
Alles Geschichte - Der History-Podcast
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- 23.08.202422 min
Der Überlieferung nach zähmte der aus dem heutigen Frankreich stammende Missionsbischof Korbinian nicht nur einen wilden Bären, sondern missionierte auch die Bayern. Ganz freiwillig war der fromme Mann allerdings nicht gekommen. Die bayerischen Agilolfinger-Herzöge hatten ihn im Jahr 724 förmlich nach Freising verschleppt. Vom Domberg aus sollte Korbinian als Bischof das Christentum im Land verbreiten und die königsgleiche Herrschaft der Bayernherzöge festigen. Denn Glauben und Kirche spielten im Machtgefüge des Frühmittelalters eine wichtige Rolle. Von Thomas Grasberger (BR 2024) Credits Autor: Thomas Grasberger Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Berenike Beschle Technik: Anton Wunder Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Michael Nadler, Irmtraut Heitmeier Besonderer Linktipp der Redaktion: NDR: Kunstverbrechen – True Crime meets Kultur Gestohlene Gemälde, Kunstschmuggel, Fälscherskandale: Bei Kunstverbrechen rollen Lenore Lötsch und Torben Steenbuck spektakuläre Verbrechen in der Welt der Kunst- und Kultur auf. Ohne Blutvergießen, dafür mit spannender Kunst! Sie nehmen euch mit an Tatorte und hinter die Kulissen der Ermittlungen bei True-Crime-Fällen im vermeintlich glitzernden Kunstgeschäft. Sie treffen Zeugen, Experten und Opfer. Unterstützung bekommen sie dabei von Deutschlands bekanntestem Kunst-Kommissar René Allonge vom LKA Berlin. ZUM PODCAST Linktipps: Bayerische Landesausstellung (2024): Tassilo, Korbinian und der Bär – Bayern im frühen Mittelalter Ein Herrscher mit Schwert und Szepter, ein Heiliger, der einen wilden Bären zähmt … das ist nicht der Stoff für einen Hollywoodfilm, sondern pure bayerische Geschichte. Tassilo, Korbinian und der Bär entführen uns in der Bayerischen Landesausstellung 2024 ins frühe Mittelalter! Veranstalter sind das Haus der Bayerischen Geschichte und die Erzdiözese München und Freising. Zusätzlich zur Landesausstellung werden dem Publikum ausgewählte Prunkräume des Dombezirks über Führungen zugänglich gemacht. Die Ausstellung findet noch bis zum 3. November 2024 im Diözesanmuseum Freising statt. MEHR INFOS Deutschlandfunk (2023): Bonifatius - der Apostel mit der Axt Vor 1.300 Jahren ließ der christliche Missionar Bonifatius eine Eiche fällen, die dem germanischen Gott Donar geweiht war. Doch was damals tatsächlich passierte und was Legende ist, ist nicht sicher. Dennoch wirkt die Geschichte bis heute nach. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:33 – Freisings Gründungsheiliger TC 05:48 – Der Dreikapitelstreit TC 08:02 – Korbinian der Choleriker TC 13:00 – Wohlhabend, fruchtbar & heilig TC 15:46 – Die Ära Tassilos III. TC 20:36 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Erzähler Als der heilige Korbinian eines Tages auf Rom zu pilgerte, begegnete ihm mitten in der Wildnis ein Bär. Das Raubtier war hungrig und riss eines der Lastentiere Korbinians. Der aber reagierte blitzschnell – mit einer Spontan-Zähmung! Er domestizierte den Bären, schnallte ihm einen Sattel auf den Rücken und ließ ihn das ganze Gepäck tragen – bis nach Rom, wo er ihn schließlich wieder freiließ. Erzählerin So steht es in der „Vita Corbiniani“, der einzigen Quelle, die uns vom Leben des Heiligen Korbinian berichtet. Verfasst hat die Heiligenlegende der Freisinger Bischof Arbeo, der uns bestimmt keinen Bären aufbinden wollte. Auch wenn die Anekdote von der wundersamen Raubtierzähmung eher symbolisch zu verstehen ist, als heilsgeschichtliche Wahrheit. Ansonsten aber ist die „Vita Corbiniani“ eine durchaus verlässliche historische Quelle. MUSIK Erzähler Korbinian, in den 670er Jahren geboren, war der Sohn einer vornehmen Familie aus Arpajon bei Paris. Eigentlich wollte er ein ruhiges, kontemplatives Leben führen, als Eremit in der Klause. Aber seine charismatische Ausstrahlung hatte sich rasch herumgesprochen, und bald war´s vorbei mit der Eremiten-Ruhe. Korbinian ergriff die Flucht und pilgerte nach Rom, wo Papst Gregor II. ihn zum Bischof weihte und in die weite Welt hinaus schickte. Den rechten Glauben, nämlich den römisch-katholischen, sollte er verkünden – oben im Norden, jenseits der Alpen. Erzählerin Und so kam Korbinian im Jahr 724 ins heute oberbayerische Freising. Wer Bären zähmen kann, so die fromme Annahme, kann auch mit widerspenstigen Bajuwaren fertig werden. Deren Herzöge aus dem Geschlecht der Agilolfinger waren einst von den Frankenkönigen eingesetzt worden und wie diese seit dem sechsten Jahrhundert Christen – zumindest dem Namen nach. Ein wenig römisch-katholische Nachhilfe konnte aber auch den Agilolfingern nicht schaden, was den Feinschliff der Sitten und die Festigung der Glaubensgrundsätze anging. Ganz sattelfest waren sie in diesen Fragen nämlich noch nicht. Für Korbinian aber, soviel sei schon verraten, sollte es keine leichte Aufgabe werden. TC 02:33 – Freisings Gründungsheiliger MUSIK Erzähler Heutzutage ist der gesattelte Korbiniansbär in Freising allgegenwärtig. Im Stadtwappen, als Statue an der Korbiniansbrücke, auf dem Tafelbild im Dom und auf Gemälden im Diözesanmuseum. Dort oben am Domberg, wo einst eine Pfalzkapelle im herzoglichen Palast stand, war Korbinians Wirkungsstätte. Und gegenüber, auf dem Weihenstephaner Berg, hatte er eine Mönchszelle errichtet und jene Quelle entdeckt, die das Kloster mit Wasser versorgte. Erzählerin 1300 Jahre ist Korbinians Ankunft in Freising her. Und natürlich wird das Jubiläum vom Erzbistum München und Freising gebührend gefeiert. Obwohl streng kirchenrechtlich betrachtet das Bistum erst im Jahr 739 entstanden ist. Damals im päpstlichem Auftrag errichtet von Bonifatius, dem „Apostel der Deutschen“. Aber in Freising hat man immer schon lieber den heiligen Korbinian als Gründervater verehrt. ATMO Erzähler Im Diözesanmuseum auf dem Freisinger Domberg arbeiten die Handwerker fleißig am Aufbau der Bayerischen Landesausstellung des Jahres 2024: „Tassilo, Korbinian und der Bär“ heißt die Schau, die sich in sechs Stationen und auf 1000 Quadratmetern mit „Bayern im frühen Mittelalter“ befasst. Der promovierte Historiker Michael Nadler vom Haus der Bayerischen Geschichte ist Projektleiter der Landesausstellung. ZSP 1 Nadler Thema 0,16 Der Korbinian ist der Aufhänger von dem Ganzen. Das 1300-jährige Bistumsjubiläum, das ist unser Anlass, und wir thematisieren das auch. Aber die eigentliche Aussage ist ja, wie Bayern beinah damals schon ein mächtiges Königreich geworden wäre. Und das finde ich hochspannend. Dass man aus so wenig Überlieferung was konstruieren kann, was auch Sinn macht. Erzähler Wo Quellen rar sind – wie im Frühmittelalter –, müssen Theorien die Lücken schließen. Und das Fragezeichen – übrigens eine Erfindung des achten Jahrhunderts – wird oft zum wichtigsten Satzzeichen des Historikers. Aber Einiges ist halt doch überliefert, und so kann die Landesausstellung einen schönen weiten Bogen durchs achte Jahrhundert schlagen: Von Bayernherzog Theodo, der in seiner Regensburger Residenz so selbstbewusst regiert haben soll, dass er den Unmut der Franken erregte. Bis zu Tassilo dem Dritten, der fast schon wie ein König herrschte ... bis er an seinem Vetter Karl dem Großen scheiterte. Erzählerin Für diese Geschichte vom selbstbewussten bairischen Herzogtum spielen der Papst und die römische Kirche eine wichtige Rolle. Und somit auch die drei „Apostel der Bayern“, die als Missionare Ende des 7. Jahrhunderts aus dem fränkisch-gallischen Westen ins Land gekommen waren: Emmeram nach Regensburg, Rupert nach Salzburg und Korbinian nach Freising. Erzähler Was wir über die drei wissen, erfahren wir von ihren Amtsnachfolgern – vom Freisinger Bischof Arbeo mit seinen Heiligenviten über Emmeram und Korbinian. Und von Bischof Virgil, der das Salzburger Verbrüderungsbuch anlegen ließ. Erzählerin In all diesen Quellen, sagt die promovierte Historikerin und Frühmittelalter-Expertin Irmtraut Heitmeier, wird so getan, als beginne die bayerische Geschichte erst Ende des siebten Jahrhunderts. Was vermutlich damit zu tun hat, dass bis dahin der sogenannte Dreikapitelstreit die Gemüter entzweite. TC 05:48 – Der Dreikapitelstreit MUSIK Erzähler Bei dieser innerkirchlichen Auseinandersetzung ging es um unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Natur Jesu Christi. Eine theologische Streitfrage also, die allerdings auch politische Dimensionen angenommen hat. Südlich der Alpen, in Venetien und Istrien, führte sie sogar zu einer 150 Jahre dauernden Glaubensspaltung – zum Schisma von Aquileia. MUSIK Erzählerin Viele Bischöfe in Nord- und Mittelitalien hatten sich von Rom ab- und den Langobarden zugewandt. Die waren auch Christen, allerdings überwiegend arianische. Für den Papst in Rom galten solche Arianer als Irrgläubige und Ketzer. Die Unterschiede zwischen den beiden christlichen Konfessionen erklärt Irmtraut Heitmeier so. ZSP 2 Heit Arianer 0,31 Die Katholiken gehen davon aus, dass Christus mit Gott wesensgleich ist und die Arianer haben eben das nicht geglaubt und sind nur von einer Wesensähnlichkeit ausgegangen. Und die meisten der sogenannten germanischen Völker, also Goten, Langobarden hingen dem arianischen Glauben an. Erzählerin Weil das Herzogtum Bayern, vor allem in seinem östlichen Teil, enge historische und verwandtschaftliche Verbindungen zu den Langobarden hatte, schloss es sich der langobardischen Fraktion an. Man unterstand nicht der Kirche von Rom, sondern der Kirche von Aquileia. In Bayern lebten also keineswegs nur römisch-katholische, sondern auch viele arianische Christen. Erzähler Erst als in den 690er Jahren der Dreikapitelstreit beigelegt werden kann, ist der Weg frei für eine konfessionelle Einigung des Landes. Im Jahr 696, so eine These aus jüngerer Zeit, hat Bayernherzog Theodo in der Pfalzkapelle zu Altötting seinem arianischen „Irrglauben“ abgeschworen, um sich mit seinen Gefährten katholisch taufen zu lassen. Erzählerin Mit dieser Hinwendung zu Rom kann nun auch der Aufbau einer einheitlichen Kirchenorganisation in Bayern beginnen. Bayernherzog Theodo nimmt im Jahr 716 sogar die beschwerliche Reise zum Papst auf sich, um die Erlaubnis zu erwirken, dass er in Bayern Bistümer gründen darf. TC 08:02 – Korbinian der Choleriker ZSP 3 Nadler Theodo 0,19 Die Gründung von Bischofssitzen oder Bistümern dient dazu, dass man seine Macht festigt. Man kann geistlich und weltlich nicht trennen. Also für den Herzog ist das wichtig: Das Christentum verbreiten bedeutet auch sein Land erschließen. Und Herzog Theodo, das ist ein Agilolfinger Herzog und das ist schon dieser Zug Richtung eigenes bayerisches Königreich oder Agilolfingisches Königreich. Erzählerin Herzog Theodo regiert wie ein unabhängiger Fürst. Er teilt sein Herzogtum unter seinen vier Söhnen auf, ohne sich die Einwilligung der Frankenkönige zu holen. Als Theodo im Oktober 717 stirbt, ist die Bistumsgründung noch unvollendet. Mit sanfter Gewalt gelingt es seinem Sohn Grimoald, den Kirchenmann Korbinian nach Freising zu verfrachten, damit der Missionar als Gründungsbischof den Aufbau einer bairischen Kirchenprovinz voranbringt. Aber bald schon erlebt der Herzog sein blaues Wunder: Korbinian ist nämlich ein cholerischer und rabiater Verfechter seines Glaubens, der auch den Konflikt mit den Mächtigen nicht scheut. Erzählerin Als der Herzog eines Tages seinem Hund ein Stück Brot zuwirft, das Korbinian zuvor gesegnet hat, rastet der Missionar völlig aus, wirft die fürstliche Tafel um und verlässt den Raum. Erzähler Noch radikaler gebärdet sich der Missionar gegenüber einer Bäuerin, die im Ruf steht, Zauberei zu betreiben. Als die Kräuterhexe behauptet, sie habe einen Sohn des Herzogs mit ihren Zaubersprüchen geheilt, da springt Korbinian wutentbrannt vom Pferd herunter und verprügelt die alte Heilerin. Erzählerin Die Bayern hatten ihren alten heidnisch-germanischen Glauben wohl nie ganz aufgegeben, auch wenn sie längst schon christlich getauft waren. ZSP 4 Nadler Heidnisches 0,26 Man kann davon ausgehen, in Bayern südlich der Donau, dass die Missionare schon auf ein gewisses vorhandenes Christentum treffen. Das ist kein Heidenland in dem Sinn, weil er aus der Römerzeit das Christentum schon übergeblieben ist, trotz der zugewanderten Germanen, die da eben andere Glaubensrichtungen mitbringen. Der sogenannte Aberglaube, also das, was wir heute haben mit Charivari, Gamsbart und so was, geht alles auf Jagdzauber, Fruchtbarkeitszauber zurück. Das ist letztlich ein heidnisches Erbe, was da übergeblieben ist, was aber das Christentum mit aufgesaugt hat. MUSIK Erzählerin In frühmittelalterlichen Gräberfeldern finden Archäologen nicht nur christliche Kreuze, sondern auch Amulette, die auf heidnische Bräuche hindeuten. Waren die Bajuwaren also gut katholisch und gleichzeitig heidnisch? Erzähler In der Landesausstellung ist eine Gewandschließe aus dem frühen siebten Jahrhundert zu sehen. Auf der Rückseite dieser Bügelfibel steht eine Runeninschrift, die die germanischen Götter Wotan und Donar erwähnt. Ob es eine Widmung ist? Oder eine Verfluchung, die sich vom Heidenglauben distanziert? Erzählerin Schwer zu sagen – aber was auch immer auf der Fibel genau stehen mag: Fest steht, dass es die germanischen Götter in den damaligen Glaubensvorstellungen noch gegeben haben muss. Ebenso diverse heidnische Praktiken wie Zauberei und Wahrsagerei. Aberglaube und Magie haben die Zeiten anscheinend überdauert. Bis heute. MUSIK Erzähler Zwischen Korbinian und dem Bayernherzog Grimoald war es früh schon zu Spannungen gekommen. Grund hierfür war Pilitrud, die Gattin des Herzogs. Sie stammte aus vornehmem fränkischem Geschlecht und galt als wahre Schönheit. Das Problem lag also woanders: Die fesche Pilitrud war schon mal verheiratet gewesen, nämlich mit Grimoalds Bruder. Nach dessen Tod übernahm Grimoald die Witwe. Aber so eine Schwagerehe war nach römischem Kirchenrecht streng verboten. Deshalb tobte Bischof Korbinian und forderte: Diese Pilitrud muss weg! Der Herzog zögerte, schob die Scheidung immer wieder hinaus. Als er sich endlich dazu durchringen konnte, bebte Pilitrud vor Wut über den Pfaffen, der ihr die Ehe vermasselt hatte. Sie beauftragte einen Hofherrn mit der Ermordung des Bischofs – durch Gift! Erzählerin Missionare lebten stets gefährlich. Sie riskierten ihr Leben für die Durchsetzung christlicher Ideale. Dabei ging es nicht nur um Sitte und Moral, sondern oft auch um Erbe und Macht. Auch im Freisinger Ehestreit, meint Michael Nadler könnten politische Hintergründe eine Rolle gespielt haben. ZSP 5 Nadler Streit 0,20 Weil der Korbinian nicht unbedingt zur Partei vom Grimoald gehört hat. Da gab es noch seinen Neffen, den Hucbert, der dann später Herzog wird und der hat gute Verbindungen ins Frankenreich und zu den Langobarden, auch wie der Korbinian! Ich will ihm ja nichts nachsagen, aber es ist möglich, dass das auch eine Rolle gespielt hat, dass die nicht in derselben politischen Partei waren sozusagen. Aber in der Legende wird natürlich immer gesagt: Ja, das ist eine Umsetzung des echten Christentums. MUSIK Erzähler Der Mordanschlag auf den Bischof misslingt. Korbinian wird gewarnt und kann nach Südtirol fliehen. Bei Mais, in der Nähe von Meran, wo er einst das kleine Kloster Kuens gegründet hat, findet er seinen Rückzugsort. Und nach seinem Tod 730 auch die vermeintlich letzte Ruhestätte. In Freising wollte Korbinian nämlich nicht einmal begraben sein. TC 13:00 – Wohlhabend, fruchtbar & heilig Erzählerin Vier Jahrzehnte später allerdings wird sein Nachfolger und Biograf, der Freisinger Bischof Arbeo, Korbinians Gebeine nach Bayern überführen lassen. Wie Regensburg mit Emmeram, Salzburg mit Rupert und Passau mit Valentin, hatte nun auch das Bistum Freising mit Korbinian seinen Gründungsheiligen. Im Frühmittelalter war das ein echter Standortfaktor, sagt Michael Nadler. ZSP 6 Nadler Standortfaktor 0,10 Solche Heiligenreliquien haben ja den Ruf, dass sie Wunder wirken. Die ziehen natürlich dann Pilger an, das wird eine Wallfahrtsstätte. Und das ist natürlich nicht nur geistlich, sondern auch wirtschaftlich interessant immer. Erzähler Bayern war im achten Jahrhundert ein fruchtbares und relativ wohlhabendes Land. Es gab viel Fisch und Wild, Wein, Wald und Bodenschätze. Auch das wissen wir vom frühen Schriftsteller und Geschichtsschreiber Arbeo. Sein Landeslob ist keineswegs nur poetische Fiktion, sagt die Historikerin Heitmeier. ZSP 7 Heit Landeslob 0,22 Das ist sicherlich auch geschönt, übertrieben, aber man kann daraus auch sehr schön sehen, was alles an Gewerben vorhanden war, was alles genutzt worden ist. Also man hat eben Bodenschätze verarbeitet, man hat Salz gewonnen, man hat Gold gewaschen, man hat wirklich sehr vielfältig aus diesem Land Nutzen gezogen. Erzähler Auch Bayerns Importwirtschaft ist nicht zu unterschätzen. Über ein Netz von Handelswegen kommen exotische Gewürze, kostbare Seiden und wertvolle Kunstobjekte ins Land. Regensburg ist damals ein wichtiger Umschlagplatz für solche Luxusgüter. ZSP 8 Nadler Luxus 0,21 Gerade wenn man jetzt die Schmuckstücke anschaut, dass da Edelsteine aus Indien oder Sri Lanka dabei sind. Oder der heilige Emmeram, also diese Reliquien, die wurden in Tücher eingeschlagen oder in Stickereien aus dem heutigen Ost-Iran oder Afghanistan. Also das war durchaus im Luxussegment sozusagen für einen ganz sehr eingeschränkten Bevölkerungskreis möglich, so was, so was zu erwerben, was man eigentlich nicht vermuten würde. Erzähler Das wohlhabende Herzogtum Bayern bekommt seinen letzten kirchenpolitischen Schliff im Jahr 739. Der Angelsachse Winfried, besser bekannt als Heiliger Bonifatius, vollendet in jenem Jahr die Einteilung Bayerns in vier Bistümer. Erzählerin Bonifatius, der „Apostel der Deutschen“, war ein „Genie der Selbstvermarktung“, sagt Michael Nadler. Letztlich aber hat er nur vollendet, was die Agilolfinger mehr als 20 Jahre zuvor schon begonnen haben. So sieht es zumindest die bayerische Forschungsrichtung. ZSP 9 Nadler Bonifatius 0,20 Wir sagen in der Ausstellung ganz klar, es gab schon Bischöfe, seit 716 ungefähr, also seit Theodo. Und der Bonifatius vollendet nur noch diese Organisation. Er setzt jetzt halt mit seiner Autorität vom Papst her, setzt der Bischöfe ein, in Passau nicht, weil in Passau gab es schon den Vivilo, den hat er nicht weg gekriegt. Und seitdem gehört das praktisch ganz fest zur römischen Kirche dazu. TC 15:46 – Die Ära Tassilos III. MUSIK Erzähler Der bayerische Herzog habe stets aus dem Geschlecht der Agilolfinger zu sein! So steht´s im bayerischen Stammesrecht, in der „Lex Baiuvariorum“. Als im Jahr 736 mit Hugbert der letzte aus der direkten männlichen Linie stirbt, kommt der alemannische Zweig der Agilolfinger zum Zug: Der Schwabe Odilo wird Herzog der Bajuwaren. Erzählerin In Odilos Herrschaftszeit von 736 bis 748 fallen nicht nur die Bistumsgründungen, sondern auch stattliche Klostergründungen wie Chammünster, Niederaltaich und Mondsee. Auch seine militärischen Erfolge gegen Karantanen und Awaren erweitern den bairischen Einfluss. Die Landesausstellung sieht in Odilo, diesem „vorletzten Agilolfinger“, sogar den eigentlichen Schöpfer des frühmittelalterlichen Bayern. ZSP 10 Nadler Odilo 0,12 Odilo war auf jeden Fall hoch bedeutsam, also gerade als Klostergründer. Also der hat eigentlich diesen Landesausbau, dass man also das Land erschließt, diese Binnenkolonisierung, das hat der schon sehr stark vorangetrieben. Und Tassilo konnte darauf aufbauen. MUSIK Erzählerin Als sein Vater Odilo stirbt, ist Tassilo III. gerade mal sieben Jahre alt. Seine Mutter, die Karolingerin Hiltrud und sein Onkel Pippin führen zunächst die Regierungsgeschäfte. Von 757 an aber wird Tassilo als Herzog amtieren. Mehr als drei Jahrzehnte lang, selbstbewusst und eigenständig, nach innen wie nach außen. Erzähler Tassilo erlässt Gesetze und handelt bald wie ein König. Er sitzt den Versammlungen der bayerischen Kirche vor und lässt seit 767 in Salzburg den Virgil-Dom bauen, der in seinen Ausmaßen das fränkische Heiligtum St. Denis bei Paris übertrifft. Der Agilolfinger sieht sich den karolingischen Franken ebenbürtig. Wenn nicht gar überlegen. Erzählerin Tassilo wird auch zu dem bairischen Klostergründer schlechthin. Innichen, Kremsmünster, Frauenchiemsee – sind nur einige von vielen Klostergründungen, die dem Bayernherzog zugeschrieben werden. Dabei geht es nicht nur um Seelenheil, sondern um Macht und Politik. Denn Klostergründungen sind aufwendig, man braucht dafür kirchliche und adlige Verbündete. Schließlich sind Klöster immer auch Mittel, den Raum zu organisieren, sagt die Historikerin Irmtraut Heitmeier. Dazu gehören Rodungen und der Ausbau von Siedlungen, aber auch von Straßen an strategisch wichtigen Stellen. ZSP 11 Heit Raumorganisation 0,14 Es ist ja kein Zufall, dass so viele Klöster direkt vor den Alpeneingängen liegen, also ob das jetzt Scharnitz-Schlehdorf ist, Benediktbeuern, Tegernsee. Jeder Passzugang hat ungefähr ein Kloster vor sich. Erzählerin Besonders reich ausgestattet ist das von Tassilo 777 gegründete Kloster Kremsmünster im heutigen Oberösterreich: Es hütet in seiner Schatzkammer das wohl berühmteste und kostbarste Kunstwerk seiner Zeit: den Tassilo-Liutpirc-Kelch, gestiftet vom starken Herzog Tassilo, der wie ein König herrscht. Und seiner Gemahlin Liutpirc, die selbst Tochter eines Langobarden-Königs ist. Erzähler Dieser Kelch ist künstlerischer Ausdruck der politischen Eigenständigkeit Bayerns gegenüber dem Frankenreich. Und nicht zuletzt ist er das Highlight der Freisinger Landesausstellung. ZSP 12 Nadler Tassilokelch 0,15 Das ist eine absolute Sensation, dass wir den überhaupt bekommen. Also der wird praktisch nie ausgeliehen und ist eines der wichtigsten Objekte der bayerischen Geschichte überhaupt. Ganz sicher das Wichtigste der damaligen Zeit. Ein sehr schöner und auch besonders großer Messkelch. MUSIK Erzähler Tassilo – der selbstbewusste Agilolfinger! Für den karolingischen Frankenkönig Karl ist er eine unerträgliche Provokation. Lange schaut sich Karl das Treiben seines „bairischen“ Cousins an. Als alle anderen Widersacher im Spiel der Macht beseitigt sind, knüpft er sich auch Tassilo vor. Erzählerin Denn auf dem Weg zum mächtigsten Kaiser des Mittelalters kann Karl der Große, dieser heilige Barbar, wie ihn ein Biograf nennt, keine Konkurrenten dulden. In einem Schauprozess in Ingelheim am Rhein lässt er Tassilo III. im Jahr 788 zu Unrecht verurteilen wegen Verrat und Treuebruch, angeblich begangen 25 Jahre zuvor. Für immer wird Tassilo in die Klosterhaft verbannt. Erzähler Die Zeit der königsgleich regierenden Agilolfinger ist damit vorbei. Karl reißt sich das Herzogtum Bayern unter den Nagel. Der Weg in die Bedeutungslosigkeit einer Provinz im Südosten scheint vorbestimmt. In Wirklichkeit aber sollte es nicht lang dauern, bis wieder bayerische Herzöge aufbegehrten und die politische Eigenständigkeit anstrebten. TC 20:36 - Outro
- 23.08.202425 min
Wer waren die Bajuwaren und woher kamen sie? Seit Jahrhunderten werden diese Fragen immer wieder gestellt, und mit den Theorien und Spekulationen, die dabei entstanden sind, kann man Bibliotheken füllen. Doch heute fragt die Forschung nicht mehr nach der Herkunft der Bajuwaren als einem geschlossenen "Volk" oder "Stamm". Heute richtet sich vielmehr der Blick auf den Raum, der planmäßig besiedelt wurde mit Menschen verschiedenster Herkunft, die später zu Bajuwaren wurden. Von Thomas Grasberger (BR 2021) Credits Autor: Thomas Grasberger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Ruth Geiersberger, Alexander Duda, Thomas Birnstiel, Kia Ahrndsen Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Irmtraut Heitmeier, Michaela Harbeck Besonderer Linktipp der Redaktion: MDR: Bücher in Asche – Der Brand in der Anna Amalia Bibliothek Am 2. September 2004 brennt die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Mehr als 50.000 unschätzbar wertvolle Bücher verbrennen, mehr als doppelt so viele werden zum Teil schwer beschädigt. Viele Menschen in Weimar wissen heute noch, wo sie in der Brandnacht waren und wie sie davon erfahren haben. Der Brand hat sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Aber nicht nur als Katastrophe, sondern auch als ein Ereignis, das die Menschen zusammengeschweißt hat. ZUM PODCAST Linktipps: Bayerische Landesausstellung (2024): Tassilo, Korbinian und der Bär – Bayern im frühen Mittelalter Ein Herrscher mit Schwert und Szepter, ein Heiliger, der einen wilden Bären zähmt … das ist nicht der Stoff für einen Hollywoodfilm, sondern pure bayerische Geschichte. Tassilo, Korbinian und der Bär entführen uns in der Bayerischen Landesausstellung 2024 ins frühe Mittelalter! Veranstalter sind das Haus der Bayerischen Geschichte und die Erzdiözese München und Freising. Zusätzlich zur Landesausstellung werden dem Publikum ausgewählte Prunkräume des Dombezirks über Führungen zugänglich gemacht. Die Ausstellung findet noch bis zum 3. November 2024 im Diözesanmuseum Freising statt. MEHR INFOS Deutschlandfunk Kultur (2018): Bayerns Eigensinn „Mia san Mia“ – das sagt alles über den bayerischen Stolz und Eigensinn. Denn Bayern geht seit langer Zeit Sonderwege. Der Historiker und Journalist Gerald Huber hat sich dieses genauso aktuelle wie alte Phänomen angeschaut. ZUM BEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:23 – Mythen, Mutmaßungen & Modelle TC 06:40 – Ein Volk, viele Namen? TC 12:56 – Das schleichende Ende des Römischen Reiches TC 15:47 – Blick in die DNA TC 19:13 – Alles neu TC 23:13 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Erzählerin Wir könnten es uns leichtmachen und an einem bayerischen Stammtisch nachfragen: Wer waren die Bajuwaren? Und woher kamen sie? Die Antworten auf solch wichtige Fragen unserer Geschichte ließen bestimmt nicht lang auf sich warten. Erzähler „Mia san mia! Immer schon gwesen! Nämlich anders als die Andern!“ Erzählerin Das klingt zwar schmissig, aber ganz so einfach ist es nicht. Blicken wir also etwas tiefer zurück, ins Dunkel der Geschichte, aus dem die Bajuwaren – so der ursprüngliche Name des Bayern-Stammes – vor 1500 Jahren herausgetreten sind. Erzähler Und zwar recht unvermittelt. Einfach so. Der Staub der untergehenden Spätantike hatte sich gerade verzogen, da tauchten sie auf der Bühne des historischen Geschehens auf. Als Überraschungsgäste im jungen Frühmittelalter haben sie sich auch gleich den nötigen Respekt verschafft. Zitator: Si vacat ire viam neque te „Baiovarius“ obstat... Zitatorin: Wenn die Straße offen ist und Dir nicht der Bayer den Weg versperrt, so ziehe dort durch das Gebirge ... Erzählerin: Es klingt fast wie eine Reisewarnung, was der italienische Dichter und Bischof Venantius Fortunatus da in seiner Vita des Heiligen Martin geschrieben hat. Venantius war um das Jahr 565 nach Gallien zum Grab des Heiligen Martin von Tours gepilgert, als er südlich von Augsburg offenbar den sperrigen Bayern begegnete. Erzähler Die waren zum allerersten Mal 15 Jahre zuvor genannt worden, von Jordanes, dem Geschichtsschreiber der Goten. Jordanes hatte die Bayern im Jahr 551 eher beiläufig erwähnt, als jene Baibari, die östlich der Sueben, also der frühen Schwaben hausten. Erzählerin: So wie heute! Ihren Platz hatten die Bayern also Mitte des 6. Jahrhunderts schon gefunden. Aber wer waren sie? TC 02:23 – Mythen, Mutmaßungen & Modelle Erzähler: Die Historikerin Irmtraut Heitmeier, eine ausgewiesene Kennerin des frühen Mittelalters, antwortet zögerlich. Mit gutem Grund. Denn anders als für die Alemannen, Franken, Burgunder, Thüringer und Langobarden, ist für die Bajuwaren keine Stammesgeschichte, keine frühmittelalterliche Herkunftserzählung überliefert. ZSP 1 Heit erstmals 0,34 Bei den Bayern ist es eben sehr schwierig, weil sie in den Schriftquellen erst ganz spät und ohne größeren Kontext vorkommen. Also die Stelle, um die es da geht, ist bei dem Geschichtsschreiber Jordanes, der um 550 die Baibari nennt. Das ist im Grunde nur eine Schreibform für Baivarii. Ja, und mehr wissen wir nicht. Früher hat man eben gefragt, wo sind sie hergekommen? Und das tut man heute nicht mehr, weil die Frage ist sicher falsch gestellt. Erzähler: Falsch gestellt, weil sie keine tragfähigen Antworten liefern konnte. Obwohl reichlich darüber spekuliert wurde. Erzählerin: Und was nicht alles gemutmaßt wurde! Armenien als sagenhaftes Ursprungsland des Bayernstammes taucht in mittelalterlichen Texten öfter auf. Auch die Erzählung, dass die Bayern auf einen Stammvater namens Norix zurückzuführen seien, weshalb sie auch Noriker hießen, kann man im Hochmittelalter lesen. Erzähler: Später kommen viele andere Erklärungen hinzu: Alemannen, Langobarden oder Quaden-Sueben wurden zu Vorfahren der Bajuwaren erklärt. Und immer wieder haben die Gelehrten über den Namen nachgedacht: Baiuvarii, das seien die Bewohner des Landes Baia. Und Baia komme von den keltischen Bojern, die bis zum 1. Jahrhundert nach Christus in Böhmen, lateinisch Boiohemum, gelebt hatten. MUSIK Erzählerin: Die Bojer, die jetzt Baiern heißen! Diese Kelten-Theorie wurde erstmals im frühen 7. Jahrhundert erwähnt, von einem Mönch namens Jonas aus dem oberitalienischen Kloster Bobbio. Sie wurde immer wieder aufgegriffen – vom humanistischen Geschichtsschreiber Johannes Aventin im frühen 16. Jahrhundert. Oder vom Historiker Karl Bosl in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erzähler: Aber auch die Germanen wurden gern für den Bayern-Stammbaum herangezogen. Mitte des 19. Jahrhunderts brachte der oberfränkische Philologe Johann Kaspar Zeuß „Die Herkunft der Baiern von den Markomannen“ ins Spiel. Sprachgeschichtlich verortete zwar auch Zeuß den Namen im Keltenland Böhmen. Aber nach Abzug der keltischen Bojer seien dort die germanischen Markomannen an deren Stelle getreten. Und die seien Ende 5. Jahrhunderts schließlich nach Bayern eingewandert. Erzählerin: Das griffige Modell von der einen großen Landnahme eines ganzen Volkes ließ sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer schwerer halten. Weshalb man bald nur noch von einem Traditionskern sprach, der aus Böhmen in den Regensburger Raum gekommen sei. Erzähler: Die Archäologie schien diese Böhmen-These zu stützen. Genauer gesagt waren es Reste schwarzer Ton-Schalen aus dem 4./5.Jahrhundert, die in südböhmischen und niederbayerischen Gräbern gefunden wurden. Diese Keramik vom Typ Friedenhain-Přešt’ovice war in den 1980er Jahren der letzte wissenschaftliche Schrei! Die "Baiovarii" als die "Männer aus Böhmen" – eine These, die bis in die frühen 2000er Jahre hinein weitgehend unwidersprochen blieb. Erzählerin: Nach neuerer Ansicht aber ist die „Meistererzählung“ von der böhmischen Zuwanderung nicht mehr haltbar, sagt die Historikerin Heitmeier. Das Narrativ eines wandernden Volkes, das neue Lebensräume erschließt, habe sich als Sackgasse erwiesen. Und auch die Ethnogenese, die fragt, wie sich Gruppen unter bestimmten Bedingungen formierten, führe nicht recht weiter. TC 06:40 – Ein Volk, viele Namen? ZSP 2 Heit Volk 0,37 Letztlich stand immer sozusagen das Volk im Mittelpunkt. Und das ist das, wo man in jüngerer Zeit davon abrückt, weil man eben merkt: Nicht das Volk war die primär gestaltende Kraft, sondern es gab wohl andere Einflüsse, die dann aus vielen Menschen letztlich eine Gemeinschaft geformt haben. Und das können sehr unterschiedliche Menschen gewesen sein, die sich dann so zusammengefunden haben, dass sie eine neue Identität entwickelt haben, die jetzt in unserem Fall die bayerische wäre. Erzähler: Ein Kerngedanke der modernen Geschichtsforschung lautet: Völker sind keine biologisch determinierten Abstammungs-Gemeinschaften, die überzeitlich und unveränderlich, also quasi immer schon existieren. Vielmehr entstehen sie erst in einem dynamischen sozialen Prozess, in dem sie ihre Identität entwickeln. Erzählerin: So gesehen sollte man also besser fragen, wie die Bajuwaren zu dem wurden, was sie später waren. Und welche Faktoren waren dabei entscheidend? ZSP 3 Heit Wie enstanden 0,34 Also für die Formierung war sicherlich das Herzogtum ganz wichtig und hat viele Leute verschiedener Herkunft integriert. Vor, sagen wir mal, 40, 50 Jahren, wo man auch die These vertreten hat, die Bayern wären ja eigentlich nur die altansässigen Keltoromanen. Das würde man heute nicht mehr sagen. Wir wissen, dass sehr viele Leute ins Land gekommen sind, aber eben sehr viele verschiedene, die sich dann erst hier zu einer Gemeinschaft zusammengefunden haben. Erzählerin: Zu den Dagebliebenen aus der Römerzeit kamen Flüchtlinge und Zugereiste aus allen Himmelsrichtungen – diese Menschen mit Migrationshintergrund machten jenes bunte Gemisch aus, das in der neuen Heimat zum Stamm der Bajuwaren zusammenwuchs. MUSIK Erzähler: In jüngerer Zeit haben Archäologen, Historiker und Sprachwissenschaftler ihren Blick verstärkt auf den Raum gerichtet, in dem dieser Prozess stattfand. Und der liegt weiter östlich als unser bayerischer Freistaat, nämlich in Österreich. Er umfasst das Gebiet der ehemaligen römischen Provinz Ufer-Noricum, östlich des Inns: also den oberbayerischen Chiemgau, den Salzburger Raum und die Gegend von Passau donauabwärts nach Osten. Erzählerin: In schriftlichen Überlieferungen – etwa in der Langobardengeschichte des Paulus Diákonus Ende des 8. Jahrhunderts – werden die frühen Bayern oft als Noriker bezeichnet. Man kann also vermuten, sagt die Historikerin Heitmeier, dass der Bajuwaren-Name zunächst für eine Gruppe entstand, die sich im Noricum etablierte. Erst später wanderte dieser Stammesname nach Westen, zum Lech, wo er um 550 von Venantius Fortunatus erwähnt wird. Erzähler: Ursprünglich weist das germanische Wort Bajuvarii auf militärische Gruppen hin. Und die haben sich diesen Namen wohl nicht selber gegeben. Er kam vielmehr von außen, von den Alemannen oder Thüringern im Westen. ZSP 4 Heit Bayernname 0,44 Er könnte einfach die Leute bezeichnet haben, die dieses Land verteidigt haben. Dieses ehemalige Siedlungsgebiet der Boier, östlich vom Inn. Das wär das, was in diesem -varii-Namen drinsteckt. Weil varii kommt letztlich von varian, was wehren, verteidigen heißt. Und wenn das erste Glied sich auf einen Raum bezieht, dann sind das die Verteidiger dieses Raumes. Erzählerin: Im späten 5. Jahrhundert ist im Ufer-Noricum, im heutigen Oberösterreich, viel Bewegung im Spiel. Die spärlichen Quellen berichten von einfallenden Thüringern und Alemannen. Ganze Bevölkerungsgruppen setzen sich in Bewegung, von Böhmen über das Rugier-Reich im heutigen Niederösterreich bis nach Pannonien im heutigen Ungarn. Erzähler: Diese wandernden Gruppen werden in der Überlieferung als Langobarden bezeichnet. Mit den Langobarden, die einst an der unteren Elbe siedelten, haben sie fast nur noch den Namen gemein. Denn solche umherstreifenden, ethnisch gemischten Gruppen, nehmen immer wieder neue Leute auf. Sie teilen sich von Zeit zu Zeit und formieren sich wieder neu. Erzählerin: Aus solch einem Pool von Menschen, sagt Irmtraut Heitmeier, entstanden jene Gruppen in Niederösterreich und Pannonien, die in der Überlieferung Langobarden genannt werden. ZSP 5 Heit Langobarden 0,48 Meine These wäre, dass ein Teil von diesen Gruppen eben in Ufer-Noricum dann sitzen geblieben ist und die Bajuvarii gebildet hat. Aber stehen tut das nirgends. Also es sind letztlich Schlussfolgerungen aus einer Zusammenschau von Indizien, die dann auch wieder auf weitere Entwicklungen Bezug nehmen: Weil die Bayern dann eben so ein enges Verhältnis zu den Langobarden hatten. Und diese so enge Beziehung zu den Langobarden, die legt eben nahe, dass da vielleicht auch schon von den Ursprüngen her Gemeinsamkeiten bestehen. Erzähler: Diese Langobarden-Theorie gibt es eigentlich schon lange. In modifizierter Form bietet sie folgendes Szenario an: Während der größere Teil der Langobarden-Gruppen erst nach Pannonien, also Richtung Ungarn, wanderte und Jahrzehnte später dann große Teile Italiens eroberte, blieben kleinere Langobarden-Gruppen im oberösterreichisch-salzburgischen Raum und wurden zu jenen Bajuwaren, die Baia, das frühere Land der Bojer, verteidigten. Sie hätten demnach also ... ZSP 6 Heit Bajovarii 0,20 Die Donau als Wasserstraße bewacht, die Pässe bewacht, auch nicht zu vergessen die Salzproduktion im ganzen Salzkammergut beherrscht. Diese Leute, die praktisch da sich formiert hätten, die wären dann von Westen aus als Bajovarii bezeichnet worden. TC 12:56 – Das schleichende Ende des Römischen Reiches MUSIK Erzähler: Bruch oder Kontinuität? Diese Frage stellen Historiker gern, vor allem, wenn es um Wegmarken der Historie geht. Wie also gestaltete sich der Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter? Es war zweifellos eine Zeit des Niedergangs. Nachzulesen ist das in der „Vita Sancti Severini“ des Mönches Eugippius aus dem Jahr 511. Diese Heiligenlegende erzählt nicht nur von Wundertätigkeit des Kirchenmannes Severin, sie ist auch eine wertvolle Geschichtsquelle in sonst recht quellenarmen Zeiten. Autor Eugippius beschreibt anschaulich die letzten Tage der römischen Provinz Noricum, kurz vor Severins Tod im Jahr 488. Zitator: „Um diese Zeit hatten räuberische Barbaren bei einem plötzlichen Überfalle alles, was sie außerhalb der Stadtmauern an Menschen und Vieh fanden, als Beute fortgeschleppt.