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WirTier (3): Underdogs

27.08.2025 · 61 Min.

Folgen-Webseite

Über diese Folge

Hannah studiert BWL. Bis Hund Schoki einen schweren Unfall hat. Hannah beschließt, Hunden zu helfen, die krank oder alt sind, die keiner mehr haben will - und leitet heute ein besonderes Tierheim. WirTier Host Vici im Hundehimmel?

CREDITS:

Gast: Hannah Wendt, Tierärztin und Leiterin des Hunde-Tierheims Sonnenhof in Rottenbuch
Hosts und Reporter: Victoria Marciniak und Julius Bretzel
Dramaturgie und Regie: Katharina Hübel
Redaktion: Bernhard Kastner
Technik: Stefan Oberle
Musik: Dagmar Petrus und Stefan Oberle
Distribution: Alexandra Klockau, Celine Frohnapfel, Katharina Hübel und Bernhard Kastner
Idee und Konzeption: Bernhard Kastner und Katharina Hübel

Wir Tier ist eine Produktion der Redaktion Grundbildung, Geschichte und Gesellschaft des Bayerischen Rundfunks 2025.

Und wenn ihr uns schreiben wollt – zum Beispiel von euren Mensch-Tier-Begegnungen: wir-tier@br.de

Wir freuen uns!

 

Das Manuskript von WirTier (3): Underdogs findet ihr HIER.


Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

Tiere erleben Abenteuer. Sie reagieren unterschiedlich auf schwierige Situationen und finden eigene Lösungen. Ihre Lebenswege sind alle individuell. Genauso wie bei Menschen.

Bisher haben sich solche Wildnis-Biografien immer im Verborgenen abgespielt. Aber jetzt interessieren sich immer mehr Biologen dafür – und bringen diese Lebensgeschichten mit großem Aufwand ans Licht.

Einblick in die abenteuerlichen Lebensgeschichten von Wildtieren, gibt die Podcast-Reihe „Namenlose Helden – Biografien aus der Wildnis“. Vom Storch Hansi, der den Anschluss an den Vogelzug verpasst oder vom Überlebenskampf eines verwaisten Gebardenmädchens. Dank Hightech und Biologgern können Forscher diese Geschichten erzählen – zu hören sind sie in IQ – Wissenschaft und Forschung  https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:4f22603952486b85/

LINKS:

Wir haben noch einen Podcast-Tipp für euch:

Für alle Haustier-Freund:innen: Fell- und Federnasen gehören oft zur Familie. Aber wie schaffen es Mensch und Haustier wirklich miteinander zu kommunizieren? Können Menschen die Sprache der Tiere wirklich verstehen – und was fangen Tiere eigentlich mit den Lauten an, die Menschen von sich geben?

Das Spezial von „Quarks Daily - Gassi gehen? Kann mich mein Haustier verstehen?“ findet ihr hier:

https://1.ard.de/quarks_daily_spezial_haustiere

 

Alles zum Sonnenhof, das spezielle Tierheim für Hundesenioren …

… findet ihr hier: https://www.tierschutz-sonnenhof.de/

Es ist eine Einrichtung des Deutschen Tierschutzbundes, die ältere Hunde betreut, kranke Tiere, aber auch Tiere, die bereits schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Durch spezielle Verhaltens- und Physiotherapie, sowie durch gezieltes und betreutes Training mit neuen Halter:innen vermittelt der Sonnenhof erfolgreich die Tiere wieder in ein neues zu Hause. Ein spezielles Projekt ist „Senioren für Senioren“; damit auch die menschlichen Senioren im Alter nicht allein sein müssen.

Hier könnt ihr ein spannendes Interview mit der Leiterin und Tierärztin Hannah Wendt dazu lesen:

https://www.tierschutzbund.de/ueber-uns/aktuelles/magazin-du-und-das-tier/artikel/der-sonnenhof-zufluchtsort-fuer-jung-und-alt/

 

Spannendes über Hunde erfahrt ihr auch bei ARD Alpha:

Geschichte des Hundes - So wurde aus dem Wolf ein Haustier

Wölfe sind die Vorfahren des Hundes. Wie unterscheiden sich Wolf und Hund? Wie wurde aus dem Wildtier unser zahmes Haustier und bester Freund? Das könnt ihr hier nachlesen.

https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/haustiere/wolf-hund-haushund-haustier-tier-isegrim-100.html

 

Überraschende Fakten über Hunde

Können Hunde uns verstehen? Was bedeutet der Hundeblick? Wie stärkt ihr das Selbstbewusstsein eures Hundes? Das seht ihr in diesem Video.

https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdFNjaGVkdWxlU2xvdC9iOTAyZDhmMS1kOGU5LTRhMjYtODAzZC0yYmRmOWEyMjdkNzE

 

Demenz bei Haustieren - Wenn Hund und Katze ihr Futter nicht mehr finden

Auch Hunde und Katzen können an Demenz erkranken. Die Krankheit ist nicht heilbar, lässt sich aber hinauszögern. Was ihr tun könnt, um eurem Haustier zu helfen.

https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/haustiere/demenz-hund-katze-helfen-symptome-haustiere-100.html

 

Wölfe - Wie gut kennt ihr die Vorfahren des Hundes?

Im 19. Jahrhundert war der Wolf in Deutschland ausgerottet. Doch seit dem Jahr 2000 leben wieder Wölfe bei uns. Wie gut kennt ihr die Vorfahren unseres Haustiers Hund?

https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/wolf-woelfe-raubtiere-hund-haushund-vorfahren-steckbrief-isegrim-156.html

 

Und den DeepDive Hundewissen findet ihr bei Radiowissen:

 

Mensch und Hund - Eine Erfolgsgeschichte

https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/mensch-und-hund-eine-erfolgsgeschichte/bayern-2/87022496/

Er begleitet uns Menschen seit Urzeiten: der Hund! Und er hat in dieser uralten Geschichte zahlreiche Aufgaben übernommen, er war Wächter, Jagdgehilfe, Hirtenhund, er zog Lastenkarren – und wurde vom Nutztier immer mehr zum besten Freund des Menschen. Ein Beitrag über diese lange und prägende Freundschaft zwischen Mensch und Hund.

 

Hunde und ihr Geruchssinn - Die Supernasen im Tierreich

https://www.ardaudiothek.de/suche/Hunde%20und%20ihr%20Geruchssinn%20-%20Die%20Supernasen%20im%20Tierreich/

Hundenasen sind einfach unglaublich! Das nutzten die Menschen schon sehr früh, um zum Beispiel Wild aufzuspüren. Hunde sind auch heute noch durch diese Fähigkeit unersetzliche Begleiter des Menschen. Sie finden durch ihren hochspeziellen Geruchssinn verschüttete Menschen, sie spüren Drogen und Sprengstoffe auf, ja sie können sogar manche Krankheiten riechen. Selbst in unserer hochtechnisierten Welt ist die Hundenase bislang ohne Konkurrenz.

