Wie Bäume sich verteidigen - Alles Natur
21.03.2025 · 23 Min.
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Bäume haben eine beruhigende Wirkung auf uns - ein Spaziergang durch den Wald reduziert Stress. Doch Bäume können auch wehrhaft und angriffslustig sein: Sie kämpfen um Platz, Licht und Ressourcen. Von Claudia Steiner (BR 2023)
Credits
Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Irina Wanka
Technik: Ruth-Maria Ostermann
Redaktion: Bernhard Kastner
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Interviewpartner/innen:
Prof. Joachim Kadereit, Evolutionsbiologe;
Christine Messineo-Gleich, Botanischer Garten Augsburg;
Markus Bennemann, Wissenschaftsjournalist und Buchautor.
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Linktipp:
Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:
BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Literaturtipps:
Markus Bennemann, Böse Bäume, Goldmann;
Peter Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume, Heyne
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- Kalevala - Das finnische National-Epos
24.03.2025 · 20 Min.
In wenigen Tagen, am 28. Februar wird in Finnland der Kalevala-Tag begangen. Denn der Sammler des Kalevala, der Arzt Elias Lönnrot, datierte das Vorwort der Erstausgabe auf den 28. Februar 1835. Von Julia Devlin Credits Autorin dieser Folge: Julia Devlin Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Stefan Wilkening, Sven Hussock Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Christian Niedling, Universität Turku Arnika Groenewald-Schmidt, Belvedere Wien Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Europas indigenes Volk in Sapmi - Leben in 8 Jahreszeiten JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Weiterführende Links: Die Gesellschaft für Finnische Literatur bietet das Epos in mehreren Sprachen auf ihrer Webseite an HIER Literatur: Hans und Lore Fromm, Kalevala - Das finnische Epos des Elias Lönnrot. Mit einem Nachwort von Hans Fromm. Wiesbaden 2005 - gute zeitgenössische Übersetzung Christian Niedling, Zur Bedeutung von Nationalepen im 19. Jahrhundert. Das Beispiel von Kalevala und Nibelungenlied.Köln 2007 - eine Rezeptionsgeschichte des Kalevala Stella Rollig, Arnika Groenewald-Schmidt, Akseli Gallen-Kallela. Finnland erfinden. Köln 2024 - Ausstellungskatalog mit fundierten Aufsätzen zur Motivik des Künstlers und der Bedeutung des Kalevala für ihn Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zuspielung Lemminkäinen-Suite, III. Der Schwan von Tuonela, erste Takte, dann dem Sprecher unterlegt. Zitator (ältere Stimme, raunend) Hoch im Nordland liegt Tuonela, das Reich der Toten, getrennt von der Welt der Lebenden durch einen tiefen, dunklen, reißenden Fluss. Auf diesem Fluss zieht ein schwarzer Schwan seine Kreise und singt; singt seinen wunderschönen Gesang vom Todeszauber, lockt die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich. Sprecherin Der Held Lemminkäinen, ein junger Recke, will den Schwan töten. Denn Louhi, die Herrscherin des Nordlands, stellt ihm mehrere Aufgaben, bevor sie ihm gestattet, ihre schöne Tochter zu heiraten. Zitator Dann erst geb' ich meine Tochter, Geb' ich dir zur Braut die Jungfrau, Wenn den Schwan im Fluß du schießest, In dem Strom den starken Vogel Sprecherin Doch Lemminkäinen wird bei dem Versuch, das heilige Tier zu erlegen, selbst durch einen vergifteten Pfeil getötet. Der Mörder zerstückelt ihn und wirft die Leichenteile in den Fluss. Seine Mutter jedoch recht die Teile aus dem dunklen Wasser und setzt sie wieder zusammen. Zitator Füget Fleisch dann zu dem Fleische, Paßt die Knochen aneinander, Bindet ein Glied an das andre, Preßt die Adern fest zusammen. Sprecherin Mit Zaubersprüchen und einem magischen Honig erweckt sie dann Lemminkäinen wieder zum Leben. Zitator Lemminkäinen leichtgemutet Ging gerades Wegs nach Hause Mit der vielgeliebten Mutter, Mit der übermächt'gen Alten. Sprecherin Dies ist eine Legende aus dem finnischen Epos Kalevala. 1835 erschien es erstmals als gedrucktes Werk, gesammelt und zusammengestellt von dem Landarzt Elias Lönnrot. Er reiste durch die abgelegenen Regionen des östlichen Finnland und durch Karelien, eine Region, die sich zwischen der Ostsee und dem Weißen Meer auf beiden Seiten der russisch-finnischen Grenze erstreckt, um aufzuschreiben, was bis dahin nur mündlich weitergegeben worden war. Sprecher Die Verse erzählen von einem Land voller Magie und Geheimnissen, bevölkert von Helden. Sie beschreiben die Entstehung der Welt und des Alls und den Beginn des Ackerbaus, sie erklären, warum es Krankheit, Leid und Tod gibt, warum Wohlstand und Reichtum oder Armut und Hunger herrschen, sie geben - wie viele Mythen - eine Antwort auf die ängstlichen und suchenden Fragen der Menschen. Sprecherin Lemminkäinen ist einer der zentralen Helden, ein schöner, starker junger Mann, ein Draufgänger und womanizer. Ein weiterer Held ist Väinämöinen, ein alter, weiser Barde mit magischer Stimme, und der mit Zauberkräften ausgestattete Schmied Ilmarinen. Sie leben in dem Land Kalevala. Im Norden von Kalevala liegt Pohjola, in dem die furchteinflößende, unheilbringende Hexe Louhi herrscht. Beide Länder begegnen sich immer wieder, mal im Frieden, mal im Krieg. Sprecher Finnland war über 700 Jahre lang ein Teil des Königreichs Schweden gewesen. Das Finnische galt als die Sprache der Bauern, die gebildete Oberschicht sprach Schwedisch. Doch im Jahr 1809 verlor Schweden den