“ Erzähler: Ein Katastrophenszenario: Germanen fallen ein, die Versorgung wird knapp, Weltuntergangsstimmung macht sich breit in der romanischen Bevölkerung. Mit dieser Erzählung prägt Eugippius unser Bild vom Ende der Römerzeit. Aber gab es damals, zwischen 490 und 550, wirklich einen großen historischen Bruch im Donauraum und Voralpenland? Wohl eher nicht, meint Irmtraut Heitmeier. ZSP 7 Heit keine Katastrophe 0,28 Es gab sicherlich an vielen Stellen kleine Brüche, aber keinen totalen Zusammenbruch, […] davon kann jetzt überhaupt keine Rede mehr sein. Erzählerin: Neuere archäologische Forschungsarbeiten zeigen: Es war ein zeitlich langgestreckter Transformationsprozess, der den Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter ausmachte. Am Ende stand eine andere Welt. Als Ergebnis eines schleichenden Prozesses. Erzähler: Das Land war nach dem Abzug der Römer also keineswegs leer. Dafür war der Raum zwischen Alpen und Donau auch militärisch-strategisch viel zu wichtig. Mit der Übernahme durch die fränkischen Merowinger in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts wurden die ehemaligen römischen Provinzen zu wichtigen Grenzgebieten des Frankenreiches. Von hier aus kontrollierten die neuen Machthaber die Alpen-Pässe und somit die Zugänge nach Italien. Es lohnte sich also, diesen Raum planmäßig zu besiedeln. ZSP 8 Heit Neuanfang 0,17 Was man dann eben auch ganz stark feststellt, ist, dass ein Neuanfang um die Mitte des 6. Jahrhunderts passiert. Da kommen auf einmal viele neue Leute, die ganz neue Siedlungen anlegen, die neue Gräber, Bestattungsplätze anlegen. TC 15:47 – Blick in die DNA MUSIK Erzähler: Doch wer waren diese Menschen, die nun in vielen kleinen Einwanderungsschüben über Jahrzehnte hinweg neu in den Voralpenraum kamen? Aus der Überlieferung erfahren wir nur wenig darüber. Von Alemannen und Thüringern ist die Rede, auch Langobarden dürften eine Rolle gespielt haben. Und manche Ortsnamen wie Scheyern weisen auf die Skiren hin, eine germanische Gruppe aus dem östlichen Mitteleuropa. ZSP 9 Heit wer waren sie 0,20 Aber das sind einzelne, die uns letztlich nichts über das Gros der Bevölkerung sagen. Und solche Gräberfelder wie jetzt grad das von Altenerding zeigt halt, dass da Leute ganz verschiedener kultureller Herkunft zusammengekommen sind, auch weit aus dem Osten zum Beispiel. Erzählerin: Wo schriftliche Quellen schweigen, sprechen neuerdings die Knochen aus den Gräberfeldern. Mit Hilfe paläogenetischer Untersuchungen! Die Anthropologin Michaela Harbeck von der Staatssammlung für Anthropologie in München gehörte zu einem internationalen Forscherteam, das 2018 die Genome aus den Knochen von 41 frühmittelalterlichen Menschen untersuchte. Diese Individuen waren um das Jahr 500 in bayerischen Gräbern bestattet worden; die meisten wiesen die genetische Signatur von Mittel- und Nordeuropäern auf. Eine Gruppe von 20 Frauen jedoch passte nicht in dieses genetische Raster. Sie stellte für die Wissenschaft schon länger ein Rätsel dar. Erzähler Die Damen hatten nämlich absichtlich deformierte Schädel. Offenbar waren ihnen schon im Kleinkindalter die Köpfe bandagiert worden, um die gewünschte Turmform zu erreichen. Vermutlich hatte es sich dabei um ein Schönheitsideal gehandelt, um eine Mode, die bei den Hunnen schon lange verbreitet war. Erzählerin Aber waren es tatsächlich Hunninnen, die da in frühmittelalterlichen bayerischen Gräbern lagen? Oder bayerische Frauen, die die Mode übernommen hatten? Erzähler Der Blick in die DNA brachte eine überraschende Antwort, sagt die Anthropologin Harbeck. Die Turmschädelfrauen hatten zwar keine zentralasiatische DNA, waren aber dennoch eingewandert. ZSP 10 Harbeck Südosteuropa 0,21 Wir haben dann gesehen, mit europäischen Vergleichsdaten, dass diese Einwanderung aus diesem südosteuropäischen Raum stattgefunden hat. Und was wir eben auch erstaunlich fanden, dass die eben so ganz alleine so dastehen. Es gibt niemanden sonst, außer diesen Turmschädelfrauen, die diese Vorfahren teilen. Dieses Südosteuropäische, das haben nur diese Turmschädelfrauen. Erzählerin Genetisch am ähnlichsten sind sie heutigen Bulgarinnen und Rumäninnen. Obwohl kulturell offenbar gut assimiliert, dürften die Migrantinnen exotisch gewirkt haben. Denn diese Turmschädelfrauen hatten überwiegend braune Augen und schwarze Haare, während die meisten anderen Toten aus den bayerischen Gräbern blond und blauäugig waren. Erzähler Noch stehen die paläogenetischen Studien ganz am Anfang. Aber schon heute deutet sich an, dass Migration im Frühmittelalter keine Seltenheit war. Neben den Frauen vom Balkan fanden sich in den Gräbern auch zwei Frauen aus Süditalien und eine aus dem Ostseeraum. TC 19:13 – Alles neu MUSIK Erzählerin Neue Menschen, neue Siedlungen, neue Bestattungsplätze. Was sich Mitte des 6. Jahrhunderts im Voralpenland ereignet, sagt die Mittelalter-Historikerin Irmtraut Heitmeier, kann man - etwas zugespitzt - als eine Gründerzeit bezeichnen. ZSP 11 Heit Gründerzeit 0,33 Man hat das Gefühl, es gibt einen neuen Plan vom Land. Also man hat eine Vorstellung von der Organisation, man legt neue Wege an und neue Siedlungen. Diese Siedlungen kriegen dann ja auch deutsche Namen, also germanisch, althochdeutsch damals. Und die machen den Eindruck, als wären sie fast planmäßig angelegt. Erzähler Dieser neue organisatorische Zugriff auf den Voralpenraum fällt zeitlich zusammen mit der Einrichtung des fränkischen Herzogtums. Um 530 zerschlagen die fränkischen Merowinger das Reich der Thüringer und stellen den Raum südlich der Donau unter ihre Oberhoheit. Daraufhin erschließt der Franken-Herzog mit seinen Leuten dann planmäßig das Land. Und die Siedlungen, sagt Irmtraut Heitmeier, bekommen neue Namen. ZSP 12 Heit neue Namen 0,35 Ganz interessant ist: Dort, wo man merkt, dass alte Namen eigentlich noch hätten überliefert werden können, auch da kriegen die Siedlungen neue Namen. Das ist eigentlich das ganz Spannende. Und da hätte man jetzt vor ein paar Jahrzehnten eben noch gesagt: Ja klar, es waren halt lauter Leute, die Germanisch-Althochdeutsch gesprochen haben, ist ja klar, dass die dann solche Ortsnamen vergeben. Das ist sicherlich ein wichtiger Faktor, aber ein auch entscheidender Faktor ist wahrscheinlich, dass die Organisatoren wesentlich diese Sprache transportiert haben. Und für die Ortsnamengebung gesorgt haben. Erzähler Lange Zeit herrschte die Vorstellung, dass die verschiedenen Namentypen zeitlich geschichtet seien: Die ing-Orte als die ältesten, dann die -heim und die -dorf-Orte, und so weiter. Man hat in diesem Zusammenhang von Namen-Moden gesprochen. Irmtraut Heitmeier korrigiert diese Vorstellung. Sehr viele Namen existierten offenbar gleichzeitig. Aber sie weisen auf unterschiedliche Funktionen hin. Erzählerin So hat zum Beispiel eine der ältesten Namengruppen, die Ortsnamen auf -weichs oder -wihs, offenbar einen militärischen Hintergrund. Das ganze Land wurde überzogen mit einem groben Raster solcher Orte: Weichs kommt mehrfach vor, in jüngerer Zeit entstanden dann Zusätze wie bei Schwabelweis oder Tettenweis. Vermutlich handelte es sich bei solchen Weichs-Siedlungen um erste merowingische Militärniederlassungen. Erzähler Prägten in der Römerzeit noch einzelne Gutshöfe, sogenannte Villae rusticae, die Landschaft, so entstanden nun im Frühmittelalter neue Siedlungen, die eine ganz andere Funktionsweise und ein anderes Sozialgefüge aufwiesen. ZSP 13 Heit heutige Siedlungslandschaft 0,35 Wenn man die ländliche Besiedlung mit den Dörfern, Weilern, Einzelhöfen sich vorstellt, die ist in dieser Zeit grundgelegt worden. Also da hat´s sicher dann später Siedlungsausbau gegeben, aber von der Struktur her, haben wir da das Frühmittelalter eigentlich vor Augen. MUSIK Erzähler 1500 Jahre bayerische Tradition! Nicht schlecht. Gilt er also doch, der selbstbewusste Satz: „Mia san mia – nämlich anders als die andern“? Erzählerin Vielleicht. Aber halt nicht immer gewesen, sondern erst geworden. Man könnte auch sagen: Wir selbst waren einst jene anderen, jene Flüchtlinge und Zugereisten, die dann langsam zum Wir geworden sind. Und weiterhin werden. TC 23:13 – Outro
- 23.08.202423 min
Warum ist das antike römische Weltreich untergegangen? Auf der Suche nach den Ursachen hat die Geschichtsschreibung einen schillernden Begriff gefunden: die Völkerwanderung. Demnach hätte ein Ansturm von "Barbaren" die Herrschaft des alten Rom beendet. Doch inzwischen ändert sich das Bild: Demnach löste der beginnende Zerfall des Reichs einen gewaltigen Zustrom von außen aus, über alle Grenzen von Germanien bis Arabien. Von Matthias Hennies (BR 2021) Credits Autor: Matthias Hennies Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Stefan Wilkening, Diana Gaul Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Ulrich Himmelmann, Prof. Mischa Meier, Dr. Corina Knipper, Prof. Roland Steinacher Besonderer Linktipp der Redaktion: SR: Interpretationssache – Der Musikpodcast Jede Folge ein Musikstück aus Klassik oder Pop in verschiedenen Aufnahmen: Roland Kunz sucht nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten in den Interpretationen. Warum gefällt uns die eine Aufnahme und die andere nicht? Welche Freiheiten nehmen sich die Musikerinnen und Musiker, obwohl doch eigentlich die gleichen Noten zugrunde liegen? Diesen Fragen geht Roland Kunz im SR-Podcast nach. Denn Vieles ist eben „Interpretationssache“! ZUM PODCAST Linktipps: Bayerische Landesausstellung (2024): Tassilo, Korbinian und der Bär – Bayern im frühen Mittelalter Ein Herrscher mit Schwert und Szepter, ein Heiliger, der einen wilden Bären zähmt … das ist nicht der Stoff für einen Hollywoodfilm, sondern pure bayerische Geschichte. Tassilo, Korbinian und der Bär entführen uns in der Bayerischen Landesausstellung 2024 ins frühe Mittelalter! Veranstalter sind das Haus der Bayerischen Geschichte und die Erzdiözese München und Freising. Zusätzlich zur Landesausstellung werden dem Publikum ausgewählte Prunkräume des Dombezirks über Führungen zugänglich gemacht. Die Ausstellung findet noch bis zum 3. November 2024 im Diözesanmuseum Freising statt. MEHR INFOS ZDF (2023): Drei Irrtümer über die Völkerwanderung Ende des 4. Jahrhunderts treiben die Hunnen Germanische Kriegerverbände ins Römische Reich. Der Beginn der "Völkerwanderung". Doch waren Germanen wirklich Feinde der Römer und unzivilisierte Barbaren? Und endete das Römische Reich 476 nach Christus? JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:35 – Horrorszenario Völkerwanderung TC 05:30 – Das neue Bild einer Epoche TC 07:57 – Römischer Einfluss TC 11:17 – Archäologische Spurensuche TC 15:23 – Der Kitt der Kontinuität TC 21:33 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO & MUSIK Sprecher Wolkenlos wölbt sich der Himmel über den Weinbergen der Pfalz. Um die Sonne zu genießen, treffen sich die Einwohner von Bad Dürkheim nach Feierabend zwischen den Säulen der restaurierten Römervilla. Vor 2000 Jahren residierte hier der Besitzer eines riesigen Weinguts. 1. OT Himmelmann04 0:44 Hier den ganzen Hang hinunter waren Wirtschaftsgebäude, Weinkeltern, Scheunen usw., wir stehen hier nur vor dem Herrenhaus, dem Bad und den Repräsentationsräumen von einer sehr, sehr großen Anlage, die man sich vorstellen muss in den Dimensionen wie eine barocke Schlossanlage ungefähr. Sprecher Weinstöcke wachsen, wo einst die Nebengebäude standen, die Ulrich Himmelmann aufzählt, Leiter der Archäologie in der Region. Ein Gutshof von solchen Ausmaßen ist in der Pfalz heute unvorstellbar. Doch im Imperium Romanum gab es extreme Unterschiede zwischen reich und arm – und noch drastischer war das Wohlstandsgefälle zu den Menschen jenseits der Grenze, die weder Weinbau noch Steinbau kannten. Kein Wunder, dass sie eines Tages in Scharen ins Imperium drängten – manchmal friedlich und oft mit Feuer und Schwert. 2. OT Himmelmann04 3:16 Dieses Landgut ist hier in frührömischer Zeit bereits gegründet worden, läuft hier bis in die Mitte des vierten Jahrhunderts durch als Landgut mit enormer Größe, und um die Mitte des 4. Jahrhunderts brennt das hier ab und dann ist es auch zu Ende. Sprecher Damit begann eine Zeit, die man in Deutschland „Völkerwanderung“ nannte. Doch Historiker sind nicht mehr einverstanden mit dem lange überlieferten Bild: MUSIK Zitatorin 1 Zahllose wilde Völker haben Besitz ergriffen von ganz Gallien. Das gesamte Gebiet zwischen den Alpen und Pyrenäen, zwischen dem Ozean und dem Rhein haben […] die Feinde […] zerstört. Mainz, einst eine berühmte Stadt, haben sie eingenommen und völlig zerstört, Worms musste eine lange Belagerung aushalten, bis es dem Untergang anheimfiel. Die mächtige Stadt Reims, ferner Amiens, Arras, Tournay, Speyer, Straßburg, alle diese Städte sind in den Besitz der Germanen übergegangen. TC 02:35 – Horrorszenario Völkerwanderung Sprecher Der Kirchenlehrer Hieronymus malte die Ereignisse im Westen des Römischen Reiches später als Weltuntergang aus. Auch andere Geschichtsschreiber entwarfen das Horrorszenario furchtbarer, großflächiger Zerstörungen. Und so entstand das Bild der „Völkerwanderung“, das bis vor kurzem etwa so in den Geschichtsbüchern stand: MUSIK Zitatorin 2 Auslöser sind die aus Asien kommenden Hunnen, die nach Westen drängen und die anderen Völker vertreiben. Ursachen der Wanderungen sind aber auch die Zunahme der Bevölkerung und nicht zuletzt Kriegslust und Beutehunger. Vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer gerät ganz Europa in Aufruhr, weil die meisten Völker ihre Heimat verlassen, um neue Siedlungsgebiete zu erobern. Sprecher Ob Franken oder Alemannen, Goten oder Gepiden, alle durchbrachen demnach den Limes und zogen mit Hab und Gut, mit Weib und Kind ins Römische Reich. Aber so war es nicht. Dieses romantische und gewalttätige Narrativ, das lange auch der nationalistischen Propaganda diente, gehört in die Mottenkiste der Geschichte. Das belegen aktuelle Forschungen von Historikern, Naturwissenschaftlern und Archäologen - auch in der Pfalz. ATMO Sprecher Bei der Ausgrabung der Dürkheimer Römervilla kamen eindeutige Brandspuren zu Tage. Aber die Archäologen haben an vielen Stellen der Weinbauregion, die auch damals dicht besiedelt war, gegraben. Dr. Himmelmann deutet auf die Hügel jenseits des Dürkheimer Bruchs: 3. OT Himmelmann04 7:28 Auf der anderen Seite der Haardtrand, wo die Burgruinen stehen, gegenüber auch gleich der Nachbar, die Villa in Wachenheim, die kann man von hier aus sehen. Sprecher Die Römervilla in Wachenheim gehörte ebenfalls zu einem Weingut – und sie wurde nie zerstört. Sie florierte noch ein ganzes Jahrhundert lang, nachdem der Besitz des Dürkheimer Nachbarn in Flammen aufgegangen war. Auch in Speyer, dem römischen Hauptort, stießen Himmelmann und seine Kollegen nicht auf Zerstörungsspuren: Skelette aus römischen Friedhöfen zeigen keine Kampfverletzungen, die Stadt ist nicht niedergebrannt. Um 350 begann eine unruhige Zeit, schließt der Archäologe, es kam zu Barbaren-Überfällen, römische Offiziere putschten, bunt gemischte Heerhaufen durchzogen das Land, doch sie richteten keine großflächigen Zerstörungen an, wie antike Autoren behaupteten. 4. OT Himmelmann04 9:22 Wir wissen, es gab Bürgerkriege, wir wissen, es gab lokale Unruhen, die aber offensichtlich nicht in allen Orten gleich verlaufen sein müssen. Es gibt auch kleinstädtische Siedlungen hier wie Eisenberg, wo wir ganz klar mächtige Zerstörungsschichten haben, da hat es große Brände gegeben und es gibt andere Orte, wo aber so etwas nicht feststellbar ist. TC 05:30 – Das neue Bild einer Epoche MUSIK Sprecher Das ist das neue Bild der Epoche, die 476 zur Absetzung des letzten weströmischen Kaisers führte. Die Weltmacht Rom ging nicht in einem abrupten Moment mit Donnergetöse unter – ihre Macht schwand nach und nach. In den Provinzen tauchten mehr und mehr Alemannen, Franken oder Goten auf, doch zugleich lief das gewohnte Leben für die Bürger weiter: In Speyer speiste das Aquädukt die Bäder noch lange mit Frischwasser, erzählt Himmelmann. Das alte Bild der „Völkerwanderung“ ist nicht mehr haltbar, erklärt Mischa Meier, Professor in Tübingen, denn dahinter steht ein Begriff von „Volk“ – 5. OT Meier 0:21 - der letztlich ein Konstrukt aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ist und nach all‘ dem, was wir heute wissen, hat es in der Antike und dem Frühmittelalter keine Völker in diesem romantischen Sinn gegeben, und das andere betrifft die Komponente Wanderung – da gibt es sehr klare Vorstellungen, die man sich früher von wandernden Völkern gemacht hat, und die sind mittlerweile auch wissenschaftlich nicht mehr tragbar. Sprecher Entscheidend ist das neue Verständnis der Gruppen, die seit dem Ende des vierten Jahrhunderts über alle Grenzen ins Reich strömten, betont der Historiker: Man kann sie nicht als einheitliche Ethnien bezeichnen. Forschungen der Migrationssoziologie und der Ethnologie zeigen, dass mobile Gruppen wie die Alemannen, Vandalen oder Hunnen der römischen Geschichtsschreiber nicht unbedingt gemeinsame Vorfahren oder eine lange gemeinsame Kulturtradition hatten. Klar ist nur: Sie fühlten sich zusammengehörig. 6. OT Meier 5:57 Sie haben also gemeinsam geglaubt, eine Gemeinschaft zu sein und haben zum Teil auch geglaubt, dass sie eine Abstammungsgemeinschaft sind und haben sich um diesen Glauben herum dann auch ihre eigenen Mythen und Geschichten gesponnen und entwickelt und später dann auch versucht, schriftlich festzuhalten und auf die Weise dann ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, das uns heute von außen betrachtet zunächst einmal wie eine ethnische Einheit dann auch vorkommt. Sprecher Auch ihre Namen gehen nicht auf sie selbst, sondern auf römische Schriftsteller zurück, die praktische Bezeichnungen für die heterogenen Gemeinschaften brauchten – in deren späteren, eigenen Aufzeichnungen blieben diese Namen dann oft erhalten. TC 07:57 – Römischer Einfluss MUSIK Der Osten des Imperiums mit der gut befestigten Hauptstadt Konstantinopel überstand die Wirren relativ unbeschadet. Im Westen jedoch löste sich das römische Imperium in neue, kleinere Reiche auf – und das lag vermutlich nicht an der überwältigenden militärischen Übermacht, die die Grenzen durchbrach, wie man lange dachte. Jetzt meinen Historiker: Die Politik Roms spielte eine entscheidende Rolle, denn die Römer und ihre Nachbarn lebten nie in getrennten Welten. Eine „verflochtene Geschichte“, wie man heute in der Wissenschaft sagt, verband sie - schon seit dem 2. Jahrhundert. Mischa Meier hebt hervor: 7. OT Meier 17:30 Dass die Römer sehr aktiv Einfluss genommen haben auf die Geschehnisse im Barbaricum und dabei natürlich versucht haben, natürlich vor allem ihre Grenzen zu sichern, aber auch Kontakte zu knüpfen, Handelsverbindungen zu etablieren und in die inneren sozialen und politischen Verhältnisse der Gruppen, auf die sie getroffen sind, einzugreifen, nämlich zu ihren Gunsten. Sprecher Über Jahrhunderte war römische Kultur bei den „Barbaren“ ständig präsent: Anführer bekamen von den Kaisern hohe Summen, damit sie die Pufferzone vor der Grenze sicherten. Krieger brachten vom Dienst in den Legionen Geld und römische Lebensweise in ihre Heimat mit. Gesandte, aber auch viele Händler und Handwerker wechselten über die Grenzen. Diese Politik wirkte schließlich auf Rom zurück: 8. OT Meier Aus kleineren Verbänden sind größere Zusammenschlüsse geworden, sie haben Identitätsbildungsprozesse durchlaufen, vor allem aber haben sie sich immer stärker auf das Römische Reich auch bezogen. Sprecher So entstanden größere Gemeinschaften, die als Franken und Alemannen, als Vandalen und Goten bekannt und bedrohlich wurden. Sie übernahmen römische Waffen, Moden, Denkweisen und erkannten im wohlhabenden Imperium mehr und mehr ein verlockendes Gelobtes Land. Beging die römische Politik also einen strategischen Fehler? 9. OT Meier 20:11 Die Römer hatten etablierte Prinzipien der Außenpolitik, die eben viele Jahrhunderte funktioniert haben, aber die eben Folgekosten mit sich brachten, die für die antiken Zeitgenossen nicht erkennbar waren, weil sie sich eben erst nach vielen Jahren und sehr, sehr schleichend materialisierten. Und gleichzeitig haben wir natürlich ein Wohlstandsgefälle zwischen dem Römischen Reich und den Regionen außerhalb des Reiches, und zwar ein sehr erhebliches Wohlstandsgefälle. Im Römischen Reich konnte man in einer Weise leben und Sicherheit genießen, wie es in kaum einem anderen Gebilde der Vormoderne möglich gewesen ist und natürlich hat das Begehrlichkeiten geweckt, ohne Zweifel. Sprecher Im 4. Jahrhundert geriet das Imperium in eine Schwächephase. Das Machtvakuum fiel mit einer Offensive hunnischer Reiterverbände zusammen, die von Osten nach Europa hereindrängten. Was die Ursache dafür war, möglicherweise Klimaveränderungen oder Seuchen in Zentralasien, ist umstritten. Die Folge waren zwei Jahrhunderte der Unrast: Goten flohen über die Donau nach Süden, Franken und Alemannen gingen über den Rhein nach Westen, Vandalen zogen durch Gallien nach Spanien, Langobarden nach Ungarn. TC 11:17 – Archäologische Spurensuche MUSIK Ihre Routen durch Europa schildern antike und mittelalterliche Chroniken – doch die haben sich als notorisch unzuverlässig erwiesen. Forscher versuchen nun, die Wege der Kampf- und Siedlungsgemeinschaften im Labor, mit naturwissenschaftlichen Mitteln, zu rekonstruieren. Ihre wichtigste Quelle sind Skelettreste, die Archäologen in spätantiken Gräberfeldern bergen. Um zu ermitteln, ob die Menschen am Ort der Beisetzung geboren oder aber zugewandert sind, entnehmen sie Zähnen und Knochen winzige Mengen Proben und analysieren die Mischung der Isotope darin. ATMO Sprecher Isotope sind Atome eines chemischen Elements, die eine unterschiedliche Masse haben. Das Praktische ist: Das jeweilige Mischung der verschiedenen Isotope ergibt einen chemischen Fingerabdruck des Elements, den man in Gesteinen, im Wasser oder in Pflanzen messen – und in menschlichen Knochen und Zähnen wiederfinden kann. Daraus schließen Forscher zum Beispiel, ob die Ernährung eines Individuums eher vegetarisch oder fleischhaltig war. Auch einige Pflanzenarten lassen sich erkennen: Hirse etwa, die ursprünglich in Zentralasien verbreitet war und zur Römerzeit vermehrt in Ungarn verzehrt wurde: Haben Zuwanderer sie vielleicht mitgebracht? MUSIK Migrationen versuchen Wissenschaftler vor allem aber anhand der vier Isotope des Strontiums zu ermitteln. Das Mischungsverhältnis der Strontium-Isotope im Gestein unterscheidet sich nämlich von Region zu Region. Da das Element durch die Verwitterung auch in den Boden, ins Wasser und letztlich in den Nahrungskreislauf gelangt, können Forscher das Isotopenverhältnis auch im menschlichen Körper bestimmen – und dann eine Beziehung zur Herkunftsregion eines Individuums herstellen. 10. OT Knipper 4.30 Das Schlüsselmaterial für die Untersuchung von Mobilität sind eigentlich die Zähne, genauer gesagt der Zahnschmelz, weil der schon in der Kindheit angelegt und nicht weiter verändert wird. D.h. wenn die Zähne im Laufe der Kindheit mineralisieren, wird das Strontium eingelagert und es verändert sich dann nicht mehr. Sprecher Dr. Corina Knipper, angestellt am renommierten Curt-Engelhorn-Centrum für Archäometrie in Mannheim, arbeitet in mehreren Projekten zur Geschichte der Langobarden, die in einer ersten Migration aus dem Elbe-Raum in die römische Provinz Pannonien im heutigen Ungarn gezogen sein sollen. In Kooperation mit ungarischen Kollegen hat Knipper mit ihren Mitarbeitern daher Proben von 550 Individuen aus ungarischen Gräberfeldern analysiert. 11. OT Knipper 11:28 Innerhalb dieses Projektes haben wir auch eine so genannte Isotopen-Kartierung durchgeführt. Eine Mitarbeiterin aus den Geo-Wissenschaften hat ganz systematisch Pflanzen- und Wasserproben gesammelt und hat da die Strontium-Isotopen-Verhältnisse bestimmt und hat dann daraus versucht, Regionen mit unterschiedlicher Isotopen-Zusammensetzung abzuleiten. Sprecher Doch die Methode stieß an ihre Grenzen: Sogar auf kleinem Raum erwies sich die Isotopen-Mischung als uneinheitlich. Umgekehrt fanden sich in weit voneinander entfernten Regionen dieselben Werte: Folglich ließen sich die Toten nicht eindeutig einer Herkunftsregion zuordnen. Man konnte nur unterschiedliche Personengruppen auf den Gräberfeldern benennen. 12. OT Knipper 13:56 Die Stärke der Methode liegt darin, dass man überhaupt ortsfremde Personen erkennt beziehungsweise ganz streng muss man eigentlich sagen, dass man Personen erkennt, die während ihrer Kindheit Nahrung aus einer anderen Region konsumiert haben. TC 15:23 – Der Kitt der Kontinuität Sprecher Wie man sich die Kampf-Gemeinschaften vorstellen kann, die in den unruhigen Jahrhunderten durch das Römische Reich zogen, stellt der Historiker Mischa Meier in einer Reihe von Idealtypen dar: 13. OT Meier 2:49 Es gibt zum Beispiel kleine, schlagkräftige Kriegergruppen, die sich um einen charismatischen Anführer scharen und dann immer wieder Einfälle ins Römische Reich vorgenommen haben, das wären etwa die frühen Franken gewesen oder die frühen Alemannen oder Sachsen - Sprecher - denen es wohl vor allem um die Reichtümer der Römer ging. Andere waren auf der Suche nach einer neuen Heimat: Die gotischen Flüchtlinge etwa, die von hunnischen Reiterverbänden über die Donau gedrängt wurden. Auch ganze Armeen waren unterwegs - 14. OT Meier Armeen allerdings im antiken Sinn, das heißt immer auch von einem großen zivilen Tross begleitet, von Frauen und Kindern, von Händlern und allen möglichen anderen Personen - Sprecher - und schließlich zählt Meier halb-nomadische arabische Gruppen auf, denn nicht nur an Rhein und Donau, auch in Syrien oder in Nordafrika mussten die Legionen den Limes aufgeben. Doch nicht alle Gruppen, die über die Grenzen strömten, wollten sich im Imperium ansiedeln, betont Meier, viele wurden einfach hineingezogen, nicht zuletzt von der römischen Politik selbst. MUSIK Zitatorin 4 (Üs 1908) Kaiser Theodosius […] machte König Athanarich Geschenke, schloss eine Allianz mit ihm. […] Nach Athanarichs Tod blieb seine Armee in den Diensten des Kaisers, unterwarf sich der römischen Herrschaft und fügte sich in die kaiserlichen Truppen ein, als wäre sie eins mit ihnen. Sprecher Berichtete später der Geschichtsschreiber Jordanes. Kriegsdienst gegen römisches Land – bis dahin ein unerhörtes Tauschgeschäft. Der Grund ist offensichtlich: 15. OT Steinacher 14:29 Foederaten, unter Vertrag stehende, von außen kommende Soldaten, die kein römisches Bürgerrecht haben, die sind natürlich deutlich billiger zu haben als römische Bürger. Sprecher Der Kaiser konnte nicht mehr genug römische Legionäre besolden – das war ein entscheidender Faktor für den unaufhaltsamen Niedergang des Imperiums, betont der Historiker Roland Steinacher, Professor in Innsbruck. Zudem war auch die ideologische Basis des Imperium Romanum gründlich erschüttert worden: Dass sich mit dem Christentum eine völlig neue Form der Religion in der Bevölkerung verbreitete hatte und im 4. Jahrhundert auch im Staat etabliert worden war, trug ebenfalls zur Instabilität bei. 16. OT Steinacher 27:04 Der tiefe Wandel von Mentalitäten und ideologischen Strukturen, der Schritt zum Christentum, der eine mittelmeerische Gesellschaft fundamental verändert hat. MUSIK Sprecher Und so vermischten sich die beiden Sphären, die einst der Limes getrennt hatte, immer stärker: Mal kämpften Legionäre mit hunnischen Einheiten gegen Franken, mal mit gotischen Abteilungen gegen Hunnen und in Bürgerkriegen mit diesen oder jenen gegen Römer. Oberbefehlshaber wurden Männer wie Stilicho, der von Vandalen abstammte oder Aetius, der lange am Hof der Hunnen gelebt hatte. Der gotische Warlord Alarich führte erst Truppen des Kaisers, dann plünderte er Rom, die frühere „Beherrscherin der Welt“. Vandalen, Goten, Franken gründeten dann in Italien, Spanien und Nordafrika, in Teilen Galliens und Germaniens neue, kleinere Reiche, die leichter zu verteidigen waren als das riesige, heterogene Gebilde, das Rom einst kontrolliert hatte. 17. OT Steinacher 16:45 Stellen Sie sich mal vor die Grenzen zwischen Britannien und dem Euphrat: Das zu kontrollieren und auch mit einem entsprechenden ideologischen Unterfutter zu versorgen, ist natürlich weitaus schwieriger als einen Teil, ein Bündel von Provinzen wie zum Beispiel Nordafrika oder Gallien oder Italien als partikularen politischen Apparat zu organisieren. Sprecher Doch das Imperium verschwand auch dort nicht: Römische Kultur erwies sich als der Kitt der Kontinuität, der Antike und Mittelalter verband. 18. OT Steinacher 22:10 Im Westen entwickelt sich ja auch eine letztlich kontinuierliche antike Struktur, denken Sie daran, eine kontinuierliche katholische Kirche, die die lateinische Sprache als Sprache des Gottesdienst, der Liturgie wie aber auch der Bildung, der Überlieferung, weiterverwendet, die Kirche ist die spätantike bürokratische Struktur, die kontinuierlich fortbesteht. MUSIK Sprecher Die Übergangsphase – früher „Völkerwanderung“ genannt - zog sich vom 4. bis ins 6. Jahrhundert hin. Manche Historiker zählen auch die arabische Expansion im 7. Jahrhundert noch dazu und sprechen erst danach von der neuen Epoche, dem Mittelalter. ATMO Sprecher Der Untergang des weströmischen Reiches zog sich so lange hin, für Zeitgenossen kann er kein radikaler Einschnitt gewesen sein. Wenn man als Handwerker in Speyer lebte oder in der Pfalz Wein anbaute, änderte sich nicht viel. Der Archäologe Ulrich Himmelmann meint: 19. OT Himmelmann04 19:28 Dass die Menschen diesen Bruch nicht so wahrgenommen haben, ach Gott, jetzt ist das Römische Reich weg, sondern dass für die Menschen das Römische Reich eigentlich der Staat war, in dem sie lebten und dass das Römische Reich eigentlich fortbestand und jetzt gerade in ner Krise war und eben lokale Autoritäten dieses Machtvakuum füllten und dass Karl der Große sich um 800 genau auf diese Tradition beruft, entspringt sicherlich aus dem noch vorhandenen Gefühl dafür, dass es da einen Staat gab, der halt gerade renoviert werden muss. TC 21:33 – Outro
- 13.08.202424 min
"Der Sozialismus ... hat unwiderruflich gesiegt", sagte die 61jährige Margot Honecker noch im Juni 1989 im Palast der Republik. Wenige Wochen später begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR. Die Ära Honecker ging zu Ende und mit ihr der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Mehr als zwei Jahrzehnte prägten die Honeckers den sogenannten Staatssozialismus der DDR. Dabei verloren sie zunehmend den Kontakt zum Volk und verweigerten sich der Reformpolitik von Michail Gorbatschow. Im Winter 1989 wurden sie zum Rücktritt gezwungen. Von Renate Eichmeier (BR 2019) Credits Autorin: Renate Eichmeier Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Peter Lersch Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Stefan Wolle Anmerkung der Redaktion: Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER. Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959 Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST Linktipps: ARD History (2009): Besuch bei Margot Honecker Spurensuche in Chile: Seit 1992 lebt hier Margot Honecker im Exil. Die Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker war einst die mächtigste Politikerin der DDR - heute wohnt sie zurückgezogen in einem Haus im noblen Vorort von Santiago, verschanzt hinter hohen Mauern. Was denkt die heute 82-Jährige über die DDR und den Fall der Mauer? NDR-Autorin Christine Adelhardt hat Freunde und Weggefährten besucht und versucht, mit Margot Honecker ins Gespräch zu kommen. Ihre Erkenntnis: Auch Jahrzehnte nach dem Ende der DDR findet sich bei ihr keine Einsicht. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2017): Wo die DDR-Elite wohnte In der DDR-Siedlung Wandlitz lebte die politische DDR-Elite, abgeschottet vom Rest des Volkes. Kaum einer durfte hier rein – und so hielten sich beständig Gerüchte von Luxuspalästen und goldenen Wasserhähnen. Nun ist die DDR-Elitesiedlung unter Denkmalschutz gestellt worden. Zum Beitrag geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 - Intro TC 06:04 - Erich TC 09:14 - Margot TC 11:06 – Außereheliche Pfade TC 14:03 - Kronprinz der DDR TC 18:04 – Die Honecker-Ära TC 23:20 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro MUSIK SPRECHER: Margot habe ihn fasziniert, weil sie ein hübsches junges Mädel war, sagte Erich Honecker einmal in einem Interview. Und weil sie sehr aktiv war in der kommunistischen Bewegung. SPRECHERIN: Und Margot Honecker meinte rückblickend, Erich habe ihr gefallen, weil er ein guter Kamerad war, er sei sehr spontan und liebevoll gewesen. ERZÄHLERIN: Erich und Margot Honecker lernten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Halle an der Saale kennen. Der Faschismus war besiegt. Europa lag in Trümmern. Erich und Margot stürzten sich euphorisch in die kommunistische Jugendarbeit, wollten dabei sein beim Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft unter der Direktive der mächtigen Sowjetunion und ihres "großen Führers" Stalin. Über ihre politische Arbeit kamen sich die beiden näher. Erich Honecker war Vorsitzender der FDJ, der Freien Deutschen Jugend. Margot war dort ebenfalls Funktionärin und trat bei der Gründung der DDR im Oktober 1949 zum ersten Mal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Fotos zeigen die 22-Jährige glücklich strahlend neben dem Spitzenkommunisten Wilhelm Pieck, den sie im Namen der Jugend einen Blumenstrauß überreichte und ihm zu seiner Wahl zum ersten Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik gratulierte. MUSIK Vier Jahrzehnte später hatte sich das Szenario grundlegend geändert. Erich und Margot Honecker, mittlerweile ins Machtzentrum der sozialistischen DDR aufgestiegen, standen an ihrem politischen Ende. Der Historiker und wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums in Berlin Dr. Stefan Wolle: O1 WOLLE 14'' Insgesamt war ja das gesamte kommunistische Lager, das Herrschaftssystem der Sowjetunion war ja vollkommen brüchig geworden, und es war bloß die Frage eigentlich, kann man im Nachhinein sagen, in welcher Form es zusammenbricht. MUSIK ERZÄHLERIN: 6. und 7. Oktober 1989: Die Führungselite der DDR feierte den 40. Jahrestag der sozialistischen Staatsgründung. Auf dem Alexanderplatz riefen tausende Demonstranten: "Gorbi! Gorbi, hilf uns! Gorbi, hilf uns!" Gemeint war damit der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow, der als Ehrengast zu den Feierlichkeiten in Ostberlin eingeladen war. Die innenpolitische Lage der DDR war angespannt. Das sozialistische Machtsystem unter dem 77-jährigen Erich Honecker wankte. Seit Wochen flohen DDR-Bürger und Bürgerinnen über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Nicht nur in Ostberlin, auch in Leipzig, Halle und anderen ostdeutschen Städten kam es zu Protesten. Zusp.: O-Ton Erich Honecker - W0328587 Den Sozialismus – so sagt man bei uns immer – in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. ERZÄHLERIN: Hatte Erich Honecker noch im August 1989 gesagt. SPRECHERIN: Und Margot hatte verkündet, dass der Sozialismus (…) unwiderruflich gesiegt habe und es niemandem gelingen werde, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. ERZÄHLERIN: Das war Mitte Juni 1989, als unter ihrer Leitung im Palast der Republik der IX. Pädagogische Kongress der DDR stattfand. Als Ministerin für Volksbildung hatte sie ihn von langer Hand vorbereiten lassen – mit dem Ziel, öffentlich die Errungenschaften der sozialistischen Bildungspolitik zu demonstrieren. Fast zeitgleich war der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow auf Staatsbesuch in Westdeutschland. "Gorbi! Gorbi! Gorbi!" skandierten auch dort Tausende. Die Reformpolitik von Gorbatschow nährte die Hoffnung auf eine Öffnung des sozialistischen Ostblockes, auf ein Ende des jahrzehntealten Ost-West-Konfliktes MUSIK …In Westdeutschland als Politstar gefeiert, von der ostdeutschen Bevölkerung als Reformer begrüßt, begegnete ihm die sozialistische Führungsriege der DDR unter Erich Honecker mit Ablehnung. Mit starrem Gesicht hatte Margot Honecker auf dem Pädagogischen Kongress im Palast der Republik verkündet, dass – SPRECHERIN: mancher, der das weit von sich weisen würde, sich mit den Gegnern des Sozialismus zusammengetan habe. Und sie verstieg sich zu der Forderung, dass unsere Zeit eine Jugend brauche, die kämpfen könne, die den Sozialismus stärken helfe, die für ihn eintrete und ihn verteidige mit Wort und Tat und, wenn nötig, mit der Waffe in der Hand. ERZÄHLERIN: Wenige Wochen nach der skurrilen Rede von Margot Honecker begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR und leitete das Ende der Ära Honecker und das Ende des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden ein. Lange Jahre hatten Erich und Margot Honecker den sogenannten Staatssozialismus der DDR geprägt: mit zunehmender Härte und wachsendem politischem Starrsinn. Erich Honecker war als Staats- und Parteichef zum mächtigsten Mann des DDR-Regimes aufgestiegen. Die 15 Jahre jüngere Margot setzte ab 1963 als Ministerin für Volksbildung innovative Konzepte wie polytechnische Bildung und Ganztagsbetreuung durch, aber auch umstrittene Maßnahmen wie den Wehrkundeunterricht. MUSIK SPRECHERIN Der beste Freund des deutschen Volkes solle leben, der Freund aller jungen Menschen, der große Stalin. TC 06:04 - Erich ERZÄHLERIN Aufnahmen Anfang der 1950er Jahre zeigen die junge Margot Feist bei FDJ-Veranstaltungen: Sie ist Anfang 20, ein hübscher Lockenkopf in blauer FDJ-Uniform, eine strahlende Sozialistin, eine mitreißende Rednerin, eine, der man glaubt, was sie sagt. Nicht selten ist neben ihr Erich Honecker zu sehen, ein gutaussehender Mann, Mitte 30, ebenfalls in FDJ Uniform, ebenfalls einer, der Begeisterung für den Sozialismus ausstrahlt. MUSIK Erich und Margot stammten aus Arbeiterfamilien, waren in kommunistischen Elternhäusern groß geworden und hatten den Terror der NS-Zeit am eigenen Leib erfahren. Margots Vater war jahrelang in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt. Erich Honecker schmuggelte kommunistisches Propagandamaterial nach Nazideutschland, bis er 1935 von der Gestapo verhaftet wurde. Er war 23 Jahre alt und verbrachte 10 Jahre im Gefängnis, die meiste Zeit davon im Zuchthaus Brandenburg. 