 

Tiere in der Partnerschaft - Der Hund oder ich!

https://www.ardaudiothek.de/episode/wie-wir-ticken-euer-psychologie-podcast/tiere-in-der-partnerschaft-der-hund-oder-ich/ard/14192553/

Hunde sind die besten Freunde des Menschen – aber eben oft nicht für alle gleich! Was passiert in Beziehungen, wenn die Frage aufkommt ‚Der Hund oder ich?‘ Wenn ein Partner den Hund mehr liebt als der andere – und dieser oder diese sich dadurch zurückversetzt sieht?! So kann der beste Freund des Menschen auch zur harten Beziehungsprobe werden – so wie bei dem Paar, das wir hier in dem Beitrag vorstellen. Aber keine Sorge: mit viel Offenheit und Humor haben die beiden ein Leben mit dem Hund sehr gut hingekriegt.


Zum Weiterhören: Mit Tieren sprechen - Ein Podcast über die besondere Verständigung von Mensch und Tier, von Natalie Putsche
Folge 3, Tanja und die Wölfe Tanja päppelt Wolfswelpen auf, die bei ihr bleiben werden. So entsteht eine faszinierende körperliche Nähe zwischen Mensch und Wildtier.

https://1.ard.de/3-tanja-und-die-woelfe


Ein Leben ohne Tier ist möglich, aber sinnlos. Dieser abgewandelte Loriot-Satz stimmt für alle, die Host Natalie für ihren Podcast trifft. Aber wie kann es sein, dass sich Mensch und Tier so gut verstehen, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen?

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  • Die frühe DDR - Die 50er Jahre

    27.08.2025 · 23 Min.

