Theophanu - Kaiserin im römisch-deutschen Reich
25.03.2024 · 22 Min.
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Kaiserin Theophanu sorgt im weströmischen Reich der Ottonen für Stabilität und außenpolitische Erfolge. Die Frau aus Byzanz hat nicht nur politisches Geschick, sie bringt auch Kunst und Bildung nach Deutschland. Autorin: Ulrike Beck (BR 2019)
Credits
Autorin dieser Folge: Ulrike Beck
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Stefan Wilkening, Irina Wanka
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:
Ludger Körntgen (Professor; Dr.; Historiker; Professor für mittelalterliche Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz);
Klaus Gereon Beuckers (Professor; Dr.; Kunsthistoriker; DIrektor am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität, Kiel)
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK 1
Erzähler
Rom im Frühjahr 972. Es muss ein spannender Moment gewesen sein, als die Griechin Theophanu aus Byzanz in Rom eintrifft. Sie ist noch ein halbes Kind, vielleicht erst 12, vielleicht aber auch schon 16 Jahre alt. Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Hier soll sie nun Otto II. heiraten. Den künftigen Herrscher aus der Dynastie der sächsischen Ottonen, die das weströmische Reich regieren.
Erzählerin
Theophanu kennt ihren künftigen deutschen Gatten noch nicht. Sie weiß nur, dass er siebzehn Jahre alt ist und sein Vater sich in den Kopf gesetzt hat, dass er eine purpurgeborene Prinzessin aus Byzanz, aus dem Zentrum des oströmischen Reichs, zur Frau nehmen soll. Auf sie werden viele Aufgaben zukommen.
Erzähler
Denn ihr künftiger Schwiegervater, Otto der Große, verknüpft mit dieser Verbindung große Absichten, erklärt der Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers:
MUSIK ENDE
1.O-Ton ( Beuckers ab 2:50)
Für die Ottonen war das eine Anerkennung ihrer inzwischen erlangten Stellung. Otto der Große hatte sozusagen in der Tradition Karls des Großen stehend und auch dezidiert darauf Bezug nehmend sich in Aachen krönen lassen. (…) Und
wollte jetzt diese damit verbundene geopolitische Dimension durch eine Prinzessin aus Byzanz oder durch die Anerkennung aus Byzanz absichern und auch nach außen dokumentieren. 3:19 (…) Weil es zu der Zeit gerade in den 60er-, 70er-Jahren einige Probleme mit Süditalien gab, was formell zum Reich gehörte und wo die Byzantiner relativ große machtpolitische Interessen hatten und auch das wollte man befrieden und hat sich dementsprechend um diese Prinzessin gekümmert.
Erzählerin
Theophanu ist aber nicht die Tochter, sondern nur die Nichte des oströmischen Kaisers Johannes Tzimiskes. Es ist ein Affront, dass Byzanz sie schickt. Dennoch lässt Otto der Große die Hochzeit nicht platzen, sondern nimmt Theophanu als künftige Schwiegertochter in Ehren auf.
2. O-Ton ( Beuckers ab 4:00)
Wir wissen, dass einige am Hof da etwas die Nase gerümpft haben. Man muss aber auch sehen, dass in Byzanz zu der Zeit keine ganz klare Herrscherstruktur da war, da war gerade eben ein Herrscher abgelöst worden. Und im Prinzip der neue Usurpator schickte jetzt seine Nichte, über eine Tochter in dem Maße hat er nicht verfügt. Die Anna, auf die die Ottonen spekuliert hatten, wurde nach Russland verheiratet. 4:25 Warum Otto der Große darauf eingegangen ist oder auch Otto II. Wir wissen es nicht. Aber sie sind mit viel Nachdruck drangegangen, haben das Beste aus der Situation gemacht und haben direkt Theophanu wie eine Prinzessin behandelt.
Musik 2
Erzähler
Am 14.April 972 ist es soweit. Otto II. und Theophanu werden in Rom vom Papst vermählt. Während der Zeremonie krönt Johannes XIII. die Braut auch zur Kaiserin. Die einen reichen Schatz mit in die Ehe bringt: Wertvolle byzantinische Elfenbeinschnitzereien, Textilien, Parfümflakons und Goldschmiedearbeiten. Mit der jungen Kaiserin zieht nicht nur der Glanz der byzantinischen Kultur in das sächsische Herrscherhaus ein, sondern auch Bildung und modische Raffinesse.
Erzählerin
Welches Kleid Theophanu bei ihrer Hochzeit trug, ist nicht überliefert, aber wie sie in etwa aussah, das lässt sich rekonstruieren. Auch, wenn kein einziges zeitgenössisches Porträt von ihr existiert:
MUSIK ENDE
3.O-Ton (Beuckers ab 1:05)
Wir können es über ein paar Dinge rückschließen. Ein Punkt ist beispielsweise, dass wir relativ genau wissen, wie ihre Enkeltochter, die Königin Richetza ausgesehen hat, weil ihre Gebeine untersucht worden sind in den Fünfzigerjahren, die im Kölner Dom ruhen heute. Und wir daher wissen, dass Richetza eine (1:40) schmale kleine dunkelhaarige Frau mit schmalem Gesicht gewesen ist.(…) Sodass wir auch davon ausgehen können, dass sie wahrscheinlich etwas von ihrer Großmutter widergespiegelt hat und weniger das Aussehen der Ottonen selber, die eher etwas gedrungener und rotblonde Leute gewesen sind, also eher einem anderen Typus entsprochen haben.
MUSIK 3
Erzähler
Nur ein Jahr nach der Hochzeit übernimmt Otto II. nach dem Tod seines Vaters die Alleinherrschaft über ein gigantisches Reich, das sich im Jahr 973 weit über Sachsen hinaus in die heutigen Beneluxländer, Elsaß und Lothringen, den nordöstlichen Teil der Schweiz, das Herzogtum Bayern mitsamt Österreich, Kärnten und Südtirol bis nach Italien hinein erstreckt.
