Zoonosen - Bedrohung aus dem Tierreich
04.06.2025 · 24 Min.
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Tollwut, Ebola, Aids, die Pest und höchstwahrscheinlich auch Covid-19 - viele Erkrankungen, die weltweit vorkommen, haben eines gemeinsam: Ihre Erreger sprangen irgendwann vom Tier auf den Menschen über. Es sind Zoonosen. Wie können wir uns vor den tierischen Erregern schützen? Von Maike Brzoska (BR 2024)
Credits
Autorin dieser Folge: Maike Brzoska
Regie: Christiane Klenz
Es sprach: Xenia Tiling
Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Thomas Müller, Fachtierarzt für Virologie am Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald;
Hendrik Wilking, Epidemiologe am Robert-Koch-Institut in Berlin
Stechmücken - Das geheime Leben der sirrenden Sauger HIER
Wildtiere erobern die Großstadt - Waschbär, Fuchs und Fledermaus HIER
AIDS - Das (fast) vergessene HI-Virus HIER
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Angefangen hathe Leonard Cohen als Schriftsteller, lange bevor er ein Weltstar der Popmusik wurde. Heute zählen „Hallelujah“, „Suzanne“ und „So long, Marianne“ zu den meistgehörten und meistgecoverten Songs weltweit. Im Podcast geht es um ihn als Mönch in L.A., als Dichter auf der griechischen Insel Hydra und als Singer-Songwriter auf der Bühne auf der ganzen Welt. HIER ENTDECKEN
Linktipps:
- Diverse Autor*innen: Virale Zoonosen in Deutschland aus der One Health Perspektive, 2023, Bundesgesundheitsblatt. Übersichtsartikel zu den sechs häufigsten viralen Zoonosen in Deutschland und wie man sie eindämmen kann, abrufbar unter
- Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Trendbericht Zoonosen, Berichtsjahr 2022. Aktueller Überblick über Zoonosen, die durch Lebensmittel übertragen werden, abrufbar unter
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN
Die Füchse müssen furchterregend ausgesehen haben: Rot unterlaufende Augen, triefender Speichel ums Maul und Kampfeslust in den Augen. Der Biss eines kranken Tieres kam früher einem Todesurteil gleich. Das ist heute bei uns anders. Und trotzdem löst der Anblick eines vorbei streunenden Fuchses bei vielen Menschen immer noch denselben Reflex aus: Achtung, Tollwut!
Deshalb die gute Nachricht vorab:
01 O-TON (Müller)
Der letzte Fall von Tollwut war 2006.
SPRECHERIN
Sagt der Fachtierarzt für Virologie Thomas Müller. Er forscht am Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald. Seit 2008 gilt Deutschland offiziell als Tollwut-frei. Die zwei Jahre dazwischen sind eine Art Puffer, um auf Nummer sicher zu gehen.
02 O-TON (Müller)
Sie müssen erst mal sozusagen noch zwei Jahre lang warten, dass die Tollwut in dem Gebiet nicht mehr vorkommen wird.
SPRECHERIN
Die Tollwut ist eine Virus-Erkrankung, die vom Tier auf den Menschen übertragen wird. Also eine sogenannte Zoonose. Was man darunter versteht, erklärt der Epidemiologe Hendrik Wilking. Er forscht am Robert-Koch-Institut in Berlin.
03 O-TON (Wilking)
Zoonosen sind vom Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten. Die kommen weltweit vor und können ausgelöst werden durch Viren, Bakterien, Parasiten oder Pilze.
MUSIK 2 (Alan Jay Reed, Michi Koerner: Genetics 0’47)
SPRECHERIN
Tollwut, Aids, die Pest, Tuberkulose, Ebola und höchstwahrscheinlich auch Covid-19, das die Corona-Pandemie auslöste – die Liste von Zoonosen ist lang. Forschende gehen davon aus, dass zwei Drittel unserer Infektionskrankheiten aus dem Tierreich stammen. Einige sind sehr jung, wie Covid-19, andere sind uralt.
04 O-TON (Müller)
Die Tollwut ist die älteste bekannte Zoonose der Menschheit. Sie ist schon vor über 5.000 Jahren das erste Mal erwähnt worden im Alten Babylon. Also insofern wissen wir schon recht gut Bescheid, dass die Tollwut ein ständiger Begleiter der menschlichen Entwicklung war.
SPRECHERIN
Auch den Begriff gibt es in unserem Sprachraum schon sehr lange.
05 O-TON (Müller)
Also „Tollwut“ ist ein altdeutscher Begriff, der diese Krankheit gut, sag ich mal, schon mit einem Wort beschreibt. In anderen Sprachräumen wurde von ‚Hydrophobie‘ gesprochen.
SPRECHERIN
Hydrophobie, Wasser-Angst, weil die Betroffenen bei fortgeschrittener Krankheit eine starke Abneigung gegen Wasser entwickeln. Das gilt sowohl für Tiere als auch für den Menschen.
06 O-TON (Müller)
Das Virus befällt das zentrale Nervensystem des betroffenen Individuums, und das ist im Prinzip bei Mensch und Tier das Gleiche. Also bei Menschen würde man zunächst Kopfschmerz, Fieber, Angstzustände oder Kribbelgefühle oder ein verändertes Empfinden in der Nähe des Tierbisses merken, das sind die ersten Anzeichen von Tollwut. In den meisten menschlichen Fällen äußert sich die Krankheit dann auch durch eine Pupillenerweiterung, ungewöhnliche Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Temperatur-Veränderungen. Es gibt Anfälle, Halluzinationen sowie Hydrophobie, das heißt Krämpfe bei Berühren oder bloßen Erblicken von Wasser. Es geht dann weiter bis hin zur Lähmungserscheinung bis hin zum Koma. Und leider unbehandelt endet die Krankheit immer mit dem Tod des betroffenen Individuums.
MUSIK 3 ( Daniel Backes, Peter Moslener: Temperature Sensitive (reduced 2) 0‘36
SPRECHERIN
Anders als früher ist Tollwut aber heute kein Todesurteil mehr. Betroffene können sich mit einer Impfung gegen Tollwut schützen – auch nach dem Biss eines infizierten Tieres. Wobei es wichtig ist, dass möglichst schnell nach dem Vorfall geimpft wird.
Auch wenn Füchse noch immer Tollwut-Ängste auslösen, lange Zeit waren sie gar nicht Hauptüberträger der Krankheit, sondern Hunde. Wobei die nicht immer „tollwütig“ waren.