    Die DDR befindet sich Anfang 1950 in einem katastrophalen Zustand. 25 Prozent aller Wohnungen sind zerstört. Auch nach Kriegsende gibt es vielerorts keinen Strom oder sauberes Wasser. Vier Millionen Flüchtlinge und Vertriebene müssen versorgt werden. Wie sah der Alltag der Menschen in der frühen DDR aus? Was prägte die 50er-Jahre und wie übte die SED ihr Macht aus? Von Bastian Wierzioch Credits Autor dieser Folge: Bastian Wierzioch Regie: Kirsten Böttcher Es sprach: Sophie Rogall Technik: Andreas Lucke Redaktion: Nicole Ruchlak Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin 7. Oktober 1949. Berlin Wilhelmstraße. Aus der sowjetischen Besatzungszone wird die Deutsche Demokratische Republik. Zum ersten Staatspräsidenten der DDR wird Wilhelm Pieck ernannt. O-Ton 1 Reporter: Wilhelm Pieck eröffnet die Versammlung. Atmo: Sitzungsglocke Pieck: Bitte Platz zu nehmen! Die konstituierende Sitzung der provisorischen Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik ist eröffnet. (Bitte runterziehen – nur kurz stehen lassen) Sprecherin Es ist ein schwerer Start für die junge DDR: Zu Beginn des Jahres 1950 befindet sich die ehemalige sowjetische Besatzungszone, in der ca. 16 Millionen Menschen leben, in einem katastrophalen Zustand. Städte wie Dresden oder Magdeburg wurden im Krieg großflächig bombardiert. 25 Prozent aller Wohnungen im Land sind zerstört. Vielerorts gibt es keinen Strom oder sauberes Wasser. Vier Millionen Flüchtlinge und Vertriebene müssen versorgt werden. An Russland gehen milliardenschwere Reparationszahlungen. Dafür werden komplette Industrieanlagen und insgesamt mehr als 10.000 Kilometer Eisenbahnschienen abgebaut und in die Sowjetunion gebracht. O- Ton 2 Das war ein Jahrzehnt, das zum einen geprägt war durch die immensen Kriegszerstörungen und Kriegsverluste. Die Menschen mussten das Land wieder aufbauen. Sie trauerten um die Gefallenen. Sprecherin Das sagt Anna Kaminsky, die Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. O- Ton 3 Es war aber auch ein Jahrzehnt, in dem die Menschen erleichtert waren, dass endlich Frieden war. Und man hoffte natürlich auch ungeschoren aus dieser Kriegszeit mit den immensen, unglaublichen Verbrechen der Nazis rauszukommen und ein normales Leben zu führen. Und kaum jemand wollte sich mit dieser Zeit damals beschäftigen. Musik 2: Fünf … Aus: Fünf Minuten – 81245480108 – 40 Sek Sprecherin Hans-Joachim Hein ist im Jahr 1950 elf Jahre alt. Geboren wurde er 1939 in Frankfurt (Oder). Noch vor Kriegsende flieht der 6-Jährige Hans-Joachim mit seiner Mutter und der kleinen Schwester vor der Roten Armee nach Schleswig-Holstein. 1950 ist die kleine Familie wieder zurück in Frankfurt (Oder). O-Ton 4 Wohnungsmäßig gab`s überall Mängel. […] Ja, für Kinder war es schon sehr interessant wegen der Ruinen. Da gab es immer was Neues zu entdecken. Und ein oder zwei hatten auch schon mal noch Leichen entdeckt also die Reste davon. (Stimme oben) Musik 3: Ein guter Informant – Z8019960 112– 1:06 Min Sprecherin Viele Menschen leben damals in Massenunterkünften und Lagern – eingerichtet in ehemaligen Kasernen, Schulen, Gasthäusern, Hotels, Zwangsarbeiterlagern oder Sporthallen. Ein Großteil der Bevölkerung fühlt sich verunsichert. Wie soll es weitergehen mit Deutschland? Anfangs kursieren Gerüchte: Angeblich wollen die Alliierten alle deutschen Frauen sterilisieren oder alle Männer zur Zwangsarbeit weg bringen oder aus ganz Deutschland einen riesigen Kartoffelacker machen – als Strafe für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Das Leid der Juden, Widerstandskämpfer, Polen oder Russen ist der Öffentlichkeit in der frühen DDR bekannt, auch weil die Gräueltaten in Kino-Filmen und Romanen thematisiert wenden – an den Oberschulen als Pflichtlektüre. Und weil die SED sich darum bemüht, das Ausmaß der Verbrechen umfassend darzustellen. O-Ton 5 Allerdings wurde das immer verbunden mit der antifaschistischen Propaganda, die zwei kleine Manipulationen vorgenommen hat. Sprecherin Erklärt Udo Grashoff, Historiker am Hannah-Arend-Institut, das zur TU Dresden gehört. O-Ton 6 Die eine Manipulation war, dass behauptet wurde, dass eigentlich der Holocaust – also den Begriff gab es damals noch nicht – aber der Massenmord an den Juden - nur so eine Art Seiteneffekt, Nebeneffekt des Nationalsozialismus gewesen wäre und das eigentliche mörderische Ziel des Nationalsozialismus die Vernichtung des Kommunismus gewesen sei. […] Und die Zweite schließt sich daran an. Dass man das Wesen des Nationalsozialismus nicht verstanden hat als ein rassistisches kolonialistisches Projekt, sondern als ein kapitalistisches, imperialistisches Projekt. […] Und damit konnte man dann auch im Kalten Krieg die gesamte westliche Welt als letztlich Bruder im Geiste des Faschismus darstellen. […] Und damit konnte man sich selbst natürlich auch moralisch als sehr hochstehend darstellen und das hat dazu geführt, dass man viele Menschen, nicht nur einfache Menschen, auch sehr viele Intellektuelle grade hinter die Fahne der SED bekommen hat. Musik 5: Vier lyrische… aus: Fünf Minuten – 55 Sek Sprecherin 1952 werden die 5 Bundesländer der DDR in 14 Bezirke aufgeteilt, die bis 1990 als Verwaltungseinheiten bestehen bleiben. Die kleine Familie Hein im Bezirk Frankfurt schlägt sich durch – zu dritt in einer Einzimmerwohnung. Die Toilette: im Treppenhaus. Die Kleidung: selbstgenäht. Die Mutter arbeitet in einer Gaststätte. Die Währung der DDR, die Ost-Mark, war zwar schon 1948 eingeführt worden – einen Monat nach der D-Mark im Westen -, nur zu kaufen gibt es kaum etwas. Die meisten Menschen werden durch Lebensmittelkarten versorgt – ausgegeben vom Staat. Dafür gibt es Rationen an Brot, Zucker, Salz, Tee oder Kaffee-Ersatz. Bei den Heins gibt es meistens Kartoffeln. O-Ton 7 Das hing von vielen Zufällen ab, ob jemand Beziehungen zum schwarzen Markt hatte oder Beziehungen zu Bäckereien oder, oder. Man hat sich gegenseitig geholfen. […] und hat dann auch dazu beigetragen, dass man naja, praktisch so, einigermaßen überleben konnte. […] Ans Essen selber kann ich mich wenig erinnern. Es gab nicht viel. O-Ton 8 Anfänglich in der sowjetisch besetzten Zone später der DDR gab es praktisch drei Säulen des Handels. Sprecherin Erklärt Historikerin Anna Kaminsky. O-Ton 9 Das war zum einen der starke private Handel, der zunehmend verstaatlicht und praktisch enteignet wurde. Dann die so genannten Konsum-Läden, das waren die Läden der Konsumgenossenschaften, die es in Deutschland schon seit Ende des 19. Jahrhunderts