1945 war der Krieg zu Ende, die Nazis besiegt, viele Städte zerstört, Millionen Menschen ermordet ... Erich Honecker war 32 Jahre alt, als russische Soldaten der Roten Armee ihn befreiten. O2 Wolle 19'' Er hat sich dann nach Berlin begeben, wo die ersten kommunistischen Emissäre aus Moskau angekommen waren und hat sich denen zur Verfügung gestellt. Und die waren da sehr glücklich, da einen relativ jungen Mann zu bekommen mit Erfahrung in der Jugendarbeit. Und er hat dann sehr schnell die Leitung der Freien Deutschen Jugend übernommen. ERZÄHLERIN So der Historiker und DDR Spezialist Stefan Wolle. Trotz der langen Jahre im Gefängnis konnte Erich Honecker Erfahrungen in der kommunistischen Funktionärsarbeit vorweisen. 1912 im Saarland geboren, war er bereits als Kind in einer kommunistische Kindergruppe, wechselte später in die Jugendorganisation der kommunistischen Partei KPD, übernahm organisatorische Aufgaben und stieg schnell in Funktionen von überregionaler Bedeutung auf. Er fing zwar eine Dachdeckerlehre an, brach diese aber ab, als er 1930 als vielversprechender Nachwuchskader auf die Lenin-Schule der Kommunistischen Internationale in Moskau geschickt wurde. Erich Honecker war also bestens geeignet für den Posten der FDJ Leitung. O3 Wolle 42'' Die Freie Deutsche Jugend war nicht von Anfang an eine kommunistische Organisation, sondern sie legte großen Wert auf ihre angebliche – muss man jetzt mal sagen – angebliche Überparteilichkeit, das heißt, in dem Leitungsgremium der FDJ, dem Zentralvorstand, waren auch Sozialdemokraten anfangs und einige bürgerliche und christliche Politiker. Aber die Kommunisten hatten natürlich alles in der Hand. Und da war Erich Honecker von Anfang an ein getreuer Erfüllungsgehilfe der Weisungen der Partei, und hat das auch von Anfang an alles da durchgepeitscht, was die SED, also erst die Kommunistische Partei, dann die zur SED zusammengeschlossene Führungspartei, angeordnet hat. TC 09:14 - Margot MUSIK SPRECHERIN: Ihre Mutter habe immer gesagt, Kommunisten seien die besseren Menschen, erzählte Margot Honecker später. ERZÄHLERIN: Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Margot vier Jahre alt. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von Armut und Angst: Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, Verhaftungen des Vaters, Druck auf die Mutter. SPRECHERIN: Zu einer Überzeugung, zu einer Sache müsse man stehen, ob das zur Familie sei, ob das zu unserer, der kommunistischen Sache sei, das habe ihre Mutter gesagt – so Margot Honecker später in einem Interview. Vor allen Dingen dürfe man sich nicht kleinkriegen lassen. MUSIK ERZÄHLERIN: Als ihre Mutter an einer versuchten Abtreibung starb, war Margot 13. Sie übernahm den Haushalt, kümmerte sich um ihren jüngeren Bruder und unterstützte trotz ihrer Jugend die illegale Arbeit der KPD. Mit dem Ende von Naziterror und Krieg begann für die 18-jährige Margot 1945 eine Zeit der euphorischen politischen Arbeit. Ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, gab sie auf Drängen der Partei auf. Sie konzentrierte sich auf ihre Funktionärskarriere und stieg in der FDJ zielstrebig zur Vorsitzenden der Kinderorganisation "Junge Pioniere" auf. Die Genossen beschrieben Margot als lebendig, freundlich, kameradschaftlich, als ein attraktives Mädchen mit großer Ausstrahlung – das auch dem gutaussehenden FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker auffiel, der in der Aufbruchsstimmung jener Jahre durchaus charmant und eloquent sein konnte. Im Dezember 1949 reisten Erich und Margot als FDJ-Repräsentanten gemeinsam mit einer Delegation nach Moskau zur Feier von Stalins 70. Geburtstag. TC 11:06 – Außereheliche Pfade MUSIK SPRECHER: Das sei natürlich für sie beide ein großes Erlebnis gewesen, erinnerte sich Erich Honecker später: Festveranstaltung im Bolschoitheater, Stalin und Mao Tse Tung auf der Bühne, später dann die Geburtstagsfeier im Kreml. Eine große Gemeinschaft sei das gewesen. Alle hätten auf das Wohl Stalins getrunken, auf weitere Erfolge der kommunistischen Weltbewegung. MUSIK ERZÄHLERIN: Irgendwann in dieser Zeit kamen sich Margot Feist und Erich Honecker näher: begeistert von Stalin, gehorsam gegenüber der Partei, klassen- und karrierebewusst. Doch als Erich die Affäre mit Margot begann, war er bereits verheiratet: mit Edith Baumann, seiner Stellvertreterin im FDJ Vorstand. O4 WOLLE 39'' Das war das große Problem, denn das war nicht üblich in den Führungszirkeln der SED, dass man da irgendwie auf außerehelichen Pfaden wandelte. Das war strengstens untersagt. Die Partei war damals noch sehr puritanisch und sehr auf – ja, was sie selbst Moral, Sitte und Anstand nannten – ausgerichtet und es bedurfte dann einer speziellen, ja fast, Erlaubnis von Walter Ulbricht, dass sich hat Erich Honecker scheiden lassen und hat dann eben Margot Honecker geheiratet. Da gab es auch schon ein Baby. ERZÄHLERIN: Walter Ulbricht war Chef der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, bei der alle Macht in der DDR lag. Unter dem Druck der Sowjets war er dafür verantwortlich, Partei und Gesellschaft der neu gegründeten DDR auf stalinistischen Kurs zu bringen und weltanschauliche Abweichungen in allen Lebensbereichen auszuschalten. Für die Affäre seines FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker zeigte er wenig Verständnis. Er stellte sich auf die Seite von Erichs Frau Edith Baumann, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatte. Mitglieder der FDJ schilderten, wie Erich Honeckers Führungsstil sich in dieser Zeit veränderte: Er wurde zunehmend verschlossen und autoritär, ließ sich auf keine Diskussionen mehr ein und berief sich im Zweifelsfall auf Walter Ulbricht und das Politbüro. Im privaten Bereich wagte er aber, sich gegen die Partei zu stellen, und entschied sich für Margot. Bis die beiden heiraten konnten, sollten allerdings einige Jahre vergehen. O5 WOLLE 32'' Das Pärchen Margot und Erich haben das dann auch gegen alle Widerstände durchgesetzt, und er wäre wohl auch bereit gewesen, zugunsten seiner geliebten Margot auf seine politische Karriere zu verzichten. Das war wirklich was Besonderes: Er hat es riskiert. Andere sind über solche Sachen wirklich gestolpert und von der Karriereleiter runtergefallen. Honecker nicht so. TC 14:03 - Kronprinz der DDR ERZÄHLERIN: Als überzeugter Stalinist wurde er 1950 Mitglied im Zentralkomitee, dem obersten Gremium der SED. Der Kreml drängte auf eine Umsetzung von Stalins Richtlinien: Enteignung und Kollektivierung sollten forciert werden, ebenso der Aufbau von Produktionsgenossenschaften, die Ausschaltung politischer Gegner … Gemeinsam mit Margot verstärkte Erich Honecker den Kampf der FDJ gegen kirchliche Jugendgruppen. Die Unruhe in der Bevölkerung nahm zu. Es kam zu Versorgungsengpässen. Viele flüchteten in den Westen. Am 17. Juni 1953 kam es in Ostberlin und anderen Städten der DDR zu Protesten, die von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurden. Da tausende FDJ-Mitglieder die Demonstrationen unterstützt hatten, gerieten Erich Honecker und Margot Feist als führende FDJ-Funktionäre in die Kritik. Beide waren auf einem Tiefpunkt ihrer Karriere. Obwohl Erich immer noch nicht geschieden war, lebten sie bereits zusammen. 1952 hatte Margot die gemeinsame Tochter Sonja bekommen. Politisch geschwächt und mit einem immer noch ungeordneten Privatleben mussten die beiden sich die Maßregelungen der Partei gefallen lassen. Margot musste eine einjährige Trennung von ihrer kleinen Tochter in Kauf nehmen. SPRECHER: Aufgrund von Intrigen, die er nicht habe verhindern können, so Erich Honecker, sei Margot per Parteibeschluss 1953 für ein Jahr auf die Jugendhochschule in Moskau geschickt worden. ERZÄHLERIN Es sollte einige Jahre dauern, bis die Karriere der Honeckers wieder ins Laufen kam. Nach Erichs Scheidung konnten die beiden endlich heiraten. Und als Margot 1954 aus Moskau zurückkam, durfte sie ihre Tätigkeit bei der FDJ zwar nicht mehr aufnehmen. Nach einigem Hin und Her bekam sie aber die Leitung der Lehrerbildung im Ministerium für Volksbildung übertragen – und nutzte die Chance: Sie arbeitete sich schnell ein, suchte sich politisch verlässliche Mitarbeiter und baute ihre Macht aus. 1958 wurde sie stellvertretende Ministerin für Volksbildung – und Erich Honecker der verantwortliche Sekretär für Sicherheit. O6 WOLLE 45'' Das ist eine ganz wichtige und zentrale Position gewesen, etwas im Hintergrund. Er war nicht mehr so exponiert wie als FDJ-Chef und war dann eben auch wirklich im Politbüro, das heißt im Kreis der ganz mächtigen Leute, als so eine Art Schildknappe von Walter Ulbricht – muss man schon sagen. Er hat auch Walter Ulbricht die Treue gehalten, als die Position des Generalsekretärs zur Disposition stand zweimal 1953 und 1956. Da wäre Ulbricht also fast gestürzt worden, aber Erich Honecker hat ihm bis dahin immer treu zur Seite gestanden, ist dafür gewissermaßen auch belohnt worden und hat dann die folgenden Jahre als eine Art Kronprinz im Hintergrund agiert. MUSIK ERZÄHLERIN: Anfangs lebten die Honeckers noch in Berlin Pankow, umgeben von Nachbarn und Freunden, mit denen sie mal Skat spielen oder ein Bier trinken konnten. 1960 mussten sie wie alle Mitglieder des Politbüros in die neu gebaute Siedlung Wandlitz umziehen. Das Gelände lag in der Nähe von Bernau etwa 40 Fahrminuten nördlich von Berlin, umgeben von einer Mauer, bewacht vom Ministerium für Staatssicherheit, ausgestattet mit einigem Komfort: Klubhaus, Schwimmbad, Hauspersonal, einem Laden mit hochwertigen Westprodukten und Waren, an denen es in der DDR mangelte wie frisches Obst und Gemüse. Wandlitz sollte der Sicherheit des sozialistischen Führungskaders dienen, bedeutete aber auch eine Überwachung des Privatlebens, jedes Kommen und Verlassen der Siedlung, jeder Besuch wurde registriert. TC 18:04 – Die Honecker-Ära Die Proteste von 1953, die Unruhen in Ungarn 1956, die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme der DDR, die weiterhin massenhafte Abwanderung nach Westdeutschland … 1961 fiel der Beschluss, die Grenzen nach Westen zu schließen – mit einem sogenannten "antifaschistischen Schutzwall", der Berliner Mauer. Als Sicherheitssekretär konnte Erich Honecker sich nun als politischer Hardliner profilieren: Er plante und organisierte den Mauerbau und befürwortete den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze. Die Karriere der Honeckers ging steil nach oben. Beide wussten sich in den Machtkämpfen innerhalb der SED durchzusetzen. 1963 wurde Margot "Genossin Minister für Volksbildung" – wie es im DDR Jargon hieß. O7 WOLLE 33'' Das war also nicht unbedingt jetzt eine Folge der hohen Positionen, die ihr Mann hatte. Das war durchaus eine eigenständige politische Karriere, die sie da eingenommen hat seit 1963, war ein Teil einer sehr entschiedenen Modernisierung der Volksbildung, hatte zwar formal nicht die entsprechende Qualifikation: Sie hatte ja bloß die Volksschule besucht. Aber das machte in der DDR nichts. Wenn man die rechte politische Einstellung hatte, da konnte man über formale Qualifikationen sich hinwegsetzen. ERZÄHLERIN: Als Margot Honecker das Ministeramt übernahm, war sie Mitte 30 und brachte mit ihrem lockeren und angenehmen Führungsstil aus der Jugendarbeit frischen Wind ins Ministerium. Sie arbeitete intensiv und war kompetent. Unter ihrer Leitung wurde das Konzept der polytechnischen Bildung umgesetzt, ausgerichtet auf naturwissenschaftliche und technische Fächer, kombiniert mit einer Ausbildung. Währenddessen baute Erich Honecker seine Machtbasis aus und putschte sich mit sowjetischer Unterstützung 1971 an die Macht. Er zwang Walter Ulbricht zum Rücktritt, übernahm selbst zuerst die Funktion des Parteichefs, später dann auch die des Staatschefs. O8 WOLLE 41'' Er hatte also alle Zügel der Macht in der Hand. Und die Jahre von 71 bis 89, die kann man mit Fug und Recht sozusagen als die Honecker-Ära bezeichnen, die bestimmte Charakteristika aufweist. Da ist zunächst zu nennen, eine noch engere Anschließung an die Sowjetunion, eine Wirtschaftspolitik, die sehr regressiv war. In dem Sinne, dass die mittelständischen Unternehmen, die es noch gegeben hat in der DDR und die auch noch eine große Rolle gespielt haben, eine positive Rolle. Die wurden ohne Not verstaatlicht, ziemlich gewaltsam, und mit sehr negativen Folgen für die ökonomische Situation der DDR. ERZÄHLERIN: Warum Erich Honecker das getan hat, ist umstritten. Er wollte wohl die Reste des kapitalistischen Systems beseitigen, während er gleichzeitig für soziale Verbesserungen sorgte, die allerdings nicht gegenfinanziert waren: höhere Löhne, höhere Renten, kürzere Arbeitszeiten. Ein kleiner kulturpolitischer Frühling endete 1976 mit der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann und zerschlug die Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Öffnung der DDR. Während in allen Bereichen Mangelwirtschaft herrschte, lebte die Führungselite abgeschottet in Wandlitz, politisch starrsinnig, misstrauisch gegenüber der eigenen Bevölkerung, misstrauisch auch einander gegenüber. Private Kontakte zwischen den Politbüromitgliedern gab es kaum. Die Staatssicherheit überwachte zeitweise sogar Margot Honecker. Es gab Gerüchte über Affären. Die Ehe der Honeckers kriselte, aber politisch waren sie sich immer einig. Die Reformpolitik von Michail Gorbatschow, der seit 1985 sowjetischer Parteichef war, lehnten beide ab, politisch und emotional immer noch Stalin verbunden, blind für dessen Verbrechen, blind auch für die Realität im eigenen Land. Margots Ministerium für Volksbildung entwickelte sich zu einer Hochburg der Reformverweigerer, während die Bevölkerung der DDR mit zunehmender Lautstärke protestierte. Der Historiker Stefan Wolle: O9 WOLLE 21'' 1989, als dann Gorbatschow hier in Berlin auftauchte und die sinnreichen Worte sprach: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – hat er so nicht gesagt, aber es ist so sprichwörtlich geworden in der falschen Übersetzung, die dann verbreitet wurde. Das war sozusagen das Todesurteil für das Honecker-System. MUSIK ERZÄHLERIN: Am 17. Oktober 1989 trat Erich Honecker zurück, einige Tage später seine Frau Margot. Die beiden verbrachten ihr Lebensende in Santiago de Chile. Erich Honecker starb 1994, seine Frau Margot 2016. (Version mit Zusp.:) O-Ton Margot Honecker W0394272 "Ich bin auch immer mehr der Meinung, dass wir da ein Korn in die Erde gelegt haben, da wird der Samen aufgehen. Es war nicht umsonst, dass die DDR existiert hat." MUSIK ERZÄHLERIN: Bis zum Schluss vertrat Margot Honecker in seltenen Interviews immer wieder die Meinung, dass der Sozialismus wiederkomme. TC 23:20 – Outro
Unmittelbar nach dem Mauerbau im August 1961 errichteten die Westalliierten in der Friedrichstraße eine Grenzübergangsstelle. Der Checkpoint Charlie sollte fast drei Jahrzehnte lang den Ostteil Berlins mit dem Westen verbinden und den Transfer der Alliierten ermöglichen. Bereits im Oktober 1961 standen sich am Checkpoint Charlie US-amerikanische und sowjetische Kampfpanzer gegenüber. Nie war die globale Systemkonfrontation anschaulicher als in jenen Tagen der Panzerkonfrontation. Der Checkpoint Charlie war über Nacht zu einer globalen Ikone des Kalten Kriegs geworden. Von Thomas Grasberger (BR 2023) Credits Autor: Thomas Grasberger Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Jungwirth, Verena Fiebiger, Peter Weiß Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Matthias Eggert Im Interview: Hanno Hochmuth Anmerkung der Redaktion: Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER. Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959 Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST Linktipps: ARD: Mauerbau – Konfrontation am Checkpoint Charlie 1961 Zahlreiche historische Clips zeigen die angespannte Situation an der innerdeutschen Grenzen rund um den Checkpoint Charlie. JETZT ANSEHEN ZDF (2011): „Checkpoint Charlie: Ich zog die Linie“ Hagen Koch, damals beim Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski, über seine Inspektion des Grenzverlaufs im Vorfeld des Berliner Mauerbaus. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 04:18 – Ein Nadelöhr im Kalten Krieg TC 05:32 – Die Panzerkonfrontation TC 10:15 - Grenzgänger TC 12:51 – Schauplatz der Angst, Flucht & Tod TC 15:44 – Zwischen Kommerz und Gedenken TC 22:07 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Erzähler: Am 13. August 1961, nachts gegen ein Uhr, beginnen die Soldaten, Volkspolizisten und Betriebskampfgruppen der DDR ihr Werk. Die gesamte Grenze zwischen Ost- und West-Berlin wird praktisch lückenlos abgeriegelt. Ebenso die zwischen West-Berlin und der DDR. ZSP: Walter Ulbricht Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten! Erzählerin: Allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz hat der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht schon seit längerem die Absicht, eine Mauer zu bauen. Denn seinem sozialistischen Staat laufen scharenweise die Leute davon, nicht zuletzt Fachkräfte und Eliten. Eine bedrohliche Situation für die junge DDR. Ulbricht bedrängt daher den sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow. Der hat sich den Mauerplänen bislang widersetzt. Aber nach harten Verhandlungen in Moskau gibt Chruschtschow schließlich nach. Erzähler: Kein Wunder, allein im Juli 1961 sind mehr als 30.000 Menschen in den Westen geflohen. Die meisten über Berlin, weil die innerdeutsche Grenze ja seit 1952 fast hermetisch geschlossen ist. In Berlin aber gilt der Vier-Mächte-Status, die Grenze ist im Prinzip noch durchlässig. Dieses letzte Schlupfloch will Ulbricht jetzt stopfen. Erzählerin: Quer durch die Stadt werden Sperranlagen errichtet – zunächst mit Stacheldraht, später mit Zement. Die Mauer wächst rasch heran, und bewaffnete Volkspolizisten verhindern Grenzüberschreitungen in beide Richtungen. Die waren bis dahin ganz normal, sagt Hanno Hochmuth, Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Berlin war zwar seit 1948 politisch geteilt, aber nicht im Alltag. ZSP 1 Hochmuth verflochten 0,35 Es gab viele Ostberliner, die im Westen arbeiteten oder auch zur Schule gingen oder dort studierten. Es gab aber auch viele Westberliner, die in den Osten fuhren, um dort zum Beispiel sehr, sehr günstig Lebensmittel einzukaufen, was in Westberlin übrigens verpönt gewesen ist. Aber dieses Berlin war tatsächlich bis zum 13. August 1961 noch eine sehr stark verflochtene Gesellschaft, und das war mit einem Mal dann vorbei. Und viele Westberliner reagierten entsetzt und empört und erwarteten eigentlich eine unmittelbare Reaktion der Westalliierten, dass sie sich das nicht gefallen lassen und waren enttäuscht. MUSIK Erzählerin: Denn die erhoffte Machtdemonstration des Westens bleibt aus. US-Präsident John F. Kennedy – 44 Jahre alt und gerade erst frisch ins Amt gewählt – klingt am 13. August 1961 richtiggehend erleichtert: Zitator: „Es ist keine besonders angenehme Lösung, aber eine Mauer ist verdammt viel besser als ein Krieg.“ Erzähler: Die USA, formuliert Hanno Hochmuth etwas zugespitzt, waren froh über den Mauerbau. Denn er nahm Druck aus der angespannten politischen Lage zwischen den Supermächten. ZSP 2 Hochmuth befriedet 0,27 Dass jetzt die Sowjets zuließen, dass die DDR den sowjetischen Sektor von Berlin, Ostberlin abriegelt, war im Prinzip ein Zugeständnis von Chruschtschow in den Augen der Amerikaner, dass die Sowjets nicht mehr ganz Berlin für sich beanspruchen. Und insofern waren sie eigentlich froh, dass diese dramatische Eskalation, die es eigentlich vorher gegeben hat, durch den Mauerbau ein Stück weit befriedet wurde. Erzähler: Im nun geteilten Berlin gilt weiterhin der Vier-Mächte-Status. Das bedeutet, alle vier Besatzungsmächte haben freien Zugang zu allen vier Sektoren der Stadt. Sowjetische Militärs unternehmen „Missionsfahrten“ in die drei Westsektoren. Und amerikanische Offiziere steuern ihre Militärjeeps durch den sowjetischen Sektor. Ein reger Austausch also, trotz Mauer. Aber ... ZSP 3 Hochmuth Def 0,13 Dafür musste auch eine ganz besondere Grenzübergangsstelle eingerichtet werden, die nur für diesen alliierten Transfer praktisch von einem Teil Berlins in den anderen Teil eingerichtet wurde. Und das war der Checkpoint Charlie. TC 04:18 – Ein Nadelöhr im Kalten Krieg Erzählerin: Ein Nadelöhr im Kalten Krieg. Eines von mehreren, benannt nach den Buchstaben im NATO-Alphabet. Der Grenz-Kontrollpunkt C war der Checkpoint Charlie. Den musste passieren, wer innerhalb Berlins zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Sektor hin- und herfahren wollte. Erzähler: Eingerichtet hatten ihn die Westalliierten unmittelbar nach dem Mauerbau. Und zwar mitten in der Friedrichstraße, zwischen Zimmer- und Kochstraße. Fast drei Jahrzehnte lang sollte der Checkpoint Charlie als ein Symbol des Kalten Kriegs existieren. Erzählerin: Dass Amerikaner, Franzosen und Briten stets nur vom Checkpoint, vom Kontrollpunkt sprachen, hatte mit dem Vier-Mächte-Status zu tun. Für die Westalliierten war Berlin eine gemeinsam verwaltete Stadt, in der es keine Grenze und somit auch keine echten Grenzkontrollen geben konnte. Erzähler: Die DDR sah das anders. Für sie verlief mitten durch Berlin tatsächlich eine Staatsgrenze. Deshalb nannte sie das nördliche Gegenstück zum Checkpoint Charlie auch „Grenzübergangsstelle“, kurz „GÜST Friedrichstraße“. Erzählerin: Dass hinter solchen Namens-Fragen massive politische Interessen standen, wurde schon wenige Wochen nach dem Mauerbau deutlich. TC 05:32 – Die Panzerkonfrontation MUSIK Erzähler: Sonntag, 22. Oktober 1961. Edwin Allan Lightner, der stellvertretende Chef der US-amerikanischen Militärmission in Berlin, fährt mit seiner Frau in den Ostteil Berlins. Die beiden wollen ins Theater, in den Friedrichstadtpalast. Schon vor dem Mauerbau haben sie dort oft Kulturveranstaltungen besucht. Diesmal aber erlebt Lightner eine Überraschung. ZSP 4 Hochmuth Theater 0,20 Als der rüberfahren möchte, wird er angehalten, und zwar nicht von sowjetischen Militärs. Das wäre ja vielleicht noch okay gewesen, sondern von DDR-Grenzsoldaten. Das war für ihn eine ganz klare Verletzung des Vier-Mächte-Status seiner Rechte als amerikanischer Top Diplomat und Top Militär. Erzähler: Die DDR-Grenzsoldaten sind angewiesen, amerikanische Militär-Angehörige in Zivil nach ihren Ausweisen zu fragen. Edwin Lightner ist wütend, der amerikanische Militär protestiert gegen die Passkontrolle. Vergeblich. Das Ehepaar muss umkehren. Erzählerin: Lightner wendet sich umgehend an Lucius D. Clay, den amerikanischen Stadtkommandanten. Als Vater der Berliner Luftbrücke von 1948 ist Clay ein berühmter Mann. Präsident Kennedy hat ihn 1961 erneut nach Berlin geschickt, quasi als seinen persönlichen Vertreter in der Stadt. Clay hört sich Lightners Geschichte an und reagiert rasch. ZSP 5 Hochmuth Panzer 0,18 Indem er amerikanische Panzer auffahren ließ am Checkpoint Charlie. Und die Sowjets ihrerseits reagierten damit, dass sie sowjetische Panzer von Norden her auf den Checkpoint Charlie zurollen ließen, und diese standen sich dann dort mehrere Stunden gefechtbereit gegenüber. MUSIK Erzähler: Am 27. Oktober 1961, gegen 17 Uhr, beginnen die Panzer zu rollen. Die Konfrontation am Checkpoint Charlie dauert 16 Stunden. Stunden, in denen der heiße Draht zwischen Moskau und Washington glüht. Am Ende geht alles glimpflich aus, aber die Lage war keineswegs ungefährlich, meint der Historiker Hanno Hochmuth. ZSP 6 Hochmuth Glaubwürdigkeit 0,36 Denn es standen sich in der Tat zum Ersten Mal direkt Panzer von den beiden Supermächten gegenüber. Die hatten auch geladene Kanonenrohre. Es war militärisch klar, dass die paar amerikanischen Panzer Westberlin nicht hätten verteidigen können. Aber es ging im Kalten Krieg immer nicht nur um Truppenstärke, sondern auch um Glaubwürdigkeit, dass man dem, was man sagt und was man behauptet, auch etwas folgen lässt. Und für die Amerikaner war es immer ganz wichtig, wenn Kennedy schon sagt, dieses Westberlin muss Bestand haben, dann muss man im Zweifelsfalle auch dafür einstehen. MUSIK Erzählerin: Was aber bedeutet das in Zeiten des Kalten Kriegs? Nur drei Tage nach der Berliner Panzerkonfrontation führt die Sowjetunion im Nordpolarmeer den größten Atomtest aller Zeiten durch. Und auf amerikanischer Seite ist man nicht minder stark gerüstet. Das Vernichtungspotenzial auf beiden Seiten ist enorm. Ein Jahr später, in der Kubakrise, wird die Welt am Rand des atomaren Abgrunds stehen. Erzähler: Das erste Kräftemessen am Checkpoint Charlie wirkt medial noch lange nach. Beängstigend spektakulär waren die Fotos, die damals um die Welt gingen: auf der einen Seite die US-amerikanischen M48- Kampfpanzer, auf der anderen sowjetische T54. Nie war die globale Systemkonfrontation anschaulicher als in jenen Oktobertagen 1961. Der Checkpoint Charlie war über Nacht zu einer globalen Ikone des Kalten Kriegs geworden. Erzählerin: Die Berlin-Krise endet 1961 mit einem Kompromiss: Amerikanische Militärs, die künftig nach Ostberlin fahren, müssen nun ihre Militärausweise in die Windschutzscheibe legen. Und die DDR-Grenzsoldaten dürfen sie fortan nicht mehr kontrollieren. Erzähler: Dramatischer sind die Veränderungen im Alltag der Bürger. Mehr als eine Million Ostberliner waren von den 2,2 Millionen Westberlinern vollständig getrennt. Persönliche Kontakte gab es zunächst keine mehr, sagt Hanno Hochmuth. Es sollte mehr als zwei Jahre dauern, bis die ersten Westberliner an Weihnachten 1963 wieder nach Ostberlin reisen durften. ZSP 7 Hochmuth getrennter Alltag 0,19 Für Ostberliner ist es noch eine viel längere Wartezeit. Da wird das Ganze ja erst in den 70er Jahren so geregelt, dass zumindest ältere Leute und privilegierte Leute in den Westen reisen können. Das heißt, diese sehr, sehr stark verflochtene Gesellschaft, die reißt vollkommen entzwei. TC 10:15 - Grenzgänger MUSIK Erzähler: Im Alltag ganz normaler Ostberliner spielte der Checkpoint Charlie keine Rolle. Sofern sie überhaupt reisen durften, fuhren sie über die ein Kilometer weiter nördlich gelegene „GÜST Bahnhof Friedrichstraße“ in den Westteil der Stadt. Erzählerin: Der Checkpoint Charlie hingegen war jenen vorbehalten, die innerhalb Berlins Freizügigkeit genossen: Mitglieder der Alliierten Streitkräfte, Angehörige des Militärpersonals, Diplomatinnen und Diplomaten oder ausländische Touristen. Und auch DDR-Funktionäre durften hier passieren. Erzähler: Eine schillernde Schar von Grenzgängern also, die die Fantasie von Schriftstellern und Drehbuchautoren anregte. Zumindest wenn sie sich mit Agentengeschichten befassten. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ heißt ein berühmter Spionageroman des britischen Autors John le Carré aus dem Jahr 1963. Als das Buch zwei Jahre später verfilmt wird, ist in der Eingangsszene natürlich die Ikone des Kalten Kriegs zu sehen – der Checkpoint Charlie. Erzählerin: Solch mythische Überhöhungen hatten mit dem schnöden Grenzer-Alltag in der Regel wenig zu tun. Viel Zettelkram und Bürokratie herrschte am Kontrollpunkt, bzw. an der GÜST. Wo anfangs nur ein kleines Grenzkontrollhäuschen stand, kam bald ein zweites hinzu, und später eine große Baracke. In den 1970er und 80er Jahren wurde der Checkpoint Charlie dann immer weiter ausgebaut, zu einem wahren Grenz-Bollwerk aus Beton. Erzähler: Auf westlicher Seite standen die alliierten Kontrolleinheiten in einer Baracke, die einen langen Gang und eine Glasfront beherbergte. Alle westlichen Besucher mussten sich am Schalter ihrer jeweiligen Besatzungsmacht ausweisen und wurden mit Instruktionen versehen, bevor sie nach Ostberlin reisen durften. Den Amerikanern, Briten und Franzosen war es wichtig, dass sich ihre Landsleute im Osten korrekt verhalten, ganz im Sinne des Vier-Mächte-Status. Erzählerin: Auf DDR-Seite standen sogenannte Passkontrolleinheiten, kurz PKE. Die sahen aus wie reguläre Grenzsicherungseinheiten, unterstanden in Wahrheit aber dem Ministerium für Staatssicherheit. Erzähler: Die DDR-Grenzsoldaten kontrollierten genau, welche Ausländer nach Ostberlin einreisten. Und vor allem achteten sie darauf, dass niemand in den Westen floh. Solche Versuche gab es immer wieder, sagt Hanno Hochmuth, obwohl man nur ganz langsam und in Schlangenlinien durch die gesicherte Grenzanlage fahren konnte. Selbst mit einem LKW war sie kaum zu durchbrechen. TC 12:51 – Schauplatz der Angst, Flucht & Tod MUSIK Erzähler: Der Checkpoint Charlie war immer wieder Schauplatz spektakulärer Fluchtversuche aus dem damaligen Ost-Berlin. Und früh schon kam es zu tödlichen Zwischenfällen. Am 17. August 1962, fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Mauerbau, wird in der Nähe vom Checkpoint ein junger Mann angeschossen, der zusammen mit einem Kollegen in den Westen fliehen will. Der 18-jährige Peter Fechter verblutet unmittelbar an der Grenzmauer in der Zimmerstraße, vor den Augen zahlreicher West-Berliner. Niemand traut sich ihm zu helfen – aus Angst vor den bewaffneten DDR-Grenzern. Erzählerin: Insgesamt – schätzen Historiker – gab es zwischen 1961 und 1989 etwa 5500 gelungene Fluchten vom Osten in den Westen der Stadt. Einige auch am Checkpoint Charlie, weil amerikanische Militärs dort von Ost-Grenzern nicht mehr kontrolliert werden durften. So kam es immer wieder vor, dass GI´s im Osten der Stadt DDR-Bürger einsammelten, um sie dann im Kofferraum ihrer Fahrzeuge zu verstecken und in den Westen zu schmuggeln. Erzähler: Aber die US-amerikanischen Befehlshaber sahen solche Aktionen nicht gern. Und auch vom Westberliner Senat wurden die zahlreichen West-Berliner Fluchthelfer bald mit Argwohn betrachtet. Denn erstens war Fluchthilfe – egal ob sie aus ideellen oder materiellen Motiven heraus geschah – immer eine lebensgefährliche Sache. Und zweitens, sagt Hanno Hochmuth, wollte man dem Osten keinen Vorwand für weitere Eskalationen liefern. Denn unmittelbar nach dem Mauerbau war es verschiedentlich zu heftigen Konfrontationen zwischen DDR-Grenztruppen und Fluchthelfern gekommen. ZSP 8 Hochmuth Mauertote 0,42 Dabei sind ja auch mehrere DDR-Grenzsoldaten ums Leben gekommen, die von Fluchthelfern erschossen worden sind. Das ist natürlich dann auf der Ostseite propagandistisch extrem ausgeschlachtet worden, und genau das wollte man jetzt auf der Seite des Senats nun wiederum auch nicht, dass DDR-Grenzsoldaten als Märtyrer verehrt werden und zelebriert werden auf der DDR-Seite. Erzähler: Der Checkpoint Charlie war von Anfang an ein Brückenkopf auf dem geschichtspolitischen Schlachtfeld des Kalten Kriegs. Ein knappes Jahr, nachdem der 18-jährige Peter Fechter erschossen worden war, entstand auf Privatinitiative ein sogenanntes Mauermuseum: Das „Museum Haus am Checkpoint Charlie". Sein Gründer Rainer Hildebrandt hatte schon gegen Hitler Widerstand geleistet. Jetzt half er DDR-Bürgern bei der Flucht und prangerte das totalitäre System des Kommunismus mit seinem blutigen Grenzregime und den Mauertoten an. Erzählerin: Die Erinnerungsarbeit am Checkpoint setzte also lange vor dem Mauerfall 1989 ein. TC 15:44 – Zwischen Kommerz und Gedenken MUSIK ZSP Archiv Günter Schabowski: Nach meiner Kenntnis ist das... sofort Erzähler: Der Abend des 9. November 1989. Kurz nachdem der SED-Funktionär Günter Schabowski das neue, gelockerte Reisegesetz der DDR verkündet hat, laufen von beiden Seiten der Mauer Menschen auf den Checkpoint Charlie zu: „Lasst uns rein!", rufen die West-Berliner. „Lasst uns raus!", die Ost-Berliner. Und kurz danach ist das Grenzregime Geschichte. Die Schlagbäume sind offen. Erzählerin: Nur ein halbes Jahr später, noch vor dem Ende der DDR, wird die Anlage am Checkpoint Charlie abgebaut. Kaum sind am 22. Juni 1990 die letzten Reden gehalten, werden Gurte um das Grenzhäuschen gespannt, ein Kran hebt es in die Luft. ZSP Schließungsfeier ( W0523261 101) 3,13-3,29 ...for lifting. Madames et Messieurs… Erzähler: Es ist nicht das Ende vom Mythos Checkpoint Charlie. Auch wenn 1990 erst einmal eine Phase der Geschichtsvergessenheit einsetzt. Denn unmittelbar nach dem Mauerfall denkt kaum jemand daran, hier einen Erinnerungsort zu bewahren, sagt Historiker Hochmuth. Oberstes Ziel war es, die Brachen, die die Mauer geschlagen hatte, schnell zu beseitigen. Die Stadt sollte wieder zusammenwachsen und eine Metropole werden, wie einst in den goldenen 1920er Jahren. ZSP 9 Hochmuth 1990 0,29 Dazu gehört es, dass man Investoren in die Stadt locken möchte. Dazu gehört der Glaube, dass ganz schnell dort wieder viel gebaut wird, dass große Unternehmen wieder zurückkehren nach Berlin. Und deswegen ist das eine Zeit mit wahnsinnig viel Versprechungen gegenüber Investoren, wo auch das Baurecht sehr leichtfertig vergeben wird. Und das prägt die Stadt bis heute, weil dort viele Fakten geschaffen worden sind, die bis heute Pfadabhängigkeiten für Berlin bedeuten. Erzähler: Pfade, die sich als geschichtspolitische Holzwege erweisen. Mit Pleiten, Pech und Pannen. Als 2004 der Mauer-Museumsgründer Rainer Hildebrandt stirbt, beginnt bald eine Phase der Kommerzialisierung der Gedenkstätte. Geschichte als Geschäftsmodell. Die Zeiten sind dafür günstig. Denn Berlin wird damals gerade zum Hotspot im Städtetourismus. Millionen strömen jedes Jahr an die Spree, nicht nur Party-Touristen, sondern auch viele Kunst- und Geschichtsinteressierte. Berlin boomt. ZSP 10 Hochmuth Witwe 0,23 Und der Checkpoint Charlie gehört dort unmittelbar dazu. Und die Witwe Alexandra Hildebrandt erkennt das auch und verwandelt dieses Mauermuseum und auch das Mauer-Gedenken am Checkpoint Charlie in eine trivialisierte Kost für die Touristen, die dort mächtig abgeschöpft werden durch horrende Eintrittspreise in diesem Museum. Erzähler: Das private Mauer-Museum nutzt die Lücke, die durch Versäumnisse des Berliner Senats entstanden ist. Authentisch ist am Checkpoint Charlie bald nichts mehr. Weder das alte Sektorenschild noch das Kontrollhäuschen der Westalliierten. Ganz zu schweigen von den Schauspielern, die in US-Uniformen ein wenig Grenz-Geschichte nachspielen. Erzählerin: 2004 ließ Witwe Hildebrandt am Checkpoint Charlie eine weiß gestrichene Mauer aus Pappmaschee, versetzt mit originalen Mauersegmenten, aufstellen. Und davor 1067 Kreuze zum Gedenken an die Todesopfer des DDR-Grenzregimes. Erzähler: Weder der Ort der nachgebauten Mauer noch die Zahl der Todesopfer war historisch exakt. Dennoch hatte die Aktion eine heilsame Wirkung, sagt der Historiker Hanno Hochmuth. Denn sie offenbarte eine Leerstelle im Erinnern und beflügelte die Forschung. ZSP 11 Hochmuth Forschung 0,39 Und das führt dazu, dass vom Berliner Senat 2006 endlich ein Gedenkkonzept für die Erinnerung an die Berliner Mauer verabschiedet wird und dass gleichzeitig eine gemeinsame Historikerkommission eingerichtet wird von der Stiftung Berliner Mauer, die ins Leben gerufen wird, und vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, die zum ersten Mal mit wissenschaftlichen Kriterien ermitteln, wie viele Menschen tatsächlich an der Berliner Mauer ums Leben gekommen sind und die biografischen Hintergründe dieser gescheiterten Fluchten und dieser tragischen Todesfälle zum ersten Mal ermitteln. Erzähler: 136 Mauertote zählte die 2009 veröffentlichte Studie. Vier weitere konnten später noch ausfindig gemacht werden. Von 1961 bis 1989 sind also mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer ums Leben gekommen. Erzählerin: Die wissenschaftlich fundierte Erinnerungsarbeit kam seit 2006 langsam in Gang. So wurde unter anderem die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße massiv ausgebaut. MUSIK Erzähler: Am Checkpoint Charlie aber herrschen bis heute Show und Kommerz. Ergänzt nur durch ein paar historisch fundierte Provisorien, die mittlerweile in die Jahre gekommen sind. Das geplante neue Museum des Kalten Kriegs aber lässt weiter auf sich warten. Die Lage ist äußerst komplex, sagt Hanno Hochmuth. Grund und Boden gehören nicht der öffentlichen Hand, sondern privaten Investoren. Ohne die wird ein Museum nicht zu errichten sein. Erzählerin: Und mit ihnen? Viele Berliner haben daran ernste Zweifel, zumal ihre Stadt durch Gentrifizierung und steigende Mieten ohnehin stark unter Druck geraten ist. All das hat seit 2018 zu einer völlig neuen Debatte geführt. ZSP 12 Hochmuth Debatte heute 0,27 Nämlich zu der Debatte, ob ein solcher prominenter Freiraum inmitten der Stadt eigentlich von privaten Investoren gefüllt werden sollte. Und deswegen gibt es dort einen neuen Bebauungsplan. Es gibt Gespräche vom Senat mit einem neuen Investor, aber es ist alles andere als einfach und auch nicht sicher, ob in absehbarer Zeit dort dieses eigentlich sehr, sehr notwendige Museum des Kalten Kriegs entstehen kann. Erzählerin: Dreieinhalb bis viereinhalb Millionen Menschen besuchen jährlich den Checkpoint Charlie. Und nicht wenige werden dort ratlos zurückgelassen. Es ist höchste Zeit für ein neues Museum, sagt der Historiker Hanno Hochmuth. Ein Haus an historischem Ort, wo wissenschaftlich fundiert an alle Aspekte des Kalten Kriegs erinnert wird. ZSP 13 Hochmuth global 0,23 Der Checkpoint Charlie könnte eine Klammer darstellen, sowohl für die deutsche Erinnerungskultur als auch für eine globale Erinnerungskultur. Und in einer Zeit, die wie unsere heute so sehr stark von globalen Herausforderungen geprägt ist, ist es auch wichtig, dass unsere Erinnerungskultur globalisiert wird. Und das geht eigentlich an keinem Ort so gut wie am Checkpoint Charlie. TC 22:07 – Outro
