Alles Geschichte - Der History-Podcast

ARD
535
16.10.2026
Beschreibung
Hinter allem steckt Geschichte und wir erzählen sie euch - euer History-Podcast.
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Episoden
  1. Fast 800 Jahre lang herrschten auf der Iberischen Halbinsel arabische Fürsten, Emire, Kalifen. Diese Epoche wird Al Andalus genannt. Al Andalus war eine Glanzzeit für Kultur und Naturwissenschaften. Aber nicht nur das: Christen, Juden und Muslime lebten in dieser Epoche lange meist friedlich mit- und nebeneinander. Aber ab dem 12. Jahrhundert kam es zu immer mehr gewalttätigen Auseinandersetzungen. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2013) Credits Autor: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Martin Trauner Es sprachen: Alex Wostry, Friedrich Schloffer, Katja Schild Technik: Christiane Gerheuser-Kamp, Michael Zöllner Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Isabel Martínez-Richter, Prof. Juan Pedro Monferrer-Sala, Georg Bossong, Antonia Alcántara Luque, Carlos López-Obrero, Manuel Vinuelas, Daniel Grammatico, Sebastián de la Obra Eine besondere Link-Empfehlung der Redaktion: SWR (2024): Geisterjäger Gibt es das Unerklärliche wirklich? Hans Bender ist der größte Geisterjäger der deutschen Geschichte. Mehr als drei Jahrzehnte lang reist der Parapsychologe als Experte für Unerklärliches durch die Republik und untersucht ein merkwürdiges Phänomen nach dem anderen. Bender ist überzeugt: Spuk, PSI-Kräfte, Hellsehen und Telekinese sind echt. Angeblich hat er das sogar bewiesen. Aber kann das wirklich sein? Die Psychologie-Podcasterin Verena Fiebiger geht zusammen mit ihrem Team auf Spurensuche in der Welt des Paranormalen. HIER GEHT’S ZUM PODCAST Linktipps: SWR Kultur (2022): Al-Andalus heute – Spanien muslimisches Erbe Bis 1492 stand Andalusien unter muslimischem Einfluss. Heute vermarktet die Region rund um Granada und Cordoba ihr arabisches Erbe, marokkanische Einwanderer verdienen Geld mit orientalischen Souvenirs und Teestuben für Touristen. Nicht alle finden das gut, manche sprechen von einer schleichenden erneuten Eroberung. Denn heute ist den meisten Spanierinnen und Spaniern die arabische Kultur fremd, die 800 Jahre lang auch ihre war. Immerhin: Die junge Generation hat mit der Rückbesinnung auf die muslimische Vergangenheit begonnen. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk (2022): Mit der Aufhebung des „Alhambra-Edikts“ endete offiziell die Verbannung der Juden Am 1. April 1992 widerrief der spanische König Juan Carlos das „Edikt von Alhambra“ – mit ihm waren genau 500 Jahre zuvor im Zuge der Reconquista die sephardischen Juden aus Spanien verbannt worden. De facto galt das Edikt zwar schon seit 1869 nicht mehr, aber für die Juden war es eine historische Wiedergutmachung. Zum Beitrag geht es HIER Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:00 – Wie eins zum anderen kam TC 04:44 – Die Kunst der Sprache TC 07:16 – Florierendes Handwerk TC 11:47 – Ein tragisches Ende TC 15:40 – Die Leidenszeit der jüdischen Gemeinde TC 17:28 – Drei Religionen und eine Stadt TC 21:41 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO 1 Glocken MUSIK Zusp. 1 Moschee-Kathedrale: „Es ist, denke ich, eines der faszinierendsten Bauwerke der Geschichte. So was gibt es sonst nirgends. Wir haben diesen neuen Namen Moschee-Kathedrale geprägt, der etwas verwirrend ist. Der Bischof ist damit überhaupt nicht einverstanden. 80 Prozent dieses Gebäudes sehen noch immer aus wie Moschee. 20 Prozent des Gebäudes wurden im frühen 16. Jahrhundert zerstört, um inmitten dieser Gebetshalle der Muslime eine Kirche zu verankern. Das gesamte Gebäude wurde geweiht mit dem Datum der Reconquista schon 1236 und ist entsprechend hochheiliges Gotteshaus.“ MUSIK UND ATMO ENDE ATMO 2 Kathedrale Gesang Erzähler: Córdoba: Die Kunsthistorikerin Isabel Martínez-Richter steht in der Mezquita Catedral und blickt hoch zum Gewölbe. Islamische Hufeisenbögen, die auf über 800 Säulen ruhen, unterteilen den riesigen Gebetssaal in 19 Seitenschiffe. Die Moschee-Kathedrale ist einer der größten Sakralbauten weltweit. Wie ein notgelandetes Ufo haben die christlichen Herrscher im 16. Jahrhundert ein Kirchenschiff mitten in die Moschee gepflanzt - Rache der katholischen Könige an den Muslimen, die in den vier Jahrhunderten zuvor Córdoba dominiert hatten. Noch heute ist die Moschee-Kathedrale ein Symbol für das Mit- bzw. Gegeneinander von Muslimen und Christen in Spanien. ATMO ENDE Erzähler: Maurische Einwanderer hatten im Jahr 785 auf dem Fundament einer westgotischen Kapelle ihre Moschee errichtet. Der Bauherr war Abd ar-Rahman I., ein Emir, der für die erste Glanzzeit der Araber in Andalusien steht. Die Moschee von Córdoba wurde rasch zu einer der wichtigsten islamischen Gebetsstätten in der westlichen Welt. MUSIK TC 02:00 – Wie eins zum anderen kam Erzähler: 74 Jahre zuvor - 711 - war ein Invasionsheer von Arabern und Berbern in der Nähe des heutigen Gibraltar gelandet, angeführt hatte es Tariq ibn Ziyad, im Auftrag des Kalifen von Damaskus. Ohne besondere Mühe besiegte es die Truppen des Westgoten-Königs Roderich. Es folgte ein siebenjähriger Feldzug, an dessen Ende die Iberische Halbinsel fast komplett arabisch besetzt war. Juan Pedro Monferrer-Sala, Professor für Arabistik und Islamwissenschaften an der Universität von Córdoba: MUSIK ENDE Zusp. 2 Prof. ocupacion: VOICEOVER (männlich) „Als die islamischen Truppen ankommen, ist die Iberische Halbinsel militärisch ziemlich desorganisiert. Es gibt keine Staatsgewalt. Als die Berber-Soldaten an Land gehen, ist der Weg frei für sie. Sie treffen auf keinerlei Hindernisse. Insofern muss man von einer Besetzung sprechen und nicht von einer militärischen Eroberung.“ Erzähler: Eine wichtige Voraussetzung: Die vielen jüdischen Bewohner waren von den Westgoten schlecht behandelt worden. Für sie konnte die Lage nur besser werden, zumal sie in Bagdad, Damaskus oder Kairo gute Erfahrungen mit den Muslimen gemacht hatten. Also öffneten sie den Mauren Tor und Tür. So begann die fast 800 Jahre dauernde Epoche al-Andalus: 929 ernannte sich Abd ar-Rahman III. zum Kalifen und damit zum direkten Nachfolger des Propheten Mohamed. Aus dem Emirat Córdoba wurde ein Kalifat, das auf einer Stufe mit den Kalifaten in Bagdad und Kairo stand. Córdoba war auf dem Weg, die wichtigste und auch modernste Stadt Europas zu werden. MUSIK 3 – Suhail Ensemble Erzähler: Der orientalische Palast des Kalifen hatte weit angelegte Säulengänge, Innenhöfe, Kuppeldächer, Gartenanlagen. Auf teuren Marmorböden lagen kostbare Seidenteppiche; Diwane und andere Möbel waren aus edelsten Hölzern, man dinierte auf kunstvoller Keramik, trank aus feinem Glas, die Luft war erfüllt von exotischen Düften. Insgesamt lebten 6000 Frauen am Hof: Haremsdamen, Dichtersklavinnen, Tänzerinnen, Köchinnen. Sie waren in eigenen Häusern für Bedienstete untergebracht. Der Hofstaat, also die Fürsten, ihre bis zu vier Ehefrauen, die Kinder, die engsten Vertrauten, Berater und Gäste bewegten sich mit handbetriebenen Aufzügen, damit die feinen Damen und Herren nicht Treppensteigen mussten. In Schreibstuben wurden wissenschaftliche, religiöse und literarische Werke aus diversen Sprachen für die Bibliothek des Kalifen übersetzt und kopiert: MUSIK ENDE TC 04:44 – Die Kunst der Sprache Zusp. 3 Sprache: „Dabei muss man sich vor Augen führen, dass das Vordringen des Islam, die Ausbreitung des Islam ganz wesentlich ein Sprachereignis war. Das heißt: Der Koran ist nicht nur etwas, das man mit dem Kopf aufnimmt als Inhalt, sondern eben auch ein gewaltiges Sprach¬kunstwerk von einem überwältigenden Klang und das hat die Menschen überall in Bann gezogen. Insofern kam es in dieser ersten Zeit zu einem Nebeneinander nicht nur der drei Religionen, sondern auch der Sprachen, der jeweiligen Sprachen, und das Arabische spielt dabei eine beherrschende Rolle.“ Erzähler: Der Sprachwissenschaftler Georg Bossong von der Universität Zürich hat mehrere Abhandlungen über al-Andalus veröffentlicht. Besonders fasziniert ist er vom intellektuellen Austausch, der damals stattfand: Zusp. 4 Übersetzer: „Wir haben ja heute die Tendenz, eine strikte Trennung zwischen Orient und Okzident zu ziehen. Das Mittelmeer als eine Scheidelinie. Das war ja in der Antike überhaupt nicht der Fall. Ägypten gehörte genauso zum Römischen Reich wie Tunesien. Das war das Mare Nostrum auf dem Südufer genauso wie auf dem Nordufer. Und es war eine der vornehmsten Aufgaben der frühen Kalifen, die Quellen der griechischen Weisheit ins Arabische zu übersetzen. Diese Fülle der antiken Wissenschaft und Philosophie ist dann via al-Andalus nach Europa weitergegeben worden.“ Erzähler: Historische Quellen sprechen von 400.000 Büchern in der Bibliothek von Córdoba - es war vermutlich die umfangreichste Sammlung der Zeit. Die Stadt am Guadalquivir war Europas Kultur-Hauptstadt. Sogar bürokratische Mitteilungen oder buchhalterische Aufstellungen aus dem neunten und zehnten Jahrhundert waren hin und wieder in Versform geschrieben. Beamte mussten zum Teil in Reimen Bericht erstatten. Talentierte Poeten wurden mit Minister-Ämtern belohnt. Einer der berühmtesten Hof-Poeten, Ibn al-Chatib, dichtete so blumig, dass er seinen Zuhörern ein Wörterbuch mitbrachte, damit sie ihn verstanden. Zusp. 5 Sprachkunst: „Man kann sich das eigentlich in unseren Breiten kaum vorstellen, wie sprach-begeistert, ja, ich möchte sagen sprachverrückt die Araber sind oder sein können oder in der Vergangenheit immer waren. Sprachliche Schönheit ist etwas, was die Menschen so verzückt hat, dass es Anekdoten gibt, dass sie vor lauter Begeisterung über diese Schönheit einfach gestorben sind. Sie hat quasi der Schlag getroffen.“ MUSIK TC 07:16 – Florierendes Handwerk ATMO 4 Straße Erzähler: Die Bewohner sprachen Arabisch, Hebräisch, Koptisch, Aramäisch, Persisch, Romanisch-Spanisch, Latein. In einer Zeit, in der London oder Paris noch Dörfer waren, wohnten in Córdoba 200.000 Menschen. Als erste europäische Stadt hatte es gepflasterte Straßen mit Laternen, 300 Moscheen sind bekannt, 50 Krankenhäuser, Hunderte öffentlicher Bäder. Neben Hygiene und Poesie brachten die Araber Vieles auf die Iberische Halbinsel, was den Lebensstil der Einheimischen deutlich verfeinerte: Papier, Seide, Keramik, Schmiede- und Glaskunst sowie eine spezielle Lederwarenherstellung. Der Lederhandwerker Carlos López-Obrero aus Cordoba: Zusp. 7 Leder: VOICEOVER (männlich) „In Córdoba geht die Lederverarbeitung auf die arabische Zeit zurück: Truhen, Koffer, Schatullen, Wandbehänge, alles aus Pferde-Leder. Der Córdoba-Stil ist wegen seiner einzigartigen Gerb-Technik berühmt geworden. Nur hier wurde das Leder mit dem Sumach-Pflanzensaft gegerbt. Das macht das Leder besonders weich. So entstand der Begriff „cordovan-Leder“!“ MUSIK ATMO 8 Alhambra Springbrunnen Erzähler: Die Mauren brachten ausgeklügelte Bewässerungssysteme ins trockene Andalusien und ließen die Liebe zur Gartenkunst aufblühen. Granada entwickelte sich zu einer Gartenstadt, deren eindringlichster Ort die Alhambra mit ihren weiten Parkanlagen ist. Die Burg erstreckt sich über eine Bergkette, umfasst Dutzende von kunstvoll verzierten Gebäuden. Zur Hochzeit der Sultane von Granada galt die Alhambra als „Irdisches Paradies“. Ein Traum aus 1001 Nacht - aus Marmor, Alabaster, aus Zedern- und Ebenholz, vor der imposanten Kulisse der schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada. Daniel Grammatico schreibt als Architektur-Journalist viel über die Bauwerke aus der al-Andalus-Zeit. Er deutet auf gut erhaltene arabische Schriftzüge an der Wand in einem der Alhambra-Säle: MUSIK Zusp. 9 Alhambra Sternenhimmel: VOICEOVER (männlich) „Für mich ist das die luxuriöseste Poesie, die jemals veröffentlicht wurde … (rezitiert auf Arabisch) … das hier bedeutet: Besucher, bewundert diesen Palast, schaut diese Kuppel über euch an, in diesem Thronsaal, der in einem Turm untergebracht ist! Jedes Stück Holz bildet einen Stern und alle zusammen das Firmament. Und wir sind die Töchter, die kleinen Kuppeln!“ Erzähler: Tausende von blauen Mosaiksteinchen und vergoldeten Holzplättchen zierten einst die Decken der Alhambra. Viele sind wunderbar erhalten bzw. restauriert. Ibn Zamrak, ein Hofdichter, schwärmte im 14. Jahrhundert: „Die Sterne selbst sehnen sich danach, in ihr zu verweilen, anstatt am Himmel endlos zu kreisen!“ MUSIK ZU ENDE ATMO 8 Alhambra Springbrunnen Zusp. 10 Alhambra naturalezza: VOICEOVER (männlich) „Diese Architektur manifestiert sich mit drei Stoffen: nicht mit den wertvollen Keramiken, nicht mit dem teuren Marmor, nicht mit den edlen Hölzern, sondern mit: Licht, Wasser und Natürlichkeit. Die Natur und die Natürlichkeit sind existentiell für alle Häuser und die Innenhöfe in al-Andalus. Das Haus verwandelt sich quasi in einen Garten.“ MUSIK Erzähler: Lustgärten mit Pavillons, Terrassen mit Blick auf die Stadt und die Berge, Bassins, kleine Kanäle, Springbrunnen umschmeicheln die Alhambra. Das Wasser wird aus den umliegenden Bergen zur Burg und weiter in die Wohnviertel geleitet. Trotz der langen trockenen Sommer blüht es überall: MUSIK Zusp. 11 Alhambra Wasser: VOICEOVER (männlich) „Wasser ist Leben, Wasser schläft nie. Die Araber kamen mit hochentwickelter Hydraulik; was sie hier gemacht haben ist eine grüne Revolution. Mit Hilfe von Bewässerungssystemen und Kanälen. Sie nutzten das Wasser für das Hamam, für die Hygiene, aber auch für die berühmten Gärten, die sie hier zu Füßen des Alhambra-Hügels kultiviert haben.“ TC 11:47 – Ein tragisches Ende ATMO 10 Trompeten Erzähler: Die Alhambra war auch der Ort, an dem die Epoche al-Andalus theatralisch zu Ende ging: Der letzte arabische Herrscher Boabdil musste 1492 mit seinem Tross die Burg verlassen, da christliche Truppen in Überzahl vor den Toren standen. Nachdem Boabdil mit den Seinen die Alhambra verlassen hatte, soll seine Mutter gesagt haben: „Weine nicht wie ein Weib, da du als Mann die Burg nicht verteidigen konntest!“ Boabdils Seufzer auf dem letzten Hügel, von dem aus die Alhambra zu sehen ist, gab dieser Stelle den bis heute gebräuchlichen Namen „El suspiro del moro“, der Seufzer des Mauren. MUSIK Erzähler: Wie war es dazu gekommen? Das Reich der Mauren auf der Iberischen Halbinsel war nie vereint. Es bestand all die Jahrhunderte aus Emiraten, Fürstentümern sowie dem großen Kalifat Córdoba. Waren unfähige arabische Herrscher an der Macht, zerfielen die Reiche. Außerdem versuchten christliche Heere immer wieder, Territorien zurückzugewinnen. Im 11. Jahrhundert war Andalusien in Dutzende Taifas - autonome Fürstentümer - zerstückelt. Womöglich lenkte ihre Prunk- und Genusssucht die muslimischen Herrscher vom Regieren ab. MUSIK & ATMO 11 Trommeln Erzähler: Der katholische König Ferdinand I. entwickelte besonders viel Energie im Kampf gegen die Mauren: 1064 eroberte er mit Unterstützung der päpstlichen Heere die symbolträchtige Festung Barbastro zurück. Tausende arabische Soldaten wurden getötet, 1500 junge Frauen versklavt. Erzähler: Mittelalter bedeutete für al-Andalus: Raubzüge, Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Entführungen. Soldaten wurden zu Legenden, wie der „Cid“, eigentlich Rodrigo Diaz de Vivar, berühmtester Ritter und erfolgreichster Feldheer der Epoche. Immer wieder wechselte er die Seiten, verdingte sich als Söldner mal für christliche Könige, mal für muslimische Fürsten: MUSIK & ATMO 11 Trommeln Zusp. 12 Prof. cid: VOICEOVER (männlich) „This is business würde man heute sagen: Der Cid muss wirtschaftlich überleben, er muss sein Geschäft vorantreiben. Er wird immer wieder an und über die Grenzen seines Landes gedrängt, was typisch ist für diese Zeit: Die Menschen wechseln ihre Kultur, ihre Zugehörigkeit, je nachdem, wo sie gerade am besten ihr Auskommen finden. So war auch der Cid mal auf der einen, mal auf der anderen Seite.“ Erzähler: Christliche Heere aus den nördlichen Provinzen Galizien, Asturien und Kantabrien, aus dem Baskenland und aus Portugal rückten im 11. Jahrhundert nach Süden vor. Die muslimischen Taifa-Könige, wie der Dichterkönig Al Mutamid von Sevilla, konnten ihre Provinzreiche nicht alleine verteidigen und riefen strenggläubige Berber-Krieger aus Nordafrika zu Hilfe: die berüchtigten Almoraviden, denen später die ebenso orthodoxen Almohaden folgten. Diese Kriegermönche besiegten die katholischen Armeen, wandten sich aber danach gegen die maurischen Klein-Könige selbst, deren dekadenten Lebensstil sie verabscheuten. Der Sprachwissenschaftler Georg Bossong von der Universität Zürich: Zusp. 13 Lotterleben: „Es ist allerdings so, dass dieses „Lotterleben“ in al-Andalus, dieses schöne Leben ein jähes Ende fand, als Ende des elften Jahrhunderts auf der einen Seite die Christen Toledo erobert haben, denn die hatten für dieses Lotterleben im Süden auch nichts übrig, und auf der anderen Seite dann eben die Taifa-Könige, diese kleinen Königreiche, die kampferprobten und rauen Krieger aus Afrika, die Almoraviden, um Hilfe gebeten haben. Und diese Almoraviden, die kamen dann, aber die Geister, die man rief, wurde man dann nicht mehr los.“ TC 15:40 – Die Leidenszeit der jüdischen Gemeinde Erzähler: Die Dekadenz hatte ein Ende, der Glanz an den Höfen, aber auch die Toleranz zwischen den unterschiedlichen Konfessionen. 1128 erließen die Almoraviden eine Fatwa: Die Juden wurden ausgewiesen! Es begann die lange Leidenszeit der großen jüdischen Gemeinde in Andalusien. Sebastián de la Obra ist der Direktor des Sephardischen Hauses, eines jüdischen Museums in Córdoba: Zusp. 14 persecuciones: VOICEOVER (männlich) „Judenverfolgungen gab es in der Römischen Zeit, unter den Westgoten, während der Herrschaft der Almoraviden und Almohaden, aber vor allem mit dem Beginn der spanischen Inquisition. Dieser spezielle spanische Anti-Judaismus dauert bis zum 19. Jahrhundert und wird dann zu einem Teil des europäischen Antisemitismus.“ Erzähler: Synagogen wurden zerstört, Tribunale eingerichtet, Scheiterhaufen angezündet. Hunderttausende flohen. Von denen, die blieben, wurden viele ermordet. Für die grausame Inquisition entschuldigte sich erst Papst Johannes Paul II. 500 Jahre später in seiner Ansprache „Mea culpa“: Zusp. 15 judio memoria: VOICEOVER (männlich) „Das christliche Erbe in Südspanien ist immens. Das maurische Erbe ist wunderschön und einzigartig. Das jüdische Erbe dagegen ist unsichtbar. Das Erbe der jüdischen Diaspora steckt in den Köpfen der Menschen, in ihrer kulturellen Entwicklung. Wenn die Leute fragen: Was ist denn von den Juden noch zu sehen, muss man antworten: Die Kultur der Juden findet sich nicht in Bauwerken und Steinen, sondern in Erinnerungen.“ MUSIK TC 17:28 – Drei Religionen und eine Stadt Erzähler: Ab dem 13. Jahrhundert ging al-Andalus seinem Ende entgegen. Den Berberkriegern fehlten das bürokratische und das diplomatische Geschick, um ein europäisches Reich zu beherrschen, aber auch die Unterstützung im Volk. Die christlichen Heere rückten immer weiter vor, gewannen eine Schlacht nach der anderen. Am 2. Januar 1492 wurde auf der Alhambra der Halbmond durch ein großes silbernes Kreuz ersetzt. Die letzte arabische Bastion auf spanischem Boden war gefallen. Die Eroberer, die so genannten „Katholischen Könige“, ließen sich als Befreier Europas feiern: Zusp. 16 Granada capilla terminar: VOICEOVER (männlich) „Das war eine dynastische Hochzeit zwischen Isabella, der Königin von Kastilien, die sie auch Isabella die Katholische nannten, und Ferdinand, dem König von Aragon. Sie vereinten ihre Kräfte und beschlossen, die Präsenz der Muslime hier zu beenden. Sie besiegelten das Ende der knapp 800 Jahre al-Andalus in Granada. Wir sind jetzt in der Königlichen Kapelle, wo die „Reyes católicos“ beerdigt sind. Zehn Jahre lang dauerte ihr Kampf, oder besser ihr Kreuzzug gegen die Araber. Granada war die letzte muslimische Bastion. Der letzte arabische Herrscher, der berühmte Boabdil, wurde aus der Stadt vertrieben und übergab symbolisch beim Hinausreiten aus dem Haupttor den Schlüssel zur Stadt.“ Erzähler: 1492 ist auch das Jahr, in dem der genueser Seemann in spanischen Diensten Christoph Kolumbus nach Amerika segelte. Spanien war auf dem Weg zur Weltmacht. Über die „reconquista“, die Rückeroberung durch die Christen, streiten spanische Historiker noch heute: Zusp. 17 Identität: (Bossong) „Es gab und es gibt in Spanien eine Auseinandersetzung über die historische Bedeutung dieser muslimischen Geschichts-Epoche. Es gibt auf der einen Seite ein Lager von Konservativen, die der Auffassung sind, das war ein fremdes Element, das von außen gekommen ist und das nie in Spanien heimisch wurde; und die eigentliche Essenz des Spaniertums ist römisch, katholisch, christlich. Auf der anderen Seite gibt es Historiker, die der Auffassung sind, dass das semitische Element, und zwar sowohl das arabischsprachige als auch das hebräischsprachige jüdische Element, zum spanischen Nationalcharakter unauflöslich dazugehören.“ Erzähler: Nirgendwo sonst lebten Muslime, Christen und Juden so eng zusammen, hatten so intensive Beziehungen. Nicht ohne Probleme, nicht ohne Gewalt, dennoch einigermaßen gleichberechtigt. Das lange Zeit friedliche Zusammenleben, die „convivencia“ war keine Utopie, sondern vorübergehende Realität. Zusp. 18 Prof. tolerancia: VOICEOVER (männlich) „Sie leben gemeinsam, aber jeder in seinem Viertel. Wir wissen von jüdischen, christlichen und muslimischen Stadtteilen. Kontakte bestehen durchaus: auf dem Markt oder auf dem Stadtplatz. Man trifft sich, aber bei der Religionsausübung bleibt man unter sich, die Andersgläubigen müssen draußen bleiben! Toleranz ist deshalb der falsche Ausdruck, denn Toleranz bedeutet auch religiöse Freiheit und die existiert hier erst im 19. Jahrhundert.“ MUSIK Erzähler: Auch wenn al-Andalus kein Paradies auf Erden war, die Epoche brachte weitreichende Veränderungen in Politik, Kultur, Wissenschaft und Religion mit sich. Für viele Historiker wie Professor Bossong bleibt die maurische Ära im westlichen Europa ein Vorbild: Zusp. 19 Konflikt: „Natürlich bin ich auch fasziniert von der aufscheinenden Möglichkeit, der aufscheinenden Chance eines friedlichen Zusammenlebens der drei monotheistischen Religionen, die sich leider meistens unversöhnlich gegenüberstehen. Das Zusammenleben von Muslimen und Juden kann Wunder hervorbringen, ihre Konfrontation führt zu den Konflikten, die wir alle kennen!“ MUSIK ENDE TC 21:41 - Outro

  2. Er ist einer der großen Polarforscher, doch das wird dem Leben von Fridtjof Nansen nicht einmal ansatzweise gerecht: Ende des 19. Jahrhunderts durchquert der Norweger als Erster das eisige Innere Grönlands, bald darauf gelingt ihm eine Expedition fast bis zum Nordpol. Später, während des ersten Weltkriegs, organisiert er umfangreiche Hilfen gegen die Hunger- und Flüchtlingskatastrophen. 1922 hilft er staatenlosen Flüchtlingen mit dem von ihm erdachten ?Nansen-Pass?. Von Sebastian Kirschner (BR 2020) Credits Autor: Sebastian Kirschner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Rahel Comtesse, Réne Dumont, Carsten Fabian, Christian Schuler Technik: Chris Schimmöller Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Carl Emil Vogt, Geir Klover Linktipps: Das Kalenderblatt (2019): 05.07.1922 – Der „Nansen-Pass“ wird eingeführt Staatenlos, nirgendwo hingehören und auch nirgendwo bleiben können - für Flüchtlinge zu allen Zeiten ein Problem. Fridtjof Nansen löst es, indem er einen ganz besonderen Pass einführt. ZUM PODCAST Radiowissen (2022): Von Amundsen bis Hapag-Lloyd – Geschichte der Antarktis-Eroberung Die ersten Entdecker der Antarktis waren waghalsige Abenteurer, unter widrigsten Bedingungen und ohne aufwändige technische Hilfsmittel kämpften sie sich durch das unendliche Eis: Roald Amundsen, Robert Scott, Ernest Shakleton. Auf den frühen Expedition verloren viele ihr Leben, nur wenige konnten den Ruhm als Held und Entdecker tatsächlich genießen. Heute ist die Antarktis immer noch ein wüster Ort - aber längst kein leerer mehr. (BR 2011). JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:54 – Ein Mann, der auffällt TC 06:24 – 49 Tage Wanderung TC 08:00 – Mindestens eine Portion Eitelkeit TC 11:15 – Auf ins nächste Abenteuer TC 15:24 – Die zweite Karriere als Diplomat TC 19:30 – Zwischen Mentor und Rivale TC 22:53 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro SPRECHER/IN Als Fridtjof Nansen 1887 seine Pläne vorstellt, halten seine Kollegen ihn für verrückt. Die Idee des Norwegers klingt aberwitzig: Im Sommer des nächsten Jahres will er das eisige Grönland durchqueren. Niemand hat bisher diesen Weg geschafft. Keiner weiß, was die Insel im Inneren birgt – einer der letzten weißen Flecken der Landkarte. Ein solches Risiko, nur um zu beweisen, dass Grönland mit Eis bedeckt ist? ZITATOR 2 „Sollte Nansens Plan in der gegenwärtigen Form in die Tat umgesetzt werden, […] stehen die Chancen zehn zu eins, dass er […] sein Leben und möglicherweise das anderer völlig sinnlos wegwirft“. SPRECHER/IN … urteilt damals die dänische Zeitschrift „Ny Jord“ über die Idee des Wissenschaftlers. Und das nicht ohne Grund, sagt Geir Klover [sprich Gaïr Klöwer]. Er ist Direktor des Nansen-Museums schlechthin: dem Fram Museum in Oslo, benannt nach dem späteren Forschungsschiff Nansens. 01_ZUSPIEL Geir Klover There's quite a few that have attempted to cross Greenland before Nansen. And all of them had tried from the inhabitant West Coasts. And probably Greenland was steeper and colder and more difficult than they thought. So there it was quite easy for them to turn back. So Nansen thought his idea to cross Greenland was to go to the east coast to Greenland where there was no population and his ship left. And the only way to survive is to cross over to the west side. 01_ Voice-Over Etliche hatten vor Nansen versucht, Grönland zu durchqueren. Sie alle waren von der bewohnten Westküste aus gestartet. Wahrscheinlich aber war Grönland steiler, kälter und unwirtlicher als erwartet. Mit den Siedlungen im Rücken konnten sie aber recht einfach umkehren. Nansens hatte die Idee, von der Ostküste Grönlands aus zu starten, wo es keine Bevölkerung gibt. Und der einzige Weg zu überleben ist der durchs Landesinnere zur Westseite. TC 01:54 – Ein Mann, der auffällt SPRECHER/IN Fridtjof Nansen ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Der junge Mann fällt auf, wenn er durch die Straßen geht. Er trägt sogenannte Dr. Jäger-Gesundheitswäsche: eine Art frühe Funktionskleidung, schlicht, leicht, bestehend aus festen Wollhosen mit einer kurzen Jacke, zugeknöpft auf der rechten Körperhälfte. Und: Anders als die meisten Männer der Zeit ist er nahezu glatt rasiert und ohne Kopfbedeckung unterwegs. Noch als Student der Zoologie heuert er für ein fünfmonatiges Praktikum auf einem Robbenfänger an, um seine Abenteuerlust gegenüber den Eltern zu legitimieren – und findet so seine Bestimmung: ZITATOR 1 Das Eismeer ist etwas für sich, nichts anderem vergleichbar und vor allem nicht dem, was man sich gern darunter vorstellt. Flaches, treibendes Eis in wogenden Schollen, bald grünlichblaue See, dann Nebel und Sonnenschein, Sturm und Stille. Das ist es, was ich fand. SPRECHER/IN … schreibt Nansen damals in sein Tagebuch. Als ihn der Drang zur Polarforschung packt, ist Nansen gerade dabei, sich erste wissenschaftliche Lorbeeren zu verdienen. Mit einer Doktorarbeit über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere wird er sich einen Namen machen – als Pionier in der noch jungen Disziplin der Neurologie. Nansens Abschlussprüfung für seine Dissertation liegt erst vier Tage zurück, als er am 2. Mai 1888 nach Grönland aufbricht. Und er konnte nur vermuten, was ihn und seine Mannschaft in den kommenden Monaten erwartet, sagt Geir Klover: 02_ZUSPIEL Geir Klover There was no previous experience really in Norway for doing that type of expedition. So you had to use common sense. They barely made it you know almost starving. 02_ Voice-Over In Norwegen gab es bis dahin keine wirklichen Erfahrungen mit derartigen Expeditionen. Man war auf gesunden Menschenverstand angewiesen. Beinahe verhungert haben sie es gerade so geschafft. SPRECHER/IN Dabei hat Nansen sich intensiv vorbereitet. In Expeditionsberichten hatte Nansen von den Strapazen seiner Vorgänger gelesen, Bilder gesehen, auf denen sich feine Herren mit Melonen auf dem Kopf und Gamaschen an den Füßen durch den Tiefschnee mühen. Der junge Forscher will planvoller vorgehen. Seine Mannschaft ist klein, aber wohl ausgesucht: ein Spezialistenteam von nur fünf Mann. Ein jeder zäh, ausdauernd und verlässlich. Nansen verwendet für seine Expedition eigens entworfenes Material, hat etwa spezielle Schlitten bauen lassen. MUSIK SPRECHER/IN Fast scheint es, als hätten schon seine Kindheit und Jugend Nansen auf diese Reise vorbereitet. Ihn prägt die ländliche Idylle seines Elternhauses nahe Kristiania. Der Sohn einer bürgerlichen Oberschichtfamilie liebt es zu fischen, zu jagen und tagelang durch die ausgedehnten Wälder zu streifen. Seine Mutter, eine geborene Baronesse Wedel-Jarlsberg, begeisterte den Jungen früh für Sport und die Natur, sagt der norwegische Historiker und Nansen-Biograf Carl Emil Vogt: 03_ZUSPIEL C.E. Vogt She loved nature, skiing etc. So I think that he had his very strong and independent character from his mother actually and his mother's family because his father was more of a pedantic correct Protestant, civil servant and lawyer. So I think the combination of the very protestantic ethos of the duty to do what you have to do etc. and the extremely independent and artistic and nature loving sentiments from his mother, I think that combination of them is very important actually. 03_ Voice-Over Sie liebte die Natur, das Skifahren usw. Ich denke, dass er seinen starken und unabhängigen Charakter von seiner Mutter und ihrer Familie hatte. Sein Vater war mehr ein pedantischer, korrekter Protestant, Beamter und Anwalt. Also einerseits das sehr protestantische Pflichtbewusstsein, das zu tun, was zu tun ist, und andererseits die äußerst unabhängigen, künstlerischen und naturverbundenen Gefühle seiner Mutter: Ich glaube, dass diese Kombination sehr wichtig war. SPRECHER/IN Eigenschaften, auf die es in der Eiswüste Grönlands ankommt. Nansen will sein Ziel unbedingt erreichen, sein Motto lautet: die Westküste oder der Tod. Nach einer abenteuerlichen Odyssee auf Eisschollen entlang der Küste beginnt der Aufstieg über das bis zu 3200 Meter hohe Inlandeis. Auf dem Plateau reist die Expedition nachts. Dann ist es kälter, die Skier und Schlitten gleiten besser. Geschlafen wird tagsüber – jeweils zu dritt in einem Schlafsack. Das spart Gepäck. Am 8. September 1888 notiert Nansen in sein Tagebuch: ATMO Windgeheul TC 06:24 – 49 Tage Wanderung ZITATOR 1 Der Weg ist unglaublich beschwerlich, schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig wie Sand. Wir arbeiten gegen den Wind und Schneetreiben an. – Und weiter am 9. September: Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter SPRECHER/IN Hunger und entsetzlicher Durst plagen die Männer. Erst am 26. September erreichen sie die Westküste. 49 Tage Wanderung, 560 Kilometer und harte Entbehrungen liegen hinter ihnen. Zum ersten Mal ist der grönländische Eispanzer in Ost-West-Richtung bezwungen. Doch zurück nach Europa kommen sie vorerst nicht: Wegen des nahenden Winters fährt von Godthåb kein Schiff mehr ab. Einen Eilboten der Inuit kann Nansen noch beauftragen, mit dem Kajak 300 Kilometer nach Süden zu fahren, um dem letzten Transportschiff in Ivigtût ihre Erfolgsnachricht mitzugeben. Bis zum nächsten Frühjahr müssen sie bei den Inuit überwintern – aus Sicht von Geir Klover der eigentliche Erfolg der Expedition: 04_ZUSPIEL Geir Klover I think changed his mentality and also became more prepared for a future in exploring Polar Regions. It was the starkest initiation as a polar explorer. 04_ Voice-Over Ich glaube, das hat in gewisser Weise seine Mentalität verändert, es hat ihn auf eine Zukunft in der Polarforschung vorbereitet. Das hat ihn auf seinem Weg zum Polarforscher wohl am stärksten geprägt. TC 08:00 – Mindestens eine Portion Eitelkeit SPRECHER/IN Die Nachricht von der Grönland-Querung läuft in der Zwischenzeit in großen Schlagzeilen um die Welt. Bei Nansens Rückkehr am 30. Mai 1889 empfängt ihn in Kristiania die jubelnde Menge. Tausende wollen Norwegens neuen Helden sehen. Dabei ist Fridtjof Nansen nicht nur der Held und soziale Mensch, als den ihn die meisten seiner Zeitgenossen und seine Nachwelt später gern stilisieren. In seinem Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, 2016 in der Edition Erdmann wieder aufgelegt, notiert er, was einer seiner Begleiter ihm vorwirft: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Hungern müssten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandiert, sie müssten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Tiere - nein, das wäre nicht zum Aushalten. SPRECHER/IN Seine Mannschaft betrachtet ihn als selbstsüchtig, arrogant und launisch. Für Geir Klover nicht ohne Grund: 05_ZUSPIEL Geir Klover Its priority was more of the science and survival. Nansen didn’t care very much with his men. Every time he was always right. Whatever debate, whatever dialogue – he was always right. And basically I think he felt superior to them. So he did not accept anyone else's input than his himself. 05_ Voice-Over Vorrang hatten für ihn die Wissenschaft und das Überleben. Nansen interessierte sich kaum für seine Männer. Er hatte immer Recht. Egal welche Debatte, welches Gespräch – er hatte Recht. Grundsätzlich fühlte Nansen sich ihnen überlegen. Er akzeptierte keine andere Meinung als die eigene. SPRECHER/IN Eine Portion Eitelkeit gehörte zu Nansens Persönlichkeit, notiert auch seine Tochter Liv in ihren Erinnerungen. Angesichts der späteren Erfolge und des Jubels, der Nansen zurück in Norwegen überall entgegenschallte, muss es für ihn auch schwer gewesen sein, nicht an den eigenen Mythos zu glauben. Denn aus Sicht von Geir Klover war Nansen geradeheraus, ein Typ, der sich nur schwer verstellen konnte: 06_ZUSPIEL Geir Klover Those people have difficulty relating to the feet, to spend a year and a half away, surviving a winter, eating polar bears and shooting Walrus. And then coming back to safety, it was quite unheard of at that time. He was very elegant. 06_ Voice-Over Solche Menschen tun sich schwer, auf dem Boden zu bleiben: anderthalb Jahre weg zu sein, einen Winter zu überleben, indem man Eisbären isst und Walrosse jagt. Und wieder sicher zurückzukehren – das war etwas nicht Dagewesenes. SPRECHER/IN Hochgewachsen, blond, gutaussehend, ein exzellenter Skifahrer und Redner. Mit seinen blauen Augen scheint Nansen immerzu in die unbekannte Ferne zu blicken – und dort zieht es ihn schon bald wieder hin. Knapp drei Monate nach seiner Rückkehr von Grönland heiratet der 27-Jährige die vier Jahre ältere Sängerin Eva Sars. Er nennt sie liebevoll »die beste weibliche Skifahrerin Norwegens«. Ausgerechnet Nansen, der sich lange als entschiedener Gegner der Ehe gezeigt hatte. Er liebt seine Frau, er baut ein Haus, hat fünf Kinder mit ihr – aber eigentlich ist er unfähig zu einem Zusammenleben. Der Polarforscher erweist sich als tyrannischer, launischer Ehemann und Vater – der erstmal nicht für die Familie, sondern seine Arbeit lebt. AKZENT TC 11:15 – Auf ins nächste Abenteuer SPRECHER/IN In Nansen reift bereits der Plan zu einer nächsten Expedition. Der Forscher ist sicher, den bis dahin unentdeckten Nordpol erreichen zu können – mithilfe der Eisdecke, die seiner Ansicht nach mit der Strömung nach Norden driftet. Dazu lässt Nansen eigens ein Schiff konstruieren, das dem Druck der Eismassen standhalten soll: die „Fram“. Mit ihr lässt Nansen sich und seine Mannschaft im Herbst 1893 im arktischen Packeis einfrieren. ATMO leichtes Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Montag, 9. Oktober. Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte: Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen. Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben. Diese Pressungen wiederholten sich den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, dass die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei. Es scheint hier ziemlich viel Bewegung im Eise zu sein. SPRECHER/IN … schreibt Nansen darüber in seinem Buch „In Nacht und Eis“. Das Schiff driftet und wird von den Eismassen nicht zerquetscht. Trotzdem verläuft die Mission anders als geplant. Nach zwei Wintern im Eis zeichnet sich ab, die Fram würde den Pol verpassen. Nansen fasst einen waghalsigen Entschluss: ATMO leichtes Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Noch immer muss ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung einschlagen sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles auf einem Marsch nach Norden über das Eis wagen. Ich weiß nichts Besseres zu tun. Es wird gefährlich sein, eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl? SPRECHER/IN Mit Hjalmar Johansen, einem seiner Begleiter, verlässt Nansen im März 1895 die Fram. Auf Skiern und Hundeschlitten machen sie sich auf den Weg, den Pol zu erreichen. Zum Schiff werden die beiden nie zurückfinden. Doch auch sein Ziel, den Nordpol, muss Nansen knapp über dem 86. Breitengrad aufgeben. Zu beschwerlich ist der Weg: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Wir wissen weder, wo wir sind, noch wissen wir, wie das enden soll. Inzwischen schwinden unsere Vorräte und mit ihnen unsere Hunde. Werden wir Land erreichen, solange wir noch zu essen haben – ja, werden wir es überhaupt erreichen? Bald wird es unmöglich, gegen dieses Eis und den Schnee noch weiter anzukämpfen. SPRECHER/IN Dennoch schafft der Norweger wieder das damals nahezu Unmögliche: Nansen und seine gesamte 12-köpfige Mannschaft kehren nach drei Jahren unversehrt zurück. Nansen und Johansen hatten sich zu Fuß und in Kajaks bis in den Süden von Franz-Joseph-Land durchgeschlagen. Mit einem Versorgungsschiff gelangten sie schließlich zurück Richtung Norwegen. Die Fram hatte derweil die Eisdrift fortgesetzt und nordwestlich von Spitzbergen wieder offenes Wasser erreicht. Im August 1896 kommt es im norwegischen Tromsø zum großen Wiedersehen. Auch wenn Nansen den Nordpol nicht erreicht, so beweist er seine Theorie zur Meeresströmung und kommt dem Pol so nahe wie niemand zuvor. Nansen ist zu diesem Zeitpunkt erst 35. Seine Erfolge machen ihn zu einem der angesehensten Männer des Landes. Gleichzeitig drängen sie den Forscher immer mehr in politische Ämter – auch weil er offensiv für die Unabhängigkeit Norwegens eintritt, sagt Carl Vogt: TC 15:24 – Die zweite Karriere als Diplomat 08_ZUSPIEL C.E. Vogt Norway was in a union with Sweden. It was a loose and liberal union. We had only the king, the foreign policy in common but it became more and more clear during the century that Norway wanted its full independence. So these nationalist sentiments were stronger and stronger and Nansen became one of the most important national heroes in Norway. So I guess that was why Norwegian governments started to use him as some kind of an informal foreign minister so to speak. 08_ Voice-Over Norwegen existierte in einer Union mit Schweden. Zwar einer lockeren, liberalen Union – wir hatten nur den König, die Außenpolitik gemeinsam. Aber im Laufe des Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass Norwegen seine volle Unabhängigkeit wünschte. Diese nationalistische Empfindung wurde immer stärker, gleichzeitig wurde Nansen einer der wichtigsten Helden des Landes. Wohl deshalb hat die norwegische Regierung ihn sozusagen als informellen Außenminister eingesetzt. SPRECHER/IN Als solcher handelt Nansen ab 1906 in London die Souveränität seines Landes mit aus. Doch die große Wende in seinem Leben stand Fridtjof Nansen noch bevor: Im Jahr 1907 stirbt seine Frau Eva infolge einer schweren Lungenentzündung. Sechs Jahre später stirbt nach langer Krankheit auch sein jüngster Sohn Asmund. Für Carl Vogt ein Auslöser für Nansens nun folgenden radikalen Karrierewechsel: 09_ZUSPIEL C.E. Vogt He had lost a son in 1913 so this was some kind of a personal crisis for him. Then came the war and he really had become too old to do this Arctic or polar explorations anymore. 09_ Voice-Over Er hatte 1913 einen Sohn verloren. Das war für Nansen eine Art persönliche Krise. Dann kam der Krieg und er war einfach zu alt geworden für Polarexpeditionen. SPRECHER/IN Die Schrecken des Ersten Weltkriegs und eine drohende Hungersnot in Schweden veranlassen Nansen, sich für einen Platz Norwegens im neu geschaffenen Völkerbund einzusetzen. Dieser beauftragt Nansen im Frühjahr 1920, sich um den Austausch hunderttausender Kriegsgefangener zu kümmern. Auch wenn die Ausgangslage dafür denkbar schlecht war: Bis 1922 können etwa eine halbe Million Kriegsgefangene aus rund 30 Nationen dank Nansen nach Hause zurückkehren. Auch aufgrund eines speziellen, von Nansen erdachten Dokuments, dem später so genannten „Nansen-Pass“. Denn was vielen Flüchtlingen fehlt, ist eine Staatszugehörigkeit. Und das bringt massive Probleme mit sich: 11_ZUSPIEL C.E. Vogt You do not have citizens’ rights. That's the most basic. But you also have a lot of problems in your daily life. Without paper it is very hard to get a place to live. It is impossible to marry, to baptize your children for instance. And often impossible to have a work and pay taxes. You have a lot of bureaucratic problems in your life. So this is the reason why it became necessary to help these people have a legal status. 11_ Voice-Over Sie haben keinerlei Bürgerrechte. Das ist das Grundlegendste. Aber sie haben auch viele Probleme im Alltag. Ohne Papiere ist es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Sie können nicht heiraten oder ihre Kinder taufen. Und oft ist es unmöglich, normal zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Sie haben viele bürokratische Probleme. Deshalb war es notwendig, diesen Menschen zu einem legalen Status zu verhelfen. SPRECHER/IN … sagt Historiker Carl Vogt. Fridtjof Nansen hat seine erste Aufgabe für den Völkerbund kaum angetreten, als man ihn bittet, zusätzlich eine Hilfsaktion für Russland zu leiten. Krieg, Revolution, Bürgerkrieg und zuletzt anhaltende Trockenheit haben das Land ausgedörrt. Knapp 30 Millionen Menschen droht der Hungertod. Doch politisch traut der Sowjetregierung niemand, wieder steht Nansen, als Hoher Kommissar für Flüchtlingsfragen, am Rednerpult des Völkerbunds: ZITATOR 1 Die Nahrungsmittel liegen in Amerika, aber niemand findet sich, sie zu holen. Kann denn Europa ruhig dasitzen und nichts dafür tun, diese Nahrungsmittel herüberzubringen und die Völker auf der anderen Seite zu retten? SPRECHER/IN Aber der Völkerbund verweigert seine Hilfe, politische Interessen überwiegen. Für Nansen eine schwere Niederlage. Trotzdem kann er private Spender und einen Kredit Norwegens organisieren, um den Hungernden zu helfen. Nicht zuletzt für diesen Einsatz erhält Nansen 1922 den Friedensnobelpreis. Seinem Einsatz für Flüchtlinge bleibt Nansen weiter treu: Nach Ende des griechisch-türkischen Kriegs 1922 setzt er sich für griechische Flüchtlinge ein. Ab 1925 bemüht er sich darum, die in der Türkei verfolgten Armenier in der Sowjetunion anzusiedeln. TC 19:30 – Zwischen Mentor und Rivale Zu den ihm nachfolgenden Polarforschern – Robert Falcon Scott, Roald Amundsen, Ernest Shackleton – hat Nansen bis zuletzt ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits ist er ihr Mentor, sie alle suchen seinen Rat. Andererseits bleibt Nansen immer ihr Rivale. Er hatte selbst Überlegungen für eine Südpolexpedition angestellt. Und doch überlässt Nansen seinem Landsmann Amundsen für eine Polarexpedition „seine“ Fram. Als Amundsen bei einer Rettungsmission 1928 in der Arktis umkommt, ist Nansen tief betroffen. Die folgenden Zeilen einer Rede in Erinnerung an Amundsen sind Teil der wohl einzigen Originaltonaufnahme, die sich von Fridtjof Nansen erhalten hat. Diese Zeilen könnten auch auf Nansen passen: 12_ZUSPIEL Nansen Aus der großen, weiten Stille wird aber sein Name im Glanz des Nordlichts durch die Jahrhunderte für die Jugend Norwegens leuchten. Es sind Männer mit Mut, mit Willen, mit Kraft wie seiner, die uns mit Glauben an das Geschlecht und mit Zuversicht in die Zukunft erfüllen. Die Welt ist noch jung, die solche Söhne erzieht. SPRECHER/IN In seinen Gedanken an Roald Amundsen verneigt sich Nansen vor dessen Leistungen. Für Historiker Carl Vogt liegen die wahren Leistungen bei Fridtjof Nansen selbst: 13_ZUSPIEL C.E. Vogt His most dangerous expedition was not the one to the North Pole. Of course he could have died there as well. But in 1921 he really went to the famine areas in Russia in the Volga valley and at least one or two of his travel companions died from typhoid fever they had caught on the train with Nansen. So he could easily have died from his engagement actually. So I mean it was really heroic. 13_ Voice-Over Seine gefährlichste Expedition war nicht die zum Nordpol. Natürlich hätte er dort auch sterben können. Aber 1921 ging Nansen wirklich in die Hungerregionen in Russland im Wolgatal. Und mindestens ein oder zwei seiner Reisebegleiter starben an Typhus, den sie sich während der Zugfahrt mit Nansen geholt hatten. Er hätte also leicht durch sein Engagement sterben können. Das war wirklich heldenhaft. SPRECHER/IN Am 13. Mai 1930 weilt Nansen auf dem Balkon seines Hauses in Lysaker. Im Liegestuhl genießt er den Frühling und den Besuch seiner Familie; mit einem Stapel Arbeit vor sich erholt Nansen sich gerade von einer langwierigen Venenentzündung. Seine Schwiegertochter Kari will ihm einen Tee bringen, als Nansen einem Herzinfarkt erliegt. Als Fridtjof Nansen mit 68 Jahren stirbt, hat er sie allesamt überlebt: Scott, Amundsen, Shackleton... Als Einziger endet er nicht auf einer Expedition. Und doch bleibt der Polarpionier, Diplomat und Friedensnobelpreisträger bis zuletzt unerfüllt und mürrisch, denkt, er habe sich nie im Leben zurechtgefunden. TC 22:53 – Outro