Krieg gegen Russland und musste Finnland an den Zaren abtreten. O-Ton Niedling 1 13.20 und man hat dann versucht, irgendetwas zu finden, das gezeigt hat, dass man eben eine eigenständige Gruppierung ist, man hatte die Angst, dass man sich in Russland assimiliert oder dass man aufgeht, und das wollte man unter allen Umständen verhindern. Es gab einen Historiker zu dieser Zeit, Adolf Ivar Arwidsson, der hat ein geflügeltes Wort gesagt, oder zumindest wird es ihm zugeschrieben, das heißt auf Deutsch übertragen: Wir sind keine Schweden mehr, Russen wollen wir nicht werden, lasst uns also Finnen sein. Sprecherin Dr. Christian Niedling ist Germanist an der Universität Turku in Südfinnland. Er hat zu Epen, besonders zum Kalevala intensiv geforscht. Er erläutert, dass Johann Gottfried Herder, der deutsche Philosoph der Aufklärung, großen Einfluss auf die gebildeten Stände in Schweden hatte. O-Ton Niedling 2 16:06 Da kommen jetzt die ganzen interessanten Gedanken von Herder ins Spiel, weil Herder hat unter anderem die Nation als Gemeinschaft dargestellt und für ihn war es wichtig, dass sich der Charakter einer Nation in ihrer Sprache und in ihrer Dichtung manifestiert. O-Ton Niedling 3 16:48 Und dann begann man eben in großem Stil, die finnische Volksdichtung zu sammeln. Sprecherin Auf elf entbehrungsreichen Forschungsreisen schrieb Elias Lönnrot nieder, was ihm die Menschen vorsangen. Er ordnete die Verse und arrangierte sie zu zusammenhängenden Narrativen. Die Veröffentlichung im Jahre 1835 traf einen Nerv. O-Ton Niedling 4 21:24 Das ist dann sozusagen der Beginn, wo die gebildeten Leute gesagt haben, OK, das ist jetzt unser Beweis, wir Finnen haben etwas Eigenständiges, wir haben unsere eigene epische Tradition, wir haben unsere eigenen Gesänge, wir haben eine Sprache, die zur Dichtung fähig ist. Wir haben auch eine eigene Geschichte, eben manifestiert auch in diesem Epos, und sofort hat man dann die Idee bekommen, dass eben dieses Kalevala, das Nationalepos ist. Sprecherin Die lutherischen Reformatoren im 16. Jahrhundert verpönten die Gesänge des Kalevala als heidnisch und abergläubisch. Nicht verwunderlich, lassen sich doch im Kalevala Aspekte von Schamanismus und Götzenverehrung entdecken. So verkümmerte die Liedertradition im westlichen Finnland. Anders in der östlichen Peripherie, weit entfernt von den gesellschaftlichen Zentren. Dr. Christian Niedling: O-Ton Niedling 5 29:18 Aber so richtig erhalten hatte sie sich nur noch in den karelischen Gebieten. Und auch da hat Lönnrot selbst gemerkt, dass da eigentlich diese alte epische Tradition langsam schon am Verblühen war. Also er kam praktisch gerade recht, um noch diese, die die Reste der reichhaltigen Sänger Tradition eben mit diesen mythenhaften Themen dann noch sammeln zu können, also wenn das ein paar 100 Jahre später gewesen wäre, wäre das auch dort dann verkümmert. Sprecherin Und so holte Elias Lönnrot aus der Peripherie das, was als "unverdorben" und "ursprünglich" die Identität des finnischen Volkes prägen sollte, eine Verbindung zu seinem archaischen, jahrhundertealten Erbe. O-Ton Niedling 7 38:37 Und Elias Lönnrot hat eben mit diesem Epos auch zur Schriftsprache einen einen wichtigen Teil geleistet. Es gab vorher vielleicht das Neue Testament auf Finnisch und es gab so einzelne religiöse und zum Teil auch profane Literatur. O-Ton Niedling 8 40:00 Man wollte also möglichst schnell den Status der finnischen Sprache heben und verbessern, es war ja keine Amtssprache, es war eben nur die Sprache der der ländlichen Schichten, auch wenn es die Mehrheitensprache war. Und diese ganzen schwedischen schwedischsprachigen Gebildeten in Finnland, die haben sich dann eben mehr oder weniger in Form der der Fennomanie, auf sprachliche Programme geeinigt und hat dann eben versucht, Finnisch als eine offizielle Sprache zu etablieren und das ist dann auch 1863 mit dem Sprachedikt gelungen. Zuspielung Sibelius, Lemminkäinen Suite, Der Schwan von Tuonela, unterlegt Sprecherin Das Kalevala wurde in Finnland mit Begeisterung aufgenommen. Es inspirierte die bildenden Künste, Architektur, Möbeldesign, Dichtung und Musik. Der finnische Komponist Jean Sibelius beispielsweise setzte immer wieder Episoden aus dem Kalevala in Tondichtung um, so mit der Lemminkäinen-Suite, in der er nicht nur die Abenteuer des schönen, draufgängerischen Helden musikalisch beschreibt, sondern auch den majestätischen Schwan, der auf dem dunklen Fluss des Totenreiches seine Bahnen zieht und dabei seinen wunderschönen Totenzauber singt. Zuspielung Sibelius, Lemminkäinen Suite, Der Schwan von Tuonela, ausblenden Sprecher Und auch auf die Malerei hatte das Kalevala großen Einfluss. Dem finnischen Künstler Akseli Gallen-Kallela war das Epos lebenslange Inspiration. Seine Darstellungen der Episoden des Kalevala und seine mythisch überhöhten Naturdarstellungen waren prägend und gaben Finnland ein Gesicht. O-Ton Groenewald-Schmidt 10 53:35 In der Zeit war sozusagen ein Repräsentant Finnlands, aber es wurde auch gesagt, dass er auch sehr weltmännisch auftrat. Also er sprach verschiedene Sprachen, sprach wohl auch Deutsch und auch das sozusagen konnte sein Land dadurch dann sehr gut repräsentieren, weil er eben genau eigentlich diese zwei Stränge, die man in Finnland eigentlich für sich als in der Nationwerdung als Bedeutung erfuhr, also dass man zum einen durch die eigene Kultur hat, eine sehr weit zurückreichende eben Geschichte mit dem Kalevala, aber