Erzählerin
Das bedeutet für Theophanu, dass ihr Alltag von nun an vor allem durch Reisen bestimmt ist. Eine feste Residenz als Wohnsitz gibt es nicht. Stattdessen begleitet sie ihren Mann quer durch das Reich und von einer Kaiserpfalz zur anderen, um dort die Regierungsgeschäfte zu erledigen. Allein von Frühjahr bis Sommer 973 steht der Besuch der Pfalzen Quedlinburg, Memleben, Dornburg und Magdeburg auf dem Programm. Das ist strapaziös, aber notwendig, wie der Historiker Ludger Körntgen erklärt:
MUSIK ENDE
4.O-Ton ( Körntgen ab 7:40)
Man hat durchaus ohne Abschätzung insgesamt die Kaiser des Mittelalters (…) als Normaden auf dem Königsthron angesprochen, weil sie permanent durch das Reich sich bewegen, um ihre Herrschaft zur Geltung zu bringen. Die Herrschaft war sehr stark auf das persönliche Gegenüber angewiesen, auf die konkrete Kommunikation mit den anderen wichtigen Akteuren. (8:14) Und das konnte man eben nicht über lange Nachrichtenwege machen, das konnte man nur durch persönliche Präsenz machen. Deshalb ist eben Reisen von einem Ort zum anderen eigentlich ein prägendes Moment dieses Lebens.
Erzähler
Das Ehepaar scheint sich gut zu verstehen. Otto II. bezeichnet Theophanu in Urkunden auch als seine „vielgeliebte Gattin“, deren Rat er sehr zu schätzen weiß. Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit bestimmt er sie zur „Mitkaiserin“, die die politischen Angelegenheiten entscheidend mitbestimmt. Allein durch ihre Funktion als Mittlerin zwischen Bittstellern und ihrem Mann, dem Kaiser.
5.O-Ton (Körntgen ab ca. 10:30)
Wenn man den Kaiser mit einem Wunsch oder einem Anspruch konfrontieren wollte, war es manchmal sinnvoll, erst mal bei der Kaiserin vorzufühlen. Das war noch ein bisschen unverbindlicher. (… 10:55) Sie verbringt viel Zeit mit Beratungen, sie empfängt Personen, die sich an sie wenden. Sie setzt sich ein für manche Personen, bringt deren Anliegen dann auch in der Beratung des Kaisers und seiner Umgebung zur Sprache. Das sind ganz wichtige Momente ihres Lebens.
MUSIK 1
Erzählerin
Theophanu ist nicht die erste Kaiserin, die im ottonischen Herrscherhaus als Mittlerin auftritt. Doch sie ist es, die in dieser Rolle Beispielloses leistet. Ein Viertel aller Urkunden, die Otto II. unterschreibt, gehen auf ihre Anträge - also Interventionen - zurück.
Erzähler
Theophanu hat aber noch eine andere wichtige Aufgabe: sie muss Kinder kriegen. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit bringt sie ihre erste Tochter zur Welt: Sofia. 977 folgt Adelheid, ein Jahr später Mathilde. Der lang ersehnte Thronfolger Otto III. wird im Jahre 980 geboren.
Erzählerin
Für ihre Kinder mischt Theophanu das Erziehungsprogramm der Ottonen gründlich auf. Sie setzt durch, dass nicht nur Otto III. Griechisch und Latein lernt, sondern auch seine beiden Schwestern Sofia und Adelheid, die später Äbtissinnen werden.
Erzähler
Otto III. wird später als Kaiser aufgrund seiner außergewöhnlichen Bildung als „mirabilis mundi“ - als Staunen der Welt - bewundert. Wie sehr ihn seine Mutter dabei geprägt hat, erklärt Ludger Körntgen:
MUSIK ENDE
6.O-Ton (Körntgen ab 28:05)
Offensichtlich war er die ersten zwei drei Lebensjahre (…) sehr eng mit der Mutter zusammen. Aber das ist nur eine vorübergehende Phase. Wichtiger war, dass sie einen Einfluss auf die Auswahl seiner Erzieher gehabt hat. 28:24 Eine ganz wichtige Persönlichkeit in diesem Zusammenhang war der spätere Bischof Bernward von Hildesheim. Ein Geistlicher, (…) der später als einer der dominierenden kulturell wirksamen Persönlichkeiten, ein Mäzen in Baukunst und Buchkunst und so weiter hervorgetreten ist. (…29:13) Interessanterweise gibt es so etwas spielerisch gemeinte Verse, die Otto der Dritte an seinen Lehrer geschrieben hat. 29:20 Darin bittet er ihn, ihm zu helfen, dass er etwas von seiner sächsischen Derbheit verliert und dass seine griechische Feinheit etwas gestärkt wird.
MUSIK 4
Erzählerin
Mit Theophanu kehrt aber nicht nur die Kultur in das sächsische Herrscherhaus ein, sondern sie sorgt mit einer Gefolgschaft aus Künstlern, Architekten und Goldschmieden aus ihrer Heimat auch dafür, dass sich im ganzen Reich byzantinische Kunstgegenstände verbreiten.
Erzähler
Und das ist absolut gewollt. Denn Byzanz als Zentrum des oströmischen Reiches gilt als der Maßstab in puncto Kultur. Sich an ihr zu orientieren, gilt im 10.Jahrhundert als chic - auch im weströmischen Reich. Der Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers:
MUSIK ENDE
7.O-Ton: (Beuckers ab 6:45)
Etwa in der Mitte des Jahrhunderts geht das los, dass wir sehen, wie stark letztendlich byzantinische Vorbilder (…) rezipiert werden. 6:54 Das ist in der Buchmalerei so, das ist in der Goldschmiedekunst so, ganz besonders in Textilgewerben, die ja sehr sehr teuer waren. Und das hat in der Zeit, als Theophanu dann kam, einen großen Schub noch einmal erlebt. Wir sehen, (7:24) dass seitdem sie 972 gekommen ist, dass wir (…) dann wirklich die ottonische Hochblüte erleben, die auch sehr stark mit byzantinischen Formen, mit antiken Formen einhergeht. (…8:22) beispielsweise die beiden Elfenbeine auf dem Einband des Evangeliars Ottos III. im Aachener Domschatz.
MUSIK 5
Erzählerin
Und es ist Theophanu, die einen ganz neuen Brauch aus ihrer byzantinischen Heimat in Deutschland einführt: Sie feiert mit ihren Kindern das Nikolausfest. Natürlich nicht so, wie wir es heute kennen.
