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- 14.06.202423 min
Heute kaum vorstellbar: Es gab eine Zeit, da war der deutsche Fußball nur eine Sportart neben vielen anderen. Aber in den letzten hundert Jahren hat er sich schwer gemausert. Heute kommt keine andere Sportart mehr an ihn heran - finanziell, zuschauermäßig, medial. Von Erich Wartusch (BR 2021) Credits Autor: Erich Wartusch Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger Technik: Adele Kurdziel, Robin Geigenscheder Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Manuel Neukirchner, Markwart Herzog Besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2024): Wild Crimes Das Verbrechen lauert überall – auch zwischen Mensch und Tier. "Wild Crimes" liefert packende Storys von True Crime im Tierreich. In Staffel eins erzählen wir euch vom "Problembären" Bruno. Der war erst bei uns willkommen, dann wurde er gejagt und getötet. Wie kam es zu dieser dramatischen Wende? Wer hat ihn abgeschossen? Und war es gerechtfertigt, ihn zu töten? JETZT ANHÖREN Linktipps: ARD (2024): Deutschland. Fußball. Sommermärchen 2024? Deutschland. Sommer. Fußball-WM 2006: Eine Nation erlebt ein Sommermärchen. Deutschland, 18 Jahre später. Die UEFA Euro 2024. Ein verändertes Land. Und doch wieder ein fröhlich-friedliches Sommermärchen? Esther Sedlaczek nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch Deutschland 2024 und zeichnet ein sportliches, unterhaltendes und nachdenkliches Bild zur Lage der „Fußball-Nation“. Sie trifft unter anderem Bundestrainer Julian Nagelsmann, Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, den ARD-Fußball-Experten Bastian Schweinsteiger und Weltmeistertrainer Jogi Löw. Sie begegnet Fans und besucht die Alpengemeinde Garmisch-Partenkirchen, die sich auf Tausende Schotten während der Fußball-EM freut. Sie beschäftigt sich aber auch mit der Frage, ob der Fußball im Jahr 2024 wirklich noch eine Gesellschaft verbinden kann, die sich in vielem fast schon unversöhnlich gegenübersteht. IN DER MEDIATHEK ARD alpha (2024): Fußball und Fans (1978) Ein Reporterteam des Fernsehens der DDR war 1978 unterwegs mit Fans von Dynamo Dresden zu einem Auswärtsspiel. Die Rabauken entpuppten sich dabei als mehr oder weniger brave Bürger der DDR. Von Hooliganismus war damals - noch - nichts zu spüren. Der Film zeigt auf, wie das damals war in der DDR mit dem Fußballfan-Sein, welche Probleme das bereitete und wie man in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:47 – Von der Fußlümmelei TC 07:39 – Das Wunder von Bern TC 10:57 – Scheitern & Skandale TC 14:45 – FC Bayern: Man liebt sie oder hasst sie TC 16:37 – Europameisterinnen mit Kaffeeservice TC 19:11 – Geld regiert die Fußballwelt TC 22:13 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Atmo Fußballspiel, Ansage des Stadionsprechers MUSIK Erzählerin: Ein Freitagabend in Köln. Südstadion. Das Duell zweier Traditionsmannschaften: Fortuna Köln – Preußen Münster. Beide haben in der Fußball-Bundesliga gespielt. Münster war sogar Gründungsmitglied. Das ist lange her. Nun sind sie in den Niederungen des Amateurfußballs angekommen. MUSIK OT 01 / 0.31 (Fans) „Es kommen immer mehr Clubs nach oben, die da eigentlich nichts verloren haben. Und die Traditionsvereine bleiben leider auf der Strecke. Wir leben noch ziemlich traditionell. Also man lebt immer noch in guten alten Zeiten klar, auf jeden Fall. / Da herrscht genauso viel Leben wie in den anderen Vereinen. Nur es ist nicht mehr so massig. / Hört sich jetzt doof an, aber es ist eine Familie. Man kennt die Leute hier zum Teil seit 20, 30 Jahren, und das ist einfach toll. / Also ich bin in Münster: Als 13-Jähriger durfte ich dann zum ersten Mal alleine ins Stadion. Seitdem renne ich dahin. Da gibt es viele von der Sorte, die inzwischen graue Haare haben. Aber da gehörst du hin.“ MUSIK Erzählerin: Fußball – ein Sport für ein ganzes Leben: Die Jüngsten steigen als Bambini oder G-Junioren mit wenigen Jahren in den Verein ein, selbst bei den Über-60-Jährigen werden noch Turniere und Meisterschaften ausgetragen. In Deutschland betreiben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen den Sport in Vereinen. Eine ganze Menge, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Fußball in Deutschland lange Zeit verrufen war. MUSIK aus TC 01:47 – Von der Fußlümmelei Erzählerin: Während in England und Schottland Fußball oder artverwandte Ballspiele schon seit Jahrhunderten existierten, dauerte es eine ganze Weile, bis der Sport von der Insel auch in Deutschland richtig Fuß fassen konnte. Zum einen wurde alles argwöhnisch betrachtet, was vom großen europäischen Gegenspieler, dem britischen Empire, herüberkam. Zum anderen hatte der Sport vor mehr als hundert Jahren noch weitgehend eine andere Funktion, erklärt Manuel Neukirchner, der Leiter des Deutschen Fußballmuseums. OT 02 / 0.39 (Neukirchner) „Die englische Fußlümmelei, die englische Krankheit, so wurde sie verschrien, kam so um 1830 erstmalig nach Deutschland und wurde abgelehnt, aus dem wilhelmischen Zeitverständnis heraus. Der Sport hatte eigentlich damals nur die Aufgabe, die jungen Menschen auf den Krieg vorzubereiten, zu Soldaten auszubilden. Der Wettkampfgedanke, den der Fußball in sich vereint, war verpönt. Sport war Drill, Sport war Turnen, überwiegend an den Geräten. Der Spielgedanke, der Homo ludens, der spielte eigentlich gar keine Rolle.“ Erzählerin: Erst im Jahr 1874 rief der Braunschweiger Professor Konrad Koch den ersten Schüler-Fußballverein ins Leben. Die Jüngeren sollten die neue Sportart voranbringen… OT 03 / 0.31 (Neukirchner) „Und es waren einige Sportlehrer, die den Fußball dann doch allmählich hoffähig gemacht haben. Es wurden dann erste Fußballabteilungen in den Turnvereinen gegründet, also es gab noch keine Fußballvereine, aber Abteilungen. Koch war der erste, der Sportlehrer, der dann auch Spielnachmittage eingeräumt hatte, mit Fußball für die Kinder, und der dann auch das erste einheitliche Regelwerk vorgelegt hat für den Fußball. Und so kam der Fußball dann langsam in die Spur in Deutschland. Aber es war ein mühseliger Weg.“ MUSIK Erzählerin: Im Januar 1900 wurde schließlich in einer Gaststätte in Leipzig der Deutsche Fußball-Bund gegründet. Der Sport organisierte sich immer stärker. Es wurden regionale Strukturen geschaffen, eine Deutsche Meisterschaft eingeführt und die offiziellen englischen Spielregeln übernommen. Doch zunächst blieb der Fußball noch einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht vorenthalten, erklärt der Sporthistoriker Markwart Herzog: OT 04 / 0.31 (Herzog) „Die Menschen, die sich dann für das Fußballspiel begeistert haben und die Vereine gegründet haben, in der Kaiserzeit noch, das waren auch Leute, die dem Bürgertum angehört haben. Also Fußball ist kein Proletensport. Es ist kein Arbeitersport. Das war es weder in England noch in Deutschland. Wenn Sie sich Fotos von Spielen aus der Kaiserzeit anschauen: Da tragen die Leute Zylinder, sie haben ein Anzug an, ein weißes Hemd, das waren gesellschaftliche Ereignisse.“ Erzählerin: Nach dem Ersten Weltkrieg begann die Hochzeit des Fußballsports. In der Weimarer Republik wurde er zusammen mit Boxen und Radfahren extrem populär. Zehntausende strömten in die Stadien. Große Mannschaften prägten das Spiel, langjährige Duelle. Die Rivalität war vor allem zwischen Nürnberg und Fürth extrem - zwei der dominierenden Mannschaften jener Jahre. Die deutsche Nationalmannschaft bestand sogar zweimal ausschließlich aus Nürnbergern und Fürthern. An der Feindseligkeit zwischen den beiden Vereinen änderte das aber nichts. Die Nürnberger Torwartlegende Heiner Stuhlfauth erinnert sich an ein Länderspiel auswärts gegen die Niederlande: OT 05 / (Stuhlfauth) (liegt in zwei Längen vor: KURZ 0.38 / LANG 0.50) „Und so trafen wir in Nürnberg zusammen, die Fürther stiegen in die hinteren Waggons des D-Zugs ein. Und als wir das gesehen haben, sind wir in den vorderen Waggon eingestiegen, nur um damit wir mit den Fürther Spielern nicht zusammengekommen sind. Gesprochen wurde untereinander gar nichts. Blaschke hat zu mir gesagt: Ihr müsst doch wieder einig werden, Ihr müsst noch mal miteinander spielen. Ich habe gesagt: wir werden spielen, als ob wir zusammengehören. Und so war es auch - ein wunderbares Spiel - das erste Länderspiel, das Deutschland gegen Holland gewonnen hat, mit eins zu null.“ Erzählerin: Trotzdem ließen die großen internationalen Erfolge für Deutschland noch auf sich warten. MUSIK Erzählerin: Besonders ernüchternd verlief das olympische Fußballturnier 1936 in Berlin, das wegweisend war für die Jahre des Nationalsozialismus. DFB-Museumsleiter Manuel Neukirchner: OT 06 / 0.43 (Neukirchner) „Fußball hat dann aber im Dritten Reich sehr schnell an Strahlkraft verloren. Das hat natürlich auch mit 36 zu tun, als Adolf Hitler das erste Spiel im Fußball überhaupt besuchte: Deutschland gegen Norwegen. Und das ging kräftig in die Hose. Ein frühes Gegentor der Norweger, dann ein spätes Tor. Und dann war Adolf Hitler aus dem Stadion verschwunden und er hat nie wieder ein Spiel gesehen. Goebbels hat später auch während des Krieges Fußballspiele verboten, Länderspiele verboten, weil Goebbels gesagt hat: Man weiß nie, wie es ausgeht. Und er kann im Deutschen Reich für die Propaganda eigentlich nur Spiele akzeptieren, wo Deutschland ganz klar gewinnt. Und deswegen will er keine offiziellen Länderspiele mehr haben.“ Erzählerin: Trotzdem rollte auch während des Krieges der Ball weiter: OT 07 / 0.30 (Neukirchner) „Für die Aufrechterhaltung der Moral wurde Fußball weiterhin stark eingesetzt auf regionaler und nationaler Ebene. Er wurde sogar auch auf ganz perfide Weise teilweise in Konzentrationslagern eingesetzt. In Theresienstadt, dem Durchgangslager, da wollten die Nazis einfach demonstrieren: „Schaut mal, hier wird Fußball gespielt, so schlimm ist das alles gar nicht!“ TC 07:39 – Das Wunder von Bern MUSIK Erzählerin: Der Zweite Weltkrieg war zuende. Es folgte die Nachkriegszeit und der deutsche Fußball musste sich in der internationalen Sportwelt erst wieder um Akzeptanz bemühen. Dann kam 1954 das Wunder von Bern. OT 08 / 0.17 (Neukirchner) „Es wird nie wieder ein Fußballspiel geben in Deutschland, das diese historische und gesellschaftliche Bedeutung für die Bundesrepublik erlangen wird wie dieses Spiel am 4. Juli 1954. Und es gibt viele, die in diesem Spiel auch die Geburtsstunde der jungen Bundesrepublik ausmachen.“ MUSIK OT 09 / 1.50 Collage aus Reportage von 1954 + O-Ton-Nacherzählung (Neukirchner) „Deutschland ist in der Welt isoliert. Deutschland ist beladen mit Schuld. Eine Nation sucht eine neue Identität, und in dieser schweren Zeit der Not, der materiellen Not kommt dann diese Fußball-Weltmeisterschaft, […] und Deutschland war ein Allerweltsgegner im internationalen Fußball. Und Ungarn war die Übermannschaft, die vier Jahre nicht mehr verloren hatte. Das war das Nonplusultra im Fußball weltweit. In einem vorherigen Spiel hat Ungarn schon gegen Deutschland acht zu drei gewonnen. Also da war ganz klar, wer da Chef war im Ring. […] Und dann hat diese Mannschaft um Fritz Walter nicht aufgegeben, immer weitergemacht, immer weitergemacht, hat den Anschlusstreffer geschafft, den Ausgleich geschafft und dann natürlich durch: - OT 09 Collage aus Reportage von 1954 MUSIK + O-Ton-Nacherzählung (Neukirchner) Und Deutschland wird wirklich als Riesen-Überraschungsmannschaft Weltmeister und zeigt sich dann auch in dem Erfolg auf dem Platz bescheiden. Deutschland war so ein Stück zurück in der in der Weltgemeinschaft mit diesem Fußballspiel. Das war der erste kleine Mini-Schritt zurück.“ TC 10:57 – Scheitern & Skandale Erzählerin: Doch bald schon hatte Fußball-Deutschland Nachholbedarf: die Ligen waren regional zersplittert. Wer sind die besten Spieler für die Nationalmannschaft? Bei so vielen Ligen, so vielen Spielern behielten auch die Verantwortlichen kaum einen guten Überblick. Außerdem gab es selbst in den frühen 1960er Jahren offiziell ausschließlich Amateure, also keine bezahlten Berufsspieler. Ein Trugbild, weil die Realität anders aussah, weiß der Fußballforscher Markwart Herzog, der Leiter der Schwabenakademie Irsee: OT 10 / 0.23 (Herzog) „Schon in der Weimarer Zeit haben gerade bei den Spitzen-Fußballmannschaften sicher alle Spieler Geld bekommen, ein Handgeld. Und das haben die Vereine aus schwarzen Kassen ausbezahlt. Das lag daran, dass der DFB den Berufsfußball verboten hat. Also ein Spieler durfte kein Geld dafür annehmen, dass er gespielt hat. Aber trotzdem haben die Vereine die Spieler bezahlen müssen, weil sie eben sonst anderswohin abgewandert wären.“ Erzählerin: Schon 1930 war der erste Versuch, eine nationale Liga zu gründen, gescheitert – und auch nach dem Krieg wollten die regionalen Fußballfürsten immer noch ihre eigenen Ligen nicht aufgeben. Erst das Scheitern bei der WM 1962 führte zu einem Umdenken. 1963 ging die Bundesliga an den Start: Ausschnitt Moderation Bundesliga 1963 / MUSIK OT 11 / 0.45 (Neukirchner) „Da gab es zunächst noch eine Deckelung des Gehaltes. Ich glaube, man durfte 1200 Mark verdienen. Aber man konnte das ausüben, ohne einen bürgerlichen Beruf nachweisen zu müssen. Und das war der erste Schritt in Richtung Professionalisierung. Die Clubs hatten auch Angst, die Gründungsvereine, ob sie das wirtschaftlich wirklich alles so tragen konnten, diese oberste Spielklasse, weil die Fahrtwege waren natürlich länger. Das bedeutete für die Klubs ja auch einen erhöhten Aufwand. Aber es hat sich gezeigt, dass es genau der richtige Weg war. Und nur so konnte Deutschland dann eben auch den Weg einschlagen, den Deutschland als Fußballnation eingeschlagen hat.“ Erzählerin: Deutschland wurde 1966 Vize-Weltmeister. Vier Jahre später WM-Dritter. Doch dann drohte der Höhenflug des Profifußballs in Deutschland jäh abzustürzen. Der Präsident der abgestiegenen Offenbacher Kickers, Horst Gregorio Canellas, ließ bei einer Geburtstags-Sommerparty plötzlich ein Tonband laufen: MUSIK OT 12 Canellas „…(mitgeschnittenes Tonband mit Spielabsprachen…)“ Erzählerin: Spielabsprachen, Bestechung. Fast ein Drittel der Bundesliga-Vereine war in den Bundesliga-Skandal verwickelt. Zahlreiche Spieler und Vereine wurden bestraft: OT 13 DFB-Gericht „…(„Urteile werden vorgelesen“) Erzählerin: Später gab es Begnadigungen. Doch die Fans wandten sich in Scharen ab. Die Zuschauerzahlen gingen stark zurück. MUSIK aus Auch der Fußball in der DDR hatte immer wieder mit Problemen zu kämpfen. In den ersten Jahren griff die Staatsmacht beherzt ein: Vereine wurden gegründet, umbenannt oder sogar umgesiedelt. Später entstand bei Fußballanhängern viel Frust, weil der Lieblingsverein des Stasi-Chefs Erich Mielke, Dynamo Berlin, ganz unverhohlen von den Schiedsrichtern bevorzugt wurde und Titel dadurch serienweise einfuhr. In und außerhalb der Stadien waren – wie auch im Westen - gewaltbereite Hooligans aktiv, die es im Arbeiter- und Bauernstaat jedoch offiziell nicht geben durfte. Der DDR-Fußball war aber auch erfolgreich: Magdeburg holte eine Europapokal-Trophäe, die Olympia-Auswahl 1976 gewann Gold und dann war da noch das einzige Spiel zwischen der DDR und der Bundesrepublik bei einem großen Turnier – bei der Weltmeisterschaft 1974 in Hamburg: MUSIK 03 – Ausschnitt BRD-DDR Kommentar Erzählerin: Obwohl der Gastgeber mit 0:1 gegen die DDR verlor, wurde die Bundesrepublik dennoch Weltmeister. Vor allem dank der Spieler des FC Bayern München, der sich in den 1970er Jahren zum dominanten Verein in Deutschland aufschwang, dreimal den Europapokal der Landesmeister gewann und den Grundstein legte für bis die bis heute andauernde Polarisierung der deutschen Fußballfans. TC 14:45 – FC Bayern: Man liebt sie oder hasst sie Die Bayern liebt man - wegen ihres Erfolges. Oder man hasst sie – ebenfalls wegen ihres Erfolges und der darum gewachsenen Arroganz – wie viele Fans anderer Vereine behaupten. In dieser Zeit spielten bei den Münchnern Stars, die den Fußball über Jahrzehnte prägten: Gerd Müller, der einen wohl unerreichbaren Torrekord in der Bundesliga aufstellte, Sepp Maier, der als Torhüter und Spaßvogel die Menschen begeisterte, Uli Hoeneß, der als Manager und Präsident den Verein jahrzehntelang steuerte, und nicht zuletzt Franz Beckenbauer, der dann 1990 als Bundestrainer die deutsche Nationalmannschaft zum dritten WM-Titel führte und mit umstrittenen Mitteln dank seiner internationalen Beziehungen die Weltmeisterschaft 2006 ins eigene Land holte. Paul Breitner, ebenfalls einer aus dem Kerngehäuse des Vereins, versucht zu erklären, warum es damals so gut lief: OT 14 / 0.37 (Breitner) „Es gab natürlich auch in dieser Mannschaft Freundschaften, aber es gab etwas viel Wichtigeres fürs Berufsleben, nämlich absolute Kollegialität, Verantwortungsbewusstsein bei jedem, dass er nicht nur für sich, sondern auch für zehn, 15 oder 18 Kollegen zuständig ist. Das Entscheidende ist, dass eine erfolgreiche Mannschaft die Probleme, die sie hat, die auch nur im Entstehen sind, selbst erledigen muss. Das heißt, sie muss sich selbst reinigen. Und jede Mannschaft, die dazu jemand braucht, die wird keinen großen Erfolg haben können.“ Erzählerin: Die Titel brachten dem FC Bayern Popularität und eine steile sportliche und wirtschaftliche Entwicklung mit sich: Inzwischen ist er bei einem Jahresumsatz von mehr als 700 Millionen Euro angekommen. Der Verein: ein nicht mehr zu übersehender Wirtschaftsfaktor. TC 16:37 – Europameisterinnen mit Kaffeeservice Obwohl die Münchner auch eine eigene Frauenmannschaft stellen, die ebenso regelmäßig Titel abräumt, ist der Frauenfußball in Deutschland von solchen Zahlen meilenweit entfernt. Sicherlich auch historisch bedingt: Erst 1970 wurde der Frauenfußball in Deutschland überhaupt zugelassen. Als 1989 die Nationalmannschaft erstmals Europameister wurde, bekamen Doris Fitschen und ihre Kolleginnen als Prämie ein Kaffeeservice. Als die Männer-Nationalmannschaft ein Jahr später Weltmeister wurde, gab es pro Spieler umgerechnet etwa 60.000 Euro. OT 15 / 0.20 (Fitschen) „Ja, es frustet natürlich schon, wenn ich mir das noch mal vor Augen führe: 100 Länderspiele und ich habe quasi kein Penny dadurch verdient. Und die Männer, die haben nach ihrem zweiten Länderspiel schon ausgesorgt, das ist schon ein bisschen frustrierend. Aber andererseits kannte ich es auch nicht anders. Und es entwickelt sich ja doch. Aber es ist natürlich nicht mit dem Herrenfußball zu vergleichen.“ Erzählerin: Das Kaffeeservice von Doris Fitschen steht inzwischen im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Manuel Neukirchner zeigt es seinen Gästen gern, um zu illustrieren, wie schwierig es für die Frauen in Deutschland war: OT 16 / 0.40 (Neukirchner) „Frauenfußball war lange Zeit verpönt, weil es sehr kampfbetonter Sport ist. Es war 1930, eine Metzgerstochter, Lotte Specht, die den Mut aufbrachte, per Zeitungsannonce nach Mitstreiterinnen zu suchen für den ersten Damen-Fußball-Club Frankfurt. Und daraufhin haben sich auch viele gemeldet: 30 Spielerinnen. Das war so das erste Mal, dass sich der Frauenfußball in Deutschland organisieren wollte. Und dann standen die Männer am Spielfeldrand, bewarfen die Frauen teilweise mit Steinen, bespuckten sie, verhöhnten sie. Und nach einem Jahr hat sich der Frauenfußball in Frankfurt, dieser Klub, auch schon wieder aufgelöst.“ Erzählerin: Inzwischen sind die deutschen Frauen erfolgreicher als die Männer: acht EM-Titel, zwei WM-Titel und ein Olympiasieg zeugen davon. Die deutsche Männer-Nationalmannschaft hatte dagegen nach dem WM-Titel 1990 und der der Wiedervereinigung zwar ein Übermaß an guten Spielern. Franz Beckenbauers Prophezeiung, der deutsche Fußball werde nun auf Jahre unschlagbar sein, erfüllte sich aber nicht. Und der DDR-Fußball wurde ebenso schnell abgewickelt wie viele der Industrien in den neuen Bundesländern: Hunderte von Spielern gingen in den Westen, die Traditionsvereine im Osten hatten weder die wirtschaftlichen noch die sportlichen Möglichkeiten mitzuhalten. TC 19:11 – Geld regiert die Fußballwelt MUSIK Erzählerin: Die 1990er Jahre trieben stattdessen eine Entwicklung voran, die den Fußball bis heute prägt: die Kommerzialisierung nimmt immer mehr zu, es gibt Fan-Artikel vom Türvorleger bis zur Unterhose, Fans zahlen Geld, um bei verschiedensten Fernseh- und Internetanbietern Spiele verfolgen zu können. Der Fußball dominiert die Sportberichterstattung in den Medien. Als Deutschland in Brasilien 2014 Weltmeister wird, sitzen hierzulande mehr als 34 Millionen Menschen vor dem Fernseher. In der Bundesliga wächst die finanzielle und damit auch die sportliche Kluft zwischen den großen und den kleinen Vereinen. Es gibt viele Fußball-Anhänger, die sich damit nicht mehr wohlfühlen: OT 17 / 0.39 (Fans) „Es geht alles nur noch ums Geld, um Einfluss, und da finde ich, dass die Fans und der eigentliche Fußball teilweise schon auf der Strecke bleiben. / Dieses Getue ist mir einfach zu viel geworden. Die Experten, die vor und nach jedem Spiel eine Stunde, zwei Stunden oder auch während des Spiels dazugeschaltet werden, die interessieren mich alle kein Stück. / Alles wird noch mehr ausgebeutet. Im Fernsehen du kannst heutzutage, glaube ich, jeden Tag fünf Stunden Fußball schauen, musst halt dafür zahlen, sind kleine Beträge, das läppert sich insgesamt. Doch so dass dann eben jeder Spieler, auch wenn er nur ein Tor schießt, das das entscheidende Tor ist, einfach 100 Millionen mehr wert ist.“ Erzählerin: Der Sport entwickelt sich allmählich weg von den kleinen Plätzen hin zum globalen Medienphänomen. Zuletzt haben die kleineren Vereine deutschlandweit jedes Jahr rund 100.000 aktive Spieler verloren. Im Profibereich sind dagegen Ablösesummen für einzelne Akteure im zweistelligen Millionenbereich keine Seltenheit mehr. Manuel Neukirchner vom Deutschen Fußballmuseum: OT 18 / 0.38 (Neukirchner) „Heute ist der Fußball einfach nur noch im wirtschaftlichen Zusammenhang zu denken. Angebot und Nachfrage bestimmt das gesellschaftliche Leben - auch im Fußball. Der Fußball löst unglaubliche Umsätze aus und davon profitieren alle die Akteure auf dem Platz, die Vereine, die Fernsehsender, die Medien, die Lizenzrechteinhaber. Das ist nicht mehr zurückzudrehen. Und wir haben in den letzten Jahren eigentlich gemerkt, dass auch wenn der Fußball immer wieder totgesagt worden ist, er nicht gestorben ist. Und ich glaube, dass auch in Zukunft das der Fall sein wird. Natürlich müssen wir aufpassen, dass die Spirale nicht überdreht wird.“ MUSIK Erzählerin: Damit der Fußball in Deutschland auch weiterhin die Menschen trauern, jubeln und feiern lässt… Collage Reporter-Torschreie aus Bundesliga-Saison / MUSIK TC 22:13 – Outro
