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Zikaden - Der Sound des Sommers

11.06.2025 · 23 Min.

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Über diese Folge

Wie kann ein kleines Insekt so laute Geräusche erzeugen? Diese Frage stellt sich mancher Mittelmeer-Urlauber beim Gesang der Zikaden. Längst nicht alle Zikadenarten singen, manche sind lästige Pflanzenschädlinge. (BR 2017) Autorin: Christiane Seiler

Credits
Autor/in dieser Folge: Christiane Seiler
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Julia Cortis
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Bernhard Kastner

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

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  • Anderes Alter, andere Zeit - Warum ändert sich unser Zeitgefühl?

    12.06.2025 · 23 Min.

    Die Sommer der Kindheit haben scheinbar ewig gedauert. Und auch die Jugend war eine Lebensphase, in der Zeit reichlich vorhanden war und nur sehr langsam verging. Aber je älter wir werden, desto mehr rasen die Jahre dahin. Woran liegt das? An Routinen und Automatismen, die sich im Laufe des Lebens etablieren? Von Daniela Remus (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Anja Scheifinger Es sprach: Caroline Ebner Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Jacob Bellmund, Max Planck Institut für Kognition und Neurowissenschaften Prof. Tatjana Tchumatchenko, Neurowissenschaftlerin, Universität Bonn Dr. Marc Wittmann, Zeitforscher, Universität Freiburg Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Welt in unter 30 Minuten besser verstehen? Das geht nicht? Doch, das zeigt der tagesschau Podcast 11KM. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN Pommes, ein mit Eis verschmiertes Handtuch, Süssigkeiten und der Geruch von Sonnencreme. ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN Wie habe ich die Sommer früher genossen. Mit Freundinnen und Freunden lagen wir stundenlang auf der Wiese des Freibads. Rannten gemeinsam zum Sprungbecken, übten elegante Köpfer und wasserspritzende Arschbomben. Und irgendjemand wurde jedes Mal mit großem Geschrei von den anderen ins Wasser geworfen… ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN In meiner Erinnerung dauerten diese Sommer eine gefühlte Ewigkeit. Atmo Schlitten? Aber auch die Winter währten grenzenlos lange. Im Rückblick kommt es mir so vor, als hätten wir monatelang Schneemänner gebaut und seien Schlitten gefahren. Aber je älter ich werde, desto kürzer werden nicht nur die Sommer und Winter, nein, ganze Jahre schnurren in meiner Erinnerung zusammen, wie ein Luftballon, dem Luft entweicht. TAKE 1 (O-Ton Wittmann) L. 0, 15 Wenn wir rückblicken auf Zeitintervalle, dann ist der entscheidende Faktor für unser Gefühl für Dauer oder wie schnell ein Intervall vergangen ist, das Gedächtnis. SPRECHERIN Erklärt Dr. Marc Wittmann. Er ist einer der wenigen Forschenden in Deutschland, der sich mit der Wahrnehmung von Zeit beschäftigt. Und zwar am Institut für Grenzgebiete der Psychologie an der Universität Freiburg. Der Psychologe hat herausgefunden, dass vor allem das, was neu ist, vom Gedächtnis besonders intensiv gespeichert wird. TAKE 2 (O-Ton Wittmann) L: 0, 35 Und das erklärt uns auch, warum wir in der Kindheit, im Jugendalter, aber auch im frühen Erwachsenenalter das Gefühl haben, die Zeit war viel länger, wenn wir jetzt zurückblicken, weil so viel Neuartiges passiert ist. Also der erste Kuss, das erste Bier mit den Spezln. Dann ziehen wir aus dem Elternhaus aus, machen eine Ausbildung, Studium etc. diese ganzen Dinge sind so neuartig und einzigartig erst einmal, dass die ganz besonders im Gedächtnis haften bleiben. Und wenn wir uns dann zurückerinnern, dann kommt uns das so lang vor! SPRECHERIN Die Erinnerung an meine scheinbar endlose Kinderzeit ist also erst einmal gar nichts Besonderes. Dass ich mich an vermeintlich grenzenlose Sommer erinnere, an nicht endenwollende Schuljahre liegt nicht daran, was genau ich als Kind und wie erlebt habe, sondern vielmehr daran, wie das menschliche Gehirn arbeitet, und damit auch meins, erklärt Prof. Tatjana Tchumatchenko, Neurowissenschaftlerin an der Universität Bonn: TAKE 3 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0,30 Das Gehirn kennt nur die Aktivität in den einzelnen Bereichen des Gehirns. Also im visuellen Cortex, im auditorischen Cortex, im Bereich, der für Gefühle zuständig ist… also alle Areale liegen dem Gehirn vor und anhand dieser Aktivität in diesen Arealen und der Frage wie komplex, wie aktiv das Gehirn insgesamt ist, anhand dieser Aufnahme schätzt das Gehirn, wie lange etwas gedauert hat. Musik Flatliners Länge: 0´15´ SPRECHERIN Und je mehr komplexe Sinneseindrücke das Gehirn verarbeiten muss, desto länger kommt uns die vergangene Zeit vor. Und zwar im Rückblick, wenn wir uns erinnern. TAKE 4 (O-Ton Tchumatchenko) L. 0, 15 Je komplexer, desto länger wird es für uns erscheinen: Das heißt, wenn wir an die Schulzeit zurückdenken, der erste Schultag kommt unser immer länger vor als der letzte Schultag. Weil der erste Schultag viel mehr Eindrücke hervorgerufen hat, viel mehr Emotionen, viel mehr Sachen waren neu. Musik Flatliners Länge: 0´52´ SPRECHERIN Die Wahrnehmung und Einordnung einer Zeitdauer ist immer eine Rekonstruktion. Das Gehirn stellt sie her, indem es – vereinfacht gesagt - auf seine Gedächtnisinhalte zurückgreift. Denn wir Menschen haben keinen Sinn für die Zeit, so wie wir Augen für das Sehen und Ohren für das Hören haben. Und Erlebnisse, die uns überrascht haben, die uns emotional besonders berührt oder erschreckt haben, werden besonders intensiv erinnert. Deutlich besser als banale Erlebnisse der Alltagsroutine. Diese Eigenschaft des Gehirns ist ein entscheidender Grund dafür, warum es den meisten von uns so vorkommt, als verginge die Zeit immer schneller, je älter wir werden, erklärt Zeitforscher Marc Wittmann: TAKE 5 (O-Ton