MUSIK ENDE
8.O-Ton (Beuckers ab 16:20)
Nikolaus ist im byzantinischen Bereich ein sehr gängiger Heiliger gewesen. Wurde im Westen richtig bekannt, als man seinen Sarkophag aus der Türkei nach Bari, also nach Süditalien gebracht hat. In den 80er-Jahren des 11. Jahrhunderts, also hundert Jahre nach Theophanu. Da wurde er dann zu dem, was wir heute kennen. (…) In der (16:55) Zeit vor der Translation nach Bari gibt es nicht besonders viele Nikolaus Zentren. Aber die ersten, die wir greifen können, (…) sind im sehr engen persönlichen Umfeld von Theophanu entstanden, sodass man davon ausgehen kann - (…) dass sie im Prinzip eigentlich diejenige war, die diesen Kult innerhalb ihrer Familie zum mindesten eingeführt hat und verbreitet hat.
MUSIK 5
Erzähler
Allzu oft wird Theophanu mit ihren Kindern das Nikolausfest nicht gefeiert haben, denn an der Seite ihres Mannes ist sie schon ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes zunehmend in Italien unterwegs. Otto II. versucht als römisch-deutscher Kaiser, ganz Italien in seine Reichsherrschaft einzubeziehen.
MUSIK ENDE
Erzählerin
Das führt allerdings zu Konflikten in Süditalien. Nach mehreren Angriffen der Sarazenen unter der Führung des Emirs Abu al-Quasim beginnt Otto II. im Herbst 981 seinen Feldzug. Theophanu begleitet ihn bis nach Kalabrien in die Stadt Rossano, nicht aber in die entscheidende Schlacht am Kap Colonna, die am 15.Juli 982 stattfindet.
Erzähler
Und für Otto II. mit einer verheerenden Niederlage endet. Ludger Körntgen:
9.O-Ton (Körntgen ab 14:48)
Eigentlich weniger aufgrund militärischer Schwäche, sondern einfach aufgrund taktischer Unbeweglichkeit. 15:00 Man hatte sehr stark das gegnerische Heer zunächst einmal zur Auflösung der Schlachtordnungen gebracht. Der gegnerische Emir war gefangen und als dann alle dachten, die Schlacht ist gewonnen, kamen aus dem Hintergrund Reserven und konnten das ottonische Heer weitgehend aufreiben. Es ist eine große Anzahl von wichtigen Führungspersönlichkeiten des Reiches gefallenen. Der Kaiser konnte sich nur mit großer Mühe retten, und es hat eine Weile gedauert, bis man dann wieder einigermaßen zur politischen Tagesordnung übergehen konnte.
Erzählerin
Schon eineinhalb Jahre später stirbt Otto II. am 7.Dezember 983 in Italien. Er ist der einzige deutsche Herrscher, der in Rom beigesetzt wird.
Erzähler
Sein designierter Nachfolger ist sein Sohn, der bereits auf dem Hoftag von Verona zum König gewählt worden ist. Es gibt dabei allerdings ein kleines Problem: Otto III. ist erst drei Jahre alt und kann von daher unmöglich regieren. Stattdessen übernimmt seine Mutter Theophanu die Regentschaft für ihn.
Erzählerin
Doch bevor sie dieser neuen Aufgabe gerecht werden kann, muss sie sich gegen einen Verwandten aus Bayern durchsetzen: Heinrich den Zänker. Der, wie der Name schon sagt, dafür bekannt ist, seine Ziele rücksichtslos durchzusetzen. Um seinem Herrschaftsanspruch Nachdruck zu verleihen, entführt er kurzerhand das Kind. Doch damit kommt er nicht durch. Ludger Körntgen:
10.O-Ton: ( Körntgen 16:05)
Theophanu hat gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Adelheid, die ja auch gekrönte Kaiserin war, gewissermaßen ihren Rang, ihre Autorität in die Waagschale werfen können, um ihrem Sohn die Krone zu retten gegen die Ansprüche des Verwandten Herzogs von Bayern.
16:39 Ein wichtiger Punkt ist auf jeden Fall gewesen, dass dieser Heinrich der Zänker (…17:24), dass er damit wirklich zu weit gegangen ist. Er hat sehr viele vergrätzt. (…) Von daher können wir sagen, dass (…) die große Mehrzahl der Entscheidungsträger, der politischen Akteure, der Grafen und der Herzöge, vor allen Dingen dann auch der Bischöfe, allen voran der Erzbischof Willigis von Mainz, der (…) eine wichtige Vertrauensperson für Otto II. und Theophanu war -, die wollten einfach diesem Anspruch des Bayern Herzogs einen Riegel vorschieben.
MUSIK 6
Erzähler
Nach diesem Intermezzo kann Theophanu nun die Regentschaft für ihren Sohn übernehmen. Heinrich der Zänker übergibt ihn ihr 984 höchstpersönlich auf dem Reichstag in Rohr. Als Regentin für ihren Sohn besteht Theophanus Aufgabe nun darin, den Status Quo der Reichsherrschaft zu festigen und den Kaiserthron für Otto III. zu sichern.
Erzählerin
Das ist keine leichte Aufgabe, die sie dennoch - in Allianz mit ihrer Schwiegermutter Adelheid - bravourös bewältigt. Sieben Jahre lang sorgt sie für Stabilität und außenpolitische Erfolge und wird zur mächtigsten Frau des Abendlandes.
Erzähler
Dank der innenpolitischen Stabilität hat Theophanu in ihrer Regierungszeit den nötigen Spielraum, sich um die vielen außenpolitischen Konflikte an den Grenzen des Reiches zu kümmern.
Musikakzent: Fanfare
Erzählerin
Da sind zum einen die aufständischen Slawenstämme jenseits der Elbe, die sie durch Feldzüge und eine Allianz mit dem polnischen Herzog Miseko einzudämmen versucht. Im Jahr 986 scheint ihr Ziel erreicht, als die slawischen Fürsten Böhmens und Polens in friedlicher Absicht beim Hoftag in Quedlinburg erscheinen.
Erzähler
Und auch der Süden Italiens bedarf immer wieder ihrer Aufmerksamkeit. Ganz zu schweigen vom westlichen Nachbarn Frankreich.