- 05.06.202422 min
Am 6. Juni 1944 landen alliierte Truppen in der Normandie. Etliche Schriftsteller sind Zeugen der spektakulären Landung, darunter Ernest Hemingway, Jerome D. Salinger und Stefan Heym. In Frankreich verfolgen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre die Ereignisse, und in den USA lauschen exilierte Autorinnen und Autoren gebannt den Nachrichten über den Ausgang der Invasion. Von Joachim Scholl (BR 2024) Credits Autor: Joachim Scholl Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Caroline Ebner, Stefan Merki Redaktion: Andrea Bräu Ein besonderer Linktipp der Redaktion: ARD History (2024): 24 h D-Day Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN Linktipp: ARD alpha (2024): D-Day – Die letzten Zeugen 6. Juni 1944. Der Tag, der als "D-Day" in die Geschichte eingeht. Kanadische, britische und US-amerikanische Truppen landen in der Normandie, um Europa von der Knechtschaft der Nazis zu befreien. Diese zweiteilige Dokumentation lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und ermöglicht einen ebenso umfangreichen wie ausgewogenen Blick auf die Umstände und Ereignisse jenes Tages, der die Welt verändert hat. Ehemalige britische Matrosen, französische Freiheitskämpfer und deutsche Wehrmachtssoldaten gewähren Einblicke in ihre damaligen Erlebnisse, Gefühle und Erfahrungen. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ZITATOR Achtung, Achtung, hier ist die BBC London. Wir senden nun Mitteilungen in französischer Sprache: (kurze Pause) – „Les anglots longs de violons de l’automne / Blessent mon coeur d’une langue montone...“ / Atmo stehen lassen, darauf Sprecherin) SPRECHERIN „Les anglots longs de violons de l’automne / Blessent mon coeur d’une langue montone...“ – „Das lange Schluchzen herbstlicher Geigen / Die mein Herz mit langweilender Mattigkeit verwunden“ – an einem Dienstag, in der Nacht zum 2. Juni 1944 erklingt im britischen Rundfunk französische Poesie. Nur die ersten beiden Zeilen von „Chanson d’Automne“, aus dem Gedicht „Herbstlied“ von Paul Verlaine. Aber das genügt, die Empfänger reagieren wie elektrisiert. MUSIK ENDE Es ist eine literarisch verschlüsselte Botschaft an die Résistance, die Widerstands- bewegung im besetzten Frankreich. Jahrelang haben die Untergrundkämpfer auf diese Verse gewartet, die jetzt nur eines bedeuten: Innerhalb der nächsten 48 Stunden beginnt hier, auf dem Kontinent, der große Angriff – die Invasion! SPRECHER Noch einmal wird die Geduld der Résistance auf eine harte Probe gestellt. General Dwight D. Eisenhower, der amerikanische Oberbefehlshaber der alliierten Landungstruppen, hat den Invasionstermin auf den 4. Juni gelegt. Drei Millionen Soldaten sind an der südenglischen Küste zusammengezogen. Mehr als 5000 Schiffe drängeln sich in den Häfen am Kanal. 7000 Kampf- und über 2000 Transportflugzeuge stehen bereit. Doch dann schlägt das Wetter um, Sturm kommt auf. Die erste Welle an Schiffen, die bereits unterwegs ist, muss umkehren. Das Warten wird unerträglich. MUSIK ZITATOR In der ganzen Welt fragten sich die Menschen, wann es soweit sein würde, und nicht wenige beteten. Aber nirgends war die Spannung größer als ins London. Hier fühlte man das Drama, auf beinahe schmerzend körperliche Weise. Es war so nah, nur eine Stunde entfernt, bis zur Küste im Süden. MUSIK ENDE SPRECHERIN (auf Musik) Der kanadische Kriegs-Korrespondent Lionel Shapiro in seinem 1956 veröffentlichen Roman „The 6th of June“, „Der 6. Juni“: MUSIK ZITATOR Die Menschen gingen in die Pubs, um die endlosen Abende zu verkürzen. Hier war es am schlimmsten. Die Lokale waren voll und trotzdem tödlich still. Warum nur? Es ist diese verdammte Warterei, sagten die Leute zu sich, aber es war der Tod an den Stränden, an den sie in Wahrheit dachten. MUSIK ENDE O-Ton engl. BBC-Kriegsberichterstatter 0’57 / mit Voice over „The Canal troops are landing, they are landing all around me, as I speak, red and white parachutes fluttering down, in perfect formation…” SPRECHERIN Am 6. Juni ist „D-Day“, Decision Day, der Tag der Entscheidung. Ab 1.00 Uhr nachts landen 18.000 britische und amerikanische Fallschirmjäger im Hinterland der normanischen Küste zwischen Sainte-Mère-Église und Caen. Sie treffen auf einen völlig überraschten Gegner. Niemand bei der deutschen Heeresleitung hat den Angriff zu diesem Zeitpunkt erwartet. Auch nicht der Schriftsteller Ernst Jünger, der als Offizier im Generalstab von Paris stationiert ist. Zwei Tage nach der Landung schreibt er in seinem Tagebuch: ZITATOR Am gestrigen Tag bei General Speidel in La Roche-Guyon. Wir fuhren gegen Mitternacht zurück. Auf diese Weise verpassten wir um eine Stunde das Eintreffen der ersten Meldungen über die Landung. Sie wurde am Morgen bekannt und überraschte viele. Die ersten abgesprungenen Kräfte wurden nach Mitternacht festgestellt. Zahlreiche Flotten und mehrere tausend Flugzeuge traten bei den Operationen auf. Es handelt sich ohne Zweifel um den Beginn des großen Angriffs, der diesen Tag historisch machen wird. SPRECHERIN Und Adolf Hitler? Der „Führer“ weilt in Berchtesgaden und verschläft den Vormittag. Seit 5 Uhr 30 rollen die Angriffswellen gegen die Strände der Normandie, um 10 Uhr 15 traut man sich endlich, Hitler zu wecken. Im Morgenmantel empfängt er die Nachricht. Dann verstreichen entscheidende Stunden, der selbsternannte Oberbefehlshaber der Wehrmacht zögert, die bereitstehenden Panzer-Divisionen in Marsch zu setzen. MUSIK Generalfeldmarschall Rommel, der Oberkommandierende der deutschen Truppen in Frankreich, fleht Hitler förmlich an. Am Nachmittag, viel zu spät, gibt er endlich den Befehl. Erst am späten Abend wird die Invasion in Deutschland bekanntgemacht. MUSIK hoch SPRECHER Als Ernst Jünger in der Nacht zum 6. Juni durch Paris fährt, hätte er zwei französischen Schriftstellern begegnen können: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. MUSIK ENDE Sie kommen gerade von einer Party, es wurde getrunken, gesungen, gelacht, Albert Camus hatte wie wild getanzt. In ihrer Autobiographie schreibt Simone de Beauvoir: ZITATORIN Wir gingen mit Olga und Bost zur ersten Metro und begleiteten die beiden bis zum Montparnasse. Die Place de Rennes lag verlassen im fahlen Licht der Morgendämmerung. Plakate an der Bahnhofsmauer verkündeten, dass der Zugverkehr eingestellt sei. Was ging vor? Ich schlief fünf oder sechs Stunden. Als ich erwachte, drang die Stimme eines Radios durch mein Fenster. Sie sagte lang erwartete, unglaubliche Dinge, ich sprang aus dem Bett. Die anglo-amerikanischen Truppen hatten in der Normandie Fuß gefasst! Die Tage, die nun kamen, waren ein einziges Fest. Die Leute lachten einander zu, die Sonne strahlte – und wie fröhlich waren die Straßen. SPRECHER Jean-Paul Sartre zeigt weniger Enthusiasmus, er fühlt sich unschön abgelenkt. hat nur Sinn für sein neues Theaterstück „Huis Clos - bei Geschlossene Geellschaft“, das in diesen Tagen Premiere feiern soll. – Viele tausend Kilometer entfernt, im kalifornischen Exil, ist ein anderer Dramatiker von Weltgeltung ebenfalls ganz auf seine Arbeit konzentriert. Genau am Invasionstag vollendet Bertolt Brecht den „Kaukasischen Kreidekreis“. Dann geht er ins Kino. In seinem „Journal“ verzeichnet er diesen Eintrag: ZITATOR 6. Juni 1944. – Ich kam mit Homolka und Karin aus dem Film „Memphis Belle“ – der Flug einer Flying Fortress nach Wilhelmshaven – und saß schon wieder beim Schach, als Hanns Eisler telefonierte, die Invasion in Frankreich habe eingesetzt. Das Radio spie Nachrichten, ein Augenzeuge sprach schon von der Normandie aus. SPRECHERIN In Brechts Nachbarschaft wird die Nachricht mit größerem Interesse aufgenommen. Der berühmteste Schriftsteller des deutschen Exils, Thomas Mann, feiert ausgerechnet am D-Day Geburtstag. Am Abend notiert er in sein Tagebuch: ZITATOR Pacific Palisades, Dienstag, den 6. Juni. – Mein 69. Geburtstag. Stand halb neun Uhr auf. Während Katja mir ihre Geschenke zeigte, rief Mrs. Meyer aus Washington an, von der ich, bevor ich die Zeitung gesehen, erfuhr, dass die Invasion Frankreichs bei Caen, Calais, Le Havre begonnen hat. Eigentümliches Zusammentreffen. Beim Frühstück die Zeitungsnachrichten. Die Meyer erklärte, befriedigende direkte Nachrichten aus dem Kriegsministerium zu haben. Spannung auf koordinierte Aktionen der Russen. Telephon mit den Franks. Man erwartet eine weitere Ansprache des Präsidenten. Regie: O-Ton / Amerik. Nachrichtensprecher (In OF: ab 12‘36) „Ladies and Gentlemen, the President of the United States…” SPRECHERIN Tags zuvor hat Franklin D. Roosevelt im Rundfunk den Einmarsch alliierter Truppen in Rom verkündet. Nun wendet sich der amerikanische Präsidente erneut an sein Volk: Regie: O-Ton / Roosevelt My fellow Americans! Last night when I spoke to you about the fall of Rome I knew at that moment that troops of the United States and our allies were crossing the channel.” DARÜBER ZITATOR Liebe Mitbürger. Gestern Nacht, als ich zu Ihnen sprach, über den Fall von Rom, wusste ich in diesem Moment bereits, dass Truppen der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten den Kanal überquerten. Bis jetzt waren wir erfolgreich. Und so bitte ich Sie, in dieser kritischen Stunde, mit mir zu beten... SPRECHERIN Genau zu dieser Zeit arbeitet Thomas Mann an seinem Roman „Doktor Faustus – Die Geschichte des Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“. Serenus Zeitblom heißt der eher furchtsame, brave Chronist, und in die Rekapitulation der tragischen Biographie Leverkühns mischt der Erzähler aktuelle Beobachtungen und Reflexionen. Am 23. Mai 1943 setzt der Roman ein, an diesem Tag beginnt Thomas Mann mit der Niederschrift. Im Juni 1944 befindet er sich im 33. Kapitel. Und die sensationelle Nachricht aus der Wirklichkeit diktiert ihm die Fiktion. MUSIK ZITATOR Die Invasion Frankreichs, als Möglichkeit längst anerkannt, hat sich vollzogen – eine mit vollkommener Umsicht vorbereitete technisch-militärische Leistung ersten oder überhaupt neuen Ranges, und bald waren es der zu Strande gebrachten Truppen, Tanks, Geschütze und jederlei Bedarfe mehr, als wir wirder ins Meer zu werfen vermochten. Cherbourg hat nach heroischen Radiogrammen des Kommandierenden Generals an den Führer kapituliert, und seit Tagen schon tobt eine Schlacht, deren Streitgegenstand die normannische Stadt Caen ist. MUSIK ENDE Regie: O-Ton / Dt. Kriegsberichterstatten 0’15 (In OF: 21’08) „Hier hart an uns vorbei heulen die Granaten der englischen Artillerie, sie beschießt den Dorfrand hinter unserem Rücken, wo man anscheinend Fahrzeug- bewegungen erkannt hat. In der Talsohle vor uns sind die grauen Ruinen und zerfetzten Baumstümpfe eines total, bis auf das letzte Haus heruntergebrannten Dorfes zu sehen. . MUSIK SPRECHER Um 3.30 Uhr hat der Feuerschlag begonnen. Tausende von Schiffsgeschützen beschießen die deutschen Befestigungsanlagen. In der Luft ist die gesamte Bomberflotte im Einsatz. Noch warten die über 4000 Landungsboote im sicheren Schutz der Geleitschiffe. Die alliierte Führung hat den 30 Kilometer langen Küstenstreifen in fünf Landezonen eingeteilt. Im Abschnitt „Utah“ und „Omaha“ landen amerikanische Soldaten, und in einem Boot vor „Omaha Beach“ sitzt mitten unter den durchnässten und frierenden G.I.s der weltberühmte Romancier Ernest Hemingway. Als Kriegs-Korrespondent hat er schon zuvor von vielen Fronten berichtet. Die Invasion sollte die Krönung für den Boxer, Stierkampf-Liebhaber und notorischen Macho sein. Seinen Wunsch, gleich in der ersten Angriffs-Welle mitzufahren, lehnt das alliierte Presse-Ministerium entsetzt ab – den ersten Lande-Einheiten werden wenig Überlebens-Chancen eingeräumt. Man rechnet mit 10.000 Toten, eine Zahl, die sich als realistisch erweisen sollte. Hemingway darf in die siebte Welle! ZITATOR Wir näherten uns der Küste im Morgengrauen. Das Landungsboot war sechsundreißig Fuß lang und sah aus wie ein Sarg. Er nahm viel Wasser über, das in grünen Schauern auf die Stahlhelme der Soldaten prasselte, die Schulter an Schulter hockten, in der steifen, ungeschickten, ungemütlichen, einsamen Genossenschaft von Männern, die in die Schlacht gehen. Unter der Back des stählernen Boots lagen Kisten voll TNT, mit Gummischwimmwesten umwickelt, um in der Brandung zu schwimmen, und Bazookas in Haufen und Kisten voll Bazooka-Raketen, und alle diese Munitionspacken steckten in wasserdichten Plastikhüllen wie die College-Girls, wenn’s regnet. Voraus war die französische Küste zu sehen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Der Reporter Hemingway war auf „Omaha Beach“ gelandet; im südlichsten Abschnitt „Utah“ liegt der einfache Gefreite Jerome D.Salinger im Sand. Der spätere Verfasser von „Der Fänger im Roggen“ wird nur ein einziges Mal in seinem Leben von diesem Tag erzählen, leicht angetrunken, auf einem Veteranentreffen, sonst hätte die Welt nie davon erfahren. SPRECHER Dort, wo die Einheit von Jerome D.Salinger gelandet ist, trifft sie auf den heftigsten Widerstand der Deutschen. Hier sind die Verteidigungsanlagen am besten ausgebaut. Minenfelder, Sperrhöcker, Stacheldraht und in den Sand getriebene Balken machen die Landung von Panzern und Fahrzeugen schier unmöglich. Diese Balken heißen im Jargon der deutschen Landser „Rommelspargel“. Sie liefern, bald 15 Jahre später, dem Schriftsteller Günter Grass den Anlass für ein satirisches Gedicht in seinem Roman „Die Blechtrommel“. Im Sommer 1944 ist der Held Oskar Matzerath Mitglied in einer Fronttheatertruppe. Man gastiert in Frankreich. Während eines Picknicks auf den Betonbunkern des „Atlantik-Walls“ wird spontan gedichtet. Künstlerin Kitty sagt die Verse auf: Regie: Blechtrommel-Wirbel MUSIK ZITATORIN Noch waffenstarrend, mit getarnten Zähnen Beton einstampfend, Rommelspargel Schon unterwegs ins Land Pantoffel, Wo jeden Sonntag Salzkartoffel Und freitags Fisch, auch Spiegeleier: Wir nähern uns dem Biedermeier (Trommelwirbel) ((Noch schlafen wir in Drahtverhauen Verbuddeln in Latrinen Minen Und träumen tags darauf von Gartenlauben, Von Kegelbrüdern, Turteltauben, Vom Kühlschrank, formschön Wasserspeier: Wir nähern uns dem Biedermeier! (Trommelwirbel) Muss mancher auch ins Gras noch beißen Muss manch ein Mutterherz noch reißen Trägt auch der Tod noch Fallschirmseide Knüpft er doch Rüschlein seinem Kleide Zupft Federn sich vom Pfau und Reiher Wir nähern uns dem Biedermeier! )) Blechtrommel-Wirbel SPRECHER Anderntags ist der Spaß vorbei, wird das Künstlervölkchen vom Angriff der Alliierten überrascht, Oskars Freundin Roswitha von einer Granate getötet. SPRECHERIN Tausende Kilometer entfernt, tief im Osten, empfängt ein weiterer späterer deutscher Literatur-Nobelpreisträger die Nachrichten aus der Normandie. Seit fünf Jahren, vom ersten Tag des Krieges an, marschiert der Infanterist Heinrich Böll durch den Schrecken. Er wird schwer verwundet und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Die Landung der Alliierten lässt Böll hoffen. Sehnsüchtig schreibt er gleich am 7. Juni aus einem ungarischen Lazarett an seine Frau Annemarie: ZITATOR Gestern Abend erfuhren wir alle mit großer Erregung und Erwartung von der Invasion im Westen. Das ist ein unglaublich wichtiges Ereignis, diese Invasion, das kann wirklich zur Entscheidung des Krieges noch in diesem Jahr führen; wäre es nicht toll, wenn uns endlich einmal ein Zeichen vom Beginn des Endes leuchten würde, ach, dieser wahnsinnige, verbrecherische Krieg muss bald zu Ende gehen! Regie: O-Ton Winston Churchill (In OF: 33’41) “We tried again and again to prevent this war... ZITATOR „Immer wieder haben wir versucht, diesen Krieg zu verhindern“, hat der britische Premierminister Winston Churchill im November 1939 gesagt. Regie: O-Ton kurz hochziehen „...which should not have happened… ZITATOR 1 “Aber jetzt sind wir im Krieg, und wir warden Krieg führen, und wir warden ihn solange führen, bis die andere Seite genug davon hat. Regie: O-Ton kurz hochziehen „...until the other side has had enough of it.“ SPRECHERIN Am 11.Juni vereinigen sich die alliierten Brückenköpfe zu einer geschlossenen Front, die Invasion ist endgültig gelungen – mehr als eine halbe Million Soldaten und 90.000 Fahrzeuge stehen auf französischem Boden. Es wird nur noch zwei Monate dauern, bis die Streitmacht Paris erreicht. Am 25. August wird die Hauptstadt befreit. - Als passionierter und bekannter Schriftsteller wird Winston Churchill ebenfalls über die Invasion und den Siegeszug der Alliierten schreiben, in seinem Buch „Der Zweite Weltkrieg“ – noch vor Abschluss des sechsbändigen Werks erhält er dafür 1953 den Literatur-Nobelpreis. SPRECHER Im selben Jahr 1948, als der erste Band von Winston Churchills Kriegs-Memoiren erscheint, kommt in New York der Roman eines deutschen Schriftstellers auf den Markt: „The Crusaders“ – ein weitgespanntes 800-Seiten-Epos, das nach der Landung der Normandie einsetzt, die Befreiung Frankreichs beschreibt, die Schicksale von Amerikanern und Deutschen gleichermaßen schildert und bis zur Eroberung Deutschlands reicht. Der Verfasser heißt Stefan Heym! – SPRECHERIN Als Technical Sergeant hat er im Presse-Korps der 12. US-Armee die Invasion aus nächster Nähe erlebt, es ist für ihn auch die Wiederkehr nach Europa! – 1933, mit zwanzig Jahren, war der Sohn einer jüdischen Kaufmanns-Familie nach dem Reichtagsbrand aus Deutschland geflohen. In den USA wurde er zum Amerikaner und erfolgreichen Schriftsteller, 1943 meldete er sich freiwillig zum Militär. Im Einsatz in Frankreich arbeitet er für die Feindaufklärung, verfasst Flugblätter und Ansprachen, die über Lautsprecher die deutschen Soldaten zur Aufgabe bewegen sollen. Im Roman hat Stefan Heym eines dieser von ihm entworfenen Flugblätter eingebaut: ZITATOR ... wofür kämpft Ihr? Um einen verlorenen Krieg zu verlängern, einen Krieg, der Europa vernichtet, einen Krieg, der euch selbst vernichtet. Fünf Jahre lang habt ihr gekämpft. Milllionnen sind in Russland gefallen, und täglich nähern sich die Russen der deutschen Grenze. Die Front im Westen rollt donnernd vorwärts. Wenn ihr euch noch retten wollt, wenn ihr Deutschland noch retten wollt, gibt es nur einen Ausweg: SCHLUSS MACHEN! SPRECHERIN Stefan Heym wird nach dem Krieg zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der jungen DDR. „The Crusaders“ erscheint dort 1950 unter dem deutschen Titel „Kreuzfahrer von heute“, in Westdeutschland wird die Ausgabe später „Der bittere Lorbeer“ heißen. Für seine militärischen Dienste wird Stefan Heym von den USA mit dem Bronze Medal Star ausgezeichnet. – Und in seinem Flugblatt hat er die Wahrheit gesprochen: Am 22. Juni, zwei Wochen nach der Invasion, sind 200 Divisionen der Roten Armee zur Offensive im Osten angetreten, sie sind den Deutschen fünffach überlegen. Überall nun brechen die deutschen Fronten zusammen. Regie: Musik / unter Text SPRECHER Jetzt beginnt das Ende. Auch Serenus Zeitblom hat die Nachrichten gehört. In Kalifornien lässt Thomas Mann seinen ängstlichen Helden um Deutschland zittern: MUSIK ZITATOR Kein Halten mehr! Seele, denk‘ es nicht aus. Wage nicht, zu ermessen, was es heißen würde, wenn in unserem extremen, durchaus einmalig-furchtbar gelagerten Fall die Dämme brächen und es kein Halt mehr gäbe gegen den unermesslichen Hass, den wir unter den Völkern ringsum gegen uns zu entfachen gewusst haben. (...) Das Strafgericht – es komme! Nichts anderes bleibt mehr zu hoffen, zu wollen, zu wünschen. (...) Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig! MUSIK ENDE