gab. Und es gab die neu gegründete sozialistische Handelsorganisation, die HO. Sprecherin Das staatliche Einzelhandelsunternehmen HO - gegründet 1948 auf Weisung der Sowjets - wächst rasant. Bis 1960 werden 35.000 Geschäfte eröffnet, die knapp 40 % des landesweiten Einzelhandelsumsatzes erwirtschaften - trotz überteuerter und für viele nicht erschwinglicher Preise. Die Läden der HO werden von der Staats-Partei SED bevorzugt mit Waren beliefert. O-Ton 10 Über die HO-Läden, die sozialistisch deklariert waren, wollte die SED Führung den Menschen im Land zeigen, dass praktisch ihre Herrschaft auch für die Menschen im Alltag sehr viele Vorteile bringen würde und dass die SED-Führung sehr gut für die Bürger im Land sorgen würde und sie auch ein besseres Warenangebot in diesen staatlichen HO-Läden vorfinden. Musik 5: The Working class – s.o. – 35 Sek Sprecherin Doch der Alltag in der DDR bleibt hart. Was produziert wird, reicht nicht für eine flächendeckende Versorgung. So wie unmittelbar nach dem Krieg bauen die Menschen immer noch auf allen verfügbaren Flächen Gemüse an - auf Fensterbänken, in öffentlichen Parks, den Hausdächern. Immer noch werden Kuchen aus Kartoffelschalen und Torten aus Eicheln und Kaffeesatz gebacken. Rübenblätter dienen als Ersatz für Spinat. O-Ton 11 Dieser Staat der Werktätigen, die Deutsche Demokratische Republik, hat zwei Klassen zur Grundlage: Die Arbeiterklasse und die Klasse der werktätigen Bauernschaft. Sprecherin Walter Ulbricht, die mächtigste Person im Arbeiter- und Bauernstaat, von 1950 bis 1971 Erster Sekretär des Zentralkomitees der herrschenden SED. Die Partei war bereits 1946 gegründet worden. Das allerletzte Wort in der DDR hat zwar bis zu ihrem Ende die Sowjetunion. Vor allem innenpolitisch aber liegt die Macht beim Politbüro des Zentralkomitees der SED. Wie die Partei diese Macht konkret ausübt, erklärt Historiker Udo Grashoff. O-Ton 12 Grashoff3 Die DDR hatte ne Doppelstruktur. Es war so, dass auf alle staatlichen Institutionen, alle Ministerien, alle Verwaltungsgremien hatten eine Parallelstruktur bei der Partei sowohl auf der staatlichen Ebene als auch auf der Ebene der Bezirke, als auch auf der Ebene der Kreise, als auch in den Städten. Überall gab es ne Parteistruktur, die parallel dazu war, und die der übergeordnet war, das heißt, die Anweisungen an die staatlichen Strukturen geben konnte, und die wiederum die Ausführungen dieser Bestimmungen kontrollieren konnte. Also insofern war der Staat eigentlich nur der Erfüllungsgehilfe der Partei. Musik 6: „Lied der Partei“ – ca. 25 Sek O-Ton 13 In Übereinstimmung mit den Vorschlägen aus der Arbeiterklasse, aus der werktätigen Bauernschaft, aus anderen Kreisen der Werktätigen, hat das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands beschlossen, der 2. Parteikonferenz vorzuschlagen, dass in der Deutschen Demokratischen Republik der Sozialismus planmäßig aufgebaut wird. Sprecherin Im Juli 1952 kündigt der Chef des Politbüros Walter Ulbricht an: von nun an werde die politische und wirtschaftliche Ordnung der DDR auch offiziell nach dem Vorbild der Sowjetunion umgestaltet. Dabei war dies ökonomisch wie politisch größtenteils längst umgesetzt. Die Großgrundbesitzer waren bereits 1945 enteignet worden, Kunst und Kultur längst eingeschworen gegen den Westen, Presse- und Rundfunk gleichgeschaltet, private Handwerkerbetriebe weitgehend verstaatlicht. O-Ton 14 Und nach dem Grundsatz: Das Sein bestimmt das Bewusstsein, dachte man, wenn man die ökonomische Basis umgestaltet, wird das andere dann auch schon irgendwie gehen. Das heißt `52 werden auch Weichen gestellt, die eine weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Menschen bedeuten. Die Wirtschaft wird auf eine Stärkung der Schwerindustrie ausgerichtet. […] also das was eigentlich für das Leben der Menschen wichtig ist, wurde in der Produktion zurück gefahren. Musik 7: Ein guter Informant – siehe oben – ca. 3 Min. Sprecherin Welche negativen Konsequenzen diese Politik für die Menschen im Alltag in der DDR hat, bekommt die SED-Führung im Sommer des Jahres 1953 eindrücklich vor Augen geführt. O-Ton 15 Die meisten Demonstranten haben sich in den Sowjetsektor hinüber gezogen und bilden dort nun eine große Menschenmenge, die eine Hälfte der Leipziger Straße ausfüllt. Sprecherin Reporter des westdeutschen Radio-Senders RIAS Berlin berichten vom Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. O-Ton 16 Und während hier noch große Transparente zu Boden fallen, beginnt soeben ein heftiger Schusswechsel. Schwere sowjetische Panzer haben soeben die Leipziger Straße besetzt und rollen weiter vor. Sprecherin Als am Mittwoch, den 17. Juni 1953 in den Betriebsstätten und Fabriken der DDR die Frühschicht beginnt, streiken die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter. Bereits in den Wochen zuvor war es überall im Land zu Arbeitsniederlegungen und Protesten gekommen. Im Laufe des Vormittags beschließen Tausende Werktätige in die Innenstädte zu ziehen. In 242 Städten kommt es zu Streiks und Demonstrationen. SED-Einrichtungen werden gestürmt so wie Gefängnisse und Kreisdienststellen des Inlandsgeheimdienstes Stasi. O-Ton 17 Wir müssen ebenfalls zurückgehen und hinter einem Wagen Deckung nehmen. […] und so ist ganz deutlich erkennbar, dass dieser Potsdamer Platz in der nächsten Zeit noch keine Ruhe erfahren wird. Sprecherin Die Besatzungsmacht verhängt eine Ausgangssperre. Die sowjetischen Panzer zerstreuen die Menschenmassen. In Berlin wird ein Demonstrant zerquetscht. Mehr als 100 Protestierende sterben an diesem Tag. Der Aufstand ist niedergeschlagen. Stasi und Sowjets starten eine Hetzjagd auf die Streikführer. Musik aus O-Ton 18 Der 17. Juni, der Aufstand ist erwachsen einerseits aus den wirtschaftlichen Problemen, also dass die SED-Führung auch immer mehr auch die ökonomischen Daumenschrauben anzog. […] Zum anderen waren die Normen erhöht worden, das heißt, die Menschen sollten für das gleiche Geld viel mehr arbeiten, was im Prinzip eine Lohnkürzung war. Und dazu kam natürlich - und das war der Hauptgrund - eine große politische Unzufriedenheit mit den Verhältnissen. Wenn man sich die Losungen der damaligen Zeit anschaut. Die streikenden Arbeiter, die fordern Demokratie, die fordern freie Wahlen, die fordern auch die Einheit Deutschlands. Sprecherin Die Ostdeutschen sind staatlichen Druck und Repressionen gewohnt. Dafür gesorgt hatte seit 1945 vor allem der sowjetische Geheimdienst, der Tausende aus politischen Gründen verhaften