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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Warum wandern Tiere? Alles Natur

13.02.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Tierwanderungen geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Wieso begeben sich jedes Jahr Millionen Gazellen, Störche, Kröten oder Wale auf Wanderschaft? Woher wissen sie, dass es Zeit ist, und wie finden sie ihren Weg? (BR 2020) Autorin: Claudia Heissenberg

Credits
Autor/in dieser Folge: Claudia Heissenberg
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Ruth Geiersberger
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Bernhard Kastner

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Interviewpartner/innen:
Manfred Niekisch (Dr.; Professor; Experte für Tierschutz und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos);
Andrea Flack (Dr.; Biologin am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Radolfzell);
Michael Quetting (Projektleiter Animal Tracker App am MPI);
Uschi Müller (Projektkoordinatorin ICARUS)

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    13.02.2024 · 24 Min.

    Dass Fische, Vögel oder Säugetiere zum Teil erstaunliche Wanderungen vollziehen, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass auch Kleinstlebewesen wie Schleimpilze und einige Insekten wie Treiberameisen, Monarchfalter oder Schwebefliegen unglaubliche Distanzen auf ihren Wanderungen überwinden. Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke (BR 2023) Credits Es sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke Technik: Mars13 / Peter Riegel Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Dr. Thassilo Franke, BIOTOPIA Lab, München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wale - Faszinierende Wanderer der Ozeane JETZT ANHÖREN Tierwanderungen - Das geheimnisvolle Naturschauspiel JETZT ANHÖREN Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg finden JETZT ANHÖREN Aufwind für den Waldrapp - Wiederansiedlung eines Zugvogels JETZT ANHÖREN "Alles Natur" entsteht im Austausch mit dem BIOTOPIA Naturkundemuseum Bayern. Bei BIOTOPIA – Naturkundemuseum Bayern, dem neu entstehenden Museum und Zukunftsforum für Lebens- und Umweltwissenschaften in München, bringen wir topaktuelle Forschung und die Öffentlichkeit zusammen. EXTERNER LINK | https://www.biotopia.net/de/ Linktipp: ARD Audiothek | Anna und die wilden Tiere - der Podcast Reporterin Anna reist um die Welt und kommt Tieren ganz nah: Vom Ameisenbär über Kängurus bis zu Zebras. JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Deutsche im türkischen Exil - Wissenschaftsmigration 1933-1945

    12.02.2024 · 23 Min.

    In der Zeit des Nationalsozialismus gingen viele Wissenschaftler ins Exil in die Türkei. Die türkische Regierung hatte Reformen angestoßen, das Land brauchte westliches Know-how. Ausgebürgerten Wissenschaftlern wurde in ihren Pass "heimatlos" gestempelt. 'Haymatloz' wurde später ein Synonym für Exilanten im Türkischen. Autorin: Claudia Steiner (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Peter Veit Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Elisabeth Weber-Belling, Tochter des Bildhauers Rudolf Belling; Burcu Dogramaci, Professorin für Kunstgeschichte an der LMU München; Sabine Mangold-Will, apl.-Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal; Sabine Hillebrecht, Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: „Sarilsam“ - C1438820106 – 23 Sek O-TON 1 (Belling, 25.05) Für mich – ich bin da geboren worden. Und ich bin da aufgewachsen. Für mich war es Heimat, und für meine Mutter war es auch Heimat, und für meinen Vater wurde es zur Heimat. SPRECHER 1 …sagt Elisabeth Weber-Belling. Sie wurde 1943 in Istanbul geboren und verbrachte ihre gesamte Kindheit und Jugend am Bosporus. MUSIK 2: „Dialoge“ von Heinrich Hartl – M0009164 000 – 51 Sek SPRECHER 1 Ihr Vater, der Berliner Bildhauer Rudolf Belling, verließ das nationalsozialistische Deutschland und emigrierte am 6. Januar 1937 in die Türkei – wie viele andere kritische und verfolgte Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle. Rudolf Belling, der für seine abstrakte Skulptur „Dreiklang“ bekannt ist, hatte viel für Gewerkschaften gearbeitet. Einige seiner Arbeiten wurden von den Nazis gepriesen, andere diffamiert. So wurde seine Bronze-Skulptur des Boxers Max Schmeling 1937 in der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst gezeigt – einer von Adolf Hitler kuratierten Schau. Gleichzeitig aber fanden sich Bellings Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Elisabeth Weber-Belling: O-TON 2 (Belling, 3.11) Die Aufträge fielen weg, freies Arbeiten war nicht mehr möglich, seine Arbeiten wurden diffamiert. (…) Also, wenn sie ihn gekannt hätten, mit seinem Temperament und (…) mit seinem kühlen Überlegen. Er zog den Hut und sagte: ‚Dann war es dann erst Mal‘. Erstmal vielleicht für zwei Jahre, denn er hatte ja erst mal einen Zweijahresvertrag. SPRECHER 1 Die meisten Experten blieben nur für einige Jahre in der Türkei, Belling aber lebte und arbeitete viele Jahre in Istanbul. Er war neugierig auf das Land und die Menschen, sagt seine Tochter. O-TON 3 (Belling, 0.35) Als das Angebot aus der Türkei kam (…) da hat er sofort zugesagt. Er bekam ja das Angebot, mit einer blutjungen Generation zusammenzuarbeiten. Die Chance hatte er bis dahin in der Heimat nicht gehabt. MUSIK 3: „Rast Peşrev“ - C1575380305 – 1:13 Min O-TON 4 (gesprochen von Dr. Ergün Özsoy) Dünyada her şey için, medeniyet için, hayat için, başarı için, en hakiki mürşit bilimdir, fendir." SPRECHER 2 "Für alles auf der Welt - für die Zivilisation, das Leben, den Erfolg - ist Wissen und Wissenschaft der wahre Leitfaden." SPRECHER 1 Ein Zitat des Gründers der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. Die 1923 gegründete Türkei befand sich damals im Umbruch. Atatürk, erster Präsident der Türkei, brach mit der osmanischen Vergangenheit und wollte einen modernen Staat aufbauen. So wurden zum Beispiel 1926 das Schweizer Zivilgesetzbuch und das italienische Strafgesetzbuch übernommen. 