  3. Über 100 Jahre lang prangt das Sannikowland auf den Arktis-Karten - obwohl es nie gefunden wird. Einige lassen bei der Suche nach diesem Land ihr Leben, doch keine der Expeditionen kann die Existenz einer warmen Insel im Eis bestätigen. Bis die technische Entwicklung nach und nach die Wahrheit über das Sannikowland ans Licht bringt. Von Fiona Rachel Fischer (BR 2023) Credits Autorin: Fiona Rachel Fischer Regie: Frank Halbach Es sprachen: Laura Maire, Christian Baumann, Sven Hussock Technik: Josef Angloher Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Andreas Renner Linktipps: Deutschlandfunk (2020): Expeditionen ins Eis – gestern und heute Wie fühlt es sich an, bei klirrender Kälte, vom Eis umschlossen in tiefster Dunkelheit festzusitzen? Was treibt Polarforscher an, die unwirtlichen Regionen am Nord- und Südpol zu erkunden? Welche Eindrücke und Erkenntnisgewinne wiegen die enormen Risiken ihrer Abenteuer auf? Drei aktuelle Sachbücher liefern Antworten. JETZT ANHÖREN NDR (2024): Geister der Arktis Die preisgekrönte Extremtaucherin Christina Karliczek Skoglund begibt sich auf eine Expedition in die eisigen Tiefen der Arktis, um die geheimnisvollen Eishaie zu filmen. Die Tierfilmerin möchte nicht nur mit einem der "Methusalems der Meere" tauchen, sondern mit führenden Eishaiforschern über bahnbrechende neue Entdeckungen diskutieren. In Folge zwei stößt Christina immer weiter ins nördliche Grönland vor, um die "Einhörner des Meeres" zu finden. Die bedrohten Narwale leben das ganze Jahr über in Packeisnähe und sind durch den Klimawandel extrem bedroht. Ein mitreißender Doku-Zweiteiler. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 03:55 – Ein Kaufmann auf Expedition TC 05:54 – Der Arktis Hype des 19. Jahrhundert TC 08:45 – Auf der Suche bis in den Tod TC 11:40 – Stoff für einen Science-Fiction-Roman TC 17:20 – Ewiger wissenschaftlicher Mythos TC 21:55 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK & ATMO Geschrei von Wildgänsen, Eisiger Wind, Eisberggeräusche SPRECHERIN 1: Folgt man den sibirischen Wildgänsen gen Norden in das ewige Eis, so entdeckt man bald hinter der Kotelny-Insel einen bläulichen Schimmer am Horizont. Beim Näherkommen wird er dunkler und dunkler, bis er sich zu einer schroffen Bergkette verfestigt. SPRECHER 2: In der unerbittlichen arktischen Kälte ist der Aufstieg an den steilen Berghängen mühsam. Doch zieht man sich an der letzten Kante hoch, wird man Wunderbares erblicken: Das satte Grün der Wiesen und Bäume. Heiße Geysire, die aus der fruchtbaren Erde sprudeln. Die wilden Mammuts, die durch die urzeitliche Flora streifen, und die blau tätowierten Gesichter eines verschollenen Indigenenstamms. SPRECHERIN 1: Das Sannikowland. Eine mystische Arktisinsel mit Atlantis-Charakter. Gefunden wurde dieser wundersame Ort schließlich nie. ZITATOR 1: Hat dieses Land überhaupt existiert? Ich bin überzeugt, daß es existiert hat. SPRECHER 2: So der Geologe und Autor Wladimir Afanasjewitsch Obrutschew in seinem Roman „Sannikowland“. Zitiert mit freundlicher Genehmigung des Verlags Neues Leben in der Eulenspiegel Verlagsgruppe Berlin. SPRECHERIN 1: Die Existenz des Sannikowlands ist eine von vielen Mythen, die sich im Zarenreich des 18. und 19. Jahrhunderts um die Arktis spinnen. SPRECHER 2: Zu dieser Zeit ist die Arktis ein weißer, also ein unausgestalteter Fleck auf der Landkarte. Im faszinierenden Unbekannten des ewigen Eises wird eine Nordostpassage entlang der eurasischen Nordküste vermutet, dass der Nordpol möglicherweise eisfrei sei, und irgendwo im Eismeer soll der achte Kontinent Arctica zu finden sein. Auf unentdeckten Inseln sollen große Reichtümer schlummern. MUSIK ENDE O-TON: Es gibt ja diese Insel-Mythen in der Kulturgeschichte zuhauf, dass man vermutet, irgendwo im Ozean hat sich eine Insel gehalten mit glücklichen Menschen. Also diese Insel-Utopien gehen bis in die Antike zurück. Denken Sie an Atlantis oder konkreter für die Arktis haben Sie die Hyperboreer, also diese Vorstellung, dass es irgendwo fernab der Zivilisation glückliche Menschen gibt, die warum auch immer, mal abgeschieden wurden. […] Und dann projiziert man einfach diese Vorstellung, die es schon gibt, auf diese Insel. SPRECHERIN 1: Professor Andreas Renner vom Lehrstuhl für Russland-Asien-Studien an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. SPRECHER 2: Es sind die Indigenen der sibirischen Küste, die bereits seit Jahrhunderten mit ihren flachen Booten das Eismeer befahren. Im 17. Jahrhundert gibt es erste Erkundungsfahrten von russischer Seite und es sind zunächst Entdecker und Eroberer, die von einer Flussmündung über das Meer zum nächsten großen Fluss fahren. Hierbei entstehen die ersten Karten dieser Region. Sie sind allerdings nur zum Navigieren gedacht und nicht einmal mit Längen- und Breitengraden versehen. SPRECHERIN 1: Wissenschaftliche Fahrten beginnen in den 1730er Jahren mit der Großen Nordischen Expedition, angestoßen von Marineoffizier Vitus Bering und beauftragt von Zarin Anna Iwanowna. Ganze 10 Jahre dauert sie. Die Karten, die die Forscher entwickeln, bleiben jedoch unvollständig. ZITATOR 1: Man wollte es kennenlernen, die Tiefe und die Temperatur der verschiedenen Wasserschichten messen und die Zusammensetzung des Wassers sowie die darin lebenden Tiere und Pflanzen, den Meeresgrund, die Richtung der Strömungen usw. erforschen. TC 03:55 – Ein Kaufmann auf Expedition SPRECHER 2: Doch es gibt noch eine weitere Gruppe, die Interesse an den arktischen Gewässern hat: Kaufleute, die mit Pelzen und Elfenbein handeln. MUSIK SPRECHERIN 1: Ein solcher Händler ist auch der Namensgeber und „Entdecker“ des Sannikowlands. Jakov Sannikow aus Jakutsk sammelt die Stoßzähne von Walrössern oder lässt sie erlegen, um das Elfenbein teuer zu verkaufen. Doch dann findet er eine noch lukrativere Einnahmequelle im ewigen Eis: O-TON: Mammutelfenbein. Also er hatte entweder Glück oder Gespür für. Es gibt auf den nordsibirischen Inseln sehr viele Mammutkadaver. Es hält sich in Nordostsibirien ungefähr bis 1500 oder 2000 vor der Zeitrechnung, also das letzte Refugium des Mammuts, und sie können dort nicht weg, sondern sie sterben dann tatsächlich zu Hunderten auf diesen Inseln mit dem Anstieg des Meeresspiegels. Und Sannikow ist einer der ersten, der systematisch diese Mammute sucht und ihnen die Stoßzähne wegnimmt und sie dann teuer verkauft. Also ein sehr erfolgreiches Business, und er ist tatsächlich dann wegen seiner Ortskenntnisse an einer wissenschaftlichen Expedition im Jahr 1809 beteiligt, die diese Neusibirischen Inseln vermessen soll. SPRECHER 2: Mit Mattias Hedenström, einem verbannten Beamten aus Riga, bricht Sannikow im Namen des Zaren zu der Mission auf. ATMO SCHIFF SPRECHERIN 1: Das Leben auf einer solchen Expedition ist hart: Die flachen Schiffe mit niedrigem Tiefgang, mit denen man im Eismeer navigieren kann, haben oft keine Kajütenaufbauten. Es ist dort eng, kalt und nass. Viele Menschen, die sich in die Arktis wagen, sterben an Erschöpfung, Hunger, Kälte oder Skorbut. MUSIK SPRECHER 2: Doch wer erfolgreich zurückkommt, den erwarten oft Ruhm oder Reichtum. So auch Sannikow, der nicht nur eine neue Insel entdeckt, sondern gleich noch eine zweite – wie er denkt. TC 05:54 – Der Arktis Hype des 19. Jahrhundert SPRECHERIN 1: Im Jahr 1811 erblickt der Händler nordwestlich der Kotelny-Insel eine unbekannte Landmasse. Diese ist für die Expedition allerdings unerreichbar. Hedenström trägt die gesichtete Insel dennoch in die Karte ein – unter dem Namen Sannikowland. SPRECHER 2: Damit setzt er ihrem Entdecker ein Denkmal, doch eine Sensation ist es noch lange nicht. Denn schließlich sind viele Inseln zu dieser Zeit unerreicht. Zehn Jahre später schickt die zarische Admiralität eine neue Expedition los, um die Karten weiter auszuarbeiten. MUSIK ENDE ZITATOR 2: [S]päter schien es, als seien die Angaben Sannikows widerlegt worden: Leutnant Anjou, der vom Marineministerium den Auftrag erhalten hatte, die von Sannikow gesehenen Länder aufzusuchen, kehrte 1824 mit der vollen Überzeugung zurück, daß die angeblich in Norden von den Neusibirischen Inseln gelegenen Landmassen wohl nur auf einer Täuschung beruhten. SPRECHER 2: – schreibt Arktisforscher Baron Eduard von Toll später über diese Expedition. O-TON: Das ist auf jeden Fall eine Arktis-Expedition, die kreuz und quer um den Archipel und am Archipel entlangfährt, aber dieses Sannikowland nicht findet. Also man geht systematisch auch an die Stellen zurück, von denen die gesichtet wurde, und kann diese Entdeckung nicht bestätigen, lässt die Insel aber trotzdem auf den Karten stehen, weil es ja weder bestätigt noch widerlegt ist. SPRECHERIN 1: Diese Expedition soll die arktischen Inseln kartografieren, aber auch nach einer Landverbindung zu dem Kontinent Arctica suchen – den es freilich gar nicht gibt. Aber die Entdecker tragen immerhin eine neue Insel auf ihrer Karte ein: die Wrangelinsel, die erst knappe 100 Jahre später wirklich entdeckt und erforscht wird. SPRECHER 2: Auch jetzt ist die Küstenlinie nur bruchstückhaft kartografiert, denn der Eisgang verhindert das Durchkommen. Und das Sannikowland, das nordwestlich der Kotelny-Insel auf der Karte eingezeichnet ist, bleibt eine bloße Vermutung. MUSIK & ATMO Geschrei von Wildgänsen SPRECHERIN 1: Solche weißen Flecken auf der Karte, wie unentdeckte Inseln und der bisher unerreichte Nordpol reizen aber auch die westlichen Staaten, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. MUSIK ENDE O-TON: Es gibt so einen, heute würde man sagen, so einen Arktis-Hype oder so ein Pole-Hype. Das hat einerseits einfach mit der technischen Entwicklung zu tun. Im neunzehnten Jahrhundert kann man eigentlich alle paar Jahre bessere Expeditionsschiffe bauen und dann kommen dampfgetriebene Schiffe. Die Schiffe werden stärker und eigentlich alle größeren europäischen Staaten beginnen Arktisexpeditionen, auch Deutschland, auch Österreich. Und das hat viel auch mit diesem kulturellen Wettkampf zwischen den europäischen Nationen zu tun. Es ist Prestigedenken, dann geht es gar nicht mehr so darum, Land im Besitz zu nehmen, sondern als Erster dort zu sein. TC 08:45 – Auf der Suche bis in den Tod MUSIK ZITATOR 2: An klaren Sommertagen sieht man von der Nordspitze der Insel Kotelny unter 76° n. Br. vier Berge, die sich kaum über den nördlichen Horizont emporheben — das ist das Sannikow-Land, ein noch nie betretenes Gebiet. SPRECHER 2: Es ist der 18. August 1886. Der deutsch-baltische Arktisforscher Eduard Gustav von Toll erblickt bei einem Aufenthalt auf der Kotelny-Insel am Horizont vier Berge am Horizont. ZITATOR 2: Die Berge des Sannikow-Landes erinnern in ihrer Form lebhaft an die abgestumpften Basaltkegel des Swätoi Noß, wie sie dem Auge von der Südküste der Gr. Ljächow-Jnsel erscheinen. SPRECHERIN 1: Und das an genau derselben Stelle, wie Sannikow 75 Jahre zuvor. SPRECHER 2: Meint Toll. Aber es ist eben nicht genau dieselbe Stelle. Doch Toll ist davon überzeugt, das Sannikow-Land gesichtet zu haben. Er stellt einen Antrag an die Russische Akademie der Wissenschaften mit der Bitte, eine Expedition auszurüsten und ihn auf die Suche nach der unerreichten Insel zu schicken. ATMO Geschrei von Wildgänsen & Musik ENDE SPRECHERIN 1: Im Jahr 1899 bewilligt die Akademie 180 000 Rubel für die Expedition. Im Juni des darauffolgenden Jahres sticht Eduard von Toll mit dem Motorschiff Sarja, der Morgenröte, von Kronstadt aus in See. MUSIK SPRECHER 2: Doch die Expedition verläuft nicht wie geplant. Das Eis verhindert, dass die Sarja nahe genug an die mutmaßliche Lage des Sannikowlands herankommt. Schließlich friert das Schiff auch noch nahe der Kotelny-Insel im Packeis ein. Im Juni 1902 beschließen Toll und einige andere schließlich, die Sarja zurückzulassen. Auf Hundeschlitten machen sie sich auf in Richtung Nordosten, um das Eiland auf eigene Faust zu suchen. SPRECHERIN 1: Sie werden nicht wieder zurückkehren. Ein Suchtrupp findet 1903 Tolls Tagebuch, doch die Arktisforscher bleiben verschollen. SPRECHER 2: Das dramatische Ende dieser Expedition bedeutet die endgültige Mythisierung des Sannikowlands. MUSIK ENDE O-Ton: Weil er das Unglück hat, von seiner Reise nicht zurückzukehren. Also man startet in Kronstadt und fährt dann durch Arktisschmelze eine sehr, sehr schwierige Route. Toll ist tatsächlich erst der dritte, dem es überhaupt gelingt, hier diese Passage von Europa bis ins ostsibirische Meer zu machen. […] Aber gerade weil er so verschwunden ist und es auch nicht eine gewisse Prominenz hat als Arktis Forscher, dann fängt es eben an, dass man ihn mit diesem Sannikowland verbindet, also die Suche nach dieser Insel. TC 11:40 – Stoff für einen Science-Fiction-Roman SPRECHERIN 1: Dieser abenteuerliche Stoff inspiriert schließlich den Science-Fiction-Autor Wladimir Obrutschew zu seinem Roman „Sannikowland“, der 1926 erscheint. In erster Linie ist Obrutschew jedoch Geologe: Sowohl im Zarenreich als auch später in der Sowjetunion forscht er zur Geologie Sibiriens, zu Gletscherbildung, Permafrost und Vulkanismus. Dafür wird er mit vielen Ehrentiteln ausgezeichnet und erhält fünf der renommierten Leninpreise. SPRECHER 2: Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse verarbeitet Obrutschew in insgesamt drei utopisch-phantastischen Romanen. Damit trifft er genau den Zeitgeist, denn die optimistische Aufbruchsstimmung der jungen UdSSR zeigt sich auch in einem allgemeinen Enthusiasmus für Wissenschaft. Die Bevölkerung soll gebildet, das wirtschaftliche Potential der Bodenschätze mithilfe der Wissenschaft maximiert werden. Dazu dient Science-Fiction-Literatur wie die von Obrutschew. Ihre Aufgabe ist es, ein breites Interesse an der Wissenschaft zu wecken und Forscher zu neuen Versuchen und Funden zu inspirieren – wie die Entdeckung von neuen Inseln im Eismeer! SPRECHERIN 1: Denn auch in den 1920ern gibt es noch genug Raum für Spekulationen, genug unerreichte Inseln. Es ist das letzte Jahrzehnt, in dem die Arktis als Raum des Abenteuers und des Entdeckertums gilt. Als die Wrangelinsel endlich erforscht wird, ist es eine Sensation. Eine große Inspiration für Obrutschew: MUSIK ZITATOR 1: Das ist ein Traumland! SPRECHERIN 1: In Obrutschews Roman machen sich drei verbannte Studenten zusammen mit zwei sibirischen Händlern auf den Weg. Im Auftrag eines Mitglieds der Akademie der Wissenschaften reisen sie zum Sannikowland. ZITATOR 1: Dieses geheimnisvolle Land zog die beiden nicht minder an als unsere drei Freunde, und sie waren froh, daß ihnen das glückliche Los zugefallen war, es als erste aufzusuchen. ATMO Geschrei von Wildgänsen SPRECHERIN 1: Den Zug der Wildgänse gen Norden sehen sie als Beweis für die Existenz einer warmen Insel im Eismeer. ZITATOR 1: Wohin sollten dann aber diese dummen und lebensmüden Vögel fliegen? SPRECHER 2: Zum Sannikowland! MUSIK ENDE SPRECHERIN 1: Wohin die fünf Abenteurer den Wildgänsen folgen. Sie finden die lang gesuchte Insel ohne Probleme und staunen nicht schlecht, als sie entdecken, dass das Sannikowland ein riesiger Vulkankrater ist, in dessen Wärme urzeitliche Flora und Fauna gedeihen. ZITATOR 1: Aber wer konnte ahnen, daß das Sannikowland ein zoologischer, oder richtiger – ein paläontologischer Garten ist! SPRECHERIN 1: Auch dem verschollenen – SPRECHER 2: – natürlich fiktiven – SPRECHERIN 1: Indigenenstamm der Onkilonen begegnen die Forschungsreisenden dort. Sie werden gastfreundschaftlich aufgenommen und erforschen eine Weile ungestört das Sannikowland. O-TON: Warum das funktioniert, das ist tatsächlich, glaube ich, die größte Caldera, die er da mal locker ins Polarmeer setzt, um halt eben zu erklären, dass es dort heiße Quellen gibt und Vegetation. Und dass diese Tiere, die woanders schon ausgestorben sind, also Mammute, Wollnashörner, sich eben auf Sannikow Land gehalten haben. SPRECHER 2: Obrutschew betont selbst im Vorwort, dass die fiktionale Schilderung auf dem wissenschaftlichen Forschungsstand seiner Zeit fuße. Im Roman finden sich lateinische Gattungsbezeichnungen, wissenschaftliche Daten werden dargelegt und die Forschungsreisenden diskutieren ihre Beobachtungen und Messungen ausführlich. ZITATOR 1: Ist der Talkessel der verschüttete Krater eines Vulkans, dann ist auch die üppige Vegetation unter diesem Breitengrad erklärt. […] Doch wollen wir uns vorläufig noch nicht festlegen, sondern abwarten, was weiter geschieht. SPRECHERIN 1: Diese Wissenschaftlichkeit verbindet der Autor mit der mythologischen Vorstellung einer warmen Insel im Eis, wo Menschen abgeschnitten vom Rest der Welt ein glückliches Leben führen. SPRECHER 2: Doch kaum sind im Roman die Forschungsreisenden auf der Insel angekommen, erfahren sie, dass das Glück der Onkilonen in Gefahr ist. ZITATOR 1: Die Geister des Himmels haben dem Schamanen verkündet, daß dem Volk der Onkilonen große Nöte bevorstehen. MUSIK ZITATOR 1: So weit das Auge reichte – überall stand Wasser, sämtliche Wiesen hatten sich zu Seen verwandelt, die Wälder hoben sich als schwarze Inseln oder Landzungen im weiten Rund des Wasserspiegels ab. Im Lichte der aufgehenden Sonne schimmerte das Wasser wie funkelndes Silber. SPRECHER 2: Das System der Insel gerät aus dem Gleichgewicht. Die Temperatur sinkt, das Wasser verschwindet zunächst aus dem heiligen See der Onkilonen, nur um den gesamten Talkessel zu überschwemmen. ZITATOR 1: Aus der Erde schossen feurige Kugeln bis in das hohe Rauchdach, Funkelgarben sprühten nach allen Seiten. ...

  4. Expedition in die Arktis: Im Jahr 1845 soll Sir John Franklin einen Seeweg durch das Polarmeer nach Asien finden. Unter seinem Kommando: die Schiffe HMS Erebus und die HMS Terror. An Bord: 129 Seeleute und Proviant für mehrere Jahre. Doch bald fehlt von der Expedition jede Spur - Was war geschehen? Erste Suchtrupps machen sich auf, um das Schicksal der Expedition zu klären. Bald finden sich erste Spuren, Gerüchte machen die Runde. Von Georg Florian Ulrich (BR 2024) Credits Autor: Georg Florian Ulrich Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Stefan Wilkening, Katja Amberger, Andreas Neumann, Frank Manhold, Sabine Kienhöfer Technik: Michael Krogmann Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Roger Byard Linktipps: SWR (2024): Expedition in die Arktis Das "ewige Eis" in der Arktis schwindet. Welche Folgen hat das für unser Klima und unsere Zukunft? MOSAiC - die größte Arktis-Expedition aller Zeiten - soll genau das klären. Ein ganzes Jahr ließ sich eine internationale Crew von Wissenschaftler*innen mit dem Forschungseisbrecher "Polarstern" im Meereis nahe dem Nordpol einfrieren. Eine Expedition der Extreme begann: zwischen Eisbärangriffen, in monatelanger Dunkelheit und bei Temperaturen weit unter null Grad. Die gewonnenen Klimadaten vom Nordpol sollen jetzt helfen, die Prognosemodelle für den Klimawandel zu verbessern. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2005): Die Heldenmacher Vor 175 Jahren wurde die Royal Geographical Society gegründet. Tausende Expeditionen hat sie seither betreut: Von der tragisch endenden Suche John Franklins 1854, einen Weg durch das nördliche Eismeer, westwärts bis nach Indien zu finden bis zur erfolgreichen Erstbesteigung des Mont Everest im Jahr 1953. Inzwischen hat die altehrwürdige Gesellschaft ihr Herz für Anfänger entdeckt: Sie unterhält ein Expeditionsberatungszentrum. ZUM BEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:56 – Keine Kosten und Mühen gescheut TC 06:58 – Die Suche nach Lebenszeichen TC 11:40 – Eine Witwe gibt nicht auf TC 16:42 – Forschung nach Todesursachen TC 21:00 – Durchbruch TC 23:06 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro Musik & Atmo alte Stadt Sprecher: London, 1848. Seit mehr als drei Jahren gibt es keine Neuigkeiten von den beiden Schiffen. Kein Brief, keine Nachricht von der HMS Erebus und der HMS Terror erreicht die Admiralität in London. Niemand hat die zwei Schiffe gesehen, die ins arktische Eismeer gesegelt sind. Die Unruhe in der Admiralität wächst. Dabei hatte die Leitung der Royal Navy große Hoffnungen in die Expedition gesetzt – und eine Menge Geld. Man entschließt sich zu handeln. Zitator: (Ausrufer/Steckbrief) „20.000 Pfund Belohnung für jeden, der Hinweise zur Auffindung der Schiffe unter dem Kommando von Sir John Franklin geben kann!“ Atmo Polarwind Sprecher: Eine Suchaktion von weltumspannenden Ausmaßen beginnt: Während ein Schiff von Großbritannien aus Kurs auf Grönland nimmt, fährt ein anderes die Küste im Norden von Alaska ab. Immer Ausschau haltend nach den beiden Schiffen der Franklin-Expedition. Gleichzeitig bahnt sich ein Suchtrupp im äußersten Norden Kanadas über Land einen Weg gen Norden, hin zu den Eisfeldern der Arktis. Irgendwo in dieser riesigen Region müssen sie abgeblieben sein. Drei Jahre zuvor, im Jahr 1845, hatten sie sich aufgemacht. Sprecherin: Ziel der Expedition: Die Nordwestpassage. Der erhoffte, aber bislang unentdeckte Seeweg von Europa nach Asien durch das arktische Meer. Wenn es eine solche Passage gäbe! Für die britische Seefahrt wäre es ein Riesengewinn. TC 01:56 – Keine Kosten und Mühen gescheut Sprecher: Will ein britischer Händler Anfang des 19. Jh. Ware aus Asien importieren, etwa Porzellan aus China, muss er an die 24.000 Kilometer Seeweg zurücklegen. Erst ganz Afrika umschiffen, den sturmgepeitschten indischen Ozean durchqueren, schließlich durch die Straße von Malakka, in der Piraten lauern. Erst dann kann er in China vor Anker gehen. Und auf dem Rückweg das Gleiche noch einmal. Musik Sprecherin: Die Nordwestpassage verspricht die Möglichkeit, all diese Gefahren zu umgehen. Und natürlich: Schneller wäre die Route auch: 8000km Umweg ließen sich so sparen. Wenn man sie denn findet: Denn bislang ist die Gegend zwischen Grönland und dem nördlichen Kanada ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zu widrig waren die eisigen Temperaturen für die Entdecker des 17. Und 18. Jahrhunderts. Sprecher: Doch seit den Tagen der ersten Entdeckungsreisen in die Arktis hat sich das technische und geographische Verständnis der Briten enorm verbessert. Musik Die Industrielle Revolution ist in vollem Gang: In Großbritannien fahren bereits regelmäßig Eisenbahnen, neue Erfindungen wie die Konservendose oder die Nutzung der Elektrizität beginnen das Leben der Menschen zu verändern. Mit diesen technischen Errungenschaften, ist man sich sicher, auch den harten Bedingungen der Arktis trotzen zu können. Sprecherin: Deshalb hatte sich die Admiralität in London entschieden, zwei Schiffe auf eine Expedition in die Arktis zu schicken. Sie sollen endlich die Nordwestpassage finden. Die Wahl fällt auf die HMS Erebus und HMS Terror. Bombardenschiffe, sie sind schwer gepanzert – wie geschaffen, um Packeis zu durchbrechen. Bereits 1839 haben sie sich bei Expeditionen in die Antarktis bewährt. Atmo Fabrik im Dampfzeitalter Für die Expedition werden keine Kosten und Mühen gescheut. Die Schiffe werden generalüberholt, die schon dicken Rümpfe zusätzlich mit Eisenplatten verstärkt. Zwei neuartige Dampfmaschinen werden verbaut, um den Schiffen zusätzlichen Antrieb zu liefern. Möglich macht das die Schiffschraube, die erst wenige Jahre zuvor erfunden wurde. Sprecher: Die Dampfmaschinen versorgen zudem eine Zentralheizung, die trotz arktischem Wetter für angenehme Wärme an Bord sorgen soll. Auch für reichlich Proviant ist gesorgt. Zitator: (begeisterter Reporter) Die Vorkehrungen, die für den Komfort der Offiziere und der Besatzung getroffen wurden, sind ausgezeichnet: Die an Bord genommenen Vorräte sind beträchtlich und bestehen aus Konserven, einer großen Menge Tee und extra starkem westindischen Rum. Sprecherin: Dazu kommen 7 Tonnen frisch abgekochtes Fleisch, verpackt in den neuen, modernen Konservendosen, 14 Tonnen Salzfleisch, 4740 kg Kartoffel- und Gemüsekonserven und 4200 Liter Zitronensaft. Er soll gegen Skorbut helfen, die gefürchtete Seefahrer-Krankheit. Sogar eine beträchtliche Bibliothek mit mehr als 1000 Büchern wird an Bord genommen. Einer mehrjährigen Expedition in die Arktis steht nichts mehr im Wege. Musik Sprecher: Für Das Oberkommando wird schließlich Sir John Franklin auserkoren. Er ist zu diesem Zeitpunkt fast 60 Jahre alt, seine letzte Arktisexpedition fast 20 Jahre her. Manche Zeitgenossen äußern Bedenken wegen seines Gesundheitszustands. Dennoch soll diese Expedition das Glanzstück werden, das Franklins Karriere abschließt. Zudem stehen ihm erfahrene Männer zur Seite: Unter seinem Kommando steht auch Captain Francis Crozier, der bereits in der Antarktis mit der Terror unterwegs war. Sprecherin: Dann endlich! Mai 1845: Unter großem Beifall legen die Schiffe ab. Sie stechen unter guten Vorzeichen in See, die Besatzung ist optimistisch. ATMO knarzendes Segelboot, See Vor der Küste Grönlands werden die letzten Vorräte an Bord genommen, dann machen sich die Schiffe auf ins Eis – in bisher unbekannte Gefilde. Musik Sprecher: Auf ihrem Weg in den Lancastersund begegnen sie zwei Walfängern. Man besucht sich gegenseitig, tauscht Informationen aus. Es ist das letzte Mal, dass die beiden Schiffe von anderen Seeleuten gesehen werden. Atmo/Musik hoch Sprecherin: Es vergeht ein Jahr ohne jegliche Nachricht von der Expedition. Dann noch eins. Schließlich ein drittes. Sprecher: Über Jahre nichts von einer Expedition in die Arktis zu hören, ist in dieser Zeit erstmal nicht ungewöhnlich. Die Expedition von James Clark Ross zum Beispiel saß vier Jahre im Eis fest. Sie ernährten sich von ihrem Proviant und Robbenfleisch, bis auf drei Seeleute kehrten alle wohlbehalten zurück. Doch Franklins Mannschaft ist deutlich größer, seine Vorräte nur für zwei, maximal drei Jahre ausgelegt. TC 06:58 – Die Suche nach Lebenszeichen Sprecherin: Nachdem dann auch im dritten Jahr von der Expedition keinerlei Nachricht eintrifft, wird die Admiralität nervös. Wo sind die HMS Erebus und Terror? 1848 beginnt die Suche nach den verlorenen Schiffen. Drei Suchexpeditionen werden losgeschickt - erfolglos. Keine Spur findet sich von den beiden Schiffen. Die Lage ist ernst. Mit jedem Monat, der vergeht, sinken die Chancen, Franklin und seine Leute lebend zu finden. Sprecher: Im Jahr darauf werden ganze 14 Expeditionen ausgestattet. Die beiden Schiffe müssen doch irgendwo zu finden sein! Dass die Rettungsaktion so umfangreich ausfällt, liegt auch an der Ehefrau von John Franklin, Lady Jane. Sie nutzt ihren öffentlichen Einfluss, um Druck auf die Admiralität auszuüben. Atmo Wind Sprecherin: Endlich finden sich erste Zeichen der Expedition. Doch sie geben eine düstere Vorahnung, auf das, was kommt. Auf Beechey Island, einer kleinen Insel am Lancastersund, findet man die Überreste eines Winterlagers. Und: Drei Gräber. Die Namen auf den Grabsteinen sind gut lesbar. Zitator: John Torrington, 20 Jahre. William Braine, 32 Jahre. John Hartnell, 25 Jahre. Sprecherin: Besatzungsmitglieder der Franklin-Expedition. Alle drei gestorben im Jahr 1846, beerdigt hier auf Beechey Island. Die Erebus und Terror müssen hier Station gemacht haben. Woran starben sie? Gab es eine Krankheit an Bord? Die Insel wird genauestens untersucht, doch außer leeren Konservendosen und anderem Abfall findet sich nichts. Kein Logbuch, keine Nachricht wurde hinterlassen. Die Suche läuft weiter. Sprecher: Inzwischen erhitzen sich in London die Gemüter: ein Schuldiger wird ausgemacht. Der jüdische Kaufmann Stephan Goldner. Er hatte die Expedition mit Konservendosen versorgt. In nur 7 Wochen hatte Goldner den Großauftrag bewältigt. Jetzt häufen sich Vorwürfe, die Konserven seien von minderwertiger Qualität gewesen. Ging die Franklin-Expedition mit verdorbenem Proviant auf Reisen? Verhungerten die Seeleute trotz voller Vorratsschränke? Ein Bericht in der Times legt das nahe. Der Vorwurf ist haltlos, wie sich bald herausstellt. Eine offizielle Untersuchung spricht Goldner frei, doch sein Ruf ist ruiniert. Musik Sprecherin: Bei der Suche in der Arktis geraten inzwischen die Suchtrupps selbst in Not. Mehrere Schiffe bleiben im Eis stecken. Es dauert mehrere Jahre, bis die Expeditionen zurückkehren. Tatsächlich leisten sie mit ihren Reisen wichtige Beitrag zur Erkundung der Arktis. Aber außer den Gräbern auf Beechey Island können sie keine Hinweise über Franklins Schicksal liefern. Sprecher: Dennoch - die Hoffnung auf Neuigkeiten bleibt. Und tatsächlich finden sich neue Hinweise: Der Arzt und Polarforscher John Rae trifft auf seinen Arktis-Reisen auf Inuit, die ihm von düsteren Ereignissen berichten. Rae fasst ihre Berichte zusammen: Musik Zitator: Etwa vierzig weiße Männer wurden gesehen, wie sie in Begleitung eines Offiziers über das Eis nach Süden wanderten und ein Boot und Schlitten mit sich zogen. Sie sahen aus, als ob ihnen der Proviant ausgegangen wäre. Sie kauften von den Eingeborenen eine kleine Robbe oder ein Stück Robbe. Der Offizier wurde als ein großer, kräftiger Mann mittleren Alters beschrieben. Sprecherin: Handelt es sich bei dem Offizier um Franklin? Hat er seine Schiffe verlassen, und seine Mannschaft über Land weitergeführt? Doch die Inuit haben Rae noch mehr zu berichten: Zitator: Später hat man die Leichen von etwa dreißig Personen, einige Gräber auf dem Festland und fünf Leichen auf einer Insel in der Nähe entdeckt. Einige der Körper befanden sich in Zelten. Andere lagen unter einem Boot, das sie als notdürftige Unterkunft umgedreht hatten, einige verteilt um das Lager herum. Bei einem vermuteten die Inuit, dass es sich um einen Offizier handelte, da er ein Fernrohr über die Schultern geschnallt hatte und sein doppelläufiges Gewehr unter ihm lag. Sprecherin: Die Inuit zeigten Rae Gegenstände, die nur von Bord der Erebus und der Terror stammen konnten. Laut ihren Schilderungen waren die Männer in einer ausweglosen Situation. Musik TC 11:40 – Eine Witwe gibt nicht auf Zitator: Aus dem Zustand vieler Leichen und dem Inhalt der Kessel war ersichtlich, dass unsere unglücklichen Landsleute zum letzten Mittel gezwungen waren, um ihr Leben zu erhalten. Sprecherin: Kannibalismus – als letztes Mittel gegen den Hunger. Eine für die viktorianische Zeit unerhörte Unterstellung. Als die Nachricht London erreicht, ist die Empörung groß. Die Witwe von Sir John Franklin, Lady Jane, lässt auf ihren Ehemann und dessen Expedition nichts kommen. Sprecher: Sie bekommt prominente literarische Unterstützung. Charles Dickens, ein Freund der Familie, steht ihr bei. In einer Zeitschrift wettert der berühmte Autor gegen die Inuit, weist ihre Berichte als unglaubwürdig zurück. Für ihn sind sie nichts weiter als: Zitator: Zitat Charles Dickens „Das Geschwätz einer groben Handvoll unzivilisierter Menschen, die in Blut und Walfett zuhause sind!“ Sprecher: 1854 werden alle Expeditionsmitglieder für tot erklärt. Musik Lady Jane Franklin will jedoch Gewissheit. Zwei Jahre später finanziert sie erneut eine Expedition unter dem Kommando von Francis McClintock. Sprecherin: Tatsächlich gelingt es McClintock als erstem, eine handfeste Nachricht von der Expedition zu finden. In einem kleinen Steinhügel auf King William Island stößt er auf einen Brief der Franklin-Expedition. Versteckt in einem Bleizylinder, wasserdicht geschützt. Der erste Eintrag weckt Hoffnungen: Zitator: Mai 1847: Von 1846-47 überwintert bei Beechey Island. Sir John Franklin befehligt die Expedition. Alle wohlauf. Sprecherin: Der Beginn der Expedition scheint gut verlaufen zu sein. Doch an den Rand des Briefes gequetscht finden sich weitere Zeilen. Jemand muss den Bleizylinder zu einem späteren Zeitpunkt wieder geöffnet, den Brief erneut beschrieben haben. Die zittrige Handschrift lässt sich schwer lesen. Musik Zitator: April 1848 - "Terror" und "Erebus" wurden am 22. April verlassen. 105 Seelen unter dem Kommando von Capitain Crozier landeten hier im September 1848. Sir John Franklin ist am 11. Juni 1847 gestorben, Gesamtverlust durch Todesfälle bis heute: 9 Offiziere und 15 Männer. Wir brechen morgen zum Back's Fish River auf. Atmo Eiswind, Schritte Sprecherin: Franklin ist also definitiv tot. Mit ihm 24 weitere Besatzungsmitglieder – eine ungewöhnliche hohe Todesrate, selbst für Arktisexpeditionen. Das Ziel der Überlebenden, der Back’s Fish River, liegt mehrere hundert Kilometer Fußweg entfernt. Durch kaum wegbares Packeis, danach durch eine felsige Tundra, in der es im Frühjahr kaum Nahrung gibt. Sprecher: McClintock fährt mit seinem Hundeschlitten den Weg ab, den die Überlebenden genommen haben müssen. Er stößt auf ein seltsames Relikt: ein Beiboot eines der Schiffe. Scheinbar auf den Kopf gestellt, um einen provisorischen Unterschlupf zu bieten. Zitator: Im Boot befand sich etwas, das uns in Ehrfurcht erstarren ließ. Es waren Teile von zwei menschlichen Skeletten. Das eine das eines schmächtigen jungen Menschen, das andere das eines großen, starken Mannes mittleren Alters, vielleicht ein Offizier. Große und kräftige Tiere, wahrscheinlich Wölfe, hatten einen Großteil dieses Skeletts zerstört. Sprecher: Doch die Gegenstände, die McClintock und seine Kameraden rund um das Boot finden, werfen noch mehr Fragen auf: Kämme, Haarbürsten, Taschenbücher. Und sogar eine ganze Ladung Silberbesteck. Nichts, was man auf einem Marsch um Leben und Tod erwarten würde. Zudem finden sich neben etwas Tee ca. 18kg Schokolade. McClintock vermutet, dass die beiden Männer mit dem Boot und der Schokolade als letztem Proviant zurückgelassen wurden, als sie zu schwach geworden waren, um weiter zu ziehen. McClintock kehrt nach Großbritannien zurück. Er ist überzeugt, dass alle Mitglieder der Franklin-Expedition verstorben sind. Musik Sprecherin: Lady Franklin gibt jedoch bis zuletzt nicht auf, das Schicksal ihres Ehemanns zu klären. Noch mit 82 Jahren finanziert sie eine Expedition in die Arktis. Sie stirbt, noch während sie auf die Rückkehr des Schiffs wartet. Die Expedition endet ergebnislos. Auch eine letzte Expedition wenige Jahre später fördert keine neuen Erkenntnisse zutage. Atmo Eiswind Heulen TC 16:42 – Forschung nach Todesursachen Sprecher: Doch das Rätsel um das Verschwinden der Erebus und Terror zieht die Menschen weiter in seinen Bann. Anfang der 1980er Jahre, gut 100 Jahre nach der letzten Expedition, macht sich ein Team von Forschern der University of Alberta auf, das Rätsel um die Expedition zu lösen. Die kanadischen Forscher stoßen die Reste des Beiboots, das McClintock gefunden hatte. Sie dokumentieren die Fundstelle, sammeln die menschlichen Knochen ein. Im Labor stoßen sie auf Überraschendes: Neben Anzeichen für Skorbut weisen die Knochen der Mitglieder von Franklins Expedition einen zehnmal höheren Bleigehalt auf, als die der Inuit, die in der Gegend beerdigt wurden. Musik Sprecherin: Nun wollen die Forscher der Sache auf den Grund gehen. Zwei Jahre später machen sie sich auf nach Beechey Island, zu den Gräbern die die Franklin-Expedition dort zurückgelassen hatte. Für ihre Expedition brauchen sie eine besondere Genehmigung: Sie wollen die Gräber öffnen, die Leichen der Crewmitglieder untersuchen. Professor Roger Byard von der University of Adelaide ist Pathologe und hat sich eingehend mit den Forschungen zur Franklin-Expedition beschäftigt. OV Prof Roger Byard Beschreibung Blei OVERVOICE männlich They dug up John torringtons body… Die haben die Leiche von John Torrington ausgegraben, einem der Besatzungsmitglieder, die auf Beechey Island beerdigt wurden. Und dabei fanden sie einen sehr hohen Bleigehalt. Und deshalb sagte man: Aha, die Expedition benutzte diese neumodischen Blechdosen, die mit Blei verlötet waren, das ans Essen abgegeben wurde. Und deshalb meinte man, dass sie an einer Bleivergiftung gestorben sind. Musik Sprecherin: Eine Bleivergiftung tötet nicht direkt, sondern schadet über längere Zeit dem Nervensystem. Erste Symptome: Erschöpfung, Reizbarkeit. Dann: Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme. Am Ende greift die Vergiftung auf das Gehirn über: Verwirrtheit, Orientierungsprobleme, Charakterstörungen. Starben die Männer, weil ihre bleiverseuchten Vorräte sie in den Wahnsinn trieben? Es würde ihre merkwürdigen Entscheidungen erklären: weshalb sie etwa Silberbesteck und anderen wertlosen Tand einpackten, als sie ihre Schiffe verließen. Sprecher: Lange gilt diese Erklärung als einer der Hauptgründe für das Scheitern der Expedition. Doch inzwischen gilt sie als überholt. Prof. Byard weiß warum. OV Prof Roger Byard Multifaktoren Overvoice männlich Over the years the looked at graves of similar vintage… Im Laufe der Jahre hat man bei Gräbern ähnlicher Jahrgänge von Marineangehörigen festgestellt, dass die Bleikonzentrationen bei allen sehr hoch sind. Damals gab es Bleirohre auf den Schiffen und alle möglichen anderen Dinge. Die Bleivergiftung war also nicht der Grund. Also stand man wieder am Anfang bei der Frage nach der Todesursache. (…) Aber ich denke, dass es viele Gründe gab, dass man sich im Grunde genommen einfach abnutzt. Es ist also ein additiver Effekt einer ganzen Reihe von Faktoren. (…) The fact that you’re miserable as hell…Die Tatsache, dass man sich verdammt elend fühlt und weiß, dass man nie wieder nach Hause kommen wird. Das ist wirklich nichts, was einen dazu anspornt, zu versuchen, zu überleben. Aber sie waren jahrelang dort, also waren sie unglaublich stoische Männer. Sprecher Hinweise für eine Vielzahl an Belastungen finden sich in den menschlichen Überresten: Die Lungen der Männer auf Beechey Island sind von Tuberkulose zerfressen. Die verstreuten Knochen auf den anderen Inseln zeigen Zeichen von Skorbut. Musik Sprecherin: Doch die Knochen geben auch Aufschluss über ein weiteres Rätsel: Forensiker in den 1990ern Jahren entdecken gerade Schnitte an den Knochen, die am Boot gefunden wurden: Spuren von Klingen. Hier wurde Fleisch von Knochen gelöst. Spätere Studien zeigen: Die Knochen wurden sogar aufgebrochen, über Stunden gekocht, um an das Mark zu gelangen. Eindeutige Beweise für Kannibalismus unter den letzten Überlebenden. Genauso, wie die Inuit es den ersten Suchtrupps im 19. Jahrhundert geschildert hatten. Nach Jahrzehnten der Verleumdung zeigt sich: Die Inuit hatten Recht. TC 21:00 – Durchbruch Sprecher: Die Forscher fangen an, die Berichte der Inuit in ihre Untersuchungen miteinzubeziehen. Und so gelingt im Jahr 2014 ein großer Durchbruch. Atmo Eisbrecher und Sonar Ein Suchboot, ausgestattet mit einem Sonar, durchfährt eine Bucht nahe der King-William Insel. Laut Schilderungen der Inuit ist hier vor mehr als 150 Jahren ein großes Holzschiff gesunken. Plötzlich erscheint auf dem Radar ein Bild, das eindeutiger nicht sein könnte: Es ist ein Schiff, der Bug liegt zertrümmert am Meeresboden, doch der Rest ist deutlich erkennbar. Sprecherin: Es ist die HMS Erebus. Nach mehr als 150 Jahren ist sie wieder da, in ihrer ganzen Pracht. Doch sie liegt einsam am Meeresgrund. Wo ist ihr Schwesterschiff, die HMS Terror? Sprecher: Es dauert noch zwei weitere Jahre, bis auch dieses Rätsel gelöst wird. Etwa 100 Kilometer weiter südlich, vor der Küste der Adelaide-Halbinsel. Inuit hatten in dieser Gegend schon öfters angeschwemmte Wrackteile gefunden, doch den entscheidenden Hinweis gibt ein Inuk-Jäger. Vor einigen Jahren war er mit seinem Schneemobil auf der zugefrorenen Bucht unterwegs. Dabei stieß er auf einen Holzpfahl, der aus dem Eis aufragte. Jetzt führt er das kanadische Forschungsteam an die Stelle. Der Pfahl, der aus dem Wasser aufragte - Es ist der Mast der HMS Terror. In nur 11m Tiefe liegt das Wrack des Schiffs. Musik Sprecherin: Spätere Tauchgänge zeigen: Das eiskalte Wasser hat das Wrack in außergewöhnlicher Qualität erhalten. Glasflaschen und kostbares Porzellan liegen unversehrt in den Regalen, Gewehre hängen an der Wand. Als ob die Mannschaft sie gerade erst verlassen hätte. Das Team der Unterwasserarchäologen hofft, in Zukunft vielleicht sogar eines der Logbücher bergen zu können. Vielleicht kann so die Geschichte um die Expedition zu Ende erzählt werden. TC 23:06 - Outro

  5. Der Inselstaat Taiwan gehört zu den politischen Pulverfässern der Welt. Die Führung betont regelmäßig die Eigenständigkeit Taiwans, das offiziell Republik China heißt. Die kommunistische Volksrepublik China aber betrachtet das Land als abtrünnige Provinz und fordert den Anschluss an die Volksrepublik. Dies wollen die USA aber unbedingt verhindern, denn das Südchinesische Meer und die Taiwanstraße sind wichtige Routen für den Welthandel. Zudem ist die hochentwickelte Halbleiterindustrie Taiwans für zahlreiche Industriestaaten von immenser Bedeutung. Von Claudia Steiner (BR 2023) Credits Autorin: Claudia Steiner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Rahel Comtesse, Andreas Dirscherl Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Christine Moll-Murata, Anna Marti Linktipps: BR (2024): Notizen aus Taiwan und China – Unabhängigkeit oder Wiedervereinigung Taiwan war nie Teil der Volksrepublik und stand nie unter Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas. Dennoch beansprucht Peking die demokratisch regierte Insel als eigenes Territorium. Die meisten Taiwaner können sich keinen Zusammenschluss mit dem autokratisch regierten China vorstellen. Zum Beitrag geht es HIER. Deutschlandfunk (2024): Taiwans polarisierte Medienlandschaft Am 13. Januar wählt Taiwan einen neuen Präsidenten. Das schwierige Verhältnis des Inselstaats zu Festlandchina spiegelt sich auch in einer polarisierten Mediendebatte wider: pro- und anti-chinesische Medien berichten teils komplett konträr. JETZT ANHÖREN phoenix (2023): Taiwan – Angst vor der Invasion Taiwan wird oft als eine der gefährlichsten Regionen der Welt bezeichnet. Aber: Nicht das Land selbst, sondern die politischen Umstände machen die Lage vor Ort so gefährlich. Film von Michael Müller JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:54 – Der Ausgangspunkt TC 05:01 – Von offizielle und inoffiziellen Beziehungen TC 08:41 – Das Problem der „Wiedervereinigung“ TC 11:00 – Ein Land im Konflikt zweier Atommächte TC 14:24 – Umbruchsdenken TC 17:28 – Der Weiße Terror TC 19:46 – Ein Leben mit militärischer Spannung TC 22:10 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO Nachrichtenticker Einspielung 1 (COLLAGE, 09.10.2021, 05.08.2022, 27.5.2022, gerne übereinander legen und/oder mit Ticker trennen) MUSIK: Z8031117101 HOT NEWS 0‘45 SPRECHER 2 UND NACHRICHTENSPRECHER Chinas Präsident Xi Jinping hat erneut die Wiedervereinigung Taiwans mit der Volksrepublik gefordert. Bei einer Feierstunde zum 110. Jahrestag der Revolution von 1911 sagte Xi, die Wiedervereinigung müsse und werde definitiv verwirklicht werden.… / Die Taiwan-Krise führt auch zu Spannungen zwischen China und Deutschland. Die chinesische Botschaft in Berlin hat nun Außenministerin Baerbock Unterstellungen und eine Einmischung in innere Angelegenheiten vorgeworfen. … Ein chinesischer Flugzeugträger ist durch die Meerenge bei Taiwan gefahren. Er wurde laut Verteidigungsministerium in Taipeh von zwei weiteren Schiffen der chinesischen Armee begleitet. Als Reaktion hätten Taiwans Streitkräfte Luftpatrouillenflugzeuge, Marineschiffe und Raketensysteme aktiviert… ATMO Nachrichtenticker (bricht ab) MUSIK SPRECHER Die Nachrichten zeigen deutlich: Der Status von Taiwan ist kompliziert und konfliktbehaftet. Der Inselstaat, der offiziell Republik China heißt, liegt zwischen Japan und den Philippinen, 180 Kilometer östlich der Volksrepublik China. Die riesige, autoritär geführte, kommunistische Volksrepublik China betrachtet das kleine, demokratische Taiwan als abtrünnige Provinz und fordert den Anschluss an Peking. Die Führung in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh betont dagegen ihre Eigenständigkeit. Aber politisch ist das Land relativ isoliert. Von den meisten Ländern wird Taiwan nicht als souveräner Staat anerkannt, auch nicht von Deutschland. Dabei war Taiwan nie Teil der 1949 von Mao Zedong gegründeten Volksrepublik China. Und Chinesen waren auch nicht immer Bewohner der Insel. Ein Rückblick: Musik TC 01:54 – Der Ausgangspunkt SPRECHER Ursprünglich war die Insel von indigenen Bevölkerungen besiedelt. Über die Jahrhunderte gab es unterschiedliche Einflüsse: So kamen am Ende der chinesischen Ming-Dynastie Mitte des 17. Jahrhunderts chinesische Einwanderer nach Taiwan. Ebenfalls im 17. Jahrhundert bauten Holland und Spanien koloniale Stützpunkte auf der Insel auf. Die Kolonialmächte wurden aber von chinesischen ming-loyalen Truppen vertrieben. Von 1895 bis 1945 stand Taiwan schließlich unter japanischer Herrschaft. Doch mit der Kapitulation Japans nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Friedensvertrag von San Francisco am 28. April 1952 gab Japan alle Rechte an ehemaligen Kolonien, und damit auch an Taiwan auf. Doch der genaue Status der Insel war unklar. Christine Moll-Murata ist Professorin für Geschichte Chinas und Leiterin der Taiwanforschungsstelle an der Ruhr-Universität Bochum. O-TON 1 (Moll-Murata, 2.32) Aufgegeben hat es das zwar, aber es ist nicht deutlich formuliert worden, an wen. Weder die Repräsentanten der Volksrepublik China, die inzwischen 1949 gegründet worden war, noch die Repräsentanten der Republik China, die sich jetzt im Exil befanden seit 1949 auf Taiwan, also weder die einen noch die anderen waren anwesend. MUSIK SPRECHER Das heißt: Keine der beiden Seiten waren in den Friedensvertrag involviert, weder die Kommunisten auf dem Festland, noch die Nationalisten im Exil. Beide Seiten war sich zuvor in einem blutigen Bürgerkrieg gegenüber gestanden. Die Kommunisten gingen daraus als Sieger hervor, die Nationalisten zogen sich nach Taiwan zurück – der Ausgangspunkt des heutigen Konflikts. Anna Marti, Leiterin des Taipeher Büros der FDP-nahen Friedrich Naumann Stiftung. O-TON 2 (Marti, 2.19) Und Mao Zedong hat am 1. Oktober 1949 in Peking die Volksrepublik ausgerufen. Der vorher existierende Staat, also nach dem Ende des Kaiserreichs, vor der Volksrepublik, war aber die Republik China und die Leute, die damals in Amt und Würden waren, Macht hatten, das ganze Militär, die gesamte Flugzeugflotte und die gesamte Marine sind geflohen vor den Kommunisten, die haben ja eben verloren. Und die haben sich nach Taiwan zurückgezogen. SPRECHER Die nationalistische Regierung unter der Führung von Chiang Kai-shek von der Kuomintang-Partei flüchtete also mit ihren Truppen auf die Insel – mitsamt der Goldvorräte und wertvoller Kulturschätze aus der „Verbotenen Stadt“, der Palastanlage im Zentrum Pekings. Im nationalen Palastmuseum in Taipeh sind seit 1965 Hunderttausende dieser Schätze ausgestellt und gelagert: Wertvolle Stücke aus Jade, Porzellan und Vasen, Gemälde und Bronzen. Für die Volksrepublik China sind es Beutestücke. Willkommen waren die Nationalisten auf der Insel erst einmal nicht: Die damalige Bevölkerung in Taiwan betrachtete die Ankunft der Soldaten vom Festland als Invasion. MUSIK TC 05:01 – Von offizielle und inoffiziellen Beziehungen SPRECHER International wurde die Republik China auf Taiwan zunächst als Vertreter Gesamtchinas anerkannt. So hatte das kleine Taiwan zum Beispiel einen permanenten Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen – obwohl es de facto nur die Insel Taiwan und einige wenige Inseln vor dem chinesischen Festland kontrollierte. Dies änderte sich 1971. Damals wollte die US-Regierung unter Präsident Richard Nixon die Beziehungen zur Volksrepublik China neu aufstellen In der Resolution 2758 heißt es: ZITATORIN „Die Vollversammlung der Vereinten Nationen […] beschließt, all die Rechte der Volksrepublik China instandzusetzen und die Vertreter ihrer Regierung als die einzigen legitimierten Vertreter Chinas in den Vereinten Nationen anzuerkennen und von nun ab die Vertreter Chiang Kai-sheks von dem Platz zu entfernen, den sie zu Unrecht in den Vereinten Nationen und all ihren Organisationen einnehmen.“ SPRECHER Der Beschluss, der die gesamte Macht-Konstellation änderte, er gilt bis heute. Vor allem Länder des globalen Südens stimmten zu. Doch der Beschluss war nicht im Sinne aller Staaten - die USA etwa wollten, dass sowohl die Volksrepublik China als auch die Republik China im Sicherheitsrat vertreten sein sollen, konnten sich mit dieser Haltung aber nicht durchsetzen. Und so nahmen 1979 die USA diplomatische Beziehungen zur flächenmäßig deutlich größeren Volksrepublik China auf und brachen die offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab. Aber eben nur die offiziellen diplomatischen Beziehungen. Zugleich verpflichtete sich Washington mit dem Taiwan Relations Act, Taiwan verteidigungsfähig zu halten. Auch viele andere Staaten haben bis heute keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan. Denn um mit China zusammenarbeiten zu können, müssen Länder die Ein-China-Politik anerkennen. Peking versteht sich als Rechtsnachfolger der Republik China. Anna Marti: O-TON 3 (Marti, 7.01) Das heißt, dass Peking darauf besteht, dass es nur ein einziges China gibt. Und in ihrer Sichtweise ist das eben die Volksrepublik. Und wer mit China, also wer mit Peking diplomatische Beziehungen unterhalten möchte, der muss das akzeptieren. Das heißt, man kann nicht gleichzeitig mit Peking und mit Taipeh diplomatische Beziehungen unterhalten. Musik SPRECHER Zu den wenigen Ländern, die heute Taiwan offiziell anerkennen, gehören unter anderem Haiti, Guatemala, Paraguay und der Vatikan. Doch auch wenn es offiziell keine Anerkennung gibt, arbeiten viele Länder – auch Deutschland - eng mit Taipeh zusammen. Es ist diplomatisches Fingerspitzengefühl gefragt. Anna Marti. O-TON 4 (Marti, 7.37 /24.21) Was aber wichtig ist: Nur, weil man keine Botschaft in Taipeh hat, heißt das nicht, dass es keinerlei Austausch gibt. Die heißen dann hier anders. Also die deutsche Vertretung heißt da nicht hier die deutsche Botschaft, sondern das ist das Deutsche Institut. / Es gibt einen taiwanischen Pass, der auch anerkannt wird und der in manchen Gebieten auch wirklich sogar besser ist als der chinesische Pass. Also ganz konkret können Leute mit einem taiwanischen Pass in den Schengenraum einreisen, ohne vorher ein Visum beantragen zu müssen. Und das ist bei Menschen, die einen Pass aus der Volksrepublik haben, ist es nicht möglich. Und das ist natürlich ein gewisser Pragmatismus. Es wirkt erstmal merkwürdig, dass zum Beispiel Deutschland, das Taiwan nicht als Staat anerkennt, den Pass aber anerkennt. Aber es gibt zum Beispiel auch ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Taiwan und Deutschland. TC 08:41 – Das Problem der „Wiedervereinigung“ SPRECHER Die Eigenständigkeit Taiwans wird auch in anderen Punkten deutlich: So hat das Land eine eigene Währung, den Taiwan-Dollar, und ein eigenes Militär. Doch zwischen der Volksrepublik China und der Republik China herrscht ein starkes Machtgefälle: Das Militär von China zählte 2023 rund zwei Millionen aktive Soldaten, das Militär von Taiwan rund 170.000. China ist Taiwan in militärischer Hinsicht über alle Waffengattungen hinweg deutlich überlegen. MUSIK SPRECHER Der Status Taiwans ist also seit Jahrzehnten umstritten, die politische Kluft zwischen der Republik und der Volksrepublik China tief. Beide Seiten beharren auf ihren Positionen. Die Führung in Peking betrachtet das 23 Millionen Einwohner zählende Taiwan – welches im Vergleich zu den 1,4 Milliarden Menschen auf dem Festland winzig ist - als Teil der Volksrepublik. Peking strebt eine „Wiedervereinigung“ an und droht mit einer militärischen Eroberung der Insel, sollte sich Taiwan als unabhängig erklären. Immer wieder gibt es militärische Machtdemonstrationen: Chinesische Kriegsschiffe patrouillieren regelmäßig in der Nähe der taiwanesischen Küste, Flugzeuge verletzten den Luftraum. Oder es werden wie im Sommer 2022 bei Manövern Raketen abgefeuert und stürzen in der Nähe der Insel ins Meer – kurz zuvor hatte die damalige Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi Taiwan trotz Warnungen aus Peking besucht. Die Sprecherin des Außenministeriums in Taipeh erklärte damals kämpferisch: Einspielung 2 (China startet großangelegtes Militärmanöver... ab 27. Sek, chin. O-Ton. Overvoice.) Unsere Regierung ist noch entschlossener, die Souveränität und territoriale Integrität unserer Nation zu schützen. Angesichts des aktuellen Szenarios wird unsere Regierung nicht nur ihre Selbstverteidigungsfähigkeiten aktiv stärken, sondern auch enge Beziehungen zu gleichgesinnten Ländern wie den Vereinigten Staaten pflegen. Gemeinsam werden wir die auf Regeln basierende internationale Ordnung verteidigen, eine weitere regionale Eskalation vermeiden und gleichzeitig die Sicherheit der Straße von Taiwan sowie die Freiheit, die Offenheit, den Frieden und die Stabilität in der indopazifischen Region energisch schützen. TC 11:00 – Ein Land im Konflikt zweier Atommächte SPRECHER Das Engagement der USA für Taiwan hat vor allem geopolitische Gründe. Die Insel im Pazifik ist ein Land im Konflikt zweier Atommächte, China und den USA. Die USA hat zudem wichtige Militärbasen im Pazifik. Anna Marti: O-TON 5 (Marti, 15.18) Die USA haben große Militärstützpunkte in Japan und in Guam. Und da sind auch wichtige Teile der Pazifikflotte, zum Beispiel auch der Flugzeugträger, die zum Teil dann hier auch durch die Taiwan-Straße fahren, in sogenannten Freedom of Navigation-Routen. Also ganz konkret bedeutet das, dass man da durch die Taiwan-Straße durchfährt, um eben zu zeigen, dass das ein internationales Gewässer ist und nicht, wie von der Volksrepublik beansprucht, ein nationales Gewässer. Musik SPRECHER Eine Eroberung Taiwans durch China wäre ein weiterer Schritt für die Großmacht-Ambitionen Pekings, denn dies würde dem Land zu mehr Macht im Pazifik verhelfen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine befürchten Beobachter, dass China auf ähnliche Art und Weise versuchen könnte, Taiwan zu erobern. Spätestens seit Peking die Demokratiebewegung in Hongkong niederschlagen ließ, ist klar, dass die Volksrepublik auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Die USA – als Schutzmacht - beliefern Taiwan deshalb mit Waffen. US-Präsident Joe Biden bezeichnete es als „Verpflichtung“, Taiwan zu verteidigen – wie dieses Engagement außer Waffenlieferungen genau aussehen könnte, ließ er offen. Die Bochumer Taiwan-Expertin Christine Moll-Murata: O-TON 6 (Moll-Murata, 7.10) Natürlich gibt es auch wirtschaftliche Interessen der USA, aber in erster Linie ist es eben geopolitischer Art. Und das hat, ja, eben auch mit dem Verhältnis von USA zu China zu tun. In letzter Zeit, also seit den letzten fünf, sechs Jahren, spricht man von Decoupling, also von einer Loslösung oder von einer Entflechtung der amerikanischen Wirtschaft von der chinesischen Wirtschaft. Und da spielt eben Taiwan eine wichtige Rolle. SPRECHER Ein militärischer Konflikt hätte massive Auswirkungen, auch auf die Weltwirtschaft. Das kleine Taiwan - die Insel ist etwa so groß wie Baden-Württemberg - gilt als Tigerstaat Südostasiens, also als eine besonders dynamische Wirtschaft. MUSIK Zwar taucht Taiwan wegen seines unklaren Status meist nicht in offiziellen Rankings auf, doch mit einem geschätzten Bruttoinlandsprodukt für 2023 von knapp 800 Milliarden US-Dollar, liegt Taiwan weltweit etwa auf Platz 20. Besonders wichtig für viele Branchen ist vor allem die Chip- und Halbleiterindustrie. Dort ansässige Unternehmen wie die „Foxconn Technology Group“ oder die „Taiwan Semiconductor Manufactoring Company, Limited“ produzieren Elektronik- und Computerteile, Chips und Halbleiter unter anderem für Marken wie Apple, Nintendo, Microsoft und Sony. Anna Marti von der Friedrich Naumann Stiftung in Taipeh. O-TON 7 (Marti, 16.52) Es ist ganz klar: Die Welt ist abhängig von diesen Chips, die hier in Taiwan produziert werden. Und wenn die Lieferketten unterbrochen werden oder wenn es zu einem größeren Konflikt kommen sollte, dann wäre die Weltwirtschaft insgesamt betroffen, nicht nur wegen den Chips, aber natürlich auch wegen den Routen, den Schiffsrouten, die hier auch in nächster Nähe vorbeigehen und die Falle eines Konfliktes da natürlich betroffen wären. TC 14:24 - Umbruchsdenken SPRECHER Es mag erstaunlich klingen: Trotz des politischen Konflikts mit Peking hat Taiwan enge wirtschaftliche Beziehungen mit der Volksrepublik. Die Volksrepublik China ist Taiwans größter Handelspartner. Im Jahr 2022 gingen rund 40 Prozent aller taiwanischen Exporte nach China, inklusive der Sonderverwaltungsregion Hongkong. Taiwanesische Firmen wie Foxconn haben zudem auch Filialen auf dem chinesischen Festland – doch das scheint sich langsam zu ändern, sagt Professor Moll-Murata. O-TON 8 (Murata-Moll, 10.41) Ich habe jetzt bei einem Besuch in Taiwan vor Kurzem gehört, dass sich einfach auch in Taiwan bemerkbar macht, dass viel mehr Unternehmen, die vorher auf dem Festland ansässig waren, eben versuchen, sich herauszuziehen und dann in Südostasien oder in Indien ihre Produktionsstätten neu aufzubauen - wegen der Unsicherheit, die der Produktion in China und auch natürlich aus geopolitischen Gründen. Ja, und aus Gründen, dass der Standort China für taiwanische Unternehmen eben mehr und mehr gefährlich zu sein scheint. MUSIK SPRECHER Nicht nur wirtschaftlich, auch gesellschaftlich findet ein Umdenken statt: Auch wenn die Amtssprache Mandarin, also Chinesisch ist – es werden zudem unter anderem Taiwanisch und Hakka gesprochen -, sieht sich die Mehrheit der vor allem jüngeren Menschen in Taiwan inzwischen als Taiwanerinnen und Taiwaner und nicht als Chinesinnen und Chinesen. Christine Moll-Murata: O-TON 9 (Moll-Murata, 19.47) Die taiwanische Identität, also dieses Identitätsbewusstsein Taiwaner zu sein und nicht Chinese, das hat in den vergangenen Jahren immer stärker zugenommen. Das ist ganz klar. Das heißt aber übrigens nicht, dass nicht die Bevölkerung auch bei Wahlen durchaus zum Ausdruck bringen kann, dass sie an einer größeren Annäherung oder an einer Entspannung gegenüber China großes Interesse hat. SPRECHER Dass viele Menschen in Taiwan zumindest den Status quo beibehalten möchten, liegt sicher auch am politischen System. Taiwan gilt als eine der stabilsten Demokratien Asiens mit freien Wahlen, einem funktionierenden Rechtssystem, Meinungs- und Pressefreiheit sowie einer liberalen Gesellschaft. So legalisierte der Inselstaat 2019 zum Beispiel als erstes asiatisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe. Auf diese Errungenschaften legen die Menschen großen Wert. Zuvor hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass es gegen die Verfassung verstoße, wenn nur Männer und Frauen heiraten können. Laut dem Demokratieindex – zusammenstellt von der Universität Göteborg - gehört Taiwan weltweit zu den Top-20-Demokratien und liegt damit unter anderem vor Slowenien und Österreich. Anna Marti: O-TON 10 (Marti, 11.38) Was man aber nicht vergessen darf, ist natürlich, dass Taiwan auch immer noch eine relativ junge Demokratie ist. Das heißt auf der positiven Seite, dass es den Menschen noch oft noch sehr bewusst ist, wie es vorher war und dass sie deswegen auch sehr, sehr viel Wert darauflegen. Musik TC 17:28 – Der Weiße Terror SPRECHER Denn Taiwan war nicht von Anfang an eine Demokratie. In dem früheren Einparteiensystem herrschte jahrzehntelang Kriegsrecht und der sogenannte Weiße Terror – begrifflich eine Abgrenzung zum roten Kommunismus. Es gab unter der Herrschaft der nationalchinesischen Kuomintang willkürliche Verhaftungen. Oppositionelle wurden unterdrückt, vermeintliche Kommunisten und Spione verschwanden und wurden getötet. Anna Marti: O-TON 11 (Marti, 9.57) Es gab politische Gefängnisse. Es war kein Rechtsstaat, und es war ein sehr, sehr repressives System. Und dieser weiße Terror, dieses Kriegsrecht, das galt in Taiwan sehr, sehr lange. Erst 1987 wurde das beendet, und dann setzte langsam eine Demokratisierung ein, die auch von den Menschen getragen wurde und die vor allem von unten kam und die ersten wirklich freien Wahlen, die fanden (19)96 auch erst statt, das heißt es weiter Weg. Und lange Zeit war der schöne Name Republik eben nur das, ein schöner Name und aber nicht wirklich mit Leben gefüllt. Musik SPRECHER Offiziellen Quellen zufolge wurden 1.061 Menschen zum Tode verurteilt und bis zu 20.000 Menschen inhaftiert. Die Aufarbeitung dieser Zeit der Gewalt und Willkür ist ein langwieriger Prozess. Zwar wurden zum Beispiel ein ehemaliges Foltergefängnis und die Gefängnisinsel Lüdao zu Gedenkstätten umgewandelt, Literatur und Kunst setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander, und die Opfer des Weißen Terrors wurden entschädigt, die Täter aber wurden nicht juristisch zur Verantwortung gezogen. Erst 1996 wurde der erste direkte Präsident der Insel gewählt: Lee Teng-hui. Der ehemalige Bürgermeister von Taipeh war der erste Präsident, der auch auf der Insel geboren war. In den Nachrichten vom März 1996 hieß es: Einspielung 3 (Taiwan hat gewählt, 00.01) Während also Präsident Lee feierte und sich feiern ließ, ist für die Führer in Peking, die Taiwan als abtrünnige Provinz betrachten, ein Alptraum wahr geworden. Lee Teng-hui, dessen Wunsch nach mehr internationaler Anerkennung Taiwans die Krise zwischen den beiden Chinas ausgelöst hat, hat 54 Prozent der Stimmen erhalten…. Musik TC 19:46 – Ein Leben mit militärischer Spannung SPRECHER Der Konflikt um Taiwan ist ein Dauerthema – nicht nur international, sondern auch auf der Insel selbst. Denn es kommt immer wieder zu militärischen Machtdemonstrationen, scharfen Reden und Versuchen der chinesischen Einflussnahme, sagt die Ostasienwissenschaften Moll-Murata: O-TON 12 (Moll-Murata, 18.26) Wobei man sagen muss, dass natürlich China auf verschiedene Weise, nicht nur mit militärischen Drohgehabe versucht, Taiwan zu beeinflussen, sondern auch massiv mit Presse, mit den Medien und mit den sozialen Medien auch. SPRECHER Trotz der Spannungen und militärischen Konfrontationen sei im Alltag aber keine ständige Nervosität zu spüren, sagt Marti, die in Taipeh lebt. O-TON 13 (Marti, 21.37) Ich vergleiche es immer ein bisschen, wie wenn man in einen Raum kommt, wo es nicht gut riecht. Wenn man die Tür aufmacht und reinkommt, dann merkt man das - und je länger man in dem Raum ist, desto weniger merkt man das. Irgendwann hat sich die Nase dran gewöhnt und man riecht es nicht mehr. Und das ist so der Eindruck, den ich öfters hier in Taiwan habe. Dass die Menschen diese Gefahr kennen, es war schon immer so, und es gab immer mal Auf und Ab. Und dass man da, wie so ein bisschen abstumpft. Denn man hat ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann entweder sich in frenetischen Vorbereitungen stürzen oder ganz extrem in andauernde Panik verfallen. Oder man kann es so ein bisschen ignorieren und für die allgemeine Gesundheit ist, glaube ich, das Ignorieren und sich einfach damit Arrangieren besser. MUSIK SPRECHER Nichtsdestotrotz nimmt in dem jungen demokratischen Land die Diskussion über Politik, das Verhältnis zu China und die Zukunft des Landes einen großen Raum ein. Auch die junge Bevölkerung hat ein großes Interesse an Politik, sagt Christine Moll-Murata: O-TON 14 (Moll-Murata, 28.22) Ich habe viele Definitionen gehört von Taiwan… die einen sagen, wir sind ein Staat ohne Selbstbewusstsein. Die anderen sagen, wir sind ein ganz besonderer Staat. Manche beharren darauf, dass sie sich auf dem Weg zur Nationenbildung finden. MUSIK hoch SPRECHER Taiwan war, ist und bleibt wohl auf absehbare Zeit ein Land im Konflikt der Mächte. Das demokratische Land steht zwischen der mächtigen kommunistischen Volksrepublik China und den USA, für die die Insel geopolitisch, aber auch wirtschaftlich von großer Bedeutung ist. In den vergangenen Jahren nahmen die Spannungen um die Insel eher zu – es bleibt ein Balanceakt. MUSIK TC 22:10 – Outro