dass man auf der anderen Seite auch durchaus international ist und in die andere Richtung schaut und Teil des westlichen Europas sein möchte als eine der Nationen, und das vereint er eigentlich in sich, in seiner Person, wie er war, wie er sich gegeben hat und was er malte. Sprecher Arnika Groenewald-Schmidt ist Kunsthistorikerin am Belvedere in Wien. Sie hat dort die Ausstellung "Akseli Gallen-Kallela. Finnland erfinden" kuratiert. Das Kalevala war aber nicht nur aus Gründen der nationalen Identität für Gallen-Kallela wichtig. O-Ton Groenewald-Schmidt 1 4:29 Also diese Suche nach dem Spirituellen ist auch etwas, was sich bei ihm durchzieht, ein ewig Suchender in verschiedenen Bereichen seines Lebens und ja, auch dort hat eben das Kalevala ihm viel Quellen der Inspiration geliefert. Sprecher So hat er 1893 das Gemälde "Das Schmieden des Sampo" geschaffen. Ilmarinen, der Schmied, starrt gebannt ins Feuer seiner Schmiede, in der der mythische Sampo Gestalt annimmt. Der Sampo? O-Ton Groenewald-Schmidt 3 26:19 Das oder der Sampo ist eben so die Frage, was ist das? Ist es jetzt ein Gerät, ist es ein Instrument? Es wird beschrieben als ein Objekt, was Reichtum und Macht bringt, und das wird eben geschmiedet von dem Schmied Ilmarinen auch wieder eben für die Herrscherin des Nordens Louhi. Eigentlich hat sie ihm dafür die Hand ihrer Tochter versprochen. Und wir sehen eben hier in diesem Bild, wie Ilmarinen mit seinen Gehilfen in einer Schmiede im Wald eben dieses geheimnisvolle Objekt schmiedet, aber man sieht es eben nicht. O-Ton Groenewald-Schmidt 4 27:11 Und Gallen-Kallela hat es auch nie, er hat ihm keine Form gegeben. Also hier sieht man eben nur das Feuer und man sieht hinten eine Kiste. Und dieselbe Kiste sehen wir dann auch bei der Verteidigung des Sampo auf dem Boot. Auch da sieht man eben nicht den Sampo an sich, sondern eben diese Kiste, wo das etwas drin ist. Sprecher Auf dem Gemälde "Die Verteidigung des Sampo" sieht man den Helden Väinämöinen, der mit hoch erhobenem Schwert den in einer Kiste verpackten Sampo gegen Louhi, die zauberkräftige Herrscherin des Nordlandes verteidigt. Er hat ihr den Sampo geraubt, damit auch das Land Kalela einmal von seinen Segnungen profitiert. Louhi hat sich in einen mächtigen Adler verwandelt und greift aus der Luft an. Im Kampf zerbricht der Sampo und versinkt im Meer. Doch seine Trümmer sorgen für den Reichtum des Wassers. Einige Bruchstücke werden an Land gespült, wo sie Väinämöinen aufsammelt. Denn er weiß, dass selbst diese Bruchstücke noch fruchtbar wirken. Zitator "Daraus kommt des Samens Sprießen, Wechselloser Wohlfahrt Anfang, Daraus Pflügen, daraus Säen, Daraus Wachstum jeder Weise, Daraus kommt der Glanz des Mondes, Kommt das Freudenlicht der Sonne Auf den weiten Fluren Finnlands, Auf Suomis Heimatsstrecken." O-Ton Groenewald-Schmidt 5 27.38 Also auch für Gallen-Kallela war wohl dieses Objekt auch wirklich so etwas Heiliges, dem man halt keine Form geben konnte sollte, und deswegen haben wir es immer nur in der Kiste bei ihm dargestellt. Sprecher Eines der bekanntesten und beliebtesten Gemälde von Akseli Gallen-Kallela ist die Ansicht des Keitele-Sees. Es zeigt die silbrige Wasserfläche des Sees im Licht des Mittsommers, die sich in einem Zickzackmuster kräuselt, am Horizont eine Insel und das bewaldete Ufer. Eine ganz normale finnische Landschaft. O-Ton Groenewald-Schmidt 7 45:14 Aber es gibt etwas, was eben an dieser Komposition unglaublich anziehend ist. Und es ist eben zum einen, es ist noch erkennbar, was es ist. Es ist ein See. Es ist hauptsächlich Wasser, eben mit dieser Insel und eben dann diesen hohen Horizont mit den Wolken und eben diesen niedrigen Ufer. O-Ton Groenewald-Schmidt 8 45:37 Aber zum anderen ist es auch schon in gewisser Weise eine Abstraktion von dem, was er sieht, von den Farben, von dem Gefühl, was man in der Landschaft hat. Sprecher Und es ist eine mythisch aufgeladene Landschaft. O-Ton Groenewald-Schmidt 9 46.18 Und wenn man noch mal zum Kalevala zurückkehrt, für Gallen-Kallela war eben ganz stark auch diese Verbindung Natur-Mensch was sich auch im Kalevala immer wieder in den Geschichten zeigt, ganz wichtig. Und da hat er sich eben auch selber drin wiedergefunden und deswegen ist auch in seinen, sagen wir mal puren Landschaften wie jetzt im Keitele-See ist für ihn auch der Mythos, die mythologischen Figuren präsent und hier beschreibt er eben selbst, dass diese Bahnen, die eigentlich ein meteorologisches Phänomen von Strömungen sind, hier eben in diesem Silbergrau gemalt, dass für ihn das die Spuren des Bootes von Väinämöinen sind, der eben am Ende von Kalevala Abschied nimmt, dann sozusagen für die neue Generation den Weg freimacht. Zitator Doch zurück ließ er die Harfe, Ließ das schöne Spiel in Suomi, Seinem Volk ließ ew'ge Freude, Großen Sang er seinen Kindern. Sprecherin So verlässt Vänämöinen das Land Kalevala. Er weiß, dass sein Zeitalter, die heidnische Welt der Mythen, an ihr Ende gelangt ist, dass mit der Christianisierung eine neue Ära anbricht, und er segelt davon, hinterlässt aber dem finnischen Volk seine Harfe und seine Gesänge. Sprecher Mit der Begeisterung für das Kalevala erwachte auch ein Interesse an Karelien, das als Schatzkammer der authentischen finnischen Kultur verklärt wurde. Und so erhielt die nationalromantische Bewegung, die das Kalevala auslöste, die Bezeichnung "Karelianismus". Hier glaubte man die versunkene Welt des Kalevala wiederzufinden. Hierhin