- 05.06.202423 min
80 Jahre liegt die Landung der Alliierten in der Normandie zurück. Noch heute erinnern Bunkeranlagen und Panzer am Strand von Courseulle-sur-mer an die Befreiung von den Nationalsozialisten. Da es kaum noch Zeitzeugen gibt, ist es heutigen Bewohnern des Küstenörtchens besonders wichtig, weiterhin das Gedenken zu wahren. Von Andrea Burtz (BR 2024) Credits Autorin: Andrea Burtz Regie: Ron Schickler Es sprachen: Katja Bürkle, Ron Schickler, Andreas Neumann, Hemma Michel Technik: Robin Auld Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Romain LeChartier, Samuel LeVasseur, Corinne Vervaeke, Philippe Vervaeke, Eric Tabaud Ein besonderer Linktipp der Redaktion: ARD History (2024): 24 h D-Day Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN Linktipp: arte (2024): Der D-Day und eine Reise in die Familiengeschichte In diesem Jahr ist es 80 Jahre her, dass alliierte Truppen in der Normandie landeten, um die Nazi-Herrschaft über Europa zu beenden. Daran wird international erinnert. Aber auch heute noch ist der D-Day für viele Menschen weit mehr als ein Gedenktag; er ist ein wesentliches Datum ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte ihrer Familie. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN (flüsternd) TON 1 Ich habe immer dasselbe Gefühl, wenn ich das Alter dieser Soldaten lese. Ich bin jetzt 30, die meisten sind jünger als ich. Der Älteste, der hier begraben ist, war 34. Ich habe Mitgefühl, wenn ich mich in ihre Lage versetze, mir ihre Lebenswege vorstelle. Was wohl im Moment der Landung in ihren Köpfen vorgegangen ist, und als sie sich entschlossen haben, herzukommen. Sie hatten keine Wahl. Auf Friedhöfen herrscht immer diese Stimmung von Ruhe und Gelassenheit. Atmo Friedhof SPRECHERIN Es ist ein sonniger Morgen in Bény-sur-mer. Romain ist der einzige Besucher auf dem kanadischen Soldatenfriedhof. Er stammt aus dem Nachbarort Courseulles und betreibt dort eine kleine Pension. Sein Blick schweift über die einheitlichen Grabsteine der 2.049 jungen Kanadier, die in den ersten Wochen der Normandie-Invasion im Juni 1944 gefallen sind. Auf jeder weißen Stele sind unter einem Ahornblatt Name, Rang und Todesdatum eingraviert. Dazwischen blühen Narzissen, Iris und rote Tulpen. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN, TON 2 Es ist unvorstellbar. Jetzt sogar noch mehr. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass sowas heute nochmal passieren könnte. Dass Menschen sechstausend Kilometer auf einem Schiff oder in einem Flugzeug hinter sich bringen, um ein Land zu retten, das sie gar nicht kennen. Ich glaube, wenn man heute Leute zwischen 20 und 30 fragen würde, ob sie in der Lage wären, das zu tun, würden 99% „nein“ sagen. Es ist unvorstellbar, und das macht das Ganze noch stärker. ATMO Friedhof FREISTEHEND, SAMUEL LEVASSEUR, TON 3 Je suis jardinier. Ca fait 30 ans que je fais le travail pour le cimetière. SPRECHERIN Samuel Levasseur ist seit 30 Jahren der einzige Gärtner des Soldatenfriedhofs. Im Ort heißt es, es sei der schönste der Region. Denn Samuel sorgt dafür, dass er ganzjährig blüht. Im Juni, zum Jahrestag der Landung, setzt er Klatschmohn. Damit schmückten schon die Einheimischen im Frühsommer 1944 die Gräber. Dem Gärtner ist es wichtig, den Gefallenen jeden Tag aufs Neue seine Ehre zu erweisen. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG SAMUEL LEVASSEUR TON 4 (Samuel, ov) Am Ende bleiben nur ihre Gräber. Ich bepflanze sie, damit sie hübsch aussehen, und um ihnen zu huldigen. Ein wunderschöner Tribut, den ich zollen kann. In diesem Jahr ist es vielleicht das letzte Mal, dass wir den Gedenktag mit Veteranen begehen. Zum Glück konnten wir die Andenken dieser Männer bewahren, ich habe einige gesammelt. Sie sollen nicht vergessen werden. MUSIK SPRECHERIN Manche Angehörige hinterlassen Hochzeitsfotos, handgeschriebene Nachrichten und sogar Schmuck auf den Gräbern. Nach einer Weile entfernt Samuel Levasseur die verwitterten Gegenstände, damit der Gesamteindruck der Gedenkstätte nicht gestört wird. Aber er hebt all diese Dinge auf und beantwortet Besuchern Fragen. Die 30 Jahre Arbeit zwischen den Grabsteinen junger Soldaten haben ihn geprägt. SPRECHERIN OV ÜBERSETZUNG CORINNE VERVAEKE; TON 5 Er ist ein Poet! Seine Verse sind sehr bewegend, er schreibt wunderschöne, schlichte Gedichte, besonders über die Kanadier. Wenn er es mal wagt, seine Gedichte anderen vorzulesen –Samuel ist sehr schüchtern! – dann weinen alle. Sie sind so schön, dass alle in Tränen ausbrechen. SPRECHERIN Fremdenführerin Corinne Vervaeke hat mit Besuchergruppen schon oft den Soldatenfriedhof Bény und seinen Gärtner besucht. Sie kennt seine Gedichte. SPRECHERIN OV ÜBERSETZUNG CORINNE VERVAEKE, TON 6 Sie sind sehr kurz, nur wenige Zeilen. Er erzählt zum Beispiel vom Soldaten, der seine Familie in der Ferne zurücklassen muss, der das Meer überquert, auf normannischem Sand fällt und schließlich für immer in der Erde der Normandie schläft, weit entfernt vom gelobten Land. SPRECHERIN An manchen Tagen kommen bis zu sechs Touristenbusse zum Soldatenfriedhof Bény,(Bénie) der auf einer Anhöhe liegt. Drei Kilometer Luftlinie vom Küstenabschnitt Juno Beach entfernt, wo die 3. Kanadische Division am 6. Juni 1944 landete. Vom Friedhof kann man in der Ferne das Meer sehen. Die winzigen bunten Punkte am Horizont sind Segel von Surfern wie Mathieu. Atmo WIND MEER SPRECHER 1 OV, ÜBERSETZUNG SURFER MATTHIEU TON 6 Je nach Windrichtung ist es ein besonders beliebter Spot für alle Windsurfer. Wenn wir auf dem Wasser sind, sehen wir das große Kreuz dort, das sorgt für eine besondere Atmosphäre. Wir können wirklich relativ weit sehen, vor allem das Lothringerkreuz. Es dient uns als Orientierungspunkt, denn bis dorthin müssen wir kommen… , ah der Wind ist heute stark….)) MUSIK GBE3A2123420 The Tide Of Fear 00:45min SPRECHERIN 18 Meter ragt das Lothringerkreuz am Strand von Courseulles in den Himmel. Es wurde 1990 zu Ehren des ehemaligen Generals und Staatspräsidenten Charles de Gaulle errichtet. Am 14. Juni 1944, gut eine Woche nach dem D-Day, war de Gaulle am Juno Beach in Courseulles an Land gegangen - vier Jahre nachdem er vor dem Vichy Regime und den nationalsozialistischen deutschen Besatzern nach London ins Exil geflohen war. Das Doppelkreuz erinnert an seine Rückkehr. Die Freien Französischen Streitkräfte hatten das Symbol aus dem Mittelalter übernommen - als Gegenstück zum Hakenkreuz der Nationalsozialisten. Fremdenführerin Corinne Vervaeke packt ihre Tasche für die große Familientour zum D-Day: Original Lebensmittelkarten, Helme und Pullover von US Soldaten, ein Feldtelefon. 60 Kilo Anschauungsmaterial aus der Zeit der Besatzung und Befreiung. Die Kinder dürfen alles anfassen und ausprobieren. SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE TON 7 Das kratzt und piekt, das Feldtelefon ist schwer. Die Kinder dürfen es auf dem Rücken tragen… Damals sind die Soldaten mit ihren großen Rucksäcken ins Wasser gesprungen, sie hatten wirklich Gewicht! All das werden die Kinder ihr Leben lang nicht vergessen. Dinge anzufassen, das spricht die Sinne an und bleibt im Gedächtnis. SPRECHERIN Corinne Vervaeke hat ihr Haar mit kleinen Kämmchen zurückgesteckt, so wie es in den 1940er Jahren Mode war. Auch ihr Rock, Bluse und Schuhe stammen aus der Zeit. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hat die Sportlehrerin sich ihren großen Wunsch erfüllt, noch ein Geschichtsstudium anzuhängen. Seither macht sie Führungen in Courseulles. Corinne stammt aus der Region und kennt den Ort. Sie betont, dass es wichtig sei, zu unterscheiden: Zwischen den großen Festlichkeiten zum Jahrestag der Landung als Dank an die Veteranen. Und dem, was französischen Zivilisten damals während der Befreiung widerfahren ist. SPRECHERIN OV, ÜBERSETZUNG CORINNE TON 9 Das war sehr schwer für die normannische Bevölkerung. Viele Häuser waren zerstört und ein Teil der Zivilisten durch die Bomben der Alliierten ums Leben gekommen. Heute muss man das alles ein bisschen vergessen, ein bisschen glätten und sich daran erinnern, dass wir dadurch heute in Frieden leben können. Passiert ist es der Generation unserer Eltern. Für uns war die Befreiung dann ein großes Glück. Für uns ist eine Erinnerung - keine gelebte Realität! SPRECHERIN Corinnes Mann Philippe, nach 37 Jahren in der Armee nun im Ruhestand, definiert den D-Day ganz klar: SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG PHILIPPE VERVAEKE TON 10 Für uns ist die Landung tatsächlich der erste Tag eines neuen Europa. Eines friedlichen Europa. Das ist nicht der 8. Mai. Der 8. Mai markiert das Ende des Krieges. Aber der entscheidende Faktor war für uns die Landung. Hier wurde klar, dass wir aufhören müssen, ständig Kriege zu führe, und dass wir Europa schaffen müssen. MUSIK SPRECHERIN Interesse an der eigenen Geschichte zu wecken und Völkerverständigung zu unterstützen, ist für Philippe Vervaeke unerlässlich. Heute macht sich der Rentner für Städtepartnerschaften stark und unterstützt seine Frau bei ihren Führungen am Juno Beach. Auch er passt seine Kleidung dabei an die 40er Jahre an. Der Hobbysammler kann aus seinem eigenen Fundus schöpfen: Er trägt Uniform und Schiffchen eines Kriegsberichterstatters bei US-Armee. SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE TON 11 (Reportagig) Da ist Philippe. Wir sind am Strandabschnitt der Kanadier, aber Philipp trägt keine kanadische Uniform… SPRECHER 2 OV Übersetzung Philippe: Also Kinder – wie bin ich gekleidet? … Es steht auf der Tasche wie bei einem Camembert aus der Normandie… Ich bin ein Journalist…)) SPRECHERIN Familien aus ganz Frankreich sind mit ihren Kindern gekommen, um beim Strandspaziergang zu erfahren, was sich hier im Jahr 1944 zugetragen hat. Wo genau der bekannte Panzer einen Bombenkrater füllte, damit nachkommende Fahrzeuge über ihn hinwegfahren konnten. Warum es wichtig war, all die kleinen Brücken über dem Flüsschen „Seulle“ zu schützen und wie klein die Provianttasche eines US Soldaten war. Nachdem die Kinder noch einen restaurierten Panzer bestaunt haben, geht es direkt aufs Dach eines Bunkers – auf den sogenannten „Atlantikwall“. SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE, TON 12 Also – sieht das so aus wie eine Mauer? Stehen wir auf einer Mauer? – (Kinder im Chor, FREI STEHEN LASSEN) NON! – Tatsächlich nennt man es Atlantikwall, weil es als Schutz diente. Eigentlich besteht er aber aus vielen einzelnen Bunkern. 13.O-TON: Trompetenstoß, Fliegerlärm SPRECHERIN Philippe bläst zum Appell. Zufällig schießt am Himmel ein historischer Flieger über die Köpfe der erstaunten Besuchergruppe hinweg. Am Ende gibt es noch ein Quiz: Philippe zieht Soldatenhelme aus einer Tasche, die Kinder sollen das Land seiner Herkunft erraten. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG PHILIPPE TON 14 Ja, das ist einfach – ein deutscher! Es ist das einzige Objekt meiner Sammlung, das nicht historisch ist. Der deutsche Helm gehört zum Kostüm des Films „Saving Private Ryan“, es ist eine Filmrequisite. Denn heute sind deutsche Sammlerstücke sehr, sehr teuer. SPRECHERIN Nach der zweistündigen Tour sind die Kinder beeindruckt. Was ein Soldat beim Sprung ins Meer mit sich führte und wie klein seine Essensration war, werden sie nicht vergessen. ATMO STRAND/MEER SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG SURFER MATHIEU TON 15 Es gibt hier ja direkt das Museum – aber wir schauen uns das nicht ständig an. Wir leben in Courseulles, einem Ort, der für Wassersport wie geschaffen ist. Unter den heutigen Bedingungen ist es großartig! SPRECHERIN Surfer Mathieu rollt das Segel aus, um schnell raus aufs Meer zu kommen. Am Strand kennt man sich hier unter Wassersportlern. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG SURFER MATHIEU TON 16 Ganz ehrlich? Ich habe keine Zeit, um mir all das anzuschauen, was hier sich hier zugetragen hat. Ich bin zu sehr mit meiner Arbeit beschäftigt. Die Gedenkveranstaltungen sind immer besonders, wir erleben dann die Geschichte ein bisschen noch einmal. Für uns Einheimische ist es gar nicht so leicht, da einen Platz zu bekommen. Aber es zieht Touristen an– das ist gut für die Region! ATMO Meer SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 17 Hier am Strand gibt es auch eine Surfschule, die Leute haben hier Spaß, und ich gehe dort schwimmen. Ich denke nicht an die Landung, wenn ich meinen Hund ausführe. Manchmal vielleicht, aber nicht täglich. MUSIK SPRECHERIN Pensionsbetreiber Romain liebt seine Heimat, die Normandie. Die satten Wiesen, die vielen Pferde, die blühenden Apfelbäume im Frühling und natürlich das Meer. Häufig wird er von seinen amerikanischen Gästen gefragt, ob er an dem Strand wirklich baden geht, an dem so viele Soldaten ihr Leben lassen mussten. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 18 Dann antworte ich, dass ich nicht daran denke. Das mag manchem verrückt erscheinen. (…) Ich sage den Leuten dann, wenn man an jedem Ort aufhört zu leben, an dem sich etwas Schlimmes ereignet hat, egal ob ein Krieg oder etwas anderes, dann könnte man nicht mehr leben. Besonders in der Normandie. Wir haben viele solcher Orte. SPRECHERIN Seit drei Jahren betreibt der 30jährige die kleine Pension in seiner Heimat Courseulles. Ein 4000 Seelen Ort, der im Sommer von Badegästen lebt und im restlichen Jahr von Geschichtstouristen. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert hat Romain im Bewusstsein renoviert, künftig Gastgeber für Menschen aus aller Welt zu sein, die an der Normandie vor allem die berühmte Landung interessiert - weniger ihre Landschaft. Kanadier, Engländer, Amerikaner. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 19 Natürlich kommen auch Franzosen. Für viele ist es so eine Art „Pilgerreise“, als müsse jeder Franzose einmal in seinem Leben die Landungsstrände besucht haben. Viele Eltern waren schon als Kinder hier. Egal, ob es 10, 20, 30, 40 Jahre her ist – sie sagen: „Ja, ich war mit meinen Eltern hier, ich erinnere mich!“ Der Vorteil hier ist, dass sich nicht viel verändert hat. Was vor 40 Jahren hier war, ist es auch heute noch. SPRECHERIN Touristen wollen Gräber entfernter Verwandte besuchen oder ganz speziellen Fragen nachgehen. Romain hat durch seine Gäste viel Neues über die Region erfahren, obwohl er hier aufgewachsen ist. Schon als Kind hat er all die Erinnerungsstätten und Museen mit der Familie oder Schulklasse besucht; viele Anekdoten gehört, die hier von Generation zu Generation weitergetragen werden. Die meisten Zeitzeugen sind mittlerweile verstorben. MUSIK SPRECHERIN Romains Großvater beschrieb oft den unvorstellbaren Lärm der Detonationen in der Nacht des 6. Juni 1944, den er noch in Flers (flär) hören konnte. Einem Ort, der im Landesinneren 70 Kilometer von der Küste entfernt liegt. Oft erinnerte er daran, wie quälend lang die Befreiung war - der D-Day war nur der Anfang. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 20 Caen ist im August befreit worden. Die Alliierten sind aber schon Anfang Juni gelandet. Das muss man sich mal vorstellen: Sie haben Monate gebraucht, um diese 20 Kilometer vorzudringen. Es gab unerbittliche Kämpfe, dabei wurde Caen zu 90% zerstört, 3000 Zivilisten kamen ums Leben. Die Großmutter einer Freundin erzählte immer, dass sie während der Befreiung Caens durch die Alliierten fast alle Schulkameraden verloren hatte. SPRECHERIN Im Herbst 1944 saßen noch drei Kinder in der Klasse. Ein Bild, das sich bei Romain eingebrannt hat, obwohl er es nie gesehen hat. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC, TON 21 Das Foto da wurde am 14. Juni 1944 aufgenommen, eine Woche nach der Landung. Das ist de Gaulle, dort wo das Rathaus ist … MUSIK GBY9Y2201307 Moonbow 00:52min SPRECHERIN Eric Tabaud ist stolz auf seine Sammlung. Über 10.000 Fotos hat der 63jährige Hobbyhistoriker bereits von Courseulles gesammelt und digitalisiert. Die Interessantesten präsentiert er auf seiner Internetseite. Das Museum, das sich mit der langen Geschichte Courseulles beschäftigt hat, ist seit ein paar Jahren geschlossen. Für Eric Tabaud ein Grund mehr, die Erinnerung an das kleine Industriestädtchen mit seinen Fotos lebendig zu halten. Eric ist im Ort bekannt. Seit über 100 Jahren betreibt seine Familie das historische Kinderkarussell am Strand. Großeltern, die jetzt mit ihren Enkeln kommen, sind früher selbst auf den Pferdchen und Zebras geritten. Eric sitzt oft an der Kasse. ATMO: kurzes, unübersetztes Gespräch indirekt als Atmo aufgenommen TON 22 SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 23 Es kommen viele Omas aus Courseulles zu meinem Karussell, die mich von klein auf kennen. Ich frage sie, ob sie alte Fotos haben und dann bringen sie welche mit. Sehr alte Fotos und so kann ich Ereignisse rekonstruieren… Das da sind Deutsche, die man am D-Day schon mittags festgenommen hat… Als die Deutschen damals Courseulles besetzt haben, haben sie alle Fotoapparate der Leute konfisziert. Sie wollten verhindern, dass sie den Alliierten Fotos der Befestigungsanlage zuspielen. Ein paar wenige haben ihre Apparate aber behalten und bei der Befreiung gleich wieder rausgeholt, um Fotos zu machen… MUSIK SPRECHERIN Fotos von gefangenen deutschen Soldaten, von riesigen Krankenhaus-Schiffen, die Verletzte auf Bahren versorgen. Von Bunkeranlagen. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 24 All die Fotos haben mir Leute vorbeigebracht… Das sind deutsche Offiziere im Jahr 42, während der Besatzung. Aus der Zeit habe ich nur wenige Fotos, aber es gibt welche. Da – sie überwachen den Strand… Und das sind die ersten Gräber, die Kanadier ausgehoben haben. SPRECHERIN Wie viele Menschen in Courseulles haben auch Erics Schwiegereltern nach der Invasion in einem der Bunker am Strand gewohnt, weil ihr Haus zerstört war. Familie Tabaud hat den Krieg überlebt. Ihr erstes Karussell jedoch nicht. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 25 Als 1939 der Krieg ausbrach, wurde mein Großvater einberufen und das Karussell geschlossen. Mein Vater war damals 9, meine Tante 10. Die Familie besaß Land in der Nähe von Caen, züchtete Schafe und verbrachte die Winter auf den Feldern. Die Alten dachten, dieser Krieg würde niemals enden und das Karussell zu nichts mehr nütze sein. Da es kein Holz zum Heizen gab, haben sie begonnen, es zu verheizen. Nach dem Krieg haben wir dann ein neues Fahrgeschäft aus Blech bauen lassen. SPRECHERIN Als Eric Tabaud 1996 den Betrieb von seinen Eltern übernommen hat, hat er das Fahrgeschäft nach historischer Vorlage nachbauen lassen. Einhörner, Pferdchen und Boote, die noch heute hier ihre Runden drehen, sind aber nicht mehr als aus Holz, sondern aus Harz. Handgemalte Engelchen strahlen von der Decke. Die musikalische Untermalung erinnert an die Anfangstage des Traditionsbetriebs. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 26 Wir spielen hier Jahrmarktorgelmusik. In Deutschland und Holland gibt es davon besonders viel. Eines Tages, als ich einen deutschen Marsch gespielt habe, haben mir das Leute vorgeworfen, weil es doch Deutsche waren, die Krieg gegen uns geführt haben. Da habe ich gesagt: „Wir können doch nicht mit allen Menschen im Krieg bleiben, mit denen wir es irgendwann mal waren! Sonst sprechen wir irgendwann mit niemandem mehr.“ Am 6. Juni hänge ich hier am Karussell alle Flaggen auf, auch die deutsche. SPRECHERIN Krieg sei immer schlimm, und man müsse sich stets um Frieden bemühen. Damit die Grauen eines Kriegs niemals vergessen werden, müsse man an sie erinnern. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 27 Ich organisiere in jedem Jahr einen „Erinnerungsweg“ am Juno Beach. Als die Alliierten am 6. Juni gelandet sind, starben 359 kanadische Soldaten am Strand. Sie wurden schnell in Bény begraben. Mohn war die einzige Blume, die es damals gab. Also schmückte man die Gräber damit. MUSIK SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 27 Heute male ich an Strandabschnitten 359 riesige Mohnblumen von vier bis zu zehn Metern in den Sand und lade die Menschen ein, sie zu schmücken. Mit Kieseln, Algen, Blumen - allem, was sie am Strand finden. Ich schreibe zu jeder Blume den Namen des Soldaten, sein Alter und bitte die Leute, ein Foto von ihrer Strandblume zu machen. Dann sollen sie im Internet recherchieren, ob sie noch Verwandte des Toten finden können. Sie sollen ihnen dann ein Foto ihrer Mohnblume schicken um zu zeigen, dass wir die Menschen nicht vergessen, die gekommen sind, um uns zu befreien. Atmo Meer
- 05.06.202423 min