  6. Bangladesch - ein Staat, der aus Massakern hervorging. Die Region war zunächst der östliche Teil Pakistans, im fruchtbaren Mündungsdelta der Flüsse Ganges und Brahmaputra gelegen. Im Verlauf der Unabhängigkeitsbewegung vom westlichen Pakistan kam es 1971 zu schweren Gewalttaten und einem Krieg, an dem schließlich auch Indien beteiligt war. Mehrere Millionen Menschen mussten flüchteten. Von Bettina Weiz (BR 2021) Credits Autorin: Bettina Weiz Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Carsten Fabian Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Micheal Mann Linktipps: SWR (2022): George Harrsion – „The Concert for Bangladesh“ George Harrisons Konzert und Album "The Concert for Bangladesh" ist quasi die Mutter aller Charity- und Benefizkonzerte. Am 1. August 1971 spielte das ehemalige Mitglied der Beatles zwei Konzerte im ausverkauften Madison Square Garden in New York. Fast 250.000 US-Dollar Spendengelder kamen an diesem Tag zusammen um dem von Krieg, Vertreibung, Völkermord und Naturkatastrophen gebeutelten Bangladesh zu helfen. Aber das war erst der Anfang. JETZT ANHÖREN BR (2024): Die verzweifelte Lage der Rohingya In der Nähe von Coxs Bazar im Süden von Bangladesh liegt das wohl größte Flüchtlingslager der Welt. Etwa eine Million Rohingya lebt hier, etwa die Hälfte davon Kinder. Verfolgt von der Militärjunta flüchtete die muslimische Minderheit aus ihrer Heimat Myanmar. Doch auch in Bangladesch haben sie keine Zukunft. Zum Podcast geht es HIER. hr (2024): Booming Bangladesh Menschen aus der Kulturszene von Bangladesh erzählen: Modeschöpferin Bibi Russell über ihre Liebe zur Altstadt der Hauptstadt Dhaka, der Fotograf und Aktivist Shahidul Alam wie auch das Kollektiv "Britto Arts Trust" über Kunstfreiheit, die Kunst-Mäzenin Nadia Samdani bringt auf ihrem "Art Summit" die internationale Kunstszene und führende Künstler/innen aus Bangladesh miteinander in Kontakt. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:44 – Das Bengalen Land TC 06:38 – Die Rolle von Pakistans Teilung in Ost und West TC 12:17 – Die Mutter aller Benefizkonzerte TC 16:28 – Das Politikum des zweiwöchigen Krieg TC 22:28 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro ATMO/MUSIK 1 ERZÄHLERIN New York, Sommer 1971. Ex-Beatle George Harrison tritt auf die Bühne des Madison Square Garden. ATMO (Beifall /George Harrison) „Thank you, thank you“. Darauf weiter: ERZÄHLERIN 40.000 Menschen sind zu den zwei Konzerten des Tages gekommen. Es ist Harrisons erster großer Auftritt nach der Trennung der Beatles, und manch ein Fan hofft, dass die Kultband vielleicht doch wieder zusammenfindet. Außerdem stehen an diesem Tag Topstars auf dem Programm, von Eric Clapton bis Bob Dylan. Aber zuerst macht Harrison die Bühne frei für eine Gruppe von Indern mit traditionellen Trommeln und Langhalslauten. ATMO /Musik 1 (George Harrison: „So let me introduce on Sitar Ravi Shankar“ Jubel) ERZÄHLERIN Der Sitar-Spieler Ravi Shankar sagt, an diesem historischen Tag hätten sie nicht nur ein Musikprogramm. Sie hätten auch eine Botschaft. ATMO/ MUSIK 1 (Ravi Shankar: „And this is to just make you aware of a very serious situation that is happening....) Darauf Overvoice-Sprecher: Und zwar sollt Ihr auf etwas sehr Schlimmes aufmerksam gemacht werden, das gerade passiert. Wir versuchen nicht, Politik zu machen. Wir sind Künstler. Aber wir möchten, dass Ihr durch unsere Musik die Qualen, den Schmerz und die vielen traurigen Geschehnisse in Bangladesch mitfühlt. Und mit den Flüchtlingen, die nach Indien gekommen sind. (... the pain and lots of sad happenings in Bangladesh. And also the refugees who have come to India.“ Beifall) Musik TC 01:44 – Das Bengalen Land ERZÄHLERIN Bangladesch: das war damals neu – als Wort und auch als Staat. Der war zum Zeitpunkt des Konzertes gerade erst im Entstehen. Die heftigen Auseinandersetzungen darum führten zum dritten pakistanisch-indischen Krieg. Er dauerte nur knapp zwei Wochen – vom dritten bis zum 16. Dezember 1971. Damit ist er als einer der kürzesten Kriege in die Weltgeschichte eingegangen. Aber trotzdem haben er und vorangegangene innerpakistanische Auseinandersetzungen gewaltiges Leid verursacht. Die Rede ist von bis zu drei Millionen Toten und über 50 Millionen Flüchtlingen. Und das hatte eine lange Vorgeschichte. MUSIK 2 überblendet in ATMO (Wasser-fließt in der Ebene) ERZÄHLERIN Es geht um Bengalen. Bangladesch heißt wörtlich „Bengalen-Land“. Gemeint ist ein Gebiet der Superlative. Hier kommt das Wasser vom höchsten Gebirge der Welt zusammen. Ganges, Brahmaputra und Meghna bilden das größte Flussdelta auf dem Globus. Es ist Schwemmland, eine der fruchtbarsten Gegenden der Welt. Für die Bauern ist bis zu dreimal im Jahr Ernte, so der Südasien-Historiker Michael Mann von der Berliner Humboldt-Universtität. 1. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Der Reisanbau wird dort seit Jahrtausenden kultiviert, Vermutungen gehen auch dahin, dass Reis unter anderem in Bengalen zunächst mal durch Menschen kultiviert worden ist, das heißt dass wir tatsächlich auch mit eine der ältesten Regionen in der Welt haben, die besiedelt wurde, MUSIK 3 ERZÄHLERIN Das heutige Bangladesch ist der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Vor tausend Jahren regierten Buddhisten das Land. Vor 800 kam es unter muslimische Herrschaft. Im 18. Jahrhundert siedelten sich Briten an. Sie kamen als Händler und schwangen sich zu Herrschern auf. 1876 krönten sie die Queen of England zur Kaiserin von Indien. Der Regierungssitz von Britisch-Indien lag in Bengalen: Kalkutta. Eine Stadt von imperialer Größe, voller Paläste und Kultur. Die war eine Gemeinschaftsleistung von Menschen unterschiedlichen Glaubens. Das zeigt das Beispiel des Sitar-Spielers Ravi Shankar. ATMO / MUSIK 4 ERZÄHLERIN Seine Familie stammte aus Bengalen. Sie war Hindu. Ravi Shankars Lehrer indes war Muslim. Und er war nicht bloß sein Lehrer. Ravi Shankar lebte auch jahrelang in seinem Haushalt mit. Er heiratete dessen Tochter und trat oft gemeinsam mit dessen Sohn auf, unter anderem beim „Konzert für Bangladesch“ in New York. MUSIK 5 ERZÄHLERIN Gerade die Gebildeten und die Reichen in Bengalen begannen Ende des 19. Jahrhunderts laut darüber nachzudenken, wie es wäre, Indien zu regieren. Selbst. Ohne Briten. In der aufkeimenden Unabhängigkeitsbewegung spielten Bengalen starke Rollen. Da teilten die britischen Herrscher 1905 Bengalen auf: in einen mehrheitlich muslimischen Ostteil und einen hauptsächlich hinduistischen Westteil. Nach scharfem Protest hoben sie die Teilung wieder auf. 1911 wurde ihnen Bengalen endgültig zu mächtig. Sie verlegten ihren Regierungssitz von Kalkutta nach Delhi. ERZÄHLERIN Doch die Unabhängigkeitsbewegung ging weiter – mit Erfolg. 1947 gab der letzte britische Vizekönig von Indien die Gesetzgebungsmacht auf dem Subkontinent ab. In derselben Augustnacht entstanden in der Nachfolge Indien und Pakistan. Indien gab sich eine säkulare Verfassung. Pakistan nannte sich später als erster Staat der Welt „islamische Republik“. Gandhi, der Mahatma und Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, hatte sich beinahe zu Tode gehungert, um eine solche Teilung zu verhindern. Am Ende der Kolonialzeit aber waren die Religionen so politisiert, dass die Teilung unabwendbar war. In der Folge machten sich rund 12 Millionen Menschen auf den Weg, so der Südasienhistoriker Michael Mann: Muslime von Indien nach Pakistan und Hindus von Pakistan nach Indien. 2. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Also ein tatsächlicher Austausch der Bevölkerung, wobei schätzungsweise 1 Mio Menschen umgekommen sind ERZÄHLERIN Bis heute wirken die Traumata von damals nach. Sie belasten das Verhältnis von Indien und Pakistan, ebenso wie die Frage, zu wem Kaschmir gehört. Das ehemalige Königreich, fast so groß wie die alte Bundesrepublik, wird von Indien beansprucht und von Pakistan ebenfalls, zum Teil auch von China. Mehrfach gab es Kriege um Kaschmir, und die Spannungen halten an. Musik TC 06:38 – Die Rolle von Pakistans Teilung in Ost und West ERZÄHLERIN Der indisch-pakistanische Krieg von 1971 allerdings drehte sich nicht um Kaschmir. Er begann als Konflikt innerhalb Pakistans. Das bestand seit seiner Gründung 1947 aus zwei getrennten Landesteilen, die weit über 1000 Kilometer voneinander entfernt waren: Westpakistan längs des Flusses Indus, angrenzend an Afghanistan und den Iran; und Ostpakistan im Ganges-Brahmaputradelta mit einer Grenze zum heutigen Myanmar. Bengalen war damit wiederum geteilt, denn Westbengalen, also das westliche Gangesdelta, gehört zu Indien. Wer von West-Pakistan nach Ost-Pakistan reisen wollte, brauchte auf dem Landweg tagelang und musste durch das verfeindete Indien. Westpakistan war vielerorts gebirgig und trocken, Ostpakistan dagegen flach, üppig grün, und Wasser ist das prägende Element. Westpakistan hatte mehr Fläche, Ostpakistan mehr Einwohner. Zwar waren beide Landesteile muslimisch, aber mit anderen Ritualen, anderen Heiligen, anderen Traditionen. Ost- und Westpakistan hatten unterschiedliche Sprachen und Kulturen und eine sehr andere Geschichte, so der Historiker Michael Mann von der Humboldt-Universität Berlin. 3. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Westpakistan ist quasi die Militärbastion britisch-Indiens gewesen, mit dem Punjab, wie das auch heute noch ist, der Punjab ist sehr stark also von Militärsiedlungen durchsetzt, wo auch viele Kasernenbauten waren, wo auch viel Militär stationiert war, das hatte damit zu tun, dass man im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ja immer noch vom sogenannten "Great Game" sprach, also diesem großen Spiel, was um die Einfluss-Zone in Zentralasien ging. Also im Prinzip das Vorspiel dessen, was wir heute gerade erleben um Afghanistan, um Grenzregionen zu Usbekistan, die Auseinandersetzung mit dem damaligen kaiserlichen Russland. ERZÄHLERIN Um aus den beiden so unterschiedlichen Landesteilen einen Staat zu schweißen, wollte der Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah• in West- wie in Ostpakistan dieselbe Sprache einführen: Urdu. 4. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Urdu ist ursprünglich eine städtische Sprache, die in ganz Nordindien gesprochen wurde und mit dem Hindi sehr stark verwandt ist, wird aber in persisch-arabischen Schriftzeichen geschrieben, so dass man historisch gesehen, im 19. und 20. Jahrhundert, so die Idee entwickelte, dass Urdu auch die Sprache der Muslime ist. Was im 19. Jahrhundert noch gar nicht der Fall war, aber eben im Zuge der Nationalisierung und der Frage der Unabhängigkeit dann zu einem Politikum wurde. Und das muss man sehen vor dem Hintergrund, dass nicht mal 2% der Bevölkerung in West- und Ostpakistan Urdu sprachen. Nicht mal in Westpakistan. MUSIK 7 ERZÄHLERIN In Westpakistan wurde eine Vielfalt anderer Sprachen gesprochen, in Bengalen dagegen einheitlich Bengali, die Sprache, die gerade erst ihre Renaissance erlebt hatte. Da stieß die Einführung von Urdu auf scharfe Gegenwehr. Außerdem hatte Ostpakistan den Großteil der Einwohner und erwirtschaftete das Geld. Das Sagen aber hatte Westpakistan, wo auch die Hauptstadt lag, Islamabad. 5. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Im bengalischen Bereich, also in Ostpakistan, hat das dazu geführt, dass man sich doch in einer Reihe von kolonialen Herrschaftsverhältnissen gesehen hat. Also zuerst mal seit 1565 durch die Moguln beherrscht, dann seit 1765 von den Briten und eben seit 1947 dann durch Pakistan. Das ist dann übrigens auch zu einer dieser Gründungserzählungen oder nationalen Narrativen geworden, dass man von drei Mächten kolonial beherrscht wurde und eben auch kolonial ausgebeutet wurde. Es ist wenig Geld von Westpakistan nach Ostpakistan geflossen, also auch die Infrastruktur wurde dort nicht aufgebaut, es wurde auch kein Militär dort stationiert, sondern es wurde tatsächlich als der Hinterhof betrachtet, der seine Agrargüter zur Verfügung zu stellen hatte. MUSIK 8 ERZÄHLERIN: Kein Militär – keine Mitsprache. Das Militär war nämlich entscheidend im neugegründeten Pakistan, erklärt der Historiker Michael Mann. 1970 gab es zum ersten Mal freie, allgemeine Wahlen. Klar gesiegt hat die Partei des bengalischen Politikers Mujibur Rahman•. Sie bekam fast alle Stimmen in Ostpakistan, und das bedeutete die Mehrheit im Parlament für ganz Pakistan. Doch der westpakistanische General Yahya Khan•, der in Islamabad die Macht hatte, zögerte die Regierungsübergabe hinaus. Unterdessen wurde Militär aus Westpakistan nach Ostpakistan geflogen. Die Lage spitzte sich zu, als ein tropischer Wirbelsturm Bengalen verwüstete. 6. ZUSPIELUNG (Michael Mann) In Ostpakistan kommt noch dazu, dass wir dort eine große Naturkatastrophe hatten mit mehreren 100.000 Opfern, und auch hier kam zu wenig und zu spät Hilfe von Seiten Westpakistans, so dass man auch hier den Eindruck bekam, man ist eigentlich doch eher der koloniale Annex, so wie es unter den Briten war, und das hat insgesamt die Stimmung im Land - gerade nach dem Wahlbetrug dann auch - so aufgeheizt, dass schnell also auch der Ruf nach Unabhängigkeit dann klar wurde. Musik 9 TC 12:17 – Die Mutter aller Benefizkonzerte ERZÄHLERIN Anfang März 1971 hätte die pakistanische Nationalversammlung in ihrer neuen Besetzung, also mit bengalischer Mehrheit, tagen sollen. Doch die Militärregierung ließ sie nicht zusammenkommen. Da rief Mujibur Rahman, der Parteichef der siegreichen Bengalen, zu Streik und zivilem Ungehorsam auf. Die Folge: Gewalt und Tod. ERZÄHLERIN Am 25. März 1971 richteten das Militär und Bürger, die zu ihm hielten, ein Massaker in Dhaka an, der Hauptstadt des damaligen Ostpakistan. Unter den Toten waren viele Studenten, Kinder, Leute wie Du und ich. Zivilisten eben. Die Berichte aus diesen Tagen sind unerträglich grauenvoll. Der Wahlsieger Mujibur Rahman wurde verhaftet und nach Westpakistan ausgeflogen. Die meisten führenden Mitglieder seiner Partei flohen. Sie richteten in Kalkutta im indischen Teil Bengalens eine Exilregierung ein. Dort erklärten sie Ost-Pakistan für unabhängig von West-Pakistan und gaben dem neuen Staat den Namen „Bangladesch“. MUSIK 10 ERZÄHLERIN In den folgenden Monaten führte die Regierung West-Pakistans Krieg gegen den abtrünnigen Landesteil. Dabei wurde sie von einem Teil der bengalischen Bevölkerung unterstützt, was bis heute tiefe Gräben in der Gesellschaft hinterlassen hat. 7. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Wozu es tatsächlich kam, war es, dass man Terror ins Land brachte. Und dazu wurden gezielt eben die Truppen ausgeschickt, Massaker unter der Bevölkerung anzurichten. Und das geschah, dass manchmal ganze Dörfer massakriert wurden, dass Frauen vergewaltigt wurden, dass sie zum Teil bei lebendigem Leib verbrannt wurden. MUSIK 11 (singt) „My friend came to me /with sadness in his eyes /he told me that he wanted help...“ Darauf OVERVOICE-SPRECHER Mein Freund kam zu mir mit Traurigkeit in den Augen. Er sagte mir, er wolle Hilfe, bevor sein Land stürbe. Obwohl ich den Schmerz nicht fühlte, wusste ich, dass ich es versuchen musste. Jetzt bitte ich Euch alle, helft uns einige Leben zu retten! MUSIK 11 kurz hoch: ...now I am asking all of you /to help us save some lives... ERZÄHLERIN Das Konzert, das der Ex-Beatle George Harrison im August 1971 in New York organisierte, gilt als das erste Allstar-Benefiz-Konzert überhaupt. Harrison sang auch selbst. MUSIK 11: George Harrison (singt) „Bangladesh, Bangladesh /where so many people are dying fast /and it sure looks like a mess... ERZÄHLERIN Im Ergebnis spendete Harrison zunächst ein paar Hunderttausend Dollar aus dem Verkauf der Eintrittskarten an das Kinderhilfswerk UNICEF für Bangladesh. Musik: George Harrison (singt) „We’ve got to relieve Bangladesh /relieve the people of Bangladesh...“ OVERVOICE-SPRECHER Wir müssen es den Menschen von Bangladesch leichter machen! ERZÄHLERIN Vor allem aber machte das Konzert mit einem Schlag das Wort „Bangladesch“ in der westlichen Welt bekannt. Doch die hielt sich politisch zurück. Deutschland betrachtete den Konflikt als innere Angelegenheit Pakistans. Es beschränkte sich darauf, Hilfsgelder für Flüchtlinge zu geben. Die USA sympathisierten mit Pakistan. Unterstützung erhielten die neu entstandenen Guerillagruppen, die für ein unabhängiges Bangladesch kämpften, vom Nachbarstaat Indien. Zum einen aus geostrategischem Kalkül, so der Südasien-Historiker Michael Mann. Mit einem unabhängigen Bangladesch würde es bei künftigen militärischen Auseinandersetzungen mit Pakistan keinen zwei-Fronten-Krieg geben. Außerdem wollte die Regierung von Indira Gandhi den Zustrom von Flüchtlingen stoppen. Viele von ihnen waren ins indische Kalkutta gekommen. 8. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Die Konsequenzen aus dem Bangladesch-Krieg, die haben wirklich nochmal dafür gesorgt, dass Kalkutta eben nicht mehr die Stadt der Intellektuellen, der Literaten war, sondern Kalkutta hat dann erst den Ruf bekommen, eine Stadt des Elends zu sein. Wo z.B. so ne Figur wie Mutter Teresa überhaupt erst aktiv werden konnte. Die wiederum zu dem Bild von Kalkutta als einer Stadt des Elends und der Krankheit beigetragen hat. TC 16:28 – Das Politikum des zweiwöchigen Krieg ERZÄHLERIN Im Winter 1971 war die Lage Bangladeschs immer noch aussichtslos. Da griff die indische Armee offen in den Konflikt ein. Am 3. Dezember marschierte sie in Ost- und Westpakistan ein. Am 14. Dezember kamen Berichte aus Bangladeschs Hauptstadt Dhaka von gezielten Massakern der pakistanischen Armee und ihrer Kollaborateure an gut ausgebildeten Bangladeschern. Das sollte es offenbar schwerer machen, den neuen Staat aufzubauen. Am 16. Dezember kapitulierte die pakistanische Armee. Damit konnte das unabhängige Bangladesch Wirklichkeit werden. Mujibur Rahman wurde aus dem Gefängnis entlassen und bekam in Dhaka den Empfang eines Helden. Er wurde zum ersten Premierminister des neuen Staates. MUSIK 12 ERZÄHLERIN Pakistan ist seither nur noch das ehemalige West-Pakistan, das Land zwischen Indien im Osten und Afghanistan und dem Iran im Westen. So heftig die Gewalt gegenüber dem abtrünnigen Landesteil 1971 war, so wenig sei der Krieg von damals heute Thema, sagt der Südasien-Historiker Michael Mann. 9. ZUSPIELUNG (Michael Mann) In Westpakistan spielt das gar keine Rolle mehr, da ist es völlig ausgeblendet worden, also da - ist noch nicht mal der Verlust eines Landesteiles wird da irgendwie in der Geschichte thematisiert, ERZÄHLERIN Auch in Bangladesch sei der Krieg lange kaum Thema gewesen. Im neuen Jahrtausend dann wurde dort für ihn der Begriff „Genozid“ gebräuchlich. Der war ursprünglich für die industrielle Vernichtung von Jüdinnen und Juden im Holocaust verwendet worden. Er findet aber zunehmend auch anderswo Verwendung, und nun auch in Bangladesch. 10. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Ein Diskurs im Sinne von einer Diskussion oder einer Auseinandersetzung gibt es gar nicht. Es gibt eigentlich eher das Konstatieren von "es ist ein Genozid", und der Genozid ist von pakistanischen Militär gegenüber der bengalischen Bevölkerung in Ostpakistan, in Bangladesch, durchgeführt worden. /// Das ist die Selbstvergewisserung, und das ist quasi ein Teil des Gründungsmythos, der für sich selbst in Anspruch genommen wird, // um die schiere Unfassbarkeit eben dieser reihenweisen Massaker auf einen Nenner zu bringen MUSIK 13 ERZÄHLERIN Vier Jahrzehnte nach dem Krieg wurden zwei Gerichte gebildet, um die Verbrecher zu bestrafen. Doch eines stellte nach drei Jahren die Arbeit ein, und rasch wurden Vorwürfe laut, es mangele an Unabhängigkeit und Standards. Der Krieg ist zu einem Politikum geworden. 11. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Was zur 50jährigen Wiederkehr des Befreiungskrieges passiert ist, ist eine quasi-Monumentalisierung. Also man hat ein völlig überdimensioniertes, nach unserem Verständnis überdimensioniertes Museum zur Erinnerung an den Befreiungskrieg gebaut, wo also Hubschrauber und andere Gerätschaften, Großgeräte ausgestellt werden, mit einer sehr schönen modernen Architektur auch, man hat andere Denkmäler gebaut, die auch diesen Befreiungskrieg in monumentaler Art und Weise erinnern, es führt aber auch dazu, dass Kritik an Mujibur Rahman nicht geäußert werden darf, das ist politisch völlig unopportun und kann also auch zu Schwierigkeiten führen MUSIK 14 ERZÄHLERIN Das Museum zur Erinnerung an den Befreiungskrieg in Dhaka gibt die Zahl der Toten in den Auseinandersetzungen von West- mit Ostpakistan und im Krieg von Pakistan und Indien mit rund drei Millionen an. 10 Millionen Menschen, vor allem Hindus, seien nach Indien geflüchtet, 45 Millionen innerhalb Bangladeschs vertrieben worden. Fast 280.000 Frauen und Mädchen wurden demnach vergewaltigt. Doch im einzelnen verzeichnen konnte die Opfer niemand, und es gebe unterschiedliche Zahlen, sagt Michael Mann von der Humboldt-Universität zu Berlin. 12. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Die Forschung zu diesem Unabhängigkeitskrieg und vor allem auch welche Rolle Mujibur Rahman vorher, hinterher gespielt hat, ist für Bangladeschis sehr schwierig. Das habe ich also auch selber an der Universität erfahren, als eine Doktorandin mir im Prinzip mitteilen musste, dass das, was sie eigentlich als Thema vorhat, nämlich sich mit dem Unabhängigkeitskrieg zu beschäftigen, nicht in dieser Form umsetzen kann und dass auch ihre Eltern ihr abgeraten hätten, Interviews durchzuführen dann auf dem Land. ERZÄHLERIN Es würde bedeuten, dass viele Frauen und Männer, die diese Massaker überlebt haben, sich der schmerzlichen Erinnerung an verdrängtes Leid stellen müssten – und die Täter verheimlichter Schuld. 13. ZUSPIELUNG (Michael Mann) Was man weiß ist, wie die militärischen Aktionen abgelaufen sind, wann wo welche Flugzeuge eingeflogen wurden, also da gibt es auch nicht viel Weiteres zu erforschen. Das eigentliche - das soziale Elend, das familiäre Elend, das menschliche Elend, das ist bei weitem noch nicht in dem Maße erforscht, wie es sein sollte. MUSIK 11 ERZÄHLERIN Für den Musiker George Harrison ist in Dhaka ein Denkmal aufgestellt worden. Ein Jahrzehnt nach dem Konzert für Bangladesch hatte er weitere 10 Millionen Dollar aus dessen Erlösen an das Kinderhilfswerk UNICEF gespendet. So lange hatte es gedauert, bis Rechtsstreitigkeiten um das Konzertalbum beigelegt waren. Das Geld wurde Grundstock für eine Stiftung, die bis heute Kinder in Bangladesch unterstützt. In dem Staat, der nach dem Krieg 1971 in Südasien entstanden ist, sind Millionen von ihnen auch jetzt in Not. Musik 15 TC 22:28 - Outro

  7. Eine verheerende Stumflut im Jahre 1362 steht am Anfang vieler Mythen und Sagen, die sich um die versunkene Siedlung Rungholt ranken. Der Ort an der Westküste im heutigen Schleswig-Holstein birgt bis heute Rätsel. Seit Beginn seiner Erforschung ist aber schon einiges ans Tageslicht gekommen, was eine ganz andere Geschichte über Rungholt erzählt als vermutet. Von Thomas Samboll (BR 2022) Credits Autor: Thomas Samboll Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Meinhardt, Inka Kübel Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Tanja Brümmer, Bente Sven Majchczack, Wolf-Dieter Dey, Dirk, Ruth Blankenfeldt, Karina Schnakenberg Linktipps: SWR (2024): Hanna Hadler findet versunkene Stadt im Wattenmeer 1362 sorgte eine Sturmflut dafür, dass die Siedlung Rungholt in Nordfriesland verschwand. Ein Forschungsteam, darunter Mainzerin Hanna Hadler, konnten nun die Lage der ehemaligen Kirche nachweisen. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk Kultur (2024): Auf den Spuren historischer Schätze im Watt Der Schlick der Nordsee birgt viele Geheimnisse: Erst kürzlich konnten Archäologen die sagenumwobene Hafenstadt Rungholt entdecken, einen bedeutenden Handelsplatz des Mittelalters. Doch sie fanden noch mehr: Antworten auf den Klimawandel. JETZT ANHÖREN NDR (2019): Wetter extrem – Zwischen Sturmflut und Dürre Es ist nicht mehr zu übersehen: Der Norden verändert sich mit dem Klima. Was bedeutet das für die Bewohner an der Nordseeküste und im Hinterland? Philipp Abresch geht dieser Frage in der ersten Folge der NDR Reportagereihe zur Klimakrise nach. Seine Reise führt von den nordfriesischen Inseln über Cuxhaven bis zu den Obstplantagen in der Haseldorfer Marsch. Er trifft dort Landwirte, Geschäftsleute, Lokalpolitiker und den Klimaforscher Prof. Mojib Latif. Alle treibt dieselbe Sorge um: Wie schützen wir uns vor Extremwetter und wie verhindern wir, das alles noch viel schlimmer kommt? Zum Film geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 03:20 – Das konstruierte Leben des Wilhelm TC 05:35 – Zwischen Sündflut und Riesenfisch TC 11:34 – Ein florierender Handel TC 15:59 – „Wer nicht deichen will, muss weichen!“ TC 19:46 – Mythen um Rungholt TC 22:01 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO 1 Nordseeküste Meeresrauschen SPRECHER Die Nordsee an der Westküste von Schleswig-Holstein. Meistens plätschern die Wellen hier eher ruhig und gemächlich an die Strände und gegen die Deiche. Aber der „Blanke Hans“, wie die Nordsee von den Küstenbewohnern genannt wird, kann auch anders. Ganz anders… 1. O-TON Brümmer Heute bin ich über Rungholt gefahren. Die Stadt ging unter vor 500 Jahren… ATMO 2 Nordseeküste Starker Wellengang, Sturm, auch als Unterleger MUSIK, bedrohlich SPRECHER Ob sie wohl geahnt haben, was da auf sie zukommt? Seit Tagen hatten die Menschen an der Nordsee mit einem heftigen Sturm zu kämpfen. Wie ein eiserner Besen fegte er zunächst über England hinweg, um dann in Richtung Dänemark und das heutige Nordfriesland weiterzuziehen. Es regnete Bindfäden. So ein Wetter ist in der Gegend im Winter nichts Ungewöhnliches. Auch damals nicht, am zweiten Sonntag nach Epiphanias im Jahre des Herrn 1362. Genauer gesagt: Am 16. Januar. Und Warnungen, die viele Menschenleben hätten retten können, gab es im 14. Jahrhundert keine… ATMO 3 Warnmeldungen im Radio „Wir unterbrechen das Programm für eine wichtige Durchsage. Für die gesamte deutsche Nordseeküste besteht die Gefahr einer schweren Sturmflut!“ - „Deutsche Bucht West bis Nordwest, zunehmend 7 bis 8, orkanartige Gewitterböen. See zunehmend 6 Meter.“ SPRECHER Was sich dann in der Nacht vom 16. auf den 17.Januar 1362 an der Küste abspielte, darüber berichten alte Chroniken: Dort ist von einer gewaltigen Sturmflut die Rede, der „Groten Mandränke“, die das Land mit Mann und Maus überrolte und 100 000 Menschen das Leben kostete. Neuere Schätzungen gehen allerdings eher von 10 000 Toten aus. Sicher ist aber, dass die Wassermassen die Region zwischen Sylt und der Halbinsel Eiderstedt förmlich zerrissen haben. Ganze Landstriche wurden überflutet und weggespült. Aus Festland wurden Inseln und Halligen. In dieser Schreckensnacht soll auch Rungholt untergegangen sein, das alten Dokumenten zufolge der Hauptort der Edomsharde gewesen sein soll, einem Verwaltungsbezirk in Nordfriesland. Wahrscheinlich lag die Siedlung in der Nähe der heutigen Hallig Südfall westlich von Nordstrand. Dort gibt es besonders viele Funde aus dieser Zeit. Aber, so Tanja Brümmer vom Nordfriesland-Museum Nissenhaus in Husum: 2. O-TON Brümmer Wir sagen zwar immer Rungholt. Aber wir haben ja kein Ortsschild, was uns irgendwie dahin weist. Wir wissen in etwa, wo die Edomsharde war. Aber wo in dieser Edomsharde Rungholt lag, ist halt immer noch so die ganz, ganz große Frage. TC 03:20 – Das konstruierte Leben des Wilhelm SPRECHER Einer, der bestimmt genau Bescheid wüsste, ist Wilhelm, ein junger Mann mit markantem Kinnbart. Tanja Brümmer stellt den Star ihrer Rungholt-Ausstellung vor: 3. O-TON Brümmer Wilhelm ist die Gesichtsrekonstuktion eines Rungholters. Wir hatten im Hahre 2016 eine große Sonderausstellung zum Thema Rungholt, wo wir eben einen bestimmten Schädel rausgesucht haben bei uns aus der Sammlung, wo wir auch sicher sein konnten, dass er tatsächlich im Siedlungsgebiet von Rungholt gefunden worden ist. Und anhand dessen wurde dann mit einer Gerichtsmedizinerin eine Gesichtsrekonstruktion hergestellt. Und anhand von DNA-Analysen konnten wir dann auch wirklich sagen, welche Augenfarbe er in etwa hatte und welche Haarfarbe. Ich nenn´ ihn immer liebevoll Wilhelm. Ein halbes Jahr lang hat sein Schädel bei mir auf dem Schreibtisch gestanden. Ich hab´ ihn jeden Tag angeguckt. Und irgendwann hab´ ich gesagt: Guten Morgen, Wilhelm! Und dann war der Name da…“ MUSIK kurz SPRECHER Wilhelm war Mitte bis Ende 20, als er kurz vor oder während der großen Sturmflut um´s Leben kam. Er hatte helle Haare und helle Augen. Auffällig sind auch seine ausgeprägten Gesichtszüge…: 4. O-TON Brümmer Also er hat ´n ganz, ganz starkes Kinn. Man sieht auch schon anhand der Konochenstruktur, dass er ´ne relativ große Nase hatte. Der Unterkiefer und Oberkiefer samt Zähne sind noch erhalten. Und er hat auch eine sehr, sehr ausgeprägte Wangenknochen-Struktur. Natürlich ist da auch immer ein Stückchen weit Interpretation dabei. Er hat ´n sehr freundliches, sehr lachendes Gesicht, weil wir auch gesagt haben: So´n Mensch, der muss ja jetzt nicht griesgrämig gucken. Also deswegen ist es auch so, dass man das Gefühl hat: Ja, das ist irgendwie ´n junger Mann von nebenan! ATMO 4 Pferdegetrappel, Kutsche SPRECHER Wihelm´s Schädel ist ein Fundstück von Andreas Busch. Der Hobby-Archäologe ist so etwas wie der „Vater“ der wissenschaftlichen Rungholtforschung. Alles begann im Mai 1921 mit einem ziemlich ungewöhnlichen Pfingst-Ausflug: Mit Pferd und Wagen fuhr Andreas Busch bei Ebbe von der Halbinsel Nordstrand nach Westen Richtung Südfall. Was wie eine kleine Spritztour ins Watt wirkte, war tatsächlich der Anfang der Suche nach dem sagenhaften Rungholt. An der Nordseeküste war der Ort schon lange ein Mythos: TC 05:35 – Zwischen Sündflut und Riesenfisch 5. O-TON Majchczack Man könnte das ja als „Urkatastrophe der Nordfriesen“ bezeichnen. Der Untergang dieser Landschaft! Sprecher Sagt Dr. Bente Sven Majchczack von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, einer der „modernen“ Rungholtforscher. Diese „Urkatastrophe“ hatte Ende des 19. Jahrhunderts auch den Dichter Detlef von Liliencron dazu inspiriert, sich erstaunliche Dinge über Rungholt zusammenzureimen. Dem wollte Andreas Busch nun auf den Grund gehen, erzählt Wolf-Dieter Dey, der das Inselmuseum auf Nordstrand leitet: 6. O-TON Dey (Anf.) “Heute bin ich über Rungholt gefahren“, so fängt dieses Gedicht an, „die Stadt ging unter vor 500 Jahren“… SPRECHER … neuere Versionen sprechen hier von 600 Jahren … 6. O-TON Dey (Forts.) Dieses Gedicht von Detlef von Liliencron hat den Mythos und die Legende von Rungholt ganz entscheidend geprägt! Er stellt Rungholt in seinem Gedicht als einen großen, mächtigen, stadtähnlichen Ort dar, der also von vielen tausenden von Menschen bewohnt war. Er vergleicht Rungholt mit dem alten Rom und hebt es in seiner Bedeutung in die Nähe des Ortes Atlantis, des sagenumwobenen, nachdem man ja immer noch sucht. Dieses Bild entspricht natürlich in keiner Weise der Wirklichkeit! SPRECHER Und Tanja Brümmer vom Nordfrieslandmuseum Nissenhaus in Husum ergänzt: 7. O-TON Brümmer Diese Geschichte von Detlef von Liliencron bietet sich natürlich auch unglaublich an, weil da einfach sehr, sehr viele Symbole sind. Mit der „Sündflut“, also wirklich eben die Menschen, die waren böse, haben Sünde begangen, letztendlich dann zu erklären, warum es zu dieser großen Katastrophe gekommen ist. Das große Monster, was wie ein riesiger Fisch über der Welt liegt und einmal tief einatmet und dann die große Welle wieder herausläuft beim Ausatmen. Das sind natürlich auch unglaublich schöne Symbole! MUSIK Achim Reichel „Heute bin ich über Rungholt gefahren“, 3. Strophe: Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde Ein Ungeheuer tief auf dem Grunde Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand Es zieht sechs Stunden den Atem nach innen Und treibt ihn sechs Stunden wieder von hinnen Trutz, blanke Hans SPRECHER So die Version von Achim Reichel Was aber hat sich dann wirklich zugetragen in Rungholt? Oder anders gefragt: Was würde Wilhelm wohl erzählen, wenn er könnte - der Zeitgenosse aus dem Nordfrieslandmuseum Nissenhaus in Husum, der womöglich in der ersten „Groten Mandränke“ 1362 umkam? Die Funde von Andreas Busch und die aktuelle Forschung geben Antworten. Demnach wird Wilhelm mit Sünde und Gotteslästerung wahrscheinlich genauso wenig zu tun gehabt haben wie die meisten seiner Mitbewohner, meint Archäologin Tanja Brümmer: 8. O-TON Brümmer Nee, das waren halt ganz, ganz normale Menschen des 14. Jahrhunderts, die sehr, sehr religiös waren. Und das zeigen letztendlich ja auch einfach die Objekte, die wir haben: Eine Fibel, wo wirklich „Ave Maria Gratia“ draufsteht. Pilgermarken, die sind auch gerade erst gefunden worden in einem außerordentlich großartigen Zustand. Man muss sich vorstellen: Die Menschen, die sind damals ja zu unterschiedlichen Wallfahrtsorten gepilgert. Und da geht´s tatsächlich um Aachen! Den großen Marien-Wallfahrtsort. Und pilgern von Rungholt nach Aachen, das ist schon ´n ordentlicher Weg! Also da sieht man einfach: Das waren sehr, sehr gläubige Menschen. SPRECHER Steinfunde im Watt deuten auch daraufhin, dass Rungholt wohl mehr hatte als nur eine einfache Holzkirche: 9. O-TON Brümmer Wir sehen auch hier Steine, die also wirklich im Kloster-Format sind! Es wird ganz, ganz stark vermutet, dass es eine Kollegiats-Kirche in Rungholt gegeben hat. Das ist sozusagen die Zwischenstufe zu einem Kloster hin. Wo man dann auch fragen muss: Naja, okay, ´n Kloster gründet sich aber ja auch nicht einfach nur so, sondern da gehören auch schon ´n paar Menschen dazu. Und da gehört auch ´ne gewisse Wichtigkeit dazu. Sprecher Aber diese Wichtigkeit hatte auch ihre Grenzen. Die Friesen, die die feuchte Marsch- und Moorlandschaft an der Nordsee entwässert und urbar gemacht hatten, wohnten auf Warften, also kleinen Erdhügeln, die man heute noch von den Halligen kennt und die Schutz vor Überflutungen bieten sollten. Insgesamt waren dort wohl etwa 1000 bis 2000 Menschen zuhause. Von einer mittelalterlichen Metropole wie Hamburg, Lübeck oder dem alten Rom also keine Spur, so Wolf-Dieter Dey vom Inselmuseum Nordstrand: 10. O-TON Dey „Das ist Rungholt nie gewesen. Sondern es war halt ein Marschendorf. Es war ein großes Marschendorf! Aber es war eben keine große und mächtige Stadt, wie Herr von Liliencron es in dichterischer Freiheit eben versucht hat darzustellen.“ SPRECHER Wenn alles gut läuft, beschert einem der fruchtbare Marschboden allerdings auch reiche Erträge. So war es wohl auch in Rungholt, erklärt Bente Majchczack von der Uni Kiel. Mit Hilfe von Drohnen, Satellitentechnik und Metalldetektoren haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nördlich der Hallig Südfall Reste von Warften, Entwässerungsgräben, Brunnen und Deichen sichtbar gemacht. 11. O-TON Majchczack Wenn man das alles richtig schön unter Kontrolle hat, dann sind das ganz tolle Böden für Getreideanbau. Und man konnte da große Überschüsse erwirtschaften. Und das Ganze hat wahrscheinlich auch ´ne politische Dimension gehabt: Also das ganz gezielt von der Oberhoheit, damals dänisches Königtum, diese Friesen wahrscheinlich auch angeworben sind bzw. Vergünstigungen erhalten hatten, ´n gewissen Schutz auch. So dass die das stemmen konnten, diese Landschaft zu erschließen. Und dann hatte man da auch ´n hartes, aber gutes Leben. Da gab´s richtig viel zu essen! Wieviele fette Ochsen die da essen konnten, und was die da für Feste feiern konnten, das ist in diesen Zeiten einfach keine Selbstverständlichkeit! TC 11:34 – Ein florierender Handel Sprecher Offenbar hatten viele Menschen in Rungholt aber auch deshalb gut zu essen, weil sie gute Geschäfte machen konnten. Der Boden in dieser Gegend war nämlich nicht nur gold wert für den Anbau von Nutzpflanzen, betont Ruth Blankenfeldt vom Zentrum für baltische und skandinavische Archäologie auf Schloß Gottorf in Schleswig. Er enthielt auch noch einen ganz anderen Schatz, der im Mittelalter äußerst begehrt war: Salz! 14. O-TON Blankenfeldt Dass man hier Salz-Torf abgebaut hat, daraus Salz gewonnen hat. Und dieses schwarze Salz, wie man sich das vorstellen muss, verhandelt hat. Diese Torfe baut man ab, dann werden die sehr, sehr lange gesiedet und so. Und was zurückbleibt, ist natürlich nicht so´n reines Salinensalz, wie wir´s heute kennen. Und schmeckt auch laut Berichten relativ bitter. Aber ist natürlich das „Gold des Nordens“, weil man´s in unheimlichen Mengen brauchte zum Konservieren. Sprecher Wie gut die Geschäfte offenbar liefen, zeigen auch die beiden wenige Zentimeter großen Waagschalen aus Messing, die Jahrhunderte lang von Sand und Schlick bedeckt waren und nun von der Nordsee bei Südfall freigespült worden sind. Karina Schnakenberg untersucht die neuesten Fundstücke aus dem Watt für ihre Magister-Arbeit an der Uni Kiel: 15. O-TON Schnakenberg Die haben jeweils drei kleine Löcher an den Rändern, womit sie dann aufgehangen wurden an einer Waage. Also es war nicht nur eine reine bäuerliche Region, die quasi keine Außenkontakte hatte, sondern eben auch Handel betrieben hat. Man hat Geld damit gewogen. Das heißt, man konnte damit auch ganz gut überprüfen, ob der Metall-, Bronze-, Silber-, was auch immer Gehalt eben stimmt. Ob diese Münzen eben echt sind, ob sie genug Anteil des jeweiligen Metalls in sich tragen oder ob sie zu leicht sind, was eben darauf hindeutet, dass sie unecht und einfach gefälscht sind. SPRECHER Mit ziemlicher Sicherheit waren also Münzen ganz unterschiedlicher Herkunft im Umlauf. Ein Dolch aus Spanien, Schmuck aus England, maurische Keramik aus dem Süden Spaniens – all diese Funde zeigen, dass Rungholt ein wahrhaft internationaler Handelsort gewesen sein muss. Tanja Brümmer vom Nordfrieslandmuseum in Husum: 16. O-TON Brümmer Insgesamt sind es halt fünf spanisch-maurische Krüge, die im Rungholt-Gebiet gefunden worden sind. Und wir haben also wirklich islamische Ikonographien und Symboliken auf diesen Keramiken. Wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht man z.B. hier direkt am Ausguss so die Hände der Fatima wirklich als Glückssymbol für denjenigen, der daraus trinkt. Und das ist natürlich irgendwie ´n besonders schöner Gedanke, wenn man sich vorstellt: lslam, Katholizismus gemeinsam auf Rungholt. MUSIK, kurz SPRECHER Ohne einen Hafen als „Tor zur Welt“ wären aber wohl weder Mauren noch andere weitgereiste Besucher in die Marschen und Moore der Edomsharde gekommen, und aus Rungholt wäre nicht viel geworden. Doch auch damit konnte der legendäre Ort auftrumpfen. Und das kam so, erklärt Bente Majchczack von der Uni Kiel: 18. O-TON Majchczack Dass muss man sich so vorstellen, dass es da Sielhäfen gegeben hat. Also wo vom Binnenland das ganze Wasser rausgeführt werden musste durch den Deich, wurden diese Sieltore gebaut. Und dahinter bildet sich dann im Vorland ´n breiter Priel, also diese Gezeitenströme im Watt, den man dann mit Schiff gut erreichen kann. Und deswegen sind diese Siele immer die bevorzugten Hafenplätze, weil man da mit´m Boot sehr dicht an die Siedlungsplätze rankommt. Und dann hat man wahrscheinlich auch im Bereich dieser Siele hinterm Deich denn die entsprechenden Siedlungen, die dann mehr auf den Hafen ausgerichtet sind. MUSIK, kurz 19. O-TON Majchczack So können wir uns vielleicht diesen Handelsplatz Rungholt vorstellen: Dass es da hinterm Deich in Hafenlage Siedlungen gab, die so´n bisschen mehr auf den Handel fokussiert waren und ´n bisschen weniger auf die Landwirtschaft. Aber ich denke, das gehört alles halt zu diesem Siedlungsbereich, wo auch diese reichen, bäuerlichen Siedlungen überall verteilt waren. Und die haben so ´ne Einheit und so´n Netzwerk gebildet. Das ist wahrscheinlich das, wo der Mythos der Wahrheit am nächsten kommen wird. Also denen ging´s da im Grunde richtig gut. Solange es lief. Und dann kommt irgendwann das Meer… ATMO 2 Nordseeküste Starker Wellengang, Sturm, auch als Unterleger Musik bedrohlich TC 15:59 – „Wer nicht deichen will, muss weichen!“ Sprecher „Keen nich will dieken, de mutt wieken“ – so heißt es seit je her an der Nordseeküste: Wer nicht deichen will, muss weichen! Auch die Rungholter hatten damals zum Schutz gegen den „Blanken Hans“, also die Nordsee, die ersten Deiche gebaut. Und das war auch bitter nötig, denn heute weiß man, dass weite Teile des Marschlandes, in dem sie sich niedergelassen hatten, unter dem Meeresspiegel lagen. Andreas Busch hatte die Reste eines solchen Bauwerks in der Nähe von Südfall entdeckt. Ob es der Deich von Rungholt war? Das wird jetzt gerade genauer untersucht. 20. O-TON Majchczack Das ist ein sehr großer Deich. Da sind wir jetzt sehr zuversichtlich, dass das tatsächlich ein Seedeich war. Und der könnte durchaus auch ´ne Höhe von drei Metern gehabt haben. Aber es war am Ende nicht genug für das, was kam… MUSIK Achim Reichel „Trutz blanke Hans“, letzte Strophe: Ein einziger Schrei, die Stadt ist versunken und Hunderttausende sind ertrunken Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch schwamm andern Tags der stumme Fisch SPRECHER Vermutlich haben die Rungholter also nicht geahnt, was da auf sie zukommt. Sonst hätten sie die Deiche verstärkt. Oder gab es Gründe dafür, dass sie sich nicht mehr ausreichend um die Schutzbauten kümmern konnten? Krankheiten wie die Pest zum Beispiel, die damals vielerorts grassierten? Auch darüber wird vielfach spekuliert. Tanja Brümmer hat ihren Wilhelm und andere menschliche Knochenfunde ebenfalls auf bestimmte Erkrankungen hin untersuchen lassen. Aber: 21. O-TON Brümmer Wir hatten so´n bisschen gehofft, dass wir den Nachweis auf „Malaria“ finden in Anführungsstrichen. Und zwar gab es eigentlich über viele, viele Jahrhunderte hier oben das Marschenfieber. Das ist im Endeffekt, wenn man so möchte, die nordeuropäische Malaria. Das gab´s auch tatsächlich noch bis zum 2. Weltkrieg. Und eigentlich war so´n bisschen die Hoffnung, dass wir sozusagen den frühesten Nachweis finden auf das Marschenfieber. Und das haben wir leider nicht. Also wir haben wirklich nur schriftliche Zeugnisse aus dem 18. Jahrhundert, aber halt leider nicht aus dem 14. oder aus dem 15. Jahrhundert. SPRECHER Ein wichtiger Faktor für den legendären Untergang Rungholts dürfte aber auf jeden Fall hausgemacht sein: Möglicherweise haben sich die Menschen dort mit der Entwässerung der Marsch ihr eigenes Grab geschaufelt, weil der Boden dadurch immer weiter absackte. Schlimme Folgen wird auf jeden Fall der Salz-Torf-Abbau gehabt haben, meint Rungholtforscherin Ruth Blankenfeldt, die von einem „extremen Eingriff in die Natur“ spricht: 22. O-TON Blankenfeldt Man hat erstmal den oberen Teil, die Kleie, abnehmen müssen. Ist dann nochmal tiefer gegangen, hat den Torf abgenommen, hat so halt künstlich einen, eineinhalb bis zwei Meter die Landschaft tiefer gelegt. Und das ist natürlich fatal, wenn dann wirklich mal ´ne Sturmflut kommt. Also das, womit man sich seinen Reichtum erwirtschaftet hat, ist zugleich aber auch der Sargnagel gewesen für viele Landschaftsteile. Sprecher Tatsächlich stand Rungholt aber ohnehin schon auf ziemlich wackeligen Beinen, erklärt Küstenärchäologe Dirk Meier. Was die Bewohner nicht wissen konnten: Sie hatten ihre Siedlung zwar nicht völlig auf Sand gebaut. Wirklich guten Halt bot der Tonboden in einem eiszeitlichen Schmelzwassertal aber auch nicht: 23. O-TON Meier Der Untergrund war nicht fest. Der ist richtig weggerissen worden. Das merken Sie heute, wenn Sie ´ne Wattwanderung machen. Es gibt immer so richtige Schlicklöcher, wo man so richtig wegsackt! Das ist da sehr stark verbreitet. Also der Untergrund war nicht stabil. Und das Meer hat sich genau diese alten Schwächezonen gesucht und ist genau in diese Schwächezonen eingebrochen. ATMO 2 Nordseeküste Starker Wellengang, Sturm TC 19:46 – Mythen um Rungholt SPRECHER Hatte Rungholt also überhaupt eine Chance? Wohl kaum, angesichts der Wucht und Gewalt einer bis dahin noch nie dagewesenen Sturmflut. Andere Orte an der Küste wurden jedoch genauso von der Katastrophen-Flut weggeschwemmt. Warum wurde also gerade Rungholt zum Mythos? Wolf-Dieter Dey vom Inselmuseum Nordstrand hat eine Vermutung: 24. O-TON Dey In einer Zeit, in der der Deichbau erst am Anfang war und so ein Deich mit Sicherheit etwas ganz Besonderes gewesen ist, hat der Ort Rungholt im Verhältnis zu anderen Orten eine Sonderstellung eingenommen. Das hat vielleicht die Menschen von Rungholt dazu verführt, etwas hochmütig zu werden gegenüber der Nordsee. „Trutz, Blanke Hans“, dieser Ausruf steht dahinter. Und vielleicht haben die anderen Bewohner den Rungholtern diese Arroganz etwas übelgenommen. Und so hat sich aus dieser Haltung heraus dann die Sage entwickelt, die heute Rungholt umgibt. Diese Sage könnte ein Hinweis darauf sein, dass Rungholt einer der ersten Orte war, der an unserer Küste einen Deich um seine Gemeinde gezogen hat… SPRECHER In den uralten Geschichten über Rungholt könnte also doch ein Körnchen Wahrheit stecken. Vieles ist aber auch Fiktion. Dabei spielt auch die einzigartige Natur des Wattenmeers eine Rolle. Dort gibt es z.B. immer wieder Luftspiegelungen, die einem versunkene Städte vorgaukeln können. Und, so Tanja Brümmer, wenn man nur ganz genau die Ohren spitzt, kann man an windstillen Tagen zwischen Nordstrand, Pellworm und Hallig Südfall immer noch die Glocken eines von Gott verfluchten Ortes läuten hören…: 25. O-TON Brümmer Also die Glocken der Rungholter Kirche, die hört man natürlich immer um die Mittagszeit. Und nicht zu vergessen ist es ja so, dass, wenn eine Jungfrau, die an einem Sonntag geboren worden ist, am zweiten Johannistag um die Mittagszeit über Rungholt hinwegfährt, dass sie ja dann die Stadt wieder erlösen kann von ihrem Fluch! (lacht) ATMO 6 als Outro Wattenmeer, verschiedene Vögel TC 22:01 – Outro