lässt. Dasselbe tut die Abteilung K5, der DDR-Kriminalpolizei, aus der 1950 die Stasi hervorgeht. Zu Anfang ist der DDR-Inlandsgeheimdienst noch eine eher kleine Behörde. Auch deswegen sieht er den Aufstand am 17. Juni nicht kommen. O-Ton 20 Die Staatssicherheit ist nach dem 17. Juni und dann auch in den 70er Jahren nochmal massiv ausgebaut worden. Und ist also ein riesen Ministerium gewesen, ein riesen Kostenfaktor auch im Staatshaushalt. Am Ende waren es, glaube ich, 90.000 Hauptamtliche und bis zu 180.000 Inoffizielle Mitarbeiter. Das ist also eine Riesenmenge an Personal gewesen, die alles vorher, was bekannt war über Inlandsgeheimdienste, was zum Beispiel auch die Gestapo an personellen Mitteln hatte, die das also völlig in den Schatten stellt. Musik 8: Vier lyrische… - siehe oben – 22 Sek Sprecherin Auch deswegen spricht man heute von SED-Diktatur, wenn es um die DDR geht. Der Schüler Hans-Joachim Hein in Frankfurt (Oder) macht traumatisierende Erfahrungen mit der Staatsmacht – vor allem mit Lehrern. Darum hält er sich meist zurück, wenn er unter Leuten ist. O-Ton 21 Ich kann mich erinnern, als Stalin gestorben ist, mussten wir alle demonstrieren, alle trauern, und jemand hat einen Witz gemacht bei der Demonstration. Und die Lehrer haben, einige haben da mitgegrinst, aber da gab es dann fürchterliches Theater, und um Gottes Willen! Bloß das nicht! Und und, und. Das heißt also, die Erwachsenen waren das schon gewöhnt, das von oben kommt, das muss gemacht werden und fertig. Sprecherin Um den sowjetischen Diktator Josef Stalin betreibt die herrschende SED einen regelrechten Personen-Kult, dem sich niemand wiedersetzen kann. Stalins Sowjetunion ist das große Vorbild für den Aufbau der DDR. Das gilt auch für die Landwirtschaft. Bereits im Jahr 1945 waren alle ostdeutschen Bauernhöfe mit mehr als 100 Hektar Grund ohne Entschädigung enteignet worden. 1952 begann die Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft, bei der die LPGs, die riesigen landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften gebildet worden. Zunächst freiwillig später unter Zwang. 1960 gibt es quasi keine Einzelbauern mehr. 19.000 LPGs bewirtschafteten 85 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Musik 9: Grünbaums... aus: Mein Führer - Original Soundtrack - 45 Sek O-Ton 22 Pionierdelegation! Still gestanden! Regt euch! Augen geradeaus! Sprecherin Thälmann-Pioniere und Freie Deutsche Jugend, kurz FDJ. So heißen die beiden großen Jugendorganisationen der DDR. Wer nicht mitmacht, bekommt Ärger, wird von der weiterführenden Schule geworfen oder von der Universität. Vor allem gegen die Christen der Jungen Gemeinde, die sich der Mitgliedschaft verweigern, geht die SED rigoros vor, kriminalisiert und schikaniert die Gläubigen. Zu Beginn der 50er Jahre ist rund die Hälfte der DDR-Jugendlichen Mitglied bei den Pionieren und der FDJ. In den 80er Jahren werden es knapp 90 % sein. O-Ton 23 Es ging darum die Jugend schon von Anfang an für das sozialistische Projekt zu konditionieren. Die Jugend war die große Hoffnung der SED, weil man glaubte, dass man die Jugend begeistern könnte für den Aufbau einer besseren, humaneren Gesellschaft, einer kommunistischen Gesellschaft. Sprecherin 1955 findet die erste staatliche Jugendweihe statt. Eine feierliche Zeremonie bei der Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 Jahren symbolisch in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden und sich zum sozialistischen Staat bekennen. O- Ton 24 SED-Funktionär: Seid ihr bereit, für ein glückliches Leben der werktätigen Menschen und für den Fortschritt in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst einzusetzen? Jung-Pioniere: Ja, das geloben wir. Sprecherin Ebenfalls im Jahr 1955 überträgt die Sowjetunion der DDR noch mehr staatliche Souveränität, behält die Fäden im Hintergrund aber weiter in der Hand. Ebenfalls im gleichen Jahr tritt die Bundesrepublik der NATO bei -woraufhin die Sowjetunion den Warschauer Pakt gründet, ein Militärbündnis sozialistischer Staaten. Die DDR wird mit ihrer Kasernierten Volkspolizei Gründungsmitglied. Im Jahr darauf wird in der DDR die NVA gegründet, die Nationale Volksarmee - wenige Monate nach der Gründung der Bundeswehr im Westen. Der Ministerpräsident der DDR Otto Grotewohl: O-Ton 25 Kein verantwortungsbewusster Demokrat und Patriot wird vor der Entwicklung in Westdeutschland die Augen verschließen, sondern daraus muss die Schlussfolgerung gezogen werden in der Deutschen Demokratischen Republik solche Maßnahmen zu treffen, die gewährleisten, dass die Imperialisten und Militaristen gezügelt und all ihre Versuche zum Scheitern gebracht werden. O-Ton 26 Und das interessante ist, dass für den Aufbau der NVA auch […] hohe Wehrmachts-Generäle und Wehrmachts-Offiziere, die in sowjetischer Kriegs-Gefangenschaft waren, an diesem Aufbau beteiligt waren. […] und die NVA war natürlich auch ein Repressionsmittel für die SED-Herrschaft und natürlich auch der militärische Arm, der die SED-Herrschaft sichern sollte. ATMO Trabbi + Musik 10: Vier lyrische… - siehe oben – 25 Sek Sprecherin 1957 rollt in Zwickau der erste Trabant vom Band und Hans-Joachim Hein bekommt erstmals ein eigenes Zimmer - zur Untermiete in Magdeburg. Dort macht er eine Lehre als Elektromonteur und geht parallel auf die Abendoberschule „Otto von Guericke“. Mit dem Sozialismus und der SED-Diktatur versucht er sich zu arrangieren. O-Ton 27 Ja. Man hat allerdings dann häufig dann Wege gefunden, nach Außen politisch auf Linie zu erscheinen. Ja, okay! Aber intern war das ne andere Sache. Es gibt also dann durchaus zwei Welten. Musik 11: Entlassung – 1:28 Min O-Ton 28 Diesen Weg werden wir unbeirrbar weiterverfolgen. Sprecherin Wilhelm Pieck, seit 1949 bis zu seinem Tod 1960 erster und einziger Staatspräsident der DDR. O-Ton Pieck 29 Unterstützt von den Kräften des Friedens und des Sozialismus in der ganzen Welt, die noch niemals so mächtig und geeint waren wie heute. Sprecherin 10 Jahre nach der Staatsgründung, sieht der Alltag in der DDR weniger strahlend aus, als es die SED-Propaganda den Menschen glauben machen möchte. Mit der Wirtschaft und dem allgemeinen Wohlstand ist es weiter bergab gegangenen. Die SED konnte ihr Versprechen auf ein besseres Leben als im Westen nicht einhalten. Zwischen 1949 und 1961 siedeln insgesamt 2,7 Millionen Ostdeutsche nach Westdeutschland um. Gestoppt wird die große Flucht erst mit dem Bau der Berliner Mauer und der Schließung der deutsch-deutschen Grenze - zu Beginn der 60er Jahre.