pilgerte man, um dem Ursprünglichen zu begegnen. Auch Akseli Gallen-Kallela reiste nach Karelien, um seine Motive zu finden. O-Ton Groenewald-Schmidt 6 33:48 Das hat er eben wirklich dort gesehen und gemalt. Also das war für ihn dann wichtig, dass er eben das Kalevala, den Kalevalamythos auch wirklich dort verortet, wo sozusagen der Ursprungsort des Kalevala ist. Sprecher Nach dem Sturz des russischen Zaren erlangte Finnland 1917 endlich die ersehnte Unabhängigkeit. Zwei Jahrzehnte später tobte der Zweite Weltkrieg. Sowjetische Truppen griffen 1939 Finnland an. Finnische Streitkräfte konnten in dem sogenannten Winterkrieg die Invasion stoppen, mussten aber im Friedensvertrag 1940 große Areale von Finnisch-Karelien an die Sowjetunion abtreten. Im Fortsetzungskrieg, den die Finnen ab 1941 zusammen mit der deutschen Wehrmacht führte, eroberten finnische Truppen nicht nur die im Winterkrieg verlorenen karelischen Gebiete zurück, sondern besetzte auch weite Teile Ostkareliens, mit dem Ziel, die hier wohnende finnischsprachige Bevölkerung mit Finnland zu vereinen. Sprecherin Der Anspruch auf diese Gebiete wurde von der kulturellen und politischen Führungsschicht propagandistisch mit dem Kalevala und Elias Lönnrots Sammelreisen untermauert. Der epische Kampf zwischen dem Nordreich Pohjola und dem Land Kalevala wurde gleichgesetzt mit dem Kampf zwischen Russen und Finnen. Und so, wie die Helden des Kalevala die dunklen Kräfte durch ihren Mut zurückdrängen konnten, so sollten auch die Finnen gegen die übermächtige Sowjetunion ankämpfen und das gelobte Land Karelien, das das Kalevala bewahrt hatte, in Gänze heimholen. Sprecher Doch die Eroberungen ließen sich nicht auf Dauer halten, und 1944 war der Traum von einem mit Finnland vereinten Karelien ausgeträumt. Finnland musste harsche Bedingungen der Sowjetunion akzeptieren. So verlor es weitere Teile Kareliens. Musikalischer Akzent Sprecherin Heute ist das Kalevala immer noch starker Teil der finnischen Identität und Selbstvergewisserung. Was nicht unbedingt heißt, dass das Epos tatsächlich von vorne bis hinten gelesen wird, doch alle kennen es. O-Ton Niedling 6 37:31 Aber die Motive, die aus dem Kalevala, die sind wirklich vollgegenwärtig, die gehören überall dazu. Also zum Beispiel, dass das Sampo, dieses Wunderding, das Wohlstand schafft. Da gibt es berühmte Eisbrecher, die so heißen, oder es gibt Banken, die so heißen. Es gibt Streichhölzer, die so heißen. Und dann eben auch in jeder Stadt gibt es Sampo Straßen und es gibt Versicherungen, die danach genannt werden also der Einfluss von dieser Kalevala- Motivik, der ist wirklich ganz ganz ganz enorm. Sprecherin sagt Dr. Christian Niedling. Nach wie vor ist das Kalevala Inspiration und Projektionsfläche für die verschiedensten Genres, wird stets aufs Neue interpretiert. Es gibt Kalevala-Schmuck, es gibt einen Comic, der das Kalevala mit Hunden darstellt, es gibt Radio Kalevala. Und es gibt seit den 1990er Jahren mehrere Heavy-Metal-Bands, die sich in ihrem optischen Erscheinen, in ihrer Musik und ihren Texten auf das Kalevala beziehen. Zuspielung Ensiferum, Old Man (Väinämöinen), erste Takte, dann unterlegen Sprecher Die Band Ensiferum beispielsweise besingt in "Old Man" die Einsamkeit von Väinämöinen - die Anfangstakte sind im Kalevala-Metrum. Auf dem Cover sieht man einen alten bärtigen Krieger mit gezücktem Schwert in einem Boot, natürlich in einer finnischen Seen- und Waldlandschaft. Sprecherin Mythen sind zugleich stetig und wandelbar, offen für Interpretationen. Das macht ihre Langlebigkeit aus. Und es heißt ja auch in den letzten Zeilen des Kalevala: Zitator Hier nun führt der Weg in Zukunft, Hier eröffnet sich der Fußpfad Für die kundigeren Sänger, Für die reichern Runensprecher In der Jugend, die emporsteigt, In dem wachsenden Geschlechte.
- Josef Guggenmos - Der "Poet für kleine Leute"
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Schreiben für die kleinen Leute, das versprach Mitte des 20. Jahrhunderts wenig Renommee. Josef Guggenmos hat das geändert. Mit sprachspielerischem Witz, naturkundlichem Wissen und Liebe zur Beobachtung hat er Meisterwerke der Kinderlyrik geschaffen, die Generationen von Schülern prägen. Von Katharina Hübel (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Frank Mahnhold, Stefan Wilkening Technik: Daniela Röder Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Literaturtipps: Ein Dichter, der für Kinder schreibt. Hg. von Hans-Joachim Gelberg. 1992 Beltz Verlag. Weinheim. Zeile, Dieter: Josef Guggenmos 1922-2003. Vergil für Kinder – Gugummer – Meister des Haiku. In: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben. Bd. 17. Hg. von Wolfgang Haberl. 2010. Anton H. Konrad Verlag. Weißenhorn, S. 381-412. Guggenmos, Josef: Gugummer geht über den See. 1957. Mitteldeutscher Verlag. Halle (Saale). Guggenmos, Josef: Der junge Naturforscher. Von Tieren und Pflanzen. 1967. Verlag Carl Ueberreuter. Wien, Heidelberg. Guggenmos, Josef: Wer nie ein Nilpferd gähnen sah… Tiere, dünn und dick, vier Dutzend Stück. 1969. Georg Bitter Verlag. Recklinghausen. Guggenmos, Josef: Was denkt die Maus am Donnerstag? 1971. DTV. München. Guggenmos, Josef: Gorilla, ärgere dich nicht! Ein Lachkabinett in Versen. 1971. Beltz&Gelberg. Weinheim und Basel. Guggenmos, Josef: Oh, Verzeihung, sagte die Ameise. 1990. Beltz&Gelberg. Weinheim und Basel. Guggenmos, Josef: Rundes Schweigen. Ausgewählte Haiku 1982-2002. 2016. BoD. Norderstedt.