  8. Die antike Stadt Pompeji gilt als eines der größten archäologischen Projekte der Welt. 79 nach Christus ist sie beim Ausbruch des Vesuvs untergegangen, doch seit nun fast schon 300 Jahren wird sie Stück für Stück wieder ausgegraben, regelmäßig gibt es spektakuläre Funde. Dabei müssen die bereits von der Asche befreiten Gebäude allerdings nicht nur erforscht, sondern auch ständig konserviert und bewacht werden. Von Michael Stang (BR 2023) Credits Autor: Michael Stang Regie: Martin Trauner Es sprachen: Frank Manhold, Maren Ulrich, Andreas Neumann Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Silvia Bertesago, Mattia Buondonno, Paolo Mighetto, Valeria Moretti, Alessandro Russo, Gabriel Zuchtriegel Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2023): Was Pompeji über uns erzählt Lange wollte man aus Pompeji nur schöne Statuen und erotische Wohnzimmerbilder sehen. Gabriel Zuchtriegel, Direktor der Welterbestätte, plädiert für eine „mitfühlende Archäologie“ – und will auch die Schicksale Verschütteter ans Licht bringen. JETZT ANHÖREN Planet Wissen (2023): Vulkane – So bedrohlich sind sie wirklich Millionen von Menschen leben mit der Gefahr eines plötzlichen Vulkanausbruchs quasi vor der Haustür. Und einer der gefährlichsten Vulkane der Welt liegt gar nicht weit weg: das Gebiet um den Vesuv mit den phlegräischen Feldern in Italien. Wie bedrohlich sind die feuerspeienden Berge für die Menschen, die in ihrer unmittelbaren Nähe leben? JETZT ANSEHEN ZDFinfo (2020): Pompeji – Protokoll einer Katastrophe Innerhalb von 48 Stunden begräbt der Ascheregen des Vesuvs die römische Stadt Pompeji unter sich. Der Vulkanausbruch sorgt vor fast 2000 Jahren für ein Inferno. Zum Film geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:43 – Verschüttet seit 2.000 Jahren TC 05:11 – Ein antiker Schnellimbiss TC 08:01 – Ort des Experimentierens TC 12:15 – Noch lange nicht am Ende TC 17:29 – Das Problem mit den Grabräubern TC 21:27 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Regie: Musik O-Ton 1 (Buondonno): What you can see [...] OVERVOICE männlich Was Sie hier sehen können, ist eine besondere Situation. Diese zwei Menschen sind offenbar zusammen gestorben. Der eine war wahrscheinlich ein Sklave, der andere sein Herr. […] that was the master. Sprecher: Pompeji ist nicht nur Touristenmagnet, sondern auch Hotspot der archäologischen Forschung. Bei Ausgrabungen tauchen auch heute noch sensationelle Funde auf. Die größte Herausforderung für die Verantwortlichen ist jedoch, die weltberühmte antike Stadt dauerhaft zu erhalten. O-Ton 2: (Zuchtriegel): Wir sind in einer sehr speziellen Phase. Es sind über 10.000 Räume, teils mit Fresken, antiken Fresken, die seit den Ausgrabungen, die im 18 Jahrhundert beginnen, Wind und Wetter ausgesetzt sind. Sprecher: Starke Regenfälle haben in den vergangenen Jahren mehrfach die Mauern unterspült, lange Trockenphasen den Zerfall der Fresken beschleunigt. In Pompeji haben die Restaurierungsfachleute so viel Arbeit wie nie zuvor. O-Ton 3 (Bertesago): We can see already […] OVERVOICE weiblich Wir können die Auswirkungen des Klimawandels in Pompeji bereits heute schon sehen, weil wir in den letzten Jahren heftigere meteorologische Phänomene hatten. […] more violent meteorological phenomena. Musik aus TC 01:43 – Verschüttet seit 2.000 Jahren Sprecher: Ein sonniger Tag. Touristinnen und Touristen aus der ganzen Welt besichtigen den riesigen Archäologiepark, der unweit der Stadt Neapel am Fuß des Vesuvs liegt. Pompeji ist ein Freiluft-Museum und Forschungsstätte zugleich, eine der beliebtesten Reiseziele Italiens. Die Denkmalschützer haben großartige Arbeit geleistet: Vom drohenden Verfall der antiken Häuser, Mauern und Fresken merken die internationalen Gäste wenig. Denn der Aufwand ist groß, um Touristen heute zu zeigen, wie die Menschen vor 2.000 Jahren hier lebten – bis der Vesuv ausbrach und die Stadt unter Asche und Staub begrub. O-Ton 4 (Bertesago): I think for an archaeologist […] OVERVOICE weiblich Ich denke, für eine Archäologin ist das eine sehr interessante Arbeit an einem so wichtigen Ort, nicht nur für uns oder die italienische Geschichte und Archäologie, sondern unsere Arbeit ist tatsächlich weltberühmt. […] famous all-over the world. Sprecher: Archäologin Silvia Bertesago hat schon als Studentin in Pompeji gearbeitet. Heute ist sie eine der verantwortlichen Forscherinnen des Archäologieparks. Abseits der Touristenströme steht sie auf einer Anhöhe, ein kleiner, grasbewachsener Hügel – unberührt seit 2.000 Jahren. O-Ton 5 (Bertesago): So here we are in a part not yet […] OVERVOICE weiblich Hier sind wir in einem Bereich, der noch nicht ausgegraben ist. Um uns herum können wir aber viele bereits ausgegrabene Gebäude Pompejis sehen, die sich auf einer tieferen Ebene befinden. Wir stehen hier etwas höher, denn genau unter uns gibt es einen Teil der Stadt, der noch nicht ausgegraben ist. Das wird aber in den nächsten Monaten geschehen. […] excavated in the next months. Sprecher: Pompeji war eine antike Metropole, die exakten Ausmaße der Stadt sind im Detail bis heute nicht abschließend geklärt. Immer wieder müssen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entscheiden, wo es sich lohnt, als nächstes auszugraben. Auch das gehört zum Denkmalschutz: Was wird freigelegt und was nicht? Die Archäologin ist sich sicher, dass sie hier bedeutende Funde machen wird. O-Ton 6 (Bertesago): And we can imagine on the basis […] OVERVOICE weiblich Wir können uns auf der Grundlage der Struktur vorstellen, dass wir einige wichtige, bedeutende Häuser ausgraben werden. Aber wir werden erst mehr Informationen bekommen, wenn wir mit den Ausgrabungen beginnen. Dabei werden wir auch neue Prospektionstechnologien verwenden, moderne Instrumente wie Georadar, mit denen wir noch vor dem ersten Spatenstich tief in den Boden blicken können. […] like Georadar and we can see deeper. Sprecher: Die Ausgrabung wird präzise geplant und von hochspezialisierten Teams durchgeführt. Archäologinnen und Geologen, Botanikerinnen und Anthropologen können schnell und flexibel auf neue Funde reagieren. O-Ton 7 (Bertesago): We don't know exactly […] OVERVOICE weiblich Wir wissen nicht genau, was wir finden werden, aber wir erwarten Räume mit Fresken, eingestürzten Dächern, eine durch den Ausbruch zerstörte Architektur. Das sind immer sehr unterschiedliche Situationen und es gibt diverse Arten von Zerstörung und Zerfall. Und so müssen wir auf der Grundlage dessen, was wir finden, auf unterschiedliche Weise vorgehen. […] on the bases of what we will find. TC 05:11 – Ein antiker Schnellimbiss Sprecher: Vielleicht haben sie wieder Glück und machen einen Sensationsfund wie mit dem antiken Schnellimbiss, der Ende 2020 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Bilder vom am Tresen aufgemalten Hahn und zwei abstürzenden Enten schafften es am 26. Dezember in die ARD-Tagesschau. Internationale Medien berichteten über den aufgemalten Wachhund und die Nahrungsreste, die in der Nähe des Tresens gefunden wurden. Sie lassen Rückschlüsse auf die Ernährungsgewohnheiten der Bewohner von Pompeji zu. Fastfood gab es also damals schon. Das antike Take-Away ist mittlerweile zu besichtigen, erzählt Touristenführer Mattia Buondonno. Er zeigt auf eine dicke Glasscheibe, die den Sensationsfund schützt: O-Ton 8 (Buondonno): That was found just three years ago. Sprecher: Das Schnellrestaurant besteht aus einem L-förmigen Steintresen mit runden Aussparungen, „Thermopolium“ genannt, in die die alten Römer die Amphoren mit dem warmen Essen stellten. An der Vorderseite sind die in den Speisen enthaltenen Tiere in prächtigen Farben aufgemalt. O-Ton 9 (Buondonno): So, this is the famous last […] OVERVOICE männlich Und das hier ist der berühmte letzte Gemäldefund mit dem Hahn, hier wurde auch Entenfleisch gefunden und dort sieht man sogar die Ente und man kann einige Originalinschriften und Graffiti sehen. […] some original inscription, some graffiti. Sprecher: Und diese besagen nichts Nettes. O-Ton 10 (Buondonno): You can see some original […] OVERVOICE männlich Diese Beschreibung hier lautet: „NICIA CINAEDE CACATOR.“ Nicia ist ein griechischer Name, wahrscheinlich war es der Name des Meisters. Jemand war offenbar neidisch auf dem Imbissbetreiber und dieser jemand schrieb: Nicia, du hinterlässt überall Scheiße. [… ]NICIA, you are leaving shit everywhere. Sprecher: Mattia Buondonno gehört zum „Inventar“ von Pompeji. Seit 30 Jahren führt er Menschen aus aller Welt durch diese besondere Stadt. Schon als kleiner Junge, als sein Vater hier an Mosaiken gearbeitet hat, habe er die Touristen beobachtet und mit ihnen gesprochen. Mittlerweile hat er viel Erfahrung im Umgang mit ihnen gesammelt und weiß, dass die antike Stätte Pompeji für die meisten ein gewaltiges Erlebnis ist. O-Ton 11 (Buondonno): I guided so many celebrities, […] OVERVOICE männlich Ich habe so viele Prominente herumgeführt, Bill Clinton, Leonardo DiCaprio sogar zweimal, ich habe Bradley Cooper geführt, Meryl Streep, Nobelpreisträger. Und dann, wenn diese Menschen in Pompeji sind, wirken sie alle wie staunende Grundschüler, weil diese Kultur so großartig, so beeindruckend ist, dass sie sich sehr, sehr klein fühlen. […] that they are very, very little, little people. Musik TC 08:01 – Ort des Experimentierens Sprecher: Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 verschüttete und zerstörte eine lebendige Metropole binnen weniger Stunden. 18.000 Menschen konnten fliehen, rund 2.000 starben. Eine Katastrophe in der Antike, für die Wissenschaft ein Glücksfall. Pompeji war immer attraktiv für die Ausgräber, hier hätten sie stets mit den neuesten wissenschaftlichen Methoden gearbeitet, erzählt Gabriel Zuchtriegel. Der deutsch-italienische Archäologe hat im Frühjahr 2021 seine Stelle als Direktor des Archäologieparks angetreten. O-Ton 12 (Zuchtriegel): Natürlich versuchen wir alle diese neuen Möglichkeiten zu nutzen. Auf der anderen Seite war Pompeji immer schon ein Ort des Experimentierens, wo man also auch neue Grabungstechniken und neue Konservierungsmethoden ausprobiert hat. Und wo also schon im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert sehr innovative Menschen gewirkt haben und auch dadurch Anstöße gegeben haben, das ganze Fach über Pompeji hinaus. Sprecher: Die ersten Archäologen begannen im 18. Jahrhundert, die Stadt Pompeji auszugraben. Dazu gehörten luxuriöse Villen inklusive Bereiche für Sklaven, das Heiligtum des Apollo, der Jupitertempel, eine Gladiatorenschule, eine Badeanstalt, oder auch eine Bäckerei – das alles muss geschützt und restauriert werden. O-Ton 13 (Zuchtriegel): Die Mauern sind relativ dünn, aus Bruchstein meist oder Ziegel und Mörtel. Und jetzt kann man sich ja mal vorstellen, was aus unseren Häusern in 2.000 Jahren wird, aus dem Beton oder was eben das Material ist und sich dann ausrechnen, was es braucht eben an ja wirklich ständigen periodischen Instandhaltungsmaßnahmen, um das vor dem Verfall zu schützen. Sprecher: Eine beständige Arbeit, denn in Pompeji müssen hunderte Gebäude geschützt werden. Gabriel Zuchtriegel erinnert an eine Phase, in der zu sehr gespart wurde - mit fatalen Folgen: O-Ton 14 (Zuchtriegel): Wenn man sich dieses Bild mal vorstellen möchte, also Pompeji, ein Flugzeug, das immer tiefer absinkt durch fehlende Instandhaltung, fehlende Restaurierungsarbeiten und dann ab einem gewissen Moment, weil sie fast am Boden zerschellt. Und es kommt dann zu diesem dramatischen Ereignis 2010, dass ein antikes Gebäude tatsächlich einstürzt während eines Unwetters. Sprecher: Am 6. November 2010 stürzte ein Haus der Gladiatoren-Schule ein, einige Tage später gab eine Mauer am so genannten „Haus des Moralisten" nach. Wind und Wetter hatten ihr zugesetzt, sie war nicht ausreichend vor diesen Bedingungen geschützt, die im Zuge des Klimawandels stärker werden. O-Ton 15 (Zuchtriegel): Und das hat natürlich, es sind über die ganze Presse gegangen, nicht nur in Italien, sondern weltweit, sehr große Besorgnis berechtigterweise hervorgerufen und auch dem Bild Pompejis natürlich sehr, sehr geschadet. Sprecher: 2012 stieß der damalige Ministerpräsident Mario Monti das „Große Pompeji-Projekt“ an, um die Stadt vor dem - erneuten - Untergang zu retten. 105 Millionen Euro flossen in neue Strukturen und Konservierungsmaßnahmen. O-Ton 16 (Zuchtriegel): Und danach dieser große Einsatz, also man versucht dieses Flugzeug wieder hochzuziehen und investiert sehr viel Geld, sehr viel Personal, Ressourcen auch. Und das klappt. Es wird zum Erfolg, und das Flugzeug steigt und steigt. Das Bild Pompejis in der Presse und überhaupt in der öffentlichen Wahrnehmung verändert sich wieder komplett, wird sehr positiv. Und jetzt ist die Frage: was ist eigentlich die richtige Flughöhe für dieses Flugzeug? Sprecher: Geld sei nicht mehr das große Problem, so Zuchtriegel, daran änderte auch die Corona-Pandemie nicht viel, als Einnahmen durch den Tourismus einbrachen. Denn Pompeji wird vom italienischen Staat und der Europäischen Union finanziert. Atmo: Schritte, Wind TC 12:15 – Noch lange nicht am Ende Sprecher: Majestätisch thront die „Insula Occidentalis“ auf einer Anhöhe, von hier oben konnten reiche Villenbesitzer den Golf von Neapel sehen. Zwei der herrschaftlichen Gebäude gehörten Marcus Fabius Rufus und Maius Castricius, hier liegen auch das „Haus des goldenen Armreifs“ und die Bibliothek. Atmo: Schritte, Baustellentür Sprecher: Alessandro Russo läuft über Bohlen, die auf dem staubigen Boden liegen. Die Baustelle ist die derzeit größte Ausgrabung in Pompeji. O-Ton 17 (Russo): This is the House of Library […] OVERVOICE männlich Das ist das Haus der Bibliothek, weil es hier einen Raum mit Möbeln gab, wo damals die Papyri lagen. Aus diesem Grund heißt es eben das Haus der Bibliothek. Den Namen des damaligen Hausbesitzers kennen wir aber nicht. […] the name of the real owner of the house. Sprecher: Der Archäologe geht zwei Räume weiter zu einem Baugerüst, das in die Tiefe führt. O-Ton 18 (Russo): The other excavation […] (Klappe auf) OVERVOICE männlich Die andere Ausgrabung, mit der wir jetzt begonnen haben, findet eine Etage tiefer statt … Ich zeige es ihnen. […] show you Sprecher: Zwei Leitern später steht Alessandro Russo in einem großen Raum, der einmal ein geräumiges Esszimmer war, mit Blick auf das Meer. Reste des gewaltigen Tisches hätten sie ausgegraben und viele spannende Sachen entdeckt. Der Archäologe bleibt vor einer Wand stehen und zieht vorsichtig eine Folie beiseite. Zu sehen ist der neueste Fund, erst tags zuvor freigelegt. O-Ton 19 (Russo): We make the excavation from this level […] OVERVOICE männlich Wir graben von dieser Ebene bis ganz nach hinten zum Ende. Dort befindet sich auch ein neues Mosaik. Und die Fresken hier an der Wand, die wir noch nicht ganz kennen - sie sind vollständig und unberührt. […] is complete, it’s untouched Sprecher: Paolo Mighetto, der die Ausgrabungen und Konservierungsmaßnahmen dieser Stätte leitet, gesellt sich dazu. O-Ton 20 (Mighetto): The restoration of a very complex site […] OVERVOICE männlich Die Restaurierung dieses Ortes ist äußert komplex, weil wir die Entwicklungsphasen der Stadt, inklusive der antiken dramatischen Ereignisse, erhalten wollen. […] phases of the city, ancient City drama. Sprecher: Mighetto ist fasziniert von der vielfältigen Geschichte Pompejis. Die Stadt hat mehr Katastrophen erlebt als „nur“ den berühmten Vulkanausbruch. O-Ton 21 (Mighetto): Because the Pompeii was subject to the […] OVERVOICE männlich Pompeji war 62 nach Christus einem Erdbeben ausgesetzt, zuvor hatte es zahlreiche kleine Beben gegeben. Und dann der Vesuvausbruch natürlich, im Jahr 79. Hinzukommen die ganzen Ausgrabungen im 18. und 19.Jahrhundert, als unterirdische Tunnel unter dem Gebäude gegraben wurden. Und überall die Asche und vulkanisches Material. Und schließlich sind hier während des Zweiten Weltkriegs zwei Bomben eingeschlagen. Unser Ziel ist es, all die Zeichen der Zerstörung zu bewahren. […] the signs of this destruction. Sprecher: Pompeji ist ein Ort für die Öffentlichkeit, sagt Direktor Gabriel Zuchtriegel immer wieder - auch weil die Archäologischen Stätten von Pompeji und Herculaneum seit 1997 zum UNESCO Welterbe gehören. Deswegen sei es ihm und seinem Team wichtig, dass sie Pompeji immer als einen Ort präsentieren, an dem die Forschung weitergeht, an dem ständig neue Erkenntnisse gewonnen werden, sei es durch neue Ausgrabungen oder neue Analysen. Und an diesem Prozess müsse die Öffentlichkeit teilhaben. O-Ton 28 (Zuchtriegel): Die Frage, warum überhaupt Archäologie betrieben wird, warum die Gemeinschaft, der Staat, auch teilweise private Sponsoren darin investieren sollen, lässt sich eigentlich nur beantworten, indem man sagt: Wir geben natürlich auch etwas zurück an die Gesellschaft. Und zwar teilen wir unser Wissen und unsere Erkenntnisse und andere auch unsere neuen Perspektiven auf die Antike, den Menschen mit. Es ist einfach, dass es aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn macht, einen archäologischen Park zu betreiben, wenn nicht für ein Publikum. Wir machen das ja nicht nur für einen kleinen Gelehrtenzirkel. Sprecher: Durch die Corona-Pandemie sei der Archäologiepark Pompeji gut gekommen, sagt Zuchtriegel, er sei froh, dass wieder mehr Touristen kämen. Ob die Zahl von drei oder vier Millionen Besucherinnen und Besucher pro Jahr wieder erreicht werden könne wie früher, sei aber im Moment noch nicht absehbar. Bei der Frage, ob künftig noch große Funde zu erwarten sind, lacht Gabriel Zuchtriegel. O-Ton 30 (Zuchtriegel): Ja, also in der Archäologie ist es so, dass man eigentlich immer nicht das findet, was man sich erwartet, manchmal auch erhofft, sondern manchmal mehr, manchmal weniger, meistens irgendetwas anderes. Und das gehört irgendwie dazu. Also die Freude ist auch die, dass man ständig überrascht wird. Musik TC 17:29 – Das Problem mit den Grabräubern Sprecher: Pompeji steht mittlerweile gut da. Der Denkmalschutz schützt die Stätte immer besser vor Wind, Starkregen, Trockenheit, den Folgen der Klimakrise. Archäologische Forschungsfragen werden mit modernsten Methoden beantwortet, Geld fließt vom italienischen Staat und der EU, die Touristen kommen wieder. Wären da nicht die illegalen Raubgräber, wäre alles gut in Pompeji. O-Ton 31 (Bertesago): There are problems with illegal excavations […] OVERVOICE weiblich Es gibt Probleme mit illegalen Ausgrabungen, also Raubgrabungen und illegalem Handel von archäologischen Objekten. […] traffic of archaeological things, objects. Sprecher: Klagt die Archäologin Silvia Bertesago. Raubgräberei war nicht nur ein Problem der Vergangenheit, sondern ist es auch in der Gegenwart. 2021 wurde der Fund einer reich verzierten Kutsche bekannt. Das Gefährt war nur knapp dem Raub durch Plünderer entgangen, die in den letzten Jahren Dutzende Tunnel in die noch unerforschten Teile Pompejis gegraben hatten. Zwei solcher Tunnel führten unmittelbar an der Kutsche vorbei. Auch Gabriel Zuchtriegel ist angesichts der kriminellen Energie fassungslos. O-Ton 32 (Zuchtriegel): Die Schäden sind enorm, die dadurch entstehen. Und es ist wirklich ein globales Phänomen, das auch ökonomisch für die organisierte Kriminalität einen ganz wichtigen Sektor leider darstellt. Sprecher: Die kriminelle Energie, die hinter den illegalen Ausgrabungen steckt, sei offenbar bei manchen Menschen sehr hoch, zudem gebe es regelrechte Bestellungen und damit einen lukrativen Markt, so der Direktor des Archäologieparks: O-Ton 33 (Zuchtriegel): Es gibt leider nach wie vor Leute - hauptsächlich im Ausland, also viele Spuren führen dann über die Schweiz oder andere Länder, in die USA und in andere Kontinente, also das ist wirklich ein weltweites Phänomen - die kaufen nach wie vor diese Objekte, ohne sich über die Herkunft wirklich sorgfältig zu informieren oder auch, teils wohl mehr oder weniger wissend, dass es aus illegalen Grabungen kommt. Das sind teils private Sammler, aber manchmal leider auch immer noch Institutionen, Museen. Sprecher: Natürlich sei das alles verboten, betont Gabriel Zuchtriegel, die Gesetzeslage sei eindeutig. Man darf nichts mitnehmen, auch keine kleinen, scheinbar unbedeutenden Fragmente wie etwa Keramikscherben. O-Ton 34 (Zuchtriegel): Es ist ein Problem, nicht innerhalb des Parks, Gottseidank. Das ist alles sehr gut überwacht, mehr als 500 Videokameras und natürlich einen ständigen Wachdienst. Sprecher: Damit der Archäologiepark noch sicherer wird, gibt es seit 2021 das „Smart@POMPEI-Projekt“. Zu ihm gehört „Spot“, ein gelber Roboterhund, mit langen Beinen und einem schwarzen Rechteck als Kopf. Er kann sich sicher in unwegsamem Gelände bewegen und durch enge Schächte und illegal gegrabene Tunnel laufen. Mit einer Kamera filmt er alles. „Spot“ kann Raubgräber aufspüren und möglicherweise zu ihrer Verhaftung beitragen, er kann aber auch bröselnde Mauern erkennen, so dass schnell Konservierungsmaßnahmen eingeleitet werden können. Der Archäologiepark Pompeji sei darüber hinaus durch neue Technologien wie Wärmebildkameras, Sensoren und Drohnen geschützt. O-Ton 35 (Zuchtriegel): Das heißt, da muss man eben aktiv werden, das irgendwie mit Dächern schützen, aber eben auch mit ständigen Instandhaltungs- und Restaurierungsmaßnahmen. Und vor allem, man muss es auch kontinuierlich ja überwachen, um einfach zu wissen, was passiert eigentlich in Real Time in der Ausgrabungsstätte. Musik TC 21:27 – Outro

  9. Eine City der Superlative: Uruk. Die Stadt war die erste Stadt der Welt - eine Megapolis mit bis zu 50 000 Menschen. Sie entstand im 5. Jahrtausend v.Chr. im Süden des heutigen Irak mit Häusern aus Lehmziegeln, Türmen und Palästen. Kanäle leiteten frisches Wasser aus dem Euphrat in die Stadt und das Abwasser wieder hinaus. Das kreative Potential war groß. Von Christine Hamel (BR 2023) Credits Autorin: Christine Hamel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Christian Baumann, Friedrich Schloffer, Katja Amberger Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Margarete van Ess Linktipps: Alles Geschichte (2022): ANFÄNGE der Kultur – Die Erfindung der Schrift Schrift ist eine ziemlich neue Erfindung innerhalb der Menschheitsgeschichte. Vor rund 5.200 Jahren tauchen im heutigen Irak erste Tontafeln auf, in die strukturierte Zeichen eingeritzt wurden. Doch es waren keine Texte im heutigen Sinn. Und im Gegensatz zu heute gab es einen eigenen Beruf des "Schreibers": Schon fünfjährige Kinder wurden dafür ausgewählt und über viele Jahre hinweg ausgebildet. JETZT ANHÖREN rbbKultur (2023): Margarete van Ess – Archäologin Als Margarete van Ess 1982, damals Studentin, das erste Mal auf archäologische Grabungsreise in den Irak fuhr, hatte sie ihre Blockflöte mit im Gepäck. An die Übungsstunden inmitten der Ruinen erinnert sie sich noch heute. Der antiken Stadt Uruk, zwischen Euphrat und Tigris, ist sie treu geblieben. Seit 1999 leitet sie die Ausgrabungen dort, seit 2020 als Direktorin der Orient Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Die Liebe zum Orient ist ihr durch ihre Eltern, beide studierte Orientalisten, vermittelt worden. Zur Podcast-Folge geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:47 – Sesshaft im Sumpfland TC 04:02 – Eine Metropole aus Macht und Reichtum TC 05:58 – Die Ausgrabung einer Stadt TC 08:27 – Die Herrin des Himmels TC 11:34 – Von Magie und Kassenzetteln TC 21:48 – Die erste Metropole der Menschheit TC 22:25 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Musik 1 "Atmosphere in B Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Album: Succession: Season 2 (Music from the HBO Series) - Länge: 1'37 Erzählerin: Bescheidenheit war nicht gerade eine Tugend in Uruk. Man gab sich prahlerisch und pompös, alle Tempel und Paläste fielen XXL aus. Größe muss nach altorientalischer Sitte Schönheit bedeutet haben, sie ist ja auch näher dran am Ganzen, am Universum. Überragt wurde alle städtebauliche Schönheit in Uruk von dem Ishtar-Tempel, einem Stufenturm auf einem 12 Meter hohen Sockel, der die Stadtmitte bildete. Geradezu hymnisch wird er im Gilgamesch-Epos besungen: Zitator: Sieh an dessen Mauer, die wie Kupfer glänzt! Besieh ihre Brustwehr, die niemand nachzubilden weiß! Nimm doch die Treppe, die dort seit ewigen Zeiten! Erzähler: Außerirdische gigantische Architektur. Der Sinn für Einzigartigkeit und Extravaganz begleitet die Entwicklung von Uruk – die Menschen hatten sichtbar Freude an den Wundern, die sie selbst erschufen. In Uruk entstanden aber nicht nur atemraubende Gebäude, sondern auch Arbeitsteilung, Bürokratie, die Schrift oder die Großplastik. Ob Fluch oder Segen sei dahingestellt - man darf aber getrost von einer Urukisierung der Welt sprechen. Uruk war urban branding….Nährboden für lauter zivilisatorische Entwicklungen. Es sollte noch drei Jahrtausende dauern, bis größere Städte entstanden. Babylon baut später auf den Kulturleistungen von Uruk auf. TC 01:47 – Sesshaft im Sumpfland Erzählerin: Begonnen hatte alles Ende des 5. Jtd. vor Chr. im Süden Mesopotamiens. Sowohl am linken als auch am rechten Ufer des Euphrat waren kleine Ansiedlungen entstanden. 1. Zsp.: (Margarete van Ess) Sie haben sich in einer Region befunden, wo sehr viele Sümpfe waren, an einer Grenze zwischen einem großen Sumpfland, das es heute im Irak tendenziell immer noch gibt, und den Flusslandschaften. Also in einer Region, wo wahrscheinlich der Euphrat, vielleicht aber auch der Tigris, auf dieses Sumpfland gestoßen ist. Erzählerin: Die Archäologin Margarete van Ess. Sie ist Direktorin der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Seit 1999 leitet sie die Ausgrabungen in Uruk, die archäologischen Forschungen sowie die Konservierung der Ruinen. 2. Zsp.: (Margarete van Ess) Und so hatten sie zwei Grundlagen: nämlich einmal die Wasserwirtschaft, also Fischerei und das Nutzen von Pflanzen aus dem Sumpfland und auf der anderen Seite alles das, was mit der Flusslandschaft zu tun hat, also frühe Landwirtschaft, aber auch Bewegung auf den Flüssen. Und wir gehen davon aus, dass es genau diese Situation, also das Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen Lebensumfeldern gewesen ist, was die Siedlung befördert hat. Erzählerin: Land- und Wasserwirtschaft boten eine Fülle von Produkten und Erzeugnissen, mit denen man sich kommerziell gut aufstellen und ausrichten konnte. Das hob das frühe Uruk von anderen Siedlungen ab, die entweder das eine oder das andere hatten. In der ganzen Region gab es ja tatsächlich bereits eine große Zahl von Dörfern und Siedlungen. Das Ende des ungebundenen Wanderlebens war schon etwa 10 000 vor Christus eingeläutet worden. Erzähler: Im Südosten der Türkei hatten Menschen ihre freie Wildbeuterei und das Nomadentum aufgegeben, um stattdessen Land zu beackern. Warum sich plötzlich Sesshaftigkeit und Vorratshaltung durchsetzten, ist bis heute mehr oder weniger ein Rätsel. Religion mag eine Rolle gespielt haben, der harte, von immer neuen Risiken bedrohte Alltag auch. Zur Entstehungszeit von Uruk Mitte des 5. Jahrtausends jedenfalls steckte Mesopotamien schon mitten drin in zivilisatorischen Entwicklungen. TC 04:02 – Eine Metropole aus Macht und Reichtum 3. Zsp.: (Margarete van Ess) Es waren wohl vergleichsweise egalitäre Gesellschaften, also alle sind gleichberechtigt, alle machen ähnliche Dinge, sorgen halt für ihren Lebensunterhalt und so weiter. So wie es aber dazu kommt, dass man stärker organisieren muss, also zum Beispiel den Übergang von einem Fluss in einem Sumpfland oder dann im Verlauf des 4. Jahrtausends fertig werden muss mit Klimaveränderungen, dann ergibt sich das eben: Jemand organisiert, oder eine Gruppe von Menschen organisiert und andere weniger. Das heißt, da bilden sich dann Hierarchien heraus, und es bilden sich auch verschiedene Handwerke heraus, unterschiedliche Arbeitsbereiche, die dann auch unterschiedlich bewertet werden. Also eine Gesellschaft entwickelt sich, wie wir sie heute ganz gut kennen. Erzählerin: Macht und Reichtum sind der Grundstein für die älteste Metropole der Welt. Mit der Gleichheit ist es dann auch schnell vorbei. Wenige herrschen über die vielen. Musik 2 "Atum 3" - Album: Ankh The Sound Of Ancient Egypt - Komponist: Michael Atherton - Länge: 0'52 Erzähler: Bis 3200 vor Christus steigt Uruk zur ersten und größten Stadt der Welt auf. 50 000 Menschen lebten hier, nicht alle freiwillig. Die Eroberungszüge jener Zeit richteten sich weniger auf Landgewinn. Vielmehr ging es darum, Arbeitskräfte heranzuschaffen. Man brauchte Sklaven für den Bau von Tempeln, Häusern, Stadtmauern und Bewässerungskanälen. Sklaven bildeten einen festen Bestandteil der Gesellschaft, eine in Uruk gefundene Schrifttafel gibt Aufschluss über Verärgerung nach dem Kauf einer Zwangsarbeiterin. Erzählerin: Der bereits dritte Käufer einer Sklavin eschauffiert sich darüber, dass sie lauter Götternamen trägt. Sie stünden ihr ja doch wahrscheinlich nicht zu. Das Gericht rät ihm daraufhin, sich bei Verkäufer eins und zwei zu beschweren. TC 05:58 – Die Ausgrabung einer Stadt Erzähler: Anfangs hieß Uruk eigentlich Unuk – auch das weiß man dank einer sumerischen Schrifttafel. 4. Zsp.: (Margarete van Ess) Später erst unter den Akkadan heißt es Uruk. Akkada und Sumer sind zwei komplett verschiedene Sprachen. Spätestens im Verlauf des 3. Jahrtausends existiert neben Unuk auch das Uruk. Und dieser Name hält sich bis heute. Erzählerin: Magarete van Ess hat 1982 das erste Mal in Uruk gegraben. Seitdem lässt sie die Stadt nicht mehr los. Durch verschiedene Kriege musste die Archäologin ihre Arbeit immer wieder unterbrechen, Uruk liegt im kriegsgebeutelten und krisengeschüttelten Irak. Erzähler: 1849 wurden die Ruinen Uruks durch den britischen Geologen und Naturforscher William Kenneth Loftus wiederentdeckt. Systematische Ausgrabungen begannen aber erst unter deutscher Federführung im Winter 1912/13. Inzwischen gibt es 49 000 inventarisierte Funde, darunter 13 800 Tontafeln und Tausende von Keramikscherben aus fast 5000 Jahren. Erzählerin: Die aus Lehmziegeln errichteten Bauten zeichneten sich durch aufwendig gegliederte Außenfassaden aus, sie wurden gleichsam durch Nischen rhythmisiert und waren mit geometrischen Mosaiken aus farbigen Ton- und Steinstiften geschmückt. Musik 3 "Wave" - Komponist: Tod Dockstader - Album: Aerial 3 - Länge: 0'22 Erzählerin: Uruk machte einen festlichen, absolut instagramtauglichen Eindruck: Schon von weitem nahmen und nehmen die Monumentalbauten und Dattelpalmen Ankömmlinge in Empfang. Musik 4 "Atmosphere in B Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Album: Succession: Season 2 (Music from the HBO Series) - Länge: 1'04 5. Zsp.: (Margarete van Ess) Man muss wissen, dass wir uns da in dem sehr langgestreckten Delta der Flüsse Euphrat und Tigris befinden, von Bagdad bis Basra, dem heutigen Hafenort, sind es etwa 600 Kilometer. Uruk liegt auf der Hälfte der Strecke, und das gesamte Gefälle von Bagdad bis Basra beträgt nur 40 Meter. Das heißt, das gesamte Land ist topfeben, alles was rausguckt, ist in irgendeiner Form von Menschen gemacht. Und Uruk gehört eben zu einer der größten archäologischen Stätten. Das heißt, wenn ich mich Uruk nähere, sehe ich eigentlich schon 10 Kilometer vorher, dass da ein großes Hügelgebirge aufragt, der Tempel in der Mitte der Stadt ragt noch immer besonders hervor und ich weiß also, ah, jetzt komme ich auf Inanna, auf das Heiligtum zu und werde demnächst in der Stadt sein. Musik 5 "Ice Glass" - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 1'05 TC 08:27 – Die Herrin des Himmels Erzähler: Inanna ist die Stadt- und Schutzgöttin von Uruk, Königin der Liebe und des Krieges. Ihr Name bedeutet „Herrin des Himmels“. Erzählerin: Sie ist denn auch die wichtigste Göttin der Sumerer: schön, liebestoll, kriegerisch und eroberungssüchtig, meist unberechenbar. Zahlreiche Mythen berichten von ihren Taten. Als sie in die Unterwelt abtaucht, zu ihrer Schwester, versiegt auf Erden die Lust und infolgedessen alles Leben. In der Erzählung „Ishtars Höllenfahrt“ heißt es: Zitator Kein Stier bestieg mehr eine Kuh, kein Esel eine Eselin, kein Jüngling schwängerte ein Mädchen auf der Straße. Der junge Mann schlief in seinem Zimmer, das Mädchen in der Gesellschaft seiner Freunde. Erzählerin: Ohne Inanna keine Zukunft der Menschen. Erzählerin: Der sexuelle Umgang miteinander war freizügig. Kaum Tabus. Uruk galt im 3. Jahrtausend als Stadt der „Dirnen, Kurtisanen und Edelnutten“ – auch das trug sicherlich zur Attraktion bei. Archäologen fanden in Uruk eine Tontafel mit einem nackten Paar beim Geschlechtsverkehr. Der Mann steht hinter der Frau, die sich nach vorne beugt, um mit einem Strohhalm einen Rauschtrank aus einem Gefäß zu trinken. Erzähler: Eine Darstellung, die möglicherweise eine Bordellszene zeigt oder dem Kult der Liebesgöttin zugerechnet werden kann. Musik 6 "Ice Glass" - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'21 Erzähler: Inanna sagt in einer Erzählung selbstbewusst: Zitatorin: Ich bin die Königin aller Sterne. Die Weisheit des Lebens kommt aus meinem Schoß, der wunderbar ist. Erzähler: Nach und nach entstanden Kulthäuser, Rundpfeilerhallen, Badeanlagen und ein sogenannter Empfangspalast. Dazwischen ein großer Hof mit Terrassen, der der kultischen Verehrung diente. Musik 7 "Wave" - Komponist: Tod Dockstader - Album: Aerial 3 - Länge: 0'42 Im Jahr 2100 vor Chr. – in Uruk herrschte die 3. Dynastie von Ur – wurde ein neuer Tempel gebaut: der sogenannte Zikkurrat, ein Stufenturm. 6. Zsp.: (Margarete van Ess) Der Tempel stand auf zwei übereinander gestellten Terrassen. Die untere war vermutlich um das Jahr 2000 herum etwa 11’20 Meter, die darüber könnte halb so groß gewesen sein, etwa 5‘ 60 Meter und dann kam noch der Tempel obendrauf, das waren schon über 20 Meter hohe Gebilde. Erzählerin: Nicht ganz so steil wie die Mayapyramiden, aber eine in jeder Hinsicht herausragende Monumentalarchitektur. Als Personal dienten Priesterinnen und Priester, unter ihnen Schwule, Transsexuelle und Prostituierte. 7. Zsp. (Margarte van Ess) Tempel waren nicht einfach ein Gotteshaus, in das man ging zum Beten, sondern es waren wirtschaftliche Einheiten, so ein bisschen so wie Klöster im Mittelalter Europas. Erzähler: Neben dem Hauptheiligtum gruppierten sich von Anfang an weitere Lehmbauten: Wohnhäuser, Paläste und Verwaltungsgebäude. Sie waren meist um einen kleinen Innenhof angelegt, in dem Dattelpalmen Schatten spendeten. Straßen wurden streng im rechten Winkel wie in einer Garnisonstadt angelegt, Kanäle führten Frischwasser in die Stadt - die Menschen schöpften es mit Krügen ab- und leiteten Abwässer wieder hinaus. TC 11:34 – Von Magie und Kassenzetteln Erzählerin: Im dichten Zusammenleben von Mensch und Tier nah an Sümpfen und am Wasser bei großer Hitze brachen sehr wahrscheinlich oft Krankheiten und Seuchen aus. Die Stadt hatte von Anfang an nicht nur Vorteile. Erzähler: Magierinnen und Beschwörer waren daher viel gefragt. Nicht nur bei Krankheiten, sondern bei allen Risiken des Lebens. Man schrieb ihnen Wissen über die Kraft von Steinen und Mineralien zu. Auf Tontafeln hielten sie fest, wie Frauen für ihre Männer Glücksamulette herzustellen hatten: Musik 8 "Part 6 - 4 Resonating Stones, Voice" - Komponist: Stephan Micus - Album: Music of Stones - Länge: 0'33 Zitatorin: Die 15 Steine fädelst Du auf ein Band aus Leinen, einen roten Wollfaden und einen blauen Wollfaden….Beiderseits der Steine knöpfst Du ein Stück Tamariskenholz ein. Ein Räuchergefäß mit Wacholder stellst Du hin. Du opferst Bier und rezitierst die folgenden Beschwörungsformeln: Ich bin erhört. Das Gebet nimm an von mir. Du hängst die Kette um seinen Hals. Erzähler: Die Handelswege waren weit und gefährlich. Geschäfte wurden mit Gewichtsteinen in Stab- oder Entenform abgewickelt, Gerste, Wolle und Öl wurden damit abgewogen. Erzählerin: Handel war DER Innovationsmotor – er gibt schließlich auch den Anstoß zur Schrift. Sie wurde in Uruk erfunden. Erzähler: Zunächst dienten kleine Tonobjekte, sogenannte Zählmarken - Kugeln, Scheiben oder Krüge - dazu, um etwas zu prüfen und beim Handel die Übersicht zu bewahren. Erzählerin: Ich habe Dir 15 Schafe zum Scheren gebracht, also packe ich 15 Kugeln in einen versiegelten Lederbeutel oder in ein versiegeltes Tongefäß. Wenn ich die Schafe nach drei Wochen abhole, weiß ich genau, dass es 15 Schafe waren – und nicht 14 oder 12. Erzähler: Doch irgendwann waren die Anwendungsbereiche so vielfältig, dass die Zählmarken nicht mehr der Komplexität entsprachen. Neue Notierungshilfen mussten her. Dazu wurden erstmals Tafeln aus Ton geformt, in die man mit Schilfrohr Notizen geritzt hat. 8. Zsp.: (Margarete van Ess) Das sind im Anfang nur so etwas wie unsere Kassenzettel, da ist dann das Symbol für Schaf oder für eine Flasche drauf und dann ein Zahlzeichen, dann häufig auch noch eine Summe, so dass also klar wird: Da hat jemand Schafe gezählt, Flaschen gezählt und dann festgestellt, wie viel das insgesamt ist, vielleicht noch auf einen Monat bezogen und so weiter. Und das ist der Beginn der Schrift. Es ist im Prinzip ein Wirtschaftsnotierungssystem. Erzähler: Die Schriftzeichen waren sowohl abstrakt als auch bildhaft. 9. Zsp.: (Margarete van Ess) Es gibt Listen, auf denen dann die Objekte verzeichnet sind. Also dann gibt es da das Zeichen für Schaf mit ganz vielen unterschiedlichen Zeichen daneben, das ist einfach ein runder Kreis mit einem Kreuz drin. Das Interessante ist, dass diese Listen immer wieder abgeschrieben wurden über Jahrhunderte hinweg, und dabei verändern sich die Zeichen, werden zu richtiger Keilschrift. Und irgendwann, so in der Mitte des 3. Jahrtausends, kann man das dann wiederum lesen, weil diese Zeichen in der richtig entwickelten Schrift eben auch verwendet werden. Erzähler: Rund um die Stadt dehnten sich Obstplantagen und Felder aus. Angebaut wurden Wein, Äpfel, Quitten, Birnen und Granatäpfel, vor allem aber Getreide - in den Ruinen von Uruk fanden sich Tausende standardisierte Tongefäße, mit denen den Menschen Gerste oder Weizen zugeteilt wurde. Eine Art der Ausbezahlung. Mit Getreide trieb die Obrigkeit in der frühdynastischen Zeit um 3000 bis 2340 v. Chr. schließlich auch die Steuern ein. Das Gemeinwesen gestaltet sich bereits etwas bürokratisch aufgeblasen. Und die Staatsdiener ließen es sich sehr wahrscheinlich gut gehen. 10. Zsp.: (Margarete van Ess) Da gibt es einen König, da gibt es eine Beamtenschaft, die dafür zuständig ist, die Verwaltung einer Stadt oder auch eines Staates zu organisieren, und zwar eine ziemlich umfangreiche Beamtenschaft. Und es gibt spezialisierte Personen, die eben das Gerichtswesen kennen, es gibt Händler, die zwischen den Städten agieren, aber auch Händler, die bis in das Indusgebiet oder in die heutige Türkei hoch Handel betreiben. Und es gibt natürlich die Menschen, die vor Ort arbeiten, die Schafzucht übernehmen, die Landwirtschaft, das Fischen oder auch den Bootsbau, also alles das, was wir uns im Prinzip unter Handwerk vorstellen würden ist dann auch da. Musik 9 "Ice Glass" - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'54 Erzähler: Frauen waren Ende des 3. Jahrtausends, Anfang des 2. Jahrtausends vor Chr. in der mesopotamischen Gesellschaft vergleichsweise gleichberechtigt, sie konnten handeln oder auch erben. 11. Zsp.: (Margarete van Ess) Sie sind dennoch etwas zweitrangig, das sieht man gerne mal an Lohnlisten, da verdienen Frauen einfach weniger als Männer, das kennen wir ja auch. Aber sie sind nicht inexistent. Sie sind durchaus ganz normal auf den Feldern, in der Produktion tätig, sie spielen auch durchaus eine Rolle als Priesterinnen, manchmal auch in sehr hoher Funktion. Und sie können auch am Königshof eine große Rolle spielen, allerdings Königinnen gibt es in dieser Zeit eigentlich nicht. Musik 10 "Wave" - Komponist: Tod Dockstader - Album: Aerial 3 - Länge: 1'08 Erzähler: Zentrale Aufgabe altmesopotamischer Herrscher war die Vermittlung zwischen Menschen und Göttern. Der König erhält seine Befehle laut Staatsverständnis von den Göttern. Aber die legendären Herrscher von Uruk wie Emmerkar, Lugalbanda und Gilgamesch wurden auch wie Götter verehrt. Bis heute berühmt ist vor allem der sagenhafte König Gilgamesch, dessen Heldentaten im gleichnamigen Epos verewigt sind, im ältesten literarischen Text der Weltgeschichte. Erzählerin: Ob es sich bei Gilgamesch um eine reale oder doch eher literarische Figur handelt, ist nicht gesichert. 12. Zsp.: (Margarte van Ess) Er vollbringt dann alle möglichen heroischen Taten, also zum Beispiel holt er Zedernholz aus dem Libanon-Gebirge, er kämpft gegen den Himmelsstier, alles Mögliche und er sucht zum Schluss nach dem ewigen Leben, nachdem sein Kompagnon Enkidu verstorben ist. Und stellt dann fest, das gibt es für ihn als menschliches Leben nicht, aber was bleiben wird, sind seine Taten und seine Bauwerke, die er geschaffen hat. Musik 11 "North of the Wall" - Album: Game of Thrones (Music from the HBO Series) - Komponist: Ramin Djawadi - Länge: 0'45 Erzähler: Die Mauer von Uruk etwa, die ihm zugeschrieben wird. Ein gigantisches Bauwerk, errichtet um das Jahr 2900 vor Chr. Die Mauer ist 9,3 Kilometer lang, bis zu acht Meter breit, an der engsten Stelle etwa fünf Meter. Sie muss etwa acht Meter hoch gewesen sein, und wurde von Bastionen verstärkt. Erzählerin: Ein Bauwerk der Superlative, Fortifikationsanlage und Ausdruck des Selbstbewusstseins von Uruk. 13. Zsp.: (Margarete van Ess) Wir haben einmal ausgerechnet, dass es um die 300 Millionen Ziegel gewesen sein müssen – mindestens. Soweit wir das im Moment erkennen können, ist das vermutlich relativ schnell auch fertig gewesen und dann Mitte des 3. Jtd. vor Chr. immer wieder erweitert worden. Es mag sein, dass das von einer Person in die Wege geleitet und auch umgesetzt worden ist, 300 Millionen Ziegel in die Wege zu leiten, ist so fürchterlich aufwendig nicht. Also das ist keine Arbeit, für die man Jahrzehnte braucht, schon ein paar Jahre, immer in den Sommermonaten, wenn man die Bevölkerung dazu anhalten kann, an einem Gemeinschaftswerk mitzuarbeiten. Und vor allem, wenn man organisieren kann, wo man welche Menschengruppen denn einsetzt, also es ist vor allem ein gigantisches logistisches Problem, so etwas zu machen. Erzählerin: Insofern ist die Geschichte von Gilgamesch, der als Erbauer der Mauer von Uruk gilt, durchaus verständlich. Das Bauwerk schien in seiner Imposanz eher in den Tatbereich der Götter zu fallen als in den der Menschen. Erzähler: Anfang des 3. Jtd. werden auch andere Städte groß in Mesopotamien. Aus früheren Partner entwicklen sich konkurrierende Gegner;- eine schützende Mauer scheint daher durchaus sinnvoll gewesen zu sein. Aus Epen und späteren Texten weiß man, dass es zu Kriegen zwischen den Städten gekommen war. 14. Zsp.: (Margarete van Ess) Eine Stadtmauer ist aber tatsächlich auch dafür da, die Potenz derjenigen anzuzeigen, die sie gebaut haben, also den König oder auch die Menschen, die es getan haben. Sie ist auch ein Schutz gegen wilde Tiere oder eine Zollgrenze, sie ist alles Mögliche. Und als solche hat sie auch bis zum Ende gedient, also sie ist nicht irgendwann kaputt gegangen, wir finden sie in den Keilschrifttexten bis in die Suleukidenzeit, das ist bis in das 3. und 2. Jahrhundert vor Christus. Und meine archäologischen Reste zeigen mir, dass sie auch später noch existiert hat. Das heißt, sie war immer da, man sah sie, man wusste, wo sie ist, man wusste, wo die Stadt anfängt, wo sie aufhört, es gibt ein draußen und drinnen, insofern hat sie immer Bedeutung gehabt und schon im alten Mesopotamien haben sich die Menschen immer daran erinnert, dass dieses gewaltige Bauwerk eben die Großtat von Uruk war. Musik 12 "Atmosphere in B Minor" - Komponist: Nicholas Britell - Album: Succession: Season 2 (Music from the HBO Series) - Länge: 1'18 TC 21:48 – Die erste Metropole der Menschheit Erzähler: Uruk war die erste Metropole der Menschheit. Ein verdichteter Kulturraum, in dem Menschen erstmals urbanes Zusammenleben erprobten. Sie waren angewiesen auf Kooperationen und pragmatische Lösungen, beides unabdingbare Voraussetzungen für ein Miteinander. Erzählerin: Zusammenhalt unter den Menschen stifteten zu Beginn Religion und intensive wirtschaftliche Beziehungen. Später kam viel Stadtstolz auf Uruk hinzu und eine Fülle an kulturellen Wechselbeziehungen – bis heute der Nährboden für Innovationen, Dynamik, Lebendigkeit. All das hatte aber auch seine Schattenseiten, das Leben in der Stadt führte zu Krankheiten und Seuchen, Versklavung, Gängelung, Konkurrenz und Kriegen. Erzähler: Die letzte Blütezeit in 5000 Jahren Urbanismus erlebte Uruk unter den Seleukiden zwischen 200 und 44 vor Christus. Sie ging einher mit der Errichtung neuer Monumentalbauten für die altorientalischen Götter. An wegweisender Bedeutung verlor Uruk erst, als die Handelswege andere Routen einschlugen. Musik 13 "Bach/Caine: Goldberg Variations - The Eternal Variation" - Komponist: Uri Caine - Album: Bach: Goldberg Variations [Disc 2] - Künstler: Uri Caine Ensemble - Länge: 0'43 Erzählerin: Bis in das 4. Jahrhundert nach Christus war die erste Metropole der Menschheit belebt. Dann verlandete das fruchtbare Sumpfland infolge weitreichender klimatischer Veränderungen. Die Menschen fanden kein Auskommen mehr und zogen weg. Auch heute noch ist Warka staubig und trocken. Eine Wüste. Aber zugleich einer der genialsten und fruchtbarsten Orte der Menschheit: Die Erfindungen in Uruk prägen schließlich bis heute unser Leben. TC 22:25 – Outro

  10. Ihr Leben liest sich wie die Vorlage für einen Kinofilm: Die Deutsch-Argentinierin Tamara Bunke lebt zunächst in der DDR als systemtreue und sozialistisch geprägte junge Frau. Doch als ihr 1960 der Job als Dolmetscherin für den kubanischen Revolutionshelden Che Guevara zufällt, beginnt sie sich immer mehr für die Vorgänge in Kuba zu interessieren. Es beginnt ein Leben als Geheimagentin im Kugelhagel. Am 8.3. ist Internationaler #frauentag 2024. Credits Autorin: Gerda Kuhn Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel Technik: Fabian Zweck Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Oliver Rump, Dr. Gerd Koenen Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2023): Warum Frauen die besseren Spione sind Als Doppelagentin führte Lily Sergueiew die Nazis 1944 in die Irre. Ein neues Sachbuch erzählt von ihr und anderen mutigen Spioninnen. Die Journalistin Corinna von Bassewitz berichtet in ihrem Buch, wie sie ihren Vater als Agent enttarnte. ZUM BEITRAG WDR Hörspiel (2022): Monika La Guerrillera – Die Frau, die Che Guevara rächte Am 9. Oktober 2022 jährte sich der Todestag von Che Guevara zum 55. Mal. Das Doku-Hörspiel erzählt die Geschichte seines Scheiterns in Bolivien - und die Story der Frau, die seinen Tod rächte: Monika Ertl, Tochter des NS-Filmers Hans Ertl. JETZT ANHÖREN Deutschlandfunk (2024): Revolution auf Kuba – Als Fidel Castro die Macht übernahm Am 1. Januar 1959 wurde Kuba ein anderes Land: Vor 65 Jahren stürzte Revolutionär Fidel Castro den bisherigen Machthaber Batista. 49 Jahre lang führte Castro Kuba als "Maximo Líder". Doch die anfängliche Euphorie der Kubaner hielt nicht lange an. Kath, Andrea. HIER anhören. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 04:06 – Die Vorzeige-Genossin TC 06:16 – Eine schicksalhafte Begegnung TC 09:47 – Agentenleben TC 12:43 – Alleinsein, Angst und Auflösung TC 18:38 – Der Anfang vom Ende TC 22:21 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK ERZÄHLERIN: Was treibt jemanden dazu an, alles aufs Spiel zu setzen? Persönliche Sicherheit, Freunde, Heimat, vielleicht sogar die Zukunft mit einem geliebten Menschen? Für Tamara Bunke, geboren 1937 in Argentinien, gestorben 1967 im bolivianischen Dschungel, war vermutlich die stärkste Triebfeder für alles, was sie auf sich nahm, eine romantische Vorstellung vom Wesen der Revolution. ERZÄHLER: Tamara Bunke, die später unter dem Namen „Tania la Guerillera“ einen Ehrenplatz im Helden-Olymp der internationalen Linken erhalten sollte, träumte wie Kubas Revolutionsheld Che Guevara den Traum von der Befreiung Lateinamerikas. Wie Domino-Steine sollten rechte Diktaturen nacheinander stürzen und freie, gerechte Gesellschaften entstehen, geprägt vom Typus eines neuen, solidarischen Menschen. Kuba, so die Vision der beiden Revolutionäre, sollte dabei als Fackelträgerin der übrigen Welt vorangehen. 1. O-Ton Rump Tamara Bunke war eine sehr starke Persönlichkeit, sehr lustig, freundlich, aufgeschlossen; hat durch den ersten Eindruck überzeugt und Leute gewonnen; hatte eindeutig eine eigene Meinung… das heißt, es war ihre Meinung, dass sie für den Sozialismus, für die Freiheit, für die Gerechtigkeit … eingestanden hat und gekämpft hat … ERZÄHLERIN Professor Oliver Rump von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Der Historiker mit dem Fachbereich Museumsmanagement kam auf ganz besondere Weise mit dem Fall Tamara Bunke in Berührung: 2. O-Ton Rump Ich habe ein Kuba-Projekt an der HTW Berlin, das heißt Mugoku, da geht es um die Erhaltung von historischem Kulturgut auf Kuba, besonders Archivgut, und in dem Zusammenhang haben wir einen Logistik-Partner, das ist Cuba Si; eine Arbeitsgruppe bei der Partei Die Linke, und darüber habe ich erfahren, dass der Nachlass von Tamara Bunke in dem Gebäude der Partei „Die Linke“ sich im Keller befindet. ERZÄHLER Große Weltgeschichte – am Ende verwahrt in einem Berliner Keller. Doch dort sollte der Nachlass der deutsch-argentinischen Revolutionärin nicht bleiben: 3. O-Ton Rump Dann wurde ich eben daraufhin sehr neugierig, was da so liegt. Dann habe ich noch erfahren, dass Hans Modrow, der Ehrenvorsitzende der PDS, bei der Buchmesse in Havanna dieses Material, diesen Nachlass von Tamara Bunke, übergeben sollte; und ich als Historiker habe dann gesagt: So schnell kann das eigentlich nicht gehen, wir müssten uns eigentlich das Material noch einmal vornehmen, sichten und aufarbeiten, um daraus vielleicht noch neue Schlüsse zu ziehen. Und dem wurde dann auch stattgegeben und so ist der Nachlass in mein Büro gekommen. ERZÄHLERIN Genau genommen war es der Nachlass von Tamaras Mutter, Nadja Bunke; sie war 2003 verstorben und hatte „Cuba Si“ die persönlichen Gegenstände aus dem Besitz ihrer Tochter übergeben. ERZÄHLER Was der deutsche Historiker Oliver Rump auch im Rahmen eines Studenten-Projektes erarbeitete, ist heute in Kuba zu sehen - in der revolutionsgeschichtlich wichtigen Stadt Santa Clara. Dort war für Che Guevara eine Gedenkstätte errichtet worden. Sie wurde später um ein Mausoleum ergänzt – als die zunächst anonym verscharrten Leichen des Revolutionshelden und seiner Mitkämpfer zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod doch noch in Bolivien entdeckt wurden. Hans Modrow, der letzte Ministerpräsident der DDR, war 2014 zur Übergabe von Tamaras Hinterlassenschaften nach Kuba gereist. Ihre Uniform, Notizbücher, Schulhefte, Zeugnisse und weitere Dokumente sind heute in der Gedenkstätte “Comandante Ernesto Che Guevara” ausgestellt. MUSIK TC 04:06 – Die Vorzeige-Genossin ERZÄHLERIN Doch noch einmal zurück, in die Zeit, als Tamara Bunke noch nicht wusste, dass sie einmal als „Tania la Guerillera“ weltweit zu einer Ikone der revolutionsbewegten Linken aufsteigen würde. Sie wächst in ihrem Geburtsort Buenos Aires auf. Dorthin waren ihre Eltern, überzeugte Kommunisten, vor den Nationalsozialisten geflohen. 1952 zieht die Familie zurück nach Deutschland, genauer gesagt in die Deutsche Demokratische Republik, und wohnt unter anderem in Eisenhüttenstadt, der ehemaligen DDR-Vorzeigesiedlung Stalinstadt. 5. O-Ton Gerd Koenen Und da kommen sie ja nun im heikelsten Moment…also 1952, da läuft in der DDR eine ganz finstere Kampagne … genau gegen die West-Emigranten, zu denen sie dazu gehörten …auch noch jüdisch, die Mutter jedenfalls ... also das war ja eine ganz düstere Stalinzeit ... mit Kosmopoliten-Verfolgung … wo dort auch ein Schauprozess für 1953 vorbereitet wird … und darauf reagieren sie - und das tut Tamara aber auch - mit einer Art Überanpassung … also sie sind 150 prozentig … sie stellen sich total zur Verfügung ... ERZÄHLER: Der Marxismus-Kenner und Historiker Dr. Gerd Koenen. In seinem Buch „Traumpfade der Weltrevolution. Das Projekt Guevara“ spürt er auch dem Leben von Tamara Bunke nach, das ab einem bestimmten Zeitpunkt auf tragische Weise mit Guevaras letzter revolutionärer Mission verknüpft war. Musik ERZÄHLERIN: Die junge Tamara - sie ist bei der Rückkehr 14 Jahre alt - wird in ihrer neuen Heimat rasch zur Vorzeige-Genossin. Sie arbeitet aktiv in der Freien Deutschen Jugend FDJ und wird Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, SED. Als Tochter eines Turnlehrers ist sie einerseits eine vielseitige Sportlerin und lernt auch Schießen, andrerseits hat sie auch musische Interessen, spielt Akkordeon und Gitarre und sammelt lateinamerikanische Folkloremusik. Nach dem Abitur immatrikuliert sie sich am Romanistischen Institut der Berliner Humboldt-Universität. TC 06:16 – Eine schicksalhafte Begegnung ERZÄHLER: Tamara ist bereit, mit aller Kraft am Aufbau des ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaats mitzuhelfen. Trotzdem bleibt ein Stück Fremdheit. Sie vermisst im grauen DDR-Alltag die lateinamerikanische Lebensfreude, vieles erscheint ihr steif und verknöchert. Irgendwann wird es der jungen Frau zu eng und zu stickig. Sie will zurück in ihre argentinische Heimat, aber ihr Ausreiseantrag wird zunächst abgelehnt. Doch eine schicksalhafte Begegnung steht ihr bevor: 6. O-Ton Gerd Koenen: …da kommt eben dieser Besuch von Guevara, damals noch als Industrieminister im Jahr 1960 in der DDR, und da ist sie seine Übersetzerin …begibt sich in das Gefolge von ihm …er nahm sie ernst und sagte – als er hörte, wo sie herkam – du kommst aus Argentinien? Willst du dich nicht unserer kontinentalen Revolution anschließen? Das hat sie dann wirklich elektrisiert. ERZÄHLERIN Jetzt steht für Tamara endgültig fest: Sie wird nicht länger in der DDR bleiben. Doch sie kann nicht einfach das Land verlassen. Trotzdem schafft sie es über eher dubiose Umwege, an Bord eines Flugzeuges nach Havanna zu gelangen – und dort den Platz einzunehmen, der eigentlich für ein Mitglied des kubanischen Nationalballetts bestimmt war, das zu diesem Zeitpunkt in der DDR gastierte. 7.O-Ton Gerd Koenen Ich glaube, da war ein gutes Stück Eigenmächtigkeit bei ihr dabei …. ich habe ja auch mit Mischa Wolf, dem Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes, noch sprechen können …und es war ja Tatsache, dass der DDR-Geheimdienst schon versucht hatte, sie für eine Agentenkarriere in Lateinamerika zu gewinnen, mit falschen Papieren, und sie dann – das war der Plan – sie in die USA einzuschleusen, in die exilkubanischen communities dort…. Musik ERZÄHLER Mit ihrer Ausreise schafft Tamara Fakten. Die 23-jährige trifft im Mai 1961 auf der Karibikinsel ein und stürzt sich kopfüber in ihr neues revolutionäres Leben. Erst rund zwei Jahre zuvor hat Fidel Castro die Macht übernommen, vieles ist noch im Auf- und Umbruch. Tamara engagiert sich bei der Zuckerrohrernte, bei der Arbeit in den Parteikomitees, beim Internationalen Studentenbund und als Dolmetscherin. Nächtelang diskutiert sie mit ihren neuen Bekannten: 8. O-Ton Koenen Ich hab ja auch eine ihrer kubanischen Freundinnen sprechen können, die sagte, die hat uns überhaupt erst den Marxismus-Leninismus beigebracht, wir hatten doch davon gar keine Ahnung… ERZÄHLERIN Schließlich wird sie in die Revolutionäre Miliz Kubas aufgenommen – und trägt von nun an stolz Uniform. Ihren in der DDR zurückgebliebenen Eltern schreibt sie mitten in der Kubakrise 1962 voller Begeisterung, es gebe nichts Schöneres, als sich dort zu befinden, wo der revolutionäre Kampf am härtesten sei. ERZÄHLER Tamara nimmt ihr Sprachenstudium wieder auf, macht erste journalistische Erfahrungen und steht überall dort zur Verfügung, wo Organisationstalent und Entschlossenheit gebraucht werden. Diese Qualitäten sind auch beim kubanischen Geheimdienst gefragt: 9. O-Ton Koenen (Che hatte Idee, sie zu rekrutieren) … dann kam sie dort wieder in das Umfeld von Guevara …über Feste der argentinischen Landsmannschaft … er hat wohl auch von sich aus die Idee gehabt, sie zu rekrutieren, denn Che war seinerseits auf dem Absprung. TC 09:47 – Agentenleben ERZÄHLERIN Der Argentinier Che Guevara, der Seite an Seite mit Fidel Castro gekämpft hat, nimmt bereits Kurs auf das nächste Etappenziel des Projekts Weltrevolution. Es liegt im Herzen von Afrika, im Kongo. Doch hier wird er scheitern, und dann seinen alten Traum von der Befreiung ganz Lateinamerikas wiederaufleben lassen: 10. O-Ton Gerd Koenen Für Guevara gab es dieses romantische Projekt: Er selbst wird sozusagen das Feuer einer Weltrevolution anstecken und wenn nicht in Afrika, dann eben im Herzen von Lateinamerika. Das war ein Projekt, für das meines Erachtens Tamara Feuer und Flamme war. ERZÄHLER Tamara soll helfen, Guevaras nächstes großes revolutionäres Projekt mitvorzubereiten. Als künftige Agentin durchläuft sie zunächst eine umfassende Grundausbildung. Sie übt den Umgang mit Funkgeräten, mit toten Briefkästen, das Abschütteln von Verfolgern. Schnell wird klar, Tamara ist für hohe Aufgaben geeignet. Für allerhöchste sogar. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Ausgebildet wird sie von dem afro-kubanischen Geheimdienst-Offizier Ulises Estrada. Er ist der Grund dafür, dass die sonst so disziplinierte junge Frau ausnahmsweise gegen einen Befehl verstößt: Sie und der verheirate Familienvater Estrada werden ein Liebespaar. Doch intime Beziehungen sind im Geheimdienst untersagt. Die Affäre hat Konsequenzen: Estrada muss Tamaras weitere Ausbildung an einen anderen Offizier abgeben. Er darf sie weder zur Schulung nach Prag noch nach Bolivien begleiten, wo Guevara nun die nächste Revolution starten will. Die Trennung ist offenbar für beide hart. ERZÄHLER Tamara soll unter falscher Identität in Bolivien ein konspiratives Netzwerk aufbauen. Von Prag aus reist sie in mehrere europäische Städte, um verschiedene Identitäten auszuprobieren. Schließlich wird aus Haydée Tamara Bunke Bider – so ihr vollständiger Name - die deutsch-argentinische Musik-Ethnologin Laura Gutiérrez Bauer. Ihr revolutionärer Deckname ist künftig „Tania“ – sie wählt ihn im Gedenken an eine ermordete sowjetische Partisanin. ERZÄHLERIN Tamara alias Tania alias Laura macht ihre Sache gut. Nach ihrer Ankunft in Bolivien im November `64 lebt sie sich rasch ein. Sie findet Zugang zur Oberschicht und gibt Deutschunterricht – unter anderem den Kindern des Präsidenten. Ihre Tarnung als Musikethnologin verschafft ihr die Möglichkeit, unauffällig durch Bolivien zu reisen und das Land zu erkunden. Um ihre Einbürgerung zu erleichtern, heiratet sie einen bolivianischen Studenten, dem sie kurz darauf ein Stipendium in Bulgarien besorgt, um sich später wieder von ihm scheiden zu lassen. TC 12:43 – Alleinsein, Angst und Auflösung ERZÄHLER So routiniert und versiert ihr Agentenleben im Nachhinein auch wirkt – die beiden Jahre undercover in Bolivien sind gleichzeitig auch Jahre der Einsamkeit und der ständigen Angst vor Entdeckung. Fast ein Jahr lang hat sie keinen Kontakt zu Kuba. Endlich, im Jahr 1966, ist die Zeit der Isolation vorbei. Che Guevara gibt grünes Licht – und Tania beginnt mit der unmittelbaren Vorbereitung des Guerilla-Kampfes. Sie mietet Häuser als Lagerräume und Übernachtungsmöglichkeit an, kauft Waffen und Proviant ein und empfängt die ersten freiwilligen Kämpfer. ERZÄHLERIN Im November trifft dann auch Che Guevara ein, der mit Hilfe kubanischer Geheimdienst-Experten sein äußeres Erscheinungsbild völlig verändert hat. Doch Bolivien ist nicht Kuba. Es gibt keine Landbevölkerung, die nur darauf gewartet hat, von dem berühmten Revolutionshelden befreit zu werden. Und: Der moskaukritische Guevara hat auch nicht die Unterstützung der linientreuen bolivianischen Kommunisten: 12 O-Ton Gerd Koenen: Das hat ja mit zum Scheitern der Guevara-Operation beigetragen, dass auch die eingesessene bolivianische KP mit absolutem Misstrauen betrachtet hat, was dort der Che für Leute zusammenholt, sie wussten ja gar nichts darüber. ERZÄHLERIN Tania bringt auch Besucher ins Dschungel-Lager; sie sollen für Guevara in Europa Solidaritäts-Kampagnen organisieren. Einer von ihnen ist der kommunistische Philosophie-Student Régis Debray. Als er mit Tania und einem weiteren Gast im Lager ankommt, ist Guevara unterwegs zu einer mehrwöchigen Erkundungstour. Tania beschließt, zu bleiben und auf seine Rückkehr zu warten - eine Entscheidung, die Guevara später scharf kritisiert. Denn nun sind die Rebellen ohne jeden Kontakt nach außen. MUSIK ERZÄHLER Inzwischen gibt es Auflösungs-Tendenzen: Deserteure setzen sich ab und verraten dem bolivianischen Militär wichtige Details. Immer enger wird die schrumpfende Truppe eingekreist. Was der Commandante erst jetzt erfährt: Tania hat vor der letzten Fahrt ins Rebellen-Camp in der Kleinstadt Camiri ihren Jeep zurückgelassen – und in ihm wichtige Unterlagen und Adressen. Als das bolivianische Militär das Fahrzeug entdeckt, dauert es nicht lange, und Tania ist enttarnt. In seinem berühmten „Bolivianischen Tagebuch“ hält Che resigniert fest: Zwei Jahre Vorbereitungsarbeit waren nun letztlich umsonst. ERZÄHLERIN: Doch wie ist es zu erklären, dass Tania offenbar alle Sicherheitsvorschriften missachtet hat? Ist es wirklich vorstellbar, dass eine Top-Agentin in ihrem Auto überlebenswichtige Informationen einfach vergisst? Wild wuchernde Spekulationen ranken sich um diese Frage. Sie sei in Wirklichkeit eine Mehrfachagentin gewesen, lautet eine davon, und der sowjetische KGB habe sie gezwungen, Che‘s Projekt scheitern zu lassen; sie sei todkrank gewesen, so eine weitere These, und habe deshalb bewusst oder unbewusst ihren Tod herbeigesehnt. Der Historiker Gerd Koenen glaubt an eine andere Version: 14 O-Ton Koenen Sie hielt die ganze Rolle in La Paz, wo sie immer in der Maske eines Society girls auftreten musste, das hielt sie meines Erachtens nicht aus. Sie hat im Grund diese Doppelrolle, in die sie da gedrängt werden sollte, nicht ertragen und insofern glaube ich, dass das eine befehlswidrige, spontane Tat war, dass sie da runtergefahren ist und versucht hat, selber zur Guerilla hinzukommen. … ERZÄHLER Trotzdem halten sich – befeuert durch Filme und Bücher – bis heute hartnäckig Gerüchte, Tania und Che seien auch privat ein Paar gewesen. Gestreut wurden sie vermutlich auch von der CIA. Für Gerd Koenen eine abwegige Spekulation: 15 O-Ton Koenen Nein, im Gegenteil…. Che lebte sowieso in der schweißigen Welt seiner Männer… er hatte dann noch in Kuba seine Kinder und seine Frau …aber das war nur so ein Außenpunkt …er war absolut jemand, der im Feldlager unter Männern lebte, und da störte sie doch einfach …sie brachte die innere Stabilität der Truppe durcheinander. 16 O-Ton Koenen … aber das ist dann eben die melancholische Seite der Sache, dass sie da gar nicht reinpasste. ERZÄHLERIN: Seit der Entdeckung von Tanias Jeep gibt es für sie kein Zurück: sie muss mit der Truppe weiterziehen. Die tagelangen Märsche erschöpfen sie, ihre Ausrüstung ist unzulänglich, in den zu großen Stiefeln läuft sie sich die Füße blutig: 17 O-Ton Koenen …sie wollte selber dabei sein und konnte dann auch nicht mehr raus. Und Che hat sie dann auch … indem er sie zur Nachhut, zur Gruppe der Unzuverlässigen einteilte, und weil sie ja auch schon sehr schnell bei diesen Gewaltmärschen nicht mithalten konnte …. er hat sie im Grunde degradiert … das muss man sehen…. ERZÄHLER: Vermutlich wissen sowohl Che als auch Tania, dass das Unternehmen gescheitert ist: 18 O-Ton Koenen Und insofern gleicht das Ganze einem Todesmarsch in das sichere Verderben, und das macht für mich auch das Pathos dieser ganzen Geschichte aus, warum es so ein lateinamerikanisches Epos ist. Es gibt so eine Art der heroischen Vergeblichkeit, man schaut dem Tod ins Auge und setzt irgendwie darauf, dass man Anschluss findet, an irgendwelche anderen Kräfte, aber die gab es da ja gar nicht. MUSIK TC 18:38 – Der Anfang vom Ende ERZÄHLERIN: Das Ende kommt in Etappen: Ein Bauer verrät die Nachhut an das bolivianische Militär. Am 31. August 1967 ist es soweit: Als die Rebellen den Rio Grande durchwaten, werden sie von Kugeln durchsiebt. Einige der Guerilleros sind sofort tot, andere verwundet. Auch Tania wird tödlich getroffen; ihr Körper wird vom Fluss davongetrieben und Tage später gefunden. ERZÄHLER Es gibt Berichte, wonach sich in ihrem Rucksack auch ein wasserdicht verpackter Brief an ihre Eltern befunden hat, in dem Tania Gefühle der Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit schildern soll. Ob das Schreiben tatsächlich existiert hat, bleibt offen. ERZÄHLERIN Tamara Bunke wusste womöglich am Ende nicht mehr, wofür sie eigentlich kämpfte: 20 O-Ton Koenen Sie verlor sich selbst. ERZÄHLER Che Guevara stirbt wenige Wochen später. Auch seine Einheit muss sich Anfang Oktober dem bolivianischen Militär ergeben. Der einstige Revolutionsheld wird wenige Stunden später exekutiert. Warum hatte Kubas Staatschef Castro nicht wenigstens versucht, seinen ehemaligen Waffenbruder in Sicherheit zu bringen? 21 O-Ton Koenen Ich glaube, er wollte nicht wieder raus. Guevara war der Typ, der sein Leben auf eine Karte setzte. Das Ganze hatte auch ein poetisches Flair. Guevara lebte im Grund auch in einer Welt der Literatur. Als Don Quichote der Weltrevolution hat er sich ja selbst stilisiert und er wollte dort zeigen, dass es geht. ERZÄHLERIN: In der DDR wird die Nachricht von Tanias Tod erst einmal verschwiegen. Doch ihre Mutter Nadja Bunke kämpft unermüdlich für das Gedenken an ihre Tochter. Sie erreicht, dass eine Todesanzeige erscheint und eine Trauerfeier stattfindet. Und sie schreibt ein Buch - zusammen mit Tanias ehemaligem Freund, Ulises Estrada. Irgendwann muss Ostberlin nachgeben und die Tote zumindest posthum zur Heldin aufwerten, wenn auch zu einer ungeliebten und schwierigen. ERZÄHLER Ganz anders auf Kuba. Je länger Che tot ist, desto mehr wird er glorifiziert, und mit ihm auch Tania. 22 O-Ton Koenen Es war Castro dann, der dieses Erbe aufgenommen hat, und 1968 verkündete, nach Ches Tod, zu den jungen Menschen auf Kuba: Wenn ihr wissen wollt, wie der neue Mensch aussieht, dann schaut auf Guevara, und in dieses Gruppenbild der Guerilleros, das dann heroisch aufgemacht wurde, da passte sie dann natürlich ganz perfekt hinein, ein weibliches Gesicht, Tania la Guerillera, die sozusagen zur Rechten des Che in Santa Clara im Mausoleum liegt … also Gruppenbild mit Dame. MUSIK hoch und darunter ERZÄHLERIN: Die Geschichte der Dame ist aber in Wirklichkeit wohl eher die tragische Geschichte einer jungen Frau… 23 Koenen …. die aus dieser Enge der DDR rauswollte, und die zurück zu ihren lateinamerikanischen Wurzeln wollte, die ganz von dieser Romantik dieser kubanischen Revolution und der weltrevolutionären Mission, die man da nochmal hatte, angesprochen war und dann aber eben in diesem ganzen Projekt, diesem Guevara-Projekt, eben nur eine ziemlich dienende Rolle und letztlich für sie selbst bittere Rolle gespielt hat. (Stimme oben) ERZÄHLERIN: Die Rolle einer Guerillera, die einen hohen Preis für ihren Traum von Freiheit und von einer gerechten Welt bezahlte. TC 22:21 – Outro

