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- 08.11.202434 min
Der vielfach preisgekrönte Alles Geschichte-Podcast "Paula sucht Paula" geht in die Verlängerung mit einer neuen Folge! Undercover-Reporterin - so würde man sie heute nennen: Paula Schlier. Kurz vor dem Hitlerputsch 1923 hat sie sich beim Nazi-Hetzblatt "Völkischer Beobachter" eingeschleust. Nur knapp entging sie KZ-Haft und Ermordung in der Psychiatrie. Nun kommt ein neues Kapitel hinzu: Denn nach der Ausstrahlung haben wir viele Zuschriften erhalten, darunter von einer alten sehr guten Bekannten Paula Schliers.... Credits Autorin: Paula Lochte Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Xenia Tiling, Frank Manhold, Rainer Schaller Technik: Adele Meßmer Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau Linktipps: Hitlerputsch 1923: Das Tagebuch der Paula Schlier Dokumentation in der ARD Mediathek Deutschland 1923: Inflation, Hunger, instabile politische Verhältnisse. In dieser Zeit schleicht sich die 24-jährige Paula Schlier undercover beim "Völkischen Beobachter", dem Kampfblatt der NSDAP, ein und gerät mitten in Hitlers Putschversuch. JETZT ANSEHEN Der Hitlerputsch 1923. Demokratie in Gefahr Podcastfolge / Bayerisches Feuilleton / ARD Audiothek Am Abend des 8. November 1923 stürmte Adolf Hitler mit seinen Gefolgsleuten eine politische Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller, schoss mit einer Pistole in die Luft und verkündete die nationale Revolution. Der Putschversuch scheiterte blutig vor der Feldherrenhalle. Die Folgen aber waren gravierend. Thomas Grasberger rekonstruiert die historischen Ereignisse jener Tage. JETZT ANHÖREN Instagramkanal von Paula Lochte: EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/paulalochte/ Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir bedanken uns für das Teilen von Infomaterial und Wissen bei: Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck: EXTERNER LINK | https://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/index.html.de NS-Dokumentationszentrum München EXTERNER LINK | https://www.nsdoku.de/ Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 08.11.202429 min
Der vielfach preisgekrönte Alles Geschichte-Podcast "Paula sucht Paula" geht in die Verlängerung mit einer neuen Folge! Undercover-Reporterin - so würde man sie heute nennen: Paula Schlier. Kurz vor dem Hitlerputsch 1923 hat sie sich beim Nazi-Hetzblatt "Völkischer Beobachter" eingeschleust. Nur knapp entging sie KZ-Haft und Ermordung in der Psychiatrie. Nun kommt ein neues Kapitel hinzu: Denn nach der Ausstrahlung haben wir viele Zuschriften erhalten, darunter von einer alten sehr guten Bekannten Paula Schliers... Credits Autorin: Paula Lochte Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Xenia Tiling, Frank Manhold Technik: Adele Meßmer Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau Linktipps: Hitlerputsch 1923: Das Tagebuch der Paula Schlier Dokumentation in der ARD Mediathek Deutschland 1923: Inflation, Hunger, instabile politische Verhältnisse. In dieser Zeit schleicht sich die 24-jährige Paula Schlier undercover beim "Völkischen Beobachter", dem Kampfblatt der NSDAP, ein und gerät mitten in Hitlers Putschversuch. JETZT ANSEHEN Der Hitlerputsch 1923. Demokratie in Gefahr Podcastfolge / Bayerisches Feuilleton / ARD Audiothek Am Abend des 8. November 1923 stürmte Adolf Hitler mit seinen Gefolgsleuten eine politische Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller, schoss mit einer Pistole in die Luft und verkündete die nationale Revolution. Der Putschversuch scheiterte blutig vor der Feldherrenhalle. Die Folgen aber waren gravierend. Thomas Grasberger rekonstruiert die historischen Ereignisse jener Tage. JETZT ANHÖREN Instagramkanal von Paula Lochte: EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/paulalochte/ Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir bedanken uns für das Teilen von Infomaterial und Wissen bei: Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck: EXTERNER LINK | https://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/index.html.de NS-Dokumentationszentrum München EXTERNER LINK | https://www.nsdoku.de/ Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 01.11.202424 min
Die eine steigt als First Lady der jungen USA zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Folge 3. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024) Credits Autorin & Regie : Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Florian Schwarz, Katja Schild, Peter Weiß, Friedrich Schloffer, Hemma Michel, Peter Veit, Gudrun Skupin, Jennifer Güzel Technik: Josef Angloher Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Catherine Allgor, Michaela Lindinger Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2024): Kalte Füße Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind ständig Orte in den Nachrichten, die die italienische Autorin Francesca Melandri aus Erzählungen und Büchern ihres Vaters kennt, aus seinen Geschichten über den Zweiten Weltkrieg bei den Alpini, den italienischen Soldaten, die an der Seite Hitler-Deutschlands in die Sowjetunion, eigentlich aber in die Ukraine einmarschierten. Was wurde nicht erzählt? Bestsellerautorin Melandri verknüpft in ihrem neuen Buch Familiengeschichte mit Weltgeschichte angesichts des erneuten Endes des Friedens in Europa. Vollständige Lesung mit Nina Kunzendorf. ZUM HÖRBUCH Linktipps: Deutschlandfunk (2019): First Ladies in Deutschland – Die Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen Mal sozial engagiert, mal selbst politisch aktiv: Die Frauen der deutschen Staatsmänner hatten durchaus Einfluss – doch ihr Engagement geriet im Schatten der Ehemänner oft in Vergessenheit. Historikerin und Buchautorin Heike Specht hat die First Ladies seit 1949 porträtiert. JETZT ANHÖREN radioWissen (2021): Frei, gleich und brüderlich – Die Französische Revolution In schwarzem Trauergewand sitzt Marie Antoinette in ihrer primitiven Zelle in der Conciergerie - bewacht von Soldaten der Revolutionsregierung. Mit der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schafften die Revolutionäre nicht bloß die Abkehr vom feudalen Ständestaat - sie formulierten ein Ideal, das heute in den Verfassungen der Demokratien zur selbstverständlichen Norm geworden ist. Noch heute gedenken die Franzosen an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli, des Sturms auf die Bastille. Doch das anfängliche Hochgefühl wich bald dem Terror. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk (2024): George Washington – Das Erbe des ersten „Mr. President“ Am 30. April 1789 wurde George Washington als erster US-Präsident vereidigt. Er begründete nicht nur den Supreme Court, die US-Marine und die nach ihm benannte Hauptstadt. Washington prägte auch das neue Amt und wie sich ein Mr. President inszeniert. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK & ATMO 1 ERZÄHLERIN Die Independence Hall in Philadelphia, Pennsylvania – ein breites Backsteingebäude mit weißem Glockenturm. Es ist der 4. Juli 1776. Die 13 britischen Kolonien in Nordamerika proklamieren die Loslösung von Großbritannien und das Recht einen eigenen, souveränen Staatenbund zu bilden. Als Gründerväter gehen in die Geschichte ein Washington, Franklin, Jefferson, Adams, Madison – 2 ERZÄHLERIN Insgesamt nur Männer. 1 ERZÄHLERIN Martha Washington zum Beispiel hätte es auch verdient gehabt. 2 ERZÄHLERIN Sie kümmert sich nun bald um ihr erstes Enkelkind: ein Mädchen. Elizabeth. Kurz: Betsy. 1 ERZÄHLERIN Dass die Oma demnächst die erste First Lady der Vereinigten Staaten sein wird, ahnt zu dem Zeitpunkt noch niemand. 2 ERZÄHLERIN Die Vereinigten Staaten erringen nach dem Frieden von Paris endgültig ihre Eigenständigkeit. Die Arbeit scheint jetzt beendet. Die Geschichtsbücher schließen sich für die Washingtons. 1 ERZÄHLERIN Vorrübergehend. MUSIK 05 ZITATOR PRESSE 1 Am 23. Dezember 1783 tritt George Washington vor den versammelten Kongress in Annapolis. Die Anspannung der Abgeordneten ist groß. Kaum jemals hat ein siegreicher Feldherr alle Macht einfach wieder zurückgeben an eine zivile Gesellschaft. Kein Cäsar und kein Cromwell. Aber ein George Washington. Ein gutes Omen für den jungen amerikanischen Staat. 1 ERZÄHLERIN Und eine Erleichterung für seine Frau Martha. Nach langen Jahren des Krieges wird Weihnachten 1783 wieder zusammen daheim gefeiert. Zuhause auf Mount Vernon. 1 ERZÄHLERIN Was in den USA weiter passiert, ist offen. Die neue Nation geht auf volles Risiko, wagt etwas Unbekanntes. Wie der Staat künftig aussehen wird? Wer ihm wie vorsteht? Eine Schablone dafür existiert nicht. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Bloß der überkommene Entwurf aus dem alten Europa, den viele in Amerika nicht wollen. Genauso wie sich Europa dagegen auflehnt. Die Menschen begehren auf gegen Monarchie, Despotie und Willkür. Das absolutistische System muss weg. Frankreich ächzt unter Hungersnöten. Die Staatskasse ist leer. Der König baut groß um in Versailles. Denkmäler im eigenen Land will er sich setzen. International mitmischen auch, also beteiligt er sich am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Damit möchte Louis XVI. dem großen Rivalen Großbritannien eins auswischen. MUSIK ZITATOR INFO Beide Länder versuchen Fuß zu fassen in Nordamerika und kommen sich in die Quere. Auseinandersetzungen gibt es mit indigenen Bevölkerungsgruppen und untereinander: Wer kolonisiert wo was und wen? Die Briten erkämpfen sich die Vorherrschaft. Frankreich will Revanche und unterstützt die amerikanischen Rebellen finanziell wie militärisch. Handels- und Bündnisverträge sichern schließlich zu, dass Frankreich bis zur Unabhängigkeit an der Seite der jetzt noch abhängigen Kolonien stehen wird. In der entscheidenden Schlacht bei Yorktown verhelfen französische Truppen der amerikanischen Revolution zum Sieg. 1783 fädelt Frankreich ein, dass die Briten im „Frieden von Paris“ die Souveränität der USA anerkennen. 2 ERZÄHLERIN Problem bloß: Frankreich ist nach dem amerikanischen Einsatz erst recht pleite. Die Bevölkerung begeistert sich noch mehr als eh schon für die antimonarchistische Sache. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Und Die Zeitungen erfinden immer wildere Geschichten über die Königin: Verschwendungssucht! Sex mit Frauen. Mit Männern. Mit allen zugleich. Der Versailler Intrigenstadel bestätigt die Gerüchte. 1 ERZÄHLERIN Marie Antoinette ist jung und unbedarft. Das wird ihr immer wieder zum Verhängnis. 6 ZU Lindinger 24:54 Ich glaube, wie sie gemerkt hat, dass gar nix mehr geht. Ich glaube, das war erst die Halsband Affäre. 2 ERZÄHLERIN Wertet Biografin Michaela Lindinger. 7 ZU Lindinger 25:44 Das war dann schon in Richtung auf die Revolution hin, wie man ihr unterstellt hat, sie habe mehr oder weniger das teuerste Halsband der Welt auf Kredit gekauft, was überhaupt nicht gestimmt hatten. 1 ERZÄHLERIN Das Komplett ist vertrackt. Adel und Klerus übervorteilen sich gegenseitig, wer am Ende was war, weiß man nicht. 2 ERZÄHLERIN Nur eins: Schuld an allem ist Marie Antoinette. Die von nichts eine Ahnung hat. 1 ERZÄHLERIN Das will aber niemand glauben. Man traut der prunksüchtigen Königin eine solche Charade zu. 8 ZU Lindinger 25.44 Ja, da war dann gar nichts mehr für sie zu machen. (26:36) Man wollte diese Königin fertigmachen. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Und diese Königin hat nichts entgegenzusetzen. Sie kriegt in Frankreich keinen Fuß auf den Boden. Man mag sie nicht. Kollektiv. 1 ERZÄHLERIN Dabei hatte ihr die Mutter Kaiserin Maria Theresia eingeschärft: Sieh zu, dass die Leute Dich lieben! Die Menschen müssen ihre Monarchen lieben. 2 ERZÄHLERIN Aber wie bringt man die Menschen dazu? 1 ERZÄHLERIN Vielleicht in dem man es gar nicht erst versucht. Weil man es nicht versuchen muss. Martha Washington betreibt null Eigen-PR. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Die amerikanischen Unabhängigkeitskriege sind vorbei. George und sie leiten wieder die florierende Plantage Mount Vernon an den Ufern des Potomac, kümmern sich um die Enkelkinder, empfangen Gäste aus der Alten und Neuen Welt. Viele wollen den berühmten Feldherren sehen. Der etwas ungelenk und ein bisschen kühl wirkt. Anders als seine Frau: 06 ZITATOR PRESSE 1 „Mrs. Washington ist die Güte in Person. Ihre Seele scheint damit überzufließen wie ein sprudelnder Springbrunnen.“ 1 ERZÄHLERIN Notiert ein junger Besucher. 07 ZITATOR PRESSE 1 „Und ihre Fröhlichkeit bemisst sich ganz nach der Zahl der Menschen, denen sie ihr Wohlwollen schenken kann“. (Brady 2005: 185) MUSIK & ATMO 1 ERZÄHLERIN Martha wird dieses ungezwungene Leben vermissen. Ihr Mann wird gewählt. Ab 1789 ist George Washington Mister President. An seiner Seite geht es erst nach New York, Ende 1790 steht der Umzug an in die damalige Hauptstadt Philadelphia. 05 ZITATOR INFO Für angemeldete Besucher gibt es zweimal wöchentlich Empfänge zur Mittagszeit. Niemand Wichtiges darf bevorzugt oder übergangen werden. Regelmäßig stehen Theaterbesuche an. Datum und Uhrzeit erfährt man aus der Zeitung. Wenn Präsident und Gattin die Loge betreten, erhebt sich das Publikum, das Orchester intoniert „The President´s March“. 2 ERZÄHLERIN Pendant heute ist „Hail to the Chief”... Bälle muss das Paar geben oder Einladungen dazu folgen. Wobei: „Muss“ ist relativ, sagt die Bostoner Historikerin Catherine Algor: 9 ZU (1.07 Algor) I would say… OV w Martha Washington hat schon deshalb eine Sonderrolle, weil sie die erste der First Ladies ist. Sie muss innovativ sein, ein Protokoll erfinden. An Europas Höfen gibt es solche Protokolle längst. In Marthas DNA liegt ein steifes Zeremoniell aber nun mal einfach nicht. 10 ZU (2.14 Algor) Martha had to invent … OV w Sie soll aus dem Stand Veranstaltungs- und Dialogformen ausdenken für eine neue Nation, die ausgesprochen antiaristokratisch und antimonarchisch ist. Jetzt. ATMO Pferdekutsche 2 ERZÄHLERIN Ihr Mann grübelt ebenfalls: Wie viele Pferde soll Mister President anspannen lassen, wenn er durch die Straßen fährt? Zehn? Zwei? Er entscheidet sich für sechs. 11 ZU Algor 20:58 He wants enough OVw Er will genug Pferde, um anerkannt zu werden als Autorität, aber nicht so viele, dass man ihn für einen König halten könnte. Und das sind die Herausforderungen: Spricht man den Präsidenten an als Hoheit? Sollen Kongressabgeordnete Titel bekommen wie „Lord“? Das ist ja eigentlich verrückt, denn gegen all das Aristokratische hatte man ja jahrelang in der Revolution gekämpft. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Aber: Alles ist jetzt Statement. 2 ERZÄHLERIN Und Kalkül. 1 ERZÄHLERIN Martha fühlt sich mit den Jahren füllig. Sie tanzt nicht mehr so gern wie früher. 2 ERZÄHLERIN George schon. Am liebsten Menuette bis nach Mitternacht. 1 ERZÄHLERIN Ums Gernemachen geht es aber nicht mehr. 12 ZU (Algor 8.28) This is a very patriarchal society… OVw Das ist damals eine patriarchale Gesellschaft. Ob das jetzt bei Hofe ist oder eine brandneue Republik: Wer Politik machen will, braucht zwei Sphären. Eine offizielle, da entstehen Gesetze und Verträge. Wichtig ist aber genauso eine zweite Ebene, die politische Prozesse überhaupt ermöglicht. Das ist meist eine inoffizielle Ebene, da finden Gespräch statt bei Partys, beim Abendessen, im heimischen Umfeld. Und hier kommen besonders die Frauen ins Spiel. 1 ERZÄHLERIN Raum geben für sozialen und damit politischen Austausch. Frauensache. Martha beherrscht das aus dem Effeff. 2 ERZÄHLERIN Der neue Staat hat noch keine Bürokratie. Wer welchen Job im System bekommt, machen wenige unter sich aus. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Bevorzugt beim Abendessen. Die Tage sind aus Marthas Sicht viel zu fremdbestimmt. Sie kümmert sich um ihren Mann, wie sie es in all den Jahren auf Mount Vernon getan hat oder während der Revolution in den Heerlagern der Armee. 1 ERZÄHLERIN Das wertet sie als ihre Hauptaufgabe als First Lady. 2 ERZÄHLERIN Andere sehen das anders. Plötzlich sind da Repräsentationspflichten, weil die Menschen das zu erwarten scheinen und weil Macht offenbar Repräsentation braucht. Und eine gewisse Aura. 1 ERZÄHLERIN Die – oder eine sehr ähnliche - Aura, wie sie in der alten Welt oftmals Könige und Kaiser umgab. MUSIK 06 ZITATOR INFO Bis Mitte der 1770er Jahre betrachten sich viele Einwanderer in Amerika als Europäerinnen und Europäer. Etliche kommen gerade erst aus der alten Welt, die meisten aus Großbritannien und Deutschland. Selbstverständlich gilt: Herrschaft ist Aristokratie, und das wiederum meint Autorität. Nach den Unabhängigkeitskriegen ist die Frage: Die Monarchie ist man los, wer oder was soll aber nun Autorität verkörpern? Und kann oder muss man aus Europa bekannte aristokratische Modelle adaptieren – wenn auch dezent - für ein neues, republikanisches Zeremoniell? Weil einen sonst keiner als Staatsoberhaupt ernst nimmt? 1 ERZÄHLERIN Martha Washington als erste Präsidentengattin nimmt es pragmatisch. Zuerst rekrutiert sie einen eigenen Stab. Mit Polly Lear verfügt sie über eine Sekretärin, die ihr vor allem bei der Korrespondenz behilflich ist. Bob Lewis wird Sekretär und Leibwächter. 2 ERZÄHLERIN Buchhaltung beherrscht sie als langjährige Managerin von Mount Vernon. Mit spitzem Stift rechnet sie nach, ob die Repräsentationskosten die monetäre Ausstattung des Präsidentenamtes übersteigen. 1 ERZÄHLERIN Samuel Francis ist Wirt einer Taverne. Ihn macht Martha zu ihrem Caterer um tea times auszurichten, Parties und Abendessen. 02 ZITATOR „Ich habe Bälle anlässlich des Geburtstags des Präsidenten erlebt“ - 2 ERZÄHLERIN Berichtet ein französischer Besucher, der Herzog de la Rouchefoucauld-Liancourt. 03 ZITATOR „Die an Glanz der Räumlichkeiten, an Vielfalt und Pracht der Kleider keinen Vergleich mit Europa zu scheuen brauchen“. (Gerste 2000:24) MUSIK 1 ERZÄHLERIN Wann immer es geht, versucht Martha ein bisschen altes Leben zurückzugewinnen. Mit einigen Frauen anderer führender Politiker ist sie seit den Revolutionsjahren befreundet. Abigail Adams, Betsy Hamilton oder Lucy Knox bilden ihren inneren Zirkel. Vertraute, die es braucht. 2 ERZÄHLERIN Und die es bleiben, selbst als die Ehemänner anfangen, politisch sehr andere Richtungen einzuschlagen. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Über Kinder reden, echte Freunde haben statt nur Intriganten in Versailles und vor den Palasttoren das aufgebrachte Volk und eine geifernde Presse - Das würde Frankreichs Königin Marie Antoinette auch gerne. Die jüngste Tochter hat sie verloren, den ältesten Sohn nach langer Krankheit ebenso. 13 ZU Lindinger 30.52 Das war 1789 eben, da hat sie sagen müssen ja, mein Sohn ist tot, und es interessiert niemanden. 2 ERZÄHLERIN Die Revolutionäre nehmen es als Zeichen von oben: Der Kronprinz ist tot, der Adel kann weg. 1 ERZÄHLERIN Marie Antoinette will auch weg. Ins Exil, in Sicherheit mit den beiden verbliebenen Kindern. 14 ZU Lindinger 35:54 Das Problem war es, dass ihr Mann nicht mitgezogen hat. Er war grundsätzlich ein unfassbar unentschlossener Mensch. Und dann ist Ludwig XVI. in einen Alkoholismus und in eine Depression verfallen. Und das war dann auch die Zeit, wo Marie Antoinette bei den diversen politischen Sitzungen präsidiert hat. Weil ihr Mann unpässlich war, wie man offiziell gesagt hat, also, der ist durch die Gegend getorkelt und ist vor den Ministern gestürzt. Es war relativ kurz vor der Revolution und dann, als die Revolution wirklich ausgebrochen ist im Juli 1789, da wollte sie fliehen. Wie alle anderen Adeligen auch. 15 ZU Lindinger 35:54 Und dann ist aber der König gekommen und hat gesagt „Nein, ich bin der König von Frankreich, ich bleibe in meinem Land“. Und es geht natürlich nicht, dass sie Entscheidungen ganz allein trifft, hat sie die Koffer wieder ausgepackt. MUSIK & ATMO Revolutionsmenge ZITATOR INFO Im Oktober 1789 ziehen die Arbeiterfrauen – darunter auch viele Männer – nach Versailles. Sie singen Revolutionslieder, schlagen alles kurz und klein, holen die Pferde aus den Stallungen, schlachten und braten sie. Die Königsfamilie muss nach Paris umziehen, in den seit Jahrhunderten unbewohnten Tuilerien-Palast. Kein Schritt mehr ohne Erlaubnis. Ausflüge in den Garten oder in die Stadt – nur unter Bewachung. Nach der Versammlung der Generalstände geht die Macht über an die Volksvertretung. Eine Verfassung gilt es noch auszuarbeiten, man gestünde dem König sogar eine Art Machtposition zu. Der will von einer konstitutionellen Monarchie wie andernorts in Europa nichts wissen. Er regiert. Nein, entgegnet die Volksvertretung: Dann ist die Monarchie eben ganz vorbei. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Zum ersten Mal in ihrer Zeit auf dem Thron nimmt Marie Antoinette das strategische Heft in die Hand. 2 ERZÄHLERIN Ihr schwedischer Geliebter Hans Axel von Fersen ist zu der Zeit wieder in Paris. 1 ERZÄHLERIN Die beiden werden zum politischen Powerpaar wie George und Martha Washington. 16 ZU Lindinger 41.18 Der war in Europa sehr gut vernetzt, und sie hat dann alle mögliche Geheimpost, verschlüsselte Post, nicht sichtbare Post mit Zitronensaft versucht, hinauszuschmuggeln. Und manche von diesen Briefen sind ja auch durchaus angekommen, mit den exilierten Adeligen hat es Versuche gegeben, die Monarchie in Frankreich wieder zu reinstallieren sozusagen. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Marie Antoinette verhandelt, arbeitet Ideen aus zusammen mit Fersen. Fluchtrouten werden erstellt. 1 ERZÄHLERIN Der König sitzt in seinem Zimmer, trinkt Wein und tut nichts. 2 ERZÄHLERIN Als Frau allein gelingen Allianzen unter solchen Umständen nicht. 17 ZU Lindinger 41.18 Ich glaube, dass Marie Antoinette keine reale Chance gehabt hat, sich selber wieder zu installieren als Königin. Und das hat sie dann auch eingesehen. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Ein letzter Fluchtversuch aus dem Gefängnis scheitert. Das Urteil Tod durch die Guillotine ist längst gefällt. Auch auf Basis einer erzwungenen Falschaussage ihres kleinen Sohnes. Der König ist zu diesem Zeitpunkt schon hingerichtet. Einzig die älteste Tochter wird es außer Landes schaffen und die Revolution überleben. 1 ERZÄHLERIN In ihrer engen dunklen Zelle im schlichten dunklen Gewand wäre Marie Antoinette jetzt die züchtige Königin, die Frankreich immer aus ihr machen wollte. 2 ERZÄHLERIN Sie betet für ihre Kinder und wünscht sich eines: Ein letztes Mal den geliebten Fersen sehen. 1 ERZÄHLERIN Selbst der hat aufgegeben. Und was sie nie erfahren wird, schon eine neue Herzensdame gefunden weit weg von Paris. Dort wird Marie Antoinette am 16. Oktober 1793 auf der Guillotine hingerichtet. 2 ERZÄHLERIN Während in der Alten Welt das Ende der des Absolutismus eingeläutet ist, bahnt sich in der Neuen längst ein republikanischer Anfang. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Martha Washington hätte gerne mehr Zeit für die Enkel, würde gerne endlich wieder heim auf die Plantage Mount Vernon. Sie sieht aber auch, wie sehr politische Freunde auf eine zweite Amtszeit ihres Mannes drängen, wie sehr die jungen Vereinigten Staaten noch ein bisschen länger diesen Vater der Nation brauchen, um stabil zu werden. Die Kongressarbeit läuft, aber es bilden sich Parteien heraus, die sich nichts schenken. Die Kluft zwischen Nord- und Südstaaten klafft tiefer. George berät sich mit seiner Frau. 1 ERZÄHLERIN Wenn er bereit ist, ist sie es auch. 2 ERZÄHLERIN Wie immer. 1 ERZÄHLERIN Im Frühjahr 1793 ist er zum zweiten Mal der erste Mann im Staat. Die innen- und außenpolitischen Umstände sind verschärft. Die Französische Revolution radikalisiert sich zunehmend. MUSIK 07 ZITATOR INFO Weniger als eine Woche nach Georges erneutem Amtsantritt kommt die Nachricht aus Frankreich: Nach König Louis XVI. ist jetzt auch seine Frau Marie Antoinette hingerichtet worden. Viele der aristokratischen französischen Offiziere, die im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatten, sind eingekerkert und warten auf die Guillotine. In Philadelphia und anderen Städten feiern Anhänger den Sieg der französischen Revolution. Die reiche konservative Oberschicht an der Ostküste dagegen fordert lautstark, nun wieder Großbritannien zu unterstützen. Theoretisch sind die USA noch als Partner an Frankreich gebunden, das ja einst die amerikanische Unabhängigkeit unterstützt hatte. 2 ERZÄHLERIN Aber das Frankreich Louis XVI. gibt es nicht mehr, argumentiert Washington. Er versucht vehement, sein Land zu den französischen Ereignissen auf Abstand zu halten. 1 ERZÄHLERIN Martha unterstützt ihn. Sie hat genug gesehen von Krieg. Die Gräuel in Frankreich machen sie fassungslos. Das junge amerikanische Staatswesen hat aus ihrer Sicht Europa einiges voraus. 08 ZITATOR PRESSE 1 „Das außerordentliche Wissen, das sie erworben hat im Austausch mit Menschen aus aller Welt, macht sie zu einer besonders interessanten Gesprächspartnerin.“ 1 ERZÄHLERIN Schreiben Journalisten über sie. 09 ZITATOR PRESSE 1 „Sie hat ein lebhaftes Gedächtnis und kann die komplette Historie eines halben Jahrhunderts aufleben lassen.“ (Brady 2005:215) MUSIK 1 ERZÄHLERIN Im März 1797 zieht Martha Washington mit ihrem Mann zurück nach Mount Vernon, endgültig. Ihr bekanntester Satz in den Geschichtsbüchern wird sein: 08 ZITATORIN MARTHA Bleiben sie standhaft meine Herren. George wird es auch sein. 1 ERZÄHLERIN Von Marie Antoinette bleibt als prominentestes Zitat: 03 ZITATORIN MARIE Wenn das Volk kein Brot hat, soll es Kuchen essen. 2 ERZÄHLERIN Das hat sie so nie gesagt. 1 ERZÄHLERIN Es traute ihr nur jeder zu. Und das ist typisch für Marie Antoinette, die Dauerverleumdete. Der die Presse alles unterstellte – die aber vielleicht auch einfach nur sie selbst sein wollte, doch zerrieben wurde in einem überkommenen System, das sie zeitlebens vor das Rätsel stellte: Was will die Welt denn nun von einer Königin Frankreichs? 2 ERZÄHLERIN Martha Washington hatte eine ganz ähnliche Frage: Was wollen die USA von der Gattin des ersten Präsidenten? Auch sie gab einfach mal sich selbst – im Unterschied zu Marie Antoinette durfte sie das. Weil es für sie noch keine Folie gab, kein Zeremoniell und keine dynastischen Verpflichtungen, weil das Amt des Mannes es in sich hat, dass man es irgendwann abgibt, und der nächste ist gewählt. 1 ERZÄHLERIN Martha und Marie – Marie und Martha: Mit der einen geht eine Ära zu Ende. 2 ERZÄHLERIN Mit der anderen beginnt ein neues Zeitalter.
- 01.11.202423 min
Die eine steigt als First Lady der jungen USA zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Folge 2. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024) Credits Autorin & Regie : Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Florian Schwarz, Katja Schild, Peter Weiß, Friedrich Schloffer, Hemma Michel, Peter Veit, Gudrun Skupin, Jennifer Güzel Technik: Josef Angloher Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Catherine Allgor, Michaela Lindinger Besonderer Linktipp der Redaktion: NDR (2024): Föhr nach New York – eine Auswanderergeschichte Erst die Weltwirtschaftskrise, dann der Zweiter Weltkrieg – mittendrin zwei junge Friesen in New York. Inge und Hermann sind unabhängig voneinander hierher ausgewandert und verlieben sich 1938. Doch dann muss Hermann für die Amerikaner an die Front. Wird er als Deutscher auf Deutsche schießen? Wie geht es weiter? Ihr Enkel Bente Faust hat ihre Spuren bis nach Harlem, New York, verfolgt und erzählt in sechs Folgen ihre Liebesgeschichte. ZUM PODCAST Linktipps: Deutschlandfunk (2019): First Ladies in Deutschland – Die Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen Mal sozial engagiert, mal selbst politisch aktiv: Die Frauen der deutschen Staatsmänner hatten durchaus Einfluss – doch ihr Engagement geriet im Schatten der Ehemänner oft in Vergessenheit. Historikerin und Buchautorin Heike Specht hat die First Ladies seit 1949 porträtiert. JETZT ANHÖREN radioWissen (2021): Frei, gleich und brüderlich – Die Französische Revolution In schwarzem Trauergewand sitzt Marie Antoinette in ihrer primitiven Zelle in der Conciergerie - bewacht von Soldaten der Revolutionsregierung. Mit der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schafften die Revolutionäre nicht bloß die Abkehr vom feudalen Ständestaat - sie formulierten ein Ideal, das heute in den Verfassungen der Demokratien zur selbstverständlichen Norm geworden ist. Noch heute gedenken die Franzosen an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli, des Sturms auf die Bastille. Doch das anfängliche Hochgefühl wich bald dem Terror. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk (2024): George Washington – Das Erbe des ersten „Mr. President“ Am 30. April 1789 wurde George Washington als erster US-Präsident vereidigt. Er begründete nicht nur den Supreme Court, die US-Marine und die nach ihm benannte Hauptstadt. Washington prägte auch das neue Amt und wie sich ein Mr. President inszeniert. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK & ATMO 1 ERZÄHLERIN Es ist Frühling 1789: Martha Washington ist gerade angekommen in New York, dem provisorischen Amtssitz des ersten, eben erst gewählten Präsidenten der neuen Vereinigten Staaten von Amerika. Die Menge jubelt ihrem Mann George und ihr zu. Sie ist die erste First Lady. 2 ERZÄHLERIN Bloß, dass der Begriff „First Lady“ damals noch gar nicht richtig etabliert ist und auch keiner weiß, welche Aufgaben die Ehefrau eines gewählten Präsidenten so übernehmen könnte. Soziales Engagement zeigen? Politische Ämter übernehmen? Oder nichts tun, außer an Gattenseite huldvoll lächeln? ZITATORIN MARTHA „Ich schätze nur das, was von Herzen kommt.“ 1 ERZÄHLERIN Betont Martha Washington in ersten Interviews häufig. 2 ERZÄHLERIN Und jedes Mal will die Presse direkt wissen: Wofür genau schlägt dieses Herz? Die Gazetten drängen auf Privates. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Nicht verwunderlich, würde eine Königin wie Frankreichs Marie Antoinette urteilten. Für sie, wie überhaupt, den europäischen Hochadel der damaligen Zeit ist klar: Privatheit gibt es bei Königs nicht. Von Gottes Gnaden meint für alle, ganz und gar. Am besten, man legt sich ein dickes Fell zu. 1 ERZÄHLERIN Aber gilt das auch in einem demokratischen System, wie es zu der Zeit in den USA entsteht? Martha Washington ringt lange und oft mit der Frage: Was sollen und dürfen die Menschen sehen und erfahren von einer First Lady der Vereinigten Staaten? 2 ERZÄHLERIN Als Frau eines gewählten Staatsoberhauptes für eine bestimmte Zeitspanne sich völlig ausliefern? 1 ERZÄHLERIN Martha wird zu dem Schluss kommen: Sie ist der Geschichtsschreibung nichts schuldig. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Nach dem Tod ihres Mannes 1799 verbrennt sie die Briefe der beiden. 41 gemeinsame Jahre, hunderte Dokumente. Weil sie die Nachwelt nichts angehen. 2 ERZÄHLERIN Übrigens: Ihre Korrespondenz schreibt sie selten selbst. 1 ERZÄHLERIN Vielleicht ausgenommen der Liebesbriefe an ihren George, den sie wirklich gerne hat, was für damalige Ehen keine Selbstverständlichkeit ist. Ansonsten diktiert sie einem Sekretär. 2 ERZÄHLERIN In Grammatik ist sie nicht firm. Geboren am 13. Juni 1731 ist Martha das ältestes von acht Kindern eines solide gestellten Tabakpflanzers. Auf dem weitläufigen Landgut am York River erzieht sie der Vater, wie für Oberschichtmädchen in der Region gängig: 05 ZITATOR PRESSE 2 Lesen und Schreiben in Grundzügen genügt. ATMO Stadt viktorianisches England 1 ERZÄHLERIN Der Vater setzt aufs Praktische, Kaufmännische. Weil das einer vermutlich angehenden Plantagenbesitzergattin nicht schaden kann, nimmt er die junge Martha oft die paar Kilometer mit nach Williamsburg, in die Hauptstadt des Commonwealth of Virginia, der ältesten englischen Kolonie in Nordamerika. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Im Provinzparlament beobachtet die Tochter, wie Politik gemacht wird. Die wohlhabenden Pflanzer dominieren – wiederum untereinander abgestuft nach Hektar, Ertrag, Gewinn. Geld, Beziehungen, Hierarchien bestimmen Entscheidungen, weniger die besseren Argumente. 2 ERZÄHLERIN Spannenderweise sind es genau diese Mechanismen von „Ober sticht Unter“, die man in der neuen Welt zwar selbst bedient, die man sich aber nicht gefallen lassen will von einem Kolonialherren. Geldadel – ja. Erbaristokratie – ganz und gar nicht. ATMO Offiziersclub 1 ERZÄHLERIN So verkürzt erfährt das auch Martha, wenn der Vater sie nach den Parlamentssitzungen mitnimmt in Tavernen wie „Raleigh´s“ oder den „Apollo Room“. Am Biertisch schmieden Revolutionäre erste Pläne, um sich loszulösen vom Mutterland England. MUSIK & ATMO 2 ERZÄHLERIN Noch liegt die amerikanische Revolution in der Ferne. Mit 17 Jahren heiratet Martha ihren ersten Mann. Dem nahezu doppelt so alten Daniel Park Curtis gehören umfangreiche Ländereien und wie bei Virginias Grundherren damals üblich eine stattliche Anzahl von Sklavinnen und Sklaven. 1 ERZÄHLERIN Die dunkelhaarige Martha mit den warmen braunen Augen ist hübsch, einfühlsam, grundsätzlich gut gelaunt, vertritt aber – wenn geboten –einen eigenen Standpunkt. So zierlich sie ist, so zupackend kann sie sein. Geldzählen interessiert sie peripher. Gesellschaftliche Verpflichtungen kümmern sie nur, wenn man dabei ausgelassen tanzen kann. 2 ERZÄHLERIN Sie ist in erster Linie ein Familienmensch. 1 ERZÄHLERIN Es trifft sie schwer, als zwei ihrer vier Kinder früh sterben. 2 ERZÄHLERIN Dieses Schicksal teilt sie mit vielen Eltern in den Kolonien. Krankheiten grassieren, die medizinische Versorgung ist sogar in den Großstädten prekär. Die Kindersterblichkeit ist hoch. 1 ERZÄHLERIN Martha trauert lange, will für sich sein. 2 ERZÄHLERIN Ist aber auf einen Schlag wieder ganz gefordert. 1 ERZÄHLERIN Der überraschende Tod ihres Manns Daniel reißt sie aus der Lethargie. Sohn Jack und Tochter Patcy sind noch klein. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Martha ist 25 Jahre alt und die mit Abstand reichste Witwe in weitem Umkreis. Mit Verve übernimmt sie die Plantagengeschäfte. Die Herren geben sich die Klinke in die Hand. Anteilnahme und Brautwerbung gehen nahtlos ineinander über. 1 ERZÄHLERIN Bis dann der eine kommt, 1758. Sie kennt ihn von früheren gesellschaftlichen Anlässen, hat auf Bällen mit ihm getanzt. 2 ERZÄHLERIN Virginias Oberschicht ist überschaubar. 1 ERZÄHLERIN George Washington, groß, athletisch, elegant – 2 ERZÄHLERIN Die Nase etwas zu lang, die Haut leicht pockennarbig – 1 EZRÄHLERIN Das rotbraune Haar kess gewellt, die grauen Augen - er schaut nur eben zum Dinner vorbei und reitet, wie es die Legende will… ZITATOR WASHINGTON „Erst am nächsten Morgen weiter als die Sonne schon hoch am Himmel stand“. 1 ERZÄHLERIN Liebe auf den ersten Blick? 2 ERZÄHLERIN Eher praktische Überlegungen? 1 ERZÄHLERIN Sie finden sich und heiraten. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Washingtons Vita ist bereits zum Zeitpunkt des Dinners, das bis zum Frühstück dauert, beeindruckend. 02 ZITATOR INFO Ländereien in Virginia, am Potomac und am Rappahannock. Geschäftssinn in Sachen Immobilienkauf und -verkauf. Plus der Ruf eines jungen Kriegshelden. Seit fast drei Jahren tobt der Kolonialkrieg Briten gegen Franzosen. Die Lage generell: chaotisch. Für Washington aber bislang durchaus ruhmreich. Beispiel: ZITATORIN Die erfolgsverwöhnten britischen Soldaten versuchen den französischen Stützpunkt Fort Duquesne in der westlichen Wildnis, hinter dem heutigen Pittsburgh zu erobern. Die Franzosen aber stellen mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung eine Falle. Die Briten verlieren die Nerven, werfen die Waffen weg oder schießen aus Versehen auf die eigenen Leute. Der Einzige, der mit seiner Einheit einen einigermaßen geordneten Rückzug hinbekommt, ist George Washington, der Colonel der Miliz von Virginia. Die Briten nennen seine Truppe aus Freiwilligen lange „Freizeitmannschaft“. Nach dem Debakel bei Duquesne nicht mehr. 1 ERZÄHLERIN Am 6. Januar 1759 ist Hochzeit. Ein Leben in der Politik an der Seite eines bekannten Feldherren bahnt sich für Martha Washington an. In der neuen Welt gerät vieles in Aufruhr. Die Unzufriedenheit mit dem despotischen Kolonialherren in Großbritannien, George III., wächst. 2 ERZÄHLERIN Warum an irgendeine Hoheit horrende Steuern zahlen auf alles Mögliche – für nichts? MUSIK 1 ERZÄHLERIN Im alten Europa fragen sich das die Menschen auch. Sei es in England oder Frankreich. Doch durch die dicken Schlossmauern Versailles beispielsweise, wo eine unglückliche Königin Marie Antoinette ihren Platz sucht, dringen solche Stimmen selten. 2 ERZÄHLERIN Man lebt weiterhin nach der bewährten Gebrauchsanleitung für Monarchen. Was soll schon schief gehen? ATMO Marktplatz Frankreich 1 ERZÄHLERIN Es sind die 1780er, die Jahre vor der Französischen Revolution. In Paris schwirrt die Luft. An Straßenecken und in Cafés tauscht man Neuigkeiten aus, tratscht. Das Lieblingsthema egal welcher Gesellschaftsschicht: Die Eskapaden der Königin. Billige Heftchen, genannt „Libelles“, bringen einen Skandal nach dem anderen. Sex, Alkohol, Intrigen – 2 ERZÄHLERIN Wer nicht lesen kann, lässt es sich vorlesen. Wer sich die Libelles nicht leisten kann, klaubt sie aus dem Müll. ZITATORES l'Autrichien/ Die Ausländerin/ l'étranger/ Die Fremde 1 ERZÄHLERIN Ist offensichtlich zu allem fähig! 2 ERZÄHLERIN Tatsächlich will Marie Antoinette nur endlich zu einem fähig sein: Mama werden. Die Ehe mit Ludwig XVI. ist zu lange kinderlos. Ihre Mutter in Wien, Kaiserin Maria Theresia bangt um die Allianz mit Frankreich. 1 ERZÄHLERIN Ein Thronfolger muss her, bitte danke! 1 ZU Lindinger 15:50 Deswegen hat sie dann zum Josef II. gesagt, der war Mitregent, dann schon später Kaiser, war sehr berühmt in Österreich für eben seine aufklärerischen Prinzipien, und der ist hinuntergefahren nach Paris, hat sich getroffen mit dem Ludwig XVI. und hat ihm erklärt, wie der eheliche Verkehr funktioniert. 1 ERZÄHLERIN Erzählt Michaela Lindinger. Die Kuratorin des Wien Museums hat 2023 eine Biografie veröffentlicht über Marie Antoinette. 2 ZU Lindinger 15:50 Da gibt's einen Brief, den er geschrieben hat an seinen anderen Bruder zwar Leopold II., der war später auch Kaiser. Damals war er noch Fürst in der Toskana, und der Brief lässt wirklich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Und am Schluss steht halt dann ja, seine Schwester sei ja auch eine unfassbar leidenschaftslose Person, und gemeinsam sind sie die größten Stümper, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Es ist ein sehr, sehr böser Brief. Aber trotzdem es hat etwas gebracht. Es sind ja dann doch in relativ kurzer Zeit mehrere Kinder hintereinander zur Welt gekommen. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Endlich erfüllt die französische Königin die Erwartungen eines Volkes, das gar nicht ihres ist oder sein will. „Die Österreicherin“ nennt Frankreich Marie Antoinette hartnäckig. Am Versailler Hof fasst sie nicht Fuß, in den Straßen und Gassen Paris und an etlichen anderen Orten im Land köchelt bereits der Aufstand gegen das überkommene System der Monarchie. 1 ERZÄHLERIN Während in Frankreich eine Epoche zu Ende geht, beginnt einen Kontinent weiter eine neue: Die jungen Vereinigten Staaten von Amerika wählen ihren ersten Präsidenten an die Spitze des neuen Staates. An seiner Seite Martha Washington als – ja was? Das Konzept der First Lady wird sie definieren, während im alten Europa mit Marie Antoinette des Konstrukt Königin zu Grabe getragen wird zumindest in Frankreich. Zwei Frauen – zwei Schicksale, sehr verschieden, aber in vielem auch ganz ähnlich. 2 ERZÄHLERIN Treffen werden sie sich nie. 1 ERZÄHLERIN Verstanden hätten sie sich vielleicht. MUSIK & ATMO Kinder 2 ERZÄHLERIN Beide sind Familienmenschen. Martha Washington, weil sie es liebt und sein darf. Marie Antoinette gegen alle Konventionen. Sie stillt ihre Kinder – 1 ERZÄHLERIN Ein No Go für französische Königinnen. 2 ERZÄHLERIN Sie liest den vier Kleinen vor, musiziert mit ihnen, tollt zusammen durch den Park. Kümmert sich um den Ältesten, der an einer Erbkrankheit leidet und nicht laufen kann – was das Volk nicht wissen darf. 1 ERZÄHLERIN Besser gestellte Damen in Paris sind längst beides: Begeisterte Mutter und Grand Dame. 2 ERZÄHLERIN In Versailles meckert man. Marie Antoinette ist von vornherein abonniert auf Kritik. Eine festgelegte Aufgabe für Königinnen gibt es nicht. Was soll sie machen? Hofzeremoniell? Weil das einengend ist und der Ehemann desinteressiert, schafft sie sich eine eigene Welt. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Sie lässt einen pompösen Gartenpalast bauen und trifft in diesem Trianon ausgesuchte Freundinnen und Freundin. 1 ERZÄHLERIN Wählerisch ist die Königin nicht. Lust an Spiel und Tanz und neuster Mode genügt. 2 ERZÄHLERIN Eine Gast ist besonders: Der schwedische Diplomat Hans Axel von Fersen. 3 ZU Lindinger 17:35 Es war ihre große Liebe, mit dem sie innerlich sehr eng verbunden war und ihr Mann, der natürlich selber gewusst hat, er kann sie nicht glücklich machen. Also er hat diese Beziehung zum Fersen ja auch definitiv erlaubt. 2 ERZÄHLERIN Fersen wird ihre Konstante sein. Als er Anfang der 1780er Jahre nach Amerika geht, um dort zu kämpfen für die Unabhängigkeit der Kolonien, fiebert Marie Antoinette mit. Freiheit – das ist ihr großer Wunsch, ihr Antrieb. Leben wie man will und sagen was man möchte und entscheiden, handeln und dafür nicht ständig angegriffen und verleumdet werden. 1 ERZÄHLERIN Man kann alles auswarten, hat ihr die Mutter, Kaiserin Maria Theresia beigebracht. 2 ERZÄHLERIN Die Wiener Boulevardzeitungen sind jedoch milde im Vergleich. Die französischen Spottschriften überbieten sich an reißerischen Fake News. 4 ZU Lindinger 24:54 Es ist ein Pamphlet erschienen. Und das hieß „Vor Sonnenaufgang“. Da hat man so beschrieben wie sie mit ihren jugendlichen Freunden in irgendwelche Gebüsche in Versailles Schlosspark kriecht und sich dort mit Männern und Frauen vergnügt. Das war ein sehr, sehr langes Pamphlet, das so zahlreiche unterschiedliche sexuelle Beziehungen verdeutlicht hat. Und es ist immer wieder zitiert worden am Hof. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Marie Antoinette bekommt Angst. Der König wimmelt sie ab. 1 ERZÄHLER Er ist froh, als der enge Freund seiner Frau, Fersen, endlich aus den USA zurückkehrt und sich mit ihr beschäftigt. 2 ERZÄHLERIN Sie auch. MUSIK 5 ZU Lindinger 48.50 Es war ihre Art der persönlichen Rettung. Ja, wenn ich mit einem Mann verheiratet bin, der so ist wie Ludwig XVI. - und wenn ich gleichzeitig diese ganze Hofgesellschaft rund um mich habe, die mich jeden Tag nur fertig macht. Und dann weiß ich auch noch, dass diese Hofgesellschaft in Paris die Journalisten zahlt, die Lügen über mich verbreiten. Ich glaube diese Beziehung mit dem Fersen, das war das große Glück in Marie Antoinettes Leben. Auf Dauer nicht, der war ja viel weg. 2 ERZÄHLERIN Fersen wird tatsächlich auch diesmal bald abkommandiert, er muss den schwedischen König auf einer Europa-Reise begleiten. Marie Antoinette lenkt sich ab: Sie designt Kleider, sitzt für Portraits, tobt im Garten mit den Kindern, abends ist Party. 1 ERZÄHLERIN Über die am nächsten Morgen die wildesten Gerüchte in den Spottzeitungen stehen. Das Leben der Königin von Frankreich: Ein infernalisches Chaos! MUSIK & ATMO 1 ERZÄHLERIN Ganz anders das Eheleben der später ersten First Lady der USA, Martha Washington in den 1770er Jahren. Sie muss nicht lange überlegen, was ein Zeitvertreib sein könnte. Einen Ersatzalltag, eine Flucht braucht sie nicht. Sie hat reichlich Aufgaben auf der Plantage Mount Vernon. Um vier Uhr morgens steht sie auf, kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, sie ist auch die, die die Arbeitseinteilung der Sklaven organisiert, die vorwiegend auf den Feldern schuften müssen. Ihrem Mann hält sie den Rücken frei. Der engagiert sich politisch als Abgeordneter des House of Burgesses in Virginia. Höhen und Tiefen gehen beide an. An einem strahlenden Sommertag 1773 beim Familiendinner hat Marthas Tochter aus erster Ehe, Patcy, einen epileptischen Anfall. Wie oft. Nur diesmal weit heftiger als sonst. Der Teenager stirbt in den Armen des Stiefvaters. 2 ERZÄHLERIN Es ist eine persönliche Tragödie. Auch Königin Marie Antoinette wird Kinder zu Grabe tragen, aber immer unter den Augen der französischen Öffentlichkeit. Der Fortbestand der Monarchie hängt an gesundem Nachwuchs. 1 ERZÄHLERIN Martha und George Washington bewältigen den Schmerz über den Verlust gemeinsam, reden viel. Darüber und alles andere. MUSIK 03 ZITATOR INFO Die politische Situation spitzt sich zu. Im Dezember 1773 entern erboste Bürger im Hafen von Bosten Handelsschiffe und werfen deren Ladung ins Wasser: Es ist Tee aus Indien, den die britische Krone mit eklatanten Steuern belastet hat. In Virginia bilden sich Fronten. Auf der einen Seite steht der Gouverneur, der die Kolonie verwalten soll, zusammen mit englandtreuen Loyalisten. Auf der anderen Seite eine Opposition, die auf die Einhaltung ihrer Rechte pocht, sich den Menschen in Boston an die Seite stellt und Zulauf bekommt, aus den verschiedensten Schichten. Ihr Slogan: Keine Besteuerung ohne Repräsentation. Ihr Ziel: Entweder Mitspracherecht im britischen Parlament oder kein britischer König mehr als Kolonialherr. Der Erste Kontinental-Kongress in Philadelphia will ein gemeinsames Vorgehen der 13 Kolonien beraten gegen ein zunehmend repressives Mutterland Großbritannien. George Washington ist eingeladen als Repräsentant von Virginia. 2 ERZÄHLERIN Am Vorabend des Kongresses treffen sich einige Delegierte auf Mount Vernon und diskutieren: 1 ERZÄHLERIN Überhaupt am nächsten Tag hinzufahren – das ist keine einfache Entscheidung. 2 ERZÄHLERIN Schon die Teilnahme am Kongress werden die Engländer ansehen als Verschwörung zum Hochverrat. 1 ERZÄHLERIN Washington entscheidet sich für Philadelphia. 2 ERZÄHLERIN Seine Kollegen auch. 1 ERZÄHLERIN Und Martha. Als sich die Gesellschaft am Morgen auf den Weg macht dorthin, sagt sie ihren wohl berühmtesten Satz: 04 ZITATORIN MARTHA „Bleiben Sie standhaft, Gentlemen – ich weiß, dass George es sein wird.“ MUSIK ZITATOR INFO Im Frühjahr 1775 eskaliert die Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und den Kolonien. Washington wird Oberbefehlshaber einer Armee, die er erst aufbauen muss. Und die der größten Militärmaschinerie der Welt trotzen soll. Er zieht direkt ins Feldlager der Freiwilligenarmee von Boston. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Martha folgt ihm – und später von Heerlager zu Heerlager. Sie pflegt verwundete Soldaten, spendet Trost, stopft Socken. Sie kümmert sich um die Menschen und um militärische Belange. Bei den strategischen Planungssitzungen in Washingtons Hauptquartier sitzt ist sie gerne dabei. Sie sitzt bei ihrem Mann an der Tafel, wenn bedeutende Besucher ins Heerlager der Kontinentalarmee kommen, etwa amerikanische Befehlshaber oder in der späteren Phase des Krieges französische. 2 ERZÄHLERIN Der aus Deutschland stammende General von Steuben nennt sie: 01 ZITATOR „Eine römische Matrone!“ 1 ERZÄHLERIN Das Kompliment amüsiert sie. Als Tochter eines Tabakpflanzers, Witwe eines Gutsbesitzers und nun wieder Frau eines solchen ist sie reine Männerrunden gewohnt. Ob Geschäftspartner daheim beim Diner – gewinnbringend – zu unterhalten oder eben jetzt am Tisch im Zelt des Kommandanten strategische Wogen zu glätten – Martha Washington schüttelt sowas aus dem Ärmel. 2 ERZÄHLERIN Wobei die Revolution langsam mal rum sein könnte. MUSIK 05 ZITATORIN MARTHA „Ich hoffe und vertraue darauf, dass alle Staaten den großen Durchbruch schaffen, die britischen Grausamkeiten stoppen und uns Frieden, Freiheit und Freude bringen, nach denen wir uns so lange bereits sehnen“. 1 ERZÄHLERIN Schreibt Martha Washington in ihren Briefen. 06 ZITATORIN MARTHA „Ich wünschte, der Krieg ginge zu Ende.“ 2 ERZÄHLERIN Der zieht sich. Mehrfach ist die Moral der Truppe am Boden. Es fehlt an Ausrüstung und Lebensmitteln, die Niederlagen gegen die oft übermächtig erscheinenden Briten sind schmerzlich. George Washingtons Charisma reißt seine Männer ein ums andere Mal mit. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Und vielleicht überzeugt die Soldaten auch der unerschütterliche Glaube seiner Frau an ihn – nach wie vor gilt ihr: 07 ZITATORIN MARTHA „Bleiben Sie standhaft, Gentlemen – ich weiß, dass George es sein wird.“ 2 ERZÄHLERIN Marie Antoinette hat keine Ahnung, auf was sie sich bei Louis XVI. verlassen kann und ob überhaupt. Arrangierte Adelsehen sind politisch, nicht pathetisch. 1 ERZÄHLERIN Altbewährtes Konzept. 2 ERZÄHLERIN Nein, es macht sie nicht glücklich – aber: … Was soll schiefgehen?
