit so ein bisschen beiseite packen, aha, das kommt da her, und dadurch hab ich auch so ein bisschen Frieden damit auch geschlossen.“ Geräusch endet Erzählerin: Heute versteht sie ihre Ängste, hat sie im Griff und tauscht sich mit anderen Kriegs¬enkeln in einer Gesprächsgruppe aus. Und stellt dabei immer wieder fest: Sie ist nicht allein, die familiären Erfahrungen der Kriegskinder-Generation sind sich auf ganz frappierende Weise ähnlich. Zitatoren-Collage (mit Hall): Ihr sollt es doch einmal besser haben! Wir meinen es doch nur gut mit euch! Sei doch nicht so undankbar! Was sollen die Nachbarn denken? Geh bloß kein Risiko ein! Musik „Prophecies“, Anton Batagov Erzählerin: Nachkriegsfamilien¬ge¬schichten ähneln sich. Vieles, was als Eigenart der eigenen Eltern wahr¬¬genommen wurde, ist offenbar keine in¬dividu¬elle Besonderheit, sondern eine der Generation Kriegskinder, so die Erfahrungen der Kriegsenkel Matthias Lohre und Christina Kanese: Geräusch Klimaanlage Take 18 (O-Ton Kanese) „Das ist schon auch ein Tabuthema, da spricht man einfach nicht gerne drüber und auch so ein bisschen so, nee, das lassen wir jetzt hinter uns und wir gucken nach vorne!“ Geräusch endet Erzähler: Auch der Journalist Matthias Lohre, Jahrgang 1976, brauchte einige Jahre, um zu begreifen, was das Verhältnis in seiner Familie so beschwert hat und an welchen Punkten er trotzdem die Verhaltensweisen und Ängste seiner Eltern übernommen hat. Erzählerin: Kalt, abweisend, unpersönlich und verschlossen, so erlebte Matthias Lohre seinen Vater. Seine Mutter dagegen war in einer dauerhaften und überbordenden Traurigkeit gefangen: Musik endet unter dem nachfolgenden O-Ton Take 20 (O-Ton Lohre) „Ein kleines Beispiel: Als kleines Kind geh ich zum Zahnarzt, meine Mutter kommt mit, und wer am meisten zu leiden scheint, ist meine Mutter. Sie findet es doch ganz schrecklich, dass ich da jetzt auf diesem Zahnarztstuhl bin und leide, und ich als Kind fühle dann den Auftrag, meine Mutter zu trösten.“ Erzähler: Dass Kriegsenkel bisweilen für die labilen Seelen ihrer Eltern zu¬ständig sind, wie bei Matthias Lohre, ist kein Einzelfall. Aber, dass dieses Gefühl viele Menschen einer ganzen Generation beherrscht, ist schon auffällig. Die Jour¬nalistin Sabine Bode ist bei ihren Recherchen häufig auf diese Beschreibung gestoßen: Musik „Time suspension“, Dru Masters Take 21 (O-Ton Bode) „Ich habe das Gefühl, und das schon von Anfang an meiner Kindheit, dass ich sozusagen meine Kraft den Eltern geben muss. Ich bin auf der Welt, damit meine Eltern glücklich sind, ich hab dafür zu sorgen.“ Musik endet Erzählerin: Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die es zur trans¬gene¬ra¬tio¬na¬len Weitergabe von Traumata gibt, zeichnen ein düsteres Bild: Trau¬¬-matisierte Menschen, ob Vietnam-Veteranen oder Holocaust-Über¬le-bende, lei¬den auch noch Jahr¬zehnte später unter sogenannten post-trau¬ma¬ti¬schen Be¬lastungs¬störungen: mit Alb¬träumen, Kon¬zen¬trations-pro¬ble¬men, Panikattacken oder Depres¬sionen. Erzähler: Traumata und schwere emo¬tionale Verunsicherungen bleiben ein Teil der Persönlichkeit, wenn sie nicht aufgearbeitet werden und können deshalb an die eigenen Kinder weitergegeben werden. Und das ist es, was die Kriegsenkel beschre¬i¬ben: psychosomatische Störungen, Depressionen, Be¬zie¬hungs¬pro¬ble¬me und Ängste. Der Altersf¬orscher und Psychoanalytiker Hartmut Rade¬bold, selbst ein