MUSIK ENDE
Die Frage ist, wie Theophanu dort und anderswo versucht hat, Herrin der Lage zu bleiben und warum sie als besonders geschickte Politikerin gilt? Ludger Körntgen:
11.O-Ton (Körntgen ab 25:00)
Politik bedeutet aus der Warte der Herrscher vor allen Dingen, dass man versuchen muss, Gunst zu erweisen, Frieden zu bewahren und zu schaffen. Die Ansprüche der vielen Akteure des Adels, aber auch der Kirchen, der Bischöfe und
Äbte, die ständig an die Herrscher gerichtet werden, so klug auszutarieren, dass wenn man dem einen etwas bewilligt, nicht ein anderer vor den Kopf gestoßen wird. Und das ist eigentlich das, was politisches Agieren ausmacht, sodass wir mitunter auch sagen, die Herrscher reagieren eigentlich eher, als dass sie eigene Vorstellungen sehr konsequent umsetzen. Und was man dabei brauchte als politisches Geschick - ich würde das kommunikative Intelligenz nennen - das war die Möglichkeit (…) entsprechend dieser Erwartungen zu agieren. Ohne dabei auf der anderen Seite den eigenen Rang, den eigenen überlegenen Anspruch aufzugeben und aufs Spiel zu setzen. 26:28 Das auszutarieren, war nicht sehr einfach und das scheint Theophanu (…) dann eben doch auch sehr erfolgreich bewältigt zu haben.
Erzählerin
Theophanu verfügt also über kommunikative Intelligenz - und: kluge Berater. Allen voran vertraut sie dem Mainzer Erzbischof Willigis, dessen Rat sie schon geschätzt hat, als ihr Mann noch lebte. Beides macht sie zu ihrer Zeit unschlagbar.
Erzähler
Außerdem sieht sie - anders als ihre Schwiegermutter Adelheid - die Kirche als Diener des Staates. Ihre häufigen Besuche in Rom dienen vor allem dem Zweck, sich den Rückhalt des päpstlichen Organisationsapparats als politische Macht zu sichern.
MUSIK 7
Erzählerin
Dennoch regiert Theophanu im ottonischen Reich nicht mit dem Anspruch einer Kaiserin, sondern immer stellvertretend für ihren Sohn. Daher existieren keine Münzen mit ihrem Konterfei. Und sie signiert in der Regel auch nicht als Kaiserin.
Erzähler
Nur einmal lässt sie sich am 1.April 990 in Italien dazu hinreißen, sogar als Kaiser zu signieren. Die Ravennater Urkunde vom 1.April 990 ist unterschrieben mit den Worten: „Theophanius gratia divina imperator augustus“, was übersetzt bedeutet: „Theophanius, durch göttliche Gnade erhabener Kaiser“.
Musikakzent
Erzählerin
Nur ein Jahr später stirbt die Kaiserin am 15.Juni 991 in der Pfalz Nimwegen. Es gab Gerüchte, dass sie vergiftet worden sein soll. Ob etwas daran sein könnte, lässt sich allerdings nicht nachvollziehen.
Erzähler
An Theophanus Stelle übernimmt nun Kaiserin Adelheid fünf Jahre lang die Regentschaft für ihren Enkel, bis Otto III. 996 in Rom von Papst Gregor V. zum Kaiser gekrönt wird.
Erzählerin
Wie sie es gewünscht hat, werden Theophanus Gebeine in Köln, einer ihrer Lieblingsstädte beigesetzt. Und zwar in der Kirche ihres Schutzheiligen, des Heiligen Pantaleon. Sie wurde schon zu ihren Lebzeiten als Autorität anerkannt, aber 30 Jahre nach ihrem Tod geradezu als Kultfigur verehrt. Nach dem Tod ihre Sohnes Otto III. und seines Nachfolger Heinrich II. setzt ein regelrechter Hype um Theophanu ein. Klaus Gereon Beuckers:
MUSIK ENDE
12.O-Ton: (Beuckers ab 14:05)
In St. Pantaleon wird quasi ein neuer Westbau errichtet, rund um das Grab von Theophanu. Was vorher wahrscheinlich im Südarm des Querarms gelegen hat.
Also wirklich dezidiert dann Theophanu zum Mittelpunkt einer Kultur aufgewertet wird. Das tun vor allen Dingen ihre Enkel die Ezzonen ( 14:17), die aus der Ehe von Mathilde, der Tochter Theophanus mit Ezzo, dem Pfalzgrafen von Rhein sind - die einzige, die verheiratet war von den Kindern Theophanus, die sich sehr stark um das Erbe bemühen und damit auch ihre eigene Herkunft unterstreichen und sehr mächtig sind und auch sehr reich sind.
MUSIK 1
Erzählerin
Heute ist die Erinnerung an Theophanu in Köln immer noch präsent. Immer wieder pilgern Besucher zu ihrem Sarkophag und stellen Kerzen auf.
Und auch in den Niederlanden, dem Ort, wo sie starb, erinnern Straßennamen an die ottonische Kaiserin, die einst als Mädchen aus Byzanz gekommen war und die als Mutter und Regentin für Bildung, den richtigen Tonfall und Stabilität im römisch-deutschen Reich sorgte.
MUSIK ENDE
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- Der Knoten - Vom Schnürsenkel zum Gottesbeweis
26.03.2024 · 23 Min.