Wittmann) L: 0, 20 Wenn wir älter werden, dann kommen wir immer mehr in die Falle der Routine, dann sind wir vielleicht 30 Jahre am selben Arbeitsort, im selben Job, und dann werden nicht mehr so viele Dinge als besonders eingespeichert und deswegen kommen uns dann Zeitintervalle irgendwie relativ kürzer vor. Musik Pulsating environments Musik Flatliners Länge: 0´37´´ SPRECHERIN Selbst Jahre, in denen wir, objektiv betrachtet, sehr viel in unserem Leben bewältigt haben, etwa mit frühem Aufstehen, Schulbrote schmieren, Kinder pünktlich zur Schule schicken, Wohnung aufräumen, im Job bestehen, aber auch darauf achten, dass der Kühlschrank gefüllt ist, die alten Eltern besucht, Freunde und Partner nicht vernachlässigt werden: Solche Jahre schnurren oft in der Erinnerung zu kurzen Intervallen zusammen. Weil es nicht ausschließlich die Vielzahl von Erlebnissen ist, die die Zeit im Rückblick dehnt, sondern ganz offenbar auch deren Qualität: TAKE 6 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Gerade das mittlere Erwachsenenalter ist eigentlich das, wo wir auch den meisten Zeitdruck spüren und die meisten Dinge tun, die Überladung durch einerseits Arbeit, weil wir irgendwo versuchen uns eine gute Position zu ergattern, gleichzeitig vielleicht Familie, Kinder und das muss man alles gleichzeitig unter einen Hut bringen. Da macht man eigentlich besonders viel, aber trotzdem haben wir das Gefühl im Vergleich zu vor 10, 20, Jahren, dass die Zeit trotzdem schneller geht. SPRECHERIN Und das liegt daran, dass das Neuartige, das Besondere, das Intensive an dem Erlebten fehlt. An die Geburt meiner Kinder kann ich mich beispielsweise noch sehr detailreich erinnern, aber die vielen durchwachten Nächte danach sind in der Rückschau nur noch eine Episode, eben weil sie in dieser Lebensphase zur Routine des Alltags fest dazugehörten TAKE 7 (O-Ton Tchumatchenko) L 0, 35 Wir haben ja festgestellt, dass die komplexe Aktivität, die wir erlebt haben, zu einer komplexen neuronalen Aktivität führt. Und dass diese komplexe neuronale Aktivität zu dieser Fehleinschätzung führt, dass sie länger gebraucht hat in dem Ablauf. Das heißt, unsere Erinnerungen später sind mit einem Tack versehen, der heißt, das ist eine längere Phase gewesen, die wir hier abgespeichert haben. SPRECHERIN Wird diese Erinnerung aus dem Langzeitgedächtnis in den aktiven Teil des Gedächtnisses zurückgerufen, so Tatjana Tchumatchenko, dann liefert das Gedächtnis nicht nur die Komplexität und Qualität dieses Erlebnisses mit, sondern auch die damalige Zeitwahrnehmung. Musik Summer lights Länge: 0´36´´ Dieser Prozess ist dafür verantwortlich, weshalb beispielsweise der erste Konzertbesuch oder der erste Schultag in der Erinnerung Stunden länger gedauert haben, als das erste Konzert, das ich mir auf dem Fernseher oder im Kino angeschaut habe. Denn die Komplexität dieser filmischen Sinneseindrücke ist extrem viel reduzierter als die eines „echten” Konzertbesuchs. Und diese verschiedenen Sinneseindrücke prägen die Zeitwahrnehmung, wie die Forschenden in einfachen Experimenten zeigen konnten: TAKE 8 (O-Ton Tchumatchenko) L. 0,15 Was auch in Versuchen sehr schön zu sehen ist, ist, wenn wir die gleiche Aufgabe die Probanden durchführen lassen, beim ersten Mal werden sie abgelenkt durch andere Reize, wird diese Aufgabe ihnen länger erscheinen als bei Kontrollversuchen ohne Ablenkung. Atmo Straßenverkehr SPRECHERIN ((Und das erklärt auch, warum beispielsweise Wege, die wir das erste Mal gehen, uns länger erscheinen als der Rückweg derselben Strecke. Weil wir dann alles genau anschauen: Die Bäume an der Straße und die Baustelle, spielende Kinder im Park oder die vielen LKW, die sich auf der rechten Spur stauen.)) Dieses Abspeichern der vielen, unterschiedlichen Sinneseindrücke ist auch der Grund dafür, warum wir eine Wochenend-Reise in eine uns vorher unbekannte Gegend oder Stadt im Gedächtnis als viel gedehnter speichern, als ein gemütliches Wochenende zuhause, an dem wir vor allem Kleinkram erledigen. In der Erinnerung ging das in Windeseile vorbei. MUSIK Hidden Länge: 0´43´ SPRECHERIN Beim Rückblick in meine Kindheit erinnere ich mich auch noch an endlos erscheinende Tage, die sich aber von den ereignisreichen deutlich unterschieden haben. Beispielsweise fallen mir Sonntage ein, an denen rein gar nichts passiert ist, und die sich endlos hinzogen. An denen nichts los war, außer vielleicht ein Spaziergang mit meinen Eltern. Das komplette Gegenteil also von einer ereignisreichen Zeit. Wie passt das zu den bisher gehörten Erkenntnissen der Zeitforscher? TAKE 9 (O-Ton Wittmann) L: 0,15 Das ist das Im-Moment-Erleben. Was Sie erinnern in Ihrer Kindheit, die langweiligen Momente, das ist die Erinnerung an die Langeweile. (…) eher so, oh da war mir langweilig … SPRECHERIN Sagt Marc Wittmann von der Universität Freiburg: TAKE 10 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Das ist eben ein bisschen was anderes: Wie kommen wir zu unserem Gefühl der Langeweile? Dass wir im Moment, nicht rückblickend, im Moment auf die Zeit achten und wenn ich auf die Zeit achte, dann wissen wir, vergeht sie viel langsamer. SPRECHERIN Und daran erinnern wir uns später. Musik schnell-langsam oder Metronom im Wechsel Zeit kann nicht nur in der Erinnerung, sondern auch im aktuellen Erleben extrem unterschiedlich wahrgenommen werden: Mal schnell und mal sehr langsam vergehend. MUSIK Hidden Länge: 0´40´ Und so, wie wir sie im Moment erleben, so wird sie dann auch erinnert. Deshalb kommen uns langweilige Tage auch in der Erinnerung noch als zäh und langweilig vor, weil wir uns an das Gefühl der erlebten Langeweile erinnern. Und die kommt dadurch zustande, dass wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. Jede und Jeder kennt diese simplen Beispiele: Stehe ich allein und dann noch bei eisiger Kälte oder heftigem Regen wartend an einer Bushaltestelle, dann sind selbst 