- 13.08.202424 min
Allein in den 50er-Jahren flohen etwa drei Millionen Menschen von Ost- nach Westdeutschland. Dem "Abstimmen mit den Füssen" setzte die DDR im Sommer 1961 endgültig den Riegel vor - mit dem Bau der Mauer. Die Mauer trennte Familien, zerstörte Menschenleben. Doch mit dem Bau erwachte auch der Widerstand, diese Mauer um jeden Preis zu überwinden. Ein lebensgefährliches Ziel. Allein an der Berliner Mauer mussten zwischen 1961 und 1989 mindestens 140 Menschen dafür mit dem Leben bezahlen. Von Julia Zantl (BR 2021) Credits Autorin: Julia Zantl Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Clemens Nicol Technik: Peter Preuß Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Hubert Hohlbein, Dr. Maria Nooke Anmerkung der Redaktion: Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER. Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959 Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST Linktipps: MDR (2023): Wir Kinder der Mauer Der Tag des Mauerbaus bestimmt auf lange Zeit das Leben vieler Kinder und Jugendlicher. Mehr noch als die Erwachsenen sind sie dem Geschehen total ausgeliefert, sind ohnmächtig in Bezug auf Politik und familiäre Entscheidungen. 28 Jahre lang sind Mauer und Stacheldraht eine vorgefundene Realität in ihrem Leben. Manche lehnen sich gegen ihren vorgezeichneten Lebensweg auf, andere finden sich mit der Teilung ab, die Familien auseinandergerissen, Menschen entwurzelt und Liebende getrennt hat. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2021): Die geteilte Literatur Der Mauerbau vor knapp 60 Jahren hat nicht nur die Gesellschaft in Ost und West getrennt, sondern auch die Literatur. Die Mauer war eine künstlerische Einschränkung, aber sie hat auch zur literarischen Auseinandersetzung angeregt. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 04:13 – Von heute auf morgen TC 06:54 – Der „antifaschistische Schutzwall“ TC 09:20 – Blutige Schicksale TC 12:31 – Übers Wasser, durch die Erde TC 17:01 - Aufarbeitung TC 22:13 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Musik SPRECHERIN: 25. Juli 1961: John F. Kennedy ist angespannt. Er soll in Washington eine Rede zur aktuellen Berlinkrise halten. Er hat enorme Rückenschmerzen. Ohne ein Stützkorsett unter dem Anzug und eine Dosis Kortison wäre sein Auftritt nicht möglich. Der 44-jährige Präsident ist gerade mal sechs Monate im Amt. Seitdem sind die Verhandlungen mit Chruschtschow zur Berlinkrise gescheitert. Der russische Ministerpräsident hat sein Ultimatum erneuert: Er fordert, Berlin den Status einer entmilitarisierten, wie er sagt, „freien Stadt“ zu geben. Dahinter steckt auch der langfristige Plan, die Westsektoren nach und nach in die DDR einzuverleiben. Sollten die Westmächte seiner Forderung innerhalb eines halben Jahres nicht zustimmen, will er einen separaten Friedensvertrag mit der DDR schließen, der die Besatzungsrechte der Alliierten in West-Berlin aufhebt. Ansonsten schrecke er auch vor militärischen Mitteln nicht zurück. Die Erwartungen an Kennedy’s Rede sind enorm. 1 O-TON KENNEDY REDE (WASHINGTON; 25 JULY 1961) Good evening! Seven weeks ago tonight I returned from Europe to report on my meeting with Premier Khrushchev and the others. His grim warnings about the future of the world, his aide-memoire on Berlin, his subsequent speeches and threats which he and his agents have launched, and the increase in the Soviet military budget that he has announced, have all prompted a series of decisions by the Administration and a series of consultations with the members of the NATO organization. ZITATOR / Üs Kennedy Heute vor sieben Wochen bin ich aus Europa zurückgekehrt, um über mein Treffen mit Ministerpräsident Chruschtschow und den anderen zu berichten. Musik SPRECHERIN: Kennedy weiß, dass er den richtigen Ton treffen muss. Es gilt Entschlossenheit zu zeigen, dennoch will er den Konflikt nicht unnötig verschärfen. 2 Zusp Rede Kennedy In Berlin, as you recall, he intends to bring to an end, through a stroke of the pen, first our legal rights to be in West Berlin; and secondly our ability to make good on our commitments to two million people of that city. That we cannot permit. ZITATOR / Üs Kennedy In Berlin will er erstens mit einem Federstrich unsere legalen Rechte auf Anwesenheit in Westberlin aufheben und zweitens uns die Möglichkeit nehmen, unsere Verpflichtungen gegenüber den zwei Millionen Einwohnern dieser Stadt zu erfüllen. Das können wir nicht zulassen. Musik SPRECHERIN: Kennedy spricht ausdrücklich von nur zwei Millionen Berlinern. Damit meint er ausschließlich die Westberliner, denn die Stadt hat insgesamt 3,3 Millionen Einwohner. Die Ostberliner, die jeden Monat zu Tausenden nach Westberlin fliehen - im Juli ´61 sind es über 30.000 Menschen - erwähnt Kennedy mit keinem Wort. Den Amerikanern geht es um Westberlin, das nicht nur eines der wichtigsten Spionage-Zentren im Kalten Krieg ist, sondern der Weltöffentlichkeit auch das Mächteringen vorführt. Die ganze Welt blickt auf Berlin und Kennedy will die politische Zuverlässigkeit der USA demonstrieren. Er macht klar, dass er Westberlin auf keinen Fall aufgeben wird: 3 O-TON KENNEDY REDE (WASHINGTON; 25 JULY 1961) Thus, our presence in West Berlin, and our access there to, cannot be ended by any act of the Soviet Government... ZITATOR / Üs Kennedy Unsere Präsenz in West-Berlin kann durch keinen Akt der Sowjetregierung beendet werden. SPRECHERIN: Aus Kennedys Rede lassen sich drei essentielle Forderungen ableiten - die „three essentials“, deren Verletzung militärische Folgen haben würde: die Besatzungsrechte der Alliierten in West-Berlin, der freie Zugang nach West-Berlin und die Freiheit der West-Berliner. Fünf Tage später erklärt James Fulbright, der wichtigste außenpolitische Berater Kennedys, im US Fernsehen, dass er nicht verstehe, warum die ostdeutsche Grenze nicht einfach zugemacht würde. (...) wenn die Russen nächste Woche die Grenze schließen würden, könnten sie das tun, ohne einen einzigen Vertrag zu verletzen. Als ihn Kennedy darauf hin nicht zurückpfeift, ist endgültig klar: Die USA setzen einer Grenzschließung nichts entgegen. Und die scheint der DDR dringend nötig, denn die Bürger laufen ihr buchstäblich davon. TC 04:13 – Von heute auf morgen Musik SPRECHERIN: Spätestens im Juli lässt sich Chruschtschow vom DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht umstimmen. Ulbricht hatte zwar noch im Juni verkündet: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“. Doch das hält ihn angesichts der dramatischen Flüchtlings-Situation nicht davon ab, genau das doch zu tun. In der Nacht vom 12. auf den 13. August wird die Grenze abgeriegelt. Hubert Hohlbein erinnert sich noch gut daran: 4 O-TON Hubert Hohlbein: Mein Schulfreund und ich, am 12. August haben wir noch seine Freundin nach West-Berlin gebracht, haben dann auch ein Bier getrunken und nach zwölf Uhr nachts sind wir erst wieder zurückgefahren nach Ostberlin, und morgens um 8/9 Rundfunk gehört und da war natürlich die Aufregung groß. Berlin ist abgeriegelt, Ostberlin und Westberlin getrennt, Stacheldraht wird gezogen, Militär ist aufgefahren und haben die Grenzen dichtgemacht. Und da bin ich sofort zu meinem Freund, der hatte das noch nicht mitbekommen und der sagte: Komm wir fahren sofort zur Grenze und haben uns das angeschaut, wie das Militär schon den ersten Stacheldraht gezogen hat, und da sagte mein Freund, ohoh Du, das sieht aber ernsthaft aus. Da habe ich ihm noch das Geld, was ich noch in der Hand hatte, in die Hand gedrückt und dann sagt er, mach’s gut, Tschüss. Er ist über den Graben gesprungen, zack weg war er. Musik SPRECHERIN: In den Folgetagen kommt es zu dramatischen Szenen. Menschen versuchen um jeden Preis zu fliehen, sie springen über Stacheldrahtverhaue oder lassen sich aus Fenstern von Häusern fallen, die direkt an der Grenze liegen. Sie wollen zu ihren Familien und Freunden oder schlicht und ergreifend raus aus der DDR. Viele Berliner haben zwar damit gerechnet, dass etwas passieren würde, um die immer größer werdenden Flüchtlingsströme aufzuhalten, aber eine Mauer quer durch die Stadt war für die Meisten unvorstellbar. Allein 50.000 Menschen haben ihren Arbeitsplatz im Westen. 5 O-TON Hubert Hohlbein Innerhalb des Ostens, zwischen Ostdeutschland und Ost-Berlin gab es ja schon diese Grenze und da hatten wir in Ost-Berlin gedacht, also wenn sich das hier weiter so entwickelt, dann können eben die Leipziger nicht mehr direkt nach Ost-Berlin reisen. Es heißt, die werden abgefangen. Da werden die Grenzen um Berlin herum gemacht. Man konnte sich das nicht vorstellen, dass es innerhalb Berlin so ganz abgeriegelt wird, aber eine totale Abgrenzung, wies nachher die Mauer war, das konnte sich keiner vorstellen. SPRECHERIN: Während in Berlin auf beiden Seiten die Menschen zur Mauer strömen, um sich mit eigenen Augen des Unvorstellbaren zu vergewissern, setzt sich auf der Ostseite der Parteiapparat in Bewegung. Am 13. August ist die gesamte Staatssicherheit der DDR in Bereitschaft. Wer im Urlaub ist, muss zurückkommen. Größere Proteste in der DDR müssen um jeden Preis verhindert werden. TC 06:54 – Der „antifaschistische Schutzwall“ 6 O-TON DR MARIA NOOKE: Da gab es zweistündige Berichte aus allen Kreisen, Bezirken hoch zum Ministerium, wie die Situation und die Reaktionen der Bevölkerung sind. Man hat unheimlich viele Leute verhaftet, wenn da jemand betrunken einfach mal auf Ulbricht schimpfte, dann war das schon ein Haftgrund. Die Gefängnisse füllten sich, sodass also auch eine innenpolitische Situation der Angst geschaffen wurde. Und parallel dazu hat man dann auch die Bevölkerung aufgerufen, sich mit den Maßnahmen der Regierung zu solidarisieren. Also, da gab es Unterschriftenlisten, da gab es im Radio Sendung dazu, wo sich also vor allem auch Kulturschaffende - das macht mich heute noch fassungslos, dass sie sich dazu hergegeben haben - dann die Maßnahmen zu begrüßen und zu sagen, damit wird jetzt der Frieden gerettet. SPRECHERIN: Die Geschwindigkeit mit der die SED ihre Bürger auf den Mauerbau einschwört und Gegner einschüchtert, trägt dazu bei, dass es in der DDR verhältnismäßig ruhig bleibt. DDR-Bürgerinnen und Bürgern wird eingeimpft, dass die Mauer ein Schutzwall sei, der die Rettung des Weltfriedens zu verdanken sei. Und ab 1962 wird die Mauer dann ganz offiziell „antifaschistischer Schutzwall“ genannt. Doch selbst Kennedy soll nach dem Mauerbau einem Mitarbeiter gesagt haben, dass die Mauer zwar keine schöne Lösung sei, aber auf jeden Fall besser als Krieg. War die Mauer das kleinere Übel? Hat sie vielleicht sogar einen dritten Weltkrieg verhindert? 7 O-TON DR MARIA NOOKE: Es ist ja die große Frage, ob es wirklich zum Atomschlag gekommen wäre. Das war ja die Drohkulisse. Aber das sind alles hypothetische Fragen, was passiert wäre, wenn die Amerikaner eingegriffen hätten. (…) Das heißt, 1961 war eine hochbrisante politische Situation, sowohl innenpolitisch als auch weltpolitisch, die eben glücklicherweise nicht eskaliert ist, aber natürlich mit den Folgen, die die DDR Bevölkerung zu tragen hatte. TC 09:20 – Blutige Schicksale SPRECHERIN: Hunderte von Biografien hat Maria Nooke erforscht und dokumentiert: darunter politische Häftlinge, Familien von Flüchtlingen, die im Osten meist jahrelang Repressionen erleiden mussten und natürlich die Maueropfer selbst. Bereits am 24. August erschossen Grenzsoldaten den ersten Flüchtling. Der 24-jährige Günter Litfin starb an einem Schuss in den Hinterkopf. Mindestens 139 Menschen sollten ihm über die Mauerjahre in den Tod folgen. Die Hälfte davon allein in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerbau. Musik SPRECHERIN: Weltweit bekannt wird der Tod des Mauerers Peter Fechter, denn ein mutiger Fotograf dokumentiert das Drama. Am 17. August 1962 flüchtet der 18- jährige während seines Dienstes. Er hat bereits die letzte Barriere des Todesstreifens erreicht und beginnt die Mauer emporzuklettern, als ihn das Feuer seiner Ostberliner Kollegen trifft. Er fällt schwer verletzt in den Todesstreifen zurück und ruft um Hilfe – vergeblich. Hubert Hohlbein erinnert sich: 8 O-Ton Hubert Hohlbein: „Man konnte rüberblicken, man konnte über die Mauer schauen. Es waren Amerikaner da gewesen, amerikanischer Soldat. Keiner hat es gewagt, diesem langsam verblutenden Flüchtling zu helfen. Und erst nach über einer Stunde sind ostdeutsche Grenzsoldaten hingegangen und haben mehr oder weniger dann den Leichnam abtransportiert. Er war verblutet... SPRECHERIN: Fechters Tod wird zum Symbol für die Grausamkeit des Grenzsystems und bringt immer mehr Menschen gegen das DDR Regime auf. Darunter auch Hubert Hohlbein. Er ist später an einer der erfolgreichsten Fluchtaktionen beteiligt: dem Tunnel 57. Doch zunächst muss er selbst fliehen. Denn 1962 lebt er noch in Ostberlin bei seiner Mutter, die er zunächst nicht alleine lassen will, da der Vater erst ein Jahr vor dem Mauerbau gestorben ist. Doch obwohl die Mutter einer Flucht positiv gegenübersteht, kann er sie zu Beginn des Mauerbaus von seiner ersten Fluchtidee nicht überzeugen. 9 O-Ton Hubert Hohlbein: Und dann hab ich versucht zu sagen komm als Familie, wir nehmen unseren Lastwagen, den großen, den wir bauen wir ein bisschen um, Sandsäcke hinten drauf, des war ein großer Lastwagen mit Allradantrieb sogar, wir fahren durch die Mauer, das hätte ich gerne gemacht, aber da hatte Muttern Angst, Schwester hatte Angst, Schwager „ um Gottes Willen“, dann sag ich, na gut, dann mach ich das irgendwann mal alleine und dann habe ich mich darauf vorbereitet, das alleine zu machen. SPRECHERIN: Gesagt, getan: mehrere Monate bereitet er sich auf seine Flucht vor. Sein Plan: er will in die Freiheit schwimmen. Zwei Kilometer von der Alten Meierei in Potsdam über den Jungfernsee nach Westen. Dazu trainiert Hubert fast ein ganzes Jahr - auch im Winter. Um sich abzuhärten, taucht er unter Eis, lernt über zwei Minuten die Luft anzuhalten. Sieben Kilo Blei trägt er um die Hüfte, um im Wasser keine Wellen zu schlagen. TC 12:31 – Übers Wasser, durch die Erde Musik SPRECHERIN: Am 21. November 1963 ist es soweit. Gegen 22 Uhr schwimmt er los. Es ist klirrend kalt. Sein Körper ist vollkommen vom Wasser bedeckt. Nur seine Schnorchelspitze könnte ihn jetzt noch verraten. Doch als er auf der Mitte des Sees ankommt, wird es plötzlich taghell über ihm. Scheinwerfer suchen das Wasser ab! 10 O-TON Hubert Hohlbein: Ich dachte, Oh, Haben die mich jetzt im Visier, oder ist es nur ein Routineableuchten? Jedenfalls hab ich dann kurz ausgeatmeten und durch mein vieles Blei, was ich um hatte, bin ich sofort ein paar Zentimeter unterhalb der Wasseroberfläche verschwunden. Und ich wusste, ich kann so circa zwei Minuten oder etwas mehr, die Luft anhalten und in der Hoffnung, dass dann wirklich das Licht weg war. Und so war es dann auch. Als dann ich wieder auftauchen musste, war das Licht denn auch vorüber und ich habe mich dann gleich noch mal orientiert. Wie weit hätt ich es denn noch? Es war nicht mehr so weit. SPRECHERIN: Nach eineinhalb Stunden im eiskalten Wasser, kommt Hubert Hohlbein unweit des Fernmeldeturms an. Westdeutsche Polizisten haben ihn schon beobachtet und bringen ihn zum Aufwärmen in die nächstgelegene Station. Seine geglückte Flucht macht Hubert Hohlbein Mut - Mut auch anderen zu helfen. Wenige Monate nach seiner gelungenen Flucht schließt er sich im Frühjahr `64 der Fluchthelfergruppe um Wolfgang Fuchs an. Die plant einen Fluchttunnel vom Keller einer stillgelegten Bäckerei in der Bernauer Straße unter dem Todesstreifen hindurch nach Ostberlin. Musik SPRECHERIN: Über ein halbes Jahr lang graben bis zu 35 Mann einen 12 Meter tiefen Schacht. Die Fluchthelfer arbeiten unentgeltlich in Schichten, leben spartanisch tagelang am Stück in den Kellerräumen. Am 2. Oktober `64 ist es so weit: Der Tunnel ist nun 145 Meter lang. Das Ziel, einen Keller in der Strelitzer Straße, haben die Studenten zwar verfehlt, doch dafür landen sie im Innenhof des Hauses - in einem stillgelegten Klohäuschen. Die perfekte Tarnung. Bereits am Abend des nächsten Tages soll die Aktion starten. Vier Fluchthelfer robben durch den Tunnel in den Osten, um dort die Flüchtlinge im Innenhof des Hauses zu empfangen. Einer der Helfer ist Hubert Hohlbein: 11 O-TON Hubert Hohlbein: Dieses Draußen-stehen in dem Moment, so hilflos, wir waren zwar allerdings mit einer Pistole bewaffnet, aber wir hatten es eigentlich nur für unsere eigene Beruhigung dabei. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir sie unbedingt brauchen würden. Und dann, wie die ersten Flüchtlinge kamen, das war natürlich ein innerer Jauchzer, dass es nun so weit geklappt hat, dass ich den ersten Flüchtling jetzt ins Loch runtergelassen habe, das war meine Aufgabe in unserer Vierertruppe und der dann nun verschwand, da dachte ich, so, ein haben wir jetzt erst mal durch. Musik SPRECHERIN: 28 Flüchtlinge lässt Hohlbein am ersten Abend in den Tunnel gleiten. Alle kommen sicher im Westen an, darunter auch seine Mutter. Diese Aktion wird später als eine der erfolgreichsten Massenfluchten aus der DDR in die Geschichte eingehen. 57 Menschen erreichen an zwei Tagen Westberlin – daher der Name ‚Tunnel 57’. Doch mit diesem Namen ist auch das tragische Ende der Aktion verbunden: Kurz vor Mitternacht kommen zwei weitere vermeintliche Fluchtwillige. Sie wollen unbedingt noch einen Freund nachholen, wie sie sagen. Doch in Wirklichkeit verraten sie den Tunnel. Die Fluchthelfer sitzen in der Falle. Als Soldaten den Hof stürmen fallen mehrere Schüsse, auch ein Fluchthelfer schießt. Einer der Soldaten scheint getroffen! Die Fluchthelfer nutzen die Situation, um sich über den Hof zum Toilettenhäuschen zu retten. 12 O-TON Hubert Hohlbein: So schnell bin ich noch nie gelaufen, weil wir doch befürchteten, dass sie uns gleich entdeckt hatten, wie wir dort verschwanden. Und es ist nicht das erste Mal gewesen, dass dann Granaten oder Handgranaten hinterhergeworfen worden sind. Und dann wären uns die Lungen zerfetzt worden in dieser engen Röhre. Wir sind denn nur rasch rein in den Tunnel und wir haben uns dabei noch verkeilt und sind dann aber doch glücklich durchgekommen und so schnell wie möglich vom Osteingang zum Westausgang gerobbt. TC 17:01 - Aufarbeitung SPRECHERIN: Als sie in der Bäckerei ankommen, herrscht Erleichterung. Doch bereits am nächsten Morgen folgt der Schock. Wie DDR Medien berichten, ist ein Grenzsoldat erschossen worden: der 21-jährige Unteroffizier Egon Schultz. Ein Grundschullehrer, der seinen Militärdienst ableistete. Sympathisch, allseits beliebt. In den folgenden Wochen wird Egon Schultz zum Held stilisiert und die Fluchthelfer zu einer Bande Krimineller, die über Leichen geht. Vor allem der Schütze, der Medizinstudent Christian Zobel, kann sich bis zu seinem Tod davon nicht mehr erholen. 13 O-TON Hubert Hohlbein: Der machte sich natürlich große Gedanken, denn es war ja immerhin so, dass er tatsächlich geschossen hat, dass er einen getroffen hat. Aber das ist nun gleich tödlich war, das wollte er erstens gar nicht, und zweitens konnte er sich das auch kaum vorstellen. Und die Presse war jetzt aber auf diesem Trip im Osten, dass wir ihn bewusst erschossen haben. Und darunter litt er sehr, sehr, sehr... SPRECHERIN: Als Christian Zobel 1992 stirbt, ist er im festen Glauben, Egon Schultz erschossen zu haben, und in den Augen vieler Tausender Menschen steht er als Mörder da. Erst nach der Wende wird eine der ungeheuerlichsten Lügen der DDR Geschichte enthüllt. 14 O-TON DR MARIA NOOKE: Wir wissen erst aus den Stasi-Unterlagen, dass es tatsächlich so war, dass der Fluchthelfer zwar irgendwie in seiner Panik mehrere Schüsse abgegeben hat, aber nicht gezielt. Und er hat den Grenzer mit einem Schuss getroffen. Das war ein Steckschuss, der aber nicht tödlich war. Und in dieser Situation hat der Stasi-Offizier dann einen Befehl zum Schießen gegeben, und einer der herbeigeholten Grenzsoldaten hat dann seine Kalaschnikow auf Dauerfeuer gestellt und in den Hof gehalten. Und dabei hat er seinen eigenen Kameraden hinterrücks erschossen. SPRECHERIN: Für Christian Zobel war es dann zwar schon zu spät, aber die Mutter von Egon Schultz und viele der anderen Fluchthelfer konnten die Wahrheit noch erfahren. Dr. Maria Nooke ist seit 2017 Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Sie kennt viele Fälle, in denen Betroffene erst durch die konsequente Aufarbeitung der DDR-Zeit beginnen können, mit ihrem Leben wieder klarzukommen. 15 O-TON DR MARIA NOOKE: Aufarbeitung heißt, die Fakten auf den Tisch zu legen, auch das, was schwer zu ertragen ist, zu benennen und die Möglichkeit zu schaffen, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die auch unterschiedliche Positionen hatten und vielleicht auch heute noch unterschiedliche Positionen haben. SPRECHERIN: Mit unterschiedlichen Positionen hat Dr. Nooke Erfahrung. Als die zentrale Gedenkstätte der Mauertoten für die Stiftung Berliner Mauer erarbeitet wurde, setzte Sie sich dafür ein, auch die bei Fluchtversuchen im Dienst getöteten Grenzsoldaten als Opfer der Mauer zu würdigen. Auch ihre Bilder sollten mit den getöteten Flüchtlingen auf dem Fenster des Gedenkens erscheinen. Doch bis heute stehen ihre Namen nur auf einer Stele in unmittelbarer Nähe des Fensters. 16 O-TON DR MARIA NOOKE: All diese Biographien zusammengenommen zeigen einfach diese Auswirkungen der Diktatur. Deswegen habe ich mich sehr dafür eingesetzt, dass auch die getöteten Grenzer mit auf das Fenster des Gedenkens kommen. Das ist dann im Ergebnis der sehr kontrovers geführten Diskussion mit einer knappen Mehrheit im Beirat dagegen entschieden worden. Ich halte das bis heute für falsch. Musik SPRECHERIN: Wer am Fenster des Gedenkens entlang geht, dem schauen die Gesichter der Maueropfer von Schwarzweiß-Fotos entgegen: Es sind viele junge Männer darunter, aber auch Kinder und Frauen. Sie alle wollten um jeden Preis raus aus der DDR. Ihr Tod zeugt auch davon, dass mit dem Mauerbau die kommunistische Utopie von einem besseren Leben endgültig zu Ende geht. 17 O-TON DR MARIA NOOKE: Es gibt eine Filmaufnahme von einer Unterrichtstunde zum Thema Mauerbau aus dem 75 oder 76 was in der Humboldt Universität mitgeschnitten wurde und da sieht man wie die Jugendlichen, 10. Klasse, sich diesem Thema annähern und wie die Lehrerin sich müht, ihnen klar zu machen, dass der Mauerbau notwendig war, um den Weltfrieden zu erhalten, und dass das eben ein Antifaschistischer Schutzwall war, und wenn man sich die Jugendlichen ansieht, dann sieht man, dass es sie nur langweilt. Es langweilt sie und es interessiert sie nicht, und sie beten das von ihnen Geforderte daher; aber man merkt, dass es nicht Überzeugung ist und das ist so typisch für diese Zeit, also das ist genau meine Generation, so habe ich das auch erlebt in der Schule, dass man etwas vermittelt bekam, was aber nicht in den Herzen der Kinder und Jugendlichen gelandet ist. Musik SPRECHERIN: Spätestens die Generation nach dem Mauerbau kann die Partei mit Begriffen wie „antifaschistischer Schutzwall“ also nicht mehr erreichen. TC 22:13 – Outro
Die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs waren gerade erst ein halbes Jahr eingestellt, doch nun standen alliierte Truppen bereit, um in Deutschland einzumarschieren. Ende Juni 1919 sollte die deutsche Delegation ultimativ die Bestimmungen des Versailler Vertrags unterzeichnen, sonst wollten die Alliierten die Unterschrift erzwingen. Die deutsche Seite hatte die Vertragsbedingungen zunächst als "unerträglich" zurückgewiesen. Jetzt gab sie nach. Von Thomas Morawetz (BR 2010) Credits Autor: Thomas Morawetz Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Thomas Loibl Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Eberhard Kolb Linktipps: ARD alpha (2019): Gewaltfrieden – Die Legende vom Dolchstoß und der Vertrag von Versailles Mai 1919: Deutschland hat den Krieg verloren, seinen Kaiser gestürzt und die Alliierten stehen einmarschbereit am Rhein. Der darauffolgende "Gewaltfrieden" von Versailles und dessen Instrumentalisierung trugen bereits den Keim des noch viel grausameren Zweiten Weltkriegs in sich. Basierend auf Originaldokumenten erzählt Regisseur Bernd Fischerauer in dem zweiteiligen Dokumentarspiel „Gewaltfrieden“ die bewegende Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Waffenstillstandsabkommen und Friedensvertrag. JETZT ANSEHEN ZDF (2021): Der deutsche Abgrund – Saat der Gewalt 1918 – 1922 Am Anfang steht die Verheißung von alter Größe und neuer Ordnung, am Ende millionenfacher Mord. Was dazwischen liegt, ist eine Warnung der Geschichte. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:33 - Kapitulation TC 06:34 – Die „Friedensmacher“ TC 11:33 – Eine neue Deutschlandkarte TC 15:18 – Der Preis der Schuld TC 22:13 – Vom Dolchstoß und Novemberverbrechern TC 24:00 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ZITATOR (Liest monoton) „Deutschland: 1.800.000 Tote. Frankreich: 1.400.000 Tote. Großbritannien: 910.000 Tote“ ERZÄHLERIN Das Ende. Der große Krieg, der Weltkrieg, ist vorbei. ZITATOR „Österreich-Ungarn: 1.200.000 Tote. Russland: 1.700.000 Tote. USA: 115.000 Tote“ ERZÄHLER Schlussstrich. Auf der ganzen Welt ist die Menschheit in die roten Zahlen geraten. ZITATOR „Italien: 460.000 Tote. Türkei : 320.000 Tote. Bulgarien : 90.000 Tote.“ ERZÄHLERIN Doch nun soll der Frieden kommen, und mit ihm – die Rechnung. ERZÄHLER Die Rechnung. Wer muss sie bezahlen? Der Verlierer? Deutschland, das Kaiserreich Wilhelms II., ist sicher nicht der einzige Verlierer des Ersten Weltkriegs, aber der größte. ERZÄHLERIN Deutschland war die Führungsmacht der Mittelmächte mit Österreich-Ungarn, später schlossen sich das Osmanische Reich und Bulgarien an. Gewonnen haben die Mächte der Entente, Frankreich und Großbritannien. Russland ist am Ende ausgeschieden, das alte Zarenreich wurde weggefegt von Lenins Revolution. Dafür sind die USA auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Etwa drei Viertel der Erdbevölkerung sind am Ende in das große Töten verstrickt. MUSIK ERZÄHLER Dann also der Zahltag. Am 28. Juni 1919 muss Deutschland im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles die „Rechnung“ unterschreiben. Der Vertrag beinhaltet drakonische Bestimmungen. Nach der Kriegskatastrophe eine Friedenskatastrophe, ein Schandfrieden, so sehen es in Deutschland die Politiker der jungen Weimarer Demokratie und auch die Bevölkerung. Die Deutschen fühlen sich zutiefst gedemütigt. Mit der Unterschrift unter den Versailler Vertrag sollen sie die Alleinschuld am Krieg eingestehen. TC 02:33 - Kapitulation ERZÄHLERIN Die Szene im Versailler Spiegelsaal ist legendär. Sie ist die Inszenierung einer gewollten Demütigung. An die 1.000 Personen sind versammelt. Der britische Diplomat Harold Nicolson erinnert sich: ZITATOR (Nicolson) „Wir betreten den Spiegelsaal. Drüben, am anderen Ende steht die Presse bereits dicht gedrängt. In der Mitte steht eine hufeisenförmige Tafel für die Bevollmächtigten. Davor, wie eine Guillotine, der Tisch, an dem die Unterzeichnung vor sich gehen soll.“ ERZÄHLER Der Regisseur der Inszenierung ist der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, 77 Jahre alt. „Bringen Sie die Deutschen herein!“ befiehlt er den Saaldienern: Kurz darauf schreiten Außenminister Herman Müller, ein Sozialdemokrat, und Johannes Bell, ein Zentrumsminister, mit gesenkten Blicken durch den Saal: ZITATOR MÜLLER „Wir fühlten, dass 1.000 Blicke auf uns gerichtet waren. Am Tisch angelangt, zog ich meinen Füllfederhalter und unterschrieb. Nach mir Dr. Bell. Zurück zu unseren Plätzen. Es war vorüber.“ ERZÄHLERIN Die Unterzeichnung hätte auch an einem neutralen Ort stattfinden können. Aber der Spiegelsaal in Versailles wurde auf besonderen Wunsch Clemenceaus ausgewählt. Rund 50 Jahre zuvor, am 26. Februar 1871, mussten nämlich hier unter umgekehrten Vorzeichen die Franzosen den Vorfrieden von Versailles zum Ende des deutsch-französischen Kriegs unterzeichnen. Ein Schicksalsmoment in den deutsch-französischen Beziehungen. Denn gleichzeitig wurde der Preußenkönig Wilhelm zum Kaiser eines erstmals geeinten Deutschen Reichs ausgerufen worden. ERZÄHLER Frankreich wurde zur Zustimmung gezwungen: ein geeintes Deutschland als künftige neue Großmacht in Europa, als starker Konkurrent um einen Platz an der Sonne, im Kampf um Kolonien weltweit. Deutschland war zum französischen Trauma geworden. Und nun war der Tag der Rache gekommen. ERZÄHLERIN Die Verbitterung in Deutschland über diesen Frieden ist umso größer, als noch ein Jahr zuvor kaum jemand im Reich an eine Niederlage dachte. Zur Jahreswende 1917/18 scheint noch einmal alles offen: Russland ausgeschieden aus dem Krieg und die USA noch nicht so recht dabei. Jetzt oder nie! - heißt das im Frühjahr für die Oberste Heeresleitung, die OHL. Eberhard Kolb, Historiker an der Universität Köln: Zusp. Kolb „Es war klar, die Zeit arbeitet gegen Deutschland nach dem Kriegseintritt der USA. Und deshalb kam also die Entschlossenheit, möglichst rasch einen entscheidenden Erfolg an der Westfront zu erringen, das war die Frühjahrsoffensive „Michael“, die am 21. März begonnen hat, aber schon nach 14 Tagen im Wesentlichen gescheitert war ein Geländegewinn bis zu 60 km, aber nicht der strategische Durchbruch, der geplant war, der war nicht gelungen.“ ERZÄHLER Doch die OHL mit den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff gesteht den Misserfolg nicht ein, der Bevölkerung nicht und tragischerweise auch nicht der eigenen Regierung. Zusp. Kolb „Es war wahrscheinlich eine Stimmung so erwartungsvoll und hoffnungsvoll, wie sie nach dem Sommer 1914 nicht mehr gewesen war.“ ERZÄHLERIN Dann, am 1. Oktober 1918 der Schock. Ludendorff schenkt – noch vor der Regierung! – seinen Offizieren reinen Wein ein: Es ist aus. Der Krieg ist verloren. Jetzt gebe es nur noch die Möglichkeit, in Deutschland wenigstens eine bolschewistische Revolution wie in Russland zu vermeiden: Sofort einen Waffenstillstand herbeiführen über den amerikanischen Präsidenten Wilson auf Grundlage seiner Vierzehn Punkte. TC 06:34 – Die „Friedensmacher“ ERZÄHLER Präsident Woodrow Wilson. Wenn der Franzose Clemenceau für die Ängste der Deutschen steht, bedeutet der Amerikaner Wilson für die Deutschen Hoffnung. Erst im Januar des Jahres hat er mit seinem Friedensprogramm großes Aufsehen erregt. Die wesentliche Idee: Die Welt braucht eine umfassende Friedensordnung, die auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beruht. ERZÄHLERIN Wilson ist ein erklärter Gegner von autoritären Regierungen. Der deutsche Kaiser kann also nicht mit ihm verhandeln. Und so fällt die OHL im deutschen Hauptquartier eine dramatische Entscheidung: Man entschließt sich für eine „Revolution von oben“! Die vom Kaiser ernannte Reichsleitung wird aufgelöst. Eine neue Regierung soll übernehmen. ERZÄHLER Doch woher nehmen? Jetzt gelingt ein Coup, der viele spätere Propagandakämpfe um den Versailler Frieden einleitet: Bislang sind die Mehrheitsparteien im Reichstag, Sozialdemokraten, Liberale und katholisches Zentrum nicht an der Regierung beteiligt. Sie gelten als oppositionell, als unsichere Kantonisten. ERZÄHLERIN Opposition! Für die Generalität ein Phänomen nahe am Landesverrat. Jetzt, in der Stunde ihres militärischen Offenbarungseids kommt die Opposition gerade recht als Sündenbock. Ludendorff am 1. Oktober, als er die Niederlage eingesteht: ZITATOR (Ludendorff) „Die sollen nun den Frieden schließen, der geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben.“ ERZÄHLER Und genauso kommt es. Zunächst nimmt eine Übergangsregierung Kontakt zu Wilson auf. Wochen später liegt die alliierte Antwort vor. Darin heißt es: Die Alliierten sind zum Friedensschluss mit Deutschland bereit auf der Basis der 14 Punkte Wilsons. ERZÄHLERIN Also geschafft? Ist jetzt der ersehnte „Wilson-Frieden“ in Reichweite? In Deutschland herrscht keine Entspannung. Denn inzwischen ist tatsächlich die Revolution ausgebrochen. Im ganzen Land bilden sich Soldatenräte. Im Chaos verkündet die Übergangsregierung die Abdankung des Kaisers – ohne dessen Zustimmung. Zusp. Philipp Scheideman „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen, es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik!“ ERZÄHLER Philipp Scheidemann am 9. November in Berlin. In letzter Sekunde ruft er die Republik aus, sonst hätten revolutionäre Truppen die bolschewistische Revolution verkündet. Am Tag darauf steht eine neue Regierung. Deutschland hat nun pünktlich zum Zusammenbruch eine Regierung aus Zivilisten. ERZÄHLERIN Inzwischen ist die deutsche Waffenstillstandskommission an die Westfront aufgebrochen. Eine nächtliche Fahrt führt in den Wald von Compiègne. Dort die erste direkte Begegnung mit dem Sieger, mit Marschall Foche, dem Verhandlungsführer der Alliierten. Das Treffen verläuft eisig. Deutschland muss sich fast völlig entwaffnen lassen. Gleich zu Beginn erklärt der Marschall: ZITATOR „Ich habe keine Vorschläge zu machen.