Ob wir uns nun die Schuhe zubinden oder den Müllsack schließen, ob wir segeln oder klettern, nähen oder uns den Pulli umhängen: Knoten sind auch im digitalen Zeitalter allgegenwärtig. Von Julie Metzdorf Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Hemma Michel, Johannes Hitzelberger Technik: Laura Picerno Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Michael S. Karg, Buchautor und Knotenexperte Anna Heringer, Architektin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Dampfmaschine? Elektrizität? Das Rad? Können Sie alles vergessen. Der Knoten war es, der die Menschheit voranbrachte: Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel Dauer: 0´35´´ geknotete Stricke hielten die Axt am Stiel und die Speerspitze am Stock, Schlingen und Schlaufen halfen Lasten zu tragen und Fallen zu stellen, mit Knoten verband man Baumstämme zu Flößen und Hütten, spannte Sehnen an Ästen zu Bögen, knüpfte Netze und überhaupt: die Bezeichnung Steinzeit sollte man abschaffen. „Knotenzeit“ ist viel passender. 1 OT Michael S. Karg also man vermutet, dass der Mensch bereits vor zwei 250.000 bis vielleicht sogar 1 Million Jahre vor unserer Zeit schon begonnen hat, Dinge zu verknoten und den Knoten zu nutzen als Werkzeug. Und wenn man bedenkt, das Rad, das kam ja eigentlich vergleichsweise spät. Und insofern hatte der Knoten schon sehr viel geleistet, bevor das Rad überhaupt erst erfunden wurde. ERZÄHLERIN Michael Simon Karg ist Experte. Er hat ein Buch über die zentrale Bedeutung des Knotens für die Menschheit geschrieben: „Am Anfang war der Knoten“ heißt es. Michael Karg hat einmal Soziologie studiert, aber ein Knoten-Wissenschaftler ist er nicht. Denn eine Wissenschaft vom Knoten gibt es nicht: 2 OT Michael S. Karg Er ist nach wie vor unglaublich wichtig in der Alpinistik, in der Nautik, im Bühnenbau nimmt man ihn her, sogar in der Medizin auch in der Forensik spielt er eine Rolle, eine unglaubliche thematische Breite und gleichzeitig aber auch eine wahnsinnige zeitliche Tiefe. Und ich persönlich habe es mir nur so erklären können, dass es schlicht und einfach zu komplex ist für eine einzige Wissenschaft. Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel Dauer: 0´55´´ ERZÄHLER Wer über Knoten spricht, muss zunächst mal über das Seil sprechen. Über den Faden, die Schnur, das Tau, die Leine. Oder wie man solche „materialisierten Linien“ noch alles nennen kann. Genau genommen ist der Knoten nur ein bestimmter Zustand solch einer Linie. Der Knoten IST das Seil. Das Seil wiederum bleibt beim Verknoten gleich, es ändert sich nicht im Geringsten. Braucht man den Knoten nicht mehr, kann man ihn einfach wieder lösen und hält das Seil vom Anfang in den Händen. Sehr ressourcenschonend. Die Anzahl der Möglichkeiten, WIE man das Seil verknoten kann, geht dabei ins Unendliche. 3 OT Michael S. Karg Er beinhaltet eine irre Komplexität, wenn man bedenkt: aus einer einzigen Leine lassen sich Tausende verschiedene Knoten machen. ERZÄHLER Aber zurück zum Faden, der ist nämlich wichtig: Jeder Knoten kann nur so gut sein wie die Leine, mit der er geknüpft wurde. Musik Misjudgement Dauer: 0´23´´ Die frühen Menschen benutzen zunächst Leinen, so wie sie sie in der Natur vorfanden: Sehnen, Därme, Wurzeln, Lederriemen. Irgendwann entdeckten die Menschen das Verdrillungsprinzip, vor mehr als 40, vielleicht auch 50.000 Jahren, also in Alt- und Jungsteinzeit. Musik In the water Dauer: 0´37´´ ERZÄHLERIN Pflanzliche Materialien wie Flachs, Hanf oder Brennnesseln wurden in einem komplexen Prozess und unter Verwendung mehrerer Werkzeuge zu Garnen verarbeitet. Dazu mussten die Pflanzen erst einmal einige Wochen lang unter Wasser gären. Dann wurden sie getrocknet, gedroschen und gekämmt, Forscher fanden dazu Muschelschalen mit winzigen eingesägten Kerben an den Rändern, die wohl als Kämme gedient haben. Erst dann konnten die Fasern zu Garn und mehrere Garne zu einem Seil verdrillt werden. ERZÄHLER Aber woher weiß man das eigentlich? Pflanzenfasern aus der Altsteinzeit haben wohl kaum bis heute überdauert. 4 OT Michael S. Karg Es gibt höchstens Artefakte, wie zum Beispiel perforierte Steine oder auch Muscheln oder Perlen, wo man natürlich dann den Rückschluss ziehen kann, dass da einfach Fäden durchgezogen wurden. Es gibt aber auch Funde von verdrillten Fasern, die sind bereits 50.000 Jahre alt, aus einer Gegend, und man weiß, dass zu der Zeit nur Neandertaler dort lebten. Also selbst die Neandertaler haben das Verdrillungs-Prinzip für sich genutzt. ERZÄHLERIN Und der ganze Aufwand nur, um ein besseres Ausgangsmaterial für den Knoten zu bekommen. Die Verdrillung von Fasern zu Garnen und Seilen gilt als eine der bedeutendsten technologischen und kulturellen Errungenschaften der Menschheit – und der Knoten war wohl ihr Auslöser. Knoten waren extrem wichtig. Sie waren der Grundbaustein für eine unüberschaubare Menge an neuen Werkzeugen: Schlingen und Netze zum Sammeln und Jagen, Flechtwerk für Körbe, Gewebe für Segel und Kleidung. M Alter Ego Dauer: 0´53´´ ERZÄHLER Heute kennen die Menschen vor allem einen Knoten: den sogenannten Überhandknoten. Es ist der einfachste Knoten der Welt: Man nimmt eine Leine und legt mit einem Ende ein Auge, also eine Art Kreis. Dann sticht man mit dem losen Ende von unten durch den Kreis hindurch. Festzurren, fertig. Der Überhandkoten ist ein Stopperknoten. Jeder kennt und verwendet ihn, z.B. um damit einen Luftballon zu verschließen. ERZÄHLERIN Soll ein Knoten etwas zusammenhalten, wird er mit zwei Seilenden geknotet: Rechts über links, unten durchziehen, und dann noch einmal rechts unter links, fertig