1928 wurde der Islam als Staatsreligion aus der Verfassung gestrichen. Im selben Jahr wurde die arabische Schrift durch das lateinische Alphabet ersetzt. Atatürk wollte westliches Know-how ins Land holen, sagt Burcu Dogramaci. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. O-TON 5 (Dogramaci, 5.45) Hintergrund war, dass nach der Gründung der türkischen Republik 1923 sehr schnell klar war, dass es einen Cut zum Osmanischen Reich geben soll. Das heißt: Wissenschaft, Bildung, Kultur sollte ganz neu formiert, aufgebaut werden. Und dafür entledigten sich dann auch die Ministerien teils sehr rasch und rüde dem (…) wissenschaftlichen Personal, was bis dato beschäftigt war, zum Beispiel Architekten, die gelehrt hatten, die aber schon in der Zeit des Osmanischen Reiches lehrten. SPRECHER 1 Die Regierung suchte deshalb bereits seit Mitte der 1920er-Jahre Hilfe bei der Modernisierung des Landes. Einige Experten kamen schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in die Türkei, andere erst, als es in Deutschland für sie unerträglich, schwierig oder gefährlich wurde, sagt die Historikerin Sabine Mangold-Will. Sie ist außerplanmäßige Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der der Bergischen Universität Wuppertal. O-TON 6 (Mangold, 8.40) Dann hat man angefangen zu sagen: Ja, also, um auf den modernsten Stand der Wissenschaft zu kommen, wollen wir, (…) Berater aus dem Ausland haben. Das war auch umstritten, weil (…) es gab so eine Erinnerung an (…) semi-koloniale Situationen aus dem Osmanischen Reich, also heißt: (…) Hat man zu viele ausländische Berater, gibt man sich ja auch in deren Hand. Und deswegen schafft man dann ein (…) System, das sagt: Wir (…) wollen die einladen. Wo die herkommen, ist uns völlig egal. Wir brauchen (…) die besten Leute, und wir machen ein Vertragssystem, das vorsieht: A: dass sie innerhalb kürzester Zeit Türkisch lernen müssen. Und B: dass sie nur begrenzt da sind. Das heißt, es werden ohnehin nur Fünf-Jahres-Verträge ausgeschrieben, oder man macht von vornherein klar, dass diese Berater nur vorübergehend kommen sollen. SPRECHER 1 So kamen zwischen 1933 und 1945 neben dem Bildhauer Belling unter anderem der Stadtplaner Gustav Oelsner, der Architekt Bruno Taut, der Mediziner Albert Eckstein, der Botaniker Leo Brauner und der Sozialdemokrat und spätere Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter in die Türkei. Insgesamt lebten zeitweise etwa 1.000 Deutsche in der Türkei – Professoren aus verschiedenen Fachbereichen, wissenschaftliche Mitarbeiter, Experten und Künstler mit ihren Familien. Nicht alle waren Juden. Manche waren Sozialdemokraten, andere Kommunisten, oder sie hatten sich wie Belling für Gewerkschaften engagiert. Sabine Mangold-Will: O-TON 7 (Mangold, 10.54) Die stehen auf der Straße und sind einfach zufällig da, weil sie eben entlassen worden sind. Und das heißt, bei denen besteht auch eine große Bereitschaft zu gehen. Denn die Türkei fragt vorher zum Beispiel auch … in Frankreich an. Und da lehnen viele Wissenschaftler es einfach ab zu kommen, weil das nicht attraktiv ist. Also um das einfach mal zugespitzt und krass zu sagen. (…) Wer wollte 1933 schon in die Türkei? Ankara war ein Nest, das noch gar nicht gebaut war. Und Istanbul, ja, kann man machen. Muss man aber halt eine besondere Affinität irgendwie auch dafür haben. Warum sollte man dort hingehen? (…) Also da brauchte es einfach mehr, um zu sagen, das nehme ich jetzt auf mich, das mach ich. Ich ziehe auch mit Kind und Kegel um (...) das sind einfach Dinge, wo man sieht, dass das gar nicht so einfach war, Leute aus Europa zu bekommen. Und deswegen war es der Türkei, um das klar zu sagen, völlig egal, was für eine politische oder konfessionelle Ausrichtung die Menschen hatten. Und außerdem war es so, dass diese jüdischen Wissenschaftler von den Türken zunächst einmal nicht als Juden wahrgenommen worden sind, sondern als deutsche Wissenschaftler. Und das ist der entscheidende Punkt. MUSIK 4: „Anne ermittelt“ - Z8022370117 – 1:25 Min SPRECHER 1 Grundlage für die Arbeit in der Türkei war der 1927 geschlossene deutsch-türkische Niederlassungsvertrag. Allerdings waren eben nur etablierte Experten und Wissenschaftler erwünscht. Deutsche aus anderen Berufsgruppen bekamen in der Regel keine Arbeits- und damit auch keine Aufenthaltserlaubnis. Bereits seit 1932 galten in dem Land Berufsbeschränkungen zum Beispiel für Handwerker. Forscher und Wissenschaftler dagegen waren gefragt. Oft lief die Anwerbung über Empfehlungen zum Beispiel über den Pathologen Philipp Schwartz. Schwartz wurde als jüdischer Professor aufgrund des am 7. April 1933 erlassenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen und ging zunächst nach Zürich. Dort gründete er die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland und nahm Kontakt mit der Türkei auf. Er vermittelte zahlreiche Wissenschaftler und arbeitete selbst viele Jahre als Pathologe an der Universität Istanbul. Auch der Schweizer Pädagoge Albert Malche beriet die türkische Regierung – er schlug vor allem jüdische und politisch verfolgte deutsche Gelehrte zur Berufung an den Universitäten vor. Aber es gab auch zahlreiche andere Kontakte und Empfehlungen, sagt die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci. O-TON 8 (Dogramaci, 3.33) Das Unterrichtsministerium in Ankara war auf der Suche nach Experten aus dem Ausland, die eben auch teils Professuren übernehmen sollten. Und es gab einen Ministerialbeamten im Unterrichtsministerium, der hieß Cevat Dursunoğlu, der selbst in Berlin studiert hatte, also auch Deutsch sprechen konnte, sich sehr gut auskannte und tatsächlich sowohl Personen empfohlen hat als auch die Verhandlungen übernommen