“ ERZÄHLER Das heißt: Verhandelt wird nicht – unterschreiben! Und so geschieht es. Am 11. November 1918 schweigen die Waffen nach über vier Jahren. ERZÄHLERIN Was für ein Dilemma! Die Deutschen, die nun den Frieden für ihr Land schließen müssen, sind nicht die Deutschen, die den Krieg vier Jahre lang verantwortlich geführt haben. Kaiser und Generäle haben sich bereits aus der Verantwortung gestohlen. MUSIK ERZÄHLER Am 18. Januar 1919 beginnen in Paris die Friedensverhandlungen. Ohne Deutschland. Der Besiegte bleibt ausgeschlossen, wenn nun die „Friedensmacher“ die Rechnung aufstellen. ERZÄHLERIN Wer sind die Friedensmacher? Eine Vollversammlung der Siegermächte hat über 1000 Beteiligte, sie tritt nur selten zusammen. Aber immerhin: An den Verhandlungen in 58 Ausschüssen und etlichen Beraterstäben sind an die 10.000 Personen beteiligt. Die eigentlichen Hauptfiguren in Paris, die wahren Friedensmacher, sind jedoch die Männer im so genannten Rat der Vier: der Franzose Georges Clemenceau, der Amerikaner Woodrow Wilson, der Brite David Lloyd George und der Italiener Vittorio Emanuele Orlando, der sich jedoch bald zurückzieht. ERZÄHLER Der Programmchef ist Woodrow Wilson: Seine 14 Punkte sind die Grundlage aller Friedensanstrengungen. Und entsprechend pocht Wilson darauf, wenn der Friede Zukunft haben soll, muss er durch ein neues internationales politisches Gebilde gesichert werden – den Völkerbund. ERZÄHLERIN Tatsächlich wird eine entsprechende Völkerbundsatzung schon Mitte Februar verabschiedet. Das wichtigste Ziel der neuen Staatenorganisation ist die Sicherung der territorialen und politischen Unabhängigkeit der Mitgliedsstaaten. TC 11:33 – Eine neue Deutschlandkarte ERZÄHLER Soweit, so gut, doch die Interessen Frankreichs sind weniger theoretisch. Frankreich hat klare Sicherheitsinteressen und Gebietsansprüche gegenüber Deutschland. Eberhard Kolb: Zusp. Kolb „Also, über Elsass-Lothringen brauchte nicht mehr diskutiert zu werden, das war von vorne herein entschieden, dass dieses ohne Volksabstimmung an Frankreich kommen würde. Das war in Wilsons Punkten schon so vorgesehen, darüber wurde nicht diskutiert. Was ist dann im Westen? Dann ist es das linksrheinische Deutschland. Und darum ging der Kampf. Saargebiet: Konnten Wilson und Lloyd-George verhindern, dass es einfach abgetreten würde an Frankreich, sondern man hat sich dann geeinigt, Verwaltung des Völkerbunds, wirtschaftlicher Anschluss an Frankreich, […] nach 15 Jahren eine Volksabstimmung, ob das Saargebiet zu Deutschland zurückkehren wollte, bei Frankreich bleiben wollte oder unter Völkerbundsverwaltung bleiben wollte. Das war also das Saargebiet. Aber das linksrheinische Deutschland war ja viel größer. […] Und hier war in den französischen Führungskreisen und zwar quer durch die politischen Gruppierungen schon seit 1914 und in den stärksten Bedrängnissen der Franzosen, war die Entschlossenheit, das linksrheinische Deutschland vom Reich abzutrennen, einhellig. Und darum wurde gekämpft.“ ERZÄHLERIN Und Frankreich verliert. Die Briten wollen kein allzu mächtiges Frankreich, immerhin steht man weltweit in Konkurrenz zueinander in den Kolonialgebieten. Und Wilson – er fürchtet um seine gerechte Friedensordnung, wie so oft während dieser Wochen in Paris, wenn die Großen Drei immer wieder ihre Rollen wechseln, mal Haifisch in eigener Sache, mal Notarzt für die Welt. Weitgehend einig ist man sich allerdings bei den riesigen Gebietsverlusten, die Deutschland im Osten hinnehmen soll. Eberhard Kolb: Zusp. Kolb „Das heißt, dass also an Deutschlands Ostgrenze ein starker Staat entstehen muss, nämlich Polen, […] und dieses Polen also als Kern eines Cordon Sanitaire […] zwischen Deutschland und Russland, das zu diesem Zeitpunkt ja noch im Bürgerkrieg stand mit allerdings deutlichen Vorteilen für die Sowjetmacht …“ ERZÄHLER Die Sowjetmacht! Gegen den Bolschewismus wollen die kapitalistischen Friedensmacher unbedingt einen Cordon Sanitaire, einen Sicherheitspuffer, einbauen! Denn im Bolschewismus fürchten sie eine unberechenbare Gefahr für ihre neue Weltordnung. ERZÄHLERIN Die Deutschen verlieren also große Gebiete im Osten. Der Verlust des größten Teils von Posen und Westpreußen an Polen, zeigt wie drastisch die Einbußen sind: Auf der neuen Deutschlandkarte ist Ostpreußen plötzlich vom übrigen Reich abgeschnitten. Dazwischen liegt künftig der so genannte Danziger Korridor. Ohne Volksabstimmung, wie es Wilsons Gedanke der Selbstbestimmung der Völker eigentlich verlangen würde. ERZÄHLER Im Westen wie im Osten verliert Deutschland insgesamt über ein Achtel seines Staatsgebiets und über ein Zehntel seiner Bevölkerung. 15% der landwirtschaftlichen Produktion gehen verloren, 50% der Eisenerzversorgung, 25% der Steinkohleförderung. ERZÄHLERIN Ganz zu schweigen vom Verlust der deutschen Kolonien mit einer Ländermasse von der sechsfachen Größe Deutschlands. Mit den Kolonien verliert Deutschland auch seine Flotte. Der Vertrag gestattet Deutschland nur noch 15.000 Mann Marine. Vor allem die Briten haben ein großes Interesse daran, den früher so ehrgeizigen Konkurrenten auf den Weltmeeren auszuschalten. TC 15:18 – Der Preis der Schuld ERZÄHLER Noch härter trifft Deutschland die Beschränkung seiner Armee auf 100.000 Mann Berufsheer. Verboten sind künftig auch moderne Waffen, also Panzer, U-Boote und Luftwaffe. ERZÄHLERIN Dann die wirtschaftlichen Bestimmungen des Vertrags: kompliziert im Detail und widersprüchlich in der großen Linie. Einerseits sollen die deutschen Ressourcen extrem beansprucht werden, andererseits soll Deutschland erhebliche Reparationsleistungen bezahlen. ERZÄHLER Das Stichwort Reparationen berührt wie keine andere Bestimmung den Charakter des Vertrags. Wie hoch wird also die Rechnung, die Deutschland materiell begleichen soll? Unter den Großen Drei steht Wilson in dieser Frage allein. Eberhard Kolb: Zusp. Kolb „Franzosen und Engländer waren in diesem Punkt sich einiger. Vor allem eben die Engländer, die hätten bei der ursprünglichen Formulierung, dass nur Kriegsschäden ersetzt werden – wären sie relativ leer ausgegangen, denn in Großbritannien gab es praktisch keine eigentlichen Kriegszerstörungen, wohl aber gab es viele tote Briten, deren Familien versorgt werden mussten. Aus diesem Grund haben die Briten ganz energisch eine Ausweitung des Reparationsbegriffes verlangt, und auf diese Weise kamen eben die exorbitanten Reparationsforderungen zustande, denen sich die Franzosen sich natürlich auch angeschlossen haben, die aber im Vertrag selbst nicht beziffert sind. Es wurde im Vertrag nur festgelegt, dass 1921 eine Reparationskommission die Zahlen dann erarbeiten sollte, und 1921 diese Zahlen den Deutschen mit einem Zahlungsplan zugestellt würden.“ ERZÄHLERIN Auch wenn die genaue Höhe der Summe einstweilen noch offen bleibt, soviel ist gewiss: Deutschland soll im Grunde für die gesamten Kriegskosten seiner Gegner aufkommen – eine unglaubliche Summe steht damit im Raum! ERZÄHLER Wie soll das begründet werden? Immerhin verstehen sich die Friedensmacher als Gestalter eines Rechtsfriedens und nicht eines Gewaltfriedens, bei dem der Sieger den Gegner einfach ausnimmt. Um also ihre Ansprüche zu begründen, schreiben sie den später berüchtigten Artikel 231 in den Vertrag. In dem heißt es: MUSIK ZITATOR: „Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und alle Schäden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Angehörigen des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.“ ERZÄHLERIN Bis heute wird der Artikel leidenschaftlich diskutiert. Behauptet er eine moralische Alleinschuld Deutschlands an der Gesamtkatastrophe des Ersten Weltkriegs? Oder nur eine juristische Verantwortung? Immerhin ist hier noch von Deutschland und seinen Verbündeten gemeinsam die Rede. Doch davon rücken die Alliierten später ab. In Deutschland jedenfalls wird dieser Artikel für einen Aufschrei der Empörung sorgen. Durch ihn bekommt Versailles das Stigma „Schandfrieden“. ERZÄHLER Noch ahnt in Deutschland niemand, was sich in Paris zusammenbraut. Solange die Sieger verhandeln, heißt es abwarten. Ende April, bricht die Friedensdelegation endlich auf nach Versailles. Am 7. Mai übergibt Clemenceau dem deutschen Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau die Friedensbedingungen mit den Worten: ZITATOR (Clemenceau) „Die Stunde der Abrechnung ist da. Sie haben um Frieden gebeten, wir sind geneigt, ihn Ihnen zu geben.“ ERZÄHLERIN Ein klarer Ton. Brockdorff-Rantzau würzt seine Antwortrede mit einer provozierenden Geste. Demonstrativ bleibt er sitzen. Vor Wut zerbricht Lloyd George einen Brieföffner, Clemenceau läuft rot an. Nach Bekanntwerden der Friedensbedingungen sind die Deutschen hell entsetzt. ERZÄHLER Fünf Tage später, Berlin: Krisensitzung der Nationalversammlung. Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann von den Sozialdemokraten ist außer sich: ZITATOR (Scheidemann) „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?“ ERZÄHLERIN Rettungsversuche. Die deutsche Delegation in Versailles im Notenwechsel mit den Siegern. Doch am Ende lässt sich am Vertrag nicht rütteln. Am 16. Juni präsentieren die Sieger eine Mantelnote … Zusp. Kolb „[…] und da wurde nun die deutsche Kriegsschuld viel schärfer formuliert, als in dem Artikel 231, wo nur von einer Haftung die Rede ist.“ ERZÄHLER Nun heißt es: MUSIK ZITATOR (Alliierte Mantelnote) „Indessen beschränkt sich die Verantwortlichkeit Deutschlands nicht auf die Tatsache, den Krieg gewollt und entfesselt zu haben. Deutschland ist in gleicher Weise für die rohe und unmenschliche Art, auf die er geführt wurde, verantwortlich.“ ERZÄHLERIN Gewollt und entfesselt: Damit sind die Ereignisse vom Juli 1914 gemeint, die zum unmittelbaren Kriegsbeginn geführt hatten. Tatsächlich ist die deutsche Verantwortung für den Ausbruch der Feindseligkeiten in diesen Tagen unbestreitbar. Doch diese Perspektive berücksichtigt die weiteren Zusammenhänge nicht, sie ist bis heute umstritten. Für die Deutschen in Versailles steht jedenfalls unbedingt fest: Der Große Krieg war ein Verteidigungskrieg. Jetzt daran die Alleinschuld tragen zu sollen, ist blanke Infamie. ERZÄHLER Mit der Mantelnote ergeht ein Ultimatum. Wenn Deutschland nicht unterschreibt, werden die Kampfhandlungen wieder aufgenommen. Die Truppen dazu sind bereits am Rhein stationiert. ERZÄHLERIN Die nächsten Tage bis zum 23. Juni ringen in Deutschland Kabinett und Fraktionen. Was soll man tun?! Was kann man wagen? Deutschland ist keiner neuen Konfrontation mehr gewachsen. ERZÄHLER Ein allerletzter Versuch: Deutschland sei zum Einlenken bereit – allerdings mit Vorbehalt! Ohne die Kriegsschuld anzuerkennen! ERZÄHLERIN Die Alliierten lehnen ab. In dieser Situation spricht sich Reichsministerpräsident Gustav Bauer für die Annahme des Friedens aus. Seine Rede ist auf einem Tondokument erhalten: Zusp. Gustav Bauer „[…] hier wird ein besiegtes Volk an Leib und Seele vergewaltigt … Meine Damen und Herren, kein Protest heute mehr, keinen Sturm der Empörung – unterschreiben wir! Das ist der Vorschlag, den ich Ihnen im Namen des gesamten Kabinetts machen muss. Die Gründe, die uns zu diesem Vorschlag zwingen, sind dieselben wie gestern. Nur trennt uns jetzt eine Frist von knappen vier Stunden vor der Wiederaufnahme der Feindseligkeit.“ ERZÄHLER Die Deutschen nehmen den Frieden an. Tage später fährt der Zug nach Versailles. TC 22:13 – Vom Dolchstoß und Novemberverbrechern ERZÄHLERIN In Deutschland wird der Frieden nicht verwunden. Er wird zur schweren Belastung für die Weimarer Demokratie. Ausgerechnet die Generäle Hindenburg und Ludendorff bringen das Schlagwort vom Dolchstoß unter die enttäuschten Massen. Nicht das Militär, die Zivilisten hätten den Krieg verloren! Allen voran die Novemberverbrecher, die den Waffenstillstand eingeleitet hatten. Eberhard Kolb: Zusp. Kolb „[…] und dann kam ja schnell in Umlauf die Vorstellung, […] im Felde unbesiegt hat das deutsche Volk kapituliert, im Felde unbesiegt, was eine schlichte Unwahrheit ist, denn gerade weil die Deutschen im Felde besiegt waren, kam die Kapitulation zustande.“ ERZÄHLER Am 10. Januar 1920 tritt der Vertrag endgültig in Kraft. Bald kommt es zu schweren Krisen, weil Deutschland mit den Reparationen in Verzug kommt. Erst mit dem Abkommen von Lausanne im Juli 1932 werden die Zahlungen praktisch beendet. Bis dahin hat Deutschland zwar enorme Summen, aber dennoch nur einen Bruchteil der geforderten Reparationen bezahlt. ERZÄHLERIN Ein halbes Jahr später wird Hitler Reichskanzler. Sofort fliegen ihm die Herzen der Reichswehrelite zu. Er verspricht, den Versailler Vertrag endgültig zu erledigen, er verspricht die verlorengegangenen Gebiete zurückzuholen. Er verspricht, die alte Herrlichkeit des Militärs wieder herzustellen. Und noch viel mehr. Der Versailler Vertrag – ein Frieden auf schiefer Ebene, ein Frieden, der direkt in den nächsten Krieg führen wird. MUSIK TC 24:00 – Outro
- 01.08.202420 min
Im August 1914 war Deutschland siegesgewiss, doch bald trat Ernüchterung ein. Viele Soldaten und weite Teile der Zivilbevölkerung wurden des Krieges überdrüssig. Aber die deutsche Politik trieb den Krieg unbeirrt weiter - bis zum großen Zusammenbruch im Sommer 1918. Von Rainer Volk (BR 2014) Credits Autor: Rainer Volk Regie: Sabine Kienhöfer, Dorit Kreissl, Andreas Mangold Es sprachen: Beate Himmelstoß, Rainer Buck Technik: Gerhard Wicho Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Gerhard Hirschfeld, Prof. Ulrich Lappenküper, Hans-Peter Tombi (†) Linktipps: SWR (2024): Der Ausbruch des Krieges – Tagebücher des Ersten Weltkriegs Als im Juni 1914 in Sarajewo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau ermordet werden, ist Europa ein von Spannungen gezeichneter Kontinent. Der Erste Weltkrieg bricht aus. Die Menschen empfinden es als ihre Pflicht, für das Vaterland in den Krieg zu ziehen. Die junge Kosakin Marina Yurlova will für den russischen Zaren kämpfen. Der 18-jährige Peter Kollwitz zieht für Deutschland an die Westfront; der Landwirt Karl Kasser soll das Großreich Österreich-Ungarn an der Ostfront verteidigen. Im ostdeutschen Schneidemühl, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, fürchtet die zwölfjährige Elfriede Kuhr den Einmarsch der Russen. Im französischen Sedan erlebt der zehnjährige Yves Congar, wie seine Heimatstadt von den Deutschen angegriffen wird. JETZT ANSEHEN ZDF (2020): Der Preis des Krieges – Erster Weltkrieg Mit dem Ersten Weltkrieg beginnt das Zeitalter der industriell geführten Massenkriege. Rund 20 Millionen Menschen sterben. Generationen verlieren Zukunft, Gesundheit und Wohlstand. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: m Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:55 – Deutsch-französische Erbfeindschaft? TC 06:18 - Kriegspropaganda TC 10:37 – Vom Land auf die See TC 12:56 – Kriegsmüdigkeit TC 16:01 – „Verloren haben wir alle“ TC 19:33 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Erzählerin: Ein Regiment marschiert, von den Bürgern bejubelt, mit Musik aus einer Garnisonsstadt zur Eisenbahn, um an die Front zu kommen; der Bürgermeister spricht, der Regimentskommandeur dankt. Begeisterung, Patriotismus, Opferbereitschaft für das Vaterland – der Kriegsbeginn im August 1914 stößt in der deutschen Bevölkerung auf große Euphorie. O-Ton Hörbild 1914: Herr Oberst, ich kann es mir in dieser Bewährungsstunde nicht versagen, im Namen der Stadt und ihrer Einwohner unserem geliebten Regiment „Lebewohl“ zu sagen. Hurra! Hurra! Erzähler: Zumindest vermittelt dieses Hörbild einen solchen Eindruck. Diese akustische Szene stammt allerdings aus dem Jahr 1918. Sie ist ein Propagandaprojekt, das eine allseitige Euphorie bei Kriegsbeginn beschwört – das so genannte „Augusterlebnis“ in Deutschland. In Wirklichkeit aber ist die Stimmung im Sommer 1914 sehr vielschichtig. Professor Gerhard Hirschfeld, Mitherausgeber der „Enzyklopädie 1. Weltkrieg“, beschreibt die Atmosphäre: O-Ton Gerhard Hirschfeld: Patriotische Begeisterung einerseits, aber auch die Furcht vor der kommenden Ungewissheit, die Sorge um die familiäre und berufliche Existenz. Und vor allen Dingen – das scheint mir sehr wichtig zu sein – die Entladung einer ungeheuren Anspannung. MUSIK Erzählerin: Am 1. August 1914, einem Samstag, befiehlt Kaiser Wilhelm die „Mobilmachung“. Er hat seinem Verbündeten Kaiser Franz Joseph in Wien Beistand gegen Russland versprochen. Der Kriegsplan, der so genannte „Schlieffen-Plan“, stammt von Alfred von Schlieffen und liegt schon seit mehreren Jahren in der Schublade; Schlieffen selbst ist bereits eineinhalb Jahre vor Kriegsausbruch gestorben; trotzdem bleibt sein Nachfolger als Generalstabschef Helmuth von Moltke bei dessen Ideen. Denn das Kalkül der Deutschen ist unverändert: ein Zweifrontenkrieg im Osten und Westen muss vermieden werden. Deshalb soll als erstes Frankreich in einem kurzen Feldzug besiegt werden. Russland brauche für seine Mobilisierung sehr viel länger, da könne man also warten – so glaubt man in Berlin. TC 02:55 – Deutsch-französische Erbfeindschaft? Erzähler: Frankreich und Deutschland sind damals seit vielen Jahrzehnten – eigentlich Jahrhunderten – tief zerstritten; alle reden von ‚Erbfeindschaft’ und haben noch den Krieg von 1870/71 vor Augen. Aber die Rivalität der beiden Nachbarländer ist nicht die Hauptursache für den Ausbruch des Weltkrieges. Der Historiker Professor Ulrich Lappenküper skizziert die Interessen des Deutschen Reiches: O-Ton Ulrich Lappenküper: Es ging dem deutschen Kaiserreich ja in erster Linie darum, die englische Suprematie zur See zu brechen. Notwendig war, und da kommt nun der Schlieffen-Plan tatsächlich ins Spiel, dies aus Sicht des Generalstabs durch den militärischen Sieg über Frankreich. Erzählerin: Bereits in der Nacht vom 1. zum 2. August 1914 beginnen deutsche Truppen ihren Vormarsch, zunächst durch neutrale Länder: Infanteristen nehmen den Bahnhof des Örtchens Troisvierges in Luxemburg ein – von dort aus laufen Gleise Richtung Belgien, das die Deutschen auch erobern wollen. Diese ersten Tage des blitzartigen Vormarsches werden in Militärkreisen noch jahrzehntelang als „tolle Zeit“ erinnert. Ein Indiz ist der Radio-Bericht eines Berliner Majors vom Angriff auf Lüttich. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1934: O-Ton Major Nidda: Am 1. August früh morgens, ich weiß die Stimmung noch wie heute, fuhren wir fünf Sturmführer der fünf Brigaden von Berlin der Grenze zu. Deutschland in großer Wallung. Erzähler: Einen Monat lang eilen die deutschen Truppen im Westen von Sieg zu Sieg – bei rasch steigenden Verlusten. Geradezu mythischen Stellenwert erlangen Berichte von Rekruten, die frisch vom Abitur an die Front geschickt wurden und beim ersten Sturmangriff bei Langemarck in Flandern mit der Nationalhymne auf den Lippen fallen. Doch der Versuch, die französische Armee und ein britisches Expeditionskorps vernichtend und endgültig zu schlagen, misslingt: An der Marne und am Flüsschen Somme können die Alliierten die Front stabilisieren. Damit beginnen vier Jahre Stellungskrieg – auch in Elsass-Lothringen, das 1871 von Deutschland annektiert wurde. MUSIK & ATMO Erzähler: Unterwegs am „Hartmannsweilerkopf”, einem großen Bergrücken der Vogesen nordwestlich von Mulhouse. Hier sind bis heute Spuren der einzigen Front auf damals „deutschem Boden” zu sehen. Um die ehemaligen Befestigungs-Anlagen und eine Chronik der dortigen Kämpfe kümmert sich ein deutsch-französischer Verein, den der mittlerweile verstorbene Hans-Peter Tombi gegründet hat. Auf einer seiner Führungen steht er auf einer Kuppe und deutet in Richtung Westen: O-Ton Hans-Peter Tombi: Das war das Ziel der Franzosen: Dieser Ausblick – rein in die Ebene vom Elsass. Denn von hier aus konnte man das Artillerie-Feuer steuern und leiten und die Deutschen im Tal stören. Es hat natürlich nicht funktioniert, denn die Abwehr des Feindes war den Deutschen bewusst. TC 06:18 - Kriegspropaganda Erzählerin: Ein Blick in den Osten – dort wird 1914 ein Mann eine wichtige Rolle spielen, dessen Name die Deutschen noch lange begleiten wird: Paul von Hindenburg. Den General hat der Kaiser eilig aus der Pension zurück in den aktiven Dienst geholt. Denn an der Ostfront hat die russische Armee doch schneller angegriffen als erwartet. Hindenburg und Ludendorff, sein Chef-Stratege, erhalten dort die Befehlsgewalt - und siegen: O-Ton Paul von Hindenburg: Ihr habt einen vernichtenden Sieg über fünf Armeekorps und drei Kavallerie-Divisionen errungen. Mehr als 90.000 Gefangene, ungezählte Geschütze und Maschinengewehre, mehrere Fahnen und viele sonstige Kriegsbeuten sind in unseren Händen. Die geringen, der Einschließung entronnenen Trümmer der russischen Narew-Armee ziehen nach Süden über die Grenze. Die russische Wolga-Armee hat von Königsberg her den Rückzug angetreten. Es lebe seine Majestät, der Kaiser und König. Hurra! Erzählerin: Hindenburgs Aufruf an seine Soldaten nach der „Schlacht von Tannenberg”, ist nicht authentisch. Angeblich fand er Ende August 1914 statt, in Wahrheit aber wurde das Tondokument erst 1917 für die deutsche Kriegspropaganda aufgenommen. Erzähler: Anders als im Westen erstarrt das Kriegsgeschehen im Osten nicht in Gräben und Bunkern: Es herrscht Bewegung, die Deutschen marschieren vor. Die Erfolge werden jedoch durch Siege der Zarenarmee gegen Deutschlands Verbündeten Österreich-Ungarn teilweise zunichte gemacht. Die Gesamtlage bleibt daher prekär. Professor Gerhard Hirschfeld: O-Ton Gerhard Hirschfeld: Es ist ein Bewegungskrieg, der massenhafte Verluste bringt. Ohne deutsche Hilfe hätte Österreich-Ungarn diesen Krieg schon früh aufgeben müssen im Osten. Ein Kriegsfeld sollte man unbedingt noch nennen: Das ist der Krieg gegen Serbien – vor allen Dingen deshalb, weil er von ungeheurer Grausamkeit geprägt ist. Und wir verstehen bis heute nicht bestimmte Reaktionen sozusagen in dem serbischen Gefühlshaushalt, wenn wir nicht wissen, was dort während des Ersten Weltkriegs passiert ist. O-Ton Englischer Gasangriff Erzählerin: So klingt der damalige Versuch, einen Gasangriff akustisch einzufangen. Die neue Waffe wird ab April 1915 eingesetzt – zuallererst von Deutschen. Der Chemie-Krieg – mit Senfgas, Blaukreuz, Chlor und anderen Stoffen – soll wieder Bewegung in das erstarrte Frontgeschehen im Westen bringen. Doch letztlich endet auch diese Eskalation in einem „Gleichgewicht des Schreckens“ und bringt nicht den erhofften Sieg im Völkersterben. Erzähler: Im Westen dauert der Stellungskrieg also an – und was das bedeutet, zeigt das Beispiel Hartmannsweilerkopf. Hier summiert sich die Zahl der Toten, Verwundeten, Invaliden und Kriegsgefangenen in vier Jahren auf etwa 30.000. Dabei geht es nur um wenige hundert Meter Front. Und dafür wird noch dazu ein gewaltiger materieller Aufwand betrieben: Die Soldaten höhlen den Berghang unterhalb der etwa 950 Meter hohen Kuppe mit Bunkern, Unterständen und Gängen regelrecht aus. Die jeweils dreieinhalbtausend Mann auf beiden Seiten, die in vorderster Linie kämpfen, haben Strom, Wasser, Etagenbetten und ein unterirdisches Operationszimmer. Hans-Peter Tombi erläutert das in einem der Stollen: O-Ton Hans-Peter Tombi: Hier in dem Malepartus-Stollen war ein ständiger Arzt. Das heißt, die Schwerverletzten wurden hierher gebracht von der Front durch ein Stollensystem und wurden hier vor dem Weitertransport behandelt. Erzähler: Schauplätze wie Verdun sind berühmter als das Elsass. Doch Experten wie Gerhard Hirschfeld meinen: Noch wichtiger als Verdun, weil typischer, sei das Geschehen an der Somme. Hier, im äußersten Norden Frankreichs steht die Front ebenfalls seit Herbst 1914. Allerdings wollen dort Franzosen und Briten in die Gegenoffensive gehen; nach langer Planung leitet schweres Artillerie-Feuer im Sommer 1916 den Angriff ein: O-Ton Gerhard Hirschfeld: Wenn man sich die Monate 1916, die die Somme-Schlacht umfasste und zwar vom 1. Juli bis etwa 25. November anschaut, so haben wir ein Ausmaß an Vernichtung, das Verdun weit übersteigt. Wir haben etwa 1,3 Millionen Verluste. Sie liegen doppelt so hoch als wie für Verdun. TC 10:37 – Vom Land auf die See MUSIK Erzählerin: Da sich der Sieg in einem Landkrieg nicht erzielen lässt, hoffen Militärführung und Öffentlichkeit in Deutschland bald auf andere Waffen – so auch auf die kaiserliche Marine. Erzähler: Im Krieg selbst zeigt sich jedoch bald: Die deutsche Schlachtflotte ist der britischen Royal Navy weit unterlegen und dümpelt ab 1916 nur noch in den Häfen vor sich hin. Stattdessen konzentriert die Marineführung ihre Anstrengungen nun auf die U-Boot-Waffe. Da britische Schiffe mit einer Seeblockade das Land von der Einfuhr wichtiger Rohstoffe abschneiden, präsentiert die Marine bereits 1914 ein „Handels-U-Boot“, das unter dem Sperr-Riegel wegtauchen kann. Der Kommandant dieses Boots, Paul König, wird ebenfalls zu einer Schallplatten-Aufnahme gebeten: O-Ton Paul König: Dem friedlichen Handel inmitten des Weltkrieges zu dienen und den deutsch fühlenden Herzen drüben in Amerika ein greifbar Zeugnis zu bringen davon, dass Deutschland noch stark in ungebrochener Schaffenskraft besteht und aushalten wird, für seine Ideale und die Freiheit der Meere zu kämpfen, war und wird unsere erste Pflicht sein, auch auf den ferneren Fahrten. Erzählerin: Wichtigste Aufgabe der neuartigen Waffe ist der so genannte „unbeschränkte U-Boot-Krieg“: Handels- und Passagierschiffe auch neutraler Staaten sollen versenkt werden. Februar 1917 setzen sich die Befürworter des „unbeschränkten U-Boot-Kriegs“ in Berlin endgültig durch: Torpedos und Kanonen werden nun auf Schiffe aller Arten und Nationalitäten abgefeuert. Für die USA – politisch bereits lange mit Briten und Franzosen auf einer Linie – bietet das den Anlass, die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich einzustellen und Berlin den Krieg zu erklären. Zwar ist vorher bereits in Afrika und im Nahen Osten gekämpft worden – jetzt aber ist endgültig „Weltkrieg“. TC 12:56 – Kriegsmüdigkeit MUSIK Erzähler: Im November 1916 stirbt Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn, der wichtigste Verbündete des Deutschen Reiches. Wenig später scheint ein Friedensschluss in greifbarer Nähe. In den Chroniken finden sich Waffenstillstands- und Friedensangebote – auch von deutscher Seite. Doch die Alliierten lehnen rundweg ab: Man zweifelt an der Ernsthaftigkeit der Absicht. Erzählerin: Spätestens seit diesem Zeitpunkt herrscht in Deutschland ein tiefes Zerwürfnis in der Politik. Konservativ-nationale Kräfte drängen weiterhin auf einen so genannten „Siegfrieden“ mit Gewinnen an Land und Ressourcen. Die Arbeiter und ihre Vertreter dagegen murren: Die ‚kleinen Leute’ spüren die mangelhafte Lebensmittelversorgung im Reich am stärksten – sie haben Hunger, gehen in die Wälder, Kräuter und Beeren pflücken, bekommen Ersatzstoffe, die sie sättigen sollen, und hungern trotzdem weiter. Jede Familie beklagt Gefallene, man ist kriegsmüde. Zumal sich die gesellschaftliche Situation anders entwickelt hat als erhofft: Seit die Generäle Hindenburg und Ludendorff im August 1916 als Chefs der gesamten Heeresleitung eingesetzt worden sind, ist eine Art „Militärdiktatur“ entstanden: Kaiser, Reichskanzler und Parlament haben wenig zu sagen. So verlangen SPD-Abgeordnete im Mai 1917, unter ihnen Philipp Scheidemann, einen Verständigungsfrieden: O-Ton Philipp Scheidemann: Es ist genug. Es wäre ein Glück für ganz Europa, wenn wir schnellstens einen Frieden der Verständigung haben könnten. Erzähler: Auch an den Fronten ist die Kriegsmüdigkeit 1917 nicht mehr zu übersehen: Selbst einfache Soldaten erkennen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. So kommt es – zum Beispiel an Weihnachten – zu Verbrüderungen über die Schützengräben hinweg. Dort, wo sich über Monate kaum etwas tut und die Stellungen manchmal nur wenige Meter auseinander liegen wie am Hartmannsweilerkopf im Elsass, braucht es für diese verbotenen Momente aber keine Feiertage. Hans-Peter Tombi berichtet: O-Ton Hans-Peter Tombi: Da werden etliche Überlieferungen weiter getragen, zum Beispiel ein französischer Elsässer, kocht auf der anderen Seite und der Deutsche fragt: Hhhm, das riecht aber heute gut bei Dir drüben! – Und dann fragt der Elsässer: Haste Hunger? – Dann sagt er: Ja natürlich. – Ja, dann komm’ doch rüber. Und dann hat man zusammen gegessen. Das ging natürlich immer so lange gut, bis die Offiziere das gemerkt hatten. Erzählerin: Derartige Anekdoten finden sich immer wieder in verschiedenen Berichten von Truppenteilen und in Feldpostbriefen. Diese Dokumente auf die wahren Kriegserlebnisse hin auszuwerten, ist nicht leicht – denn bestimmte Tabus, wie etwa die Angst vor dem Tod, werden kaum angetippt. Aber eins scheint sicher: Die angebliche „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen wird von vielen im Verlauf des Ersten Weltkriegs überwunden, viele Soldaten sehen sich als Opfer der Politik. TC 16:01 – „Verloren haben wir alle“ O-Ton Amerikanisch-Französisch-Kurs: Have you seen any American soldiers? - …where are our headquarters… I want to find my regiment? – Have you seen the enemy… Can you give me any information about the enemy… we are going to attack… Erzähler: 1917 verlegen die USA erste Truppen nach Europa – hier ein Französisch-Sprachkurs für amerikanische Soldaten aus diesem Jahr. Das wirkt sich auf die Kämpfe in Belgien und Nordfrankreich zwar nur allmählich aus: Die Amerikaner haben keine Kampferfahrung und erleiden anfangs große Verluste. Strategisch gesehen aber zerstört der Auftritt der Amerikaner auf dem Schlachtfeld de facto die letzten deutschen Siegeshoffnungen. Gerhard Hirschfeld: O-Ton Gerhard Hirschfeld: Hinter dem Komplex USA verbergen sich ja nicht nur die kriegführenden Truppen. Da ist eine industrielle Macht, da ist eine Kapazität vorhanden, die vor allen Dingen in wirtschaftlicher und auch in moralischer Breite diesen Krieg beeinflussen kann. Und das brachte nicht nur für die kriegführenden Franzosen und Briten einen ungeheuren Aufschwung, sondern eben auch versetzte die Deutschen doch in eine ziemliche Panik. Erzählerin: Das schließt die obersten deutschen Generäle ein. Während im Osten in Folge der russischen Revolution bereits Friede herrscht, wird im Westen noch weitergekämpft. Erst im Sommer 1918 stellen die Deutschen dort ihre letzte Offensive ein, die sie unter Aufbietung aller Kräfte gestartet haben. Die Truppen sehen sich erstmals starken Panzerverbänden gegenüber, denen sie nicht gewachsen sind. Erzähler: Das Deutsche Reich ist besiegt. Es stehen keine weiteren Soldaten mehr zur Verfügung, die Materialvorräte gehen zu Ende und die Bevölkerung ist völlig erschöpft, ausgehungert und ausgezehrt. Der berühmt-berüchtigte Steckrübenwinter, die permanente Mangelwirtschaft und die Verluste an der Front führen zu einer allgemeinen Demoralisierung. Die Weigerung Kieler Matrosen, mit den Schiffen der Schlachtflotte ein letztes Mal auszulaufen, führt Ende Oktober zu Unruhen in den Großstädten. Die Generäle erkennen: Der Krieg ist nicht mehr fortsetzbar. Bereits ein paar Monate zuvor haben Ludendorff und Hindenburg gefordert, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Nun, am 11. November 1918, wird in Compiegne bei Paris der Waffenstillstand unterzeichnet; zwei Tage zuvor ist Kaiser Wilhelm nach Holland ins Exil geflüchtet. Er wird noch im gleichen Monat abdanken und für alle Zeiten auf den Thron verzichten. MUSIK Erzählerin: Eine Aufnahme von 1996. Raymond Abescat, ein 105-jähriger Kriegsveteran, singt ein Soldatenlied seiner Einheit aus dem Ersten Weltkrieg. Ein Indiz dafür, wie nachhaltig die Zeugen dieser Zeit von ihr geprägt wurden und dass der Historiker George Kennan recht hatte, als er den Ersten Weltkrieg die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ nannte? Die Zahl der Opfer des Ersten Weltkriegs weltweit wird auf etwa 9,5 Millionen Tote und doppelt so viele Verwundete geschätzt. Allein auf deutscher Seite starben etwa 2 Millionen Menschen, auf französischer 1,3 Millionen. Charles de Gaulle, selbst vor Verdun verwundet und dann Kriegsgefangener in Ingolstadt, bilanzierte die Jahre von 1914 bis 18 später mit dem Satz: „Es gab Sieger und Besiegte, verloren haben wir alle.“ TC 19:33 - Outro