  • Kulturgeschichte der Toilette - Von der Latrine zum Washlet

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    Jahrhunderte lang funktionierte die Notdurftentsorgung in etwa so: ab ins Töpfchen und raus damit auf die Straße. Nach hoffnungsvollen Anfängen in der Antike ließ die moderne Toilette lange auf sich warten. Von Martin Trauner(BR 2017) Credits Autor und Regie dieser Folge: Martin Trauner Es sprachen: Jennifer Güzel, Burchard Dabinnus Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN

  • Die frühe Bundesrepublik - Die 50er Jahre

    26.08.2025 · 24 Min.

    Die 1950er sind nicht nur WM-Sieg, Wirtschaftswunder und biedere Heimatfilme. Die Jahre der Besinnung aufs private Familienglück sind gleichzeitig die Zeit, in der größere Demonstrationen stattgefunden haben als 1968. Die grundlegenden Fragen, wie wir zusammen leben wollen, müssen erst verhandelt werden. Und die Jugendliche werden aufmüpfig. Von Johannes Berthoud Credits Autor dieser Folge: Johannes Berthoud Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Amberger, Jennifer Güzel Technik: Andreas Caramelle Redaktion: Nicole Ruchlak Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Bodo Mrozek, „Jugend – Pop – Kultur. Eine transnationale Geschichte“ – beschreibt anschaulich und pointenreich den Aufstieg von Jugendkulturen Mitte des 20. Jahrhunderts, inklusive der Halbstarken in den 1950ern. Siegfried Gohr, „Ich suche nicht, ich finde“: Pablo Picasso - Leben und Werk“ – erhellende bebilderte Einführung in das Werk von Pablo Picasso – allerdings klammert Gohr das berühmteste Werk „Guernica“ aus. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN An einem Donnerstagabend im Juli 1956 verlassen einige Jugendliche im Berliner Arbeiterviertel Wedding die kleine, enge Wohnung ihrer Eltern. Sie ziehen ihre Lederjacke an, setzen sich aufs Moped und knattern Richtung Afrikanische Straße, zum Cafe Punkt. Die Jugendlichen gehören zur „Totenkopfbande“, einer Gruppe, die sich regelmäßig hier trifft, um Musik zu hören, zu tanzen, sich zu unterhalten. Die Anwohner vom Cafe Punkt haben sich schon häufiger über den Lärm der „Halbstarken“, wie sie sie nennen, und der Kleinkrafträder beschwert. Diesmal, am 12. Juli, rückt die Polizei an und will die Straße räumen. Neugierige kommen dazu. Die Mitglieder der Totenkopfbande denken nicht daran, wegzugehen und bleiben vor dem Lokal stehen. Ein Wasserwerfer von der Polizei biegt um die Ecke. Polizisten zücken ihre Knüppel. Atmo aufgebrachte Menschenmenge + Polizeisirene Musik 1 aus. Musik 2: Capri-Fischer – 14 Sek SPRECHERIN Jugendkrawalle passen nicht in das Klischee der 50er: Da kommt der Familienvater mit dem VW Käfer von der Arbeit. ZSP 02 Millionenste Käfer Nordhoff Unseren Volkswagen, so wie er heute ist, behalten wir noch sehr lange bei. SPRECHERIN Während ihr Ehemann in der Fabrik war, hat die Hausfrau die Wohnung geputzt und das Essen vorbereitet. Musik 3 Willy Schneider - Grün ist die Heide – 31 Sek) SPRECHERIN Am Samstag geht’s ins Kino: Es läuft „Grün ist die Heide“. ATmo Schallplatte, Musik reißt ab: SPRECHERIN All das gehört zwar zum ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik, aber eben nicht nur. ZSP 05 Biermann Buntheit vielseitiger im Grundsatz ist diese Demokratie in den 50er-Jahren und auch das Lebensgefühl viel vielseitiger, als uns aus der Rückschau das vor Augen steht. SPRECHERIN Der Historiker Harald Biermann - Präsident des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. ZSP 06 Biermann Proteste Nur ein Beispiel: Herr Kraushaar, ein Historiker aus Hamburg hat eine Demonstrations-Chronik der 50er-Jahre herausgegeben, wo alle großen Demonstrationen in Westdeutschland nachgezeichnet werden. Und da stellt sich heraus, dass die großen Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung , für die Demokratisierung, sozusagen der Institutionen, gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen, das, dass größere Demonstrationen waren als 1968. Musik 4: Der Staat gegen Fritz Bauer (Epilog) - 1:10 Min SPRECHERIN Kein Wunder, die Menschen müssen erst verhandeln, wie sie zusammenleben wollen: welche Normen und Regeln sollen für eine Gesellschaft gelten, welchen Stellenwert sollen demokratische Prinzipien haben. Auf die Frage, wer am meisten für Deutschland geleistet hat, landet Hitler in der frühen Bundesrepublik auf dem zweiten Platz, nach Bismarck. Die Alliierten stellen in den Jahren nach dem Krieg zwar NS-Verbrecher vor Gericht. Unter Kanzler Konrad Adenauer war dann aber erst mal Schluss mit der Entnazifizierung. Viele große und kleine Nationalsozialisten konnten in der Verwaltung des neuen Staates einfach weitermachen. Ein Beispiel ist Hans Globke. 1935 wurden die „Nürnberger Gesetze" erlassen. Sie begründen die Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. An den Gesetzen war auch Globke beteiligt. Er verfasste als Jurist einen wichtigen Kommentar zu den Gesetzen. Unter Konrad Adenauer wird er trotzdem Chef des Bundeskanzleramts. ZSP 07 Biermann Allensbach Beste Zeit 33-39 Allensbach befragt immer wieder was sind die, was war die beste Zeit bisher im 20.Jahrhundert. Und da sagen ganz ganz viele Menschen und vor allem auch Männer. Ähm, die beste Zeit im zwanzigsten Jahrhundert waren 1933 bis 39, also sozusagen das Dritte Reich im Frieden. Und das ändert sich erst so Ende der 50er-Jahre, diese Einschätzung. SPRECHERIN Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten ist selbstverständlich. Der Idealtypus eines Mannes hat eine stramme Haltung und trägt Uniform. Und dann knattern da plötzlich ein paar Halbstarke in Lederjacke auf ihrem Moped durch die Stadt, hören „Dschungelmusik“, wie es heißt, und hängen auf der Straße herum – wie beim Cafe Punkt im Wedding. Der Kulturschock für viele Ältere muss unvorstellbar gewesen sein. ZSP 8 Mrozek Flammenwerfer Und bei allen Verstößen gegen diese auch ästhetischen Normen, die eigentlich noch in der NS-Zeit etabliert waren. Da war der Ruf nach Haare abschneiden, Konzentrationslager oder Flammenwerfer nicht weit. SPRECHERIN Bodo Mrozek ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Autor des Buches „Jugend – Pop – Kultur. Eine transnationale Geschichte“. Die Jugendlichen, die so viel Anstoß erregen: sie kommen häufig aus der Arbeiterklasse und fallen auf, weil sie Jeans anhaben, manchmal Lederjacken und weil sie sich in Gruppen auf öffentlichen Plätzen treffen. Mitte der 1950er kommt es in vielen deutschen Großstädten zu Krawallen. ZSP 9 Mrozek Hannover Und es reichte da wenig aus, um zu provozieren. In Hannover gab es einen Fall, wo auf der Straße, äh, Jugendliche überhaupt nur getanzt haben. Ein Vater entdeckt seine Tochter bei diesen obszönen Tänzen und zerrt sie davon, teilte aber vorher auch noch Boxhiebe an die jungen Tänzer aus. Und die reagieren natürlich darauf. Daraus entwickelt sich so ein groß Krawall. Und da sieht man exemplarisch, dass jetzt eigentlich die Gewalt nicht immer von den Jugendlichen ausging, sondern oftmals von der erwachsenen Kommunalgesellschaft, die sich durch ungewohnte Kultur provozieren ließ. Musik 5: Der Postraub - 39 Sek SPRECHERIN Die „Halbstarken“ sind Thema in vielen Tageszeitungen - und im Radio. ZSP 10 Diskussion mit Halbstarken 1 (frei ab 0:10 bis 0:23min; Archivnummer / Take: DK101130 Z00; Diskussion mit Halbstarken) Seit Monaten häufen sich in der der Tagespresse fast aller großen Städte der Bundesrepublik die fetten Schlagzeilen über Verbrechen und Ausschreitungen Jugendlicher. Das heißt – Pfui! – Sei