Sie spionierten im besetzten Frankreich, dechiffrierten deutschen Funkverkehr und nieteten Bomber zusammen. Sie schweißten in Schiffswerften, standen "ihre Frau" an der "Homefront", und: sie leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Befreiung Europas von der Naziherrschaft: Frauen im Einsatz für Militär und Kriegswirtschaft der Aliierten. Von Michael Zametzer (BR 2024) Credits Autor: Michael Zametzer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Caroline Ebner, Florian Schwarz Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Michaela Hampf, Corinna von List Ein besonderer Linktipp der Redaktion: ARD History (2024): 24 h D-Day Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN Linktipp: arte (2023): Normandie – Die vergessenen Opfer des D-Day Aus der ganzen Welt strömen Menschen in die Normandie, um der Opferbereitschaft der hier gefallenen britischen, amerikanischen und kanadischen Soldaten zu gedenken. Die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 ging als „D-Day“ in die Geschichte ein; und die einstigen Landungsstrände wurden zum Symbol des Freiheitskampfes. Die zivilen Opfer fanden hingegen lange Zeit keine Erwähnung, sie blieben Märtyrer ohne Medaillen. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO/MUSIK Flugzeug innen, surren, darüber ZITATORIN (Cormeau): Wir hoben bei einem wundervollen Sonnenuntergang in England ab, und der Flug dauerte viel länger, als er heute dauern würde. Aber dann bekam ich einen warmen Drink von meinem Flugbegleiter, und dann sah ich, wie er die Luke öffnete und mir sagte, ich solle mich bereit machen… SPRECHER: Am 22. August 1943 sitzt die 34jährige Yvonne Cormeau in einer britischen Militärmaschine. Ihr Ziel: Die Gironde, im Südwesten Frankreichs. Im von den Deutschen besetzten Frankreich. ZITATORIN (Cormeau): Dann sah ich das Rote Licht an meiner Seite leuchten, und wusste, wenn es grün würde, müsste ich durch die Luke springen. Das ging sehr gut, der Sog der Flugzeugpropeller trug mich fort, als säße ich in einem Lehnstuhl, es war sehr angenehm… SPRECHER: Was sich so angenehm anhört, ist ein hochriskantes, lebensgefährliches Unternehmen für die junge Frau. Denn als britische Agentin soll Yvonne Cormeau die Widerstandsgruppen der Résistance untersützen, Waffen schmuggeln, Landeplätze auskundschaften und codierte Funksprüche nach England absetzen. ZITATORIN (Cormeau): Mein Fallschirm war weiß, schmutzigweiß, ich habe immer noch ein Stück von ihm. ATMO weg SPRECHER: Yvonne Cormeau ermöglichte mit ihren Funksprüchen über 140 Waffenlieferungen ins besetzte Frankreich, die von britischen Flugzeugen an vereinbarten Stellen abgeworfen wurden. Sie war eine von 600 britischen Agentinnen, die auch die größte amphibische Militäroperation der Weltgeschichte unterstützten: Die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. D-Day! 1 ZSP BBC London Dum dum dum dummm… SPRECHER: Die Herausforderung für die Aliierten könnte nicht größer sein. Um erfolgreich zehntausende Soldaten, Fahrzeuge, Material an der Küste der Normandie anlanden zu können, müssen nicht nur Britische, Kanadische, Französische und US-Truppenteile perfekt zusammenarbeiten. Auch die Koordination der Teilstreitkräfte, die Verarbeitung der Geheimdienstinformationen, die Planung von Täuschungsmanövern erfordert ungeheuer viel Planung schon Jahre vor dem eigentlichen Tag der Landung. MUSIK SPRECHER: Zwar ist die deutsche Wehrmacht 1944, nach fast fünf Jahren Krieg, ausgebrannt und an allen Fronten auf dem Rückzug. Die Amerikaner sind in Sizilien gelandet und kämpfen sich nun durch Italien. An der Ostfront dringt die Rote Armee immer weiter Richtung Reichsgrenze vor – unter enormen Verlusten. Die westlichen Alliierten aber haben aber ein gravierendes Problem: mit jedem Kriegstag, mit jedem Mann an den Fronten in Europa und im Pazifik steigt der Bedarf an Arbeitskräften für die „Homefront“. 2 ZSP Michaela Hampf: … und vor allem auch der Bedarf an administrativen Kräften und an Menschen, die mit Logistik usw befasst waren, im Gegensatz zur tatsächlich kämpfenden Truppe… SPRECHER: Michaela Hampf ist Professorin für nordamerikanische Geschichte an der Universität Hamburg. 3 ZSP Michaela Hampf: …und in diesem Moment wurden eben Frauen sowohl in der Zivilwirtschaft als auch in den Streitkräften enorm wichtig und man legte da besonderen Wert darauf, jetzt auch Frauen zu rekrutieren für die Armee, auch die anderen Teilstreitkräfte und die zivile Rüstungswirtschaft. SPRECHER: Dass Frauen an der Seite von Männern mit der Waffe in der Hand kämpfen, wie es zum Beispiel in der russischen Roten Armee der Fall ist, das ist in Washington und London unvorstellbar. Allerdings hat es schon im ersten Weltkrieg Frauenverbände zur Unterstützung der kämpfenden Truppen gegeben. Diese „auxiliaries“ sollen nun auch im Zweiten Weltkrieg aufgebaut werden. Ein Spagat, sagt Michaela Hampf: 4 ZSP Michaela Hampf Dieser Spagat einerseits des Arbeitskräftebedarfs vor allem an Unterstützenden und Bürotätigkeiten und andererseits eben der Geschlechterrollen, die man jetzt auch im Krieg, wo alles über den Haufen geworfen wurde, möglichst bewahren wollte. SPRECHER: Wie stark die Vorbehalte gegen Frauen im Militärdienst noch 1944, wenige Monate vor der Landung in der Normandie, sind, zeigt ein Werbefilm der US-Regierung zur Rekrutierung von Soldatinnen im „Womens Army Corps“, kurz „WACs“: 5 ZSP Archiv: WAC Werbespot 1944 Hey, there goes one of those Petticoat-Soldiers. My sister wants to join the WACs – what do you think of that? – She’s crazy! What the devil a woman whants to be a soldier for? Waste of time! This is a mans war! ZITATOR OV: Hey, da ist einer von diesen Petticoat-Soldaten. Meine Schwester möchte den WACs beitreten – was hältst Du davon? – Sie ist verrückt! Wofür zum Teufel soll eine Frau Soldatin werden? Zeitverschwendung! Das ist ein Männerkrieg! SPRECHER: 1942, kurz nach dem Kriegseintritt der USA gegen Japan, hat der US-Kongress ein Gesetz zur Schaffung weiblicher Unterstützungsverbände für die US-Army verabschiedet. Die Frauen, die dafür rekrutiert wurden, hatten aber keinen militärischen Status. Das änderte sich schon ein Jahr später: Weil sich weit mehr Frauen zum Dienst meldeten als erwartet, wurden sie offiziell Teil der Armee: das „Women’s Army Corps“. 6 ZSP Archiv: WAC Werbespot 1944 This is a mans war! What sort of Jobs may they do? – What sort of Jobs can we do? Take a look, mister! X-Ray-technicians, inspectors of army meat, teachers schooling ous soldiers… SPRECHER: Diese sogenannten „WACs“ arbeiten in hunderten unterschiedlicher Jobs: In Lazaretten und Sanitätseinheiten, in Verwaltung, Logistik und Stabsbüros des Militärs, aber auch als Kraftfahrerinnen und Mechanikerinnen, für balistische Berechnungen von Artilleriegeschossen, Wetterbeobachtung oder die Auswertung von Luftbildern. 7 ZSP Michaela Hampf: Und man dachte sogar, dass Frauen dafür qualifizierter seien als Männer. Aber natürlich ging es um das Prinzip: „Free a man for Fight“ oder „Free man for the Fleet“, dass man eben Männer freisetzen konnte für Kampfverwendungen. SPRECHER: Angelehnt an die „WACs“ bauen auch andere Truppenteile Frauenverbände auf: Die US-Navy, das Marine-Corps und die Küstenwache rekrutieren Frauen für ehemals männliche Aufgabenbereiche. Als Pilotinnen der Air Force fliegen sie auch Militärmaschinen unterschiedlichen Typs kreuz und quer durch das Land oder testen reparierte Maschinen. Das bedeutet für diese etwa 350.000 Frauen: Kasernierung, Ausbildung, Uniformierung. Die Infrastruktur dafür müssen aber erst noch geschaffen werden. 8 ZSP Michaela Hampf: Man musste sozusagen ein ganz neues Kontingent neu aufbauen, angefangen vom Design der Uniformknöpfe bis hin zu denen, also jeden einzelnen Bereich neu planen. Die Frauen waren getrennt, sie wurden von Männern Kommandiert. Es gab aber umgekehrt natürlich keine Kommandeurinnen von männlichen Einheiten und schwarze und weiße Frauen waren ebenso wie schwarze und weiße Soldaten vollkommen voneinander getrennt. SPRECHER: Ab 1943 werden die WACs auch auf dem Europäischen Kriegsschauplatz eingesetzt, zur Vorbereitung der alliierten Landung: Sie übersetzen Funksprüche der französischen Résistance, werten Luftbilder aus, fahren Jeeps und Lastwagen im Motorpool. Die Britischen Inseln gleichen in dieser Zeit einem riesigen Heerlager – zur Vorbereitung auf die Landung. 9 ZSP Archiv: First WACs arrive in England 1943 And here ist the first Contigent to arrive in England, the largest unit of women ever to be sent overseas, here they will staff training centres, man Airports and controll stations, and – like all women – their first job is to make themselves a home…! ZITATOR OV: „Und hier ist das erste Kontingent, das in England ankommt, die größte Gruppe von Frauen, die jemals ins Ausland geschickt wurde. Hier werden sie Schulungszentren betreuen, Flughäfen und Kontrollstationen bemannen, und – wie alle Frauen – besteht ihre erste Aufgabe darin, sich ein Zuhause zu schaffen!“ MUSIK SPRECHER: Aber auch in der Kriegsindustrie der USA fehlen Arbeitskräfte. 1941, nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA, hat die Regierung in Washington Frauen im ganzen Land dazu aufgerufen, in die Fabriken zu gehen – um die Stellen der Männer zu besetzen, die an die Front gezogen sind. Ein Propagandafilm der US-Regierung sieht ein riesiges Arbeitskräftereservoir unter den Frauen Amerikas. 10 ZSP Archiv: Werbefilm US-Frauen in der Industrie 1943 In Towns all over the united states, women are called to leave their homes and take jobs. Among our young, unmarried women, and among older women, who’s children are grown, we have a large reserve. They discover that factory work is usualy not more complicated than housework. How do you like it? I love it! ZITATOR OV: In Städten überall in den Vereinigten Staaten werden Frauen dazu aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen und eine Arbeit anzunehmen. Bei unseren jungen ledigen Frauen und bei älteren Frauen mit erwachsenen Kindern haben wir eine große Reserve. Sie entdecken, dass Fabrikarbeit normalerweise nicht komplizierter ist als Hausarbeit. Wie gefällt es Ihnen? ZITATORIN: Ich liebe es! MUSIK, darüber SPRECHER: Für diese Arbeiterinnen in der US-Rüstungsindustrie steht bis heute ein Name: „Rosie the Riveter“ – „Rosie, die Nieterin“. Eine Kunstfigur, berühmt geworden durch einen Schlager und ein Plakat. MUSIK - kurz hoch 11 ZSP Michaela Hampf Bei Rosie the Riveter denkt man wahrscheinlich eher noch an dieses ikonische Bild „We can do it“... SPRECHER: „We can do it!“ steht in der Sprechblase, die aus Rosies Mund kommt. Ein rotes, weiß gepunktetes Kopftuch hält die Haare zusammen, die Ärmel der blauen Arbeiterbluse sind hochgekrempelt, den Betrachtern streckt Sie ihren kräftigen Bizeps entgegen. Das Bild stammt von einer Werbekampagne des Westinghouse-Konzerns und wird vor allem nach dem Krieg als Motiv der Frauenbewegung der 1970er Jahre weltbekannt werden. Michaela Hampf: 12 ZSP Michaela Hampf Es gibt aber ein etwas älteres von Norman Rockwell aus dem Jahr 43, und da sieht man eben eine gar nicht so feminine Rosie, die mit einer Nietpistole Mittagspause macht, mit einer Brotdose und ihre Füße auf einer Ausgabe von „Mein Kampf“. Norman Rockwell hat eigentlich die realistischere Darstellung gewählt. Und ich glaube, so ging es vielen Frauen, dass sie durchaus die Erweiterung dieser Handlungsspielräume, die die Rüstungsindustrien boten, zu schätzen wussten. SPRECHER: Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wächst die Zahl der Frauen in US-Rüstungsbetrieben auf über 19 Millionen an. In den Flugzeugwerken von Boing, Lockheed und Douglas schweißen, nieten und dengeln sie an jenen Bombern und Jagdmaschinen, die für den europäischen Kriegsschauplatz bestimmt sind – und damit auch zur Vorbereitung der Landung in der Normandie. Aber auch auf Schiffswerften arbeiten Frauen, wie in der Higgins-Werft in New Orleans, Seite an Seite mit den Männern: ZITATORIN (Velma Plaisance): Du bist vorsichtig bei der Arbeit, du weißt, dass du verletzt werden kannst. Du kannst anderen Schweißern nicht beim schweißen zusehen, ohne Helm, weil du sonst geblendet wirst. Ich war einmal geblendet und hatte Gurkenscheiben auf den Augen zum Kühlen. 13 ZSP Michaela Hampf Und natürlich gehen die Geschlechterrollen nicht einfach weg, weil man sich im Krieg befindet. Und wenn man jetzt Arbeitsklamotten tragen musste oder Uniform, dann hieß es so was wie femininity suspended for the duration. Also man musste nur für die Dauer des Krieges jetzt diesen anderen Dresscode beachten. SPRECHER: Noch in späten 1930er Jahren waren Frauen in der Industrie vielen Unternehmern ein Graus: Einer Frau das Schweißen beizubringen, schien eine völlig abwegige Vorstellung. Man fürchtete zusätzliche Investitionen. Hinzu kam die Befürchtung, dass die Amerikanische Öffentlichkeit eine derartige Abweichung vom traditionellen Rollenbild der amerikanischen Frau nicht tolerieren würde. Michaela Hampf: 14 ZSP Michaela Hampf: Dazu kommt: Die Konstruktion der männlichen Soldaten basiert natürlich sehr stark auf dem Gegensatz oder auf der Konstruktion von Frauen als Zivilistinnen. „The girl back home“, die man beschützt und zu der man zurückkehrt. Und wenn jetzt dieses Rollenbild sich so stark geändert hätte, wäre das in der Tat zum Problem geworden. Und dann wurde die Homefront als erweiterter Haushalt sozusagen konstruiert.. MUSIK SPRECHER: Was im US-Militär die WACs sind, das entspricht beim britischen Militär den „WRENS“ des „Womens Royal Navy Service“, den Frauenverbänden der Königlichen Britischen Marine. MUSIK SPRECHER: Im unscheinbaren, streng geheimen Anwesen von Bletchley Park nahe London arbeiten Ende 1944 7.500 dieser „Wrens“ als Kryptographinnen, Codeknackerinnen und Analytikerinnen. Berühmtheit erlangt Bletchley Park durch die Entschlüsselungstechniken von Mathematikern wie Alan Turing. Seine Maschinen, die sogenannte „Turing-Bombe“ und der raumgroße Colossus-Computer, werden hauptsächlich von Frauen bedient – in der „Hut 6“, einem kargen Decodierraum mit funzeligem Licht, wo die Frauen unter großem Stress stundenlang Nachrichten entschlüsseln. ZITATORIN (Eleonore Ireland): Es war eine riesige Maschine. An einem Ende befand sich dieser große Schalterblock, das meiste davon, und dahinter ein weiteres großes Metallgitter, gefüllt mit Ventilen und Drähten. Und man musste den Code auf der Rückseite eingeben. SPRECHER: Eleonore Ireland, Jahrgang 1926, arbeitet als Codebrecherin in Bletchley Park, entschlüsselt die Funksprüche der Deutschen in den Monaten vor der Landung. Von den Erfolgen ihrer Arbeit bekomt sie allerdings nichts mit. Überhaupt: Die Arbeit in Bletchley Park bleibt auch nach dem Krieg offiziell streng geheim -bis 1974. ZITATORIN (Eleonore Ireland): Es hätte uns ein wenig Auftrieb gegeben, wenn wir gewusst hätten, was wir erreicht haben. Und natürlich war es am D-Day, als wir nach Frankreich fuhren, von entscheidender Bedeutung. Was wir getan haben, war absolut lebenswichtig. SPRECHER: Unter den Frauen von Bletchley Park sind auch einige „höhere Töchter“ aus der aristokratischen Oberschicht, deren Familien das Projekt finanziell unterstützen: Sie sind gut ausgebildet, sprechen oft mehrere Fremdsprachen und – sie gelten als „respektabel“. 15 ZSP Michaela Hampf Und da war zumindest in Großbritannien bei diesen ganz enorm kriegswichtigen Bereich auch ein Augenmerk darauf, dass man da jetzt nicht ins Gerede kam, sondern, ähm, respektable Frauen, wie es zeitgenössisch hieß, beschäftigte. MUSIK SPRECHER: Respektabel, Gut ausgebildet, feminin, und – selbstbewusst. So sollen auch die Frauen sein, die nicht nur in Amts- und Schreibstuben, an Werkbänken und Decodiermaschinen gegen die Nazis kämpfen, sondern im Feindgebiet selbst, hinter den Linien. Als Agentinnen des britischen Geheimdienstes. 16 ZSP Corinna von List Also da gibt es sicherlich dann zwei Jobs, die besonders wichtig werden. SPRECHER: Corinna von List ist Historikerin und hat die Biographien von Agentinnen und Widerstandskämpferinnen im besetzten Frankreich erforscht… 17 ZSP Corinna von List Das ist einmal der Einsatz als Funkerin und dann auch die Frauen, die im Kurierdienst eingesetzt werden. Man setzt Kuriere ein, die eben dann diese Nachricht zwischen der Person, die etwas ausspioniert hat, die bringt die Nachricht so zur Funkerin und die Funkgerät sendet dann in der Regel auch codiert, dann rüber nach England. SPRECHER: Zum Einsatz kommen zum Einen Französinnen, die in den unterschiedlichsten Wiederstandsnetzwerken der Résistance kämpfen. Es gibt aber auch Frauen, die von England aus ins Land geschleust werden – als Mitglieder des Special Operations Executive, kurz SOE. Diese Organisation soll die „Ungentlemanly warfare“ auf das europäische Festland tragen – also Kriegführung mit allen, auch subversiven, Mitteln: Sabotage, Spionage, Attentate im besetzten Frankreich. 18 ZSP Corinna von List: Man sucht da Leute für bestimmte Einsätze im Ausland und dann war bei Frauen sicherlich ein ganz starkes Kriterium waren die Sprachkenntnisse. Und viele dieser Agentinnen haben auch, sage ich mal, Elternteile aus zwei Ländern. Also britisch- französisch oder belgisch-britisch. Und dann auch noch die Fähigkeit zum Beispiel: Ich meine, man muss ja mit einer falschen Identität leben können, das muss man ja auch lernen. Ein Großteil , ob sie dann Funker sind oder Agentinnen, die als Kuriere arbeiten, werden auch per Fallschirm bei Nacht abgesetzt. Und auch das muss trainiert werden. SPRECHER: Im Fall einer Verhaftung sind die Frauen auf sich allein gestellt. Zwar haben sie in ihrer Ausbildung gelernt, einem Verhör eine gewisse Zeit zu widerstehen, um anderen Résistance-Kämpfern Zeit verschaffen. Die Realität sieht aber oft anders aus, sagt die Historikerin Corinna von List. 19 ZSP Corinna von List: Ich meine, allein schon der Schreck, überhaupt verhaftet zu werden, wenn man nie irgendwas mit der Polizei zu tun hatte, ist glaube ich schon psychologisch nicht unerheblich. Und dann ging es ja nicht nur um die Polizei, denn sowohl die deutsche Abwehr als auch die Gestapo haben, wenn sie Informationen haben wollten, auch gefoltert. Und auch gegenüber Frauen. SPRECHER: Im Zweifel bleibe Frauen bei der Gefangennahme oft die Möglichkeit, das eigene Rollenklischee zu bedienen, sagt Corinna von List… 20 ZSP Corinna von List: Frauen hatten zwar einen gewissen Schutz und konnten sich ein bisschen schützen, wenn sie auf sehr weiblich machten, oder: Ich verstehe ja von Politik gar nichts und ich weiß das nicht so genau. Das konnte gelingen. SPRECHER: Ist die Agentin aber einmal enttarnt, kann sich ihr feminines Rollenbild schnell gegen sie selbst richten: 21 ZSP Corinna von List: Das galt immer irgendwie als nicht weiblich und als Verrat. Und nur andere sagte ich auch. Man kann natürlich schlecht behaupten, man weiß von nichts und ist politisch inaktiv und tut nix. Wenn sich dann plötzlich der geladene Revolver in der Küchenschublade findet. SPRECHER: Von den 600 Frauen, die für die SOE rekrutiert werden, sind 39 für den Einsatz im besetzten Frankreich vorgesehen. 13 von Ihnen kommen dabei ums Leben: Von der Gestapo verhaftet, gefoltert, erschossen, oder in ein Konzentrationslager deportiert und ermordet. 22 ZSP Archiv: D-Day Deutsche Rundfunkmeldung SPRECHER: Mit der erfolgreichen Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 gelangen Soldatinnen, WACs und Wrens auch auf das französische Festland, zur unterstützung der Kampfverbände in der Schlacht um Frankreich. 23 ZSP Archiv: De Gaulle zu Befreiung von Paris Paris! Paris outragé! Paris brisé! Paris martyrisé! Mais Paris libéré! Liberé par loui-meme… darüber SPRECHER: Am 25. August 1944 wird Paris befreit. Charles de Gaulle, den Anführer der freien französischen Kräfte, reklamiert in seiner Befreiungsrede den Sieg über die Besatzer für die französischen Truppen und den Zivilen Widerstand. Der Grundstein für den „Résistance-Mythos“, wie die Historikerin Corinna von List veststellt. Ein Mythos, in dem die Frauen lange Zeit kaum Platz finden… 24 ZSP Corinna von List: Die haben insofern einen relativ schlechten Platz eingenommen, weil sie ja an der unmittelbaren militärischen Befreiung dann nicht mehr beteiligt waren. Und es bleiben dann eigentlich nur so zwei, drei Frauen übrig, die dann als Märtyrerin gefeiert werden, weil sie eben in der Regel auf sehr tragische Weise zu Tode kommen. MUSIK SPRECHER: Nach dem Ende des Kriegs 1945 kommt auch für die USA und Großbritannien die Demobilisierung, und die langsame Rückkehr zur normalen Zivilwirtschaft. Und - die Frauen in Uniform oder im Blaumann? 25 ZSP Michaela Hampf: Die Frauen im Militär wurden früher demobilisiert als die Männer in der Vorstellung, dass sie nach Hause zuerst zu Hause sein würden und das wieder alles vorbereiten für die Heimkunft der Männer. Und genauso erwartete man na türlich auch, dass sie die Jobs, die zivilen Jobs dann wieder räumen. SPRECHER: Und in der öffentlichen Meinung ist die Vorstellung verbreitet, dass man nun wieder zur Vorkriegsgesellschaft zurückkehren könne, und den Rollenbildern, dennoch, sagt die Historikerin Michaela Hampf… 26 ZSP Michaela Hampf ..hat die Beschäftigung von Frauen in der Rüstungsindustrie eine enorme Bewegung in die Gesellschaft gebracht und auch auf dem Arbeitsmarkt durchaus nachhaltig etwas verändert.