Sarajewo, 28. Juni 1914: Schüsse eines Attentäters treffen Erzherzog Franz Ferdinand, den Thronfolger vonÖsterreich-Ungarn, und seine Gattin Sophie. Einen Monat später stellt sich heraus: Es waren die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs. Die Hintergründe, die zum Ausbruch dieser "Urkatastrophe" führten, sind komplex. Bis heute werden sie intensiv diskutiert. Von Thomas Morawetz (BR 2008) Credits Autor: Thomas Morawetz Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer, Rainer Buck Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Katrin Boeckh, Dr. Peter Helmberger Anmerkung der Redaktion: Prof. Dr. Katrin Boeckh war zum Zeitpunkt des Interviews Historikerin am Osteuropa-Institut in Regensburg. Inzwischen arbeitet sie am Leibniz.Institut für Ost- Und Südosteuropaforschung. Linktipps: ARD alpha (2014): Europas letzter Sommer – Die Julikrise 1914 Am 28. Juni 1914 wird in Sarajewo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. International nutzen Diplomaten und Staatslenker das Attentat als Vorwand, die eigene Macht zu vergrößern und alte Rechnungen zu begleichen. In nur wenigen Wochen stürzen Kompromisslosigkeit, Größenwahn und blinder Gehorsam den Kontinent in den bis dato größten Krieg der Menschheitsgeschichte. Das Dokumentarspiel von ARD-alpha aus der Reihe "Vom Reich zur Republik" beleuchtet die Zeit zwischen Attentat und Kriegsausbruch, die rückblickend auch als "Julikrise" in die Geschichte eingegangen ist. Im Fokus stehen dabei die komplexen Motivationen und Entscheidungsfindungen der Staatslenker und Diplomaten Europas. Basierend auf Originaldokumenten führt der Film den Zuschauer durch die Arbeits- und Konferenzzimmer der verschiedenen Machtzentren des Kontinents sowie durch die Clubs und Cafés der Hauptstädte, in denen die Gespräche zwischen den beteiligten Diplomaten stattfanden. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2018): Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajewo Er war der Mann, der 1914 zur Pistole griff und den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau tötet: Gavrilo Princip, Unabhängigkeitskämpfer der Serben und Kroaten und Gegner der österreichisch-ungarischen Monarchie. Seine Tat löste mit den Ersten Weltkrieg aus. Princip starb am 28. April 1918. ZUM BEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 - Intro TC 02:00 – Folgen eines Machtvakuums TC 05:33 – Die Kriegsschuldfrage TC 09:12 – Von der Julikrise bis zum Weltkrieg TC 12:29 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro ATMO Straßengeräusch SPRECHERIN Sarajewo, die Hauptstadt Bosniens – Sonntag, der 28. Juni 1914, kurz nach 10 Uhr morgens: SPRECHER Eine Fahrzeugkolonne von sechs Autos setzt sich in Bewegung Richtung Innenstadt. Höchster Besuch! Seit wenigen Jahren ist Bosnien ein Teil von Österreich-Ungarn. Im dritten – offenen – Wagen sitzen der Österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie. SPRECHERIN Am Ende dieser Fahrt wird sich der Anlass für den Ersten Weltkrieg ergeben haben. Und am Ende des Krieges wird Deutschland dafür die Verantwortung zugesprochen werden. SPRECHER Die Route der Kolonne haben die Zeitungen schon vor Wochen bekannt gegeben. An den Straßen drängen sich die Schaulustigen und Jubelnden. Plötzlich wirft ein junger Mann eine Bombe gegen das Auto des Thronfolgers. Die Handgranate prallt ab und explodiert vor dem nächsten Wagen. Ein Insasse wird schwer verletzt. SPRECHERIN Verwirrung. Die Kolonne erreicht das Rathaus, dort fasst man sich wieder. Jetzt will der Thronfolger weiter, direkt ins Hospital zu seinem verletzten Begleiter. SPRECHER Wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt springt auf einmal ein junger Mann aus der Menge auf. Zwei Schüsse fallen. Der Erzherzog wird in die Halsschlagader getroffen, Sophie in den Unterleib. Der Mitfahrende Graf Harrach sagt später aus: ZITATOR: Mitfahrender Harrach Während das Auto zurückstieß, spritzte ein dünner Blutstrahl aus dem Munde seiner kaiserlichen Hoheit auf meine rechte Backe. … Den Erzherzog hörte ich dann sagen: `Sopherl, Sopherl, stirb mir nicht, bleibe für meine Kinder´.“ SPRECHERIN Es ist zu spät. Die beiden erliegen ihren Verletzungen. TC 02:00 – Folgen eines Machtvakuums MUSIK „Der Balkan: Hexenkessel Europas“ SPRECHER Der Schütze, Gavrilo Princip, ist ein Heißsporn, ein junger bosnischer Student. Er und seine Mitattentäter sind serbische Nationalisten; in Bosnien leben etliche Serben! Für sie ist der Erzherzog nichts anderes als ein verhasster Besatzer. Denn Bosnien – finden die Serben – ist unser! SPRECHERIN Serbien – das kleine junge Königreich im Osten von Bosnien – erlebt gerade ein nationales Hochgefühl der Sonderklasse. Wie ein Luftballon bläht sich sein Selbstbewusstsein zwischen zwei alten Großmächten in der engen Region auf: zwischen Österreich und den Osmanen. Denn auf dem Balkan ist alles ins Rutschen geraten. SPRECHER Seit einigen Jahrzehnten sind die Osmanen auf dem Rückzug und hinterlassen ein Machtvakuum. Den Serben ist es deshalb vor kurzem gelungen, sich einen fetten Teil der Beute zu sichern: einen satten Gebietszuwachs und Hoffnung auf mehr! SPRECHERIN Denn Serbien träumt von einem jugoslawischen, wörtlich: „südslawischen“ Großreich unter seiner Führung auf dem Balkan. Katrin Boeckh ist Historikerin am Osteuropa-Institut in Regensburg: ZUSP: BOECKH Also, dieses Südslawische ging davon aus, dass man eben eine kulturelle, eine sprachliche, eine religiöse Gemeinsamkeit aller Südslawen hat, … und dass das eben dazu führen soll, dass man eine politische Einheit unter allen Südslawen herbeiführt. SPRECHER Exotisch ist der Gedanke nicht. Überall in Europa ist der Nationalismus modern und aggressiv. Doch gerade der serbische Traum ist brandgefährlich! Denn das Mittelmeer ist eine hoch sensible Region. SPRECHERIN Über das Mittelmeer muss Russland seine lebenswichtigen Getreideexporte abwickeln. Engländer und Franzosen laufen von dort Kolonien in Nordafrika an. Über den Suezkanal führen die Routen in den Indischen Ozean. SPRECHER Und: Für Österreich-Ungarn geht es auf dem Balkan vielleicht um alles: Die alte Großmacht ist angezählt. Ihr Hauptproblem: 12 Völker leben in ihr – hochexplosiv in nationalistischen Zeiten! Gelingt es nicht, den serbischen Nationalismus zu bändigen, könnte das ganze Reich in die Zentrifuge geraten. SPRECHERIN Die Doppelmonarchie sieht nur noch eine Lösung: stärker werden auf dem Balkan! Deshalb hat sie ihrerseits erst vor kurzem Bosnien annektiert – ihre Beute aus dem Türken-Erbe. Der Besuch des Thronfolgers war also tatsächlich eine Art Inspektion auf hoch gefährlichem Gelände. SPRECHER Steckt also Serbien hinter dem Attentat? SPRECHERIN Sicher scheint heute so viel: Die jungen Heißsporne um Princip hatten Hilfe gesucht für die Durchführung ihres Anschlags. Dabei sind sie an eine serbische Geheimorganisation geraten – die „Schwarze Hand“. Katrin Boeckh: ZUSP. Boeckh Also, die „Schwarze Hand“ – Crna ruka – ist eigentlich zu charakterisieren im heutigen Sinn als eine terroristische Vereinigung mit militärischem Hintergrund, also, hier spielen Offiziere eine große Rolle. Aber eine direkte Beteiligung der serbischen Regierung für dieses Attentat lässt sich nicht nachweisen. SPRECHER Hexenkessel Balkan! Doch was hat Deutschland damit zu tun? Immerhin formuliert nach dem Krieg eine Alliierte Note: Das Deutsche Reich trägt allein die Schuld am Ausbruch des Großen Krieges! TC 05:33 – Die Kriegsschuldfrage MUSIK „Rückblende – Die Großmächte auf dem Weg zur Katastrophe“ SPRECHERIN Die so genannte „Kriegsschuldfrage“ gehört zu den am leidenschaftlichsten diskutierten Streitfragen der jüngeren Geschichte. Im engeren Sinn bezieht sie sich auf die jetzt folgenden Julitage nach den Schüssen - dazu gleich. SPRECHER Doch zuerst die weiteren Zusammenhänge: Wie sehen die Machtverhältnisse in Europa aus, dass Deutschland in einen Balkankrieg geraten kann? Noch einmal also die Uhr zurückdrehen; gut 40 Jahre vor das Attentat, ins Jahr 1871, zur Gründung des Deutschen Reichs. Peter Helmberger ist Historiker an der Universität in München: ZUSP. Helmberger Mit dieser Gründung des neuen Deutschen Reiches … gibt es auf dem Kontinent eine große Zentralmacht – erstmals wieder – die von der Größe des Landes wie von der Bevölkerung für alle anderen Mächte erst einmal eine Neuerung darstellt und durchaus auch eine Herausforderung. SPRECHERIN Welchen Platz wird also der frisch geschlüpfte Riese im Kreis der Großen finden? Bismarck hat sich die Reichsgründung durch einen Krieg mit Frankreich ertrotzt. Ein Auftakt mit Gewalt. SPRECHER Und auch schon eine erste Ursache für die spätere Katastrophe: Frankreich wird das nicht vergessen. Und Deutschland weiß daher genau: Es muss sich in Acht nehmen: vor Frankreich und – vor Russland! Denn beide zusammen könnten das junge Reich von Westen und Osten her in die Zange nehmen. Geometrie der Macht. SPRECHERIN Erste Absicherungsmaßnahmen: 1879 schließt Deutschland mit Österreich-Ungarn den Zweibund der Mittelmächte. Nun würde es am liebsten auch Russland noch ins Boot bekommen. Doch das misslingt während der nächsten Jahre gründlich. SPRECHER Mit dramatischen Konsequenzen: Russland findet einen neuen Partner – ausgerechnet Frankreich! Großes Malheur! MUSIK SPRECHERIN Nächste Etappe, die Jahre ab 1900: Deutschlands Selbstbewusstsein ist ungebrochen. Kaiser Wilhelm II. verkündet neue Ansprüche: Ein „Platz an der Sonne“ muss her! Das heißt: Deutschland will nun auch ins große Kolonialgeschäft einsteigen. Dafür beschließt es den Bau einer mächtigen Schlacht-Flotte. Es ist natürlich eine klare Ansage an die übrigen europäischen Großmächte und in dem Fall insbesondere an die … SPRECHER Seemacht England – Das 19.Jh. war das Jahrhundert des Britischen Empire. Doch nun stößt es weltweit auf starke Konkurrenz: die aufstrebenden USA, auf Russland vom Mittelmeer bis zum Pazifik, auf Frankreich in Afrika! Und jetzt auch noch Deutschland! SPRECHERIN Wer sind die Guten, wer die Bösen? Es ist die Zeit des Hochimperialismus. Alle Großmächte kämpfen um Kolonien und um weltweite Marktzugänge. Jede Macht ein Hai für sich! Der Neuling Deutschland hofft, die Haie auszuspielen – bis er selbst umkreist wird. SPRECHER London versucht, sich Luft zu schaffen. Und tatsächlich: Ein Bündnis mit Frankreich gelingt – die Entente Cordiale. Bald darauf sitzt man auch mit dem Zaren am Tisch. Der Kreis der Entente-Mächte um Deutschland schließt sich. SPRECHERIN Die zehn Jahre vor Sarajewo sind nervenaufreibend – eine Krise nach der anderen. England, Frankreich, Russland werden dabei ein immer besseres Team. Der deutsche Kaiser zieht regelmäßig den Kürzeren. Die Stimmung im Reich ist geladen. Was kann man gegen die Einkreisung noch aufbieten? Peter Helmberger: ZUSP Helmberger Und dann ist Österreich-Ungarn tatsächlich der einzige Bündnispartner, den man noch hat, den man dann auch nicht schwächen kann. SPRECHER Ach ja, der Zweibund von 1879! Der Partner mit den schier unlösbaren Problemen! Durch ihn kommt Deutschland nun anstatt zu einem Platz an der Sonne – zu einem Krieg auf dem Balkan. ATMO Schüsse SPRECHERIN Denn nun fallen die Schüsse von Sarajewo. Österreich kocht und will sich an den Serben rächen. Doch die haben einen mächtigen Beschützer für ihre südslawischen Träume: den großen slawischen Bruder – Russland! Der Zar braucht einen festen Stand am Mittelmeer. Was liegt also näher, als den kleinen Bruder zu beschützen? TC 09:12 – Von der Julikrise bis zum Weltkrieg MUSIK „Die Julikrise – 31 Tage bis zu einer Menschheitskatastrophe“ SPRECHER Der Countdown läuft. Die Tage nach dem Attentat heißen „Julikrise“. „Krise“ – denn immer noch gibt es politische Kräfte, die versuchen, am Krieg vorbei zu denken. Aber vor allem den Militärs brennt die Zeit schon auf den Nägeln! SPRECHERIN Besonders den Deutschen. Denn Österreich wartet auf Antwort aus Berlin: Wenn Österreich nämlich Serbien angreift, wird zwangsläufig auch Russland in den Krieg eintreten! Alleine hätte Österreich aber gegen Russland keine Chance. Wird Deutschland also zu seinem Bündnispartner stehen? SPRECHER Seit Jahren hat Deutschland einen Plan für einen möglichen Krieg gegen Russland: den Schlieffenplan. Er geht aus vom Zweifrontenkrieg. Das heißt: Russland kann nur besiegt werden, wenn vorher blitzartig auf der Westseite Frankreich bezwungen wird. Erst dann können sich alle Kräfte gegen das langsamere aber viel gewaltigere Russland richten. Die deutschen Generäle fordern also: jetzt oder nie! SPRECHERIN 6. Juli: Deutschland gibt Österreich die berüchtigte Blanko-Vollmacht: Jede Reaktion gegenüber Serbien wird gedeckt. Am 28. Juli erklärt Österreich Serbien den Krieg. Die klaren Konsequenzen: Russland macht mobil. Dann erklärt Deutschland dem Zaren den Krieg: 1. August 1914! SPRECHER Schlieffenplanmäßig entfaltet sich das Desaster: Deutschland greift Frankreich an. SPRECHERIN Allerdings: Über das neutrale Belgien! Es liegt im Aufmarschgebiet der deutschen Divisionen. Ein klarer Völkerrechtsbruch mit enormen Folgen: Denn jetzt hat auch England einen Grund, um sich auf die Seite seiner Entente-Verbündeten zu schlagen. England erklärt Deutschland den Krieg. SPRECHER Deutschland, der eingekreiste Riese, hat nun endgültig einen schrecklichen Platz im Kreis der Großen gefunden. Es hat Österreich von der Leine gelassen, das neutrale Belgien überfallen und Frankreich angegriffen, damit es letztlich Krieg gegen Russland führen kann – um dadurch Österreich zu helfen. Nach dem Krieg wird es dafür zum Verursacher der Katastrophe erklärt werden. TC 12:29 – Outro
- 11.07.202432 min
"Der 20. Juli war der Schicksalstag unserer Familie". Das hat die Oma von Thies Marsen immer wieder behauptet. Und tatsächlich ändert sich nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler für das junge Paar alles. Von Thies Marsen (BR 2024) Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit Technik: Robin Auld & Roland Böhm Sounddesign: Dagmar Petrus Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Literaturtipp: Sophie von Bechtolsheim, Verlag Herder (2019): Stauffenberg – Mein Großvater war kein Attentäter (Gesprächspartnerin in Folge 4) Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: 11 KM: der tagesschau-Podcast Geschichten zum Weitererzählen und Recherchen, die bewegen. 11KM ist ein aktuelles Thema in aller Tiefe – spannend, investigativ und hochwertig. Victoria Koopmann und die besten Journalist:innen der ARD nehmen euch mit ins Geschehen, liefern euch neue Perspektiven und tauchen mit euch ab. So steht "11KM" für die rund elf Kilometer, die es hinab geht zum tiefsten messbaren Punkt der Erde im Marianengraben. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 11.07.202427 min
Schon wenige Tage vor dem 20. Juli wollen die Attentäter um Stauffenberg Hitler töten - und zwar bei Berchtesgaden, auf dem Obersalzberg, dem zweiten "Führerhauptquartier". Zur selben Zeit sind ebenfalls in Berchtesgaden: Oma und Opa des Autors. Und eine Tasche, in der die Bombe für das Attentat versteckt ist... Von Thies Marsen (BR 2024) Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit Technik: Robin Auld & Roland Böhm Sounddesign: Dagmar Petrus Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: Archivradio – Geschichte im Original Das Radio: Seit einem Jahrhundert Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Historische Tondokumente vermitteln ein Gefühl für wichtige Ereignisse und Stimmungen vergangener Jahrzehnte. Im Podcast „Archivradio – Geschichte im Orignal“ lassen sich so einmalige Momente und Ereignisse der Geschichte – fast wie live – anhören und miterleben. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 11.07.202437 min
Was hat sein Opa während des Nationalsozialismus gemacht? Thies Marsens Recherchen ergeben: Sein Großvater war ein Karriere-Offizier, der es tatsächlich bis in den Generalstab geschafft hat - in den näheren Umkreis von Hitler. Und er war an Wehrmachtseinsätzen beteiligt, von denen die Oma nie erzählt hat. Von Thies Marsen (BR 2024) Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit Technik: Robin Auld & Roland Böhm Sounddesign: Dagmar Petrus Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: Tatort Geschichte – True Crime meets History Bei Tatort Geschichte verlassen Niklas Fischer und Hannes Liebrandt, zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit: eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. "Tatort Geschichte" ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
- 11.07.202428 min
War Oma am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt? Der Autor Thies Marsen ist zunächst sehr skeptisch, als ihm seine Großmutter eröffnet: Sie habe die Aktentasche besorgt, in der Graf von Stauffenbergs Bombe platziert war. Dann taucht er in die Familiengeschichte ein. Was er herausfindet, lässt ihn bis heute nicht los. Von Thies Marsen (BR 2024) Credits Autor: Thies Marsen Regie: Martin Heindel Es sprachen: Thies Marsen, Maresa Sedlmeir, Sebastian Kempf, Friedrich Schloffer & Peter Veit Technik: Robin Auld & Roland Böhm Sounddesign: Dagmar Petrus Redaktion: Nicole Ruchlak, Thomas Morawetz & Johannes Berthoud Eine Produktion des BR 2024 von RadioWissen und dem BR StoryTeam Linktipps: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Sie ist ein Ort der Erinnerung, der politischen Bildungsarbeit, des aktiven Lernens, der Dokumentation und der Forschung. Mit einer umfangreichen Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Veranstaltungs- und Veröffentlichungsangebot informiert sie über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte will zeigen, wie sich einzelne Menschen und Gruppen in den Jahren 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspielräume genutzt haben. ZUR WEBSITE Dokumentation Obersalzberg Die Dokumentation Obersalzberg ist ein Lern- und Erinnerungsort. Sie setzt sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinander. Regelmäßige Veranstaltungen, öffentliche Rundgänge und ein umfangreiches Bildungsangebot ergänzen unsere Dauerausstellung. Fachlich betreut wird die Dokumentation Obersalzberg vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUR WEBSITE Bundesarchiv Berlin: Benutzung und Auskunft aus der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei Recherchen zu einzelnen Personen in der Mitgliederkartei werden auf Antrag durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs durchgeführt. Nutzerinnen und Nutzer erhalten daraufhin eine entsprechende Auskunft und – sofern vorhanden – Scans der Karteikarten. ZUM ARCHIV Militärarchiv Freiburg ZUM ARCHIV Besonderer Linktipp der Redaktion: BAYERN 3 True Crime – Unter Verdacht Wer wird hier zu Recht, wer zu Unrecht verdächtigt? Was, wenn Menschen unschuldig verurteilt werden und ihnen niemand glaubt? Oder andersherum: Wenn der wahre Täter oder die wahre Täterin ohne Strafe davonkommen? In der 7. Staffel des erfolgreichen BAYERN 3 True Crime Podcasts sprechen Strafverteidiger Dr. Alexander Stevens und BAYERN 3 Moderatorin Jacqueline Belle über neue spannende Kriminalfälle. Diesmal geht es um Menschen, die unter Verdacht geraten sind. Wer ist schuldig? Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Und werden am Ende immer die Richtigen verurteilt? ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
Wer auf der Südsee-Insel Samoa einen Blick ins Telefonbuch wirft, kann sich auf eine Überraschung gefasst machen. Nachnamen wie Keil, Thieme und Retzlaff zeugen von einer Zeit, die in Deutschland fast vergessen ist: Einen "Platz an der Sonne" suchte das Deutsche Reich auch auf Neuguinea, Samoa und anderen Südseeinseln. Die deutsche Kolonialzeit in der Südsee ist mehr als nur eine kuriose Randnotiz der Geschichte. Von Klaus Uhrig (BR 2014) Credits Autor: Klaus Uhrig Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Stefan Wilkening, Hemma Michel, Jerzy May Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Joseph Hiery Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK Linktipps: WDR (2023): Die deutsche Kolonialzeit – Was wir heute über sie wissen Am Ende des 19. Jahrhunderts gehörte das Deutsche Reich zu den Kolonialmächten Europas. Mit mörderischer Brutalität unterdrückten deutsche Kolonialherren die Bewohner der besetzten Länder. Ein düsteres Geschichtskapitel, über das bis heute noch wenig bekannt ist. JETZT ANSEHEN Das Kalenderblatt (2011): Deutsch-Neuguinea wird reguläre Kolonie (01.04.1899) Der 1. April 1899 bedeutete für die Papua-Bevölkerung den Anbruch einer neuen Zeit, denn Deutsch-Neuguinea wurde reguläre Kolonie des Deutschen Reichs. Bis heute ist es schwer, die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung vor der Kolonisierung zu rekonstruieren. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK Erzählerin: Ob seine melanesischen Diener Otto Ehlers wirklich aufgegessen haben, das lässt sich mit letzter Sicherheit nicht sagen. Unwahrscheinlich ist es aber nicht. Im tiefen Dschungel Neuguineas gibt es keine großen Tiere, die man jagen könnte und überhaupt kaum Nahrungsquellen. Wem hier die Vorräte ausgehen, den könnte so ein wohlgenährter Deutscher schon in Versuchung bringen. MUSIK ENDE Erzähler: Vielleicht haben sie ihn auch einfach nur erschossen, weil sie genug von seinen abstrusen Plänen hatten. Einmal die größte Insel der Südsee von Norden nach Süden durchqueren, zu Fuß, durch den unerforschten, dichten Dschungel. Das wäre selbst heute eine Schnapsidee. Im Jahre 1895 ist es der reinste Selbstmord. Erzählerin: Obendrein lässt sich Ehlers auch noch eine Kiste Gold und ein Stahlrohrbett durch den Urwald tragen. Ein zivilisierter Forschungsreisender schläft doch nicht in der Hängematte. Was er allerdings mit dem Gold vorhatte …. keine Ahnung. Erzähler: Klar ist nur: Ehlers kommt nie auf der Südseite der Insel an. Von seinen 40 Dienern überleben nur 22. Und als der deutsche Landeshauptmann von Neuguinea, Curt von Hagen, später die Mörder stellen will, wird auch er im Urwald erschossen. Erzählerin: Spätestens jetzt reibt sich wohl so mancher in der Heimat verwundert die Augen: Was genau wollten wir noch mal auf diesen gottverlassenen Dschungel-Inseln? MUSIK Erzähler: Ja genau, was eigentlich? MUSIK Erzählerin: Das deutsche Kolonialreich in der Südsee wirkt erst mal wie eine Randnotiz der Geschichte. Ein Kuriosum. Reichsdampfer am Korallenriff. Kuckucksuhr an der Kokospalme. Vielen Deutschen ist bis heute völlig unbekannt, dass das Deutsche Reich Kolonien im Südpazifik hatte. Also ein paar ganz kleine Kolonien. Erzähler: Die Inseln der Südsee sind der letzte weiße Fleck auf den Landkarten der Europäer. Erst im 18. Jahrhundert entdecken Handelsschiffe und Weltreisende die weitläufigen Inselreiche im Südpazifik – von den Hawaii-Inseln im Norden, über die winzigen Atolle Mikronesiens, bis hin zu den polynesischen Inselgruppen Tahiti und Samoa. Paradiesische Eilande – und dazwischen: Tausende Meilen offene See. Erzählerin: Bald stecken Engländer und Franzosen ihre Claims ab, Spanier, Holländer, Portugiesen, Amerikaner. Jeder will ein Stückchen vom Paradies abhaben. Und die Deutschen? O-Ton Joseph Hiery: Das ist ne durchaus interessante Geschichte: Was machten die Deutschen da in der Mitte des 19. Jahrhunderts? Erzählerin: Professor Joseph Hiery ist einer der wirklich seltenen Südsee-Kolonial-Experten, die es in Deutschland gibt. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Historiker von der Universität Bayreuth mit diesem Thema; diesem kolonialen Spezialfall, der so ganz anders verlief, als die Kolonisierung Afrikas. O-Ton Joseph Hiery: Kolonialismus bedeutet normalerweise, dass eine christliche Mission zuerst kommt, und dann übernimmt der koloniale Staat. Das haben wir häufig auch in der Südsee. Bei den Deutschen hat die Mission nie eine Rolle gespielt für die Kolonialisierung in der Südsee. Eine Mission kam erst, nachdem das Kolonie war, aber der Handel, der Handel, wenn man will, das Geld. Erzähler: Statt Soldaten oder Priester sind es nämlich deutsche Händler, die sich zuerst in die Südsee vorwagen. Und Walfänger. Zu diesem Zeitpunkt ist Waltran eine unersetzliche Ressource – vor allem für die Kerzenherstellung, elektrisches Licht gibt es ja noch nicht. Und die größten Walherden durchstreifen in dieser Zeit eben den Südpazifik. Erzählerin: Immer wieder lassen sich deutsche Matrosen auf den paradiesisch wirkenden Eilanden nieder. Diese sogenannten „Beachcomber“ gründen Familien mit einheimischen Frauen und gehen ganz in der Kultur der Einheimischen auf. O-Ton Joseph Hiery: Und dann kam von Südamerika Mitte des 19. Jahrhunderts ein deutscher Geschäftsmann, der in Valparaiso Geschäfte machte für ein deutsches Handelshaus, und kam nach Samoa und fand vor Ort auf fast jeder Insel einen Deutschen. Und das waren so die geborenen Agenten für seine Handelstätigkeit, denn über diese gemeinsame Zugehörigkeit, es gab ja noch keinen deutschen Nationalstaat, aber über die gemeinsame Sprache, die gemeinsame Kultur, lag es nahe, die mit Geschäften zu beauftragen. Das Wirtschaftsunternehmen wuchs. Und das fiel dann zufällig mit der Zeit in die Reichsgründung durch Bismarck hinein. Dann kam die Idee: Na ja, da, wo die Engländer noch nicht sind, da setzen wir uns ein. Schützen eigentlich die Wirtschaftsinteressen. MUSIK Erzähler: Im November 1884 hisst Otto Finsch, der sogenannte „Forschungsagent des Neuguinea-Konsortiums“, im fernen Nordosten Neuguineas die erste deutsche Flagge in der Südsee. Bis Ende Dezember reklamieren verschiedene Kapitäne dazu noch zahlreiche umliegende Inseln für das Deutsche Reich, und dazu die – Zitat – „unbestritten herrenlosen“ Archipele der Marshall-, Providence- und Brown-Inseln. Erzählerin: Wobei „unbestritten herrenlos“ sich natürlich nur auf weiße Kolonialherren bezieht. Die Inseln sind alles andere als unbewohnt. Aber die dunkelhäutigen Melanesier und Mikronesier werden von der Kolonial-Ideologie der Zeit bestenfalls als „edle Wilde“ gesehen – aus der Zeit gefallene Steinzeitvölker, die es zu zivilisieren gilt. Erzähler: Wohlgemerkt: Es sind Handelskapitäne, die die deutsche Flagge hissen. Deutsche Kolonie wird Nordost-Neuguinea erst 15 Jahre später. Bis dahin steht dieses sogenannte „Kaiser-Wilhelm-Land“ zwar unter dem Schutz des Reiches. Doch die Verwaltung liegt in den Händen der privaten „Neuguinea-Kompagnie“ – ein Konsortium aus Berliner Bankiers und Finanzinvestoren. Erzählerin: Lange bleibt das Schutzgebiet die einzige deutsche Besitzung in der Südsee. Deutsche Missionare versuchen, den äußerst unwilligen Melanesiern ihre Religion nahezubringen und ihnen den unter wahren Christenmenschen dann doch eher verpönten Kannibalismus auszureden. Deutsche Unternehmer gründen Kokos-Plantagen und deutsche Verwaltungsbeamte geben den melanesischen Inseln anständige deutsche Namen: Neupommern. Neubrandenburg. Bismarck-Archipel. Erzähler: Dann, Ende der 1890er Jahre, können die Deutschen ihr Kolonialreich noch einmal entscheidend erweitern. Von den schwächelnden Spaniern kauft man für 25 Millionen Peseten Palau, sowie die Marianen- und Karolineninseln. MUSIK Erzählerin: Und schließlich fällt der Blick der Deutschen auf ein mögliches Juwel in der kolonialen Perlenkette: das Polynesische Samoa. Ein Archipel aus wunderschönen Inseln, ein zweites Hawaii sozusagen. Offiziell noch keine Kolonie, wirtschaftlich gesehen aufgeteilt zwischen deutschen, englischen und amerikanischen Interessen. Erzähler: An dieser Stelle kommt wieder Otto Ehlers ins Spiel. Der exzentrische Reisende mit dem Stahlrohrbett, der einige Zeit später im Dschungel Neuguineas mutmaßlich ein unrühmliches Ende als Abendessen finden wird. MUSIK ENDE Erzählerin: 1894 ist eben dieser Otto Ehlers noch wohlauf, und widmet sich fleißig seinem liebsten Hobby, der Fernreise. Genauer gesagt: Der patriotischen Fernreise. Joseph Hiery: O-Ton Joseph Hiery: Ja, also Otto Ehlers ist so ein deutscher Dandy-Reisender, der relativ wohlhabend ist, wohl nichts arbeitet, weil er so viel Geld hat, und meint, er müsse die Welt sehen und dann auf den Spuren der deutschen Flaggenhissungen in die Welt reist und als erster da sein will, wenn da die deutsche Fahne gehisst wird. Und glaubt, er kommt nach Samoa, und die deutsche Fahne wird gehisst, und er kann da Beifall klatschen. Erzähler: In dieser Hinsicht ist Samoa eine Enttäuschung für Ehlers: Das Deutsche Reich denkt zunächst gar nicht daran, auf Samoa irgendeine Fahne aufzuziehen. Zu fragil scheint das Mächtegleichgewicht mit Amerikanern und Engländern. Zu unsicher der Nutzen eines solchen Unternehmens. Erzählerin: Dass sich das keine fünf Jahre später ändert, ist dann allerdings wohl auch Ehlers zu verdanken. Genauer gesagt: Dem Buch, das Ehlers nach seiner Rückkehr nach Deutschland schreibt: Samoa – Perle der Südsee. MUSIK Zitator Ehlers: Im Westen tauchte die matt leuchtende Scheibe des Vollmonds in die Wogen, während im Osten ein rosiger Schein das Nahen der Sonne verkündete. Und in diesem zauberhaften Zwielicht aus opalfarbig schillernder Flut sich erhebend, lag vor mir, vom Fuße zum Gipfel in dem üppigen Tropengrün prangend, die Insel Upolu. Wo soll ich armer Reisender Worte hernehmen, den wunderbaren Reiz dieses Bildes zu schildern, wie in trockener Prosa den Zauber eines lyrischen Gedichts, den Duft eines Blütenstraußes wiedergeben. MUSIK ENDE Erzähler: Zusammengefasst: Die Samoa-Inseln sind das reinste Paradies. In ihm leben besonders edle und schöne Menschen mit bronzefarbener Haut – kein Vergleich zu anderen Wilden. Und die Deutschen sollten sich diese Inseln unbedingt holen, bevor jemand anders schneller sein könnte. Erzählerin: Eine exotistische Schwärmerei eben. In einer an Schwärmereien nicht eben armen Zeit. Nichts Besonderes, dieser Bericht – könnte man meinen. Doch dann wird Ehlers‘ Reisebericht überraschend zum Bestseller. O-Ton Joseph Hiery: Und dann wird das im Reichstag zitiert in der Debatte, ob man Samoa Geld geben soll. Das Geld sei doch alles ins Meer geschmissen, argumentieren die Linksliberalen und die Sozialdemokraten, Taifun geht regelmäßig darüber, alles geht wieder kaputt. Und dann zitiert damals der Gouverneur Deutsch-Neuguineas das Buch – ja und: Das müssen sie doch kennen! Wie toll! Und wir haben solche prächtigen Menschen da. Und es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Deutschen, diese prächtigen Menschen zu schützen vor den bösen Franzosen, den bösen Engländern, den bösen Amerikanern und keiner kann’s so gut machen wie wir! Erzählerin: Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Argument, das schließlich den Reichstag zur Bewilligung der Gelder für eine Kolonie bringt, ist nicht etwa das deutsche Handelsinteresse, und auch kein militärisches Kalkül. Es ist der ebenso arrogante wie naive Wunsch, den edelsten aller edlen Wilden vor der Inkompetenz der anderen Kolonialmächte zu schützen. Erzähler: Diese Reichstagsdebatte ist dabei alles andere als eine besonders kuriose Episode innerhalb des deutschen Kolonialbetriebs. Sie ist vielleicht der Schlüssel zu dem, was in den nächsten Jahren entstehen sollte: der „Sonderfall Samoa“, die mit Abstand ungewöhnlichste aller deutschen Kolonien. O-Ton Joseph Hiery: Zunächst einmal ist’s ein, wenn man so will, klingt merkwürdig, ein positiver Rassismus hier zu erkennen. Das heißt, das Kolonialamt und seine Vorläuferbehörde im Auswärtigen Amt haben mal festgelegt, die Südsee-Insulaner sind anders zu behandeln als die Afrikaner. Erzähler: Konkret heißt das: keine Prügelstrafe. Keine Eisenkette. Keine Sklavenarbeit auf den Plantagen wie in den deutschen Kolonien in Afrika. Erzählerin: Zumindest nicht für die Samoaner. Bei den deutlich dunkelhäutigeren Bewohnern Neuguineas ist die Kolonialverwaltung weniger zimperlich. O-Ton Joseph Hiery: Bei den Samoanern heißt es dann sogar: Das sind eigentlich Arier. Die sind mit uns verwandt. Und vielleicht jetzt nicht so ganz auf unserer Stufe, aber da bringen wir sie ja da hin. Und sie sind alle besser als die anderen, die da rumwohnen. Erzähler: Samoa wird eine Art Modell-Kolonie. Aber nicht im Sinne einer effizienten Ausbeutung, ganz im Gegenteil. Gouverneur wird Wilhelm Solf, ein Bürgerssohn und Schöngeist, der in der Heimat zunächst Literatur und Sanskrit studiert hatte. Erzählerin: Solf lässt die gesellschaftlichen Strukturen der Samoaner weitgehend weiterbestehen – unter deutscher Oberherrschaft, versteht sich. Und versucht, sich ansonsten möglichst wenig in ihre Angelegenheiten einzumischen. Während sich andere Kolonialbeamte verwundert die Augen reiben, verkündet Solf: Eigentlich sei doch Samoa primär das Land der Samoaner. Joseph Hiery: O-Ton Joseph Hiery: Während es Deutsch-Neuguinea hieß und Deutsch-Westafrika und Deutsch-Südwestafrika, hieß das Samoa, es hieß nicht Deutsch-Samoa offiziell, und die Deutschen, die da waren, mussten gemäß Diktion des Gouverneurs „Fremde“ genannt werden. Erzähler: Vielleicht trägt diese Haltung der Deutschen zu der Souveränität bei, mit der die Samoaner auf die koloniale Situation reagieren: Sie bewahren, was sie bewahren wollen, und nehmen begierig alles auf, was ihre Lebenssituation verbessern könnte. Erzählerin: Vor allem in der Medizin und der Landwirtschaft sind die Deutschen den Samoanern so weit voraus, dass jedes Dorf einen riesigen Vorteil hat, wenn ein Weißer dort lebt. Möglicherweise liegt darin auch die Ursache für den phänomenalen Erfolg der christlichen Missionare bei den Samoanern. O-Ton Joseph Hiery: Die wollten Weiße haben – sag ich jetzt mal platt – weil der „Besitz“ eines Weißen aus einheimischer Sicht bedeutete Zugriff auf dessen Wissen und die Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse. Und den, den man am ehesten haben konnte, der länger da blieb, das war ein Priester oder ein Pastor. MUSIK Erzähler: Während in Samoa einzelne Dörfer regelrecht darum kämpfen, wer denn nun einen Missionar bekommen würde, führen deutsche Missionare auf der melanesischen Insel Neupommern über 4.000 Kilometer westlich von Samoa einen ganz anderen Kampf. MUSIK ENDE Erzählerin: Den ums nackte Überleben. MUSIK Erzähler: Am 13. August 1904 richten Melanesier vom Volk der Baining unter den katholischen Missionaren der Missions-Station St. Paul ein Massaker an. Der fieberkranke Missionschef Pater Rascher wird im Bett liegend erschossen, die Missionsschwester Angela am Fuß des Altars mit einer Axt erschlagen. Erzählerin: Was war geschehen? Woher kam dieser grenzenlose Hass? MUSIK ENDE Erzähler: Den hatten sich die Missionare wohl weitgehend selbst zuzuschreiben. St. Paul war keine einfache Missionsstation. Hier sollte eines von vielen sogenannten „Christendörfern“ entstehen, in denen umerzogene Melanesier ein christliches Leben führen sollten – völlig losgelöst von ihrer eigentlichen Kultur, die die Missionare regelrecht verteufelten. Vor allem den allesbestimmenden Ahnenkult der Melanesier wollten die Missionare rigoros ausmerzen Erzählerin: Pater Raschert hatte sogar das erste Gebot extra für seine melanesischen Schäfchen umgeschrieben. Zitator Pater Raschert: Ich bin der Herr, dein Gott – du sollst keinen Totenkult treiben! Erzählerin: Hinzu kam die strenge Sexualmoral – den Melanesiern völlig fremd – und ihre rigide Durchsetzung mit Prügelstrafen und Predigten vom Höllenfeuer – sowie ein völliges Unverständnis der Missionare für die politischen Verhältnisse unter den Einheimischen. MUSIK Erzähler: Als die Gewalt schließlich nach einer besonders brutalen Prügel-Orgie in der Missionsstation eskaliert, sind kurze Zeit später alle zehn deutschen Missionare von St. Paul tot. Erzählerin. Es ist eine ganz ähnliche Gemengelage aus Arroganz, Selbstherrlichkeit und der unseligen Prügelstrafe, die sechs Jahre später zum größten Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in der Südsee führt. Ort des Geschehens: Ponape, eine mikronesische Insel, auf der fünf Völker in winzigen Stammes-Staaten leben. Erzähler: Am 18. Oktober 1910 wird Gustav Boeder, Leiter des Verwaltungsbezirks Ostkarolinen, durch einen Gewehrschuss in den Bauch niedergestreckt und von einem aufgebrachten Einheimischen schließlich durch einen weiteren Schuss in den Kopf getötet (MUSIK ENDE). Auch zwei weitere deutsche Kolonialbeamte und fünf Mikronesier in deutschen Diensten werden von Aufständischen ermordet, die allesamt dem Volk der Sokehs angehören. Ein Blutvergießen mit Ansage. Erzählerin: Auf Ponape gibt es da bereits seit einigen Jahren große Spannungen zwischen einzelnen Völkern der Insel und den deutschen Kolonialherren. Sie beginnen im Jahr 1901, als der äußerst diplomatische und friedliebende Gouverneur Hahl abberufen und durch Victor Berg ersetzt wird. Berg hatte zuvor in den deutsche Kolonien in Afrika gedient - wo ein deutlich brutaleres Kolonialregime geführt wurde. Erzähler: Bereits 54 Tage nach seiner Ankunft schickt Berg ein Memorandum nach Berlin, in dem er die „energische wirtschaftliche Erschließung“ der Insel fordert und für den Fall eines Aufstandes eine „schonungslose Strafexpedition“ vorschlägt. MUSIK Erzählerin: 1907 schändet Berg persönlich eine Grabstätte, als er im Auftrag des Leipziger Völkerkundemuseums Ausgrabungen vornimmt. Einen Tag später stirbt Berg. Sonnenstich, sagt der Arzt. Die Rache der Geister, sagen die Ponapesen. Erzähler: Es folgt eine Zeit der Unruhe. Lange bleibt der Posten vakant. Gouverneur eines potentiellen Pulverfasses am Ende der Welt zu werden, ist für deutsche Beamte nicht unbedingt ein Traumjob (MUSIK ENDE). Schließlich wird Gustav Boeder Inselchef. Wie Berg ist auch er Afrika-erprobt. Und ein großer Freund der Prügelstrafe. Joseph Hiery: O-Ton Joseph Hiery: Der hat gemeint, er müsse hier afrikanische Methoden einführen. Daraufhin hat eine Ethnie, oder wie wir deutsch sagen: Stamm, revoltiert und es gab einen Aufstand. Der hat allerdings nur diese eine Ethnie betroffen. Das ist ohnehin schon ne kleine Insel mit sehr vielen anderen Ethnien, die haben sich nicht dem angeschlossen. Erzählerin: Die völlig überrumpelten Deutschen verschanzen sich nach dem Beginn des Aufstands in ihrer Hauptstadt Kolonia und fordern Hilfe aus der Heimat an - die nach langen Wochen des zermürbenden Wartens tatsächlich auch kommt. O-Ton Joseph Hiery: Das Kaiserreich hat relativ brutal reagiert – Schiffe hingeschickt und dann die Aufständischen exekutiert, die Ethnie weggebracht von der Insel auf ne andere Insel exiliert, wenn man so will. MUSIK Erzähler: Es bleibt die einzige größere Kriegsaktion der Deutschen in der Südsee. Das allerdings liegt vielleicht auch daran, dass die Zeit des deutschen Kolonialreiches vier Jahre später schon wieder vorüber ist. MUSIK ENDE Erzählerin: Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, sind die Deutschen in der Südsee völlig chancenlos. Und das Reich denkt gar nicht daran, die dann doch ziemlich unbedeutenden Kolonien zu unterstützen. Kämpfe gibt es nur – ganz kurz – auf Neuguinea, das aber innerhalb von kürzester Zeit von australischen Truppen eingenommen wird. Erzähler: Auf Samoa ergeben sich die deutschen kampflos einer neuseeländischen Flotte. Die Neuseeländer – als sogenanntes britisches „Dominion“ selbst noch eine halbe Kolonie – übernehmen die Kolonialverwaltung. Erzählerin: Dabei stellen sie sich so ungeschickt und arrogant an, dass sie innerhalb von kürzester Zeit die Ablehnung der einheimischen Samoaner provozieren. Erzähler: Als die Neuseeländer 1918 ein Seuchenschiff im Hafen von Apia anlegen lassen, stirbt ein Drittel der gesamten Bevölkerung an der spanischen Grippe. Spätestens jetzt setzt auf Samoa eine Verklärung der deutschen Herrschaft ein. Im Gegensatz zur neuseeländischen Verwaltung sei das „die gute alte Zeit“. O-Ton Joseph Hiery: Als ich da hinkam, lebten ja noch Leute, ich hab viele befragt aus der deutschen Kolonialzeit. Und dann hört man dann Stereotype, die positiv sind über Deutsche. Die haben die besten Ärzte und so weiter und so weiter. Das ist relativ stark verankert, aber im Kontrast zur Erfahrung mit den Neuseeländern. MUSIK Erzählerin: Deutschland und die Südsee – das bleibt ein kurzes Abenteuer. Allzu prägend ist die deutsche Zeit für viele der Kolonien nicht. Dazu ist die Kolonialzeit zu kurz und die Zahl der Deutschen zu gering. Zu keinem Zeitpunkt leben viel mehr als 4.000 von ihnen in der Südsee. Erzähler: Allerdings: Wenn man genau hinsieht, kann man schon noch einige deutsche Einflüsse erkennen. Zum Beispiel in der Mischsprache „Tok Pisin“, die heute noch in Papua-Neuguinea gesprochen wird. In ihr finden sich zahlreiche, häufig verfremdete, deutsche Lehnworte – „spaisesima“ zum Beispiel, also „Speisezimmer“. Oder, selbsterklärend: „saiskanake“. MUSIK ENDE Erzählerin: Den stärksten Einfluss hatte Deutschland sicherlich auf Samoa. In Apia steht bis heute ein Gerichtsgebäude im Kolonialstil, es gibt eine zu deutscher Marschmusik paradierende Polizei-Kapelle und eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Landes – ehemaliger Vizepremier und Autor eines eher mäßigen Liebesromans – hört auf den illustren Namen Misa Telefoni Retzlaff... Erzähler: … wobei Misa ein traditioneller Samoanischer Würdentitel ist, und der Retzlaff von seinem Großvater Erich Retzlaff stammt, einem deutschen Kolonialbeamten. Telefoni schließlich heißt die ganze Familie ehrenhalber, (MUSIK: C1205330 012 [00‘43‘‘]) seitdem eben jener Erich Anfang des 20. Jahrhunderts in Samoa das Telefon eingeführt hatte. Erzählerin: Und was wurde eigentlich aus Wilhelm Solf, dem deutschen Gouverneur Samoas? Erzähler: Der wird 1918 kurz deutscher Außenminister, 1920 dann schließlich deutscher Botschafter in Tokio. Dort erreicht ihn 1923 ein Brief aus Samoa. Ob es nicht irgendwie möglich wäre, dass er zurückkäme und wieder Gouverneur in Apia werde. Noch heute hat Solf in Samoa einen ausgezeichneten Ruf. MUSIK Erzählerin: Gustav Boeder dagegen, der prügelnde Inselchef Ponapes, hat da wohl andere Spuren in der Erinnerung hinterlassen. 1983 stürzen Unbekannte seinen Grabstein um und schänden seine letzte Ruhestätte.