stad jetzt, was schreist denn jetzt scho, da hast ja danach nichts mehr drin in der Kehle. SPRECHERIN Der Münchner Stadtrat Mühlbauer spricht aber nicht nur über Halbstarke. Auch Jugendliche selbst kommen auf der Veranstaltung zu Wort, die der Bayerische Rundfunk am 21.09.1956 sendet. ZSP 11 Diskussion mit Halbstarken 2 (ab 0:08min; Archivnummer / Take: DK101130 Z00; Diskussion mit Halbstarken) Man kann die Vorfälle, die heute ab und zu vorkommen, einfach nicht der gesamten Jugend in die Schuhe schieben! SPRECHERIN Die Hysterie, die um die Jugendkriminalität entsteht, sagt vielleicht weniger über die Jugend aus als über die sich empörenden Bürger. ZSP 12 Mrozek Jugendkriminalität Man ging also auch in wissenschaftlichen Untersuchungen damals davon aus, wenn jetzt minderschwere Abweichung von der Norm geschehen, dass da eine ganze Generation von Kriminellen heranwächst, die dann auch als Erwachsene das Land dominieren. SPRECHERIN Dabei ist die Abweichung von der Norm, zumindest auf der popkulturellen Ebene, genau das, was auch in der großen Politik passiert. Kanzler Konrad Adenauers Regierung aus Union und FDP setzt die Westbindung durch. 1955 gründet die Bundesrepublik die Bundeswehr und tritt der NATO bei. ZSP 13 Adenauer NATO (Archivnummer: H0000850020) Ich sehe in dem Eintritt der Bundesrepublik in den Nordatlantikpakt, einen Ausdruck der Notwendigkeit, den engen Nationalismus zu überwinden, der in den Vergangenen Jahrhunderten vielen Unglücks war. SPRECHERIN Die Jugendlichen orientieren sich auch nach Westen und hören amerikanische Rock’n’Roller wie Bill Haley oder Elvis Presley und schauen Filme mit Marlon Brando. Musik 6: Elvis Presley - Don't be cruel (to a heart that's true) – 37 Sek SPRECHERIN Ganz nebenbei entsorgen sie schon mal ein preußisches Männerideal, das viele Deutsche noch länger hochhalten. Die Stars aus Amerika – und deren deutsche Nachahmer wie der Sänger Peter Kraus – begeistern durch Lässigkeit, nicht durch stramme Haltung. In der ganz frisch gegründeten Jugendzeitschrift Bravo steht neben einem Poster von Marlon Brando. SPRECHER 2 „Marlon ist ein so salopper Zivilist, daß er sich grundsätzlich in keiner Uniform wohlfühlt.“ Musik 7: Conny – Lippenstift am Jacket – 34 Sek SPRECHERIN Die Bravo schreibt natürlich auch über Schlagerstars, die die deutsche Hitparade dominieren. Fred Bertelmann, Peter Alexander, Margot Eskens, Freddy Quinn und Conny… Musik hoch… SPRECHERIN Die neue Lässigkeit und die Abkehr vom Soldatenideal passt auch zu den Protesten gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Viele lehnen Anfang des Jahrzehnts eine neue deutsche Armee ab – aus Kriegsangst, die auch durch die Geschehnisse im Fernen Osten bestärkt wird 1950 greift Nordkorea Südkorea an. Ähnlich wie DDR und BRD sind die beiden Länder aus einer sowjetischen und einer US-amerikanischen Besatzungszone hervorgegangen. Der Historiker Harald Biermann: ZSP 16 Biermann Kriegsangst Kriegsangst war eben real, weil sechs Jahre zuvor der größte Waffengang der Weltgeschichte zu Ende gegangen war. Also jeder konnte sich damals vorstellen, was es heißt, in Mitteleuropa einen Krieg zu haben. Und dieses koreanische Muster sozusagen drohte eben auch in Europa umgesetzt zu werden. SPRECHERIN Der überstandene Krieg prägt die Zeit – das heißt aber nicht, dass nun in der Bundesrepublik die deutsche Schuld zum öffentlichen Thema wird. Die meisten sehen sich selbst als Opfer des Krieges und als von Hitler und seiner Verbrecherclique Verführte. ZSP 17 Biermann Beschäftigung NS Es ist keine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, aber durchaus eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, obwohl natürlich gesagt werden muss, dass zum Beispiel die Vernichtung der europäischen Juden im Großen und Ganzen kein gesellschaftliches Thema ist. Musik 8: Der Staat gegen Fritz Bauer – siehe oben – 53 Sek SPRECHERIN Über den Holocaust wird nicht gesprochen. Die Wehrmacht gilt im Gegensatz zur SS als saubere Armee und wird gerade nach der Wiederbewaffnung 1955 in Kriegsromanreihen gefeiert. „Der Landser“ verkauft sich hunderttausendfach. Die Kriegsangst tritt da schon in den Hintergrund. 1953 ist der Koreakrieg zu Ende gegangen. 1955 erlangt die Bundesrepublik dann auch die Souveränitätsrechte von den Alliierten zurück. Und eine andere Nachricht rührt das ganze Land: Adenauer reist nach Moskau. In Sachen Wiedervereinigung erreicht er nichts, aber er bringt die Nachricht mit nach Hause, dass die letzten deutschen Kriegsgefangenen von den Sowjets entlassen werden. Die „Heimkehr der Zehntausend“. TON 18 Biermann Aufbruch Das war natürlich ein Aufbruch in eine neue Zeit, auch ein nachholen, also einerseits davongekommen, andererseits Aufbruch. Und dann, wenn die 50er-Jahre sich etwas weiterentwickeln, auch zunehmender Wohlstand der aber, und das muss man hier, glaube ich, noch einmal unterstreichen, hart erarbeitet werden musste. Musik 9: Wirtschaftswunder Archivnummer: ZZ223375220 – 19 Sek „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, jetzt kommt das Wirtschaftswunder“… SPRECHERIN Das Wirtschaftswachstum liegt im Durchschnitt bei 8 Prozent. Heute unvorstellbar. ZSP 20 Ludwig Erhard - Wirtschaftskommentar Zukunft Was hinter uns liegt, die Wiedererstarkung deutschen Lebens aus Trümmern und Verzweiflung mag uns wohl Trost und Hoffnung geben, dass in solchem Sinne Vergangenheit fruchtbar und lebendig bleibt, SPRECHERIN Wirtschaftsminister Ludwig Erhard mit seiner Zigarre ist die Ikone dieser Zeit. ZSP 20 Erhard weiter aber alles was den Menschen und ein ganzes Volk bewegt, gilt der Zukunft, hofft auf das morgen. SPRECHERIN Sechs Tage die Woche, 48 Stunden arbeiten viele Deutsche zu der Zeit. ZSP 21 Werbung für Coca Cola aus den 50ern: Archivnummer / Take: WR030570 Z00 – 4 Sek – Sendereichte frei Mach mal Pause, Coca-Cola! SPRECHERIN Die deutschen Männer vor allem sind erwerbstätig. Nachdem die Frauen in der Kriegszeit den Laden geschmissen haben, sollen sie sich wieder um den Haushalt und die Familie kümmern. Oder wenn, dann in Bereichen arbeiten, die den Frauen vorbehalten sind. ZSP 22 Werbung Uhu (WR031670113, Senderechte frei) Gisela, eine Sekretärin wie tausend andere -Ich nehme Uhu gegen Laufmaschen. Einfach toll! -Aah. Musik 10 – Ein guter Informant – 1:05 Min SPRECHERIN „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ – so steht es im Grundgesetz von 1949. Und das nur, weil Friederike Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Wessel und Helene Weber dafür gekämpft haben. Neben 61 Männern waren sie die einzigen vier Frauen im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz erarbeitet hat. Die Adenauer-Regierung tut dann aber wenig dafür, diesen Satz aus der Verfassung mit Leben zu füllen. ZSP 23 Adenauer Frauen [Archivnummer: DK30105] Wir Männer merken eigentlich immer erst, was unsere Frauen bedeuten, wenn sie fehlen. Dann fehlt es überall im Haus. SPRECHERIN Noch bis 1957 gilt folgender Paragraph im Bürgerlichen Gesetzbuch: SPRECHERIN 2 "Dem Mann steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung." SPRECHERIN Erst Ende der 50er erhalten Frauen bekommen mehr Rechte und die Arbeiter mehr Freizeit. Erste Branchen führen den freien Samstag ein. Die meisten Vatis werden am langen Wochenende trotzdem nicht die Kinder hüten – oder beim Zubereiten des Sonntagsessens helfen: ZSP 26 Biermann Schmorrbraten Lang gebraten, Schmorrbraten mit Leipziger Allerlei und frischen Kartoffeln. SPRECHERIN Der Präsident des Hauses der Geschichte