- 01.11.202423 min
Die eine steigt als First Lady der jungen USA zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Folge 1. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024) Credits Autorin & Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Florian Schwarz, Katja Schild, Peter Weiß, Friedrich Schloffer, Hemma Michel, Peter Veit, Gudrun Skupin, Jennifer Güzel Technik: Josef Angloher Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Catherine Allgor, Michaela Lindinger Linktipps: Deutschlandfunk (2019): First Ladies in Deutschland – Die Rolle der Bundespräsidenten- und Kanzlergattinnen Mal sozial engagiert, mal selbst politisch aktiv: Die Frauen der deutschen Staatsmänner hatten durchaus Einfluss – doch ihr Engagement geriet im Schatten der Ehemänner oft in Vergessenheit. Historikerin und Buchautorin Heike Specht hat die First Ladies seit 1949 porträtiert. JETZT ANHÖREN radioWissen (2021): Frei, gleich und brüderlich – Die Französische Revolution In schwarzem Trauergewand sitzt Marie Antoinette in ihrer primitiven Zelle in der Conciergerie - bewacht von Soldaten der Revolutionsregierung. Mit der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schafften die Revolutionäre nicht bloß die Abkehr vom feudalen Ständestaat - sie formulierten ein Ideal, das heute in den Verfassungen der Demokratien zur selbstverständlichen Norm geworden ist. Noch heute gedenken die Franzosen an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli, des Sturms auf die Bastille. Doch das anfängliche Hochgefühl wich bald dem Terror. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk (2024): George Washington – Das Erbe des ersten „Mr. President“ Am 30. April 1789 wurde George Washington als erster US-Präsident vereidigt. Er begründete nicht nur den Supreme Court, die US-Marine und die nach ihm benannte Hauptstadt. Washington prägte auch das neue Amt und wie sich ein Mr. President inszeniert. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK & ATMO 1 ERZÄHLERIN Martha kommt. In dichten Reihen drängen sich die Menschen an diesem Frühlingstag in den staubigen Straßen von New York. Die Menge jubelt, schwenkt Fahnen, wirft Hüte. 2 ERZÄHLERIN Ellbogen stechen in Rippen. Hände schieben. 1 ERZÄHLERIN Dreizehnmal donnern die Kanonen zum Salut. Als die prächtig geschmückte Fähre - Stoffbahnen und Blumenranken an Bug und Heck in rot, weiß und blau - als die prächtig geschmückte Fähre anlegt an der Südspitze Manhattans – 2 ERZÄHLERIN Sehen die meisten in der Masse gar nichts vor lauter wedelnder Wimpel und grüßender Taschentücher. 1 ERZÄHLERIN Dabeisein ist alles an diesem 27. Mai 1789. ZITATOR PRESSE 1 Der erste Präsident bezieht offiziell seinen provisorischen Amtssitz an der Ecke Cherry und Queen Street – ZITATOR PRESSE 2 Wochenlang haben George Washington und sein Stab hier alles vorbereitet – nun kommt seine Frau Martha nach – ZITATOR PRESSE 1 Cherry Street Number 3 – ZITATOR PRESSE 2 Später wird der Präsident mit seiner Familie in Philadelphia wohnen, in der neuen Hauptstadt der – neuen – Vereinigten Staaten. 1 ERZÄHLERIN Die USA haben einen Präsidenten, gewählt vom Volk, seine Macht ist eine qua Amt. Damit beginnt eine neue Zeitrechnung: Die westliche Moderne. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Nur drei Wochen später, am 14. Juli 1789 geht eine andere Ära zu Ende. Im alten Europa, in Frankreich stürmen die Revolutionäre die Bastille. Die Monarchie muss weg. 1 ERZÄHLERIN Im Zentrum dieser beiden Großereignisse so knapp hintereinander, stehen zwei Frauen, deren Leben gar nicht so unähnlich sind. Getroffen haben sie sich nie. Aber sicher ähnliche Erfahrungen gemacht – wenn auch mit sehr unterschiedlichem Ausgang. Die eine: Marie Antoinette, Königin von Frankreich, bekannt für ihre berüchtigte Verschwendungssucht, ihre modischen Exzesse, frivolen Partys. Die andere: Martha Washington. Die erste Mutter einer neuen Nation. Die eine Tochter aus österreichischem Kaiserhaus. Der Vater der anderen ein Tabakpflanzer aus Virginia. Beide stehen irgendwann an der Spitze eines Staates, in der Rolle einer Königin, einer First Lady. Die eine wird helfen ein neues System zu etablieren, der anderen wird ein altes System aus den Fingern gleiten. 2 ERZÄHLERIN Ausgesucht haben sich die beiden ihre jeweiligen Spitzenposten nicht. MUSIK & ATMO 2 ERZÄHLERIN Als am 27. Mai 1789 ganz Manhattan auf den Beinen ist, um die Gattin des Präsidenten zu begrüßen, macht Martha Washington mit, weil man an die Seite des Mannes gehört, wie sie findet: ZITATORIN MARTHA „Er ist viel zu alt, um nochmal groß einzusteigen in die Politik. Aber da es nicht zu verhindern ist, gehe ich mit.“ 1 ERZÄHLERIN Per Fähre holt er sie feierlich ab von der anderen Seite des Hudson River. Die begeisterten Bürgerinnen und Bürger der rund 33.000 Einwohner zählenden Stadt New York, überhaupt der neuen Nation, der United States of America, feiern: Martha Washington… 2 ERZÄHLERIN Die winkt. Wohl eher verhalten. MUSIK & ATMO 2 ERZÄHLERIN Die kleine, rundliche Frau mit den weißen Locken unter der Haube ist 58 Jahre alt, mehrfache Großmutter und mit Leib und Seele Managerin des Familienanwesens Mount Vernon. Das liegt 250 Meilen, also mehrere Tagesreisen entfernt, idyllisch an den Ufern des Potomac River, mit Blick auf die grünen Hügel und Wälder des ländlichen Virginia. 1 ERZÄHLERIN Jetzt ist sie zudem die erste – 2 ERZÄHLERIN Ja, was eigentlich? 1 ZU (0.52+5.42) It is interesting… without job description OVw Diese Rolle der „First Lady“, hatte keine Jobbeschreibung. 2 ERZÄHLERIN Sagt Catharine Allgor. Sie ist Vorsitzende der Massachusetts Historical Society in Boston. 2 ZU (6.02) This happens a lot… OVw Wenn man sich mit Frauengeschichte beschäftigt, hat da vieles keinen offiziellen Rahmen. Bei George Washington als erstem Staatsoberhaupt einer Republik war klar, eine aristokratische Ansprache geht gar nicht. Also wurde er auf eigenen Vorschlag „Mister President“. 2 ERZÄHLERIN Und sie? MUSIK 03 ZITATOR PRESSE 1 + 03 ZITATOR PRESSE 2 + div. „Gott schütze Lady Washington!“ 1 ERZÄHLERIN Rufen die Menschen bei ihrer Ankunft in New York. 2 ERZÄHLERIN Die Zeitungen titeln genauso. Oder ganz anders. Der Daily Advertiser vom 15. Juni 1789 etwa berichtet: 04 ZITATOR PRESSE 2 „Ihre Hoheit (Martha Washington), die letzte Woche durch einen Schmerz im dritten Gelenk des vierten Fingers der linken Hand sehr indisponiert war, ist – wir sind in der glücklichen Lage, dies kundzutun – auf dem Wege der Genesung, nachdem sie sich eine Erkältung zugezogen hatte, als sie in jenem Pelzmantel ausging, den ihr jüngst der russische Botschafter als Geschenk der Prinzessin vermacht hatte.“ 2 ERZÄHLERIN Lady Washington. Hoheit. Prinzessiale Pelzmantelgeschenke. Und plötzlich ist das dritte Gelenk des vierten Fingers - 1 ERZÄHLERIN Der linken Hand - 2 ERZÄHLERIN Ist selbst das von allseitigem Interesse. Offizielle Dinner und Empfänge müssen sein - ZITATORIN MARTHA “Mein Leben ist langweilig. Tatsächlich fühle ich mich wie eine Staatsgefangene.” 2 ERZÄHLERIN Schreibt Martha Washington am 23. Oktober 1789 aus New York an ihre Lieblingsnichte Fanny, wenige Monate nach dem Amtsantritt ihres Mannes. MUSIK 03 ZITATORIN MARTHA “Es gibt bestimmte Grenzen für mich, die ich einhalten muss. Und da ich nicht hartnäckig angehen kann dagegen, sitze ich eben viel zuhause. Der Präsident ist diese Woche aufgebrochen zu einer Reise an die Ostküste.“ 2 ERZÄHLERIN Einsamkeit von Amtswegen. Genauer ob Amt des Ehemannes. In Europa kennen diesen Zustand Kaiserinnen und Königinnen seit Jahrhunderten. An den Höfen ist alles Ritus. Wer da was warum mehr oder weniger traditionell zu tun und zu lassen hat, wird nicht hinterfragt. Man unterwirft sich der Routine, folgt der Folie, weil es erwartet wird. 1 ERZÄHLERIN Rang und Rolle definieren, wo man geht und steht. Neben wem, hinter wem und bei wem gar nicht. Ausbrechen aus dem Regelwerk wäre Verrat am System. Die europäischen Adelshäuser funktionieren als streng geführte Familienunternehmen. 2 ERZÄHLERIN Nicht die oder der einzelne ist bedeutsam als Person, die Firma muss weiterlaufen, expandieren, Gewinne bringen. Kinder, besonders Söhne, sichern die Zukunft. Gebiete erweitert man durch Kriege - oder Heirat. Dabei gilt: Allianzen mit Nachbarn entstehen und vergehen. 2 ERZÄHLERIN Die Sippe soll bleiben – 1 ERZÄHLERIN Und zwar an der Macht. 2 ERZÄHLERIN Ein Paradebeispiel dafür: MUSIK 2 ERZÄHLERIN Fünfzehn Jahre, bevor Martha Washington „Lady Hoheit Mrs. President“ wird, am 10. Mai 1774, besteigt in Frankreich Louis XVI. den Thron. Seine Frau Marie Antoinette macht das zur Königin. 01 ZITATORIN MARIE "Die Leute glauben es sei so einfach die Königin zu spielen, aber sie irren. Nichts als Vorschriften und Zeremoniell, natürlich zu sein ist anscheinend ein Verbrechen." 1 ERZÄHLERIN Dabei wäre Marie Antoinette – 2 ERZÄHLERIN Ganz anders als Martha Washington, Tochter eines Tabakpflanzers in der Kolonie Virginia – 1 ERZÄHLERIN Maria Antoinette, eigentlich Maria Antonia Josepha Johanna, wäre vorbereitet gewesen auf ein Leben an der Spitze eines Staates in Pracht und Prunk. 2 ERZÄHLERIN Theoretisch. Schon als kleinem Mädchen ist ihr vieles, um es Österreichisch zu sagen, wurscht. 1 ERZÄHLERIN Ihrer Mutter nicht. Die nur Regentin, aber gerne genannt Kaiserin Maria Theresia ist ehrgeizig. Auch für das Nesthäkchen, Kind Nummer 16, Maria Antonia Josepha Johanna, gibt es keine Ausnahme. 3 ZU Lindinger 1:30 Es ist kein Honigschlecken gewesen. 1 ERZÄHLERIN Sagt Michaela Lindinger. Die Kuratorin des Wien Museums hat 2023 eine Biografie veröffentlicht: „Marie Antoinette. Zwischen Aufklärung und Fake News“. 4 ZU Lindinger 1:30 In Österreich ist noch immer dieses Bild von Maria Theresia, dass sie so eine Mutterfigur war und alles so wunderbar und auch die vielen Kinder, die hat sie nicht bekommen, weil sie eine große Familie wollte, sondern die wollte Macht und Kontrolle, die sie mit Hilfe dieser Kinder in Europa ausüben kann. 2 ERZÄHLERIN Eroberungskriege sind teuer, also expandiert Maria Theresia lieber mittels Heirat. Statt Herz – Kalkül. 1 ERZÄHLERIN Hauptsache Throne besetzen. Wenn nicht durch die eine, dann durch die andere Tochter. 5 ZU Lindinger 1:30 Maria Josepha hätte Königin werden sollen von Neapel-Sizilien. Nachdem die tot war, hat sie eine Woche später schon den Leuten unten die nächste Kandidatin präsentiert: Maria Carolina. Die ist dann Königin von Neapel-Sizilien geworden und es war dadurch für die nächste Maria Antonina: So und Du wirst jetzt Königin von Frankreich. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Mit Toben im Spielzimmer ist Schluss. Schnell engagierte französische Lehrer sollen das Kind im Crashkurs vorbereiten. 2 ERZÄHLERIN Das Kind hat keine Lust auf Lesen. Lernen nach Lehrbuch fällt dem Mädchen schwer. Klassische Bildung langweilt. Maria Antonia liebt Musik, Tanz und Theater. 1 ERZÄHLERIN Die Kaiserin resigniert und setzt auf Aussteuer und Aussehen der Tochter. Aus Paris kommt ein neuer Schönheitstrend: Lächeln. Also muss ein französischer Zahnarzt an die Hofburg, um Maria Antonia eine Spange zu verpassen. 1 ERZÄHLERIN Mit korrekt reguliertem Lächeln kommt die künftige Braut in Versailles an. 2 ERZÄHLERIN Und merkt: Pariser Bürgerinnen mögen übers ganze Gesicht strahlen, das gilt als modern. In der Hauptstadt treffen sich die besser gestellten Damen in fröhlichen Salons, flanieren durch Parks, spielen nachmittags mit den Kindern, tanzen abends auf Bällen. ATMO Tischglocke 1 ERZÄHLERIN In französischen Königspalästen, erklären die ältlichen Madams, die Marie Antoinette zur Seite gestellt werden, blickt man angemessen drein. 6 ZU Lindinger 4:30 Dieser hohe Adel in Versailles hat den Mund verkniffen zugehabt und es war ja das ganze Gesicht auch mit einer sehr giftigen Paste zu gepudert. Also man hat den Mund kaum aufgebracht. Und somit war das Mädchen, das mit 14 Jahren nach Frankreich gekommen ist, für das Umfeld, in dem sie leben sollte, überhaupt nicht vorbereitet. In Paris glaube ich, hätte es ihr sehr gut gefallen, in Versailles war sie eine Katastrophe. 2 ERZÄHLERIN Insgesamt ist hier gar nichts wie daheim in Wien. 7 ZU Lindinger 7:24 Maria Theresia hat diese 16 Kinder gehabt und dauernd Kriege führen müssen und hat schauen müssen, dass Geld in die Staatskasse kommt und dadurch war dieser Hof ein bissl schlampig. Durchreisende haben das immer wieder betont, es funktioniert schon alles irgendwie. Im Vergleich zu Versailles, wo alles durchorganisiert war, wo jeder genau gewusst hat, wo er an welchem Tag zu welcher Stunde sein wird, wo man nur Floskeln sagen durfte, überhaupt nicht frei herausreden, was man denkt, das war die Marie Antoinette überhaupt nicht gewohnt. MUSIK ZITATOR INFO Von einem aufgeklärten Absolutismus wie in der Wiener Hofburg ist Versailles damals weit entfernt. Das französische Staatssystem orientiert sich streng an der Vergangenheit. Ludwig XV. macht weiter, wie Ludwig XIV. es vor ihm gemacht hat – und Ludwig XVI. es nach ihm beibehalten wird. Man ist auf Bestand ausgerichtet, auf Wahrung dessen, was man kennt. Der politische Weitblick der französischen Monarchen endet denn meist an den mit reichen Tapeten geschmückten Wänden Versailles. Statt weltmännisch mitzumischen auf europäischem Parkett, zerreiben sich der König und alle unter ihm in der kleinteiligen Tagestaktung des Hofzeremoniells. 2 ERZÄHLERIN Das ist so filigran austariert, dass man es einer Neuen im System wie Marie Antoinette lang und ausführlich erläutern müsste. 1 ERZÄHLERIN Das lassen die ältlichen Tanten, deren Aufgabe es hätte sein sollen. Vielleicht denken sie, das Kind müsste das doch eh wissen. 2 ERZÄHLERIN Oder sie wollen gar nicht, dass die Ausländerin etwas weiß. Ihnen womöglich den Rang abläuft, Einfluss gewinnt. Marie Antoinette bleibt folglich nur das, was sie von daheim kennt. 8 ZU Lindinger 10:27 Zum Beispiel hat sie gesagt okay, wenn ich das Zimmer verlasse, dann kann die Kerze ruhig dort in dem Kerzenständer drinnen bleiben. Und wenn ich wieder zurückkehre, hat sie zum Personal gesagt, dann zündet sie einfach wieder an. So ist es in Wien gehandhabt worden. MUSIK Aber der Hausbrauch in Versailles war eben so: Die Kerzen, die bereits angezündet waren, wurden dem Dienstpersonal übergeben. Die haben die weiterverkauft. Und dadurch, dass diese neue Dauphin gesagt hat, wir lassen die Kerzen einfach drinstehen, haben die einen Verdienstentgang gehabt. Und was man dann weitererzählt hat, war: Die neue Dauphine nimmt den Dienstboten das Geld weg. So ist von Anfang an ist diese junge Frau in einem sehr schlechten Ruf geraten. ZITATORES l'Autrichien/ Die Österreicherin/ Die Ausländerin/ l'étranger 1 ERZÄHLERIN Ganz Versailles schüttelt darüber den Kopf. Und über ihren Kleidungstil. Ihr noch wenig geschliffenes Französisch. Ihre unverblümte Art. Über alles an ihr. Ständig. 2 ERZÄHLERIN Und man sticht alles und ständig durch an die Boulevard-Presse. Die entsteht in Paris gerade, immer mehr Menschen können lesen. Klatschheftchen wie die sogenannten „Libelles“ überschlagen sich bald in Geschichten und Skandalen über eben: ZITATORES l'Autrichien/ Die Österreicherin/ Die Ausländerin/ l'étranger 2 ERZÄHLERIN Von ihrem Mann Ludwig XVI. kommt keine Hilfe. 9 ZU Lindinger 13.06 Was natürlich auch alle gewusst haben, dass er überhaupt kein Interesse an ihr hat. Und somit waren da im Endeffekt sieben Jahre, wo kein ehelicher Verkehr stattgefunden hat und dadurch natürlich Marie Antoinette keine Kinder bekommen hat und wo immer dieses Damoklesschwert über ihr gehangen ist. Sie hat keinen Thronfolger auf die Welt gebracht. MUSIK ZITATORIN MARIA THERESIA Bitte sei doch nett zu deinem Mann. Alles hängt von dir ab. Also schau, dass du möglichst viel Zeit mit deinem Mann verbringst. 10 ZU Lindinger 13.06 Diese Marie-Antoinette hat sich unfassbar unter Druck gesetzt gefühlt durch diese ständigen Schreiben ihre Mutter. 2 ERZÄHLERIN Zugleich setzen ihr die kursierenden Spottschriften zu. Auch weil immer irgendein Bediensteter oder Adeliger ganz zufällig so ein Papier in Versailles herumliegen lässt. Sie ist die Königin von Frankreich. 1 ERZÄHLERIN Die nicht zu Frankreich passt. Was soll sie anfangen mit dieser Rolle? MUSIK 2 ERZÄHLERIN 15 Jahre später und einen Kontinent weiter steht unter sehr anderen Umständen, aber doch ähnlich eine andere Frau vor genau der Frage. Der große Unterschied: Die Menschen lieben sie und ihr George auch. Dazu kommt: Sie steckt in keinem tradierten System fest, in keiner Dynastie, die auf Gedeih und Verderb weiter existieren muss. Die Kinderfrage ist keine Staatsraison, sondern eine private. Verwandtschaftsbeziehungen über Grenzen hinweg spielen keine Rolle. Die Gnade Gottes erweist sich vielleicht in kleinen Dingen und spendet Trost in großen Tragödien. Prädestiniert aber nicht für eine Thronfolge. Hier wählt das Volk. Oder wählt ab. 1 ERZÄHLERIN Als Martha Washington im Mai 1789 ankommt in New York, bejubelt von den Massen, weiß sie nicht, was von ihr erwartet wird. Aber wahrscheinlich weiß das niemand so recht. MUSIK 01 ZITATOR INFO Präsident George Washington leitet ein völlig neues Staatskonstrukt. Es wundert wenig, dass sich die ebenfalls neu eingeführten Wahlmänner als Repräsentanten des amerikanischen Volkes entschieden haben für ihn. Washington, den integren, hochangesehenen Helden der Unabhängigkeitskriege. Ehemaliger Chef der Kontinentalarmee, ein herausragender Stratege und General, der den Sieg über die Briten herbeigeführt hat und damit das Ende der Kolonialherrschaft von George III. besiegelt. Politische Gegner halten ihn mit 67 Jahren für zu alt, zu schwach, zerrieben und verbraucht in den langen, durchaus nicht durchgängig erfolgreichen Revolutionsjahren. Befürworter koppeln an diesen unermüdlichen Einsatz und seine Lebenserfahrung die Erwartung: Washington wird die Vereinigten Staaten zusammenführen zu etwas Ganzem, Einheitlichem. Der Präsident soll gemeinsam mit dem frisch gewählten Kongress aus vormals 13 Kolonien eine unabhängige Nation formen, als demokratisch legitimierter Vater der Nation, nicht als Herrscher von Geburtswegen und Gottes Gnaden. 2 ERZÄHLERIN Wird man als Ehefrau damit automatisch zur „Mutter der Nation“? Martha Washington ist ein Familienmensch, kümmert sich rührend um ihre Enkel, die bei ihr leben. Familie ist für sie etwas Privates. 1 ERZÄHLERIN Auf einmal wird all das Gegenstand begeisterter Neugier. Allein schon, was sie anzieht, erregt plötzlich höchstes öffentliches Interesse. Martha trägt gerne Weiß. Die Zeitungen schwärmen: Weiß, die Farbe der Bescheidenheit! Der Güte! Freundlichkeit, menschlichen Wärme. MUSIK 04 ZITATOR PRESSE 1 „Sie war gekleidet in Gewänder unseres Landes, in denen ihre natürliche Güte und ihr Patriotismus auf das Vorteilhafteste herausgestellt wurden.“ 1 ERZÄHLERIN Martha mag am liebsten französische Schnitte. In jungen Jahren verspielt und enganliegend, später gesetzter, reifer. 03 ZITATORIN MARTHA „Schönheit liegt nicht in unserem Aussehen, sondern in dem Gefühl, das wir anderen Menschen geben“. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Königin Marie Antoinette in Frankreich teilt diese Ansicht. Auch wenn sich die beiden nicht kennen, nie begegnen werden. Diesen Drang nach Leben außerhalb jeglicher von anderen zugeschriebenen Rollen formulieren beide in ihren erhaltenen Briefen. Marie Antoinette ist weit jünger als Martha Washington, als sie erste Frau im Lande wird. Sie will weniger einfach mal nur Ruhe mit der Familie und Bekannten wie Martha. Marie möchte unter Menschen sein, mittendrin, frei – lachen und romantisch lieben. Wie die Heldinnen in den damals angesagten Romanen, die sie verschlingt. 1 ERZÄHLERIN Ihr Mann erweist sich weiter als Totalausfall. Auf dem Thron und im Bett. 9 ZU Lindinger 13.06 Das hat dann sehr viel damit zu tun gehabt, dass sie eine sehr tanzfreudige, eine sehr amüsierwütige junge Frau geworden ist, die sich hauptsächlich in Paris eben mit ihren Freundinnen und Freunden aufgehalten hat und versucht hat, diesem unfassbar anstrengenden Leben mit diesem schrecklichen Mann an der Seite so viel wie möglich fernzubleiben. Das war eine innere Rebellion. 1 ERZÄHLERIN Zeremoniell hin oder her: Versailles ist ein perfekt und perfide eingespielter Intrigenstadel. 2 ERZÄHLERIN Dem Teenager aus Österreich ist das egal! Ihre Vorgängerinnen sieht man vielleicht einmal im Jahr bei öffentlichen Auftritten, sittsam gekleidet. Die einzige Aufgabe: Kinder bekommen und Erzieher für sie aussuchen. Die Männer sollen Geschichte schreiben, fahren per Prunkgespann durch die Avenuen. MUSIK 2 ERZÄHLERIN Marie Antoinette ist eine Frohnatur. Frisch in Frankreich ist sie der Obhut der ältlichen Tanten bald überdrüssig. Sie versammelt eine Clique Gleichaltriger um sich. Jeden Tag: Picknick, Schnitzeljagd, Ausfahrt. Jeden Abend: Gelage und Party. 1 ERZÄHLERIN Politisch verhandelt wird bei diesen Veranstaltungen nichts. Auch wenn die Mutter, Kaiserin Maria Theresia, aus Wien mahnende Briefe schreibt, das Kind möge helfen mehr österreichische Botschafter am Versailler Hof zu installieren, die eine oder andere strategische Strippe ziehen, sich nicht dauernd von der angeheirateten Familie abwimmeln lassen und abstempeln als „Die Österreicherin“. Und: Sie kleide sich bitte angemessen! 2 ERZÄHLERIN Marie Antoinette liebt Designerstücke, die oft märchenhaft-bürgerlich anmuten. Schneidern lässt sie dort, wo es ihr gefällt: Hoflieferant oder Hinterhof-Atelier. Wichtig ist nur: Üppige Prachtroben, eng geschnürt, in denen man sich kaum bewegen kann und permanent Atemnot droht – Nein, Danke! Das grand corps, ein spezielles Korsett, edelsteinbestickt von französischen Prinzessinnen bleibt im Schrank. 1 ERZÄHLERIN Das kommt beim Hochadel nicht gut an. 2 ERZÄHLERIN Luftig soll es sein – in angedeuteter Bescheidenheit absolut extravagant. 1 ERZÄHLERIN Und orbitant. Teuer. Das steuergeplagte Volk verurteilt sie dafür. 2 ERZÄHLERIN Was weiß das Volk schon? 1 ERZÄHLERIN Das, was die Gazetten schreiben, erklärt Biografin Michaela Lindinger. 10 ZU Lindinger 20:39 Dann hat sie es auch noch gewagt, Herrenkleidung zu tragen. Und hat sie sich auch noch zu Pferd in eben diesen Herrenhosen porträtieren lassen, also praktisch wie ein König. Und man hat nicht nur den Kopf geschüttelt. Man hat versucht, gegen diese Frau vorzugehen. Sie war eine Persona non grata, wirklich von Anfang an. MUSIK 1 ERZÄHLERIN Das weiß das Volk. 2 ERZÄHLERIN Aber eins kann man ihr nicht nehmen: Sie ist die Königin! 1 ERZÄHLERIN Was soll schon schiefgehen?
- 18.10.202425 min
Die Wall Street ist eine kleine Straße in Lower Manhattan, New York - und gleichzeitig der Inbegriff von Geld, Macht und Kapitalismus. In der Wall Street Nummer elf sitzt die größte Wertpapierbörse der Welt. Hier spekulieren Händlerinnen und Händler seit über 200 Jahren - mittlerweile täglich mit zig Milliarden Dollar. Wegen der exorbitanten Summen können Krisen der Wall Street, Börsen-Crashs, die ganze Welt erschüttern. Von Maike Brzoska (BR 2023) Credits Autorin: Maike Brzoska Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Andreas Neumann, Diana Gaul, Benjamin Stedler, Clemens Nicol Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Boris Gehlen, Prof. Julia Rischbieter Besonderer Linktipps der Redaktion: ZDF – Terra X (2024): USA – Der Riss Am 5. November 2024 wird bei den US-Präsidentschaftswahlen nicht nur über den nächsten Präsidenten, sondern auch über die demokratische Entwicklung des Landes entschieden. Vieles deutet darauf hin, dass diese, je nach Gewinner, sehr unterschiedlich verlaufen könnte. Dabei spielt der tiefe Riss, der die US-Gesellschaft durchzieht, eine wichtige Rolle. Jetzt, wo Donald Trump zum zweiten Mal zur Wahl steht, wird er besonders offensichtlich. In den Medien, vor Gericht, beim Beten, in Sachen Einkommen, Bildung und Ernährung. Und natürlich immer und überall beim Thema Race. ZUM PODCAST (externer Link) Linktipps: WDR (2020): Der große Crash – Die Wirtschaftskrise von 1929 in Deutschland Am 24. und 25. Oktober 1929 stürzen an der New Yorker Börse Aktienkurse ins Bodenlose. Innerhalb kurzer Zeit werden gewaltige Vermögenswerte vernichtet: der "Schwarze Freitag" an der Wall Street. Nach den Jahren des Booms kann sich auch Deutschland dem Sog nicht entziehen. Der Film berichtet detailgenau, wie die Krise an den Börsen das alltägliche Leben veränderte. Eindrucksvoll erzählen Zeitzeugen von Not, Hunger und dem Verlust der Würde. Auch die Gier von Spekulanten ist Thema der Sendung. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2016): Geld schläft nie – Ein Blick hinter die Kulissen der Wallstreet Nach der Finanzkrise ist die Wallstreet wieder Ziel der Träume junger Ökonomen. Nicht jeder hält der exzessiven Arbeit stand. Unternehmen haben darauf reagiert. Sie verbieten Mitarbeitern, nachts E-Mails zu bearbeiten und verordnen einen freien Tag in der Woche. JETZT LESEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Die Geschichte der Wall Street begann unter einem Baum – und zwar mit einem Versprechen: ZITATOR We the Subscribers do hereby solemnly promise, that we will not buy or sell from this day on any kind of Public Stock, at a less rate than one quarter percent Commission and that we will give a preference to each other in our Negotiations. ZITATOR Wir, die Unterzeichner, versprechen hiermit feierlich, dass wir von diesem Tag an keine Aktien zu einem geringeren Satz als einem Viertel Prozent Kommission kaufen oder verkaufen und dass wir uns gegenseitig den Vorzug geben werden. SPRECHER 24 Männer unterzeichneten diese Vereinbarung im Mai 1792. Sie trafen sich unter einer Platane, einem buttonwood, deshalb spricht man vom Buttonwood Agreement. Es gilt als Gründungsdokument der mächtigsten Börse der Welt – die New York Stock Exchange, wie sie später heißen wird. MUSIK SPRECHERIN 2 Die ersten Jahre – oder: Das Geld fließt in die Neue Welt SPRECHERIN Die Platane, unter der sich die Männer trafen, stand in der Wall Street im südlichen Manhattan. Die Straße heißt so, weil es dort tatsächlich einen Wall, also eine kleine Mauer gab. SPRECHER Ende des 18. Jahrhunderts begannen Händler dort Wertpapiere feilzubieten. Ihre Geschäfte machten sie in Kaffeehäusern, vor allem im Tontines Coffee House, Wall Street Nr. 85. Die Geschäfte gingen gut, aber immer wieder kam es zu Betrug und Tricksereien, schreibt Charles R. Geisst in seinem Buch „Geschichte der Wall Street“. Kurse wurden manipuliert, Gelder veruntreut. Das sollte sich ändern. Und so gründeten mit dem Buttonwood Agreement die 24 Unterzeichner eine Art Club. Mit bestimmten Regeln, festen Gebühren und Handelszeiten. Wer sich nicht daran hielt, flog raus. SPRECHERIN In der Anfangszeit konnte man in der Wall Street vor allem Staatsanleihen erwerben. Wer der jungen US-amerikanischen Bundesregierung Geld leihen wollte, brachte es zu den Händlern und bekam im Gegenzug das Versprechen, das Geld nach einer bestimmten Zeit zurückzubekommen, inklusive Zinsen versteht sich. SPRECHER Gleich die allererste Anleihe brachte dem Staat 80 Millionen Dollar ein – damals eine enorme Summe. Das Geld war aber auch nötig, denn die amerikanische Bundesregierung hatte sämtliche Schulden aus dem Unabhängigkeitskrieg übernommen. MUSIK SPRECHERIN An Kapital mangelte es nicht. Amerika war für viele Menschen in Europa ein verheißungsvolles Land. Die junge Republik bot ausreichend Land und barg Unmengen an Rohstoffen wie Holz und Eisenerz. Das versprach riesige Gewinne. Viele wollten deshalb ihr Geld dort investieren – oder wanderten gleich selbst in die USA aus. SPRECHER Im Tontines Coffee House gab es täglich zwei Sitzungen, eine am Vormittag und eine am Nachmittag. Die zum Verkauf stehenden Wertpapiere wurden ausgerufen und die Händler gaben Gebote ab. Alle Verkäufe zusammen ergaben am Ende des Tages den Börsenkurs. Die Geschäfte liefen gut. In der Wall Street herrschte reges Treiben, sagt der Wirtschaftshistoriker Boris Gehlen. Er ist Professor an der Universität Stuttgart. 01 O-TON (Gehlen) Man muss sich das tatsächlich sehr hektisch vorstellen, weils da eben in kurzer Zeit um sehr große Geldsummen ging, die dann bewegt werden sollten und eben auch um die Möglichkeit als Erster an einem Geschäft teilzunehmen. SPRECHERIN Um Geschäfte geordnet abwickeln zu können, führte man Verhaltensregeln für das Börsenparkett ein. 02 O-TON (Gehlen) Bekannt ist aus den Regelwerken, dass man explizit verboten hat, über das Parkett zu laufen, um dieser Hektik ein wenig entgegenzuwirken. MUSIK SPRECHER Die Zahl der Wertpapiere stieg. Viele der damals neu gegründeten Eisenbahngesellschaften und Schifffahrtsunternehmen brauchten Kapital, das sie sich über die Börsen besorgten. Entweder über Anleihen oder über Aktien, also Anteile an ihrem Unternehmen. SPRECHERIN Die Händler verdienten sehr gut, deshalb zog die Wall Street viele Einwanderer an. Aber nicht jeder konnte Mitglied im exklusiven Club der New York Stock Exchange werden – denn dafür musste man schon einiges an Geld mitbringen. 03 O-TON (Gehlen) Wenn wir uns die Mitgliedschaftskosten anschauen, dann war das das X-fache eines Jahresgehalts von Arbeitern. Also man musste eben erst einmal eine enorm hohe Summe an Geld überhaupt aufbringen, um dort handeln zu können. MUSIK SPRECHERIN 2 Fragwürdige Geschäfte – oder: Kurse, die plötzlich purzeln SPRECHER Aber es gab auch kleinere Börsen und andere Wege, in der Wall Street Geld zu verdienen. Manche Händler versuchten, hoch spekulative Wertpapiere unter die Leute zu bringen. Die gab es nämlich schon damals. In den Kaffeehäusern waren sie nicht geduldet, deshalb handelten sie auf der Straße. Man nannte sie Curbstone Brokers, also Bordsteinhändler. Später ging daraus die American Stock Exchange hervor. SPRECHERIN Wobei fragwürdige Geschäfte überall vorkamen. Es wurden zum Beispiel Kurse manipuliert. SPRECHER Um trotzdem das Vertrauen in den Finanzmarkt aufrecht zu erhalten, drohte die New York Stock Exchange mit drastischen Strafen – eine staatliche Regulierung gab es zu dieser Zeit allerdings nicht. 05 O-TON (Gehlen) Kläger waren Börsenhändler, die Beklagten waren Börsenhändler und die Richter waren Börsenhändler. Und da ging es dann um die Bewertung, ob Transaktionen mit den Regeln der New York Stock Exchange vereinbar waren oder nicht. Und wenn man zu dem Schluss kam, dass jemand gegen die Regeln verstoßen habe, konnten die Strafen sehr, sehr hart sein, bis hin zum dauerhaften Ausschluss von der Börse. Und damit ging einher faktisch die wirtschaftliche und soziale Existenzvernichtung. Und insofern war das natürlich ein Anreiz, sich doch weitgehend an die Regeln zu halten. SPRECHERIN Das dämmte die unlauteren Geschäfte an der Wall Street zwar ein. Dennoch kam es immer wieder zu Kursstürzen, und zwar während des gesamten 19. Jahrhunderts. 06 O-TON (Gehlen) Und das hat dann mit dazu beigetragen, dass eben auch das Finanzsystem in den USA sehr häufig von Finanzkrisen geschüttelt war und dass auch die Spekulation doch andere Dimensionen als in europäischen Staaten angenommen hat. SPRECHER Schon damals zeigte sich ein Muster, das wir heute noch kennen: Boom and Bust, übersetzt bedeutet das so viel wie: Aufschwung und Niedergang. MUSIK SPRECHERIN 1837 kam es beispielsweise zu einer Börsenpanik, die einen schwere Wirtschaftskrise nach sich zog. Vorausgegangen war ein Boom, der mit dem Indian Removal Act von 1830 begann. Das Gesetz sah die zwangsweise Umsiedlung und Deportation der indigenen Bevölkerung vor. Das freigewordene Land erzielte Höchstpreise. Eine Spekulationswelle setzte ein. Aktien von Eisenbahngesellschaften und Baumwollfirmen waren stark nachgefragt – in der Annahme, dass sie nun gute Geschäfte machen. SPRECHER Aber die Spekulationsblase platzte, nachdem die US-Regierung vorschrieb, dass Land nur noch mit Gold und Silber und nicht mehr mit Banknoten gekauft werden durfte. Das schränkte den Kreis der Käuferinnen und Käufer stark ein. Die Stimmung kippte. Alle wollten so schnell wie möglich ihre Wertpapiere loswerden. In der Wall Street gab es Tumulte. Soldaten marschierten auf, um einen geordneten Ablauf zu gewährleisten. SPRECHERIN Ähnliche Börsenpaniken gab es 1857, 1869, 1873 und 1893. Häufig kam es danach zu Firmenpleiten und Wirtschaftskrisen. Denn Unternehmen geht das Geld aus, wenn Menschen ihre Unternehmensanteile, ihre Wertpapiere im großen Stil verkaufen. Es fehlt an Liquidität. 08 O-TON (Gehlen) Was auch damit zu tun hat, dass wir bis 1913 eben kein Zentralbanksystem in den USA haben, keinen Lender of Last Resort, also jemand, der einspringen kann, wenn tatsächlich die Liquidität an den Märkten knapp wird. MUSIK SPRECHERIN 2 Große Geschäfte – oder: Als Banker panisch wurden SPRECHERIN Die Industrialisierung veränderten die US-amerikanische Wirtschaft. Riesige Unternehmen entstanden – und machten einige Männer sagenhaft reich. Zum Beispiel Cornelius Vanderbilt, den man König der Eisenbahnen nannte, oder der John D. Rockefeller mit seinem Öl-Imperium. SPRECHER Gleichzeitig war der Kapitalbedarf groß. Die Zahl der Aktien nahm Ende des 20. Jahrhunderts stark zu. Aber auch große Bankhäuser wurden zu dieser Zeit gegründet. Viele davon hatten ihren Sitz in oder nahe der Wall Street. 09 O-TON (Gehlen) Die beiden größten Bankhäuser Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts war Kuhn, Loeb & Co. und der Gegenspieler war JP Morgan, also das große Bankhaus der Wall Street. MUSIK SPRECHERIN John Piermont Morgan war der einflussreichte Banker seiner Zeit – er hatte fast überall seine Finger im Spiel über sein Bankhaus JP Morgan & Company, damals in der Wall Street Nr. 23, arrangierte er zahlreiche Fusionen und Übernahmen, zum Beispiel bei der United States Steel Corporation, der damals größten Aktiengesellschaft der Welt. Zeitweise hatten er und seine Partner von JP Morgan & Company mehr als 72 Aufsichtsratsmandate in 47 großen Gesellschaften inne. SPRECHER Morgan war es dann auch, der die Geschicke des Landes nach dem nächsten Börsensturz lenken sollte … SPRECHERIN Im Herbst 1907 gab es erneut einen Kurssturz an der Wall Street. Auslöser war ein gescheiterter Versuch von Augustus Heinze, Spross deutscher Einwanderer, Aktien seiner Firma zurückzukaufen. Er verspekulierte sich aber und scheiterte grandios. SPRECHER Die Banken, bei denen er sich Geld geliehen hatten und denen er es nicht mehr zurückzahlen konnte, gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Es folgten Bankruns, weil die Menschen ihr Geld in Sicherheit bringen wollten. Aktienkurse rauschten in den Keller, niemand vergab mehr Kredite. Bald reihte sich ein Konkurs an den anderen. SPRECHERIN Viele der kleineren Banken hatten ihr Geld bei den großen Banken angelegt. Vor allem bei JP Morgan. Eine Zentralbank, wo sie ihr Geld hätten parken können, gab es ja damals nicht. Als die kleineren Banken sich die Gelder vorzeitig auszahlen lassen wollten, weigerte sich JP Morgan zunächst. Eine und Bankenpleite folgte auf die nächste. Und so sagten JP Morgan und andere Banker letztlich doch zu, große Summen, auch aus eigenen Vermögen, als Darlehen bereitzustellen. SPRECHER Mehrere solche Rettungsaktionen waren nötig. Die Gespräche fanden zum Teil in Morgans Privatbibliothek statt. Der Patriarch soll viele Banker persönlich überredet haben. Wobei er sie einmal auch einfach in seiner Bibliothek einschloss, bis eine Einigung gefunden war. SPRECHERIN Die sogenannte Bankers Panic blieb nicht ohne Folgen. Um dem offensichtlich gewordenen Machtvakuum zu begegnen, gründete man ein Zentralbankensystem in den USA, das Federal Reserve System, kurz Fed. Die New Yorker Dependance der Fed hat ihren Sitz in der Liberty Street, zwei Blocks von der Wall Street entfernt. MUSIK SPRECHERIN 2 Die 1920er Jahre – oder: Beifall für die Wall-Street-Banker MUSIK SPRECHER Wenige Jahre später der nächste Aufschwung. Es waren die Roaring Twenties, die wilden 20er Jahre. Der Wohlstand stieg merklich, die USA wurden zur Konsumgesellschaft. Man kaufte Radios, Telefone – und erstmals auch Wertpapiere. Das war jetzt nicht mehr nur wenigen Vermögenden und Bankern vorbehalten, denn nun hatten mehr Menschen etwas Geld übrig. 10 O-TON (Gehlen) Und die haben im Grunde dann in Aktien investiert. Und dadurch stiegen die Kurse eben weiter an. Das hat dann neue Anleger immer wieder angezogen, so dass da das klassische Phänomen einer Überspekulation zu betrachten war. SPRECHERIN Mit steigenden Kursen stieg auch das Ansehen der Wall-Street-Mitarbeiter. Die Bewunderung und Popularität war so groß, dass sie morgens auf dem Weg zur Börse oder zur Bank von Touristen beklatscht wurden. MUSIK SPRECHER Im Oktober 1929 folgte der Absturz. Und damit der berühmt-berüchtigte Schwarze Freitag – bzw. Black Thursday in den USA. Als möglicher Auslöser gilt der Bankrott eines Londoner Spekulanten, aber schon länger erwarteten viele auf eine Kurskorrektur. Was dann kam, übertraf allerdings die schlimmsten Erwartungen. SPRECHERIN Die Kurse der New Yorker Börse fielen ins Bodenlose. Zeitungen warnten davor, der Wall Street einen Besuch abzustatten. Die Bürgersteige dort seien nicht sicher, weil sich immer wieder Menschen aus dem Fenster stürzten. SPRECHER Auf den Börsen-Crash folgte die Great Depression, die Große Depression. In den USA war zeitweise knapp die Hälfte der Bevölkerung ohne Arbeit. Menschen hungerten. Die Kindersterblichkeit war hoch. SPRECHERIN Die Regierung unter Franklin D. Roosevelt reagierte Anfang der 1930er mit mehreren Gesetzen. Zum ersten Mal in der über 100-jährigen Wall-Street-Geschichte wurde der Wertpapierhandel umfassend reguliert. 11 O-TON (Gehlen) Im Zuge dessen wird die Securities Exchange Commission eingerichtet. Im Grunde als staatliche Börsenaufsichtsbehörde, weil man inzwischen dann doch gemerkt hat, dass es doch eine einheitliche Rahmensetzung benötigte. SPRECHER Daneben gab es mit dem Glass-Steagall-Act von 1933 ein Gesetz, das die Bankenlandschaft in den USA fundamental verändern sollte. Dieses Gesetz wird bis heute in anderen Ländern zitiert und diskutiert. Die Wirtschaftshistorikerin Julia Rischbieter. Sie ist Professorin an der Universität Konstanz. 12 O-TON (Rischbieter) Der Glass-Steagall-Act sah vor, dass es eine strikte Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investitionsbanken geben sollte. SPRECHERIN Auf diese Weise trennte man das risikoreiche Geschäft der Investmentbanken von den Guthaben der Sparerinnen und Sparer. Und auch eine Einlagensicherung wurde eingerichtet, die Sparguthaben im Fall einer Bankenpleite schützt. SPRECHER Das Gesetz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigt und blieb viele Jahrzehnte in Kraft, bis es 1999 unter Bill Clinton mehr oder weniger abgeschafft werden soll. SPRECHERIN Zurück zu den 1950ern: In dieser Zeit wurden Investmentfonds zum Verkaufsschlager. Solche Fonds bündeln verschiedene Wertpapiere, so dass auch Kleinanleger und Kleinanlegerinnen an verschiedenen Aktien teilhaben können. SPRECHER Und 1967 gab es noch ein Novum: Die erste Frau erhielt einen festen Sitz an der New York Stock Exchange - nach mehr als 170 Jahren Wertpapierhandel. Die Mitgliedschaft kostete übrigens knapp eine halbe Million US-Dollar – denn noch immer war der Börsenhandel den Reichen vorbehalten. MUSIK SPRECHERIN 2 Der Aufstieg der USA – oder: Als Staatsschulden zur Ware wurden SPRECHERIN Auch auf der weltpolitischen Bühne änderte sich einiges für die USA. Das Land etablierte sich immer mehr als größte Handelsmacht und wurde von einer Schuldner- zu einer Gläubigernation. Sie verlieh und investierten also mehr Geld im Ausland als umgekehrt. Spätestens ab dieser Zeit war die Wall Street nicht mehr nur das Finanzzentrum Amerikas, sondern der Welt. SPRECHER Ein Beispiel für Auslandsinvestitionen war der sogenannte Eurodollarmarkt. Er entstand während der Ölpreiskrise Anfang der 1970er Jahre. Die Preise für Erdöl stiegen zu dieser Zeit enorm an. 13 O-TON (Rischbieter) Das bedeutet, dass die ölfördernden Länder auf einmal sehr hohe Gewinne machen. Und diese Ölförderländer hatten natürlich ein hohes Interesse, ihre Gewinne gut zu verzinsen und einzulegen bei Banken. Und das haben sie getan, vor allem bei europäischen Banken und New Yorker Banken. SPRECHERIN Um die Zinsen auf die eingelegten Gelder zahlen zu können, mussten die Banken es investieren. Es gab zu dieser Zeit allerdings an Überangebot an Kapital – die Banken wussten kaum, wohin damit. 14 O-TON (Rischbieter) Und somit befanden sich ja diese großen Banken dann in der Situation, dass sie ja Verluste gemacht hätten. Sie hätten eigentlich Zinsen auszahlen müssen und hatten aber gar nicht die Gewinne dafür. Und in dieser spezifischen Situation haben sie angefangen, Ländern weltweit Kredite anzubieten, und diese Länder waren aber nicht unbedingt immer so kreditwürdig wie europäische Länder. SPRECHER Die Staatsverschuldung stieg zu dieser Zeit stark an, insbesondere in den lateinamerikanischen Staaten. Das wurde zum Problem, als die amerikanische Fed in den 1980er die Zinsen massiv anhob, wodurch sich die Kredite stark verteuerten. Als eines der ersten gab Mexico 1982 seine Zahlungsfähigkeit bekannt. Die Lage war für viele Staaten dramatisch. 15 O-TON (Rischbieter) Die Folgen waren desaströs, weil alle Sozialindikatoren sich verschlechtert haben, also Kindersterblichkeit, Lebenserwartung. Und in Lateinamerika heißt das Jahrzehnt deshalb auch lost decade, also das verlorene Jahrzehnt. SPRECHERIN Als absehbar war, dass viele Länder ihre Schulden bei Banken, auch bei den Wall Street Banken, nicht bedienen konnten, suchte man auf internationaler Ebene nach Lösungen. Einige Kredite wurden umgeschuldet, Schuldenerlasse debattiert – und auch ein Mann der Wall Street machte einen Lösungsvorschlag. Er hieß Richard A. Debs, der spätere Gründer von Morgan Stanley International. SPRECHER Debs Idee war, die Kredite umzuwandeln in handelbare Anleihen. So konnten diejenigen sie kaufen, die große Risiken eingehen wollten. Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank unterstützten das Vorhaben. Und so wurde der Plan 1989 umgesetzt – und viele Banken wurden ihre Kredite auf diese Weise los, während die verschuldeten Staaten zum Teil noch höhere Zinsen berappen mussten … MUSIK SPRECHERIN Etwa zu dieser Zeit passierte der nächste Börsensturz, der heftigste seit über 50 Jahren. Der Handel mit den Wertpapieren wurde ausgesetzt, die Fed stellte Liquidität bereit, viele Unternehmen kauften eigene Aktien auf, um den Kurs zu stabilisieren. Das beruhigte die Lage. SPRECHER Nach diesem Börsensturz von 1987 gab es erneut eine Debatte über die Risiken, die von den Finanzmärkten ausgehen. Aber anders als früher sprachen sich nun viele nicht für mehr, sondern für weniger Regulierung aus. Das würde die Finanzmärkte sicherer machen, meinte etwa Alan Greenspan, lange Zeit Chef der amerikanischen Zentralbank. 16 O-TON (Rischbieter) Er hat argumentiert, dass die bisherige Regulierung, die man habe, nicht nur ausreicht, sondern die würde eigentlich die Geschäfte behindern. Wenn wir diese verschiedenen Regularien aufheben, dann hätten wir eine Situation, in der nämlich die Banken eigenverantwortlich überhaupt handeln könnten und dann könnten sie sozusagen erstens mehr Gewinne machen und würden auch im Sinne des Staates besser handeln können. SPRECHERIN Das führte letztlich zur Abschaffung des Trennbankensystems, das mit dem Glass-Steagall-Act eingeführt worden war, und zu weiteren Liberalisierungen der Finanzmärkte. MUSIK SPRECHERIN 2 Finanzinnovationen – oder: Rettungsschirme für die Banken MUSIK SPRECHER Die Geschäfte weiteten sich aus, immer neue Finanzprodukte wurden an der Wall Street ersonnen. Derivate wurden der Renner. Damit kann man zum Beispiel auf Kursentwicklungen wetten. Solche hoch spekulativen Wertpapiere gab es schon länger, aber ab den 1990ern wurden sie im großen Stil gehandelt. SPRECHERIN Mit Derivaten kann man auch fallende Kurse setzen, deswegen gab es die Vorstellung, sie würden die Finanzmärkte sicherer machen. Das Gegenteil war allerdings der Fall. Es kam zur Dotcom-Blase, investiert wurde in alles, was mit dem damals neuartigen Internet zu tun hatte. Die Blase platzte im Jahr 2000. SPRECHER Wenige Jahre später folgte die weltweite Finanzkrise. Auslöser war eine geplatzte Immobilienblase in den USA. Dort hatten sich viele Menschen teils ohne Vermögen oder Einkommen Häuser auf Kredit gekauft. Man hielt diese „Risiken“ für beherrschbar, weil man sie als komplexe Wertpapiere handelbar machte und in die ganze Welt verkaufte. Das funktionierte allerdings nur solange, wie die Preise am Häusermarkt nicht fielen – was 2007 aber der Fall war. Einige kleinere Banken gingen Pleite – und drohten größere mitzureißen. MUSIK SPRECHERIN Regierungen unterstützten sie und stellten Liquidität bereit. Sie schossen also Geld in astronomischem Ausmaß zu, indem sie milliardenschwere Rettungsschirme aufspannten. Die Banken seien too big to fail hieß es, sie würden ganze Volkswirtschaften mit in den Abgrund reißen. Teilweise überforderte das die Staaten. Aus der Finanzkrise wurde erst eine Euro- und dann mancherorts eine Staatsschuldenkrise, zum Beispiel in Griechenland. Zeitweise war knapp ein Drittel der Menschen in Griechenland ohne Arbeit. Sozialausgaben wurden zusammengestrichen, Krankenhäuser geschlossen, viele Menschen wurden obdachlos. SPRECHER Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, senkten Zentralbanken weltweit die Zinsen auf neue Tiefststände. Das sollte die Kreditvergabe stimulieren. Auch viele Kleinanlegerinnen und Kleinanleger investierten ihr Geld, weil das Ersparte auf der Bank keine Zinsen mehr einbrachte – der nächste Börsenboom. SPRECHERIN Und ist das nun das Ende der Geschichte? Keineswegs. Denn wenn man eines aus der Geschichte der Wall Street lernen kann, dann das: Auf jeden Boom folgt ein Bust, nach jedem Aufschwung kommt ein Niedergang. Bleibt die Frage, wann es soweit ist – und wie schlimm es dann wird. MUSIK
- 18.10.202424 min