Alle großen Entdeckungsreisenden von Kolumbus über Humboldt und Cook hatten einheimische Begleiter. Ohne die Leistungen der indigenen Helfer wären die großen europäischen Forschungsexpeditionen nie gelungen. Und auch unter den indigenen Helfern gab es natürlich Menschen mit Forscherdrang und Entdeckergeist. Auch wenn sie nie so berühmt wurden, wie ihre europäischen Kollegen. Von Sabine Straßer (BR 2018) Credits Autorin: Sabine Straßer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Benedict Schregle, Katja Schild Technik: Peter Urban Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Volker Matthies, Dr. Detlev Quintern, Prof. Dr. Fuat Sezgin, Prof. Thomas Höllmann, Dr. Moritz von Brescius Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK Linktipps: funk (2018): Mount Everest – Klettern für die Träume anderer am höchsten Berg der Welt Jedes Jahr ziehen hunderte Bergsteiger und Abenteuerlustige los, um sich ihren Traum vom Mount Everest zu erfüllen. Einmal auf dem Dach der Welt stehen – eine lukrative Touristenattraktion für den kleinen Himalaya-Staat Nepal, eines der ärmsten Länder der Welt. Doch was auf der einen Seite Arbeitsmöglichkeiten für die lokalen Bergführer und Träger – die Sherpas – bedeutet, bringt auf der anderen Seite lebensbedrohliche Risiken für sie mit. Dennis und Patrick Weinert sind zum Everest Base Camp getrekkt und haben mit Bergsteigern, Sherpas und ihren Familien gesprochen, um herauszufinden, was passiert, wenn nicht jeder vom Everest zurückkehrt. JETZT ANSEHEN Terra X (2022): Die größten Irrtümer des Christoph Kolumbus Kolumbus entdeckte im Jahr 1492 Amerika - zumindest aus europäischer Sicht. Doch begeisterten sich die Menschen seiner Zeit für sein Vorhaben? Und hat er ich bei der Routenplanung verrechnet? Zum Film mit Christoph Kolumbus größten Irrtümern geht es HIER Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator: „Christoph Kolumbus, spanisch Cristóbal Colón, geboren um 1451 in der Republik Genua, gestorben 1506 in Valladolid, war ein spanischer Seefahrer in kastilischen Diensten, der im Jahr 1492 Amerika entdeckte, als er eine Insel der Bahamas erreichte.“ (Wikipedia) Zitatorin: 1492! Das Jahr der Entdeckung Amerikas! Zusp.1 Quintern: Kolumbus hat Amerika entdeckt,.. ja...(lacht). Ich denke, Kolumbus steht für die nach wie vor anhaltende Mythenbildung eurozentristischer Provenienz, im Hinblick auf eine sogenannte Entdeckungsgeschichte. Meiner Meinung nach war er in erster Linie ein Eroberer, ein Konquistador. wir wissen beispielsweise, dass er als Pirat tätig war und Schiffe der Maya überfallen und geplündert hat. Also, ich denke, es bedarf einer Neuschreibung des Kolumbus in der Geschichte. (0:40) Sprecherin: Sagt Detlev Quintern, Islamwissenschaftler, Historiker und Direktor für Lehre und Entwicklung an der Fuat Sezgin Research Foundation for the History of Science in Islam in Istanbul. Ein Institut, an dem unter anderem zu der Frage geforscht wird, wie sehr die europäischen Entdecker sich auf Erkenntnisse arabischer Wissenschaftler gestützt haben. Denn: die Araber konnten schon Jahrhunderte vor den Europäern Längen- und Breitengrade ermitteln und brauchbare Karten zeichnen. Aber dazu später. Zunächst steht fest: Kolumbus war in Amerika nicht alleine. Der Kontinent, den er zeitlebens für Indien hielt, war zur Zeit seiner sogenannten „Entdeckung“ bereits vollständig bewohnt. Sprecher: Kolumbus traf auf der Bahamas-Insel Guanahani, wie sie von den Einheimischen genannt wurde, das Volk der Arawak. Sie haben dem fremden Spanier und dessen Besatzung wohl gezeigt, was man auf ihrer Insel essen konnte und was nicht. Wo man gefahrlos sein Lager aufschlagen konnte. Vermutlich auch, wie man von ihrer Insel auf andere Inseln kam. Meeresrauschen? Atmo? Musikakzent? Sprecherin: Die sogenannte Entdeckungsgeschichte der Welt müsste dringend umgeschrieben werden, findet auch der Politik- und Kulturwissenschaftler Prof. Volker Matthies von der Universität Hamburg. Zusp. 2 Matthies: Es handelt sich um eine Heldengeschichte, die Entdecker wurden gesehen als omnipotente Heroen, als Helden, die nicht der Hilfe der Einheimischen bedurften, um ihre Ziele zu erreichen, das war aber nicht der Fall. Diese Entdecker waren oft ganz jämmerliche Gestalten, die lebensnotwendig auf die Unterstützung indigener Begleiter angewiesen waren. (0:27) Musik-Akzent Sprecher: Christoph Kolumbus schrieb über das indigene Volk auf den Bahamas, die Arawak, in seinen Logbüchern, diese seien naiv und immer gerne bereit zu teilen. Die Spanier begannen schon bald, sie für Arbeitsdienste zu versklaven. Morde, Plünderungen, Krankheiten kamen dazu: Gut einhundert Jahre nach der Ankunft von Kolumbus auf den Bahamas gab es keine Arawak mehr. Musikakzent Zusp. 3 Matthies: Es ist so, dass die europäischen Entdecker die Vorreiter des Imperialismus und Kolonialismus waren, und sie haben die Indigenen ja nur als passive Objekte ihrer Entdeckung gesehen. (0:14) Sprecherin: Der Politikwissenschaftler Volker Matthies hat in seinem Buch über indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender zusammengetragen, wofür die europäischen Reisenden über Jahrhunderte Ureinwohner oder Angehörige fremder Völker gebraucht oder besser: missbraucht haben: Zusp. 4 Matthies: Zum einen als politische Autoritäten, die ihnen überhaupt erst erlaubten, in diesen Ländern zu reisen, dann als Sprach- und Landeskundige, beziehungsweise als Dolmetscher, Wegweiser, Mediatoren, interkulturelle Vermittler, und Diplomaten im Umgang mit indigenen Ethnien, ferner als Transporteure, als Lastenträger, als Bootsführer, Paddler, Tiertreiber und Tierpfleger, als Expeditionsleiter und Führer von Karawanen, schließlich als persönliche Diener, als Köche oder Krankenpfleger und nicht zuletzt auch als Jäger und Sammler zur Beschaffung von Naturalien für die naturkundlichen Sammlungen. (0:44) Sprecher: Die meisten dieser indigenen Helfer blieben in der Geschichtsschreibung namenlos. Nur einzelne Ureinwohner fanden Eingang in die Logbücher und Aufzeichnungen der großen Eroberer. Musik-Akzent Sprecherin: Das vielleicht berühmteste Beispiel ist die Aztekin Malinche, die dem Konquistador Hernán Cortés im 16. Jahrhundert bei der Eroberung Mexikos behilflich war. Zusp. 5 Matthies Sie war eine Aztekenfürstentochter, ihre Familie gehörte zum mittleren Landadel, sie wurde dann aber zu einer Sklavin der Maya, und sie fiel dann in die Hände der Spanier, als diese im Konflikt mit den Maya gesiegt hatten. (0:17) Sprecherin: Malinches neuer Besitzer Cortés merkte schnell, dass ihm diese Frau ihm nicht nur als Sexsklavin gute Dienste leisten würde: Zusp. 6 Matthies Diese Aztekin namens Malinche war ein Sprachgenie, sie konnte Aztekisch oder Nahuatl, wie man auch sagt, und sie konnte auch Maya und lernte ganz schnell Spanisch; und wurde sozusagen die Art Chefdolmetscherin des Konquistadors Cortés. Man muss wohl sagen, dass ohne ihr Verhandlungsgeschick und ihre Dolmetscherkünste die Eroberung Mexikos viel schwieriger und langwieriger geworden wäre. (0:26) Sprecherin: Was Malinche in ihrer Heimat Mexiko übrigens bis heute nachgetragen wird: Zusp. 7 Matthies: Dort gilt sie als eine Verräterin an der Sache des mexikanischen Volkes, denn ihr schiebt man die Hauptschuld daran zu, dass die Eroberung Mexikos so erfolgreich verlaufen ist. Interessant ist, dass es sozusagen abgeleitet von ihrem Namen den Begriff des Malinchismo gibt, der so etwas bedeutet, wie Verrat an der mexikanischen Kultur und der Hinwendung zu fremdem Kulturen. (0:29) Sprecherin: Der eigenen Kultur entrissen, in der fremden nicht anerkannt – das war oft das Schicksal der Dolmetscher – oder, bei den Entdeckern oft noch beliebter: Dolmetscherinnen. Das galt auch für spätere Forschungsreisen: Atmo Pferdegetrappel? Westernmusik? Zusp. 8 Matthies: Ein berühmtes Beispiel ist die Expedition von Lewis und Clark, 1804 bis 1806, die Durchquerung Nordamerikas im Auftrag der amerikanischen Regierung. Lewis und Clark, zwei Offiziere, waren überlebenswichtig angewiesen auf eine […] Dolmetscherin, eine Shoshonin […] namens Sacagawea, die shoshonisch und andere Sprachen sprach, und was ihnen erlaubte, mit den Gruppen, die sie unterwegs trafen, überhaupt in Verhandlungen einzutreten. (0:34) Sprecherin: Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass die Frau auf der Expedition ihr gerade mal zwei Monate altes Baby dabeihatte. In Regionen, die sie aus ihrer Kindheit kannte, erwies sie sich wohl als besonders gute Wegführerin – und sie begegnete dort auf traurige Weise auch ihrer eigenen Vergangenheit. Zusp. 9 Matthies Hier traf sie eine Freundin aus Jugendtagen, die ihr aber leider auch erzählen musste, dass der Großteil ihrer Familienangehörigen verstorben war, ein ganz dramatisches Wiedersehen fand statt mit ihrem Bruder, hier kam es dann auch zu Ausbrüchen von Tränen, sie musste die Verhandlungen immer wieder unterbrechen, weil der Tränenfluss lief. (0:25) Sprecherin: Eine der seltenen Überlieferungen, in denen eine indigene Helferin der europäischen Entdeckungsreisenden als menschliches beschrieben wird. Über Jahrhunderte tauchen die Führer, Dolmetscher und Wegbegleiter in den Aufzeichnungen nur in ihren Funktionen auf - oder als Forschungsgegenstand. Sprecher: Ein trauriges Beispiel dafür sind der bayerische Naturforscher Johann Baptist Spix und sein Botaniker-Kollege Carl Friedrich Philipp von Martius. Die beiden reisten Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ins Innere Brasiliens und hatten dort natürlich Kontakt mit der indigenen Bevölkerung, allerdings mit fragwürdiger Einstellung, erzählt der heutige Akademie-Präsident Prof. Thomas Höllmann. Zusp. 10 Höllmann Da hat man festzuhalten, dass die zwei Kinder mit nach München gebracht haben, zwei Kinder, die zwei unterschiedliche Sprachen sprachen und nicht miteinander kommunizieren konnten, und ganz übel anzumerken, diese Kinder haben in München nur noch kurze Zeit überlebt und wurden dann am südlichen Friedhof beigesetzt. (0:21) Sprecherin: Zwei Kinder einfach so nach Europa zu verschleppen, galt in der Wissenschaftswelt des 19. Jahrhunderts nicht als unmenschlich. Ähnlich wie Kolumbus und die Konquistadoren betrachteten auch spätere Forscher und Wissenschaftler die Indigenen als Objekte ihrer Entdeckung und als Arbeitskräfte. Obwohl de facto viele von ihnen an Ausführung und Planung von Expeditionen maßgeblich beteiligt waren. Musik-Akzent Sprecher: Wie zum Beispiel der ehemalige Sklave Sidi Mubarak Bombay, der dem Entdecker John Hanning Speke und einigen anderen Forschungsreisenden Mitte des 19. Jahrhunderts in Ostafrika als Karawanenführer bei der Suche nach den Quellen des Nils half. Zusp. 11 Matthies Seine Verdienste waren die eines anerkannten Führers der Expedition, er war Dolmetscher, Informant und Diplomat in den Verhandlungen mit den lokalen Autoritäten, wenn es darum ging, Durchmarschrechte zu bekommen oder Wasserstellen nutzen zu dürfen, oder Proviant zu erwerben. (0:24) Sprecherin: Die berühmte Nilquellen-Expedition war ein von Großbritannien und der Royal Geographic Society großzügig unterstütztes Projekt. Der Sklave und spätere Karawanenführer Sidi Mubarak Bombay wird in den Aufzeichnungen darüber wohl auch deshalb so viel erwähnt, weil er ein markanter Charakter war. Zusp. 12 Matthies Die Europäer nannten als seine kritischen Punkte seine Trunksucht, seine Vorliebe für Frauen und seine Neigung zur Nutzung von Expeditionsressourcen für seine privaten Zwecke. (0:13) Sprecherin: Der sansibarische Trunkenbold, Frauenheld und Dieb Sidi Mubarak Bombay war aber de facto wohl der eigentliche Anführer der Expedition zu den Nilquellen. Der Kulturwissenschaftler Matthies geht sogar davon aus, dass die berühmte „europäische“ Nil-Expedition in Wahrheit ein afrikanisches Unternehmen war – die ohne Erlaubnis der Regierung von Sansibar nie hätte stattfinden können. Zusp. 13 Matthies Denn nominell herrschte der Sultan von Sansibar auch über große Teile Ostafrikas, dieser hatte immenses Interesse, seine Handelsinteressen zu intensivieren, es ging vor allem um Elfenbein und Sklavenhandel. Und er gab der Expedition seine Fahne mit, die blutrote Fahne von Sansibar, die sie vorweg tragen sollten. Es wehte also nicht die britische Flagge der Expedition voraus, sondern die Flagge Sansibars. (0:29) Sprecherin: Was die europäischen Forschungsreisenden natürlich nicht an die große Glocke hängten. Akzent Sprecher: Als positives Beispiel im Umgang mit den einheimischen Helfern sind dagegen die Gebrüder Schlagintweit zu nennen, die berühmten Münchner Naturforscher, die Mitte des 19. Jahrhundert für ihre großen Indien- und Himalaya-Expeditionen bekannt wurden. Der Historiker Moritz von Brescius von der Universität Bern hat in deren Aufzeichnungen erstaunlich viele Hinweise auf indigene Partner gefunden. Beispielsweise auf einen Indo-Portugiesen namens Mr. Monteiro, der von den Schlagintweits zunächst für das Präparieren und Verpacken von Sammlungsgegenständen eingestellt wurde – sich aber schnell zum Oberaufseher der riesigen ethnografischen und naturhistorischen Sammlung – und ihrer indigenen Sammler - entwickelte. Zusp. 14 von Brescius Mr. Monteiro war eben in der Lage, aufgrund seiner eigenen Sprachfertigkeiten und seiner persönlichen Autorität diese Sammler zu koordinieren, aber dabei blieb es nicht. Die indigenen Helfer der Schlagintweits zeigten selber eine große Reisefreude oder eine große Neugierde, auch neue Techniken zu erlernen, sich auch mit wissenschaftlichem Instrumentarium aus Europa auseinanderzusetzen. (0:45) Sprecherin: Der indisch-portugiesische Mr. Monteiro und andere nicht-europäische Assistenten wie der multilinguale Schriftgelehrte Sayad Mohammad Said aus Kalkutta, der indische Arzt Harkishen, der usbekische Experte für Handelsrouten Murad aus Bokhara und der muslimische Karawanenführer Mohammed Amin – sie alle spielten eine wichtige Rolle bei der Himalaya-Expedition der Schlagintweits: Zusp. 15 Von Brescius Ich würde so weit gehen, dass das Monopol des Forschers nicht bei den Schlagintweits lag, bei dieser Expedition. Mr. Monteiro aber auch andere indigene Assistenten der Expedition, Wegführer und Übersetzer, waren zum Teil durchaus ausgebildete Forscher, das waren zum Teil geschulte Kartografen, es waren zum Teil ausgebildete Doktoren, die geschult waren und viel praktische Erfahrung mitbrachten und die selbst auch zu Entdeckern wurden, im Zuge der Schlagintweit-Expedition, weil sie die Brüder in Gebiete begleiteten, die für sie selbst zum Teil unbekannt waren. (0:37) Sprecherin: Insbesondere wenn die Brüder Schlagintweit das britisch kontrollierte Gebiet verließen, kam es dann auch oft zu einem Rollenwechsel: Zusp. 16 Von Brescius Das heißt, die Brüder waren gezwungen, die ganze Führung der Expedition an ihnen gänzlich unbekannte Personen abzugeben, die dann eben über die Routenwahl entschieden, die für die Proviantversorgung verantwortlich waren und die Brüder hatten ständig Angst vor Verrat, weil sie diesen Karawanenführern ausgeliefert waren. (0:21) Sprecher: Erstaunlich ist bei den Schlagintweit-Brüdern, dass sie die Rolle ihrer asiatischen Assistenten und Führer in ihren Aufzeichnungen offen würdigen. Zusp. 17 Von Brescius Damals gab es Publikationskonventionen in Europa, die es den meisten europäischen Reisenden untersagten, zuzugeben, wie abhängig sie von der Führung und der Hilfe dieser unbekannten indigenen Helfer waren, in Übersee. Das brach mit dem Bild des allmächtigen, allwissenden, mutigen, europäischen Forschers, der immer an der Spitze seiner Expeditionstruppe ins Unbekannte schreitet. Die Brüder hingegen waren sehr offen darin. // Musik-Akzent Sprecher: Nochmal zurück in der Geschichte: auch vom berühmten englischen Seefahrer James Cook weiß man, dass er auf seiner berühmten Seefahrt durch die Südsee im 18. Jahrhundert einen Nautiker namens Tupaia oder Tupia an seiner Seite hatte, der von den Einheimischen oft für den Anführer der Schiffsexpedition gehalten wurde. Zusp. 18 Matthies Tupia war ein Polynesier, er stammte von der Insel Rai Ratea, in der Nähe von Tahiti und er entstammte einer polynesischen Adelsfamilie und einer Familie von Navigatoren und Seefahrern. Er selbst war Priester eines Götterkults und ausgewiesener Navigator. (0:18) Sprecherin: .. und er konnte dolmetschen und diplomatische Verhandlungen führen. Was James Cook sehr entgegen kam. Eines der spannendsten Artefakte, die Cook von seinen Reisen durch den Pazifik mitbrachte, ist die berühmte Tupia-Karte, eine Art „mental map“, die der Polynesier damals gezeichnet hat. Zusp. 19 Matthies Das Orginal dieser Karte ist nicht mehr vorhanden, es gibt aber drei Kopien, drei Abschriften. Es geht vor allem um den Seeraum zwischen den Gesellschaftsinseln. Dutzende von Inseln hat er sozusagen aus dem Kopf heraus in der oralen Tradition seiner Familie angeordnet auf Segelrichtungen, bezogen auf die Insel Raiatea als Zentrum der Gesellschaftsinseln. (0:30) Sprecher: Nicht zuletzt jahrhundertealtes polynesisches Wissen hat James Cook also erfolgreich durch die Südsee geleitet. Sprecherin: Andere wieder profitierten vom uralten Wissen der arabischen Seefahrt. Auch hier bringt die Forschung interessante Beiträge zum sogenannten „europäischen Entdeckungszeitalter“ ans Licht. So gilt als sicher, dass der berühmte portugiesische Seefahrer Vasco da Gama den Seeweg nach Indien gar nicht selbst entdeckt hat, sondern wohl eher auf altbekannten Wegen der arabischen Handelsschifffahrt unterwegs war, sagt der Islamwissenschaftler Detlev Qintern. Zusp. 20 Quintern Aus Forschungen portugiesischer Kollegen wissen wir, dass Vasco da Gama von einem arabischen Piloten der Weg gezeigt worden ist, so dass er nach Indien gelangen konnte. Dass er während dieser Fahrt arabische Seekarten gesehen hatte, mit Längen- und Breitengraden versehen, das ist bekannt, und dass er Hilfe hatte von arabischen Nautikern, die ihm den Weg zeigten. (0:43) Sprecher: Es sind nämlich nicht nur die Leistungen der Ureinwohner Amerikas, Afrikas oder Asiens in der europäischen Entdeckungsgeschichte systematisch unterschlagen worden. Auch die Beiträge der arabischen Wissenschaften und der arabischen Nautiker kommen in den Expeditionsgeschichten der Europäer nicht vor. Sprecherin: Womit wir wieder bei Kolumbus wären. Forschungen deuten darauf hin, dass der berühmte Spanier auf seinem Weg nach Amerika das uralte Wissen arabischer Seefahrer im Gepäck hatte. Ein Thema, das den im Sommer 2018 verstorbenen berühmten türkischen Arabisten und Islamwissenschaftler Fuat Sezgin sehr beschäftigt hat. An seinem Vermächtnis arbeitet Detlev Quintern an der Fuat Sezgin Research Foundation in Istanbul. Er sagt, die Forschung weiß zwar nicht genau, wer Kolumbus auf seiner ersten Schiffsreise zu den Bahamas begleitet hat… Zusp. 21 Quintern Gleichwohl wissen wir aus seinen Tagebüchern, dass er über Karten verfügte, Seekarten, die die vorgelagerten Inseln in der Karibik zeigten und diese Karten - das ist der große Beitrag von Fuat Sezgin - diese Karten in einen langzeithistorischen Kontext zu stellen, und zurückzuführen auf arabisches Wissen. (0:26) Sprecher: Kolumbus könnte also bei der Überfahrt nach Amerika tatsächlich auf alte arabische Seekarten zurückgegriffen haben – möglicherweise sogar arabische Lotsen dabeigehabt haben – so die Ansicht der Forscher am Fuat Sezgin-Insitut. Keine abwegige Vorstellung. Schließlich währte die Maurenherrschaft in Spanien und die sogenannte Reconquista, die Rückeroberung, ja bis in die Zeit von Kolumbus hinein. Spätere Denkschulen der Renaissance waren zudem bemüht, die gesamte europäische Kultur auf griechische Quellen zurückzuführen – und islamische Wurzeln möglichst zu tilgen. Sprecherin: Und was haben die Angehörigen des einheimischen Volkes der Arawak auf der Bahamas-Insel Guanahani für Kolumbus und dessen Besatzung getan? Waren sie die ersten, die den Spaniern ihr wertvolles Wissen über den fremden Kontinent anvertrauten – bevor diese anfingen, ihn zu unterwerfen? Haben die Arawak die ersten Europäer eingewiesen, in Flora, Fauna und Kultur der Karibik? Sprecherin: Es gibt noch einiges zu entdecken, im „großen europäischen Entdeckungszeitalter“. Als sicher gilt schon jetzt: Die meisten der berühmten europäischen Expeditionen und Forschungsreisen waren aus heutiger Sicht wohl eher Gemeinschaftsprojekte. Internationale, multiethnische und multireligiöse Unternehmungen. Reisen, die oft auf dem uralten Wissen anderer Völker aufbauten. „Europäisch“ war am „europäischen Entdeckungszeitalter“ vor allem die Idee der Kolonialisierung, und: die tiefe Überzeugung von der eigenen kulturellen Überlegenheit.
- 05.07.202423 min
Ochsenfrösche, Steine, Tibetisches Edelweiß, sogar Wasser - die Münchner Brüder Schlagintweit brachten von ihrer Indien-Expedition in den 1850er-Jahren nach Bayern mit, was ihnen von die Forschernasen kam. Ihr Anspruch auf Wissen und Erkenntnis war allumfassend, ganz nach dem Vorbild von Alexander von Humboldt. Von Bettina Weiß (BR 2015) Credits Autorin: Bettina Weiz Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel, Carsten Fabian Technik: Jochen Fornell Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Hermann Kreutzmann, Prof. Felix Driver, Dr. Cornelia Lüdeke, Dr. Shekhar Pathak Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD Crime Time (2024): Tatunca Nara – und die Toten im Dschungel Die 31. Staffel der erfolgreichen Doku-Serie begibt sich auf die Spuren eines außergewöhnlichen Falls, der bereits als Vorlage für Indiana Jones diente: Ende der 1960er Jahre wandert Günther Hans Hauck nach Brasilien aus und erfindet sich dort eine neue Identität als Nachfahre einer indigenen Kultur, die bislang unentdeckt tief im Dschungel in einem gigantischen Reich lebe. Viele Menschen packt die Faszination und sie folgen dem selbst ernannten Oberhaupt „Tatunca Nara“ in den Regenwald. Für einige endet die Expedition tödlich. Ein Team der ARD Crime Time begibt sich auf Spurensuche. Das Ziel der Reise: ein Ort im brasilianischen Regenwald, wo der Hochstapler auch heute noch leben soll. IN DER MEDIATHEK Linktipps: BR (2015): Die Gebrüder Schlagintweit Einst erforschten die drei Brüder Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit in ausgedehnten Expeditionen den Himalaya. Heute sind diese bayerischen Entdecker fast vergessen, doch damals waren sie Pioniere auf dem Dach der Welt. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2021): Der schmale Grat zwischen Triumph und Tragödie 2021 war ein besonderes Bergjahr: Der K2 wurde von zehn Alpinisten aus Nepal als letzter Achttausender erstmals im Winter bezwungen. Andere Bergsteiger stürzten dort ab. Was treibt sie an, sich unter extremen Bedingungen in Lebensgefahr zu begeben? JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK SPRECHERIN: Die Welt erkunden. Selbst losgehen. Selbst ermessen, wie hoch die Berge sind und wie tief die Wässer und wie unterschiedlich die Menschen: Hermann und Adolf Schlagintweit aus München beginnen damit als Teenager. ATMO Schritte SPRECHERIN: Im Jahr 1842, im Alter von 16 und 13, unternehmen die Brüder aus der feinen Theatinerstraße in München eine weite Wanderung in die bayerischen und tiroler Berge. Sie schwärmen von der... SPRECHER: ...einfach erhabenen Pracht der Natur, die uns hier umgibt. SPRECHERIN: Auf Fotos posieren die Arztsöhne bukolisch mit Schäferhüten und Hirtenstäben. Sie wagen sich auf Berge, deren Gipfel vor ihnen noch keiner erklommen hat. Romantik. Sportliche Herausforderung. Das sind die Grundlagen dafür, dass sich die Schlagintweits für etwas begeistern, was zu ihrer Zeit neu ist: Expeditionen. Dazu kommt der Wissensdurst. MUSIK SPRECHERIN: Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Globus längst umrundet. Wer fürs europäische Publikum noch Neues erkunden will, muss Expeditionen machen, also aufwändig in Extremregionen vordringen: zum Nord- oder Südpol, in Dschungel, die von Schlafkrankheit versucht sind – oder eben ins Hochgebirge, wie die Schlagintweits. Im Gymnasium interessieren sich Hermann und Adolf besonders für Erdkunde. Eifrige Einserschüler. Hinterher studieren sie das Fach. Und immer intensiver bereisen sie die Alpen. Es ist die Ära, in der Enzyklopädien wie der „Brockhaus“ die Bücherregale vieler Bildungsbürger füllen und das Wissen der Welt verheißen, vollständig von A bis Z. ATMO Schritte SPRECHERIN: Und so bestimmen die Schlagintweits auf ihren Touren durch die Alpen Luftdrücke, Temperaturen, Seehöhen und Schneedicken. Sie zählen Blumen. Sie vermessen Gletscher in Österreich und der Schweiz. Sie fertigen mit großer Akribie Zeichnungen und Aquarelle von Gebirgszügen an, produzieren das Monte-Rosa-Massiv und die Zugspitze in mini, als Reliefs aus Zinkguss. MUSIK SPRECHERIN: Messen, bestimmen, zählen, aufzeichnen, in Beziehung setzen, und zwar alles: Menschen, Tiere, Pflanzen, das Klima und die Gesteine und die Gestirne: So hat es auch Alexander von Humboldt gemacht, als er durch Südamerika gereist ist. Er ist das große Vorbild der Schlagintweit-Brüder. Die Schlagintweits besuchen ihn in Berlin und gewinnen seine Sympathie. Der Preuße ist zu der Zeit achtzig Jahre alt, berühmt und bestens vernetzt am Königshof und im europäischen Wissenschaftsbetrieb. Mit seiner tatkräftigen Unterstützung wagen die Münchner Brüder – in den Worten von Robert Schlagintweit... SPRECHER: die Verwirklichung eines Wunsches, der mich seit Jahren lebhaft beschäftigt hatte, oder besser gesagt, seit meiner frühesten Jugend (und der durch wiederholte Reisen in den Alpen stetig genährt und am Leben erhalten wurde), dessen Erfüllung jedoch über sehr lange Zeit vollkommen jenseits der Grenzen des Möglichen erschienen wäre. SPRECHERIN: Der Traum der Schlagintweits ist eine Expedition in den Himalaya. MUSIK SPRECHERIN: So eine Expedition ist ein Großunternehmen. Um das Gebirge nach ihren Vorstellungen vollständig zu erkunden, brauchen die Forscher Theodoliten, Barometer, verschiedene Thermometer, Magnetometer und andere Instrumente. Bestes und modernstes Gerät. Alleine eine Fotoausrüstung wiegt damals 200 Kilo. Ihr Gepäck wird so umfangreich sein, dass es 20 Kamele brauchen wird, um alles zu transportieren. Dazu kalkulieren sie mit einem Tross von Kameltreibern, Trägern, Köchen, Kartographen, persönlichen Dienern, Dolmetschern und vielen anderen. SPRECHER: Ungeachtet aller Einschränkung konnte man bei der indischen Art zu Reisen ohne acht bis zehn Menschen für einen von uns nicht vorwärts kommen. SPRECHERIN: So versuchen die Brüder, öffentliche Mittel für ihre geplante Expedition zu bekommen. Was die Könige von Bayern und Preußen zahlen, sind Tropfen auf den heißen Stein. Da ebnet Alexander von Humboldt den Schlagintweits den Weg nach England, zur britischen Ostindiengesellschaft in London. MUSIK SPRECHERIN: Die britische Ostindiengesellschaft ist gerade dabei, ihre Macht in Indien auszuweiten. Im 17. Jahrhundert hatte sie als private Handelsfirma angefangen, gestützt auf ein paar Kontore an der indischen Küste. Diese Niederlassungen baute sie später zu Kolonien aus. Zur Zeit der Brüder Schlagintweit ist sie Territorialmacht geworden. Sie beherrscht Gebiete, die mehrmals so groß sind wie England. Es ist der Übergang von Kolonialismus zu Imperialismus, erklärt der Berliner Geograph Hermann Kreutzmann. Kurz darauf wird der Staat die Ostindiengesellschaft übernehmen und die Königin von England wird sich zur Kaiserin erklären, zum „Emperor“ von Indien. 1. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Das war die wertvollste Kolonie, die England jemals gehabt hat, und die möchte sie schützen. Und Imperialismus ist die Antwort darauf. SPRECHERIN: Mit dem „Imperialismus“, dem Drang, ein „Empire“ weit über die Grenzen des eigenen Landes hinaus zu beherrschen, kommt die Expedition à la Schlagintweit als Forschungsweise auf. 2. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Wenn man ein Territorium dominieren möchte, muss man wissen, welche Menschen dort leben, welchen Tätigkeiten sie ausüben, welche Reichtümer es dort gibt, und wir sind in einer Phase des Cartesianischen Denkens, also des rechenhaften Denkens, also wo es beginnt, Statistiken aufzulegen. Zahlen zu erheben, Messungen durchzuführen, und das ist dann auch, was die Expedition der Gebrüder Schlagintweit ausmacht. Das ist die Zeit, wo die Rechenhaftigkeit eine zentrale Rolle spielt. Und das ist ja auch verbunden mit Imperialismus, mit der Kontrolle, mit der Einführung von Verwaltung. Alles ist zweckgebunden. Und die Wissenschaft ist die Dienerin des Imperialismus. SPRECHERIN: Wie sich die Interessen von Wissenschaft und Imperialismus treffen können, zeigen die Verhandlungen der Brüder Schlagintweit mit der Britischen Ostindiengesellschaft. Die möchte eigentlich nur, dass die Schlagintweits eine von anderen begonnene Studie zu Ende führen und messen, wie magnetisch verschiedene Regionen Indiens sind. Aber die Brüder wollen mehr. Schließlich zielt ihr Humboldtscher Ansatz auf Vollständigkeit. Sie werben: SPRECHER: Sehr gerne werden wir unsere größte Aufmerksamkeit auch allen Fragen von praktischem Nutzen zuwenden, wie etwa der geologischen Altersbestimmung der verschiedenen Kohlevorkommen Indiens, dem Vorkommen von Salz oder der praktischen Verwendung des Schwefels, der im westindischen Sindh vorkommt. SPRECHERIN: Mehr als vier Jahre planen, verhandeln und taktieren die Brüder Schlagintweit. Am Ende zahlt die Britische Ostindiengesellschaft den Löwenanteil ihrer Expedition und macht sie damit möglich. MUSIK SPRECHERIN: 1854 schiffen sich Hermann, Adolf und ihr jüngerer Bruder Robert nach Indien ein. Schon auf der Reise beginnen sie, Wasser an verschiedenen Stellen aus dem Meer zu schöpfen und sein spezifisches Gewicht zu bestimmen. Sie messen wie besessen, in Indien angekommen erst recht, außer Magnetismus unter anderem auch die Temperatur, Entfernungen, Seehöhen, den Luftdruck, die Horizontal- und Vertikalwinkel von Bergen, die Dicke von Schneedecken auf Fels und die Länge und Breite der Hände und Füße von Indern und Inderinnen aus verschiedenen Regionen. Sie erklimmen Berge, schaffen es bis zu einer Höhe von 6.788 Metern, wagen sich in Wälder. SPRECHER: Am Fuße des Berges ließen wir auch die Pferde zurück, und sogleich begann ein steiles Hinaufsteigen. Aber nur langsam kamen wir auf dem Abhange vorwärts, denn es war eine mühsame und zeitraubende Arbeit, in dem Dschungel, der an Großartigkeit und Dichtigkeit Alles bisher von mir Gesehene übertraf, irgendeinen Weg hindurch zu hauen. Mir waren in kurzer Zeit die Kleider zerfetzt; das geringste Vergnügen schienen meine Hindus aus dem Flachland an dieser Expedition zu haben, obwohl sie ihre zahlreichen Dornenwunden fast vergaßen über den Gedanken, unerwartet dem Tiger zu begegnen. SPRECHERIN: Abenteuer und Gefahr gehören zur Expedition – aber auch generalstabsmäßige Planung. Der Londoner Geographiehistoriker Felix Driver beleuchtet diesen sehr praktischen Zusammenhang von Imperialismus und Expeditionen. 3. ZUSPIELUNG (Felix Driver) by the 19th century European military might is extending itself around the world, and I think that idea about expeditions and explorations also diffuse around the world... Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER: Im 19. Jahrhundert hat sich europäische Militärmacht rund um die Welt ausgedehnt, und die Idee der Expedition hat sich auch weltweit verbreitet. In gewisser Weise wurden die größeren Expeditionen auch in militärischer Weise organisiert. Man musste unter sehr schwierigen Bedingungen von A nach B kommen, man musste für die Logistik, Nahrungsmittel und Vorräte sorgen, und es überrascht nicht, dass das Militär entweder an den Expeditionen beteiligt oder ein wichtiges Vorbild war. ... and it is not surprising that the military were either involved in expeditions or were an important model for how to get from A to B in very difficult environments. So it is a sort of military the model. SPRECHERIN: Die Schlagintweits werden manchmal von Soldaten begleitet, immer führen sie Pistolen mit sich. SPRECHER: Waffen sind - neben ihrer Wichtigkeit für den persönlichen Schutz -, besonders als Artikel zu erwähnen, die als Geschenke geeignet sind. SPRECHERIN: Seine Waffen verschenken – das klingt nach Frieden und Vertrauen. Tatsächlich steht die Expedition in weniger friedlichem Zusammenhang, als die Brüder Schlagintweit es vielleicht selbst wahrhaben wollen. Im 19. Jahrhundert ist die Zeit vorbei, in der Reisende Entdecker und Händler auf Augenhöhe waren – wie etwa Marco Polo oder Mitarbeiter der Britischen Ostindiengesellschaft in deren Anfängen. Nun geht es den europäischen Auftraggebern von Expeditionen darum, Gebiete in fremden Erdteilen zu beherrschen, erklärt der Geograph Hermann Kreutzmann 4. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Das ist der Übergang vom Handelsaustausch in eine Dominanzphase hinein, und die endet mit Grenzziehung. Die afghanischen Grenzen werden um 1893, 95 geschaffen, und in dieses Spiel geraten die Brüder Schlagintweit hinein. SPRECHERIN: Um die Macht in Afghanistan und dem übrigen Mittelasien ringen England, Russland und China. Die Schlagintweits, in britischem Auftrag unterwegs, erkunden dabei nicht nur die britische Machtsphäre, sondern auch Gebiete außerhalb. Sie sind Kundschafter. Spitzel. Wie andere Expeditionsreisende, die etwa von Russland oder Frankreich finanziert sind. 5. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Das sind Reisende, die mit einem - Sie könnten sagen Vorwand kommen, sagen, Botanisierer oder Geologen, oder sie interessieren sich für die Gletscher, das Klima oder für andere Dinge, das sind Reisende, die dann sich der Wissenschaft verschrieben haben, die ein Bürgertum bedienen in unseren Landen, in den geographischen Gesellschaften, wenn die Vorträge halten, die verkehren in Zirkeln, erzählen interessante Geschichten, werden gesponsert von Wohlhabenden, jedes Jahr an Weihnachten gibt es die Reiseberichte von diesen Leuten als Buch gebunden, da - unter dem Mantel der Wissenschaft reisen Leute, die gleichzeitig aber auch Informationen liefern, die für die politischen Interessen der Staaten, aus denen sie stammen, sehr gut verwertbar sind. SPRECHERIN: Außerhalb der britischen Machtsphäre gehen die Schlagintweits unterschiedlich vor. In Kaschmir etwa warten und verhandeln sie, bis sie von örtlichen Machthabern eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung bekommen. In Turkestan etwa verkleiden sich die Münchner als einheimische Händler. SPRECHER: Hier war es, wo wir zuerst unsere Turki-Bekleidung anlegten, da wir nun, so weit vorgeschritten, bei etwaiger Begegnung mit Turkistani-Caravanen nicht als Europäer auffallen sollten. Dabei bekamen wir auch den Kopf geschoren; wir zogen vor, dies mit einer Schere in der Art ausführen zu lassen, als hätte das Rasiren mit dem Messer schon einige Zeit vorher stattgefunden. SPRECHERIN: Diese Tricks klappen nicht immer. Die Schlagintweits werden hingehalten, absichtlich fehlinformiert und beraubt. Diener von ihnen werden als Geiseln genommen. Trotzdem lassen sie nicht locker. Sie reisen weiter, trennen sich zeitweise, damit jeder einzelne Bruder noch mehr messen, noch mehr sammeln kann, überqueren raue Hochpässe, erkunden Gletscher und mittelasiatische Weiten bis nach Kaschgar. Die Stadt liegt an einem wichtigen Knotenpunkt der Seidenstraßen. Im Kampf um die Macht in Mittelasien ist Kaschgar strategisch so wichtig, dass es zu jener Zeit verbotenes Land für Europäer ist. Adolf Schlagintweit wagt sich trotzdem hin. 6. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Das waren junge Leute, die wollten sich einen Namen machen, und die wollten etwas schaffen, was andere vor ihnen nicht geschafft haben. SPRECHERIN: Adolf Schlagintweit bezahlt den Besuch in Kaschgar mit dem Leben. Bald nach seiner Ankunft im August 1857 wird er enttarnt und geköpft. MUSIK SPRECHERIN: Adolfs Brüder Hermann und Robert kehren nach Europa zurück. Der Tod ihres Bruders während der Expedition schockiert sie zutiefst. Trotzdem schreiben sie den Bericht über ihre Reise wie eine Empfehlung, auch Expeditionen zu machen, mit allerhand praktischen Tipps: wo man im Himalaya Zigarren kaufen kann, wann Gamaschen hilfreich sind, dass sich Brandy besser als Wein oder Bier fürs Reisen eignet, was Maultiere für den Gepäcktransport kosten, wie man mit kleinen Papieraufklebern an den Verschlüssen von Vorratsbüchsen, die wie Talismane wirken, verhindern kann, dass die Köche wertvolle Vorräte verplempern, und dass man die Dolmetscher und Reiseführer am besten erst am Ende der Reise bezahlt und am Erfolg beteiligt. Der Geographie-Historiker Felix Driver weist darauf hin, dass sich im 19. Jahrhundert, als Expeditionen „in“ wurden, vielerorts eine regelrechte Industrie von Reiseleitern und Expeditionsausstattern entwickelte. 7. ZUSPIELUNG (Felix Driver) There are parallels between the ways in which certain local figures become guides, become experts, become interpreters. And they help a series of expeditions, they might be British expeditions, they might be ... Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER: Es gibt Parallelen darin, wie bestimmte Leute Reiseleiter, Experten oder Dolmetscher werden. Sie helfen einer Reihe von Expeditionen, egal ob es britische, deutsche oder amerikanische sind, und sie sammeln einen gewaltigen Erfahrungsschatz an. So wie die Sherpas die Experten auf den Bergen werden gibt es andere, die Experten darin werden, durch Amazonien oder Ostafrika zu navigieren. Sie kennen das Land, die politische Situation und die Sprachen. Sie sind oft nicht aus der Gegend selbst, aber sie spielen diese sehr wichtige Vermittlerrolle. Und die Europäer werden sehr abhängig von ihnen. Dass sie mit solchen Vermittlern arbeiten ist eine Gemeinsamkeit von Expeditionen in sehr, sehr verschiedenen Teilen der Welt. ... And Europeans become very dependent on them. So that is a common feature which you find actually in very, very different parts of the world. SPRECHERIN: Für die Logistik mögen solche Dienstleister praktisch sein. Aber für die Wissenschaft bergen sie Probleme, sagt der Geograph Hermann Kreutzmann. 8. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Die Schlagintweits waren sehr stark auf Dolmetscher und Begleiter angewiesen, und diese Dolmetscher und Begleiter haben auch diese Situation häufig genutzt, um ihnen Räuberpistolen zu erzählen. Geschichten zu machen, für die es keine Belege gab, weil sie wussten, sie sind das einzige Sprachrohr, das mit ihnen spricht. Und sie haben ihre Version einer Geschichte geliefert. Oder auch interessante Geschichten geliefert, wenn man damit viel Geld verdienen konnte. SPRECHERIN: Die Brüder Schlagintweit kehren jedoch mit mehr als mit Geschichten, Daten und Bildern aus Indien zurück. Sie haben auch handfestere Dinge gesammelt, unter anderem SPRECHER: 20.000 Steine, 12.000 Pflanzen, 6000 Vögel, ausgestopft oder als Skelett, fast 600 Baumdurchschnitte, 250 Gipsabgüsse von Menschengesichtern, 46 Schädel und 21 komplette Skelette von Indern und Inderinnen, dazu Tierskelette, präparierte Fische, Muscheln, Schmuck, Hausgeräte, Kleider und Waffen sowie lebende Wildesel, Pferde und Kamele für den Berliner Zoo SPRECHERIN: Das alles melden sie nach ihrer Rückkunft Alexander von Humboldt, ihrem Förderer und wissenschaftlichem Vorbild. An dessen Anspruch, „die ganze materielle Welt“ darzustellen, scheitern sie jedoch. Niemand zahlt ihnen die Arbeit, die Sammlung vollständig auszuwerten und auszustellen. Sie muss mehrfach umziehen. Dabei zerfallen die Tierskelette. Motten zerfressen kostbare Stoffe. Fast ein Vierteljahrhundert müht sich Hermann Schlagintweit mit dem Material. Mit 56 Jahren stirbt er, bald darauf auch sein Bruder Robert. Musikakzent SPRECHERIN: Die Erben verkaufen von der verrottenden Sammlung, was zu verkaufen ist. Viele Steine und einige Fische in Spiritus geben sie einem Mineralienhändler in Kommission. Der verhökert ein paar Dinge, ansonsten schreibt er von SPRECHER: Wertlosem Geröll. Wenn Sie – wie ich hoffe und darum bitte – mich einmal in Bonn besuchen, wollen wir einen Spaziergang auch über den Weg machen, der damit gepflastert worden. MUSIK SPRECHERIN: Je mehr die Welt vermessen und machtpolitisch verteilt ist, desto weniger Expeditionen im Stil der Schlagintweits finden statt. Für sein Fach meint der Berliner Geographie-Professor Hermann Kreutzmann: 9. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Heute würden wir von solchen Expeditionen nicht mehr sprechen. In unserem Fall hat sich das vollkommen verändert zu der damaligen Zeit, SPRECHERIN: An die Stelle der Expedition tritt – wenn nicht gleich auf die Erkundung vor Ort verzichtet und die Welt am Computer modelliert wird – die Feldforschung: Statt wie die Schlagintweits ganz Indien plus Himalaya plus Teile Mittelasiens möglichst vollständig in vier Jahren zu bereisen, zu vermessen und darzustellen, spezialisiert sich der Forscher oder die Forscherin nun lieber gründlich auf einen einzigen Ort. 10. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Das ist heute häufig anders, weil wir doch junge Leute haben, die dann auch lokale Sprachen erlernen, bevor sie Feldforschung durchführen und nicht auf Dolmetscher angewiesen sind, wenn sie da etwas machen. Ein Doktorand von mir hat sich über Heiratsverhalten in Kaschgar promoviert, der hat vorher Uighurisch und Chinesisch gelernt, um dort zu arbeiten SPRECHERIN: Er ist auch ohne Verkleidung gereist und lebendig wiedergekehrt. Die Forscher präsentieren ihre Ergebnisse idealerweise nicht nur in Berlin und London, sondern entwickeln sie gemeinsam mit Wissenschaftlern in den erforschten Gebieten weiter. 11. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Ich habe mehrfach in Kaschgar Konferenzen gemacht, ich habe in Lhasa in Tibet Konferenzen organisiert, in Khorog in Tadschikistan, in Duschanbe, in Gilgit in Pakistan, gemeinschaftlich mit den Partnern vor Ort werden diese Konferenzen organisiert. SPRECHERIN: Der Erkenntniswert einer einzelnen Expedition ist gering, auch für Naturwissenschaften. Die Meteorologin und Wissenschaftshistorikerin Cornelia Lüdeke betrachtet zum Beispie die Klimawerte. 12. ZUSPIELUNG (Cornelia Lüdeke) Die Daten der Schlagintweits sind natürlich auch nur ausschlaggebend für die drei Jahre, die sie damals im Himalaya unterwegs waren. Und wir wissen ja selber: Es gibt Winter, wo viel Schnee ist, und dann gibt es wieder Jahre, wo wenig Schnee fällt. Im Grunde ist das ein Zufallsergebnis, man müsste da auch längere Zeitreihen über 30 Jahre haben. Weil Klima wird über 30 Jahre sozusagen bestimmt. SPRECHERIN: Allerdings sind die Schlagintweitschen Messungen so gut nachvollziehbar, dass sie für weitere Forschungen heutzutage wertvolle historische Bezugswerte liefern. 13. ZUSPIELUNG (Cornelia Lüdeke) Heute kann man beispielsweise untersuchen, wie sich die Schneehöhen ändern, vielleicht aufgrund der Klimaänderung. MUSIK 14. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak – englisch ohne overvoice) Due to Nain Singh Rawat many people also know about Schlagintweit brothers! Otherwise Schlagintweit brothers also forgotten in India. SPRECHERIN: In Indien wäre die Expedition der Brüder Schlagintweit vergessen – wäre da nicht Nain Singh Rawat, sagt der Historiker Shekhar Pathak aus Nainital im Himalaya. 15. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak) He was just doing portering! But when he joined the group, he was great learner. he was so sensitive - everything which the Schlagintweit brothers were doing, he followed that... Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER: Nain Singh Rawat war nur ein Träger! Aber als er zur Expedition dazustieß, hat er sehr viel gelernt. Er hat alles, was die Schlagintweits taten, mitverfolgt, Barometer und Prismen bedient und Landkarten gezeichnet. Er hat den Brüdern Tibetisch beigebracht und gleichzeitig von ihnen Englisch gelernt. Es war ein großartiges Lernen, und zwar in beide Richtungen. Die Schlagintweits entdeckten den Funken, der in Nain Singh Rawat schlummerte. Nicht einmal sein eigener Cousin hatte es entdeckt. Nur die Schlagintweits! ...And they realized the spark inside Nain Singh Rawat! otherwise nobody else, even his own cousin Mani singh never realized the spark inside Nain Singh Rawat. But Schlagintweit brothers did! SPRECHERIN: Nach dem Dienst für die Schlagintweits arbeitete Nain Singh Rawat auch für britische Wissenschaftler und Landvermesser. Er erkundete viel Neuland für die Briten und erhielt höhere Auszeichnungen von britischen Institutionen als seine ehemaligen Arbeitgeber aus München. 16. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak) I am not only proud of him. I always been thinking how such a person emerged in our part of Himalaya! From zero how he reached to a certain summit! Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER: Ich bin nicht nur stolz auf ihn. Ich denke immer: dass so jemand aus unserem Himalaya stammt! Von null aus hat er so einen Karrieregipfel erreicht! SPRECHERIN: Auch andere Inder hätten viel von den Briten gelernt, und in manchen Dingen sei man in Indien England wissenschaftlich voraus gewesen, hebt Shekhar Pathak hervor. So begann die Vermessung Indiens über 60 Jahre, bevor in England die Königliche Geographische Gesellschaft gegründet wurde. Der Berliner Geograph Hermann Kreutzmann erinnert an den machtpolitischen Hintergrund der Vermessung und Erkundung von Bergen und Bodenschätzen. 17. ZUSPIELUNG (Hermann Kreutzmann) Es war dieses Experiment, was man in der Imperialismustheorie derart beschreibt: Fertigware wird aus Europa nach Asien, Afrika und Übersee geliefert, und Rohstoffe kommen aus der Gegenrichtung, und das ist zum großen Nutzen Europas und zum Schaden des Restes der Welt. SPRECHERIN: Trotzdem. Sein Kollege aus Indien verteidigt Expeditionen wie etwa die der Schlagintweits. 18. ZUSPIELUNG (Shekhar Pathak) So it was part of larger colonial scheme. Definitely. But it is also contributing to the larger human knowledge. This is the positive point in whole history of exploration. And this exploration not only contributed in the scheme of colonialism in Asia, or in Orient, it also contributed in larger context the knowledge about lesser known, unknown places to the larger world. Englisch. Darauf OVERVOICE-SPRECHER: Sie waren Teil eines kolonialen Plans. Na klar! Aber sie haben auch zum größeren Wissen der Menschheit beigetragen. Das ist das Gute an der Geschichte der Expeditionen. Sie haben dazu beigetragen, dass die Welt jetzt mehr über Orte weiß, die einst unbekannt waren.