07 O-TON (Müller)
Es muss nicht immer die aggressive Form sozusagen der Tollwut sein, wo Menschen aktiv angegriffen werden, sondern in vielen Fällen sehen wir, dass die Tiere Lähmungserscheinungen haben, sich zusammenkauern, irgendwie krank aussehen, sie können sich kaum noch bewegen, und dann gehen die Menschen hin, wollen sie streicheln, wollen gucken, ob alles in Ordnung ist. In dem Moment schnappt der Hund zu.
MUSIK 4 ( Gustav Mahler: Symphony No. 5 (Blanchett, Wolf, Dresdner Philharmonie) 0‘20)
SPRECHERIN
Im Deutschen Kaiserreich zum Beispiel gab es deshalb eine ganze Reihe von Maßnahmen, um die Krankheit einzudämmen. Hunde mussten angeleint werden, einen Maulkorb tragen – und, bei den ersten Anzeichen von Tollwut, getötet werden.
08 O-TON (Müller)
Und all diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Anzahl der Tollwut bei Menschen dann doch rasant runtergegangen ist.
SPRECHERIN
Dennoch kam es immer wieder zu Tollwut-Erkrankungen bei Mensch und Tier. Das änderte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
09 O-TON (Müller)
Weil man erst da in der Lage war, entsprechende Impfstoffe zu entwickeln und die Aussicht hatte, dass man mit einer vorbeugenden Impfung Hunde erfolgreich gegen Tollwut schützen kann, und damit auch den Menschen gegen Tollwut schützen kann.
SPRECHERIN
Die Hunde-Tollwut konnte man durch die Impfung ausrotten, aber noch immer steckten sich Menschen an – und zwar jetzt beim Fuchs.
10 O-TON (Müller)
Jetzt hatte man ein Problem gelöst, die Hunde-vermittelte Tollwut, und schon hatten wir die nächste Problematik auf dem Tisch. Diesmal war nicht der Hund der Hauptüberträger der Tollwut, sondern der Rotfuchs.
SPRECHERIN
Deshalb impfte man auch Füchse großflächig, wobei das sehr viel aufwendiger war als bei Hunden. Die Impfstoffe wurden in Futter-Ködern versteckt und überall dort, wo Füchse vorkamen, verteilt. Unter anderem per Flugzeug.
11 O-TON (Müller)
Da fliegen die Flugzeuge sozusagen in einem geringen Abstand über dem Erdboden und computergesteuert werden dann die Köder in bestimmten Abständen ausgelegt. Und über diese sozusagen Maßnahme haben wir es dann geschafft.
MUSIK 5 ( Benjamin Flint: Soul Healing (reduced) 1’07)
SPRECHERIN
Ein riesiger Aufwand, der sich über viele Jahre hinzog, aber letztlich konnte das Tollwut-Virus in Europa ausgerottet werden.
Wobei – so ganz weg ist das Tollwut-Virus auch in Europa nicht. Denn eigentlich sind wir nur frei von terrestrischer Tollwut. Terrestrisch bedeutet so viel wie: am Boden lebend.
12 O-TON (Müller)
Wir sind in Europa frei von terrestrischer Tollwut, aber nicht frei von Fledermaus-Tollwut, weil sie die Fledermaus-Tollwut im Prinzip nicht bekämpfen können.
SPRECHERIN
Weil man nicht alle Fledermäuse impfen könnte, auch weil sie in Europa unter strengem Schutz stehen. Aber dass Menschen sich bei Fledermäusen anstecken, kommt so gut wie nie vor.
Vermutlich stammt das Tollwut-Virus auch ursprünglich von Fledermäusen. Forschende können mithilfe von Gen-Analysen des Erbguts nachvollziehen, wie Zoonosen sich entwickelt haben und von welchem Tier sie stammen.
13 O-TON (Müller)
So kann man sich also gut vorstellen, dass vor mehreren Hunderttausend Jahren es mal zum erfolgreichen Überspringen dieser Viren, die einst bei Fledermäusen waren, dann auf den Fleischfresser – in diesem Fall waren es wildlebende Fleischfresser, also Füchse, Waschbären, Skunks usw. – dann erfolgreich übertragen worden sind und sich dort etabliert haben.
SPRECHERIN
Im Laufe der Zeit hat sich das Tollwut-Virus also so verändert, dass es andere Tierarten – und letztlich auch den Menschen infizieren konnte.
14 O-TON (Wilking)
Das Virus braucht bestimmte genetische Eigenschaften, damit es beim Menschen andocken kann, obwohl es wahrscheinlich nie vorher einen Menschen überhaupt gesehen hat.
SPRECHERIN
Dazu muss man wissen: Erreger wie Viren oder Bakterien verändern sich ständig. Anders ausgedrückt: Es kommt immer wieder zu zufälligen Mutationen im Erbgut. Das ist im Prinzip bei uns Menschen genauso – auch wir haben uns über die Jahrmillionen ja immer weiter verändert. Aber bei Viren und Bakterien geht das sehr viel schneller. Das Erbgut von RNA-Viren zum Beispiel – zu denen gehört die Influenza, also die echte Grippe – verändert sich eine Million Mal schneller als das menschliche Erbgut. Das ist quasi Evolution im Zeitraffer – und übrigens auch der Grund dafür, warum man sich jedes Jahr aufs Neue gegen Grippe impfen lassen muss.
Die enorme Wandlungsfähigkeit macht die Erreger ein Stück weit unberechenbar.
15 O-TON (Wilking)
Einige Viren können sich sehr schnell weiterentwickeln und so ihre Eigenschaften verändern. Also in dem Sinne, dass sie krankmachender werden können. Aber es geht auch umgekehrt, dass sie weniger krankmachend werden. Oder sie können dem Immunsystem des Menschen oder der Tiere sozusagen besser ausweichen oder dass sie durch eine Impfung induzierte Immunität ausweichen. Sie können halt so ihre Eigenschaft verändern. Aber es gibt auch sehr, sehr stabile Viren, die wahrscheinlich seit Hunderten von Jahren genau die gleichen Eigenschaften haben, und bei Bakterien ist es ähnlich. Es gibt einige Bakterien, die sind sehr stabil und dann gibt es Bakterien, die sehr volatil sind und sich sehr schnell auf die Umgebung, auf die Säugetiere oder den Menschen, die sie infizieren, anpassen.
SPRECHERIN
Auch wegen der ständigen Veränderungen gibt es mittlerweile eine große Anzahl von Zoonosen. Forschende unterscheiden sie nach ihrem Übertragungsweg.