  11. Weil sie das Geld für ihren kranken Sohn benötigt, lässt sich die indigene Näherin Ada Blackjack auf eine halsbrecherische Arktis-Expedition ein. Mit vier jungen und unerfahrenen Männern bricht sie im Jahr 1921 in Nome, Alaska, auf. Zunächst verläuft alles nach Plan, doch dann bleibt das lang ersehnte Rettungs-Schiff im Eis stecken, die Nahrung wird knapp und die gefürchtete Seefahrer-Krankheit Skorbut bricht aus. Am 8.3. ist Internationaler #frauentag 2024. Credits Autorin: Karin Becker Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Jungwirth, Rahel Comtesse, Christian Schuler, Karin Schumacher Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Diane Glancy Linktipps: Deutschlandfunk (2022): Schulen, die zur Hölle wurden Tausende indigene Kinder wurden zwischen 1870 und 1996 in Kanada von ihren Familien getrennt und in Internaten untergebracht. Oft wurden sie dort sexuell missbraucht, viele starben. Die Aufarbeitung dieses Kapitels der kanadischen Geschichte hat erst begonnen – und wird die Gesellschaft noch lange beschäftigen. JETZT ANHÖREN rbb (2024): Expedition Arktis – Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis. Es ist die größte Arktis-Expedition aller Zeiten: Im September 2019 macht sich der deutsche Eisbrecher "Polarstern" auf den Weg zum Nordpol. An Bord: die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihrer Generation. JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2013): Vom Leben mit abschmelzenden Eisbergen Welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Leben der Inuit hat, will der Buchautor und TV-Journalist Klaus Scherer deutlich machen. Von den Bewohnern der Arktis ließ er sich erzählen, wie sie mit der Klimaerwärmung leben. Viele müssen alte Gewohnheiten aufgeben. Zum Interview geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:30 – Eine fragliche Expedition TC 04:14 – Erste Zweifel TC 07:35 – Keine Rettung in Sicht TC 13:11 – Alles für mein Kind TC 16:13 – Eine glückliche Wendung TC 19:57 – Zurück in die bittere Armut TC 22:48 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro SPRECHER Die Insel ‚Wrangel Island‘ in der Arktis, 140 Kilometer bis zur sibirischen Küste. Ein Ort - umgeben von Nebel und gefrorenem Meer, bedeckt mit Eis. Eine Tierfalle im Schnee, darin: ein magerer Fuchs in seinen letzten Atemzügen. Ein paar hundert Meter weiter: Zelte. In einem davon liegt die gefrorene Leiche eines weißen Mannes – in einem anderen sitzt eine 25 Jahre alte Iñupiaq, eine Ureinwohnerin Alaskas, und schreibt auf einer Schreibmaschine. ZITATOR ADA “I finished my knitted gloves today and I open last biscuit box. The ice is over little below horizon. I thank the lord Jesus and his father.” OVERVOICE ADA “Ich habe heute meine Handschuhe fertiggestrickt und die letzte Plätzchendose aufgemacht. Das Eis reicht bis kurz unter den Horizont. Ich danke dem Herrn Jesus und seinem Vater.“ SPRECHER Ada Blackjack heißt die schmale Person, die da im August 1923 auf ein Rettungsschiff wartet. Die dicken Schollen um die Insel müssen schmelzen, nur dann hat ein Schiff die Chance durchzukommen. Eine waghalsige Expedition hat sie an diesen Ort gebracht. Vier Männer sind bereits tot – Ada Blackjack ist die einzige Überlebende. MUSIK TC 01:30 – Eine fragliche Expedition SPRECHER Gut zwei Jahre zuvor: Vilhjálmur Stefánsson, ein draufgängerischer Polarforscher und Ernährungswissenschaftler, geboren in Kanada, sucht sich die Mannschaft für eine Expedition auf Wrangel Island zusammen. Offizielles Ziel ist es, die Insel mindestens ein Jahr zu bewohnen und sie damit zu kanadischem Staatsgebiet erklären zu können. Stefánsson ist charismatisch und ehrgeizig, er will mit der Expedition auch seinen Ruhm weiter ausbauen. Der Entdecker pflegt die Theorie der ‚freundlichen Arktis‘, die alles zum Leben bietet, wenn man es nur richtig anstellt. Lockend mit Abenteuer und dem Versprechen, es gäbe auf der Insel reichlich jagbares Wildfleisch, hat er bald eine junge und reichlich unerfahrene Crew zusammengestellt. Er selbst bleibt zu Hause. Allan R. Crawford wird zum Leiter erkoren. Der Kanadier ist zwanzig Jahre alt, Geologiestudent und hat keinerlei Vorerfahrung mit Expeditionen. Mit ihm kommen drei Amerikaner: Errol Lorne Knight und Frederick W. Maurer, beide 28, und Milton Galle, der 20 Jahre alte Sekretär von Stefánsson. OTON 1 “These four explorers needed somebody to cook and so for them. And Ada was a seamstress. She knew how to sew, to repair Mukluks, that the men wore, those heavy boots, and (…) she could speak English and she was available.” OVERVOICE OTON 1 “Diese vier Entdecker brauchten jemanden zum Kochen. Und Ada war eine Näherin. Sie konnte nähen und Mukluks reparieren, die die Männer trugen, diese schweren Stiefel. Und sie konnte Englisch und stand zur Verfügung.“ SPRECHER Diane Glancy, Literatin und Sachbuchautorin, hat sich für ein Buchprojekt lange mit der fast vergessenen Geschichte der Ada Blackjack auseinandergesetzt. Geboren wird sie 1898 an der Westküste Alaskas, in einer abgelegenen Siedlung nahe der Goldgräberstadt Nome. Sie ist Tochter einer indigenen Familie von Iñupiat, Ureinwohnern Alaskas. Ihr Vater stirbt früh. Aus Geldnot wächst Ada in einer von Methodisten betriebenen Missionsschule auf. Dort lernt sie Englisch, lernt schreiben und nähen – alles Dinge, die sie als 23-Jährige für die Expedition interessant machen. Ada Blackjack hat freilich eigene Gründe, die Expedition zuzusagen. OTON 2 “It was poverty and need and maybe a little longing for escape. Because she lived in poverty in Nome, Alaska, probably sleeping sometimes on the street. She had a husband who deserted her. She had two sons who died and another one lived, but she put him in a mission school (…). It was expedient for her to have money (…).” OVERVOICE OTON 2 „Armut spielte eine große Rolle und vielleicht auch ein wenig die Sehnsucht, zu entkommen. Denn sie lebte in bitterer Not in Nome, Alaska, vermutlich übernachtete sie manchmal auf der Straße. Sie hatte einen Ehemann, der sie verließ. Sie hatte zwei Söhne, die starben. Ein weiterer lebte, doch sie musste ihn in eine Missionsschule geben. Geld war für sie wichtig.“ MUSIK TC 04:14 – Erste Zweifel SPRECHER Für Ada Blackjack eröffnet das Expeditions-Honorar von 50 Dollar pro Monat die Chance, ihren Sohn Bennett nach ihrer Heimkehr zu sich zurückzuholen. Aus Geldnot ist er in einem Heim untergebracht. Außerdem hofft sie, mit dem Honorar seine schwere Tuberkulose behandeln lassen zu können. Und so besteigt sie am 9. September 1921 die ‚Silver Wave‘: das Schiff, das die fünf Leute der Expedition nach Wrangel Island bringt. Weitere Iñupiat, die ihr als Teilnehmer angekündigt waren, springen im letzten Moment ab. Vermutlich ist den Native Americans, erfahren was das Überleben im Eis betrifft, die schlechte Vorbereitung der Expedition nicht entgangen. Ada Blackjack, selbst nicht bei ihrem eigenen Volk aufgewachsen, ist also mit den vier jungen Männern alleine. Die Crew hat Verpflegung für ein halbes Jahr dabei – dazukommen soll das Fleisch selbst erlegter Tiere. Ein Schiff, das für das Jahr darauf angekündigt ist, soll sie entweder mit Nachschub versorgen oder aber evakuieren. Kaum am Zielort angelangt, hisst der Expeditionsleiter Allan Crawford den Union Jack und beansprucht die Insel für Kanada. Die Katze der Expedition, Victoria, und die vier Männer beginnen, die Insel in Besitz zu nehmen und ihr Lager aufzuschlagen. Ada hingegen erfasst bei Ankunft ein klammes Gefühl, das sie rückblickend in ihrem Tagebuch beschreibt: ZITATOR ADA „When we got to Wrangel Island, the main land looked very large to me, but they said that it was only a small Island. I thought at first that I would turn back, I decided it wouldn’t be fair to the boys so I felt I had to stay.” OVERVOICE ADA “Als wir auf Wrangel Island ankamen, sah das Festland für mich sehr groß aus, aber sie sagten es sei nur eine kleine Insel. Ich dachte zuerst, ich würde wieder umdrehen. Ich beschloss, dass das den Jungs gegenüber nicht fair wäre, daher hatte ich das Gefühl, dass ich bleiben musste.“ SPRECHER Die ‚Silver Wave‘ legt also ohne Ada Blackjack ab und verschwindet am Horizont. In den bald etablierten Inselalltag und ihre Rolle darin findet die junge Frau nur schwer, aus verschiedenen Gründen: OTON 3 “There's something called Arctic hysteria that some explorers face. When you’re out there in the great nothingness your whole being can sort of collapse on you and you don't know where you are and you are senseless sometimes and she pouted. (…) And sometimes she wouldn't work. She wouldn't sew or wouldn't cook and Lorne Knight told her once (…) if she didn't work, she would not eat. So there was a lot of animosity between them. (…) and they exiled her to her own little tent. (…) and when she was lazy, they said: no wonder your children died. and they would say very hateful things (…). And that didn’t help her attitude, her mind. (…) Another thing is that in native community women are your company and she had no women around her. (…) I think she was trying to treat the men like a community of women. (…) She finally came around and did the work. But she was very temperamental in the beginning and I think they expected her to be like one of the men. And of course she was not, being native and a woman … and young and not used to all of this. And they had camraderie and she was left out of it.” OVERVOICE OTON 3 “Es gibt ein Phänomen unter Entdeckern, das sich „Arktische Hysterie“ nennt. Wenn Du da draußen im großen Nichts bist, kann dir dein ganzes Sein in sich zusammenfallen und du weißt nicht mehr, wo du bist und du wirst unvernünftig. Ada schmollte. Und manchmal verweigerte sie die Arbeit. Sie nähte nicht, kochte nicht, und Lorne Knight drohte ihr einmal, dass wenn sie nicht arbeitete, sie auch nichts zu essen bekäme. Zudem leben indigene Frauen eng mit anderen Frauen zusammen, aber es gab keine andere Frau. Ich denke, dass sie versuchte, die Männer wie ihre Gemeinschaft von Frauen zu behandeln. Irgendwann kriegte sie die Kurve und machte ihre Arbeit. Aber sie war anfangs sehr launisch und ich glaube, die Männer hatten erwartet, dass sie sich wie einer von ihnen verhielt. Natürlich tat sie das nicht, als Indigene und als Frau… sie war jung und die Situation für sie völlig neu. Und die Männer hatten Kameradschaft und sie war außen vor.“ TC 07:35 – Keine Rettung in Sicht MUSIK SPRECHER Die Männer verbringen ihre Tage mit Jagen, Holzsammeln, Reparaturen. Außerdem haben sie eine Fotokamera dabei und schreiben Tagebuch – Milton Galle hat sich hierfür sogar eine Schreibmaschine mitgebracht. Ada hat mit all dem zunächst nichts zu tun, sie kocht und näht. Anfangs erlegen die Männer und ihre Jagdhunde ausreichend Fleisch für alle – die ‚Friendly Arctic‘ scheint auf Wrangel Island ihr Gesicht zu zeigen. Die ersten zwölf Monate vergehen ohne größere Ereignisse, so wirkt es jedenfalls im erhaltenen Teil der Expeditionstagebücher. Dann erwarten die fünf das Schiff mit Nachschub. Doch das Jahr 1922 bringt Wrangel Island einen kalten Sommer, die Insel bleibt von dicken Eisschollen umgeben. Der von Steffánson losgeschickte Schoner namens „Teddy Bear“ bleibt im Eis stecken und muss unverrichteter Dinge umkehren. Vergeblich warten die fünf auf der Insel, während es wieder Winter wird. ZITATOR ADA “Around about November they knew the boat wouldn’t come. About the middle of November we moved up to the west of our present camp, about four miles I think, so they wouldn’t have to haul the wood so far. After we arrived in our new camp I started to sewing skins for the two boys, Knight and Crawford, who were going to take a trip to Siberia.” OVERVOICE ADA “Ungefähr im November wussten sie, dass das Boot nicht kommen würde. Irgendwann Mitte November verlegten wir unser Lager weiter Richtung Westen, um circa vier Meilen denke ich, so dass sie das Holz nicht so weit schleppen mussten. Nachdem wir in unserem neuen Lager angekommen waren, begann ich mit Fellen zu nähen, weil die zwei Jungs, Knight und Crawford, vorhatten, nach Sibirien zu gehen.“ SPRECHER Die beiden Männer wollen sich übers Eis bis nach Sibirien durchschlagen und dort per Telegramm Kontakt mit Stefánsson aufnehmen. Vorher feiern die fünf Festsitzenden auf Wrangel Island noch ein wenig ausgelassenes Weihnachtsfest. ZITATOR ADA “At Christmas time we had some Salt seal meat and some hard bread and tea for our Christmas dinner. That time when we had dinner I wondered where I would be if I lived until Next Christmas.” OVERVOICE ADA “An Weihnachten hatten wir gesalzenes Seehundfleisch und etwas hartes Brot und Tee als Weihnachtsessen. Als wir beim Abendessen saßen fragte ich mich, wo ich sein würde, wenn ich das nächste Weihnachten erleben würde.“ SPRECHER Die beiden Männer müssen ihre Reise durchs Eis bald abbrechen: Lorne Knight ist den massiven Anstrengungen körperlich nicht mehr gewachsen. Er zeigt Anzeichen von Skorbut, wirkt zusehends angeschlagen. Die Vorräte im Camp werden knapper und knapper – und die jagbaren Tiere auf der Insel rarer. Und so entschließen sich die drei gesunden Männer der Expedition, Wrangel Island gemeinsam zu verlassen und Hilfe zu holen. Zurück bleiben der kranke Lorne Knight, der bald nur noch liegen kann, und Ada Blackjack. Die junge Iñupiaq ist mit der neuen Situation schlicht überfordert. Nicht nur muss sie sich nun um einen Kranken kümmern und weiter kochen und nähen. Sie ist jetzt auch für den überlebenswichtigen Fleischnachschub verantwortlich. OTON 4 “When it came time that she had to hunt, the men were looking at her because she was a native woman. She should have known how to hunt. But she said: I was raised in a mission school. I had to depart from my Inuit ways, I didn't know how to hunt. I didn't know how to trap.” OVERVOICE OTON 4 „Als es soweit war, dass sie jagen sollte, sahen die Männer sie an: sie war indigen, sie erwarteten also, dass sie jagen konnte. Aber sie sagte: Ich bin in einer Missionsschule erzogen worden. Ich musste meine Inuit Kultur verlassen. Ich weiß nicht, wie man jagt. Ich weiß nicht, wie man Fallen aufstellt.“ SPRECHER Die Männer lassen sie Ende Januar 1923 dennoch zurück und Ada Blackjack, die eine Riesenangst vor Polarbären hat, muss mitten im Eis so schnell wie möglich den Umgang mit Waffen und das Stellen von Tierfallen lernen. Ergiebige Beute wie Bären oder Walrosse macht sie nicht. Zum Überleben bleiben für sie und ihren Patienten vornehmlich ab und an getroffene Enten, Fischöl und das - gerade für einen Kranken - schwer verdauliche Fleisch von Füchsen. In ihrem Tagebuch berichtet Ada Blackjack von ihren ersten Versuchen, einen Fuchs zu fangen. Sie versteckt eine Falle im Schnee - und wartet dann tagelang vergeblich auf Beute, während ihr Patient zusehends hungriger und schwächer wird. ZITATOR ADA “I guess I covered them to much and that is the reason why I didn’t get any fox, then I baited it again end just left it on top of the snow didn’t cover it up at all. The next morning I got up and looked out and I saw a fox (….). That was the first one I had caught , and that was on the 22nd of February, 1923. (…) (( In killing them I would take a stick and hit them on the head until I stunned them then I would bend their heads back until I brocke there heck. Then I would take them home and skin them.)) Later in the spring, around April the fox got very scarce, and I couldn’t trap and more at all. After I couldn’t get any more fox, Knight became worse he got very faint every time he moved.” OVERVOICE ADA “Ich glaube, ich habe sie zu stark abgedeckt und das ist der Grund warum ich keine Füchse gefangen habe, dann habe ich nochmal einen Köder hineingelegt und ließ die Falle oben auf dem Schnee, ohne sie überhaupt abzudecken. Am nächsten Morgen stand ich auf und sah hinaus und ich sah einen Fuchs. Das war der erste, den ich gefangen habe, und das war am 22. Februar 1923. Später im Frühjahr, ungefähr im April, wurden die Füchse knapp, und ich konnte keine mehr fangen. Als ich keine mehr fangen konnte, ging es Knight schlechter, jede kleinste Bewegung schwächte ihn.“ MUSIK SPRECHER Im späten Frühjahr 1923 gibt es auf der Insel kaum mehr jagbare Tiere. Der kranke Lorne Knight kommt mit seiner wachsenden Todesangst und seiner Abhängigkeit von der jungen Frau schlecht zurecht. Immer wieder, so beschreibt Ada Blackjack es in ihrem Tagebuch, beschimpft er sie wüst und macht ihr ungerechte Vorwürfe. SPRECHER Auch Ada Blackjack selbst beginnt die Folgen der Mangelernährung zu spüren. Am 2. April 1923 schreibt sie: ZITATOR ADA “(…) Knight wants me to go out to the traps but my eye is very ach so I cannot go out when my eye is that way because in evening I could barly stand the ache of my eye and one side of head. If anything happens to me and my death is known (…) I wish if you please take everything to Bennett that is belong to me. I don’t know how mach I would be glad to get home to folks.” OVERVOICE ADA “Knight will, dass ich zu den Fallen gehe, aber mein Auge tut sehr weh. Ich kann nicht rausgehen, wenn mein Auge so ist, am Abend konnte ich kaum mehr stehen, weil mein Auge und eine Seite von meinem Kopf so wehgetan haben. Wenn mir etwas zustößt und mein Tod bekannt wird, dann wünsche ich, dass bitte alles, was mir gehört, zu Bennett gebracht wird. Ich wäre so sehr froh, wenn ich zu meinen Leuten nach Hause kommen könnte.“ TC 13:11 – Alles für mein Kind SPRECHER Dass wir ihre damaligen Gedanken in dieser verzweifelten Lage heute erfahren und Ada Blackjacks einzigartige Geschichte dadurch ein Stück weit nacherleben können, ist ihrem Tagebuch zu verdanken. Mit dem Schreiben beginnt sie erst, nachdem die drei Männer das Camp verlassen haben – und die Schreibmaschine von Milton Galle, die sie schon länger fasziniert zu haben scheint, unbenutzt herumsteht. Was bringt sie dazu, ein Tagebuch zu führen? OTON 5 “After those three men left I just think she wanted the presence of herself. (…) And she had a typewriter before her and she had tried to peck on it once. And (…) he wouldn't let her use it. So once he was gone to Siberia, she went to that typewriter and started pecking, to see how these different letters could make the words that she wanted to make. (…) So that was very difficult when you've never typed on a typewriter before and you have this language that is not really yours - English language - and you have to put it on paper.” OVERVOICE OTON 5 “Nachdem die drei Männer fort waren, denke ich, wollte sie ihre eigene Gegenwart spüren. Und sie hatte da eine Schreibmaschine vor sich stehen. Sie hatte darauf schon einmal versucht, einen Buchstaben zu tippen und er hatte sie nicht gelassen. Also ging sie jetzt, als er auf dem Weg nach Sibirien war, hin und begann zu tippen, um zu sehen, wie diese verschiedenen Buchstaben zu den Worten wurden, die sie schreiben wollte. Das ist sehr schwierig, wenn Du zuvor noch nie auf einer Schreibmaschine geschrieben hast und dann noch in einer Sprache, die nicht wirklich deine ist – englisch – schreibst.“ SPRECHER Ada Blackjacks Tagebücher sind teils schwer zu lesen, wegen vieler Tipp- und Schreibfehler – englisch war schließlich nicht ihre Muttersprache, sondern Iñupiaq. Großteils beschreibt sie in knappen, fast teilnahmslos wirkenden Sätzen die erledigten Tätigkeiten und Vorfälle des Tages. Was sie gegessen, genäht, gejagt hat. Wie es dem kranken Lorne Knight ergeht. Ihre fatalistische Sachlichkeit ist für sie wohl auch eine Überlebensstrategie. Das Tagebuch gibt noch weitere Hinweise, wie sie die Einsamkeit und das Ausgeliefertsein im Eis überstehen konnte. Je bedrohlicher die Situation für sie, desto häufiger erwähnt sie ihren Sohn Bennett. Ihn will sie retten, für ihn lohnt es sich, durchzuhalten. Zudem drückt sie im Tagebuch gerade in besonders aussichtslosen Situationen ihren Glauben an Gott aus. Die rückblickend hoch problematische Christianisierung indigener Kinder in den Missionsschulen Nordamerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch Ada Blackjack widerfahren. Auf Wrangel Island bietet ihr ihr Glauben an Gott jedoch Rückhalt – so sieht es Diane Glancy, die selbst indigene Cherokee-Wurzeln und über Blackjacks Überleben viel nachgedacht hat. OTON 6 “I think her faith helped her quite a bit (…) and she was native (…). There's something.. survival through hardship is sort of built in to the native, I think, and especially in the north, where the conditions are so harsh, there is a built in survival mode, or a will to survive through hardship. That maybe the men who had had more comfort in their lives, could not tolerate the suffering of the end (…) It was just the strength of Ada. (…) She was a survivor.” OVERVOICE OTON 6 “Ich denke, dass ihr Glauben ihr ziemlich viel geholfen hat…. und sie war indigen. Da gibt es sowas…. Extreme Lagen überstehen zu können ist den Ureinwohnern besonders zueigen, gerade im Norden, wo die Bedingungen so hart sind. Es ist wie ein Überlebensmodus, oder ein Wille, große Bedrängnis zu überstehen. Ich denke, vielleicht konnten die Männer, die mehr Komfort in ihrem Leben gewohnt waren, das Leiden am Ende nicht ertragen. Es lag einfach an Adas Stärke. Sie war eine Überlebenskünsterlin.“ TC 16:13 – Eine glückliche Wendung MUSIK SPRECHER Die drei Männer, die sich nach Sibirien hatten retten wollen, bleiben auf immer spurlos im Eis verschwunden. Wir wissen nicht, wie weit sie gekommen und woran sie gestorben sind. Es gibt bis heute keinen eindeutigen Hinweis zu ihrem Verbleib. Der skorbutkranke Lorne Knight verbringt über vier Monate, ohne sich auch nur aus seinem Schlafsack bewegen zu können. Zuletzt verliert er seine Zähne und die Fähigkeit zu schlucken. Er stirbt, nur noch Haut und Knochen, am 22. Juni 1923. Auch Ada Blackjack ist zu diesem Zeitpunkt stark geschwächt. Sie vermag es nicht, den bald gefrorenen Leichnam zu bewegen. Die sterblichen Überreste des Lorne Knigth bleiben im Schlafsack liegen, sie selbst zieht in ein anderes Zelt um. Jetzt ist sie ganz alleine. SPRECHER Drei Tage später erlegt sie mit glücklicher Hand einen Seehund – es ist das erste frische Fleisch, das sie in Wochen zu essen bekommt. Es rettet ihr vermutlich das Leben. Langsam bricht der Sommer an, jetzt steigt auch die Zahl der jagbaren Tiere auf der Insel, Ada Blackjack kommt wieder zu Kräften. Mit großer Geschicklichkeit findet sie sich im einsamen Alltag zurecht, baut sich etwa eine Plattform, von der aus sie die gefürchteten Polarbären früh erkennen kann. Und auch nach einem Rettungsschiff späht sie von dort aus. Denn der Sommer ist die Zeit, in der ein Schiff kommen kann – wenn es denn kommt. Genau beobachtet Ada Blackjack den Stand der Eisschollen um die Insel und notiert ihn mehrmals in ihr Tagebuch. Im August 1923 lebt sie beinahe schon zwei Monate lang völlig alleine auf der Insel, da fällt ihr etwas auf, was sie zuerst gar nicht ernst nehmen kann: ZITATOR ADA „I heard a funny noise like a boat whistle but thought it was a duck or something. It was foggy and I couldn’t see so I didn’t think any more about it until the next morning. I took my book after supper, (…) then I went to sleep. The next morning about six o’clock I heard that same noise again and it sounded more like a boat whistle this time so I grabbed my field glasses and went out on top of my raft, and sure enough there was a boat (…).” OVERVOICE ADA “Ich hörte ein seltsames Geräusch, wie das Signal von einem Schiff, aber ich dachte, es sei eine Ente oder sonstwas. Es war neblig und ich konnte nichts sehen, daher dachte ich nicht mehr daran. Am nächsten Morgen um circa sechs Uhr hörte ich das gleiche Geräusch wieder und jetzt klang es mehr nach einem Schiffssignal, also griff ich zu meinem Feldstecher und stieg auf mein Floß und tatsächlich, da war ein Schiff.“ MUSIK SPRECHER Am 20. August 1923, nach zwei Jahren in menschenfeindlicher, eisiger Ödnis wird Ada Blackjack gerettet. Sie hat den Kampf ums Überleben gewonnen. Die kleine Frau umarmt ihre Retter, die nach eigener Aussage überrascht darüber sind, in welch gutem Zustand sie Ada Blackjack antreffen. An Bord des Schiffes nimmt sie das erste Bad seit langer Zeit. Mit ihr zurück nach Nome in Alaska reisen Fotos der Expedition, die noch vorhandenen Tagebücher, einige Fuchsfelle und die offensichtlich außergewöhnlich zähe Expeditionskatze Victoria. Zu Hause angekommen, veröffentlicht der Kapitän des Rettungsschiffes, Harold Noice, einen Zeitungsartikel über Ada Blackjack, der einer Lobeshymne gleichkommt. Als „weiblicher Robinson Crusoe“ wird die Iñupiaq von der Öffentlichkeit bald gefeiert. Sie selbst schweigt dazu, der Rummel liegt ihr nicht. Mit ihrem Expeditions-Honorar jedoch kann sie ihren Sohn, wie geplant, zu sich holen und seine Krankheit behandeln lassen. Es mag wie ein ‚Happy End‘ klingen, doch die Geschichte der Ada Blackjack muss ganz erzählt werden. Denn nach dem Ruhm folgen in Zeitungen Anklage und Verachtung. TC 19:57 – Zurück in die bittere Armut ZITATOR SCHLAGZEILE 1 “Spurned Eskimo Woman Is Blamed For Arctic Death” OVERVOICE SCHLAGZEILE 1 „Zurückgewiesene Eskimo Frau wird für Tod in der Arktis schuldig erklärt“ ZITATOR SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme) „Though Man’s Body Was Wasted by Starvation, Ada Blackjack Was Healthy” OVERVOICE SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme) “Während Männerleiche von Hunger verzehrt war, war Ada Blackjack gesund“ SPRECHER Kapitän Noice hat bemerkt, dass Adas Geschichte Aufmerksamkeit und Geld bringt - und veröffentlicht im Februar 1924 noch einmal einen Artikel über sie, der eine Reihe sensationslüsterner Zeitungsberichte nach sich zieht. Noice hat sämtliche Tagebücher für sich behalten, und wirft ihr nun vor, der Tod des skorbutkranken Lorne Knight sei ihre ihre Schuld. Das ließe sich angeblich dessen Tagebüchern entnehmen. Sie habe ihn verhungern lassen, nachdem er sie nicht habe heiraten wollen. Sie selbst hingegen habe ihre Retter ja wohlgenährt empfangen. MUSIK Diese öffentliche Anklage bringt Ada Blackjack schließlich dazu, zu sprechen. Noice‘ Behauptungen will sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie fährt zur Los Angeles Times und bietet von sich aus ein Interview an. Sie schildert darin ihre Erinnerungen und erklärt auch die übers Jahr variierenden Ernährungszustände der Inselbewohner durch die Zu- und Abnahme des Jagdwildes. Als Harold Noice schließlich dazu gezwungen wird, die Tagebücher herauszugeben, fehlen in Knights Tagebuch Seiten, manche Stellen sind geschwärzt. Noice hat offenbar versucht, alles zu tilgen, was seine Anschuldigungen als Diffamierung offensichtlich macht. Die Eltern des Verstorbenen hatten ohnehin nie an Ada Blackjacks Schuld geglaubt. SPRECHER Nach diesem Vorfall verfällt Ada Blackjack wieder in Schweigen. Sie führt ein Leben in bitterer Armut, reiht Gelegenheitsjob an Gelegenheitsjob. In hohem Alter wird sie von einer Zeitung noch einmal zu ihren Erinnerungen befragt. Kein Tag vergehe, antwortet sie, ohne dass sie von ihren schlimmen Erlebnissen auf Wrangel Island verfolgt würde. OTON 7 “She lived to be 85 years old and the last parts of her life were very grim. She washed dishes in Nome, Alaska. She did whatever she could to survive. She did not have a happy life. But you don't pay attention to happiness, when you're in Alaska and a native, you just keep going.” OVERVOICE OTON 7 “Sie wurde 85 Jahre alt und die letzten Jahrzehnte ihres Lebens waren sehr düster. Sie wusch Teller in Nome, Alaska… Sie tat was auch immer, um zu überleben. Sie hatte kein glückliches Leben. Aber Glück ist keine Kategorie, wenn du als Indigene in Alaska lebst. Du machst einfach weiter.“ MUSIK SPRECHER Andere schlagen aus Ada Blackjacks Erlebnissen hingegen Profit. Ihre Geschichte wird mehrfach erzählt und verkauft. Manch einer verdient daran, Ada nicht. Sie erhält lediglich 500 Dollar für ihr Tagebuch – das bald in den Archiven verschwindet. Bis heute findet es kaum Beachtung. TC 22:48 - Outro

  12. Eine Frau aus dem 16. Jahrhundert geht wegen einer einzigen mutigen Aktion in die Augsburger Stadtgeschichte ein: Susanna Daucher war Anhängerin der Glaubensgemeinschaft der Täufer. Als vermeintlich sozialrevolutionäre Keimzelle werden die Mitglieder der Täuferbewegung verfolgt und bestraft. Dennoch versammelt Susanna Daucher am Ostersonntag des Jahres 1528 ihre Glaubensbrüder und -schwestern in ihrem Haus - mit weitreichenden Folgen für sich, ihre Familie und alle Anwesenden. Am 8.3. ist Internationaler #frauentag 2024. Credits Autorin: Ulrike Beck Regie: Martin Trauner Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Beate Himmelstoß Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Veronika Schmeer, Dr. Barbara Kink Linktipps: ZDF (2018): So lebten Frauen im Mittelalter Ob Adelige oder Bäuerin, ob Nonne oder Gattin und Mutter: Frauen müssen sich im Mittelalter den Männern unterordnen. Zum Film geht es HIER. Deutschlandfunk (2019): Die Täuferbewegung – Vorbilder der Toleranz Vor 500 Jahren wurden Täufer verfolgt und ermordet. Heute werden sie zumindest oft noch schief angeschaut. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann plädiert für einen neuen Blick auf die Täufer: Sie seien Vorkämpfer moderner Werte und könnten auch Vorbild einer zukunftsfähigen Kirche sein. JETZT ANHÖREN BR (2023): Das Bayerische Jahrtausend – 16. Jahrhundert: Augsburg Augsburg ist im 16. Jahrhundert Schauplatz grundlegender sozialer und religiöser Umwälzungen. Die verarmten Weber proben den Aufstand - und Luthers Reformation führt erst zur Kirchenspaltung und 1555 zum Augsburger Religionsfrieden. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro MUSIK Erzähler Die Geschichte Susanna Dauchers beginnt um das Jahr 1495 in Augsburg, wo sie als Tochter der Familie Spitzmacher zur Welt kommt und gemeinsam mit ihrer Schwester Maxentia aufwächst. Hinein in die Zeit des gigantischen Umbruchs durch die Reformation. MUSIK Erzählerin Mit ungefähr zwanzig Jahren heiratet sie Hans Adolf Daucher, einen gebürtigen Stuttgarter, der sich als Bildhauer einen Namen gemacht hat und in Augsburg zu-sammen mit seinem Vater eine Werkstatt betreibt. Susanna ist als Ehefrau des Adolf Daucher zu ihrer Zeit in Augsburg ein Begriff: Sie ist die Adolfin von Augsburg. Atmo: Plätschern am Lechkanal Erzähler Das Ehepaar bekommt zwei Kinder und wohnt in einem ansehnlichen Haus mitten im Lechquartier - im Bürgergässchen. Hier kümmert sich Susanna Daucher nicht nur um ihre Kinder, sondern hilft auch tatkräftig im Handwerksbetrieb mit. Sie ist dafür zuständig, dass für die Gesellen und Lehrlinge immer genug zu essen auf dem Tisch steht. MUSIK aus Erzählerin Doch was macht Susanna so besonders, dass es 500 Jahre später einen Wikipe-dia-Eintrag über sie gibt? Und an ihrem früheren Wohnhaus mittlerweile eine Ge-denktafel an sie erinnert? Beides würde nicht existieren, wenn sie sich 1527 nicht der Augsburger Täufergemeinde angeschlossen hätte. Musikakzent: dramatisch, heimlich, dynamisch TC 01:55 – Die Täufergemeinde in Augsburg Erzähler Was für eine Glaubensgemeinschaft sind die Täufer, die als Splittergruppe aus der Reformation hervorgehen? Eine Bewegung mit unterschiedlichen Flügeln, die aber dennoch ein gemeinsames Credo haben, wie Barbara Kink, Historikerin am Museum Fürstenfeldbruck erklärt: 1.O-Ton: ( Kink ab 0:19) Die Täuferbewegung hat als kleinsten gemeinsamen Nenner die Ablehnung der Säuglingstaufe. (…) Es beginnt in der Schweiz im Umkreis um Huldrych Zwingli. Die erste Erwachsenentaufe findet da im Januar 1525 statt. Und (…) es greift re-lativ rasch um sich diese Täuferbewegung. (…) Die wollten wirklich die evangeli-schen Grundsätze (…) auch im diesseitigen Leben schon verwirklichen. Die hatten sehr pazifistische Grundsätze teilweise, sie wollten keinen Wehrdienst leisten, kei-nen Eid leisten, aber sie wollten wirklich eine Verbesserung ihrer Lebenswelten durch ein gemeinschaftliches Leben, durch Hilfe auch finanzieller Art, durch einen gemeinen Kasten, durch Gütergemeinschaft. Erzählerin Wie Susanna Daucher mit der Bewegung in Berührung gekommen ist, ist nicht überliefert. Aber offenbar hat es sie angesprochen, das Evangelium nach urchrist-lichem Vorbild zu leben. Denn im November 1527 lässt sie sich taufen. Im Hause der Nestlerin, wie sie später in ihrem Prozess aussagt. Veronika Sch-meer, Kunsthistorikerin im Haus der Bayerischen Geschichte, hat die Verneh-mungsprotokolle studiert: 2.O-Ton: Veronika Schmeer ab 4:30 Die Nestlerin am Roßmarkt ist eigentlich keine Person, die man jetzt so konkret greifen kann. Susanna Daucher sagt eben aus, dass sie sich dort habe taufen lassen. Angeblich aber sowohl in Abwesenheit des Nestlers, des Ehemannes, aber auch der Nestlerin. Und sie verschweigt auch, wer sonst noch mit dabei ge-wesen sein soll - außer ihrer Schwester Maxentia Wisinger, die sich auch in die-sem Zusammenhang habe taufen lassen. Erzähler Susanna Daucher wird aktives Mitglied der Augsburger Täufergemeinde. Sie ver-anstaltet Treffen für Frauen, bei denen sie aus der Bibel lesen. Sie besucht Ver-sammlungen außerhalb der Stadt und beginnt, sich auch im diakonischen Bereich zu engagieren, indem sie sich um arme Menschen kümmert. Erzählerin Sie ist zwar keine Führungspersönlichkeit in der Täuferbewegung - diese Rolle ist den Männern vorbehalten - aber eine der vielen Frauen, ohne die die Gemein-schaft nicht existieren könnte: 3.O-Ton: (Veronika Schmeer ab 5:10) Die Frauen spielen eine ziemlich große Rolle in dieser ganzen Täufer-Bewegung. Man sollte das aber vielleicht auch nicht zu sehr aus dem heutigen Blick sich anschauen. Dass es irgendwie eine emanzipatorische Bewegung gewesen wäre, sondern man kann sich eher vorstellen, dass es daran liegt, dass die Täufer sich immer zu Hause treffen. (…) Die Frauen kümmern sich zum Beispiel darum, dass Wein und Getränke vorhanden sind, dass es etwas zu essen gibt, dass es eine Herberge auch für die Täufer gibt, die von außen in die Stadt kommen. TC 04:55 – Verfolgung, Folter und Todesstrafe Erzähler Eine Gastfreundschaft, die gefährlich ist, denn Täufer gelten spätestens nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes als sozialrevolutionäre Keimzelle, deren Anhänger verfolgt und bestraft werden. Barbara Kink: 4.O-Ton: Barbara Kink: Die Täufer wurden von Beginn an verfolgt. ( ..) (weiter ab: 14:29) Also die bayrischen Herzöge haben sich ganz früh schon entschieden,(…) Wir müssen jeden reformatorischen Aufbruch bekämpfen, denn durch die Lutherischen kommt schließlich auch der Bauernkrieg und die Revolution und die Unruhe und Empörung. (…) Die bayerischen Herzöge haben einen Inquisitor eingesetzt. (15:16) Die Behörden haben relativ rasch und effektiv und effizient gearbeitet, um diese Verfolgung auch effektiv zu gestalten. Das bayerische Täufermandat ist eines der frühesten. Schon 1527 gibt's ein Mandat mit Androhung der Todesstrafe. Erzählerin Als Freie Reichsstadt gehört Augsburg nicht zum Herzogtum Bayern und nimmt es bis zum Herbst 1527 mit der Verfolgung der Täufer nicht ganz so genau. Damit strömen immer mehr Anhänger der Bewegung in die Stadt oder lassen sich in der Umgebung nieder. Augsburg ist bald das Zentrum der süddeutschen Täuferbewegung. 5.O-Ton (Kink ab 6:02) Aus unterschiedlichen Gründen. (…) Sehr viele der Ratsherren in Augsburg haben sich dem Luthertum angeschlossen, aber es gab eben auch z.B. den Eitelhans Langenmantel, der dezidierter Täuferanhänger war. Der Rat war gespalten (…) Die ersten Jahre hat man die Täufer in Augsburg durch Winkelpredigten sehr stark vertreten gesehen. (ab 7:19) Winkelpredigten sind eben nicht Predigten in der Kirche. Das ist etwas, was die Täuferbewegung auch auszeichnet, dass sie sehr oft unter freiem Himmel stattfinden, dass sie in Privathäusern stattfinden, in Wirtshäusern vor allem aber eben in städtischen Winkeln, (…) wo sich Prediger hinstellen und eine interessierte Gruppe um sich scharen. MUSIK Erzähler Im August 1527 füllt sich die Stadt mit auffällig vielen Führern der Täuferbewegung. Sie kommen aus ganz Süddeutschland, Österreich und der Schweiz und haben vom 20. bis zum 24. eine Synode anberaumt, auf der ein Konsens gefunden werden soll zwischen dem pazifistischen Schweizer Flügel und der militanten süddeutschen Gruppe um Hans Hut. Erzählerin Hans Hut, ein Weggefährte Thomas Müntzers, der im Bauernaufstand den Einsatz von Gewalt durchaus befürwortet hat, leitet zwei der Versammlungen. Er ist längst zu einer der führenden Persönlichkeiten der Täuferbewegung im süddeutschen Raum geworden. 6.O-Ton: ( ab ca. 11:35) Ein wandernder Buchhändler, der offensichtlich sehr charismatisch war. (weiter ab 12:00) Hans Hut war davon überzeugt, dass er das Ende der Welt erleben wird und zwar auch aufgrund von biblischen Berechnungen. Er hat Johannes‘ Apokalypse berechnet und (…) hat berechnet, Pfingsten 1528 wird die Welt untergehen. (…) Er ist durch die Lande gezogen und hat es in Augsburg publik macht. Er wird 144 000 Fromme, Gerechte vor dem Weltende bewahren. Und wenn man sich so vorstellt, also diese Sündenangst. Dieses Bewusstsein, ich komme in die Hölle. Das hat gezogen. Erzähler Die Täufersynode wird als Augsburger Märtyrersynode bekannt, denn viele der Teilnehmer werden anschließend verfolgt und hingerichtet. Die Stadt beginnt von nun an, das Täufermandat konsequent umzusetzen und die Gemeinschaft drastisch zu verfolgen. Bereits im Herbst 1527 kommt es zu einer ersten großen Verhaftungswelle. MUSIK aus TC 08:31 – Ein verhängnisvoller Ostersonntag Erzählerin Das ist genau die Zeit, in der Susanna Daucher in der Bewegung aktiv wird. Ihr Mann Hans Adolf dürfte davon mäßig begeistert gewesen sein. Immerhin riskiert sie als Mutter von zwei Kindern nicht nur ihr Leben, sondern auch seine Existenz. Erzähler Das muss Susanna bewusst gewesen sein, aber sie hat offenbar bei den Täufern eine Gemeinschaft gefunden, die ihrem Glauben entspricht. Angesichts der Pro-phezeiung, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht, scheint sie im Dies-seits nichts mehr gefürchtet zu haben. 7. O-Ton (Kink ab 19:01) Dieses Heilsbedürfnis der Menschen in den frühen Jahrzehnten des16. Jahrhunderts darf man nicht unterschätzen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie wirklich ganz, ganz stark interessiert war an diesen Glaubensinhalten, dass sie sich Verbesserungen versprochen hat und Halt in der Gemeinde. Man war ja doch eine eingeschworene Gesellschaft. (…) Und sie war sicherlich davon überzeugt, dass sie das Richtige tut und dass sie diese Bewegung unterstützen möchte. Atmo Plätschern des Lechkanals, Geräusche von Schritten auf dem Pflaster, dramatischer Musikakzent Erzählerin Augsburg am 12.April 1528. Es ist der entscheidende Tag, durch den Susanna Daucher Eingang findet in die Stadtgeschichte. Der letzte Ostersonntag vor Huts prophezeiter Wiederkunft Christi. Hans Hut selbst ist mittlerweile nach Folter und Gefangenschaft qualvoll gestorben und gilt unter den Täufern als Märtyrer, was seine Prophezeiung noch bedeutender erscheinen lässt. Erzähler In den frühen Morgenstunden versammeln sich im Hause Daucher in der Bürger-gasse an die 100 Menschen, um hier einen Gottesdienst abzuhalten. Der Haus-herr ist verreist. Susanna nutzt die Gelegenheit, um hier ihre Glaubensbrüder und -schwestern zu empfangen. Erzählerin Sie weiß, dass es verboten ist, andere Mitglieder der Täuferbewegung aufzuneh-men und zu bewirten, aber sie hat dennoch Brot und Wein besorgt für alle, die in ihrem Haus nun zusammen in der Bibel lesen wollen. Erzähler Vorsorglich hat sie an diesem Ostersonntag die Fenster mit Tüchern verhängt und als Erkennungszeichen für ihre Glaubensbrüder und -schwestern einen Ring an die Haustür gemalt. Damit niemand an der falschen Tür klopft. Erzählerin Sie ist mit ihrem dritten Kind schwanger und sich bewusst, dass es drastische Konsequenzen hat, wenn die Versammlung auffliegt. Dennoch geht sie das Risiko ein. Ungeachtet der Warnungen, dass bereits die Stadtwache ihr Haus im Visier hat. MUSIK aus Erzähler Was in den frühen Morgenstunden des Ostersonntags im Hause Daucher genau passiert, das rekonstruiert Veronika Schmeer: 8.O-Ton (Interview 1. Teil ab 14:37 ff.) Man trifft sich schon am Vortag am Ostersamstag sozusagen in wahrscheinlich einer kleineren Runde und man beschließt, sich am Ostersonntag in der Früh (…) bei der Adolfin (…) zu treffen also bei Susanna Daucher. Und (…) es ist so, dass sie wahrscheinlich schon im Vorfeld verraten werden. Denn es gibt Berichte darüber, dass schon irgendwelche Stadtschergen im Umfeld des Hauses sich auffällig positioniert haben und einige Leute sind davon abgeschreckt. (…) Die Stadt-Schergen (…) greifen dann ein und lösen die Versammlung auf und verhaften diese 88 Personen, von denen übrigens mehr als die Hälfte sind Frauen. MUSIK TC 12:03 – Verbannung Erzählerin In Zweierreihen werden sie abgeführt und zum Rathaus gebracht. Diejenigen, die von auswärts kommen, werden zuerst verhört und müssen dann die Stadt verlas-sen. Sie müssen schwören, für einen Zeitraum von sechs Jahren das Stadtgebiet nicht mehr zu betreten. Wer sich nicht daran halten sollte, dem droht die Hinrich-tung. Erzähler Die Strafen für die Augsburger Gemeindemitglieder, die so genannten Einheimi-schen, fallen hingegen drastischer aus. Ihnen wird im April der Prozess gemacht, der für den Vorsteher der Täufergemeinde Hans Leupold mit einem Todesurteil endet. MUSIK aus 9. O-Ton: ( Interview Teil 2 ab ca. 18:15) Der Schneider wird dann eben hingerichtet. Das ist dann quasi die drastischste Strafe, die da passiert. Die meisten anderen bekommen die Strafe mit dem Ba-cken brennen. Was sehr grausam ist. Man bekommt mit einer Eisenstange die Backen durchgebrannt und ist somit auch für immer gekennzeichnet. Als Täufer oder ehemals Anhänger der Täufer Gemeinde. Das ist im Grunde genommen auch ein Ruin (…) Man kommt dann vielleicht auch nirgendwo mehr unter, be-kommt keine Arbeit mehr. Es hat definitiv Folgen. Erzählerin Susanna Daucher zeigt sich während ihres Prozesses unerschrocken. Wie den Vernehmungsprotokollen zu entnehmen ist, weicht sie den bohrenden Fragen des Stadtschreibers – und damals schon berühmten Humanisten - Konrad Peutinger geschickt aus. 10.O-Ton: ( Schmeer ab ca. 13:11) Er wollte ja wissen, wer ist noch beteiligt. Man wollte wirklich so ein Denunziantentum in diesen Verhören anstiften. Und da hält sie sich sehr bedeckt. Sie sagt immer nur: ich kenne keine Namen. Ich habe niemanden beherbergt. Ich habe nichts getan. Und sie wird ja zuerst nur befragt und dann wird ihr angedroht, dass sie ernstlich befragt wird. Eine Androhung einer Folter. (…) Und auch da sagt sie, sie wisse nicht was sie noch zu der Angelegenheit sagen soll. Erzähler Das Urteil fällt für Susanna Daucher vergleichsweise milde aus. Weil sie schwan-ger ist, wird sie am 21.April 1528 mit dem so genannten „Verruf“ aus der Stadt verbannt. Das bedeutet, dass es ihr fortan verboten ist, sich Augsburg in einem Umkreis von sechs Meilen zu nähern. MUSIK Erzählerin Die Verbannung durch den Rat der Stadt Augsburg hat für Susanna Daucher weit-reichende Konsequenzen. Noch am Tag der Urteilsverkündung wird sie an den Pranger gestellt und muss sofort danach die Stadt verlassen. Erzähler Ohne ihre beiden Kinder, die sie nie wiedersehen wird. Susanna sucht zunächst in der näheren Umgebung Zuflucht und bringt dort ihr drittes Kind zur Welt. Das of-fenbar ihr Mann zu sich holt, nachdem er von seiner Reise zurückkehrt. Er wird jedenfalls später als Vater von drei Kindern erwähnt. MUSIK aus 11.O-Ton ( Veronika Schmeer ab ca. 22:00) Ich nehme an, sie werden weiterhin Kontakt gehabt haben, aber sie darf natürlich nicht in die Stadt kommen. (…) Er kann aber später dann auch für die Kinder selber nicht sorgen, sondern die sind dann auch in Pflegschaft alle drei. Erzählerin Auch Hans Daucher verliert mit der Verbannung seiner Frau alles, denn … 12.O-Ton ( ab ca. 6:00) Ohne seine Frau ist sein Unternehmen mit der Bildhauerei eigentlich dem Ruin geweiht, weil die Frau sich auch um die ganzen Gesellen und Lehrlinge kümmert. (…) Und ohne die Frau funktioniert diese Werkstatt nicht mehr (…) und es ist dann später bezeugt, dass der Hans Daucher eigentlich nur noch unter den Habenichtsen in den Steuerbüchern geführt wird und er kann ja auch nicht neu heiraten, denn seine Frau ist ja nicht tot. Er ist da irgendwie gefangen und kommt auch nicht mehr raus. TC 15:38 – Die falsche Prophezeiung Erzähler Nach der Verhaftungswelle an jenem Osterfest 1528 beginnt die Täufergemeinde in Augsburg, sich aufzulösen. Nicht nur, weil es angesichts der drastischen Verfol-gung in der Stadt niemand mehr wagt, Versammlungen abzuhalten, sondern auch, weil Hans Huts Prophezeiung nicht eingetroffen ist. Barbara Kink: 13.O-Ton: (Kink ab ca. 25.20) Es war offensichtlich dann doch eine große Enttäuschung. Man hat Hans Hut geglaubt. Man hat sich versprochen von diesen Höllenqualen verschont zu werden. Und man sieht, dass diese Bewegung dann ja zum Teil zusammenbricht. Dann natürlich auch aufgrund der einsetzenden obrigkeitlichen Maßnahmen, man setzte dann doch nicht so gern sein Leben aufs Spiel. Erzählerin Schon Mitte August 1528 beschließt die Täufergemeinde, künftig nicht mehr zusammen zu kommen. Erzähler Wer dennoch als Täufer seinen Glauben leben möchte, wandert ab. Entweder in die Schweiz, wo im Zollikon noch kleine Täufergemeinschaften existieren. Erzählerin Oder nach Mähren an einen der Bruderhöfe, wo Täufer ein urchristlich-kommunistisches Gemeinschaftsleben praktizieren. Auf Initiative des Tirolers Jakob Hutter leben und arbeiten Familien hier völlig autark zusammen und teilen sich Hab und Gut. Die Bruderhöfe werden zum Zufluchtsort für viele Täufer: 14.O-Ton: Barbara Kink: Es gab sicherlich Leute, die dann nach Mähren gegangen sind. Das weiß man von vielen bayerischen Täufern. (…) Also wirklich ab 1530 verschwinden die Täufer von der Bildfläche. Im Herzogtum ist es so. Und die nächsten Täufermandate, die dann aus den 50er 60er und 70er Jahren des 16. Jahrhunderts sind, da geht es vor allem darum, dass man versucht diese Abwanderung in die Bruderhöfe nach Böhmen und Mähren zu verhindern. Man versucht also wirklich, da ein Riegel vorzuschieben, dass viele Leute an diesen täuferischen Idealen immer noch festhalte, abwenden. Erzähler Die Täufer werden auch nicht mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 als Glaubensgemeinschaft akzeptiert. Den Grund dafür sieht Barbara Kink in der Tatsache, dass sie als Glaubensgemeinschaft keine einflussreichen Fürsprecher haben: 15.O-Ton: Barbara Kink Die Täufer fallen zwischen alle Raster. Es sind die Lutheraner, es sind die Reformierten und die Katholiken, die davon profitieren. Die Täufer sind als reformatorische Splittergruppe oder als Wildwuchs der Reformation (…) nicht relevant dafür. Die haben einfach keine adlige Lobby. (…) Das ist wirklich (…) eine Revolution des Gemeinen Mannes. MUSIK Erzählerin Dennoch bleibt die Sehnsucht nach religiöser Authentizität, nach Ursprünglichkeit, nach diesem Urchristentum bis heute lebendig. 16.O-Ton: Barbara Kink Die Täufer existieren ja heute noch in sehr vielgestaltiger Weise. Es gibt die Mennoniten in Amerika, es gibt die Hutterer immer noch, es gibt die Amish. Es gibt immer noch sehr viele Glaubensgemeinschaften vor allem freikirchliche Baptisten, die sich auch heute noch auf die Täufer wirklich als Ursprungsherd berufen. Erzähler Was Susanna Daucher 1528 nicht ahnen konnte ist, dass im 20.Jahrhundert eine mennonitische Gemeinde in Augsburg sehr aktiv ist. Dass es runde 500 Jahre nach ihrer Verbannung Menschen gibt, die nach den Glaubensgrundsätzen leben, für die sie damals alles riskiert hat. Und dafür nicht mehr verfolgt werden. Erzählerin Sie konnte auch nicht wissen, dass mittlerweile an ihrem Haus am heutigen Hinteren Lech 2 eine Gedenktafel an sie und die Ereignisse des Ostersonntags 1528 erinnert. TC 19:28 – Outro