- 05.06.202423 min
Der D-Day, der Decision Day wurde als Tag der Entscheidung von den Alliierten genauso wie von Nazi-Deutschland erwartet. Über zwei Jahre hatten sich vor allem Briten und Amerikaner auf eine der größten Militäroperationen der Geschichte vorbereitet. Als die Alliierten dann am 6.Juni 1944 in der Normandie tatsächlich an Land gingen, geschah dies unter hohen Verlusten. Heute gilt die Invasion nicht mehr als die Entscheidungsschlacht, als die sie die Zeitgenossen sehen wollten, aber als Tag von hoher symbolischer Bedeutung, wenn es um die Nachkriegsordnung in West-Europa ging. Von Steffi Illinger (BR 2024) Credits Autorin: Steffi Illinger Regie: Silke Wolfrum Es sprachen: Christoph Jablonka, Christian Baumann Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Dr. Peter Lieb Ein besonderer Linktipp der Redaktion: ARD History (2024): 24 h D-Day Der D-Day markiert den Startschuss zur Befreiung Westeuropas aus dem Griff der Naziherrschaft. Am 6. Juni 1944 greifen alliierte Soldaten deutsche Stellungen an gleich fünf Strandabschnitten in der Normandie an. Der Angriff erfolgt von See aus und gilt als das größte amphibische Ladungsunternehmen der Geschichte . Dieses Ereignis jährt sich nun zum 80. Mal. Doch so nah, so authentisch wurde diese Schlacht noch nie gezeigt. Amerikanische und britische Kameraleute sind in Landungsbooten, bei Beschuss am Strand und bei der Rettung Verletzter dabei. Ihr Originalmaterial, gedreht in schwarz-weiß, wurde für diese Dokumentation aufwendig bearbeitet und koloriert. Die historisch einzigartigen Aufnahmen erscheinen in Spielfilmqualität. Der Krieg bekommt Farbe. Und damit eine andere Wirkung. Wir schauen direkt in die Gesichter derer, Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutsche, die meisten nicht viel älter als 20 Jahre. In „ 24 h D-Day“ erzählen sie ihren D-Day, den Tag den sie nie vergessen konnten. JETZT ANSEHEN Linktipp: Deutschlandfunk Kultur (2024): D-Day vor 80 Jahren – Das große Sterben für die Freiheit In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 begann im Zweiten Weltkrieg die Landung der Alliierten in der Normandie, um den sogenannten Atlantikwall des Deutschen Reiches zu erstürmen. Keine 24 Stunden hielt das Bollwerk dem Angriff stand. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Es ist eine der wichtigsten Wettervorhersagen der Geschichte: drei Wetterdienste arbeiten an den Prognosen, um eine ideale Wetterkonstellation über dem Nordatlantik und dem Ärmelkanal zu ermitteln: Sonnenaufgang bei Ebbe, der Himmel möglichst nicht wolkenverhangen und nicht zu viel auflandiger Wind. Denn Fallschirmspringer und Bombenflieger brauchen gute Sicht, die Böden müssen trocken sein, damit schweres Kriegsgerät nicht im Matsch versinkt, für die Landungstruppen soll die See ruhig sein und der Wasserstand niedrig, damit die vom Gegner errichteten Strandhindernisse zu sehen sind. GERÄUSCH – WIND-WELLEN-WASSER, STÜRMISCH unter Sprache blenden SPRECHER Doch Anfang Juni 1944 herrscht über dem Nordatlantik ein Tiefdruckgebiet, es ist ungewöhnlich kalt und stürmisch für die Jahreszeit. Ungünstig – denn die Strategen wünschen sich optimale meteorologische Bedingungen für eine der größten Militäraktionen der Menschheitsgeschichte: der Invasion und Befreiung Westeuropas von der Naziherrschaft. An der südenglischen Küste haben die Alliierten ein gigantisches Truppenaufgebot zusammengezogen – sie warteten auf den D-Day – den Decision-Day, den Tag der Entscheidung: GERÄUSCH – WIND – WELLEN -WASSER-STÜRMISCH - hochziehen SPRECHER Der Militärhistoriker Dr. Peter Lieb beschäftigt sich mit der Invasion seit seiner Studienzeit, als er während eines Auslandsemesters den berüchtigten Omaha Beach mit seinen endlosen Reihen von Kriegsgräbern besucht hat. O-Ton 1: Dr. Peter Lieb 0´45“ 1/ [00:02:51] Der Name D-Day bedeutet Decision-Day, also Entscheidungstag. Und in der Tat ist für die damaligen Beteiligten, sowohl auf alliierter als auch auf deutscher Seite - dieser Tag wird als der Entscheidungstag des Krieges gesehen, ist ein Tag für die Alliierten, der mit großen, sehr, sehr großen militärischen Risiken behaftet zu sein scheint. Und sie glauben, wenn sie jetzt die Landung nicht schaffen sollten, würde es Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sie wieder erneut versuchen könnten, in Westeuropa zu landen…((Auf der anderen Seite haben die Deutschen, da insbesondere die nationalsozialistischen Machthaber und auch die NS Propaganda, haben diesen D-Day oder diese alliierte Landung in Westeuropa zu einer Entscheidungsschlacht des Krieges hochstilisiert.)) SPRECHER Eigentlich haben die Deutschen bereits im Mai 44 mit einem Angriff auf die von ihnen besetzte nordfranzösische Küste gerechnet, und auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wurde von den Alliierten die Invasion für Mai angesetzt und wieder verschoben – man war mit den militärischen Vorbereitungen noch nicht weit genug. Zudem widersprechen sich die Wetterprognosen der amerikanischen und britischen Dienste, die gewünschte Fünftage-Vorhersage grenzt im Hinblick auf die damaligen Möglichkeiten an Kaffeesatzleserei. O-Ton 2: Dr. Peter Lieb 2 / [00:10:35] …das Wetter spielt in der Tat eine ganz wichtige Rolle an diesem D-Day. Und zwar, weil die Deutschen andere Informationen haben als die Alliierten. Die Alliierten wissen, das sich am 6. Juni so ein kleines Wetterloch auftut. Vorher und nachher ist eine Schlechtwetterfront vorhergesagt und für den 6. Juni gibt es ein kleines Fenster …. Die Deutschen hingegen, ihre Wettervorhersage sagt, 6.Juni schlechtes Wetter. Da werden die Alliierten nicht angreifen, da können sie ihre Luftwaffe nicht einsetzen. Da ist hoher Seegang, da können sie ihre Landungsboote nur mit Schwierigkeiten einsetzen. SPRECHER Ein fataler Irrtum. Die Planung und Durchführung der Operation Overlord, also der Landung, liegt bei General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber über die alliierten Truppen, über Streitkräfte aus Großbritannien, Amerika, Kanada, und weiteren Staaten sowie von Exil-Armeen aus Frankreich und Polen. Nach einer zweiten durchwachten Nacht und Unmengen von Kaffee und Nikotin ringt sich General Eisenhower schließlich zu einer Entscheidung durch, er befiehlt die Invasion: Archiv 1: „Soldiers, Sailors, and Airmen of the Allied Expeditionary Force! You are about to embark upon the Great Crusade, toward which we have striven these many months. The eyes of the world are upon you. …The tide has turned! The free men of the world are marching together to Victory! I have full confidence in your courage, devotion to duty and skill in battle. We will accept nothing less than full Victory!“ OVERVOICE-SPRECHER: Soldaten auf See wie in der Luft, ihr seid dabei, euch für einen großen Kreuzzug einzuschiffen. Die Augen der Welt sind auf euch gerichtet. …Das Blatt hat sich gewendet! Freie Männer von überall auf der Welt marschieren gemeinsam dem Sieg entgegen. Ich habe volles Vertrauen in Euren Mut, euer Pflichtgefühl und eure Kampfesfähigkeit. Wir akzeptieren nur einen vollständigen Sieg. SPRECHER mit Militärmusik unterlegen Im Morgengrauen des 6.Juni überquert eine gewaltige Armada den Ärmelkanal: 1213 Kriegsschiffe und 4124 Landungsboote stechen in See. mit Militärmusik ausblenden Der „längste“ Tag der Geschichte hat begonnen. O-Ton 3: Dr. Peter Lieb 1/ [00:01:30] …Also der D-Day hat eine herausgehobene politische Bedeutung, …Was er weniger hat, ist, …dass lange Zeit behauptet wurde, der D-Day hätte, wäre eine Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges gewesen oder wäre ein Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges gewesen. Das kann man also nicht mehr sagen. Das zu diesem Zeitpunkt war eigentlich jetzt in der Rückschau gesehen, der Zweite Weltkrieg für das Deutsche Reich bereits verloren. Für die Zeitgenossen hat sich das durchaus anders dargestellt. Da war nicht so ganz klar, ob die Deutschen vielleicht noch Chancen haben, den Krieg zu gewinnen. Das haben die Deutschen geglaubt, das haben die Alliierten geglaubt. … (02:18) SPRECHER …und im Vorfeld lange um die richtige Strategie bei der Befreiung Europas gerungen: Bereits Ende 1941 war die Entscheidung zwischen Briten und Amerikanern gefallen – Germany first! Zuerst sollte das nationalsozialistische Deutschland besiegt werden, bevor sich die Amerikaner den weiteren weltweiten Kriegsschauplätzen zuwenden wollten. Fast zweieinhalb Jahre haben die Vorbereitungen für eine amphibische Landung ungeheuren Ausmaßes gedauert, also einer Landung der Marinetruppen an einer feindlich besetzten Küste, nur von der Seeseite aus und ohne schützende Häfen, von denen sich aus Truppenbewegungen und Kriegsmaterial organisieren lassen. Eine militärische Großoperation, bei der sich die westlichen Verbündeten immer wieder zusammenraufen müssen: auf zahlreichen Konferenzen ringen Briten und Amerikaner um die richtige Strategie: die Amerikaner möchten schnell in Westeuropa einmarschieren – doch eine erste Operation, um den Hafen von Dieppe zu besetzen, scheitert 1942 kläglich. Die Briten fühlen sich bestätigt: O-Ton 4: Dr. Peter Lieb 1 / 06:12 … die Briten sagen Nein, … Die deutsche Wehrmacht ist viel zu stark. Die Deutschen haben noch nach wie vor eine starke Luftwaffe und wir müssen erst mal Zeit gewinnen und versuchen, die Deutschen an der Peripherie zu treffen. Und das wäre das Mittelmeer. Da haben die Briten natürlich auch eigene politische und wirtschaftliche Interessen, Sicherung der Seewege nach Indien. …Und zunächst setzen sich auch die Briten durch, in dieser Diskussion, führen den Amerikanern vor Augen, dass eine Landung 1942 in Europa nicht möglich ist. Und so kommt es zur ersten großen amphibischen Landung des Krieges durch die Alliierten im November 1942 in Nordafrika, in Marokko und in Algerien. Als Folge davon mussten sich die Deutschen dann einige Monate später aus Nordafrika zurückziehen und die Alliierten landen in Süditalien im Juli 1943. … SPRECHER Auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wird der Angriff der Alliierten an der französischen Westküste erwartet: Hitler hat bereits im Herbst 1943 eine Weisung herausgegeben, dass sich von nun an alle Verteidigungsbemühungen verstärkt auf den Westen fokussieren sollen. ZITAT / Overvoice-Sprecher: Die Gefahr im Osten ist geblieben, aber eine größere im Westen zeichnet sich ab: die angelsächsische Landung! O-Ton 5: Dr. Peter Lieb ((Ein erster symbolischer Akt ist, dass der bekannteste deutsche Militär des Zweiten Weltkriegs, der Generalfeldmarschall Rommel, …dass dieser populärste deutsche General im Herbst 1943 in den Westen geschickt wird, um dort die Maßnahmen zu treffen für die Verteidigung. Und damit zeigt das NS-Regime der deutschen Bevölkerung und auch den eigenen Soldaten, schaut her, unser bester Mann ist jetzt im Westen und wird dafür sorgen, dass wir dort erfolgreich die Alliierten abwehren können.)) Jetzt gibt es allerdings ein Problem: Die Deutschen haben bereits seit Ende 1941 begonnen, Befestigungsanlagen entlang der Küste zu errichten, den sogenannten Atlantikwall. Aber dort ist in den ganzen Jahren nicht viel geschehen. Das sind nur vorbereitete Stellungen, aber nur vereinzelte Bunkeranlagen. Und als jetzt Rommel nach Frankreich kommt und oder in den Westen, auch in den Niederlanden und in Belgien, beginnt er massiv diesen Atlantikwall zu verstärken. SPRECHER Doch das beste Bunkersystem nützt nichts, wenn es an Nachschub fehlt. Die deutsche Armee ist durch den mehrjährigen Mehrfrontenkrieg aufgebraucht. Nun sollen mangelhaft ausgebildete Soldaten die Küste im Westen verteidigen, Jugendliche in Uniform und zwangsrekrutierte Osteuropäer aus den annektierten Gebieten. Auch fehlt es an Munition – und zahlreiche sich überlagernde Hierarchieebenen in Wehrmacht und Waffen-SS verhindern schnelle Einsätze. Und im entscheidenden Moment schätzen die Deutschen nicht nur die Wetterlage falsch ein: Archiv 2 „03:24…Der Angriff gegen die Küsten Europas, seit langem der Gegenstand von gespanntesten Hoffnungen und Erwartungen der Völker hat Gestalt begonnen. Die Briten und Amerikaner haben es an Versuchen, auf anderem Wege zu diesem Ziel zu kommen, nicht fehlen lassen…12:27 bisher hat der Feind die Tiefe der Befestigungen an keiner Stelle zu durchstoßen vermocht…13:01…das, was der Gegner zum gegenwärtigen Zeitpunkt braucht, sind geschützte Landeplätze für weitere Anlandungen, deshalb zielt er ja auf die Flussmündungen…“ SPRECHER So ein militärpolitischer Kommentar vom 30.Mai 1944. Tatsächlich erwartet die deutsche Seite die Invasion viel weiter nördlich, an der engsten Stelle des Ärmelkanals, bei Calais oder der Flussmündung der Seine. Selbst als das Inferno dann wirklich losbricht, glaubt die deutsche Wehrmacht anfangs noch an ein Täuschungsmanöver. GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG SPRECHER Dabei hatte Operation Overlord schon lange vor dem eigentlichen Tag der Invasion begonnen: O-Ton 6: Dr. Peter Lieb 1/ 12:40 Die Voraussetzung für das Gelingen einer jeden amphibischen Landung ist die Luftherrschaft und die Alliierten…führen den Luftkrieg in zwei Dimensionen. Erstens den Luftkrieg über dem Deutschen Reich, wo es ihnen gelingt, zur Jahreswende 43/ 44 die Luftherrschaft zu gewinnen und die deutsche Jagdwaffe praktisch auszuschalten. GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG SPRECHER Aber auch Nordfrankreich überziehen die Alliierten mit einem massiven Bombardement – zerstören Seine-Brücken und Eisenbahnknotenpunkte, um die Nachschubwege für die deutsche Wehrmacht auszuschalten. O-Ton 7: Dr. Peter Lieb 1/ 13:28... Und das Ganze führt zu großen Verlusten unter der französischen Zivilbevölkerung. Und es gibt große Diskussionen auf der alliierten Seite. Inwieweit ist das Ganze militärisch gerechtfertigt, diese Bombardierungen? Man will ja schließlich die Franzosen befreien und gleichzeitig bombardiert man sie. …Man muss sich immer vor Augen halten, dass Frankreich nach Deutschland dasjenige Land im Zweiten Weltkrieg ist,… wo das am meisten bombardiert worden ist. Es sterben 60.000 Franzosen …und die gerade im Frühjahr 1944, als dieser Luftkrieg über Frankreich intensiviert wird, …droht die Stimmung in der französischen Bevölkerung zu kippen, … (16:56 Und noch dazu kommt dann der General de Gaulle, der die französische Gegenregierung in London gebildet hat und die auch sagt Leute, hört auf zu bombardieren. Die meine französischen Landsleute stellen sich sonst gegen euch. Und das Ganze wird dann auch im kurz vor dem D-Day ja auch diese Bombardierungen etwas zurückgefahren, so ab April, Mai aber im Zuge des D-Day selbst in den kommenden Wochen in der Normandie selbst erreichen die ja noch mal eine neue Intensität diese Bombardierungen.) GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG SPRECHER Auch der eigentliche D-Day beginnt nicht auf offener See oder an der Küste. 0 Uhr 18, nördlich von Caen: Bereits um kurz nach Mitternacht landen die ersten alliierte Fallschirmspringer im Hinterland, nahe der normannischen Dörfer und Städte. Ihre Mission: Wichtige strategische Punkte unter ihre Kontrolle bringen, Brücken besetzen, die Zugänge zu den Landungsstränden sichern. In mehreren Wellen regnen 18.000 Soldaten vom Himmel herab, doch vielfach misslingen Punkt-Landungen: über Quadratkilometer verstreut irren die Soldaten durchs Gelände. Auch Bombardements misslingen, die tiefliegende Wolkendecke verhindert die Sicht – teils kehren die Bomber voll beladen nach England zurück oder verfehlen ihr Ziel. Wieder trifft es die Zivilbevölkerung. Über den Rundfunk wendet sich General Eisenhower auch an die Franzosen: Archiv 3 “People of Western Europe! The landing was made this morning on the coast of France by troops of the allied expeditionary force. This landing is part of the concerted united nations plan for the liberation of Europe,… To members of resistance movements, whether led by nationals or by outside leaders, I say: Follow the instructions you have received. To patriots who are not members of organized resistance groups, I say: Continue your passive resistance, but do not needlessly endanger your lives. Wait until I give you the signal to rise and strike the enemy.“ OVERVOICE-SPRECHER: Die Landung durch die alliierten Expeditionsstreitkräfte an der französischen Küste ist erfolgt. Diese Landung ist Teil eines konzertierten Plans der Vereinten Nationen zur Befreiung Europas. Mitgliedern der Resistance, ob angeführt von Führern in und außerhalb Frankreichs, sage ich: Folgt den Instruktionen, die ihr erhaltet. Patrioten, die nicht Mitglieder organisierter Widerstandsgruppen sind, sage ich, setzen Sie Ihren passiven Widerstand fort, aber gefährden Sie nicht Ihr Leben. Warten Sie, bis ich Ihnen das Signal gebe, sich zu erheben und den Feind anzugreifen. SPRECHER Ab dem Morgengrauen, um 5 Uhr 30, nehmen 28 Schlachtschiffe der Alliierten fünf normannische Strände unter Beschuss: Der am härtesten umkämpfte Landeabschnitt ist der Omaha Beach. Ein schmaler, langegezogener Strandstreifen, dahinter eine 30 Meter hohe Steilküste – und auf dieser sitzen etwa 500 Wehrmachtssoldaten, verschanzt in ihren Bunkeranlagen. Am Strand haben sie Hindernisse aufgebaut, die sogenannten Tschechenigel, Panzersperren aus vernieteten Stahlpfosten. Hier sollen die amerikanischen GIs an Land gehen – und von Anfang an ist klar: Viele werden diesen Moment nicht überleben. O-Ton 8: Dr. Peter Lieb 2 / [00:05:52] …also dass dann die Landungsklappen runter gehen von den Booten und dann schießt ein deutsches MG rein und praktisch die ganze Besatzung kann da sofort innerhalb von wenigen Sekunden getötet werden. …Dies, das passiert auch besonders am Omaha Beach, also an einem der fünf alliierten Landungsabschnitten …auch selbst an den anderen Landungsabschnitten, wo es vergleichsweise ruhig rund läuft für die Alliierten. Beispielsweise am Juno Beach, wo die Kanadier landen. Selbst dort, in der ersten Welle, haben die Verluste von über 50 %. SPRECHER Auch den alliierten Militärstrategen ist bewusst, dass sie die Soldaten der ersten Welle auf eine Höllenfahrt schicken: sie rechnen mit bis zu 10.000 Toten an diesem Tag. Der Militärhistoriker Dr. Peter Lieb: O-Ton 9: Dr. Peter Lieb 2 / [00:09:09]…. Aber, und das muss man auch sagen, das zeigt dann doch auch dabei die Alliierten sind Demokratien, wo das Menschenleben doch deutlich mehr zählt als in einer Diktatur. Die Soldaten sollten die bestmögliche Ausbildung kriegen…, für dieses schwierige Unternehmen. …monatelang üben die Alliierten immer wieder diese Landungsabläufe an der südenglischen Küste. Es ist alles ganz minutiös geplant, mit Artilleriebeschuss aus der Luft, von der See her und auch mit Luft Bombardements, …das es aber da zu hohen Verlustraten kommen würde, das war jedem militärischen Planer bewusst, aber anders wäre die Landung da gar nicht möglich gewesen in Westeuropa und damit die Befreiung. Ev. GERÄUSCH – von Militärflugzeugen und Bombardierungen SPRECHER In einem der Landungsboote, die auf den Omaha-Beach zusteuern, sitzt der Kriegsfotograf Robert Capa, um ihn herum sich übergebende Soldaten – sie sind seekrank von der stürmischen Überfahrt. Und haben vermutlich Todesangst. Seine insgesamt 11 erhalten Fotos von der Landung sind ikonisch, sie haben das Bild von der Invasion bis heute geprägt: Ev. GERÄUSCH – FOTOKLICKEN, MEHRMALS, kombiniert mit Geräuschen von Militärflugzeugen und Bombardierungen Unscharf - ein Soldat, schwimmend in den Fluten des Atlantiks, die Augen weit aufgerissen FOTOKLICKEN Soldaten watend durchs knietiefe Wasser, vorbei an zerstörten Panzern… Auch der Fotograf Robert Capa watet mit. In seinen Erinnerungen schreibt er: ZITAT 1/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa Das Wasser war kalt und der Strand noch mehr als hundert Meter entfernt. Die Kugeln rissen Löcher in das Wasser um mich herum und ich machte mich auf den Weg zum nächsten Stahlhindernis. Zur gleichen Zeit traf dort ein Soldat ein, und für ein paar Minuten teilten wir uns die Deckung. FOTOKLICKEN Blickrichtung Strand: aufsteigender Rauch von Gewehrsalven, zwischen umherirrenden Soldaten unscharf liegende Körper, tot, verwundet … ZITAT 2/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa Erschöpft vom Wasser und von der Angst lagen wir flach auf einem kleinen Streifen nassen Sandes zwischen Meer und Stacheldraht. Solange wir flach dalagen, bot uns die Neigung des Strandes einen gewissen Schutz vor den Maschinengewehrkugeln, aber die Flut drängte uns gegen den Stacheldraht und die Gewehrsalven. SPRECHER Als Robert Capa selbst an Land geht, zittern seine Hände so stark, dass er zunächst kaum den Film in seine Kamera einlegen kann. ZITAT 3/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa Ich hielt einen Moment inne … und dann wurde mir schlecht. Die leere Kamera zitterte in meinen Händen. Es war eine neue Art von Angst, die meinen Körper von den Zehen bis zu den Haaren erschütterte und mein Gesicht verzerrte. GERÄUSCHAKZENT ausblenden SPRECHER Robert Capa überlebt das Gemetzel, weil er sich zu Sanitätern auf ein Boot flüchten kann. Doch die Amerikaner müssen befürchten, dass der Einsatz am Omaha-Beach für sie in einem Debakel endet, sie erwägen sogar einen Abbruch – erst um 15 Uhr 30 haben sie alle deutschen Widerstandsnester erobert. Die Gegenwehr ist gebrochen, Omaha-Beach und die vier weiteren Strände sind unter alliierter Kontrolle – für den Preis von geschätzt 4000 Toten und Verwundeten. MUSIKAKZENT Am Ende dieses längsten Tages können Amerikaner, Briten, Kanadier rund 154.000 Soldaten an Land bringen, sie haben Brückenköpfe gebildet, bereits einen Tag später legen sie die sogenannten Mullberrys an, zwei künstlich auf hoher See errichtete Häfen, mittels denen der Nachschub gelingt. Doch die Landung ist erst ein Anfang: Es folgen langwieriger Kämpfe, die Wehrmacht leistet verbissen Widerstand. Besonders das unübersichtliche Gelände bereitet den Alliierten Schwierigkeiten – die Bocage, Weideland durchzogen von Hecken und typisch für die Normandie. Eine Zäsur setzt erst die Befreiung von Paris Ende August 1944. MUSIK – getragen, neutral SPRECHER Heute ist die Invasion in der Normandie allgegenwärtig – auf zahlreichen Soldatenfriedhöfen hinter den Landungsstränden genauso wie in rund 30 Museen. Früher waren es vor allem die Veteranen, die zur Traumabewältigung hierher zurückkamen, heute ist der Gedenktourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Normandie. Zu den Gedenkfeierlichkeiten an runden Jahrestagen reisen führende Politiker aus der aller Welt an, 2004 war mit Gerhard Schröder erstmals auch ein deutscher Kanzler dabei: O-Ton 9: Dr. Peter Lieb 3 / [00:08:08] …Der D-Day ist der Fixpunkt für das alliierte Gedenken,… besonders auch im Kalten Krieg, um einen Gegenpunkt zu setzen gegen die Sowjetunion, die den Großen Vaterländischen Krieg feiert, … und sich die Sowjetunion zum alleinigen Sieger sozusagen über Nazideutschland, über Hitlerdeutschland stilisiert. Und dem wollen die Alliierten etwas entgegensetzen. Zu Recht. Also …Nazideutschland ist nicht allein von der Sowjetunion besiegt worden, die von einer alliierten Koalition besiegt worden aus Sowjetunion, Amerikanern, Briten und vielen anderen Ländern. Und so zu sagen ist …das Gedenken an die Day auch ein Gegenpunkt zur der sowjetischen Gedenkkultur und hat auch wegen in der heutigen Zeit, Ukrainekrieg usw. natürlich wieder eine neue Dimension. SPRECHER Ein symbolisch aufgeladener Tag – damals wie heute. Von den Zeitgenossen erwartet als Tag der Entscheidung – heute Gedenktag für das Ringen der freiheitlich-demokratischen Welt gegen eine mörderische Diktatur.