5 Minuten ellenlang und quälend. Warte ich dagegen gemeinsam mit einer Freundin, rede mit ihr über das bevorstehende Wochenende, dann gehen diese 5 Minuten richtig schnell vorbei. TAKE 11 (O-Ton Wittmann) L 0, 30 Worauf achte ich, wenn ich auf die Zeit achte? Das ist ja schon ein Rätsel als solches, selbst wenn ich die Uhr vergessen hab, und ich die Zeitangabe auf meinem Handy nicht beachte, trotzdem erlebe ich die Zeit. Wie komme ich zu meinem Gefühl der Zeit? Des Rätsels Lösung ist, wie die neuesten Metaanalysen von Studien zeigen, dass das etwas mit der Körperwahrnehmung zu tun hat. SPRECHERIN Bereits vor rund 15 Jahren hat der Freiburger Psychologe Marc Wittmann mit Untersuchungen zeigen können, dass vor allem ein bestimmtes Areal im Gehirn dafür verantwortlich ist, wie wir in einem konkreten Moment die Zeit wahrnehmen. Dieses Areal ist die sogenannte Insula. Auch Inselrinde oder insulärer Cortex genannt. Dabei handelt es sich um ein kleines Hirnareal, das auf beiden Seiten der Großhirnrinde situiert ist: TAKE 12 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Die ist das primäre Organ für unsere Körperwahrnehmung. So wie wir ein primäres Organ im Gehirn für das Sehen und Hören haben, gibt es auch einen fürs Körperfühlen. Ob mir kalt ist oder heiß, wenn ich Schmerzen hab, wenn ich Hunger hab, wenn ich Durst hab, dann ist die Insel sehr aktiv, durch die Signale, die aus den Körper dort zusammenlaufen. Musik Stock up Länge: 0´54´ SPRECHERIN Ob ich müde oder schlecht gelaunt bin, den Wadenmuskel gezerrt habe oder heiter und voller Vorfreude auf das Treffen mit Freunden bin, diese Informationen werden im Körper gesammelt und dann zum insulären Cortex geschickt. Und aus all diesen Gefühlen, Eindrücken und Informationen entsteht die Körperwahrnehmung und daraus wiederum das sogenannte Körperselbst. Wenn ich mich auf meinen Körper fokussiere, eben weil ich beispielsweise lange auf den Bus warten muss und die Kälte oder den Hunger spüre, oder weil ich starke Schmerzen habe, dann hat das auch Auswirkungen auf meine Wahrnehmung der Zeit. Diese Erkenntnis von Marc Wittmann ist in der Zwischenzeit von anderen Forschenden bestätigt worden. Die Zeit vergeht bei der Hinwendung auf das Körperselbst scheinbar deutlich langsamer, als wenn ich viel zu tun habe: TAKE 13 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Wenn ich nicht auf mich achte, weil ich abgelenkt bin, z.B. weil ich jetzt mein Handy zücke und mal schaue, was so die neuesten Nachrichten sind, dann bemerke ich mich nicht mehr… und die Zeit vergeht plötzlich ganz schnell. SPRECHERIN Neben dem Zeitgefühl in der Erinnerung oder der Zeitwahrnehmung im konkreten Moment gibt es noch eine weitere Ebene des zeitlichen Erlebens, wie die Forschenden herausgefunden haben. Denn selbst wenn wir ohne Uhr oder anderen Zeitangaben unterwegs sind, können wir Zeiträume relativ gut einschätzen. TAKE 14 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 15 Wenn wir wissen, wir müssen um eine bestimmte Zeit dort sein, bedeutet das nicht für das Gehirn, dass es genau weiß, wie viele Minuten exakt es bis zu diesem Ereignis sind, sondern wir denken in Handlungsabfolgen. SPRECHERIN Erklärt die Neurowissenschaftlerin Tatjana Tchumatchenko: TAKE 15 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 20 Wir wissen, aha, ich muss zur Arbeit erscheinen. Das heißt, ich muss zuallererst aus der Tür rausgehen, die U-Bahn besteigen, dann muss ich aus der U-Bahn rausgehen, das heißt, wenn wir ein bestimmtes Ereignis in einer bestimmten Zeit erreichen wollen, müssen wir es in eine Handlungsanweisung übersetzen. Und diese Handlungsanweisung ist das, was das Gehirn abspeichert. Musik Stock up Länge: 0´31´ SPRECHERIN Und deshalb kann das Gehirn aus Erfahrung mit einer gewissen Ungenauigkeit abschätzen, wieviel Zeit beim Zähneputzen, Anziehen oder beim Kaffeetrinken vergeht und wieviel Zeit uns dann noch bleibt, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Dieses Denken in Handlungsabfolgen hilft aber nicht nur dabei, sich in der Zeit – auch ohne Zeitmesser – zu orientieren, sondern auch dabei, Ereignisse zeitlich einzuordnen. Dazu hat Dr. Jacob Bellmund geforscht. Er arbeitet am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig: TAKE 16 (O-Ton Bellmund) L: 0, 30 Wir haben keinen direkten Sinn für Zeit, aber für unser Gehirn ist Zeit oder Rhythmen natürlich sehr wichtig. Auf verschiedenen Ebenen. Wenn mir jemand einen Ball zuwirft, muss ich ganz präzise abschätzen können, wann der bei mir ankommt, wenn ich ihn fangen will, oder anderseits steuert unser Gehirn auch die Ausschüttung von Hormonen, in einem zirkadianen Rhythmus in unserem 24 Stunden Tag-Nacht-Rhythmus. SPRECHERIN Dieser zirkadiane Rhythmus wird umgangssprachlich auch als innere Uhr bezeichnet. Und sie ist existentiell für uns, weil sie lebenswichtige Vorgänge im menschlichen Körper steuert. Aber damit ist der Mensch keine Ausnahme, selbst kleinste Lebewesen wie Einzeller verfügen über einen inneren Biorhythmus, der ihren Tagesablauf regelt. Die innere Uhr des Menschen hat einen Rhythmus von ungefähr 24 Stunden, erklärt Zeitforscher Marc Wittmann: TAKE 17 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Die chronobiologische Uhr, die unseren Schlaf-Wach-rhythmus steuert, die uns über 24 Stunden quasi organisiert, physiologisch aber auch psychologisch, ist tatsächlich eine echte innere Uhr. Von der eigentlich all unser Befinden und unser Denken aber auch die ganz basalen Körperprozesse wie Verdauung, abhängen, oder Temperaturregelung, und das hält uns, in Synchronizität mit dem, was draußen passiert. SPRECHERIN Und selbst wenn Menschen ohne Tageslicht und andere äußere Einflüsse über einen längeren Zeitraum leben müssen, dann, so haben Experimente in den 1960er Jahren gezeigt, gibt die innere Uhr weiter den Takt an. Sie verrutscht dann zwar leicht, um bis zu eine Stunde, aber sobald die