Kriegs¬kind, hat Kriegsenkel wissenschaftlich befragt: Take 22 (O-Ton Radebold) „Jetzt sagen die Befragten: Ihr habt uns erzogen nach Normen und Vorgaben, die ihr uns nicht erklärt habt. Warum müssen wir alles aufessen, was auf dem Teller ist, warum müssen wir sparsam sein, warum, warum, warum…“ Erzählerin: Die Eltern hätten zwar für finanzielle Sicherheit gesorgt, hätten sie an¬-gehalten etwas zu leisten, fleißig zu sein und diszipliniert, aber emo-tional fühlten sich viele Kriegsenkel von ihren Eltern ab¬ge¬schnitten, so die Ergebnisse von Radebolds Untersuchungen. Er zitiert typische Aussagen: Take 23 (O-Ton Radebold) „Wir spüren in euch einen Bereich, wo ihr abgekapselt seid, wo wir euch gefühlsmäßig nicht erreichen können. Da ist irgendwo etwas in euch drin, wir können es noch gar nicht schildern, wo ihr unzugänglich seid, euch abkapselt usw. Es gibt weiterhin keine körperliche Nähe, ihr seid nicht in der Lage uns in den Arm zu nehmen…“ Erzähler: In der Hälfte der Nachkriegsfamilien, so eine Studie der Universität Kas-sel, wurde nie über die Schrecken des Krieges gesprochen. Offene Gespräche fanden nur in einem Viertel aller Haus¬halte statt. Dabei haben die Kriegskinder ja enorm unterschiedl¬iche Er¬fahrungen gemacht. Manche erlebten Todesangst und Vergewalt¬i¬gung, Flucht und Nächte im Bombenkeller, andere dagegen haben kaum etwas mitgekriegt. Erzählerin: So unterschiedlich die Erlebnisse der Kriegs¬kinder, so unterschiedlich ist auch ihr Umgang damit. Manche forderten einen fast schon symbiotischen Zu¬sammenhalt von ihrem Nachwuchs, andere reagierten auf kleinste Abweichungen von dem, was sie für richtig hielten, hysterisch oder gewalttätig und wieder andere übertrugen ihre eigenes Misstrauen, ihre Lebens¬angst auf die Kinder. Take 24 (O-Ton Radebold) „Wir haben von euch Verhaltensweisen übernommen, die etwas mit dem Krieg zu tun haben…“ Musik „Prophecies“, Anton Batagov Erzähler: So haben es viele Kriegsenkel Hartmut Radebold zu Protokoll ge¬ge¬ben. Dass diese Generation jetzt entdeckt, wie sehr die Kriegs¬er¬lebnisse ihrer Eltern nachwirken, begrüßt der Psychoanalytiker. Denn nur so könnten die psychischen In¬stabilitäten in der Kriegsenkel-Ge¬neration aufgearbeitet werden. Und die seien nicht ausgedacht, sondern tatsächlich existent: Depressionen, Beziehungs-probleme, psychosomatische Beschwerden, Zwänge und Ängste, unter denen auffällig viele Babyboomer leiden. Erzählerin: Auch die Journalistin Sabine Bode ist davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit dem psychischen Erbe der Kriegskinder und der Kriegsenkel ein ent¬schei¬den¬der Baustein ist, um die NS-Zeit nicht nur historisch-akademisch, son¬dern auch emotional aufzuarbeiten: Take 25 (O-Ton Bode) „Die meisten Kriegsenkel haben ja zunächst das Leid ihrer Eltern im Blick, und das kann man haben, wenn es um diese Kriegsschrecken geht in der Kindheit. Wenn Sie anfangen eine Generation weiterzugucken, in die Großeltern¬ge¬ne¬ration, dann entdecken Sie womöglich noch was anderes, nämlich Ver¬strickung und Profitieren vom NS-Regime. Das ist genauso wichtig, denn bestimmte Sachen lösen sich einfach nicht auf, wenn man nur auf die Elterngeneration und deren Kindheitsleid guckt, sondern sie lösen sich wirklich erst auf, wenn man sieht, was da an Familien¬geheimnissen und Familienlegenden war. Und danach ist das Leben bei sehr vielen sehr viel einfacher.“ Musik hoch und endet