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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Warum Verzicht so schwer fällt - Und warum weniger mehr sein kann

15.01.2025 · 22 Min.

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Über diese Folge

Verzicht klingt nach Entsagung und Verlust. Wem die Überzeugung fehlt, dass sich Nein-Sagen lohnen kann, tut sich schwer. Deshalb finden Aufrufe zu nachhaltigeren, sparsamen Lebensstilen so wenig Resonanz. Von Justina Schreiber

Credits
Autorin dieser Folge: Justina Schreiber
Regie: Susi Weichselbaumer
Es sprach: Katja Amberger
Technik: Christiane Gerhäuser-Kamp
Redaktion: Susanne Poelchau

Im Interview:
Prof. Dr. Dr. Ingo Balderjahn, Betriebswirtschaftswissenschaftler + Konsumforscher,
Angela Mauss-Hanke, Psychoanalytikerin

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

Meine Challenge

Kann ich ohne Schlaf überleben? Wie überwinde ich meine Höhenangst? Und wie viel Nazi steckt in mir? Spannende Fragen, aber wer hat schon Lust, all das selbst auszuprobieren? – Kein Problem, denn Reporterin Daniela Schmidt stellt sich alle zwei Wochen einer neuen Herausforderung und nimmt euch mit, wenn Wissenschaft ihr Leben zum Abenteuer macht!

Literatur:

Ingo Balderjahn: Lust auf Verzicht, gekom Verlag 2024

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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

SPRECHERIN:

Nur eine Mahlzeit am Tag, und die darf kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier enthalten. Ganz schön karg! Doch die Mönche des Mittelalters kannten ihre Tricks, um die strengen Fastengebote vor Ostern zu umgehen. Sie ließen sich Fische, Biber, Truthähne und anderes Geflügel umso reichlicher schmecken. Mit der Begründung: laut Schöpfungsbericht hätte Gott die Fische und Vögel nicht am selben Tag erschaffen wie „die Tiere auf dem Lande“, die klassischen Bratenlieferanten Schwein oder Rind, die ja wohl mit dem Begriff „Fleisch“ gemeint waren. Man kann die listigen Klosterbrüder schon verstehen. Verzichten „zu müssen“ fällt dem Menschen einfach schwer, sagt der Konsumforscher Ingo Balderjahn. 

O-TON 01: (Balderjahn)

„Der Mensch verzichtet nicht gerne. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 2002, das ist der Daniel Kahneman, der hat das sehr gut herausgearbeitet. Seine Theorie heißt „prospect Theory“, dass das Wesen des Menschen schon ist, dass der Mensch eine Verlustaversion hat. Das stellt sich in Studien sehr stark da. Also Verluste sollen vermieden werden, auf die Zukunft hingeschoben werden, Verluste schmerzen und führen zu emotionaler Betroffenheit.“ 

MUSIK Opposing forces M00537747 101 0.47 

SPRECHERIN:

Abzuspecken und etwas Wohlstand aufzugeben, wird logischerweise als Einschränkung empfunden. Man stellt sein Konsumverhalten deshalb auch nicht ständig in Frage. Schließlich trinken andere Leute ebenfalls Alkohol, obwohl er als ungesund gilt, oder machen Kreuzfahrten, obwohl man sie aus Umweltgründen vielleicht besser sein lassen sollte. So tickt der Mensch. Er vergleicht und hat insgeheim Angst, meint Ingo Balderjahn. Angst, etwas her- oder aufgeben zu müssen. Zu kurz zu kommen, drauf zu zahlen.

O-TON 02: (Balderjahn)

„Man möchte auf Deubel-komm-heraus den Wohlstand und den jetzigen Status, oftmals sind ja auch andere Dinge damit verbunden, Macht und Ansehen. Oder das Schlimmste ist ja, was Menschen sich vorstellen können, sozial abzusteigen. 

O-TON 02: (Balderjahn)

Sie müssen, was weiß ich, ihren Ferrari da vor der Tür wieder verkaufen oder so was, das geht ganz emotional an die Substanz.“

SPRECHERIN:

Auch wenn es „nur“ um materielle Dinge geht. Aber was heißt „nur“? Für die mittelalterlichen Mönche waren die strengen Fastengebote oft eine weitere Zumutung im harten Kampf ums Überleben, wenn Ernten ausfielen oder Krieg herrschte. Die Angst vor dem leeren Teller, die Angst vor dem Nichts hat schlicht biologische Ursachen. Nur so lässt sich der fast schon reflexhafte Widerstand erklären, etwa wenn einem von der Politik „jetzt auch noch“ die freie Fahrt auf Autobahnen genommen werden soll. Bloß nicht darben, bloß nicht verzichten müssen. Der Kampf gegen aufgezwungene Askese geht bereits mit der Geburt los, sagt die Psychoanalytikerin Angela (Anschela) Mauss-Hanke:

MUSIK Unfolding feelings Z9356382 032 0.32

O-TON 03: (Mauss-Hanke)

„Im Mutterleib geht ja alles von selber. Es gibt auch noch keine Bedürfnisse nach irgendetwas, weil das Atmen, das Essen ist einfach ein Ineinander, was von selber funktioniert. So, und dann flutschen wir da durch und kommen auf die Welt. Und warum finden wir es normal, dass jedes Baby schreit, wenn es auf die Welt kommt? Weil: es ist zum Schreien. Nix ist mehr von selber. 