äußeren Einflüsse wie Tageslicht wieder da sind, gleicht sich die innere Uhr an den Tag-Nacht-Rhythmus der Umgebung wieder an. Ist diese innere Uhr vielleicht auch dafür verantwortlich, dass wir Erinnerungen zeitlich korrekt einordnen können? Ist sie eine Art biologisches Zeit-Korsett, in das alle anderen Zeitwahrnehmungen eingefügt werden? Nur teilweise, sagt der Psychologe Jacob Bellmund: TAKE 18 (O-Ton Bellmund) L: 0, 20 Wir nutzen unser Wissen über den Kontext oder über verwandte Ereignisse, was wir getan haben oder etwas, was ähnlich damit zu tun hat. Und können darüber dann damit zu einem Schluss kommen, wann etwas passiert ist. Weil das aber so ein Rekonstruktionsprozess ist, ist das natürlich auch fehlerhaft, oder fehleranfällig. SPRECHERIN Die Erinnerung an die Dauer von vergangenen Ereignissen ist also nicht ausschließlich eine Gedächtnisleistung. Um sie zeitlich richtig einzuordnen, bedarf es darüber hinaus einer sogenannten psychologischen Rekonstruktion, wie Jacob Bellmund diesen Prozess nennt. M Far away Länge: 1´38´ Ein einfaches Beispiel: Ich frage mich, wann meine Mutter das letzte Mal angerufen hat. An welchem Wochentag und um wieviel Uhr war das? Die Antwort darauf erschließe ich mir, indem ich die Erinnerung an andere Ereignisse zuhilfe nehme. Montag kann es nicht gewesen sein, da saß ich den ganzen Tag im Zug, heute ist Mittwoch, also muss es gestern am Dienstag gewesen sein. Angerufen hat sie am Abend. Vorher habe ich die Tagesschau geguckt, bin aber schon ausnahmsweise gegen 22 Uhr ins Bett gegangen, weil ich so müde war. Also hat meine Mutter vermutlich gegen 21 Uhr angerufen, rekonstruiere ich. Und so machen wir es alle, um Ereignisse in den Tages- oder Jahresablauf einzuordnen, wenn wir die genaue Uhrzeit oder das konkrete Datum nicht kennen. MUSIK nochmal hoch SPRECHERIN Manchen Menschen gelingt es besser, anderen schlechter, sich zeitlich zutreffend an Vergangenes zu erinnern. Auch das kann am Alter liegen, daran, dass sich Tages-, Wochen- oder Jahresabläufe ähneln, dass wir das Gefühl haben, die alte Tante doch erst neulich besucht zu haben. Beim Nachsehen im Kalender aber feststellen, dass seither schon wieder drei Jahre vergangen sind. Denn die psychologische Rekonstruktion von Ereignissen funktioniert nur, wenn das Gedächtnis auf allen Ebenen intakt ist, wenn die verschiedenen Areale des Gehirns miteinander verknüpft sind. Bei dementiell Erkrankten geraten die Zeitwahrnehmung, das Zeitgefühl und auch die Zeitabläufe durcheinander. Mit schwerwiegenden Auswirkungen auf das tägliche Leben. TAKE 20 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 30 Wir können z.B. das, was wir aktuell erleben, nicht mehr so gut in das Langzeitgedächtnis überführen, und das, was im Langzeitgedächtnis bereits ist, wird dabei leichter wieder in das aktuelle Geschehen eingebaut. Und dadurch vermischt sich Vergangenheit und Gegenwart in einer Art und Weise, die nicht ganz korrekt ist. Die aktuellen Erlebnisse müssten stärker gewichtet werden, werden sie aber nicht, sondern überschrieben, von dem Recall, von dem Abrufen der Vergangenheit. SPRECHERIN Und das führt dazu, dass sich die zeitlichen Ebenen vermischen. Ereignisse, die vor Jahrzehnten stattgefunden haben, scheinen für die Betroffenen erst kürzlich geschehen zu sein. Eine Erzählung beginnt in der Gegenwart, endet aber mit der Beschreibung einer längst vergangenen Situation. Diese extremen Krankheitsfälle machen deutlich, wie sehr uns unser Zeitgefühl prägt. Auch wenn uns das im Alltag in der Regel gar nicht bewusst ist: Ein unsichtbarer Zeitmesser läuft das ganze Leben über mit, sortiert, bewertet, ordnet und hilft bei der Orientierung. Wie sehr wir vom Zeitgefühl abhängen, wird im Extremfall einer Demenz sichtbar, wenn mit dem Zeitgefühl und dem Gedächtnis für die Betroffenen scheinbar das ganze Leben verloren geht. TAKE 21 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Die Zeit geht ja nach vorwärts, in Richtung Tod, in Alter und Tod. Es heißt, es hat durchaus eine positive Komponente, wenn ich das Gefühl habe, ich habe lange gelebt, ich habe positiv gelebt, emotional positiv gelebt, ich habe etwas erlebt. SPRECHERIN Mit dem Gedächtnis gehen die Erinnerungen verloren und das Zeitgefühl. Das Leben schnurrt zu einer kurzen Abfolge von Kindheit und Alter zusammen. Und das erleben viele Betroffene als ausgesprochen deprimierend und verstörend. MUSIK Flatliners Länge: 1´39´ SPRECHERIN Dass die Zeit für uns existentiell ist, haben bereits die griechischen Philosophen in der Antike formuliert. Und heftig darüber gestritten, ob die Zeit tatsächlich objektiv existiert oder ob sie subjektiv zu begreifen ist. Forscher und Neurowissenschaftlerinnen von heute betrachten das Zeitgefühl in jedem Fall als existentiell für das menschliche Leben. Ohne Zeitgefühl und die Wahrnehmung von zeitlichen Abläufen können wir weder denken noch planen oder uns selbst als Individuen in der Zeit wahrnehmen. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN Um mit dem fortschreitenden Alter nicht ständig das Gefühl zu haben, dass die Jahre nur so dahinrasen, und uns die Zeit und das ganze Leben abhandenkommen, haben die Forschenden ganz konkrete Tipps: Ich soll etwas Neues anfangen, mich in ungewohnte, neue Situationen begeben. Das kann eine Reise sein, am besten ohne vorher alles durchzuplanen, der Besuch einer ungewöhnlichen Veranstaltung. Aber auch eine Fremdsprache zu erlernen oder ein Instrument ist ein gutes Mittel, um das Zeitgefühl auszutricksen und zu verlangsamen. Oder eine langweilige Situation erzeugen: Zwischendurch einfach Mal nichts zu tun, ohne Handy, Buch, Musik oder Fernseher - einfach nur nichts tun. Und ganz bewusst erleben, wie langsam die Zeit vergeht, wie lang eine Minute sein kann. Atmo Wasserpflatscher Vielleicht fast so lang wie damals in der Kindheit, im Sommer, im Freibad, als die Zeit scheinbar ewig währte.