"Männer und Frauen sind gleichberechtigt" heißt es im Artikel 3 des Grundgesetzes. Heute eine Selbstverständlichkeit. Und doch - so selbstverständlich ist der Artikel nicht. Vier Frauen mussten dafür kämpfen, damit er heute so im Grundgesetz stehen kann. Von Gerda Kuhn (BR 2007) Credits Autorin: Gerda Kuhn Regie: Susanne Weichselbaumer Es sprachen: Armin Berger, Sabine Kastius, Christiane Blumhoff, Heiko Rupprecht Redaktion: Brigitte Reimer Besondere Linktipps der Redaktion: ABBA – unvergessen und heute noch Kult. Es ist die weltweit erfolgreichste Band der späten 70er Jahre. In diesem Frühjahr jährt sich ihr legendärer Auftritt und Sieg beim Grand Prix d‘ Eurovision zum 50. Mal – damals Startschuss für ihre großartige internationale Karriere. Entlang ihrer Welthits von 1976 bis 1980 beschreibt der Film Aufstieg und Ruhm der Kultband und erzählt die unvergleichliche Geschichte einer der größten Bands der Musikgeschichte. Er folgt ihren Höhen und Tiefen: Von ihrem legendären Eurovisionssieg mit "Waterloo" 1974 bis hin zu ihren vielen Mega-Chart-Hits nimmt der Film das Publikum mit auf eine Achterbahnfahrt der Liebe, des Kampfes, des Ruhmes und natürlich ihrer Songs, die die Zeit überdauert haben. JETZT ANSEHEN ARD (2024): Archivradio – Geschichte im Original Das Radio: seit einem Jahrhundert Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Historische Tondokumente vermitteln ein Gefühl für wichtige Ereignisse und Stimmungen vergangener Jahrzehnte, von der Grundgesetzunterzeichnung, Vereidigung des ersten Bundespräsidenten oder den Abstimmungen im Parlamentarischen Rat. JETZT ANHÖREN Linktipps: SWR (2022): Männer und Frauen sind gleichberechtigt!? – Das Grundgesetz Lange Zeit sind Frauen beim Bundesverfassungsgericht in der Minderheit. Auch im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz Ende der 1940er Jahre berät und verabschiedet, sitzen nur vier Frauen. Eine von ihnen ist die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, die für die volle Gleichberechtigung der Frauen streitet und gegen den Widerstand ihrer männlichen Kollegen eine Neuregelung des Familienrechts durchsetzt. Auch siebzig Jahre später beschäftigt die Gleichberechtigung die Gerichte. So klagt die Schreinermeisterin Edeltraud Walla, weil ein männlicher Kollege für die gleiche Tätigkeit deutlich mehr verdient als sie. Doch das Bundesverfassungsgericht weist ihre Klage ab. JETZT ANSEHEN 3sat (2024): 75 Jahre Grundgesetz: Artikel 3 – Gleichheit Zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes betrachten wir drei Artikel neu - historisch, aber auch mit Blick in die Zukunft. Teil 1: Artikel 3 - alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:33 – Die Politikerin Elisabeth Selbert TC 06:06 – Die Arbeit an einer demokratischen Verfassung TC 10:07 – Überzeugungsarbeit TC 13:59 – Ein Sturm zieht auf TC 17:28 – Die Sternenstunde ihres Lebens TC 19:55 – Politisch zu profiliert TC 22:45 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ZUSPIELUNG Trümmerfrau 0’25 „Wir arbeiten acht Stunden, haben in der Zwischenzeit eine Viertelstunde Frühstück und eine halbe Stunde Mittag, und sonst ist die Arbeit sehr, sehr schwer, wir haben sehr tief zu schippen, wir sind in den Kellerschachtungen, wir haben zwei Meter 20, und wenn wir diese Arbeit vollendet haben, dann sind wir sozusagen auch fertig.“ MUSIK ERZÄHLERIN: Eine sogenannte Trümmerfrau aus dem zerstörten Nachkriegs-Berlin. Zu Zehntausenden gab es sie nach 1945 in Deutschland, entschlossen zupackend, ausdauernd, uneitel. Die harten Kriegsjahre, als fast alle Männer im Feld waren, hatten den Frauen das Äußerste an Überlebenswillen und Organisationstalent abverlangt. Sie wussten längst aus eigener Erfahrung, dass es viele unangenehme Aufgaben gab, die sie nicht delegieren konnten. Und sie hatten millionenfach bewiesen, dass sie keineswegs davor zurückschreckten, Verantwortung zu übernehmen – in der Familie genauso wie in Beruf und Gesellschaft. ERZÄHLER: Die mutigen Trümmerfrauen haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis der Deutschen. Sie gelten als Paradebeispiel für Tatkraft und Pragmatismus, als Synonym für den ungebrochenen Willen der Nation zu Neubeginn und Wiederaufbau. Vielfach vergessen sind dagegen jene Frauen, die sich nach Kriegsende an das Wegräumen ganz anderer Hindernisse machten – beispielsweise von ideologischen und rechtlichen Hürden. Elisabeth Selbert war eine dieser Frauen. Der kämpferischen Juristin verdanken wir einen ganz bestimmten Satz in unserem Grundgesetz. Er lautet: ZITATORIN: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". ERZÄHLERIN: Eine Formulierung, die heute nichts Spektakuläres mehr an sich hat. Doch als sie entstand, war sie geradezu revolutionär. Sie findet sich im Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 2. Die Sozialdemokratin Selbert hat sie zusammen mit drei weiteren couragierten Frauen durchgesetzt: Ihrer Parteifreundin Frieda Nadig, der CDU-Politikerin Helene Weber und Helene Wessel von der katholischen Zentrums-Partei. Auch wenn es in den wenigsten Schulbüchern erwähnt wird: Das Grundgesetz hatte keineswegs nur Väter, sondern auch engagierte Mütter. TC 02:33 – Die Politikerin Elisabeth Selbert ERZÄHLER: Vier erfahrene Politikerinnen, die schon vor dem Krieg aktiv waren. Doch die treibende Kraft im Kampf um die rechtliche Gleichstellung der Frauen war die Sozialdemokratin Selbert. Sie nahm nicht nur die mühsame Arbeit auf sich, die überwiegend männlichen Mitglieder ihrer eigenen Partei auf ihre Seite zu ziehen, sondern setzte auch über Parteigrenzen hinweg auf die Zusammenarbeit mit anderen Politikerinnen. ERZÄHLERIN: Alle vier „Mütter des Grundgesetzes“ hatten berufliche Erfahrungen aufzuweisen, damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Denn noch galt das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900, das davon ausging, der „eigentliche Platz“ einer Frau sei zuhause bei Küche und Kindern. Der ersten deutschen Frauenbewegung, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts gebildet hatte, waren nur Teil-Erfolge gelungen: So durften Frauen seit 1908 in Parteien eintreten. Auch ein Universitätsstudium stand ihnen nun offen. Mit der Gründung der Weimarer Republik erhielten Frauen zudem das aktive und das passive Wahlrecht. MUSIK ERZÄHLER: Doch am patriarchalen Familienrecht hatte auch die Weimarer Reichsverfassung nichts geändert. Frauen konnten beispielsweise nicht über das Vermögen entscheiden, das sie in die Ehe miteingebracht hatten. Ohne schriftliche Zustimmung ihres Mannes durften sie nicht einmal ein Bankkonto einrichten. Die Pflicht der Ehefrau, den Haushalt zu führen, war im Gesetz festgeschrieben; über die Erziehung und Ausbildung der Kinder entschied letztendlich der Mann. Politikerinnen wie Elisabeth Selbert hielten eine Reform des bürgerlichen Rechts für überfällig. ERZÄHLERIN: Die gebürtige Hessin stammte aus eher beengten Verhältnissen; eine Ausbildung als Lehrerin konnten ihr die Eltern aus finanziellen Gründen nicht ermöglichen. 1918, mit 22 Jahren, trat sie in die SPD ein und engagierte sich mit Leidenschaft in der Kommunal- und Landespolitik. Als Mutter von zwei Kindern holte sie später extern das Abitur nach und begann im Anschluss daran ein Jurastudium. 1930 promovierte sie über das Thema „Ehezerüttung als Scheidungsgrund“. Später, als Anwältin war Elisabeth Selbert immer wieder mit den Härten des geltenden Scheidungsrechtes konfrontiert: ZUSPIELUNG Selbert 0’52 Wie groß war immer das Erschrecken „Wie groß war immer das Erschrecken dieser Frauen, die vielleicht ein ganzes Leben lang hinter dem Ladentisch gestanden, als sogenannte „Seele des Geschäftes“ oder des landwirtschaftlichen Anwesens oder der Familie den Wohlstand miterarbeitet, in Kriegsjahren allein erarbeitet hatte, wenn sie dann hörten, dass sie bei einer Scheidung mit leeren Händen aus dem Hause gingen, weil sie nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch verpflichtet waren, im Geschäft oder im Betrieb des Mannes mitzuarbeiten, ohne allerdings an dem Gewinn oder dem Vermögen, das sie miterarbeitet hatte, beteiligt zu sein.“ ERZÄHLER: Mit Nachdruck setzte sich die Juristin dafür ein, das Schuldprinzip im Scheidungsrecht abzuschaffen. Mit dieser Forderung war sie allerdings ihrer Zeit weit voraus: Erst 1977 trat unter der damaligen sozialliberalen Bundesregierung ein neues Ehe- und Familienrecht in Kraft, das das Zerrüttungsprinzip einführte. TC 06:06 – Die Ausarbeitung einer demokratischen Verfassung MUSIK ERZÄHLERIN: Die Nazi-Propaganda reduzierte die Frauen auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau. Weitergehende Ambitionen waren nicht im Interesse des Staates. Der weibliche Anteil an der Studentenschaft sollte nicht höher sein als zehn Prozent, zur Habilitation waren Frauen nicht zugelassen. Die Berufstätigkeit von Ehefrauen war unerwünscht – dieses Ziel wurde in der Regel durch das Verbot des Doppelverdienertums erreicht. ERZÄHLER: Elisabeth Selbert erhielt ihre Zulassung als Rechtsanwältin 1934 – wenige Monate, bevor die Nazis den Zugang von Frauen zu diesem Beruf völlig blockierten. Doch was die Berufstätigkeit von Frauen betraf, war das NS-Regime nicht konsequent: Als die Rüstungsindustrie auf Hochtouren lief und männliche Arbeitskräfte vielfach fehlten, wurden auch die Frauen zum Arbeitsdienst verpflichtet. Während die Männer an der Front kämpften, war Frauenarbeit ganz generell gefragt. Ein Schlager des Operettenkomponisten Emmerich Kálmán, der die dieses Thema aufgreift, war während der Kriegsjahre sehr beliebt: MUSIK ERZÄHLERIN: Nach dem Krieg aber wünschte sich so mancher die alten Verhältnisse zurück. Doch die Frauen, die während der Kriegsjahre die Lücken in den Büros und Fabriken geschlossen hatten, wollten sich nicht so einfach wieder in die zweite Reihe zurückdrängen lassen. Insgesamt gab es bei Kriegsende sieben Millionen mehr Frauen als Männer, fast vier Millionen waren allein stehend. Angesichts einer mehrheitlich weiblichen Wählerschaft, so konnte man vermuten, würde auch das künftige Grundgesetz die neue Lebenswirklichkeit der Frauen widerspiegeln. ERZÄHLER: Mit der Ausarbeitung einer demokratischen Verfassung wurden von der amerikanischen Militärregierung die Abgeordneten aus den wieder erstandenen Parteien beauftragt. Elisabeth Selbert musste sich ihre Mitarbeit erst erkämpfen, aber sie setzte sich durch. Am 1. September 1948 kamen die Mitglieder des sogenannten Parlamentarischen Rates - 65 Frauen und Männer - erstmals zusammen. Im zoologischen Museum Koenig in Bonn, wo in der großen Halle hinter hohen Vorhängen ausgestopfte Tiere standen, wurde über den politischen Neubeginn in Deutschland beraten. ERZÄHLERIN: Schnell verteilten sich die Abgeordneten je nach fachlichem Hintergrund und persönlicher Interessenslage auf die einzelnen Ausschüsse. Über die Grundrechte – zu denen nach Ansicht von Elisabeth Selbert die Gleichberechtigung von Mann und Frau zählen sollte – wurde im Grundsatzausschuss diskutiert. Die Juristin war dort nur als Stellvertreterin präsent, hielt dies aber nicht für problematisch, da sie davon ausging, eine Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz sei eine Selbstverständlichkeit. ERZÄHLER: Doch der Ausschuss sah das anders: Der schlichte, aber eindeutige Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ fand keine Mehrheit. Er war als Vorschlag der SPD-Fraktion eingebracht worden – nachdem Elisabeth Selbert dafür in der eigenen Partei hartnäckig gekämpft hatte. Die Ausschussmitglieder einigten sich schließlich auf den Satz: „Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“. Im Klartext: Frauen sollten - wie schon in der Weimarer Republik – das Wahlrecht erhalten, mehr aber auch nicht. Eine Gleichberechtigung von Mann und Frau auch im Familienrecht war nicht vorgesehen. ERZÄHLERIN: Die Vorlage wanderte wenig später in den Hauptausschuss. Bei der ersten Lesung Anfang Dezember 1948 warb Elisabeth Selbert noch einmal für ihren Vorschlag und warnte zugleich: ZITATORIN: „Sollte der Artikel in dieser Fassung heute wieder abgelehnt werden, so darf ich Ihnen sagen, dass in der gesamten Öffentlichkeit die maßgebenden Frauen wahrscheinlich dazu Stellung nehmen werden, und zwar derart, dass unter Umständen die Annahme der Verfassung gefährdet ist“. ERZÄHLER: Doch auch im Hauptausschuss fiel der Satz durch - für Elisabeth Selbert ein Schock. Nach ihrer Einschätzung waren die Abgeordneten auf dem besten Weg, eine historische Chance zu verspielen. TC 10:07 – Überzeugungsarbeit ERZÄHLERIN: Obwohl alle vier Frauen im Parlamentarischen Rat am Ende gemeinsam kämpften, musste Elisabeth Selbert zunächst auch bei ihren Geschlechtsgenossinnen Überzeugungsarbeit leisten, sogar bei der Parteifreundin Frieda Nadig. Diese befürchtete anfänglich ein rechtliches Chaos, wenn im Grundgesetz die rechtliche Gleichstellung der Frau festgeschrieben würde, ohne dass gleichzeitig die entsprechenden Passagen im geltenden Familienrecht geändert würden. ERZÄHLER: Ähnliche Bedenken hatte auch die CDU-Abgeordnete Helene Weber. Sie verteidigte ihre Haltung mit dem Hinweis, man habe alle Argumente sorgfältig abgewogen. Weber war Mitbegründerin des „Katholischen Deutschen Frauenbundes“ und eine enge Vertraute von Konrad Adenauer. Der Weimarer Nationalversammlung hatte sie von 1919 bis 1920 als Abgeordnete der Zentrumspartei angehört und an der Weimarer Verfassung mitgearbeitet. ERZÄHLERIN: Die dritte potentielle Verbündete war die Zentrumspolitikerin Helene Wessel. Die Tochter eines Lokomotivführers hatte ihre politische Karriere ebenfalls bereits in der Weimarer Republik gestartet. Von 1928 bis 1933 hatte sie einen Sitz im Preußischen Landtag inne. Wessel arbeitete als Fürsorgerin für die katholische Kirche. Auch mit ihr diskutierte Elisabeth Selbert über ihre Pläne. Schließlich erklärte Wessel gegenüber Journalisten: ZITATORIN „Ich bin grundsätzlich dafür, aber die Auswirkungen müssen gut überlegt sein.“ MUSIK ERZÄHLER: Helene Wessel war 1945 zur stellvertretenden Vorsitzenden der Zentrums-Partei gewählt worden. Vier Jahre später wurde sie Parteichefin und war damit die erste weibliche Vorsitzende einer politischen Partei in Deutschland. ERZÄHLERIN: Die Sozialdemokratin Selbert musste auf vielen Ebenen gleichzeitig Überzeugungsarbeit leisten. Zum einen wollten auch die Männer ihrer eigenen Partei nicht so ohne weiteres auf ihre bisherigen Vorrechte verzichten - sei es das Entscheidungsrecht über den ehelichen Wohnort, über die Erwerbstätigkeit ihrer Ehefrauen oder über die Kindererziehung. Andrerseits fehlte es auch nicht an generellen Mahnungen aus konservativen Bevölkerungskreisen, man möge es doch bei der „gottgewollten“ Vorherrschaft des Mannes im Verhältnis der Geschlechter belassen. Und schließlich gab es auch noch die Stimmen jener Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen davor warnten, nicht um eines abstrakten Rechtsprinzips willen auf ihre „natürlichen Privilegien“ und die „Macht weiblichen Charmes“ zu verzichten. MUSIK ERZÄHLER: Die anfängliche Zurückhaltung der drei anderen weiblichen Mitglieder im Parlamentarischen Rat hielt Selbert nicht davon ab, in erster Linie auf die Solidarität von Frauen zu setzen. Sie hoffte insbesondere auf die Unterstützung überparteilicher Frauenvereinigungen. Da dort auch Kommunistinnen mitarbeiteten, riskierte Selbert damit einen Konflikt mit SPD-Chef Kurt Schumacher, der jegliches Zusammenwirken mit kommunistischen Kräften ablehnte. Selbert berichtete später von zum Teil sehr scharfen Kontroversen mit Schumacher. Doch sie ließ sich nicht entmutigen. ERZÄHLERIN: Ohnehin hatte sie von männlicher Seite nicht allzu viel Unterstützung zu erwarten – und wenn es diese nach langen Diskussionen irgendwann doch gab, schmeckte sie oft bitter. So schrieb Selbert im Oktober 1948 – nachdem sie die Genossen in der Fraktion endlich hatte überzeugen können - an ihre Parteifreundin Herta Gotthelf: ZITATORIN: „Ich bin noch ganz glücklich über den Erfolg in der Fraktion, wenn mich auch die Art, wie einige Genossen das Thema behandelt haben, deprimiert hat. Man sieht zwar, dass man an dieser Sache dieses Mal nicht vorbei kommt, aber mit Ironie und Sarkasmus, um nicht zu sagen Hohn, tat man die Frage kurz ab“. TC 13:59 – Ein Sturm zieht auf ERZÄHLERIN: Selbert begann schließlich, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Sie hielt zahlreiche Vorträge - in Hamburg, Frankfurt, München und anderen Städten. Die SPD-Politikerin wandte sich sogar an die Ehefrauen von CDU-Mitgliedern, um auf privater Ebene Druck auf die Abgeordneten auszuüben. ERZÄHLER: Sie löste einen regelrechten Sturm an Beschwerden aus und erreichte sogar eine punktuelle Zusammenarbeit zwischen der bürgerlichen Frauenbewegung und der Arbeiterbewegung. Zahlreiche Gewerkschaftsfrauen, unter ihnen allein 40 000 Metallerinnen, wandten sich mit Eingaben an den Parlamentarischen Rat. Auch ganze Betriebsbelegschaften – so beispielsweise die Mitarbeiterinnen des Arbeitsamtes Frankfurt am Main – stellten sich hinter Selberts Initiative. Darüber hinaus unterzeichneten nahezu alle weiblichen Landtagsabgeordneten der Westzone eine entsprechende Petition – lediglich die bayerischen Abgeordneten zogen nicht mit. Das überwältigende Echo gab Elisabeth Selbert Recht, auch wenn Politiker wie der Liberale Theodor Heuss herablassend von einem „Quasi-Stürmlein“ sprachen. Selbert erinnerte sich später: ZITATORIN: „Es war geradezu begeisternd und erschütternd, wie die Proteste aus dem ganzen Bundesgebiet, und zwar Einzelproteste und Verbandsproteste in großen Bergen, in die Beratungen des Parlamentarischen Rates hineingeschüttet wurden. Körbeweise! Und ich wusste, in diesem Augenblick hätte kein Abgeordneter mehr gewagt, gegen diese Fülle von Protesten anzugehen und bei seinem Nein zu bleiben.“ ERZÄHLERIN: Auch die übrigen Frauen im Parlamentarischen Rat waren inzwischen auf Elisabeth Selberts Linie eingeschwenkt. Die Sozialdemokratin Frieda Nadig übte bei einer Anhörung deutliche Kritik an den patriarchalen Strukturen im Eherecht: ZUSPIELUNG Nadig 0’17 Mann ist Familienoberhaupt „Im deutschen Familienrecht ist der Mann das Oberhaupt der Familie. Ihm steht das Entscheidungsrecht in allen das gemeinschaftliche Eheleben betreffenden Angelegenheiten zu. Die Frau hat sich seinen Entscheidungen zu fügen.“ ERZÄHLERIN: Nadig forderte insbesondere eine Neuordnung der vermögensrechtlichen Bestimmungen: ZUSPIELUNG Nadig Eheliches Güterrecht 0’35 „Am reformbedürftigsten ist zweifellos das gesetzliche Güterrecht. Der gesetzliche Güterstand des Bürgerlichen Gesetzbuchs weist der Frau die Rolle eines bevormundeten Kindes zu. Die Verwaltung und Nutznießung des Vermögens der Frau steht dem Manne zu, er ist berechtigt, das Vermögen der Frau in Besitz zu nehmen, er ist auch berechtigt, mit diesem Vermögen zu arbeiten, ohne seiner Frau Auskunft geben zu brauchen.“ ERZÄHLER: Elisabeth Selbert nahm die Einwände ihrer Kolleginnen ernst. Um das befürchtete rechtliche Chaos zu vermeiden, schlug sie einen Kompromiss vor: Alle Bestimmungen des bürgerlichen Rechts, die nicht im Einklang mit dem Gleichberechtigungs-Grundsatz im Grundgesetz waren, sollten noch solange in Kraft bleiben, bis der Bundestag zum Stichtag 1. April 1953 auch ein neues Familienrecht schaffen würde. Das hieß im Umkehrschluss: Alle der Gleichberechtigung entgegenstehenden Bestimmungen im Bürgerlichen Gesetzbuch waren innerhalb einer bestimmten Frist aufzuheben. Genau diese Festschreibung war es, die eigentlich revolutionär war, da sie die Lebensrealität künftiger Frauengenerationen entscheidend verändern sollte. TC 17:28 – Die Sternenstunde ihres Lebens MUSIK ERZÄHLERIN: Bei der zweiten Lesung im Hauptausschuss – am 18. Januar 1949 - warb Elisabeth Selbert noch einmal mit Nachdruck um Zustimmung. Und sie erlebte schließlich die Sternstunde ihres Lebens – wie sie es später nannte. Die Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ wurde einstimmig angenommen. Damit waren die Weichen gestellt: Der Satz, für den Elisabeth Selbert und ihre Mitstreiterinnen so lange gekämpft hatten, konnte Teil des Grundgesetzes werden. Einen Tag später wandte sich Elisabeth Selbert in einer Rundfunkansprache an die Öffentlichkeit: ZUSPIELUNG Selbert 0’26 Geschichtlicher Tag „Meine verehrten Hörerinnen und Hörer. Der gestrige Tag, an dem im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates in Bonn dank der Initiative der Sozialdemokraten die Gleichberechtigung der Frau in die Verfassung aufgenommen worden ist – dieser Tag war ein geschichtlicher Tag, eine Wende auf dem Weg der deutschen Frauen der Westzonen.“ ERZÄHLER: Am 8. Mai 1949 - vier Jahre nach Unterzeichnung der Kapitulationserklärung - verabschiedete der Parlamentarische Rat das Verfassungswerk. Die drei Militärgouverneure genehmigten die Vorlage. Zwei Wochen später trat das Grundgesetz nach der Annahme durch die Länderparlamente für die westlichen Besatzungszonen in Kraft - nur Bayern verweigerte die Zustimmung. ERZÄHLERIN: Es sollten allerdings noch etliche Jahre vergehen, bis sich der Gesetzgeber auch zu einer Reform des Bürgerlichen Gesetzbuches durchringen konnte. Erst ab 1. Juli 1958 – also fünf Jahre später, als Elisabeth Selbert vorgeschlagen hatte - galt das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Damit konnten Frauen nun immerhin über den ehelichen Wohnsitz mitentscheiden, ihren Mädchennamen als Namenszusatz führen und den Haushalt in eigener Verantwortung führen. Die Ehefrau hatte jetzt auch das Recht, einen Beruf auszuüben – allerdings nur – wie es im Gesetz so schön hieß… ZITATOR: „…soweit das mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. ERZÄHLERIN: Und wenn der Ehemann es genehmigte. Beide Ehegatten wurden zudem gegenseitig zum Unterhalt verpflichtet. TC 19:55 – Politisch zu profiliert ERZÄHLER: Insgesamt 37 Mitglieder des Parlamentarischen Rates wurden in den Bundestag gewählt – unter ihnen Frieda Nadig, Helene Weber und Helene Wessel. Elisabeth Selbert jedoch gehörte nicht dazu. Es blieb nicht die einzige Enttäuschung für die engagierte Juristin und Sozialdemokratin: Anfang der 50er Jahre hatte sie die Möglichkeit, Richterin am Bundesverfassungsgericht zu werden. Doch sie scheiterte letztendlich am Widerstand der eigenen Parteifreunde. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass Selberts entschlossene Alleingänge in manchen juristischen Fragen bei einigen Genossen in unguter Erinnerung waren. Der SPD-Abgeordnete Adolf Arndt sprach aus, was viele seiner Parteigenossen nicht offen zu sagen wagten: ZITATOR: „Du warst vielen unserer Leute und auch anderen Leuten politisch zu profiliert“. ERZÄHLERIN: Der Satz hat Elisabeth Selbert sicherlich geschmerzt, öffentlich beklagt hat sie sich nie. Sie blieb zunächst hessische Landtagsabgeordnete, kandidierte aber 1958 nicht mehr. Zwei Jahre zuvor hatte sie noch das Große Bundesverdienstkreuz erhalten, dann wurde es allmählich still um sie. Erst die neue Frauenbewegung begann sie wieder zu entdecken. Dass der Artikel 3, Absatz 2 Grundgesetz später noch einmal ergänzt wurde, hat sie nicht mehr miterlebt – sie starb im Juni 1986. 1994 wurde im Zuge der Verfassungsreform der Gleichberechtigungs-Grundsatz durch die Formulierung erweitert: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." ERZÄHLER: Die „Mütter des Grundgesetzes“ haben in der Rechtswirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland bleibende Spuren hinterlassen. Daran erinnerte 2006 auch Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, bei einer Festveranstaltung zu Ehren von Elisabeth Selbert: ZITATORIN: „Es hat nach Elisabeth Selberts Sternstunde noch eines halben Jahrhunderts bedurft, um das deutsche Recht egalitär zu formulieren. Doch die Rechtswirklichkeit hinkt trotz einiger sichtbarer Erfolge – immerhin haben wir eine Bundeskanzlerin! – noch immer hinter der formalen Rechtsgleichheit her. Es bleibt darum nach wie vor viel zu tun…. Gleichwohl oder gerade deswegen ist und bleibt dieser kleine Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ das Fanal und die Verheißung, die beide Geschlechter verpflichtet und für die alle nachfolgenden Generationen von Frauen Elisabeth Selbert Dank schulden.“ TC 22:45 - Outro