MUSIK Frames of motion Z93582 002 0.37

O-TON 03: (Mauss-Hanke)

Ne, es muss plötzlich aktiv atmen. Das Essen ist nicht immer von selber da, und von Anfang an ist eigentlich das Leben eine Übung im Verzicht darauf, dass Bedürfnisse sofort und unmittelbar befriedigt werden. Und das ist ein ganz langwieriger Lernprozess.“

SPRECHERIN:

Erwachsen zu werden, bedeutet aus psychoanalytischer Sicht: das innere Lustprinzip, das alle Wünsche erfüllt haben will, und zwar flott, mit dem äußeren Realitätsprinzip in Einklang zu bringen. Denn die totale Bedürfnisbefriedigung ist auf Erden leider unmöglich. Man kann selbstverständlich trotzdem Größenfantasien und Anspruchsdenken pflegen - nach dem Motto: „Es muss für mich Kaffee aus dem Vollautomaten sein. Sonst ist die Laune im Eimer.“ Aber wir kommen als mehr oder weniger soziale Wesen nicht umhin, laufend ureigene Triebe, Wünsche und Ziele aufzuschieben, umzulenken oder zu ignorieren. Sonst gäbe es nur noch Hauen und Stechen und das Wehklagen wäre groß. Je nach Erziehung, Persönlichkeit und Einflüssen gelingt die notwendige Selbstregulation mal besser, mal schlechter.

MUSIK Unfolding feelings Z9356382 032 0.18

O-TON 04: (Mauss-Hanke)

„Gehen wir noch mal ganz zurück. Das Baby hat Hunger und schreit, das weiß noch nicht, ich werde nicht sterben, wenn ich jetzt eine Minute warte oder 5 Minuten. Das muss es wirklich durch Erfahrung lernen und je befriedigender oder je unproblematischer, unkomplizierter die Erfahrungen sind, desto leichter lässt sich das auch lernen. Je mehr ich mich darauf verlassen kann, naja, ich muss ein bisschen Geduld haben. Und dann kommt das schon. Dann kann ich auch besser Geduld haben. Wenn es aber unsicher ist, wenn ich nicht weiß: oh, kriege ich jetzt was, kriege ich nix. Wie lange muss ich warten? In so einer unsicheren Bindung, dann wird es auch schwer zu verzichten.“ (oben)

MUSIK Sunnylands Z8034859 109 0.33

SPRECHERIN:

Der amerikanische Psychologe Walter Mischel (Betonung auf der zweiten Silbe) führte von 1968 bis 74 an der Stanford University ein Experiment durch, das unter dem Namen Marshmallow-Test berühmt und seither vielfach (auch mit Tieren) wiederholt wurde. Vierjährige Kinder wurden damals vor die Wahl gestellt: sie könnten sofort ein Marshmallow essen. Wenn sie es jedoch schafften, eine Weile zu warten, bekämen sie ein weiteres süßes Schaumstück dazu.

O-TON 05: The Marshmallow Test (youtube.com) bei 0:26 

Kurz frei, dann drunter:

MUSIK Sunnylands Z8034859 109 0.44

SPRECHERIN:

Videoaufnahmen, die auch im Internet zu finden sind, zeigen, wie die Jungen und Mädchen mit sich ringen und zum Teil den Kampf um ihre Selbstbeherrschung verlieren. Über Jahre hinweg überprüfte Walter Mischel, wie sich die Kinder, die Standhaften und die Verführbaren, jeweils kognitiv und sozial weiterentwickelten. Sein Ergebnis: Kinder, die warten konnten beziehungsweise darauf vertrauten, dass sie die versprochene Belohnung erhalten werden, zeigten später auch beim Lernen oder in anderen Stresssituation mehr Frustrationstoleranz als die, die fast schon reflexhaft nach dem Marshmallow griffen. Das wirkt einleuchtend. Doch Wünsche aufzuschieben ist letztlich leichter als sie komplett aufzugeben. Was zum Beispiel beim Thema Umweltschutz eigentlich viel öfter angezeigt wäre, meint der Konsumforscher Ingo Balderjahn. Etwa ein konsequentes Nein zum neuesten Elektronikteil. Denn:

O-TON 06: (Balderjahn)

„Ob ich mir jetzt nun ein Smartphone kaufe oder in einer Woche, ist dem Klima höchstwahrscheinlich egal.“

SPRECHERIN:

Aber wirklich ganz darauf verzichten ohne irgendeine Belohnung? Schwierig. Religionen vertrösten ihre Gläubigen ja gern auf ein Paradies im Jenseits, in das sie eintreten werden, wenn sie sich an alle Regeln halten. Aber nehmen wir einmal an, jemand entscheidet sich, aus Umweltgründen auf den Flug nach Thailand oder die Autofahrt in die Provence zu verzichten, und reist stattdessen mit der Bahn ans andere Ende Deutschlands. In überfüllten, verspäteten Zügen unterwegs zu sein, ist kein Vergnügen. Wie sieht hier – bitte schön - die Gratifikation aus? 

O-TON 07: (Balderjahn)

„Das Gute, was man tun kann, um den Klimawandel zu verhindern, kommt ja auch später, in zehn, 20, 30 Jahren.“

SPRECHERIN:

Aber wer weiß das schon so genau! Prognosen sind keine Versprechen.

MUSIK Jolly Stroll Z8036179 120 0.44

SPRECHERIN:

Der Begriff des Verzichts stammt aus der mittelalterlichen Rechtssprache. Wer einen Rechtsanspruch aufgab, übte Verzicht oder Verzeihung, wie man noch bis ins 18. Jahrhundert gleichbedeutend sagen konnte. Man entsagte oder verzichtete, um eine Schuld auszugleichen und die gegnerische Partei zufrieden zu stellen. Deshalb liegt bis heute das „Um zu“ so nahe. Man verzichtet auf Kohlehydrate oder Fett, um abzunehmen. Man spart Geld, um den Kindern etwas schenken zu können. Man verzichtet auf einen Seitensprung, um die Ehe nicht zu gefährden. Wenn sich nun aber kein einleuchtender Grund fürs Knapsen, keine „gefühlte“ Not-Wendigkeit finden lässt? Dann kauft man sich eben zweimal im Jahr neue Klamotten oder gönnt sich den One-Night-Stand. Verzicht braucht schon ein gewisses Maß an innerer Zustimmung, bestätigt die Psychologin Angela Mauss-Hanke. Sonst funktioniert der Deal nicht gut:

O-TON 08: (Mauss-Hanke)