hat. Und dann war es eben so, dass auch schon Personen, die in der Türkei tätig waren oder gute Kontakte hatten, empfohlen haben. MUSIK 5: „Eviç Taksim“ - M0039046108 – 39 Sek SPRECHER 1 Gejagt von den Nationalsozialisten, gefragt in der Türkei: Für viele Deutsche bedeutete ein Vertrag in der Türkei zunächst einmal Sicherheit für sich und ihre Familien. Oft empfandendie Exil-Familien deshalb auch lange nach ihrem Aufenthalt eine tiefe Verbundenheit mit der Türkei und eine große Dankbarkeit, sagt Sabine Hillebrecht. Sie arbeitet am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und hatte im Jahr 2000 an einer Ausstellung des Vereins Aktives Museum in Berlin mit dem Namen „Haymatloz“ mitgewirkt: O-TON 9 (Hillebrecht, 7.05) Wenn man jetzt mal guckt, was in Deutschland passierte, war das ja eine unglaublich privilegierte Situation. Der Status einer türkischen Universität war natürlich im wissenschaftlichen Bereich nicht so groß wie zuvor der Status an einer deutschen Universität wissenschaftlich tätig zu sein. Aber ganz abgesehen davon: Sie hatten feste Arbeitsverträge. Sie hatten Umzugskosten, die ihnen erstattet wurden. Sie wurden sehr, sehr gastfreundlich aufgenommen. Sie (…) konnten zum Teil auch Bedingungen stellen, was Übersetzung anging, was Mitarbeiterstab anging. Also, da gab es eigentlich gar keine Frage. Das war ein unglaubliches Glück, dort tätig zu werden. MUSIK 6: „Rast Peşrev“ - C1575380305 – 53 Sek SPRECHER 1 Der Architekt und Stadtplaner Martin Wagner schrieb zum Beispiel in einem Brief, er empfinde die Zeit in der Türkei wie in einem „Wartesaal erster Klasse“. Viele Wissenschaftler brachten Mitarbeiter, Hausangestellte sowie ihre Frauen und Kinder mit in die Türkei. Je nach Familie, nach Hintergrund, nach Wohnort war das Leben der Exil-Kinder sehr unterschiedlich. Elisabeth Weber-Belling wuchs zum Beispiel mit fünf Sprachen auf: Deutsch und Französisch, ihr Vater hatte eine belgische Mutter, Italienisch, ihre Mutter war eine in Istanbul geborene Italienerin, Griechisch, die Sprache des Hauspersonals der Familie Belling, und Türkisch, das sie im Alltag und beim Spielen auf der Straße lernte. Istanbul war damals zwar schon eine große Stadt, dennoch hatte sie als Kind viele Freiheiten. O-TON 10 (Belling, 26.54) Also von (…) der Möglichkeit her, mich zu bewegen, vieles zu erleben als Kind, sei es die Insel, sei es das Schwarze Meer, sei es den Bosporus, sei es Ferien in dem alten Polonezköy, das damals noch wirklich ein verwunschenes Dorf war. (…) Großzügig vom Elternhaus her, (…) frei, sehr selbständig. Also, ich denke schon so an meine ersten Schritte am Taksim Platz, in dem Taksim-Park. Mit drei, mit vier Jahren konnte man alleine mit Freunden dort spielen. Und wenn es fünf Uhr wurde oder halb sechs, dann rief unsere Aphrodite oben vom vierten Stock: ‚Kommt ihr jetzt nach Hause‘ - und dann gingen wir – ja, ist ja heute nicht mehr vorzustellen, Istanbul war ja auch weniger bevölkert damals. SPRECHER 1 Viele Kinder gingen auf die deutsche oder österreichische Schule, andere besuchten türkische Schulen oder hatten Privatlehrer und -Lehrerinnen. In Ankara gab es zum Beispiel auch eine Botschaftsschule. Sabine Hillebrecht. O-TON 11 (Hillebrecht, 20.22) Das war ja die deutsche Schule, wo eben die Botschaftsangehörigen der Reichsdeutschen ihre Kinder hinschickten. Das wollte man ja jetzt auch nicht so gerne, sich dem da anschließen. (…) Und es hat sich dann relativ schnell so herausgestellt, dass man eine Privatlehrerin gefunden hat, die eine Zeit lang in Deutschland auch studiert hatte, in Augsburg - alle möglichen Dinge: Mathematik, Physik und so ein unglaubliches Wissen hatte. Die Frau Kudrit. Und die wurde engagiert und dorthin wurden die Kinder geschickt. Und das eben über die ganze Zeit bis 1945. Also es gibt Kinder, die eigentlich ihr ganzes Schulleben dort verbracht haben. MUSIK 7: „Anne ermittelt“ – Z8022370117 - 1 Min. SPRECHER 1 Zwischen 1933 und 1945 lebten in der Türkei aber nicht nur entlassene und verfolgte Wissenschaftler, sondern auch Diplomaten und Nationalsozialisten. In türkischen Städten bildeten sich unterschiedliche Gruppen heraus. Reichsdeutsche und Nationalsozialisten wurden die Kolonie A genannt, kritische, verfolgte oder unliebsame Wissenschaftler und Künstler nannten sich Kolonie B. Es kam vor, dass jüdische Emigranten mit nationalsozialistischen Wissenschaftlern zusammenarbeiten mussten. 1939 wollte das Reichserziehungsministerium einen Überblick darüber bekommen, wie viele Juden und Nicht-Nationalsozialisten an türkischen Universitäten lehrten, zur Erfassung wurde ein Vertreter entsandt. Zwischen den beiden Gruppen gab es Kontakte, aber auch Berührungsängste, sagt Sabine Hillebrecht: O-TON 12 (Hillebrecht, 5.36) Aus gutem Grund. Also die Verfolgten wollten auch nicht ausgespitzelt werden. Es gab ja schließlich auch eine Auslandsorganisation der NSDAP, die auch als langer Arm des Deutschen Reiches dort hineinregierte in die Situation und man womöglich aufgefordert wurde, seinen deutschen Pass an der deutschen Botschaft abzugeben oder dort einbestellt wurde. Also das war ja nicht ungefährlich. SPRECHER 1 Verfolgte Wissenschaftler, die ausgebürgert wurden, bekamen von den türkischen Behörden in ihren Pass den Begriff "heimatloz" gestempelt. Der Begriff 'haymatloz' – geschrieben mit y und z - ging in die türkische Sprache ein. Im türkischen Wörterbuch wird der Begriff mit „heimatlos“, „unstet umherziehend“ und „staatenlos“ übersetzt. Die Historikerin Sabine Mangold-Will. O-TON 13 (Mangold, 29.13) Und das wird dann richtig dramatisch, weil der türkische Staat formal eigentlich einen Staatenlosen nicht in seinem Staat akzeptiert. (…) Da gibt es dann auch wirklich Situationen, wo die Leute entscheiden müssen: Trete ich jetzt zum Islam über? Lass‘ ich mich naturalisieren? Wandere ich weiter? Oder: Wird mein Vertrag trotz alledem, weil ich eben ein hohes