MUSIK 6 ( Alan Jay Reed; Tony Delmonte: Locked 1’12)
16 O-TON (Wilking)
Es gibt so klassische Zoonosen, wo sich Menschen direkt durch den Kontakt zu Tieren anstecken, das können landwirtschaftliche Nutztiere sein, da gibt es zum Beispiel Q-Fieber, Milzbrand oder Brucellose. Das können Wildtiere sein, in Deutschland, insbesondere in Bayern, kommt leider seit einigen Jahren vermehrt das Borna-Virus vor, das greift das Nervengewebe an und das führt dann halt beim Menschen zu Gehirnentzündungen und leider in sehr häufigen Fällen dann auch nachfolgend zum Tod.
SPRECHERIN
Das Borna-Virus wird von Feldspitzmäusen übertragen. Eine meist tödliche Erkrankung, die allerdings extrem selten ist. Aktuell geht das Robert-Koch-Institut von zwei bis sechs Erkrankungen pro Jahr aus.
17 O-TON (Wilking)
Oder Hantavirus-Erkrankungen in vielen Gegenden Deutschland, die werden durch Kontakt zu Nagetieren übertragen. Oder sehr bekannt ist auch der Fuchsbandwurm.
SPRECHERIN
Der Fuchsbandwurm ist ein Parasit, der vor allem bei Füchsen, aber auch bei Hunden oder Katzen vorkommt. Die Eier des Parasiten gelangen über den Kot des Fuchses in die Natur. Deshalb wird empfohlen, im Wald – insbesondere in Bodennähe – gesammelte Beeren oder Pilze abzukochen, das tötet die Eier ab. Aber auch hier kann man sagen: Die Krankheit ist sehr selten. Jedes Jahr stecken sich 40 bis 70 Menschen an.
Ein anderer Übertragungsweg für Zoonosen sind Lebensmittel.
18 O-TON (Wilking)
Hepatitis E wird durch ein Hepatitis-E-Virus verursacht und wird durch den Verzehr von Schweinefleisch übertragen. Und gerade, wenn man ne vorgeschädigte Leber hat und dann zusätzlich diese Virusinfektion kommt, kann man schwer erkranken. Aber es gibt auch andere Beispiele: Campylobacter-Infektionen führen zu Durchfällen und in seltenen Fällen auch zu Immunreaktionen. Und das wird durch Verzehr von ungenügend durchgegartem Geflügelfleisch übertragen. Aber es gibt auch die in der Bevölkerung sehr bekannten EHEC-Erkrankungen. EHEC ist eigentlich ein bakterieller Erreger bei Rindern und halt durch den Verzehr von unzureichend durchgegartem Rindfleisch kann es zu EHEC-Ausbrüchen kommen in der Bevölkerung, beziehungsweise das ist in den letzten Jahrzehnten mehrmals vorgekommen.
SPRECHERIN
Deshalb ist es wichtig, Fleisch immer ausreichend durchzugaren. Das tötet Bakterien und auch einen Großteil anderer Erreger wie Viren oder Parasiten ab.
Allerdings gibt es hierzulande einige rohe Fleisch-Speisen, die sehr beliebt sind. Carpaccio aus rohem Rinderfleisch zum Beispiel oder auch rohes Schweinefleisch, das je nach Region anders heißt: Hackepeter, Mett, Bratwurstgehäck oder auch einfach nur Gehäck.
19 O-TON (Wilking)
Also rohes Schweinefleisch, der Verzehr ist halt in Deutschland sehr beliebt und kommt halt im europäischen Ausland sonst so nicht vor, also ist schon eine sehr deutsche Besonderheit irgendwie. Und durch diesen Verzehr können auch bestimmte Infektionskrankheiten übertragen werden. Also Toxoplasma gondii als Parasit kommt in Deutschland sehr häufig vor und halt auch andere bakterielle Erkrankungen können halt so übertragen werden.
SPRECHERIN
Daneben gibt es noch eine weitere Gruppe Zoonosen, die sogenannten Vektor-übertragenen Zoonosen. Das sind Infektionskrankheiten, die über Vektoren wie Mücken oder Zecken weitergegeben werden.
20 O-TON (Wilking)
Da kennen Sie die Lyme-Borreliose. Da gibt es leider viele Erkrankungsfälle pro Jahr in Deutschland, die Gehirnhautentzündung hervorrufen oder auch Gelenkentzündungen. Und dann gibt es, durch die Zecke als Vektor übertragen, die FSME.
SPRECHERIN
Also die Frühsommer-Meningoenzephalitis, die ebenfalls eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute hervorrufen kann.
Forts. 20 O-TON
Da kann man sich gut gegen impfen. Aber seit einiger Zeit, wahrscheinlich auch durch den Klimawandel induziert, auch Mücken-übertragene Erkrankungen in Deutschland, also das West-Nil-Virus in Ostdeutschland. Und wir müssen auch uns darauf einstellen, dass es noch weitere Mücken-übertragene Erkrankungen in den nächsten Jahren in Deutschland geben kann.
SPRECHERIN
Weil es wegen des Klimawandels wärmer wird und sich deshalb andere Mückenarten sich bei uns ansiedeln, rechnen Forschende damit, dass es künftig hierzulande Fälle von Malaria geben wird. Wobei man eigentlich sagen muss: Wieder geben wird.
21 O-TON (Wilking)
Malaria gab es früher ganz viel in Deutschland und die Malaria wurde ausgerottet durch Maßnahmen, also man hat halt Sümpfe trockengelegt, Brachland trockengelegt. Also die Malaria war in Mitteleuropa verbreitet, in England, bis hoch nach Skandinavien.
MUSIK 7 ( Daniel Backes, Peter Moslener: Temperature Sensitive (reduced 2) 0’42)
SPRECHERIN
Und dann gibt es noch eine weitere Gruppe Zoonosen – mit der wir alle in jüngster Zeit leidvolle Erfahrungen gemacht haben: die sogenannten Spillover-Zoonosen.
22 O-TON (Wilking)
Das sind halt Viruskrankheiten, wo es einmal am Anfang einen Übertrag vom Tierreich auf den Menschen gibt und nachfolgend halt Mensch-zu-Mensch-Übertragungen eines neuen Erregers. Die Influenza ist da zu nennen oder in anderen Weltteilen sehr gefürchtet zum Beispiel das Ebola-Fieber durch das Ebola Virus.