It's the economy, stupid! Bill Clinton hat diesen Ausdruck in den 1990ern im US-Wahlkampf berühmt gemacht. Er beschreibt, dass vor allem die Wirtschaftslage darüber entscheidet, ob ein Politiker gewählt wird oder nicht. Weil die Wirtschaft so zentral ist, versuchen auch Ökonominnen und Ökonomen Einfluss auf sie zu nehmen - und hatten immer wieder neue Ansätze, um die Wirtschaft in den Griff zu kriegen. Von Maike Brzoska (BR 2023) Credits Autorin: Maike Brzoska Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Frank Manhold, Maren Ulrich Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Peter Spahn, Prof. Alexander Nützenadel, Katrin Hirte Besonderer Linktipps der Redaktion: mdr aktuell & hr (2024): Wendehausen – Heimat im Todesstreifen Zu DDR-Zeiten lag das Dorf Wendehausen im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze. Das Grenzregime der DDR war hart, die Kontrollen scharf. Zeitzeugen berichten von Vertreibung, Flucht und zerstörten Existenzen. Wendehausen an der thüringisch-hessischen Grenze hat eine Vielzahl von dramatischen Familiengeschichten zu bieten, voll von Brüchen, Tragik und teilweise Tod. Dieser Podcast zeichnet die Geschichte des Ortes und der Menschen im Todesstreifen nach. Es geht auch darum, wie die DDR-Geschichte die Menschen vor Ort bis heute prägt. Und was das über das Ost-West-Verhältnis aussagt, 35 Jahre nach dem Fall der Mauer. ZUM PODCAST Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2024): Verliert Deutschland Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit? Die deutsche Wirtschaft rutscht tiefer in die Krise. Die Industrie will die Transformation zur Klimaneutralität, fordert aber einen klaren politischen Rahmen und bessere Infrastruktur. Kann das Konzept soziale Marktwirtschaft den Standort retten? JETZT ANHÖREN ARD alpha (2022): Arbeit, Zins und Geld – Keynesianismus Nichts hat den britischen Ökonomen John Maynard Keynes mehr geprägt als die Folgen der dramatischen Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den vielen Millionen Arbeitslosen war sein Glaube an den Kapitalismus jedoch nicht erschüttert. Doch statt auf die Selbstheilungskräfte des freien Marktes, setzte er lieber auf die wirtschaftliche Gestaltungskraft des Staates. Der Staat sollte das ewige Auf und Ab zwischen Wirtschaftskrise und -boom entschärfen. Vor allem in den 50er, 60er und 70er Jahren bestimmte die von Keynes angeregte Wirtschaftspolitik die weltweiten Märkte. Vollbeschäftigung, Wachstum und Stabilität - war dies endlich ein verlässliches Programm für die Zukunft? JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ZITATOR Die Ideen der Ökonomen und Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger als man im Allgemeinen glaubt. Um die Wahrheit zu sagen, es gibt nichts anderes, das die Welt beherrscht. SPRECHERIN Ideen von Ökonomen und Philosophen sollen die Welt beherrschen – eine merkwürdige Aussage. War es Größenwahn, was John Maynard Keynes zu dieser Aussage veranlasste? Jedenfalls gilt der Brite gilt als einflussreichster Ökonom des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen haben nicht nur die Wirtschaftstheorie revolutioniert, sondern hatten auch ganz praktischen Einfluss auf die Politik, genauer: auf die Wirtschaftspolitik. Keynes hat seine Theorie vor gut hundert Jahren entworfen. Anlass waren die damaligen Krisen, sagt der Ökonom Peter Spahn. Er ist emeritierter Professor der Universität Hohenheim. 01 O-TON (Spahn) Der Börsencrash und die Große Depression, die danach kam, das bildete sicherlich den Anstoß für die Keynsche Theorie. Das war so eine Art Anschauungsmaterial für ihn. Aber auch schon in den 1920er Jahren war die englische Wirtschaft durch anhaltende Arbeitslosigkeit geprägt, und das hat Keynes eigentlich auch umgetrieben. SPRECHERIN Wie funktioniert eine Volkswirtschaft? Wenn man so will, ist sie das Ergebnis von zig Tausenden Entscheidungen, die wir alle täglich treffen. Was kaufe ich ein? Wie viel gebe ich dafür aus? Soll ich mehr sparen? Oder, von der Warte von Unternehmerinnen und Unternehmer aus betrachtet: Zu welchem Preis biete ich meine Waren an? Investiere ich in neue Maschinen oder muss ich demnächst Mitarbeitende entlassen? Ökonominnen und Ökonomen sind nun diejenigen, die verstehen wollen, wie das alles zusammenhängt. Das beschäftigte auch Keynes. 02 O-TON (Spahn) Keynes kam zu der Einsicht, dass es gar keine überzeugende Theorie über die normale Funktionsweise der Gesamtwirtschaft gab. Und das hat ihn umgetrieben und ihn dann dazu gebracht, 1936 seine Allgemeine Theorie vorzulegen. SPRECHERIN Um zu verstehen, was Keynes Ideen so revolutionär machte, muss man wissen, wie man sich das Zusammenspiel in der Wirtschaft vorher vorgestellt hat. 03 O-TON (Spahn) Es gab immer so die Idee, na ja, die Volkswirtschaft reguliert sich selber. Das ist ja die Idee einer Marktwirtschaft. Wenn einzelne Märkte im Ungleichgewicht sind, wenn es irgendwie ein Überangebot von bestimmten Gütern gibt, dann vertraut man darauf, dass die Preise sich entsprechend anpassen. Und so funktioniert das gewissermaßen im Sinne einer Selbstregulierung. SPRECHERIN Ein Beispiel: Nehmen wir an, auf einem Markt ist das Angebot an Broten größer als die Nachfrage. Dann senken die Bäckerinnen den Preis, damit die Markbesucher denken; oh, wie günstig! und ein paar Brote mehr kaufen. Am Ende sind trotz des übergroßen Angebots alle Brote verkauft und für den nächsten Markttag backen die Bäckerinnen ein paar weniger. So regulieren sich Angebot und Nachfrage über den Preis, der Knappheit oder Überfluss signalisiert. Der Markt ist am Ende wieder im Gleichgewicht. Diese Art der Selbstregulation ist eine der grundlegenden Ideen von klassischen ökonomischen Denkern wie Adam Smith oder Jean-Baptiste Say. Keynes beobachtete allerdings, dass sich die Gesamtwirtschaft nicht unbedingt mit einzelnen Märkten vergleichen lässt. 04 O-TON (Spahn) Und dann stieß er auf zwei zentrale Gegenargumente in Bezug auf den Glauben, dass sich das alles gesamtwirtschaftlich selbstreguliert. SPRECHERIN Eines seiner Argumente bezog sich auf den Arbeitsmarkt. Die Arbeit ist, wenn man so will, die Ware, die auf diesem Markt angeboten wird. Der Lohn ist der Preis der Arbeit. Nach der klassischen Logik sinken die Löhne, wenn es Arbeitslosigkeit gibt – denn es gibt mehr Menschen, die Arbeit suchen. Die niedrigeren Löhne führen nun dazu, dass mehr Menschen eingestellt werden. Für die Unternehmen mag das erst mal Sinn machen, allerdings haben sinkende Löhne – gesamtwirtschaftlich betrachtet – auch noch andere Effekte, so Keynes. 05 O-TON (Spahn) Er hat gesagt, gerade wenn die Löhne bei Arbeitslosigkeit sinken, macht das die Sache möglicherweise schlimmer. Weil wenn die Löhne sinken, dann sinken natürlich auch die Haushaltseinkommen der Arbeitnehmer, dann geht der Konsum zurück und das vertieft wieder die Krise. Das bedeutet, was die Unternehmen bei den Kosten durch sinkende Löhne an Entlastung gewinnen, das verlieren sie dann auf der Nachfrageseite, weil eben der Konsum zurückgeht. MUSIK SPRECHERIN Daneben zeigte Keynes, dass auch der Geldmarkt besonders ist und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen hat. Heute sind solche Zusammenhänge bekannt – vor gut hundert Jahren war das anders. Da sahen Politiker dem Abwärtstrend, der in die Große Depression führte, weitgehend untätig zu. Am Ende lag in zahlreichen Ländern der Welt die Wirtschaft brach und die Menschen verzweifelten, viele hungerten auch. Eine traumatische Erfahrung. Aber der Rat lautete damals eben: Stillhalten, Krisen gehen vorbei – und können sogar positive Effekte haben. Sagt der Wirtschaftshistoriker Alexander Nützenadel. Er ist Professor am Institut für Geschichtswissenschaften der Berliner Humboldt Universität. 06 O-TON (Nützenadel) Das Problem war natürlich auch, dass man eine solche Krise bislang noch nie erlebt hatte und deswegen nicht wusste, was für Folgen sich daraus ergeben können. Aber tatsächlich war das für viele der damaligen Akteure eigentlich selbstverständlich zu sagen: Wir müssen durch diese Krise durchgehen und sie hat auch reinigende Effekte und danach stehen wir eigentlich wieder besser da. SPRECHERIN Von sogenannten Reinigungskrisen war damals die Rede. Erst die Theorien von Keynes lieferten das Verständnis für makroökonomische, das heißt gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge – und damit auch Instrumente, um eine Volkswirtschaft zu beeinflussen. Deshalb hielten Keynes Ideen in vielen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug in die Wirtschaftspolitik. Hierzulande allerdings sollte es noch etwas dauern– Keynes Ideen der gesamtwirtschaftlichen Steuerung waren vielen Politikern in der Bundesrepublik sehr suspekt. 07 O-TON (Spahn) Das galt merkwürdigerweise in Deutschland als geradezu planwirtschaftlich verdächtig. Und die damals herrschende Partei, die CDU, war also strikt dagegen. SPRECHERIN Insbesondere CDU-Kanzler Konrad Adenauer, ab 1949 Bundeskanzler, war es wichtig, sich von den Planwirtschaften der DDR und des Ostblocks abzugrenzen. 08 O-TON (Nützenadel) In den 50er Jahren hatten viele den Eindruck, dass die Planwirtschaften des kommunistischen Bereichs durchaus in der Lage waren, Investitionen gezielt auf bestimmte Wachstumsfaktoren zu lenken und dass da vielleicht sogar mehr Wachstum entstehen könnte als im Westen. Also es gab durchaus so eine Art von Wettbewerb zwischen Ost und West. SPRECHERIN Die zentral geplante Wirtschaft der DDR wollte man mit einer Marktwirtschaft übertrumpfen. Allerdings gab es auch in der Bundesrepublik die Überzeugung, dass eine Marktwirtschaft einen starken ordnungspolitischen Rahmen braucht. Der sogenannte Ordoliberalismus war zu dieser Zeit in der Bundesrepublik dominierend. Nach dieser Spielart hält sich der Staat aus dem Markt raus, setzt also auf die Selbstregulierung von Angebot und Nachfrage. Dennoch spielt der Staat im Ordoliberalismus eine wichtige Rolle, denn er legt die Regeln für den Markt fest. 09 O-TON (Nützenadel) Es geht darum, die Rahmenbedingungen zu setzen, um etwa fairen Wettbewerb zu ermöglichen oder auch eine Vermachtung von großen Unternehmen zu verhindern. SPRECHERIN Denn eine Vermachtung von Unternehmen, also eine Machtanhäufung, geht in der Regel zulasten von Verbraucherinnen und Verbraucher. Noch mal das Beispiel Wochenmarkt: Wenn alle Bäckerinnen sich absprechen und darauf einigen, einen doppelt so hohen Preis zu verlangen, haben die Käufer das Nachsehen. Das „Brotkartell“ hat den Wettbewerb außer Kraft gesetzt. Solche Kartelle wollte insbesondere der CDU-Politiker Ludwig Erhard verhindern. Der spätere Wirtschaftsminister und Bundeskanzler war in der Nachkriegszeit zuständig für die Wirtschaftspolitik in den westlichen Besatzungszonen. 10 O-TON (Hirte) Das Gesetz gegen Marktmacht-Missbrauch – das sind Kartelle, das sind Syndikate – das war sein Kind, was er gegen alle Widerstände damals durchgesetzt hat. SPRECHERIN Sagt die Soziologin Katrin Hirte. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft der Universität Linz. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg musste vieles neu gedacht und umgebaut werden, auch staatliche Institutionen und Regeln für die Märkte. Erhard wollte einen starken Rahmen setzen, wandte sich aber gegen jedwede Umverteilung, etwa in Form eines Rentensystems. 11 O-TON (Hirte) Weil die Wirtschaft ja so eingerichtet ist, dass sie sich die Menschen ja selber versorgen können. Weil jeder wird ja in einer funktionierenden Marktwirtschaft reich und nimmt Anteil. Wir brauchen diese ganzen Versorgungssysteme gar nicht. SPRECHERIN So Erhards Begründung. Auf Druck von CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer musste Erhard allerdings Alfred Müller-Armack, Professor für Wirtschaftspolitik, in seine Grundsatzabteilung holen. Und Müller-Armack sprach sich für Umverteilungen aus. 12 O-TON (Hirte) Deswegen nennt man ihn dann den Erfinder der sozialen Marktwirtschaft. SPRECHERIN Die neue Ordnung in der Bundesrepublik sollte laut Müller-Armack… ZITATOR … das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs verbinden. SPRECHERIN Die soziale Marktwirtschaft gilt als zentrale Errungenschaft der jungen Bundesrepublik. Auch andere Institutionen, die das Land bis heute prägen, entstanden zu dieser Zeit. Zum Beispiel die Bundesbank, die – anders als etwa in Frankreich oder in Italien –, allein der Stabilität der D-Mark verpflichtet war und nicht etwa noch die Konjunktur im Blick haben sollte. 13 O-TON (Nützenadel) Das war eine Grundsatzentscheidung, die gerade von vielen Ordoliberalen gefordert wurde. SPRECHERIN Einen Paradigmenwechsel gab es hierzulande Mitte der 1960er Jahre. Eingeleitet 1963 mit Gründung des Sachverständigenrates, den sogenannten Wirtschaftsweisen. ZITATOR Der Bundestag hat das folgende Gesetz beschlossen: Zur periodischen Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (…) wird ein Rat von unabhängigen Sachverständigen gebildet. 14 O-TON (Spahn) Und dieser Sachverständigenrat hatte ja auch die Aufgabe, die Grundlagen einer makroökonomischen Politik zu entwerfen, um konkrete Dinge dem Staat auch vorzuschlagen. Und auf der anderen Seite gab es dann das sogenannte Stabilitätsgesetz von 1967. MUSIK SPRECHERIN Im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz waren vier Ziele für die Wirtschaftspolitik festgeschrieben, das ist das sogenannte Magische Viereck: ZITATOR Vollbeschäftigung, Preisstabilität, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und angemessenes Wirtschaftswachstum SPRECHERIN Angemessenes Wirtschaftswachstum bedeutete: nicht zu viel und nicht zu wenig wachsen. Dahinter steckt die Annahme, dass man die Konjunktur entsprechend steuern kann. 15 O-TON (Nützenadel) Natürlich geht es auf die Vorstellung zurück, die auch durch Keynes in den dreißiger Jahren geprägt worden ist, dass der Staat durch eine Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage die wirtschaftliche Entwicklung stabilisieren und auch langfristig positiv beeinflussen kann. Das ist sozusagen das Keynesianische Modell, das hier 1967 auch in die Gesetzgebung Eingang gefunden hat. SPRECHERIN Keynes Ideen passten gut in die Zeit, die geprägt war von allgemeinem Fortschrittsoptimismus. Das konjunkturelle Auf und Ab der Wirtschaft, so hoffte man, gehört der Vergangenheit an. Von nun an sollte es dauerhaft angemessenes Wachstum geben. Erreichen wollte man das vor allem mit der antizyklischen Konjunkturpolitik. MUSIK 16 O-TON (Spahn) Das heißt ganz praktisch: Wenn wir eine schwache Konjunktur haben, dann soll der Staat also mehr Geld ausgeben, Budgetdefizite zulassen … SPRECHERIN … um die schwächelnde Konjunktur durch mehr Nachfrage anzukurbeln. Zum Beispiel durch Steuersenkungen, damit die Menschen mehr Geld zum Einkaufen haben, oder indem der Staat selbst Waren nachfragt. 17 O-TON (Spahn) Aber in der Hochkonjunktur soll er gewissermaßen Kaufkraft stilllegen. Er soll also die Steuern vielleicht ein bisschen erhöhen und soll dazu beitragen, die Nachfrage zu bremsen. SPRECHERIN Ein schöner Plan – allerdings kam bald schon Ernüchterung auf. 18 O-TON (Nützenadel) Man merkte schon in den frühen 70er Jahren, dass es sehr schwer war, alle vier Ziele gleichzeitig zu erreichen. Das hing damit zusammen, dass durch die Ölpreiskrise ein exogener Schock, ein Angebotsschock, in die Wirtschaft getragen wurde, den man durch eine Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, und das ist ja der keynesianische Ansatz, nicht begegnen konnte. SPRECHERIN Durch die stark steigenden Ölpreise 1973 und 1979 gerieten viele Länder, auch die Bundesrepublik, in schwere wirtschaftliche Krisen. Die ohnehin schon hohe Inflation stieg weiter an. 19 O-TON (Nützenadel) Man hatte dann die berühmte Stagflation der 70er Jahre, wo hohe Inflationsraten und stagnierendes Wirtschaftswachstum zusammen auftreten, und damit auch diese ganze keynesianische Konzeption doch sehr stark in die Kritik gerät. SPRECHERIN Unter anderem weil die keynesianische Politik die Inflation durch die zusätzliche Nachfrage tendenziell noch weiter verschärft. Hinzu kam, dass es zunehmend Einflüsse von außen gab, nicht nur in Form von exogenen Schocks wie der Ölpreiskrise, sondern auch in Form von internationalen Handels- und Finanzströmen, die immer weiter zulegten. In dieser Zeit kam es zum nächsten Paradigmenwechsel. 20 O-TON (Nützenadel) Die Bundesbank hat im Grunde in den frühen 70er Jahren schon eine monetaristische Wende vollzogen ab 1973, auch wegen der hohen Inflation. SPRECHERIN Der Monetarismus ist gewissermaßen der Gegenentwurf zum Keynesianismus. Hinter diesem Konzept steht vor allem der US-amerikanische Ökonom Milton Friedman. Der Monetarismus geht davon aus, dass es langfristig zum besten wirtschaftlichen Ergebnis kommt, wenn der Staat sich raushält. 21 O-TON (Nützenadel) Diese kurzfristige Steuerung von Konjunktur, das war ja die Idee von Keynes, die lehnte man ab, sondern man sagte eben, wir müssen eigentlich nur ganz langfristig die Geldmenge so wachsen lassen, dass es sich dem Wachstum der Realwirtschaft anpasst. SPRECHERIN Die Geldmenge sollte so gesteuert werden, dass es weder zu Inflation noch zu Deflation kommt. Denn sowohl sinkende als auch stark steigende Preise schaden der Wirtschaft, so die Meinung der Monetaristen. Darüber hinaus sollte die Wirtschaftspolitik aber möglichst wenig eingreifen und stattdessen auf die Selbstregulation der Märkte setzen. Diese Idee verfolgten ab 1976 auch die Wirtschaftsweisen, als sie den Begriff der Angebotspolitik in die Debatte einbrachten. Angebotspolitik bedeutet, dass man die Unternehmensseite langfristig stärkt. 22 O-TON (Spahn) Was bedeutet das praktisch? Es geht darum, genügend Arbeitsangebot, genügend Bildung, genügend Forschung, genügend technischen Fortschritt, genügend Energie in der Volkswirtschaft zu haben, aber auch so schwierige Dinge zu fördern wie die Bereitschaft, unternehmerische Risiken zu tragen und anderes mehr. SPRECHERIN Der Fokus liegt also auf der Seite von Unternehmerinnen und Unternehmern. Wie das konkret aussah, war je nach Land verschieden. 23 O-TON (Spahn) Wir unterscheiden bei der Angebotspolitik noch mal zwei Spielarten. Diese englische und amerikanische Variante, das ist im Grunde genommen so eine Art Deregulierungsstrategie, oder man kann auch sagen Privatisierungsstrategie. Die These war, der Staat sei eigentlich eine Wachstumsbremse. Seine vielfältigen Regulierungen würden die privaten Aktivitäten bremsen und man müsse den Staat aus vielen Bereichen zurückziehen. SPRECHERIN Bekannt für diese Spielart sind insbesondere die britische Premierministerin Margret Thatcher und der US-Präsident Ronald Reagan. Aber auch in der Bundesrepublik wurden in den 1980ern und 90ern viele Märkte privatisiert, zum Beispiel der Telefonmarkt. 24 O-TON (Spahn) Wir hatten ja in den 80er Jahren noch das staatliche Telefon, und das kann man sich heutzutage ja gar nicht mehr vorstellen, dass wenn man ein Telefon haben wollte, dann musste man einen Antrag stellen. Der wurde dann nach ein paar Monaten auch bestätigt und nach weiteren Monaten kam dann ein Techniker von der Post und stellte uns diesen staatlichen Apparat dahin. Das war eine staatliche, eine hoheitliche Angelegenheit. SPRECHERIN In der Bundesrepublik und mehr noch in Frankreich gab es aber auch noch eine zweite Spielart. 25 O-TON (Spahn) Da kann man sagen, Angebotspolitik geht in Richtung von Industriepolitik oder vielleicht sogar in Planification. Da ist die Idee, dass der Staat bestimmte Bereiche als zukunftsträchtig einschätzt und sich aktiv dafür einsetzt, dass die Firmen in diesem Bereich was machen, also etwa heutzutage Halbleiter-Produktion oder Chip-Produktion. MUSIK SPRECHERIN Ab 2008 dann die große weltweite Finanzkrise. Die Preise auf dem US-Immobilienmarkt brachen ein, Immobilienfinanzierer gingen Pleite, das brachte auch Banken und Versicherungen in große Schwierigkeiten. Die Staaten spannten milliardenschwere Rettungsschirme auf – und mussten in den Jahren danach teils selbst gerettet werden. Nicht wenige fragten sich danach: Wie konnte das passieren? So auch die britische Queen Elizabeth II, die auf einer Veranstaltung der renommierten Londoner School of Economics fragte: ZITATORIN (britischer Akzent) Why did nobody see this coming? SPRECHERIN Ja, warum hat niemand die Krise kommen sehen? Hatten Ökonominnen und Ökonomen zu sehr auf die Selbstregulation der Märkte vertraut? Braucht es vielleicht eine neue Theorie, ähnlich wie nach der Großen Depression? Peter Spahn meint Nein. 26 O-TON (Spahn) Die Finanzkrise war ein Betriebsunfall innerhalb des Banksystems, allerdings dann mit desaströsen Folgen für die Gesamtwirtschaft. Aber man brauchte eigentlich keine makroökonomisch neuen Theorien, um zu verstehen, welche Folgen diese Finanzkrise hatte. Das war eben ein wichtiger Unterschied zu den dreißiger Jahren. SPRECHERIN Während der Finanzkrise und auch während Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg zeigte sich aber erneut ein Umdenken. Denn anders als früher ist Wirtschaftspolitik heute recht pragmatisch. 27 O-TON (Nützenadel) Die meisten versuchen eigentlich undogmatisch an solche Fragen heran zu treten, ich würde sagen, das Fach hat sich insgesamt sehr stark pluralisiert. Man versucht ganz pragmatisch einzelne Elemente herauszugreifen. SPRECHERIN Zwei Beispiele: Als die Konjunktur während der Corona-Pandemie einzubrechen drohte, beschloss die Regierung kurzerhand den Konsum über eine Senkung der Mehrwertsteuer anzukurbeln – das ist klassische Nachfrage-Politik im Sinne von Keynes. Auf der anderen Seite sollen ein verändertes Einwanderungsgesetz und der Zuzug von Fachkräften langfristig die wirtschaftlichen Aussichten von Unternehmen, also der Angebotsseite stärken. 28 O-TON (Nützenadel) Insofern würde ich sagen, es gibt diese Schulen in dem Sinne heute nicht mehr, wie wir sie früher beobachtet haben. SPRECHERIN Vielleicht auch, weil ihre Verheißungen ein Stück weit entzaubert worden sind im Laufe der Jahrzehnte. 29 O-TON (Nützenadel) Die Nachkriegszeit war schon von einem sehr großen Optimismus geprägt, dass man Wirtschaft steuern könnte, dass man wirtschaftliches Wachstum auf Dauer gewährleisten könne und dass die Wirtschaftspolitik hierzu einen positiven Beitrag leisten könne. Ich glaube, dieser Optimismus, der ist doch sehr stark erschüttert worden. Man weiß, dass Prognosen sehr komplex sind. Spätestens seit der Finanzkrise hat man gesehen, dass die Prognosen eigentlich oft gar nicht so gut sind. Gerade die etablierten Prognose-Verfahren haben sich eigentlich nicht immer bewährt. Aber nach wie vor sind Ökonominnen und Ökonomen in der öffentlichen Debatte sehr prominent vertreten, mehr als andere Fächer. SPRECHERIN Diese herausragende Stellung der Wirtschaftswissenschaften hat sich vor allem im Laufe des 20. Jahrhunderts herausgebildet, aus mehreren Gründen. 30 O-TON (Nützenadel) Das hing zum einen damit zusammen, dass natürlich die Schwankungen in der Wirtschaft viel extremer geworden sind und dass damit auch große Krisen politische Systeme vernichten können. Und dass natürlich auch die Politik immer stärker auch von der Wirtschaft abhängt. SPRECHERIN Zum Beispiel von den Steuereinnahmen, die in Boom-Zeiten sehr viel höher ausfallen und damit mehr Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. 31 O-TON (Nützenadel) Das war vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht so sehr der Fall, da waren die Staatseinnahmen ja viel geringer. Die Staatsquote war irgendwo bei unter 10 Prozent, und das hat sich natürlich im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert. SPRECHERIN Heute liegt die Staatsquote hierzulande bei rund 50 Prozent, das bedeutet, die Staatsausgaben entsprechen etwa der Hälfte der Wirtschaftsleistung. Und nicht zuletzt machen Wähler die Politik für ihre wirtschaftliche Situation verantwortlich. It´s the economy, stupid! – Es kommt auf die Wirtschaft an! lautet ein geflügelter Satz, der das beschreibt. Politik und Wirtschaft sind also in mehrfacher Hinsicht eng miteinander verknüpft. MUSIK 32 O-TON (Nützenadel) Insofern ist es ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, was sich im 20. Jahrhundert verändert hat im Vergleich zu früheren Epochen. SPRECHERIN Deshalb stimmt es schon irgendwie, was Keynes gesagt hat: Es sind auch die Ideen von Ökonomen, die die Welt beherrschen. Seien sie nun richtig oder falsch.
- 18.10.202425 min
Wirtschaftswachstum - da ist erstmal nur eine Zahl. Aber was für eine! Geht die Zahl nach oben, dann steigt die Stimmung. Und umgekehrt genauso. Denn unsere Wirtschaft soll wachsen, da sind sich die meisten einig. Dabei ist diese Idee historisch betrachtet relativ neu. Sie hat mit dem Kalten Krieg zu tun. Von Maike Brzoska (BR 2024) *** Podcast-Tipp: mdr & detektor.fm (2024): Deutschland - ein halbes Leben. 35 Jahre Mauerfall https://1.ard.de/dhl?cp=br Credits Autorin: Maike Brzoska Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Dorothea Anzinger, Frank Manhold Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Matthias Schmelzer, Robert Groß Besonderer Linktipps der Redaktion: mdr & detektor.fm (2024): Deutschland – ein halbes Leben. 35 Jahre Mauerfall In diesem Herbst feiern die Deutschen den 35. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Nach Plauen am 7. Oktober, Leipzig am 9. Oktober und dann dem Höhepunkt am 9. November 1989 in Berlin, ist der Weg zu einem wiedervereinten Deutschland im Herbst 89 frei. In dem sechsteiligen Storytelling-Podcast trifft der ostdeutsche Journalist Christian Bollert drei Menschen, die zufälligerweise an diesem historischen Tag geboren worden sind und die er bereits seit ihrem 18. Geburtstag begleitet. Mit ihnen blickt er auf ihr Leben, Deutschland und die Zukunft. ZUM PODCAST Linktipps: Bundeszentrale für politische Bildung (1980): Die Bedeutung des Marshall-Plans für die Nachkriegsentwicklung in Westdeutschland Das „European Recovery Program" (ERP) - auch nach seinem Urheber, dem US-Außenminister Georg C. Marshall, als Marshall-Plan bezeichnet - hat die europäische und vor allem die deutsche Nachkriegsentwicklung in einem solch starken Maße beeinflusst, wie kaum ein anderes Ereignis dieser Zeit. Aber was bedeutete das Programm für die wachsenden wirtschaftlichen Probleme damals? Und was wirft er für ein Licht auf die amerikanische Nachkriegspolitik? JETZT LESEN ARD alpha (2022): Arbeit und Mehrwert – Kommunismus Was würde Karl Marx (1818 - 1883) tun, wenn er noch einmal auf diese Welt käme? Er würde in ein Einkaufszentrum gehen und staunen, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft seit seiner Zeit entwickelt haben. Das wird ihn aber nicht davon abhalten, seine Theorie des Kommunismus unter die Leute zu bringen. Die Ware, die Arbeitskraft, das Tauschproblem, die Arbeitszeit und den Mehrwert: Marx findet auch in einem modernen Einkaufszentrum genügend Beispiele, die seine Theorien belegen. Denn für ihn liegt der Kommunismus nicht etwa in der Vergangenheit, sondern noch in (weiter) Zukunft. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK SPRECHERIN Kaum zu glauben: Da stehen die beiden mächtigsten Männer der Welt – und streiten über Haushaltsgeräte. So geschehen auf einer Weltausstellung in Moskau 1959, mitten im Kalten Krieg. Der Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow und US-Vizepräsident Richard Nixon machten einen Rundgang durch die Ausstellung und stoppten in einer amerikanischen Musterküche, die dort gezeigt wurde. Zwischen Waschmaschine und Backmischung kippte dann plötzlich die Stimmung. Chruschtschow bezeichnete die Neuerungen der Musterküche als nutzlose Spielereien und warnte vor dem Blendwerk des Kapitalismus. Nixon hingegen pries die Überlegenheit von US-Konsumgütern wie dem Farbfernseher. Als kitchen debate, Küchendebatte, ging der Schlagabtausch in die Geschichte ein, sagt der Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer. Er vertritt die Professur für sozial-ökologische Transformationsforschung an der Universität Flensburg. 01 O-TON (Schmelzer) Diese Debatte steht eben symbolisch für diesen hegemonialen Streit über unterschiedliche Wachstums- und Entwicklungsmodelle, die damals sehr virulent waren. SPRECHERIN Begonnen hatte dieser Streit bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Vieles war nach dem Krieg zerstört, den Menschen fehlte es praktisch an allem: Nahrungsmitteln, Kleidung, Kohlen zum Heizen. Die Situation schien aussichtslos. MUSIK SPRECHERIN Abhilfe schaffen sollte ein US-amerikanisches Hilfsprogramm: Der Marshall-Plan, benannt nach dem damaligen US-Außenminister George Marshall. 02 O-TON (Groß) Der Marshallplan war im Prinzip das Wiederaufbauprogramm der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Es erstreckte sich von 1948 bis 1952 und umfasste Hilfen im Wert von ungefähr 13 Milliarden US-Dollar, was heute einem Wert von ungefähr 135 Milliarden Dollar entspricht. SPRECHERIN Sagt der Umwelthistoriker Robert Groß. Er forscht am Institut für Soziale Ökologie der Universität Wien. Begleitet wurde der Marshall-Plan durch eine breit angelegte Informations-Kampagne, die der Bevölkerung den Marshall-Plan erklären sollte. SPRECHERIN Ein Beitrag aus der Wochenschau zeigt das deutlich. Anlass für den Bericht war der Europa-Zug, der in München startete. 03 TON (Wochenschau) Feierliche Eröffnung des Europa-Zuges auf dem Münchner Hauptbahnhof. Als Erstes besichtigten hohe amerikanische und deutsche Politiker diese fahrende ERP-Ausstellung. Sie steht unter dem Motto: Zusammenarbeit der freien Völker. SPRECHERIN Am ERP, also am europäischen Wiederaufbau-Programm, nahmen allerdings nur westeuropäische Staaten teil. MUSIK SPRECHERIN Die Staaten im sowjetischen Einflussbereich verzichteten auf die US-Hilfe. ZITATOR Wir brauchen keinen Marshall-Plan, wir kurbeln selbst die Wirtschaft an! SPRECHERIN Hieß es auf Plakaten in der sowjetischen Besatzungszone. Die Ablehnung hatte ihren Grund, denn der Marshall-Plan entsprang nicht der reinen Menschenliebe. Sondern war auch ein politisches Projekt. Ein Ziel war, sozialistische Ideen einzudämmen – denn die breiteten sich in Europa immer weiter aus. 04 O-TON (Groß) Ganz konkret ging es da um die Kommunisten, die in Frankreich, in Deutschland, in Österreich und auch in Italien - also fast über ganz Westeuropa - Protestaktionen organisierten, was den Amerikanern ein Riesendorn im Auge war und auch als destabilisierender Faktor wahrgenommen wurde. Und das ist sozusagen ein ganz zentrales Motiv im Marshallplan drinnen, nämlich die Arbeits-, die Lebensbedingungen zu verbessern, mehr Menschen in die Beschäftigung zu bringen, den Menschen Einkommen zur ermöglichen, Nahrungsmittel bereitzustellen, um sie eben vor dieser Radikalisierung durch kommunistische Gruppierungen zu schützen. SPRECHERIN Neben solchen kurzfristigen Hilfen gab es auch längerfristige Projekte. So wurden mithilfe der Gelder aus dem Marshall-Plan Industrie und Infrastruktur in den europäischen Ländern wiederauf- und teilweise auch umgebaut. Davon sollte auch die US-Wirtschaft profitieren – jedenfalls erhoffte sich die US-Administration das. Daneben gründeten die Regierungen internationale Organisationen. Man wollte Handelsschranken wie Zölle abbauen und den Freihandel etablieren. 05 O-TON (Groß) Es ging darum, die nationalen Industriepolitiken aufeinander abzustimmen, um so eben gute Bedingungen für das Wirtschaftswachstum in den Nachkriegsjahren herzustellen. SPRECHERIN Zentral dafür war die Gründung der OEEC, der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit, 1948. 16 Staaten waren Mitglied. Die USA gehörten nicht dazu, dennoch waren sie allgegenwärtig. 06 O-TON (Schmelzer) Nicht als Mitglied dieser Organisation, aber eben als der dominante Geldgeber und auch als ein sehr entscheidender Akteur in den Politiken, die durch die OEEC eben verfolgt worden sind, die auf eine spezifische, sehr marktorientierte liberale Wirtschaftsordnung abzielten und dann eben zunehmend Wachstum als Ziel in den Vordergrund stellten. MUSIK SPRECHERIN Die Idee: Eine expandierende, sprich: wachsende Wirtschaft sollte die Menschen wieder in Lohn und Brot bringen und mehr Wohlstand schaffen. Heute ist uns dieser Gedanke vertraut, historisch betrachtet war diese Idee aber relativ neu. 07 O-TON (Schmelzer) Es gibt eigentlich erst seit den 1820er Jahren relevante Wirtschaftswachstumsraten, die über das Bevölkerungswachstum hinausgehen. SPRECHERIN Damals begann man fossile Energieträger wie Kohle oder Öl zu nutzen. 08 O-TON (Schmelzer) Und noch viel jüngeren Datums ist die Dominanz von Wachstumsdiskursen in unseren Gesellschaften, die nämlich erst auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgehen. SPRECHERIN Wachstumsdiskurse – also etwa Fragen wie: Muss unsere Wirtschaft ständig wachsen? Was genau wächst da eigentlich, wenn „die“ Wirtschaft wächst? Und können wir gleichzeitig wachsen und das Klima schonen? Heute sind das zentrale Zukunfts-Fragen. Aber Ende der 1940er Jahre waren solche Probleme noch weit weg. Stattdessen ging es um ganz anderes. Zum Beispiel um den Wiederaufbau. Für den brauchte man eine Messgröße, um zu wissen, wie er in den einzelnen europäischen Staaten läuft. Denn nur so konnte man die Gelder aus dem Marshall-Plan sinnvoll verteilen. Und daneben brauchte man eine Zahl für die Wirtschaftskraft der Länder, um festlegen zu können, wer welchen Beitrag an die OEEC zahlt. Länder, die wirtschaftlich besser dastehen, sollten mehr beisteuern, andere weniger. Um da eine vergleichbare Größe zu haben, einigte man sich schließlich auf das Bruttosozialprodukt. 09 O-TON (Schmelzer) Das Bruttosozialprodukt ist das statistische Messwerkzeug, was in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt worden ist und was überhaupt erst möglich machte, zu messen, was denn eigentlich wachsen soll. SPRECHERIN Das Bruttosozialprodukt wächst, wenn es mehr Waren und Dienstleistungen als im Vorjahr gibt. Eine klare und einfache Rechnung – zu einfach, fanden schon damals viele, auch in der OEEC. 10 O-TON (Schmelzer) Es war tatsächlich so, dass die Ökonom*innen davor gewarnt haben, diese Zahlen zu nutzen für eben diese weitreichenden Zwecke der Wohlstandsmessung und des Vergleichs von Ländern und Ähnliches. SPRECHERIN Unter anderem weil wichtige Bereiche ausgeklammert werden, zum Beispiel die Hausarbeit. 11 O-TON (Schmelzer) Die Sorge-Tätigkeiten, die im Haushalt passieren, aber auch außerhalb des Haushalts, sehr stark weiblich geprägt sind, die aber essenziell sind, damit wir als Menschen und menschliche Gesellschaften überhaupt funktionieren können, die werden quasi überhaupt gar nicht mitberücksichtigt in diesem statistischen Standard. MUSIK SPRECHERIN Das neue Bruttosozialprodukt, aus dem später das Bruttoinlandsprodukt wurde, erwies sich jedenfalls als äußerst nützliche Zahl. Für Regierungen war sie bald schon eine feste Zielgröße, auf die sie hinarbeiten konnten. Auf die sie politischen Maßnahmen abstimmten. Im großen Stil steigern wollten sie das Bruttosozialprodukt, indem Industrie und Landwirtschaft mechanisiert wurden. 13 O-TON (Groß) Es ging darum, wo immer es möglich war, menschliche und tierische Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Und da war der Verbrennungsmotor ein ganz zentrales Element. SPRECHERIN Bis dahin gab es in Europa große Dampfmaschinen, wie etwa Dampflokomotiven, die mit Kohlen angeheizt wurden. Die kleineren Verbrennungsmotoren konnten vielseitiger eingesetzt werden – in Traktoren und Autos etwa. Statt Kohle brauchte man nun Benzin oder Diesel, also Erdölprodukte. Erdöl war das Schmiermittel, das die Wirtschaft antreiben und das Wachstum entfachen sollte. SPRECHERIN Aber neben diesen praktischen Hilfen, um Erträge zu erhöhen – oder, auf die gesamte Gesellschaft bezogen: um das Wachstum zu steigern –, war aus Sicht der Amerikaner auch noch etwas anderes nötig. MUSIK SPRECHERIN Die Europäer brauchten ihrer Meinung nach eine andere Erwartungshaltung. Ein anderes mindset. Dafür etablierte man 1953 die Europäische Produktivitätsagentur. Man wollte allen Teilen der Gesellschaft die Steigerung der Produktion schmackhaft machen. Nicht nur Unternehmerinnen und Unternehmern, sondern auch der arbeitenden Bevölkerung. 15 O-TON (Schmelzer) Und vor dem Hintergrund wurden quasi dezidiert auch Workshops veranstaltet mit eben diesen Akteuren, um so ein neues Set an Mentalitäten zu verbreiten, das darauf abzielt, die Idee von einem Positivsummenspiel in Europa zu etablieren. Also wegzukommen von der Idee, die Gesellschaft ist ein Nullsummenspiel. Wenn eine Gruppe mehr bekommt, dann muss eine andere weniger bekommen, hin zu einer Mentalität, in dem der Kuchen für alle wächst und alle davon profitieren können. SPRECHERIN Um von den Amerikanern zu lernen, reisten Tausende Europäerinnen und Europäer in den 1950er und -60er Jahren in die USA. Dort konnten sie mit eigenen Augen sehen, wie sich der Output steigern lässt. Sie schauten sich zum Beispiel an, wie PKW an Fließbändern gefertigt werden. Oder wie die just-in-time-Produktion funktioniert. Manche der Reisenden, darunter hochrangige Manager, waren danach regelrecht schockiert. So erfuhren sie in einem Ford-Werk in Cleveland, wie mehrere Tausend Motoren pro Tag gefertigt werden. Zum Vergleich: Bei Daimler-Benz dauerte der Bau eines einzigen Motors fast einen ganzen Tag. Der Schock war auch deshalb so groß, weil US-Firmen zu dieser Zeit begannen, nach Europa zu exportieren. Die europäischen Unternehmen mussten nachziehen, wollten sie nicht Pleite gehen. Aber es ging nicht nur um Profit: Die Modernisierung der Wirtschaft und die Steigerung der Produktion hatten zu dieser Zeit auch eine starke geopolitische Komponente. Es ging darum, einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Der Kalte Krieg nahm an Fahrt auf Ende der 1950er Jahre – und damit der Kampf um das bessere Wirtschaftssystem. So sah es auch Nikita Chruschtschow, Regierungschef der Sowjetunion. 16 O-TON (Schmelzer) Chruschtschow hat bereits 1958 auf einem Parteikongress argumentiert, dass Wirtschaftswachstum, das Wachstum der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion in der Sowjetunion, eigentlich der Rammbock ist, mit dem das kapitalistische System zerschlagen werden soll. Und die Sowjetunion legte damals sehr, sehr ambitionierte Wachstumspläne vor, die deutlich über den statistischen Wachstumsprognosen in den westlichen Ländern lagen. Was eben dazu geführt hat, dass in westlichen Politiken viel stärker auch geplante Wachstumspolitik in den Vordergrund rückte. MUSIK SPRECHERIN Wo lebt es sich besser – im Kommunismus oder im Kapitalismus? Wer bietet seinen Bürgern die besseren Produkte? Wer hat technologisch die Nase vorn? Tatsächlich war die Frage damals nicht, ob die Sowjetunion die USA beim Wirtschaftswachstum einholen würde, sondern wann. Man rechnete damit, dass es Mitte der 1960er Jahre so weit sein würde. Das Wachstum der Wirtschaft wurde deshalb zur alles entscheidenden Frage. Die Devise lautete: ZITATOR Expand or die – expandiere oder stirb. SPRECHERIN Weiter angeheizt wurde die Stimmung, als die Sowjets ihre technologische Überlegenheit in der Raumfahrt aller Welt vor Augen führten. 17 TON (Sputnik) Denn sie waren es, die den ersten Satelliten ins Weltall schossen, wie der Wochenspiegel 1957 berichtete: MUSIK & ATMO ZITATOR Meine Damen und Herren, ein uralter Traum der Menschheit, der Vorstoß ins All, scheint Wirklichkeit geworden zu sein. Denn gestern Abend, genau 23.35 Minuten, erreichte eine sogenannte Flash-Meldung die Agenturen der Welt. (…) Und in dieser Meldung heißt es: Am 4. Oktober wurde in der Sowjetunion ein künstlicher Erdsatellit, der erste auf der Welt, erfolgreich aufgelassen. Der Satellit beschreibt jetzt elliptische Flugbahnen um die Erde, wie anzunehmen ist in Höhe bis zu 900 km. (…) Der Wettkampf der USA mit der Sowjetunion um den ersten Erdsatelliten wurde von den Sowjetrussen gewonnen. SPRECHERIN Zwei Jahre später trafen dann Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow und US-Vizepräsident Richard Nixon direkt aufeinander. Der Schlagabtausch in der amerikanischen Modellküche war ein symbolischer Höhepunkt der Systemkonkurrenz der beiden Supermächte. 18 O-TON (Schmelzer) Diese Küche spielte darin eine entscheidende Rolle, weil sie eben quasi verdeutlichen sollte auf einer ganz konkreten Ebene, was die Vorteile sind, die eben verschiedene Wirtschaftssysteme haben. MUSIK SPRECHERIN Der Wiederaufbau in den kapitalistischen Staaten Westeuropas lief nach Plan. Die von der OEEC ausgerufenen Wachstumsziele für die 1950er Jahre wurden sogar übertroffen. Und tatsächlich ging es den meisten Menschen in materieller Hinsicht sehr viel besser als noch vor ein paar Jahren: Die meisten wohnten wieder in einer warmen Wohnung, hatten genug zu essen, viele sparten für ein Auto oder einen Italien-Urlaub. Der neue Wohlstand befriedete die Gesellschaft. Die Frage bei der OEEC, die den Wiederaufbau koordiniert hatte, war nun: Wie geht es weiter? 19 O-TON (Schmelzer) Nach dem Auslaufen der Marshall-Plan-Gelder war im Prinzip unklar, was passiert eigentlich mit dieser Organisation? Und damals intervenierte sehr stark die USA und hat quasi die OECD neu gegründet als ein Club der westlichen reichen Länder. Neue Mitglieder waren dann eben zuerst die USA und Kanada und dann später auch Japan. SPRECHERIN 1961 wurde aus der OEEC die noch heute existierende OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Aber trotz des neuen Namens blieb sie bei ihrem bewährten Rezept: Wirtschaftswachstum. 20 O-TON (Schmelzer) Damals proklamierte die OECD ein Wachstumsziel von 50 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Das heißt, das kollektive Bruttoinlandsprodukt aller Mitgliedsländer sollte um 50 Prozent gesteigert werden in zehn Jahren. SPRECHERIN Wobei die ambitionierten Ziele auch Kritik hervorriefen. Manche fragten damals, ob es überhaupt möglich ist, dass die Wirtschaft immer weiter wächst, dass jedes Jahr mehr produziert wird. 21 O-TON (Schmelzer) Und diese Debatte ist vor allem deswegen interessant, weil sie deutlich macht, dass es damals überhaupt nicht selbstverständlich war, vor allem in Europa, längerfristige Wirtschaftsentwicklung als Expansion zu denken. Die Hauptperspektive in dieser Phase des Wiederaufbaus war ein Zurück-zu-dem-Zustand-vor-dem-Krieg. MUSIK SPRECHERIN Aber genau das änderte sich zu dieser Zeit. Statt Wiederaufbau galt nun: dauerhafte Expansion. Statt Genügsamkeit hieß es: Immer-mehr. Das ständige Wachstum der Wirtschaft wurde zum unhinterfragten Politikziel. Auch weil sich irgendwann zwischen Wiederaufbau und Kaltem Krieg, zwischen Automatisierung und Erdöl-Motoren eine neue Sichtweise etabliert hatte. Matthias Schmelzer spricht von einem Wachstums-Paradigma. Und meint damit: 22 O-TON (Schmelzer) Dass Wachstum auch ein Versprechen ist, ein Mythos, ein mächtiges Narrativ in unseren Gesellschaften, das sehr stark die Politik prägt und eigentlich auch quasi international zu dem primären Ziel von Wirtschaftspolitik geworden ist. SPRECHERIN Wirtschaftswachstum ist seitdem nicht nur die Steigerung des Bruttosozialproduktes, sondern gleichbedeutend mit Fortschritt, Wohlstand und besserem Leben. Das gilt für die meisten bis heute. Dabei zeigt die Forschung, dass dieser Zusammenhang nur bedingt existiert. 23 O-TON (Schmelzer) Es gibt keine direkte Kopplung von Wirtschaftswachstum und steigendem Wohlstand. Es scheint so zu sein, dass es in den meisten Gesellschaften bis zu einem bestimmten Einkommensniveau tatsächlich diesen Zusammenhang gibt. Aber wenn diese Einkommens-Schwelle überschritten wird, die eben in europäischen Gesellschaften in den 1970er, 80er Jahren überschritten worden ist, dann führte historisch gesehen mehr Wachstum nicht zu steigendem Wohlergehen. SPRECHERIN Trotzdem hielt man daran fest, trotz wachsender Kritik aus verschiedenen Richtungen. 24 O-TON (Schmelzer) Zum einen eine starke Kritik an den Verteilungswirkungen von Wachstum, die eben sehr ungleich sind. SPRECHERIN Denn ein stark steigendes Bruttosozial- oder Inlandsprodukt bedeutet nicht automatisch, dass es allen besser geht. Es kann auch nur einer bestimmten Gruppe – theoretisch auch nur einer einzigen Person – zugutekommen. MUSIK 25 O-TON (Schmelzer) Gleichzeitig kam auch eine sehr starke ökologische Kritik, Stichwort Grenzen des Wachstums, 1972, auf, die nochmal diese Abhängigkeit von Ressourcen und auch das Problem der Emission in den Vordergrund rückten. SPRECHERIN Können wir auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen überhaupt unendlich wachsen? Spätestens ab den 1970ern gab es grundlegende Kritik an einer Wirtschaftsweise, die unsere natürlichen Ressourcen über Gebühr beansprucht. Zu einer Abkehr von der Wachstumsidee führte das allerdings nicht. Stattdessen wollte man anders wachsen. 26 O-TON (Schmelzer) Der erste Versuch lief unter dem Stichwort qualitatives Wachstum. Aber sehr schnell folgten dann auch andere Begrifflichkeiten, die sich eigentlich über die Jahrzehnte bis heute ziehen. SPRECHERIN Inklusives Wachstum, nachhaltiges Wachstum oder grünes Wachstum, zum Beispiel. Wobei sich vor einigen Jahren auch der Begriff Post-Wachstum oder degrowth dazu gesellte, also die Idee weniger zu wachsen. Aber insbesondere in Krisenzeiten zeigt sich immer wieder dasselbe Muster. So etwa nach der Finanzkrise unter der Regierung Angela Merkel. 27 TON (Angela Merkel) Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung. (…) Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen. (…) Und genau vor diesem Hintergrund beginnt die neue Bundesregierung ihre Arbeit mit einem Wachstumsbeschleunigungsgesetz. SPRECHERIN Oder 2023, als Finanzminister Christian Lindner erklärte, wie man den Konjunktureinbruch nach dem russischem Angriffs-Krieg bewältigen will. 28 TON (Christian Lindner) Die Voraussetzung für eine soziale Gesellschaft und dass wir unsere ökologischen Ziele erreichen, dass man auch individuell wirtschaftlich vorankommt, das ist eine starke Wirtschaft. Und hier müssen wir besser werden. Wir haben an Wachstumsdynamik verloren und deshalb legen wir ein Wachstumschancengesetz vor. MUSIK SPRECHERIN Ein Grund, warum so viele Politikerinnen und Politiker so auf Wachstum fokussiert sind, ist, dass unsere Systeme darauf ausgerichtet sind. Denn was passiert, wenn die Wirtschaft tatsächlich mal stark einbricht, zeigte sich nach der Finanzkrise in Griechenland, wo die Wirtschaft um 25 Prozent geschrumpft ist. 29 O-TON (Schmelzer) Die sozialen Folgen waren katastrophal. Das schlägt sich dann nieder in großen Wellen von Krankenhauspleiten, Versorgungskrisen und generell einer Situation, wo Jugendarbeitslosigkeit explodiert, Menschen auswandern, Perspektiven fehlen. Also Wachstum ist in diesen Gesellschaften eine zentrale Voraussetzung für Stabilität. SPRECHERIN Weniger Wachstum führt in unserem Wirtschaftssystem früher oder später zu Arbeitslosigkeit. Das belastet die Sozialsysteme – es wird weniger eingezahlt und gleichzeitig brauchen mehr Menschen Unterstützung. Daneben sinken die Steuereinnahmen – und damit der politische Handlungsspielraum. Unsere Gesellschaft in dieser Hinsicht unabhängiger, resilienter zu machen, wäre eine wichtige Aufgabe. Dementsprechend wichtig wäre es, Entwürfe für ein gutes individuelles als auch gesellschaftliches Leben zu stärken, für die ständiges Wachstum keine Bedingung ist. MUSIK 30 O-TON (Schmelzer) Für die meisten Menschen ist es sehr schwierig, sich vorzustellen, dass es ohne Wirtschaftswachstum überhaupt diese Sachen geben kann: Fortschritt, Entwicklung, eine bessere Zukunft. Und das ist, glaube ich, der Kern der ideologischen Zugkraft dieser Wachstumsidee, der moderne Gesellschaften heute vor Herausforderungen stellt. SPRECHERIN Man denkt, dass es gar nicht mehr anders geht. Dass unsere Wirtschaft immerzu wachsen muss. Aber eigentlich ist es eine recht neue Idee, die sich erst Mitte des 20. Jahrhunderts etabliert hat. Gut möglich, dass diese Epoche nun langsam zu Ende geht.