ist der ewig schöne Kreuzknoten. M Knoten knoten weg ERZÄHLER Sie merken schon: Knoten erklären ist eine echte Herausforderung! Zur Weitegabe von Wissen ist es aber wichtig. Eines der bedeutendsten Knotenbücher ist das „Ashley-Buch der Knoten“ von 1944. Es umfasst mehr als 7000 Zeichnungen, die annähernd 4000 verschiedene Knoten darstellen. Elf Jahre hat der Künstler und Seemann Clifford Ashley daran gearbeitet. Ein Buch über Knoten im Schaufenster eines Buchladens war es auch, das den Autor Michael Karg zum Knoten-Enthusiasten machte: 5 OT Faszination - Michael S. Karg Diese Gleichzeitigkeit von der Einfachheit einer Leine, was kann es einfacheres geben als eine Leine und dann diese irre Komplexität – und gleichzeitig aber auch diese existentielle Dualität: Leinen können töten, aber sie können eben auch Leben retten. ERZÄHLERIN Erst beim Schreiben seines Buchs über die Kulturgeschichte des Knotens fiel Michael Karg auf, dass seine Faszination vielleicht auch etwas mit einem einschneidenden Ereignis in seinem Leben zu tun haben könnte: 6 OT Rettung - Michael S. Karg 2005 bin ich mit fünf Freunden, wir hielten es für gute Idee, auf der Isar Boot zu fahren, und sind dann aber ziemlich schnell gekentert in der Wasserwalze. Und ja hatten da einfach überhaupt keine Möglichkeit, rauszukommen aus eigener Kraft. Und irgendwann kamen dann eben die Hubschrauber, und da hing dann eben auch das Seil herab, und das hat und dann alle unversehrt Gott sei Dank wieder herausgezogen. M Lights Dauer: 1´19´´ ERZÄHLER Doch Knoten dienen nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Symbol: Ausgehend von ihren Funktionen stehen Knoten heute vor allem für Verbundenheit, Vertrauen und Sicherheit. Das passt zur heute üblichen praktischen Anwendung von Knoten in Seefahrt, Alpinistik und Bühnentechnik. Im Sport begegnen uns Knoten zum Beispiel an der Saitenbespannung von Tennisschlägern, in der Musik an der Gitarre und selbst Chirurgen verschließen Nähte heute genau wie ihre Kollegen vor 2000 Jahren oft mit einem Kreuzknoten, hinzu kommen zum Beispiel Gleitknoten: Diese können am Fadenende gelegt und dann zur Nahtstelle hingeschoben werden. Angehende Chirurgen müssen sich während ihrer Ausbildung jedenfalls ernsthaft mit Knoten beschäftigen. ERZÄHLERIN Knoten haben einen abschließenden Charakter: Der Name Knut bedeutet im Skandinavischen Knoten. Man nannte denjenigen Sohn Knut, mit dem man die Familienplanung abzuschließen, also gewissermaßen zuzuknoten gedachte. Aber wie wir wissen: man kann Knoten auch wieder lösen, falls man es sich anders überlegt… 7 OT Michael S. Karg Und der Knoten war eigentlich auch in vielen Kulturen immer auch ein Symbol für Treue. Also man hat zum Beispiel in Skandinavien noch sehr lange an Knoten eine verwendet als Ehe-Symbol, also die Kirche hatte es eigentlich relativ lange es schwer gehabt, den Ring einzuführen, weil er einfach der Knoten so eine starke Bedeutung gehabt hat. M Boleras Sevillanas Dauer: 0´48´´ ERZÄHLER Aber nicht nur Menschen, auch Städte konnten treu sein. Die andalusische Metropole Sevilla hat den Knoten deshalb im Stadtwappen. Vom Kanaldeckel übers Leihfahrrad bis zur Werbung einer Bankfiliale: Das 8-förmige Knotensymbol findet sich überall in der Stadt, meist eingebettet in das Wort „nodo“, was nichts anderes heißt als Knoten. Zugleich umfasst „nodo“ aber auch den Anfang und Ende des Ausspruchs „No me ha dejado“ - sie hat mich nicht verlassen. Genau das soll König Alfonso der Weise gesagt haben, als die Stadt bzw. ihre Bewohner ihm im Kampf beigestanden haben. Das könnte sich kein Stadt-Marketing-Experte des 21. Jahrhundert besser ausdenken, und ob der König das nun wirklich so gesagt hat oder nicht: die identitätsstiftende Wirkung von Anekdote und Symbol sind unbestritten. ERZÄHLERIN Falls Sie jetzt direkt mit dem Knoten anfangen wollen: Kein Problem! Man braucht keinerlei Vorbildung. Eine schöne Leine, die gut in der Hand liegt und einfach mal drauflosgeknotet. Selbst Kinder können schon Knoten binden. Die international hochdotierte Architektin Anna Heringer aus Laufen an der Salzach ist für das Bauen mit Lehm bekannt. Aber auch Knoten benutzt sie in ihren Gebäuden gern. Ihre ersten hat sie bei den Pfadfindern gemacht: 8 OT Anna Heringer Für mich waren die Knoten ganz essenziell beim Bau meines ersten Gebäudes, bei der METI-Schule, das ist im Erdgeschoss ein Lehmbau, aber im Obergeschoss ist es ein Bambusbau. Und wenn man damals so die Literatur über Bambus angeschaut hat, dann waren das alles so Metallgelenke, die dann auch wieder teilweise ausgegossen waren mit Beton, die Zwischenräume usw. … Und dann hab ich mir gedacht, bei den Pfadfindern bauen wir das doch auch alles mit Knoten. ERZÄHLER Für ihre preisgekrönte METI-Schule in Bangladesch hat Anna Heringer Bambusstäbe zu tragenden Decken zusammengefügt. Die Knoten übernahmen hier nicht nur wichtige Funktionen, sie wurden auch ganz bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt. Stundenlang haben Anna Heringer und ihr Team mit den Bauarbeitern vorab geübt, schöne, gleichmäßige Knoten zu machen. 9 OT Anna Heringer Das war eben das Schöne, weil ich es als Jugendliche und Kind wirklich gelernt habe, auf Knoten zu vertrauen. Wir haben halt im Lager immer unsere Sisal-Seile und Schnüre dabeigehabt. Und mit denen haben wir immer von Bauern ein paar Fichten-Rundlinge gekriegt, haben damit alle möglichen Bauten gemacht, Türme, auf denen wir dann oben natürlich gestanden sind. Und dann habe ich gemerkt, wie viel das tragen kann. ERZÄHLERIN Selbstwirksamkeit lautet das Stichwort. Beim Knoten können Kinder wichtige Erfahrungen machen, sie spüren, wieviel Kraft in einem Knoten steckt und lernen früh, wie schön einfache Dinge sein können. 