Renommee habe, also weiterhin anerkannt und verlängert. Und ich kann bleiben, trotz dieses Eintrages im Pass. MUSIK 8: „Taksim & Mahur Pesrev“ – NC078310117 - 32 Sek SPRECHER 1 Das Exil in der Türkei veränderte nicht nur das Wissen, die Methoden, die Verwaltungs- und Universitätslandschaft in der Türkei, sondern prägte umgekehrt auch die deutschen Wissenschaftler. So baute der Architekt Bruno Taut, der in Istanbul an der Akademie der Schönen Künste lehrte, 1938 in den Hügeln des europäischen Bosporus-Viertels Ortaköy ein ganz besonderes Haus. Burcu Dogramci: O-TON 14 (Dogramaci, 16.29) Und da ist sehr schön zu sehen, dass diese Erfahrung Istanbul sich wirklich eingeschrieben hat in seinen Entwurf. Also, wir sehen da eine Synthese aus seiner Zeit in Japan, Berliner Referenzen, aber auch ist sehr gut ablesbar das Studium osmanischer Wohnhäuser. Er hat sich sehr viel Architektur angesehen und hat dann einen tatsächlich eher so fantastisch-utopischen Bau geschaffen, der jetzt keiner einzelnen, nationalen Stil-Richtung zuzuordnen ist, aber wo eben dieses exiliert sein Ausdruck findet, ja, in einem eher Miteinander von verschiedenen Erinnerungsmomenten. Und da würde ich sagen: Gäbe es das Türkei-Erlebnis nicht. wäre wahrscheinlich dieser Bau, auch gerade mit Blick auf den Bosporus, auf die asiatische Seite, nie so entstanden. SPRECHER 1 Auch wenn viele Experten große Freiheiten in Bezug auf ihre Arbeit hatten, gab es doch auch klare Erwartungen an sie. Sie sollten schnell Türkisch lernen, Lehrbücher schreiben und türkische Wissenschaftler und Künstler ausbilden. Das veränderte nach Meinung der Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci auch ihre eigene Arbeit. O-TON 15 (Dogramaci, 11.32) Zum Beispiel Rudolf Belling - der ja vor allem bekannt ist für seine abstrakten Arbeiten der späten 10er, frühen 20er Jahre, für seinen ‚Dreiklang‘ zum Beispiel, eine Skulptur - hat in der Türkei vor allem Staatsbildhauer ausgebildet, das heißt figurativ arbeitend und selbst auch teilweise sogar arbeitet. Aber es gab später dann auch wieder freie Arbeiten. Aber da ist ein ziemlicher Wandel zu beobachten in der eigenen Kunstauffassung. Und das hängt sicherlich auch mit der Erwartung zusammen, die an ihn herangetragen wurde. SPRECHER 1 Staatspräsident Ismet Inönü, der nach dem Tod von Atatürk das Land führte, ließ sich von Belling ein repräsentatives Standbild anfertigen. Belling lebte und lehrte lange in Istanbul und kehrte erst 1966, im Alter von 80 Jahren nach Deutschland zurück. Ein Grund war sicher, dass Istanbul die Heimat seiner zweiten Frau war. Ein anderer, dass er in Istanbul von Anfang an gut vernetzt, anerkannt und beliebt war. Elisabeth Weber-Belling sagt, ihr Vater habe das Leben in der Türkei einfach geliebt O-TON 16 (Belling, 52.29) Er fühlte sich von seiner Tätigkeit her, von seiner Arbeit, sei es an der Akademie oder auch an der Technischen Universität, von der türkischen Gesellschaft viel mehr aufgenommen als von der deutschen Kolonie. Da kamen kaum Fragen, Interessen (…) Die Türken ja, die haben ihn bei der Arbeit beobachtet. Die interessierten sich für sein Leben und für seine Arbeit und für seine Entwicklung und für (…) dieses Kardinalthema raumhaltige Kunst. Ja, das war für die ein Denkanstoß par excellence, für die Deutschen kaum. Das ist, finde ich, auch sehr interessant, (…) dass die türkische Gesellschaft da viel engagierter war. MUSIK 9: „Nocturne“ von Marco Dreckkötter – M0077716Z00 - 44 Sek SPRECHER 1 1944 brauch die Türkei die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab und forderte deutsche Staatsangehörige zum Verlassen des Landes auf. Wer nicht abreisen konnte oder wollte, wurde - mit wenigen Ausnahmen – in Zentralanatolien interniert. Die Deutsche Schule in Istanbul wurde geschlossen. Erst im Februar 1945 trat die Türkei auf Seiten der Alliierten in den Krieg ein. Viele Deutsche lebten bis Ende 1945 in den Internierungslagern Kirșehir, Yozgat und Çorum. Die Familie Belling konnte in Istanbul bleiben: O-TON 17 (Belling, 21.02) Es kam ein Telegramm aus Ankara vom Kultusministerium an den Statthalter von Istanbul, Lütfi Kırdar hieß der. Und meine Mutter wurde zu ihm gerufen und als sie kam, schwenkt er ihr also ein Telegramm entgegen. Er sagte: „Ihr müsst euch keine Sorgen machen“. Ihr könnt frei in der Türkei, also in Istanbul natürlich vor allem, euch bewegen. Meinen Eltern wurden die Pässe nicht entzogen, es drohte keine Rückschickung und mein Vater konnte also bei vollem Gehalt weiterarbeiten. Das war natürlich ja, die Ausnahme. Ich habe (…) einen Brief von meiner Mutter an mich entdeckt, wo sie schreibt. Dieses Glück hatten nur eine Handvoll Familien. (…) Ja, und so blieben wir also frei, und mein Vater konnte (…) seine letzte Arbeit für den Ismet Inönü zu Ende führen. (…) Der Ismat Pasa muss ihn sehr gemocht haben. (…) Vielleicht hat er auch so ein kleines bisschen die Flügel über ihn gehalten. MUSIK 10: „Traurigkeit“ von W.A. Mozart - C5123770106 - 1:10 Min SPRECHER 1 Für viele war die Türkei nur eine Zwischenstation – nach dem Krieg wanderten die meisten Wissenschaftler weiter in die USA oder nach England, einige kehrten nach Deutschland zurück. Das Wirken der deutschen Wissenschaftler in der Türkei aber wirkte lange nach, sie bildeten Generationen von Medizinern, Stadtplanern und Bildhauern aus. Und auch wenn nur wenige Forscher nach 1945 in der Türkei blieben, die Verbundenheit mit dem Land war groß. 1986 wurde in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am Eingang der Universität von Istanbul eine Gedenktafel für die deutschen Emigranten enthüllt. Darauf steht: SPRECHER 2 „In Dankbarkeit dem türkischen Volk, das von 1933 bis 1945 unter der Führung von Staatspräsident Atatürk und seinen akademischen Institutionen deutschen Hochschullehrern Zuflucht gewährte.“

  • Abaelard und Heloise - Weisheit, Liebe, Absturz

    12.02.2024 · 24 Min.