- 15.10.202423 min
Der Koreakrieg, ein Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg zwischen 1950 und `53, forderte mehrere Millionen Menschenleben. Wirklich beendet ist er bis heute nicht. Im Juli 1953 wurde nur ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Von Isabella Arcucci (BR 2013) Autorin: Isabella Arcucci Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Rahel Comtesse, Armin Berger, Clemens Nicol Technik: Susanne Harasim Redaktion: Brigitte Reimer Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 09.10.202432 min
Schwul sein war in Deutschland fast das ganze 20. Jahrhundert lang verboten. Im Kaiserreich wurde Paragraph 175 ins Strafgesetzbuch aufgenommen, dann durch die Nationalsozialisten verschärft. Sie bestraften gleichgeschlechtliche Liebe mit Gefängnis oder gar KZ-Haft. Nach der NS-Herrschaft wurde das Gesetz unverändert in das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik und der DDR übernommen. Erst vor 30 Jahren, am 10. März 1994 beschloss der Bundestag, den Paragraphen ersatzlos zu streichen. Insgesamt wurden über 50.000 Männer wegen dieses Gesetzes verurteilt. Ihre Entschädigung hat erst 2017 begonnen. (BR 2024) Credits Autoren: Christian Schaaf und Michael Zametzer Redaktion: Heike Simon und Eva Kötting Linktipps: BR2 Radioreportage (2024): Vergessene Opfer – Homosexuelle im KZ Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit, und so ist der 27. Januar heute der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Opfer, das waren Juden und Jüdinnen, aber auch Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung und außerdem Menschen, die lange darum kämpfen mussten, als Opfergruppe Anerkennung zu finden: Homosexuelle. JETZT ANHÖREN BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Nacht der langen Messer“ – Der „Röhm-Putsch“ 1934 Im Sommer 1934 brechen die Grabenkämpfe innerhalb der NSDAP offen aus und steigern sich bald zu einem "nationalsozialistischem Bruderkrieg", der dutzende Opfer fordern wird. Allen voran der Stabschef der SA, Ernst Röhm, und weitere wichtige SA-Führer werden in der "Nacht der langen Messer" hingerichtet. Im Anschluss beginnt eine Schmutzkampagne, die ihresgleichen sucht. Im Fokus steht Röhms Homosexualität, weshalb sich bald homosexuelle Menschen im ganzen Reich nicht mehr sicher fühlen können. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk Nova Eine Stunde Liebe (2024): Im Geheimen – Lesbisches Leben in der Weimarer Republik und der NS-Zeit "Der Aufsteiger" heißt die erste Folge der dreiteiligen ZDF-Dokumentation "Hitlers Macht", die das ZDF 90 Jahre nach Hitlers Regierungsübernahme am 30. Januar 1933 zeigt. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
Mit dem Sechstagekrieg eskaliert Mitte 1967 die Situation im Nahen Osten. Israel schlägt die arabischen Nachbarstaaten vernichtend. Zwar ist der Krieg nach wenigen Tagen wieder vorbei. Aber er hat Folgen bis heute. Von Linus Lüring (BR 2024) Credits Autor: Linus Lüring Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Andreas Dirscherl, Christian Baumann Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Jan Busse, Tom Segev Linktipps: BR24: Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza Am 7. Oktober 2023 greifen Terroristen der Hamas Israel an - seitdem ist Krieg in Israel und Gaza. Was ist damals genau passiert - und warum eskaliert die Gewalt dort immer weiter? Dieser Podcast erklärt die Hintergründe - einmal mit Hilfe unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten – und indem wir mit Menschen aus Israel und den palästinensischen Gebieten sprechen, die eine sehr unterschiedliche Sicht auf den Konflikt haben. ZUM PODCAST Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Palästinenser und die Nakba Seit Jahrzehnten ist der Nahost-Konflikt ungelöst. Die Hintergründe sind kompliziert. Verbunden mit der Gründung Israels 1948 wurden Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben oder flohen. Die Vertreibung ist in der arabischen Welt unter dem Begriff Nakba ("Katastrophe") bekannt. Bis heute sind weltweit mehrere Millionen Menschen mit palästinensischen Wurzeln staatenlos. Auch für Palästinenser, die im Westjordanland leben, ist die Lage seit langem schwierig - und im Gazastreifen inzwischen verzweifelt. Ein Rückblick. JETZT ANHÖREN Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Die Staatsgründung Israels Am 14.05.1948 endet das britische Mandat über Palästina. Noch am gleichen Nachmittag ruft David Ben Gurion den unabhängigen Staat Israel aus. Damit geht der Wunsch vieler Jüdinnen und Juden in Erfüllung, nach den letzten Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung zurückkehren zu können nach Zion, dem "Land der Väter". Der Weg von der Idee Theodor Herzls, in Palästina eine "Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen, bis zum Staat Israel war lang. Von Beginn an war er von Konflikten und Interessenskollisionen bestimmt. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK & ATMO Erzählerin Es ist früh am Morgen, als am 5. Juni 1967 dutzende Kampfflugzeuge der israelischen Armee abheben. Ihr Ziel Ägypten. Tom Segev ist damals 22 Jahre alt. Der Israeli kann die Situation erst nicht ganz einschätzen.. 1 Segev Viele Flugzeuge, die haben wir schon gehört. Keine Ahnung was das bedeutet. Nicht mal gewusst, ob das unsere sind. Aber ja, nach der Richtung konnte man schon sehen. Erzählerin Dass es zu einem Krieg kommen wird, lag damals bereits in der Luft. Tom Segev ist zu der Zeit im Süden des Landes, in einem sogenannten Kibbuz – einer Gemeinschaftssiedlung. Nicht weit entfernt vom Gaza-Streifen, der damals unter ägyptischer Verwaltung steht. Tom Segev hat sich damals für die Verteidigung des Kibbuz gemeldet. 2 Segev Wir lagen auf dem Boden. Man hat mir ein Gewehr gegeben. Und wir sahen weit weg die Lichter von Gaza und wir wussten eigentlich nicht, was wir jetzt tun sollen. Erzählerin Die Frage, die sich Tom Segev und die anderen um ihn herum stellen – Werden bald schon ägyptische Panzer hier angreifen? Was Tom Segev zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß – es wird zu keinem Gegenangriff kommen. Der Krieg, der gerade erst begonnen hat – er wird schon wenige Tage später wieder vorbei sein. Und er wird die Machtverhältnisse im Nahen Osten auf den Kopf stellen, erklärt der Nahost-Experte Jan Busse. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr in München. 3 Busse Vorher war es so, dass Israel sich selber und auch von außen so betrachtet wurde: Da ist der kleine David, umgeben von einem übermächtigen arabischen Goliath, und durch diesen Krieg von 1967 hat sich dieses eigentlich ins komplette Gegenteil verkehrt. Erzählerin Israel hat nicht nur gegen Ägypten, sondern auch gegen Syrien und Jordanien gekämpft und einen überwältigenden Sieg errungen. Nach nicht mal einer Woche wird das Territorium, das Israel kontrolliert, dreimal größer sein als vor dem Krieg. In weiten Teilen der Welt ist der Krieg von 1967 heute nach seiner Dauer benannt. Der Sechstagekrieg. Dabei ist dieser Titel eine israelische Wortschöpfung und soll die eigene Dominanz betonen. In der arabischen Welt ist die Wahrnehmung eine völlig andere. Dort spricht man von “Naksa”, arabisch für Rückschlag. Fest steht: Der Krieg und die Ergebnisse prägen die Region bis heute. Wie aber konnte es zu dieser bewaffneten Konfrontation kommen? MUSIK Erzählerin Mitentscheidend ist das Jahr 1948. Damals erklärt sich Israel für unabhängig. Nur wenige Stunden später wird der junge Staat von seinen arabischen Nachbarn angegriffen, darunter Ägypten, Jordanien und Syrien. Erklärtes Ziel war es, den entstehenden jüdischen Staat zu vernichten. Israel konnte in diesem Krieg allerdings große militärische Erfolge erreichen. Zwischen allen Parteien wurden später zwar Waffenstillstandsabkommen geschlossen, allerdings keine dauerhaften Friedensverträge. Keines der arabischen Nachbarländer akzeptierte Israel als souveränen Staat. Die Lage bleibt unsicher und es kommt immer wieder zu massiven militärischen Auseinandersetzungen und Drohungen. In den 1960er Jahren gerät die Situation dann außer Kontrolle, analysiert Jan Busse. 5 Busse Das heißt, wir haben dort eine Situation, wo eigentlich alle Seiten befürchtet hatten: Es kommt zu einem Angriff, ohne dass es wirklich gewollt war. Also man ist ein Stück weit hineingeschlittert, und die Situation hat sich sukzessive seit Beginn der 1960er-Jahre eigentlich immer weiter verschärft. MUSIK Erzählerin Ein erster Auslöser in der trockenen Region ist die Wasserproblematik. Israel beginnt Wasser aus dem See Genezareth abzuleiten, um Bewässerungssysteme auf eigenem Territorium aufzubauen. Dies gefährdet allerdings die Wasserversorgung Jordaniens, wogegen das Land scharf protestiert. Zudem greift in dieser Zeit Israel immer häufiger Ziele in Syrien oder Jordanien an, weil von dort palästinensische Befreiungskämpfer nach Israel eindringen und Anschläge verüben. Anfang 1967 eskaliert die Situation dann weiter. Im Mittelpunkt dabei: Ägyptens Präsident Nasser. Führer der arabischen Welt, das ist die Rolle, die er für sich sieht. Von Jordanien oder Syrien wird er allerdings kritisch gesehen. Vor allem gegenüber Israel sei er zu wenig durchsetzungsstark. Nasser weiß, dass er jetzt liefern muss. 6 Nasser (bereits overvoiced) Mit der Existenz des Staates Israel werden wir uns nicht abfinden. Jede israelische Aggression wird zum totalen Krieg führen. Ägypten wird jedoch nicht als erster angreifen. Truppen der Vereinten Nationen sollen nicht mehr auf ägyptischem Boden stationiert werden. Erzählerin Die Truppen der Vereinten Nationen, gegen die Nasser sich hier in einer Rede richtet, sind auf der Sinai-Halbinsel stationiert, an der Grenze zu Israel. Sie sichern auf ägyptischem Boden eine Pufferzone zwischen den beiden verfeindeten Ländern. Im Mai 1967 kommt es dann zu einer Entwicklung, die viele internationale Beobachter verwundert und Israel schockiert. Die Vereinten Nationen geben Nassers Forderung tatsächlich nach: Die UN-Friedenstruppen werden abgezogen. Sofort rückt das ägyptische Militär nach und hunderte Panzer werden auf dem Sinai stationiert. Auch Syrien zieht Truppen an der Grenze zu Israel zusammen. Und aus anderen arabischen Staaten sind ähnliche Pläne zu hören. MUSIK Erzählerin Tom Segev, der als junger Israeli damals im Kibbuz im Süden Israels lebt, erinnert sich, dass diese Eskalation und die Vernichtungsdrohungen aus Ägypten in der israelischen Gesellschaft damals traumatischste Erfahrungen wachrufen: 7 Segev Das war zu einer Zeit als die meisten Israelis noch gar nicht Hebräisch konnten. Die meisten Israelis waren neue Einwanderer. Viele waren Holocaust-Überlebende. Und wenn man auf schlechtem Hebräisch aus dem arabischen Radio das Wort Vernichtung hört, dann meint man Holocaust. Und diese Angst war ganz authentisch. Erzählerin Zu dieser existenziellen Angst vor einem erneuten Holocaust kommt, dass die israelische Gesellschaft ohnehin tief verunsichert ist. Das Land erlebt Mitte der 1960er Jahre eine tiefgreifende wirtschaftliche Rezession, immer mehr Menschen werden arbeitslos. Und immer mehr verlassen Israel – es kommt zu einer Auswanderungswelle von zehntausenden Menschen. Eine Zeitung schreibt bereits davon, dass das “Unternehmen gescheitert sei”. Gemeint ist die Vision des Staates Israel. Die Situation ist 1967 also nicht nur international, sondern auch innerhalb des Landes angespannt. MUSIK Erzählerin Am 20. Mai reagiert Israels Premierminister Levi Eschkol. Er befiehlt die Mobilmachung der israelischen Streitkräfte. Davon fühlt sich wiederum Ägyptens Präsident Nasser provoziert. Mit Kriegsschiffen lässt er zwei Tage später die Meerenge von Tiran blockieren. Israelische Schiffe können nun nicht mehr passieren. Israels einziger Zugang zum Roten Meer ist geschlossen. Das bedeutet unter anderem, dass wichtige Ölimporte nun nicht mehr ins Land kommen können. Die Reaktion in der arabischen Welt ist geradezu euphorisch. Endlich droht Nasser nicht nur, sondern zeigt Stärke gegenüber dem verhassten Israel. Gleichzeitig überrascht Nasser mit diesem Schritt viele internationale Beobachter und auch die Sowjetunion, die damals Ägypten militärisch unterstützt. Allen ist klar: Die Sperrung der Meerenge von Tiran kann als Kriegserklärung gegenüber Israel aufgefasst werden. Wie wird Israel reagieren? Die Angst vor einem Krieg bestimmt jetzt den Alltag im Land und im Kabinett beginnen hektische Beratungen. Der populäre Mosche Dajan wird am 1. Juni neuer Verteidigungsminister. Er war früher Generalstabschef der israelischen Streitkräfte. In einer seiner ersten Pressekonferenzen versucht Dajan, die Stärke Israels zu demonstrieren. 8 Dajan Let me say I don’t want anyone else to fight for us. Whatever can be done in a diplomatic way I would welcome and encourage but if fighting does come to Israel I would not like American or British boys to get killed here and I do not think we need them. Sprecher 1 - Voice Over 1 Ich erwarte es nicht und möchte auch nicht, dass jemand anderes für uns kämpft. Ich unterstütze alles, was auf diplomatischem Weg getan werden kann. Aber wenn es zu Kämpfen kommt, möchte ich nicht, dass britische oder amerikanische Soldaten hier getötet werden. Und ich glaube auch nicht, dass wir sie brauchen! Erzählerin In internen Beratungen in der israelischen Regierung sind die Einschätzungen aber keineswegs so eindeutig. Ministerpräsident Eshkol zögert. Wie stark sind die eigenen Truppen wirklich? Wie weit wird Nasser gehen? Bis heute gibt es darauf keine eindeutige Antwort, erklärt der Nahost-Experte Jan Busse. 9 Busse Also so eine Konfrontation entwickelt der immer irgendwann eine gewisse Eigendynamik, die schwer kontrollierbar ist. Ob ein Krieg unvermeidbar ist, ist natürlich in der Rückschau ganz, ganz schwer zu beurteilen. Klar ist auf jeden Fall: Es gibt Hinweise darauf, dass Nasser eigentlich gar keinen Krieg wollte und sich eigentlich mit seiner Drohkulisse verkalkuliert hat. TC 10:10 – Angriff ist die beste Verteidigung? MUSIK Erzählerin In den ersten Juni-Tagen 1967 wächst in der israelischen Führung die Überzeugung: Nur wenn man selbst angreift und den hochgerüsteten ägyptischen Gegner überrascht, dann gibt es eine realistische Chance aus einem Krieg als Sieger hervorzugehen. Von einem „präventiven Angriff“ ist unter israelischen Militärs die Rede. Dafür gilt es aber noch, einen Punkt zu klären: Zwar ist man überzeugt, allein kämpfen zu müssen. Trotzdem möchte man so einen Angriff mit dem wichtigsten Verbündeten abstimmen: Den USA. Der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson versucht in größter Eile einen Vermittlungsversuch zu starten. Allerdings ohne Erfolg. In Israel fällt die Entscheidung zum Angriff. Am frühen Morgen des 5. Juni 1967 soll es so weit sein. Tom Segev hält damals regelmäßig Wache an der Grenze zu Gaza. 10 Segev Meine Befürchtung war, dass ich einschlafe. Aber das ist natürlich nicht passiert. Wir hatten ein kleines Transistorradio mit uns und haben die Nachrichten gehört. Erzählerin Dann kommt der Moment, wo Tom Segev die Flugzeuge über sich hinweg donnern hört. Sie fliegen wenige Meter über der Erde, um vom ägyptischen Radar nicht entdeckt zu werden. Tom Segev realisiert: 11 Segev Ja es war Krieg, es war ganz klar Krieg. Lauter Bombardierungen … MUSIK & ATMO Erzählerin Was Tom Segev hier erlebt, ist die Operation “Fokus”, der Beginn des Sechstagekriegs. Gegen 7 Uhr am Morgen greifen rund 200 israelische Kampfflugzeuge ägyptische Luftwaffenbasen an. In drei Wellen laufen die Attacken ab. Die israelischen Piloten haben einen solchen Angriff lange trainiert. Sie wissen genau, wo die ägyptischen Flugzeuge stationiert sind. Die Ägypter sind von dem Angriff völlig überrascht. Viele von ihnen sitzen noch beim Frühstück, heißt es. Die Bilanz nach wenigen Stunden – Dutzende ägyptische Piloten sind tot und die meisten der Kampfflugzeuge Ägyptens wurden am Boden zerstört. An die 400 sollen es sein. Außerdem sind die Start- und Landebahnen im Land weitgehend nicht mehr einsatzfähig. Ägypten gelingt es im Gegenzug nicht israelische Flugzeuge in großer Zahl abzuschießen. Damit werden auf israelischer Seite auch nur wenige Soldaten getötet. Noch wichtiger aber: Israel hat jetzt uneingeschränkte Lufthoheit. In dieser Situation rücken israelische Bodentruppen vor auf der Sinai-Halbinsel. Sie kommen schnell voran. Ägyptische Soldaten flüchten zu Tausenden. Geräte und Fahrzeuge lassen sie in Panik in der Wüste zurück. Am Ende des Tages stellt die Führung fest: Von Ägypten droht keine Gefahr mehr für Israel. 12 Segev Irgendwann in der Nacht hat man uns dann gesagt, der Krieg ist zu Ende! Erzählerin Dies ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Auf der Sinai-Halbinsel wird weitergekämpft. Bald schon werden israelische Kräfte bis zum Suez-Kanal vorstoßen. Und auch in anderen Teilen des Landes sind Kämpfe ausgebrochen. Dabei ist Jordanien der ägyptischen Propaganda aufgesessen. Dort heißt es, Israel sei bereits am Rande der Niederlage. Deshalb greift Jordanien jetzt auch israelische Städte an. Israel reagiert und rückt in Gebiete vor, die von Jordanien annektiert wurden. Dabei handelt es sich um Gebiete westlich des Jordan-Flusses, das sogenannte Westjordanland. Schnell erobern die Israelis Städte wie Dschenin. Dann rückt eine andere Metropole ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Jerusalem, die Heilige Stadt. Israel hat sie zu seiner Hauptstadt erklärt. Allerdings ist Jerusalem geteilt. Israel kontrolliert nur den Westteil. Seit 1948 besetzt Jordanien den Osten. Hier befinden sich die Altstadt und eine der heiligsten Stätten im Judentum, die Klagemauer. Auch bedeutende religiöse Orte des Christentums und des Islam liegen dort. MUSIK Erzählerin Die Kämpfe um Jerusalem sind hart. In den engen Straßen wird um jeden Meter erbittert gekämpft. Dutzende Soldaten sterben auf beiden Seiten. Doch schließlich sind die Truppen Jordaniens besiegt. Zwei Tage nach dem Beginn des Krieges, am 7. Juni, gegen 10 Uhr vormittags ist der Weg in die Altstadt Jerusalems frei. Wenig später stehen dann erste israelische Soldaten an der Klagemauer. Im Land hören die Menschen im Radio wie ein General die Einnahme der Altstadt verkündet. ATMO Erzählerin Die Euphorie im Land ist grenzenlos. Jerusalem war der Sehnsuchtsort vieler Juden. Nun ist sie wieder vollständig unter israelischer Kontrolle. Auch Tom Segev macht sich elektrisiert auf den Weg nach Jerusalem, in die Stadt, in der er geboren wurde und die er nur geteilt kannte. 14 Segev Ich war begeistert davon, dass ich ein Teil einer unglaublichen Story bin. Ich war mit einem Freund zusammen. Wir sind ja aufgewachsen in der geteilten Stadt. Und die Altstadt war hinter dem Mond. Weiter weg als Ostberlin von Westberlin. Und auf einmal sind wir dort. Erzählerin Die Freude, die er damals spürt und die die gesamte israelische Gesellschaft ergreift, sieht Tom Segev heute differenzierter. Er hat vor einigen Jahren ein umfangreiches Buch über den Sechstagekrieg geschrieben. Dabei hat er auch rekonstruiert, wie damals die Planungen im israelischen Kabinett abgelaufen sind. 15 Segev Das Interessante ist, dass nicht einer von den Ministern die Frage stellt, sagt mal liebe Kollegen, warum ist das eigentlich gut für uns, Ostjerusalem zu erobern? Niemand fragt, was bedeutet das, dass wir jetzt heilige Plätze erobern, die das Allerwichtigste sind für viele hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Erzählerin Der Nahost-Experte Jan Busse hinterfragt in diesem Zusammenhang die Strategie Israels generell. 16 Busse Also, was die israelischen Ziele angeht, ist auffällig, dass es eigentlich keine klar politisch formulierte Zielsetzung bei diesem Krieg gegeben hat, außer dass man sich verteidigen wollte vor einer als existenziell wahrgenommenen Bedrohung durch Ägypten, das heißt vorrangig ging es darum, die eigene Sicherheit zu schützen und nicht darum, Gebiet zu erobern. Das hat sich tatsächlich erst im Kriegsverlauf ergeben und war auch zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich politisch vorgegeben. Man ist strategielos an diesen Krieg herangegangen und das ist immer etwas, das problematisch ist. MUSIK Erzählerin An die Folgen denkt aber in diesem Moment niemand. Die Gesellschaft ist euphorisiert von der eigenen Stärke. Israels Truppen sind vor allem strategisch überlegen und eilen von Sieg zu Sieg. Am 10. Juni hat Israel von Ägypten die komplette Sinai-Halbinsel und den Gaza-Streifen erobert. Außerdem sind die jordanischen Truppen aus dem Westjordanland und Ostjerusalem vertrieben. Gekämpft wird noch im Norden. Dort sind israelische Truppen dabei, im Kampf mit syrischen Einheiten noch die Kontrolle über die Golan-Höhen zu bekommen. Das Gebiet ist strategisch wichtig und bietet Zugang zum wertvollen Wasser des Jordan, der hier entspringt. Am 10. Juni gegen 18 Uhr tritt dann - auch auf Vermittlung der USA und der Vereinten Nationen - eine Waffenruhe zwischen Israel und Syrien in Kraft. Damit sind die letzten Kämpfe beendet, der Krieg ist vorbei. Nach 6 Tagen… MUSIK ...
- 04.10.202423 min
Gleich mit Beginn des Kalten Krieges 1945 befand sich Deutschland im Zentrum des Konflikts. Das zerbombte Land war wegen seiner geografischen Lage, seiner Größe und seines Wirtschafts-Potenzials für die Atommächte USA und Sowjetunion äußerst interessant. In Deutschland wurde der Konflikt ausgetragen. Von Rainer Volk (BR 2022) Credits Autor: Rainer Volk Regie: Martin Trauner Es sprachen: Friedrich Schloffer, Hemma Michel Technik: Andreas Lucke Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Susanne Schattenberg, Prof. Bernd Greiner Besonderer Linktipp der Redaktion: rbb (2024): Der Zerfall Babylons Wie war das in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg? Wie konnten Berlin und Deutschland so sehr zerfallen, das Verbrechen zum Gesetz werden? Der Podcast “Der Zerfall Babylons” taucht mit Bestseller-Autor Volker Kutscher tief ein in die Jahre 1929 bis 38. Er hat für seine Romane um Kommissar Gereon Rath präzise recherchiert in dieser Zeit. “Der Zerfall Babylons” ist ein Podcast, der Geschichte lebendig macht – zu hören überall, wo es Podcasts gibt. ZUM PODCAST Linktipps: ZDF (2018): Geheime Fronten – Spionage im Kalten Krieg Manche zählen Panzer, andere stehlen Baupläne von Atombomben - alles streng gehütete Geheimnisse des Gegners. Wer sie lüften will, riskiert sein Leben im Informationskrieg verfeindeter Blöcke. JETZT ANSEHEN BR24 (2024): 75 Jahre NATO – Kalter Krieg in Bayern Am 4. April 1949 gründeten zwölf Staaten die North Atlantic Treaty Organization, kurz: NATO, also das westliche Verteidigungsbündnis, das Gegengewicht zum Warschauer Pakt. Das Gründungsdatum jährt sich 2024 zum 75. Mal. Der einstige Zweck gilt den Mitgliedsländern wieder als zentral: Sie wollen gemeinsam Stärke zeigen und so einen potenziellen Angreifer von vorneherein abschrecken. Verteidigt worden wäre das Bündnisgebiet während des Kalten Krieges in Bayern ? an der einstigen innerdeutschen Grenze. Kilian Neuwert hat sich für die BR 24 Reportage auf Spurensuche begeben. Denn das, was einst zu gelten schien, wirkt heute wieder brandaktuell. Mit einem deutschen Heeresgeneral ist er zu den Anfängen von dessen Karriere zurückgekehrt. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:19 – Zwischen Panik & Pokerface TC 05:26 – Politischer, ökonomischer und militärischer Wettstreit TC 09:40 – Der Versuch kultureller Freundschaft TC 11:38 - Belastungsproben TC 18:50 – Alles vorbei? TC 21:41 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO: (Gebet – Priester – Atombombenabwurf Hiroshima) – „We pray thee that the end of the war comes soon. And that we once more may know peace on earth. May the men who fly this night be kept safe in thy care. And may they be returned safely to us. We shall roam forward trusting in thee. Knowing that we are in thy care – now and forever. In the Name of Jesus Christ – Amen.“ SPRECHER Zugespitzt formuliert beginnt der Kalte Krieg mit einem Gebet. Als Piloten der US-Luftwaffe am 6.August 1945 zum ersten Atombombenabwurf Richtung Hiroshima starten, bittet ein Priester um Frieden und die sichere Heimkehr der Flieger. Man wisse sich in Gottes Hand. Jetzt und in alle Ewigkeit. Amen. MUSIK SPRECHER Tatsächlich ist der Übergang vom 2.Weltkrieg zum Beginn des neuen globalen Konflikts fließend. Für den Historiker Bernd Greiner beginnt der Kalte Krieg bei der Konferenz der Siegermächte in Potsdam im Juli 1945 – Wochen vor der Kapitulation Japans. Denn hier tauche bereits dessen entscheidender Bestandteil erstmals auf - Atomraketen. TC 01:19 – Zwischen Panik & Pokerface OT Greiner Während der Potsdamer Konferenz bekommt Truman die Nachricht, dass der „Trinity-Test“ in der Wüste von New Mexico funktioniert hat. Und er raunt Churchill zu: Beobachte mich bitte mal – ich geh‘ jetzt mal zu Stalin und sage dem: Wir haben da eine Waffe, wir haben was von nie dagewesener Zerstörungskraft. Stalin reagiert wie Stalin reagiert. Nämlich erst mal gar nicht. Pokerface. Aber intern sagt er: Bestellt Kurtschakow, er möge sich beeilen, das war der Leiter des Atomprogramms.“ SPRECHER Die Sowjetunion braucht indes bis August 1949 für die Entwicklung ihrer eigenen Atombombe. In der Zwischenzeit fühlt sich Moskau dem weltweiten Auftrumpfen der Amerikaner ausgeliefert. Die Historikerin Professor Susanne Schattenberg verweist auf die Bedeutung des Jahres 1947 und die Verkündung der Truman-Doktrin: OT 3 Schattenberg – 1947 „1947 bringen das beide Seiten in programmatischen Reden letztlich auf den Punkt. Also dass der amerikanische Präsident, Harry Truman, sagt, wir haben hier zwei Welten, zwei Lager. Der Leningrader Parteichef Shdanov antwortet dann ein halbes Jahr später entsprechend, dass … die USA und Großbritannien eigentlich schon während des Krieges versucht hätten, die Sowjetunion zu unterdrücken und das nun endlich zutage fördern würde.“ SPRECHER Die Deutschen in Ost und West finden sich, sozusagen, mittendrin in diesem Kräftemessen. Vor allem, als 1948 die erste große Krise ausbricht: MUSIK & ATMO OT 4: Reportage Luftbrücke (Reporter) - „Alle drei Minuten landet auf dem Flughafen Tempelhof… SPRECHERIN: Ab Juni 1948 blockiert die Sowjetunion alle Land- und Wasser-Zugänge nach West-Berlin. Amerikaner, Briten und Franzosen versorgen die unter alliierter Kontrolle stehende Stadt elf Monate lang per Flugzeug – per „Luftbrücke“ - mit allem, was deren Einwohner brauchen. In seiner Selbstwahrnehmung wird West-Berlin zum Vorposten der freien Welt. MUSIK SPRECHER Weltpolitisch aber ist die erste Berlin-Krise anders zu deuten als im Kabarett-Song der „Insulaner“: Nämlich als Stalins Antwort auf Amerikas Muskelspiele. Sie soll beweisen: Der Besitz von Atomwaffen bedeutet nicht grenzenlose Macht. Bernd Greiner, ehemaliger Leiter des „Kolleg Kalter Krieg“ in Berlin, analysiert: OT 6: Greiner – Berlin „Da hat Stalin versucht zu zeigen, dass der Westen ein Kaiser ohne Kleider ist. Ja, was ist denn mit Euren Atomwaffen – wie wollt Ihr denn mit Atomwaffen Berlin schützen? Da sitz‘ ich am längeren Hebel – aus seiner Perspektive. Und signalisiert: Ich kann noch einen Schritt weitergehen. Und wenn ich diesen Schritt weiter gehe, dann steht Ihr, Eure drei oder vier Atomwaffen, die ihr habt - dann steht Ihr ohnmächtig vis à vis.“ SPRECHER Die ehemalige Reichshauptstadt hat Stalin bewusst ausgesucht für seine Strategie. Berlin symbolisiert den Kern der so genannten „Deutschen Frage“ - nämlich: Wo steht Deutschland in Europa – im Osten oder Westen? Weil dies für das Machtgleichgewicht enorm wichtig ist, beantworten die Großmächte die Frage mit der Teilung Deutschlands. TC 05:26 – Politischer, ökonomischer und militärischer Wettstreit MUSIK SPRECHERIN: Aus der sowjetischen Besatzungszone wird die DDR, aus den drei Westzonen die Bundesrepublik. Kanzler Adenauer forciert hier ab 1950 eine Integration in die Verteidigungsstrukturen des Westens – was Moskau durch die so genannte „Stalin-Note“ im März 1952 verhindern will. Der sowjetische Diktator verspricht in ihr eine Wiedervereinigung Deutschlands – falls das Land militärisch neutral bleibe. Die drei Westmächte und Adenauer halten dieses Angebot jedoch für pure Taktik – nicht ernst gemeint und lehnen es ab. Stattdessen tritt die Bundesrepublik 1954 der NATO bei, die sich auf Betreiben der USA gegründet hat. Und die DDR wird ein Jahr später Mitglied des östlichen Militärbündnisses „Warschauer Pakt“. SPRECHER Geografisch entspricht die innerdeutsche Grenze der Nahtstelle des Kalten Krieges. Das engt die Bewegungsfreiheit der deutschen Politik aber nicht ein – im Gegenteil. In den 1950er Jahren können etliche deutsch-deutsche Treffen stattfinden. Für viel Wirbel im Land sorgen die Reise einer Delegation der DDR-Volkskammer nach Bonn 1952 und, 1954, ein Besuch von Bundestagspräsident Hermann Ehlers (CDU) beim Evangelischen Kirchentag in Leipzig: OT 7: Ehlers – Radio 1954 „Das haben wir bei diesem Kirchentag erfahren: Dass es etwas Erstaunliches ist, wenn Christen durch die Kraft ihrer Gemeinschaft den Mut finden, die Abschnürung und die Furcht zu überwinden und offen zu reden und miteinander zu reden. … Die politischen Auswirkungen werden sichtbar werden, denn hier ist die Einheit unseres Volkes an einer entscheidenden Stelle dokumentiert.“ SPRECHER Darüber hinaus profitieren Deutschland-West und -Ost wirtschaftlich von ihrer herausgehobenen Lage am „Eisernen Vorhang“. Denn der Kalte Krieg ist auch ein Systemwettstreit zwischen Markt- und Planwirtschaft. Das führt dazu, dass es den Deutschen, so meint der Historiker Bernd Greiner, zumindest ökonomisch bessergeht als ihren Nachbarn: OT 8: Greiner – Wohlergehen „Sie liefen auf der Butterbahn. Bei allem Gefälle zwischen West und Ost, zwischen der DDR und der Bundesrepublik darf man ja nicht aus dem Auge verlieren: Den höchsten Lebensstandard im Warschauer Pakt, inklusive Sowjetunion, hatte die DDR. Da lagen Welten dazwischen, zum Westen, aber immerhin.“ SPRECHER Militärisch hingegen sind die Freiräume klein – sowohl für die Bundesrepublik in der NATO wie für die DDR im östlichen Militärbündnis, dem 1955 gegründeten „Warschauer Pakt“. Einer der Gründe ist, dass die Sieger des 2.Weltkriegs nie einen Friedensvertrag mit Deutschland unterzeichnen – weshalb die DDR und die Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung nicht voll souverän sind. OT 9: 1.Appell der Bundeswehr 1955 „Nochmal abzählen! „Eins-Zwo-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben-Acht-Neun-Zehn (Pause) – Elf! (Gelächter) – (Reporter): Der UvD, im taubengrauen Stahlhelm, der dem belgischen angeglichen hat, der sich am meisten bewährt hat, hat die Rekruten zusammengetrommelt. Und nun wird gleich der Kompaniechef, Major Busch, die Rekruten begrüßen… SPRECHER Die Aufstellung der Bundeswehr – hier eine Radioreportage vom Empfang der ersten Freiwilligen 1955 – hat im Blick zurück zwei Seiten. Die eine ist das Eintreten der Bundesrepublik in die Militär-Phalanx des Westens – als Teil der Aufrüstung im Kalten Krieg. Selbst aus der Sicht der NATO hat der Schritt aber noch einen zweiten Aspekt, den Bernd Greiner erläutert: OT 10: Greiner – Bundeswehr/NATO „Dieser Satz des ersten NATO-Generalsekretärs, Lord Ismay, auf die Frage eines Journalisten „Wozu brauchen wir die NATO?“ – Na ja, klar: „To keep the Russians out, the Americans in – and the Germans down.“ Also wir brauchen ein Kontrollinstrument gegenüber den Deutschen. Und Kennedy, zum Beispiel, hat das Adenauer gegenüber sehr deutlich spüren lassen, wer Koch und wer Kellner ist.“ SPRECHER Das erklärt auch, weshalb Wünsche bundesdeutscher Politiker, die Bundeswehr mit Atomraketen auszurüsten, keine Aussicht auf Erfolg haben. TC 09:40 – Der Versuch kultureller Freundschaft OT 11: (Jingle AFN) „High fellas, this is Jill with your all-time jukebox. (Musik) – Welcome to the all-time jukebox, fellas. Thirty minutes devoted to the replaying of some of the greatest phonograph records of all times.” MUSIK SPRECHER Mindestens so wichtig wie Waffen sind für die Beziehungen die kulturellen Angebote der USA. AFN zum Beispiel - das „American Forces Network“. Die Senderkette versorgt im Kalten Krieg die in Deutschland stationierten US-Soldaten mit Nachrichten und Musik. Die Deutschen, die mithören können, lernen so Jazz, Rock’n’Roll und Pop kennen. AFN wird zu einem „Soft-power“-Instrument der USA. Ähnliches gelte auch für die „Amerika-Häuser“ in westdeutschen Großstädten, sagt Bernd Greiner. OT 12: Greiner – Kultur-Assimilation „Plus die ganzen Austauschprogramme. Also eine ganze Kohorte von bundesdeutschen Nachkriegspolitikern, Klaus von Dohnanyi, Eppler, Schmidt, inklusive Top-Journalisten - die waren in der einen oder anderen Weise in Stipendienprogramme eingebunden und waren natürlich mit Herz und Seele Atlantiker.“ OT 13: „Das deutsche Programm von Radio Berlin International setzt seine Sendung fort mit Berichten und Informationen aus sozialistischen Ländern – Musik (ca. 10 Sek.) – „Das Panorama. Informationen und Berichte aus sozialistischen Ländern – Musik SPRECHERIN Auch im Osten versucht man es mit Kultur als Freundschafts-Faktor. Der Ton dieser Sendung des DDR-Programms „Radio Berlin International“ zeigt jedoch: Das klingt staatlich verordnet - und verpufft so zumeist. Deshalb kann die „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, die Ost-Berlin und Moskau 1947 gründen, trotz ihrer bis zu sechs Millionen Mitglieder für ihre Seite nie erreichen, was im Westen gelingt: Traumland USA. TC 11:38 - Belastungsproben SPRECHER Die Harmonie zwischen Bundesdeutschen und Amerikanern wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, wenn der Kalte Krieg eskaliert. Die Amerikaner lassen dann keinen Zweifel, wer das Sagen hat. Das zeigt sich vor allem im Krisenjahr 1961: MUSIK OT 14: Reportage vom Beginn des Mauerbaus „Seit etwa 1 Uhr heute Nacht rattern die Pressluftbohrer und bohren einen Graben quer durch die Eberstraße hier am Brandenburger Tor. Der Graben ist etwa einen halben Meter tief und etwa einen halben Meter breit…“ MUSIK SPRECHER 13. August 1961 – die DDR beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer. Willy Brandt verlangt als Regierender Bürgermeister eine militärische Antwort der USA auf die Provokation des DDR-Regimes. Präsident Kennedy denkt aber gar nicht daran: Er verstärkt zwar die US-Truppen in der Stadt, schickt ansonsten aber nur seinen Vizepräsidenten Johnson – mit einem Brief – zu Brandt. Egon Bahr, Vertrauter von Brandt und Sprecher des Senats von Berlin, erinnert sich an dessen Inhalt noch Jahrzehnte später: OT 15: Bahr – Berlin-Krise/Brief „Der Brief von Kennedy hieß: „Die Mauer ist nur durch Krieg zu beseitigen. Und niemand will Krieg – Sie auch nicht. Und: Sie dürfen nicht verkennen, dass das im Grunde eine große Niederlage für Chruschtschow ist, denn er mauert ja seine Bevölkerung ein.“ – Wir haben das damals als graue Salbe empfunden und haben erst viel später gesehen: Der hatte Recht.“ SPRECHER Die Beziehungen zwischen den Regierungen in beiden Teilen Deutschlands und ihren Führungsmächten werden in den 60er Jahren komplizierter. Im Fall der DDR und der Sowjetunion liegt das an Walter Ulbricht. Der mächtigste Mann in Ost-Berlin ist ein Stalinist alter Schule. Stalins Nach-Nachfolger, Leonid Breschnew, der 1964 in Moskau die Macht erlangt, ist weniger dogmatisch. Susanne Schattenberg berichtet: OT 16: Schattenberg – Breschnew/DDR „Ich finde es sehr lustig, dass Breschnew furchtbar genervt ist von Ulbricht und dann ja auch, wie in vielen anderen sozialistischen Staaten um das Jahr 1970 herum, Führungswechsel herbeiführt – von Ulbricht zu Honecker in der DDR. Und auch Honecker findet er wahnsinnig dogmatisch und viel zu marxistisch-leninistisch. Und das heißt: Wer ist sozusagen eher der ‚Hardliner‘ - ist das eher die DDR, sowohl unter Ulbricht als auch Honecker, als letztlich Moskau selbst.“ SPRECHER Um die gleiche Zeit entwickelt sich auch im Westen ein ernster Streit um die so genannte „Entspannungspolitik“. Der neue Bundeskanzler Willy Brandt streckt 1969 diplomatische Fühler Richtung Sowjetunion und Richtung Polen aus, um den Kalten Krieg zu deeskalieren. Im deutsch-deutschen Verhältnis will er den Alltag der Teilung etwa durch Verwandtenbesuche jenseits des Eisernen Vorhangs erleichtern. Die US-Regierung sieht das skeptisch. Das erste Gespräch in Washington zwischen Egon Bahr, der inzwischen Kanzleramtsminister ist, und Präsidentenberater Henry Kissinger verläuft daher sehr ungewöhnlich, wie Bernd Greiner erzählt: OT 17: Greiner – Bahr/Kissinger „Kissinger wird nervös und nervöser, rutscht in seinem Stuhl hin und her. Und stellt dauernd Zwischenfragen, aus denen man herauslesen konnte: Das geht dem von oben bis unten gegen den Strich. Und der Bahr hört sich das eine Zeit lang an und sagt dann irgendwann – und das ist protokolliert: „Henry, ich bin gekommen, um zu informieren – nicht um zu konsultieren.“ Das ist ein unerhörter Satz. Das ist ein unerhörter Satz für die deutsche Nachkriegspolitik.“ SPRECHER Letztlich kann Brandt seinen politischen Spielraum aber nutzen und mehrere Verträge zwischen der Bundesrepublik und Staaten Osteuropas schließen. Das liegt am Vietnamkrieg. Die zweite Langzeitkrise im Kalten Krieg verlangt von der Supermacht so viel Aufmerksamkeit, dass man die West-Deutschen gewähren lässt. MUSIK OT 18: Kekkonen – KSZE/Eröffnung „Ladies and Gentlemen. On behalf of the government and the people of Finland, I have the great honor to declare the third stage of the conference on security and cooperation in Europe open. It is a privilege for us to act as hosts of this conference for the second time… SPRECHER Helsinki, Finlandia-Halle, 1975. Der finnische Staatspräsident Kekkonen eröffnet die Abschluss-Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, KSZE. Wenige Tage später unterzeichnen Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa, den USA und Kanada einen Vertrag, der den Kalten Krieg zähmen soll. Die sogenannte „Schlussakte von Helsinki“ ist das Ergebnis von mehr als zwei Jahren Verhandlungen. Zentral ist eine Art Tauschgeschäft: Der Westen garantiert den Staaten Osteuropas, auch der Sowjetunion und der DDR, die Sicherheit ihrer Grenzen. Das zementiert die Nachkriegsordnung Europas. Im Gegenzug verspricht der Osten die Menschenrechte zu achten und einzuhalten. OT 19: Grüne – Wahlwerbung 1983 „Guten Tag, ich komme im Auftrag der Allgemeinheit. Ich soll hier bei Ihnen im Garten diese funkelnagelneue, todsichere Atomrakete aufstellen. – Um Gottes Willen! Sowas ist doch gefährlich. Gehen Sie mir bloß aus dem Weg mit dem Ding… SPRECHER Die KSZE beendet den Kalten Krieg jedoch noch nicht: Das zeigt dieser leicht satirische Wahlwerbe-Spot der Grünen von1983. Zu den Momenten, in denen der Konflikt wieder aufflammt, zählt auch die Phase nach dem so genannten „NATO-Doppelbeschluss“. SPRECHERIN Ende der 1970er Jahre stellen westliche Experten fest: Die Sowjetunion baut neue, modernere Atomraketen. Die NATO beschließt daraufhin, amerikanische Pershing-2-Raketen in Deutschland zu stationieren und gleichzeitig mit Moskau über Abrüstung zu verhandeln. SPRECHER Viele Bundesdeutsche halten diese Doppelstrategie für falsches Spiel - sie befürchten eine weitere Rüstungsspirale und demonstrieren vor US-Kasernen. Die politischen Wogen schlagen hoch. Politiker, die Moskaus Raketen als Bedrohung sehen, werfen der „Friedensbewegung“ Kollaboration mit dem Kreml vor. Das empört Willy Brandt, als er im Herbst 1983 bei einer Demo vor 300-tausend Menschen in Bonn auftritt: OT 20: Brandt – Hofgarten „Hier steht nicht die fünfte Kolonne. Wir stehen hier miteinander für die Mehrheit unseres Volks. Über 70 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik, und das ist gut so, halten nichts davon, dass Deutschland immer mehr vollgepackt wird mit atomarem Teufelszeug.“ TC 18:50 – Alles vorbei? MUSIK SPRECHER Ende der 1980er Jahre scheint sich der Kalte Krieg zwischen Ost und West aber tatsächlich seinem Ende zuzuneigen. Durch Europa scheint ein Wind der Veränderung zu wehen – hier besungen von den „Scorpions“: SPRECHERIN Bei mehreren Gipfel-Treffen vereinbaren die US-Präsidenten Reagan und Bush mit Michael Gorbatschow, dem neuen Generalsekretär der sowjetischen Kommunistischen Partei, Atomraketen aus Europa abzuziehen und sie zu vernichten. Im Herbst 1989 gibt Gorbatschow sein Ja zur deutschen Wiedervereinigung, 1991 löst sich der Warschauer Pakt auf – anders als die NATO. SPRECHER Ist der Kalte Krieg damit Geschichte? Experten sehen das skeptisch. Auf jeden Fall, so meint die Osteuropa-Historikerin Susanne Schattenberg, solle man sich davor hüten, den Westen für den Sieger und den Osten für den Verlierer des Konflikts zu halten: OT 22: Susanne Schattenberg - Ende „Das ist so eine Post-Facto-Interpretation, die heute vorgenommen wird. Ich bin der Meinung, dass das damals niemand so gesehen hat, dass beide Seiten es als enormen Sieg und Gewinn gesehen haben, dass diese Systemkonkurrenz sich auflöst. SPRECHER Mittlerweile ist das offensichtlich nicht mehr der Fall. Viele Experten meinen: Putin tue alles, um die Machtverhältnisse zu ändern. Dazu zähle auch der Versuch, das Nachbarland Ukraine, das seit 1991 unabhängig ist, wieder unter die Kontrolle Moskaus zu bringen. Und sei es durch einen Krieg, wie er ihn Ende Februar 2022 vom Zaun brach. Der Kalte Krieg hat ein Erbe hinterlassen. Dazu zählt Bernd Greiner die stete Weiterentwicklung von Atomwaffen und die unverändert starke Rüstungslobby in Ost wie West. Vor allem, meint Greiner, dächten viele noch wie im Kalten Krieg. MUSIK Es kann sein, dass das Tauziehen um Macht und Werte, das der Kalte Krieg symbolisierte, also nur knapp drei Jahrzehnte ruhte – und nun wieder beginnt. Denn die Ukraine liegt da, wo Deutschland einst lag: An der Nahtstelle zwischen West und Ost. TC 21:41 – Outro
- 04.10.202424 min