  • Amoklauf - Die Psychologie der blinden Gewalt

    11.06.2025 · 22 Min.

    Amok, eine impulsiv auftretende, scheinbar blindwütige Affekthandlung? Kriminologen gehen vom Gegenteil aus: Die meisten Taten finden nicht spontan statt, sondern sind detailliert geplant. Und: So gut wie alle Täter leiden - zumindest aus ihrer Sicht - unter ausbleibender Anerkennung. Ihnen fehlen angemessene Strategien, um Kränkungserlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten. Von Prisca Straub (BR 2017) Autorin dieser Folge: Prisca Straub Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Cortis, Andreas Technik: Andreas Lucke Redaktion: Susanne Poelchau

  • Mythos Mond - Wie beeinflusst uns der Erdtrabant?

    11.06.2025 · 22 Min.

    Er ist ein "herausgerissenes Kind" der Erde, ihr "natürlicher Satellit" und "treuer Begleiter" - und für die Menschheit von überragender Bedeutung: Ohne den Mond würde es uns vermutlich gar nicht geben. Doch wie genau wurde er zum Geburtshelfer für das Leben auf der Erde und wie hilft er bis heute, es zu bewahren? Von Martin Schramm (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Martin Schramm Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Andreas Neumann, Rahel Comtesse, Clemens Nicol Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Harald Lesch, Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. Dipl.-Geol. Ulrich Köhler, Planetengeologe am DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Wie entstehen Planeten? - Alles Natur Erde, Mars, Jupiter, Neptun... Wie entstehen Planeten? 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Das Universum ist mit dem Urknall vor knapp 14 Milliarden Jahren entstanden, so die gängige Theorie. Aber sie kann nicht alles erklären, etwa, warum sich das Weltall immer schneller ausdehnt. Deswegen suchen Kosmologen nach alternativen Erklärungen. In unserer heutigen Podcast Folge geht es um die Frage: hat es den Urknall, den Big Bang wirklich gegeben? IQ Wissenschaft und Forschung JETZT ENTDECKEN Von Ufos und Aliens - Unerklärliche Himmelsphänomene Sind wir Menschen allein im Universum? Wahrscheinlich nicht, aber gesehen hat noch niemand außerirdisches Leben. Nicht nur Verschwörungsgläubige interessieren sich für Aliens, sondern auch seriöse Wissenschaftler. Und die sagen: Unsere Suche nach Außerirdischen sollte noch professioneller werden! (BR 2021) IQ Wissenschaft und Forschung JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. 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MUSIK: Howling moon 0‘15 GERÄUSCH: Erdbeben ZITATOR Der Geburtshelfer - oder: Das herausgerissene Kind der Erde SPRECHER Er ist ein Riese. Mit seinem Durchmesser von fast dreieinhalb Tausend Kilometern misst er mehr als ein Viertel des Erddurchmessers. SPRECHERIN Und dieses Verhältnis „Mond - Erde“ ist ein Superlativ in unserem Sonnensystem. Kein anderer Planet dort hat einen größeren Begleiter - im Verhältnis zu seiner eigenen Größe - sieht man mal von „Zwergplaneten“ wie Pluto und seinem Mond Charon ([ˈkaːrɔn] [ˈçaːrɔn] [çˈaːʁɔn]) ab. SPRECHER Die Erde hat, wie der Astrophysiker Harald Lesch gerne sagt, also einen Mond, der ihm Dienstgrad-mäßig gar nicht zusteht. Doch wie kommt das? MUSIK: Apollo 0‘40 GERÄUSCH: Baustelle SPRECHERIN Dieses Rätsel hat die Astronomen lange Zeit beschäftigt. Und ein wichtiges „Puzzleteil“, um es zu lösen, sind Gesteinsproben vom Mond. SPRECHER Im Rahmen der Apollo-Missionen wurde dieses Gestein mit Hämmern, Bohrern, Schaufeln, Rechen und Zangen eingesammelt, in Tüten gesteckt und zur Erde gebracht. - Und die Analyse dieses Materials hatte es in sich: 01-O-TON Lesch Analyse „Die Analyse des Mondgesteins, immerhin 400 Kilogramm, ergibt ganz eindeutig: Das Mondgestein ist so wie das Erdmantel-Gestein, nur ohne flüchtige Elemente. Das heißt, der Mond ist in seiner Zusammensetzung der Erde unheimlich ähnlich. Aber was fehlt, sind die Elemente, die bei einem starken Einschlag verschwinden, weil es heiß wird.“ SPRECHERIN Erklären lässt sich das eigentlich nur durch das bereits eingangs geschilderte „Kollisions-Szenario“: ein anderer Planet, der rund 20 % der Erdmasse hatte, muss mit der Urerde kollidiert sein: 02-O-TON Lesch Kollisionsszenario „Und der musste deswegen so schwer sein, wenn man das betrachtet, der Mond ist ja ein Körper, der außerhalb der Erde ist und ein Einschlag, der zu schwach ist, da fällt das Material einfach wieder auf die Erde runter. Es muss also genügend Bewegungsenergie drin sein, dass das Zeug so weit raus geschleudert wird, dass es nicht wieder auf die Erde zurückfällt. Daher die große Masse. Dieser Einschlag durfte, aber nicht so gedacht, nicht so gewesen sein, also irgendwie zentral volles Rohr sozusagen, sondern der muss streifend gewesen sein. Und dann bildet sich in einem Abstand von 60.000 Kilometer, also zehn Erdradien, bildet sich ein Gesteins-Ring - und innerhalb von wenigen Monaten, es gibt verschiedene Computersimulationen. Die einen sagen innerhalb von wenigen Monaten, die anderen sagen innerhalb von wenigen Jahren, ist aber angesichts der Tiefe der Zeit, in die wir da hineinblicken, auch wurscht, bildet sich der Mond.