    Die schönste und traurigste Liebesgeschichte der Welt - zwischen einem charismatischen Gelehrten und einer klugen, hübschen jungen Frau. Ihre Briefe sind Weltliteratur, ihre tragische Liebe rührt bis heute. Autorin: Katalin Fischer (BR 2018) Credits Autorin dieser Folge: Katalin Fischer Regie: Petra Hermann-Boeck Es sprachen: Katja Amberger, Martin Umbach, Hemma Michel, Christoph Jablonka Technik: Birgit Vetter Redaktion: Petra Hermann-Boeck, Andrea Bräu Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Am Anfang war der Kuss. Aber was für einer! Er gab den Auftakt zu einer legendären großen Liebe. Nun ist es leider die Art von großen Lieben, dass sie unglücklich enden. Zumindest werden sie nur dann berühmt - Unglück ist nun mal poetischer als Glück. SPRECHER: Die Protagonisten: außergewöhnlicher, kluger, schöner Mann, außergewöhnliche, kluge, schöne Frau, ein böser Onkel, drei grausame Mordgesellen. Und obwohl sie fast tausend Jahre alt ist, ist diese Geschichte heute noch so lebendig und anrührend, wie nur die Wahrheit sein kann. SPRECHERIN: Pierre Abaelard ist 38, der schönste Mann von Paris, charismatisch, erfolgreich, berühmt. Er ist Philosoph und Theologe, doch seine Haltung zu Ethik und Religion ist ganz anders, als vorgeschrieben - denn er appelliert an die Vernunft SPRECHER Der Glaubenssatz des Hl. Augustinus schrieb vor: „Credo ut intelligam“, „Ich glaube, um zu verstehen“. Abaelard kehrt den Spruch um: „Nihil credendum, nisi prius intellectum“, nichts sei zu glauben, was man nicht zuvor verstanden habe. Eine ungeheuerliche, eine ketzerische Anmaßung! Anstatt bedingungslosen Gehorsams fordert Abaelard zu eigenständigem Denken auf. SPRECHER: Abaelard wird zum Anführer der jungen Rebellen des Denkens – und zum Staatsfeind Nummer eins der Konservativen. Bereits nach kurzer Lehrzeit unterrichtet er selbst und hat an der Domschule von Paris bald den größten Zustrom an Studenten. SPRECHERIN: Was zur Folge hat, dass auch das Maß des Hasses gegen ihn wächst. Immer wieder kehrt im Leben des Pierre Abaelard dasselbe Muster wieder: er besiegt seine Lehrer und Widersacher durch Scharfsinn, wird dafür verteufelt, angeklagt, verurteilt. Und zieht die Studenten magisch an, begeistert sie - und das Spiel beginnt von neuem. 1. O-Ton: Peter Adamson „Was man mindestens über Abaelard wissen muss, ist, dass er wirklich einen Höhepunkt in der mittelalterlichen Philosophie repräsentiert. Er übernimmt Ideen aus der Antike, zum Beispiel von Aristoteles, aus der aristotelischen Logik, und setzt sie ein, damit er den christlichen Glauben dann verteidigen kann und erklären kann.“ SPRECHER: sagt Peter Adamson, Professor für spätantike Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. SPRECHERIN: Großer Wirbel um Abaelard. Ganz Paris ist entzückt. Bald ist er der berühmteste Magister des Abendlandes. Doch das allein hätte ihn vielleicht noch nicht für alle Zeiten ins kollektive Weltbewußtsein eingeschrieben, wäre da nicht die Geschichte mit Heloise gewesen. SPRECHER: Trotz seiner 38 Jahre ist der smarte Gelehrte noch jungfräulich. Prostituierte mag er nicht, für Damen der Gesellschaft hat er keine Zeit und mit bürgerlichen Frauen keine gemeinsame Sprache. Begierde, Leidenschaft, Liebe sind ihm unbekannte Größen, sie schlummern in den Tiefen seiner Seele. Bis sie eines Tages erweckt werden. Mit eben jenem ersten Kuss. SPRECHERIN: 1117. Täglich pilgert ein riesiger Strom von Studenten in Abaleards Vorlesungen. Heloise ist 16 oder 17, sie wohnt gleich nebenan und bekommt den ganzen Aufruhr mit. Sie ist eine Waise, erzogen im Kloster und seit kurzem bei ihrem Onkel Fulbert, dem Subdiakon von Notre Dame. Schon früh fiel sie wegen ihrer außergewöhnlichen Gelehrigkeit auf – Latein, Griechisch, Hebräisch, Philosophie und Theologie –, alles sog sie in sich auf. Sie ist hübsch und geistreich, wie Abaelard, und wie er, eine starke Persönlichkeit. Insgesamt also - sexy! Die beiden sind füreinander geschaffen. Onkel Fulbert, der das nicht ahnen kann, will den Gelehrten als Hauslehrer für Heloise engagieren - und Abaelard findet das ziemlich gut! ZITATOR: „Die Liebe zu Heloise durchglühte mich. So vereinbarte ich mit Fulbert, dass er mich in seinem Hause aufnehme. Fulbert kam ans Ziel seiner Wünsche: mein Geld für sich und meine Gelehrsamkeit für seine Nichte. Ich kann es wohl kurz machen: der Hausgemeinschaft folgte die Herzensgemeinschaft! Während der Unterrichtsstunden hatten wir vollauf Zeit für unsere Liebe, und der Küsse waren mehr als der Sprüche. Meine Hand hatte oft mehr an ihrem Busen zu suchen als im Buch, und statt in den wissenschaftlichen Textbüchern zu lesen, lasen wir sehnsuchtsvoll eins in des anderen Auge. Es war eine innige Liebe, süßer als der feinste Balsam!