10 OT Anna Heringer Quasi mein allererstes Architekturstück war auch ein Knotenstück, und deswegen habe ich Vertrauen gehabt in Knoten. Im Team, dem Bangladesch Bauteam war auch mein Cousin Emmanuel Heringer dabei, und der ist auch Pfadfinder und Zimmerer und Korbflechter. Und diese Kombination war natürlich genial, und er hat dann wirklich diese, diese Knotentechnik, die wir aus der Jugend konnten, dann einfach dann noch mal verfeinert. Ich: Und haben sie während ihres Studiums der Architektur jemals etwas von Knoten gehört? Heringer: … M-M. Nee… G Seemöwen ERZÄHLER Heute bringen wir Knoten schnell mit Seefahrt und Segelsport in Verbindung. Mit Leinen und Knoten wurden einst Segel, Ruder oder Steuerrad befestigt, die Ladung fixiert oder das Schiff selbst am Kai verankert. Doch Knoten hatten auf einem Schiff von jeher nicht nur praktische Bedeutung. Sie dienten auch dem Zeitvertreib, Taue und Zeit waren ja ausgereichen vorhanden. So wurden Seemänner zu Meistern des dekorativen Knotens und verzierten allerlei kleine Dinge, Griffe an Kisten zum Beispiel oder das Steuerrad. Wer besonders kunstvolle Knoten knüpfen konnten, genoss in der Mannschaft hohes Ansehen. M Aimless 0´20´´ unter: ERZÄHLERIN Letztlich waren Knoten sogar eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken: Der Überlieferung nach übergaben Seemänner ihrer Liebsten bei der Abreise einen sogenannten Liebesknoten, eine Schnur mit zwei Knoten. Waren sie bei seiner Rückkehrt immer noch zusammengezogen, hieß das, dass die Liebste treu geblieben war. M Alter Ego Dauer: 0´33´´ ERZÄHLERIN Das Besondere an Knoten: Sie sind sowohl Werkzeug als auch Werkstoff. Der Knoten entsteht aus der Leine selbst. Wenn wir ihn nicht mehr brauchen, verschwindet er wieder und hinterlässt keinerlei Müll. Gerade noch Leben gerettet und schon in Luft aufgelöst, als hätte es ihn nie gegeben. Die Leine ist wiederverwendbar, und sofort bereit für einen nächsten Knoten. ERZÄHLER Ressourcenschonender geht’s nicht. Welch gute Dienste ein Knoten bei alldem leistet, beweist ein Blick auf den Hochleistungssport. Sportartikelhersteller geben jährlich Millionen von Euro für die Entwicklung neue High-Tech-Materialien aus, die Schuhe werden immer leichter und steifer, die Läufer immer schneller. Doch egal ob Fußballer oder Marathonläuferin: Am Ende schließen sie ihre High-Tech-Schuhe mit einer prähistorischen Verbindungstechnik und machen den guten alten Schnürsenkelknoten. Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel ERZÄHLERIN Aber Knoten sind nicht nur praktisch. Schon das Mittelalter kannte Knoten nicht nur als Hilfsmittel bei Jagd und Handwerk, sondern auch als Informationsträger: Müller zum Beispiel nutzten zum Verschließen der Mehlsäcke unterschiedliche Knoten, die über den Mahlgrad des Mehls Auskunft gaben. Die Ureinwohner Nordamerikas kannten ein auf Knoten basierendes Kalendersystem, 12 OT Michael S. Karg indem man also Leinen mit einer bestimmten Anzahl von Knoten knüpfte, wobei jeden Tag ein Knoten zu lösen war. So konnten sich unterschiedliche Stämme auch miteinander koordinieren, für einen zukünftigen Treffpunkt und Zeitpunkt. Dann weiß man zum Beispiel von den Maya, die haben das Rechen-Instrument verwendet… ERZÄHLER Die Maori wiederum nannten Knoten den „Ursprung des Wortes“. Tatsächlich berichten Knoten-Profis immer wieder, Knoten zu knüpfen sei wie eine Sprache mit einer eigenen Grammatik, bei der sich einzelne Teile immer wieder neu zusammensetzen lassen und aufeinander aufbauen. Die Beschäftigung mit Knoten dürfte das abstrakte Denken der frühen Menschen gut geschult und die Entwicklung von Sprache vorangetrieben haben. ERZÄHLERIN Gleichzeitig blieben Knoten den Menschen immer rätselhaft. Das spiegelt sich in ihrem symbolischen Gehalt: Knoten stehen für Ewigkeit und Unendlichkeit oder für die Welt an sich, also für Dinge, die sich der Mensch nicht recht vorstellen kann. Denn es gibt Knoten, die alle physikalische Logik aufzuheben scheinen und selbst geübte Knotenknüpfer immer wieder staunen lassen, wie sie eigentlich funktionieren. M Alter Ego Dauer: 0´45´´ Der Eiszapfenstek zum Beispiel hält wie von Zauberhand an einem glatten, spitz nach unten zulaufenden Gegenstand. Beeindruckend findet Michael Karg auch den Constrictor bzw. „Würge-Knoten“: 13 OT Würgeknoten - Michael S. Karg Man wirft da ein Seil eigentlich nur, sage jetzt mal dreimal um einen Gegenstand rum und zieht ihn zweimal unter sich selbst durch. Und der hat so eine unglaubliche Wirkung, man zieht an beiden Händen an und egal wie fest, er hält dann einfach, er hält sich selbst fest. Für Urvölker war diese zum Teil nicht mehr nachvollziehbare Funktion von Knoten, diese Wirkung, die er entfaltet, einfach ein Beleg für so eine gewisse göttliche Einwirkung in diese Knoten. ERZÄHLER Der Würgeknoten als Gottesbeweis… Im christlichen Kontext begegnen uns Knoten tatsächlich immer wieder, an Säulen oder in der Buchmalerei. Be der Ordenstracht der Franziskaner ist das Cingulum ein weißer Strick - die drei Knoten dieser Kordel stehen für Armut, Gehorsam und Keuschheit. 