- 28.06.202440 min
Alles Geschichte stellt vor: "ICONIC - Modegeschichte mit Aminata Belli”. Es gibt entsetzliche Worte für Kleidungsstücke, die wir doch eigentlich sehr schätzen: Brunzhosen, zum Beispiel. Oder es ist nur sehr verschämt von ihnen die Rede. Dabei können wir uns heute ein Leben ohne Unterwäsche kaum noch vorstellen. Dabei kam die Menschheit die längste Zeit "ohne" aus. Wie dann aus einem langen Untergewand unsere heutige Unterwäsche wurde, erzählt Host Aminata Belli in dieser Episode. Von Mariia Fedorova (BR 2024) Credits Autorin: Mariia Fedorova Regie: Martin Zeyn Es sprachen: Aminata Belli, Ann-Kathrin Mittelstraß Redaktion: Vanessa Schneider und Martin Zeyn, BR Kultur Im Interview: Abby Cox, Julia Fritzsche Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: ICONIC – Modegeschichte mit Aminata Belli Dieser Podcast erzählt in jeder Episode die Geschichte eines ikonischen Kleidungsstück von Kapuzenpulli und Doc Martens zu Fußballshirt, Handtasche und Jeans und den gesellschaftlichen, technologischen und sozialen Umbrüchen, die Modetrends oft begleiten. Aminata Belli nimmt mit in die Geschichte vieler Lieblingsteile. Woher kommt ihre Coolness? Wie schaffen sie es, für große popkulturelle Momente, Subkulturen oder Underdogs zu stehen? JETZT ANHÖREN Linktipps: radioWissen (2022): Unterwäsche – Hautnahes im Wandel der Zeit Noch bis vor kurzem trugen Mann und Frau ganz wie im Mittelalter nur ein langes Hemd auf der nackten Haut. Erst seit dem 19.Jahrhundert findet Unterwäsche reißenden Absatz. Zu dieser Folge vom Podcast radioWissen geht es HIER Deutschlandfunk (2023): Lernen geht auch in Jogginghose Im letzten Jahr ging diese Schlagezeile durch die Medien: „Der Bundeselternrat will Kleiderregeln an den Schulen etablieren“ – nicht zu freizügig und auch nicht zu „lottrig“ sollen die Klamotten der Kids sein. Macht das Sinn? Katharina Hermes kann dem Vorschlag in ihrem Kommentar nichts abgewinnen. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
Von Männern in Strumpfhosen zu Frauen im Hosenanzug - jahrhundertelang war die Hose in Europa Symbol von Männlichkeit und Macht, Klassenkonflikten und Geschlechtsunterschieden. Und nicht zuletzt deshalb heiß umstritten: Von der Rolle der Hose in der Französischen Revolution wie im Kampf um die Emanzipation und der Jugendrevolte des 20. Jahrhunderts. Von Ulrike Rückert (BR 2024) Credits Autorin: Ulrike Rückert Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Stefan Wilkening, Katja Bürkle Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Besonderer Linktipp der Redaktion: BR: ICONIC – Modegeschichte mit Aminata Belli Dieser Podcast erzählt in jeder Episode die Geschichte eines ikonischen Kleidungsstück von Kapuzenpulli und Doc Martens zu Fußballshirt, Handtasche und Jeans und den gesellschaftlichen, technologischen und sozialen Umbrüchen, die Modetrends oft begleiten. Aminata Belli nimmt mit in die Geschichte vieler Lieblingsteile. Woher kommt ihre Coolness? Wie schaffen sie es, für große popkulturelle Momente, Subkulturen oder Underdogs zu stehen? JETZT ANHÖREN Linktipps: funk (2021): Männer im Rock – Darum irritiert uns das! Männer in Kleidern oder Röcken - das ist nicht nur ein echter Fashiontrend, sondern auch ein riesiges Aufregerthema. Männer, die im Alltag Röcke tragen sind selten und es erfordert viel Mut. Nur was hält Männer eigentlich davon ab, Sommerkleider zu tragen? Historisch gibt es die strikte Trennung von Männer- und Frauenkleidung noch gar nicht so lange: Im 18. Jahrhundert brachte das aufsteigende Bürgertum neue Moralvorstellungen mit, die strikt zwischen Mann und Frau unterschieden und damit unseren Geschmack mitprägten. Heute sehen Modeexpert:innen darin einen neuen Trend, der sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Die Nachfrage nach gender-neutraler Kleidung, die Geschlechtergrenzen sogar gänzlich überwindet, sei da und das Ganze auch nicht mehr nur ein kurzlebiger Trend, sondern liege an einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung. Zum Film geht es HIER. ARD alpha (2022): Mode und Geschlechterrollen Für die einen ist sie die schönste Nebensache der Welt, für andere überflüssiger Luxus. Und doch kommt keiner an ihr vorbei: der Mode. Sie ist das ausdruckstärkste und augenfälligste Kommunikationsmittel, über das wir Menschen verfügen. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:34 – Von barbarisch bis populär TC 07:31 – Die Bedrohung der „Männlichkeit“ TC 10:14 – Andere Zeiten rücken an TC 14:48 – Das amerikanische Bloomer-Kostüm TC 17:33 – Eroberung des Sports TC 19:07 – Wer hat jetzt die Hosen an? TC 22:00 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK ERZÄHLERIN Die Sängerin Esther Ofarim trug edlen schwarzen Samt und Perlenkette, als sie an einem Abend im September 1966 die Bar im Hamburger Grandhotel Atlantic betrat. Ein Angestellter forderte sie auf, die Bar zu verlassen und sich umzuziehen, wenn sie wiederkommen wolle. Der Grund für den Affront: Das todschicke Outfit des Weltstars war – ein Hosenanzug. MUSIK ERZÄHLERIN Die Sache schlug Wellen. Einer Reporterin erklärte der Hoteldirektor, man erwarte von den Gästen „vorschriftsmäßige Garderobe“, und sobald die Damenhosen „offiziell anerkannt“ seien, werde man sie selbstverständlich akzeptieren. Die Hamburger Hosenaffäre ist ein Beispiel für das Konfliktpotential in der Geschichte des zweigeteilten Beinkleids. ZITATOR Hosen. Sind eine bekannte Kleidung, womit die Manns-Personen den Unter-Leib bedecken. ERZÄHLERIN So definiert ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert und erläutert weiterhin: ZITATOR „Hosen ihres Mannes hat das Weib.“ Ist ein bekanntes Sprüchwort, so von denen herrschsüchtigen Weibern gesaget wird, welche ihren Männern in allen befehlen und das Regiment über selbige führen wollen. TC 01:34 – Von barbarisch bis populär ERZÄHLERIN Die Geschichte der Hose ist lang. Ötzis Beinlinge aus Fell waren ein Vorläufer. Die ältesten richtigen Hosen, die Archäologen ausgegraben haben, gehörten asiatischen Reiten vor dreitausend Jahren. Germanen und Kelten trugen Hosen, Griechen und Römer allerdings fanden die Dinger barbarisch. Auch ist die Hose nicht von Natur aus männlich, zwischen Indien und Grönland finden sich in der Geschichte der Menschheit viele Völker mit behosten Frauen. Aber im Mittelalter wurde die Hose in Europa zum Symbol von Männlichkeit und von Macht im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Redensart von der Frau, die die Hosen anhaben will, war schon im 13. Jahrhundert geläufig, jedoch ging es damals nicht um das Oberbekleidungsstück, das im Deutschen heute Hose heißt. Denn das war auch bei Männern aus der Mode. MUSIK ZITATOR Der Gast schritt an das Bett, da war ein weißes Gewand für ihn bereitet. Einen Bruchgürtel von Gold und Seide zog man darunter. Rote Hosen aus Scharlach streifte man ihm über. ERZÄHLERIN So beschreibt Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“ um das Jahr 1200 das Outfit eines Ritters bei Hofe. Das Gewand war lang, und „Hosen“ ist das mittelhochdeutsche Wort für Strümpfe oder Beinlinge. Die trugen auch Frauen unterm Kleid. Der „Bruchgürtel“ hielt die Bruch – eine Unterhose. MUSIK ERZÄHLERIN: In Heinrich Wittenwilers Satire „Der Ring“, verfasst rund zweihundert Jahre später, bekommt der Bräutigam bei einer Bauernhochzeit guten Rat: ZITATOR Das sag ich dir ganz grad heraus: Du bist der Herr in deinem Haus! Wiss’, und trägt dein Weib die Bruch, Sie wird dein Unglück und dein Fluch wider Gott und sein Gebot! Hierzu wirst du der Leute Spott. ERZÄHLERIN Die Unterhose machte den Mann. Und der Mann hatte dafür zu sorgen, dass er der Herr im Haus war, wie es auch die Bibel bestimmte. Frauen galten als launisch, eitel, gierig und herrschsüchtig, und hielt man sie nicht unter Kontrolle, geriet die Welt aus den Fugen. So waren französische Schwänke, italienische Novellen und deutsche Fastnachtsspiele bevölkert von Frauen, die – oft ganz handgreiflich – versuchten, ihrem Mann die Hose zu entreißen. Die Geschichten warnten unbotmäßige Frauen vor drastischen Strafen oder führten dem männlichen Publikum vor, welche Demütigungen ihm bei einer Niederlage drohten: MUSIK ZITATOR Die Betten machen, kehren, waschen, sudeln und prudeln in der Aschen. ERZÄHLERIN Eine Revolution in der Männermode nach der Großen Pest im 14. Jahrhundert brachte die Hose als Oberbekleidung zurück. In einer Chronik ist zu lesen: ZITATOR Nachdem das Sterben ein Ende hatte, da hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein, und machten die Männer neue Kleidung. Die Röcke waren so eng, dass ein Mann nicht darin schreiten konnte, und waren eine Spanne über die Knie. Danach machten sie die Röcke ganz kurz, eine Spanne über den Gürtel. ERZÄHLERIN Die jungen Männer schnitten immer mehr von ihren Gewändern ab, bis nur ein Wams übrigblieb, das kaum noch den Po bedeckte. Das rückte wohlgeformte Beine – Gipfel männlicher Schönheit – in vorteilhaftes Licht, aber zwischen dem Wams und den langen Strümpfen blitzte die Bruch und womöglich blanke Haut hervor. Zur Abhilfe nähte man die Beinlinge hinten zusammen und setzte vorn einen Latz ein. Voilà, die Hose war wieder da, und im Deutschen trug sie nun auch diesen Namen. Von nun an war sie das männliche Kleidungsstück. Und bald in den wunderlichsten Erscheinungen zu sehen. MUSIK ZITATOR Mir kann keiner eine zu abenteuerliche Form eines Kleids aufbringen, denn je seltsamere Kleidung, nach Schnitt von Hosen, Wams und Schuhen, einer aufbringt, je lieber trag ich’s. ERZÄHLERIN … bekannte der Augsburger Konrad Schwarz im 16. Jahrhundert, durchaus typisch für den modebewussten Mann der Renaissance. Männer von Adel und nun auch die stolzen Bürger der Städte zeigten nicht nur Figur, sondern auch, wer sie waren und was sie sich leisten konnten. Wie ein Pfau spreizte man das schillernde Gefieder. Nach der Strumpfhosenphase waren Hosen für drei Jahrhunderte mehr oder weniger kurz und meist farbenfroh. Die Hosenwissenschaft kennt Dutzende von Namen für Modestile, die miteinander konkurrierten oder sich abwechselten - eng anliegend oder bauschig weit, kugelig rund ausgepolstert, geschlitzt mit kontrastfarbig herausquellendem Futter, bestickt, mit Bändern und Schleifen verziert. Und das Gemächt verpackt in protzig großen Schamkapseln. ZITATOR Und möchte mancher meinen, er sehe einen Kramladen aufgetan, so mit mancherley Farben von Nesteln, Bändeln, Schlüpffen sind sie an Haut und Haaren, an Hosen und Wambs, an Leib und Seel behenket, beschlencket, beknöpfet und beladen. ERZÄHLERIN … spottete der Satiriker Johann Michael Moscherosch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Und dann kam die Rheingrafenhose – die ein Rock war. Ein knielanger, weiter Rock, üppig garniert mit Spitzen, Bänderbüscheln und Schleifen, und darunter schaute eine Pluderhose mit breiten Spitzenvolants heraus. Eine Zeitlang war das der Hit an Europas Fürstenhöfen. Zur selben Zeit sah Samuel Pepys in London Irritierendes: ZITATOR In den Gallerien finde ich die Hofdamen in ihrer Reitkleidung, mit Mänteln und Wämsern gerade wie meine, mit Perücken und mit Hüten, so dass, würde nicht ein langer Unterrock unter ihren Männermänteln schleifen, niemand sie für Frauen halten könnte, was ein seltsamer Anblick war und mir nicht gefiel. TC 07:31 – Die Bedrohung der „Männlichkeit“ MUSIK ERZÄHLERIN Die Ordnung der Geschlechter verlangte auch sichtbare Verschiedenheit, was ebenfalls auf biblischem Gebot beruhte: ZITATOR Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun. ERZÄHLERIN Das Verbot galt für beide Geschlechter, doch es ist nicht für beide dasselbe, wenn die Frau dem Mann untergeordnet ist. Der Unterschied besteht darin, so der Schriftsteller Eugen Isolani, dass … ZITATOR … die erhabene und herrschende Stellung des Mannes nicht erniedrigt werden solle durch das Weib, das sich als Mann zeigt, und nicht durch die Selbsterniedrigung des sich als Weib gebärdenden Mannes. ERZÄHLERIN Wenn Frauen sich Männerkleider aneigneten, sah man die Männermacht bedroht. Das war nicht nur eine Frage der Optik - man hegte den Verdacht, dass die Kleidung Frauen auch ein anderes Selbstgefühl gebe. Im 16. Jahrhundert schrieb der englische Humanist Richard Hyrde: ZITATOR Eine Frau soll nicht Männerkleidung verwenden, denn es ließe sie denken, sie hätte den Stolz eines Mannes. ERZÄHLERIN Etwas prosaischer bemerkte das Journal des Luxus und der Moden 1802 über die damals aktuellen absatzlosen Frauenschuhe: ZITATOR Flache Sohlen geben Sicherheit und Bestimmtheit, der Gang wird selbständiger, und niemand kann läugnen, daß die hohen Hacken jedem Weibe ungesehene Fesseln anlegen, wodurch die Hülfe des Mannes ihm auf jedem Schritte nöthig wurde. ERZÄHLERIN Hutformen, Jackenschnitte und Absätze waren eine Sache, doch die Hose blieb ein Tabu. Aber auch dieses wurde oft gebrochen. Viele Frauen reisten in Hosen, weil es bequemer war. Englische Aristokratinnen gingen in Hosen auf die Jagd. Königin Christina von Schweden trug gern Männerkleider. Katharina die Große und Marie Antoinette ritten im Herrensitz in Hosen, Männerrock und Dreispitz, und ließen sich auch so malen. Und was ist mit dieser Anmerkung in einem Lexikon aus den Siebzehnhundertachtzigern gemeint? ZITATOR Bisweilen trägt auch das Frauenzimmer, besonders zur Winters=Zeit, Beinkleider, um sich desto besser vor der Kälte zu verwahren; und es wäre zu wünschen, daß sich das Frauenzimmer, der Gesundheit wegen, dieser Tracht mehr bediente. ERZÄHLERIN Um 1700 herum hatte die Männerhosenpracht ein Ende. Man trug nun schlichte Kniebundhosen, die fast völlig verschwanden unter langen Jacken mit weiten Schößen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Silhouette schlanker, die Jacken offen getragen und die Schöße schräg zurückgeschnitten. Man zeigte wieder Bein, in knallengen Hosen. Wer keine muskulöse Adonis-Statur vorweisen konnte, packte gern Polster und Wachsprothesen unter die Hosen. TC 10:14 – Andere Zeiten rücken an MUSIK ERZÄHLERIN Die Revolution in Frankreich war auch eine Revolution der Hosen. Die radikalsten Umstürzler erklärten die Kniebundhose, die „Culotte“, zum Symbol der aristokratischen Willkürherrschaft, weshalb man sie „Sansculotten“ nannte, „ohne Kniehosen“. Zeichen des republikanischen Geistes sollten die „Pantalons“ sein, lange Hosen. Mit diesen zeigten sich auch einige Revolutionärinnen. Frauen waren überall dabei, sie diskutierten in der Öffentlichkeit mit, gründeten politische Clubs und forderten gleiche Bürgerrechte für ihr Geschlecht. Das ging den Herren dann doch zu weit. Sie verboten den Frauen die Clubs und Versammlungen, und die Männerhosen auch. Da vermeldete das Journal des Luxus und der Moden eine neue Revolution: MUSIK ZITATOR Der Anzug der Damen ist ganz ohne Beyspiel. Sie tragen nemlich, wie die Männer, Pantalons von fleischfarben seidnem Zeuche, und darüber einen Rock von feinstem Mousseline, der an der Seite bis aufs Knie aufgeschürzt, und mit einer Agraffe befestigt wird. ERZÄHLERIN Tatsächlich hatten diese Pantalons mit denen der Männer nichts gemein, es waren Leggings aus Trikotstoff - so ziemlich das einzige, was die Pariserinnen noch unter hauchdünnen Kleidern trugen, nachdem sie Korsetts und Unterröcke beiseite geworfen hatten. Dennoch hielt man die offensichtlich für gewagter als die sogenannte „Nuditäten-Mode“ der durchsichtigen Chemisenkleider. Diese Welle überrollte Europa, doch die Pantalons machten nur wenige mit. Die spätere Schriftstellerin Bettina Brentano schrieb an Goethes Mutter: ZITATORIN Jetzt raten Sie einmal, was der Schneider für mich macht! Ein paar Hosen? Ja! Vivat! Jetzt kommen andre Zeiten angerückt. ERZÄHLERIN Andere Zeiten kamen in der Tat, allerdings brachten sie keine größeren Freiheiten, nicht einmal modische. In der auf göttliches Gebot gegründeten Weltordnung war jedem sein Platz zugewiesen, bestimmt durch Stand und Geschlecht, und man hatte sich dementsprechend zu verhalten. Mit der Aufklärung und der Erschütterung des Ständesystems war diese Ordnung obsolet geworden. Die Unterordnung der Frauen war damit nicht abgeschafft, aber sie brauchte eine neue Begründung. Sie fand sich im Geschlechtscharakter. Frauen und Männer seien, so Wilhelm von Humboldt, von Natur aus völlig verschieden, mit ganz gegensätzlichen Eigenschaften, so dass … ZITATOR … vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des anderen zu vertauschen. ERZÄHLERIN Bislang waren Sanftmut, Geduld und Fügsamkeit Verhaltensweisen, die von Frauen erwartet wurden. Nun war es ihre Natur. Benahmen sie sich anders, galten sie nicht mehr als widerspenstig, sondern als unnatürlich, krankhaft. Eine richtige Frau war der liebevolle Engel im Haus und verlangte weder in der Ehe noch in der Gesellschaft gleiche Rechte. Damit war das Thema des Zanks um die Hosen keineswegs aus der künstlerischen Welt geschafft. Die Frau, die die Hosen anhaben will, war im 19. Jahrhundert ein höchst beliebtes Sujet für Karikaturisten. Eine Zeichnung allein wurde über Jahrzehnte in mehreren Ländern mit kleinen Veränderungen immer wieder kopiert: Ein Mann und ein Frau zerren an einer Hose, angefeuert von einem anderen Paar, bei dem er schon der Hose beraubt ist, die sie unter ihrem Rock trägt. Aus den Bildtexten der deutschen Version: MUSIK ZITATORIN Grosser Zank, Zwischen einem Mann und seiner Frau: wer von beyden die Hosen tragen und im Haus die Ober-Herrschaft haben soll. ZITATOR Lieber sterbe ich, als meiner Frau die Hosen zu lassen; der Mann soll immer der Herrscher seyn. ERZÄHLERIN Dabei lassen sich in den verschiedenen Versionen dieser Karikatur auch die Hosenmoden der Zeit verfolgen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigten sich die Männer in engen Pantalons zu Frack und Weste noch figurbetont und gedämpft farbenfreudig, am Ende steckten sie in der Uniform des dunklen Anzugs. Industrialisierung und Gründerboom verlangten Effizienz statt eitler Selbstpräsentation. Mit den Worten des Ästhetikprofessors Friedrich Theodor Vischer aus dem Jahr 1879: ZITATOR Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge, Haltung, Gesicht, Worte und Thaten seine Persönlichkeit geltend machen. TC 14:48 – Das amerikanische Bloomer-Kostüm MUSIK ERZÄHLERIN Zur Ausstellung des männlichen Erfolgs war die Ehefrau da, in dekorativen Kleidern, in denen man schwerlich arbeiten konnte, selbst wenn man das musste. Um 1850 waren Frauen wieder fest ins Korsett geschnürt und schleppten unter ihren weiten Röcken ein halbes Dutzend steife Unterröcke mit sich herum. Zu dieser Zeit lebte Elizabeth Cady Stanton in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat New York. Einige Jahre zuvor hatte sie hier die erste Frauenrechtsversammlung in den Vereinigten Staaten organisiert und radikale Forderungen nach Gleichberechtigung gestellt. ZITATORIN Mrs. Miller kam mich besuchen, gekleidet im türkischen Stil – kurzer Rock, weite Hosen aus feinem schwarzem Tuch, ein spanischer Umhang, der bis zum Knie reichte, ein sehr kleidsames Kostüm und überaus geeignet zum Gehen bei jedem Wetter. Meine Kusine zu sehen, wie sie, mit einer Laterne in einer Hand und einem Baby in der andern, mit Leichtigkeit und Anmut die Treppe hinaufstieg, während ich, mit wallenden Gewändern, mich mit Mühe hinaufzog, von Laterne und Baby gar nicht zu reden, überzeugte mich sogleich, dass eine Reform der Frauenkleidung sehr nötig war, und ich legte umgehend einen ähnlichen Anzug an. ERZÄHLERIN Ähnliche Kostüme hatten schon andere ausprobiert. Aber Stanton und ihre Freundin Amelia Bloomer, die eine kleine Frauenzeitschrift herausgab, rührten die Trommel dafür. Es wurde bekannt als „Bloomer-Kostüm“, schlug Wellen in den USA und in Europa und löste eine Flut von Karikaturen, bissigen Pressekommentaren und Spottliedern aus. Vermutlich verstanden die Lästermäuler durchaus, dass es Elizabeth Cady Stanton und Amelia Bloomer keineswegs nur um praktischere Kleidung ging. ZITATORIN Mir scheint, wenn die Frau völlige Freiheit genösse, würde sie sich genau wie ein Mann anziehen. In männlicher Kleidung könnten wir reisen, durch alle Straßen unserer Städte gehen ohne einen Beschützer, siebenhundert Dollar im Jahr fürs Unterrichten bekommen statt dreihundert und zehn Dollar fürs Nähen eines Mantels statt zwei oder drei, wie wir es jetzt haben. ERZÄHLERIN … schrieb Stanton an einen Freund. Einige hundert Frauen in Amerika, über mehrere Staaten verteilt, trugen das Bloomer-Kostüm. Dafür wurden sie auf der Straße begafft, von johlenden Kindern verfolgt und mit Hohn übergossen. Nach zwei, drei Jahren hatten fast alle Frauen entnervt aufgegeben. Die radikalen Suffragetten der Jahrhundertwende vermieden solche Experimente. Sie wollten nicht schrullig wirken und damit andere Frauen abschrecken. Die Hosenfrage war damit nicht gestorben, allerdings tauchte sie nun in einem anderen Bereich wieder auf: als Frauen sich den Sport eroberten. TC 17:33 – Eroberung des Sports ZITATORIN Man redet der Frau ein, daß sie kränklich sei und schwach und daher des männlichen Schutzes bedürfe; denn ahnte sie die ihr angeborne Kraft und Gesundheit, so könnte der souveräne Mensch in ihr erwachen ERZÄHLERIN … schrieb die Schriftstellerin Hedwig Dohm 1874. Mediziner warnten eindringlich, dass Sport Frauen zu Mannweibern mache und die Gebärfähigkeit beeinträchtige. Sie sollten sich auf maßvolle Gymnastik und Reigentanz beschränken. Sportbegeisterte Frauen ließen sich damit aber nicht von Hockey, Schwimmen, Skifahren, Rudern, Bergsteigen und Boxen abhalten und mussten dabei Lösungen für die Kleiderfrage finden. In der Turnhalle setzten sich knielange Pluderhosen als Sportdress durch. Ansonsten verwandten Frauen viel Erfindungsgabe darauf, um selbst auf Alpengipfeln nicht in einer Hose gesehen zu werden. Lieber konstruierten sie textile Verwandlungsapparate, wie die Rockhose dieser Bergtouristin: ZITATORIN Über der Wäsche trage ich eine Hose, am Knie seitlich geknöpft und durch einige Falten so erweitert, dass ich frei ausschreiten kann. Der fußfreie Rock ist sehr faltig. Ich kann ihn entweder rings mit einem Riemen schürzen, oder ich ziehe ihn an der Stelle empor, welche durch den An- und Abstieg freie Bewegung fordert. ERZÄHLERIN Mit dem Fahrrad-Hype um 1900 wurden Frauenbeine in Hosen dann auch öffentlichkeitstauglich. Die Knickerbocker-Trägerinnen riskierten dennoch, von aufgebrachten Passanten mit Matsch beworfen oder in Ausflugslokale nicht eingelassen zu werden. TC 19:07 – Wer hat jetzt die Hosen an? MUSIK ERZÄHLERIN 1907 wollte die Sängerin Claire Waldoff in einem Berliner Kabarett kess in Herrenanzug und Zylinder auftreten, doch da griff die Obrigkeit ein. Sie durfte nur im Kleid auf die Bühne. Ein paar Jahre später später kreierten Pariser Modeschöpfer „Hosenkleider“. Wagemutige Damen flanierten damit durch europäische Metropolen und ernteten Hohn und Spott. In München allerdings blieb man gelassen. ZITATOR Die neuen Kostüme, die man bei der Parademusik vor der Residenz, des Nachmittags im Englischen Garten und des Abends im Hoftheater sah, fanden ein aufmerksames Interesse, das sich aber in schicklichen Formen kundgab. ERZÄHLERIN Im Ersten Weltkrieg übernahmen Frauen viele bisherige Männerjobs, aber nicht die männlichen Arbeitshosen. Wenn ein Rock ganz unbrauchbar war, wurden von der Männerkleidung verschiedene Modelle eingeführt. So bekamen Streckenläuferinnen bei der Eisenbahn und Arbeiterinnen in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets Kniebundhosen. In den Zwanzigerjahren schnitten sich Frauen die Haare und die Röcke ab und Fliegerinnen in Hosen und Lederjacke waren die Idole junger Mädchen. Trotzdem hieß es auch in den Dreißigern kategorisch: ZITATORIN Hosen? Nur im Heim, für den Strand und den Sport! ERZÄHLERIN Als Marlene Dietrich sich in einem Hosenanzug im Herrenschnitt sehen ließ, verbot ihr Filmstudio ihr das prompt, doch sie hatte schon eine neue Mode gestartet. In den USA brachte Levi’s „Lady Levi“ auf den Markt, die erste Jeans speziell für Frauen. In der Schweiz trat Nelly Diener, Europas erste Stewardess, ihren Dienst an. Ihre selbstkreierte Uniform bestand aus Sakko und Hosenrock. Erst vierzig Jahre später durften die ersten Flugbegleiterinnen wieder Hosen tragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Keilhose und die Capri-Hose erfunden. Als Audrey Hepburn in dem Film “Sabrina” eine schwarze Capri-Hose trug, prophezeite eine Zeitschrift: MUSIK ZITATOR Mehr Frauen als je zuvor werden in diesem Sommer „die Hosen anhaben“, daran besteht kein Zweifel! Glücklicherweise nur im modischen Sinn. ERZÄHLERIN In den Sechzigern und Siebzigern waren Hosen aus der Mode für Frauen schon nicht mehr wegzudenken, von den jungen Jeansträgerinnen bis zur Pariser Haute Couture. In der Bundesrepublik kauften Frauen schon mehr Hosen als Röcke. Aber in Büros waren Hosen immer noch tabu, bei offiziellen Anlässen galten sie als unpassend, und Esther Ofarim war nicht die einzige Frau, die wegen ihrer Hose aus einem Restaurant oder Hotel verwiesen wurde. Heute sind Hosen für Frauen kein Thema mehr. Und Männer experimentieren mit Röcken, wenn auch nur eine winzige Minderheit. TC 22:00 – Outro
- 21.06.202438 min
1954 gab es das "Wunder von Bern". 1990 den ersten gesamtdeutsche WM-Sieg. 2006 war zwar kein Titel drin, dafür berauschte sich Fußballdeutschland am schwarz-rot-goldenen "Sommermärchen". 2014 schlug die DFB-Elf Argentinien im Endspiel. Und 1974? Auch in diesem Jahr wurde Deutschland Fußballweltmeister - im eigenen Land! Und das mit der angeblich "besten Mannschaft aller Zeiten": Beckenbauer, Hoeneß, Netzer, Overath, Müller! Noch Fragen? Ja! Warum ist diese Weltmeisterschaft dann im kollektiven Gedächtnis der Deutschen eher ins Abseits geraten? War es die schlechte Stimmung im Trainingslager Malente? Wirkte das Olympiaattentat von 1972 noch nach? Oder war es einfach das legendär schlechte Wetter, das ganze Stadien in Seenplatten verwandelte? In der neuesten Ausgabe von "Wie war das damals?" schauen Christian Schaaf und Michael Zametzer zurück ins Jahr 1974, als wir zuhause Weltmeister wurden. Credits Autoren: Christian Schaaf und Michael Zametzer Redaktion: Eva Kötting und Heike Simon Im Interview: Dr. Jutta Braun, Manni Breuckmann Linktipps: mdr (2024): Unsere Mannschaft ´74 Für die DDR-Nationalmannschaft war der sportliche Höhepunkt die WM-Teilnahme 1974 mit dem 1:0-Sieg gegen die Bundesrepublik. Diese Doku-Reihe blickt gemeinsam mit vielen Zeitzeugen auf diese Fußball-Sensation zurück. JETZT ANSEHEN ARD (2024): Deutschland. Fußball. Sommermärchen 2024? Deutschland. Sommer. Fußball-WM 2006: Eine Nation erlebt ein Sommermärchen. Deutschland, 18 Jahre später. Die UEFA Euro 2024. Ein verändertes Land. Und doch wieder ein fröhlich-friedliches Sommermärchen? Esther Sedlaczek nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch Deutschland 2024 und zeichnet ein sportliches, unterhaltendes und nachdenkliches Bild zur Lage der „Fußball-Nation“. Sie trifft unter anderem Bundestrainer Julian Nagelsmann, Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, den ARD-Fußball-Experten Bastian Schweinsteiger und Weltmeistertrainer Jogi Löw. Sie begegnet Fans und besucht die Alpengemeinde Garmisch-Partenkirchen, die sich auf Tausende Schotten während der Fußball-EM freut. Sie beschäftigt sich aber auch mit der Frage, ob der Fußball im Jahr 2024 wirklich noch eine Gesellschaft verbinden kann, die sich in vielem fast schon unversöhnlich gegenübersteht. IN DER MEDIATHEK Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
"Aus! Aus! Das Spiel ist aus! - Deutschland istWeltmeister!" Mit diesem Schrei des Rundfunkreporters Herbert Zimmermann war die Sensation 1954 perfekt. Außenseiter Deutschland gewinnt die WM. Neun Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches kam in der Bundesrepublik das Gefühl auf: "Wir sind wieder wer!" Einige Historiker sehen deshalb im Fußballwunder von Bern die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Aber stimmt das wirklich? Von Christian Schaaf (BR 2010) Credits Autor: Christian Schaaf Regie: Martin Trauner Es sprachen: Armin Berger Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Thomas Raithel, Harry Valerien, Renate Schmidt, Wolf Posselt Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2024): Wild Crimes Das Verbrechen lauert überall – auch zwischen Mensch und Tier. "Wild Crimes" liefert packende Storys von True Crime im Tierreich. In Staffel eins erzählen wir euch vom "Problembären" Bruno. Der war erst bei uns willkommen, dann wurde er gejagt und getötet. Wie kam es zu dieser dramatischen Wende? Wer hat ihn abgeschossen? Und war es gerechtfertigt, ihn zu töten? JETZT ANHÖREN Linktipps: ARD (2024): Deutschland. Fußball. Sommermärchen 2024? Deutschland. Sommer. Fußball-WM 2006: Eine Nation erlebt ein Sommermärchen. Deutschland, 18 Jahre später. Die UEFA Euro 2024. Ein verändertes Land. Und doch wieder ein fröhlich-friedliches Sommermärchen? Esther Sedlaczek nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch Deutschland 2024 und zeichnet ein sportliches, unterhaltendes und nachdenkliches Bild zur Lage der „Fußball-Nation“. Sie trifft unter anderem Bundestrainer Julian Nagelsmann, Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, den ARD-Fußball-Experten Bastian Schweinsteiger und Weltmeistertrainer Jogi Löw. Sie begegnet Fans und besucht die Alpengemeinde Garmisch-Partenkirchen, die sich auf Tausende Schotten während der Fußball-EM freut. Sie beschäftigt sich aber auch mit der Frage, ob der Fußball im Jahr 2024 wirklich noch eine Gesellschaft verbinden kann, die sich in vielem fast schon unversöhnlich gegenübersteht. IN DER MEDIATHEK ARD (2022): 50er – Das Wunder von Bern und die Folgen In den 1950er-Jahren entstehen die Fußball-Nation Deutschland und der 11-Freunde-Mythos. Unter Trainer Sepp Herberger holt sich Deutschland als krasser Außenseiter den ersten WM-Titel. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:32 – 3:2 für Deutschland TC 03:43 – Das Wunder ist perfekt TC 06:41 – Nicht der schlechteste Mythos TC 10:14 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Zuspielung: Ausschnitt Reportage Zimmermann: „Deutschland im Endspiel der Weltmeisterschaft. Das ist ein echtes Fußballwunder. Ein Wunder allerdings, das auf natürlichem Weg zustande gekommen ist“ … Sprecher 4. Juli 1954. Die Republik sitzt nervös vor dem Radiogerät. Geschickt versucht der Rundfunkreporter Herbert Zimmermann im verregneten Berner Wankdorfstadion die Hörer darauf vorzubereiten, dass die Nationalmannschaft gegen den haushohen Favoriten Ungarn praktisch chancenlos ist. Eine Niederlage scheint unausweichlich. Denn schon in der Vorrunde hatte die Auswahl des kommunistischen Landes die Mannschaft um Nationaltrainer Sepp Herberger mit 8:3 vernichtend geschlagen. Und so ist das erste Wunder dieses denkwürdigen Juli-Sonntags, dass die Deutschen überhaupt im Finale der Weltmeisterschaft stehen. Der Historiker Thomas Raithel hat sich intensiv mit der Weltmeisterschaft 1954 auseinandergesetzt. Für ihn steht fest: Die deutsche Mannschaft hatte bei dem Turnier sehr viel Glück gehabt. 2. Zuspielung: Thomas Raithel: „Es war sicher Glück dabei. Man könnte quasi von einer Verkettung von glücklichen Umständen sprechen. Das fängt an mit der Besetzung der Vorrunde. Die haben eine leichte Gruppe gehabt. Mit zwei Siegen gegen die Türkei waren die Deutschen eine Runde weiter. Das ging weiter mit den Losen in den Halbfinalen. Die Ungarn hatten mit Brasilien und Uruguay die erheblich schwereren Gegner. […] Glück war auch das Wetter. Der Regen hat so ein bisschen die technischen Unterschiede zwischen den Ungarn und den Deutschen nivelliert. Und vor allem muß man sehen: Der Austragungsort Schweiz. Das waren zum Teil Spiele in Heimspielatmosphäre, die die Deutschen da hatten. Wenn man das alles zusammen nimmt, dann ist Begriff des Wunders ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen.“ Sprecher Doch das eigentliche Wunder dieses Tages, der Titelgewinn, ließ auf sich warten. Gleich nach dem Anpfiff schien es so, als ob das Spiel ein Fiasko für die deutsche Mannschaft werden sollte - ähnlich wie die 8:3 Niederlage gegen Ungarn in der Vorrunde. Denn schon in der sechsten Minute fällt das erste Tor für die Ungarn. TC 02:32 – 3:2 für Deutschland 3. Zuspielung: Zimmermann 1:0: „Kocsis müsste schießen. Nachschuss Puscas. Tor! Was wir befürchtet haben, ist eingetreten. Der Blitzstart der Ungarn hat ihnen die Führung eingebracht.“ Sprecher Zwei Minuten später folgt der zweite Treffer der Ungarn. Doch dann die Sensation. In der 18. Minute schießt der Nürnberger Max Morlock den Anschluss-Treffer. Zum Ende der zweiten Halbzeit kommt es dann zur Sensation. Helmut Rahn schießt das 3:2 und Sportreporter Zimmermann verliert die Fassung. 5. Einspielung: Zimmermann nach 3:2: „3:2 für Deutschland! Fünf Minuten vor dem Spielende! Halten Sie mich für verrückt. Halten Sie mich für übergeschnappt! Ich glaube auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben und sollten sich an der Begeisterung unserer Mannschaft mitfreuen und sollten jetzt Daumen halten.“ Sprecher In einem atemberaubenden Spiel verteidigen die Deutschen ihren Vorsprung. Bis wenige Minuten später der erlösende Schlusspfiff erklingt. 6. Einspielung: Zimmermann: Aus Aus Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Schlägt Ungarn mit 3:2 Toren im Finale in Bern! TC 03:43 – Das Wunder ist perfekt Sprecher Das Wunder war perfekt. Der 4. Juli 1954 war der wohl glücklichste Tag, den die junge Republik seit ihrer Gründung fünf Jahre zuvor erlebt hatte. Und so erinnern sich auch noch heute Menschen gerne an dieses Datum zurück, die mit Fußball eigentlich wenig am Hut hatten, wie etwa die SPD-Politikerin Renate Schmidt, damals 11 Jahre alt. 7. Einspielung: „Meine Eltern saßen bei Freunden vor dem Radiogerät und haben gefiebert. Dann kam dieses erlösende Tor. Und mein Vater hat uns alle geküsst und wir haben 50 Pfennige geschenkt bekommen. Das war damals für ein Kind meines Alters ungeheuer viel Geld. Ein Eis mit zwei Kugeln hat damals ein Zehnerle gekostet. Ein Kinobesuch für Kinder war mit 70 Pfennigen zu haben. Es war ein Haufen Geld. Ich fand, das war ein wunderbarer Tag.“ Sprecher Zur selben Zeit im Berner Wankdorfstadion. Die Schlachtenbummler stimmen das Deutschland-Lied an. 8. Einspielung: „Deutschland, Deutschland über alles!“ Sprecher Deutschland, Deutschland über alles. Diese erste Strophe der Nationalhymne war zwei Jahre zuvor durch die dritte Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ersetzt werden. Aber diese Entscheidung ist offenbar noch nicht bei allen Bundesbürgern angekommen - vielleicht auch, weil es zuvor kaum Gelegenheit für die Deutschen gab, ihre Hymne öffentlich anzustimmen? 9. Einspielung: Reportage Triumphzug München: „Nun biegen wir von der Bayerstraße in die Goethestraße ein. Und hier hängen auch Transparente wie in den vielen anderen Straßen. Der Jubel kennt keine Grenzen. Und schon wieder drängen die einzelnen …“ Sprecher (ab „Grenzen“ drüber): Zwei Tage später. Die Nationalmannschaft wird in München empfangen. Tausende Menschen säumen die Straßen und versuchen einen Blick auf die Helden von Bern zu erhaschen. Harry Valerien, damals Sportreporter: 10. Einspielung: (Harry Valerien zu Triumphzug): „Im Grunde war das ein, das Wort mag ich nicht, weil einen das an Zeiten erinnert, die hinter uns liegen, aber ein Zug des Triumphes – wenn das erlaubt ist das zu sagen. Ein überwältigendes Ereignis, weil die Menschen halt aus dem Häuschen waren. Weil sie die Strecke säumten, die Bahnhöfe bevölkerten. Im Grunde mussten sie sich irgendwo ausdrücken. Sie mussten hinausschreien: Freunde, dass wir das schaffen! Dann schaffen wir vielleicht noch viel mehr! Auf andere Weise. Und wenn Sie sich vorstellen, dass da die letzten Gefangenen gar nicht zu hause waren. Aus Stalingrad, oder anderen Gefangenenlagern. Aber das ist sehr schwer zu verstehen, wenn man das nicht selbst erlebt und erfühlt hat. TC 06:41 – Nicht der schlechteste Mythos Sprecher Doch auch schon vor dem Sieg von Bern hatte es in der jungen Bundesrepublik genug Anlass zum Optimismus gegeben. Seit Anfang der 50er Jahre kannte die Wirtschaftsentwicklung in Westdeutschland nur eine Richtung: Nach oben. Auch die Löhne stiegen und die Arbeitslosenquote sank. Dank des geschickt verhandelnden Bundeskanzlers Konrad Adenauer sollten die letzten Kriegsgefangene, vor allem aus dem Osten, schon bald nach Hause kommen. Und nun auch noch der Weltmeister-Titel! Im Nachhinein betrachtet, passiert es daher leicht, den Fußballsieg von Bern als das Gründungsereignis der Bundesrepublik Deutschland zu sehen. Doch das geht dem Historiker Thomas Raithel zu weit. 11. Einspielung: Raithel : Mythenbildung: „Das ist meines Erachtens ein Mythos! Es ist ein Mythos der der Versuchung erliegt, die Kontexte auszublenden und alles auf ein Ereignis zu projizieren. Das Interessante ist, man kann das sehr schön zeigen, wie dieser Mythos seit den fünfziger Jahren sukzessive gewachsen ist. Der war nicht sofort da. Die Zeitgenossen haben nicht vom „Wunder von Bern“ gesprochen. Das beginnt dann erst 1974. Zur Abgrenzung. Als die Deutschen zum zweiten Mal Weltmeister werden. Dann wird das „Fußballwunder von 54“ dem Triumph von Bern gegenübergestellt. Und dann wächst diese Mystifizierung immer weiter. Und das hat sehr viel damit zu tun, mit generellen Prozessen, wie in der Bundesrepublik historische Erinnerungen entstehen, transportiert aber auch verklärt werden.“ Sprecher Aber bereits schon am Abend des 6. Juli 1954, als die Nationalmannschaft im Münchner Löwenbräukeller empfangen wird, ist die Verklärung des Titelgewinns zu beobachten. Die Begrüßungsrede hält der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens. 12: Einspielung: Bauwens: „Laßt uns, die alle hier sind, außer unseren 22 Kameraden einschließlich Herberger, von unseren Plätzen erheben, um auf unsere 22 Wackeren unseren Ruf auszubringen, worin aber eingeschlossen ist, dass das was sie geleistet haben zünden soll in unserer Jugend. Damit sie gute Deutsche werden auch für die fernste Zukunft. Ein dreifaches Hip Hip Hurra! (Jubelschreie) Sprecher Kurze Zeit später blendete sich der Bayerische Rundfunk aus, der die Rede Bauwens live übertragen hatte. Der Grund: Die Rede weckte immer mehr Erinnerungen an die NS-Propaganda. Der große Rest der Republik ging mit dem Weltmeistertitel allerdings weitaus zurückhaltender um. Statt nationalistischer Überheblichkeit machte sich eher ein vorsichtiges Selbstvertrauen breit, nach dem Motto: „Wir sind wieder wer“. Insofern kann auch der Historiker Thomas Raithel der mythischen Verklärung des „Wunders von Bern“ etwas Positives abringen. 14. Einspielung Raithel Mythos: „Das ist nicht der schlechteste Mythos. Der hat, in gewisser Hinsicht, auch eine Barriere gebaut vor weiteren militärischen Mythen vielleicht. Und es ist ein Ereignis, das die Bundesrepublik durch den Erfolg des Sports auch westlicher und moderner gemacht hat.“ Sprecher Ansonsten hat die wahre Bedeutung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 wohl niemand anderes besser als Rundfunk Reporter Herbert Zimmermann erkannt: 15.Einspielung: Zimmermann: „Aber die Tatsache, dass man auch bei einem Weltmeisterschaftsendspiel die Sache nicht übermäßig ernst nimmt, sollte uns daran erinnern, dass es bei aller Freude und bei allem Einsatz hier lediglich um ein Spiel geht.!“ TC 10:14 – Outro



