„Wenn ich von außen gesagt bekomme: du, das wäre für uns alle besser, wenn du darauf verzichtet. Und ich denke darüber nach, also meine Vernunft, vielleicht auch sogar mein Einfühlungsvermögen sieht das dann ein, dass das besser wäre. Und ich bin dann vielleicht sogar ein sozialer Mensch, der es auch nicht unwichtig findet, dass es den anderen auch gut geht, dann fällt mir der Verzicht natürlich viel leichter, als wenn das Wichtigste ist, dass ich meine Wünsche, meine Triebe befriedigt kriege.“

MUSIK Frames of motion 2 Z9356382 002 0.42

O-TON 09: (Balderjahn)

„Was braucht es für einen Verzicht? Verantwortung, Verantwortung übernehmen. Der Mensch muss sagen: okay, ich bin auch daran beteiligt, dass sich die Erde aufheizt, also nur mal gesagt: mit jedem Euro, den wir ausgeben, circa 150 Gramm Treibhausgase, also wir sind alle daran beteiligt. Und wenn der Einzelne für sich auch die Verantwortung sieht, ich bin verantwortlich dafür, dann kann sich daraus schon eine Bereitschaft ergeben, etwas auch zum Klimaschutz zu tun. Nur, in einer Studie der Europäischen Union, Eurobarometer heißt das, da sagen zwei Drittel der Europäer, sie fühlen sich für den Klimaschutz nicht verantwortlich, und diese zwei Drittel fallen mit dieser Haltung erstmal komplett raus. Die machen nichts.“

SPRECHERIN:

Niemand hat gern ein schlechtes Gewissen. Auch wenn Menschen mittlerweile so etwas wie Flugscham empfinden können, geflogen wird trotzdem in gigantischem Ausmaß. Ein weiterer Feind des Verzichts ist nämlich die Bequemlichkeit. Verzicht zu üben, bedeutet, eine Komfortzone zu verlassen. Wer sein Gewicht reduzieren will, muss die Ernährung umstellen und auf die gewohnte abendliche Wurstplatte verzichten. Man muss sich aufraffen und dann vor allem dranbleiben. Der Wille ist gefragt. Und der Wille braucht gute Argumente. Sonst fällt er dem inneren Schweinehund zum Opfer. Selbstoptimierung kann ein starkes Motiv sein: ach ja, besser aussehen, gesünder sein! Dafür darbt man noch relativ gern.

O-TON 10: (Mauss-Hanke)

„Aber der Verzicht, sagen wir mal, auf Flugreisen eben zu verzichten, weil mir der Klimawandel bewusst ist, dass es eine viel schwierigere Forderung und das braucht schon wirklich viel Vernunft, viel abstraktes Einfühlungsvermögen in die nächste Generation. Und vor allen Dingen auch die Erkenntnis oder die Meinung kann man ja auch sagen, dass das was nutzen kann, wenn ich als Einzelner da etwas anders mache. Und das ist auch verständlich. Wenn ich in eine Millionenstadt komme, dann frage ich mich auch: warum soll ich hier irgendwie den Müll trennen und das dann trotzdem durchzuhalten, das braucht wirklich viel Vernunft, auch gedankliche Geduld vielleicht. Und da muss man dann eben sehen, wie kann man das für sich selber aufrechnen, dass man dann verzichtet.“

SPRECHERIN:

Die Regale in unseren Supermärkten sind voll. Lieferdienste bringen Waren bis an die Haustür. Vom USB-Stick bis zum Plantschbecken, von der Pizza bis zum Modeschmuck – fast alles kann man heute ruckzuck im Internet bestellen. 

MUSIK All in one app Z8033488 114 1.15

SPRECHERIN

Die Versuchungen sind groß. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Immer noch. Außer es gibt Probleme mit den Lieferketten, und das Klopapier wird rationiert. Dann bricht Panik aus. Normalität bedeutet hierzulande, dass alles immer verfügbar ist, jetzt auch in Bio-Qualität. 

O-TON 11: (Balderjahn)

„Es ist natürlich das, dass insbesondere von der Wirtschaft, von der Werbewirtschaft, vom Marketing Anreize gesetzt werden für bestimmte konsumintensive Verhaltensweisen. Und da sich kein Mensch von der Werbung wirklich entziehen kann, Werbung hat immer Wirkung. Wir brauchen nur einmal eine Marke zu sehen, und schon kriegen wir die aus dem Gehirn nicht mehr gelöscht. Also, da sind so Antreiber, Konsumantreiber. Und wir werden ja auch groß in einer Gesellschaft und leben in einer Gesellschaft, jetzt sage ich mal hier in Deutschland, die sehr, sehr konsumorientiert ist.“

SPRECHERIN:

Anregende Reize aus unzähligen Kanälen triggern den suchtmäßigen Konsum. Der Staat versucht durchaus, mit Kampagnen, Gebühren und Werbeverboten gegenzusteuern. Im Grunde aber bleibt es jedem und jeder Einzelnen überlassen, dem kapitalistischen Prinzip des „Höher, weiter, schneller, mehr!“ die Stirn bieten. Aber nur 15 Prozent der Deutschen schaffen es, konsequent weniger Geld für ihren Konsum auszugeben, als sie könnten, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ingo Balderjahn. Von anderen Ländern gar nicht zu reden.

O-TON 12: (Balderjahn)

„Wir konsumieren tatsächlich viel zu viel. Wir ruinieren die Erde, da gibt es Zahlen. Wir verbrauchen die Fläche von 1,7 Erden, damit wir unsere Konsumbedürfnisse befriedigen können, aber diese Komma sieben, diese drei Viertel, die haben wir nicht. Das heißt, wir plündern, und wir heizen auch mit diesem maßlosen Konsum das Klima auf. Und das ist das Problem, wovor wir stehen.“

SPRECHERIN:

Die große Frage lautet: Wie lässt sich der Mensch zum Verzichten und Sparen motivieren? Wie lässt sich der maßlose Konsum reduzieren? Darauf läuft es ja hinaus. Trotz neuer energieeffizienter Technologien und nachhaltigerer Produktionsweisen. Was zu viel ist, ist zu viel. Die apokalyptischen Bilder aus aller Welt sprechen eine deutliche Sprache:

MUSIK Geiger involved Z8024281 104 0.42

SPRECHERIN

Sturzfluten, Bergrutsche, schmelzende Gletscher, Wirbelstürme, brennende Wälder...