Die Volkseigenen Betriebe (VEB) waren für die meisten Bürgerinnen und Bürger der DDR viel mehr als nur eine Arbeitsstätte. Von der Theatergruppe bis zum Ferienlager organisierten die VEB zahllose Freizeitangebote. Auch für das soziale Leben der Beschäftigten und wurden so zum Lebensmittelpunkt. Von Ulrike Beck (BR 2024) Credits Autorin: Ulrike Beck Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Jenny Güzel Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. André Steiner, Dr. Anna Kaminsky Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2024): Diagnose Unangepasst – Der Albtraum Tripperburg Machtsysteme, die Frauen systematisch unterdrücken. Der sechsteilige Podcast “Diagnose: Unangepasst” macht Geschichten von Frauen unter Macht- und Kontrollsystemen zum Thema. Dazu wird das düstere Kapitel der grausamen geschlossenen venerologischen Stationen in der DDR aufgearbeitet. Hier wurden scheinbar “unangepasste” Mädchen und junge Frauen eingesperrt und misshandelt, um sie nach sozialistischem Vorbild umzuerziehen. Die Journalistin Charlotte Witt begibt sich mit drei betroffenen Frauen auf eine emotionale Reise in die Vergangenheit. Sie blicken auf Machtsysteme damals wie heute und suchen nach Antworten. ZUM PODCAST Linktipps: ARD (1965): Frauen in Industrieberufen – VEB Leuna-Werke In den Volkseigenen Betrieben (VEB) herrscht Arbeitskräftemangel. Am Beispiel des VEB Leuna-Werks "Walter Ulbricht" wird das Umdenken der Betriebsleitungen bezüglich der Beschäftigung ungelernter Frauen dargestellt. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2019): Zwischen Dichtung und Wahrheit Auch über 30 Jahre nach dem Mauerfall ist das Trauma um die Treuhand noch nicht vorbei. Die Behörde, die volkseigene DDR-Betriebe in gut funktionierende private Unternehmen umwandeln sollte, sorgt bis heute für Debatten. Sogar ein erneuter Untersuchungsausschuss wird gefordert. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:59 – Der Weg der VEBs TC 05:19 – Monotonie, Mangel und Meckern TC 09:06 – Viele Angebote - wenig Freizeit TC 11:34 – Die Ära Honecker TC 14:15 – Entscheidungen treffen andere TC 17:26 – Und nach der Wiedervereinigung? TC 21:50 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK 1.O-Ton (Kaminsky ab 7:16) Also nun läuft das Praktikum schon fast eine Woche. Ich bin in der Möbelfabrik in Ammendorf. Dort ist die Zweigstelle fürs Schneidern untergebracht. Wir schneiden Filzmatten. Zwei Pausen sind zulässig, fünf werden gemacht, ungeachtet der Zigarettenpäuschen, die nicht zählen. Die Norm wird immer erfüllt, und wenn Normer kommen, arbeiten die Leute betont langsam. Und statt einmal rennen sie fünfmal um den Tisch, um irgendetwas zu holen. So kommen die Normen, die erfüllten Pläne und die Pausen zustande. Erzähler Anna Kaminsky liest aus ihrem Tagebuch. Es sind Eindrücke, die sie mit 15 Jahren festgehalten hat. 1977 während ihres Schülerpraktikums, bei dem sie im Volkseigenen Betrieb der Möbelproduktion die sozialistische Arbeitswelt kennenlernen soll. So wie es damals auch für alle anderen Schüler und Schülerinnen in der DDR Pflicht ist: 2.O-Ton (Kaminsky ab 7:16) Ab der achten Klasse gab es den sogenannten Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion. Das war ein Tag in der Woche oder alle zwei Wochen, wo man in einen Betrieb gehen musste als Schüler, um dort die sozialistische Arbeitswelt kennenzulernen. Und zusätzlich gab es immer am Ende des Schuljahres (…) zwei oder drei Wochen ein sogenanntes Praktikum. Und mein erstes Praktikum habe ich in der Möbelfabrik in Ammendorf in Halle absolviert, und dort war eine Zweigstelle untergebracht, die unter anderem für Neckermann Kissenbezüge und so Polsterbezüge schneiderte. Erzählerin Anna Kaminsky hat die Geschichte der DDR zu ihrem Beruf gemacht. Seit 2001 ist sie Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, in der die Arbeit einen ganz besonderen Stellenwert hatte: 3.O-Ton (Kaminsky ab 1:02) Grundsätzlich muss man sagen, dass die DDR ja eine Arbeitsgesellschaft war. Also es gab keine Arbeitslosigkeit, auch wenn das natürlich staatlich ja besonders herbeigeführt worden ist, denn auch in internen Wirtschaftsanalysen ist immer wieder die Rede davon, dass, wenn man sich ehrlich machen würde, hätte die DDR auch so etwa 20 Prozent Arbeitslose. Aber aus ideologischen Gründen und aus politischen Gründen konnte man keine Arbeitslosigkeit zulassen, sondern jeder musste irgendwie beschäftigt werden. Und nach 1968 der damaligen Verfassungsreform in der DDR gab es ja nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern auch die Pflicht zur Arbeit. Ich denke, dass das auch ganz wichtig ist zu verstehen, dass Arbeit im Prinzip den Lebensmittelpunkt der Menschen darstellte. TC 02:59 – Der Weg der VEBs MUSIK Erzähler Den Grundstein dafür, dass die Volkseigenen Betriebe zum größten Arbeitgeber der DDR-Industrie werden, legen die vier alliierten Siegermächte im Sommer 1945 mit dem Potsdamer Abkommen. Wie der Wirtschaftshistoriker Professor André Steiner vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam ausführt. Er ist einer der profundesten Kenner der Wirtschaftsgeschichte der DDR. 4.O-Ton (Steiner ab 0:17) Nazi-Funktionäre oder höhere Nazi-Funktionäre und Kriegsverbrecher sollten auf jeden Fall enteignet werden. Das war ja erstmal zunächst sozusagen der Ansatz, der von allen Alliierten vertreten wurde, der dann allerdings in den Westzonen nicht in dem Maße umgesetzt wurde, wie das in der sowjetischen Besatzungszone geschah. […] Die sowjetische Besatzungsmacht hat dann mit einem Befehl im Oktober 1945 faktisch alle Großbetriebe beschlagnahmt und unter Sequester gestellt. MUSIK Erzählerin Schon ab dem September 1945 beginnt die Sowjetische Militäradministration, kurz SMAD mit wichtigen Strukturveränderungen innerhalb der sowjetisch besetzten Zone. Erzähler Mit der Bodenreform werden Großbauern entschädigungslos enteignet, die mehr als 100 Hektar Land besitzen. Ab Oktober werden sogenannte Sequester-Kommissionen gebildet, die darüber entscheiden, welche Betriebe beschlagnahmt und enteignet werden. 5.O-Ton (Steiner ab 1:46) Politisch war das dann so, dass (…) insbesondere von zunächst der KPD und SPD und dann später der SED und den Gewerkschaften wurde sehr schnell dort eine Linie vertreten, dass man im Grunde genommen alle Großbetriebe unabhängig von der politischen Belastung enteignen wollte. Erzählerin Bis 1948 sind es rund 4000 Großbetriebe, die in sogenanntes Landeseigentum, beziehungsweise Volkseigentum überführt werden. Und nun verstaatlicht in Volkseigene Betriebe umgewandelt werden. 6.O-Ton (Steiner ab 2:47) Juristisch wurde es gefasst als Volkseigentum, aber in der Umsetzung war es natürlich faktisch Staatseigentum. TC 05:19 – Monotonie, Mangel und Meckern MUSIK Erzähler Nach der Staatsgründung der DDR werden es über die Jahrzehnte immer mehr Volkseigene Betriebe. Die im Laufe der Zeit in immer größere Organisationseinheiten eingegliedert werden. Erzählerin Zunächst in die Vereinigung Volkseigener Betriebe, ab dem Ende der 60er Jahre in Kombinate. Dadurch entstehen gigantische Unternehmen, so wie das Kombinat Carl Zeiss Jena, zu dem in den Achtziger-Jahren 25 Betriebe gehören, in denen rund 70.000 Beschäftigte arbeiten. Erzähler 1972 werden auch die letzten privaten und halbstaatlichen Firmen verstaatlicht. Was sich laut André Steiner auf das ohnehin beschränkte Warenangebot eher kontraproduktiv auswirkt: 7.O-Ton (Steiner ab ca. 10:27) … weil letztendlich wurden dadurch verschiedene Produktionen eingestellt. Diese Betriebe wurden oftmals größeren VEBs dann zugeordnet, von denen wiederum nur als Zulieferer eingesetzt, sodass man letztendlich auch ein bestimmtes Warenangebot, was von diesen kleinen und mittleren Betrieben noch angeboten, sozusagen produziert worden war, verloren hat. Also letztendlich war das eher sozusagen ein Schritt, mit denen man sich ins eigene Knie geschossen hat. Erzählerin Nach der Verstaatlichung der kleinen Handwerksbetriebe und mittelständischen Unternehmen steht VEB fortan auch für „Vaters ehemaliger Betrieb“. MUSIK Erzähler Nicht jeder nimmt diesen Prozess hin. Es gibt durchaus Kritik und Protest gegen die Verstaatlichung der Industrie- und Handwerksbetriebe. Nicht erst in den Siebzigern. Schon das Traditionsunternehmen Carl-Zeiss Jena wird 1948 gegen den Widerstand der Belegschaft verstaatlicht: 8. O-Ton (Steiner ab ca. 9:35) Die hatten ein eigenes Rentensystem und die Zeiss-Stiftung hatte in Jena verschiedene soziale Einrichtungen betrieben. Und das war ja damals sozusagen noch etwas Besonderes. Und darum fürchteten die natürlich. Natürlich gab es auch an anderen Stellen Widerstände gegen Verstaatlichungen, gerade auch bei den kleinen und mittleren Betrieben. Aber 1972 entstand ein solcher politischer Druck, dass letztendlich alle es gab gar keine Möglichkeit also, sich dem dann tatsächlich zu entziehen, dieser Enteignung. ATMO Erzählerin Doch gerade, was die Sozialleistungen angeht, müssen sich die Beschäftigten der Kombinate oder VEB keine Sorgen machen. Viel umfassender als im Westen wird dafür gesorgt. 9.O-Ton (Steiner ab 4:18) Die Funktion der Betriebe wurde nach und nach sozusagen ausgeweitet dahingehend, dass eben doch viele Sozialfunktionen den Betrieben übertragen wurden. Also das fängt an bei Betriebspolikliniken oder Kindergärten und hörte im darauf bei Ferienlager oder anderen Erholungsobjekten auf, die zu einem nicht geringen Teil tatsächlich dann innerhalb der Industrie mit angesiedelt waren. Erzähler Die Beschäftigten der kleineren Betriebe müssen sich außerhalb des Betriebes selbst um Kinderbetreuung oder Krankenversorgung kümmern. Eine Poliklinik oder Kantine haben allerdings nur die Großbetriebe zu bieten. TC 09:06 – Viele Angebote - wenig Freizeit MUSIK Erzählerin Die Volkseigenen Betriebe bieten nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz und Sozialleistungen, sondern organisieren auch die Freizeit der Beschäftigten. Dank zahlreicher Kulturangebote vom Literatur- bis zum Fotozirkel können die Arbeitenden ihren Hobbys mit Kollegen nachgehen. Anna Kaminsky: 10.O-Ton (Kaminsky ab 2:00) Also zumindest die größeren Betriebe organisierten auch das Kulturleben mit Theaterbesuchen, mit Konzertbesuchen, mit ja Angeboten für die Belegschaft, was Sportgymnastik, vielleicht Singegruppen und so weiter betroffen hat. MUSIK Erzähler Betriebseigene Polikliniken, Kindergärten und - krippen, Ferienlager, Handballmannschaften, Singegruppen und regelmäßige Betriebsvergnügen mit der Belegschaft. Erzählerin Das klingt nach einem Angebot, an das man sich gewöhnen könnte. Die Betriebe haben aber nicht nur das Wohlbefinden ihrer Beschäftigten im Sinn, sondern wollen auch ein Umfeld schaffen, in dem möglichst produktiv gearbeitet werden können soll. Erzähler Trotz allgemein bekannter Widrigkeiten, dass Maschinen immer wieder ausfallen und erst Stunden oder Tage später repariert werden können. Oder Material nicht lieferbar ist und die Beschäftigten oft stundenlang zum Nichtstun verdammt sind. 11.O-Ton (Kaminsky ab 23:39) Aber ansonsten war ja der Arbeitsalltag in der DDR sehr, sehr hart. Also viele Betriebe haben um sechs oder 06:30 Uhr mit der Arbeit begonnen. (…) Das heißt, die Leute mussten in der Regel um fünf aufstehen, um rechtzeitig im Betrieb zu sein. Wenn sie Kinder hatten, mussten die Kinder ja vorher in die Betreuungseinrichtungen gebracht werden. Und dann betrug der Arbeitstag oft bis 16:30 Uhr, 16:45 Uhr also auch sehr lange. Und bis man dann aus dem Betrieb raus war und vielleicht noch einkaufen gehen musste - insbesondere die Frauen mit ihrer doppelten Schicht. Wenn die dann endlich zu Hause waren, waren die natürlich auch kaputt und fertig. (…) Das ergibt eine Umfrage unter Frauen aus der DDR aus den 1980er-Jahren. Und da werden die gefragt, was ihr liebstes Hobby ist - und es sagt eine große Mehrzahl der Frauen: Schlafen. Erzähler Für die Frauen beginnt nämlich nach Dienstende die so genannte Mutti-Schicht, in der sie sich vorwiegend alleine um den Haushalt und die Kinder kümmern. TC 11:34 – Die Ära Honecker MUSIK Erzählerin Nach dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker steigt der Anteil der staatlichen Industriebetriebe in der DDR auf 99 Prozent. Erich Honecker verfolgt zunächst als Erster Sekretär, dann als Generalsekretär des SED-Zentralkomitees eine etwas andere Wirtschaftspolitik, als sein Vorgänger. Erzähler In der Ära Honecker wird mehr Wert auf die Konsum- und Sozialpolitik gelegt. Um die Wertschätzung für den „einfachen Arbeiter“ zum Ausdruck zu bringen. Auf dieser Grundlage sollen nicht nur die Lebensbedingungen für die Beschäftigten verbessert, sondern auch die Produktivität gesteigert werden. So das Kalkül. Das nicht ganz aufgeht. André Steiner: 12.O-Ton (Steiner ab (28:50) Letztendlich hat sich tendenziell gerade in den 60er-Jahren schon der Lebensstandard deutlich verbessert und in den 70er-Jahren auch noch. Das bröckelt dann ab Ende der 70er-Jahre, weil da wird nach und nach klar, dass die eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten jetzt überschritten sind, und auch mit der Verschuldungskrise Anfang der 80er-Jahre geht das dann mehr oder weniger in Stagnation über. Und das Problem ist dann eben, dass man sich nicht dazu durchringen kann, an dieser Politik jetzt irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Also das berühmteste Beispiel sind immer die Preissubvention, die ja Ende der 50er-Jahre bei der Abschaffung der Lebensmittelkarten eingeführt wurden. Und die Preise, die damals für Grundnahrungsmittel festgelegt worden waren, die blieben bis zum Ende der DDR so. MUSIK Erzählerin Die Arbeiterinnen und Arbeiter stehen in der Hierarchie der Betriebe ganz unten. Vor ihnen kommen vom Direktor abwärts über die Fachdirektoren jede Menge andere Menschen, die mehr zu melden haben als sie. André Steiner: 13.O-Ton (Steiner ab 14:40) Es gab die Meister-Bereiche dann unten auf der Ebene der praktischen Fertigung. Und innerhalb der Meister Bereiche gab es dann wiederum die sogenannten Brigaden. Und da gab es einen Brigadier, der die geleitet hat, und in denen waren die Beschäftigten dann faktisch organisiert. Die Parteileitung, das ist jetzt wiederum dann abhängig, wie groß das jeweilige Unternehmen war. Es gab ja große Unternehmen wie Leuna beispielsweise, die hatten ja eine eigene SED-Kreisleitung. Also da war dann sehr viel Einfluss der SED dann von vornherein auch gegeben. In dieser Kreisleitung war dann natürlich auch wieder der Betriebsdirektor, der saß da auch mit drinnen. Also das war wechselseitig miteinander verflochten. TC 14:15 – Entscheidungen treffen andere Erzähler Das Mitspracherecht der Beschäftigten in den Betrieben hält sich sehr in Grenzen. Auch, wenn sie formaljuristisch als Volk die Eigentümer sind: Die Entscheidungen treffen andere. Anna Kaminsky: 14.O-Ton (Kaminsky (ab ca. 34:25) Die DDR war ja zentralistisch organisiert, dass viele Entscheidungen einfach in Berlin, in irgendeinem Ministerium oder im Staatsrat oder im Politbüro der SED getroffen worden sind. Und das wurde dann in Anführungsstrichen nach unten durchgestellt und kam dann in den Betrieben an. Und die Betriebe kriegten dann irgendeine Norm vorgesetzt oder irgendeinen Plan, den sie erfüllen sollten und wussten angesichts der maroden technischen Infrastruktur, des Materialmangels auch des Arbeitskräftemangels wussten sie teilweise überhaupt nicht, wie sie das hinkriegen sollten. Also ich denke, da gab es relativ wenig Mitspracherecht. MUSIK Erzählerin Dennoch tun sich Möglichkeiten auf, die Stimme zu erheben und dabei weder ignoriert, noch sanktioniert zu werden. 15.O-Ton (Kaminsky ab ca. 35) Aber was immer wieder erzählt wird, ist, dass dieses Rummotzen, dass das schon sehr stark war, und natürlich war das auch ein Druckmittel. Weil natürlich wollte die Staats- und Parteiführung, die sich ja selber als Vertreterin des Arbeiter- und Bauernstaates deklariert hatte, die wollten natürlich das Wohlwollen der Arbeiterschaft, also zum einen, weil sie um ihre Macht fürchteten, aber zum anderen, weil sie natürlich auch von sich überzeugt waren: Aber wir wollen doch nur das Beste für das Volk, (…) aber letztlich wurde das Volk gar nicht gefragt, was es eigentlich will. MUSIK Erzähler Ein Volk, das sich im Laufe der SED-Diktatur mit den Gegebenheiten zufrieden gibt und versucht, innerhalb der bürokratischen Planwirtschaft und zunehmenden Mangelwirtschaft zurecht zu kommen. Erzählerin Verbunden durch einen großen sozialen Zusammenhalt, der von Zeitzeugen immer wieder beschrieben wird. Viele erinnern sich im Rückblick auch daran, dass Konflikte offen unter Kollegen ausgetragen wurden und es so etwas wie Mobbing nicht gab. Erzähler Dabei litten durchaus Menschen darunter, von ihren Kolleginnen und Kollegen regelrecht geschnitten zu werden. 16.O-Ton (Kaminsky ab ca. 48:00) Diejenigen, die aus vielerlei Gründen aus dieser Gemeinschaft ausgestoßen wurden, die wurden ja auch mit einer unglaublichen Härte behandelt, Also wenn man sich anschaut, diejenigen, die dann in den 80er-Jahren oder auch in den 70er-Jahren gewagt hatten, einen Ausreiseantrag zu stellen, wie die in den Betrieben isoliert worden sind. Wir würden heute sagen, dass war Mobbing, was mit ihnen passiert ist. Das will ja heute auch kaum noch jemand auch thematisieren oder sich daran erinnern, wie ist eigentlich mit denen umgegangen worden, die angeblich außerhalb dieser sozialistischen Menschengemeinschaft gestellt worden sind. Also ich denke ja. Die DDR-Vergangenheit wird immer schöner, je länger sie zurückliegt. TC 17:26 – Und nach der Wiedervereinigung? MUSIK Erzählerin Die Wiedervereinigung Deutschlands und damit verbundene Einführung der Marktwirtschaft bedeutet das Ende der Volkseigenen Betriebe. Ab dem Sommer 1990 gehen rund 8500 VEB mit etwa vier Millionen Beschäftigten in das Portfolio der Treuhandanstalt. Erzähler Die nun beginnt, die Betriebe in Gesellschaften mit beschränkter Haftung im Aufbau - also GmbH i.A. - umzuwandeln. Für die Menschen, die im Arbeitsalltag der DDR eine verlässliche Stelle und ein festes Gehalt hatten, ändert sich damit alles. Erzählerin Denn nun verlieren sie größtenteils nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihren Lebensmittelpunkt. Ein Trauma, das sich tief ins kollektive Gedächtnis gräbt. André Steiner: 17.O-Ton (Steiner ab ca. 36:30) In den 90er-Jahren war das natürlich ein totaler Bruch (…) Es war ja der überwiegend größte Teil der ehemaligen DDR Bevölkerung, die Job-Veränderungen dann plötzlich erlebt haben. Was vorher im Grunde genommen nur in sehr begrenztem Maße stattfinden konnte. Und das war natürlich schon noch dazu, wie es abgelaufen ist zum Teil, oder wie es zumindest wahrgenommen wurde, dass es abgelaufen ist, war das natürlich schon traumatisch. Und also diese Erinnerung an die 90er-Jahre spielt, da glaube ich die entscheidende Rolle. Und vor dieser Folie wiederum wird dann natürlich schnell auch sozusagen der DDR Hintergrund idealisiert. Erzähler Die Treuhand wird zum Buhmann für alles, was in der Wahrnehmung der Menschen im Osten zu Beginn der deutschen Einheit nicht rund läuft. Teilweise zu Unrecht, wie Anna Kaminsky meint: 18.O-Ton (Kaminsky ab 42:09 ) Und natürlich wird den Mitarbeitern der Treuhand da auch Unrecht getan. Also zum einen ist die Treuhand ja keine West Erfindung. Die hat noch die letzte DDR-Regierung so eingesetzt, auch um eben dieses Volksvermögen die volkseigenen Betriebe wieder zu reprivatisieren, auch weil man wusste, die planwirtschaftlichen Strukturen, die sind nicht konkurrenzfähig, die sind nicht marktfähig. Und das, was die DDR sich an Wirtschaftsinfrastruktur gehalten hat, das sagen ja auch die geheimen Analysen des Politbüros, das war nicht marktfähig. (…ab ca. 45:30) Jenseits dessen, dass das, was da passiert ist, eben doch für einen Großteil der Menschen aus der ehemaligen DDR wirklich traumatisch war und traumatisierende Folgen hatte. Erzählerin Bis heute wirkt das Trauma, den Arbeitsplatz und damit auch den sozialen Lebensmittelpunkt verloren zu haben, bei vielen nach. Bei einigen offenbar mehr, als die Erleichterung, nach dem 9.November 1989 nicht mehr in einer Diktatur leben zu müssen. Erzähler Für Anna Kaminsky gibt es viele Gründe für diese Form der Erinnerungskultur. 17.O-Ton (Kaminsky ab ca. 47:30) Also da werden auch Dinge beschworen, die viele von uns so wahrscheinlich gar nicht in der DDR in dieser Form erlebt haben. (…) Wenn man sich die Umfragen anschaut. 1990 sagt eine ganz große Mehrheit der DDR-Bürger das Leben in der DDR war unerträglich. Die Überwachung, die Bespitzelung, diese Unfreiheit, was man mitbekommen hat, wie mit anderen umgegangen wurde. Das war schlimm. Und je länger die DDR zurückliegt, (…) umso mehr tritt das in den Hintergrund. (…) Und ich glaube, das war ja für viele Menschen, die in den 1990er-Jahren gesehen haben, wie die Industrien zu zugrunde gegangen sind, die Betriebe geschlossen haben. Da hängt ja ganz viel dran. Wenn die Betriebe geschlossen haben, gab es keine Steuereinnahmen für die Kommunen mehr. Dann wurde die Kinderbetreuung schwierig. Wenn es keine Kinderbetreuung gab, war es schwierig, dass Frauen arbeiten gehen konnten. Dann wurde die Verkehrsanbindung ausgedünnt. Also es ist ja auch mit einer Form von Isolation und Isolierung verbunden gewesen, nicht nur im Infrastrukturbereich, sondern auch im sozialen Bereich, auf das niemand in dieser Form vorbereitet war. (…) MUSIK TC 21:50 - Outro
- 04.10.202421 min
Fünf Monate nach der Gründung der BRD wird am 7. Oktober 1949 auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Dass sich mit der DDR ein eigener Arbeiter- und Bauernstaat entwickeln würde, ist nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch nicht absehbar. Von Ulrike Beck (BR 2019) Credits Autorin: Ulrike Beck Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Robin Auld, Regina Stärke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Ulrich Mählert, Anita Möller Linktipps: ARD History (2024): 1949 in Ost und West – Zwei Familien und ihre Träume Als am 23. Mai 1949 das Grundgesetz in Bonn verabschiedet wird, ist in Bremen große Wäsche. Und in Petriroda wird am 7. Oktober 1949, dem Tag der Gründung der DDR, aus Strohsäcken eine Matratze gemacht. Mit Momentaufnahmen des Jahres 1949 aus dem Leben zweier Familien begleitet "1949 in Ost und West" Maria Bastille und Jördis Krey bei ihrer persönlichen Spurensuche, wie es ihren Familien 1949 ergangen ist – einem Jahr, das für die Deutschen die wichtigste Zäsur für viele Jahrzehnte sein wird: die Teilung in zwei deutsche Staaten vor 75 Jahren. JETZT ANSEHEN rbb (2024): Zwischenzeiten – Eine Familiengeschichte der Wendejahre Die wilden Jahre in Berlin, die späten 80er und beginnenden 90er Jahre sind auch für die Wozniaks und die Konrads entscheidend – zwei Familien in Ostberlin, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jana stammt aus einer Funktionärsfamilie, Frank aus einer Handwerkerfamilie mit Privatbetrieb. Die einen profitierten vom SED-System, die anderen litten darunter. Trotzdem heiraten Jana und Frank am 9.11.1989 – am Tag des Mauerfalls. Sie erleben die Wende und den ersten Jahren im wiedervereinigten Deutschland: Alles ist neu, eine Zeit der Krisen und Hoffnungen. ZUM HÖRSPIEL Archivradio (2023): Gründung der DDR 7.10.1949 | Am 7. Oktober 1949 wird aus der sowjetischen Besatzungszone die DDR. Dazu wird in der Ost-Berliner Wilhelmstraße die provisorische Volkskammer ins Leben gerufen, provisorisch, weil die Wahlen erst im Folgejahr stattfinden sollten. Wichtigster Redner an diesem Gründungstag der DDR ist Wilhelm Pieck. Er ist zusammen mit Otto Grotewohl Vorsitzender der SED und wird an diesem Tag Präsident der DDR. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 - Intro TC 02:54 – Enteignungen, Verurteilungen und andere Reformen TC 07:39 – Anita Möller: Eindrücke einer Zeitzeugin TC 10:45 – Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands TC 13:52 – Alltag Nachkriegszeit TC 16:05 – Ein „antifaschistisch-demokratischer Neuanfang“? TC 20:30 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro 1.O-Ton: (Wilhelm Piek) (frei verwendbar) Auf der Grundlage der vom 3. Volkskongress bestätigten Verfassung ist in der deutschen Hauptstadt Berlin einmütig von allen Parteien und Massenorganisationen im deutschen Volksrat die Deutsche Demokratische Republik geschaffen worden Erzähler Wilhelm Pieck verkündet am 7.Oktober 1949 im großen Festsaal des früheren Reichsluftfahrtsministeriums die Gründung der DDR. Musik Vier Tage später wählt ihn die Provisorische Volkskammer, das Parlament der DDR, zum Präsidenten des neuen Staates. Ministerpräsident und damit Staatschef wird der frühere Sozialdemokrat Otto Grotewohl. Erzählerin Dass sich vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwei deutsche Staaten entwickeln würden, ist 1945 nicht absehbar. Nach der Kapitulation des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht übernehmen ab dem 5. Juni die vier Siegermächte die Regierungsgewalt in Deutschland. Erzähler Deutschland soll entnazifiziert, demokratisiert und entmilitarisiert werden. Es soll dafür gesorgt werden, dass niemals wieder eine militärische Bedrohung von diesem Land ausgeht. Darauf einigen sich der amerikanische Präsident Harry Truman, der sowjetische Regierungschef Josef Stalin und der britische Premier Winston Churchill am 2.August 1945 mit dem „Potsdamer Abkommen“. Musik Erzählerin Josef Stalin scheint es mit dem demokratischen Aufbau seiner Besatzungszone eilig zu haben. Noch bevor er das Potsdamer Abkommen unterzeichnet, lässt die Sowjetische Militäradministration SMAD als erste Siegermacht in ihrer Zone wieder Parteien zu. Bis Juli gründen sich KPD, SPD, CDU und die Liberal-Demokratische Partei LDP. Erzähler Die vier Parteien bilden zusammen die „Einheitsfront der antifaschistisch-demokratischen Parteien“, die als Block politische Beschlüsse nur einstimmig fassen dürfen. Ein Novum in der deutschen Parteiengeschichte. Erzählerin Welche Strategie Stalin mit seiner Besatzungspolitik in der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone, verfolgt, erklärt der Historiker und Autor Ulrich Mählert. Er ist Referent bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und einer der profiliertesten Kenner der DDR-Geschichte: TC 02:54 – Enteignungen, Verurteilungen und andere Reformen 2.O-Ton ( Mählert ab 3:04) Die Sowjetunion hatte auf der einen Seite das Ziel, maximale Reparationsleistungen aus dem Land zu bekommen, weil die deutsche Wehrmacht das eigene Land verwüstet hatte. Auf der anderen Seite hatte man anfangs den Versuch unternommen, politische Strukturen zu schaffen, die für ganz Deutschland gelten sollten und auch mit dem Ziel, den Einfluss der Kommunisten in ganz Deutschland sicherzustellen. Atmo & Musik Erzähler Um dieses Ziel zu erreichen, wird noch während der letzten Kriegswochen KPD-Funktionär Walter Ulbricht zusammen mit anderen deutschen Kommunisten aus seinem Moskauer Exil nach Berlin eingeflogen. Ulbricht ist als Leiter der KP-Gruppe Berlin gut auf seinen Einsatz im Nachkriegsdeutschland vorbereitet. Sein Auftrag ist klar: Er soll die Vorherrschaft der kommunistischen Partei in der sowjetisch besetzten Zone ebnen. 3.O-Ton ( Mählert ab 7:35) Walter Ulbricht war der Mann Moskaus, der eigentliche Organisator, der eigentliche Macher in der Kommunistischen Partei und in dem sich entwickelnden politischen System der SBZ. (…) Und Ulbricht war der Funktionär, der alle anderen Funktionäre kannte. Der Personalpolitik betrieb, der das Vertrauen der Sowjets hatte, und er hat im Prinzip bis ja Ende der 60er Jahre bis Anfang der 70er Jahre weitgehend unumstritten geherrscht. Musik Erzählerin Ab September 1945 beginnt die SMAD mit wichtigen Strukturveränderungen innerhalb der SBZ. Mit der Bodenreform werden Großbauern entschädigungslos enteignet, die mehr als 100 Hektar Land besitzen. Im Oktober tritt die Schulreform in Kraft - mit dem Ziel, alte Bildungsprivilegien zu überwinden. Ab dem Sommer 1946 werden unter der Losung „Enteignung der Kriegsverbrecher“ Betriebe entschädigungslos verstaatlicht. Musik Erzähler Die SMAD beginnt schon wenige Wochen nach Kriegsende, nicht nur NS-Verbrecher massenweise in Speziallager wie Buchenwald, Berlin-Hohenschönhausen, Bautzen und Sachsenhausen zu internieren. 4.O-Ton: (Mahler ab ca 11:25) Das waren häufig auch ehemalige deutsche Konzentrationslager. Da sind selbstverständlich viele Funktionsträger des NS-Systems gelandet. Da landeten aber auch ab Sommer 1945 oppositionelle Kommunisten, oppositionelle Sozialdemokraten, bürgerliche Demokraten, die irgendwie auffielen, die denunziert wurden, die im Weg standen. Und das setzte sich fort. Es gab sowjetische Militärtribunale, die bis Anfang der 1950er Jahre Deutsche im Schnellprozess zu teilweise Jahrzehnten Lagerhaft verurteilten, teilweise zum Tode verurteilten. Es wurden dann auch Tausende von Gefangenen in die Sowjetunion in den Gulag transportiert. Erzählerin Es sind über 50.000 Menschen, die Folter und Hunger in den Speziallagern der SBZ nicht überleben. Mehr als 20.000 werden bis 1947 in die Sowjetunion verschleppt und dort teilweise umgebracht. Erzähler Trotz der öffentlich inszenierten Schauprozesse nimmt die Bevölkerung an dem Schicksal der Verurteilten wenig Anteil. Was daran liegt, dass - genau wie in den westlichen Besatzungszonen - auch die Nachkriegsgesellschaft in der SBZ in erster Linie damit beschäftigt ist, zu überleben. Ulrich Mählert: 5.O-Ton ( Mählert ab ca. 14:10) Die lebten in einem kriegszerstörten Land. Es gab Zuzugssperren. (…) alles war reglementiert. Man war froh, wenn man ein Dach überm Kopf hatte, Frauen warteten auf die Heimkehr ihrer Männer aus der Kriegsgefangenschaft. Es gab Millionen von Flüchtlingen aus den vormaligen deutschen Gebieten des Ostens, die praktisch in der SBZ erst mal Halt gemacht hatten Man war so beschäftigt mit dem Überleben, mit der Frage: Was soll ich essen? (…) Da hat man da zum Teil der Frage der Politik auch überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt . (…) und dann greift natürlich so ein Gedankengang: Die Leute, die da verhaftet werden, die werden sich schon irgendwas haben zuschulden kommen lassen und ich denke, es gab ja auch keine Massenemigration aus dem Nationalsozialismus, sondern Leute sind gegangen und geflohen, die unmittelbaren Verfolgungsdruck verspürt hatten und so ähnlich war es natürlich auch in der SBZ. Erzählerin Zumal die Bodenreform unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ in weiten Teilen der Bevölkerung äußerst populär ist. Schon weil ein Teil des enteigneten Agrarlandes in den Besitz von über 500.000 Landarbeitern, Kleinbauern und Flüchtlingen übergeht. Es gibt also in Zeiten des Wiederaufbaus nicht nur Verlierer, sondern viele Gewinner. TC 07:39 – Anita Möller: Eindrücke einer Zeitzeugin Musik Erzähler Außerdem sorgt die sowjetische Besatzungsmacht als erste Siegermacht dafür, dass es auch wieder ein kulturelles Leben gibt. Zwei Monate nach Kriegsende existieren im Ostsektor Berlins wieder Theater, Symphonieorchester, Opernensembles und Kabaretts. 6.O-Ton: ( Mählert ab 17:51) Es gab einen anfänglich unglaublich hoffnungsvollen kulturellen Aufbruch. Viele Migrantinnen und Migranten, die praktisch vom Nationalsozialismus in alle Welt geflohen sind, sind in die SBZ zurückgeholt worden, sind dorthin gegangen, hatten dort auch ein kulturelles Leben entfaltet, was auch beispiellos war. Musik Erzählerin Ein kleiner Lichtblick an Normalität für die Nachkriegsgesellschaft, die mit sowjetischen Besatzungssoldaten konfrontiert sind, die berüchtigt dafür sind, brutal gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Anita Möller blickt zurück: 7.O-Ton: ( Möller ab 8:22) Ich erinnere mich nur, dass wir Angst hatten vor denen. Es hieß, die brechen ein und stehlen und vergewaltigen. Das waren halt die Dinge, die man so gehört hat im Umfeld. Also man hatte einfach Angst vor denen. Später wurde das dann anders. Als ich dann 14, 15, 16 Jahre alt war, haben wir dann Russen kennengelernt, die – wie sag ich das jetzt - sehr nett waren. Erzähler Anita Möller ist bei Kriegsende fünf Jahre alt. Sie hatte erlebt, dass eine Brandbombe ihr Elternhaus in Dresden zerstörte. Die Familie flüchtete nach Österreich. 1947 fällt der Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren - nach langer Diskussion zwischen den Eltern: Es geht zurück in die SBZ und nicht nach Köln, in die Heimatstadt der Mutter. Atmo Erzählerin Einer der Gründe für die Entscheidung ist ein Anruf aus Dresden: 8.O-Ton: ( Möller ab 2:28) Das war ein enger Freund meiner Eltern. Seine Frau (…) war meine Patentante. Und die beiden waren so, wie ich das nenne, Uralt-Kommunisten. Die hatten Parteibücher, ich glaube unter 300 waren die Nummern. Und die sagten: Hier wird es jetzt wunderbar. Der sozialistische Staat wird kommen, und hier gehört dann alles allen. Kommt doch her. Hier lässt sich viel besser leben als in Westdeutschland. Erzähler Anitas Eltern gehören zu den vielen, die sich nach der NS-Diktatur wünschen, in einem sozialistischen Staat zu leben. Es herrscht eine Aufbruchsstimmung, von der sich nicht nur in der SBZ Menschen mitreißen lassen. Der Historiker Ulrich Mählert: 9.O-Ton ( Mählert ab 18:16) Es gab insgesamt eine Linkswende in ganz Europa. Sie müssen sich in Erinnerung rufen: 1945 wird Winston Churchill abgewählt und Clement Attlee folgt als Labour Premierminister. (…) „Nach Hitler kommen wir“ war der Slogan der Kommunisten und viele Menschen waren davon überzeugt, dass jetzt praktisch eine sozialistische, kommunistische, sozialdemokratische Zukunft anbricht. TC 10:45 – Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands Musik Erzählerin Doch gab es jemals die Chance, dass aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges ein sozialistischer Staat hervorgeht, so wie ihn sich Anita Möllers Eltern und viele andere herbeisehnen und keine neue Diktatur? Schon 1946 ist der erste Schritt bereits getan, der den Weg der SBZ in die spätere DDR-Diktatur ebnet. Durch die Vereinigung von SPD und KPD zur sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der SED. Musik Erzähler Die Idee, die Spaltung der Arbeiterklasse zu überwinden und sich zu einer gemeinsamen gleichberechtigten Einheitspartei zusammen zu schließen, kommt ursprünglich von der SPD. Die KPD weigert sich zunächst, ändert aber auf Druck der sowjetischen Besatzungsmacht ab dem Herbst 1945 ihren Kurs. Erzählerin Nach dem schlechten Ergebnis der Partei bei den Wahlen in Österreich und Ungarn soll sich die KPD nun mit der SPD zusammenschließen, dabei aber die Führungsrolle übernehmen. So ist es der Wunsch der sowjetischen Besatzungsmacht. Otto Grotewohl, Vorsitzender des Zentralausschusses der Ost-SPD lässt sich wie viele andere Sozialdemokraten darauf ein. 10.O-Ton ( Mählert ab 6:25) Zum einen gab es sicherlich auch viele Sozialdemokraten, die davon überzeugt waren, dass die sozialdemokratischen Funktionäre auf allen Ebenen, die ja einen ungeheuren Rückhalt innerhalb der Arbeiterschaft und der Otto-Normalverbraucher-Bevölkerung hatten, die Kommunisten letztlich an die Wand spielen würden. Dann gab es persönlichen Druck. Es gab Überredungen, Schmeicheleien Versprechungen. (…) In dieser Gemengelage (…) ist man dann den Weg gegangen. Erzähler Am 21. April 1946 besiegeln KPD-Chef Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Nicht nur Pieck und Grotewohl teilen sich den Parteivorsitz, sondern auch alle anderen wichtigen Ämter werden innerhalb der SED zunächst paritätisch besetzt. Eine Regelung, die bis 1948 gilt. Musik Erzählerin Bei den folgenden Landtagswahlen im Herbst 1946 rächt sich, dass die SED in der Bevölkerung als „Russenpartei“ verschrien ist, deren Funktionäre die Demontage der Industrieanlagen durch die Sowjetunion als gerechte Entschädigung der Besatzer darstellen. Die Wähler und Wählerinnen entscheiden, dass die SED in keinem der fünf Länder die absolute Mehrheit erreicht. Erzähler Dessen ungeachtet setzt die Partei wesentliche Pflöcke in Richtung künftiger Kontrollstaat. Im Dezember 1946 wird mit der „Deutschen Verwaltung des Inneren“ ein zentrales Innenministerium für die SBZ aufgebaut. Auf Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht entsteht darin der Grundstein für den künftigen Überwachungsapparat: die politische Polizei, die sich im Laufe der Zeit zum Führungsorgan der fünf Länder der SBZ entwickelt. Eine besondere Aufgabe kommt darin der Abteilung Kriminalpolizei 5, auch Kommissariat 5 genannt, zu. Einem Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit. TC 13:52 – Alltag Nachkriegszeit Musik Erzählerin Währenddessen versucht die Gesellschaft in der zerstörten SBZ - wie Millionen von anderen Menschen in der Nachkriegszeit, ihr Leben neu zu organisieren. 11.O-Ton (Möller 3:37) Wir sind ganz am Anfang in das Mietshaus, in dem meine Tante wohnte. Oben unterm Dach gab es ein Zimmer, und da (…) wohnten wir dann zu sechst. Das war sehr eng und dunkel und schäbig, das weiß ich noch, aber (…) man hat es hingenommen. Es ging ja allen schlecht. Keiner hatte irgendetwas. Deshalb war das auch nichts Besonderes. Erzähler Auch wenn Anita Möllers Vater als Bauingenieur schnell wieder Arbeit findet, ist der Alltag der Familie davon bestimmt, sich etwas zu essen zu beschaffen. 12.O-Ton (Möller ab 12:10) Meine Mutter ist damals - (…) Die ist immer über die sogenannte grüne Grenze gegangen nach Westdeutschland hamstern. Die gingen da rüber mit einem Rucksack durch den Wald in der Nacht auf die andere Seite und (…) hat Essen geholt und dann zurück nach Hause gebracht. Musik Erzählerin In aller Not lässt es die SED-Führung am Freizeitprogramm für Kinder- und Jugendliche nicht mangeln. Gleich nach Kriegsende gründet Erich Honecker den Jugendausschuss für die Ostzone, aus dem ein Jahr später die Jugendorganisation FDJ entsteht. Erzähler Darüber hinaus wird im Dezember 1948 die sozialistische Kinderorganisation gegründet: der Verband der jungen Pioniere. In dem die sechs- bis 13-jährigen lernen sollen, sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Kollektiv. Die Vorsitzende der Jungen Pioniere ist Margot Feist, spätere Honecker. Erzählerin Auch Anita Möller geht mit acht Jahren zu den Jungen Pionieren. 13.O-Ton (Möller ab ca. 5:20) Das fand ich damals ganz toll mit diesen gleichaltrigen Kindern in verschiedenen Gruppen zu spielen, zu arbeiten und dieser Zusammenhalt. (…) Später als ich 13, 14 Jahre alt war und die Zukunft so aussah, dass die Nachfolgeorganisation dann die FDJ Freie Deutsche Jugend sein wird. Da bin ich dann nicht mehr eingetreten. TC 16:05 – Ein „antifaschistisch-demokratischer Neuanfang“? Musik Erzähler Während Anita noch begeistert zu den Treffen der Jungen Pionieren geht, hat sich das Verhältnis der drei Westmächte zur UdSSR merklich abgekühlt. Ost und West sind längst auf dem Weg in den Kalten Krieg. Erzählerin Bereits im März 1947 gibt US-Präsident Harry Truman mit der „Truman-Doktrin“ als neues Ziel der amerikanischen Außenpolitik vor, freie Völker in ihrem Kampf gegen Totalitarismus künftig zu unterstützen. Erzähler Im Sommer 1947 legt die USA den Marshall-Plan vor. Das Milliarden-Dollar-schwere Wiederaufbauprogramm soll auch in der SBZ gelten. Doch Stalin geht diesen Weg nicht mit. Genau so wenig wie die Währungsreform, die in den westlichen Besatzungszonen am 20. Juni 1948 in Kraft tritt. Erzählerin Statt der D-Mark wird wenige Tage später in der SBZ die Ostmark eingeführt. Und ab Ende Juni die Planwirtschaft. Ulrich Mählert: 14.O-Ton: (Mählert 24:09) Das war eine Planwirtschaft, die einerseits darauf ausgerichtet war, Güter für die Sowjetunion zu produzieren und andererseits war das auch ganz stark darauf ausgerichtet, die Schwerindustrie aufzubauen, die man in Ostdeutschland nicht hatte. (…) Und insofern war praktisch das ein nachholendes Industrialisierungsprogramm mit dem Versprechen nach dem Motto „So wie ihr heute arbeitet, werdet ihr morgen leben“. Und gleichzeitig blieben Lebensmittel rationiert und die Menschen haben ja nichts von den versprochenen Wohltaten des Sozialismus erkennen können. Erzähler Anders als die Parole vom „antifaschistisch-demokratischen Neuanfang“ glauben machen sollte, verwandelt sich die SED ab dem Frühsommer 1948 zur marxistisch-leninistischen Kaderpartei: 15. O-Ton Mählert ( ab 9:50) Das war wirklich so eine Phase, in der überall politische Opposition ausgeschaltet worden sind. Innerhalb der SED wurden die Sozialdemokraten aus ihren Funktionen gedrängt. Man hat die christdemokratische Partei, die liberaldemokratische Partei da rigoros gleichgeschaltet. Massenorganisationen wie die Freie Deutsche Jugend, der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, die bis zu dem Zeitpunkt noch Fragmente von Pluralität in ihren Führungsgremien hatten, wurden Schritt für Schritt in den Statuten, in ihrer Organisationsform auf Linie gebracht. Die Planwirtschaft, der Wirtschaftsplan wurde neu aufgelegt und das ist dann praktisch eine Verschärfung des politischen und ökonomischen Transformationsprozesses. Musik Erzählerin Als Reaktion darauf, dass die Westalliierten am 20.Juni 1948 auch in ihren drei Sektoren Berlins die D-Mark einführen, lässt Stalin alle Land- und Wasserwege in die alte Reichshauptstadt blockieren. Erzähler Damit sind mehr als zwei Millionen Menschen in den Westsektoren Berlins fast ein Jahr lang eingeschlossen. Um sie zu versorgen, beginnt unter Führung von US-Generalgouverneur Lucius D. Clay am 24.Juni 1948 die Berliner Luftbrücke. Atmo Sprecher Mehr als 500 amerikanische und britische Transportmaschinen bringen bis zum 12. Mai 1949 Lebensmittel und Kohle nach Berlin. Sie fliegen über einen breiten Luftkorridor und landen schließlich im Zweiminuten-Takt an den Flughäfen Tempelhof, Gatow und Tegel. Es sind am Ende 1,8 Millionen Tonnen Nahrung, Kohle und Industriegüter, dank denen die Westberliner die Blockade überleben. Erzählerin Stalins Kalkül, wenn schon nicht ganz Deutschland, so wenigstens Berlin unter seine Kontrolle zu bringen, geht nicht auf. Stattdessen tritt am 23. Mai das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Nur 12 Tage nach der Wahl Konrad Adenauers zum Bundeskanzler erteilt Josef Stalin schriftlich seine Zustimmung, einen zweiten deutschen Staat zu gründen: die Deutsche Demokratische Republik. Erzähler Anita Möller ist damals neun Jahre alt: 16.O-Ton (Möller ab ca. 17:00) Ich habe das ja alles erst sehr viel später - Ende der Fünfzigerjahre da bin ich dann auch ab und zu nach West-Berlin gefahren - gemerkt (…) dass es hier alles gab und wir so wenig hatten, aber irgendwie hat man das hingenommen. Das hat sich alles erst geändert mit dem Bau der Mauer. Da war schlagartig klar: Ich muss weg. Erzählerin: Anita Möller gehört zu den wenigen, die nach dem Bau der Mauer mit ihrer Familie durch einen Tunnel in den Westen fliehen kann. TC 20:30 – Outro
- 20.09.202423 min