SPRECHERIN
Und natürlich die Lungenkrankheit Covid-19, besser bekannt als: Corona. Im Januar 2020 berichtete die Tagesschau:
23 TON (Tagesschau)
Hongkong verschärft Kontrollen bei der Einreise, die US-Botschaft in Peking warnt vor Kontakt mit Tieren und erkrankten Menschen. Anlass ist die mysteriöse Lungenkrankheit in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, ausgelöst möglicherweise durch ein neuartiges Corona-Virus, das glauben zumindest chinesische Wissenschaftler.
https://www.youtube.com/watch?v=hU7vVnxFoBk
SPRECHERIN
Kurze Zeit später dann der erste Fall in Deutschland. Die Pandemie nahm ihren Anfang. Es folgten: Maske tragen, Lockdowns, geschlossene Kitas und Schulen, unzählige Erkrankungen – und, nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, rund 15 Millionen Tote. Erst die Impfung brachte wirklich Abhilfe. 2023 dann erklärte die WHO den Corona-Notstand für beendet.
Gut drei Jahre hat Covid-19 die Welt in Atem gehalten – dabei sind Corona-Viren eigentlich alte Bekannte.
24 O-TON (Wilking)
Coronaviren, also diese Virusfamilie der Coronaviren, findet man weltweit verbreitet in der Tierwelt. Das ist jetzt erst mal nichts Ungewöhnliches. Und solche Spillover-Vorkommnisse von Corona-Viren sind halt in der Menschheitsgeschichte vielfach vorgekommen.
SPRECHERIN
Zahlreiche Coronaviren kommen zum Beispiel in Fledermäusen vor. Verändern sich die Viren können sie auf andere Tiere oder auch den Menschen überspringen. Und wenn sie dann auch von Mensch zu Mensch übertragen werden können, spricht man von einem Spillover-Event. Bereits 2003 gab es das mit Sars-Cov1.
25 O-TON (Wilking)
Sars-Cov-1 war 2003 auch ein Spillover-Event eines Coronavirus. Es gab auch dann Übertragungen des Virus in andere Teile, also nach Kanada, aber auch nach Europa. Aber der Unterschied zu Sars-Cov-2 war, dass Sars-Cov-1 nicht so übertragbar war und durch Anstrengungen der Gesundheitsbehörden weltweit und durch gute Kommunikation, aber auch durch schnelle Diagnostik, konnte Sars-Cov-1 wieder ausgerottet werden. Das ist halt bei Sars-Cov-2 nicht mehr gelungen.
SPRECHERIN
Statt lokalen Ausbrüchen kam es zu einer weltweiten Pandemie. Aber nach Sars-Cov-1 und Sars-Cov-2 fragt man sich unweigerlich: Wann kommt Sars-Cov-3?
26 O-TON (Wilking)
Ja, das weiß man nicht. Das ist reine Spekulation. Also Sars-Cov-3 kann natürlich vor der Haustür stehen, rein zeitlich gesehen. Aber vielleicht kommt Sars-Cov-3 nie vor. Man weiß es nicht.
SPRECHERIN
Weil die Erreger eben unberechenbar sind. Das hat etwas Bedrohliches. Sind Zoonosen heute gefährlicher als früher? Hendrik Wilking meint: Nein.
27 O-TON (Wilking)
In der Geschichte der Menschheit hat es auch schon ganz fürchterliche Zoonosen gegeben. Also die klassische Pest ist zum Beispiel ja auch eine Zoonose, die von Ratten auf den Menschen übertragen wurde. Und die hat immerhin im 17. Jahrhundert fast die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft.
MUSIK 8 ( Danny Elfman: Day One 0’53)
SPRECHERIN
Zoonosen, auch Spillover-Zoonosen, gab und gibt es immer wieder. Was sich aber grundsätzlich verändert hat, sind unser Wissen und auch unser Gesundheitssystem. Anders als früher sind Übertragungswege heute gut erforscht. Auch stehen für viele Zoonosen Medikamente zur Verfügung. Einen großen Unterschied machen aber Impfungen.
Wobei man leider sagen muss: Das gilt vor allem für die wohlhabenden Länder. In ärmeren Regionen sterben immer noch sehr viele Menschen an Zoonosen, gegen die man eigentlich impfen oder Medikamente geben könnte. Ebola, Malaria oder Affenpocken zum Beispiel. In einigen Gegenden Afrikas und Asiens ist auch die Tollwut immer noch ein großes Problem.
28 O-TON (Müller)
Insbesondere Südostasien muss man hier nennen. Da sterben jährlich, nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation, immer noch so um die 60.000 Menschen an Tollwut. Das ist leider eine Tatsache. Die Hälfte davon sind Kinder unter 15 Jahren. Alle neun Minuten stirbt in diesen Ländern jemand an einer Tollwut-Infektion.
MUSIK 9 ( Thomas Lemmer; Adrian Marquez Salas: Infinity 0’42)
SPRECHERIN
Das hat vor allem eine Ursache.
29 O-TON (Müller)
Es handelt sich ja teilweise um die ärmsten Länder der Welt, die einfach nicht die Ressourcen haben, großangelegte Tollwut-Impfaktionen durchzuführen, die haben andere Probleme, die noch dazu kommen, wo Tollwut wahrscheinlich auch nur ein Teil des gesamtgesundheitlichen Problems in diesen Ländern sind.
SPRECHERIN
Forschende zählen die Tollwut deshalb zu den neglected tropical diseases, also zu den vernachlässigten tropischen Krankheiten.
30 O-TON (Müller)
Es ist bekannt, aber es wird leider – auch international – dieser Krankheit wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
SPRECHERIN
Bei uns kann man gerade vom Gegenteil sprechen: Seit der Corona-Pandemie gibt es eine erhöhte Aufmerksamkeit mit Blick auf Zoonosen, die in unseren Breiten auftreten. West-Nil-Fieber, Zika-Virus, Nipah-Virus, Vogelgrippe, Schweinepest. Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man den Eindruck bekommen, als stünde die nächste Pandemie schon vor der Tür. Darauf deutet aber aktuell nichts hin.
Aber die Sorgen sind groß. Das zeigt sich auch daran, dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nach einigen Fällen von Affenpocken in Europa bereits öffentlich klarstellen musste:
31 TON (Lauterbach)
Was wir mit den Affenpocken gerade erleben, ist nicht der Beginn einer neuen Pandemie.
https://www.youtube.com/shorts/HPQnlaizoJY
MUSIK 10 ( Daniel Backes, Patrick Kuhn Botelho, Matthias Deger, Tony Delmonte: Discovery (main) 0’57)
SPRECHERIN
Mit den Affenpocken hatten sich einige Menschen auf Reisen infiziert.