O-TON 13: (Greta Thunberg W0507488 101)

„We should panic!... out of our comfort zones!“

OT 13 kurz frei, dann drüber:

SPRECHERIN:

„We should panic!“ und „I want you to panic“, sagte die Fridays-for-Future-Aktivistin Greta Thunberg immer wieder in ihren Reden und erntete dafür Kritik. Panikmache bringt nämlich gar nichts, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Im Gegenteil.

O-TON 14: (Balderjahn)

„Man sollte nie, und das machen viele Umweltaktivisten falsch, nie den Horror an die Wand malen. Horror mögen Menschen nicht und sortieren das gleich aus. Damit setzen sie sich nicht auseinander. Deswegen funktionieren ja auch diese Horrorbilder auf diesen Zigarettenpackungen nicht mehr.“ 

SPRECHERIN:

Man gewöhnt sich an den Schrecken. Oder steckt den Kopf in den Sand. Wird schon nicht so schlimm sein. Auch wenn das Meer so warm ist wie noch nie und die Korallenriffe sterben. Hauptsache Urlaub. Die moderne Lebensweise erschöpft auch die emotionalen Ressourcen. Jedem und jeder scheint hier alles immer offenzustehen: die persönliche Selbstverwirklichung, der Neuanfang mit 80, dieses haben, jenes machen oder werden zu können. Das kann stressen.

MUSIK Sunnylands Quintett Z8034859 110 0.38

SPRECHERIN:

Die Entwicklung liegt nahe: Zum Wellnesskurzurlaub gehört heute meist auch „digital detox“, der vorübergehende Verzicht auf digitale Medien und Endgeräte. Individuelle kleine Verzichtsübungen sind „in“, kleine Rettungs- oder Heilungsversuche, private Challenges, deren Verlauf gern in sozialen Netzwerken gepostet wird: Wie lange schaffe ich es, ohne Zucker, Weizen, Ablenkung, weiß nicht was, zu leben? Und ganz wichtig: wie fühle ich mich dabei? Eigentlich gar nicht so schlecht. Überraschenderweise. Studien, die Ingo Balderjahn an der Uni Potsdam durchgeführt hat, brachten ähnliche Ergebnisse:

O-TON 15: (Balderjahn)

„Wir haben Personen verglichen, die freiwillig verzichten und einen einfacheren Konsum und Lebensstil haben, mit anderen, die voll drauflos konsumieren. Und wir stellen fest: die, die freiwillig verzichten, die empfinden das nicht als Opfer oder als Verlust, sondern eher als Zugewinn an Unabhängigkeit und an Selbstbestimmung, Autonomie, also in der Tendenz sogar stellt sich heraus, dass Menschen, die einfacher leben, nicht alles auf den Kopf hauen, glücklicher sind als die anderen, die in diesem Konsumturbo stecken.“ 

SPRECHERIN:

Das Gefühl von Selbstdisziplin und Selbstwirksamkeit, nicht so getrieben und abhängig zu sein, tut offenbar gut. 70 Prozent der Deutschen wären – laut einer Studie des Bonner Briq-Instituts - rein theoretisch sogar dazu bereit, grundsätzlich kürzer zu treten, ihre Altgeräte zum Recyceln zu bringen, Kleidung second hand zu kaufen, öfters das Fahrrad zu benutzen und so weiter. Doch rechnen sie paradoxerweise nicht damit, dass sich ihre Mitmenschen auch dazu bewegen ließen. Also wagen sie sich nicht aus der Deckung. Wenn aber alle mitmachen würden, dann wäre etwa der Verzicht auf Fleisch oder Flüge „normal“. Gruppendruck und soziale Kontrolle spielen eine Riesenrolle, bestätigt die Psychoanalytikerin Angela Mauss-Hanke. 

O-TON 16: (Mauss-Hanke)

„In großen Gruppen ist das ja häufig so, in Sekten zum Beispiel, es gibt ne Ideologie: wir sollten das und das tun oder was weiß ich, vegan leben. Und dann hilft es natürlich sehr, wenn man dann eine Ideologie hat, an die sich alle halten. Das heißt, da gibt der Einzelne seinen Moralkodex ab an das, was in der Gruppe sozusagen „in“ ist, und hält sich dann daran. 

MUSIK All in one app Z8033488 114 0.55

O-TON 16: (Mauss-Hanke)

Ne, da muss ich nicht mehr überlegen, finde ich das richtig oder falsch, sondern ich tue das einfach und der Gewinn, die Zustimmung durch die Gruppe, das ist schon nicht zu unterschätzen.“ 

SPRECHERIN:

Alkoholfreie Getränke liegen heute voll im Trend. Aber autoritär von oben lässt sich ein generelles Bier- und Wein-Trink-Verbot in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft kaum durchsetzen. Anders gesagt: der Zeitgeist müsste sich ändern, weg vom materiellen Denken hin zu einer besseren Moral und mehr sozialem Denken. Ohne Zwang. Der Konsumforscher Ingo Balderjahn hat 2024 ein Sachbuch mit dem Titel „Lust auf Verzicht“ veröffentlicht, um die wissenschaftlich belegten positiven Seiten der freiwilligen Beschränkung publik zu machen. Nach dem Motto: „Weniger ist tatsächlich mehr“. 