“ MUSIK: Earthquake 0‘42 SPRECHER Eben aus jenem Material, das durch den heftigen Streifschuss vor allem aus der Erdkruste gelöst, stark erhitzt und in eine Erdumlaufbahn geschleudert wurde - um sich dort zusammenzuballen und zu einem Begleiter der Erde zu formen. SPRECHERIN Der Mond ist also vermutlich so etwas wie ein „herausgerissenes Kind“ der Erde. - Kein Begleiter, den die Erde irgendwie aus dem Weltall „eingefangen“ hat, oder der sich wie ein „Wassertropfen“ von der Urerde abgespalten hat - oder was sonst noch an möglichen Theorien kursierte. SPRECHER Und dieses Kind entfaltet zu seiner Mutter eine wechselvolle Beziehung: Mond und Erde ziehen sich gegenseitig regelrecht an - ganz ohne Magie: 03-O-TON Lesch Gravitation „D.h. das Erde-Mondsystem beeinflusst sich gegenseitig, und zwar exakt in der Art und Weise, dass die Erde den Mond so anzieht, wie der Mond die Erde anzieht. Actio gleich Reactio. Gute alte Newtonsche Physik. Wir brauchen hier keinen Einstein. Wir brauchen gar nix. Wir haben zwei Massen, die sich gegenseitig beeinflussen. Und der Mond heute im mittleren Abstand von 400.000 km beeinflusst über seine Masse die Massenbewegungen auf der Erde, in der Erde, und die Massebewegung der Erde selbst. Das mal grundsätzlich.“ SPRECHERIN Und dieser Gravitation, also Schwerkraftwirkung, verdanken wir dann Phänomene wie „Ebbe und Flut“ - SPRECHER - und eine Art „Knetmaschineneffekt“: 04-O-TON Lesch Knetmaschine 4:30 „Es gibt also tatsächlich zwei Wasserhügel, und die drehen sich um die Erde und zwar deshalb, weil die Erde sich unter ihnen weg dreht. Und das gleiche, was fürs Wasser gilt, gilt auch fürs Gestein. Während man es beim Wasser schön sehen kann - man stellt sich einfach in die Nordsee. Wartet sechs Stunden, und wenn man eben noch im Trockenen stand, wird man dann je nach dem wie weit man ins Watt hinausgelaufen ist, wird einem das Wasser bis zum Hals stehen. Ich kann nur warnen davor. Das Wasser kommt extrem schnell. Und das gleiche gilt also auch fürs Gestein. Das Gestein wird im Mittel um 30 cm angehoben. Und zwar überall auf der Welt. Das ist praktisch so eine ganz große Knetmaschine, die dadurch entsteht, dass die Erde sich am Mond vorbei dreht - und der Mond sich aber gleichzeitig noch einmal im Monat exakt einmal um den Mond herumdreht.“ 5:25 SPRECHERIN Diese Effekte haben sich im Laufe der Zeit allerdings stark verändert: Der Mond geht nämlich langsam aber sicher auf Distanz zu seiner Mutter, strebt jedes Jahr um ca. eine Daumenlänge, etwa 3,8 Zentimeter von ihr weg. GERÄUSCH: Meer SPRECHER Was andererseits bedeutet: Gerade in seiner Frühzeit vor Milliarden von Jahren war der Mond der Erde erstaunlich nahe – und die Gezeitenkräfte unglaublich heftig. - Ulrich Köhler, Planetengeologe am Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt: 05-O-TON Köhler Leben “Und da ist ein interessanter Aspekt zu betrachten: in der Zeit hat sich das Leben auf der Erde entwickelt, also vor etwa dreieinhalb Milliarden Jahre. Etwas mehr vermutlich. Und das heißt der Tidenhub war sehr viel stärker. Und wenn man eben davon ausgeht, dass das Meer auf der Erde sich die Mineralstoffe geholt hat durch eben die Gezeiten an der Küste, die immer wieder die Gesteine verwittert haben. Und das gelöste Material dann im Meerwasser - das Meersalz ist das einfachste Beispiel - dass das sehr gute Voraussetzungen geschaffen hat, dass das Leben im Ozean entstanden ist.“ SPRECHERIN Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Erde wird durch den Mond regelrecht ausgebremst. Sprich: ohne Mond würde sich die Erde wesentlich schneller um die eigene Achse drehen - nicht in 24 Stunden wie heute - sondern eher in 9 bis 10 Stunden. GERÄUSCH: Wind SPRECHER Mit drastischen Folgen auch für das Leben auf der Erde. - Harald Lesch: 06-O-TON Lesch Flache Bewohner „Was hat das zu bedeuten – nun, wenn die Erde sich wesentlich schneller drehen würde, dann hätten wir sehr viel schnellere Strömungen in der Hochatmosphäre. Sogenannte schnelle Jetstreams. Die wären nicht 300, 400 km schnell, die wären 800, 900 km schnell. Und diese schnellen Strömungen übersetzen sich auf die tiefere Atmosphäre. Wir hätten hier Windgeschwindigkeiten zwischen 300 und 400 km - auf dem Boden! Wenn es also Lebewesen gäbe - dann wären die in jeder Hinsicht sehr flach. Und da ist der Zusammenhang: Also ohne den Mond würde es sicherlich keine aufrecht gehenden Homo sapiens geben. Wahrscheinlich nur Scholle, Scholle flach. Es hätte sich sicher auch Leben entwickelt, weiß ich nicht, - aber es wäre ganz anders geworden. In diesem Sinne hat der Mond für uns eine überragende Bedeutung.“ MUSIK: It will be fine (reduced) 0‘28 SPRECHERIN Der Mond wurde aber nicht nur zum Geburtshelfer für das Leben auf der Erde - er hat auch geholfen, das Leben auf der Erde bis heute zu bewahren: SPRECHER Wie die Ausleger bei einem Segelschiff stabilisiert er mit seiner relativ großen Masse nämlich auch die Neigung der Erdachse - Ulrich Köhler: 07-O-TON Köhler Der Stabilisator „Er sorgt mit seiner Bahn um die Erde dafür, dass die Erdachse relativ stabil im Raum orientiert ist. D.h. die Energieeinstrahlung der Sonne folgt einem klaren Muster, seit vielen Milliarden Jahren und verändert sich kaum. Und dadurch haben wir relativ stabile Bedingungen, die das frühe Leben sicherlich geschätzt hat. Und das macht natürlich einen großen Unterschied aus, wann wir Eiszeiten haben, wann wir Warmzeiten haben, wie das, was es sich auf der Erde verteilt und all diese Dinge. Also der Mond – ein schöner kleine Stabilisator für das Leben auf der Erde. Und das ist eine ganz wichtige Funktion.