Generell hält Hendrik Wilking vom Robert-Koch-Institut eine erhöhte Aufmerksamkeit aber für sinnvoll.
32 O-TON (Wilking)
Wir brauchen gute Surveillance- und Monitoring-Systeme, die solche Krankheiten und solche Ausbrüche detektieren, und auch diese Übertragung irgendwie schnell sichtbar machen.
SPRECHERIN
Es darf eben nur keine Panik draus werden. Daneben müssen wir unsere Gesundheitssysteme entsprechend ausstatten.
33 O-TON (Wilking)
Unsere Gesundheitssysteme brauchen halt auch so Krisenmodi, um mal für eine Zeit lang größere Zahl bestimmter Krankheitsfälle behandeln zu können. Aber auch um zügig antivirale Medikamente zu entwickeln und herstellen zu können. Oder halt, was ja in der Pandemie hervorragend gelungen ist, schnell Impfstoffe zu entwickeln und produzieren zu können, damit die Bevölkerung geschützt werden kann.
MUSIK 11 Peter Lepahin: Repercussions (rediced) 0‘36
SPRECHERIN
Keine Frage, Zoonosen haben etwas Bedrohliches. Die Corona-Pandemie hat uns eindrücklich vor Augen geführt, welche Folgen es haben kann, wenn Infektionskrankheiten vom Tier auf den Menschen überspringen. Gleichzeitig sind Zoonosen aber etwas ganz Normales, einige haben die Menschheit über viele Hunderttausend Jahre begleitet. Aber anders als in früheren Zeiten können wir uns heute dafür wappnen.
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- Hitlers Nachfolger - Admiral Dönitz und der Mai 1945
05.06.2025 · 23 Min.
Hitlers Selbstmord und die Kapitulation der Wehrmacht am 8.Mai 1945 bedeuteten nicht das Ende des Deutschen Reiches. In der Marineschule Mürwik bei Flensburg agierte noch fast drei Wochen eine Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz, den Hitler zu seinem Nachfolger ernannt hatte: Ein bizarrer Spuk mit Kabinettssitzungen, Minister-Denkschriften - und einem Staatsbegräbnis. Auch als die britische Armee das Treiben mit Festnahmen beendete, blieb Dönitz überzeugt, rechtmäßig im Amt zu sein. Von Rainer Volk Credits Autor dieser Folge: Rainer Volk Regie: Günter Maurer Redaktion: Thomas Morawetz Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Todesmärsche bei Freising - Die qualvollen Trecks von KZ-Häftlingen JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 05 OKW-Bericht: Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zu seinem letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen ist. Sprecher: Die letzte Episode in der Geschichte des selbst ernannten Dritten Reiches beginnt nicht mit Nachricht vom Tod Hitlers. Es gibt bereits zuvor – ohne Wissen des Diktators – Pläne, Ministerien und militärische Kommandostellen aus Berlin zu verlegen. Nach Hitlers Selbstmord am 30. April wollen seine Vasallen vor allem eines: ihre Haut retten. Die Deutschen traktieren sie unterdessen mit Pathos und Durchhalteparolen – auch Karl Dönitz selbst: O-Ton 07 Karl Dönitz: Ein Feigling und Verräter ist, wer sich gerade jetzt seiner Pflicht entzieht und damit deutschen Frauen und Kindern Tod und Versklavung bringt. Der dem Führer geleistete Treueeid gilt nun für jeden Einzelnen von Euch mir als dem vom Führer eingesetzten Nachfolger. Deutsche Soldaten – tut Eure Pflicht. Es gilt das Leben unseres Volkes. Sprecher: Hitler hat den Großadmiral in einem „politischen Testament“ zu seinem Nachfolger als Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Wehrmacht ernannt. Die Deutschen kennen den 53jährigen aus der Nazi-Propaganda. Er war der Stratege des U-Boot-Krieges und oberster Kommandeur der Marine. Doch selbst er wird von der Ernennung überrascht, sagt der Flensburger Historiker Gerhard Paul, der die Endphase des NS-Regimes in einem Buch analysiert hat: O-Ton 08 Gerhard Paul: Eigentlich: Der starke Mann nach Hitler wäre Himmler gewesen. Himmler hatte sich aber durch die Sondierung eines „Westfriedens“ bei Hitler unmöglich gemacht. Und von daher war das klar – das läuft jetzt auf jemand aus der Wehrmacht hinaus, der als Hitler-Anhänger bekannt ist. Und ja – das war dann Dönitz. Sprecher: Dönitz ist Karriere-Offizier, seit Kaisers Zeiten bei der Marine. Ihm fehlt jedwede politische Erfahrung. Es heißt, er sei ein nüchterner Denker, sein Humor begrenzt. – Der eben gehörte erste Auftritt bringt dem neuen Staatsoberhaupt bereits beißende Kritik ein, etwa in einer Sendung der BBC für deutsche Kriegsgefangene, die am 3. Mai 45 zu hören ist: O-Ton 09 BBC-Kriegsgefangenensendung: Herr Dönitz macht sich selbst zum Führer. Er beginnt seine bestimmt nur kurze Zeit damit, dass er erklärt, der Eid auf Hitler sei auf ihn übergegangen. Die Italien-Armee: Eine Million Mann hat kapituliert und verweigert Dönitz die Gefolgschaft. Was werden die anderen tun, deren Führer Dönitz zu sein glaubt? O-Ton 10 Sender Böhmen – „Unvollendete“: Sprecher: Das klingt ganz anders als die deutschen Sender, die noch arbeitsfähig sind. Der Reichssender Böhmen etwa überträgt am 2. Mai eine markige Rede des Gauleiters – gefolgt von klassischer Musik, Schuberts „Unvollendete“. Welche Rolle Radio in diesen Tagen spielt, ist schwer zu sagen. Hunderttausende von Zivilisten, Militärs und Politikern sind auf der Flucht vor den Sowjets und haben kaum Möglichkeiten, sich zu informieren. – Dönitz selbst ist einige Tage zuvor von seinem Hauptquartier bei Berlin in einem Autokonvoi Richtung Nordwesten aufgebrochen. Zeitgleich haben die oberste Führung von SS und Wehrmacht sowie wichtige Minister dasselbe Ziel. Der Historiker Gerhard Paul: O-Ton 11 Gerhard Paul: Da kam dann nur Schleswig-Holstein in Frage, wahrscheinlich auch, weil es zwei Seehäfen gab, über die man schnell hätte das Land verlassen