O-TON 17: (Balderjahn)

„Da gibt es Parallelstudien, die von anderen Kolleginnen und Kollegen betrieben werden, die zeigen, dass je mehr Geld jemand hat, desto relativ weniger spendet er oder sie für gute Zwecke. Daraus ist es auch erkennbar: die Leute, die relativ wenig haben, spenden in Relation dazu zu dem, was sie haben, relativ viel und sind auch viel leichter bereit, etwas abzugeben mit anderen zu teilen.“

MUSIK Jolly stroll Z8036179 120 1.14

SPRECHERIN:

Genug zum Leben zu haben, ist wichtig. Aber die Frage: brauche ich das wirklich? verneinen zu können, schafft offenbar Freiräume und reduziert Ohnmachtsgefühle. Warum nicht auch mal einen Probelauf starten, um einen klitzekleinen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten? Wenn irgendein Verzicht dann doch ein bisschen hart erscheint, kann man sich ja zum Trost die Bedingungen der menschlichen Existenz vor Augen halten. Verzicht zu üben, gehört nicht ohne Grund zum Standardprogramm aller Religionen. Wer sich bewusst auf wesentlich Erscheinendes konzentriert, lernt nämlich Abschied zu nehmen. Vielleicht auch von den Illusionen, die unsere Gesellschaft so gerne pflegt: 

O-TON 18: (Mauss-Hanke)

„Das Leben ist immer ein Verzicht. Wir gehen auf den Tod zu, und wir müssen diese begrenzte Zeit irgendwie füllen. Wir werden niemals all das, was wir gerne tun würden, all das, was wir gerne hätten, erreichen, niemals. Wir kommen aus dem Verzichten nicht raus.“