14 OT Symbolik- Michael S. Karg Gerade im christlich abendländischen Raum hat der Knoten eine sehr positive Bedeutung gehabt, Knotensäulen, und das hat sich aber dann innerhalb von ein paar Jahrhunderten gewandelt und der Knoten hat dann im Spätmittelalter eine ziemlich schlechte Konnotation erhalten. M Causic – slow motion Dauer: 0´53´´ ERZÄHLERIN Plötzlich waren Knoten ein Problem, mussten gelöst oder durchschlagen werden. Im 18. Jahrhundert etwa tauchen vermehrt Gemälde mit dem gordischen Knoten auf. Einer griechischen Sage nach war das ein Knoten am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios. Er verband die Deichsel des Wagens mit dem Zugjoch und soll aus dem besonders festen Bast der Kornelkirsche gefertigt gewesen sein. Ein Orakel hatte vorhergesagt, wer diesen Knoten löse, würde über Asien herrschen. Viele Tüftler versuchten sich an der Aufgabe und scheiterten. Alexander der Große soll den Knoten schließlich einfach mit seinem Schwert durchgeschlagen und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet haben. M Wooden structure Dauer: 0´30´´ ERZÄHLER Ein Schwert zum Durchschlagen wünscht man sich manchmal auch beim täglichen Kampf mit ungewollten Knoten: Kopfhörerkabel, Wäschestücke, Strickwolle und der Unterfaden an der Nähmaschine verknoten sich regelmäßig von ganz allein zu herausfordernden Knäueln. Es gibt auf Youtube sogar Tutorials, wie man seine Kopfhörer wickeln soll, damit sie nicht verknoten. ERZÄHLERIN Zu einigem Ruhm hat es eine barocke Darstellung der Jungfrau Maria als Knotenlöserin in einer Augsburger Kirche gebracht: M Facades aus: Melody for Saxophone Nr. 12 / Facades Dauer: 0´26´´ das Gemälde aus dem Jahr 1700 zeigt Maria auf einer Mondsichel, in den Händen hält sie ein langes weißes Band, das sie von vielen Knoten befreit. Mit ihrem Fuß tritt sie auf den Kopf einer verknoteten Schlange, Symbol für den Sündenfall. Die Schlange spiegelt das Band mit den Knoten, indem Maria die Knoten löst, macht sie gewissermaßen den Sündenfall rückgängig. 15 OT Michael S. Karg Und diese Madonna als Knotenlöserin ist in Südamerika sehr beliebt, weil der Papst Franziskus während seines Deutschland-Aufenthalts dieses Bild eben entdeckt hat und war dann so fasziniert davon, dass er das bei sich zu Hause dann eigentlich so ein bisschen auch promotet hat und das hat offenbar hohen Anklang gefunden. ERZÄHLER Eine der beeindruckendsten Knotendarstellungen kommt von Leonardo da Vinci. Er schuf die sogenannte Concatenation, ein hochkomplexes Ornament aus einer einzigen durchgehenden Linie, die sich in immer wieder neuen Knoten und Verschlingungen systematisch auf dunklem Untergrund windet und das ganze Blatt füllt. Musik Misjudgement Dauer: 0´50´´ ERZÄHLERIN Leonardo galt der Knoten in der Renaissance als Ideal-Objekt, in dem Schönheit und Nützlichkeit, abstraktes Denken und praktisches Handwerk, Wissenschaft und Dekor zusammenkommen. Ein komplexer Knoten stand sinnbildlich für die Rätsel der Natur – die es zu lösen galt wie einen Knoten. Das großflächige Ornament aus einem einzigen weißen Band zu bilden, entspricht der philosophischen Idee vom Sein an sich: aus dem Einen das Viele. Inspiration für seinen Knoten-Symbolik erhielt Leonardo vermutlich von seinem Landsmann Dante Alighieri, der hatte in seiner Göttlichen Komödie die komplexe Darstellung eines Knotengeflechts als Metapher für das Universum benutzt. M Alter Ego Dauer: 0´46´´ ERZÄHLER Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird viele Knoten finden. Und manches Mal wird er sie auch vermissen: unlösbare Kabelbinder aus Kunststoff ersetzen den guten alten Strick immer öfter. Ein anderes Beispiel ist der Kordelstopper an Jacken und Rucksäcken. Er soll verhindern, dass eine Kordel in den Tunnel hineingezogen wird. Abermillionen von diesen kleinen Plastikteilen sind in Umlauf und werden am Ende mit der abgetragenen Kleindung einfach weggeworfen. Dabei ist der Materialaufwand völlig überflüssig: Ein einfacher Knoten hätte es auch getan.
- Johann Sebastian Bach - Die Matthäus-Passion
25.03.2024 · 23 Min.
Theatralik und Drama, Wucht und Architektur, über drei Stunden Länge - die Matthäus-Passion ist nicht nur des großen Bach umfangreichstes Werk, sie verlangt auch dem heutigen Zuhörer noch einiges ab. Von Johannes Roßteuscher (BR 2016) Credits Autor dieser Folge: Johannes Roßteuscher Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Heinz Peter, Frank Manhold Technik: Jochen Fornell Redaktion: Petra Herrmann-Böck Im Interview: Enoch zu Guttenberg, Hansjörg Albrecht, Hartmut Schick, Beatrice Lackner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Urvogel Archaeopteryx - Beweisstück der Evolution?
21.03.2024 · 23 Min.
Der Archaeopteryx. Ein bayerischer Urvogel, der zu einer Zeit aus dem Solnhofener Plattenkalk bei Eichstätt geborgen wurde, als Charles Darwin auf der Suche nach dem letzten Beweis für seine Evolutionstheorie war. Von Katharina Hübel (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Ruth Geiersberger, Frank Manhold Technik: Michael Krogmann Redaktion: Iska Schreglmann Hier gibt es weitere spannende Folgen von radioWissen: Was bleibt von Darwin - Forschung zur Evolution heute JETZT ANHÖREN Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Urvogel Archaeopteryx: Dinosaurier oder Vogel?: Was wir bislang über Archaeopterys wissen Vor 150 Millionen Jahren lebte Archaeopteryx im Altmühltal. Der Urvogel beschäftigt die Forscher seit der Entdeckung der ersten Fossilien. War er mehr Dinosaurier oder Vogel? Konnte er fliegen? Neue Untersuchungen bringen alte Erkenntnisse ins Wanken. Jetzt anhören Literaturtipps: Probst, Ernst: Raubdinosaurier in Bayern. Von Archaeopteryx bis Sciurumimus. Oktober 2019. Wellnhofer, Peter: Archaeopteryx. Der Urvogel von Solnhofen. Verlag Dr. Friedrich Pfeil. 2008. Bollen, Ludger: Der Flug des Archaeopteryx. Auf der Suche nach dem Ursprung der Vögel. Mit einem Vorwort von Dr. Martina Kölbl-Ebert, Jura-Museum Eichstätt. Edition Goldschneck. 2008.