- 23.05.202425 min
Es war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet. Eigentlich sollte das "GG" nur ein Provisorium sein, nur ein Übergang, nicht wie eine "Verfassung" einen endgültigen Charakter haben. Trotzdem wurde es schließlich zur gesamtdeutschen Verfassung - und zum Vorbild für viele neue Demokratien. Von Katharina Kühn (BR 2022) Credits Autorin: Katharina Kühn Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Martin Vogt Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dietmar Preißler, Marion Detjen Ein besonderer Linktipp der Redaktion: BR (2024): I Will Survive – Der Kampf gegen die AIDS-Krise München, 80er, Disco-Ära: Die queere Szene blüht und Weltstars wie Freddie Mercury machen hier Party. Aber plötzlich ist Schluss. Ein mysteriöses Virus erreicht die Stadt. In "I Will Survive" sprechen wir mit den Menschen, die als Erste und vielleicht am härtesten von der AIDS-Krise getroffen wurden. Der Podcast erzählt von ihrer Angst, ihren Verlusten und ihrem Widerstand in einer Zeit, als Bayern als einziges Bundesland auf Ausgrenzung statt auf Aufklärung setzt. Und es geht um die Frage: Welches Vermächtnis haben die Menschen von damals der queeren Community heute hinterlassen? ZUM PODCAST Linktipps: ARD (2024): Wie gut ist unser Grundgesetz? Moderatorin Sandra Maischberger und ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam checken das deutsche Grundgesetz. Meinungen frei zu äußern, queer zu lieben, eine Pandemie zu überstehen – wo hilft das Grundgesetz, wo ist noch Luft nach oben? Sind im Alltag der Deutschen wirklich alle Menschen vor dem Gesetz gleich? Waren die Grundrechte in der Covid-Pandemie zu stark eingeschränkt? Schützt das Grundgesetz die Bürger:innen vor einem Rückfall in dunkelste Zeiten? Die Doku sammelt Geschichten, liefert Background und zieht ein Fazit. Als Prominente sind Schauspieler Jan Josef Liefers und die Politiker Joachim Gauck und Gerhart Baum dabei. JETZT ANSEHEN ARD (2024): Archivradio – Geschichte im Original Das Radio: seit einem Jahrhundert Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Historische Tondokumente vermitteln ein Gefühl für wichtige Ereignisse und Stimmungen vergangener Jahrzehnte, von der Grundgesetzunterzeichnung, Vereidigung des ersten Bundespräsidenten oder den Abstimmungen im Parlamentarischen Rat. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:09 – Grundgesetz oder Verfassung? TC 04:25 - Streitpunkte TC 11:59 – Darüber war man sich einig TC 13:54 – Die Geburtsstunde der Bundesrepublik TC 17:24 – Liebe auf den zweiten Blick TC 22:36 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK ERZÄHLERIN: Wie sollte aus dieser Diktatur eine Demokratie werden? Die alliierten Mächte, Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich hatten zwar die Gefechte gemeinsam gewonnen, NS-Deutschland geschlagen, aber wie das besetzte Land nun wiederaufgebaut werden sollte, darauf konnten sie sich nicht einigen. ERZÄHLER: Spätestens als die Außenminister in London Ende 1947 ihre Konferenz abbrachen, war klar, dass es keine gemeinsame Strategie geben würde. Also trafen sich die westlichen Alliierten, USA, Großbritannien, Frankreich und die drei Benelux-Länder Belgien, Niederlande und Luxemburg, um über die Zukunft Westdeutschlands zu beraten. Die „Londoner Empfehlungen“ sollten den Weg für einen eigenen westdeutschen Staat ebnen. ERZÄHLERIN: Die neun deutschen Ministerpräsidenten der westlichen Bundesländer und die Bürgermeister der Stadtstaaten Hamburg und Bremen sollten dabei helfen – sie waren zu dem Zeitpunkt immerhin die obersten politischen Repräsentanten im Nachkriegsdeutschland. Sie wurden nach Frankfurt am Main bestellt, in das Hauptquartier der Amerikaner, ursprünglich das Verwaltungsgebäude eines Chemiekonzerns. Die Militärgouverneure lasen auf Englisch und Französisch ihre Pläne vor, die sogenannten Frankfurter Dokumente. Hier war der Fahrplan zu einem neuen Staat umrissen: Ab spätestens September 1948 sollte eine Versammlung eine Verfassung ausarbeiten. Diese würde erst den Militärgouverneuren vorgelegt und dann vom Volk abgestimmt. Außerdem skizzierten die Westalliierten in den Dokumenten, wie der Besatzungsstatus für Deutschland aussehen sollte und kündigten an, dass die Grenzen der Bundesländer überprüft und möglicherweise verändert würden. TC 02:09 – Grundgesetz oder Verfassung? ERZÄHLER: Eigentlich könnte man nun meinen, dass die Ministerpräsidenten lieber schneller als später einen westdeutschen und vor allem souveränen Staat schaffen wollten. So war es aber nicht, erzählt Dietmar Preißler, ehemaliger Sammlungsdirekter im Haus der Geschichte in Bonn: O-Ton 01_ Preißler [00:21] Sie waren, vorsichtig gesagt, sehr zurückhaltend, denn sie befürchteten, durch eine Vollverfassung für die Westzonen könnte eine Wiedervereinigung verhindert werden. Sie schlugen dann vor, dass man ein Grundgesetz schaffen soll statt einer Verfassung und dass ein Parlamentarischer Rat tagen sollte und nicht eine verfassungsgebende Versammlung. ERZÄHLERIN: Andere Begriffe, die eigentlich dasselbe meinen? ERZÄHLER: Nicht ganz. Über das Grundgesetz sollte nicht das Volk abstimmen, sondern die Länderparlamente. So, hofften die Ministerpräsidenten, wäre deutlich, dass es sich hier nicht um etwas Unwiderrufliches, sondern nur um ein Provisorium handelte und die Wiedervereinigung mit Ost-Deutschland immer noch möglich sei. ERZÄHLERIN: Die Westmächte stimmten nach langer Diskussion zu, beharrten aber darauf, dass ein neuer Staat gegründet würde. Im August bereitete ein Expertengremium aus Politikern, Verfassungsexperten und Verwaltungsfachleuten im Schloss Herrenchiemsee erste Richtlinien vor. Zwei Wochen hatten sie Zeit. O-Ton 02_ Preißler [00:37] In dieser Kürze der Zeit haben die es wirklich fertiggebracht, einen kompletten Entwurf eines Grundgesetzes auf den Weg zu bringen. 95 Seiten mit 149 Artikeln. Wir wissen ja, später das Grundgesetz hatte 146. Es war ein Kompendium, in dem Verfassungsartikel auch alternativ vorgestellt wurden, zum Beispiel: Föderalismus. Da wurde vorgeschlagen, sowohl eine Bundesratslösung als auch eine Senatslösung, die sich an amerikanischen Verfassungsvorbildern orientierte, und es waren eben auch Kommentierungen dabei, was man mit den einzelnen Paragraphen und den Regelungen darin erreichen wollte. ERZÄHLER: Die Experten hatten also erste Vorschläge und Richtlinien erarbeitet, erste Fragen aufgeworfen, Alternativen formuliert. Nun sollten Politiker entscheiden. Der Parlamentarische Rat kam zum ersten Mal am 1. September 1948 in Bonn zusammen TC 04:25 - Streitpunkte MUSIK ERZÄHLER: Im Lichthof des Naturkundlichen Museums König wurden sonst Tiere ausgestellt. Für diesen Tag waren sie an die Seiten des imposanten Hofs geschoben und hinter Vorhängen versteckt worden ERZÄHLERIN: Später erzählten Gäste, dass übrigens eine Giraffe über den Vorhang lugte und die Zeremonie verfolgte. Es ist eine schöne Anekdote, aber erfunden. MUSIK ERZÄHLER: Lange dauerte diese Zeremonie nicht, nach eineinhalb Stunden wechselten die Abgeordneten des neuen Parlamentarischen Rats in die Aula der Pädagogischen Akademie. 61 Männer und vier Frauen waren aus den Länderparlamenten in den Rat berufen worden, dazu kamen fünf Vertreter aus Berlin, allerdings nur mit beratender Funktion ohne Stimmrecht. Ratspräsident wurde Konrad Adenauer: Zuspielung Adenauer Der parlamentarische Rat beginnt seine Tätigkeit – wir haben es heute morgen bei der Feier im Museum König gehört und wir wissen es ja alle – in einer völlig ungewissen Zeit, in einer Zeit der Ungewissheit über Deutschlands Zukunft, ja, auch die Zukunft Europas und der Welt ist dunkel und unsicher. […] Und Deutschland selbst ist politisch ohnmächtig. ERZÄHLERIN: Die Abgeordneten wussten wohl auch, dass nun die Zeit der politischen Auseinandersetzungen, der mühsamen Diskussionen und der Kompromisssuche losging. Das zeigte sich gleich, als der kommunistische Abgeordnete Max Reimann einwarf, dieser Rat habe keine Existenzberechtigung, es liege kein gesamtdeutsches Mandat vor. Dietmar Preißler: O-Ton 03_ Preißler [00:20] Also der kommunistische Abgeordnete Reimann stellte den Antrag, die Arbeit des Parlamentarischen Rats einzustellen und das führte zu einer hitzigen Debatte, gleich am ersten Tag, in der Reimann auch nach vorne stürmte, das Mikrofon griff, in das Mikrofon hineinrief, er fühle sich nicht richtig behandelt. Er nutzte sogar das Wort: Ich fühle mich vergewaltigt. ERZÄHLER: Der Antrag wurde – wenig überraschend – abgelehnt. Streitpunkte gab es genug: Gehört etwa Gott ins Grundgesetz? Die Union wollte einen Gottesbezug in die Präambel setzen, die SPD sträubte sich. Die FDP vermittelte. „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“, ist der Kompromiss, der bis heute das Grundgesetz einleitet. ERZÄHLERIN: Die Präambel war von besonderer Bedeutung, nicht nur, weil sie den ersten Ton setzt, sondern auch, weil hier die Ostdeutschen angesprochen wurden: ZITATOR: Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. ERZÄHLERIN: Dieses Grundgesetz sei nur provisorisch, das sollte im Vorwort deutlich werden. Gleichzeitig warnte FDP-Politiker Theodor Heuss davor, das Wort „provisorisch“ zu oft in der Präambel zu verwenden. Es sollte von einer „Magie des Wortes“ getragen sein. ERZÄHLER: Die Diskussionen über die einzelnen Artikel waren nicht einfacher. Wie sollte etwa die Gleichberechtigung festgehalten werden? Die meisten Abgeordneten wollten am Text festhalten, wie er in der Weimarer Verfassung stand. Zitat: „Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ Das würde allerdings bedeuten, dass das Ehe- und Familienrecht etwa davon nicht tangiert würde. Eine der vier Frauen im Rat lehnte sich dagegen auf: Elisabeth Selbert von der SPD schlug die Formulierung vor: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ So einfach. Ohne Ausnahme. Die meisten Abgeordneten waren dagegen. Zu viele Gesetze würden sofort verfassungswidrig, ungültig werden, ein „Rechtschaos“ könne folgen. Elisabeth Selbert tobte – ihre Gegner auch. Sie drohte sogar mit Wahlen, schließlich kämen, so kurz nach dem Krieg „auf 100 männliche Wähler 170 weibliche Wähler“. Die Drohung schien nicht zu wirken. Also suchte Selbert nach Unterstützung. Frauenverbände schrieben Briefe, kündigten ihren Protest an, sollte im Grundgesetz nicht die uneingeschränkte Gleichberechtigung verankert werden. Die SPD schlug eine Übergangslösung vor, damit die entsprechenden Gesetze in den nächsten Jahren geändert werden konnten. Und der Protest zeigte Wirkung: Eineinhalb Monate nachdem Selberts Formulierung noch abgelehnt worden war, stimmten die Abgeordneten ihr zu. Artikel 3, Absatz 2 im Grundgesetz ist ein Meilenstein der Emanzipation in Deutschland: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. MUSIK ERZÄHLERIN: Ein weiterer Streitpunkt betraf das Verhältnis zwischen Bund und Ländern. Klar war, dass ein föderales System entstehen, der Staat also aus Bundesländern zusammengesetzt sein sollte. Aber wieviel Macht sollten diese Länder haben? Die Freundschaft hört bekanntlich beim Geld auf. Die erste Frage war: Wer zieht die Steuern ein und verteilt das Geld – der Bund oder die Länder? Besonders die CSU beharrte darauf, dass die Steuern Angelegenheit der Landesverwaltungen seien. SPD und FDP wollten hingegen, dass der Bund die Steuern einzieht und dass es einen Finanzausgleich zwischen den Ländern gibt. Obwohl auch die Westalliierten befürchteten, eine große Bundesverwaltung für Steuern könnte zu viel Einfluss an einem Punkt konzentrieren, entschieden sich die Delegierten zum Schluss für ein System, das den Vorstellungen von SPD und FDP näher kam. Bund und Länder sind beide für die Steuern zuständig, es gibt einen Finanzausgleich und einen Bundeszuschuss. Auch wie die Länder bei der Gesetzgebung vertreten sein würden, war strittig. Sollte eine Zweite Kammer – also neben dem Bundestag – zusammengesetzt werden nach einem Senats- oder nach einem Bundesratsprinzip; das heißt mit Mitgliedern der Länderparlamente oder der Landesregierungen? Die Konservativen setzten den Bundesrat durch, also mit Vertretern der Landesregierungen. Die SPD dagegen erwirkte eine Machtbeschränkung, nämlich, dass der Bundesrat in der Gesetzgebung ein Vetorecht nur bei Gesetzen mit Länderbezug hat. ERZÄHLER: Nicht nur die inhaltlichen Diskrepanzen erschwerten die Diskussionen, auch die ständige Beobachtung durch die Besatzungsoffiziere zerrte an den Nerven. In bestimmten Punkten, gerade bei der föderalistischen Struktur, wollten sie unbedingt, dass der Parlamentarische Rat nach ihren Vorgaben entscheidet, so Dietmar Preißler: O-Ton 04_ Preißler [00:45] Da wurden ja sogar Geheimdossiers angelegt. Wir wissen aus englischen Archiven, dass über jedes Mitglied des Parlamentarischen Rates ein Dossier existierte. Da sind dann politische Positionen der Damen und Herren dargestellt worden, bis hin aber auch zu Charakterzügen, über Konrad Adenauer wird darin berichtet, dass er eben kühl im Umgang mit seinem Stab auch sei. Bis hin zu Dingen, was haben die Damen und Herren getrunken. TC 11:59 – Darüber war man sich einig MUSIK ERZÄHLERIN: Aber es gab auch Punkte, in denen sich die Delegierten schnell einig waren: Zunächst einmal war da das Ziel eines demokratischen Staats in einem geeinten Europa. Das neue Parlament sollte mächtig sein, direkt vom Volk gewählt werden und hauptsächlich die Gesetze bestimmen. Sogar die Regierung sollte vom Parlament abhängig sein. Die Abschaffung der Todesstrafe war Konsens. Und: Es sollte fast keine Volksabstimmungen geben. ERZÄHLER: Die Erfahrungen der Zeit unter dem Nationalsozialismus prägten die Entscheidungen. Der Machtmissbrauch, die Gestapo, der Holocaust. Das durfte nie wieder passieren. Der Bundespräsident wurde fast komplett entmachtet. Das konstruktive Misstrauensvotum sollte für stabilere politische Verhältnisse sorgen und ein Chaos wie in der Weimarer Republik verhindern: Deshalb kann der Bundestag den amtierenden Kanzler oder die Kanzlerin nur dann stürzen, wenn er gleichzeitig einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin wählt. Die Gewaltenteilung wurde klar organisiert, es gibt eine unabhängige Justiz. Jedes Gesetz muss mit dem Grundgesetz vereinbar sein, wenn nicht, kann das Bundesverfassungsgericht ein Gesetz als verfassungswidrig erklären, dann muss es geändert werden. ERZÄHLERIN: Den Artikeln im Grundgesetz vorangestellt sind die Grundrechte, Artikel 1 bis Artikel 19. Zwar hatten die Grundrechte schon in der Weimarer Verfassung gestanden. Aber nicht an so prominenter Stelle. ERZÄHLER: Die Menschenwürde. ERZÄHLERIN: Die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Religionsfreiheit, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. ERZÄHLER: Das Briefgeheimnis oder die Unverletzlichkeit der Wohnung. Diese Rechte sollten von nun an unantastbar und unveränderlich sein. TC 13:54 – Die Geburtsstunde der Bundesrepublik MUSIK ERZÄHLERIN: Bis tief in den Mai des nächsten Jahres gingen die Diskussionen. Drei Monate waren ursprünglich für die Debatten geplant, keiner hatte damit gerechnet, dass sie fast neun Monate dauern würden. Aber am 8. Mai standen dann endlich 146 Artikel zur Abstimmung, genau vier Jahre nach der Kapitulation. Es war schon kurz vor Mitternacht, als Konrad Adenauer das Ergebnis verkündete: Zuspielung Adenauer [Klingel] Meine Damen und Herren. Das Grundgesetz ist mit 53 Ja- gegen 12 Nein-Stimmen angenommen worden. ERZÄHLER: Die Delegierten standen auf. Eigentlich würden sie in einem solchen Moment die Nationalhymne singen, aber es gab noch keine. Also sangen sie ein patriotisches Studentenlied: „Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland“. ERZÄHLERIN: Trotz der eindeutigen Annahme: 12 Ausreißer gab es, auch nach neun Monaten Kompromisssuche: Delegierte der Deutschen Partei, des Zentrums, der Kommunisten – und der CSU. Bevor sich nun aber die Landtage mit dem Werk auseinandersetzen konnten, ging es an die Westalliierten. Die genehmigten den Text, dann folgten zehn von elf Landtagen. Die letzte Abstimmung fand in Bayern statt. Der Bayerische Ministerpräsident Hans Ehard machte gleich als erster Redner klar, wo der unverrückbare Standpunkt seiner Regierung lag: Es sei in Bonn nicht gelungen, das Verfassungswerk so unter Dach und Fach zu bringen, dass es vom Standpunkt Bayerns aus als befriedigend angesehen werden kann. Zu wenig föderalistisch, zu wenig Zugeständnisse an die Länder, die Eigenständigkeit Bayerns sei sogar bedroht. 14 Stunden debattierten die Abgeordneten. Zum Schluss lehnte der Bayerische Landtag das Grundgesetz mit deutlicher Mehrheit ab. ERZÄHLER: Allerdings ohne den Lauf der westdeutschen Geschichte zu ändern. Zwei Drittel Zustimmung der Landtage reichten aus, um das Grundgesetz durchzubringen, die Stimme der Bayern konnte daran schon nichts mehr ändern. MUSIK ERZÄHLER: Am 23. Mai 1949 kam der Tag der Verkündung: Vor dem Präsidium, auf einem Tisch war das Grundgesetz aufgeschlagen. Füllfederhalter lagen in Reihe bereit, ein Tintenfass des Kölner Ratssilbers. Ein bisschen Inszenierung gehörte zu diesem feierlichen Anlass auch dazu, erzählt Dietmar Preißler: O-Ton 05_ Preißler [00:29] Konrad Adenauer trat als erster an den Tisch und ein Journalist berichtete auch, dass er dann den Füllfederhalter nahm und er bewegte den Stift Richtung Tintenfass und setzte dann seine Unterschrift unter das Grundgesetz. Im Tintenfass des Kölner Ratssilbers war allerdings ja gar keine Tinte drin. Stellen Sie sich mal vor, da wäre wirklich Tinte drin gewesen. Das hätte ja bedeutet, dass das Grundgesetz bei der Unterschriftenaktion sicherlich völlig vertropft gewesen wäre. ERZÄHLER: Es war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Knapp drei Monate später, am 14. August, wählten die Westdeutschen zum ersten Mal den Bundestag. TC 17:24 – Liebe auf den zweiten Blick ERZÄHLERIN: Liebe auf dem ersten Blick zwar es nicht, zwischen den Deutschen und dem Grundgesetz, sagt Marion Detjen, Historikerin am Bard College Berlin und Mitautorin des Buches „Die Deutschen und das Grundgesetz“: O-Ton 06_ Detjen [00:39] Gefeiert wurde schon einmal auf gar keinen Fall, weil ja in der Bevölkerung erstens schon das Gefühl vorhanden war, nicht in Freiheit und Selbstbestimmung sich jetzt da neu zu finden oder neu aufzustellen, sondern sozusagen aus der totalen Niederlage im Krieg und nach der Zeit des Nationalsozialismus sich überhaupt erst wieder irgendwie aufzustellen und eben unter Besatzungsherrschaft zu sein. […] Und es hat eine Weile gedauert bis das Ganze grundrechtlichen Potenzial und das freiheitliche Potenzial dieser Verfassung für die Bevölkerung spürbar wurde. ERZÄHLERIN: Mit den Jahren sollten die Deutschen jedoch das Grundgesetz zu würdigen wissen, ja, sogar einen gewissen Stolz darauf entwickeln. ERZÄHLER: Das fehlende Referendum schien fast vergessen, bis die Frage nach einer Volksabstimmung durch die Wiedervereinigung wiederaufgeworfen wurde. Zwei Optionen waren möglich: Die fünf ostdeutschen Bundesländer konnten nach Artikel 23 der Bundesrepublik beitreten – damit würde das Bundesgebiet einfach größer werden. ZITATOR: Artikel 23: Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiet der Länder Baden, Bayern, Bremen, Groß-Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen. ERZÄHLER: Oder man hätte sich auf Artikel 146 beziehen können. ZITATOR: Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist. O-Ton 07_ Detjen [00:54] Vor der Wiedervereinigung, also in der Zeit der Friedlichen Revolution, gab es heftige Verfassungsdiskussionen, dass gerade die Revolutionäre einen eigenen Weg gehen wollten, eigene Verfassungsexperimente machen wollten, diese Chance der Revolution nutzen wollten für mehr Demokratie, für ein reformiertes Verfassungsverständnis auch. Und diese Versuche dann eben gerade von der bundesdeutschen Regierung, aber auch von vielen Verfassungsspezialisten hier abgeblockt wurden und da auch viel verhindert wurde, gerade was die Möglichkeiten von direkter Demokratie angeht und die Möglichkeiten angeht, die Ostdeutschen an einem eigenen Verfassungsprozess überhaupt erst einmal zu beteiligen. ERZÄHLERIN: Denn neben den Revolutionären, die eine neue Demokratie schaffen wollten, wollten besonders in der BRD viele lieber kein Risiko eingehen. Außerdem drängte die Zeit. Nicht einmal ein Referendum sollte es geben, um das Grundgesetz – nun Stabilitätsanker statt Provisorium – auch vom Volk zur Verfassung für das geeinte Deutschland erheben zu lassen. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR Westdeutschland nach Artikel 23 bei. ERZÄHLER: Auch international wurde das Grundgesetz wahrgenommen. Der Slogan „Exportschlager“ entstand – auch wenn natürlich nicht das ganze Werk übernommen wurde. Neue Demokratien, die ebenfalls Diktaturen hinter sich lassen gelassen hatten, schauten auf das deutsche Beispiel, so etwa Spanien, Portugal, Griechenland; nach dem Fall der Sowjetunion viele osteuropäische Länder. Spanien führte das konstruktive Misstrauensvotum ein, später auch Ungarn, Polen und Slowenien. In Südafrika wurde das föderalistische System in die Verfassung aufgenommen, Brasilien, Peru und Argentinien etablierten ähnliche Verfassungsgerichte. ERZÄHLERIN: Dabei ist das Grundgesetz auch in Deutschland kein absolut unveränderlicher Text. Die Bedeutung des Grundgesetzes zeigte sich auch immer wieder an den heftigen Debatten über Änderungen an diesem: Die Einführung der Bundeswehr und der Wehrpflicht, die Notstandsgesetze, aber auch die Finanzbeziehungen und das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in Bildungsfragen. O-Ton 08_Detjen [00:20] Also eine Verfassung ist ein toter Text und gleichzeitig eine lebendige Norm, die wir ständig neu interpretieren und weiterentwickeln und mit der man ganz viel anstellen kann. Also es hat eben nicht jeder die Verfassung so, wie er sie gerne hätte unbedingt, aber gleichzeitig eben auch eine Chance für ständige Verhandlungen und Weiterentwicklung. ERZÄHLERIN: Immer wieder kommen neue Herausforderungen und veränderte Situationen, auf die eine Gesellschaft reagieren muss: Ein zusammenwachsendes Europa, die Globalisierung, der demographische Wandel, der Zeitgeist. Immer wieder wird das Grundgesetz dem angepasst werden. TC 22:36 – Outro