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Die politischen Umstände sind schwierig. Nach einer Phase der Öffnung scheitern 1968 die Reformbemühungen der Kommunistischen Partei KSC. Der Prager Frühling ist zu Ende. Die Tschechoslowakei nimmt politische Lockerungen wieder zurück. Presse- und künstlerische Freiheit werden beschnitten. Wer als oppositionell eingestuft wird, erhält Berufsverbot oder erlebt zumindest Einschränkungen. 5 ZU (Schöde 0.58) Es gibt Leute, die sagen, dass gerade diese Kinderserien oder Märchenserien aus Tschechien auch so ein Zufluchtsgenre waren, dass viele Regisseure, die damals nicht die Filme machen durften, die sie wollten, sich einfach da ausgetobt haben, und viele tolle Leute diese Filme gemacht haben und das merkt man glaube ich auch. ERZÄHLERIN Für etliche Regisseure, Drehbuchschreibende, Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch Kameraleute ist die Karriere nach dem Prager Frühling eigentlich jäh zu Ende. Doch eine Nische öffnet sich, besser: ein Mann schließt sie auf. MUSIK All clued up (0.38) ERZÄHLER Ota Hofmann, national gefeierter Kinder- und Jugendbuchautor, der in dieser Rolle sämtlichen politischen Umstürzen trotzt. Seit 1955 arbeitet der Prager als Dramaturg für Kinderfilme in den renommierten Filmstudios Barrandov. Dort wird er Leiter der Kinderfilm-Produktionsgruppe. Auf einem Filmfest Mitte der 60er Jahre lernt er den Kinderfilm-Verantwortlichen des Westdeutschen Rundfunks kennen, Gert Müntefering. Die beiden verstehen sich sofort, tauschen sich über mögliche Kooperationsprojekte aus. Die Telefone zwischen Köln und Prag stehen nicht mehr still. 6 ZU (MÜNTEFERING 28.00) In Prag 65 bis 68, da konnten die Geschichten sich entfalten, den Hintergrund muss man auch wissen, dass in dieser Zeit ein neues Gefühl in Prag war, das wirkte sich eben auch auf die Arbeit sachlich aus, bis die Russen kamen, die kamen 68, die Drehbücher waren fertig und ich hörte dann im Radio, dass die Truppen des Warschauer Paktes sich breitmachten. ERZÄHLERIN Drei Wochen bangt Müntefering in Köln um gemeinsam verabredete Drehpläne dies- und jenseits der Grenze. MUSIK All clued up Z8034434 107 (0.43) ERZÄHLER Plötzlich erhält er wieder ein Besuchsvisum. Die Zusammenarbeit zwischen Ost und West im Kinderfilm geht weiter und nimmt nach dem Prager Frühling richtig Fahrt auf. ERZÄHLERIN Offenbar gelingt es Ota Hofmann, die Zensur zu umschiffen. ERZÄHLER Vielleicht ist der Kinderfilm und -fernsehbereich auch politisch unverdächtig. Oder man freut sich über das internationale Renommee, das die Kinderproduktionen aus der Tschechoslowakei inzwischen gewinnen. ERZÄHLERIN Auch aus Qualitätsgründen erhält Ota Hofmann die Zusammenarbeit mit Kollegen aufrecht, die er gemäß politischer Weisung nicht mehr beschäftigen dürfte, erzählt die Slavistin Helena Srubar. 7 ZU (Srubar 0.34) Es war ein großes Glück, weil offenbar unter seiner Hand mit den Künstlern oder Filmemachern, die bis dahin beschäftigt waren, möglich war, dass da weitergearbeitet werden konnte. Und es ist dann praktiziert worden unter Ota Hofmann, dass man beispielsweise Drehbücher von verbotenen Autoren unter anderem Namen umgesetzt hat. Zum Beispiel die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ waren von Franticek Pavlicek geschrieben, und der durfte eben nicht mehr arbeiten. Und es wurde dann unter einem anderen Namen gemacht. ERZÄHLER Dieses – bald etablierte – Vorgehen täuscht die Zensurbehörde wohl nur bedingt. Trotzdem schreitet sie nicht ein. ERZÄHLERIN Solange ein anderer Name auf dem Skript steht – ERZÄHLER Schwierig wird es nur bei Darstellern, die eigentlich ganz verbannt sein sollten von den tschechoslowakischen Bildschirmen. ERZÄHLERIN Aber auch dafür findet sich eine Lösung. Denn die DDR und andere osteuropäische Nachbarländer zeigen großes Interesse daran, die aufwendig inszenierten Märchen- und Fantasyproduktionen anzukaufen. Oder als Co-Produktionen mitzufinanzieren. Und auch Westdeutschland, gerade der Westdeutsche und der Bayerische Rundfunk, mischen bald mit. 8 ZU (Srubar 2:33) Dadurch, dass durch die Co-Produktion Devisen ins Land, ins System gespült wurden und man natürlich auch ein Feigenblatt hatte zu zeigen eben hier die sozialistische tschechoslowakische Kultur liefert auf so hohem Niveau auf die westdeutschen Bildschirme, wurde da sicherlich dann doch durchaus manches toleriert, was man intern, also nur für den tschechoslowakischen Markt, möglicherweise nicht toleriert hätte. MUSIK Vincek und die drei Haselnüsse C1590140 110 (0.44) ERZÄHLER In dieser Gemengelage wird der tschechische Kinderfilm international. Der Tross an Filmschaffenden ist ab den späten 60er Jahren dauernd in Bewegung. Für die „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ wird eine Burg 30 Kilometer von Pilsen umgebaut. Aus der stolzen Anlage mit Wassergraben, mehreren Mauerringen und dicken Türmen entsteht der Gutshof der Stiefmutter mit Scheunen und Wirtschaftsgebäude. Die Kulissengestalter setzen ein zweiflügliges Tor in die Außenmauer ein. ERZÄHLERIN Durch das reiten später Aschenbrödel und der Prinz – ERZÄHLER Andauernd ein und aus und hin und her. ERZÄHLERIN Am Ende dann gemeinsam… ERZÄHLER Davor braucht es aber noch die Begegnung im Wald und auf dem Ball. ERZÄHLERIN Das Drehbuch sieht romantische Szenen im Frühling vor, warme erste Sonnenstrahlen, blühende Wiesen. Für Regisseur Václav Vorlíček muss die Geschichte in der Renaissance spielen. ERZÄHLER Zu üppig für das tschechoslowakische Budget. ERZÄHLERIN Ota Hofmann lässt seine Kontakte zur DEFA spielen. Die Filmgesellschaft der DDR steigt finanziell und personell mit ein, hat aber im Sommer keine Kapazitäten mehr. Aus Aschenbrödel muss ein Wintermärchen werden. Die ideale Fügung, wie sich später herausstellt, der perfekte Weihnachtsfilm. WDR-Kinderfilm-Chef Gert Müntefering sieht die ersten Szenen bei einem Besuch in Prag und kauft sofort an. 9 ZU (MÜNTEFERING 18.33) Entscheidend war dann, dass wir ein System finden mussten, um nicht nur Käufer zu sein. ERZÄHLER Erinnert sich Müntefering. Man wollte mitgestalten, ähnliche Projekte gemeinsam umsetzen. Wieder wird viel telefoniert… 10 ZU (MÜNTEFERING 18.33) Ich habe dann in