  13. Moderner Alltag? Ist heute ohne Internet und Smartphone so gut wie unvorstellbar! Es gab aber eine Zeit, in der Computer noch Elektronengehirne hießen und höchstens in Großkonzernen, Universitäten und Forschungslabors standen. Kaum jemand hat diese ominösen Apparate damals verstanden. Vor ziemlich genau 40 Jahren hat sich das schlagartig geändert - als die Homecomputer den Markt eroberten und so zu uns nach Hause kamen. Und das ist nicht spurlos an Politik und Gesellschaft vorbeigegangen. Von Christian Schaaf und Michael Zametzer Credits Autoren dieser Folge: Christian Schaaf und Michael Zametzer Redaktion: Nicole Hirsch, Eva Kötting und Heike Simon Linktipps: KONRAD ZUSE, JOHN VON NEUMANN UND CO. Der Computer hatte viele Väter ZUM BEITRAG FRAUENGESCHICHTE - FRAUEN SCHREIBEN GESCHICHTE Stephanie Shirley wird Softwarepionierin ohne eigenen Computer ZUM BEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN

  14. Nur 13 Monate dauerte Hitlers Haft in Landsberg nach dem Putschversuch vom November 1923. Dank einer Justiz, die den gescheiterten Putschisten und Hochverräter auffällig schont und einer Gefängnisleitung, die mit Hitler sympathisiert, kann Hitler seine Position als selbsternannter Führer der rechtsextremen Kräfte festigen. Während der Haft genießt er Privilegien und beginnt damit, den ersten Teil seines Buches "Mein Kampf" zu schreiben. Von Thies Marsen (BR 2015) Credits Autor: Thies Marsen Regie: Axel Wostry Es sprachen: Katja Amberger, Werner Härtler, Axel Wostry Technik: Siglinde Hermann Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Peter Fleischmann, Manfred Deiler, Erich Kuby Gesprächspartner: Prof. Dr. Peter Fleischmann Lehrstuhl für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte https://www.geschichte.phil.fau.de/person/fleischmann-peter/#sprungmarke2 Manfred Deiler Hier ein Nachruf auf den im November 2023 Verstorbenen: https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/nachrichten/manfred-deiler-1952-2023/ Linktipps: ARD alpha (2023): Hitler vor Gericht 1924 fand vor dem Volksgericht München einer der folgenschwersten Prozesse der deutschen, ja der Weltgeschichte statt: der Hitler-Ludendorff-Prozess. Der Film in der ARD Mediathek zeichnet in aufwendigen Spielszenen den Prozessverlauf nach. JETZT ANSEHEN Alles Geschichte (2023): Der Hitlerputsch – Anfang vom Ende der Demokratie München, 9. November 1923. Vor der Münchner Feldherrnhalle scheitert Adolf Hitlers Putschversuch kläglich. Doch die Folgen sollten sich als drastisch erweisen - für Deutschland und die Welt. JETZT ANHÖREN ZDF (2023): Hitlers Macht – Der Aufsteiger "Der Aufsteiger" heißt die erste Folge der dreiteiligen ZDF-Dokumentation "Hitlers Macht", die das ZDF 90 Jahre nach Hitlers Regierungsübernahme am 30. Januar 1933 zeigt. Zum Film geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:35 – Der Eindruck von Journalist Erich Kuby TC 04:10 – Ein fragwürdiger Gerichtsprozess TC 07:24 – Sonderrechte in der Festungshaft TC 11:07 – Die braune Schaltzentrale der NSDAP TC 14:31 – Vorzeitige Entlassung wegen „guter Führung“ TC 17:57 – Der Ruf von Landsberg TC 22:02 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ERZÄHLERIN Das Vergangene ist vergangen, was geschehen ist, ist geschehen. Für Historiker ist die Frage, ‚Was wäre, wenn?‘ deshalb meist müßig. Doch genau diese Frage drängt sich selten so auf wie im Fall des Hitlerputsches von 1923 und dessen Folgen. ERZÄHLER Was wäre geschehen, wenn die bayerische Justiz damals nach Recht und Gesetz gehandelt hätte? Wenn Hitler eine angemessene Strafe erhalten hätte? Wenn man ihn daran gehindert hätte, von seiner Zelle aus die nationalsozialistische Bewegung neu aufzubauen? Was wäre der Menschheit dann eventuell alles erspart geblieben? ATMO Schuss ERZÄHLERIN Mit einem Pistolenschuss beginnt es. Abgefeuert am 8. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller. Gustav Ritter von Kahr, seit wenigen Wochen Generalkommissar für den Freistaat Bayern, will vor dem überfüllten Saal sein Regierungsprogramm vorstellen, als ein bewaffneter Stoßtrupp hereinstürmt, angeführt von einem gescheiterten Kunstmaler, Kriegsveteranen und Reichswehrspitzel: Adolf Hitler. Er schießt mit seiner Pistole in die Decke und erklärt die Reichsregierung für abgesetzt. Am nächsten Morgen stürmen Putschisten die Sitzung des Münchner Stadtrats und nehmen Bürgermeister und Stadträte der SPD fest, sie verhaften jüdische Münchner, verwüsten die Redaktion der SPD-Zeitung und stehlen kistenweise Inflationsgeld – 14.605 Billionen Reichsmark. 2.000 bewaffnete Männer marschieren schließlich Richtung Feldherrnhalle. Doch sie werden von der Landespolizei gestoppt. Ein kurzes Feuergefecht, dann ist der Putsch niedergeschlagen. ERZÄHLER Die Bilanz: 20 Tote – vier Polizisten, 15 Putschisten und ein Passant. Die Liste der Verbrechen der Putschisten ist lang: Mord, Totschlag, Hochverrat, Landfriedensbruch, Geiselnahme, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Raub. ERZÄHLERIN Hitler flieht nach Uffing am Staffelsee, in die Villa seines Förderers Ernst Hanfstaengl. Zwei Tage später wird er dort aufgespürt. Die Polizisten treffen ihn im Schlafanzug an, den linken Arm in einer Binde, denn er hat sich im Tumult vor der Feldherrnhalle den Arm ausgekugelt. TC 02:35 – Der Eindruck von Journalist Erich Kuby ERZÄHLER Überhaupt ist er in einem jämmerlichen Zustand, erinnert sich der inzwischen verstorbene Journalist Erich Kuby. Kuby ist 13 Jahre alt, als er Hitler zum ersten Mal erlebt. Kurz vor dem Putsch nimmt ihn seine Tante mit in den Cirkus Krone, wo Hitler seit 1921 regelmäßig auftritt und die Massen begeistert. Nun, nach dem gescheiterten Aufstand, begegnet Kuby Hitler zum zweiten Mal, diesmal in Weilheim. Denn der Gefangenentransport mit Hitler macht im dortigen Bezirksamt kurz Station, wo ein Schutzhaftbefehl ausgestellt wird. O-Ton Erich Kuby Der Bezirksamtmann hieß Feigel, und nomen est omen, der wollte mit diesem berühmten Herrn Hitler nicht allein sein und hat zu meinen Vater, der ein angesehener Deutsch-Nationaler in diesem Dorf war, gesagt, kommen Sie doch. Und mein Vater sagte zu mir: Komm mit. Und da habe ich eben Hitler erlebt in einem Zimmer des Landratsamtes oder Bezirksamtes hieß man das damals. Der Hitler wurde ja verhaftet von einem Polizeioffizier oder so was Ähnliches, der sich übrigens merkwürdigerweise mit Hitler duzte. Aber ich habe mir doch den Hitler sehr angesehen, denn es war ja derselbe Mann, den ich im Cirkus Krone in der völligen Pracht seiner Reden gehört hatte, und davon war nichts mehr übrig. Er saß bleich und der Hitler wurde dann nach Landsberg in die Festung da gebracht. TC 04:10 – Ein fragwürdiger Gerichtsprozess ERZÄHLERIN Am 11. November 1923 um halb elf Uhr nachts wird Hitler in die Haftanstalt Landsberg eingeliefert, zunächst als sogenannter Schutzhäftling, erst zwei Tage später wird er offiziell in Untersuchungshaft genommen. ERZÄHLER Hitler rechnet fest mit seiner Abschiebung nach Österreich oder gar der Hinrichtung, dem Amtsarzt erklärt er, dass er sich am liebsten erschießen würde. Doch er wird schnell wieder aufgepäppelt, sagt der Historiker Peter Fleischmann, Verfasser einer Quellenedition zu Hitlers Haftzeit: O-Ton Peter Fleischmann Es hat ihn der Amtsarzt damals untersucht unmittelbar nach der Einlieferung. Hitler, der war 1,75 groß und hatte ein Gewicht von 72 Kilo glaube ich. Und er hat dann in den nächsten Tagen das Essen verweigert, also er war psychisch völlig demoralisiert, und erst Dietrich Eckart, sein Vertrauter, sein Mentor, und Anton Drexler scheinen ihn dann bewegt zu haben, also jetzt werd‘ wieder vernünftig und esse was. Und am Ende der Haftzeit, also ein Jahr später, kommt er fast gemästet wieder raus. Da wiegt er 78 Kilo. ERZÄHLERIN Der junge Staatsanwalt Hans Ehard, nach 1945 erster frei gewählter bayerischer Ministerpräsident, übernimmt die Ermittlungen gegen die Putschisten. Er vernimmt Hitler am 13. Dezember 1923 in seiner Zelle: ZITATOR Er war nicht dazu zu bringen, auf eine klare unzweideutige Frage eine klare, einfache und kurze Antwort zu geben. Mit großer Zähigkeit hält er endlose politische Vorträge. ERZÄHLERIN Zwei Monate später, am 26. Februar 1924, beginnt der Prozess gegen den „ledigen Schriftsteller Adolf Hitler“ – vor dem Volksgerichtshof in München, obwohl für einen Hochverräter eigentlich der Leipziger Reichsgerichtshof zuständig wäre. Doch Bayern will Hitler nicht ausliefern und die Reichsregierung scheut einen offenen Konflikt. ERZÄHLER Das Verfahren ist eine Farce. Richter Georg Neithardt sympathisiert offen mit den Verschwörern, er lässt den stundenlangen Monologen Hitlers freien Lauf. Bei den Beratungen des Gerichts ist stets ein Vertreter des Justizministeriums anwesend, der direkt Einfluss nimmt – zugunsten Hitlers. ERZÄHLERIN Am 1. April 1924 fällt das Urteil: fünf Jahre Festungshaft. Obwohl Hitler wegen Landfriedensbruch bereits vorbestraft ist und noch unter Bewährung steht, wird ihm schon bei der Urteilsverkündung eine Haftentlassung nach sechs Monaten in Aussicht gestellt. Das Gericht wertet als strafmildernd: ZITATOR ...dass die Angeklagten bei ihrem Tun von rein vaterländischem Geiste und dem edelsten selbstlosen Willen geleitet waren. ERZÄHLER Die vier ermordeten Polizisten werden in dem Urteil gar nicht erwähnt, der schwerbewaffnete Marsch zur Feldherrnhalle wird als „unglücklich verlaufener Propagandazug“ bezeichnet, der Raub der Banknoten als „Beschlagnahmung“. Für den Münchner Rechtshistoriker Otto Gritschneder ist klar: ZITATOR Gegen die Richter des in vieler Hinsicht erstaunlich verfehlten Hochverrats-Urteils gegen Hitler vom 1. April 1924 muss der Vorwurf der Rechtsbeugung in aller Form erhoben werden. TC 07:24 – Sonderrechte in der Festungshaft ERZÄHLERIN Hitler wird zurück nach Landsberg gebracht – nun als Festungshäftling: O-Ton Peter Fleischmann Festungshaft ist eine Art Ehrenhaft. Die Festungshäftlinge, die mussten mit Herr angesprochen werden, die hatten keinen Arbeitszwang, die durften mit Besteck und vom Teller essen, also nicht aus dem Blechnapf, die konnten sich selber zum Teil selber verköstigen. Sie konnten Besuch empfangen in größerem Umfang, sie konnten Korrespondenz schreiben, sie konnten lesen, mussten nicht arbeiten. ERZÄHLERIN Die Putschisten werden in einem eigenen Trakt untergebracht, Hitler erhält eine Einzelzelle. In der eigens eingerichteten Festungsstube, einem Gemeinschaftsraum für die Putschisten, wird eine große eingeschmuggelte Hakenkreuzfahne aufgehängt. ERZÄHLER Die Festungshäftlinge dürfen Alkohol trinken. Hitler, so lässt es sich anhand der Einkaufslisten nachvollziehen, konsumiert täglich ein bis zwei Flaschen Bier. Selten gehen die Putschisten nüchtern ins Bett. Bedient werden sie von anderen Gefangenen, erzählt der Lokalhistoriker Manfred Deiler von der Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“: O-Ton Manfred Deiler Die haben die Toiletten geputzt, die haben die Böden gewischt und die haben sie bedient. Das war eine Vorzugstätigkeit für einen Haftgefangenen, dass er die Putschisten bedienen durfte. ERZÄHLERIN Zur gleichen Zeit gibt es in Bayern übrigens auch linke Festungshäftlinge, wie die Schriftsteller Erich Mühsam und Ernst Toller, die 1919 an der Münchner Räterepublik beteiligt waren und deshalb nun im schwäbischen Niederschönenfeld einsitzen. ERZÄHLER Sie werden regelrecht terrorisiert mit Bett- und Hofentzug, der Verweigerung ärztlicher Betreuung, mit Zensur und Schikane. Die braunen Putschisten dagegen werden vom Landsberger Gefängnisdirektor Otto Leybold geradezu gehätschelt, so der Historiker Peter Fleischmann: O-Ton Peter Fleischmann Das kann man nachweisen anhand der Besuchszeiten. Hitler hätte maximal sechs Stunden pro Woche Besuch empfangen dürfen. De facto hat er bis zu zehn, elf Stunden pro Woche Hof gehalten oder Hof halten dürfen. Und das hat Leybold gegenüber der Staatsanwaltschaft verborgen. Es gibt ja die Listen der Besucher Hitlers, circa 350 Personen, die wurden an die Staatsanwaltschaft München mitgeteilt. Was aber nicht mitgeteilt wurde: Dass die Besuchszeiten unverhältnismäßig ausgeweitet worden sind. Also normalerweise musste immer ein Wachtmeister mit anwesend sein, wenn Hitler Besuch empfangen hat. Es sind aber in sehr großem Umfang auch oft – Besprechungen haben stattgefunden, da heißt es dann: ohne Aufsicht. Also man war unter sich und hat dann zwei, drei, vier Stunden lang konferiert. ERZÄHLERIN Besonders groß ist der Andrang am 20. April 1924, Hitlers 35. Geburtstag. 21 Gratulanten verzeichnet das Besucherbuch allein an diesem Tag. Unter den Hitler-Verehrern sind viele Frauen: O-Ton Peter Fleischmann Auffällig immer zum Monatsanfang: Hermine Hoffmann, das berühmte Hitlermuttel, eine Studiendirektorenwitwe aus München, die ihm meines Erachtens immer Geld gebracht hat. Sie hat Hitler unter ihre Fittiche genommen, Manieren beigebracht, wie man in der Gesellschaft sich bewegt usw., also die kam sehr häufig. Dann junge Frauen auch – das ist eine einfache Korrespondentin aus Nürnberg und die schreibt: Sie hat Hitler mal im Circus Krone reden hören, die war dann entbrannt förmlich und diente sich ihm als Sekretärin an. Aber Hitler hat sie dann nach fünf Minuten wieder weggeschickt, wie so manche Verehrerinnen, mit denen er bloß kurz sprechen wollte. TC 11:07 – Die braune Schaltzentrale der NSDAP ERZÄHLERIN Denn Hitler hat andere Prioritäten. Er versucht aus dem Gefängnis heraus weiter die Fäden zu ziehen – insbesondere vor den Reichstagswahlen im Mai 1924. Die NSDAP ist seit dem Putschversuch verboten, doch die Nationalsozialisten verbünden sich mit der Deutschvölkischen Freiheitspartei. Hitler nimmt von seiner Zelle aus direkt Einfluss auf die Kandidatenliste. ERZÄHLER Die NSDAP-Tarnliste schafft es auf immerhin 6,5 Prozent, zahlreiche Nationalsozialisten, wie der spätere Innenminister Wilhelm Frick oder SA-Führer Ernst Röhm werden in den Reichstag gewählt – sogar einer der Landsberger Häftlinge: der Offizier Hermann Kriebel, auch wenn der sein Mandat nicht antreten kann. O-Ton Manfred Deiler Sie haben das Ganze in eine Art braune Schaltzentrale umgestaltet, wenn man das Besucherbuch sieht, so stellt man fest, das ist ein „Who is Who“ der späteren Größen des Nationalsozialismus. Da müsste man mal kurz einmal das Besucherbuch vielleicht zitieren und die Liste mal rausnehmen: Zum Beispiel gleich einmal am 12. April 1924 fällt mir also in die Augen General Ludendorff, Streicher, das ist der Julius Streicher, der Röhm, Dr. Kraus, praktischer Arzt, Landsberg – das war der erste Bürgermeister nach der Machtübernahme Hitlers. Und die haben sich alle dort schon 1924 mit Hitler getroffen. ERZÄHLERIN Trotzdem werden die Nazis die Festungshaft später als Martyrium verklären – so etwa Hitlers Mithäftling Julius Schaub 1933: ZITATOR Von Zeit zu Zeit wurde die Eintönigkeit unterbrochen durch das Laden der Gewehre beim Ablösen der Wache oder durch das Klappern der Schlüssel, wenn der Aufseher seine Runde macht. Und in dieser Welteinsamkeit, abgeschlossen von der übrigen Menschheit, nur umgeben von seinen getreuen Mitkämpfern und Mitgefangenen, schuf der Führer sein großes Werk „Mein Kampf“. ERZÄHLERIN Wie genau in Landsberg der erste Teil von „Mein Kampf“ entstand, ist unklar. Sicher ist: Hitler hat regelmäßig Vorträge im Gefängnis gehalten. O-Ton Manfred Deiler Es gibt ein Foto vom Besucherraum, da steht eine Tafel, heute würde man Flipchart sagen. Also es haben tatsächlich Diskussionen oder auch Monologe von Adolf Hitler stattgefunden. Es gibt ja auch Theorien, dass die Erstfassung von „Mein Kampf“ eine Aneinanderreihung von Reden ist, also dass es tatsächlich Reden sind, die Adolf Hitler gehalten hat im Gefängnis und die von anderen mitgeschrieben wurden. ERZÄHLER Die Gefängnisleitung muss gewusst haben, was im Festungstrakt vor sich geht, sagt Manfred Deiler von der Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“. Trotzdem lassen die Wachmannschaften Hitler und seine Leute gewähren: O-Ton Manfred Deiler Sie haben z. B. auch den Auftrag gehabt, die Papierkörbe zu sichten, weil sie wussten, es wird geschrieben, aber dann, nach Sichtung, das Material aus den Papierkörben zu verbrennen. D. h. also, es war allen Beteiligten klar, dass dort etwas entsteht, was das nationalsozialistische zukünftige Parteiprogramm wird. Meine Frage ist: Wie kann es sein, wenn eine Gefängnisleitung weiß, dass solche Schriften entstehen, dass das an der Zensur vorbei kann. ERZÄHLER Wie ungehindert die Putschisten vom Gefängnis aus mit der Außenwelt kommunizieren, wird im September 1924 offenbar – kurz bevor Hitler vorzeitig entlassen werden soll. TC 14:31 – Vorzeitige Entlassung wegen „guter Führung“ O-Ton Peter Fleischmann Dann passiert diese Kassiberaffäre: Der Sohn eines Mithäftlings, Kriebel, der war bei seinem Vater in Landsberg in Besuch Ende September, und nimmt einige Briefe an sich, acht Stück, von Kriebel, Weber und einen von Hitler und kommt in München in eine Polizeikontrolle. Dann entdeckt man bei dem jungen Mann Briefe, die aus Landsberg von den Putschisten, von den Festungshäftlingen stammen und die offensichtlich nicht der sehr weitmaschigen Zensur unterworfen waren. Und die Staatsanwaltschaft, der hat man es letztlich zu verdanken, dass sie sofort Veto eingelegt haben, dass Hitler zum Ende September, Anfang Oktober, wie vorgesehen, aus der Festungshaft frühzeitig entlassen wird. ERZÄHLERIN Die Haftentlassung wird allerdings nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Hitler hat offensichtlich mächtige Gönner im bayerischen Justizministerium. Auch Gefängnisdirektor Leybold bescheinigt ihm „gute Führung“. Von seiner Zelle aus schmiedet Hitler detaillierte Zukunftspläne: O-Ton Peter Fleischmann Das ist dieser berühmte Brief an Werlin, Mercedesvertreter in München in der Schellingstraße. Da schreibt dann Hitler Ende September, ja also er interessiert sich für diesen Mercedes 11-40, aber es gibt noch einen anderen, einen größeren, der ist stärker motorisiert, der hat aber 300 Umdrehungen mehr, ist das nicht schädlich für den Motor? Und Werlin soll sich in Mannheim erkundigen, ob es den noch gibt, den 11-40er, er möchte aber graue Speichenräder haben. Ja, da schlägt wieder der Größenwahn Hitlers durch. Er schreibt auch, er hat zur Zeit kein Einkommen, aber er wird bald etwas veröffentlichen und da wird er dann liquide sein und wird auch dieses Auto bezahlen können. Wobei man sich vor Augen halten muss: Der Wert eines großen Wagens in dieser Zeit entsprach dem Wert eines Einfamilienhauses. ERZÄHLERIN Am 20. Dezember 1924 um 12 Uhr 15 wird Hitler entlassen – genau 3 Jahre, 333 Tage, 21 Stunden und 50 Minuten vor dem eigentlichen Strafende. Im Benz verlässt er die Stadt – am Landsberger Bayertor posiert er noch für ein Abschiedsfoto. ERZÄHLER Bei seiner Ankunft in Landsberg im November 1923 war Hitler ein Häuflein Elend, bei seiner Entlassung im Dezember 1924 strotzt er wieder vor Selbstvertrauen. Acht Jahre später, im Januar 1933, wird er die Macht in Deutschland übernehmen, auf legalem Wege. O-Ton Peter Fleischmann Hitler ist bis 1924 ein Stück, ein Teil der bayerischen Geschichte, aber ab dem 20. Dezember ‘24, der Haftentlassung, der frühzeitigen Entlassung in die Freiheit und der Wiedergewinnung seiner politischen Möglichkeiten, wird Hitler zu einer Person letztlich der deutschen Geschichte. Hier ist er gefördert worden und hier hat man ihn mit Samthandschuhen angefasst. ERZÄHLER Das sieht Hitler übrigens genauso. O-Ton Adolf Hitler Und so ist denn der größte Zusammenbruch in der Geschichte der Partei eigentlich der Beginn des größten Aufbruchs geworden. MUSIK: 71217190 102 (00‘20‘‘) TC 17:57 – Der Ruf von Landsberg ERZÄHLERIN Knapp zehn Jahre nach seiner Haftentlassung kehrt Hitler nach Landsberg zurück. Der einstige Häftling ist nun Reichskanzler. O-Ton Manfred Deiler Hitler kam 1934 am 8. Oktober (MUSIK ENDE) das erste Mal unangemeldet zu der Festungszelle mit ehemaligen Mitgefangenen und hat die nochmal angeschaut. Er ist anschließend in die Innenstadt gefahren, hat dieses Café Deible besucht. Und der Landsberger Stadtrat hat das mitbekommen natürlich, hat dann versucht, schnell aus Schuljugendlichen ein Spalier mit Fähnchen am Straßenrand zu bilden und wollte zum Café Deible, um dort die Ehrenbürgerurkunde zu übergeben, aber Hitler war schon weg. ERZÄHLER Schon bald entdeckt man in Landsberg das touristische Potential von Hitlers Festungshaft. Seine einstige Zelle wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, mit täglichen Öffnungszeiten, erzählt Lokalhistoriker Manfred Deiler: O-Ton Manfred Deiler Man hat dann speziell mit „Kraft durch Freude“, ich sag jetzt einmal ganz locker: dem Reiseunternehmen der NSDAP, schon ‘34/‘35 Besuchergruppen mit Sonderzügen mit 2.000 Personen, die Besucher für die Hitlerzelle gebracht haben. Und es ist damals dann Landsberg der Slogan gewesen: die Stadt des Führers, Landsberg – der Geburtsort der Ideen des Nationalsozialismus‘, Landsberg – die Hitlerstadt. Also in dieser Form war das Marketingkonzept. ERZÄHLER Auch die Reichsleitung des NSDAP und insbesondere Reichsjugendführer Baldur von Schirach erkennen den Propagandawert der Hitlerzelle – sie wollen Landsberg zum Wallfahrtsort der Hitler-Jugend machen. O-Ton Manfred Deiler Man hat beschlossen, 1937 das erste Mal im Abschluss an die Kundgebung am Reichsparteitag in Nürnberg, die Leute mit einem Sternmarsch über München nach Landsberg zu bringen, also Leute ist gemeint: Die Abordnungen der deutschen Jugend. ATMO Marschgeräusche O-Ton Reporter Das Erlebnis des Reichsparteitages in einem übervollen Herzen geht es nun zur letzten Station des langen Marsches, nach Landsberg, der Festung in der Adolf Hitler gefangen war. ATMO Glockenläuten O-Ton Manfred Deiler Dort sind sie dann im Gefängnishof empfangen worden vor der Führerzelle und dort hat ihr dann Baldur von Schirach stellvertretend für die Abordnungen zu Hause das Buch „Mein Kampf“ ausgehändigt. ATMO Fanfaren O-Ton Manfred Deiler Es gab dann damals 1937 erstmals eine Abschlusskundgebung am Hauptplatz in Landsberg, mit Fackeln und Fahnen und da hat Baldur von Schirach dann geprägt: Landsberg ist nun die Stadt der deutschen Jugend, und ab dem Zeitpunkt sollte das regelmäßig jedes Jahr wiederholt werden.Der bayerische Justizminister wollte die gesamte Haftanstalt Landsberg dem Führer als Geschenk machen, da sollte die größte Jugendherberge Deutschlands draus werden. Es gab eine zweite Idee, es sollte ein Aufmarschstadion entstehen, das Stadion der Jugend. Es existiert ein Modell. Da wäre vom Bahnhof weg eine große Aufmarschallee entstanden. Man kann sich das Vorstellen dieses Modell ähnlich wie das Reichsparteitags-Gelände in Nürnberg. ERZÄHLERIN Der Zweite Weltkrieg lässt alle Planungen zur Makulatur werden. Nach dem Krieg übernimmt die US-Army für einige Jahre das Gefängnis. Der Trakt mit der Hitlerzelle wird abgerissen, nie mehr soll hier eine Pilgerstätte entstehen. Stattdessen inhaftieren die Amerikaner in Landsberg über 1.500 NS-Kriegsverbrecher. Fast 300 von ihnen werden dort hingerichtet – darunter Massenmörder wie KZ-Kommandanten oder Einsatzgruppenführer. ERZÄHLER An dem Ort, an dem Hitler seine verbrecherische Ideologie entwickelte und ungehindert zu Papier bringen konnte, werden nun diejenigen gerichtet, die diese Ideen in die Tat umgesetzt, die schrecklichste Menschheitsverbrechen verübt haben – Verbrechen, die es vielleicht nie gegeben hätte, wenn... ja, wenn die bayerische Justiz als es drauf ankam nach Recht und Gesetz gehandelt hätte. TC 22:02 - Outro

  15. Botswana ist eine unerwartete Erfolgsgeschichte. Bei der Staatsgründung wirtschaftlich schwach und ohne nennenswerte Infrastruktur, gilt Botswana heute als eines der wohlhabendsten und stabilsten Länder Afrikas. Das liegt nicht nur am überlegten Umgang mit Diamantenvorkommen. Wie hat Botswana das geschafft? Februar ist "Black History Month". Von Linus Lüring (BR 2022) Credits Autor: Linus Lüring Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Florian Schwarz Technik: Susanne Harasim Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Christian von Soest, Prof. Andreas Wimmer, Mogkweetsi Masisi Linktipps: Deutschlandfunk (2023): Wo die Regierung die Medien selbst – Pressefreiheit in Botswana Botswana: Ein Land reich an Natur und mit stabiler Demokratie. Einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es jedoch nicht - die Regierung produziert Inhalte für Fernsehen, Radio und Zeitungen selbst. Wie passt das in das politische System? JETZT ANHÖREN SWR (2024): Afrika im Aufbruch – Digitaler Fortschritt ohne Ende In Afrika boomt die „FinTech“-Branche: Bezahlen per Smartphone-App gehört zum Alltag. Auch andere Finanzgeschäfte werden digital geregelt. Die Technologie vernetzt auch die Menschen auf dem Kontinent über Grenzen hinweg. Einige der afrikanischen Fintech-Entwicklungen werden inzwischen weltweit genutzt. Und diese Erfolgsgeschichten sind noch nicht auserzählt. Denn Experten sagen der Branche in Afrika weiter einen Boom voraus. ZUM HÖRBEITRAG Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:26 – Eine Reise nach Großbritannien TC 04:49 – Der Enkel des Königs TC 09:11 – Ein Umbruch durch Ausgleich und Verständigung TC 10:52 – Diamantensegen TC 16:22 – Kratzer im ‚afrikanischen Märchen‘ TC 22:18 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Musik: C1582570107 Der Maschinenbauer SPRECHERIN London, 6. September 1895. Drei Männer treffen in der Stadt an der Themse ein, noch etwas seekrank von der langen Reise. Zwei Wochen waren sie unterwegs. Es handelt sich um drei Herrscher aus Gebieten im südlichen Afrika. Schnell machen sie gegenüber hochrangigen Politikern ihr Ziel klar: Sie wollen erreichen, dass ihre Königreiche unter den Schutz der Britischen Krone kommen. Herrscher, die sich freiwillig einer Kolonialmacht unterwerfen? SPRECHER Was erstmal verwunderlich klingt, ist Strategie: Denn damals hatten es auch das Deutsche Reich mit der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika und die Buren im Süden auf ihre Heimat abgesehen, erklärt Christian von Soest, Politikwissenschaftler am Leibniz-Institut für globale und regionale Studien in Hamburg. 1 von Soest Herrschaft von außen, offensichtlich das war die Einschätzung, die unter den Häuptlingen eben vorherrschte, können wir nicht verhindern. Und da waren die Briten das kleinste Übel. Wenn man es denn schon nicht geschafft hat, diese Mächte von außen eben aus dem Land rauszuhalten. Und da eben diese Reise nach London, wo man um diesen Schutz eben gebeten hat. Musik: C1582570113 Auf der Müllkippe 0‘53 SPRECHERIN Die britische Öffentlichkeit ist fasziniert von den Besuchern aus dem fernen Afrika und ihrer Mission. “Ein Triumvirat aus drei dunkelhäutigen Königen”, heißt es bewundernd in der Presse damals. Als mächtigster von ihnen gilt Khama III. Ein Name, der später noch wichtig werden wird. Nach einem Gespräch mit Queen Victoria haben er und die beiden anderen ihr Ziel erreicht: Die Briten schließen ihre und benachbarte Reiche zum Protektorat Betschuanaland zusammen. Ein Gebiet, das zentral im südlichen Afrika liegt - etwa gleich weit von Pazifik und Atlantik entfernt. SPRECHER Diese Entscheidung und die Bemühungen der drei Herrscher haben Folgen, die bis heute spürbar sind. Aus Betschuanaland wird später die unabhängige Republik Botswana. Ein Staat der Schlagzeilen macht. TC 02:26 – Eine Reise nach Großbritannien C1351080001 Kalimba work song (a) 0‘17 Zitator “Eine Erfolgsgeschichte” “Das afrikanische Wunder” “Afrikas Oase der Stabilität und Demokratie” SPRECHERIN Das sind die Überschriften von Artikeln, die in den letzten Jahren über Botswana geschrieben wurden. Sie passen nicht zu dem Klischee, das viele Menschen in Deutschland noch immer im Kopf haben, wenn sie an Afrika denken. Krieg, Korruption, Armut. Ist Botswana wirklich eine Erfolgsgeschichte und möglicherweise ein Vorbild für andere Staaten? Was hat das Land anders gemacht? C1555160105 Water trops 0‘31 SPRECHER Die damalige Reise nach Großbritannien sehen viele als entscheidenden Ausgangspunkt für eine positive Entwicklung Botswanas. Nach der Errichtung des Protektorats Betschuanaland erfüllen sich die Hoffnungen der drei Herrscher, die gezielt britischen Schutz gesucht haben. Ihre Heimat bleibt von größeren kolonialen Einflüssen verschont und - wichtiger noch - ihre Macht bleibt mehr oder weniger unangetastet. SPRECHERIN Die Briten setzen auf indirekte Kontrolle und nutzen die traditionellen Herrschaftsstrukturen weiter, um das Land zu regieren. Für sie geht es in erster Linie darum zu verhindern, dass andere Staaten ihren Einfluss ausdehnen und etwa das Deutsche Reich noch größere Gebiete im Süden Afrikas kontrolliert. Ein konkretes Interesse an Betschuanaland selbst haben die Briten nicht, und das erscheint erstmal nachvollziehbar, erklärt Christian von Soest: Das Protektorat ist etwa so groß wie Frankreich, extrem dünn besiedelt und besteht zu einem großen Teil aus Wüste, der Kalahari. Größere Rohstoffvorkommen gibt es nicht. Die Bevölkerung lebt vor allem von der Viehzucht. 2 von Soest Das Wort, was am besten die Kolonialzeit zusammenfasst, ist eigentlich die Vernachlässigung. Man hat eigentlich gar keine, keine großen Investitionen gemacht. C1595860130 One world pattern (e) 0‘26 SPRECHER Weil das Protektorat unprofitabel ist, planen die Briten Betschuanaland an die südafrikanische Union zu übergeben, dem Vorläuferstaat des heutigen Südafrika. Nachdem dort Mitte des 20. Jahrhunderts allerdings die Politik der Rassentrennung, die sogenannte Apartheid, eingeführt wurde, ging Großbritannien auf Abstand zu diesen Plänen. Betschuanaland soll stattdessen ein eigenständiger unabhängiger Staat werden. TC 04:49 – Der Enkel des Königs SPRECHERIN Dabei wird ein Mann eine wichtige Rolle spielen: Seretse Khama. Enkel von Khama III., also dem Mann, der den Schutz der Briten gesucht hatte. Seretse Khama ist nun designierter Herrscher der Bamangwato-Ethnie. Doch dieses Amt wird er nie ausüben. Zunächst geht er in den 1940er Jahren zum Studium nach Großbritannien. Musik: C1351080007 Shangaan lullaby (a) 0‘25 SPRECHER An einem Juniabend 1947 lernt er dort die junge Ruth kennen. Die beiden tanzen und verlieben sich. Ein afrikanischer Prinz und eine weiße Britin. Nur ein Jahr später planen die beiden zu heiraten. Ihre Liebe wird ein internationales Politikum. Seretse Khama schreibt einen langen Brief in die Heimat. SPRECHERIN Damals kennen Ruth und er sich seit etwa eineinhalb Jahren, erklärt er darin. Außerdem seien sie sich aller Schwierigkeiten bewusst, die sie jetzt erwarten. Aber Seretse Khama schreibt weiter, es würde keinen Sinn machen, sie von der Heirat abzubringen. Sie beide wollten den Schritt auf jeden Fall gehen. SPRECHER Die Reaktionen sind zunächst heftig. “Wenn er sie mitbringt, werde ich ihn töten”, soll Seretses Onkel angekündigt haben. Für die meisten in Betschuanaland waren Weiße in erster Linie Kolonialisten, die nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben. Gleichzeitig äußert auch das weiße Apartheidsregime im benachbarten Südafrika heftige Kritik an der Ehe. SPRECHERIN Aber Seretse und Ruth lassen sich nicht trennen. “Liebe kennt keine Hautfarbe”, erklärt er und verkündet schließlich seinen Verzicht auf den Thron. Einige Jahre später ziehen die beiden dann nach Betschuanaland. Mit seiner zurückhaltenden Art und seiner positiven Ausstrahlung gewinnt er die Herzen vieler Landsleute wieder. Auch Ruth wird in ihrer neuen Heimat immer beliebter. Musik: M0007510022 Afrikan dream 0‘22 SPRECHER In dieser Zeit, gegen Ende der 1950er Jahre, nehmen die Vorbereitungen für die Unabhängigkeit des Protektorats an Fahrt auf. Dass Seretse Khama dabei eine Schlüsselfigur wird, ist für Christian von Soest kein Zufall. 3 von Soest Khama Einmal war er Nachkomme des wichtigsten Stammes. Das heißt, er hatte ein hohes Maß an Legitimität und Autorität. Er war politisch extrem gut verbunden. Er war in Großbritannien ausgebildet. Hatte also sehr gute Verbindungen auch zur früheren Kolonialmacht und war auch einer der größten Viehbesitzer. Das heißt, er hat zur Zeit der Unabhängigkeit die Unterstützung aller politisch wichtigen Gruppen in Botswana. Der ausgebildeten Elite, der traditionellen Autoritäten, der britischen Herrscher, der Viehzüchter und der ländlichen Bevölkerung. Musik: M0007510022 Afrikan dream 0‘30 SPRECHERIN Seretse Khama gründet die Botswana Democratic Party, kurz BDP, und gewinnt damit bei den ersten Wahlen die Mehrheit der Sitze im Parlament. Als Betschuanaland 1966 als Botswana die Unabhängigkeit erlangt, wird Seretse Khama der erste Staatspräsident. Beim Amtsantritt zeigt Khama sich demütig. SPRECHER Er erklärt, wie sehr er sich über das große Vertrauen der Bevölkerung Botswanas freue. Gleichzeitig spricht er aber auch von den großen Erwartungen, die auf ihm lasten würden. Er hofft, dass er die Versprechen erfüllen kann, die er den Menschen Botswanas gegeben hat. SPRECHERIN Die Startbedingungen sind auf den ersten Blick denkbar schlecht, wenn man sich die Fakten anschaut: 1966 hat Botswana gerade mal 12 Kilometer asphaltierte Straße, keinen direkten Meereszugang, im Land gibt es nur um die 20 Universitätsabsolventen und neun Schulen, die über die Grundschule hinausgehen. SPRECHER In anderen Staaten auf dem afrikanischen Kontinent ist die Ausgangslage komfortabler. Hier hatten die Kolonialmächte deutlich stärker investiert. Das hatte allerdings einen Preis. Denn dabei hatten sie den Kolonialgebieten auch eigene Machtstrukturen aufgezwungen. In Botswana waren die Herrschaftsverhältnisse auf lokaler Ebene dagegen unverändert geblieben. 5 von Soest Das war für die weitere Entwicklung des Landes sehr, sehr wichtig. Und wenn wir uns andere Länder anschauen, da hatten Regierungen einen revolutionären Anspruch, gegen diese Herrschaftsordnung aus der kolonialen Zeit und Besitzordnungen eben anzukämpfen. Und genau diesen revolutionären Anspruch – das finden Sie nicht in Botswana. TC 09:11 – Ein Umbruch durch Ausgleich und Verständigung Musik: M0007510024 Happy plains 0‘20 SPRECHERIN Der Unabhängigkeitsprozess läuft deshalb sehr konsensual ab - ohne blutige Kämpfe. Generell basiert die Herrschaftskultur in den verschiedenen Königreichen und Ethnien des Landes schon immer auf Ausgleich und Verständigung. SPRECHER Für Seretse Khama geht es jetzt zunächst darum, Verwaltungsstrukturen für den jungen Staat aufzubauen. Britische Kolonialbeamte werden dabei nicht aus dem Land geworfen, sondern zunächst weiterbeschäftigt als Angestellte des Staates und nach und nach durch botswanische Angestellte ersetzt. Eine weise Entscheidung, erklärt Andreas Wimmer, Sozialwissenschaftler an der Columbia University in New York. 6 Wimmer Durch diese Geschichte des graduellen Übergangs von einer Kolonialverwaltung zu einer Selbstverwaltung erklärt sich, wieso das im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern die botswanische Verwaltung sehr effizient war. Korruption gibt’s auch auf sehr reduzierter Ebene. SPRECHERIN Auch Klientelismus wird von Anfang an in Botswana bekämpft. Dass Verwaltungsangestellte die eigene Ethnie bevorzugen, wenn es zum Beispiel um den Bau von Straßen oder Schulen geht, soll verhindert werden. Das gelingt weitgehend, auch weil Seretse Khama bei der Zusammensetzung der Regierung darauf achtet, dass die verschiedenen Ethnien des Landes in der Regierung vertreten sind. 7 Wimmer Und das war eigentlich von Anfang an der Fall. Heißt, dass keine der größeren Gruppen war eigentlich von der Macht ausgeschlossen. Es gab ein power-sharing arrangement, informelles power-sharing arrangement von Beginn an… TC 10:52 – Diamantensegen Musik: C1588530112 Green oasis 0‘47 SPRECHER Seretse Khama ist überzeugt von der Demokratie. Diese ist für ihn entscheidend für die Stabilität eines Landes Er soll sich sogar eine stärkere Opposition gewünscht haben. Diese hatte anfangs nur sieben von 34 Sitzen. Generell rechnet er damit, dass Staatsführer, die die Bevölkerung gewaltsam unterdrücken, irgendwann selbst mit Gewalt aus dem Amt gedrängt werden. SPRECHERIN Der Stil von Seretse Khama sorgt damals auch international für Aufsehen. In der New York Times erscheint kurz nach der Unabhängigkeit ein langer Artikel, der Botswana als erfreuliche Ausnahme zu anderen afrikanischen Staaten beschreibt. Das Wort „Erfolgsgeschichte“ wird hier bereits erwähnt. SPRECHER Es gibt allerdings ein Problem - dem jungen botswanischen Staat fehlen nach wie vor Einnahmen. Größter Wirtschaftszweig ist immer noch die Viehzucht. Das Land gilt Mitte der 1960er Jahre als eines der ärmsten der Welt, auch weil es eben keine nennenswerten Rohstoffvorkommen gibt. Musik: C1588530110 Call of the desert 0‘35 SPRECHERIN Dabei gibt es Hoffnung. In den Nachbarländern wurden schon vor Jahrzehnten große Diamantenvorkommen entdeckt. Und auch in Botswana laufen seit Mitte der 1950er Jahre Erkundungen. Nachdem zehn Jahre lang in unterschiedlichen Regionen Botswanas keine Edelsteine gefunden wurden, sollen die kostspieligen Bemühungen 1965 eingestellt werden. Der leitende Geologe kann allerdings eine Verlängerung um ein Jahr heraushandeln. SPRECHER Und nur zwei Monate vor Ablauf der Frist hat das Team Erfolg und findet tatsächlich erste Hinweise auf Diamantenvorkommen - unweit der Hauptstadt Gaborone. In der folgenden Zeit werden dann mehrere Diamantenvorkommen in verschiedenen Teilen des Landes entdeckt. Sie zählen bis heute zu den größten der Welt. Das Land kann jetzt mit enormen Einnahmen rechnen. Nun zeigt sich, dass es ein Glücksfall war, dass Botswanas staatliche Strukturen und die Verwaltung bereits weitestgehend aufgebaut waren, als der Diamantensegen über das Land hereinbrach. Andreas Wimmer: 8 Wimmer So ist es vielleicht zu erklären, dass eben im Unterschied zu anderen ressourcenreichen Ländern in Afrika, aber auch anderswo, dass der Diamantenreichtum nicht versickerte in den privaten Bankkonten von Politikern und hohen Funktionären und dass das Einkommen aus dem Diamantenabbau eben zur weiteren Verbesserung der Infrastruktur benutzt wurde, und nicht einfach, um politisch Stimmen zu kaufen oder eine Armee aufzubauen. Musik: M0007510021 Tribal conflict 0‘32 SPRECHERIN Länder, wie Angola oder auch Sambia verfügen einerseits über enorme Rohstoffvorkommen wie Kupfer oder Öl, sind andererseits aber politisch sehr instabil. Der Grund: Staatliche Strukturen sind oft schwach und daher versuchen verschiedene Kräfte, sich möglichst große Teile des Reichtums zu sichern. Immer wieder entstehen so blutige Konflikte. Als “Ressourcen-Fluch” wird dieser Teufelskreis bezeichnet. SPRECHER Dass Seretse Khama und seine Regierung es geschafft haben, diese Entwicklung zu verhindern, ist für den Soziologen Andreas Wimmer von der Columbia University eine entscheidende Entwicklung. Er hat ein Buch geschrieben über die Frage, warum manche Staaten scheitern und andere prosperieren. In Botswana sei es gelungen, Investitionen in Schulen, Krankenhäuser und Straßen so zu verteilen, dass möglichst alle Teile der Bevölkerung davon profitieren. 9 Wimmer Das Argument ist, dass das dazu beigetragen hat, dass die Bürger unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund, unabhängig von der Sprache, die sie sprechen die Regierung als gleichermaßen legitim erachten und die entsprechenden politischen Parteien auch unterstützen. SPRECHERIN Dies führte auch dazu, dass die Unterschiede der Volksgruppen im Land eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Gewaltsame Konflikte entlang ethnischer Trennlinien, wie es sie in anderen instabilen Staaten immer wieder gibt, sind in Botswana nicht entstanden. SPRECHER Eine weitere visionäre Entscheidung half, diese günstigen Voraussetzungen dauerhaft zu sichern, betont der Politikwissenschaftler Christian von Soest. Die botswanische Staatsführung rund um Seretse Khama geht zur Diamantenförderung ein Joint Venture mit dem südafrikanischen Bergbaukonzern DeBeers ein. Die Einnahmen teilen sich zur Hälfte Staat und Konzern. 10 von Soest Das hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass man erstens eben die Expertise hat, dass aber auch der Zugriff auf die Einnahmen eben auch sehr viel kontrollierter vonstattenging als das in anderen Staaten der Fall war. SPRECHERIN Dieses Kooperationsmodell wird später auch von anderen Ländern kopiert, zum Beispiel im Nachbarland Namibia. Musik: C1582570117 Im Supermarkt 0‘34 SPRECHER Botswana erlebt in den 1970er Jahren dank der Diamantenförderung einen enormen Aufschwung. Das Land verzeichnet das höchste Wirtschaftswachstum weltweit. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen entwickelt sich zu einem der höchsten auf dem Kontinent. Die Gesundheitsversorgung wird weiter massiv ausgebaut und ist zum großen Teil kostenlos. Die internationalen Beobachter überbieten sich mit Lob für “die Schweiz Afrikas”, wie Botswana immer wieder genannt wird. TC 16:22 – Kratzer im ‚afrikanischen Märchen‘ SPRECHERIN Dabei steht das Land außenpolitisch vor großen Herausforderungen. Die zentrale Frage ist, wie sich Botswana gegenüber dem rassistischen Apartheidsregime im Nachbarland Südafrika verhält. Seretse Khama ist durch seine Ehe mit der weißen Ruth und seiner liberalen Einstellung der personifizierte Gegenentwurf zu einer Politik der Rassentrennung. SPRECHER Er weiß gleichzeitig, dass er seine Kritik vorsichtig formulieren muss, um den mächtigen Nachbarn nicht zu sehr zu reizen und die eigene Souveränität nicht zu gefährden. Anders als andere Staaten hat Botswana südafrikanische Freiheitsbewegungen wohl auch deshalb nie offen unterstützt. Musik: C1608480130 Toumani A 0‘42 SPRECHERIN 1980 kommt es zu einem Einschnitt in der Geschichte Botswanas. Staatspräsident Seretse Khama stirbt im Alter von nur 59 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Aber der Übergang zu seinen Nachfolgern vollzieht sich geräuschlos. Und auch die folgenden Parlamentswahlen laufen grundsätzlich demokratisch und frei ab. Viele Berichte beschreiben Botswana bis heute überschwänglich als ein afrikanisches Märchen. In den letzten Jahren hat diese Erzählung allerdings einige Kratzer bekommen. SPRECHER Ein Beispiel dafür sind Minderheitenrechte. Der sehr repressive Umgang mit einer indigenen Volksgruppe, den San, hat immer wieder für internationale Kritik gesorgt. Christian von Soest: 12 von Soest Die San leben als Nomaden, sind nicht wirklich sesshaft und das wurde als nicht modern von der Regierung aufgefasst. Ein sehr paternalistisches Verhältnis von Politik teilweise, das nicht ausgerichtet ist auf den Schutz von alternativen Lebensformen und -entwürfen. SPRECHERIN Die San wurden von der Wasserversorgung abgeschnitten und gezielt aus ihren gewohnten Lebensräumen vertrieben. Dabei hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass in diesen Gebieten Diamantenvorkommen vermutet wurden. Und diesen Edelsteinen wird in Botswana nach wie vor alles untergeordnet. Sie sind der Garant für den Wohlstand des Landes. SPRECHER Dabei gibt es allerdings einen Haken. Denn trotz dieser Einnahmen steigt die Arbeitslosigkeit in Botswana in den letzten Jahren. Sie liegt bei rund 20 Prozent. 13 von Soest Der Abbau von Diamanten braucht nicht sehr viele Arbeitskräfte. Und das ist eben ein zentrales Problem. Die Einnahmen des Staates sind sehr hoch. Aber es ist eben nicht sehr breitenwirksam diese, diese, diese Einnahmequelle. Musik: M0007510021 Tribal conflict 0‘47 SPRECHERIN Eine Folge davon ist eine wachsende soziale Ungleichheit. Diese Entwicklung kann enorme gesellschaftliche Sprengkraft entwickeln. Ein Ziel ist deshalb seit langem eine Diversifizierung der Wirtschaft. Insbesondere weil die Diamantenvorkommen im Jahr 2050 etwa erschöpft sein sollen. Lange hat Botswana auf Luxustourismus gesetzt. Das Land verfügt über eine der größten Elefantenpopulationen weltweit und mit dem Okavango-Delta über ein Naturparadies. Seit wegen der Corona-Pandemie die Touristenströme ausblieben, zeigte sich allerdings, wie unsicher auch diese Strategie sein kann. SPRECHER Botswana hat außerdem mit einer im Vergleich zu anderen Ländern enorm hohen Zahl an HIV-Infizierten zu kämpfen. Auch der Klimawandel setzt dem Land zu. Schon seit Jahrzehnten gibt immer wieder Dürren, die große Teile Botswanas bedrohen. Nicht umsonst lautet das Staatsmotto Botswanas “Pula”, übersetzt etwa: “Möge Regen kommen!” Musik: C1595860103 Truth development inc (c) 0‘49 SPRECHERIN Bleibt noch die Demokratie, die ja Ausgangspunkt für die Entwicklung Botswanas ist und für die das Land gefeiert wird. Zwar gilt Botswana was freie Wahlen und Meinungsfreiheit angeht, noch immer als leuchtendes Vorbild - insbesondere in Afrika. Allerdings zeigen sich auch hier Probleme. Zwar gelten die Wahlen als frei und fair. Aber bislang hat jede Abstimmung die BDP gewonnen - die Partei, die Seretse Khama gegründet hatte. Es gibt Anzeichen für verkrustete Strukturen und Vetternwirtschaft innerhalb des Regierungsapparats. Die Entwicklung Botswanas wird in der Politikwissenschaft deshalb auch kontrovers diskutiert. 14 von Soest Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sagen den eigentlichen, ultimativen Test für eine Demokratie hat es noch nicht gegeben, nämlich ob ein Amtsinhaber eine Amtsinhaberin bereit ist, den Regierungssitz verlassen, wenn er oder sie bei der Wahl verloren hat und nicht mehr die Mehrheit der Stimmen hat. Das hat die BDP bisher nicht gehabt. Diese Herausforderung, dass es einen Machtwechsel gab. Jetzt lässt sich trefflich darüber streiten, ob sie bereit wäre, das zu tun. Das wissen wir letztendlich nicht. Ich würde sagen ja. SPRECHER 2018 wurde der BDP-Vertreter Mogkweetsi Masisi zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Bei seinem Amtsantritt hat er klargemacht, worauf es für ihn ankommt. 15 Mogweetsi Masisi We are committed to a modern Botswana, that is not only open but able to openly compete with the rest of the world while maintaining our founding principles that have united this nation through difficult times: Democracy, Self-Reliance, Development, Unity and Botho! ZITATOR / OV Wir streben nach einem modernen Botswana, das offen ist und in der Lage ist, mit dem Rest der Welt mitzuhalten. Dabei setzen wir auf unsere Grundwerte, die uns auch in schwierigen Zeiten geeint haben: Demokratie, Eigenständigkeit, Entwicklung, Einigkeit und Botho. Musik: C1595860130 One world pattern (e) 0‘42 SPRECHERIN Botho ist ein Begriff aus der Landessprache Setswana. Er bedeutet übersetzt etwa Menschlichkeit und gegenseitiger Respekt. Mit diesen Grundlagen hat es Botswana weit gebracht. Aber das Land steht an einer Weggabelung. Es ist unklar, ob es gelingt, die Wirtschaft breiter aufzustellen und neue Einnahmequellen zu erschließen. Entscheidend für das Bestehen der Demokratie wird sein, dass ethnische Konflikte weitgehend ausbleiben und die soziale Ungleichheit nicht noch größer wird. TC 22:18 – Outro