Sie ist ein Experimentierfeld am Ende der Welt: die Atlantikinsel Ascension, auf halbem Weg zwischen Afrika und Südamerika. Hier entstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts das erste künstlich geschaffene Ökosystem der Welt. Die Briten siedelten zahlreiche neue Pflanzen und Tiere an. Doch die koloniale Unterwerfung der Insel durch die Briten zeigt bis heute Schattenseiten. Von Lukas Grasberger (BR 2023) Credits Autor: Lukas Grasberger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer Technik: Regina Stärke, Christine Frey Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: João Vitor Tossini, Dr. Nicola Weber, Prof. David Wilkinson Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2023): Über die Tücke der ökologischen Zeitbombe Dem Klimaschutz läuft die Zeit davon: Wenn die Erderwärmung begrenzt werden soll, braucht es globale Anstrengungen, warnt der IPCC. Der Philosoph Hans Jonas entwarf bereits 1979 eine globale Umweltethik. Heute ist sie aktueller denn je. JETZT ANHÖREN ARD alpha (2021): Leben auf dem Mars? Gibt es - oder gab es Leben auf dem Mars? Und wenn ja, wie könnte dieses Leben aussehen? Die Antwort finden wir möglicherweise auf der Erde. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:17 – Eine Insel im Dornröschenschlaf TC 03:05 – Die steinerne Fregatte TC 06:30 – Ethische Fragen der Flora und Fauna TC 10:53 – Das Problem Vögeln, Ratten und Katzen TC 14:07 – Ist da doch ein Plan(et) B? TC 22:38 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO ERZÄHLERIN Eine Insel irgendwo im Nirgendwo, Mitten im Atlantik. Eigentlich nur ein größerer Felshaufen im Wasser - flächenmäßig in etwa so groß wie Würzburg. Jedoch so uninteressant, dass selbst frühe portugiesische Eroberer nur kurz einen Fuß daraufsetzten. Um fortan einen großen Bogen um das wüste Eiland zu machen. Mit diesen wenigen Worten könnte die Geschichte der Insel Ascension erzählt sein. Eigentlich. MUSIK Denn Ascension, diese Insel, auf der wahrscheinlich sechs, sieben Millionen Jahre lang so gut wie nichts passierte, seit sie sich nach einem Vulkanausbruch über die Meeresoberfläche erhob: Diese Insel wurde in den letzten gut 200 Jahren zu einem Knotenpunkt der Weltgeschichte. Und sie sollte sich letztendlich zu einem biologischen Labor unter freiem Himmel entwickeln - das sogar Antworten auf drängende Zukunftsfragen unserer Zeit liefern könnte. TC 01:17 – Eine Insel im Dornröschenschlaf ATMO Es ist eine Entwicklung, die keineswegs absehbar ist, als die Seefahrer João da Nova und Afonso de Albuquerque Anfang des 16. Jahrhunderts wohl als erste Menschen Ascension Island betreten. O-Ton 1 João Vitor Tossini, Politikwissenschaftler, englisch, deutsche Overvioce, Teil 1 „Diese portugiesischen Seefahrer machten nur kurz Station auf Ascension – das übrigens einer Überlieferung nach so heißt, weil Albuquerque sie am Feiertag von Christi Himmelfahrt erstmals gesichtet haben soll.“ ERZÄHLERIN ...weiß der brasilianische Politikwissenschaftler Vítor Tossini. O-Ton 1 Tossini Teil 2 „Auf der Insel gab es kaum Wasser. Lebensfeindliche Bedingungen also, weshalb weder da Nova, noch ein paar Jahre später Albuquerque formale Besitzansprüche geltend machten. Die Portugiesen hatten kein Interesse daran, die Inseln bewohnbar zu machen und sie zu besiedeln.“ ERZÄHLERIN Für gut 300 Jahre fiel die unwirtliche Insel erneut in einen Dornröschenschlaf. Im 17. Jahrhundert beschrieb ein schiffbrüchiger Seemann die Insel mit den Worten: “Jeder hätte gedacht, dass der Teufel persönlich hier seine Wohnstatt genommen - und den Eingang der Hölle hierhin verlegt hat.” MUSIK ERZÄHLERIN Nicht viel schmeichelhafter äußerte sich der britische Naturforscher Charles Darwin, der 1836 zur ersten geologischen Expedition nach Ascension kam. ZITATOR „Der Tag war klar und heiß: Und ich sah eine Insel, die mir nicht in Schönheit zulächelte, sondern mich in nackter Hässlichkeit anstarrte. Die Lavaströme sind mit Hügeln bedeckt. Die Landschaft ist in einem Ausmaß zerfurcht, die sich geologisch nicht einfach erklären lässt.“ TC 03:05 – Die steinerne Fregatte ERZÄHLERIN Trotz der wenig einladenden Geologie, trotz der äußerst kargen Fauna und Flora sollte Ascension doch bald interessant für die seefahrenden Nationen der Neuzeit werden. Dies lag vor allem an Napoleon. Die Briten verbannten den französischen Ex-Kaiser nach dessen letzter Kriegs-Niederlage bei Waterloo auf die Atlantikinsel St. Helena – die 1300 Kilometer entfernte Nachbarinsel von Ascension. O-Ton 2 Tossini OV „Die Briten sagten sich: Wenn wir Napoleon nach St. Helena ins Exil schicken, dann brauchen wir eine Präsenz in der Region. Damit nicht das gleiche passiert wie in Elba, wo Napoleon zuletzt entkommen konnte.“ ERZÄHLERIN Großbritannien baute Ascension Island zu einer „steinernen Fregatte“ aus. Da es der Königlichen Marine selbst untersagt war, über Land zu herrschen, stellten die Briten Ascension tatsächlich als Kriegs-Schiff in ihren Dienst. Solche „steinernen Fregatten“, sagt Vítor Tossini, wurden im 19. Jahrhundert zu strategische wichtigen Stützpunkten, mit denen das British Empire seine Position als globale Großmacht festigte. O-Ton 3 Tossini OV „Stützpunkte wie Ascension Island waren wichtig, als es um Napoleon ging. Sie sollten etwas später eine bedeutende Zwischenstation für britische Schiffe auf dem Weg in die Kolonien, zunächst Ost-Indien, dann Südafrika werden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Ascension und St. Helena zu Häfen, die Dampfschiffe auf diesen langen Routen mit Kohle versorgen konnten.“ MUSIK ERZÄHLERIN Die Lage von Ascension Mitten im Südatlantik erlaubte es Großbritannien, gleich einer Spinne die Fäden im weltumspannenden Netz der Macht zu spinnen: So beschreibt es der Experte für internationale Politik, Vítor Tossini. Mit seinen „steinernen Fregatten“ machte Großbritannien seinen Einfluss geltend – etwa für die Abschaffung des Sklavenhandels. Dies, betont Tossini, sei weniger aus christlicher Nächstenliebe oder Humanismus geschehen. Vielmehr fürchtete Großbritannien im globalen Markt um die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Produkte. O-Ton 4 Tossini OV „Großbritannien hatte Anfang des 19. Jahrhunderts den Handel mit Sklaven im British Empire abgeschafft – und drängte andere Nationen, es ihm gleichzutun. Das Parlament in Brasilien verabschiedete dazu eine Reihe von Gesetzen, um die Briten zu besänftigen. Praktisch ging der Sklavenhandel jedoch weiter. Deshalb begann Großbritannien, die Muskeln spielen zu lassen, und fing brasilianische Handelsschiffe ab – besonders solche Boote, die Sklaven transportierten. Wichtige Haltepunkte dafür waren St. Helena und Ascension Island: Mitten im Atlantik, genau zwischen Afrika und Brasilien waren sie dafür perfekt gelegen.“ ERZÄHLERIN Ihren zuallererst militärisch-machtpolitischen Charakter hat die Insel, auf der offiziell gerade einmal 800 Menschen dauerhaft leben, bis heute behalten. Vítor Tossini: O-Ton 5 Tossini OV SPRECHER „Bis zum heutigen Tag kann niemand eine Liegenschaft auf Ascension Island erwerben, und niemand darf sich dauerhaft dort niederlassen. Man kann seinen Aufenthalt dort verlängern - aber ob das gewährt wird: Das hängt von der britischen Regierung ab.“ TC 06:30 – Ethische Fragen der Flora und Fauna MUSIK ERZÄHLERIN Um die karge Insel für die zeitweise dort stationierten Briten attraktiver zu machen, entwickelten zwei Biologen einen gewagten Plan. Charles Darwin und sein Kollege Joseph Hooker schlugen der britischen Marine vor, Bäume, Sträucher und andere Pflanzen nach Ascension zu bringen. Ein neues, künstlich angelegtes Ökosystem entstand, weiß Nicola Weber. Die promovierte Biologin forscht und lehrt an der der University of Exeter. Von 2013 bis 2016 war Weber verantwortlich für den Naturschutz auf Ascension. O-Ton 6 Dr. Nicola Weber englisch, dt. OV „Schiffe brachten Flora aller Art – und aus den verschiedensten Teilen der Welt nach Ascension. Vieles kam aus Key Gardens, dem Londoner Botanischen Garten, zu dem Joseph Hooker gute Beziehungen hatte. Diese Bäume, Büsche und Blumen wurden auf dem Green Mountain, dem Grünen Hügel gepflanzt.“ ZITATOR „Nach oben hin findet man ein Dickicht von 40 verschiedenen Baumarten, daneben wachsen zahlreiche Sträucher und Obstbäume“. ERZÄHLERIN ...heißt es in John Croumbie Browns Studie „Wälder und Feuchtigkeit“ aus dem Jahr 1877. Binnen weniger Jahrzehnte war also auf dem „Grünen Berg“ von Ascension üppige Vegetation entstanden. Die ursprüngliche Idee, die Versorgung der Inselbewohner mit Obst und Gemüse vor Ort zu verbessern, schien erreicht. Doch gelöst waren die Wassernöte Ascensions damit noch keineswegs. Und auch das neue Ökosystem, der frische Bergwald, der Wasser aus den Wolken kämmte, erwies sich als fragil: Die neu eingeführte Flora und Fauna bedrohte endemische, seit Langem auf der Insel heimische Tiere und Gewächse. O-Ton 7 Dave Wilkinson engl., dt. OV „Solch ein Vorgehen führt fast zwangsläufig dazu, dass man Arten ausrottet.“ ERZÄHLERIN ...sagt der Ökologe Dave Wilkinson, Professor an der University of Lincoln. O-Ton 8 Wilkinson OV „Diese Begrünung von Ascension war ein Experiment, das man heutzutage wohl als unethisch ablehnen würde. Fände man unberührte Natur, dann versuchte man sicher alles zu tun, sie genauso zu erhalten. Andererseits: Dieser neu geschaffene tropische Wald war viel artenreicher als die Natur, die vorher da war. Es mag vorher 20, vielleicht 30 Pflanzenarten gegeben haben: Vor allem Gräser, Farne oder Moose. Heute dürften wir ein paar hundert Arten dort haben.“ ERZÄHLERIN Das „Experiment von Ascension“ wirft – Mitten in der aktuellen Biodiversitätskrise - Fragen nach dem Preis, und dem Wert des Erhalts einzelner Arten auf. Fragen, die eher ethischer und philosophischer als biologischer Natur sind. Nicola Weber: O-Ton 9 Weber OV „Naturerhalt bedeutete für uns stets, invasive Arten loszuwerden – und einer Landschaft zu erlauben, in den Zustand zurückzukehren, bevor der Mensch sich einmischte. Hier auf Ascension hat eindeutig der Mensch diese invasiven Arten eingeführt. Müssen wir nun unsere Fehler beheben, und diese ausrotten? Oder müssen wir – als Verursacher dieses Problems – mit den Folgen leben und Wege finden, wie Fauna und Flora sich dem anpassen können?“ ERZÄHLERIN Mit dem Lehrbuchwissen zu Natur- und Artenschutz komme man auf Acension nicht weiter, betont die Biologin. Ein vielfältiges und ausgeglichenes Ökosystem, das resilient auf die aktuellen und kommenden Krisen reagieren kann: Dies ist demnach erstrebenswerter - als eine Insel wie etwa Ascension in einen fragilen, artenarmen Urzustand zurückzuführen. Nicola Weber hat auf Ascension Island die „friedliche“ Koexistenz einheimischer und invasiver Arten beobachtet. O-Ton 10 Weber OV „Ja, es gibt Fälle, in denen eine invasive eine einheimische Art verdrängt hat. Es gibt hier aber auch das Beispiel, wo etwa ein invasiver Baum einer endemischen Art einen Lebensraum bietet.“ TC 10:53 – Das Problem Vögeln, Ratten und Katzen MUSIK ERZÄHLERIN Eine solcherart friedliche Koexistenz sicherzustellen – das gelinge nicht immer, räumt die Wissenschaftlerin Weber ein. Das bekannteste Beispiel: Die Ratten, die irgendwann beim Zwischenstopp eines Segelschiffs Anfang des 18. Jahrhunderts auf die Atlantikinsel gelangt sein müssen. Ein niederländischer Seefahrer, der 1720 auf Ascension strandete, berichtete, er habe angesichts der Masse an Ratten um sein Leben gefürchtet. Die Ratten von Ascension nährten sich nicht nur von menschlichen Hinterlassenschaften. Sie dürften, so vermutet die ehemalige Konservatorin der Insel, die Landvögel auf der Insel ausgerottet haben. Und begannen dann, die Nester der Seevögel zu plündern. Nicola Weber: O-Ton 11 Weber OV „Nachdem die Ratten sich auf Ascension einmal angesiedelt hatten, begannen sie die Eier der Seevögel zu räubern, was deren Bestände dezimierte. Dies taten sie jedoch nicht in dem Ausmaß wie später die Katzen – die man eigentlich auf die Insel gebracht hatte, um die Rattenplage zu bekämpfen. Die Katzen interessierten sich aber nicht sonderlich für die Ratten, ihnen schmeckten die Vögel besser. Das sollte katastrophale Auswirkungen auf die Seevögel-Populationen haben.“ ERZÄHLERIN 2001 entwickelten Vogelschützer gemeinsam mit der britischen Regierung daher einen umstrittenen Plan: Die wilden Katzen sollten getötet werden, um den Seevögeln – die sich auf Ascension vorgelagerte Felsen zurückgezogen hatten – die Rückkehr zu ermöglichen. O-Ton 12 Weber OV „Es gab lange ethische und moralische Diskussionen, eine Volksbefragung, bei der sich zahlreiche Bewohner gegen die Ausrottung der Wildkatzen aussprachen. Als man dann begann, die Tiere zu vergiften, erwischte es auf der Insel auch viele Hauskatzen: Fast 40 Prozent wurden unabsichtlich getötet. Aus Artenschutz-Perspektive war diese Maßnahme aber erfolgreich. Gleich nachdem die Wildkatzen ausgerottet waren, kehrten die Seevögel zurück. Zuerst die Maskentölpel, später eine endemische Fregattvogel-Art. Mittlerweile sind elf Seevogel-Arten zurückgekehrt, wir haben mehrere Tausend Paare, die auf der Insel nisten.“ ERZÄHLERIN Trotzdem sei es schwierig, das Ökosystem im Gleichgewicht zu halten, räumt Nicola Weber ein. Bedingungen zu schaffen, in denen Vielfalt gedeihen kann – ohne dass eine Pflanze oder ein Tier ein anderes verdrängt. Sollte eine Art sich zu aggressiv ausbreiten und radikale Eingriffe nötig werden, müssten darüber nicht die Biologen, sondern die Gesellschaft als Ganzes entscheiden. O-Ton 13 Weber OV „Die Ausrottung einer Tier- oder Pflanzenart auf Ascension ist ein emotionales Thema, das die auch Interessen der Bewohner berührt. Wir haben gelernt, dass man in alle Programme zum Management dieses vom Menschen geschaffenen Ökosystems die Öffentlichkeit von Anfang an einbinden muss. Denn es kann auch schiefgehen. Vieles funktioniert hier nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“. „Trial and Error“ hat eine lange Geschichte hier, es hat Ascension geprägt.“ TC 14:07 – Ist da doch ein Plan(et) B? MUSIK ERZÄHLERIN Der aus „Versuch und Irrtum“ entstandene neue Nebelwald von Ascension stellt - nach Ansicht manches Experten - als gesichert geltende Erkenntnisse der Biologie auf den Prüfstand. Denn klassischerweise, sagt der britische Forscher Dave Wilkinson, werde die Frage, wie ein so komplexes Ökosystem wie am Green Mountain entstehen kann, mit „Koevolution“ erklärt. Koevolution meint einen oft lange andauernden, ausgefeilten Prozess, in dem sich zwei Arten wechselseitig aneinander anpassen – um daraus ihren Nutzen ziehen. Etwa bei Schmetterlingen und Orchideen: Eine Orchidee braucht das Insekt zur Bestäubung – und bietet diesem süßen Nektar, der allerdings in einem tiefen Blütenkelch schlummert. Schmetterlinge passten sich daran an, indem sie einen besonders langen Rüssel entwickelten, um den Nektar zu erreichen. In Summe entstünde aus solchen langwierigen, komplexen Prozessen ein neues Ökosystem, so die Theorie. Dave Wilkinson hat auf Ascension jedoch etwas ganz anderes beobachtet. O-Ton 14 Wilkinson OV „Das Ökosystem am Green Mountain wurde am Reißbrett in weniger als 50 Jahren geschaffen. Das hat mir gezeigt, dass es vielleicht nicht immer diesen langen Prozess der Koevolution zwischen Organismen – Pflanzen und Tieren – braucht. Ascension ist eher ein Beispiel für „Ecological Fitting“. Das bedeutet, es werden Arten bunt zusammengewürfelt. Findet eine Pflanze oder ein Tier passende Bedingungen vor, überlebt es. Wenn nicht, stirbt es aus.“ ERZÄHLERIN Für den Biologie-Professor Dave Wilkinson ist Ascension Island damit ein Studienobjekt, das zumindest ein wenig Hoffnung macht im Kampf gegen die Klimakrise. O-Ton 15 Wilkinson OV „Wenn wir uns heute Sorgen darüber machen, wie lange etwa ein gerodeter Regenwald braucht, um sich zu regenerieren, dann zeigt ein Beispiel wie Ascension: Das kann unter bestimmten Umständen sehr schnell geschehen. Schnell bedeutet in diesem Zusammenhang: Eine für die Menschheit relevante Zeitspanne von ein- bis zweihundert Jahren.“ ERZÄHLERIN Dass einmal gerodeter Tropenwald nachwächst – dies funktioniere aber auf Grund des einfacheren Kreislaufs von Verdunstung, Kondensation und Regen mitten im Meer einfacher als etwa im brasilianischen Binnenland mit dem komplexeren Ökosystem des Amazonas. Rode man dort zu große Flächen, so trockne der Boden aus, der Wald sei unwiederbringlich verloren. MUSIK ERZÄHLERIN David Wilkinson hält Acension für „untererforscht“, was die Potenziale der Insel anbelangt. Und er vertritt eine sehr gewagte Hypothese: Wenn es auf einer kargen Vulkaninsel Mitten im Atlantik gelingt, binnen weniger Jahrzehnte ein neues Ökosystem zu etablieren, dann könnte dies auch auch auf einem anderen Planeten gelingen. O-Ton 16 Wilkinson OV „Es handelt sich um die Idee des Terraforming, die ein wenig nach Science-Fiction klingt. Will man einen fremden Planten wie etwa den Mars für den Menschen bewohnbar machen, dann könnte man damit anfangen, Bedingungen zu schaffen, dass das Leben auf sehr niedriger Stufe möglich wird: Wie das etwa auf der Erde der Fall war, wo es am Anfang kaum Sauerstoff gab, der dann aber dank der Photosynthese von Pflanzen zunahm, was wiederum das Wachstum neuer Vegetation ermöglicht. Eine Dynamik, die sich aus sich selbst speist. Ein Ökosystem, das sich selbst erhält und reproduziert, wie wir es auch auf Ascension beobachten konnten: Auch dort hat man es der Natur überlassen, ihren eigenen Weg zu finden.“ ERZÄHLERIN Dass Ascension quasi eine Blaupause für Leben auf dem Mars abgeben könnte – das ist Zukunftsmusik. Bei der Erkundung anderer Planeten, für die Raumfahrt spielte – und spielt - die Insel indes bereits eine wichtige Rolle. ATMO ERZÄHLERIN Es waren nicht die NASA-Mitarbeiter im Kontrollzentrum Houston – sondern ihre Kollegen auf Ascension Island, die 1969 die Nachricht von der erfolgreichen Mondlandung der amerikanischen Astrounauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin empfingen. Doch nicht nur bei der Erkundung des Alls, auch für die ganz weltliche militärische Eroberung und Verteidigung war Ascension Island bedeutend. Ob als Zwischenlande-Platz für Flugzeuge der Alliierten im Zweiten Weltkrieg – oder für die Logistik des britischen Militärs während des Kriegs um die Falkland Inseln im Jahr 1982. O-Ton 17 Tossini OV „Interessanterweise gab es Uneinigkeit mit den USA über diese kriegerische Nutzung: Die Amerikaner waren dagegen, Ascension zur Machtprojektion zu nutzen: also seine politischen Interessen auch mit Androhung oder Anwendung von Gewalt durchzusetzen – auch weit entfernt vom eigenen Territorium. Premierministerin Margret Thatcher pochte jedoch auf die britische Souveränität, und betonte, Ascension sei die Insel der Krone - und damit „unsere“ Insel.“ MUSIK ERZÄHLERIN Ascension Island galt nach der britischen Verteidigung der Falkland-Inseln mehr denn je als „unversenkbarer Flugzeugträger“, mit dem Großbritannien seine Interessen im Südatlantik durchsetzen konnte. Heute setzt man Vítor Tossini zufolge weniger auf offene militärische Gewaltdemonstration, um sich Vorteile im internationalen Mächtespiel zu verschaffen, führt Vitor Tossini aus. Politische Widersacher – und zuweilen auch Partner – würden vielmehr ausgespäht, auch von der Atlantikinsel aus. Davon künden zahlreiche Abhör-Anlagen des britischen Geheimdienstes GCHQ, aber auch der US-amerikanischen NSA, die auf Ascension ihre Antennen in die Luft recken. Der brasilianische Experte für internationale Politik, Vítor Tossini: O-Ton 18 Tossini OV „Man muss die Abhör-Anlagen als Teil der Geheimdienst-Kooperation „Five Eyes“ sehen. Dabei arbeiten Großbritannien, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland zusammen. Es ist wie ein Puzzle einer möglichst lückenlosen weltweiten Überwachung, zu dem jedes der Länder seinen Teil beiträgt – und die Basis auf Ascension dürfte sich auf ihrer Lage gut dazu eignen, den afrikanischen Kontinent, aber auch brasilianische oder argentinische Telekommunikation abzuhören.“ ERZÄHLERIN Weltweit verfüge der britische Geheimdienst über Einrichtungen zur militärischen und nachrichtendienstlichen elektronischen Aufklärung. Ob auf Ascension, Gibraltar oder Zypern – auf abgeschirmten Inseln wie Ascension bleibe der Öffentlichkeit mehr denn je verborgen, was genau Geheimdienste treiben - und wie effektiv diese smartere, digitale Art der Kriegsführung wirklich funktioniere. Gegner und Partner über die wahre Macht und Bedeutung von Ascension im Unklaren zu lassen – dies dürfte indes durchaus im Interesse Großbritanniens liegen, betont der Politikwissenschaftler Vítor Tossini. O-Ton 19 Tossini OV „Es ist eine sehr große Spannbreite, wozu diese Insel den Briten nützlich sein kann. Man kann sich Ascension vorstellen als Instrument zur konventionellen Kriegsführung, wie auch der äußerst unkonventionellen, etwa zur Satellitenbild-Auswertung durch Geheimdienste. Theoretisch könnten sowohl Großbritannien wie auch die USA sogar Atomwaffen auf Ascension stationieren – ohne damit internationale Verträge zu brechen. Wie auch immer: Übersee-Gebiete wie Ascension helfen Großbritannien, trotz seiner eigentlich bescheidenen Größe ein bedeutender Akteur auf der internationalen Bühne zu bleiben – und quasi oberhalb seiner eigentlichen Gewichtsklasse zu kämpfen.“ MUSIK ERZÄHLERIN Ascension Island – einst schon für Charles Darwins und Joseph Hooker ein „Experiment am Ende der Welt“ - ist damit bis heute in vielerlei Hinsicht eine Insel der Möglichkeiten geblieben - die auch in Zukunft einige Überraschungen bereithalten dürfte… TC 22:38 – Outro
Korsika: Eine traumschöne Insel im Mittelmeer, bewohnt von Einwohnern, die seit Jahrhunderten um ihre Freiheit kämpfen. "Korsika ist nicht Frankreich", "Freiheit für Korsika": Solche Graffiti finden sich überall auf der Insel. Welche Rolle spielen dabei die eigene korsische Identität und Sprache? Und die alten korsischen Lieder, die Musikgruppen wie "Alba" wieder zum Leben erwecken? Von Vanja Budde (BR 2023) Credits Autorin: Vanja Budde Regie: Ron Schickler Es sprachen: Laura Maire, Florian Schwarz, Ron Schickler Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ghjuvanfrancescu Mattei, Alain Di Meglio, Matthias Waechter Linktipps: BR (2022): L’Alba beim Nürnberger Bardentreffen 2022 Während die Musiker das Erbe des polyphonen Gesangs ihrer Heimat Korsika bewahren, sind sie offen für zeitgenössische Elemente aus Folk und Jazz sowie Einflüsse aus arabischen und nordafrikanischen Ländern sowie aus Italien, Griechenland, Portugal, dem Senegal und Simbabwe. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2022): Korsika, Frankreich und die ewige Frage der Unabhängigkeit Im Frühjahr 2022 kehrte die Gewalt zurück. Nach der Ermordung eines inhaftierten Nationalisten kam es zu Protesten auf Korsika. Die Forderung nach Unabhängigkeit ist wieder da, doch die korsische Bevölkerung ist bei diesem Thema zerstritten. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:40 – Eine Insel, schon immer begehrt TC 05:15 – 14 goldene Jahre TC 08:53 – Die Universität Korsika Pasquale Paoli TC 12:56 – Wege in die Autonomie TC 19:31 – Das Korsisch Paradoxon TC 22:45 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Sprecherin Algajola, ein kleiner Ort an der zerklüfteten Westküste Korsikas. In der Dorf-Kirche verbinden drei Männer ihre Stimmen zum Paghjella-Gesang: Sie sind die Wurzeln der korsischen Musik, diese klagend-dramatischen mehrstimmigen Melodien. Wenn man sie hört, sieht man Korsikas schroffe Berge vor sich, die mehr als 50 Gipfel über 2.000 Meter Höhe, die eiskalten, klaren Flüsse, die zu Tal stürzen, die stachelige Macchia, die das harte Leben der Schäfer im Inneren der Ile de Beauté Jahrhunderte lang bestimme: der heute bei Touristen beliebten „Insel der Schönheit“. Denn Korsika ist schön, aber auch wild. Ein „Gebirge im Meer“, umkämpft seit Jahrtausenden, stets beherrscht von fremden Mächten, gegen die sich die Korsen immer gewehrt haben. All das klingt mit in diesem traditionellen, polyphonen Gesang. Die UNESCO hat ihn darum 2009 zum immateriellen Erbe der Menschheit erklärt. ATMO Sprecherin Einer der drei Sänger ist Ghjuvanfrancescu Mattei. Seine Gruppe L’Alba lade sie dazu ein, mit in die korsische Seele einzutauchen, erklärt er den Touristen, die an diesem Abend zu annähernd 100 Prozent das Publikum stellen. Darum sängen sie ausschließlich in ihrer eigenen Sprache: Korsisch. Das klingt überhaupt nicht wie Französisch, sondern hat eher Ähnlichkeiten mit Italienisch. Weshalb es auch im Norden der Nachbarinsel Sardinien von vielen verstanden wird. MUSIK TC 02:40 – Eine Insel, schon immer begehrt Sprecherin Korsika ist nach Sizilien, Sardinien und Zypern die viertgrößte Insel im Mittelmeer; mit knapp 350.000 Einwohnern, in etwa so viele wie Island hat. Früher wurde in den Dörfern im Inselinneren viel gesungen, bei Festen, aber auch abends in den Familien. Doch immer mehr junge Leute wandern in die Städte ab, nach Bastia an der Ostküste mit ihren langen Sandstränden oder in die Insel-Hauptstadt Ajaccio im Südwesten. Zurück bleiben die Alten, gesungen wird immer seltener. Gruppen wie I Muvrini, A Filetta oder eben L’Alba sind darum die Hüter nicht nur von Geschichte und Tradition, sondern sie bewahren und fördern auch die korsische Identität. Sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: O-Ton 1 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, OV OV MÄNNLICH „Unsere Insel hat in der Vergangenheit gelitten. Und sie hat sich an jedes Leiden angepasst. Deshalb findet man auch in der Musik, im künstlerischen Ausdruck, eine Form von Melancholie, eine Form von Schmerz. Denn die korsische Bevölkerung wurde in all den Jahren der Fremdherrschaft mundtot gemacht. Das erzählen wir auch in unseren Liedern: Dass wir Korsen schweigen mussten. Immer wieder unsere Staatsangehörigkeit ändern mussten. Sicherlich spürt man das in unserer Musik: Korsikas melancholische Leuchtkraft.“ ATMO Sprecherin Sie ist lang, die Liste der fremden Herrscher über diese gebirgige Insel, die zwischen dem italienischen Festland und Sardinien liegt: Byzantiner, Langobarden, Sarazenen und Franken setzten sich an den Küsten fest. Die Markgrafen der Toskana meldeten ebenso Ansprüche an, wie die Seerepubliken Pisa und Genua. Die meisten Korsen zogen sich ins unzugängliche Inselinnere zurück. MUSIK Dabei war die Insel schon in prähistorischer Zeit bewohnt. Und schon immer begehrt. Ligurer und Etrusker vom nahen italienischen Festland siedelten sich an, aber auch Griechen und Araber hinterließen genetisch ihre Spuren. Unter der Herrschaft Genuas im Mittelalter kamen viele italienische Siedler, die ihre Sprache und Kultur mitbrachten. Es wird daher angenommen, dass die moderne korsische Bevölkerung eine Mischung all dieser ethnischen und linguistischen Gruppen ist. So blieb Korsika, das nie eine brave Kolonie oder Provinz war, immer eine Welt für sich. TC 05:15 – 14 goldene Jahre 1729 hatten die Korsen genug: In mehreren, Jahre langen Aufständen lehnten sie sich gegen die Zwangsverwaltung und das Feudalsystem der Genuesen auf. 1755 riefen sie ihre staatliche Unabhängigkeit aus. Unter Führung des Widerstandskämpfers Pascal Paoli, der bis heute als „Babbu di a Patria“ verehrt wird, als „Vater des Vaterlandes“, gaben sich die Korsen eine demokratische Verfassung. Übrigens war es die erste Verfassung im Zeitalter der Aufklärung, lange vor den Verfassungen der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 und Frankreichs 1791. Inklusive Gewaltenteilung und Volkssouveränität und des europaweit ersten Frauenwahlrechts immerhin für alleinstehende Frauen und Witwen. Einer der engsten Mitarbeiter Paolis dabei war Carlo Buonaparte: Napoleons Vater. Die Genuesen mochten sich mit der kämpferischen Inselbevölkerung nicht länger herumärgern und verkauften ihre Ansprüche an Frankreich. Schon nach 14 Jahren war es dann vorbei mit der Freiheit: 1769 besiegte Frankreich die korsischen Truppen in der Schlacht bei Ponte Novu. MUSIK Sprecherin Seither ist Korsika französisches Staatsgebiet. Sieht man von einer kurzen Periode während der Französischen Revolution ab, als die Insel unter englische Oberhoheit geriet. Pascal Paoli ging ins Exil nach England, 1807 starb er in London. Der junge Napoleon schrieb später in seinen unveröffentlichten „Lettres sur la Corse“: „Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.“ Obwohl der korsische Kampf um Unabhängigkeit nur so kurze Zeit Erfolg hatte, beeinflusste er nicht nur viele Intellektuelle und Staatsmänner jener Zeit, unter ihnen Jean-Jacques Rousseau und die Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Sondern die Erinnerung an diese 14 goldenen Jahre der Freiheit ist auch heute noch lebendig. Vor allem in der damaligen Hauptstadt des unabhängigen Korsikas: Corté, in den Bergen im Inselinneren gelegen. Heute hat die lebendige Kleinstadt am Zusammenfluss von Restonica und Tavignano 7.500 Einwohner. Die Hälfte davon sind Studenten der einzigen Universität Korsikas. TC 08:53 – Die Universität Korsika Pasquale Paoli Die nach Pascale Paoli benannte Universität ist ein wichtiges Symbol des Strebens nach Autonomie, erklärt ihr Vize-Direktor Alain Di Meglio in seinem lichten Büro im oberen Stockwerk des modernen Baus. O-Ton 2 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV, da kurz und unten erklärt) „Pascal Paoli, der Gründer des unabhängigen Korsikas, hatte hier eine Universität ins Leben gerufen, die vier Jahre lang bestand, von 1765 bis 1769.“ Sprecherin Denn Pascale Paoli hat hier in Corté nicht nur das unabhängige Korsika gegründet, sondern 1765 auch eine Universität, die bis zur Machtübernahme Frankreichs 1769 bestand. O-Ton 3 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Korsikas Universität war 212 Jahre lang geschlossen und wurde 1981 wiedereröffnet. Und zwar unter Druck, auf Grund von Forderungen. Zu dem Zeitpunkt, als die Universität wiedereröffnet wurde, saßen 120 politische Gefangene in den französischen Gefängnissen. François Mitterrand hat sich dann des Problems angenommen, Wahlen zum ersten Korsischen Regionalparlament zugelassen und die Universität wiedereröffnet. Das war erst möglich, nachdem die Sozialistische Partei unter François Mitterrand an die Regierung gekommen war. Von diesem Zeitpunkt an hat die Universität das Studium der korsischen Sprache wiederaufgenommen und korsischsprachige Lehrer für das Bildungssystem ausgebildet.“ Sprecherin Neben Französisch ist an der Universität Korsisch obligatorisches Nebenfach in sämtlichen Fächern. O-Ton 4 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Das ist sehr, sehr wichtig, weil die Sprache ein Identitätskriterium ist. Aber sie ist keine geschlossene Identität, keine ethnische Identität, sondern eine offene Identität, eine kulturelle Identität.“ MUSIK Sprecherin Weil sie über die Sprache transportiert werde und nicht über Abstammung, erklärt Di Meglio. Die Sprachforscher der Uni haben die Jahrhunderte lang nur mündlich überlieferte Grammatik des Korsischen verschriftlicht und eine verbindliche Rechtschreibung festgelegt. Die Wissenschaftler zogen kreuz und quer über die Insel, zeichneten die verschiedenen Dialekte auf und brachten ein Wörterverzeichnis des Korsischen heraus. O-Ton 5 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV da kurz und unten erklärt) „Die Wiedergeburt der korsischen Sprache ist nicht der Universität allein zu verdanken, sie hat aber einen großen Beitrag dazu geleistet.“ Sprecherin So habe die Uni einen wichtigen Beitrag für die Wiedergeburt der Sprache geleistet, sagt Di Meglio. Das war auch dringend nötig, denn unter französischer Herrschaft wurde das Korsische gezielt unterdrückt, wie Matthias Waechter erklärt. Der deutsche Historiker und Frankreich-Experte leitet das Institut Européen des Hautes Etudes Internationales in Nizza. Er hat umfassende Werke über die Geschichte Frankreichs verfasst. O-Ton 6 Matthias Waechter „1870 bis 1940: Das war die Phase, in der sich dieses republikanische Staats- und Nationsmodell in Frankreich durchgesetzt hat. Und es musste sich gegen starke Widerstände durchsetzen. Und in diesem Zusammenhang hat man sich gedacht, um eine einheitliche Republik zu gründen, müssen wir auch alle eine einheitliche Sprache sprechen. Die Regionalsprachen, die ja in Frankreich extrem verbreitet waren, noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden vom Zentralstaat brutal unterdrückt. Insofern hat Frankreich große Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen, dass es ein Volk gibt in Korsika, das seine Kultur autonom leben möchte.“ Sprecherin An öffentlichen Orten wie zum Beispiel den Schulen Korsisch zu sprechen, war verboten. Doch die Unterdrückung ging noch weiter, richtete sich auch gegen die musikalische Tradition, erklärt Matthias Waechter: O-Ton 7 Matthias Waechter „Der Harmoniegesang, der in Korsika gepflegt wurde, galt ja auch als ein Ausdruck korsischen Widerstands. Diese gesamten Ausdrucksformen einer Eigenständigkeit wurden als Widerständigkeit gegenüber der Französischen Republik angesehen. […] Man fürchtete, dass die Menschen, die in diesen Grenzregionen oder auf einer Insel wie Korsika lebten, zum Separatismus neigen würden, wenn man ihnen zu viel Eigenständigkeit lassen würde.“ Sprecherin In der französischen Nationalversammlung ging die Angst um, dass dann etwa auch die Bretagne, das Baskenland oder das Elsass ähnliche Ansprüche wie die „störrischen“ Korsen erheben könnten. O-Ton 8 Matthias Waechter „Und diese Angst ist natürlich immer noch im Hintergrund, dass eine Region, die zu viel Eigenständigkeit besitzt, separatistisch wird. Und dass die Autonomie nur der erste Schritt zur Sezession ist“. TC 12:56 – Wege in die Autonomie MUSIK Sprecherin Im Falle Korsikas nicht ganz zu Unrecht: Nicht nur die restriktive Sprachenpolitik trieb die Korsen auf die Barrikaden. Nachdem Algerien 1962 in einem grausamen Krieg seine Unabhängigkeit errungen hatte, siedelten tausende Algerienfranzosen, die so genannten „Pieds noirs“ nach Korsika über. Viele Korsen fürchteten, eines Tages zur Minderheit auf ihrer eigenen Insel zu werden. Denn gleichzeitig wanderten zehntausende Korsen auf der Suche nach Arbeit von der wirtschaftlich rückständigen Insel ins Ausland ab. Wegen dieser massiven Landflucht verlor Korsika ein Drittel seiner Bevölkerung. In Sorge um die eigene Identität radikalisierte sich der korsische Nationalismus, Korsika wurde mit einer französischen Kolonie verglichen. In den frühen 1970er Jahren gründeten sich mehrere Parteien als politischer Arm der Nationalbewegung. Nachdem Frankreich Forderungen nach offizieller Zweisprachigkeit, Autonomie oder gar Unabhängigkeit strikt ablehnte, gingen einige Nationalisten in den Untergrund. Der 1976 gegründete Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu, kurz FLNC, versuchte die Unabhängigkeit mit Bombenattentaten und Morden zu erzwingen. Mehrere bewaffnete Gruppen bekämpften sich auch gegenseitig. 1998 eskalierte die Gewalt: Ein nationalistisches Mordkommando erschoss den französischen Präfekten der Insel, Claude Erignac, aus nächster Nähe, auf offener Straße, mitten in der Hauptstadt Ajaccio. Die französische Öffentlichkeit war schockiert. O-Ton 10 Matthias Waechter „Und insofern wurde dieses Autonomiebestrebungen oder Unabhängigkeitsbestreben der Korsen auch oft als eine Bedrohung wahrgenommen.“ Sprecherin Über diese blutigen Zeiten spricht man auf der Insel heute nicht gern. Die Täter von damals und ihre Hintermänner wurden gefasst und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die militanten Gruppen haben die Waffen niedergelegt. In den Supermärkten kauft man Baguette und auf den Dorfplätzen spielen die Korsen Boule. Haben sie ihren Frieden mit Frankreich gemacht? Nicht wirklich: Fährt man auf der sich durch die Berge schlängelnden Straße D18 nach Corte, durchquert man kurz vor der Universitätsstadt einen Straßentunnel. Dessen Wände sind über und über mit Spraydosen beschrieben: „Korsika ist nicht Frankreich“, liest man da auf Französisch. „Freiheit für Korsika“, „Franzosen raus aus Korsika“ und so weiter. MUSIK Sprecherin Auf der ganzen Insel weht der „Mohrenkopf“ mit Stirnband auf Bannern und Fahnen und klebt als Aufkleber auf Autos: Das Emblem des Freiheitskampfes. Und in den Altstadt-Gassen von Corte ist das Konterfei eines Mannes allgegenwärtig: Es ist das Porträt von Yvan Colonna. Der korsische Nationalist war wegen Beteiligung an dem Präfekten-Mord zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte dabei stets seine Unschuld beteuert. Im März 2022 wurde Yvan Colonna im Gefängnis im südfranzösischen Arles von einem Mithäftling angegriffen und schwer verletzt. Daraufhin kam es auf Korsika zu Protesten und Ausschreitungen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Yvan Colonna starb drei Wochen später im Alter von 61 Jahren im Krankenhaus. Zu seiner Beerdigung in seinem Heimatdorf in den korsischen Bergen ordnete der Regionalpräsident der Insel Trauerbeflaggung an. MUSIK Anfang der 2020er-Jahre stand damit Korsikas Verlangen nach Autonomie wieder auf der Tagesordnung. Auf Korsika machte man sich Hoffnungen auf neue Verhandlungen und Fortschritte. Doch dann griff der russische Präsident Vladimir Putin die Ukraine an. Die folgende Energiekrise und eine hohe Inflation hielten ganz Europa in Atem, so auch Frankreich. Das Thema Korsika rückte wieder auf die hinteren Ränge. Dabei seien die Forderungen im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren mittlerweile gemäßigt, betont Alain Di Meglio, der Vize-Direktor der Universität in Corté: Nur noch zehn Prozent der Korsen verlangten die Unabhängigkeit ihrer Insel von Frankreich. Doch für die Autonomie seien 90 Prozent. Er eingeschlossen. O-Ton 11 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Ich bin Autonomist. Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ich bin Autonomist, da ich ein Aktivist der korsischen Sprache bin! Ich fordere das Korsische als offizielle Sprache neben Französisch. Und ich bin für ein System, das mehr Vertrauen in Korsika setzt, das Korsika mehr Macht gibt, aber ohne die Armee oder die Polizei zu fordern oder sich aus dem System der Solidarität mit Europa und Frankreich zu lösen. Die deutschen Bundesländer: Die sind ein Modell für uns. Deutschland ist viel besser dezentralisiert als Frankreich.“ Sprecherin Die Verfechter korsischer Freiheit haben ihre Ansichten auch deshalb abgemildert, weil sie den Gang in die Politik und durch die Institutionen angetreten haben: Autonomisten und Separatisten taten sich zusammen und errangen 2015 die Mehrheit im korsischen Regionalparlament. Doch Korsika müsse sich auch Europa und der Welt öffnen, fordert Di Meglio. Ebenso wie Frankreich, das zu sehr auf seinen einheitlichen Zentralstaat fixiert sei und Befugnisse nur zögerlich abgebe. O-Ton 12 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Und ich glaube auf jeden Fall, dass das Prinzip der Autonomie heute ein notwendiges Prinzip ist, sogar weltweit: Wir werden aufgefordert, kurze Transportwege zu fördern, vor Ort zu konsumieren, um die CO2-Kosten des Großhandels zu vermeiden. Man verlangt von uns, die Verpackungen zu reduzieren, man verlangt von uns mehr Ökologie, man verlangt von uns, Energie zu sparen. All das, was in Europa und der Welt im Trend liegt, ist ein Prinzip, das in Richtung Autonomie geht.“ TC 19:31 – Das Korsisch Paradoxon MUSIK Sprecherin Auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit sei die korsische Sprache ein wichtiger Trittstein, betont Di Meglio. O-Ton 13 Alain Di Meglio, Französisch/kein OV, da kurz und oben erklärt „Die Sprache ist das wichtigste Kriterium für das Bedürfnis der Korsen nach Identität.“ Sprecherin Doch obwohl sie heute im öffentlichen Leben, auch in der Literatur, anerkannt sei, gebe es da eine große Gefahr: Nur noch zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen sprächen aktiv Korsisch und nur noch etwa die Hälfte verstehe die Regionalsprache. Denn in den Familien wird Korsisch zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. O-Ton 14 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „In den vergangenen 40 Jahren hat sich eine Art Paradoxon entwickelt: Die korsische Sprache ist sichtbarer und präsenter in der Politik und in den Medien. In der Bevölkerung geht sie jedoch zurück. Sie wird im Alltag weniger gesprochen.“ MUSIK Sprecherin Die UNESCO stuft Korsisch darum als bedrohte Sprache ein. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden, fordert Alain Di Meglio. Doch er ist guter Hoffnung. Auch wenn es immer weniger gesprochen wird, werde Korsisch immer häufiger an den Schulen gelehrt. Und dann sei da ja auch noch die Musik: Viele korsische Lieder sind in der Zeit der Unterdrückung verloren gegangen, doch erstaunlich viele haben auch überlebt. Dank der Überlieferung in den Familien, wie Ghjuvanfrancescu Mattei von L’Alba erzählt: Alle Mitglieder der Gruppe hätten von einer mündlichen Weitergabe profitiert. Fragt man ihn, ob er sich als Korse fühle oder als Franzose, antwortet der Musiker überraschend weltoffen: O-Ton 17 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch/OV OV MÄNNLICH „Ich fühle mich sehr wohl und gut verstanden in der korsischen Sprache, natürlich. Aber ich fühle mich auch sehr gut mit Französisch. Und ich empfinde mich in gewisser Weise auch ein bisschen deutsch, und auch spanisch und auch italienisch. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in meiner Rolle als Mittelmeeranrainer und das gilt auch für die anderen Musiker der Gruppe.“ Sprecherin Mattei erklärt: Sie stünden mit einem Bein auf jedem Ufer des Mittelmeeres. Zwar bewahren sie die Tradition der korsischen Musik und hüten damit eine uralte kulturelle Tradition. Doch sie wollen sie auch kreativ weiterentwickeln. Darum habe L’Alba sich auch anderen mediterranen Einflüssen geöffnet, sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: Griechischen, nordafrikanischen, italienischen Musiktraditionen. O-Ton 18 Ghjuvanfrancescu Mattei, Mix aus Korsisch und Französisch/OV OV MÄNNLICH „Wir versuchen eigentlich mit der korsischen Sprache, der korsischen Musik, eine neue Musik zu machen, die ihre Wurzeln aber nicht verleugnet. Wir versuchen, ein Bindeglied zu schaffen, zwischen allen Ufern des Mittelmeers. Aber natürlich ist der Ausgangspunkt immer noch die Art und Weise zu singen, die für Korsika spezifisch ist. ATMO TC 22:45 – Outro
- 20.09.202422 min