“ MUSIK: The great gig in the sky 0‘21 ZITATOR Der Mann im Mond - oder: The Dark side of the Moon SPRECHER Erste, relativ genaue Mondkarten zeichnet u.a. der Italiener Giovanni Battista Riccioli - Mitte des 17. Jahrhunderts. Durch sein Teleskop erkennt er hellere und dunklere Bereiche, die er als “Terrae” und “Maria” bezeichnet, also als “Länder” und “Meere” - wohl in der Annahme, dass es tatsächlich Wasser und Ozeane auf dem Mond geben könnte. SPRECHERIN Heute sind wir schlauer: bei diesen angeblichen „Mond-Meeren“ handelt es sich um dunkle Tiefebenen, gerahmt von Gebirgszügen. Also um große, extrem flache Beckenstrukturen, mit weiten Ebenen aus erstarrter Lava. Staubtrocken. Von Wasser erstmal keine Spur. MUSIK: Go through the cold (reduced) 0‘42 SPRECHER Diese Tiefebenen formen auch das typische Mondgesicht - bzw. den „Mann im Mond“ - der in anderen Kulturen schon mal als „Krokodil im Mond“, als „Mondhase“ - oder auch als „Frau im Mond“ gesehen wird, die Brennholz auf dem Rücken trägt. SPRECHERIN Doch wie immer man diese Krater auch interpretiert. Eines ist seltsam: Warum schauen wir von der Erde aus eigentlich immer in das gleiche „Mondgesicht“? Warum verschwindet es nicht, oder zeigt sich mal von der Seite? SPRECHER Die Antwort lautet: „gebundene Rotation“. Die Gezeitenkräfte haben den Mond in seiner Rotation völlig eingebremst. Der dreht sich dadurch exakt einmal um seine eigene Achse, wenn er sich exakt einmal um die Erde dreht. Deshalb sehen wir immer die gleiche Seite des Mondes, seine „Vorderseite“. MUSIK: Nocturnal research red 0‘41 SPRECHERIN Was jede Menge Spekulationen über die von uns abgewandte und dadurch irgendwie auch geheimnisvolle Rückseite hervorrief. Die daher auch gerne mal als „The Dark Side of the Moon“ bezeichnet wurde - was natürlich Unsinn ist. Denn es mag dort vielleicht noch so manches verborgen sein - dunkel ist es dort aber nicht immer. Sprich: die „dunkle Seite“ des Mondes ist regelmäßig auch seine „helle Seite.“ Es gibt also auch auf dem Mond Tag und Nacht. SPRECHER Doch die Menschheit musste ganz schön lange warten, bis das Geheimnis um die Rückseite gelüftet wurde. 08-O-TON Köhler Abgewandte Seite „Ja, da muss man sich bis in die 1960er-Jahre zurückversetzen und natürlich auch noch viel, viel früher. Das war schlichtweg ein Rätsel, wie die Mondrückseite aussehen würde, was würden wir dort erwarten? Und es war tatsächlich eine sowjetische Raumsonde, die Ende der 1950er-Jahre zum ersten Mal über die Mond Rückseite geflogen ist und Bilder zur Erde dann übertragen hat - und gezeigt hat, dass es dort etwas anders aussieht als auf der Mondvorderseite. Und seither wird es natürlich wissenschaftlich diskutiert, warum das so ist. Und eine richtige Antwort muss man ehrlicherweise sagen haben wir bis heute nicht.“ SPRECHER Kleine grüne Männchen waren auf den Bildern zwar nicht zu sehen, auch keine großen. Doch die Forscher staunten nicht schlecht über die Geografie der Rückseite: Im Gegensatz zur Vorderseite gibt es dort fast keine dunklen Tiefebenen, sondern vor allem kraterreiche “Hochländer.” SPRECHERIN Doch wie ist das zu erklären? - Entstanden sind diese Becken auf der Vorderseite vermutlich, als Meteoriten die noch dünne Kruste des Mondes durchschlagen haben, Magma an die Oberfläche drang und die Krater flutete. SPRECHER Die Kruste auf der Rückseite ist allerdings deutlich dicker als die auf der Vorderseite: fast doppelt so dick. Und damit vermutlich zu dick, um dem Magma den Weg nach oben frei zu geben. SPRECHERIN Warum die Kruste auf der Rückseite so viel dicker ist - dieses Rätsel hat man bislang aber nicht wirklich gelöst. MUSIK: The universe 0‘28 SPRECHER Ansonsten steht der Mond im Vergleich zur Mutter Erde recht schutzlos da: Er hat kein Magnetfeld, das ihn vor geladenen Teilchen schützt, die von der Sonne kommen. Und: er hat keine Atmosphäre. Folglich gibt es auch keine Wolken, kein Wasser an der Oberfläche, kein Leben - und es fehlt ein Schutzschild gegen Beschüsse aller Art: 09-O-TON Köhler Schutzschild „Na ja, das ist ein interessanter Aspekt. Denn, wenn der Mond keine Atmosphäre hat, wird er praktisch von den kleinsten Mikrometer großen Staubteilchen, die noch so im Sonnensystem herumschwirren, praktisch unmittelbar getroffen. Und das sind hohe Geschwindigkeiten, mit denen diese kleinen Teilchen auf die Mondoberfläche prasseln. Die Verglühen bei uns allesamt in der Erdatmosphäre. Wenn es größere millimetergroße Teilchen sind, dann sehen wir das als Sternschnuppen. Und ganz große Körper - kommt man vielleicht mal ein kleiner Meteorit auf der Erde an. Und so was. Aber beim Mond kommt das alles ungebremst und trifft auf die Gesteine der Mondoberfläche. Und pulverisiert die nach und nach, im Laufe der Jahrmillionen und in dem Fall sogar Jahrmilliarden.“ SPRECHERIN Der Mondboden besteht dadurch aus einem ganz besonderen Staub, dem sogenannten „Regolith“, auf dem die Astronauten der Apollo-Missionen entsprechend scharfkantige Fußabdrücke hinterließen, wie in Zementpulver. SPRECHER Die Tatsache, dass dem Mond die Atmosphäre fehlt, hat aber noch weitere Auswirkungen: Sie macht ihn zu einem Himmelskörper der brutalen Extreme: 10-O-TON Köhler Extreme „Dadurch, dass sie keine Atmosphäre hat, ist es in der Sonne richtig sauheiß, muss man so sagen. Das heißt, Astronauten brauchen entsprechende Kühlsysteme, und die Instrumente müssen vor zu hohen Temperaturen geschützt werden. Und sobald es allerdings Nacht wird und die Nacht dauert ja eben 14 Tage, da lässt die Temperatur sehr schnell nach. Und da geht es dann weit unter minus 100 Grad Celsius runter, weil eben auch wiederum die Wärme des Tages nicht durch eine Atmosphäre in die Nacht mitgenommen werden kann.