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ZSP 04 Tyler Jessen [00:03:59] The way in which indigenous peoples accumulate knowledge can be valuable actually for science. So in this in a sense, it is very place based and it is very specific. But at the same time, there are lessons that everybody can learn from different indigenous cultures around the world. VO „Die Art und Weise, wie indigene Völker Wissen ansammeln, kann sogar für die Wissenschaft sehr wertvoll sein. Auf gewisse Weise ist alles sehr ortsbezogen und sehr spezifisch. Aber gleichzeitig gibt es Lektionen, die jeder von verschiedenen indigenen Kulturen auf der ganzen Welt lernen kann.“ MUSIK Aukai: "Alto Paraíso" (aukaimusic/ak-01) 00:45min Sprecherin Deshalb ist dieses überlieferte Wissen ins Zentrum des Interesses der modernen Wissenschaft gerückt. Dabei prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite die messwertgetriebene, exakte Forschung, die genau bestimmt, wieviel Kohlendioxid in der Atmosphäre ist oder wie schnell die Meere versauern. Auf der anderen Seite steht das Erfahrungswissen der Menschen, deren Überleben seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden von ihrem Wissen über die Umwelt abhängt. Doch beide können sich ergänzen. ZSP 05 Tero Mustonen [17:40 bis 18:17] I have personally found it to be very rewarding when we have been able to work with Sami elders, for example, on 100 years of change, looking at the place names, how vegetation and tree line, for example, has been changing. So that... They were able to identify habitats that were there 80 years ago. And now we have the greening of the Arctic and species on the move. So many of the southern species are moving to the tundra to the... From temperate areas into the boreal forest and so on. VO „Ich fand es persönlich immer sehr bereichernd, wenn wir mit den Ältesten der Samen zusammenarbeiten konnten, um zum Beispiel den Wandel in der Arktis während der vergangenen 100 Jahre nachzuvollziehen. Allein in ihren Ortsnamen kann man erkennen, wie sich die Vegetation verändert hat. Sie sagen uns, wie es vor 80 Jahren an Orten ausgesehen hat, in denen heute Arten aus gemäßigten Zonen einwandern.“ MUSIK CBAWZ2101520 Time On Saturn 01:43 Sprecherin Sagt der Professor Tero Mustonen (Terro Muss-to-nen). Der Ökologe ist selbst Finne, und einer der prominentesten Vertreter der Zusammenarbeit von Naturwissenschaft und indigenen Völkern. Er ist Gründer der Snowchange Cooperative, die im gesamten Arktisraum für den Erhalt der Ökosysteme und der lokalen Kultur eintritt. ZSP 06 Tero Mustonen [22:55 bis 23:45] For example, in northern Sweden, in an area close to Jokkmokk there's a place name called Biehtsiesjaure which means in translation, Scots Pine or Pine Lake. But it's today all filled with birch trees because of the ecosystem changes. And then I worked with some of the ladies in the area to ask them why is it called Scots Pine Lake in Sami language? And they started to explain, that when they were young, in their parents time, that was mostly dominated by scots pines, which is completely different boreal ecosystem than the birch forests that are there now. VO „Zum Beispiel gibt es in Nordschweden bei Jokkmokk einen Ort, der auf Samisch Bietsiesjaure [Pi-etsches-jauri] heißt. Übersetzt bedeutet das Kiefern oder Kiefernsee. Aber das gesamte Gebiet ist heute ein Birkenwald. Ich habe die samischen Frauen, mit denen ich dort zusammenarbeite, gefragt, warum es Kiefernsee heißt. Und sie haben mir erklärt, dass die Gegend zur Zeit ihrer Eltern und noch in ihrer Jugend von Kiefern geprägt war. Das ist ein völlig anderes Ökosystem als die Birkenwälder von heute.“ Sprecherin Dieses Umweltwissen der samischen Frauen ermöglicht einen Blick zurück in Zeiten ohne Messwerte und Aufzeichnungen – das ist ein unschätzbarer Vorteil in Gebieten wie der Arktis, die sich durch den Klimawandel schnell verändern. Außerdem kann dieses traditionelle Wissen über ökologische Zusammenhänge der Forschung ganz neue Dimensionen eröffnen, sagt Henry Huntington. ZSP 07 Henry Huntington [00:09:19] So, in the in 1995, I was doing my my first project documenting indigenous knowledge. And this in this case we're talking about beluga whales in western Alaska and three elders from the communities of Elim, Shaktoolik and Koyuk had had come together, were sitting around a table talking about belugas. VO „1995 führte ich mein erstes Projekt durch, um indigenes Wissen zu dokumentieren. Es ging um Belugawale im Westen Alaskas, und aus den Gemeinden Elim, Shaktoolik and Koyuk waren drei Älteste zusammengekommen, saßen an einem Tisch und sprachen über Belugas.“ Sprecherin Dr. Henry Huntington ist wissenschaftlicher Direktor für die Arktis bei der gemeinnützigen Organisation Ocean Conservancy. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er mit indigenen Völkern in Alaska zusammen: ZSP 08 Henry Huntington [00:09:19] And in the conversation about beluga whales somehow the conversation turned to beavers instead and I thought, okay, that means they're mammals, they swim. But you know, this is the wrong species. Why are we talking about beavers and and so on? And one of the elders looked at me and said, do you understand why we're talking about beavers? I said, Well, no, not really. And he said, well, the point is that the beavers around here, the population is increasing. That means they're damming up more streams. And those are the streams where the fish spawn that the belugas are eating down in the bay. And once he explained it, of course the connection is very clear. VO „Und während wir über die Belugawale sprachen, kam das das Gespräch stattdessen irgendwie auf Biber und ich dachte, okay, das sind Säugetiere, sie schwimmen, aber das ist die falsche Art. Warum reden wir über Biber? Und einer der Ältesten sah mich an und sagte: ‚Verstehst du, warum wir über Biber sprechen?‘ Ich sagte: ‚Na ja, nein, eigentlich nicht.‘ Und er sagte: ‚Na ja, es geht darum, dass die Biberpopulation hier in der Gegend zunimmt. Das bedeutet, dass sie immer mehr Bäche aufstauen. Und das sind die Bäche, in denen die Fische laichen, die die Belugas unten in der Bucht fressen.