Fernab der einst bekannten Welten entwickelte sich um Christi Geburt auf den Kanaren eine rätselhafte Kultur. Die ersten Bewohner der Inseln im Atlantik scheinen weder über seetaugliche Boote noch über Kenntnisse der Schifffahrt verfügt zu haben. Wie aber waren sie dann auf die Inseln mitten im Meer gekommen? - Nur eines der vielen spannenden Rätsel rund um die Ur-Kanaren, die Guanchen. Von Lukas Grasberger (BR 2024) Credits Autor: Lukas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Carsten Fabian, Katja Schild, Jennifer Güzel Technik: Matthieu Belohradsky Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Teresa Delgado, Prof. Harald Braem, Dr. Rosa Fregel, Dr. José Ignacio Sáenz Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2012): Eine Insel verlässt sich auf sich selbst Auf den Kanarischen Inseln gedeihen Pläne und erste Projekte, den Anteil sauberen Ökostroms zu erhöhen. Die kleinste Insel der Kanaren, El Hierro, geht dabei sehr weit: Die abgeschiedene, windumtoste Vulkaninsel will sich von diesem Jahr an zu hundert Prozent mit Wind- und Wasserkraft versorgen. ZUM BEITRAG WDR (2024): Teneriffa & Co. – Macht der Massentourismus die Kanaren kaputt? Millionen von Menschen zieht es jedes Jahr auf die Kanaren. Obwohl der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig für die Urlaubsinseln ist, bringen die Urlauber auch einige Probleme mit sich. Deshalb protestieren im Frühjahr 2024 rund 57.000 Menschen auf Teneriffa, Gran Canaria und an vielen anderen Orten gegen den Massentourismus. Die größte Forderung: Mehr Wohnraum und günstigere Preise. Aber auch für eine bessere Wasserversorgung, eine Obergrenze für Touristen und für mehr Umweltschutz protestierten viele Einheimische. Die ARD-Korrespondentin Kristina Böker erzählt, wie es den Menschen vor Ort geht, welche Rolle der Tourismus für die Einheimischen spielt und auf wen die Menschen tatsächlich wütend sind. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge TC 00:15 - Intro TC 02:36 – Genetische Vielfalt TC 06:13 – Eine Frage und zwei Thesen TC 11:14 - Höhlenfunde TC 13:38 – Rätsel über Rätsel TC 18:34 – Der Streit um Pyramiden TC 21:45 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro MUSIK & ATMO Strandpromenade, Meeresrauschen Sprecher Touristen schlendern über die Strandpromenade von Maspalomas auf Gran Canaria. Einige schlürfen Eis, andere lassen den Blick über den tiefblauen Atlantik streifen. Für die ovale Steinformation zu ihren Füßen, ein paar Meter strandwärts, scheinen sich die meist deutschen Urlauber kaum zu interessieren. Ganz anders die kanarische Archäologin Teresa Delgado. Für Forschende wie sie sind die Spuren derjenigen, die bereits ein paar Tausend Jahre vor den Touristen auf die Insel kamen, ein spannendes Rätsel - das sie nur nach und nach zu lösen lernen. O-Ton 1 Dr. Teresa Delgado, Konservatorin am Museo Canario, Las Palmas, span. Voice Over weiblich „Das sind Reste einer Siedlung, wie sie für die Ureinwohner der kanarischen Inseln typisch war. Damals boomte die Bevölkerung auf Gran Canaria, ihre Kultur blühte. Menschen, die seinerzeit in Berg-Höhlen lebten, zogen an die Küsten. Die Gesellschaft war im Aufbruch: Vormalige Viehzüchter entwickelten ihre Fähigkeiten im Ackerbau - und begannen auch den Ozean intensiv auszubeuten.“ Sprecher In den Ruinen von „Punta Mujeres“ fanden die Archäologen Hinterlassenschaften, die auf einen reichhaltigen Fischkonsum der ersten Bewohner Gran Canarias hindeuteten. Doch da war eine Sache, die die Forscher bald ins Grübeln bringen sollte... O-Ton 2 Delgado Voice Over weiblich „Bei dieser und anderen Ausgrabungen haben die Archäologen nie Gräten oder Köpfe von Hochsee-Fischen gefunden. Die ersten Bewohner der Inseln haben wohl nur an oder nahe der Küste gefischt. Darauf, dass sie das ohne Boote taten, weist eine besondere Ohrerkrankung hin, die man in Schädeln der Urkanarier gefunden hat. Diese hatten einen Tumor im Hörkanal, der bei häufigem Kontakt mit kaltem Wasser entsteht – etwa, wenn man am Ufer nach Meerestieren taucht. Auch hat man bei Ausgrabungen nie Überbleibsel von Schiffen entdeckt. In der Gesamtschau verleitet uns das zu dem Schluss, dass die frühen Bewohner der Inseln weder über Boote, noch über Fähigkeiten der Navigation verfügt haben dürften.“ MUSIK & ATMO Meeresrauschen Sprecher Wie aber waren die ersten Siedler dann auf die kanarischen Inseln gekommen – und warum? Und: Falls sie doch eigene Boote hatten: Weshalb hatten sie sich überhaupt auf die lebensgefährliche Überfahrt übers offene Meer, in unbekannte Gefilde, begeben? TC 02:36 – Genetische Vielfalt Sprecher Vieles zur Herkunft und Lebensweise der kanarischen Ureinwohner erscheint uns heute, gut 500 Jahre nach der endgültigen Einnahme der Inseln durch die Spanier, geheimnisvoll. Die iberischen Eroberer haben die Guanchen, Canarios, Majos und Majoreros, die Gomeros, Bimbaches und die Benahoaritas gnadenlos ausgerottet. Deren Kultur und Zivilisation versank im Dunkel der Geschichte. MUSIK Grabungs-Funde haben nachgewiesen, dass das mediterrane Seefahrer-Volk der Phönizier bereits im zehnten Jahrhundert vor Christus einen Fuß auf die Insel Lanzarote setzte. Später kamen die Römer. Doch beide waren keine Siedler, betont die Archäologin Teresa Delgado: Es waren wenige Menschen, die dort saisonal Stützpunkte für den Handel, etwa mit Purpur, betrieben. Die Urkanarier, das erste Volk, das die Inseln im Atlantik dauerhaft besiedeln sollte, waren andere... O-Ton 3 Delgado Voice Over weiblich „Die erste nachhaltige Besiedlung der Inseln fand durch Berber-Völker aus dem Nordwesten Afrikas statt. Darauf deuten auch die jüngsten Untersuchungen von Spuren alten Erbguts hin.“ O-Ton 4 Dr. Rosa Fregel, Genforscherin, Universidad de La Laguna, Teneriffa, span. Voice Over weiblich „Nach unseren genetischen Analysen waren die ersten dauerhaften Bewohner der Kanaren Berber, die aus dem Norden Afrikas stammen.“ Sprecher ...bestätigt die Forscherin Rosa Fregel von der Universität von La Laguna auf Teneriffa. Die Biologin untersuchte mit ihrer Arbeitsgruppe das Erbgut von 48 Menschen, deren Überreste Archäologen an verschiedenen Orten der Inseln ausgegraben hatten. Die alten Erbgutspuren verraten, dass die Ur-Kanarier offenbar in zwei Wellen übers Wasser kamen: In Fregels Analysen zeigte das Erbgut der ersten Bewohner der östlichen Kanareninseln Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria einen größeren europäischen Einschlag - während bei den westlicher gelegenen der Anteil an nordafrikanischen Genen überwog. Und: Es war kein homogenes Berber-Volk, das da aus Nordafrika auf das Atlantik-Archipel gelangte. O-Ton 5 Fregel Voice Over weiblich „Es war bereits ein Völkergemisch. Das Erbgut der ersten kanarischen Siedler weist nordafrikanische und mediterrane Elemente auf – sowie aus Subsahara-Afrika. Vor der ersten Migration auf die Kanaren dürfte es größere Wanderungsbewegungen im und in den Norden Afrikas gegeben haben. Auch von Menschen, die südlich der Sahara aufbrachen, Richtung Norden.“ Sprecher Waren es Verwerfungen rund um die römische Einnahme von Nordafrika, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und in großer Zahl vertrieben, und diese zu einer Wanderung bis auf die kanarischen Inseln veranlassten? Nicht nur genetisch, auch ihrem Aussehen nach unterschieden sich die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, frühen Beschreibungen zufolge deutlich. Der Dominikaner-Pater Fray Alonso de Espinosa, der mit den spanischen Eroberern auf die Insel kam, schilderte die Urbevölkerung einerseits als „dunkel und braungebrannt“; andererseits fand der Priester und Geschichtsschreiber im Norden des Eilands „hellhäutige“ Menschen vor - darunter Frauen „mit blondem und schönem Haar“. Die Forschung der Biologin Rosa Fregel und ihrem Team bestätigt, dass es besonders unter den Ureinwohnern der großen Inseln Teneriffa und Gran Canaria eine große genetische Vielfalt gab. TC 06:13 – Eine Frage und zwei Thesen MUSIK Sprecher Doch: Wer genau wann auf die Inseln kam – und vor allem warum: Diese Fragen lassen sich auch mit Erbgut-Analysen nicht zufriedenstellend beantworten. Für Teresa Delgado passen die Erkenntnisse ihrer Forscher-Kollegin Fregel zumindest zu zwei Theorien über die Ankunft der ersten Siedler auf den Kanaren. O-Ton 6 Delgado Voice Over weiblich „Die erste These geht davon aus, dass ein anderes Volk – wie die Römer – die ersten Inselbewohner herübergebracht, sie quasi auf den Inseln ausgesetzt hat: Als Gefangene oder Sklaven. Eine zweite These ist, dass sie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln gekommen sind. Demnach hätten die Ur-Kanarier die Kunst der Schifffahrt mit der Zeit einfach verlernt. “ Sprecher Es gibt Quellen, die Wissenschaftler an der These vom Inselvolk ohne jegliche Kenntnisse und Mittel zur Seefahrt zweifeln lassen. So erwähnt der italienische Geschichtsschreiber Leonardo Torriani nach der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert, Boote von Ureinwohnern, gefertigt aus dem Holz von Drachenbäumen. Der deutsche Kanaren-Forscher Harald Braem verweist in diesem Zusammenhang auf Zeugnisse, die die indigene Bevölkerung selbst hinterließ. O-Ton 7 Braem „Gran Canaria ist stark vertreten mit interessanten Darstellungen…. die Felsbilder natürlich, sogar von einem Schilfboot. Was jetzt wirklich interessant diskutiert wird, ist, dass diese Boote Schilfboote waren. Dieses Schilf ist quasi unsinkbar, weil es ja hohl ist innen. Und dass mit diesen Schilfbooten diese Expeditionen gemacht wurden.“ Sprecher Ob es diese Boote wirklich gab, und wie groß der Bewegungsradius damit gewesen sein mag – dies ist und bleibt eine weitere Unbekannte in der Geschichte der Urkanarier. In jedem Fall dürften die ersten Bewohner der Kanaren ihr Dasein über 1000 Jahre lang in Isolation gefristet haben - bis die Europäer die Inseln im späten Mittelalter wiederentdeckten. Selbst die benachbarten Inseln waren stets zum Greifen nah – und doch unerreichbar. Mangels Metallvorkommen stellten die Ur-Kanarier Werkzeuge und Waffen aus Stein und Knochen her. Und noch eine These wird durch DNA-Analysen von Rosa Fregel gestützt: Dass sich Wirtschaft und Gesellschaft jeder einzelnen der Kanareninseln unabhängig voneinander entwickelten, Handel oder sonstiger Austausch fand nicht statt: Ton 8 Fregel Voice Over weiblich „Insgesamt recht seltene Krankheiten, die auf El Hierro gehäuft auftraten, deuten auf eine starke Blutsverwandtschaft hin - und eine geringe genetische Vielfalt der Bewohner. Auf Gran Canaria dagegen hat sich eine große genetische Diversität erhalten. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass es auf dieser ungleich größeren Insel mehr Vieh und Getreide hab – und mehr Wasser, um auch eine größere Bevölkerung durch Krisenzeiten zu bringen.“ ATMO Plätschern Wasserquelle Sprecher Wasser – das gibt und gab es auf der nordwestlichsten Kanareninsel La Palma im Überfluss. Noch heute füllen die unterirdischen Quellen zuverlässig die Trinkwasserreservoirs. Die Nähe zum Wasser: Sie war ein entscheidender Grund, warum gerade hier die einst wichtigste Siedlung der Ureinwohner entstand. O-Ton 9 Braem „Wir sind hier im barranco gomeros, im Westen von La Palma, und das ist eine besondere Zone, mit etwa 35 Höhlen der Ureinwohner. (...) Hier in dem barranco werden, hochgerechnet, 200 bis 250 Menschen gelebt haben, Männer, Frauen, Kinder.(…) Die Population der Einwohner hier, der Ureinwohner, wird ungefähr auf 10.000 geschätzt, zur Ankunft der Spanier, in zwölf Stämmen aufgeteilt.“ ATMO Schritte, Abstieg in den barranco Sprecher Über unwegsames Gelände geht es hinunter, zum Grund der Schlucht. Vor Ankunft der spanischen Eroberer, die Bäume und Sträucher in großer Zahl abholzten, dürfte der Barranco de Los Gomeros bewachsen und die Höhlensiedlung besser zugänglich gewesen sein. Heute prägen Sand, Fels und Geröll eine zerklüftete Landschaft, die schließlich ins Meer mündet. O-Ton 10 Braem „Grundnahrungsmittel war das Meer. Dann war ja hier die Anbaumöglichkeit hier am Bach gegeben… Oder natürlich die Ziegen, die meiste Grundlage beruhte auf Ziegen. Also sowohl die Felle, für Kleidung. Oder die Sehnen, die Hörner. Also man konnte von der Ziege das Fleisch, alles verwenden. Das war hier so eigentlich eine ganz gut ausgewogene Kost zwischen Früchten… Beerensammler, nä? Und Gofio gabs ja auch. Gofio, das war die geröstete Wurzel des Farnkrauts...und dann hat man ein Mehl, so n Hirte hatte nen Beutel mit Gofio dabei für unterwegs: Schnell mal ein kleines Brot backen, oder so.“ TC 11:14 - Höhlenfunde Sprecher In den Höhlen des Barranco de Los Gomeros fördern Archäologen noch immer zahlreiche Utensilien der Urkanarier zu Tage, weiß Harald Braem. ATMO Klettern O-Ton 11 Braem „Die interessantesten Sachen sind natürlich immer im vorderen Bereich, wo die Feuerstelle war, und wo man die Abfälle ´rauswarf. Und da findet man am meisten.“ MUSIK Sprecher Kunstvolle, aus Knochen geschnitzte Nadeln, mit denen die Ureinwohner Kleidung aus dem Leder der Ziegen nähten, fanden sich in den Höhlen ebenso wie steinernes Werkzeug, mit denen sie Fleisch schnitten. Unmengen an Splittern tönerner Töpfe lassen erahnen, dass hier groß aufgekocht wurde: Die Benahoaritas, so der Name der ersten Siedler auf La Palma, lebten wohl in Verbünden von Großfamilien zusammen. Ein Grund, warum die kanarischen Ureinwohner nicht in einzelnen Höhlen wohnten – sondern sich in Höhlenkomplexen niederließen: Überall dort, wo ihnen die vulkanische Geographie der Inseln genügend Platz bot. O-Ton 12 Dr. José Ignacio Sáenz, Leiter der archäologischen Stätte Cueva Pintada, Gáldar, Gran Canaria, span., Voice Over männlich „Diese Orte bestehen teils aus natürlichen Höhlen, teils aus künstlichen Eintiefungen, die die Ureinwohner so in den Berg schlugen, dass sie einerseits unterirdische Wohnräume hatten, andererseits aber auch die Flächen der Terrassen nutzen konnten, die die Geografie der Hanglage für sie bereithielt. Später kamen auch freistehende, runde Steinhäuser dazu. Es entstanden nach und nach immer komplexere Siedlungen, wie etwa im Gáldar – wo sich mehr als 60 Häuser rund um die Cueva Pintada, die „bemalte Höhle“, gruppieren.“ Sprecher ...sagt José Ignacio Sáenz. Er leitet das Museum Cueva Pintada in Gáldar, im Nordwesten von Gran Canaria. Der heute knapp 25.000 Einwohner zählende Ort war einst Hauptstadt des Nordreiches der Altkanarier. An der Cueva Pintada von Gáldar zeigt sich, dass die kanarischen Ureinwohner Höhlen nicht nur für weltliche Zwecke nutzten O-Ton 13 Sáenz Voice Over männlich „Die Cueva Pintada war keine normale Grabkammer. Bei den dort aufgebahrten Mumien dürfte es sich, ähnlich wie bei christlichen Heiligen-Reliquien, um bedeutende Persönlichkeiten gehandelt haben. Diese Bestattung, möglicherweise eines kanarischen Herrschers, dürfte die Höhle zu einem ,heiligen Ort’ aufgewertet haben.“ TC 13:38 – Rätsel über Rätsel MUSIK Sprecher Auch die „bemalte Höhle“ von Gáldar hält, wie José Ignacio Sánz einräumt, letztlich mehr Fragen als Antworten über das Leben und Sterben der kanarischen Ureinwohner bereit. Denn deren Kenntnisse der Mumifizierung wollen nicht recht zu einem ausgewanderten Berbervolk aus Nordafrika passen: Dies rief den französischen Forscher Jean-Paul Canamas auf den Plan: Der behauptete, verbannte oder verschleppte Ägypter seien einst gemeinsam mit den Berbern auf die Inseln gelangt, und hätten dort ihre Bestattungsbräuche eingeführt. Doch warum unterscheiden sich die Arten der Mumifizierung der alten Ägypter und der Altkanarier dann so deutlich? Wie erklärt sich, dass die Ägypter Verstorbene ausweideten, die Urkanarier ihren dagegen mitsamt aller Organe einbalsamierten – und die Leichen schließlich auch noch in Lederhäute einnähten? Auch der Sinn und Zweck der Zeichen und Formen an der Wand der Cueva Pintada von Gáldar bleibt bis heute im Dunkel der Vergangenheit verborgen. Markierten die Kreise und Dreiecke, die Archäologen in unterschiedlicher Ausprägung auf allen Kanareninseln entdecken, die Zugehörigkeit zu einem Volk, Stamm oder Familie? Dienten sie einst als eine Art Kalender – oder für religiösen Riten? Die Forscherin Teresa Delgado glaubt: In der vorzeitlichen Gesellschaft der Urkanarier waren handfeste landwirtschaftliche Zwecke und spirituelle Praxis kaum zu trennen. O-Ton 14 Delgado Voice Over weiblich „Diese Menschen mussten den Blick nach oben richten, die Sterne, das Wetter und die Jahreszeiten verfolgen: Sie sahen sich also im wahrsten Sinn des Wortes den Himmelsmächten ausgesetzt.“ Sprecher Ob sich die Geheimnisse der indigenen Bildersprache jemals vollständig lüften lassen? José Ignacio Sáenz hat daran Zweifel: Denn die ersten Bewohner der kanarischen Inseln hinterließen keinerlei schriftliche Dokumente, ihre Kultur wurde mündlich überliefert. Selbst von ihrer Sprache sind nur Bruchstücke bekannt – etwa die Ureinwohner-Bezeichnung Guanche - die sich aus den Worten „Guan“ für „Mensch“ und „Chinet“ für die Insel Teneriffa zusammensetzt. So bleibt Wissenschaftlern wie Sáenz nur, Scherben zusammenzufügen, auf dass sich ein stimmiges Bild von den ersten Kanariern ergebe; oder, im wahrsten Sinn des Wortes, die Zeichen an der Wand zu deuten: Felsgravuren etwa, oder die Malereien in der Cueva Pintada. Doch diese in ihrer tieferen Bedeutung zu entschlüsseln: Für José Ignacio Sáenz eine schwierige, wenn nicht unmögliche Aufgabe. O-Ton 15 Saénz Voice Over männlich „Als Archäologen kommen wir hier oft nicht weiter, weil wir mit den materiellen Zeugnissen einer Kultur arbeiten. Sobald es um die Welt des Denkens, des Glaubens, der Rituale und der Religion der Urkanarier geht, wird es für uns sehr schnell sehr kompliziert.“ Sprecher Der Autor Harald Braem taucht in seinen Büchern und Filmen tief ein in diese mythenumrankte Welt der kanarischen Ureinwohner. Literarisch - und mit experimentellen Expeditionen folgt er den Spuren der Urkanarier, auch in seiner Wahlheimat La Palma. Die Gesellschaft der dort lebenden Benahoaritas, das wird dabei deutlich, war eine hierarchische. Die Autorität der Adelsklasse leitete sich ab aus dem Monopol über Mythen und Riten, aber auch aus der Fähigkeit, den Himmelskalender zu deuten. Als Mittler zwischen den Menschen und den übernatürlichen Kräften, als eine Art Priester und Zeremonienmeister traten dabei die Faycanes oder Fayzagues auf dem heiligen Berg der Ureinwohner auf: Dem Idafe – auf dem man Tiere opferte, die Götter beschwor - und weissagte. O-Ton 16 Braem „Also, Tieropfer, insofern, als man die Ziege danach aufgegessen hat, mit der ganzen Familie (lacht)...das ist klar. Aber die Innereien, das wurde dann zum Idafe hochgebracht, und dann auf einem kleinen Opferplatz hingelegt für die Seelenvögel, also Adler, Geier und Raben. Und dann hat man beobachtet, wie die Tiere sich verhalten haben. Und daraus dann geweissagt. Das ganze Ritual ging eigentlich immer um Himmel und Wasser. Dass es wieder regnet und das Wasser kommt. Da gabs ganz ausgeklügelte Rituale von Steinanbohrungen bis zu Zicklein, die angebunden wurden. Und die haben dann so gejammert, dass dann die große Regengöttin Munaiba dann ein Erbarmen hatte. Und hat´s dann regnen lassen“. TC 18:34 – Der Streit um Pyramiden MUSIK Sprecher Für kultische Zwecke genutzt worden sein soll auch eine Reihe von Steinbauten, die ebenfalls nach Himmelskörpern ausgerichtet sind - und die bis heute Rätsel aufgeben: Stufenpyramiden, die sich auf der Hälfte der acht kanarischen Inseln finden. Um den Ursprung der imposanten Bauten aus dunklem Lavastein entstand in den 1990er-Jahren eine erbitterte Kontroverse, an der sich Wissenschaftler und geschichtsinteressierte Laien, aber auch kanarischen Nationalisten und Esoteriker beteiligten. Auch Harald Braem hat gemeinsam mit dem norwegischen Archäologen Thor Heyerdahl an der Pyramide von Güimar auf Teneriffa gegraben. Nach Heyerdahls abenteuerlich anmutender These bildeten die kanarischen Pyramiden sowohl zeitlich als auch geografisch eine Zwischenstation auf dem Weg von ägyptischen Sonnenanbetern zu den Maya in Mexiko. Demnach wäre ihre Bauzeit rund 1000 Jahre vor Christi anzusiedeln. Kanarische Wissenschaftler wie die Kuratorin des Museo Canario von Las Palmas, Teresa Delgado, reagieren auf solche Spekulationen zunehmend gereizt. O-Ton 17 Delgado Teil 1 Voice Over weiblich „Diese Pyramiden haben nichts mit der Welt der kanarischen Ureinwohner zu tun“ Sprecher ..erklärt Teresa Delgado, Kuratorin des Museo Canario in Las Palmas de Gran Canaria. O-Ton 17 Delgado Teil 2 Voice Over weiblich „Das sind Anhäufungen von Lesesteinen, die Bauern von ihren Feldern entfernt haben, die Stufen wurden dazu angelegt, um Früchte oder Getreide zu trocknen. Archäologen haben die Pyramiden nach Ausgrabungen eindeutig auf die Zeit nach der spanischen Eroberung datiert. Es ist schon wichtig, hier der wissenschaftlichen Evidenz zu folgen: Wir können nicht einfach Geschichten verbreiten, die nicht durch die Evidenz wissenschaftlicher Erkenntnis gedeckt sind.“ Sprecher Diese „archäologischen Erkenntnisse“, entgegnet der deutsche Professor Harald Braem, seien das Ergebnis lediglich einer Grabung - und ließen andere Funde und historische Quellen außer Acht. O-Ton 18 Braem „Tatsächlich beschreiben Chronisten wie Leonardo Torriani die Rituale auf solchen Pyramiden. Das gabs ja vor den Spaniern! Da wurden die Könige, die Menceys gekrönt, da wurden die Feste gefeiert an diesen Pyramiden…und wir haben zum Beispiel unter der einen Pyramide eine Höhle ausgegraben, da lagen Scherben, und zwar der Ureinwohner! Also man wird nicht ernst genommen. Oder, die Ureinwohner werden nicht ernst genommen.“ MUSIK Sprecher Es mangle an Finanzmitteln und Motivation, behauptet Braem. Und es fehlten Forscherinnen und Forscher mit einem frischen Blick, um das archäologische Erbe der kanarischen Ureinwohner unvoreingenommen zu erkunden, ihre steinernen Zeugnisse zum Sprechen zu bringen. Und dennoch: Trotz aller Kritik ist Harald Braem zuversichtlich, dass die weit zurückliegende Zivilisation der Urkanarier nicht in Vergessenheit geraten wird. O-Ton 19 Braem „Die Kultur hier ist irgendwie in den Menschen drin, in der Landschaft: Die ist auf eine magische Weise so kraftvoll, dass sie einfach überlebt.“ TC 21:45 – Outro
- 06.09.202424 min
Schon als Jugendliche beobachtet Maria Sibylla Merian fasziniert, wie aus gefräßigen Raupen erst wie tot wirkende Puppen und dann bunte Schmetterlinge werden. Die 1646 geborene Tochter des berühmten Matthäus Merian ist künstlerisch hoch begabt. Jahre später gelingt ihr - fast undenkbar für eine Frau ihrer Zeit - eine Forschungsreise nach Surinam. Autorin: Renate Ell (BR 2013) Credits Autorin: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Katja Schild, Peter Lersch Technik: Susanne Herzig Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Dr. Katharina Schmidt-Loske, Brigitte Strehler, Dr. Andreas Curtius, Prof. Dr. Anne-Charlott Trepp Linktipps: Deutschlandfunk (2018): Der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian Die Kupferstiche von Matthäus Merian zeigen deutsche Städte, wie sie vor dem Dreißigjährigen Krieg aussahen. Mit ihnen wurde der Kupferstecher und Verleger berühmt. Er ist es bis heute. Dazu haben besonders seine zwei Hauptwerke beigetragen, mit denen er zum Chronist seiner Zeit wurde. ZUM BEITRAG radioWissen (2020): Schmetterlingssammler – Von Hesse bis Nabokov Bis ins 20. Jahrhundert hinein streiften Schmetterlingsjäger und Sammler mit ihren Netzen durch Wald und Wiesen, um die flatternden Schönheiten zu erhaschen. Auch einige bekannte Schriftsteller frönten dem lustvollen Zeitvertreib. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 04:09 – Nürnberger Zeit TC 07:20 – Das Metamorphosebild – eine ganz neue Erfindung TC 11:31 – Geistreich & gläubig TC 15:40 – In der Sekte TC 18:27 – Eine Reise nach Südamerika TC 22:55 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK ERZÄHLERIN 1647, ein Jahr vor dem Ende des 30jährigen Krieges, kommt Maria Sibylla Merian in Frankfurt am Main zur Welt, als jüngstes Kind einer der bedeutendsten Künstler- und Verleger-Familien im deutschsprachigen Raum. Ihr Vater Matthäus Merian stirbt, als sie drei Jahre alt ist. Ihre Mutter heiratet ein Jahr später Jacob Marrell, einen Kunsthändler und Maler, spezialisiert auf Blumen-Stillleben. Ein Glücksfall: Er erkennt und fördert die künstlerische Begabung seiner Stieftochter - in seiner Werkstatt absolviert sie eine Ausbildung als Blumenmalerin gemeinsam mit den männlichen Lehrlingen. Sie lernt, wie sie später in ihrem „Raupenbuch“ erzählt, ZITATORIN MERIAN "… meine Blumenmalerei mit Raupen, Sommervögelein und dergleichen Thierlein auszuzieren … eines durch das ander’ gleichsam lebendig zu machen." ERZÄHLERIN Mit „Sommervögelein“ meint sie Schmetterlinge. ZITATORIN MERIAN "Also hab’ ich oft große Mühe in Auffangung derjenigen angewandt, bis ich endlich, vermittelst der Seidenwürmer, auf der Raupen Veränderung gekommen." ERZÄHLERIN Frankfurt ist im 17. Jahrhundert ein Zentrum der Seidenspinnerei. In der Werkstatt eines Onkels beobachtet Maria Sibylla erstmals mit 14 Jahren wie aus Seidenraupen Puppen und dann Falter werden. Und entdeckt durch erste Forschungen, vielleicht im Garten hinter dem Haus, dass diese Metamorphose bei allen Schmetterlingen gleich abläuft. Aber sie streift wohl auch durch die Räume des Merian-Verlags - dort liegen Bücher mit Bildern von allen möglichen Tieren - damals bahnbrechende Werke, sagt die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske vom Museum König in Bonn. (1. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Neben dem Ulisse Aldrovandi von 1602, das Werk über die Insektenkunde, gibt es ein zweites, das ist von Thomas Mouffet von 1634, was sich auch wiederum mit der Insektenwelt beschäftigt und diese beiden Werke von Thomas Mouffet und Aldrovandi wurden in der „Historiae naturalis“ von John Johnston zusammengeführt, ein fünfbändiges Werk, in dem eins über Insekten, Schlangen und Drachen zusammengeführt war, und das wurde in der Werkstatt der Merians hergestellt." ERZÄHLERIN Es sind keine biologischen Fachbücher im heutigen Sinne. Die damaligen Autoren versuchen lediglich die Vielfalt des Lebens zu erfassen und eine Systematik zu schaffen. Ihre Werke dienen auch Künstlern als Vorlagen, denn sie enthalten vor allem sehr viele präzise Abbildungen. In der „Historiae naturalis“ sind das erstmals fein schattierte Kupferstiche anstelle der zuvor üblichen, viel gröberen Holzschnitte - eine echte Pionierarbeit der Merians. Auch das Kupferstechen lernt Maria Sibylla wohl im Verlag ihres verstorbenen Vaters, meint Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. (2. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER "Ich glaube nicht, dass das für Frauen in der damaligen Zeit üblich war, den Kupferstich zu erlernen, und sie ist eine ganz hervorragende Kupferstecherin - sie kann sehr, sehr fein stechen, in wunderschönen schwarzweiß-Schattierungen; das ist auch durchaus eine schwierige Tätigkeit, wenn man einmal mit dem Stichel in dem Kupfer gearbeitet hat, das lässt sich ja nicht radieren, das ist fix, da ist dann eine Linie, und die lässt sich nicht mehr so leicht wieder entfernen aus der Kupferplatte, weil das ist eine Vertiefung in der Kupferplatte und die ist dann da." ERZÄHLERIN Im Alter von 19 Jahren heiratet Maria Sibylla Merian den Architektur-Maler Johann Andreas Graff aus Nürnberg, einen Lehrlings-Kollegen in der Werkstatt. Fünf Jahre später zieht das Paar mit der zweijährigen Tochter nach Nürnberg. TC 04:09 – Nürnberger Zeit MUSIK ERZÄHLERIN In Nürnberg herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie in Frankfurt - es ist eine protestantisch geprägte Freie Reichsstadt, also nur dem Kaiser untertan, und regiert von einer Bürgervertretung. Der Kunsthistoriker Andreas Curtius von den Museen der Stadt Nürnberg. (3. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS "Der große Rat und der Kleine Rat, das sind also die Hauptgremien in Nürnberg, die hatten das Sagen in Nürnberg und haben alles eigentlich auch entschieden innerhalb der Stadt, das zweite wesentliche für Nürnberg ist, dass es eine Handelsstadt war, dass Nürnberg Handelsbeziehungen quer über ganz Europa unterhielt, und dass dritte wesentliche Element ist das Patriziat, was sehr ausgeprägt ist in Nürnberg, sehr traditionsbewusst ist, aber gleichzeitig auch sehr weltoffen. Denn der Handel wurde z.T. auch durch das Patriziat geführt, und das Patriziat war eben auch eine sehr gebildete Schicht, und das hatte zur Folge, dass nach dem 30jährigen Krieg Nürnberg auch einen schnellen Wiederaufstieg hatte, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-kulturell." ERZÄHLERIN Es muss eine anregende Atmosphäre gewesen sein für die junge Künstlerin, zumal sie schnell Kontakt findet zur lokalen Oberschicht, den Patrizierfamilien: Sie gibt deren unverheirateten Töchtern Malunterricht - scherzhaft spricht sie von ihrer „Jungfern-Companey“. Und sie findet auch Kontakt zu anderen Künstlern und Dichtern, für die Nürnberg ein gutes Pflaster ist. (4. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS "Das Patriziat war ein sehr wichtiger Auftraggeber, und Nürnberg war auch ein Buchdruckerort ähnlich wie Frankfurt, sehr wichtig waren eben auch Unternehmungen wie illustrierte Bücher, das war eine sehr einträgliche Quelle auch für die Künstlerschaft." ERZÄHLERIN Sicher haben sie auch die waschechten, mit Blumenmotiven bemalten Tischdecken von Maria Sibylla Merian gekauft. 1675 veröffentlicht die ihr erstes illustriertes Buch - das „Neue Blumenbuch“. Es steht ganz in der Tradition der so genannten Florilegien, wie sie auch der Merian-Verlag auf den Markt brachte. Solche Bücher enthalten Kupferstiche mit einzelnen Blumen oder Blumen-Arrangements als Vorlagen für Amateur-Maler und für Stickarbeiten. Solche Blumenbücher verkaufen sich gut, in schwarz-weiß oder - gegen Aufpreis - einzeln koloriert. Maria Sibylla Merians Blumenbuch erscheint in drei Bänden. Wie sie es bei ihrem Stiefvater gelernt hat, krabbeln hier und da Insekten über die Blätter, flattert ein Schmetterling davon. Vier Jahre später, und ein Jahr nach der Geburt der zweiten Tochter, erscheint das zweite Buch - und da ist auf einmal alles anders. Die Schmetterlinge sind nicht mehr nur ein belebendes Element. Und für ihre Bilder verwendet sie im Unterschied zu den Malern von Stillleben keine Vorlagen aus naturhistorischen Büchern. Die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske: TC 07:20 – Das Metamorphosebild – eine ganz neue Erfindung (5. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Sie hat eine richtige Insektenzucht betrieben zuhause in Schächtelchen, hat jedes Stadium erfasst und hat dann als Ergebnis dessen ihr 50 Tafeln umfassendes Werk von 1679, das erste Raupenbuch mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“, in dem hat sie eine Pflanze, die Futterpflanze der Raupe meist in der Mitte dargestellt und rundherum die verschiedenen Entwicklungsstadien. Und das ist absolut neu." ERZÄHLERIN Dieses „Metamorphosebild“ ist ihre … ZITATORIN MERIAN "…ganz neue Erfindung …" ERZÄHLERIN … wie sie im Titel stolz vermerkt. Die meisten Menschen kennen damals die Entwicklungsstadien nicht, die sie im Vorwort ausführlich erläutert. (6. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Was weit verbreitet war, war der aristotelische Urzeugungs-Gedanke, dass Insekten aus Schlamm und Dreck entstehen, spontan. Das ist natürlich nicht ganz weit hergeholt, denn was man optisch sehen kann, sind die Larvenstadien, die größer sind, die Eier hat man nicht gesehen, die Entwicklung des Mikroskops steht erst bevor, oder auch die Nutzung von Lupen war noch nicht so gängig, dass man sich überhaupt auf diese kleinsten, kleinen Tiere konzentrierte, das begann ja alles erst, das war also ein hoch spannendes Zeitalter." ERZÄHLERIN Auch Maria Sibylla Merian selbst entdeckt erst nach und nach, dass alle Schmetterlinge dieselbe Entwicklung durchlaufen wie die Seidenspinner. Sie hält ihre Beobachtungen in kleinen Aquarellen fest, und aus diesen Einzelteilen - Futterpflanze, Eier, Raupe, Puppe, Schmetterling - entsteht dann der Kupferstich für das Buch. Man merkt ihm diese Entstehung durchaus an: Manche Raupen sitzen etwas steif auf der Pflanze, und die Puppen - die sie „Dattelkern“ nennt - liegen neben der Pflanze oder auf einem Blatt wie auf einem Präsentierteller, statt darunter zu hängen, wie in der Natur. In den Begleittexten wird nur die Futterpflanze namentlich bezeichnet, die meisten Insekten hatten damals noch keine Namen. MUSIK ZITATORIN MERIAN "Ob nicht die unten kriechende Raupe eine von der artigsten und fürnehmsten Gattung der bishero abgehandelten Raupen sei, soll sich bald eröffnen. Denn sie hat fünf große, gelbe Haarborstel auf dem Rücken, zu hinterst noch einen aufgerichten roten Schweif oder Haarschwanz, und ist sonst sehr schön gelb, wie ein schönes Dottergelb. Wenn sie sich streckt, so sieht man vom Kopf an zwischen etlichen Gliedern breite schwarze Streife, wie Sammet; hat auch auf jeder Seite des Leibs schwarze Düpfelein. Unter dem Kopf finden sich zu jeder Seiten sechs rote Kläulein, in der Mitte des Leibs acht gelbe Füßlein und zu hinterst noch zwei derselben. Ihre Art ist, dass sie von gar erschrockner Natur. Denn so bald sie das geringste merkt oder fühlt, so rümpft sie sich alsobald zu sammen und liegt, als wäre sie tot, so lang, bis alles wieder still ist. Zu Ende des Augusts aber hat sie sich zu ihrer Veränderung hinbegeben, und ein weißes Gespinst gemacht, worinnen sie zu einem braunen Dattelkern worden. Und weil ich derer etliche hatte, so sind mir teils Vöglein noch im November, teils aber im April des folgenden Jahres hervorgekommen, welche Motten waren, die nur bei Nacht fliegen. Ihre Farb ist weiß und schön grau, wie silberfarb; sie haben zwei braune Hörner und sechs graue oder silberfarbene Füßlein." ERZÄHLERIN Die detaillierte Beschreibung ist wichtig, da die meisten Leser Schwarz-Weiß-Ausgaben haben, erklärt Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. Nur sehr wenige Bücher hat Maria Sibylla Merian handkoloriert. (7. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER "Aber das konnte sich ein normales Bürgertum nicht leisten. Das waren dann die Luxusausgaben, die dann in die Höfe gingen oder an die etwas adligeren oder wohlhabenderen Bibliotheken, denn das war nicht üblich, dass man zuhause so ein Buch hatte, denn da war überhaupt kein Geld dafür da." TC 11:31 – Geistreich & gläubig ERZÄHLERIN Während in den Schwarzweiß-Bildern die deutlichen Linien des Kupferstichs von Vorteil waren, verwendete Merian für einen Teil der kolorierten Bücher eine ganz besondere Drucktechnik. (8. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER "Sie hat dann ein zweites Büttenpapier, ein etwas leichteres, dünneres Büttenpapier genommen und hat das auf den ganz frischen Kupferdruck nochmal aufgelegt und nochmal durch die Walze gezogen und das abgeklatscht, abgedruckt, und damit entstand ein seitenverkehrter, viel zarterer Abdruck dieses Kupferstichs, der ganz zarte, feine Linien hatte, keinen Prägerand, und den sie dann koloriert hat, und da hatte sie dann diesen Aquarellcharakter, den sie eigentlich haben wollte. Das war eine ganz schlaue Idee von ihr, denn sie hat sozusagen das Aquarell in ein Multiple verwandelt." ERZÄHLERIN Nur wenige dieser so genannten Umdrucke haben die Jahrhunderte überdauert - in all ihrer Schönheit: Die farbenfrohen Schmetterlinge scheinen fast über dem Papier zu schweben. Die Bildtafeln kommen mitunter als Einzelblätter in den Kunsthandel. Durch ihr kleines Format - etwa so wie heute ein Roman - wirken aber auch die kolorierten Exemplare bescheiden. Das Raupenbuch beginnt mit dem Lobgedicht eines Nürnberger Gelehrten und Poeten, der es in eine Reihe stellt mit den Werken der ersten Insektenforscher. Aber wissenschaftliche Werke erscheinen damals in lateinischer Sprache. Und Maria Sibylla Merian widmet ihr Buch … ZITATORIN MERIAN "… den Naturkündigern, Malern und Gartenliebhabern." ERZÄHLERIN Die Naturkündiger, das sind eher Natur-Liebhaber als Gelehrte. Sie zieht auch eine klare Grenze ihrer Fähigkeiten, etwa wenn sie beobachtet, dass aus einer Puppe kein Schmetterling wird, sondern Fliegen ausschlüpfen. Das Phänomen der Parasiten war damals noch unbekannt. ZITATORIN MERIAN "Was nun die rechte Ursach solcher unordentlichen Veränderungen sey, … habe ich nicht ausfinden noch erdenken können, sondern den Herren Gelehrten überlassen müssen und sollen." ERZÄHLERIN Einen deutlichen Hinweis auf den Charakter ihres Buchs gibt Maria Sibylla Merian im Vorwort. ZITATORIN MERIAN "Suche … hierinnen nicht meine sondern allein Gottes Ehre, Ihn als einen Schöpfer auch dieser Kleinsten und geringsten Würmlein zu preisen. … welcher sie mit solcher Weisheit begabt, dass sie … ihre Zeit und Ordnung fleißig halten und nicht eher hervorkommen, als bis sie ihre Speise zu finden wissen." ERZÄHLERIN Die Historikerin Anne-Charlott Trepp von der Universität Kassel sieht das Raupenbuch in einer Tradition mythisch-spiritueller Naturfrömmigkeit. (9. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP "Die davon ausging dass man einen direkten Weg zu Gott findet, jeder für sich, und im 17. Jahrhundert finden wir tatsächlich eine Bewegung, sich mehr zu öffnen dem zweiten Buch, kann man so sagen, dem Buch neben der Heiligen Schrift, das ist das Buch der Natur. Es gibt seit dem 17. Jahrhundert so einen Trend, sich überhaupt allgemein mehr mit niederen, gewöhnlicheren Naturphänomenen zu beschäftigen. Nicht mehr mit außergewöhnlichen. Und in diesem Rahmen geraten Insekten ebenfalls ins Zentrum des Interesses. Gerade in dem angeblich Unscheinbaren, oder auf den ersten Blick Unscheinbaren sucht man eben wirklich das Höchste, Gottes Wirken in der Natur, Gottes Allmacht, Gottes Vorsehung in der Natur, gerade da, wo man es nicht vermutet." ERZÄHLERIN Bücher wie das von Maria Sibylla Merian sollen also gleichsam durch Wissen über die Natur den Glauben stärken. (10. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP "Sich Faktenwissen anzueignen und sich gleichzeitig über dieses Wissen, auch die Vermehrung des eigenen Wissens, zu erheben, zu erbauen, das ging wirklich eng zusammen in damaliger Zeit und das wurde dann durch so ein Erbauungsbuch wie das Merians wirklich sehr schön möglich." ERZÄHLERIN Diese überkonfessionelle, außerkirchliche Bewegung ist in Frankfurt wie auch in Nürnberg stark vertreten in gebildeten Kreisen, zu denen auch gebildete Handwerker wie die Merians zählten. In ihrem Verlag erscheinen etliche religiöse, auch kirchenkritische Schriften. TC 15:40 – In der Sekte MUSIK ERZÄHLERIN Rund 12 Jahre lebt und arbeitet Maria Sibylla Merian in Nürnberg. Nach dem Tod ihres Stiefvaters kehrt sie 1683 mit ihren zwei Töchtern nach Frankfurt zurück, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Dort erscheint auch der zweite Band des Raupenbuchs. Nach Nürnberg geht sie nicht mehr - sondern sie zieht mit ihren Töchtern und ihrer Mutter nach Friesland, um dort bei den Labadisten, einer pietistischen Sekte, zu leben. (11. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP "Und diese weist alle Elemente einer wirklich eher separatistischen, heute würden wir sagen, fundamentalistischen Frömmigkeit auf. Diese völlige Negation des Körperlichen, aber dies mit einer Konsequenz durchführt, wie wir das in anderen pietistischen Gemeinden, die eben auch diesen Wandlungsvorgang, eine geistige Erneuerung suchen, eben nicht haben." ERZÄHLERIN Mit dem Beitritt zu den Labadisten verlässt Maria Sibylla Merian ihren Mann, da die Sekte nur Ehen innerhalb ihrer Gemeinschaft anerkennt, und Johann Andreas Graff diesem Fundamentalismus offenbar nichts abgewinnen kann. Vergeblich reist er nach Friesland um seine Frau umzustimmen. Später beschreibt er seine Eindrücke in einem langen Brief an Johann Jakob Schütz, einen fundamentalistischen Frankfurter Pietisten, der seine Frau in offenbar beeinflusst hat. Es ist der Brief eines verzweifelten Vaters, der sich um seine Töchter sorgt - vor allem um die kleinere, 10-jährige, denn er habe gesehen, wie Kinder dort brutal verprügelt wurden. Und er klagt, seine Frau tue nicht alles freiwillig - und ihr Werk, das er unterstützt habe, drohe verloren zu gehen. Dieser Brief, erst 2009 bekannt geworden, revidiert das Bild von Graff, der in vielen Merian-Biografien schlecht wegkommt: Als seiner Frau künstlerisch unterlegen, womöglich ein Trunkenbold oder Weiberheld. Auch äußert der Nürnberger Rat äußert sich lobend über Graffs … ZITATOR "… allhie geführten guten Wandel, auch in seiner wißenschafft und Information der Jugend geführten Fleiß." ERZÄHLERIN Graff war offenbar nicht nur als Architekturmaler anerkannt, sondern auch als Zeichenlehrer. Auch auf Maria Sibylla Merian wirft der Brief und die genauere Betrachtung ihres geistigem Umfelds in Frankfurt ein anderes Licht als es in den Biografien bisher der Fall war. Religiöser Fundamentalismus - das passt so gar nicht zu der beliebten emanzipatorischen, gar feministischen Interpretation ihrer Biografie. TC 18:27 – Eine Reise nach Südamerika MUSIK ERZÄHLERIN Graff hat mit seinem Besuch keinen Erfolg - fünf Jahre später wird seine Ehe vom Nürnberger Rat geschieden, und er heiratet wieder. Zu dieser Zeit hat sich die Labadisten-Sekte bereits aufgelöst - und Frau und Töchter sind weitergezogen nach Amsterdam. In der pulsierenden Metropole war es unter den reichen Bürgern Mode, botanische und zoologische Raritäten in Mode zu sammeln, die regelmäßig mit Schiffen aus den Kolonien kamen, erzählt die Biologiehistorikerin Katharina Schmidt-Loske. (12. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Was war das für eine verrückte Zeit, wo so viele Pflanzenknollen und Material getauscht wurde untereinander, zwischen botanischen Gärten und Leuten, die genug Geld hatten, gigantische Schneckensammlungen, und überall war jeder stolz über diese Sammlungen, da waren die Künstler gut im Geschäft, u.a. Maria Sibylla Merian und ihre Töchter, weil natürlich das Botanisieren eine Möglichkeit war, die Pflanzen zu erhalten, aber die viel schönere war natürlich die kraftvolle Vitalität und Farbenpracht durch einen Künstler für die Ewigkeit zu erhalten. ERZÄHLERIN Die Töchter, ebenfalls begabte Malerinnen, können mit zum Lebensunterhalt beitragen. Außerdem braucht die Mutter Geld für ein teures und gewagtes Unterfangen: Eine Reise in das kleine südamerikanische Land Surinam, damals niederländische Kolonie. Sie will die prächtigen Schmetterlinge, die sie aus Sammlungen kennt, in ihrem Lebensraum sehen und malen. Und sie schafft es - zu einer Zeit, als allein reisende Frauen eigentlich völlig undenkbar sind. Zwei Jahre von 1699 bis 1701, lebt sie mit ihrer jüngeren Tochter in dem tropischen Land, und erkundet das Umfeld der Zuckerrohrplantagen - unterstützt von Einheimischen und Sklaven, von denen sie vieles über die medizinische Verwendung der Pflanzen erfährt. Zurück in Amsterdam, gelingt es ihr in kürzester Zeit, einen großformatigen Prachtband über die Pflanzen und Tiere Surinams zu veröffentlichen. (13. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Als erstes naturkundliches Werk Surinams ist ihr Werk zu bezeichnen, sie hat wirklich da Grundlagen entdeckt und beschrieben." ERZÄHLERIN Wird Maria Sibylla Merian am Ende ihres Lebens doch noch zur Naturforscherin, als die sie sich vorher nie gesehen hat? Für das Surinam-Werk zieht sie einen bekannten Amsterdamer Botaniker zu Rate, es erscheint auf Latein und Niederländisch. Es ist kein Andachtsbuch, dem Text fehlen jegliche Hinweise auf Gottes Wirken. Aber es ist nicht ihr letztes Werk: Kurz nach ihrem Tod 1717 veröffentlicht ihre jüngere Tochter einen dritten Band des Raupenbuchs - offenbar ist sie der Naturfrömmigkeit bis zuletzt treu geblieben. Unabhängig davon werden alle ihre Bücher später von Biologen für ihre Forschung genutzt. (14. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE "Die Informationen die sie bieten konnte über manche Tierarten, das waren ja die allerersten von manchen Arten. Linné hat 136 mal ihr Werk zitiert." ERZÄHLERIN Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert die systematischen Grundlagen der heutigen Biologie schuf. MUSIK ERZÄHLERIN Maria Sibylla Merian hat keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Ihre wenigen überlieferten Briefe enthalten fast nur Geschäftliches - und außer dem Brief ihres enttäuschten Ehemanns gibt es auch keine persönlichen Äußerungen über sie. Nur ihre Bücher können uns Aufschluss geben über ihr Denken, ihre Ziele. Ihre Eigenständigkeit zu einer Zeit, als das für Frauen so nicht üblich war, weist zweifellos auf eine starke Persönlichkeit hin. Bei den Motiven wird es schon schwieriger. Zielstrebiges Selbstbewusstsein - trotz mancher bescheidenen Äußerung im Raupenbuch? Religion als treibende Kraft - auch für den Weg nach Amsterdam und Surinam? Die Person Maria Sibylla Merian bleibt letztlich rätselhaft - was uns nicht daran hindert, uns an ihren Bildern zu erfreuen und ihre insektenkundliche Pionierarbeit anzuerkennen. TC 22:55 – Outro
- 06.09.202423 min