“ SPRECHERIN: Für Abaelard erschließt sich eine neue Welt. Er lernt noch größeren Genuss kennen, als die Philosophie! ZITATOR: „In unserer Gier genossen wir alle Stufen der Liebe, und was die Liebe sich Ausgefallenes denken konnte, trieben wir. Je weniger wir solche Freuden bisher genossen hatten, um so glühender gaben wir uns ihnen hin – und kein Überdruss kam uns an.“ SPRECHERIN: Heloise liebt ihn mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens. Sie schreibt ihm im Laufe ihres Lebens mehrere wundervolle Briefe. Peter Adamson: 2. O-Ton: Adamson „Es gibt nicht so viele Denkerinnen im Mittelalter wie Heloise. Es gibt schon mehr weibliche Denkerinnen, als man vielleicht meint, aber selten ist es, dass wir eine Autorin haben, wo wir so einen starken Eindruck haben, wie ihre Persönlichkeit war, und da erfahren wir sogar viel über ihr Leben.“ SPRECHERIN: Viele Liebende idealisierten den Geliebten - schreibt sie in einem ihrer Briefe - und müssten eines Tages ihren Irrtum erkennen. ZITATORIN: „Was aber Anderen der Irrtum, verschaffte mir die offenkundige Wahrheit. Was die anderen von ihrem Mann nur meinen, das wußte ich, das wußte die Welt. Die Wahrheit meiner Liebe zu dir gründete in ihrer Irrtumslosigkeit. Welcher König oder Philosoph hätte sich mit dir vergleichen können? Welche Stadt, welches Dorf wollte dich nicht haben? Alle Frauen, verheiratet oder nicht, wollten dich sehen, wenn du öffentlich auftratst, und sie reckten den Hals, wenn du abtratest. Alle verzehrten sich nach dir in leidenschaftlicher Gier, wenn du fern warst, und ihr Blut ging schneller, warst du zugegen. Welche Königin oder Fürstin neidete mir nicht meine Wonne und mein Bett?“ SPRECHERIN: Und die Straßen hallen wider von Liedern mit Heloises Namen - Liebende im Liebesrausch. SPRECHER: Onkel Fulbert glaubt lange Zeit nicht an das Gerede über eine Affäre der beiden. Da stellt Heloise eines Tages – voller Freude, wie sie schreibt – fest, dass sie schwanger ist. Abaelard bringt sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu seiner Schwester in die Bretagne, denn Onkel Fulbert tobt, wie erwartet. Beruhigt sich aber, als Abaelard ihm verspricht, Heloise zu heiraten. Nur möge der Onkel die Sache bitte diskret behandeln, seiner Karriere zuliebe. Abaelard ist kein Priester und nicht dem Zölibat verpflichtet, dennoch gilt der Ehestand für eine theologische Laufbahn als hinderlich. Onkel Fulbert verspricht alles. SPRECHERIN: Doch da kommt Widerstand von unerwarteter Seite: Heloise will nicht! Sie sorgt sich um Abaelards Karriere, will auch eigentlich lieber Geliebte bleiben. In gelehrten Worten erläutert sie die Vorzüge der Ehelosigkeit: Ein Philosoph sollte seine Kraft und Zeit nicht an eine Ehe verschwenden. Was sei schon die Ehe? fragt sie mit rhetorischer Bravour. Nichts, lediglich der „Stand des gesellschaftlich anerkannten Geschlechtsverkehrs!“ Zugleich verteidigt sie auch die Rechte der Frauen auf Eigenständigkeit – die sollte nicht von Vätern oder Männern abhängen. Und das zu Beginn des 12. Jahrhunderts! Bravo Heloise! SPRECHER: Ihr Sohn kommt zur Welt, Astrolabius, der Sternengreifer. Er bleibt Abaelards Schwester anvertraut, schlägt später selbst eine geistliche Laufbahn ein, kommt aber im Leben der beiden Liebenden nicht mehr vor – im Mittlelalter nichts Außergewöhnliches. SPRECHERIN: Nach der Entbindung fährt Heloise nach Paris. Sie muss sich letztlich beugen - die Hochzeit findet im kleinsten Familienkreis statt. SPRECHER. Onkel Fulbert ist befriedigt, die Frischvermählten kehren jeder in seine eigene Behausung zurück. SPRECHERIN: Happy End? Still und leise? SPRECHER: Leider nein. Die Katastrophe kommt noch. Onkel Fulbert hält sich nicht an sein Versprechen und posaunt die Kunde von der Eheschließung aus. Heloise widerspricht ihm öffentlich, streitet die Hochzeit ab, worauf sie von ihrem Onkel gehörig vermöbelt wird. Abaelard will die Geliebte in Sicherheit wissen, er bringt sie in das Kloster, in dem sie aufgewachsen war. SPRECHERIN: Ein verhängnisvoller Fehler. Denn Fulbert glaubt nun, dass er sich Heloises entledigen will. Er ist erzürnt und plant eine Tat von unendlicher Grausamkeit: er heuert drei Mörder an, die Abaelard nachts in seinem Haus überfallen - und entmannen. Es ist so grauenvoll dass man gar nicht genau hindenken darf. Der Schwerverletzte überlebt mit Mühe. ZITATOR: Welche Scham ergriff mich! Welcher Kummer über Heloises Pein peinigte mich! Welche verzweifelte Wehmut erfüllte sie über meinen Kummer! Die Trennung unserer Körper verschmolz unsere Seelen, und die Liebe, der die Möglichkeit entzogen war, flammte grenzenlos auf.