können, nämlich über Kiel und über Hamburg. Und dann rückten die Engländer weiter vor. Es gab die ersten Luftangriffe auf die Gegend. Und dann ist man weiter ausgewichen nach Flensburg. O-Ton 12 Siegfried Unseld, Verleger: Als wir ankamen, waren wir noch die einzige mobile Funkstation; die anderen hatten den alliierten Bombenhagel nicht überstanden. Sprecher: Das ist Siegfried Unseld; bis zu seinem Tod im Jahr 2002 einer der wichtigsten Verleger der Bundesrepublik. Unseld ist 20 und Obergefreiter bei einem Funk-Trupp, als er Anfang Mai 1945 in Flensburg zum Zeitzeugen wird. Denn seine Abteilung hat einen LKW mit einem mobilen Radio-Übertragungsstudio: Atmo 01: Signet Flensburg Sprecher: Erkennungssignal des Senders ist die Melodie des Volkslieds „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“, im Reich damals auch als Glockenspiel der Potsdamer Garnisonskirche berühmt. Über diesen Mai 1945 berichtet Unseld 50 Jahre später in einem Vortrag: O-Ton 13 Siegfried Unseld: Wir hatten Tag und Nacht im buchstäblichen Sinn alle Funkhände voll zu tun, um Meldungen, Botschaften an das deutsche Volk und Tagesbefehle an all die Orte zu senden, wo noch deutsche Truppen waren oder die Flotte operierte. Es waren erregende Tage, mit dem Gefühl zwischen den Zeiten oder in einer Niemandszeit zu leben. Sprecher: Seine Zelte hat Unselds Trupp in der Marinekriegsschule Flensburg-Mürwik aufgeschlagen, einem prächtigen Backsteinbau im neogotischen Stil. Schon der kaiserlichen Marine hat Mürwik als Kaderschmiede gedient. Das „Rote Schloss am Meer“, wie manche das Hauptgebäude nennen, liegt keine 50 Meter von der Flensburger Förde entfernt auf einem Hügel. Auch die „Deutsche Marine“ von heute bildet hier ihre Offiziere und Unteroffiziere aus. Die studierte Historikerin und Fregattenkapitän Vera Lassoued gestaltet bei diesen Lehrgängen den Geschichts-Unterricht: O-Ton 14 Vera Lassoued: Es ist halt hier ein historischer Ort. Und das können wir auch gar nicht verändern, das wollen wir auch gar nicht verändern. Hier haben vier verschiedene Marinen gewirkt. Und wir als „Deutsche Marine“ sind hier als längstens schon ‚Hausherr‘. Und haben aber dieses Gebäude und alles übernommen. Sprecher: Die sozusagen „heiße Phase“ der Dönitz-Regierung in Mürwik beginnt in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945, als der Großadmiral und sein Gefolge die Marineschule erreichen. Da niemand mehr einen Überblick hat über die militärische Lage, ist der Empfang improvisiert. Professor Gerhard Paul: O-Ton 16 Gerhard Paul: In der Marineschule, „Marinekriegsschule“ wie sie ja damals hieß, hat es keine Vorbereitungen gegeben. Der stand da plötzlich nachts vor der Tür und der Kommandeur hat ihm dann Räume zugewiesen. Auch seine Privaträume hat er nutzen dürfen. Und einen Tag später lag vor Mürwik ein ehemaliger – ich glaube es war ein Hapag-Lloyd-Dampfer, die „Patria“. Und auf der „Patria“ haben die dann Quartier bezogen – das war noch am einfachsten. Atmo 02: Marineschule innen Sprecher: Bis heute lässt sich erahnen, wie es gewesen sein muss, als die Minister von Dönitz‘ Gnaden in Mürwik eintrafen. Denn jener Teil der Marinesportschule, in dem das Kabinett täglich um 10 Uhr morgens Sitzungen abhielt, ist ebenfalls erhalten. Die Flure und Räume sind typische Militär-Architektur der 1930er Jahre: dunkler Terrazzo-Fußboden, grün und weiß getünchte Wände. [OC: Alles sehr nüchtern. Fregattenkapitän Vera Lassoued: O-Ton 18 Vera Lassoued: (Atmo zum Blenden) Hier sind Büroräume jetzt untergebracht. Gerade unsere Sportausbildung hat hier einige Räume in Beschlag genommen. Aber ansonsten haben wir hier keine Erinnerungstafeln oder Fotogalerien von der Zeit von damals, weil das nicht Sinn der Sache war für uns. Sondern wir wollen das einfach nur als Infrastruktur nutzen. (Atmo zum blenden) ENDE OC] Sprecher: Gut möglich, dass Umstände und Umgebung einige in der Runde zu sehr ernüchtern. Augenzeugenberichten zufolge lässt Ernährungsminister Herbert Backe zu Beginn jeder Sitzung eine Flasche Schnaps kreisen. Die Minister sind angesichts der düsteren Aussichten Anfang Mai 1945 nicht die einzigen, die Anstand und Benimm über Bord werfen. Eine der Wehrmachtshelferinnen in der Marineschule berichtet Jahrzehnte später über ihren Alltag in Mürwik: Sprecherin (Zitat): Eigentlich wussten wir gar nicht, was wir den ganzen Tag machen sollten. Schriftverkehr mit außen fand praktisch nicht statt. Vor höheren Offizieren, besonders den SS-Leuten, mussten wir uns in Acht nehmen. Einige waren ständig betrunken, randalierten in den Gängen und hatten es auf uns junge Röcke abgesehen. Einmal hat ein hoher SS-Offizier an die Tür zu unserem Büro uriniert. Es stank fürchterlich. Und wir mussten dann die Sauerei wegmachen. Widerlich! Sprecher: Für Dönitz ist in diesen Tagen nur ein Thema wichtig: Verhandlungen zu einer teilweisen Kapitulation der Wehrmacht zu organisieren. Die Entscheidung hierzu hat er am Tag vor seiner Fahrt nach Mürwik getroffen. Am 3. Mai schickt er deshalb Generaladmiral von Friedeburg als Unterhändler mit einer Delegation ins Feldlager des britischen Oberbefehlshabers Montgomery, auf einem Hügel unweit von Lüneburg. Dort versucht er diesen zu überzeugen, nur für Dänemark, die Niederlande und die Front in Nordwestdeutschland die Waffen strecken zu dürfen. Gerhard Paul sagt über dieses Kalkül: O-Ton 19 Gerhard Paul: Dönitz ist immer noch von der illusionären Vorstellung ausgegangen, dass die Wehrmacht gegebenenfalls mit den Westalliierten gegen die Sowjetunion marschieren würde. Dafür spricht auch, dass