‘ Und nachdem er es erklärt hatte, war der Zusammenhang natürlich sehr klar Sprecherin Die Biberdämme verhindern, dass Fische zu ihren Laichgründen gelangen, was dann wiederum weniger Beute für die Belugas und damit weniger Wale bedeutet. ZSP 09 Henry Huntington [00:09:19] But I at least never would have anticipated talking about beavers in relevance to belugas. And I think most scientists wouldn't have. One is the freshwater sort of land associated animal. The other is a saltwater animal. And it took people who spend time in both domains, who understand the entirety of their local environment to see those kinds of connections. And to me, that was a huge eye opener. That boy, there's just so much more so much richer, deeper, richer knowledge here to be gathered from people who see this whole area as one complete system. VO „Doch ich zumindest hätte nie erwartet, dass man im Zusammenhang mit Belugas über Biber spricht – und die meisten Wissenschaftler hätten das wohl auch nicht: Das eine ist ein an Land lebendes und mit Süßwasser assoziiertes Tier, das andere ein Salzwasserbewohner. Es brauchte Menschen, die viel Zeit in beiden Bereichen verbringen, um diese Art von Verbindungen zu erkennen. Für mich war das ein Augenöffner. Es gibt hier so viel mehr, so viel tieferes, reichhaltigeres Wissen, das von den Leuten gesammelt werden kann, die dieses ganze Gebiet als ein komplettes System sehen.“ MUSIK Aukai: "Turning Days" (aukaimusic/ak-04) 01:06min Sprecherin Inzwischen wird dieses traditionelle Wissen nicht mehr nur von „exotischen“ Disziplinen wie der Ethnobiologie untersucht, sondern auch von – wenn man so will – Mainstream-Forschern. Mit Fernerkundung lässt sich zwar problemlos messen, wie sich Baumkronen durch den Klimawandel verändern. Doch was es wirklich bedeutet, wie sich die Umwelt dadurch verändert, das wissen die Jäger und Fischer am besten: Sie bekommen selbst in entlegenen Gebieten mit, was passiert – etwa, dass Rentiere andere Wanderrouten wählen. Die Zusammenarbeit dieser beiden Wissenswelten funktioniere jedoch nur, wenn die Partnerschaft auf Augenhöhe sei, urteilt Tyler Jessen. Dabei muss in den meisten Fällen erst einmal tief sitzendes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft abgebaut werden. Denn deren Ruf ist bei vielen indigenen Völkern alles andere als gut. ZSP 10 Tyler Jessen [00:10:30] So, in the past, there has been a difficult relationship between a lot of indigenous peoples and Western scientists. And that stems from the the, you know, the bad reputation that science might have in a lot of these communities in that it was oftentimes very extractive in a sense. There was the the scientist would come into the community and would, you know, ask their questions for their own purposes, for their own research needs, then they would leave. And there was really no benefit to the community. In fact, there could be harm to whatever community they might be working with. So, as far as the relationship at least It is moving towards a more beneficial, mutually beneficial that is relationship between indigenous communities and scientists. VO „In der Vergangenheit war die Beziehung zwischen westlichen Wissenschaftlern und indigenen Völkern oft sehr schwierig. Die Wissenschaft hat in vielen dieser Gemeinschaften einen schlechten Ruf, weil sie die Menschen ausgebeutet hat. Die Forscher kamen, stellten Fragen für ihre eigenen Zwecke und verschwanden wieder. Für die Gemeinschaft gab es keinen wirklichen Nutzen. Im Gegenteil, es konnte ihnen sogar schaden. Inzwischen entwickeln sich die Beziehungen häufig mehr zum gegenseitigen Nutzen.“ Sprecherin Für die Wissenschaftler bedeutet das, dass ihre Forschungsziele durchaus hinterfragt werden, allgemeine Verweise auf „Fortschritt“ reichen oft nicht aus. Was am Ende zählt, sind Vertrauen und persönliche Verbindung. ZSP 11 Tyler Jessen [00:27:26 bis 28:08; 24:04 bis 25:13] The first thing that I'd say that is that it just does take time. It does take a long time. I'm, I'm... There can be years that go by for for this kind of research. And that is just the nature of it. There is a saying that says that we don't there is a saying that says that we operate at the speed of trust. And I think that that's a very important thing to consider. // Relationships matter a lot with these indigenous communities. They matter a lot. It's it's that kind of transparency and reciprocity and working towards mutually beneficial research agreements is very, very important to Indigenous communities. VO „Meiner Meinung nach ist Zeit das Wichtigste, viel Zeit. Bei solchen Forschungsprojekte können Jahre ins Land gehen. Das ist einfach so. Es gibt eine Redensart: Wir arbeiten mit Vertrauensgeschwindigkeit. Und ich glaube, das ist sehr wichtig im Kopf zu behalten. Im Kontakt mit indigenen Gemeinschaften bedeuten Beziehungen viel. Transparenz, Gegenseitigkeit und gemeinschaftliches Arbeiten auf Vereinbarungen zu gegenseitigem Nutzen hin ist diesen Gemeinschaften sehr wichtig.“ MUSIK Aukai: "Turning Days" (aukaimusic/ak-04) 00:33min Sprecherin Allerdings erleben westliche Wissenschaftler oft zunächst eine Art „Kulturschock“. Anstatt der gewohnten Daten und Formeln kann ihnen die Überlieferung des indigenen Erfahrungswissens „fremdartig" und „unwissenschaftlich“ und damit „unbrauchbar“ erscheinen. ZSP 12 Henry Huntington [00:05:27] So the the many of the observations are, you know, people have been out on the land and see they've seen things, but some of the observations come from sources like dreams. And for the shamans that's seen as sort of a spiritual journey, they may have become a salmon or a whale or a moose and experienced the world from the perspective of that animal and of see how they see things. And that becomes an important part of the way they understand the world. VO „Viele Beobachtungen stammen von Menschen, die draußen etwas gesehen haben, aber einiges stammt aus Quellen wie Träumen. Für die Schamanen beispielsweise ist das eine Art spirituelle Reise. Sie sind vielleicht in einen Lachs, einen Wal oder einen Elch verwandelt worden und haben die Welt aus der Perspektive dieses Tieres erlebt. Und das wird zu einem wichtigen Teil ihres Weltverständnisses.