Prag mit Vorlíček, der diese berühmten „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gedreht hat und wunderbare Märchenfilme, den hab ich dazu gebracht und das tschechische Fernsehen dazu überredet, dass sie dann „Die Märchenbraut“ gedreht haben. Das war ein Auftrag des WDR, der zu einer Coproduktion mit dem tschechischen Fernsehen geführt hat, und das hat gut geklappt. MUSIK Märchenbraut (Rechte geklärt mit WDR, Musik: Luboš Fišer 1981; Dagmar Patrasová – Xenie A Arabela / Co Se Děje V Groteskách; Label: Panton – 8143 0180, Vinyl, 7", 45 RPM, Repress Czechoslovakia; WDR Archimedes 0118248, 17.07.1982, Die Märchenbraut, Folge 01 (1.00) ZITATORIN „Die Märchenbraut“, Serie 1979 bis 1981: Der Schauspieler und Märchenerzähler Karl Majer gerät zufällig an ein magisches Glöckchen, das den Zauberer Rumburak aus dem Märchenreich herbeiruft. Nun geht es hin und her zwischen echter und Märchenwelt. Figuren der Brüder Grimm tauchen auf, genauso Fantomas oder Tarzan. Liebe gibt es auch: Arabella, die jüngere Tochter des Königs, verguckt sich in Peter, den Sohn von Herrn Majer. Rumburak möchte sie für sich und entführt Arabella auf seine Burg. Peter sucht, findet und verliert sie andauernd wieder. Die beiden kommen nie dazu, sich zu küssen. Immer gerät was oder wer dazwischen. Erst in der allerletzten Szene der allerletzten Folge… ERZÄHLER Die Serie läuft in der Tschechoslowakei und in der BRD recht erfolgreich. Die Achse Barrandov in Prag – WDR in Köln wird in der Folgezeit besonders produktiv. Klassiker wie „Pan Tau“, der schweigsame Zauberer mit der schwarzen Melone, dessen Künste meistens wenig helfen und die Lage eher grotesk verschlimmern, entstehen bis 1978 zusammen. Oder 1980 „Luzie, der Schrecken der Straße“. ERZÄHLERIN Für die Berliner Kinderfilmregisseurin und Autorin Katharina Schöde ein absoluter Hingucker: 11 ZU (Schöde 6.30) „Luzie, Schrecken der Straße“ hat mich damals geprägt, sie war ein Mädchen, das waren ja damals noch nicht so viel in den Serien, sie war cool, hatte schon auch so ihre Probleme mit der Bande und wollte dazugehören, dann hatte sie diese lustigen Friedrich und Friedrich, die sie da begleitet haben. MUSIK Luzie, der Schrecken der Straße (Rechte geklärt mit WDR, Video-Überspielung WDR; Musik: Angelo Michajlov 1980) 12.10.1980: Luzie, der Schrecken der Straße, Folge 1: Luzie will nicht allein sein. WDR Archimedes 0113301 (1.25) ERZÄHLERIN Die frechen Knetmännchen Friedrich und Friedrich, die alle möglichen Farben und Formen annehmen können und zu jedem Zauberquatsch bereit sind. Sie unterstützen die sechsjährige Luzie im Sommer vor der Einschulung, in dem alle Freundinnen in Urlaub sind, und nur Luzie daheim in der Stadt bleiben muss. ERZÄHLER Luzies unbedingtes, aber hoffnungsloses Ziel: Sie will aufgenommen werden in die Bande des älteren Nachbarsjungen Oswald. Sechs ganze Folgen lang. ERZÄHLERIN Die bis heute regelmäßig wiederholt werden: 12 ZU (Luzie/ Wally 0:10) Als Erstes musste eigentlich der Kühlschrank repariert werden und der, der den Kühlschrank repariert hat, hat dann das Kabel aus Versehen durchgerissen und die Tapete kaputt gemacht und dann mussten immer mehr Helfer kommen, weil immer mehr kaputtgegangen ist. // Also da war die Luzie und auf einmal war in ihrem Wohnzimmer eine Schlittschuhbahn, da war alles voller Eis und dann sind sie mit den Freundinnen Schlittschuh gefahren. // Aber am Ende ist dann doch irgendwie alles gut gegangen. ERZÄHLER Auf reichlich magische Art und Weise gut gegangen. ERZÄHLERIN Dank Friedrich und Friedrich. ERZÄHLER Naja, eher trotz Friedrich und Friedrich. Deren fröhlich überbordende Magie ist selten wirklich zielführend… ERZÄHLERIN Aber auf jeden Fall gut gegangen, denn das macht viele der damaligen Kinderfilme und Serien aus der Tschechoslowakei aus. Die Kinder finden eine Lösung. Gerne mit zauberhaften Freunden. ERZÄHLER Nie mit kompetenten Eltern – ERZÄHLERIN Denn die gibt es nicht. 13 ZU (Luzie/ Wally 5:10) Die Mama, als erstes schimpft sie total und dann ist sie wieder total nett, und der Papa ist schon immer nett und ist manchmal auch so unsicher und einmal hat er auch zu der Mama von der Luzie gesagt, das ist nichts für Dich. Also ich finde die Eltern nicht so toll. MUSIK Die Tintenfische aus dem zweiten Stock (Rechte geklärt mit WDR, Video-Überspielung WDR; Musik: Angelo Michajlov 1986) WDR Archimedes 0186301; 19.8.1990; Folge 1: Der Fliegende Ferdinand (0.47) ERZÄHLERIN Für die jungen Hauptfiguren heißt das: Sie müssen selber ran. Zum Beispiel „Tintenfische im zweiten Stock“ in der gleichnamigen Serie im Zaum halten. Außerirdische unbemerkt durch den irdischen Alltag lotsen wie in „Die Besucher“. Da wird geflogen und verwandelt, hergezaubert und in Luft aufgelöst. 14 ZU (Schöde 2.00) Aus heutiger Sicht sieht das alles sehr nostalgisch und niedlich aus, aber für damalige Zeiten waren das unglaubliche Sachen, die da ausprobiert wurden. Mit Special Effects und Knete und Kameratechnik wurden da fantastische Sachen erzählt in Science Fiction und Fantasy-Filmen und Serien, die wegweisend waren. ERZÄHLER Schwärmt die Berliner Kinderfilmerin Schöde. 15 ZU (Schöde 2.50) Vom Technischen sind diese Barrandov-Studios in Prag immer schon toll gewesen und die hatten tolle Leute, die viel ausprobiert haben. ERZÄHLERIN Speziell auch in Produktionen für Kinder. Während die in der BRD in den 1960er, 70er, ja noch 80er Jahren vor allem didaktisch daherkommen und kaum Sendeplätze erhalten, darf sich der tschechoslowakische Kinderfilm thematisch und technisch austoben, erklärt die Slavistin Helena Srubar. 