“ SPRECHERIN: Ganz Paris ist auf den Beinen, alle sind entsetzt. Die gesamte Weiblichkeit ist in Tränen aufgelöst, als hätte jede einzelne von ihnen ihren Mann verloren. Die Empörung unter den Studenten, aber auch in Kreisen der Geistlichkeit ist groß, die Öffentlichkeit steht zu Abaelard. Zwei der Verbrecher werden gestellt, sie werden geblendet und ebenfalls entmannt. Der Bischof enthebt Fulbert seines Amtes und lässt seinen Besitz beschlagnahmen. SPRECHER: Heloise stürzt in tödliche Verzweiflung. ZITATORIN: „Herzliebster, du weißt es, alle, alle wissen es, was ich in dir verloren. Ohne Zaudern brächte ich mein altes Gewand, mein altes Herz zum Opfer, um aller Welt zu zeigen, wie ich dein eigen sei, mit Leib und Seele. Mir war es immer der Inbegriff aller Süße, deine Geliebte zu heißen, ja - bitte zürne nicht! – deine Schlafbuhle, deine Dirne! Herr Gott, sei du mein Zeuge, wenn der Kaiser käme, der Beherrscher der ganzen Welt, mich zu ehelichen, wenn er mir dabei die ganze Erde verschriebe zum ewigen Besitz, ich möchte lieber deine Dirne heißen, als seine Kaiserin!“ 3. O-Ton: Adamson „Offensichtlich, dass sie sehr schlau war, das ist wahrscheinlich, was Abaelards Interesse an ihr geweckt hat. In dem Briefwechsel selbst scheint sie ihre eigenen philosophischen Ideen zu haben, zum Beispiel betont sie sehr, wie paradox es ist, dass man Schlechtes aus guter Absicht machen kann. In dem Fall hat sie alles aus Liebe zu Abaelard gemacht, und das ist alles so schlecht ausgegangen.“ SPRECHERIN: Jahrzehnte später, als Äbtissin, beklagt sie immer noch die verlorene Liebe und Leidenschaft: ZITATORIN: „Die Liebesfreuden, die wir zusammen genossen, sie brachten uns so viel Süße! Ich kann sie nicht verurteilen, ich kann sie kaum aus meinen Gedanken verdrängen. Ich kann gehen, wohin ich will, immer tanzen die lockenden Bilder vor meinen Augen. Nicht einmal im Schlaf komme ich von diesen Bildern los, sogar mitten im Hochamt drängen sich die wollüstigen Fantasiegebilde vor und fangen meine arme arme Seele so ganz und gar ein! Aus reinem Herzen sollte ich beten, stattdessen verspüre ich immer und immer die Verlockungen der Sinnlichkeit.“ SPRECHER: Der Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise gehört zu den schönsten Schätzen der Liebesliteratur. SPRECHERIN: Ihr ganzes Leben lang bedrängt die leidenschaftliche Heloise den Geliebten mit glühenden Worten. SPRECHER: Er kann dem nichts Entsprechendes entgegensetzen, seine Briefe versuchen, geistigen Trost, geistliche Anleitung zu spenden. Und dennoch – unverkennbar schimmert auch in ihnen der Glanz der Liebe durch - auch Abaelard liebt Heloise auf dem Grund seines gebrochenen Herzens, bis zu seinem Lebensende. SPRECHERIN: Beide gehen ins Kloster. Beide machen weiterhin Karriere. Heloise in stiller Geradlinigkeit, Abaleard auf einer Achterbahnfahrt aus Erfolgen und Abstürzen. Heloise wird Äbtissin und durch ihre Schriften berühmt, Abaelard bleibt, was er war, ein glühender Verfechter der kritischen Vernunft, mittels derer althergebrachte religiöse Vorstellungen angezweifelt werden dürften. Womit er - fünfhundert Jahre früher - bereits den Geist der Aufklärung vorwegnimmt. Und sich weiterhin unendlicher Liebe und unendlichem Hass aussetzt. SPRECHER: Eine seiner Schriften behandelt die göttliche Dreieinigkeit. Seine Gegner werfen ihm vor, drei Göttern zu huldigen. SPRECHERIN: Was ausgemachter Blödsinn ist. Abaelard definiert lediglich die Dreieinigkeit als drei Aspekte Gottes: Macht, Weisheit und Gnade plus Liebe. SPRECHER: Seine Fürsprecher und seine Feinde geraten sich darüber in die Haare, zuletzt siegt die Missgunst: 1121 wird Abaelard wegen Gotteslästerung vor ein Konzil in Soissons zitiert. Seine Fans fordern, er solle sich selbst verteidigen dürfen - die Gegner lehnen das ab. Wenn Abaelard redet - so ihr Argument -, sei er unwiderstehlich, seine Überzeugungskraft unschlagbar. Was also tun? Ganz einfach: das Konzil verurteilt ihn, ohne ihn anzuhören. Mit eigenen Händen muss er seine Schrift ins Feuer werfen, anschließend wird er in ein abgelegenes Kloster gesperrt. Bald jedoch tritt dort ein neuer Abt die Führung an und erlaubt Abaelard, sich eine eigene Klause zu errichten. Nur von einem Burschen begleitet zieht er in die Einöde und baut sich eine Laubhütte. SPRECHERIN: Und es passiert wieder: als Studenten hören, dass Abaelard wieder unterrichten darf, strömen sie in Scharen zu ihm. SPRECHER: Als Dank für seine Vorlesungen bebauen die Studenten Äcker, bauen ihm ein Gebetshaus, das er nach dem Heiligen Geist Paraklete benennt. Drei Jahre währt das stille Glück. SPRECHERIN: Abaleard schätzt alle Weisheit, so auch die der Philosophen der Antike oder des Judentums. ZITATOR: „Gott schenkt seine Liebe allen Völkern, auch Juden und Heiden!