“ MUSIK CBAWZ2101547 Overt Mission 01:13min Sprecherin Wissenschaftler könnten diese spirituelle Seite leicht abtun. Das sei ein Fehler, man sollte vielmehr fragen: ‚Okay, wie verstehen Sie die Umwelt und wie beeinflusst das, was Sie tun und wie Sie es tun‘, erklärt Henry Huntington. Eine wertvolle Quelle sind auch die Legenden der Indigenen. Wenn sich solche Erzählungen über Jahrtausende des Zusammenlebens in und mit der Natur solche Erzählungen verbreitet und vor allem erhalten haben, steckt in all den Ausschmückungen oft ein wahrer Kern. Ein Beispiel sind die sagenhaften Feuerfalken, von denen australischen Aborigines vor allem im Norden des Landes erzählen. Sie berichten von Raubvögeln, die Feuer vom Himmel fallen lassen und so das Buschland in Brand setzen. Tyler Jessen: ZSP 13 Tyler Jessen [21:26 bis 22:15] It wasn't until just recently that some scientists decided to investigate this further and they asked people about this. And in this case, they what they with these scientists eventually found was that the various Australian raptors, these birds of prey might grab sticks from wildfires in Australia, these burning sticks and they would carry them to new areas and they would drop these sticks in order to spread the wildfire. And in doing so, that flushes out the small prey items that they could then prey upon. What it changed is that it sort of added a new dimension of how fire dynamics can operate, a new, a new method by which wildfires can spread. VO „Erst kürzlich haben Wissenschaftler diese Legende überprüft, und sie haben tatsächlich Raubvögel verschiedener Arten dabei beobachtet, wie sie brennende Zweige von einem Buschfeuer aufnahmen und in andere Gebiete trugen, wo sie sie wieder fallen ließen und ebenfalls Feuer entfachten. Der Zweck war, ihre Beutetiere aus den Löchern zu treiben. Das Verhalten hat aber auch der Ausbreitungsdynamik von Buschbränden eine neue Dimension hinzugefügt, einen neuen Verbreitungsweg für Feuer.“ MUSIK CBAWZ2101509 Celestial Dream 01:23min Sprecherin Der Biologe Ray Pierotti, Professor an der Universität von Kansas, nutzt Erzählungen der nordamerikanischen Indigenen, wenn er nach optimalen Methoden sucht, um Wildtierpopulationen oder ganze Ökosysteme in Nationalparks zu managen. Eine bedeutende Rolle spielt bei vielen Prärievölkern der Wolf. Sie betrachten ihn als eine positive, dem Menschen wohlgesonnene Kraft, die das Ökosystem der Prärie entscheidend prägt. ZSP 14 Ray Pierotti [38:40 bis 39:18] If you look at some of the stories from the the Blackfoot and the Cheyenne, they were actually hunting from wolves and learning to hunt from watching and interacting with wolves and that they noticed the impact that wolves were having on their environment. And that's why they then decided, okay, this environment that we're living in and seem to be having a good life in seems to be a result of the activities of these wolves. Therefore, we're going to regard them as the shapers of the environment, which from our perspective is creator. VO „Wenn man sich Erzählungen der Blackfoot oder der Cheyenne ansieht, dann stellt man fest, dass diese Völker sich ihre Jagdmethoden von Wölfen übernommen haben und dass sie den Einfluss der Wölfe auf das Ökosystem sehr genau erkannt haben. Deshalb wird in ihren Erzählungen sehr deutlich, dass die Umwelt, in der sie leben und von der sie sehr gut leben, dass diese Umwelt das Ergebnis der Aktivitäten der Wölfe ist, und dass sie deshalb den Wolf als Gestalter und in gewisser Weise sogar als Schöpfer ehren.“ CAONA2250732 Around every corner 00:32min Sprecherin Im Gegensatz dazu stand die Haltung der weißen Einwanderer. Sie betrachteten den Wolf als Feind und Konkurrenten und jagten ihn unerbittlich. Selbst in Yellowstone, dem ältesten Nationalpark der USA, wurden die Wölfe in den 1930er Jahren ausgerottet. Vor einem Vierteljahrhundert siedelte man dort wieder Wölfe an, nicht zuletzt, weil man erkannte, dass die Wapiti-Hirsche mangels Fressfeinden zu einer Plage geworden waren. ZSP 15 Ray Pierotti [36:35 bis 37:03] The presence of the wolfs has completely transformed Yellowstone. The ecology of the park is completely different than it was when there were no wolfs at all. It seems like almost all of the populations of other species are doing better, including the ones they hunt. The only one that's not as abundant is the elk population, which is their primary prey. But even they are a healthier population than they used to be. VO „Die Anwesenheit der Wölfe hat Yellowstone komplett verändert. Die Ökologie ist völlig anders. Es scheint, als ginge es allen Tier-Populationen besser, die eingeschlossen, die zum Beutespektrum der Wölfe zählen. Die einzige Art, deren Zahl drastisch zurückgegangen ist, ist der Wapiti, der die Hauptbeute der Wölfe ist. Aber selbst diese Population ist heute offenbar gesünder als früher.“ Sprecherin Ray Pierotti ist bekannt dafür, dass er die indigenen Erzählungen und ihre rituellen Zeremonien auswertet, darin nach Hinweisen sucht, wie sich das Wildtiermanagement verbessern lässt. Dieser Ansatz ist bei einigen seiner Kollegen umstritten, aber er erklärt den Gewinn dieser Herangehensweise an einem Beispiel: ZSP 16 Ray Pierotti [14:22 bis 14:58] the indigenous nations of the Pacific Northwest, they have what they call a first salmon ceremony, which is at a certain time of year when the salmon is starting to come in. They take one salmon out and then they go through a ritual that takes several days during which nobody is allowed to take any more salmon. And so what they're doing is that they have at a key point in the migration pattern of the fish they are leaving the population alone to let the biggest, most experienced individuals get upstream to breed. MUSIK aukaimusic/ak-04 - Aukai "Oars" 01:07min VO „Unter den indigenen Völkern des pazifischen Nordwestens gibt es ein Ritual, das sie die ‚Zeremonie des ersten Lachses‘ nennen und zu der Zeit durchführen, wenn die Lachse ihre Wanderung zurück in die Flüsse beginnen. Sie fangen einen Lachs und beginnen mit einer Zeremonie, die mehrere Tage dauert. Während dieser Zeit darf niemand Lachse fischen. Im Endeffekt lassen sie damit die Lachspopulation in einem kritischen Moment ungestört. Nämlich dann, wenn die größten, erfahrensten und damit für den Fortbestand der Population wichtigsten Tiere in die Flüsse einwandern.