16 ZU (Srubar 3.04) Man muss sagen, dass im tschechoslowakischen Filmschaffen der Kinderfilm nicht eine Kategorie B war. Das galt genauso als künstlerisch anspruchsvoll, schon vor 68 wie hinterher. Das heißt es, es haben Kameraleute wie auch Schauspieler in allen Bereichen gespielt. Deshalb waren auch diese Produktion in der Tschechoslowakei so beliebt, weil die Schauspieler kannte man zum Teil aus dem Nationaltheater und aus den Erwachsenenfilmen. Also, es war nicht, dass man gesagt hat, für Kinder muss man irgendwie ein extra Repertoire haben, oder es sei eben künstlerisch weniger wertvollen. Es hatte den gleichen Anspruch. ERZÄHLERIN Anders als in Deutschland steht die Kategorie „Märchen“ im Film gleichauf mit Drama. ERZÄHLER Märchen haben in der tschechischen Kultur einen hohen Stellenwert, waren immer zuhause im Theater und in der Hochliteratur. Abstruses, Unerklärliches – ERZÄHLERIN Gruseliges – ERZÄHLER Zauberhaftes – ERZÄHLERIN Wunderbares – ERZÄHLER Ohne schweren didaktischen Überbau… 17 ZU (Srubar 9:44) Diese Freude daran, Autoritäten zu dekonstruieren und lächerlich zu machen, das zieht sich überall durch. Das gibt es auch ganz stark in der tschechischen Märchentradition, also in der literarischen Märchentradition. Im Film genauso, definitiv, das haben sie ja im Aschenbrödel auch, dass der König, quasi genauso ein kleiner Bub ist, von der Königin gerügt wird, wie sein eigener Sohn, dass er nicht tanzen kann, wenn er ihr auf die Füße getreten ist, und so weiter. MUSIK Sendung mit der Maus Z8034995 213 (0.23) ERZÄHLER Für den ehemaligen WDR-Kinderfilmchef Gert Müntefering das perfekte Programm. Im WDR hatte er die „Sendung mit der Maus“ mitentwickelt. Darin laufen ab 1971 Lach- und Sachgeschichten, die die echte Welt erklären. Mehr ist dem deutschen in erster Linie Bildungsfernsehen für Kinder noch nicht abzuringen. Allerdings: Den Kleinen Maulwurf kauft Müntefering als tschechoslowakischen fantastischen Import dazu, gleich nach einem Treffen mit dessen Zeichner und Erfinder, dem Trickfilmer Zdeněk Miler: MUSIK/ TV Der Kleine Maulwurf (Rechte mit WDR geklärt) Video-Überspielung WDR, WDR Archimedes 0706806, Geschichten vom Maulwurf – Der Angler (0.42) 18 ZU (MÜNTEFERING 44.00) Und nun ja, Maulwurf – wer nicht erkannte, dass das eine liebenswerte Figur mit Überlebensdauer ist, der sollte sich doch einwecken lassen.)) ZITATORIN Rotes Spitznäschen, runde schwarze Augen, drei Haare in die Luft – so tapst der Kleine Maulwurf vergnügt durch Wald und Wiesen. Mit seinen besten Freunden Hase, Igel und Maus erlebt er meist unaufgeregte Abenteuer, ein Picknick im Regen, einen Badeausflug an den See. Manchmal trifft er auf Menschen oder wird mit dem so ganz anderen Leben in der Stadt konfrontiert. Damit er überall auf der Welt verstanden wird, spricht der Kleine Maulwurf nicht. Sein glucksendes Lachen ist sein Markenzeichen. 19 ZU (MÜNTEFERING 44.00) Insofern habe ich 65 das gesehen, da habe ich gesagt, wir kaufen gleich die nächsten Filmoptionen, ich habe gesagt, der WDR kauft ihn und der Etat war ja da. Diese Figur entfaltete sich dann und ich habe auch längere Geschichten mit ihm gemacht. ERZÄHLERIN Herzige Geschichten – ERZÄHLER Traurige – ERZÄHLERIN Versöhnliche Geschichten über ein gutes Miteinander. ERZÄHLER Wie der Kleine Maulwurf bleiben viele Serienfiguren und Kindersujets aus der Tschechoslowakei weitgehend fantastisch-ideologielos. Ihre Macher sind oft Regimekritiker, die nach dem Prager Frühling ins Kindersegment ausweichen. Sozialistische Propaganda zu verbreiten, liegt ihnen fern. ERZÄHLERIN Was dagegen für das Publikum daheim, aber auch in den östlichen und westlichen Nachbarländern funktioniert, ist das grundsätzliche Ideal der Freundschaft, die mehr zählt als schnödes Geld. Manch ein Bösewicht in „Pan Tau“ fährt schon mal Mercedes und spricht mit englischem, französischen oder italienischen Akzent, übrigens nur im tschechischen Original. ERZÄHLER Trotzdem erzählen die wenigsten Serien und Filme den Kapitalismus als das Böse. MUSIK Der Fliegende Ferdinand (Rechte geklärt mit WDR, Musik: Karel Svoboda 1983: Návštěvníci / Létající Čestmír Composer: Karel Svoboda; Label: Supraphon 1985 Vinyl; Type TV Series/TV film; Der Fliegende Ferdinand Folge 1, Der Stein, WDR Archimedes 0127071 (0.46) ERZÄHLERIN Eher den einzelnen Kapitalisten, dem es um Geld und damit um persönliche Macht geht. Beispiel: ZITATORIN „Der fliegende Ferdinand“, Serie 1983/ 84: Der Junge Ferdinand wird von einem Meteoriten verschluckt und auf den Planeten der Blumen befördert wird. Von dort bringt er Zaubergewächse mit. Riecht er an der einen Blume, kann er fliegen. Schnuppert er an der anderen, wird er erwachsen und sieht aus wie sein Vater. Sein Lehrer will auch solche Blumen – um die Menschheit zu retten. Die Kinder unterstützen das. Der Friseur ums Eck jedoch stiehlt die Blumen, um sie ohne Rücksicht auf nichts und niemanden zu Geld zu machen. ERZÄHLER Es siegt die Gerechtigkeit, nicht der Egoist, der sich bereichern will. ERZÄHLERIN Ein Motiv, das Ost und West damals verband, sagt die Slavistin Helena Srubar. Wie überhaupt die tschechoslowakisch-deutschen Kinderserien und Filme der 1970 und 1980er Jahre zur Völkerverständigung beitrugen: 20 ZU (Srubar 14.17) Meine Eltern sind 1969 aus Prag emigriert, und ich bin zweisprachig mit Tschechisch groß geworden und zusätzlich zu der allgemeinen Faszination für diese Serien war das für mich total schön. Wenn im Fernsehen Prag gezeigt wurde oder meine Eltern kamen und sagten, das ist der Schauspieler so und so, das war irgendwie total schön. Wenn quasi von der anderen Seite vom Eisernen Vorhang also einen Gruß kam und auch plötzlich meine Freundinnen damit etwas anfangen konnten, weil über tschechische Kultur war zu dem Zeitpunkt eigentlich ansonsten nicht viel bekannt oder präsent. Und das hat mir natürlich sehr gut gefallen. MUSIK Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1.00) ERZÄHLER Heute gefallen diese Serien und Filme immer noch. ERZÄHLERIN Manche Tricktechnik mutet im Computerzeitalter vielleicht etwas nostalgisch und langsam an. ERZÄHLER Dafür besitzen die märchenhaften Geschichten nach wie vor Zauber. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zum Beispiel. Wenn Aschenbrödel und der Prinz auf ihren Schimmeln Seite an Seite durch den Schnee reiten. Ihr weißbauschiges Brautkleid flattert im Wind. Sie halten sich reitend an den Händen und lächeln sich an. ERZÄHLERIN Weil sowas in echt nicht geht, mussten die Schauspieler beim Dreh auf dem Bauch eines Kameramanns sitzen. Der wurde auf einem Schlitten gezogen und filmte sie von unten. Nicht so romantisch. ERZÄHLER Aber im Film funktioniert es. Der wichtigste Weihnachtsfilm. ERZÄHLERIN Auf sämtlichen Sendern. ERZÄHLERIN/ ERZÄHLER Alle Jahre wieder.

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