“ SPRECHERIN: sagt er und leitet damit als erster den Dialog der Religionen ein – auch ein früher Bezug zur Aufklärung. Andersgläubige sollten nicht durch Gewalt, sondern allenfalls durch Argumente bekehrt werden. Also wieder einmal: man soll doch bitte die Theologie mit Vernunft angehen. SPRECHERIN: Gott, wie ketzerisch! Die Kirchenväter drohen wieder mit Anklage, und Abaelard wird – vielleicht als Strafe, vielleicht auch zu seiner Rettung – von seinem Vorgesetzten in ein abgelegenes Kloster geschickt. Es ist schlimmer als ein Gefängnis. Die Mönche dort versuchen mindestens zweimal, Abaelard zu ermorden: einmal füllen sie seinen Becher mit vergiftetem Messwein, ein anderes Mal mischen sie Gift in sein Essen. Purer Zufall, dass ein Anderer aus seinem Teller ißt - und stirbt. Elf Jahre lang leidet Abaelard in dieser Hölle. SPRECHER: Nach zwei Jahren allerdings - ein kurzes Intermezzo des Glücks. Das Nonnenkloster in Argenteuil, dessen Priorin Heloise mittlerweile ist, wird aufgelöst, die Schwestern stehen heimatlos da. Als er das hört, macht sich Abaelard unverzüglich auf den Weg. Es sind über 500 Kilometer, die er zu Pferde zurücklegt - die Reise dauert gute vier Wochen -, um seiner ehemaligen Geliebten zu helfen. Er schenkt den Nonnen die Paraklete, seinen einzigen Besitz. Das Wiedersehen mit Heloise ist schmerzlich-schön. SPRECHERIN: In seinen Memoiren vermerkt er: ZITATOR: „Die Klatschmäuler sagten, dass ich immer noch in den Fesseln der Sinneslust liege, darum könnte ich das Fernsein von meiner einstigen Geliebten nur schwer verschmerzen - wenn überhaupt.“ SPRECHER: Und Heloise, in einem ihrer herzzerreißenden Briefe: ZITATORIN: „Dich verlieren heißt mein eigenes Leben verlieren. Ich wäre weiß Gott ohne Zaudern auf dein Geheiß in die Hölle dir vorausgeeilt oder doch nachgestürzt. Ich war doch nicht mehr Herr meines Selbst! In dir, nur noch in dir war es - und ist es! Ist es jetzt mehr als je! Ist mein Selbst nicht bei dir, so ist es nirgends, und ohne dich hat es keinen Sinn und kein Wesen.“ SPRECHERIN: Der nächste Absturz des Pierre Abaelard folgt schon bald. Sein Postulat, alle Dogmen der Religion müssten einer vernunftmäßigen Erklärung zugänglich sein, bringt ihm wieder eine Anklage ein. Sein Widersacher, der eifrige Wachhund des Klerus, Bernhard von Clairvaux, nimmt die Jagd auf den Rebellen auf. Religion und kritische Vernunft? Hah! Ketzerei! Gottlosigkeit! SPRECHER: Abaelard bittet diesmal selbst um ein Konzil, um sich zu verteidigen. Der Erzbischof von Sens ist dazu bereit und lädt auch Bernhard zur Disputation ein. Doch der lehnt ab, er wagt es nicht. Gegen Abaelard fühle er sich wie „ein reines Kind“, sagt er. Stattdessen stachelt er andere Kirchenfürsten an, Abaelard zu vernichten. SPRECHERIN: 1140 wird das Konzil von Sens einberufen. Eine Riesenshow! Der König rückt mit dem gesamten Hofstaat heran, alle Größen der Geistlichkeit kommen, Prunk, Aufruhr. Abaelard, mutig und kämpferisch wie eh und je, geißelt den Klerus: (die Unmoral der Priester, den Ablasshandel, die Lügen um falsche Wunder.) SPRECHER: Da er weiß, dass er keine Chance hat, verkündet er sogleich, dass er sich nur dem Richtspruch des Papstes unterwerfen werde - und verlässt die Stadt. Die verblüffte Geistlichkeit bleibt ratlos zurück. Doch da der scharfsinnige Angeklagte nicht mehr da ist, wagt es Bernhard nun, gegen ihn zu sprechen - und erreicht die Verurteilung. SPRECHERIN: Abaleard schafft es nicht mehr zum Papst. Gebrochen, krank und verarmt muss er in Cluny einkehren, um sich zu erholen. Und während er dort ist, bestätigt Papst Innozenz II. das Urteil von Sens. Abaleard wird verbannt und zu ewigem Schweigen verdammt. Endlich! Der Rebell, der Freidenker, der Revolutionär ist erledigt! SPRECHER: Als der Abt von Cluny, der freundliche Petrus Venerabilis, sieht, wie sich Abaleards Zustand verschlechtert, schickt er ihn zur Erholung nach Chalons. Dort schreibt er noch einige Hymnen von unsterblicher Schönheit für Heloise. Und stirbt, 63 jährig. Seine letzten Worte: „Ich weiß es nicht.“ SPRECHERIN: Heloise überlebte den Geliebten um 22 Jahre und bat darum, mit ihm in der Paraklete begraben zu werden. SPRECHER: Die Echtheit einiger ihrer Briefe zieht man in Zweifel. Dennoch - sie sind ein literarischer Schatz. Und erzählen so viel über sie, zum Beispiel, 5. O-Ton: Adamson „dass sie es bereut, dass sie nicht mehr zusammen mit Abaelard sein kann. Dass sie Nonne geworden ist, also das ist nicht wirklich, was sie wollte. Und dass eine Frau über die Jahrhunderte hinweg mit uns so reden kann über ihre Gefühle und über ihre eigene Einstellungen, das ist wirklich einmalig. Ich bin eigentlich schon überzeugt, dass der Briefwechsel authentisch ist.“ SPRECHERIN: Während der französischen Revolution wurde das Grab in der Paraklete aufgebrochen und geplündert, doch brachte man 1817 die - vermuteten - Überreste von Abaelad und Heloise nach Paris. Dort liegen sie nun, endlich wieder vereint, auf dem Friedhof Père Lachaise. Viele Jahre lang pilgerten Liebende aus aller Welt dorthin, um Blumen auf ihr Grab zu legen.

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