  16. Sie sind nicht nur beeindruckende Kunstwerke, sie sind das Gedächtnis eines ganzen Volkes in Westafrika. Was sie genau zeigen, ist allerdings noch nicht vollständig entschlüsselt. Und nach einem Raubzug der britischen Kolonialmacht sind tausende Benin-Bronzen in der ganzen Welt verteilt. Wie soll die Rückgabe ablaufen?Februar ist "Black History Month". Von Linus Lüring (BR 2023) Credits Autor: Linus Lüring Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Jerzy May, Katja Schild Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Stefan Eisenhofer, Dr. Oluwatoyin Sogbesan Linktipps: ARD Kultur (2022): Akte: Raubkunst? Warum stehen Museen in Deutschland voll mit Kulturschätzen aus Asien und Afrika? Wie sind sie hierhergekommen? In “Akte: Raubkunst?” erzählt Helen Fares die Geschichte von sechs Objekten - einige davon sind berühmt und umkämpft, andere noch kaum erforscht. Die Spuren führen in die Kolonialzeit, an Ausgrabungsstätten und in Auktionshäuser. Wir sprechen mit Menschen, die die Herkunft der Objekte erforschen und mit Menschen, die ihre Kulturschätze zurückfordern. “Akte: Raubkunst?” ist eine Produktion von Good Point Podcasts im Auftrag von ARD Kultur. ZUM PODCAST ARD Kultur (2022): Die gestohlene Seele – Raubkunst aus Afrika Brutal raubten Kolonialherren unzählige Kulturgüter aus Afrika - was soll damit geschehen? Nicht nur in Europa wird darüber kontrovers diskutiert. Auch in Afrika ist man sich uneins: vorbehaltlose Rückgabe oder nicht? Zum Film geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:11 – Raubrausch TC 04:53 – Die kolonialistische Haltung TC 08:50 – Geraubte Heiligtümer und Identität TC 11:57 – Die zähe Geschichte einer Rückgabe TC 17:49 – Immer noch Streit TC 21:47 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK: „The vikins & Barons“ – Z8032889#109 (0:26) SPRECHER Die afrikanischen Verteidiger sind chancenlos gegen die gewaltige Armee, die sich Anfang des Jahres 1897 an der Westküste Afrikas formiert hat. Rund 1200 schwer bewaffnete britische Soldaten, Begleittruppen und hunderte Träger machen sich auf den Weg ins Landesinnere. Ihr Ziel: Das Königreich Benin und deren Hauptstadt, Benin-City. Als einziges Gebiet in der Region ist es noch nicht von einem europäischen Staat unterworfen und zur Kolonie erklärt worden. MUSIK: „Masks on“ – Z8032448#119 (0:32) SPRECHERIN Zu groß ist die Übermacht der Europäer, die mit Maschinengewehren vorrücken. Nach zehn Tagen ist der Kampf vorbei und Benin-City wird eingenommen. Bevor die Briten die Stadt anschließend niederbrennen, durchsuchen sie systematisch den Palast des Oba, des Herrschers von Benin. Dabei machen sie einen überraschenden Fund. Der britische Marineoffizier Reginald Bacon erinnert sich später so: ZITATOR In den Lagerhäusern war jede Menge Krempel. Alte Uniformen oder hässliche Schirme. Aber in einem Haus befanden sich - bedeckt von Schmutz - einige hundert einzigartige Bronzeplatten - wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs. Es waren wirklich hervorragende Güsse. Die Vielfalt der Details war fantastisch. SPRECHER Zum damaligen Zeitpunkt ist den britischen Soldaten nicht wirklich klar, was sie da vor sich haben. Erstmal nehmen sie alles mit, was sie finden können. Mehrere tausend Kunstwerke werden verschleppt. Vor allem Platten und Güsse aus Bronze und anderen Legierungen, aber auch Schnitzereien aus Elfenbein oder Holz. Für all diese Stücke setzt sich der Sammelbegriff "Benin-Bronzen" durch. TC 02:11 – Raubrausch SPRECHERIN Als die ersten Stücke nach Europa kommen, lösen sie eine gewaltige Begeisterung aus. Vor allem unter den Museen beginnt ein Wettlauf um die Benin-Bronzen. Ein Mitarbeiter des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin telegraphiert an den deutschen Konsul in Westafrika, er solle von den erbeuteten Dingen “was immer erreichbar und ohne Rücksicht auf den Preis” kaufen. SPRECHER Etwas später kommen Bronzen auch nach Bayern. Die Münchner Neuesten Nachrichten melden im Dezember 1898: MUSIK: „Area codes“ – Z8020134#106 (0:18) ZITATOR Sämtliche größere Museen Europas, Amerikas, ja selbst Australiens sind alarmiert und haben sich teilweise arm gekauft. Auch in unserem Münchner Ethnographischen Museum ist eben die erste derartige Sendung eingetroffen und wird demnächst zur Ausstellung kommen. Atmo Treppenaufgang SPRECHER Mehr als 120 Jahre später geht der Ethnologe Stefan Eisenhofer die imposante Haupttreppe im Museum Fünf Kontinente nach oben, wie das Ethnographische Museum heute heißt. Er ist Leiter der Abteilungen Afrika und Nordamerika. Sein Ziel: Die ausgestellten Benin-Bronzen in der zweiten Etage. Er bleibt vor einer der Vitrinen stehen. Darin ein Kopf aus dunklem Metall, etwa 30 Zentimeter hoch… ZUSPIELUNG 1 (Eisenhofer Beschreibung Kopf) Also hier sehen wir so einen typischen Ahnen-Gedenkkopf wie er auf den Ahnen-Altären im Reich Benin gestanden ist. Das ist ein menschlicher Kopf, sehr stark stilisiert, Sie sehen um den Hals diese Ringe, sind Korallen, Ketten, Perlenketten, die Ausweis der Majestät und des hohen Ranges des Königs waren. Und da oben auf dem Kopf, sehen Sie so diese Öffnung, da steckte ein Elefantenstoßzahn drin, der in der Regel dann eben noch beschnitzt war mit mythischen oder tatsächlichen Szenen aus der Vergangenheit des Reiches. SPRECHER Etwa 20 Objekte, die zu den Benin-Bronzen gezählt werden, umfasst die Sammlung im Münchner Museum. Ein vergleichsweise kleiner Bestand. Das Ethnologische Museum in Berlin verfügt über mehr als 500 Exponate. Die meisten Benin-Bronzen finden sich in britischen Museen. Und sie alle verbindet die Frage, die Stefan Eisenhofer stellt, als er vor dem kunstvoll gestalteten Kopf aus Bronze steht. ZUSPIELUNG 3 (Eisenhofer Frage) Ja, es ist tatsächlich die Frage – wo gehören diese Ahnen-Gedenkköpfe hin? In die Museen der Welt, in Museen in Nigeria, in den Königspalast in Benin City, in ein Nationalmuseum von Nigeria oder zu anderen Familien, die vielleicht auch solche Köpfe besessen haben? TC 04:53 – Die kolonialistische Haltung MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:40) SPRECHERIN Wie soll man umgehen mit den Benin-Bronzen, die zum großen Teil geraubt wurden und jetzt in Museen und privaten Sammlungen weltweit verteilt sind? Diese Debatte wird seit einigen Jahren hochemotional geführt. Vor allem in Nigeria, dem Staat, in dem sich das Gebiet des Königreich von Benin heute befindet - nicht zu verwechseln mit dem Staat Benin, der weiter westlich liegt. Die Nigerianerin Oluwatoyin Sogbesan ist Kunsthistorikerin und Spezialistin für Fragen des kulturellen Erbes Afrikas. Die Benin-Bronzen sind für sie nur ein Beispiel für ein größeres Problem. ZUSPIELUNG 4 (Toyin - Afrika ist von außen leichter zu studieren als von innen ) Overvoice weiblich Es ist leichter, afrikanische Kultur in Museen auf der ganzen Welt zu erleben, als in Afrika. Alles wurde geplündert. Wie sollen wir unsere Geschichte zusammenfügen und verstehen? Denn das sind ja eigentlich Dinge, die die Kreativität und Fähigkeiten unserer Vorfahren verdeutlichen. So wird klar, was wir waren und wer wir sind. SPRECHER Es geht also bei der Diskussion um die Benin-Bronzen darum, wie Unrecht aus der Kolonialzeit wieder gut gemacht werden kann und auch um die Frage, wie sehr kolonialistisch geprägtes Denken bis heute wirkt. Auf der Suche nach Antworten muss man erstmal zurück an den Anfang. SPRECHERIN Denn schon im Jahr 1897, kurz nach dem britischen Raubzug, sorgen die Benin-Bronzen für Diskussionen. So heißt es im Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten damals weiter: ZITATOR [Es] wurden Bronzegüsse aufgedeckt in einer Größe und in einer Vollendung… SPRECHER … wie man sie den Schwarzen niemals zugetraut hätte. Die Kunstwerke stellen alte Gewissheiten in Frage. Ja sogar die Argumentation, die der Unterwerfung des afrikanischen Kontinentes zugrunde lag, gerät ins Wanken, als die Benin-Bronzen nach Europa kommen. ZUSPIELUNG 5 (Eisenhofer Kolonialkritik) Der Tenor war ja, wir müssen Afrika kolonisieren, um die an die höheren Weihen der Zivilisation heranzuführen. Und jetzt stieß man auf diese tollen Kunstwerke, und das brachte die Befürworter des Kolonialismus in Erklärungsnot. Und kolonialkritische Kreise hatten halt gesagt, ihr erzählt uns immer Afrikaner, sind ohne unsere kolonisierende Hand ja nicht fähig, großartige Sachen zu schaffen. Wie erklärt ihr uns das jetzt? Und es wurden dann sehr schnell Erklärungsmodelle geschaffen, indem es hieß ja, das ist ja auch nicht von Afrikanern geschaffen worden, sondern wahrscheinlich von Arabern, die irgendwie aus dem Norden da waren, oder vielleicht von Europäern, die dort an Land gingen und dort blieben. MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:32) SPRECHER So erklärt sich auch die Deutung des britischen Offiziers Reginald Bacon. Er war schnell von ägyptischem Einfluss ausgegangen. Aber es werden nicht nur die Fähigkeiten der Künstler des Königreiches von Benin angezweifelt. Es wird auch verkündet, man müsse die Benin-Bronzen nach Europa bringen und damit “retten”. Würden sie vor Ort in Westafrika bleiben, wären sie bald zerstört und damit Kunst von Weltrang unwiederbringlich verloren. Eine Sichtweise, die überheblicher kaum sein könnte. SPRECHERIN Dass die Benin-Bronzen tatsächlich vor Ort hergestellt wurden, wird inzwischen von niemandem mehr angezweifelt. Die Kunst der Bronze-Guss-Technik wird bis heute in Benin-City in Handwerkerfamilien von Generation zu Generation weitergegeben. SPRECHER Während die Herstellung der Benin-Bronzen also sehr konkret beschrieben werden kann, ist die Antwort auf eine andere Frage komplexer - nämlich warum die Kunstwerke geschaffen wurden. SPRECHERIN Dies ist eines der Schwerpunkte in der Forschung von Oluwatoyin Sogbesan. Die Kulturhistorikerin möchte dabei zuerst ein Missverständnis aufklären. TC 08:50 – Geraubte Heiligtümer und Identität ZUSPIELUNG (8 Toyin – mehr als Kunst) Overvoice weiblich Was oft als afrikanische Kunst bezeichnet wird, sind eigentlich Objekte, die eine wichtige Funktion haben. Sie werden genutzt für rituelle Zeremonien, für traditionelle Verehrung. Für die Menschen in Benin waren Sie ein Zeichen für die Macht des Oba, des Königs. Sie waren heilig, weil sie die früheren Könige ehrten. Viele der Benin-Bronzen stellen einen verstorbenen Oba dar. Sie galten als ein Medium, durch das der amtierende Oba mit seinen Vorfahren kommunizieren konnte. [Auch deshalb mussten sie so hochwertig ausgearbeitet werden.] Nochmal: Die Benin-Bronzen waren viel mehr als nur Kunstwerke. SPRECHERIN Die Benin-Bronzen sollten also vor allem durch ihre prunkvolle Gestaltung die Macht des Oba, also des Herrschers über das Königreich von Benin, symbolisieren. Aber die Objekte hatten noch eine zweite Funktion. Denn während in europäischen Kulturen Ereignisse seit Jahrhunderten schriftlich festgehalten wurden, gab es diese Tradition in den meisten afrikanischen Gesellschaften nicht. Daher spielen die Benin-Bronzen eine besonders wichtige Rolle, vor allem die Reliefplatten. ZUSPIELUNG (9 Toyin - historical recording) Overvoice weiblich Sie waren auch Objekte der Geschichtsschreibung. Das ist sozusagen die Art und Weise, wie Afrika schreibt. Jede Platte ist damit wie eine Seite in einem Geschichtsbuch. Man kann zum Beispiel Leoparden sehen, also Tiere mit denen die Menschen früher zu tun hatten. Die Benin-Bronzen waren also für die Menschen eine Möglichkeit, Ereignisse festzuhalten. SPRECHER Im Münchner Museum Fünf Kontinente erklärt Stefan Eisenhofer, der Kurator der Afrika-Abteilung, wie das konkret aussehen kann. Er zeigt im Ausstellungsraum einer dieser Bronzeplatten. Darauf sind unter anderem portugiesische Seefahrer zu sehen. ZUSPIELUNG 10 (Eisenhofer Portugiesen) Die Portugiesen erkennt man an diesen geraden Haaren, an diesen Schnittlauchhaaren und den sehr geraden Nasen. Also Europäer wurden von den Gießen in Benin sehr stereotyp dargestellt. Lange, glatte Schnittlauchhaare und eben sehr spitze, lange Nasen, während sie die Einheimischen mit sehr breiten Nasen dargestellt haben. Sie sehen hier auch zwei Würdenträger dargestellt auf dieser Benin-Platte. MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:40) SPRECHERIN Die Erforschung der Benin-Bronzen ist enorm kompliziert. Es ist nicht nur oft schwer zu deuten, was genau auf den Platten zu sehen ist oder wen ein Ahnenkopf darstellen soll - auch eine genaue Datierung ist meist nicht möglich, weil eben weitere Erklärungen oder schriftliche Ergänzungen fehlen. Es wird davon ausgegangen, dass die ältesten Bronzen aus dem 12. Jahrhundert stammen. TC 11:57 – Die zähe Geschichte einer Rückgabe SPRECHER Dass so wenig bekannt ist, liegt auch daran, dass die Briten 1897 den Palast des Oba weitgehend zerstörten und auch viele Würdenträger ermordeten. Diese gaben oft historisches Wissen mündlich an folgende Generationen weiter. SPRECHERIN Die Folge ist für Oluwatoyin Sogbesan eine Wissenslücke zwischen den Generationen - bis heute. ZUSPIELUNG 12 (Toyin - Gap) Ohne Overvoice SPRECHERIN Gerade weil die Benin-Bronzen so zentral sind für die Geschichtsschreibung eines ganzen Volkes und damit auch für dessen Identität, wurde der Raubzug zu einem zentralen Beispiel für koloniales Unrecht. Die Debatten um eine Restitution, also die Rückgabe, wird international verfolgt. SPRECHER Ein Rückblick: In den 1930er Jahren fordert der Hof von Benin erstmals offiziell von der britischen Krone die Rückgabe der Kulturgüter. Der Erfolg ist gering. Doch der Wunsch bleibt bestehen. 1960 wird Nigeria 1960 unabhängig von Großbritannien. Das Königreich von Benin ist nun Teil dieses neuen Staates. Der traditionelle Herrscher, der Oba, übt wieder großen Einfluss aus. SPRECHERIN 1972 wird in Benin-City ein Museum geplant, in dem auch Benin-Bronzen ausgestellt werden sollen. Nigerianische Diplomaten bitten darum, einige Stücke als Dauerleihgaben aus Deutschland zu bekommen. Sie stützen sich damals auf den Internationalen Museumsrat. Das Gremium hat empfohlen, geraubte Kulturgüter den noch jungen afrikanischen Staaten zurückzugeben. So soll ihnen ein besserer Zugang zur eigenen Kultur ermöglicht werden. SPRECHER Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin lehnt die Anfrage aus Nigeria damals allerdings umgehend ab. Sie besitzt die zweitgrößte Sammlung von Benin-Bronzen weltweit. Das Land habe keinen „moralischen Anspruch“ auf die Objekte und die Erwerbungen der Berliner Museen seien “von jedem Makel frei”. SPRECHERIN An dieser Haltung wird sich in den folgenden Jahren wenig ändern. Es entsteht das, was die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy eine “Sperrmauer der Institutionen” nennt. Währenddessen blüht der internationale Markt für die Benin-Bronzen weiter. SPRECHER Noch 2007 ersteigert ein privater Bieter beim Auktionshaus Sotheby`s einen bronzenen Kopf aus Benin für fast fünf Millionen Dollar. Eine Versteigerung ähnlicher Stücke einige Jahre später muss dann allerdings gestoppt werden. Die öffentliche Kritik ist zu groß geworden. MUSIK: „Area codes“ – Z8020134#106 (0:34) SPRECHERIN Auch auf Ebene der Wissenschaft tut sich etwas. 2010 wird in Deutschland die Benin-Dialogue-Group gegründet. Es geht um eine engere Zusammenarbeit zwischen deutschen, britischen oder niederländischen Museen, die Benin-Bronzen besitzen, und Einrichtungen in Nigeria. Die Restitution ist dabei erstmal kein Thema. Stattdessen soll der Austausch von Informationen zu Sammlungen oder einzelnen Objekten intensiviert werden. SPRECHER Nach und nach tritt auch die nigerianische Seite deutlicher auf. Sie bittet nicht mehr. Oluwatoyin Sogbesan und andere fordern die Rückgabe mit Nachdruck ein. ZUSPIELUNG 14 (Toyin Fliegen) Overvoice weiblich Menschen machen sich von Nigeria aus auf den Weg, um die Benin-Bronzen in Museen überall in der Welt zu sehen. Warum können nicht Menschen aus aller Welt nach Nigeria reisen? Ihr könnt ja Kopien haben. Und wenn ihr das Original sehen wollt, dann müsst ihr eben nach Nigeria kommen. Lasst uns den Spieß umdrehen! SPRECHERIN Eine Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron Ende 2017 beschleunigt dann die Entwicklung. In seiner fast zweistündigen Rede vor Studierenden in Burkina Faso verkündet er ein Umdenken: ZUSPIELUNG 15 (Rede Macron) Overvoice männlich Ich kann nicht hinnehmen, dass sich ein Großteil des kulturellen Erbes vieler afrikanischer Staaten in Frankreich befindet. Es gibt historische Erklärungen dafür, aber keine wirkliche Rechtfertigung. Das Erbe Afrika darf nicht nur in privaten Sammlungen und europäischen Museen zu finden sein. SPRECHER Damit kündigt Macron wohl so deutlich wie kein anderer europäischer Staatschef vor ihm die Rückgabe von Kulturgütern an. Ein Schritt, der auch Museen und Politik in Deutschland unter Druck setzt. Wie soll man weiter mit den Benin-Bronzen umgehen? SPRECHERIN Zur Erinnerung: Jahrzehntelang waren Forderungen aus Nigeria nicht ernst genommen und abgelehnt worden. Anfang der 1970er Jahre hieß es noch, Nigeria habe keinen Anspruch auf die Benin-Bronzen. Auf einmal geht es dann schnell: Im Juli 2022 unterzeichnen die deutsche Bundesregierung und die Regierung Nigerias eine gemeinsame Erklärung. Darin heißt es gleich am Anfang: ZITATOR Wir bekräftigen das Ziel, die Benin-Bronzen ohne Bedingungen an Nigeria zurückzugeben. MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (1:10) SPRECHER Und wenige Monate später werden in Nigeria die ersten Objekte feierlich übergeben. Mehrere hundert weitere sollen folgen. Teilweise sollen aber auch Bronzen als Dauerleihgaben in deutschen Museen bleiben - mit dem Hinweis auf die neuen Eigentümer. In allen Erklärungen und Vereinbarungen schwingt die Hoffnung mit, dass mit diesen Regelungen die jahrzehntelangen Debatten beendet werden können. TC 17:49 – Immer noch Streit SPRECHERIN Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Innerhalb Nigerias entwickelt sich eine neue Kontroverse um die Benin-Bronzen. Wem sollen sie gehören? Wer soll sich um die Aufbewahrung und Ausstellung kümmern? Und da wird es kompliziert. Dem Staat Nigeria wurden die Bronzen offiziell übergeben. Aber auch der amtierende Oba, der traditionelle Herrscher über das Königreich von Benin, hat Ansprüche angemeldet. SPRECHER Mit Erfolg: Der frühere nigerianische Staatspräsident Buhari hat die Bronzen inzwischen dem Oba übergeben. Die Begründung: Er sei der rechtmäßige Eigentümer, weil seine Vorgänger die meisten Werke in Auftrag gegeben und im Königspalast aufgestellt hatten. Allerdings ist die Sorge vieler Beobachter, dass die Bronzen nun dort verschwinden und nicht mehr in einem öffentlichen Museum gezeigt würden. So war es eigentlich geplant. SPRECHERIN Und eine weitere Partei hat sich eingeschaltet. Denn ein weiterer Aspekt gehört zu den Benin-Bronzen: Ihre Herstellung wurde auch durch einen florierenden Sklavenhandel finanziert. Dieser wiederum wurde vom Königshaus von Benin durch aggressive Eroberungskriege am Laufen gehalten. Die Nachfahren dieser Sklaven bezeichnen die Benin-Bronzen deshalb als “Blut-Metalle” und kritisieren die pauschale Rückgabe an Nigeria. Sie sehen die Kunstwerke auch als Teil des eigenen kulturellen Erbes und möchten mitbestimmen, was mit ihnen passiert. SPRECHER Stefan Eisenhofer vom Münchner Museum Fünf Kontinente wirbt für, eine ruhige Auseinandersetzung. ZUSPIELUNG 16 (Eisenhofer überhastet) Also ich würde allen Parteien eigentlich wünschen, dass man sich nicht von der Politik her treiben lässt, wie das zum Teil im Moment so der Fall ist. Also ich würde mir wünschen, dass man sich viel mehr Zeit nimmt, um Gespräche zu führen mit unterschiedlichen Akteuren in Nigeria, auch um um einfach , ja, zu sehen, die angemessenste Lösungen zu finden, wie man damit umgeht, also so, wie es im Moment so stattfindet, möglichst schnell zurückgeben, um irgendwie Schuld gutzumachen. Und dann haben wir unsere Ruhe - also das ist in meiner Sicht nicht der richtige Weg. SPRECHERIN Oluwatoyin Sogbesan warnt allerdings vor einer weiteren Einmischung. Sie betont, dass die Rückgabe bedingungslos erfolgt sei. Was mit den Bronzen weiter passiere, sei allein eine Angelegenheit Nigerias. ZUSPIELUNG 17 (Toyin in dein Haus kommen) Overvoice weiblich Es ist, als würde ich in dein Haus kommen, ohne zu fragen, die Tür öffnen und dann sage ich, was du mit deinen eigenen Sachen machen sollst. Die Debatte ist zum Teil immer noch nicht an einem Punkt angelangt, wo wir eine gemeinsame Grundlage haben. SPRECHER Es sind also trotz jahrzehntelangen Debatten immer noch zentrale Aspekte ungeklärt. Ein Rätsel konnte aber gelöst werden - mit überraschendem Ergebnis. Es ging dabei um die Frage, woher das Metall kam, das für den Guss der Benin-Bronzen verwendet wurde. Schon länger war vermutet worden, dass es aus einer einzigen Region stammt. SPRECHERIN Wissenschaftler aus Bochum konnten das bestätigen und mit chemischen Analysen nachweisen, dass das Metall für die Benin-Bronzen vor allem aus Deutschland stammt. Genauer aus der Region zwischen Köln und Aachen. Das Messing, das dort hergestellt wurde, war vor allem wegen seiner besonderen Fließfähigkeit begehrt bei Gießern in Benin. MUSIK: „A Wolfs Ghost“ – Z8032448#118 (0:30) SPRECHER Auch wenn die Benin-Bronzen damit eine deutlich größere Verbindung zu Deutschland haben als lange bekannt war - die Restitutionsdebatte verändert die Erkenntnis nicht. Denn ein legitimer Anspruch auf die Kunstgüter lässt sich daraus nicht ableiten. TC 21:47 - Outro

  17. Wer sich die Staatsgrenzen afrikanischer Staaten auf der Landkarte anschaut, sieht, dass manche von ihnen wie mit dem Lineal gezogen wirken. - Und genauso war es auch. Auf der sogenannten Berliner Konferenz oder Kongo-Konferenz von 1884/85 fand der koloniale Ausverkauf Afrikas statt. Februar ist "Black History Month". Von Gerda Kuhn (BR 2009) Credits Autorin: Gerda Kuhn Regie: Dorit Kreissl Es sprachen: Christiane Roßbach, Rainer Buck Technik: Lydia Schön Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Dr. Thomas Reinhardt Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2020): Europas koloniales Erbe in Afrika Europas Kolonialismus hat den afrikanischen Kontinent geprägt und tut das bis heute. Höchste Zeit, dass Europa sich dekolonisiert, sagen Experten. Dabei geht es um Wirtschaftsbeziehungen ebenso wie um Kultur. JETZT ANHÖREN ARD alpha (2024): Die Erfindung des Rassismus in Farbe Eine Pioniertat prägt in jahrzehntelang das Bild von Afrika und den Afrikanern und legt ab dem Jahr 1907 die fotografischen Grundlagen des Rassismus: die Reise des jungen Fotografen Robert Lohmeyer (1879-1959) aus dem westfälischen Gütersloh in die deutschen Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Er soll die Kolonien auf dem Höhepunkt des Imperialismus in Farbe fotografieren, um die Begeisterung der Bevölkerung für die fernen Besitzungen anzuregen. Es handelt sich um eine akribisch geplante PR-Aktion des Kaiserreichs. Es ist auch die "Erfindung" Afrikas und des Rassismus in Farbe, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 03:06 - Geiz und Prestige der europäischen Herrscher TC 05:05 - Mit Stift und Lineal TC 12:26 - Über alle Köpfe hinweg TC 15:35 - Die Flagge folgt dem Handel: Das deutsche Kolonialvorgehen TC 18:53 - Plünderung, Sklaverei und Gräueltaten TC 23:03 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 00:15 – Intro Musik (Pathetisch, patriotisch, getragen) ZITATOR [„Im Namen des Allmächtigen Gottes (…)“] ERZÄHLERIN „Artikel 6: Bestimmungen hinsichtlich des Schutzes der Eingeborenen, der Missionare und Reisenden, sowie hinsichtlich der religiösen Freiheit“: ZITATOR „Alle Mächte, welche in den gedachten Gebieten Souveränitätsrechte oder einen Einfluß ausüben, verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen und an der Unterdrückung der Sklaverei mitzuwirken.” ERZÄHLER: So pompös und vermeintlich nächstenliebend gibt sich die Präambel im Schlussdokument der Berliner Afrika-Konferenz 1885 - einer Zusammenkunft, die über das Schicksal von Millionen Menschen gleichsam am Pokertisch entscheidet. Mit dabei sind Deutschland, die USA, das Osmanische Reich sowie Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Portugal, Russland, Spanien und Schweden-Norwegen. Sie alle wollen den Eindruck erwecken, in göttlichem oder doch zumindest in christlichem Auftrag zu handeln. Tatsächlich aber verfolgen sie ausschließlich strategische und wirtschaftliche Eigeninteressen. So ist das eben im ausgehenden 19. Jahrhundert: den Mächtigen dieser Welt fällt es relativ leicht, sich und ihre Staaten als das Zentrum von Kultur und Zivilisation zu sehen, von dem aus der Rest der Welt huldvoll zu beglücken ist – notfalls auch mit Gewalt. Und natürlich im Namen Gottes. MUSIKAKZENT schrill, schräg, anklagend ERZÄHLERIN: Äußerer Anstoß für die Berliner Afrika-Konferenz – oder Kongo-Konferenz - ist die Frage, wer das Kongo-Becken ausbeuten darf: ein riesiges Gebiet entlang des zweitlängsten und wasserreichsten Flusses in Afrika. Europäer halten sich zu diesem Zeitpunkt allenfalls in den afrikanischen Küstenregionen auf; ins Landesinnere stoßen die wenigsten vor. Der Ethnologe Thomas Reinhardt von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität: O-Ton Reinhardt: „Die Kolonisierung hat begonnen kurz nach der Entdeckung des Chinins und der Malaria hemmenden Wirkung des Chinins. Davor war Afrika einfach dieses „Grab des weißen Mannes“.“ TC 03:06 – Geiz und Prestige der europäischen Herrscher ERZÄHLER: Das Interesse am Kongo wird durch den britischen Journalisten und Abenteurer Henry Morton Stanley geweckt. Als Reporter erhält er den Auftrag, den verschollenen Missionar und Afrika-Forscher David Livingstone zu finden. Er entdeckt ihn schließlich halbverhungert am Tanganijka-See. In den folgenden Jahren durchquert Stanley Afrika von Osten nach Westen. Er wird zum selbsternannten Kongoforscher; braucht dafür aber Geldgeber. MUSIK afrikanisch, rhythmisch ERZÄHLERIN: Als sein Heimatland England kein Interesse zeigt, schafft Stanley es, Leopold II. für seine Idee zu begeistern. Der belgische Monarch aus dem deutschen Adelsgeschlecht Sachsen-Coburg und Gotha ist seit langem auf der Suche nach Möglichkeiten, sein Selbstwertgefühl und seine finanziellen Mittel zu vergrößern. Das Kongogebiet, reich an Bodenschätzen, Anbauflächen und wilden Tieren, verspricht ansehnlichen Profit. Doch Leopold ist clever genug, seine kolonialen Gelüste zunächst hinter vermeintlich noblen Zielen zu verstecken. Er wolle zur Erforschung Afrikas und zum Kampf gegen die Sklaverei beitragen, lässt er erklären. ZITATOR: „Es geht darum, den einzigen Teil des Globus, den die Zivilisation noch nicht durchdringen konnte, für sie zu öffnen und die Finsternis zu durchbrechen, die noch ganze Völkerschaften umgibt. Man muss einen Kreuzzug führen, der diesem Jahrhundert des Fortschritts würdig ist.“ ERZÄHLER: Im „Namen des Fortschritts“ wird die Unterjochung der Völker Afrikas vorbereitet. Dem schwarzen, dunklen – sprich: unzivilisierten – Kontinent soll das Licht des aufgeklärten Europa gebracht werden. Soweit die offizielle Lesart. Doch wie so oft in der Geschichte sind Lippenbekenntnisse das eine, Realpolitik das andere. Beim großen Run auf Kolonien geht es vor allem um das Machtgleichgewicht in Europa. Als man in Deutschland beginnt, an ein Kolonialreich zu denken, ist die Welt eigentlich schon vergeben. Engländer, Spanier, Portugiesen und Franzosen haben in Afrika, Asien, Australien und Amerika bereits riesige Gebiete unter ihr Protektorat gestellt. Deutschland, die „späte Nation“, schafft erst 1871 die Reichsgründung, jetzt erst beginnt man in Berlin darüber nachzudenken, wie auch die Deutschen „einen Platz an der Sonne“ – sprich: ein Kolonialreich - ergattern könnten. ERZÄHLERIN: Dabei ist Bismarck, der große Jongleur der Macht, zunächst nicht an Kolonien interessiert. Er zweifelt an ihrer Wirtschaftlichkeit und ihrem strategischen Wert. Aber die weltweite britische Kolonial-Vorherrschaft verfolgt auch er mit Unbehagen. Die alte Seemacht England hat schon früh ihre Einfluss-Zonen gesichert. Vor allem das britische Kolonialreich in Indien weckt den Neid der europäischen Konkurrenten. Der indische Subkontinent gilt als das „schönste Juwel in der britischen Krone“. Kein Wunder, dass sich auch in anderen Ländern gekrönte und ungekrönte Häupter mit derartigen Juwelen schmücken wollen. ERZÄHLER: Über Bismarcks wahre Motive bei der Kongo-Konferenz ist viel spekuliert worden. Immerhin schreibt er in verblüffender Ehrlichkeit an den Rand einer Passage in der Konferenzvorlage das Wort „Schwindel“. Doch 1884 stehen Wahlen vor der Tür und Bismarck muss Rücksicht nehmen auf die mit ihm verbündete Nationalliberale Partei, die bereits deutlich vom „Kolonialfieber“ infiziert ist. Immerhin ist der Besitz von Kolonien inzwischen in ganz Europa zu einer Frage des nationalen Prestiges geworden. TC 06:50 – Mit Stift und Lineal ERZÄHLERIN: Am 15. November 1884 ist es dann soweit: Die Herren treffen erstmals im Reichskanzlerpalais in der Berliner Wilhelmstraße 77 zusammen. Leopold II. hat die Konferenz eingefädelt, bleibt aber selbst im Hintergrund. Der Monarch schickt seinen Vertrauten vor, Baron Gerson Bleichröder, der auch für Bismarck als Bankier und Berater in internationalen Finanzfragen tätig ist. Leopold will den Reichtum des Kongo für sich, sozusagen als private Schatztruhe. Der Ethnologe Thomas Reinhardt: O-Ton Reinhardt: „Leopold II., König von Belgien, ist eine der zentralen Figuren bei dieser Konferenz, obwohl er selbst überhaupt nicht da war. Leopold hat in den 1870er Jahren eng zusammengearbeitet mit Henry Morten Stanley, der den Kongo überhaupt erst einmal kartographiert hatte; es war ja lange Zeit völlig unbekannt, wo der Kongo entspringt, und Leopold hatte vor, so eine Art Privatreich einzurichten im Kongobecken, und das war einer der Punkte, der verhandelt werden sollte: Wie soll mit diesem Riesengebiet umgegangen werden? Soll es in eine Freihandelszone umgewandelt werden? Stanley hat tatsächlich im Auftrag Leopolds an dieser Konferenz teilgenommen.“ ERZÄHLER: Als eher unbedeutender Staat braucht Belgien für seine Kongo-Pläne die Zustimmung oder zumindest die Duldung der großen europäischen Mächte. Immerhin erhebt inzwischen Portugal Anspruch auf die Kongo-Mündung. Dem deutschen Reichskanzler wird die Afrika-Konferenz durch das Versprechen schmackhaft gemacht, er könne sich als „ehrlicher Makler“ profilieren. Welcher Politiker verzichtet schon gerne auf die Chance, das eigene Image kräftig aufzupolieren? Musikakzent: Afrikanische Trommeln ERZÄHLERIN: Die „Kongo-Konferenz“ wird in Berlin wochenlang angekündigt. An vielen Plätzen der Stadt hängen Plakate, die für „Völkerschauen“ mit afrikanischen Tänzern im Berliner Zoo werben. Kitschige Postkarten mit kolonialen Motiven sind in Mode. Auch ideologisch wird in der Presse und in öffentlichen Diskussionen das Terrain bereitet. Die Propaganda behauptet, in Afrika gäbe es noch „Niemandsland“ zu verteilen, sogenannte „weiße Flecken“. Diese müssten vermessen und besiedelt werden. Die einheimische afrikanische Bevölkerung gehört dieser Logik zufolge zur Kategorie „niemand“. ERZÄHLER: Die Delegierten, die drei Monate lang in Berlin konferieren werden, haben wenig Ahnung von Afrika, dafür aber relativ genaue Vorstellungen, welchen Gewinn sie sich für ihr eigenes Land erhoffen. Allerdings macht sich kein Staatsoberhaupt die Mühe, extra zu der Konferenz nach Berlin zu reisen. Thomas Reinhardt: O-Ton Reinhardt: „Es lief wohl so ab, dass das Botschaftspersonal, das in Berlin ohnehin versammelt war, an dieser Konferenz teilnahm. Das war also keineswegs die erste Garde der jeweiligen Diplomatie, sondern es waren die Vertreter der einzelnen Nationen in Deutschland, zum Teil auch durchaus untergeordnetes Botschaftspersonal.“ ERZÄHLERIN: Der Konferenzsaal wird von einer fünf Meter hohen Afrika-Karte dominiert. Zwar fehlt darauf das eine oder andere geographische Detail, doch allzu sehr wollen sich die Versammelten ohnehin nicht in Einzelheiten verlieren. Lord Salisbury, der britische Delegationsleiter, gibt später in einem Interview mit der London Times zu: ZITATOR: „Wir haben Linien auf Karten eingetragen, in Gegenden, die noch nie ein Weißer betreten hat; wir haben uns gegenseitig Berge und Flüsse und Seen zugesprochen, mit dem einzigen kleinen Schönheitsfehler, dass wir niemals genau wussten, wo diese Berge und Flüsse und Seen lagen.“ ERZÄHLERIN: Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, … O-TON Thomas Reinhardt: … dass die meisten Delegierten der Konferenz von Afrika nicht mehr wussten als auf den Servietten abgedruckt war – nämlich eine Umrisskarte des Kontinents. ERZÄHLER: Doch solche „Schönheitsfehler“ halten die Europäer nicht auf. Vom großen Kuchen Afrika wollen sich alle ein Stück abschneiden. Zwar fallen auf der Konferenz noch keine Entscheidungen über den Verlauf der künftigen Grenzen, aber die Modalitäten für den Ausverkauf Afrikas werden festgelegt. Später wird es auf der Landkarte aussehen, als seien in Afrika manche Ländergrenzen schnurgerade wie mit dem Lineal gezogen worden - quer zu den Lebensräumen der afrikanischen Bevölkerungsgruppen. Zusammengehörende Völker werden auseinandergerissen, verfeindete Gruppen in einem neuen Kunststaat zusammengepfercht. Die Grundlage vieler ethnischer Konflikte, die den afrikanischen Kontinent bis heute erschüttern, ist gelegt. O-TON Thomas Reinhardt: „Es gibt bestimmt Fälle, in denen eine dieser kerzengeraden Grenzen mitten durch das Siedlungsgebiet einer Ethnie verläuft. Ich glaube aber, das viel, viel größere Problem ist, welche Gesellschaften wurden gezwungen, innerhalb von Staatsgrenzen zusammen zu leben. Nehmen wir ein Land wie Nigeria, ein Land, in dem 250 radikal verschiedene Sprachen gesprochen werden, wo es traditionell eine Reihe größerer Staatsgebiete gab, die durch die koloniale Grenzziehung plötzlich gezwungen waren, so etwas wie eine nationale Identität aufzubauen, und das hat ja in den wenigsten Fällen geklappt.“ TC 12:26 – Über alle Köpfe hinweg ERZÄHLERIN: Welche hehren Worte die Vertreter der 14 Konferenz-Teilnehmerstaaten auch offiziell für ihr Vorhaben finden – besonders beliebt ist das Argument, man wolle die Sklaverei bekämpfen – eine Tatsache ist nicht zu übersehen: Kein einziger Afrikaner sitzt am Berliner Konferenztisch. Die, über deren Schicksal entschieden wird, sind nicht präsent. Der britische Botschafter, Sir Edward Malet, in seiner Eröffnungsrede: ZITATOR: „Ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass in unserem Kreis keine Eingeborenen vertreten sind, und dass die Beschlüsse der Konferenz dennoch von größter Wichtigkeit für sie sein werden." MUSIK afrikanisch, rhythmisch ERZÄHLER: Von größter Bedeutung werden die Entscheidungen für die afrikanische Bevölkerung in der Tat sein. Sie sind der Startschuss für die rasche und umfassende Kolonialisierung Afrikas. O-Ton Thomas Reinhardt: „Mitte der 1870er Jahre waren etwa zehn Prozent Afrikas von Europäern offiziell in Besitz genommen, 25 Jahre später war es praktisch der gesamte Kontinent.“ ERZÄHLER: Mit den Kolonialherren kommen die Kolonialsprachen. Ihre Beherrschung ist Voraussetzung für alle, die in Staat und Verwaltung arbeiten wollen. Und natürlich dominieren sie auch an den Schulen – an denen vor allem Geschichte und Kultur der jeweiligen Kolonialmacht vermittelt werden. So lernen Generationen von jungen Afrikanern alles über Shakespeare, ohne jemals auch nur eine einzige Zeile eines einheimischen Schriftstellers gelesen zu haben. Ähnliches gilt für den französischsprachigen Raum: O-Ton Thomas Reinhardt „Aus den französischen Kolonien kennen wir diese Geschichten von den Schulbüchern, den Lesefibeln, die beginnen mit Ausführungen über „Unsere Vorfahren, die Gallier“ – was natürlich absurd ist, wenn man es im Senegal liest oder in Kamerun.“ MUSIK afrikanisch, rhythmisch ERZÄHLERIN: Lange Zeit überlässt die deutsche Politik in Sachen Kolonialismus den Kaufleuten das Feld – auch wenn sich beide Seiten insgeheim die Bälle zuspielen. Reisende und Abenteurer machen die deutsche Regierung auf vermeintlich „herrenlose“ afrikanische Gebiete aufmerksam. Wo immer ein Stück Land entdeckt wird, auf das keine andere Kolonialmacht Anspruch erhebt, wird die eigene Fahne gehisst. ERZÄHLER: Ein auch bei den Deutschen beliebtes Verfahren ist es, mit afrikanischen Stammesführern sogenannte „Schutzverträge“ abzuschließen. Die einheimischen Clanchefs, die meist weder lesen noch schreiben können, wissen in der Regel gar nicht, was sie unterschreiben. Was es beispielsweise bedeutet, sich „unter den Schutz des deutschen Reiches“ zu stellen. Eine der folgenreichsten Klauseln lautet: ZITATOR: "… dass alle Arbeiten, Verbesserungen oder Expeditionen, welche die genannte Association zu irgendwelcher Zeit in irgendeinem Teil dieser Gebiete veranlassen wird, durch Arbeitskräfte oder auf andere Weise unterstützt werden." ERZÄHLERIN: Den Kolonialmächten dienen derartige Formulierungen später als Rechtfertigung, die afrikanische Bevölkerung zur Zwangsarbeit zu verpflichten. TC 15:35 – Die Flagge folgt dem Handel: Das deutsche Kolonialvorgehen ERZÄHLER: Auch der berüchtigte Abenteurer Carl Peters schließt nach diesem Muster einen angeblichen "Vertrag", der ihm weite Gebiete Ostafrikas zugesteht - "für ein paar Flinten", wie Otto von Bismarck spottet. Peters tut sich besonders als Propagandist für ein deutsches Kolonialreich hervor: ZITATOR: „Genau wie Deutschland nach der aktiven, so ist Ostafrika kolonisationsbedürftig nach der passiven Seite hin. Die üppigen Landschaften, verödet durch jahrhundertelange Sklavenjagden, liegen da wie die Obstbäume der Frau Holle und harren der Hand, die bereit ist, den reichen Segen zu ernten. Selbst in den Schwarzen dämmert die Erkenntnis auf, dass es besser mit ihnen werden wird, wenn Weiße als Herren des Landes unter ihnen wohnen.“ (….) MUSIK ERZÄHLERIN: Peters erwirbt in Ostafrika Gebiete ohne offizielle Genehmigung der deutschen Regierung. Für 2000 Reichsmark kauft er ein Gebiet so groß wie ganz Süddeutschland. 1884 gründet er die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“, die deutsche Siedler zur Auswanderung nach Afrika ermuntern soll. In Berlin verhält man sich zunächst abwartend. Doch als Peters droht, mit dem belgischen König Leopold II. zu verhandeln, gerät man unter Druck. O-Ton Reinhardt: „Meine Vermutung wäre, dass doch die Initiative zunächst von privaten Kaufleuten ausging. Also die Gesellschaft für deutsche Kolonien etwa, die relativ große Landgebiete in Afrika schon erworben hatte und die einfach auch geschützt wissen wollte, in militärischer Weise, durch eine offizielle Kolonisierungspolitik.“ MUSIK preußisch, militärisch ERZÄHLER: Aus Berlin gibt es nun "kaiserliche Schutzbriefe" für die okkupierten Gebiete. Mit Bismarcks berühmtem Telegramm an den deutschen Generalkonsul in Kapstadt am 24. April 1884 beginnt die deutsche Kolonialgeschichte. Er stellt darin die Erwerbungen von Adolf Lüderitz in Angra Pequena, dem heutigen Lüderitzbucht in Namibia, unter den Schutz des Deutschen Reiches. Das Gebiet umfasst 580 000 Quadratkilometer mit rund 200 000 Einwohnern. Die deutsche Herrschaft in der späteren Kolonie Deutsch-Südwestafrika wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Massenmord an den Herero und Nama zu trauriger Berühmtheit gelangen. ERZÄHLERIN: Peters wird übrigens auch später noch Schlagzeilen machen: So erschließt er den Kilimandscharo mit Waffengewalt für Deutschland und empfiehlt dem Auswärtigen Amt, die dort ansässigen Warombo … ZITATOR: … „auszurotten wie die Rothäute Amerikas, um ihr breites und fruchtbares Gebiet der deutschen Kultivation zu gewinnen“. Musikakzent bitter, anklagend ERZÄHLERIN: Bismarck, der an der Kongo-Konferenz lediglich zu Beginn und zum Abschluss teilnimmt, tritt dafür ein, dass Afrika zur Freihandelszone wird. Im Klartext bedeutet das: Es soll keine Hindernisse geben für die Ausbeutung von Rohstoffen und Bodenschätzen. Der Hunger nach diesen Gütern ist durch die Industrialisierung in Europa immens gewachsen. TC 18:53 – Plünderung, Sklaverei und Gräueltaten ERZÄHLER: Am Ende der Konferenz - man schreibt inzwischen den 26. Februar 1885 – haben sich die 14 Teilnehmerstaaten weitgehend geeinigt: O-Ton Thomas Reinhardt „In politischer Hinsicht das wichtigste Ergebnis war, das wirklich festgelegt wurde, auf welche Weise kann, darf, soll die Kolonisierung Afrikas künftig erfolgen? Das war durchaus ein dringendes Bedürfnis, denn in den späten 1870er, frühen 1880er Jahren begann die Kolonisierung im großen Stil. Hier war es einfach nötig – um Konflikte in Europa zu vermeiden - sich zu überlegen: welche Kriterien sind nötig, um ein britisches Kolonialreich zu etablieren, was gehört zum französischen Kolonialismus dazu, wie können wir das schaffen, dass dieser Wettlauf um Afrika vonstatten gehen kann, ohne dass es in Europa zu einem Krieg zwischen den beteiligten Nationen kommt.“ ERZÄHLER: Darüber hinaus wird vereinbart: O-Ton Thomas Reinhardt „Handelsfreiheit war das zweite, große Ergebnis. Man hat sich darauf verständigt, zwischen dem 5. Breitengrad nördlich und dem Sambesi ein riesiges Freihandelsgebiet einzurichten, in dem prinzipiell natürlich die Vertreter aller Nationen Handel betreiben durften.“ ERZÄHLERIN: Zudem wird Afrika für die christliche Mission freigegeben. Auch wenn sich nicht wenige Geistliche aus Idealismus zu ihrem Einsatz entschließen, so ist ihre Anwesenheit doch auch eine Demonstration des kolonialen Machtanspruchs der Weißen. ERZÄHLER: Großbritannien erhält in der Folge die wichtigsten Teile Ost- und Südafrikas sowie Ghana und vor allem das bedeutende Nigeria. Frankreich kann künftig über einen nahezu geschlossenen Raum verfügen, der die Sahara, die Sahelzone und Teile des Kongos umfasst. Deutschland wird Kolonialmacht und bekommt Togo und Kamerun, Südwestafrika, Tanganjika und die Insel Sansibar. Letztere tauscht es später gegen Helgoland ein. Auch Gebiete in Asien und Ozeanien werden den Deutschen zugesprochen. ERZÄHLERIN: Vor allem aber wird der Kongo-Freistaat, die private Kolonie des belgischen Königs Leopold II., von den europäischen Mächten anerkannt. Der Ethnologe Thomas Reinhardt: O-Ton Reinhardt „Der Kongo war reich, unglaublich reich an Bodenschätzen, das gilt ja heute nach wie vor, und es war offenbar ein Gebiet, auf das niemand Anspruch erhob. Das Erstaunliche ist ja auch, dass die Besitzansprüche Leopolds im Rahmen dieser Konferenz weitgehend anerkannt wurden. Man verständigte sich zwar darauf, dass der Kongo eine Freihandelszone sein solle, dass also Angehörige anderer Nationen ebenfalls den Fluss dort befahren dürfen, und Handel betreiben dürfen, aber letztendlich hat man Leopold dieses riesige Gebiet – vermutlich in Unkenntnis dessen, was für ein enormer Reichtum dort zu finden ist - einfach überlassen.“ MUSIK düster, moll ERZÄHLER: Der Monarch hat damit sein ursprüngliches Ziel erreicht. Er hat nun freie Hand, um durch den Verkauf von Elfenbein, Palmöl und Kautschuk den größtmöglichen Profit herauszuschlagen, ein Handel, der auf Blut gegründet ist. Denn Leopold wird in seiner Privatkolonie ein Regiment führen, das an Grausamkeit kaum zu überbieten ist. Die Einheimischen werden versklavt, um Kautschuk im Urwald zu zapfen. Ist die Ausbeute der Arbeiter zu gering, werden ihnen die Hände abgeschlagen. Männer, Frauen, Kinder, werden verschleppt, verstümmelt, ermordet. Unter Leopold II. wird der Kongo zum Schlachthaus. Historiker schätzen, dass während der belgischen Kolonialherrschaft rund zehn Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner gewaltsam den Tod finden. Musikakzent moll ERZÄHLERIN: Die Kongo-Konferenz macht den Weg frei für die ungehemmte Plünderung Afrikas. Was die Europäer als vermeintlich selbstlose Mission im Namen von Fortschritt und Humanität ausgeben, wird sich in den kommenden Jahrzehnten als Albtraum für den gesamten Kontinent erweisen. TC 23:03 - Outro

  18. Ihr Überleben verdankte Anita Lasker-Wallfisch wohl nur der Tatsache, dass sie Cello spielen konnte. Als Cellistin im Mädchenorchester von Auschwitz überlebte sie das NS-Vernichtungslager. Am 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Autorin: Carola Zinner (BR 2014) Credits Autor/in dieser Folge: Carola Zinner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Christoph Jablonka, Caroline Ebner, Peter Weiß, Anita Lasker-Wallfisch Technik: Cordula Wanschura, Monika Gsänger Redaktion: Thomas Morawetz Linktipps: ARD alpha: Zeuge der Zeit Was bleibt, wenn die letzten Zeitzeuginnen und -zeugen nicht mehr am Leben sind? Wie können ihre Erlebnisse der Nachwelt zugänglich gemacht werden? Die Porträtreihe "Zeuge der Zeit" versteht sich als filmisches Gedächtnis. In den intensiven Interviews der Filmschaffenden Andreas Bönte und Michaela Wilhelm-Fischer im Sinne einer "Oral History" berichten Zeitzeugen teilweise zum ersten Mal ausführlich über ihr Leben und machen auf diese Art Geschichte begreifbar. JETZT ANSEHEN BR2 (2023): Die Quellen sprechen Schauspieler und Zeitzeugen lesen Dokumente – verfasst von Tätern, Opfern und Beobachtern der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Ergänzend zum Podcast, findet sich unter die-quellen-sprechen.de ein Archiv für die Dokumente, Zeitzeugengespräche und Hintergrundinformationen. Zusatzinformationen, wie Landkarten, Zeitstrahl oder Personenangaben helfen, das Gehörte oder Gelesene in einen Kontext einzuordnen und die vielfachen Perspektivwechsel zu rezipieren. Das Projekt entstand im BR in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUM PODCAST BR: Die Rückkehr der Namen Mit dem Projekt "Die Rückkehr der Namen" will der Bayerische Rundfunk mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München an 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen Opfergruppen erinnern, die während des NS-Regimes verfolgt, entmenschlicht und ermordet wurden. Zum Erinnerungsprojekt geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15: Intro TC 02:46 – Klopapierrollen statt Cellobogen TC 06:24 – Mit dem Gesetz im Konflikt TC 08:30 – Deportation nach Ausschwitz TC 09:55 – Musik ist Musik TC 14:40 – Ein Abschied für immer TC 16:12 – Ihr sollt die Wahrheit erben TC 20:36 – Brücken bauen zwischen Verschiedenheiten TC 21:19 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15: Intro MUSIK CD 018520 W01 Benjamin Britten Simple Symphony English Chamber Orchestra ERZÄHLER Die „Simple Symphony“ von Benjamin Britten. In dieser Aufnahme aus dem Jahr 1968 dirigiert der Komponist selbst das English Chamber Orchestra, mit dem ihn eine langjährige Zusammenarbeit verbindet. MUSIK hoch ERZÄHLER Zum Orchester gehören mehrere Frauen - das ist für ein Spitzenensemble in jener Zeit durchaus keine Selbstverständlichkeit. Die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch gehört sogar zu den Gründern des Londoner Orchesters, das Ende der 40er-Jahre entstand. Zu dieser Zeit hatte die gebürtige Deutsche bereits ein bewegtes Schicksal hinter sich: Sie hatte das Konzentrationslager überlebt - als Mitglied des „Mädchenorchesters von Auschwitz“. MUSIK hoch und weg MUSIK CD 701140 003 (Gerichtsaussage nach Protokoll:) ZITATOR (= Col Backhouse) Ihren vollen Namen, bitte. ZITATORIN (= Anita Lasker) Anita Lasker. ZITATOR Wo haben Sie bis zu Ihrer Verhaftung gewohnt? ZITATORIN In Breslau, Straße der SA 69. ZITATOR Wann gingen Sie nach Auschwitz? ZITATORIN Ich war eineinhalb Jahre im Gefängnis und ging von da im Dezember 1943 nach Auschwitz. ZITATOR In welchem Block lebten Sie, als Sie nach Auschwitz kamen? ZITATORIN Ich lebte in Block 12, mit der Kapelle. ERZÄHLER Lüneburg, 1. Oktober 1945 - Tag 13 im ersten Gerichtsverfahren gegen deutsche Kriegsverbrecher. Mangels geeigneter Räume hat das britische Militärgericht eine Turnhalle zum Gerichtssaal umfunktioniert. Hier macht die 20-jährige Anita Lasker nun ihre Zeugenaussage. (wie oben) ZITATOR Haben Sie Selektionen für die Gaskammer gesehen? GERÄUSCH beginnt unter nachfolgendem Text ZITATORIN Ja, ich habe viele Selektionen gesehen. Ich spielte im Lagerorchester, und wir mussten am Tor spielen. Das Tor lag genau gegenüber der Eisenbahnstation. Dort kamen die Transporte an, und wir konnten alles beobachten. Der Transport kam an, die SS führte die Selektionen durch, und wir waren nur knapp 50 Meter entfernt. MUSIK/GERÄUSCH GEHT UNTER ZUSPIELUNG 1 ZU ENDE ZUSPIELUNG 1 „Man hat sozusagen in einen Abgrund geschaut, wo nicht alle Leute reinschauen. Wir sind da in einer Welt gewesen, die nicht hierher gehört im Grunde, nicht wahr.“ TC 02:46 – Klopapierrollen statt Cellobogen ERZÄHLER London im Herbst 2013. Anita Lasker-Wallfisch sitzt im Wohnzimmer ihres Reihenhauses im Stadtteil Kensal Rise. Ein gemütlicher Raum, etwas abgewohnt: Auf dem Tisch ein überquellender Aschenbecher und ein halbleeres Päckchen Zigaretten, an der Wand Fotos aus längst vergangenen Zeiten: Schwarz-weiße Illustrationen zur Geschichte, die Anita Lasker-Wallfisch erzählt. Es ist keine schöne Geschichte, denn sie führt zurück ins Deutschland der 30er- und 40er-Jahre, wo Menschen jüdischer Herkunft beschimpft, bedroht, angegriffen, weggesperrt, gequält und umgebracht wurden - darunter auch Anitas Familie. ZUSPIELUNG 2 „Der Tod war immer um die Ecke. Ich habe immer gehofft, dass ich es überleben werde irgendwie.“ ERZÄHLER Anita, Jahrgang 1925, wuchs in Breslau auf. Der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter eine talentierte Musikerin. Die Familie führte ein gutbürgerliches Leben - ein glückliches Leben, wie sich Anita und ihre beiden Schwestern später erinnern. Doch ab 1933 wurde alles anders: Die staatlich verordnete Drangsalierung von Menschen jüdischer Herkunft nahm immer mehr zu. Der Mob bekam freie Hand für Gemeinheiten aller Art. MUSIK – und unter nachfolgendem Text zu Ende CD 921900 005 ERZÄHLER Anita, die begeistert Cello spielt, findet im Jahr 1938 in ganz Breslau keinen Lehrer mehr, der sie unterrichten darf oder will. So schicken die Eltern ihre begabte Jüngste nach Berlin zum berühmten Cellisten Leo Rostal. Anita ist glücklich in Berlin - doch als die organisierte Gewalt gegen Juden mit den November-Pogromen einen ersten Höhepunkt erreicht, kehrt sie zurück zur Familie nach Breslau. Die älteste Schwester, Marianne, ist zu diesem Zeitpunkt bereits nach England emigriert, wo die überzeugte Zionistin nun auf die Weiterreise nach Palästina wartet. Währenddessen bemüht sich der Vater zuhause verzweifelt darum, auch den Rest der Familie im sicheren Ausland unterzubringen. ZUSPIELUNG 3 * „Man fragt immer, warum seid ihr nicht früher weggegangen - man kann sich nicht vorstellen wie schwierig das war, auszuwandern. Man hat gemeint, man geht irgendwo hin auf ein Konsulat, man holt sich… - es war eine große Schwierigkeit – und wer will schon von Flüchtlingen überrannt werden, nicht wahr? England, Amerika, da gab’s eine Quote - es ist uns nicht gelungen. Wir sind einfach steckengeblieben.“ ERZÄHLER 1941 beendet Anita die Schule und wird zusammen mit ihrer Schwester Renate zum Arbeitsdienst in eine Papierfabrik beordert. Seite an Seite mit Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern aus Polen und Frankreich steht die 16-Jährige nun von morgens bis abends an der Werkbank. ZITATORIN Ich entwickelte eine geradezu märchenhafte Geschwindigkeit im Etikettenkleben. Später durfte ich auch an der Maschine arbeiten. Ich habe wohl Millionen von Klopapierrollen fabriziert. ERZÄHLER So schreibt Anita Lasker-Wallfisch in ihrer 1996 erschienenen Autobiographie, wo sich neben den eigenen Erinnerungen auch die ihrer Schwester Renate finden, dazu amtliche Schreiben und Auszüge der Briefe, mit denen die Familie die in England lebende Schwester so lange wie möglich auf dem Laufenden hielt. Hier ist nachzulesen, wie die Eltern im April 1942 abtransportiert wurden, wie die beiden Mädchen allein in der Wohnung zurückblieben - und mit welcher Energie und Tapferkeit sie den Kampf ums Überleben antraten. TC 06:24 – Mit dem Gesetz im Konflikt ZUSPIELUNG 4 * „Wir waren ziemlich freche Kinder, meine Schwester und ich. Ich meine, es hat uns nie gepasst, dazusitzen und zu warten bis uns jemand abholt und ermordet, wissen Sie, das war kein sehr angenehmer Gedanke. Wir haben immer versucht irgendwas zu machen, nicht einfach zu sitzen und zu warten.“ ERZÄHLER Eines der Verbote, gegen die die Mädchen sich auflehnen, betrifft den Kontakt zwischen den jüdischen Arbeitern und den Franzosen, die in der Papierfabrik arbeiten. ZUSPIELUNG 5 * „In der Wand von der jüdischen Toilette war ein Loch, und auf der anderen Seite war der Aufenthaltsraum von den französischen Kriegsgefangenen, und dieses Loch war sozusagen unser Briefkasten.“ ERZÄHLER Neben kleinen Botschaften wandern durch dieses Loch bald auch amtlich aussehende Formulare: Die Lasker-Schwestern haben begonnen, Urlaubsscheine zu fälschen und verhelfen damit einigen der Franzosen zur Freiheit. ZUSPIELUNG 6 * „Aber ich bin wahrscheinlich zu oft auf die Toilette gegangen, denn eines Tages war dieses Loch zugemauert. Wir haben gewusst, dass man uns auf der Spur ist. Und dann haben wir, Kinder wie wir waren, gesagt, jetzt laufen wir weg. Und haben auch mit gefälschten Papieren versucht, in die unbesetzte Zone von Frankreich zu gelangen. Das war natürlich eine, wenn ich jetzt zurückdenke, eine vollkommen wahnsinnige Idee - aber alles war besser als zu sitzen und zu warten, bis so ein Mistkerl kommt und einen verhaftet, nicht wahr?“ ERZÄHLER Noch auf dem Bahnsteig - die Koffer sind bereits im Zug nach Paris - werden die beiden verhaftet und festgesetzt. Dass sie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, wird sich im Nachhinein als Glück erweisen. ZUSPIELUNG 7 * „Wenn wir einfach als Juden geschnappt worden wären, wären wir sofort durch den Schornstein gegangen. Aber wir waren dann quasi Verbrecher: Urkundenfälschung, Feindesbeihilfe und Fluchtversuch.“ ERZÄHLER Das heißt: Gefängnis statt Konzentrationslager. Und es heißt: Justiz statt Gestapo. ZUSPIELUNG 8 * „Zu unserem Glück war eine schlechte Atmosphäre zwischen diesen beiden Instanzen, und das ist uns offensichtlich zum Glück geworden. Wir wollten eine lange, lange Strafe haben, wenn möglich. Das klingt wahnsinnig… Es war nicht angenehm im Gefängnis, aber wenigstens wird man nicht ermordet.“ TC 08:30 – Deportation nach Ausschwitz ERZÄHLER Mit dem Urteilsspruch jedoch ist die Zeit in der Untersuchungshaft zu Ende. Die beiden Mädchen werden getrennt voneinander und ohne vom Schicksal der anderen zu wissen ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Allerdings nicht, wie sonst üblich, im Rahmen eines Sammeltransportes, sondern in einem Gefängniszug speziell für Straftäter. ZUSPIELUNG 9 „Das hieß auch, dass wir nicht mit so einem Riesentransport von Juden angekommen sind. Wir sind einfach direkt ins Lager rein mit anderen Verbrechern. Wir haben keine Selektion gehabt.“ MUSIK CD 701140 002 ERZÄHLER Die üblichen entwürdigenden Aufnahmezeremonien aber werden auch ihnen nicht erspart. Ausziehen, Rasur, Tätowierung. ZITATORIN Ich weiß heute nicht mehr, was mich dazu bewogen hat, dem Mädchen, das mich tätowierte, zu erzählen, dass ich Cello spielte. Unter den vorherrschenden Bedingungen schien das nicht gerade von welterschütternder Bedeutung zu sein. Die Reaktion war umso erstaunlicher: „Das ist ja phantastisch. Stell dich abseits, bleib dort stehen und warte. Du wirst gerettet werden!“ Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete, tat aber, was sie mir sagte, stellte mich abseits von allen anderen und wartete - ohne Vorstellung, worauf ich eigentlich wartete. Endlich kam die Erklärung, und zwar in Gestalt einer gutaussehenden Dame in Kamelhaarmantel und Kopftuch. Sie begrüßte mich und stellte sich vor. Alma Rosé. MUSIK geht unter Zuspielung 10 zu Ende TC 09:55 – Musik ist Musik ZUSPIELUNG 10 * „Das war die Tochter von Arnold Rosé, der war jahrelang Konzertmeister bei den Wiener Philharmonikern gewesen. Und ihr Onkel war Gustav Mahler, ich meine, die kam aus einem musikalischen Background, der geradezu kolossal war, nicht wahr.“ ERZÄHLER Alma Rosé hatte sich in den 20er- und 30er-Jahren als Geigerin einen Namen gemacht und ein Damenorchester gegründet und geleitet. Nach ihrer Ankunft im Konzentrationslager war das bald publik geworden. Prompt spannten Aufseherinnen die „Neue“ für ihre Zwecke ein. ZUSPIELUNG 11 * „Was ich erst viel später gelernt habe, dass es in jedem Lager ein - man kann es nicht Orchester nennen - eine Kapelle gab. Außer im Frauenlager. Das war anscheinend so eine Art „Competition“ zwischen den Lagern: Wir wollen auch Musike haben! Die haben Musik, wir wollen auch, verstehen Sie. So war das ein bisschen.“ MUSIK – setzt unter den letzten Worten des nachfolgenden Textes ein C 500008 W02 ERZÄHLER Alma Rosé übernahm im Frauenlager von Auschwitz-Birkenau die Leitung des Orchesters, das kurz zuvor „auf Befehl von oben“ gegründet worden war. ZITATORIN Eines Tages kam ein SS-Offizier in den Block und rief nach der „Cellistin“. Er brachte mich zum Orchester-Block, und da sah ich Alma Rosé wieder - und neben ihr viele Leute, alle mit Instrumenten in der Hand. Meine Aufnahmeprüfung begann. Alma gab mir ein Cello und sagte: „Spiel mir was vor.“ Es war ungefähr zwei Jahre her, seit ich zuletzt ein Cello in der Hand gehabt hatte! Ich übte also ein paar Minuten - und spielte… MUSIK hoch – und unter nachfolgendem Text zu Ende …oder besser: versuchte, den langsamen Satz aus dem Boccherini-Konzert zu spielen. Nachdem ich das hinter mir hatte, wurde ich Mitglied des Orchesters. Eigentlich hat keinerlei Gefahr bestanden, nicht aufgenommen zu werden. Bis zu meiner Ankunft bestand das Orchester aus nichts als Sopran-Instrumenten. Da gab es einige Geigen, Mandolinen, Gitarren, Flöten und zwei Akkordeons. ZUSPIELUNG 12 „Das war mein großes Glück, denn ich war einzigartig im Lager. Wenn da schon jemand gewesen wäre, der Cello spielt, hätte man mich nicht unbedingt gebraucht, nicht wahr. Man konnte mich nicht entbehren, denn dann hätte man wieder keine tiefen Noten gehabt, nicht wahr.“ MUSIK Militärmarsch Schubert D-Dur, Bearbeitung für Orchester E 0002140 004 (Aufnahme von 1955) ZITATORIN Alma war begeistert. Endlich hatte sie einen Bass im Orchester. So fing meine „Karriere“ als die einzige Cellistin des Lager-Orchesters an - oder richtiger: der „Kapelle“. Und zugleich mein Leben in dieser kleinen Gemeinschaft, in der rührende Kameradschaftlichkeit, bleibende Freundschaften und giftiger Hass in gleichem Maße nebeneinander gediehen. ZUSPIELUNG 13 * „Es war ein vollkommen verrücktes Orchester, war das natürlich, aber immerhin: Es hat existiert.“ ZITATORIN Ein typischer Tag in unserem „Kommando“ - wie man es nannte - sah wie folgt aus: Wir standen eine Stunde vor Tagesanbruch auf, und einige von uns hatten die Aufgabe, Notenständer und Stühle „nach vorne“ zu tragen. Wenn wir alle wieder im Block waren, kam der Zählappell. Danach gab es etwas zu trinken; man aß, was einem gelungen war, sich vom vorigen Abend aufzusparen. Dann marschierten wir zum Tor und spielten. Denn unsere Hauptaufgabe war es, uns jeden Morgen und jeden Abend am Haupteingang aufzustellen und Märsche für die Tausende von Häftlingen zu spielen, die außerhalb des Lagers arbeiteten. (ironisch) Natürlich war es von allergrößter Wichtigkeit, dass diese Kolonnen fein säuberlich und im Gleichschritt ausmarschierten! Dafür lieferten wir die Musik. Wir saßen da, unzulänglich bekleidet, manchmal bei Temperaturen unter null, und spielten. Danach wurden Stühle und Ständer zurückgebracht und wir fingen im Block mit unseren Proben an. Unser Repertoire bildeten deutsche Schlager, die gerade in Mode waren, verschiedene Stücke aus Operetten, „An der schönen blauen Donau“, und so weiter. MUSIK „Das gibt’s nur einmal…“ 7705707 000 ZUSPIELUNG 14 „Die Alma, glaub ich, hat nie realisiert, oder nie gezeigt, dass sie weiß, wo sie eigentlich sich befindet. Man hat das Gefühl gehabt, dass sie das ignoriert. Hier wird Musik gemacht, nicht wahr. Und wir haben sie nicht besonders geliebt, sie war irrsinnig streng. Aber viele Jahre nachher haben wir alle kapiert, dass eigentlich die Alma die wichtigste Person war in unserem Leben. Denn mit ihrer Disziplin hat sie uns sozusagen auf einem Niveau gehalten, das gar nichts damit zu tun gehabt hat, was da eigentlich los war in dem Lager, nicht wahr… Und sie hat immer von ihrem Vater gesprochen, von dem Arnold, die haben eine sehr enge Beziehung gehabt, und ihr größtes Lob war: „Das könnten wir meinem Vater vorspielen!“ Sie war also vollkommen fixiert auf ihren Vater, und dass man hier anständig Musik macht. Weil Musik ist Musik und das lassen wir uns nicht kaputtmachen. Das war so ihre Methode.“ MUSIK hoch und unter dem Anfang des nachfolgenden Textes zu Ende TC 14:40 – Ein Abschied für immer ERZÄHLER Der kurze Höhenflug des Orchesters endete mit dem plötzlichen Tod von Alma Rosé im April 1944. Bis heute sind die Umstände umstritten. War es eine Infektion? Hatte eine Neiderin sie vergiftet? Oder handelte es sich um eine Lebensmittelvergiftung? MUSIK CD 701140 001 ZITATORIN Welche Sonderstellung Alma im Lager innehatte, zeigte sich an der Tatsache, dass wir nach ihrem Tod ins Revier gerufen wurden, wo wir an ihrem auf einem weißen Tuch aufgebahrten Leichnam vorbeidefilierten. Selbst die SS schien über diesen Verlust erschüttert. MUSIK geht unter nachfolgendem Text zu Ende ERZÄHLER Im Oktober 1944 löste sich das Orchester auf - die Häftlinge wurden von Auschwitz nach Bergen-Belsen transportiert. Anita gelingt es, mit ihrer Schwester Renate zusammenzubleiben, die sie im Lager wiedergetroffen hat - zu zweit, wissen die Mädchen, haben sie eine deutlich bessere Chance, den Winter zu überstehen. Und tatsächlich gelingt es ihnen, unter unmenschlichen Bedingungen. Am 15. April 1945 endet der Alptraum: Britische Truppen rücken in Bergen- Belsen ein und befreien die halb verhungerten Gefangenen. Ein halbes Jahr später macht Anita ihre Aussage vor dem britischen Tribunal in Lüneburg. Dann verlässt sie Deutschland. Es soll, so nimmt sie sich vor, ein Abschied für immer sein: von allem, was deutsch ist. TC 16:12 – Ihr sollt die Wahrheit erben ZUSPIELUNG 15 „Ja, wir waren sehr kritisch, meine Schwester und ich. Ich erinnere mich noch, wir haben über Leute sofort irgendwie… ‚Ach, der würde sich sehr schlecht benehmen – und der wäre ok‘ und so weiter. Wir haben sozusagen einen 6. Sinn bekommen für Menschen. Aber das haben wir uns bald abgewöhnt, denn das ist eine sehr negative - man kann nicht so kritisch sich alle Leute anschauen.“ ERZÄHLER Trotz der bitteren Erfahrungen gelingt es Anita, sich in England ein neues Leben aufzubauen, zu dem neben der Gründung einer Familie auch die Karriere im English Chamber Orchestra gehört. ZUSPIELUNG 16 „Das war Glückssache alles: Als ich nach England gekommen bin, hab ich bald viele Leute kennengelernt, und Musiker kennengelernt; und dann bin ich in das gleiche Haus gezogen, wo Musiker waren. Es ist alles so von alleine irgendwie passiert, per Zufall, yes. Ich mein, ich hab verpasst, acht Jahre verpasst, die man im Grunde braucht. Also, ich hab viel Glück gehabt hier in England. Sozusagen ich bin zufällig am richtigen Platz gewesen.“ ERZÄHLER Aus der in den 50er-Jahren geschlossenen Ehe mit dem Pianisten Peter Wallfisch gingen zwei Kinder hervor, eine Tochter und ein Sohn, Raffael Wallfisch, heute selbst ein namhafter Cellist. Raffael war es auch, der in den 90er-Jahren den Anstoß gab, dass seine Mutter die Erinnerungen an die Vergangenheit schriftlich festhielt. ZUSPIELUNG 17 „Denn eines Tages hat sich herausgestellt, dass wir eigentlich nie über diese Zeit gesprochen haben. So ist das entstanden. Dann hab ich das für meine Kinder gemacht - und habe also sehr amateurhaft etwas zusammengestellt. Und die Geschichte war so, dass jemand von der BBC ist zu mir gekommen ist, die ein Programm über Theresienstadt gemacht hat. Und die hat gemeint, dass ich ihr dabei helfen kann. Ja, nein, das kann ich nicht, denn ich war nicht dort, aber ich habe für meine Kinder blablabla Auschwitz, Belsen und so weiter. Da hat sie das mitgenommen und sich‘s angesehen und hat gesagt, weißt du, wenn du nichts dagegen hast, könnten wir das vielleicht in 20 Minuten einteilen und du liest das dann im Radio. Und das ist auch geschehen - so fing das Ganze an.“ ERZÄHLER 1994 veröffentlichte Anita Lasker-Wallfisch ihr Buch „Inherit the Truth“, das zwei Jahre später unter dem Titel „Ihr sollt die Wahrheit erben“ auf Deutsch erschien. Mit der schriftlichen Aufarbeitung des Geschehenen wird es ihr langsam wieder möglich, Kontakt zu Deutschland aufzunehmen - und zu ihrer Muttersprache zurückzukehren, von der sie einst schwor, sie nie mehr zu verwenden. Weil sie erleben musste, wie in dieser Sprache Unmenschliches ausgesprochen, angeordnet und akzeptiert wurde. ZUSPIELUNG 18 „Zum Beispiel, als meine Eltern abgeholt worden sind, hat man versiegelt alles, einen Kuckuck draufgemacht, ja, auf alles, inklusive Kopfkissen. Und wir konnten keine Schublade mehr aufmachen und nichts. Dann bin ich zur Gestapo gegangen, unverschämt wie ich war. Und ich hab also einen Brief hier - die haben nicht mal eine Schreibmaschine: ‚Ungebeten kommt Anita Sarah Lasker auf die Gestapo, Beruf Arbeiterin, und bittet, dass man eine Schublade aufmacht. Abgelehnt!‘ Der Clou war - diese Wohnung ist also dann einem Deutschen gegeben worden: Wir waren im Gefängnis, alle waren weg, und der zieht in die Wohnung ein und der Koch-Ofen ist nicht mehr da. Da ist doch die Gestapo zu mir ins Gefängnis gekommen, und hat mich verhört: Was mit dem Ofen passiert ist!? Sag ich, mein Vater hat ihn nicht abmontiert und sich auf dem Rücken geschnallt und ist deportiert worden mit dem Ofen. Das wollten die wissen. Der Ofen gehört… Aber die ganze Idee: Dass also alles, was uns gehört hat, gehört jetzt mir. Und das war akzeptiert. Ich meine, es ist sehr schwer das heute nachzuvollziehen, was das für eine Mentalität war.“ ERZÄHLER Umso wichtiger ist es ihr, davon zu berichten - vor Schulklassen, in Seminaren, in Fernseh- und Radiosendungen wie in der dokumentarischen BR-Produktion "Die Quellen sprechen", aus der auch in dieser Sendung einige Ausschnitte zu hören waren. Die Menschen sollen daran erinnert werden, wozu der Mensch fähig ist - nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. MUSIK CD 70114 002 TC 20:36 – Brücken bauen zwischen Verschiedenheiten ZUSPIELUNG 19 „Ich meine, die Welt sieht nicht so wunderbar aus, auch heute, nicht wahr, man stürzt sich wieder auf andere Gruppen und so weiter. Was ich den Leuten mitgeben will: Dass es wichtig ist, wichtiger denn je, Brücken zu bauen zwischen den Verschiedenheiten, die wir haben als Menschen. Es ist ja geradezu eine irrsinnige Idee - wenn wir alle gleich wären, wäre es ja furchtbar langweilig, nicht. Wir sind nun mal sehr verschiedene Menschen. Da gibt es Juden, da gibt es Türken, da gibt es Deutsche - bevor sie sich totschlagen, sollen sie miteinander Kaffee trinken gehen. (Lacht) Das erzähle ich der Jugend, verstehen Sie?“ MUSIK hoch, bis Ende ZUSPIELUNG 20 „Jetzt mach ich Ihnen eine Tasse Kaffee, ja? Wenn Sie wirklich fertig sind mit…“ (Schritte) TC 21:19 - Outro

