
Die tägliche Behindertenfeindlichkeit in der Mobilität - ein Gespräch über Wut und Mut.
she drives mobility
18.10.2026
50 min
Beschreibung
In der Mobilitätsdebatte wird ständig über Menschen mit Behinderungen gesprochen. Sie werden als Kostenfaktor, als Ausrede oder als Gruppe, die angeblich das Auto braucht, bezeichnet. MIT ihnen selbst wird fast nie gesprochen.
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Cécile ist Klima-Aktivistin, fährt Rollstuhl und klettert sogar damit. Auf allen Plattformen zeigt sie, wie wenige Barrieren es eigentlich geben könnte. Sie hat die Anti-Ableismus-Aktion Lüneburg Nord mitgegründet und ist bei Robin Wood aktiv. Joni ist nichtbinär, politisch aktiv in antifaschistischen Kontexten und denkt konsequent über Systemkritik nach. Kurt kommt aus der Organisation von direkter Aktion, hat schonmal den Senat der Universität besetzt und ist jetzt in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Alle dreisagen denselben Satz in Varianten: „Wir werden behindert, von der Gesellschaft."
Cécile empfand den Rollstuhl erst als Freiheit: Plötzlich bekam sie mehr vom Leben mit. Doch sie bemerkte sie schnell, wie sie behindert wird: durch Treppen, gesperrte Wege und Aufzugspläne. Zu Arztterminen nimmt sie ein Rollstuhl-Taxi, nicht, weil sie will, sondern weil sie keine Therapie machen kann, bei der der Stress der Anreise den Nutzen auffrisst. Joni muss vor jeder Fahrt den Aufzugsplan des HVVs prüfen, um zu sehen, ob dort ein grüner Haken steht, dass alles barrierearm funktioniert. Kurt beobachtet in den ICEs eine Konkurrenz um die viel zu wenigen Vorrangplätze zwischen älteren Menschen, Rollstuhlfahrenden und Eltern mit Kinderwagen. Menschen mit Behinderung müssen ihre Berechtigung fast immer erst einmal einfordern.
Kurt bringt es auf den Punkt: Die Bahn billigt uns ein bestimmtes Maß an Inklusion zu, ohne uns zu fragen, und meint, es reicht. Ob der Aufzug funktioniert, interessiert sie wenig. Wir sind teuer, wir kosten Geld - und das stört das Wirtschaftsunternehmen.
Das zeigt sich in Kleinigkeiten, die keine sind: Wenn eine Verbindung ausfällt und die Zugbindung aufgehoben wird, gibt es keine Antwort auf die Frage, wie ein Mensch im Rollstuhl in den nächsten, vielleicht vollen Zug kommt, und auch keine Entschuldigung. Wenn die Bahn ein Gratis-Wochenende anbietet, ist die S-Bahn so voll, dass Cecile nicht mitkommt. Kostenlos fahren dürfen zwar alle, aber tatsächlich fahren können nur diejenigen, die über die nötige Kapazität verfügen. Beides zusammen ist ein Zeichen der Unvernunft: Während wir sprechen, wird ein Tankrabatt im Milliardenbereich beschlossen, während das Deutschlandticket teurer wird.
Das Wichtigste, das in dieser Debatte fast immer falsch läuft, bringt Cecile auf den Punkt. „Ich will nicht als Argument genutzt werden, dass man ein Auto braucht. Dass eine autofreie Stadt nicht geht, weil Menschen mit Behinderung das Auto brauchen. Nein, wir können Konzepte erarbeiten, wie das für alle funktioniert."
Menschen, die es sich leisten können, schaffen sich in ihrem Umfeld aus Bahnfrust Autos an, aber das ist keine Lösung, sondern eine Privatisierung des Problems. Eine ökologische Verkehrswende funktioniert nur, wenn ein Mensch mit Behinderung genauso spontan von A nach B fahren kann wie alle anderen. Und sie ist ohnehin eine Frage des Überlebens: Die Katastrophenschutzpläne berücksichtigen Menschen mit Behinderungen nicht. Im Ahrtal sind überproportional viele von ihnen gestorben. Die Klimakatastrophe trifft uns zuerst, sagt Joni.
Warum eine Bahnsteigbesetzung statt eines Briefs? Kurt antwortet mit der Geschichte: Ohne direkte Aktionen gäbe es weder das Frauenwahlrecht noch die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der parlamentarische Weg ist gemacht für Kompromisse. Wir wollen jedoch keinen Kompromiss, sondern Inklusion.
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