“ Sprecherin Wenn nach dem Ende der Zeremonie der Lachsfang beginnt, gehen den Fischern die jüngeren, weniger fortpflanzungsstarken Tiere ins Netz oder an die Angel. Die sind für den Bestand einer gesunden Population weniger entscheidend als die Alten. ZSP 17 Ray Pierotti [16:11 bis 16:48] Western science and especially Western game management tend to focus on the largest individuals, which is why we have all this record keeping in the Boone and Crockett Club and and stuff like that, that focus on the largest individuals is going to be taken, whereas Indigenous people seem to want to avoid taking the largest and oldest individuals in the population. And the interpretation that come on, that is they understand that those are the individuals that are really responsible for the success of the population. VO „Westliche Wissenschaftler und insbesondere die Wildbewirtschafter neigen dazu, sich auf die größten Individuen zu kaprizieren. Nicht umsonst ist in den Ranglisten der Jäger die Größe immer Trumpf. Während indigene Völker es anscheinend vermeiden wollen, die größten oder ältesten Tiere einer Population zu schießen. Ich vermute, sie tun dies, weil sie wissen, dass diese Individuen für den Bestand der Population sehr wichtig sind.“ MUSIK CBAWZ2101550 Floating Weapons 00:47min Sprecherin Die Karibu-Jäger der Inuit oder dem Volk der Cree im Norden Kanadas hätten laut Ray Pierotti sogar eine strenge Regel: Never shoot the leaders. Schieß niemals die Leittiere. Sie sind zum einen diejenigen, die den Fortpflanzungserfolg der Herde maßgeblich beeinflussen. Sie sind aber auch so etwas wie die Lehrer der Herde, indem sie ihre Erfahrungen an die jüngeren Tiere weitergeben. Tero Mustonen von der Kooperative Snowchange betont: ZSP 18 Tero Mustonen [36:22 bis 37:13] We have to accept the fact that 80% of world's remaining biodiversity is on indigenous lands. Why this is the case? // Indigenous communities often have relations with the surrounding landscapes and species and therefore when they have relations, they care about those resources and it's in their interest to make sure that they don't overhunt, they don't pillage, they don't wipe out a resource, even though they have to use it for living. VO „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass 80 Prozent der verbliebenen Artenvielfalt auf Gebieten vorkommt, die von indigenen Völkern gemanagt werden. Und warum ist das so? Diese Völker haben oft eine enge Beziehung zu den sie umgebenden Landschaften und zu den Tierarten darin. Deshalb haben sie ein Interesse am Erhalt dieser Ressourcen. Ihnen ist daran gelegen, dass sie nicht überjagt, geplündert oder ausgelöscht werden, auch wenn sie Tiere für ihren eigenen Lebensunterhalt bejagen.“ Sprecherin Es gebe also viele gute Gründe, von diesem Erfahrungswissen zu lernen, urteilt Henry Huntington. Noch allerdings werde in der Wissenschaft der Wert nicht allgemein anerkannt. Es gelte dann als anekdotisch, nicht schön systematisch erforscht und mit Statistiken unterfüttert, beklagt Henry Huntington. Aber: ZSP 19 Huntington [00:13:37] we'd be foolish to ignore something that a system that has allowed people to thrive for thousands of years in the same environment without overusing things. And they're the people who are also most most dependent on on that. And who test that knowledge year after year. If it wasn't accurate, people wouldn't be there. That's a that's a pretty severe test. VO „Wir wären dumm, etwas zu ignorieren, das es den Menschen ermöglicht hat, seit Tausenden von Jahren in der gleichen Umgebung zu leben, ohne ihre Ressourcen zu überstrapazieren. Diese Menschen sind am meisten von ihrer Umwelt abhängig, und ihr Wissen wird Jahr für Jahr auf die Probe stellen. Wenn es nicht korrekt wäre, hätten die Menschen nicht überlebt. Das ist ein ziemlich harter Test.“ Sprecherin Inzwischen scheint Bewegung in das Verhältnis von Wissenschaft und Traditionellem Ökologischen Wissen zu kommen. So arbeitet der Wildtierökologe Tyler Jessen mit dem Volk der Kitasoo Xai'xais [Kitesu: he he] im Fjordland nördlich von Vancouver zusammen. Es geht um Schneeziegen, eine Tierart, die abgeschieden im Hochgebirge lebt: ZSP 20 Tyler Jessen [13:10 bis 15:04] the Kitasoo Xai'xais nation, they invited myself and, you know, the research team up into their territory in order to study the Mountain Goats because they wanted to have a scientific understanding of what was going on to complement their traditional knowledge associated with mountain goats. //So So to give a brief example, their knowledge of how many goats they would see on any given day is very important knowledge. And it's something that is that can be, you know, assessed in sort of science through a scientific lens as well. So we know, for example, that going back to about 1970 or so that people used to see goats more often than not on any given day working out on the landscape, you know, going out by boat, walking through a creek and things like that. They would see these mountain goats and they would see them more often than not. And you compare that to 2019, which was, I believe, the most recent date in which we we asked people for their observations of mountain goats, and it was zero Mountain goats. VO „Das Volk der Kitasoo Xai'xais hat mich und das Forschungsteam in ihr Gebiet eingeladen, um die Bergziegen zu untersuchen, denn sie wollen ihr traditionelles Wissen über die Bergziegen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzen. Also haben wir erst einmal versucht herauszufinden, wie oft am Tag die Menschen Schneeziegen gesichtet haben, wenn sie im Gelände oder mit dem Boot unterwegs waren – heute und früher. Die Erinnerungen reichten bis etwa in die 70er Jahre zurück. Und damals war die Wahrscheinlichkeit, jeden Tag eine Schneeziege zu sehen, höher als gar keine zu sehen. Und im Jahr 2019 war die Wahrscheinlichkeit, eine Schneeziege zu sehen, praktisch gleich Null.“ MUSIK Aukai: "Alto Paraíso" (aukaimusic/ak-01) 00:52min Sprecherin Und das finnische Volk der Skoltsamen beteiligte sich an einer Studie, in der Indikatoren für Umweltveränderungen in der Arktis festgelegt wurden - auf der Grundlage von Traditionellem Ökologischen Wissen. Die Sami haben beispielsweise im Fluss Njauddâm (ɲɑudːɐm) den Rückgang der Lachse beobachtet und dokumentiert. Auf der Grundlage ihres Wissens passen sie sich nun an - sie reduzieren die Anzahl der Netze, die sie zum Fischfang verwenden, stellen Laichplätze wieder her und fischen mehr Hechte ab, die die jungen Lachse fressen. Das Projekt ist Teil eines Co-Management-Prozesses zwischen den Sami und der finnischen Regierung. Der Aufsatz, wurde im sehr renommierten Fachmagazin Science veröffentlicht. Und so dringt also das Traditionelle Ökologische Wissen in die westliche Spitzenforschung ein. Und auch in die Konzepte, um mit den Herausforderungen der Zukunft fertig zu werden.