  19. Das Tagebuch der Anne Frank hat Millionen Menschen bewegt. Mit 13 Jahren beginnt das Mädchen unter dem Druck nationalsozialistischer Verfolgung seine Gedanken und Gefühle aufzuzeichnen. Trotz aller Ängste lässt sie sich ihre Neugier gegenüber dem Leben nicht rauben. Doch zwei Jahre später wird ihr Versteck entdeckt. Anne Frank stirbt mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Am 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2022) Credits Autor/in dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Axel Wostry Es sprachen: Friedrich Schloffer, Rahel Comtesse, Adela Florow, Ilse Neubauer Redaktion: Hildegard Hartmann Linktipps: Deutschlandfunk Kultur (2022): Die Deutschen waren erschüttert – aber ohne Schuldgefühle Mitte der Fünfziger begann die Erfolgsgeschichte des Tagebuchs der Anne Frank. Eine populäre Theaterumsetzung sorgte dafür, dass sich die Deutschen mit dem Buch beschäftigten. Doch von echter Vergangenheitsbewältigung konnte noch keine Rede sein. JETZT ANHÖREN BR2 (2023): Die Quellen sprechen Schauspieler und Zeitzeugen lesen Dokumente – verfasst von Tätern, Opfern und Beobachtern der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Ergänzend zum Podcast, findet sich unter die-quellen-sprechen.de ein Archiv für die Dokumente, Zeitzeugengespräche und Hintergrundinformationen. Zusatzinformationen, wie Landkarten, Zeitstrahl oder Personenangaben helfen, das Gehörte oder Gelesene in einen Kontext einzuordnen und die vielfachen Perspektivwechsel zu rezipieren. Das Projekt entstand im BR in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. ZUM PODCAST BR: Die Rückkehr der Namen Mit dem Projekt "Die Rückkehr der Namen" will der Bayerische Rundfunk mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München an 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen Opfergruppen erinnern, die während des NS-Regimes verfolgt, entmenschlicht und ermordet wurden. Zum Erinnerungsprojekt geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:51 – Liebe Kitty: Anfänge des weltbekannten Tagebuches TC 05:24 – Das Leben im Verborgenen TC 08:07 – Zwischen Todesangst und Depression TC 09:57 – Ein Mädchen voller Inspiration, Träume und Hoffnung TC 11:44 – Wie wird man in einem Versteck erwachsen? TC 14:25 – Glaube ist stärker TC 16:08 – Das Vermächtnis von Anne Frank TC 19:10 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro SPRECHER: Freitag, 4. August 1944. In der Amsterdamer Firma "Opekta" an der Prinsengracht 263 beginnt ein ganz normaler Arbeitstag. Gerade hat die Sekretärin Miep Gies ihr Büro betreten. Aber sie setzt sich nicht sofort an den Schreibtisch. Sie schiebt ein Regal beiseite und öffnet die Tür, die sich dahinter verbirgt. Hinter dieser Tür leben acht Menschen, von denen niemand wissen darf. Es sind Juden. Und Juden werden von der deutschen Besatzungsmacht verfolgt, in Konzentrationslager getrieben, umgebracht. SPRECHERIN: Die Jüngste der acht heißt Anne Frank. Sie ist fünfzehn Jahre alt. Ihr Vater Otto Frank war früher der Chef der Firma. Seine Mitarbeiter beschützen und versorgen die Versteckten, riskieren ihr Leben für sie. Miep Gies ist eine von den Helfern. SPRECHER: An jenem Freitagmorgen wartet Anne schon ungeduldig auf sie. Besuch ist ihre einzige Abwechslung. Miep erinnert sich: ZITATORIN Miep: „Anne hatte wie üblich unzählige Fragen auf Lager und drängte mich, ein bisschen mit ihr zu reden. Wenn ich am Nachmittag die Lebensmittel heraufbrächte, bliebe ich zu einem ausführlichen, gemütlichen Schwatz, versprach ich. Bis dahin müsse sie sich gedulden. Ich ging zurück ins Büro und fing an zu arbeiten." SPRECHERIN: Miep und Anne begegnen sich hier zum letzten Mal. Denn wenig später steht ein Gestapo-Beamter vor Mieps Schreibtisch – mit gezückter Pistole. SPRECHER: Irgendjemand hat der Polizei das Versteck verraten. Und nun geht alles sehr schnell: Die Gestapo-Leute treiben die Menschen aus ihren Zimmern. Wenig später werden sie in einem Auto abtransportiert. SPRECHERIN: Miep bleibt zurück. Fassungslos steht sie in den verwüsteten Räumen. ZITATORIN Miep: "Sie hatten wie die Wandalen gehaust. [...] Auf dem Fußboden, inmitten von Papierbergen und Büchern, entdeckte ich einen rot-orange-grau karierten Leineneinband – Annes Tagebuch, das sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte." SPRECHERIN: Miep weiß auch, was den Verhafteten bevorsteht. Trotzdem hofft sie, Anne einmal wiederzusehen. Sie legt das Tagebuch ungelesen in eine Schublade und schließt sie ab. ZITATORIN Miep: "Ich werde alles sicher aufbewahren für Anne, bis sie zurückkommt." SPRECHER: Anne kam nie zurück. Von den acht Untergetauchten überlebte nur der Vater Otto Frank. Das Tagebuch seines toten Kindes überwältigte ihn. Er habe, so sagte er nach dem Krieg, keine Ahnung von der Tiefe ihrer Gedanken und Gefühle gehabt. TC 02:51 – Liebe Kitty: Anfänge des weltbekannten Tagebuches SPRECHERIN: Wie sollte er auch. Das Tagebuch war Annes eigene Welt. Erwachsene hatten hier keinen Zutritt. Anne redete in ihrem Tagebuch mit Kitty, einer Freundin, die nur in ihrer Fantasie existierte. ZITATORIN Anne: "Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe.“ SPRECHER: So beginnt Annes Tagebuch am 12. Juni 1942, Annes dreizehntem Geburtstag. Anne ist ein ganz normales Mädchen: hübsch, gesellig, fröhlich. Sie liebt Schwatzen, Geheimnisse und Filmstars. Aber ihr Leben steht von Anfang an unter dem Schatten der Verfolgung. Anne erzählt: ZITATORIN Anne: "Mein Vater, der liebste Schatz von einem Vater, den ich je getroffen habe, heiratete erst mit 36 Jahren meine Mutter, die damals 25 war. Meine Schwester Margot wurde 1926 in Frankfurt am Main geboren, in Deutschland. Am 12. Juni 1929 folgte ich. Bis zu meinem vierten Lebensjahr wohnte ich in Frankfurt. Da wir Juden sind, ging dann mein Vater 1933 in die Niederlande." SPRECHER: Amsterdam, das bedeutet unbeschwerte Kinderjahre: bis die Nazis im Mai 1940 auch die Niederlande besetzen. Die Schlinge zieht sich zu für die Juden dort. Eine antisemitische Verordnung jagt die andere. Anne beobachtet die Situation genau: ZITATORIN Anne: "Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit einem privaten; Juden dürfen nur von 3-5 Uhr einkaufen; Juden dürfen nur zu einem jüdischen Frisör; Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf die Straße; Juden dürfen sich nicht in Theatern, Kinos und an anderen dem Vergnügen dienenden Plätzen aufhalten; Juden dürfen nicht ins Schwimmbad, ebenso wenig auf Tennis-, Hockey- oder andere Sportplätze; Juden dürfen nicht rudern; Juden dürfen in der Öffentlichkeit keinerlei Sport treiben; Juden dürfen nach 8 Uhr abends weder in ihrem eigenen Garten noch bei Bekannten sitzen; Juden dürfen nicht zu Christen ins Haus kommen; Juden müssen auf jüdische Schulen gehen und dergleichen mehr. So ging unser Leben weiter, und wir durften dies nicht und das nicht." SPRECHER: Auch das Tragen eines gelben Sterns mit der Aufschrift "Jude" wird zur Pflicht. Immer häufiger treibt die SS große Gruppen von Menschen mit dem gelben Stern an der Kleidung durch Amsterdams Straßen. Es sind Kinder darunter, alte Menschen, schwangere Frauen. Ihr Weg führt zum Bahnhof, wo die Waggons der Deutschen Reichsbahn stehen: bereitgestellt, um Menschen in den Tod zu fahren. TC 05:24 – Das Leben im Verborgenen SPRECHERIN: Als auch Margot, Annes Schwester, den Befehl zum Abtransport in ein Konzentrationslager erhält, flieht die Familie in ihr Versteck, zusammen mit dem Ehepaar van Daan und deren sechzehnjährigen Sohn Peter. Später kommt noch der Zahnarzt Dr. Albert Dussel dazu. Anne hat die Namen erfunden. Die van Daans heißen eigentlich van Pels. Und Dussel heißt in Wirklichkeit Fritz Pfeffer. SPRECHER: Doktor Dussel und Anne müssen sich ein Zimmer teilen. Das Pseudonym spricht Bände: Die quirlige Dreizehnjährige hat für den strengen, einsamen älteren Herrn wenig übrig. ZITATORIN Anne: "Ich glaube, bei Herrn Albert Dussel zu Hause ist alles, was er sagt, Gesetz. Aber Anne Frank passt solches ganz und gar nicht!" SPRECHERIN: Sie vermisst ihre Freundinnen und ihre Flirts mit Jungen. Sie darf nie nach draußen und muss tagsüber, solange der Bürobetrieb im Vorderhaus läuft, ganz leise sein. Aber Anne ist abenteuerlustig, und am Anfang nimmt sie die neue Lebenslage nicht allzu schwer. ZITATORIN Anne: "Ich fühle mich wie in einer sehr eigenartigen Pension, in der ich Ferien mache. Eine ziemlich verrückte Auffassung vom Untertauchen, aber es ist nun mal nicht anders. Das Hinterhaus ist ein ideales Versteck. Obwohl es feucht und ein bisschen schief ist, wird man wohl in ganz Amsterdam, ja in ganz Holland, kein so bequem eingerichtetes Versteck finden." SPRECHER: Anne hat Recht. Rund 27.000 der 140.000 in den Niederlanden lebenden Juden sind untergetaucht. Viele hausen in winzigen Dachkammern, in feuchten Kellern. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist sehr groß. Rund ein Drittel aller untergetauchten Juden werden von ihren Landsleuten verraten. Die Deutschen zahlen für jeden entdeckten Juden eine Belohnung. SPRECHERIN: Aber auch im Hinterhaus ist es bedrückend eng. Ständig gibt es Streit. Für die aufmüpfige Jüngste hagelt es Standpauken von allen Seiten. Anne will sich abgrenzen, besonders von der Mutter. Auf Edith Frank lasten die quälenden Sorgen am meisten, während Anne vorlaut und selbstbewusst einer strahlenden Zukunft entgegen träumt ZITATORIN Anne: „Ich bin keinesfalls auf ein solche beschränktes Leben aus wie Mutter und Margot sich das wünschen. Ich will was sehen und was erleben von der Welt“ SPRECHER: Doch Anne macht das Leben im Hinterhaus auch leichter – mit ihrem Humor. ZITATORIN Anne: "Peter kann ab und zu recht witzig sein. Eine Vorliebe, die alle zum Lachen bringt, hat er jedenfalls mit mir gemeinsam, und zwar Verkleiden. Er in einem sehr engen Kleid seiner Mutter, ich in seinem Anzug, so erschienen wir, mit Hut und Mütze geschmückt. Die Erwachsenen bogen sich vor Lachen, und wir hatten nicht weniger Spaß." TC 08:07 – Zwischen Todesangst und Depression SPRECHERIN: Aber die Todesangst ist allgegenwärtig. Wenn nachts die Bomber über Amsterdam fliegen, kriecht Anne außer sich vor Panik in Vaters Bett. Otto Frank nimmt sie dann in den Arm, erzählt ihr Geschichten. Mehr kann er nicht tun. Miep Gies erinnert sich: ZITATORIN Miep: "Sie konnten nirgends hin, es gab für sie kein Entkommen. Die ohrenbetäubenden Detonationen erschienen viel näher, als sie es tatsächlich waren. Das steigerte den Horror derart, dass sie sich tagelang nicht davon erholen konnten.“ SPRECHER: Außerdem ist ganz Amsterdam gelähmt vom Lärm der nächtlichen Razzien. Nachts werden die Juden aus den Wohnungen geholt. Miep hat es miterlebt. ZITATORIN Miep: "Durch die ganze Gegend hallten die durchdringenden Trillerpfeifen, und dann dröhnten schwere Stiefelschritte die Treppen hinauf, Gewehrkolben hämmerten an die Türen, schrilles, endloses Klingeln, die raue, Furcht einflößende deutsche Stimme, die befahl: 'Aufmachen! Beeilung! Beeilung!' " SPRECHER: Anne weiß, was in den Lagern geschieht. ZITATORIN Anne: "Wir nehmen an, dass die meisten Menschen ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasungen, vielleicht ist das noch die schnellste Methode zu sterben." SPRECHER: Der erste Winter im Hinterhaus ist eine Zeit schwerer Depression. Anne schluckt Baldriantabletten zur Beruhigung, aber sie helfen nicht viel. ZITATORIN Anne "Ich irre von einem Zimmer zum anderen, die Treppe hinunter und wieder hinauf, und habe ein Gefühl wie ein Singvogel, dem die Flügel mit harter Hand ausgerissen worden sind und der in vollkommener Dunkelheit gegen die Stäbe eines engen Käfigs fliegt. 'Nach draußen, Luft und Lachen!' schreit es in mir. Ich antworte nicht mal mehr, lege mich auf die Couch und schlafe, um die Zeit, die Stille und auch die schreckliche Angst abzukürzen, denn abzutöten sind sie nicht." TC 09:57 – Ein Mädchen voller Inspiration, Träume und Hoffnung SPRECHER: Aber Anne will leben. Sie gibt nicht auf. Wenn sie an ihrem Tagebuch schreibt, spürt sie ihre schöpferische Begabung. Unermüdlich feilt sie an ihren Formulierungen, verbessert ihren Stil. Nach dem Krieg will sie ein Buch über das Hinterhaus herausgeben. Ihr Tagebuch soll die Grundlage sein. Im Fluss des Schreibens hält sie die Hoffnung auf Zukunft lebendig. ZITATORIN Anne "Ich will fortleben nach meinem Tod. Und darum bin ich Gott so dankbar, dass er mir bei meiner Geburt schon eine Möglichkeit mitgegeben hat, mich zu entwickeln und zu schreiben, also alles auszudrücken, was in mir ist." SPRECHER: Anne will später als Schriftstellerin arbeiten. Oder als Journalistin. Sie freut sich darauf, eine Frau zu werden. Die Nazis wollen ihren Tod, aber ihr Körper ist jung und lebendig. ZITATORIN Anne "Ich finde es so sonderbar, was da mit mir passiert, und nicht nur das, was äußerlich an meinem Körper zu sehen ist, sondern das, was sich innen vollzieht. [...] Immer, wenn ich meine Periode habe, (...), habe ich das Gefühl, dass ich trotz der Schmerzen, des Unangenehmen und des Ekligen ein süßes Geheimnis in mir trage. Deshalb, auch wenn es mir immer nur Schwierigkeiten macht, freue ich mich in gewisser Hinsicht immer wieder auf diese Zeit, in der ich es wieder fühle." SPRECHERIN: Miep spürt, wie schwer es für Anne ist, mit all diesen Gefühlen allein zu sein. SPRECHER: Die Helfer besuchen das Versteck täglich. Das gibt den Eingeschlossenen Sicherheit. Auch ein geregelter Tagesplan ist wichtig. Für Anne, Margot und Peter stehen alle Schulfächer auf dem Programm. Anne lernt gern – es vertreibt die Zeit. TC 11:44 – Wie wird man in einem Versteck erwachsen? SPRECHERIN: Auch der Schlaf gibt neue Kraft, und helle Träume spenden Trost. Anne träumt von ihrer Kinderliebe, einem Jungen namens Peter Schiff. Der Traum fasst ihre Sehnsucht nach Nähe in zarte, erotische Bilder. ZITATORIN Anne "Und dann fühlte ich seine weiche, o so kühle und wohl tuende Wange an meiner, und alles war so gut, so gut ...." SPRECHERIN: Anne wünscht sich die Nähe eines Jungen, der ihr nah sein, der sie berühren will. Das macht ihr der Traum bewusst. Aber Peter Schiff ist nicht da. SPRECHER: Peter van Daan aber schon. Er ist ein stiller Junge, und eigentlich findet Anne ihn langweilig. Ermutigt durch ihren Traum, beginnt sie, genauer hinzusehen. Sie wirbt um sein Vertrauen. Ein Abenteuer beginnt. ZITATORIN Anne "Mir wurde ganz seltsam zumute, als ich in seine dunkelblauen Augen schaute und sah, wie verlegen er bei dem ungewohnten Besuch war. Ich konnte an allem sein Inneres ablesen, ich sah in seinem Gesicht noch die Hilflosigkeit und die Unsicherheit, wie er sich verhalten sollte, und gleichzeitig einen Hauch vom Bewusstsein seiner Männlichkeit. Ich sah seine Verlegenheit und wurde ganz weich von innen." SPRECHERIN: Die beiden beginnen sich zu mögen. Erst wie Freunde, dann wird mehr daraus. Sie sprechen über Sexualität, über ihre Sehnsüchte, über ihre Zukunftshoffnungen. Sie liegen einander in den Armen. ZITATORIN Anne: "Er ruhte nicht eher, bis mein Kopf auf seiner Schulter lag und der seine darauf. Als ich mich nach ungefähr fünf Minuten etwas aufrichtete, nahm er meinen Kopf in seine Hände und zog ihn wieder an sich. Oh, es war so herrlich! Ich konnte nicht sprechen, der Genuss war zu groß. ... Das Gefühl, das mich dabei durchströmte, kann ich dir nicht beschreiben, Kitty. Ich war überglücklich, und ich glaube, er auch." SPRECHERIN: Annes zarter, magerer Körper, geschwächt durch Bewegungsmangel, schlechte Ernährung und ständige Angst, in den Armen eines liebevollen Jungen: Das war eine überwältigende Erfahrung für sie. Aber das Glück flaut bald ab. Mit dem, was Anne alles auf dem Herzen hat, ist Peter einfach überfordert. Nur schmusen, das reicht ihr nicht. Langsam und vorsichtig löst sie sich von Peter. Aber sie gibt ihm keine Schuld und versucht nicht, ihn zu verändern. Die beiden bleiben Freunde. TC 14:25 – Glaube ist stärker SPRECHERIN: Anne weiß, dass sie ihr Schicksal allein bestehen muss. Sie entdeckt Kraftquellen, die ihr Unabhängigkeit geben: die Natur zum Beispiel, die draußen grünt und blüht, ohne sich um Krieg und Vernichtung zu kümmern. Einmal, die Nacht ist sehr dunkel, riskieren es die Eingeschlossenen, ein Fenster zu öffnen, und Anne schaut bezaubert ins Freie: ZITATORIN Anne: "Der dunkle, regnerische Abend, der Sturm, die jagenden Wolken hielten mich gefangen. Nach anderthalb Jahren hatte ich zum ersten Mal wieder die Nacht von Angesicht zu Angesicht gesehen." SPRECHER: Wenn sie in den Himmel sieht, spürt sie, dass Gott auf ihrer Seite steht. Annes Gott stiftet Beziehung und Leben, er ist eine Quelle des Glücks. ZITATORIN Anne: "Abends, wenn ich im Bett liege und mein Gebet mit den Worten beende: Ich danke dir für all das Gute und Liebe und Schöne, dann jubelt es in mir. Dann denke ich an das Gute: das Verstecken, meine Gesundheit, mein ganzes Selbst.“ SPRECHER: Annes Gott ist nicht weit weg. Er ist in das Seiende eingesenkt, in die Natur und in die menschliche Seele. Anne findet ihn in sich selbst, im Zentrum ihrer eigenen Kraft. Mit ihrer Gottesbeziehung wächst auch ihr Stolz auf ihr jüdisches Erbe, ihr Vertrauen in die Stärke ihres Volkes und in seine historische Mission. ZITATORIN Anne "Wer hat uns das auferlegt? Wer hat uns Juden zu einer Ausnahme unter allen Völkern gemacht? Wer hat uns bis jetzt so leiden lassen? Es ist Gott, der uns so gemacht hat, und es wird auch Gott sein, der uns aufrichtet. [...]“ TC 16:08 – Das Vermächtnis von Anne Frank SPRECHERIN: Bis zuletzt empfindet Anne das Untertauchen als Abenteuer und als Herausforderung, die Metamorphose zum Guten an sich selbst zu vollziehen. Eine schwere Aufgabe für ein so junges Mädchen. Aber Anne gewinnt ihre inneren Kämpfe. ZITATORIN Anne: "Ich weiß, was ich will, habe ein Ziel, habe eine eigene Meinung, habe einen Glauben und eine Liebe. [..] Ich weiß, dass ich eine Frau bin, eine Frau mit innerer Stärke und viel Mut!" SPRECHER: Doch in den Lagern Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen hat sie keine Chance mehr. Wir wissen nicht, ob ihr der Himmel über Auschwitz noch Trost spenden konnte. Ob sie, die rauchenden Schlote der Krematorien vor Augen, Gott noch gesucht hat. Es gibt nur bruchstückhafte Erinnerungen Überlebender, die Anne flüchtig begegnet sind: Bruchstücke, die sich zusammenfügen zu einem Bild, das schwärzer ist als der schwärzeste Traum. SPRECHERIN: Annes letzter Blick zum Vater, der auf der Rampe von Auschwitz von seiner Familie getrennt wird. Anne, die sieht, wie Kinder vor der Gaskammer auf ihr Ende warten. Anne und Margot im Oktober 1943 auf dem Transport nach Bergen-Belsen: drei Tage im überfüllten Viehwaggon, fast ohne Wasser und Essen, ohne ihre Eltern. Edith Frank stirbt einige Wochen nach der Trennung von ihren Töchtern in Auschwitz. SPRECHER: Gaskammern gibt es in Bergen Belsen nicht. Aber die Zustände in dem überfüllten Lager sind mörderisch genug. Hunger, Kälte und Regen begünstigen den Ausbruch von Seuchen unter den geschwächten Gefangenen. Auch Margot und Anne erkranken an Typhus. Margot stirbt zuerst, kurz danach Anne. SPRECHERIN: Es ist April 1945, kurz vor Kriegsende. Als man die Leichen der Mädchen in einem Massengrab verscharrt, ist Otto Frank in Auschwitz bereits befreit worden. Anne wusste nicht, dass ihr Vater noch lebte und nach ihr suchte. Und sie ahnte auch nicht, dass ihr Tagebuch sicher in Mieps Schublade lag und ihr den schriftstellerischen Ruhm sichern würde, den sie sich immer gewünscht hat. SPRECHER: Nach dem Krieg sorgte Otto Frank für die Veröffentlichung. Anne Franks Stimme eroberte die Welt. Ihr Buch hat sich bis heute ungefähr sechzehn Millionen Mal verkauft. Fast eine halbe Million Menschen besuchen jährlich das Hinterhaus in Amsterdam, das heute von einer Stiftung unterhalten wird. SPRECHER: Miep Gies ist heute eine alte Frau. Sie beschließt ihre Erinnerungen an Anne mit folgenden Worten: ZITATORIN Miep: "Doch immer, an jedem Tag meines Lebens, habe ich mir gewünscht, dass es anders gekommen wäre. Dass Anne und die anderen wie durch ein Wunder gerettet worden wären, auch wenn dann Annes Tagebuch der Welt verloren gegangen wäre. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht um sie trauere." TC 19:10 - Outro

  20. Es begann mit Diskriminierungen und endete in der Ermordung. Über Jahre hinweg betrieb das NS-Regime die Ausgrenzung der jüdischen Deutschen, isolierte sie gesellschaftlich, vernichtete sie wirtschaftlich, deportierte sie dann während des Zweiten Weltkrieges in den besetzten Osten und ermordete sie dort. Am 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Autorin: Renate Eichmeier (BR 2021) Credits Autor/in dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ernst Grube (Zeitzeuge), Dr. Edith Raim (Historikerin) Linktipps: ARD alpha (2023): Was ist der Holocaust? Was ist der Holocaust und wie konnte es dazu kommen? JETZT ANSEHEN Deutschlandfunk (2021): 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – „Eine einseitige Liebeserklärung“ Aus dem Jahr 321 stammt der erste Beleg für eine jüdische Gemeinde im heutigen Deutschland. Für Jüdinnen und Juden ist das ein Anlass zum Feiern und zum Erinnern. Ein Grund zum Jubeln sei das Jubiläum aber nicht: zu traurig sei die jüdisch-deutsche Geschichte – und oft auch die Gegenwart. ZUM BEITRAG BR: Die Rückkehr der Namen Mit dem Projekt "Die Rückkehr der Namen" will der Bayerische Rundfunk mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München an 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen Opfergruppen erinnern, die während des NS-Regimes verfolgt, entmenschlicht und ermordet wurden. Zum Erinnerungsprojekt geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:40 – Die Anfänge der Rassenpolitik TC 04:30 – Raub der Existenzgrundlage TC 06:48 – Das Schicksal vom Überlebenden Ernst Grube TC 08:41 – Auftakt des Holocaust TC 10:46 – Ausgestoßen aus Gesellschaft und Wirtschaft TC 11:47 – Das grausame System TC 18:55 – Massenmorde TC 22:48 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Nostalgia motif 1 M0010633 037 (0.50) O1 Ernst Grube Und die Grundsatzfrage war, werden wir uns wiedersehen. Immer wieder: Werden wir uns wiedersehen, ohne mehr zu wissen. Aber wir hatten natürlich über die Ausgrenzungserlebnisse schon erfahren, dass man uns nicht wollte. ERZÄHLERIN: Ernst Grube war 8 Jahre alt und lebte in einem jüdischen Kinderheim in München, als die nationalsozialistischen Machthaber 1941 begannen, jüdische Deutsche Richtung Osten zu verschleppen – in die Gebiete, die sie seit Beginn des Zweiten Weltkrieges besetzt hatten. Aus München ging am 20. November die erste Deportation weg. Am Güterbahnhof im Stadtteil Milbertshofen wurden etwa 1000 Menschen unter dem Vorwand der "Evakuierung" in einem Zug abtransportiert. Unter ihnen auch Kinder aus dem jüdischen Kinderheim, Spielkameraden von Ernst Grube. O2 Ernst Grube Es war eine Zeit der der Trauer, und wir haben also nicht gewusst, wo es hingeht. Und wir haben nicht gewusst, ob wir uns wiedersehen werden, und wir haben nach dem Krieg erfahren, dass sie alle fünf Tage nach der Deportation in Kaunas, Litauen, umgebracht wurden. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.20) TC 01:40 – Die Anfänge der Rassenpolitik ERZÄHLERIN: Sofort nach der Machtübernahme 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der Abschaffung der Weimarer Demokratie, der Errichtung von Konzentrationslagern, der Verfolgung von politisch Andersdenkenden und der Umsetzung ihrer Rassenpolitik. Über Zeitungen, Radio, Kinofilme propagierten sie das Feindbild der "jüdischen Rasse", des "niederträchtigen Juden", der die nichtjüdische, die sogenannte "arische Volksgemeinschaft" unterwandern, ausbeuten, zerstören wolle. Angehörige der jüdischen Gemeinden wurden per Volkszählung erfasst, jüdische Geschäftsleute durch Boykottaufrufe und Schlägertrupps der SS und SA terrorisiert, jüdische Beamte aus dem Staatsdienst gedrängt. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.27) SPRECHER: Juden, so hieß es in den Nürnberger Gesetzen von 1935, haben kein Stimmrecht mehr in politischen Angelegenheiten, dürfen keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden, sie dürfen Nichtjuden nicht heiraten und auch keine sexuellen Beziehungen mit ihnen haben. ERZÄHLERIN: Die Nürnberger Gesetze lieferten eine diffuse Theorie, welche Menschen in der NS Ideologie als Juden galten. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Anzahl der jüdischen Großeltern. Die Betroffenen gerieten ins Visier der Nationalsozialisten als sogenannte Voll-, Dreiviertel-, Halb- oder Vierteljuden, Mischlinge 1. oder 2. Grades … Mit einer Vielzahl von antisemitischen Gesetzen und Verordnungen schufen die Nationalsozialisten eine pseudolegale Basis für die schrittweise Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus vielen Lebensbereichen. MUSIK Structor Part 1 C1524640 (1.00) ERZÄHLERIN Auf immer mehr Parkbänken fanden sich Schilder "Nur für Arier" und an immer mehr Eingängen von Geschäften oder Restaurants: "Juden unerwünscht". Jüdische Kinder wurden aus öffentlichen Schulen rausgemobbt. Jüdischen Ärzten und Juristen die Berufsausübung erschwert. Jüdische Geschäftsleute wurden zum Billig-Verkauf ihrer Firmen gezwungen. Diese Verdrängung der jüdischen Bevölkerung nannte sich im NS-Jargon "Arisierung", abgeleitet von dem Begriff "Arier", und ging in der Regel einher mit materiellen Vorteilen für die nichtjüdischen Deutschen – so die Historikerin Edith Raim, die sich intensiv mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in NS-Deutschland auseinandergesetzt hat. O3 Edith Raim Das ist teilweise 'ne Maßnahme der Partei, teilweise ist's auch staatlich gelenkt, und teilweise geht es auch von privaten Initiativen im Grunde aus, also dass bestimmte, besonders attraktive Grundstücke oder Geschäfte oder sowas, dass da einfach die Juden unter Druck gesetzt werden, dass die diese Sachen verkaufen. TC 04:30 – Raub der Existenzgrundlage ERZÄHLERIN: Viele wanderten aus. Denjenigen, die blieben oder bleiben mussten, wurde Schritt für Schritt die Existenzgrundlage entzogen. Im April 1938 bereiteten die Nationalsozialisten mit der systematischen Erfassung der jüdischen Vermögen die späteren flächendeckenden Enteignungen vor. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.30) SPRECHER: Jeder Jude im Sinne der 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz – also der sogenannten Nürnberger Gesetze – und ebenso sein nichtjüdischer Ehegatte habe sein gesamtes in- und ausländisches Vermögen anzumelden, hieß es in der "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden". Ausgenommen seien Gegenstände des persönlichen Gebrauches, die keine Luxusgüter seien. MUSIK Tango defect 1 C1482730 024 (0.40) ERZÄHLERIN: Anfang Juni 1938 riss die Baufirma Leonhard Moll die Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße im Stadtzentrum ab. Der neuromanische Prachtbau war Ende des 19. Jahrhunderts mit Unterstützung des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. in der Nähe des Karlsplatzes errichtet worden. Offiziell wurde der Abbruch als städtebauliche Maßnahme begründet. Die jüdische Gemeinde musste die Synagoge und die angrenzenden Verwaltungs- und Wohngebäude gegen Zahlung einer Entschädigung der Stadt München überlassen. Allen Mietern der Wohngebäude wurde gekündigt. Sie mussten ausziehen. Auch Ernst Grube lebte mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in einem der Gebäude, die der jüdischen Gemeinde gehörten. O4 Ernst Grube Nur bei uns war das so, dass eben der Vater nicht gegangen ist, dass er sich um die Kündigung also nun nicht so gekümmert hat und gesagt hat, ich bleib drin, ich geh nicht raus, die sollen uns eine Wohnung geben, so dass wir nach wenigen Wochen die einzigen waren, die in diesen zwei Häusern noch gewohnt hatten. Wir hatten damals 'ne Drei- oder Vierzimmerwohnung und man hat uns dann Licht gesperrt, Gas gesperrt, Wasser gesperrt. Und diese Situation war natürlich nicht haltbar, so dass uns dann die Eltern in das Kinderheim in München Schwabing gebracht haben. TC 06:48 – Das Schicksal vom Überlebenden Ernst Grube ERZÄHLERIN: Ernst Grube war damals sechs Jahre, sein Bruder Werner acht und die kleine Ruth nur ein paar Monate alt. Der Vater kam aus Ostpreußen und war überzeugter Kommunist. Die Mutter stammte aus einer jüdischen Familie und arbeitete im jüdischen Krankenhaus in München – so dass das jüdische Kinderheim eine naheliegende Lösung für das Wohnproblem war. O5 Ernst Grube Es war ein schönes Heim mit einem Garten und mit einer guten Betreuung. Und das eigentlich wichtige ist das Kennenlernen jüdischen Lebens. Bei uns zuhause gab es das nicht. Die Mutter hat zwar gebetet, hat ihre Feste gefeiert und ihre Kerzen angezündet und wir standen so ein bisschen rum. Aber das war kein jüdisches Familienleben. Der Vater war von seiner Einstellung her Kommunist. Er hat das alles zwar sehr toleriert, aber jüdisches Leben, das war dann im Kinderheim. ERZÄHLERIN: Für die drei Geschwister begann eine schöne Zeit. Sie waren gut versorgt und lernten die jüdischen Feste kennen, Chanukka, Pessach, Purim, Laubhüttenfest. Und sie mochten ihre Betreuerinnen sehr gerne. O6 Ernst Grube Ich hab sie so positiv in Erinnerung, ohne dass ich jetzt die einzelnen Namen heute noch nennen kann, außer der Alice Bendix, der Leiterin, und der Hedwig Jacobi. Sie waren einfach immer da und haben uns geholfen, als wir außerhalb des Heimes von Nachbarskindern öfters angepöbelt wurden, angeschrien wurden, als Judensau beschimpft. Sie haben das ganz super verstanden, uns darüber hinweg zu helfen. MUSIK Structor Part 1 C1524640 011 (0.40) TC 08:41 – Auftakt des Holocaust ERZÄHLERIN: Kurz nachdem Ernst Grube und seine Geschwister in das jüdische Kinderheim gekommen waren, brannten deutschlandweit Hunderte von Synagogen. Ende Oktober 1938 hatten die NS Machthaber polnische Juden aus dem Reichsgebiet abgeschoben, unter ihnen die Familie von Herschel Grynszpan, der daraufhin einen deutschen Diplomaten in Paris erschoss. Dieses Attentat diente als Vorwand für Gewaltaktionen im ganzen Land, organisiert von der NS Führung, getarnt als spontaner Ausbruch des Volkszorns gegen die jüdischen Nachbarn: In Zivil gekleidete Mitglieder von NS Organisationen zerstörten Synagogen, jüdische Geschäfte, Wohnungen, verprügelten die Bewohner, töteten viele und verschleppten Tausende in Konzentrationslager. Die Historikerin Edith Raim zur Bedeutung des inszenierten Gewaltausbruches. O7 Edith Raim Die Pogromnacht vom November 1938 ist der Auftakt eigentlich des Holocaust, weil es der Schritt in die Gewalt ist. Also vorher sind es Maßnahmen, Verordnungen, Gesetze, der Versuch, einfach die Juden aus Deutschland zu vertreiben. Es hat – das muss man auch sagen – bereits vorher natürlich gewalttätige Maßnahmen gegeben. Also es gibt, diese sogenannten Prangermärsche, wo zum Beispiel Juden, die Beziehungen zu nichtjüdischen Frauen, hatten durch den Ort geführt worden sind, geschlagen, bespuckt und verhaftet worden sind. Die Gewalt hat's natürlich vor 1938 auch gegeben, aber diese massive und umfassende Gewalt reichsweit – das ist wirklich was ganz ganz Neues gewesen. ERZÄHLERIN: Viele der jüdischen Männer, die in der Pogromnacht in Konzentrationslager gebracht wurden, überlebten die Haft nicht, andere kamen erst frei, nachdem sie eine Auswanderungserklärung unterschrieben hatten. Die Kosten für die Schäden der Novemberpogrome musste die jüdische Bevölkerung selbst übernehmen und eine Geldbuße in Höhe von einer Milliarde Reichsmark leisten. Die jüdischen Vermögen waren ja bereits im Frühjahr 1938 qua Gesetz erfasst worden. Nun mussten alle, die mehr als 5000 Reichsmark besaßen, 20 Prozent davon an ihr Finanzamt abführen. Wieder gab es eine Flut von diskriminierenden Regelungen. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.35) TC 10:46 – Ausgestoßen aus Gesellschaft und Wirtschaft SPRECHER Eine der wichtigsten war die sogenannte "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938. Juden durften keinen Handel, kein Handwerk, kein Gewerbe mehr treiben. Sie durften keine Theater, Museen, Kinos, Freibäder und sonstige öffentliche Einrichtungen mehr betreten. Jüdische Kinder durften keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Juden durften keine Autos mehr besitzen und keinen Führerschein mehr haben. O8 Edith Raim Und es gibt noch jede Menge Schikanen, die dann da kommen. Also die dürfen dann keine Fotoapparate mehr, keine Radio Apparate und so weiter, sogar Fahrräder, dürfen sie nicht mehr haben, Führerscheine nicht mehr haben. Und ab dem 1.1.1939 werden sie gezwungen, diese Zwangsvornamen anzunehmen, also Israel und Sarah, und das wird auch in die Pässe vermerkt. Also sie sind sozusagen damit als Juden gekennzeichnet. MUSIK Scarfaced C1568790 120 (1.05) TC 11:47 – Das grausame System ERZÄHLERIN: Anfang September 1939 begann die NS Diktatur mit dem Einmarsch in Polen den Zweiten Weltkrieg, einen rassenideologischen Vernichtungskrieg – mit dem Ziel, die osteuropäischen Gebiete bis zum Ural zu erobern, dort sogenannte "arische" Deutsche anzusiedeln, die einheimische slawische Bevölkerung teils zu vertreiben, teils zu versklaven oder zu töten und die jüdische Bevölkerung auszulöschen. Dazu wurde in Berlin das Reichssicherheitshauptamt gegründet, in dem nachrichten- und sicherheitsdienstliche Organisationen von SS, Gestapo und Kripo zusammengeführt wurden. Dieses RSHA stellte ideologisch geschulte Spezialeinheiten auf, sogenannte Einsatzgruppen, die in den besetzten Gebieten Führungseliten und Widerstandsgruppen verfolgten, die jüdische Bevölkerung in Ghettos zwangen und verantwortlich für Massenmorde waren. Währenddessen spitzte sich die Situation der jüdischen Deutschen im Reichsgebiet bedrohlich zu. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.25) SPRECHER: Für die in München noch ansässigen Juden würden zur Zeit in Milbertshofen Baracken gebaut, schrieb im Oktober 1941 der Münchner Stadtrat Harbers in einem Bericht betreffend "Umsiedlung der hiesigen Juden". Damit würden dann rund 300 Wohnungen frei, die an Wohnungssuchende vergeben werden könnten. ERZÄHLERIN: Bereits ab Mai 1939 hatten die Nationalsozialisten die Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen und Häusern gesetzlich vorbereitet und betrieben. NS Organisationen wie die Gestapo arbeiteten dabei eng mit den örtlichen Wohnungsämtern zusammen. Tausende Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, in engen Sammelunterkünften hausen, ab Mitte September 1941 schließlich den Gelben Stern tragen. Zum Teil waren die Menschen in normalen Wohnhäusern zusammengepfercht, die im NS Verwaltungsapparat "Judenhäuser" hießen. Teilweise wurden auch größere Anlagen von jüdischen Gemeinden wie Altersheime oder Synagogen umfunktioniert und teilweise wurden auch Barackenlager wie im Münchner Stadtteil Milbertshofen gebaut. Die jüdische Bevölkerung war sozial völlig isoliert. Den Deportationen stand nichts mehr im Wege. Sie wurden zentral vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin organisiert. O9 Edith Raim Und vor Ort ist es dann jeweils die Gestapo, die die Federführung bei den Deportationen hat. Gleichzeitig sind die Deportationen ein wahnsinnig arbeitsteiliger Prozess. Also, man kann nicht sagen: ja, die Gestapo organisiert jetzt alles, sondern das sind natürlich Dutzende von Ämtern beteiligt: Steuerbehörden, Finanzämter und teilweise natürlich auch der Zoll, die Reichsbahn. Also, es kommen sehr viele andere Behörden mit ins Spiel, die benötigt werden. ERZÄHLERIN: Auf Anweisung der Gestapo mussten die jüdischen Gemeinden Listen mit den Namen der Menschen erstellen, die unter dem Vorwand der "Evakuierung" oder "Umsiedlung" abtransportiert werden sollten – und die Betroffenen dann auch darüber informieren. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.45) SPRECHER: Unter dem Betreff "Evakuierung" informierte die Israelitische Kultusgemeinde München im Vorfeld der ersten Deportation im November 1941 die Betroffenen brieflich darüber, dass zufolge einer Anordnung der Geheimen Staatspolizei die Personen, die zum Transport eingeteilt worden sind, sich in ihren Unterkünften bereitzuhalten hätten. Jeder Versuch, sich der Umsiedlung zu widersetzen oder zu entziehen, sei zwecklos und könne für die Betroffenen schwere Folgen haben. Jeder Transportteilnehmer darf 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen, Kleidung und Bedarfsgegenstände. Außerdem muss jeder ein ausgefülltes Vermögensverzeichnis mitbringen. ERZÄHLERIN: Das Barackenlager in Milbertshofen diente als Sammelunterkunft. Es lag in unmittelbarer Nachbarschaft der Siedlung am Hart, wurde unter Beteiligung von jüdischen Zwangsarbeitern errichtet, bestand aus zwölf großen und sechs kleinen Holzbaracken und war für etwa 800 Personen geplant, hatte aber zeitweise weit über 1000 Insassen. MUSIK Tango defect 2 C1482730 025 (1.10) ERZÄHLERIN Wenige Wochen vor der ersten Deportation aus München wurden alle Betroffenen, die noch nicht im Lager waren, aus ihren Unterkünften nach Milbertshofen gebracht. Alle wurden bei Ankunft durchsucht, nicht erlaubte Gegenstände wurden abgenommen, ebenso Ausweispapiere und Lebensmittelmarken. Jeder musste 50 Reichsmark für die Transportkosten bar bezahlen. Der Rest des Bargeldes musste mit eventuell vorhandenen Wertpapieren, Depotscheinen abgegeben werden, ebenso Vermögenserklärungen, Formulare, in denen detailliert Auskunft über Vermögens- und Besitzverhältnisse verlangt wurde. Damit waren alle Unterlagen für eine spätere Enteignung komplett. Vom Güterbahnhof in Milbertshofen aus wurden dann in den frühen Morgenstunden des 20. November 1941 etwa tausend Menschen in die besetzten Ostgebiete gebracht – unter ihnen auch Kinder aus dem jüdischen Kinderheim in Schwabing. Sie wurden direkt mit dem Bus zum Bahnhof gebracht. Ernst Grube erinnert sich. O10 Ernst Grube In dem Heim waren etwa 40, 50 Kinder, Jugendliche, und davon sind, ich weiß nicht, wieviel, aber so ein gutes Drittel, wenn nicht mehr auf Transport gekommen. Wir wussten natürlich nicht, was das sollte und wohin das ging. Aber allein dieser Zwang der Trennung. Wir haben alle geweint. ERZÄHLERIN: "Verzogen, unbekannt wohin" vermerkten die Einwohnermeldeämter in den Akten der Deportierten. Mit dem Abtransport in die besetzten Ostgebiete wurde die 11. Verordnung des Reichsbürgergesetzes wirksam. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.15) SPRECHER: Diese besagte: Juden verlieren die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn sie das Reichsgebiet verlassen. Eigentum und Vermögen fällt an das Deutsche Reich. ERZÄHLERIN: Es waren die Oberfinanzpräsidien, die mit der „Verwaltung und Verwertung jüdischen Eigentums“ beauftragt wurden. So die Sprache der NS-Bürokratie. Alle Bankkonten und alle Wertpapierdepots wurden zugunsten des Reiches eingezogen ebenso Wertgegenstände wie Schmuck, Teppiche oder Gemälde, die dann bei öffentlichen Versteigerungen unters Volk gebracht wurden. Dazu Edith Raim. O11 Edith Raim 25'' Also man hat dann zum Beispiel Mobiliar von Wohnungen genommen, und es wurde dann auf Auktionen versteigert, also der ganze Hausrat, also Töpfe und Geschirr, und was man sich alles an Trivialitäten noch vorstellen mag, das wurde alles versteigert zugunsten des Reiches, und das Interessante ist das natürlich, da viele viele Deutsche sich daran auch bereichert haben, also das war so ein bisschen 'ne Schnäppchenjagd. MUSIK Scarfaced C1568790 120 (0.55) TC 18:55 – Massenmorde ERZÄHLERIN: Die erste Deportation aus München sollte ins lettische Riga gehen, wurde aber kurzfristig umgeleitet in die litauische Stadt Kaunas. Dort hatte der SS-Standartenführer Karl Jäger als Führer des Einsatzkommandos 3 im Juli 1941 die sogenannten „sicherheitspolizeilichen Aufgaben“ übernommen. Mit Hilfe von einheimischen Kollaborateuren waren bis November 1941 bereits Tausende von litauischen Juden ermordet worden. Nach ihrer Ankunft mussten die aus München Deportierten in ein Fort aus der Zarenzeit marschieren, das etwas außerhalb der Stadt lag. Zwei Tage später wurden sie dort zusammen mit Deportierten aus Berlin und Frankfurt am Main von Angehörigen des Einsatzkommandos 3 ermordet. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.35) SPRECHER: Die Durchführung solcher Aktionen sei in erster Linie eine Organisationsfrage, schrieb SS Standartenführer Karl Jäger am 1. Dezember 1941 in seinem Abschlussbericht. Die Juden mussten an einem Ort gesammelt, Plätze für die erforderlichen Gruben ausgesucht und ausgehoben und die Juden an den Exekutionsplatz transportiert werden. ERZÄHLERIN: Auf sechs Seiten präsentierte Karl Jäger eine brutale Todesbilanz. Er listete alle Massenmorde tabellarisch auf: Datum, Ort, Anzahl der ermordeten Männer, Frauen und Kinder, schließlich Gesamtzahl der Ermordeten. Unter Monat November sind die Männer, Frauen und Kinder erfasst, die bei der ersten Deportation aus München verschleppt wurden. MUSIK Prisma CD847090 001 (0.25) SPRECHER: Am 25.11.41 sind unter Kaunas, Fort IX – 1159 Juden aufgeführt, 1600 Jüdinnen, 175 Judenkinder – insgesamt 2934 Umsiedler aus Berlin, München und Frankfurt am Main. ERZÄHLERIN: Die deutschen Besatzer bauten in den Ostgebieten ein dichtes Netz an Lagern auf: Ghettos, Arbeitslager, Durchgangslager, Vernichtungslager … Die meisten der deportierten Deutschen wurden bei Ankunft im Osten nicht sofort getötet, sondern kamen zuerst in Arbeitslager oder Ghettos, wo sie gemeinsam mit der ostjüdischen Bevölkerung und Deportierten aus ganz Europa auf engstem Raum eingesperrt waren. Wer die schlechten Lebensbedingungen überlebte, wurde später in Vernichtungslager gebracht wie Sobibor, Treblinka oder Auschwitz – und dort ermordet. Bei der zweiten Deportation aus München im April 1942 wurden 774 Menschen ins ostpolnische Piaski verschleppt, einem ehemaligen jüdischen Schtetl, das in ein Ghetto umfunktioniert worden war. Auch von ihnen hat keiner überlebt. Während der nächsten Jahre gingen noch 42 Deportationen aus München weg, die meisten von ihnen ins tschechische Theresienstadt. Ernst Grube und seine Geschwister blieben lange von der Deportation verschont. MUSIK Nostalgia motif 1 M0010633 037 (0.50) O12 Ernst Grube Der Vater als Nichtjude war für uns die Garantie, die vorläufige Garantie des Überlebens. Er hat sich nicht scheiden lassen. Er hat dem Druck standgehalten, den er immer wieder hatte, von der Gestapo durch Vorladung, sich doch von der Saujüdin scheiden zu lassen. Er hat das nicht gemacht. ERZÄHLERIN: Trotzdem wurden die Kinder mit ihrer Mutter im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Sie haben überlebt und kehrten nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach München zurück. TC 22:48 - Outro