es ein Dossier gab, dass der britische Premier Churchill in Auftrag gegeben hatte, dass 47 britische und amerikanische Divisionen für den Fall, dass die Sowjetunion weiter nach Westen ziehen würde – dass man sich dem entgegenstellen würde. Und dafür brauchte man noch hunderttausend Wehrmachtsangehörige. Sprecher: Es scheint zunächst, als könne die Rechnung aufgehen. Montgomery verspricht, deutsche Soldaten, die sich seinen Truppen ergeben, nicht den Sowjets auszuliefern und gewährt Friedeburg sicheres Geleit zurück nach Mürwik. Dort erteilt Dönitz seinen Verhandlern die nötige Vollmacht, die Kapitulation für den Westen zu unterzeichnen. Atmo 03: Kapitulation Sprecher: Ein Zelt am Rand der Lüneburger Heide, 4. Mai – circa 18 Uhr. Montgomery hat Reporter und Fotografen herbeigerufen. Daher steht auf dem Tisch vor dem Feldmarschall ein Mikrofon und im Hintergrund filmt eine Kamera, als er, unterstützt von einem Dolmetscher, die Bedingungen der Kapitulation nach den britischen Vorstellungen erläutert. Um die Briten – und möglichst auch die Amerikaner – milde zu stimmen, befiehlt Dönitz als nächsten Schritt das Ende des U-Boot-Krieges, der die Westalliierten in den Vorjahren enorme Verluste gekostet hat. Doch alle Hoffnungen, Zeit schinden zu können und die Gegner zu spalten, zerschlagen sich bald. Der Oberkommandierende der US-Armee, General Eisenhower, besteht auf einer Kapitulation der Wehrmacht an allen Fronten. So kommt es zu jenen historischen Szenen in Reims, in Nordfrankreich, und in Berlin-Karlshorst, die den Zweiten Weltkrieg in Europa beenden. O-Ton 21 Lüneburg: An die Einwohner von Lüneburg. Die Nazi-Regierung und die Wehrmacht haben bedingungslos den alliierten Expeditionsstreitkräften kapituliert… Sprecher: An jenem 8. Mai 1945 wird Millionen Deutschen klar: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Manchmal informieren darüber Lautsprecher-Durchsagen wie hier in Lüneburg, andere hören zuhause die Nachricht im Radio oder erfahren es mündlich von Bekannten oder Freunden. In Mürwik dauert es fast einen Tag, bis die Funker aus ihrem mobilen Ü-Wagen die Neuigkeit bestätigen. Am Abend des 9. Mai ertönt das Sender-Signet ein letztes Mal. O-Ton 22 Flensburg: (Signet/Glockenspiel) 20 Uhr und drei Minuten. Reichssender Flensburg und die angeschlossenen Sender. Wir bringen heute den letzten Wehrmachtsbericht dieses Krieges. Aus dem Hauptquartier des Großadmirals… Sprecher: Der Sprecher, ein Panzerspähfunker namens Klaus Kahlenberg, verliest nach den einleitenden Sätzen die jüngsten Meldungen von allen Fronten. Überall – so lobt der Bericht des Oberkommandos – sei die Wehrmacht tapfer. Erwähnt wird, wer Auszeichnungen für sein Verhalten erhalten hat. Zwei Minuten dauert dieser monotone Vortrag. Dann folgt die entscheidende Neuigkeit: Neben dem Sprecher sitzt auch ein britischer Offizier. Als die Funker ihn fragen, ob nach der angekündigten Stille Musik gespielt werden dürfe, antwortet er lakonisch: „Ja, aber nicht Wagner.“ Weshalb die Funk-Soldaten Haydns Kaiser-Quartett, die musikalische Vorlage zur Nationalhymne, vom Plattenspieler im Ü-Wagen in den Äther senden. Eine Anekdote, die zeigt: Eigentlicher Herr des Geschehens ist in Mürwik bereits das britische Militär. Doch auch nach dem 8. Mai führt es Dönitz an einer sehr langen Leine – findet Gerhard Paul: O-Ton 23 Gerhard Paul: Dönitz war es gestattet, ein eigenes Wachbataillon zu führen, das auch unter Waffen stand als die Wehrmacht bereits entwaffnet war. Und das führt zu paradoxen Zuständen. Als am 16. Mai – also eine Woche nach der Gesamtkapitulation – es ein Staatsbegräbnis gegeben hatte für den ehemaligen Kommandeur der Marineschule. Ein Kapitän zur See Wolfgang Lüth. Dazu brauchte man Soldaten, nicht nur in Uniform, sondern auch in Waffen, die dann schießen durften. Und dafür hat er die Genehmigung des britischen Stadtkommandanten eingeholt und sie auch bekommen. Sprecher: Die Trauerrede bei diesem letzten Staatsbegräbnis des Dritten Reiches hält Dönitz selbst. In der Aula der Marineschule bezeichnet er den nachts von einer Wache versehentlich erschossenen Lüth als „leuchtendes Vorbild für künftige Generationen“. Für Fregattenkapitän Lassoued ist diese Begebenheit ein Argument mehr, die Figur Dönitz in ihrem Geschichts-Unterricht an der heutigen Marineschule kritisch zu betrachten: O-Ton 24 Vera Lassoued: Wir schauen uns Reden von Dönitz an und ich analysiere das mit meinen Schülern. Wenn man dann später immer gesagt hat: Ach, die Kriegsmarine, die war ja so sauber und unbelastet, dann ist das durch diese Reden von Dönitz alleine schon widerlegt. Natürlich war der überzeugter Nationalsozialist. [OC: Von daher: Wir behandeln ihn als historische Figur hier – und seine Zeit im Mai, in der er hier war, auch wenn das vielleicht eine spannende Episode ist, ist das nicht alles, worum es geht bei uns an der Marineschule, ja. Sprecher: Neben „spannend“ ist das Schattenregime von Dönitz vor allem tragisch. ENDE OC] In Mürwik werden noch mehrere Todesurteile gegen Deserteure vollstreckt. Und der wahre Charakter des Nationalsozialismus wird sichtbar. Denn am 3. Mai erreicht, gezogen von einem Schlepper, ein Flusslastkahn namens „Ruth“ die Flensburger Förde. In den Laderäumen vegetieren etwa 650 Häftlinge aus dem KZ Stutthof bei Danzig; weitere 350 sind bei der Überfahrt gestorben. Dönitz behauptet später, erst zu diesem Zeitpunkt habe er von den NS-Verbrechen erfahren. Absurd, wie fleißig er in Mürwik am Mythos einer „sauberen Wehrmacht“ bastelt, sagt Gerhard Paul: O-Ton 25 Gerhard Paul: Da sitzt eine Regierung, die sich mit Fragen beschäftigte: Bekommen wir noch neue Uniformen und neue Uniform-Stiefel. Also dieser Mythos der sauberen Wehrmacht hat auch eine ganz materielle, sinnliche Entsprechung, ne. Durch Flensburg zogen, aus Dänemark, aus Norwegen kommend, Soldaten der Wehrmacht, die keine Stiefel mehr hatten. Die Uniformen kaputt und unvollständig. Und hier sitzt eine Regierungsriege in feinstem Zwirn! Sprecher: Dieses Sitzen wird jedoch von Tag zu Tag gefährlicher. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel etwa, der in Karlshorst die Kapitulation gegenüber der Sowjetunion unterzeichnet hat, nehmen die Briten am 13. Mai auf dem Gelände der Marineschule fest. Den NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg spürt ein anderer Trupp im riesigen Lazarett von Mürwik auf – er hat einen Beinbruch vorgetäuscht und trägt Gips. – Für den „Reichssender Flensburg“ ist am 15. Mai Sendeschluss. Die Lokalzeitung „Flensburger Nachrichten“ meldet an diesem Tag: Sprecher 2 (Zitat): Aus dem Hauptquartier Eisenhowers wird gemeldet: Der Sender Flensburg ist von einer alliierten Kommission übernommen worden, um einer Wiederholung unautorisierter Rundfunksendungen vorzubeugen. Die alliierte Kommission wird in Zukunft stärkste Kontrolle über die Dönitz-Regierung ausüben. Sprecher: Ein paar Tage später ist [auch] das bizarre Treiben in Mürwik vorbei. Die Briten beugen sich dem politischen Druck aus Washington und Moskau. Am 17.Mai hat der britische Stadtkommandant von Flensburg erfahren, dass die USA Dönitz auf die Liste der Kriegsverbrecher gesetzt haben. Am Tag darauf erreicht eine sowjetische Delegation Flensburg. Sie wird auf dem zweiten Dampfer – der „Caribia“ – einquartiert, der vor der Marineschule vor Anker liegt. O-Ton 27 Gerhard Paul: Der Druck der Russen war sehr stark, die diese Regierung in Flensburg nie anerkannt haben, die den Sinn nicht gesehen haben. Auch die Amerikaner – Eisenhower hat das nicht gesehen, so eine – im Grunde von den Briten installierte Regierung, die man glaubte, bei den Verhandlungen über die Demobilisierung, über die Entwaffnung gebrauchen zu können. Aber diese Illusion war dann spätestens am 21./22. Mai dahin. Sprecher: Am Morgen des 23. Mai werden Dönitz und weitere Militärs morgens auf die „Patria“ zitiert. Dort eröffnet ihnen ein britischer General, man erachte sie jetzt als Kriegsgefangene und werde sie nachmittags ausfliegen. Die bestehende Regierung sei aufgelöst. Kurz nach 10 Uhr besetzen zwei britische Infanterie-Bataillone das Gelände – auch den Raum, in dem – wie üblich – die Minister zusammenhocken: Sprecher 2 (Zitat): Kurz nach Beginn der Sitzung platzten mit gezogener MP und Handgranaten bis an die Zähne bewaffnete englische Soldaten in den Saal. Erste Maßnahme: ›Hände hoch!‹ Zweite Maßnahme: ›Hosen herunter!‹ Sprecher: Auch von dieser Szene im Korridor der Marinesportschule, die der Adjutant von Dönitz so geschildert hat, existiert ein Foto, das ein britischer Militär-Fotograf geistesgegenwärtig aufnimmt. O-Ton 28 BBC Suizid Himmler: Hello BBC – this is Chester Wilmot from Luneburg, where Himmler committed suicide last night… Sprecher: Die andere Nachricht jenes Tages lautet: Heinrich Himmler hat Selbstmord begangen. Der BBC-Reporter lässt einen Feldwebel der britischen Armee berichten, der die Szene beobachtet hat: Sprecher: Eine misstrauische Militärstreife hat den ehemaligen „Reichsführer SS“ bei Flensburg aufgegriffen. Am 23. Mai enthüllt Himmler Offizieren, die ihn befragen, seine Identität – und beißt bei einer Leibesvisitation im letzten Moment auf eine Kapsel mit Zyankali, die er im Mund versteckt hat. – Auch Dönitz und seine Minister werden an diesem sonnigen Frühlingstag aufs Peinlichste untersucht – was sie geradezu schockiert. Im Polizeipräsidium von Flensburg warten, neben Ärzten, einige Journalisten. Fotos, die in diesem Moment geschossen werden, zeigen Dönitz und den General Jodl in schweren Soldatenmänteln, Speer trägt einen hellen Trenchcoat. Die Inszenierung soll der Weltöffentlichkeit zeigen: Es ist Aus mit Großdeutschland. Eine Augenzeugin, die vom Postamt gegenüber die Vorführung der drei Männer beobachtet, fasst ihre Eindrücke später so zusammen: Sprecherin (Zitat): Was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, war diese Winzigkeit: der kleine Hinterhof von nur ein paar Quadratmetern, in dem sich das Geschehen abspielte, und die Gestalten, die von unserem Fenster aus so winzig aussahen, ganz anders als man sie aus der Wochenschau kannte. Und vor allem: das unblutige, eigentlich ganz friedliche Geschehen. Dass dies wirklich das Ende des Dritten Reiches sein sollte und ich ein Zeuge davon war, hätte ich nie gedacht. Sprecher: Karl Dönitz findet sein Selbstbewusstsein relativ rasch zurück. Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess agiert sein Verteidiger so geschickt, dass er nur zehn Jahre Haft erhält. Nach der Entlassung schreibt er Erinnerungen – und behauptet bis zu seinem Tod an Heiligabend 1980, rechtmäßig deutsches Staatsoberhaupt zu sein. Gerhard Paul sagt über diesen Fall von Unbelehrbarkeit: O-Ton 29 Gerhard Paul: Richtig ist, dass Dönitz sich Zeit seines Lebens als legitimer Nachfolger von Adolf Hitler gesehen hat, als Staatspräsident – von vielen ehemaligen Kameraden so genannt wurde. Es hat Probleme gegeben, dass Dönitz eingeladen wurde an verschiedene Schulen. Und da gab es unendliche Diskussionen in der Öffentlichkeit. Aber er ist mit diesem Titel „Staatspräsident“ beerdigt worden.
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