Deutschlands Harald Biermann nennt ein typisches Essen für die Zeit. ZSP 27 Biermann Fresswelle Natürlich gab es diese Fresswelle, dass man eben nachholte, was in den Vierzigerjahren sagen wir jetzt mal nicht möglich war. Aber wenn man jetzt ökologisch korrekt ernährungstechnisch auf dem neuesten Stand wäre, muss man sagen, dass die Ernährung wahrscheinlich in den 50er Jahren besser war, weil man eben Braten nur sonntags aß also. Sonst gab es in den ganz vielen Fällen kein Fleisch. SPRECHERIN Die ersten Urlauber beginnen in den 50ern schon die lange beschwerliche Reise auf der alten Brenner-Passstraße nach Italien. Mitte des Jahrzehnts fährt aber erst ein Viertel aller Deutschen überhaupt auf Urlaubsreise. Das Ziel liegt fast immer in Deutschland. Und viele können von Reisen nur träumen. Gerade weil die Welt für viele noch so weit weg ist, gedeiht das Fernweh. Musik 11: Komm ein bisschen mit nach Italien – 15 Sek Komm ein bisschen mit nach Italien, komm ein bisschen mit ans blaue Meer. Und wir tun als ob das Leben eine schöne Reise wär… Musik 12: Tipitipitipso Länge: 30 Sek - SPRECHERIN Noch weiter weg als Italien – vollkommen unvorstellbar. Aber im Kino oder im Schlager: Da ist alles möglich Musik 13: Schwarzwaldmädel - 13 Sek SPRECHERIN Nicht nur im Schlager ist die Welt in Ordnung – auch im Heimatfilm. ZSP 32 Biermann Kino Der Heimatfilm hatte eine Entlastungsstrategie also gerade in den frühen 50er-Jahren. Wenn man, wenn man sagt, rund um mich herum war viel Vernichtung, war auch viel Ärger, war viel Anstrengung, dann entfloh man eben für anderthalb Stunden in ein Kino. ZSP 33 34 Biermann Grün ist die Heide also wenn sie an „Grün ist die Heide“ denken dann das war, glaube ich, der erfolgreichste Heimatfilm. Musik 14: „Geheimnis“ – 50 Sek SPRECHERIN In „Grün ist die Heide“ wird ein verbitterter Vertriebener zum Wilderer. Früher hatte Lüder Lüdersen ein herrschaftliches Anwesen und viel Wald. Nach der Flucht aus dem Osten mit seiner Tochter in die Lüneburger Heide muss er als Verwalter arbeiten – und wildert. Als ein Gendarm erschossen wird, fällt der Verdacht auf ihn. Dabei steckt ein wirklich gewissenloser Wilderer und Schurke hinter dem Mord. Auf ihn trifft er in der Heide. Es kommt zum Kampf, Lüdersen wird verwundet. Aber der Förster rettet ihm das Leben - und kommt endgültig mit dessen Tochter zusammen. ZSP 33 34 Biermann Grün ist die Heide weiter Da wird schon sehr genau darauf geachtet, das die Vertriebenen, die eben dort auch eine Rolle spielen, sozusagen dann in die Heimat integriert werden. Und das sind schon - also bei aller sage ich mal oberflächlichen Ästhetik, ganz interessante gesellschaftliche Entwicklungen, die dort abgebildet werden. Musik 15: Das Verhör der Gang – 20 Sek SPRECHERIN Aber auch um die jugendlichen Mopedfahrer drehen sich Filme. Einer heißt sogar „Die Halbstarken“. Die Hauptfigur Freddy stiftet seine Bande zum Überfall auf ein Postauto an. Am Ende geht alles furchtbar schief und er wird verhaftet. 1957 zählen die Kinos über 800 Millionen Besucher. Zum Vergleich: 2023 sind es unter 100 Millionen. Die Menschen suchen in den 50ern im Kino nicht nur Ablenkung. Es laufen auch Nachrichten: Die Wochenschauen. Da die Fernseher erst langsam in den Wohnzimmern ankommen, informieren die Menschen sich in den Kinos. Mit der Zeit haben sie immer mehr Geld für Musiktruhen, Schallplatten, Mopeds und Schmorbraten. Der Konsum zeigt vielleicht am besten, dass die 50er wie jedes Jahrzehnt einer willkürlichen Einordnung folgen. Denn die Unterschiede zwischen 1950 und 1959 sind gewaltig. Das Geld, das zum Ausgeben übrigbleibt, verdoppelt sich in dem Zeitraum. Vom Wirtschaftswunder-Chanson kennt jeder den Refrain, aber so fängt er an: Musik 16 Jetzt kommt das Wirtschaftswunder – 18 Sek Die Straßen haben Einsamkeitsgefühle und fährt ein Auto ist es sehr antik. SPRECHERIN Aber dann kommt das Wirtschaftswunder und 1955 läuft der Millionste Käfer vom Band. ZSP 36 Biermann Staus Anfang der 50er Jahre hatte fast niemand ein Auto, und Ende der 50er-Jahre gibt es in allen größeren Städten Staus. Musik 17: Goofin‘ around – siehe vorn – 17 Sek SPRECHERIN So langsam konnten sich die Bürger wieder was leisten. Nach Jahren des Darbens, haben alle freudig mitkonsumiert. Auch die aufmüpfigen Jugendlichen mit ihren Mopeds hätten gewollt. Die „Halbstarken.“ Die amerikanischen Stars machen ihnen ja vor, wie man lässig aussieht. SPRECHERIN Der Historiker Bodo Mrozek hat zu Jugendkulturen in der Mitte des 20. Jahrhunderts geforscht. Der Markt hat im Gegensatz zu den Eltern kein Problem mit den aufmüpfigen Jugendlichen- und bald gibt es alles, was deren Herz begehrt. ZSP 38 Mrozek Bravo Mode Diese Wirtschaftsgeschichte ist ja kaum zu verstehen, wenn man nicht die Attraktion popkultureller Images versteht, von der Schallplatte übers Abspielgerät zum übers Kleinkraftrad hin bis zum T-Shirt. Das sind ja eigentlich die Ansätze, die auf kultureller Ebene gesetzt werden und dann in Angebot und Nachfrage zu harter Wirtschaftsgeschichte umgemünzt worden sind. SPRECHERIN Am Ende der 50er stellen Meinungsforscher dann fest: Die ganze Aufregung, um eine kriminelle Generation, die da angeblich heranwächst, war umsonst. Die Jugendlichen teilen die Werte der Elterngeneration. ZSP 39 Mrozek Werte der Elterngeneration Sie wollten ein Eigenheim, einen sicheren Job und eine Familie gründen. SPRECHERIN Und doch haben die so genannten Halbstarken einen Anteil daran, wie wir heute leben. Sie haben damit begonnen, die Kultur in Deutschland umzukrempeln. ZSP 40 Mrozek Avantgarde Das war ja eigentlich genau die Westbindung, die die Bundesrepublik auch durch die Kulturpolitik, die starke Orientierung an Amerika allmählich vollzogen hat, um eben auch aus diesem deutschen Nationalismus. Und man muss ja auch sagen, aus dem Nationalsozialismus allmählich heraus zu kommen. Und so gesehen waren die Jugendlichen schon eine Avantgarde, die kulturelle Entwicklung vorweggenommen hat, die die Bundesrepublik später ganz offiziell vollzogen hat, auch wenn es zu keine expliziten politischen Forderungen gehabt, die von dieser Jugend jetzt lautstark erhoben worden wären. SPRECHERIN Die 50er Jahre in der Bundesrepublik waren ein Jahrzehnt des Aufbruchs. Viel lebendiger und aufregender als unser kollektives Gedächtnis häufig erinnert. Optimismus und steigender Wohlstand prägen das Lebensgefühl. Demokratische Werte finden immer mehr Resonanz, aber es wird noch dauern, bis es eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und der deutschen Schuld gibt. Die Vernichtung der europäischen Juden ist eine dröhnende Leerstelle, über die so gut wie keiner spricht. Musik 18: Der Staat gegen Fritz Bauer (Epilog) – siehe vorn – 41 Sek Trotz des Aufbruchs, die biedere und ordnungsliebende Anmutung der Zeit, von der sich die Halbstarken abgewendet haben, ist nicht im Nachhinein erfunden. Das zeigt auch ein letztes Klischee, das hier entlarvt werden soll. Musik 19 – Immer elegant – 36 Sek 50er Jahre Möbel aus dem 20. Jahrhundert sind im 21. Jahrhundert wieder gefragt. Der Nierentisch mit leicht schräg nach außen stehenden Beinen ist hip. ZSP 41 Biermann Nierentisch So sah aber keine Wohnung aus. Die Realität war immer allgemeiner gesprochen. Die Realität war Gelsenkirchener Barock. Also die Menschen vertrauten auf die Möbel, die sie haben retten können, aus den 20er oder 30er Jahren. Also Eiche rustikal Schrankwand und der röhrende Hirsch über dem über dem Sofa.

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