Im Jahr 1505 segelt der Gewürzkäufer Balthasar Sprenger an die indische Malabarküste. Seine Reise mit der portugiesischen Indienflotte ist die früheste deutsche Meerfahrt dahin, wo der heißbegehrte Pfeffer wächst. Von Simon Demmelhuber (BR 2022) Credits Autor: Simon Demmelhuber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Stefan Wilkening Technik: Regina Staerke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Maximilian Kalus Linktipps: WDR (2012): Bartholomeu Dias bricht zum Kap der Guten Hoffnung auf Seine Reise ist so geheim, dass bis heute niemand genau weiß, wie sie verlaufen ist: Im August 1487 sticht der Portugiese Bartolomeu Dias mit zwei Karavellen und einem Versorgungsschiff in See. Sein Ziel: die Umschiffung Afrikas und die Entdeckung eines Seewegs nach Indien, denn der verspricht reiche Gewinne im Gewürzhandel. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk (2022): Vasco da Gama, das Kap der Guten Hoffnung und der Seeweg nach Indien Vor mehr als 500 Jahren umsegelte der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung – und entdeckte den Seeweg nach Indien. Für die Portugiesen war es der Beginn eines goldenen Zeitalters, in dem sie den Seehandel mit Indien dominierten. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 - Intro TC 02:08 – Portugiesische Waagnisse TC 04:21 – Kupfer regiert die Welt TC 08:42 – Der bayerische Seefahrer TC 12:12 – Eine blutige Spur TC 14:53 – Teile und herrsche TC 19:19 - Heimreise TC 22:40 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro MUSIK ERZÄHLERIN Indien! … ERZÄHLER … wo Pfeffer, Kurkuma, Kardamon, Nelken, Zimt gedeihen, wo kostbare Harze, Hölzer und Arzneien wachsen, wo Rubine, Smaragde, Diamanten, Perlen, Gold in Fülle überfließen. ERZÄHLERIN In der Antike schaffen Karawanen den verschwenderischen Reichtum des Orients aus den Tiefen Arabiens, aus China, Persien, Indien zu den Umschlagplätzen am östlichen Mittelmeer und in die Zentren der Alten Welt. Ab dem 10. Jahrhundert bringen vorwiegend italienische Großimporteure die Ware von Alexandria per Schiff nach Venedig und Genua, wo sie Käufer aus allen Winkeln Europas findet. ERZÄHLERIN Um die Mitte des 15. Jahrhunderts sperrt das Osmanische Reich die uralten Handelsstraßen. Die neue Großmacht hat Konstantinopel erobert, beherrscht Anatolien und den Balkan, rückt über Syrien gegen Ägypten vor und kontrolliert nun den Zugang zum Orient. Mit weitreichenden Folgen, wie der Wirtschaftshistoriker Maximilian Kalus erklärt: O-TON KALUS 1 Die Osmanen wollen die Christen von den asiatischen Gewürzen gewissermaßen komplett abschneiden. Das gelingt auch eine Weile, bis sie merken, dass dieser Handel verdammt lukrativ ist und sie deswegen selber mitmachen. ERZÄHLERIN Auch im Mittelmeer versucht das Osmanische Reich, die abendländische Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen. Die Sicherung der Warenströme und Profite lässt den europäischen Großimporteuren nur eine Chance: Sie müssen neue Lieferwege erschließen und selbst in Asien einkaufen. ERZÄHLER Aber wie? Die Landroute fällt aus. Bleibt nur der Seeweg. Doch niemand weiß, ob und wo ein Weg um Afrika herum nach Osten führt. TC 02:08 – Portugiesische Waagnisse MUSIK ERZÄHLERIN Die Portugiesen wagen es trotzdem. Seit 1418 rüstet die Krone zahllose Expeditionen aus, die sich Fahrt um Fahrt an der Küste Westafrikas vortasten. Eine zentrale Behörde trägt den ständig erweiterten Wissensschatz über Küsten, Winde, Strömungen, Gezeiten, Untiefen, Ankergründe zusammen, der Portugals Goldenes Zeitalter befeuert. ERZÄHLER Wozu die Mühe? Warum steckt ein kleines Land wie Portugal so viel Geld und Ausdauer in beschwerliche Entdeckungsfahrten mit unsicherem Ausgang? Aus Wissbegier und Missionierungseifer? Maximilian Kalus hat die Strukturen und Akteure des Orienthandels der frühen Neuzeit erforscht und hält ein anderes Motiv für ausschlaggebend: O-TON KALUS 2 Natürlich werden religiöse Gründe vorgeschoben, da geht es immer auch um Christianisierung. Aber am Ende des Tages geht es um den schnöden Mammon. Am Ende geht es um Gewinn. ERZÄHLER Anders gesagt: Die Beseitigung des italienischen, osmanischen und asiatischen Zwischenhandels im Gewürz- und Orientgeschäft ist portugiesische Staatsräson. O-TON KALUS 3 Das ist ein klassischer Verdrängungswettbewerb: Wenn ich das selber mache, greife ich den Gewinn ab, egal wie teuer das am Ende in Europa ist. Ich schöpfe hundert Prozent ab, und das ist der Deal, den die Portugiesen versuchen. MUSIK ERZÄHLERIN 1488 ist das Ziel zum Greifen nah: Bartholomeu Dias umfährt das Kap der Guten Hoffnung und stößt in den Indischen Ozean vor. Nur zehn Jahre später landet Vasco da Gama an der Malabarküste: Der erste Europäer hat Indien auf dem Seeweg um Afrika erreicht und kehrt mit Zimt, Nelken, Pfeffer, Ingwer, Harz, Weihrauch, Duft- und Farbstoffen reich beladen heim. ERZÄHLER Die Welt hat sich für immer verändert: Die alten Monopole sind gebrochen, das Tor zur indischen Schatzkammer ist aufgestoßen, der direkte Zugriff auf die Schätze Indiens verheißt fantastische Renditen. TC 04:21 – Kupfer regiert die Welt ERZÄHLERIN Auch den Augsburger und Nürnberger Kaufherrn ist die Tragweite des Durchbruchs auf Anhieb klar: Die Zentren des Orienthandels werden sich von Venedig, Genua oder Alexandria nach Lissabon und nach Antwerpen verlagern, wo Portugal die Gewürzimporte vermarktet. Wer im Geschäft bleiben will, muss dort präsent sein und investieren. O-TON KALUS 4 Die Eliten der Reichsstädte, die europaweit Handel treiben, wissen genau, wo die Musik spielt, deswegen ist anzunehmen, dass sie diese Chancen wittern. Gerade die Welser gehen da ziemlich forsch voran. ERZÄHLERIN Heute würde man die Augsburger Welser vermutlich als Early Mover bezeichnen. Schon 1502 gründen sie eine Niederlassung in Lissabon, wenig später ziehen mit den Fuggern weitere Handelshäuser nach. Und vermutlich sind es auch die risikobereiten Welser, die ab 1503 das Projekt einer deutschen Handelsfahrt nach Indien vorantreiben. ERZÄHLER Direktimporte aus Asien? Die ganze Lieferkette in einer Hand? Das klingt interessant, setzt aber einen Vertrag mit König Manuel von Portugal voraus. Zum Glück stehen die Chancen dafür gut. Denn die Deutschen haben zwei Dinge, die Manuel fehlen: Geld und Kupfer! ERZÄHLERIN Portugal schickt seit 1498 alljährlich Handelsschiffe nach Indien, deren Finanzierung schwer auf der Staatskasse lastet. Vor allem der militärische Geleitschutz blutet die Ressourcen aus. König Manuel braucht also Fremdkapital, das er über ein beiderseits profitables Beteiligungsmodell einwirbt: Der Investor zahlt die Ausrüstung, den Unterhalt und die Heuer der portugiesischen Besatzung eines oder mehrerer Schiffe, dafür kann er frei in Indien einkaufen. Einen Teil der Rückfracht behält die Krone, den Rest der Geldgeber. ERZÄHLER Aber Manuel hat noch ein zweites Problem: Indien besitzt keine eigenen Kupferminen. Das Metall ist begehrt, muss aber importiert werden und entwickelt sich so zum wichtigsten Tauschgut des Gewürzgeschäfts. O-TON KALUS 5 Die Formel ist einfach: ohne Kupfer kein Pfeffer. Kupfer ist im Grunde das wichtigste Metall, Kupfer braucht man in wahnsinnigen Mengen für Dächer, für Alltagsgegenstände, alles Mögliche im Haushalt wird aus Kupfer hergestellt. Später werden auch die Rümpfe von Schiffen mit Kupfer beschlagen, Geschütze sind aus Kupfer […]. ERZÄHLER In großen Mengen liefern können das begehrte Metall nur Augsburger und Nürnberger Handelsgesellschaften, allen voran die Fugger. Maximilian Kalus: O-TON KALUS 6 Die Leute, die auf dem Kupfer hocken, sind im Grunde die oberdeutschen Kaufleute. Die haben fast die absolute Marktmacht. Die drei deutschsprachigen Reviere, nämlich Tirol, Neusohl und Mansfeld sind die größten Kupferabbaugebiete, und die Leute, die im Montanwesen tätig sind, sind genau die Leute, die dann im Pfefferhandel tätig sind. ERZÄHLER Um mit der Investitionslücke zugleich seine Kupferlücke zu schließen, kommt Manuel den Deutschen entgegen. Er gewährt ihnen beträchtliche Handelsvorteile in Portugal und fordert einen vergleichsweise geringen Kronanteil von 30 Prozent auf die in Indien geladene Ware. MUSIK ERZÄHLERIN 1504 ist der Vertrag unter Dach und Fach. Ein Konsortium, dem die Augsburger Handelsgesellschaften der Welser, Fugger, Gossembrot und Höchstetter sowie die Nürnberger Firmen Imhoff und Hirschvogel angehören, bringt 65.000 Dukaten für drei Handelsschiffe auf. Ein Drittel der Summe, die etwa 7 Millionen Euro entspricht, tragen die Welser, den Rest die Mitgesellschafter. ATMO ERZÄHLERIN 25. März 1505: 20 Schiffe der siebten königlichen Indienflotte lichten im Hafen von Lissabon die Anker. Das Oberkommando hat Dom Francisco de Almeida, dem 1500 Soldaten, 200 schwere und 100 leichte Geschütze sowie ein Tross von Segelmachern, Zimmerleuten, Handwerkern, Geschützgießern, Beamten und Einkäufern unterstehen. TC 08:42 – Der bayerische Seefahrer MUSIK ERZÄHLER Und: ein junger Mann, der an diesem Tag auf einer der drei deutschen Schiffe zur Reise seines Lebens aufbricht. ZITATOR Ich, Balthasar Sprenger aus Fils in Tirol, ein Bestellter der Welser zu Augspurg! ERZÄHLERIN Balthasar Sprenger, von dem wir kaum mehr als den Namen wissen, wird für seine Auftraggeber 15 Monate auf See und fünf Monate in Indien zubringen. Er wird 42.000 Kilometer zurücklegen, wird unbekannte Tiere, Pflanzen und Merkwürdigkeiten bestaunen, wird in Seenot und Todesangst geraten, wird beten, bangen, hungern, dürsten und bisweilen an der Heimkehr verzagen. ERZÄHLER Er wird aber auch mit verstörender Selbstverständlichkeit an Gewaltexzessen, Kriegsgräueln, brutalen Plünderungen und Brandschatzungen teilhaben. Er wird auf Menschen treffen, deren Fremdheit sein Begreifen überfordert. Er wird sehen, ohne zu verstehen, und urteilen, ohne zu prüfen. Nur eines wird er nicht tun: Er wird nie, wird mit keinem Wort, keinem Gedanken an der Überlegenheit des christlichen Abendlands und seinem Vorrecht auf alle Schätze dieser Erde zweifeln. ERZÄHLERIN Nach vier Wochen auf See legt die Flotte erstmals eine lange Pause an der Küste des heutigen Senegal ein. Hier leben Wolofstämme, die sich mit den Europäern arrangiert haben. Viele Wolofhändler sprechen genug Portugiesisch, um Frischwasser und Proviant gegen Werkzeug oder Schmuck zu tauschen. ERZÄHLER Die Rast vor der Kapumfahrung ist dringend nötig. Navigationsfehler, Stürme, Strömungen und Havarien haben die Flotte zerstreut. Ohne sichere Sammelplätze wären die Nachzügler verloren. Außerdem sind selbst die modernen portugiesischen Naos, Karacken und Karavellen schwimmende Dauerbaustellen. Marodes Tauwerk und gerissene Segel müssen geflickt, gesplitterte Masten, gebrochene Anker und Steuerruder erneuert, Lecks gestopft und faulende Planken ausgetauscht werden. ATMO ERZÄHLERIN Dann wird es ernst. Die Umsegelung der Südspitze Afrikas entfesselt alle Schrecken des Meeres: Wolkenbrüche, gewaltige Strömungen, Fallböen und unberechenbare Winde zersprengen den Verband, drücken und schieben die Schiffe gegen Klippen und Riffe. Zwei später wiedergefundene Schiffe gehen verloren, für die übrigen öffnet sich nach schweren Tagen der Indische Ozean. MUSIK ERZÄHLER Bislang liefert Sprengers Bericht erwartbare Entdeckerexotik: Wasser, Wellen, tanzende Horizonte, fremde Sterne, wundersame Tiere und Pflanzen, schwarze Menschen mit ‚seltsamen‘ Kleidern, Haaren und anstößiger Nacktheit. An der ostafrikanischen Küste kippt das launige Seestück. ERZÄHLERIN Acht Schiffe ankern vor Kilwa, der Hauptstadt des gleichnamigen Swahili-Sultanats. Der reiche Handelshafen herrscht über den heute tansanischen Teil der Küste Ostafrikas. 1502 unterstellt Vasco da Gama das Sultanat der Herrschaft Portugals und verhängte einen jährlichen Tribut. Dass Kilwa diese Abgabe und den Vasallenstatus seither ungestraft verweigert, schwächt die Autorität Portugals. ERZÄHLER Höchste Zeit, ein warnendes Exempel zu statuieren! TC 12:12 – Eine blutige Spur MUSIK ERZÄHLERIN Am Morgen des 24. Juli 1505 künden Kanonenschüsse ein blutiges Lehrstück an. 500 Bewaffnete stürmen den Palast des Sultans, der inzwischen geflohen ist und die Stadt einer so raub- wie mordlustigen Soldateska überlässt. Balthasar Sprenger ist, unklar ob als Zeuge oder Täter, in den Überfall verwickelt. ZITATOR Da fuhren wir hin mit ganzer Macht zu der Stadt und schossen etlich Heiden tot, plünderten und fanden große Schätze von Gold, Silber, Perlen, Edelsteine sowie kostbare Kleidung. ERZÄHLER Von Skrupeln keine Spur. Auch als Generalkapitän Almeida kurz danach das feindliche Mombasa belagern, angreifen, plündern und bis auf den Grund niederbrennen lässt, billigt Sprenger die zügellose Gewalt. Was hier geschieht, ist Ausfluss der Gewissheit, gemeinsam einer überlegenen christlichen Zivilisation anzugehören, die einen universalen Herrschaftsanspruch begründet. MUSIK ZITATOR Durch Gottes Vorsehung blieb mancher Heide tot. Wir eroberten und besetzen die Stadt mit großem Frohlocken, dankten dem Allmächtigen und begannen zu plündern und fanden unsagbar große Reichtümer. Amen! ERZÄHLER Die siebte Indienarmada von 1505 bis 1506 unter Francisco de Almeida ist keine Entdeckungs- und noch nicht einmal vorrangig eine Handelsfahrt. Sie ist eine brutale Inkasso- und Strafaktion. Die Demonstration militärischer Macht soll Widerstände brechen, Aufwiegler züchtigen, Nachahmer schrecken und allen zeigen, wer an den afrikanischen Küsten und im Indischen Ozean künftig das Sagen hat. ERZÄHLERIN Dabei verzichtet Portugal trotz massiver Militärpräsenz auf die Eroberung geschlossener Herrschaftsräume. Die expansive Strategie setzt vorerst auf die Sicherung des Seewegs und der Logistikkette durch befestigte Faktoreien, die den Armadas als Brückenkopf, als Waren- und Ausrüstungslager, als Nachrichtenbörse, Herberge und Servicezentrum dienen. Welche Mittel der Generalkapitän einsetzt, um seine Ziele zu erreichen, ist ihm überlassen: Er kann Freundschafts- und Bündnisverträge schließen, notfalls aber auch Gewalt anwenden. O-TON-KALUS 7 In Westafrika gibt es hochentwickelte Kulturen und Königshäuser, da müssen sich die Portugiesen mit den Eliten arrangieren. TC 14:53 – Teile und herrsche ERZÄHLER Malindi ist der letzte ostafrikanische Halt vor der Überfahrt nach Indien. Im geschützten Hafen des muslimischen Stadtstaats kann die Armada gesichert ankern, Vorräte auffrischen, Schäden ausbessern, auf vermisste Schiffe warten. Dafür sorgt ein Beistandsvertrag auf Gegenseitigkeit: Der König gewährt das Aufenthaltsrecht, Portugal verspricht Schutz vor dem aggressiven Nachbarn Mombasa. Entsprechend freudig nimmt man die Nachricht vom Untergang des Rivalen auf. ZITATOR Der Kunig was zufrieden, dass wir die Stadt gründlich verwüstet, ausgeraubt und eingeäschert haben. ATMO ERZÄHLERIN Ende August stechen 15 überholte, bestens proviantierte Schiffe in See. Nach 16 Tagen und 4000 Kilometern über offenes Meer ist die Passage geschafft. Die Flotte steuert zunächst die menschenleere Insel Angediva vor der Malabarküste an. Während die Nachzügler eintreffen, errichten Bautrupps ein Fort nebst Kirche aus mitgebrachten Fertigbauteilen. Ende Oktober steht die Festung. Almeida stellt 80 Mann und zwei Schiffe zu ihrer Bewachung ab und nimmt Kurs auf die Malabarküste. MUSIK ERZÄHLER Im Südwesten des indischen Subkontinents treffen die Portugiesen auf eine verwirrende Vielzahl meist muslimisch, bisweilen hinduistisch geprägter Königreiche, Fürstentümer und Stadtstaaten. Unter allen Hafen- und Handelsstädten, in denen indische, tamilische, arabische, chinesische und jüdische Kaufleute mehr oder minder friedlich zusammenleben, ist keine berühmter, keine größer, reicher und wichtiger als Calicut. ERZÄHLERIN In Calicut, der Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs, war auch Vasco da Gama bei seiner ersten Ankunft gelandet. Der Zamorin, der Herrscher der muslimischen Erbmonarchie, hatte die Portugiesen freundlich empfangen. Aber die Duldung währte nicht lange. Die Neuankömmlinge treten derart aggressiv und herrisch auf, dass sie zuletzt einen vollständigen Boykott seitens der eingesessenen Händler provozieren. Als sich schließlich niemand mehr bereitfindet, ihnen Ware zu verkaufen, weichen die Portugiesen auf andere Handelsplätze aus. ERZÄHLER Divide et impera – teile und herrsche! Ein Spiel beginnt, das die Portugiesen meisterhaft beherrschen: Wie in Afrika nutzen sie regionale Rivalitäten und Sezessionsbestrebungen für ihre Zwecke. Die Strategie geht auch diesmal auf: Weil Calicut die Vorherrschaft an der Malabarküste anstrebt und dabei nicht zimperlich vorgeht, sind die Portugiesen in den benachbarten Königreichen Cochin und Cannanore hoch willkommen. Für ein Beistandsversprechen gegen Calicut gewähren die Rajas nicht nur ungehinderten Zugang zu ihren Häfen und Märkten. Sie gestatten den Bau von Faktoreien und Festungen, akzeptieren die Dauerpräsenz bewaffneter Soldaten und erkennen die Oberherrschaft König Manuels an. ERZÄHLERIN Calicut hält still, solange die Armada in Indien weilt. Kehrt sie mit dem Wintermonsun nach Portugal zurück, hagelt es Angriffe gegen die nun schutzlosen Nachbarn. Ein halbes Jahr später trifft die nächste Flotte mit dem Sommermonsun an der Malabarküste ein und führt sofort harte Strafexpeditionen durch. Das Hin und Her wechselseitiger Provokationen und Rachefeldzüge eskaliert: Calicut zerstört portugiesische Niederlassungen und befehdet Parteigänger Portugals. Die Portugiesen kapern und plündern muslimische Handelsschiffe, beschießen arabische Faktoreien, überfallen und verwüsten mit Calicut verbündete Städte. MUSIK ERZÄHLER So stehen die Dinge, als Balthasar Sprenger am 26. Oktober 1505 in Cannanore erstmals indischen Festlandsboden betritt. Er landet in einem Gebiet schwelender Konflikte, die er nicht durchschaut, und nimmt selbst dann ungerührt an Kriegshandlungen teil, wenn Almeida im Namen des portugiesischen Königs und abendländischer Handelsinteressen auf Unbewaffnete schießen und ihre Häuser niederbrennen lässt. O-TON KALUS 8 Sie wollen sich etablieren im Indischen Ozean. Es war klar, dass sie den gesamten Handel kontrollieren wollten. Es ist der Beginn dessen, was wir später als Globalisierung bezeichnen, dessen, was letztlich im Kolonialismus endet. TC 19:19 - Heimreise ERZÄHLERIN Was Balthasar Sprenger miterlebt, ist die Gründung des Estato da India. Dieses vorkoloniale Gebilde, das Francisco de Almeida als erster der auf drei Jahre bestellten Vizekönige regiert, ist kein geschlossenes Herrschaftsgebiet. Das wäre zu Beginn des 16. Jahrhunderts sowohl verwaltungs- und militärlogistisch wie demografisch nicht zu stemmen. Die Herrschaft des Vizekönigs erstreckt sich über kleine, unverbundene Flächen mit portugiesischen Faktoreien, Festungen, Kirchen, Verwaltungs- und Wohngebäuden. Zum Schutz der Exklave bleiben erstmals zehn bemannte Schiffe in Indien zurück. Die dauerhaft stationierte Seemacht soll verbündete Städte und Häfen verteidigen, Passierzölle eintreiben, Piraten bekämpfen und den muslimischen Handelsverkehr stören. ERZÄHLER Während Almeida sein Regiment als Vizekönig aufnimmt, beginnen die Kaufleute in Cochin und Cannanore mit dem Wareneinkauf und der Verladung. Ob Sprenger selbst handelt, in welcher Funktion er auftritt und wie das Geschäft abläuft, verschweigt der Bericht. Wir wissen nur, dass sich die drei Schiffe der oberdeutschen Kaufherren bis Ende Dezember mit Perlen, Edelsteinen, Ingwer, Zimt, Aloe, Schellack Kampfer, Gummi, kostbaren Harzen und rund 130 Tonnen Pfeffer füllen. ATMO ERZÄHLERIN Dann drängt die Zeit: Die gestaffelt abreisenden Heimkehrer müssen den Wintermonsun erwischen. Ein erstes Geschwader läuft am 2. Januar aus, die Leonarda, auf der Sprenger fährt, setzt am 21. Januar 1506 Segel in Richtung Lissabon, die dritte Abteilung folgt Anfang Februar. MUSIK ERZÄHLER Die Heimreise dauert zehn Monate und ist ein Fiasko. Schiffbrüche, Gegenwinde, Stürme, Flauten verzögern die Überfahrt. 123 Seefahrer sterben an Hunger, Durst und Fieber. 20 Monate nach seiner Ausfahrt macht Sprengers Schiff in Lissabon die Leinen fest. ZITATOR Am 15. November setzen wir Anker vor der Stadt und hatten do mit diese Reis in dem Namen Gottes vollbracht und geendet. MUSIK ERZÄHLER Abgeschlossen ist die Reise damit noch nicht. Zumindest nicht für die süddeutschen Handelsgesellschaften. ERZÄHLERIN König Manuel möchte verhindern, dass ein plötzliches Überangebot an Gewürzen und Orientwaren die Preise ruiniert. Also lässt er die Fracht der Deutschen beschlagnahmen und einlagern. Erst nach vier Jahren können die Fugger, Welser, Gossembrot, Imhof und Hirschvogel die Herausgabe vor Gericht erstreiten. ERZÄHLER Am Ende tröstet ein stattlicher Reingewinn von 150 bis 175 Prozent wohl über manchen Ärger hinweg. ERZÄHLERIN Und Balthasar Sprenger? ERZÄHLER Er kehrt nach Augsburg zurück, verfasst einen Reisebericht, der 1509 als illustrierte Merfart zu viln onerkanten Inseln und Kunigreichen im Druck erscheint. Wie es dem Chronisten der ersten deutschen Indienfahrt danach ergeht, ist ungewiss. Seine Spur verliert sich wie ein Ruderschlag im Ozean. TC 22:40 – Outro
- 06.09.202424 min
Unfreiwillig verschlug es Johannes (Hans) Schiltberger in die Fremde. Im Mittelalter geriet der Bayer als Kriegsgefangener des Sultans bis nach Indien. Seine Erlebnisse beschrieb er in einem packenden Reisetagebuch. Von Lukas Grasberger (BR 2018) Credits Autor: Lukas Grasberger Regie: Stefanie Ramb Es sprachen: Xenia Tiling, Thomas Lettow Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Christoph Paulus, Prof. Birgit Studt, Markus Tremmel Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: Die Grandauers und ihre Zeit Mit Podcasts kann man tief in besondere Geschichten eintauchen. Die Hörspiel-Serie “Die Grandauers und ihre Zeit” ist so eine besondere Geschichte: Die Familiensaga erzählt unter anderem das Leben von Kriminaloberwachtmeister Ludwig Grandauer und dessen Sohn, dem Münchener Kriminalkommissar Benno. Drei Generationen einer Münchner Familie durchleben und durchleiden in den Jahren von 1893 bis 1945 fast fünf Jahrzehnte bayerische und deutsche Geschichte - eine dramatische Zeit voller Träume, Hoffnungen, aber auch Kriege. ZUM PODCAST Linktipps: phoenix (2024): Kreuzritter im Orient Kriege im Namen Gottes - Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht: Diese Folge erzählt die Geschichte der muslimischen Rückeroberung des Heiligen Landes. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2005): Im Osmanischen Reich respektiert – in Resteuropa gefürchtet Liegt zwischen der Türkei und Europa ein „Kulturgraben“? Diese Frage hat ihren Ursprung im Nachhall der im 15. und 16. Jahrhundert weitverbreiteten sogenannten „Türkengefahr“. 1529 standen die Osmanen zum ersten Mal vor den Toren Wiens, ein traumatisches Ereignis für die mitteleuropäischen Königtümer. ZUM BEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:57 – Ein Bayer auf Reisen TC 05:10 – Die Schlacht von Nikopolis TC 09:17 – Chronist, Augenzeuge oder Fiktion? TC 14:48 – Andere Länder, andere Sitten TC 19:05 - Die Anziehungskraft des Schiltbergers TC 21:29 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK ZITATOR „Dann befahl der König, dass ein jeder seine Gefangenen töte. (…) Auch meine beiden Mitgefangenen wurden gepackt, und man schlug ihnen die Köpfe ab. ATMO Als ich an der Reihe war, da erblickte mich der Sohn des Königs und erwirkte, dass ich am Leben blieb. Man führte mich zu den anderen Knaben, denn keiner unter zwanzig Jahren durfte getötet werden, und ich war zu der Zeit kaum sechzehn Jahre alt.“ SPRECHERIN Nüchtern, ja fast lakonisch erzählt der Jüngling Johannes Schiltberger, wie er 1396 nach einem gescheiterten Kreuzzug dem Türkenherrscher Bayezid in die Hände fiel – und dem Tod gerade noch einmal von der Schippe sprang. Die folgenden über 30 Jahre sollte der Spross eines alten bayerischen Adelsgeschlechts in Gefangenschaft verbringen. Doch Schiltberger saß nicht etwa in Kerkerhaft: Er musste seinen Herren als Soldat auf verschiedensten Feldzügen dienen. Johannes Schiltberger verschlug es nach Sibirien, nach Samarkand, ja gar nach Indien: Fremde Länder, die kaum je ein Zeitgenosse bereiste. Er will fantastische Begebenheiten erlebt haben, wie etwa Kamele, die man in Flammen setzte, um Kriegselefanten in die Flucht zu schlagen. MUSIK SPRECHERIN Und Johannes Schiltberger schrieb seine Erlebnisse auf. Sein „Reisebuch“ über die Begebenheiten als „Sklave im Osmanischen Reich und bei den Tartaren 1394-1427“ wurde ab dem späten Mittelalter zu einer Art Bestseller - zunächst in mehreren Handschriften verbreitet, dann vielfach nachgedruckt. Die ins Neuhochdeutsche übertragenen Zitate stammen aus der Ausgabe von Ulrich Schlemmer. Die Schilderungen des unfreiwilligen Weltreisenden aus Bayern waren nicht nur für damalige Zeitgenossen eine spannende Lektüre. Schiltbergers Berichte fesseln noch heute, sagt Dr. Christoph Paulus vom „Haus der Bayerischen Geschichte“ in Augsburg. O-Ton 1 Christoph Paulus, Historiker am „Haus der Bayerischen Geschichte“ “Für unseren Bereich, konkret Bayern um das 14. Jahrhundert, ist dieser Text wahrlich ein Solitär [...]. Weil wir keine vergleichbaren Texte haben, und weil er uns in vielerlei Hinsicht eine ungemein interessante Mischung zwischen eigener Anschauung und eben systematischen ‚Abhandlungen‘ über fremde Länder, fremde Menschen, fremde Kulturen, fremde Religionen und Gebräuche liefert.” SPRECHERIN Es sind diese anschaulichen Schilderungen, derentwegen Schiltberger zuweilen auch als „bayerischer Marco Polo“ bezeichnet wird. TC 02:57 – Ein Bayer auf Reisen MUSIK Doch wer war dieser Johannes Schiltberger wirklich? Wo kam er her? Was veranlasste ihn, gen Osten gegen die Heiden in den Krieg zu ziehen? Und wie kam es zu seinem vielgelesenen Bericht? Geboren wird Johannes Schiltberger in ein Bayern des späten Mittelalters. Ein Bayern, das bewegten Zeiten entgegensieht... O-Ton 2 Prof. Birgit Studt, Mittelalterliche Geschichte, Uni Freiburg „Das war eine Zeit der Erbfolgestreitigkeiten, wo nun konkurrierende Teilherzogtümer entstanden […]“ SPRECHERIN ...sagt die Freiburger Historikerin Birgit Studt. Bayern ist damals aufgeteilt unter den Enkeln und Urenkeln des deutschen Königs Ludwig des Bayern. Da gibt es die Münchner, die Landshuter, die Ingolstädter und die Straubinger – sich allesamt gegenseitig spinnefeind. Besitztümer sind zersplittert, der Stammsitz derer zu Schiltberg war auf einer Burg im heutigen Landkreis Aichach-Friedberg. Ein Zweig der Familie hatte sich in München niedergelassen, wo wohl auch Johannes Schiltberger zur Welt kam. Als nicht Erstgeborener Sohn konnte er sich wohl keine Hoffnung darauf machen, das Familienerbe anzutreten. O-Ton 3 Studt „Das Problem für Zweit- und Drittgeborene war nun tatsächlich: Wenn die Herrschaft nicht geteilt wurde, dass man sich Möglichkeiten anderer Verdienste suchte. Und da gab es eben die klassischen Wege: Politikberatung, indem man nun tatsächlich auch den Hofdienst suchte, den Dienst an größeren Fürstenhöfen, wo es eben darum ging, den Fürsten zu beraten, und hier die fürstliche Politik zu steuern. Oder auf der anderen Seite dann tatsächlich eine militärische Karriere zu unternehmen, und dann so etwas zu werden wie ein Offizier.“ MUSIK SPRECHERIN Johannes Schiltberger geht also als Knappe in die Lehre, lernt vom Kreuzritter Leonhard Reichartinger, der aus der Umgebung von Trostberg stammte, das Kriegshandwerk. Dass es ihn damit in fremde Länder ziehen würde, war nahezu vorgezeichnet, sagt die Freiburger Professorin Birgit Studt. O-Ton 4 Studt „Darauf beruhte das Selbstverständnis von Adeligen, namentlich von adeligen Rittern, unterwegs zu sein, um zu kämpfen, Kriege zu führen, Reisen zu organisieren […]“ TC 05:10 – Die Schlacht von Nikopolis ATMO SPRECHERIN Ritter und Knappen, die sich quasi als Ich-AG in den Dienst verschiedener Herren stellten, wurden damals gebraucht – zumal es nicht nur innenpolitisch im deutschen Reich unruhig war. Besonders laut um Unterstützung rief Sigismund, der König von Ungarn. Osmanische Krieger bedrohten sein Königtum, auch im Rest der abendländischen Welt grassierte die Angst vor der „Türkengefahr“. Johannes Schiltberger eilte also Sigismund gemeinsam mit seinem Herrn Reichartinger zur Hilfe. Es war ein bunt zusammengewürfeltes christliches Heer, mit dem Johannes Schiltberger im September 1396 bei Nikopolis auf die Osmanen und ihre Verbündeten stoßen sollte. Das christliche Abendland im Kreuzzug gegen die Heiden zu verteidigen – das war zuweilen eher ein vorgeschobenes Motiv, sagt die Mediävistin Birgit Studt. O-Ton 7 Studt ”Das kann man schon in Nikopolis sehen: Da ging es Sigismund natürlich darum, sein Reich zu schützen. Diejenigen aber, die sich an diesem Kreuzzug beteiligten, hatten natürlich durchaus andere Motive. Und in der Berichterstattung über Nikopolis kann man sehen, dass da ganz unterschiedliche Motivkomplexe verhandelt wurden. Und eigentlich gar nicht deutlich sichtbar wurde: War das tatsächlich ein Kreuzzug oder war es eben dann einfach auch ein traditioneller ritterlicher Kampf, der gesucht wurde. Um eben auch militärische Bewährung zu finden - oder zum Beispiel von Seiten der Fürsten von Burgund sich als großer europäischer Player darzustellen“. SPRECHERIN Eigeninteressen sollten die Unternehmung zum Scheitern bringen: Als am 25. September im heutigen Norden Bulgariens die christlichen und osmanischen Armeen aufeinandertrafen, beharrten die französischen Ritter darauf, den ersten Angriff zu führen. Gegenüber diesem Wunsch zeigte sich König Sigismund skeptisch, wie Johannes Schiltberger berichtet. Prompt geht die Sache schief. Schiltberger gelang es zunächst, seinem Herren Reichartinger das Leben zu retten – doch war die Schlacht schnell verloren. Die Kreuzritter flüchteten, König Sigismund wurde auf ein Schiff begleitet, das ihn nach Konstantinopel brachte. Viele andere versuchten ebenfalls ihr Glück mit einer Flucht über das Wasser – doch vergebens. ZITATOR Sehr viele wollten auf die Schiffe, doch waren diese bald so voll, dass kein Platz mehr war. Versuchten doch noch welche, auf ein Schiff zu gelangen, so schlugen ihnen die, die schon darin saßen, die Hände ab, so dass sie ertranken.“ SPRECHERIN Ein Teil des Heeres – auch der Ritter Reichartinger - fiel in der Schlacht oder wurde auf der Flucht getötet... ZITATOR „...der größere jedoch geriet in Gefangenschaft. So wurden auch (…) zwei Adelige aus Frankreich gefangen. Auch der Großgraf von Ungarn und andere mächtige Herren, Ritter und Knechte, darunter ich, gerieten in Gefangenschaft“. ATMO SPRECHERIN Hans Schiltberger erlebte in der Folge einen Gewaltmarsch von rund 500 Kilometern - barfuß, gefesselt und unter sengender Sonne. Über Gallipoli unweit von Konstantinopel ging es übers Meer nach Bursa, der damaligen Hauptstadt des osmanischen Reiches. Für die Qualen, die er erlitten haben muss, findet der Kriegsgefangene gerade einmal einen Satz: Er sei… ZITATOR „mit drei Wunden schwer verletzt, und man befürchtete, dass ich auf der Reise sterben könnte“. SPRECHERIN Über seine Gefühle angesichts eigener und fremder Qualen in Gefecht und Gefangenschaft verliert Johannes Schiltberger kein Wort. SPRECHERIN Ausgeblendet wird in dem Bericht auch, was Johannes Schiltberger später im Dienst morgenländischer Kriegsherren genau getan hat – und möglicherweise auch gegen seinen Willen tun musste. Mit Vorsicht kann man aus diesem Schweigen auch den Schluss ziehen, dass seine persönliche Rolle bei diesen kriegerischen Unternehmungen nicht unbedingt vorzeigbar war. Eine Lesart, der auch der Augsburger Historiker Christoph Paulus einiges abgewinnen kann. O-Ton 9 Paulus Dass er unter Umständen auch für Handlungen in der Fremde herangezogen worden ist, die alles andere als christlich waren – und mit seinem Weltbild vereinbar – das hat durchaus einiges für sich...” TC 09:17 – Chronist, Augenzeuge oder Fiktion? SPRECHERIN Nachdem sich Johannes Schiltberger wohl im mehr oder weniger ritterlich ausgefochtenen Kampf als Fußsoldat bewährt hat, bekommt er ein Pferd. Ein Aufstieg, mit dem er die Erzählperspektive wechselt. Er berichtet nun nicht mehr persönliche Erlebnisse, sondern von den Feldzügen unter dem Sultan Bayezid. Zwölf Jahre lang ist Schiltberger als Chronist dabei. Bayezid erobert während dieser Zeit zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer Stadt für Stadt – manchmal bietet er belagerten Städten Verhandlungen an – begleitet von unmissverständlichen Drohungen. ZITATOR „Danach ordnete der König an, Karamans Haupt auf einen Spieß zu stecken, und es daran herumzuzeigen, damit die anderen in der Stadt, wenn sie hörten, dass ihr Herr getötet wurde, sich desto eher ergeben würden. SPRECHERIN Doch schließlich wendet sich das Kriegsglück gegen Sultan Bayezid: Im Kampf um Armenien unterliegt die osmanische Armee dem zentralasiatischen Militärführer und Eroberer Timur. Johannes Schiltberger wird gefangen genommen - und muss fortan seinem neuen Herrn dienen. Dieser Furcht und Schrecken verbreitende Kriegsherr erobert nun weite Teile Vorder- und Mittelasiens. Schiltberger gelangt mit Timur bis nach Indien – wo sich die aufsehenerregende Episode mit den Kriegselefanten zuträgt. Timurs indischer Gegner verfügt über Elefanten mit einem … ZITATOR „turmartigen Aufbau, der mit wenigstens zehn Männern besetzt ist“. ATMO SPRECHERIN Timur – seinerzeit auch Tamerlan genannt - berät sich mit seinen Ratgebern, wie denn nun die Elefanten zu besiegen seien. Einer von ihnen hat die zündende Idee, wie man dem indischen König begegnen kann: Holz auf die Kamele binden! ZITATOR Tamerlan zog ihm entgegen, ließ die Kamele vorantreiben und das Holz auf ihnen anzünden. Die Kamele erhoben ein fürchterliches Geschrei, und als die Elefanten das hörten, und dazu das Feuer sahen, drehten sie um und flohen. Und keiner konnte sie aufhalten.“ SPRECHERIN Eine drastische Szene, die Historiker zumindest für möglich halten. Auch Schlittenhunden und Giraffen will Schiltberger begegnet sein. Gern berichtet er von Schlangen – zuweilen aber kommt der selbsternannte Chronist auf Abwege – und erzählt Begebenheiten, die aus heutiger Sicht völlig unglaubwürdig wirken. Schlangen, 8000 an der Zahl, die eine Stadt belagern – und von Sonnenaufgang bis -untergang miteinander kämpfen: Konterkariert das nicht den Anspruch dabei gewesen, ein glaubwürdiger Augenzeuge zu sein? Für den Historiker Christoph Paulus ist das nicht unbedingt ein Widerspruch. O-Ton 10 Paulus „Grundsätzlich ist Augenschau, die eigene Teilnahme an Ereignissen ein Qualitätskriterium des Mittelalters für Berichte. Auf der anderen Seite – und das hängt sehr stark mit dem Adressatenkreis zusammen – sind so fabulöse, unterhaltsame, an Aventüren mittelalterlicher Ritter und an Heldengeschichten erinnernde Episoden, dass die Erwartungshaltung Schiltberger auch zur Ausformulierung dieser fabulösen Passagen gezwungen hat […]. SPRECHERIN Auch Markus Tremmel, der Schiltbergers „Irrfahrt durch den Orient“ neu herausgegeben hat, glaubt nicht, dass es sich dabei quasi um einen Eins-zu-Eins Augenzeugenbericht eines Reporters handelt, der von vor Ort berichtet. O-Ton 11 Tremmel „Bei seiner Beschreibung von Jerusalem etwa: Die ist aus anderen Berichten seiner Zeit eingeflochten. Das kann Schiltberger gewesen sein, aber auch ein Redakteur, der gesagt hat: „Hans, da wär´s jetzt günstig, gleich einmal ein bisschen Jerusalem zu beschreiben...Wenn du da schon in der Nähe warst“ SPRECHERIN Von Hans Schiltbergers Bericht ist keine Original-Handschrift erhalten, betont Christoph Paulus. Der Text ist Forschern nur in späteren Handschriften und Drucken zugänglich. O-Ton 12 Paulus “Es handelt sich möglicherweise um einen “wachsenden Text” Um einen Kern, der tatsächlich aus der Feder Schiltbergers stammt, haben sich im Laufe der Zeit weitere Texte von anderen Autoren gelegt: Immer im Spiel auch mit der Erwartungshaltung der Leser. […] Die Frage nach der Fiktionalität des Textes verknüpft sich auch sehr stark mit der Frage nach der Realität Schiltbergers. Also konkret: Hat er gelebt, oder ist er ein sprechender Name, eine Kunstfigur. ,Schiltberger´ – der sein Schild in Sicherheit bringt, und der sich hinter seinem Schild verbirgt. So könnte man seinen Namen deuten. Es gibt also durchaus einiges, was für die Fiktionalität dieses Textes und damit auch die Fiktionalität Schildbergers spricht”. MUSIK SPRECHERIN Hat es diesen Johannes Schiltberger etwa möglicherweise nie gegeben? So einfach ist es nicht, sagt der Mittelalter-Forscher Paulus. O-Ton 13 Paulus “Auf der anderen Seite gehen das 15. und 16. Jahrhundert, ein Aventin, die gehen von einer realen Person Hans Schiltberger aus. Und der Text strahlt durchaus Kenntnisse über Land und Leute aus, die aus eigenen Anschauungen zu erwachsen scheinen.” TC 14:48 – Andere Länder, andere Sitten SPRECHERIN Besonders plastisch beschreibt Johannes Schiltberger, der Christenmensch unter Heiden, religiöse Sitten und Gebräuche der Muslime. Diese nehmen etliche Kapitel in seinem Reisebuch ein. ZITATOR “Sie fasten den ganzen Tag, bleiben ohne Speise und Getränk, bis die Sterne am Himmel stehen”, SPRECHERIN … schreibt er etwa über den Fastenmonat Ramadan. ZITATOR “Die Heiden sagen auch, dass sie nach dem Jüngsten Tag mehrere Frauen haben werden, mit denen sie schlafen, doch bleiben diese immer Jungfrauen”, SPRECHERIN … heißt es an einer anderen Stelle. Markus Tremmel fasziniert dabei der unverstellte Blick Schiltbergers auf den Islam – just in einer Zeit, in der die Dämonisierung der Osmanen, die “Türkenfurcht” begann. O-Ton 14 Tremmel “Er beschreibt das ganz neutral, auch interessiert: Was haben die für Sitten und Gebräuche? (…) Das wertet er nie, sondern es scheint immer durch, dass er mit denen in interessierter Diskussion und Runde zusammengesessen ist.” SPRECHERIN Die Wahrnehmung, dass er sich in Gefangenschaft, in der Fremde befindet – die hat Johannes Schiltberger trotz seiner langen Abwesenheit vom Abendland nie verloren, sagt Markus Tremmel. O-Ton 15 Tremmel “Was in seinem Bericht immer ein bisschen durchscheint, ist, dass er sich stark zurücksehnt in die Christenheit. Also dort, wo er zu Hause ist.” MUSIK SPRECHERIN Am deutlichsten wird dies bei Johannes Schiltbergers letztem Fluchtversuch, der schließlich erfolgreich sein wird. Bereits unter Bayezid war ein ähnliches Unterfangen gescheitert – und hatte für ihn mit Kerkerhaft geendet. Nun, Jahre später, hat sich Timurs einst eiserne Herrschaft längst in Stammesfehden seiner Söhne und Enkel aufgelöst. Im Zuge dieser Wirren verschlägt es Johannes Schiltberger nach Georgien. Dort beschließt er, mit vier Glaubensbrüdern zu fliehen. ZITATOR “Wir sind Christen, die gefangen wurden, als der ungarische König vor Nikopolis unterlag, und mit Gottes Hilfe sind wir bis hierher gelangt”, SPRECHERIN ... erklärten Schiltberger und einige Schicksalsgenossen nun einer Bootsbesatzung an der Küste des Schwarzen Meeres. ZITATOR “Wenn wir über das Meer kommen, dann haben wir die Hoffnung, doch noch zu unseren Familien und zu unserem christlichen Glauben zurückkehren zu können.” ATMO SPRECHERIN Die Besatzung des Handelsschiffs erhört Schiltbergers Bitte – und bringt ihn nach Konstantinopel. Über die Walachei gelangt er nach Lemberg in der westlichen Ukraine, wo er noch einmal drei Monate krank darniederliegt. ZITATOR “Von da reiste ich weiter nach Eger, Regensburg und Landshut. Schließlich erreichte ich Freising, wo ich geboren wurde. Mit der Hilfe Gottes bin ich endlich wieder nach Hause und zu meinem Glauben zurückgekehrt. Gott dem Allmächtigen und allen, die mir dabei halfen, sei gedankt. Ich hatte schon geglaubt, dass ich den Heiden und ihrem schlechten Glauben nicht mehr entkommen könne.” SPRECHERIN Dies ist indes ein Satz, der Christoph Paulus aufhorchen lässt. Denn die Geschichte Johannes Schiltbergers wirft für Mittelalter-Forscher eine gewichtige Frage auf... MUSIK O-Ton 16 Paulus “Wie konnte er drei Jahrzehnte in der Fremde bei einer anderen Religion überleben? Es ist durchaus denkbar, dass er, um sein nacktes Leben zu retten, zum Islam konvertieren musste“. SPRECHERIN Vielleicht, sagt Christoph Paulus, steckt in Schiltbergers streitbarem Verhältnis zum Islam auch letztlich die Motivation, sein Reisebuch zu schreiben. Paulus steht folgende Szenerie vor Augen. O-Ton 17 Paulus “Er kommt nach Bayern zurück. Man fragt ihn natürlich, wo er gewesen ist – und er erzählt seine Geschichte. Es werden an ihn Fragen gestellt, die in seinen Ohren natürlich auch wie Vorwürfe geklungen haben müssen. Und man macht ihm vielleicht auch den Vorwurf, dass er sich allzu sehr an den Islam angenähert habe. Und das Ganze fügt sich doch in ein apologetisches Bild, ein Rechtfertigungs-Bild dieses Reisebuchs. Das wäre gleichermaßen die Außenperspektive dieses Textes. Und nach Innen könnte sich Schiltberger sozusagen auch sich selbst gegenüber und seinem Gott gegenüber Rechenschaft über sein Handeln und sein Tun abgelegt haben.” TC 19:05 - Die Anziehungskraft des Schiltbergers SPRECHERIN Für die Freiburger Professorin Birgit Studt kommt noch ein anderer Grund in Frage, warum Johannes Schiltberger seine Geschichte niedergeschrieben hat. Auch dieser hat mit seiner langen Abwesenheit zu tun. Schiltbergers Bericht könne man auch als einen Tätigkeitsbericht in der Fremde, als eine Art Bewerbungsschreiben lesen. O-Ton 18 Studt “Das ist natürlich einfach auch ein formaler Ausweis seiner Fertigkeit. Die Dokumentation eben auch seiner Erfahrungen, mit denen er sich beispielsweise für den diplomatischen Dienst in Stellung bringt. Das kann natürlich seine Person dann auch wertvoll machen für den Hof- und Fürstendienst.” SPRECHERIN Letztlich scheint der unfreiwillige Weltreisende Johannes Schiltberger - zurück in der Heimat - gut an- und auch untergekommen zu sein. Einer Notiz des bayerischen Geschichtsschreibers Aventinus zufolge wirkte er nach seiner Rückkehr als Kämmerer des Herzogs von Bayern-München, Albrecht III. Sein weiterer Lebensweg, auch wann und wo er gestorben ist, bleibt im Ungefähren – was die Anziehungskraft des geheimnisumwitterten Weltreisenden nur noch weiter steigert. Für den Moderator und Verleger Markus Tremmel ist Johannes Schiltberger gar sein “Lieblingsbayer”: O-Ton 19 Markus Tremmel, Journalist und Verleger Das war ein sympathischer Mensch, er wertet nie, er beschreibt einfach, was er erlebt hat – auf eine nette, bescheidene, offen interessierte Art.” SPRECHERIN Der studierte Slavist Tremmel ist Schiltberger schon ein paar Mal auf der Seidenstraße gefolgt. Dessen Bericht sei auch 600 Jahre nach dem ersten Erscheinen ein immer noch aktueller Reiseführer. ATMO Wenn er gen Osten, nach Armenien, Georgien, Usbekistan oder in die Türkei reise, habe er daher immer seinen Schiltberger im Gepäck, sagt Tremmel. Auch auf Laien und Forscher in diesen Ländern übe Johannes Schiltberger bis heute eine Faszination aus. O-Ton 20 Tremmel “Ich war vor ein paar Jahren einmal in Istanbul, bin da in einer Universitätsbibliothek gesessen, und sehe da, wie neben mir so ein Wissenschaftler mit einem Text beschäftigt ist. Und wir kommen ins Gespräch - und er erzählt, dass er gerade diesen Schiltberger da behandelt.” SPRECHERIN So wirkt Johannes Schiltberger mit seiner Geschichte noch heute als verbindendes Band zwischen Orient und Abendland. TC 21:29 - Outro



