“ SPRECHERIN Eine riesige Herausforderung also für Habitate aller Art, die einmal auf dem Mond entstehen könnten: eine perfekte Isolierung wäre unerlässlich, um in der Eiseskälte nicht zu erfrieren. Vor allem weil die Nächte auf dem Mond eben endlose zwei Wochen dauern. MUSIK: Futuristic workflow (red) 0‘32 SPRECHER Für Aufregung sorgte schließlich die Entdeckung, dass dieser kalte, tote Brocken, der uns da begleitet, so staubtrocken wie immer angenommen, offenbar gar nicht ist. Eine Sonde lieferte tatsächlich Hinweise auf Wasser - u.a. in den Kratern am Südpol des Mondes, in die nie ein Lichtstrahl vordringt. 11-O-TON Köhler Wasser „Und dort vermutet man Eis, also Wassereis. Und das hat man eigentlich spektral, mit Raumsonden in der Umlaufbahn schon nachgewiesen. Und da möchte man hin, um dieses Wassereis nutzen zu können. Zum einen eben für eine länger besiedelte Station, die eben genutzt wird für Wissenschaft und für Materialforschung. Und all diese Dinge, die man eben jetzt 50 Jahre nach Apollo machen möchte. Und zum anderen, um Treibstoff zu gewinnen, weil Wasser Eis lässt sich spalten in Wasserstoff und Sauerstoff. Und dann haben sie einen veritablen Raketentreibstoff. Und mit dem könnten sie eine Rakete betanken, die vom Mond dann zum Mars fliegt, weil sie dann nur ein Sechstel der Anziehungskraft beim Start überwinden müssen, um diese Rakete auf Spur zu bringen.“ SPRECHERIN Und die Mengen, die dort vermutet werden, sind durchaus veritabel: ein paar Füllungen des Bodensees könnten es schon sein. MUSIK: Mystic 1 0‘13 ZITATOR Mond-Mythen - oder: Einfach nur ein schöner Brocken SPRECHERIN Der Mond hat für uns eine überragende Bedeutung. So viel steht fest, auch wenn wir ihm noch lange nicht alle Geheimnisse entlockt haben. SPRECHER Und zu den zahlreichen ungelösten Fragen, die der Mond uns immer noch aufgibt, gesellen sich dann auch noch eine ganze Reihe „Legenden und Mythen“ um die angebliche „Macht des Mondes“. MUSIK: Well and warm 1‘10 SPRECHERIN Hartnäckige Annahmen, dass der Mond unser Leben beeinflusst - auch jenseits aller Schwerkraft-Effekte wie Ebbe und Flut, und der Tatsache, dass es je nach Neu- oder Vollmond nachts mal heller und mal dunkler ist. SPRECHER Ratgeber bieten Hinweise an, wann man sich am besten operieren lässt, die Haare schneidet, am leichtesten abnimmt, im Garten arbeitet oder Bäume fällt. SPRECHERIN Manche Zeitgenossen sind auch fest davon überzeugt, dass sowohl Geburtenraten als auch Verkehrsunfälle vom Mond beeinflusst werden. SPRECHER In der Regel lassen sich derartige Zusammenhänge weder statistisch erhärten - noch ist klar, welche Kräfte dabei eigentlich am wirken sein sollen. Für Forschende ist dieser „Mondglaube“ daher nicht nur kaum nachvollziehbar - sie staunen auch, wie wenig derartige Ratschläge kritisch hinterfragt werden. - Der Astrophysiker Harald Lesch: 12-O-TON Lesch Aufklärung „Alle diese Diskussion über kosmische Energien, ob das nun der Mond ist oder die Sterne oder was auch immer, haben nicht einen einzigen statistischen Test bis heute bestanden. Und wenn ich mir überlege, dass wir im Allgemeinen beim Kauf zum Beispiel eines Staubsaugers, eines Bügeleisens, eines Autos, Qualitätsüberprüfungen vornehmen - und danach fragen: Ja, haben wir denn - gibt es da TÜV-Untersuchungen? Hat die Stiftung Warentest dazu was zu sagen? Wir aber auf der anderen Seite bei solchen Weltbildern offenbar völlig undifferenziert uns einfach irgendwas erzählen lassen und sagen: Ja, Mensch, meine Oma, die hat ja damals auch schon immer gesagt, also der Mond, der Mond. Dann muss ich sagen, dann sind wir doch noch einen weiten Weg entfernt von dem, was Kant schreibt, was Aufklärung ist.“ 19:45 SPRECHERIN Auch der zwar gesicherte, aber an sich schon eher kleine Schwerkrafteffekt ist eben nicht überall zu beobachten. Er führt nur deshalb zu Ebbe und Flut, weil die Ozeane riesig sind. SPRECHER Bei Seen ist bereits kein Effekt mehr zu erkennen. Geschweige denn bei uns Menschen selbst: die Gravitation und damit das Gewicht eines Menschen ändert sich durch den Mond zwischen Voll- und Neumond angeblich gerade mal um 0,000035 %. SPRECHERIN Mit anderen Worten: Die Wirkung ist so gut wie nicht messbar: 13-O-TON Lesch winzig „Also man muss sich darüber im Klaren sein. Die Gravitationskraft ist ein Produkt. Und zwar von zwei Massen, die miteinander in Wechselwirkung treten. Also nehmen wir mal mich - 76 kg. Das ist wenig. Also ich bin jetzt nicht unter dem Einfluss des Mondes - ich bestehe ja wie jeder Mensch aus 70, 80 % Wasser. Das Wasser in mir wird durch die Schwerkraft des Mondes nicht besonders angezogen. Weil meine kleine Masse multipliziert mit der großen Masse des Mondes – meine kleine Masse ist das Problem - wenn ich so schwer wäre wie die Erde. Dann würde ich den Mond spüren. Aber solange ich nur so ein winziges Teilchen bin. Und das wird natürlich noch schlimmer, wenn man auf die molekulare Ebene runtergeht, dann bleibt gar nichts mehr übrig.“ MUSIK: Hopeful view 0‘49 SPRECHER Unterm Strich fällt das Fazit eines Astrophysikers in Sachen Mondmystik daher erwartungsgemäß nüchtern aus: 14-O-TON Lesch - Schöner Brocken „Das Ding ist 400.000 Kilometer von uns entfernt. Erstmal möchte ich mal wissen, ob irgendjemand sich vorstellen kann wie viel 400.000 Kilometer sind, es ist lange. Ich habe einen amerikanischen Apollo-Astronauten mal gefragt, hat gesagt: Es sind dreieinhalb Tage, du fliegst dreieinhalb Tage durch absolut nichts. Und bist froh wenn du dann mal wieder was siehst. Es ist wirklich lang. Es ist wirklich weit weg. Dieses Ding macht nichts anderes, als einfach nur schwer zu sein. Der Mond ist nicht geladen, also elektrisch irgendwie, der hat keinen Magnetfeld, nix. Da ist gor nix. Das ist einfach nur ein schöner Gesteinsbrocken. Gott sei Dank, dass wir ihn haben. Aber sonst ist da nichts dran.“

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