Die mittelalterliche Stadt hat zwei Gesichter: Sie bringt die Landesentwicklung voran, stärkt Handel und Gewerbe und schafft ganz neue Formen von Öffentlichkeit. Doch zugleich ist sie ein Brandbeschleuniger sozialer und politischer Konflikte. Zunftmitglieder und unterprivilegierte Schichten in der Stadt erzeugen im Lauf der Zeit rebellische Teilöffentlichkeiten. Immer selbstbewusster drängen sie auf Mitsprache. Das führt häufig zu schweren Erschütterungen, Unruhen und gewaltsamen Aufständen. Von Simon Demmelhuber und Volker Eklkofer (BR 2020) Credits Autoren: Simon Demmelhuber, Volker Eklkofer Regie: Axel Wostry Es sprachen: Julia Fischer, Stefan Wilkening Technik: Helge Schwarz Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Beatrix Schönewald, Dr. Marco Veronesi Ein besonderer Linktipp der Redaktion: hr (2024): KRIEG IM SCHATTEN. Warum starb Nikola Milicevic? In der Nacht auf den 13. Januar 1980 kehrt der kroatischstämmige Emigrant Nikola Milićević nach einem Kneipenabend zu seiner Wohnung im Frankfurter Ostend zurück. Als er gegen 3 Uhr seinen Wagen auf dem Parkplatz vor seinem Wohnblock abstellt und aussteigt, treffen ihn sechs Kugeln. Erst am nächsten Morgen finden Nachbarn seine Leiche. Der 42-Jährige hinterlässt Frau und fünf Kinder. Es ist eine Abrechnung, so viel steht fest. Doch Nikola Milićević - mit dem Spitznamen Beban ist kein Kleinkrimineller. Auch persönliche Motive liegen nicht vor. Die verwendete Munition und die Art des Mordes lassen bei den Ermittlern stattdessen ganz andere Alarmglocken klingeln: Alles deutet auf den Jugoslawischen Geheimdienst hin. ZUM PODCAST Linktipps: BR (2018): Urbanes Leben als Motor der Gesellschaft Die Städte des Mittelalters waren faszinierende Gebilde. Ganz im Gegensatz zum starren Ständesystem des Mittelalters war das soziale System einer Stadt sehr durchlässig. So konnte sich hier eine ganze eigene Dynamik entfalten. Doch wie wurde man zum Bürger einer Stadt? Und welche Rechte und Pflichten brachte das mit sich? Wer wohnte in einer mittelalterlichen Stadt und wer hatte dort das Sagen? JETZT ANHÖREN SWR (2023): Mauern, Brunnen, Galgenstricke – Die Stadt im späten Mittelalter Der Film gibt eine Vorstellung von den Zusammenhängen zwischen Recht, Ordnung und Pflicht, in die der Bürger einer mittelalterlichen Stadt eingebunden war. Herausgearbeitet werden diese Begriffe anhand der konkreten und symbolischen Bedeutung einzelner städtischer Anlagen: der Stadtmauer als sichtbarer Grenze des städtischen Wehr- und Rechtsbereichs, der Wasserversorgung als wichtiger Voraussetzung für das Städtewachstum und des Galgens als Zeichen der auf Abschreckung beruhenden mittelalterlichen Gerichtsbarkeit. Mit der Ausweitung des Stadtrechts erhalten die Städte eine eigene Gerichtsbarkeit, an deren Spitze der Stadtrat mit dem Bürgermeister steht. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Im September 1155 wird Pfalzgraf Otto von Wittelsbach zum Kriegshelden. Als Barbarossas Heer in einer Schlucht bei Verona in einen Hinterhalt gerät, erklimmt er mit seinen Männern die steilen Flanken, fällt dem Feind in den Rücken und rettet die Schlacht. 1180 streicht er den Lohn für sein Wagstück ein: Der Kaiser belehnt Otto mit dem Herzogtum Bayern, die Herrschaft der Wittelsbacher beginnt. SPRECHERIN Rang und Würde haben sie, aber nun müssen die Wittelsbacher ihren Machtanspruch gegen trotzige Grafen und Bischöfe auch durchsetzen. Dazu brauchen sie Geld und strategisch gut gelegene befestigte Plätze. SPRECHER Um ihre Herrschaft auszubauen, setzen die bayerischen Herzöge auf einen Trend, der Ende des 12. Jahrhunderts massiv anschiebt: Die Bevölkerung wächst, die Landwirtschaftserträge steigen, das Handwerk braucht Spezialisten. Wer kann, lässt sich im Umfeld von Burgen und alten Handelsflecken nieder. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts entwickeln sich gut 80 dieser rasch wachsenden Siedlungskerne dank herzoglicher Privilegien zu Märkten und Städten. Den Wittelsbachern kommt diese Urbanisierungswelle äußerst gelegen: Städte verheißen nicht nur Steuern, sie sind auch militärische Machtzentren. Zsp 1 Veronesi In den altbayerischen Städten ist es so, dass sich am Fuß der herrschaftlichen Burgen immer mehr Handwerker niederlassen, auch Kaufleute. Diese Siedlungen werden immer größer und so ungefähr darf man sich die Gründung einer Stadt vorstellen. Diese Siedlungen wurden dann geordnet, wurden befestigt, oft noch mit einem Palisadenwall, erst später mit einer Mauer. SPRECHER …erklärt der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Marco Veronesi vom Haus der Bayerischen Geschichte. SPRECHERIN Mauern! Türme! Tore! Die Stadt des hohen und späten Mittelalters riegelt sich ab. Niemand betritt, niemand verlässt sie ungesehen. SPRECHER Mauern wehren nicht nur ab. Der Raum, den sie umfassen, ist ein besonderer Rechtsbezirk: Die Stadt setzt sich die Regeln des Zusammenlebens selbst, sie hat Gerichtsgewalt, ist als Bürgergemeinde siegel- und rechtsfähig. SPRECHERIN Vor allem aber schafft die Mauer einen klar umgrenzten Friedensrahmen. Wer hier lebt, verzichtet darauf, Konflikte gewaltsam auszutragen. Waffen sind gar nicht oder nur eingeschränkt gestattet. Sogar die Länge mitgeführter Messer ist vorgeschrieben. Zudem bewahrt die Stadt ihre Bewohner und Gäste vor auswärtigen Zugriffen oder Forderungen und gewährt sicheres Geleit. Musik 02 (Fight and chase – 0´21 min) SPRECHER Außerhalb der Mauern regiert Gewalt. Dort herrscht die Fehde, eine Art legaler bewaffneter Selbstjustiz adliger Herren, die Rechtshändel direkt untereinander klären. Die Bauern tragen die Hauptlast der Kriegszüge. Ihre Felder werden verwüstet, ihre Ställe geplündert, ihre Dörfer und Hüten niedergebrannt, um den Gegner zu schwächen und seine Lebensgrundlage zu vernichten. König, Kirche und Herzöge versuchen die ausufernden Feindseligkeiten einzudämmen. Auf dem Land richten sie dabei wenig aus. Nur die Stadt mit ihrem strikten Fehdeverbot schafft Inseln der Sicherheit. Warum gerade das die Stadt so modern und attraktiv macht, erläutert Beatrix Schönewald, die Leiterin des Stadtmuseums und Stadtarchivs Ingolstadt. Zsp 2 Schönewald Frieden ist die essenzielle Voraussetzung für Handel und Gewerbe, für Verkehrssicherheit, für das Miteinander. Die Stadt mit ihrer Friedenspflicht, mit ihrer Friedensverpflichtung, steht am Anfang einer Entwicklung, die bis heute hinaufreicht, ohne Frieden kein Fortschritt. SPRECHERIN Die Stadt bedeutet auch Rechtssicherheit. Vom Rat erlassene Gesetze regeln den Alltag. Dass Erb- und Kaufgänge klar geordnet sind, dass Besitz und Schuldverschreibungen besonderen Rechtsschutz genießen, entpuppt sich als entscheidender städtischer Entwicklungsimpuls. SPRECHER Ordnung, die auf Recht und Sicherheit gründet, die Chance, durch Handwerk, Handel oder Dienstleistung ein Auskommen zu finden, das ist etwas Neues, etwas, das in die Zukunft weist. Diese Modernität mit ihrem Erneuerungspotenzial spricht Menschen unterschiedlichster Herkunft und gesellschaftlicher Stellung an. Von Gleichheit und schrankenloser Freiheit für alle kann jedoch keine Rede sein. Zuspielung 3 Schönewald Wir haben als Bewohner in der Stadt die Bürger mit den vollen Bürgerrechten, die den Rat der Stadt wählen, wir haben in der Stadt Bürger, die arm oder reich sind mit ihren Rechten, wir haben Minderbürger, die zwar einige Rechte haben, aber keine Pflichten, wir haben Inwohner, die keine Rechte und keine Pflichten haben, das sind die Tagelöhner, die Knechte, Mägde, alles, was zum Betrieb eines Hauses gehört. Dann haben wir Sonderrechte, wie zum Beispiel die Juden, dann die Kleriker, Frauen haben auch eine besondere Rechtsstellung. SPRECHERIN Die Stadt ist vielschichtig und vielstimmig. Das Sagen hat indes nur eine dünne Oberschicht. Sie erlässt Gesetze und Verordnungen, lenkt das soziale, politische und religiöse Leben. Wie sich diese Elite herausbildet, ist unter Historikern umstritten. Gewiss ist nur eins: Besitz, Ehrbarkeit und lange Ansässigkeit sind eine wesentliche Grundvoraussetzung. Klar ist auch: Die gezielte Herstellung von Öffentlichkeit ist eines der wichtigsten Steuerungs- und Herrschaftsinstrumente des Stadtregiments. SPRECHER Öffentlichkeit ist allerdings kein Dauerzustand der mittelalterlichen Stadt. Sie wird bewusst von oben geschaffen, um Herrschaftsansprüche durchzusetzen und das Gemeinwohl zu organisieren. Das geschieht durch Aushänge und Ausrufer, aber auch durch Rituale und Zeichenhandlungen auf Straßen und Plätzen, auf dem Markt und in der Kirche. Atmo: Glockengeläut SPRECHER Glocken sind das mächtigste Mittel, um die Stadtgemeinde zu versammeln. Glocken rufen zum Gebet, zur Verteidigung, zum Löschen bei Bränden, zur Ratssitzung, zur Bekanntgabe neuer Verordnungen, zur Vollstreckung von Urteilen. Wann immer eine Glocke läutet, passiert etwas Wichtiges. Etwas, das alle betrifft. Atmo: Feierliches Glockengeläut SPRECHERIN Ein besonderes Ereignis steht an: Der Rat wird gewählt. Kein öffentlicher Anlass ist wichtiger, keiner bringt mehr Menschen auf die Beine. SPRECHER Der Tag beginnt früh. Am Morgen ziehen die festlich gekleideten Ratsherrn in die Hauptpfarrkirche. Nach der Messe schreiten die Herren durch eine dicht gedrängte Menschenmasse zur Wahl im Rathaus. Die Allgemeinheit hat dabei keinen Zutritt, das machen die ratsfähigen Bürger unter sich aus. SPRECHERIN Ein Standardverfahren gibt es dabei nicht. Wann und wie sich der Rat erneuert, ob komplett oder teilweise, ob per Losentscheid, per Abstimmung oder Berufung, unterscheidet sich von Stadt zu Stadt. Das häufigste Verfahren ist die Kooptation, also die Ergänzungs- oder Zuwahl. ( Musikbeginn) Dabei bestimmen die scheidenden Mitglieder selbst, wer sie ersetzt und wer nachrückt. Musik 03 (Pavane a 8 von Hans Hake; Musica Fiata, Roland Wilson – 0´50 min) SPRECHER Der Rat ist gewählt. Die Herren ziehen zum Dankgottesdienst erneut in die Kirche. Stadtknechte oder Jungbürger halten die Menge auf Distanz. Trommler, Pfeifer, Fahnen oder Fackeln begleiten den Zug, einflussreiche Bürger schließen sich an, die Menge zur Linken und Rechten des Ehrenspaliers johlt. SPRECHERIN Spannend ist das alles nicht, das Verfahren lässt keine Überraschungen zu, die Wenigsten haben ein Mitspracherecht. Aber ein Spektakel, eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei ist der prächtige Auftritt allemal. Die Ratswahl ist ein Massenevent, das wie noch heute der Oktoberfesteinzug oder der Besuch gekrönter Häupter Schaulustige in rauen Mengen anlockt. SPRECHER Ganz gleich, ob die Herren ihren Eid auf die Gesetze der Stadt noch in der Ratsstube, vor dem Rathaus, auf den Kirchenstufen oder vor dem Altar abgelegt haben, nun ist es Zeit für den Schlussakt eines langen Wahltags. Die Honorablen ziehen in feierlicher Prozession zum gemeinsamen Mahl zurück ins Rathaus. In den folgenden Tagen stehen weitere Umzüge an, mit denen sich der Rat präsentiert, seinen Herrschaftsbereich abschreitet und den Einwohnern das Erlebnis einer tiefen Zusammengehörigkeit vermittelt – wir alle sind Stadt! SPRECHERIN Schöne Bilder. Bunt, laut, mittelalterlich. Aber leider nur eine Rekonstruktion, montiert aus zeitlich und räumlich verstreuten Belegen für die spätmittelalterliche Ratswahl. SPRECHER Trotzdem: Nichts könnte den Aufbau der Gesellschaft, das Machtgefüge und die Funktion von Öffentlichkeit in der Stadt des Spätmittelalters besser veranschaulichen. Denn die Rituale der Ratserneuerung verknüpfen wichtige Räume, Gruppen und Schichten der Stadt miteinander. Sie sind eine bewusste Inszenierung, eine vielschichtige politische Choreografie, die zentrale Fragen des Zusammenlebens klärt: Wie ist Herrschaft begründet, wie wird sie weitergetragen? Wer schafft an? Wer handelt, wer schaut zu? SPRECHERIN Obwohl in der Stadt nur eine kleine Elite regiert, braucht sie die Bestätigung der Stadtgemeinde. Erst die Öffentlichkeit beglaubigt den rechtmäßigen Machtwechsel und damit den Fortbestand der Ratsherrschaft. Blieben die Stadtbewohner dem Umzug fern, sprächen sie ein stummes, aber deutliches Misstrauensvotum aus. Ohne den Rückhalt der Öffentlichkeit hätte der Magistrat ein handfestes Legitimationsproblem. Atmo: Handglocke , Marktgeräusche SPRECHER Die Marktglocke! Sobald sie morgens erklingt, darf so lange gekauft und verkauft werden, bis sie am Abend das Ende der Marktzeit verkündet. Zsp 4 Veronesi Der Markt ist der öffentliche Raum per se, der Markt ist ja schließlich auch Urgrund, Entstehungsgrund der Stadt als solcher. Dort, wo eine Stadt entstand, befand sich eben meistens schon ein Markt. SPRECHERIN Der Markt ist die Lebensgrundlage der Stadt, ihr wirtschaftlicher Kern, ein Umschlagplatz für Güter und Informationen. Hier stellen Handwerker ihre Waren aus, Bauern verkaufen Getreide, Vieh, Gemüse und Milch, Fernhändler bieten Luxusgüter wie Spezereien, Pelze oder kostbare Tuche feil, Tagelöhner ihre Dienste an, Klatsch, Tratsch und Neuigkeiten machen die Runde. Zsp 5 Veronesi Natürlich war der Markt ein öffentlicher Raum, aber ein streng, ein hoch regulierter öffentlicher Raum. Reguliert wurde zunächst einmal, wer überhaupt Zugang hatte zum Markt. Das waren zunächst einmal die Bürger, nicht gesagt war, dass Ortsfremde, so genannte Gäste, überhaupt Zutritt hatten und ihre Waren dort verkaufen durften. Wir hatten die Lebensmittelpolizei in modernen Begriffen, die vor allem den Wein kontrolliert hat, aber auch andere Sachen. SPRECHER Die umfassende Kontrolle ist eine Notwendigkeit. (Musikbeginn) Indem die Stadt gewährleistet, dass Nahrung nicht nur erhältlich, sondern erschwinglich und einwandfrei ist, dass Maße, Gewichte, Qualität und Preise stimmen, beugt sie Unruhen vor. Musik 04 (Saltarello 01 – 0´38) SPRECHERIN Die Stadt kontrolliert freilich nicht nur den Markt. Sie greift auf alle Lebensbereiche durch, entfaltet einen Kontrollfuror, der sich nahezu überall und in alles einmischt. Zsp 6 Schönewald Reglementieren ist ein Synonym für Stadt: Alles, was das enge Zusammenleben fördert, wird reglementiert. Das betrifft die Kleiderordnungen, das betrifft Vorgaben fürs Tanzhaus, Vorgaben für das nächtliche Schwärmen, Vorgaben, dass man bei Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen nicht zu viel Gäste einlädt, da gibt es dann die Festlegung, wie viel -, immer unter dem Aspekt, sich nicht zu verschulden. SPRECHERIN Die Bürger sollen nicht protzen, der Schmuck darf nicht zu kostbar sein, die Kleidung nicht zu aufwendig, die Feste nicht zu üppig. Die Abwehr ruinöser Verschwendung ist jedoch nur ein Auslöser der Vorschriftenflut. Im Kern geht es ums große Ganze, um soziale Differenzierung und Disziplinierung. SPRECHER Handwerker, die sich wie reiche Kaufleute und Bürger, die sich wie Adlige kleiden? Ein absolutes No Go! SPRECHERIN Kleidung ist immer ein sozialer Indikator, ein sichtbares Zeichen, das auf Anhieb zeigt, welcher Schicht der Träger angehört und wo oben und unten ist. Gott hat die Menschen in ihren Stand gesetzt - und dabei soll es auch bleiben! Jeder auf seinem Platz, zum Besten der Allgemeinheit. SPRECHER Der Bannstrahl des rigiden Kleiderregiments trifft auffällige Haartrachten, Kopftücher und Hutverzierungen genauso wie eng geschnürte Mieder, tiefe Ausschnitte, nackte Schultern, aber auch Schnabelschuhe, allzu kurze, kniefreie Männerröcke oder üppiges Schminken. Sogar der Rosenkranz ist betroffen: Er darf nicht zu teuer sein und „uber den ars sol man ihn niht tragen, man sol in vorn an der seiten tragn als man von alter her getan hat". SPRECHERIN Was heute Schmunzeln oder Kopfschütteln auslöst, hat in der mittelalterlichen Stadt eine ernste, Ordnung stiftende und stabilisierende Bedeutung. Das wird umso wichtiger, je mehr der wirtschaftliche und politische Aufstieg neuer Gruppierungen die Standesgrenzen verwischt. Zur Sorge um den Bestand der weltlichen Ordnung kommt die Furcht vor dem Strafgericht Gottes. Denn hinter Kleiderprunk und Putzsucht lauern Stolz, Hochmut, Eitelkeit. Hochmut aber ist die Ursünde der Menschheit, die Wurzel alles Bösen, eine Kränkung des Schöpfers, der die Lästerung durch Erdbeben, Krankheiten, Missernten, Krieg und Plagen vergilt. Das muss eine verantwortungsvolle Obrigkeit verhindern, zum Wohle aller. SPRECHER Herrje, wie mittelalterlich! Doch ganz so weit ist es mit unserer modernen Aufgeklärtheit nun auch nicht her. Dass wir Gesinnungen und Menschen nach der Kleidung taxieren, hat sich seit 1000 Jahren nicht wirklich geändert. Und noch heute können Textilien ausgesprochen starke Reaktionen entfachen. SPRECHERIN Als Mitte der 1960er Jahre der Minirock aufkommt, läuft das Establishment Sturm. Der Mini provoziert. Ist er respektlos? Oder ein Statement eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins? Der kniefreie Affront ruft die Hüter von Moral und Tradition auf die Barrikaden. Das Abendland, die Menschheit, die Ordnung, die Moral scheinen in Gefahr. SPRECHER Vieles vermeintlich Mittelalterliche hat überdauert, anderes hat sich grundlegend geändert: Während wir den Justizvollzug hinter Mauern verbannen, rückt ihn das Mittelalter in die Mitte der Gesellschaft. Atmo: Totenglocke SPRECHERIN Die Armesünderglocke. Ein zum Tode Verurteilter tritt den letzten Gang an. Sein Schicksal vollendet sich am hellen Tag, sichtbar für alle, ein abschreckendes Exempel, das Öffentlichkeit sucht und braucht. Zsp 8 Schönewald Justiz, vor allem der Strafvollzug war öffentlich, weil es zum einen ein politisches Statement abgegeben hat, ein Delinquent, der gegen die Stadtordnung, gegen die Landesordnung verstoßen hat, wurde öffentlich gerichtet. Und es war zweitens auch ein Statement für eine Frühform der Erziehung: Wenn ich Böses tue, dann werde ich öffentlich hingerichtet. Und das war neben dem Vollzug der Todesstrafe natürlich auch ein soziales Element in Form der Demütigung, die es auch im zivilen Recht gab, sprich an den Pranger stellen. Musik 05 (Glorificemus filium – 0´20) SPRECHER In der Rückschau erscheint die Stadt des Spätmittelalters als wohlgeordneter Kosmos mit festen Regeln, klaren Hierarchien und statischer Ruhe. Aber der Schein trügt. Gerade hier gerät das politische und soziale Gefüge zuerst ins Wanken. Mit steigendem Wohlstand drängen neue Schichten nach oben und fordern Einfluss auf Finanzkontrolle und Gesetzgebung. SPRECHERIN Nach mehr Macht streben vor allem die Handwerker, die sich in größeren Orten in Zünften zusammenschließen. In den Versammlungshäusern, den Trinkstuben und Handwerkerquartieren rumort es. Selbstbewusste Zunftvertreter stellen Ratsbeschlüsse und die Allmacht der Obrigkeit auf die Probe. Im 14. Jahrhundert verlangen manche der mächtig gewordenen Lobbyverbände Sitz und Stimme im Rat. ( Musikbeginn) Dabei kommen sie nicht nur mit dem Stadtregiment, sondern oft auch mit dem Landesherrn in Konflikt. Musik 06 (Fight and chase – 0´33 min) SPRECHERIN 1335 brechen Unruhen in Straubing aus, 1348/49 tobt der Nürnberger Handwerkeraufstand, 1397 reißen die Zünfte in München die Herrschaft an sich. Auch in Landshut kommt es Anfang des 15. Jahrhunderts zur Machtprobe. (Musikende) Während ein erbitterter Bruderzwist die Wittelsbacher lähmt, schafft sich die wohlhabende Handels- und Gewerbestadt neue Freiräume. Die Zünfte sichern sich Mitspracherechte, reiche Ratsherren wollen die Abgaben an die Herzöge schmälern. SPRECHER Die Lage spitzt sich zu, als Herzog Heinrich 1404 die Macht in Niederbayern übernimmt. Der neue Herrscher ist habgierig, gewalttätig und jederzeit bereit, das Recht zu beugen. (Musikbeginn) Das Autonomiestreben der Städte ist ihm ein Dorn im Auge. Er lässt sich Ratsbeschlüsse zur Genehmigung vorlegen, ernennt Ratsmitglieder selbst und verbietet Handwerkszünfte. Musik 07 ( Akkordmarsch 4 – 0´23 min) SPRECHERIN Der Streit schwelt vier Jahre. Dann lädt Heinrich am 24. August 1408 die Stadträte auf die Feste Trausnitz. Er lässt ein Mahl servieren - und die Gäste verhaften. Prozesse folgen. Einige Landshuter müssen den Rat verlassen, andere werden verbannt, ihr Vermögen saniert Heinrichs Staatskasse. SPRECHER Nach zwei Jahren trügerischer Ruhe kocht das Zerwürfnis erneut hoch. Handwerker und Gewerbetreibende rotten sich zusammen. Einer der Widerständler, Dietrich Röckl, stellt sein Haus als Treffpunkt zur Verfügung. Ob es sich tatsächlich um gewaltbereite Rebellen handelt oder ob nur ein paar Wutbürger randalieren, wissen wir nicht. Der Herzog jedenfalls fackelt nicht lange und lässt das vermeintliche Verschwörernest am Karfreitag 1410 ausheben. Noch in der Nacht werden mehrere Personen ermordet, Todesurteile folgen. Landshut muss sich Herzog Heinrich unterwerfen, die Selbstverwaltung ist passé. Nicht nur in Landshut, auch in München, Ingolstadt und außerhalb Bayerns flackern Unruhen auf. Hier wie dort begehren Teile der Bevölkerung gegen ihre Ausbeutung und Stummschaltung auf. Vor allem aber wird Öffentlichkeit nun nicht mehr ausschließlich von oben hergestellt, sie formiert sich jetzt auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft. Musik 08 ( Under der Linden – 0´40 min) SPRECHERIN Die Stadt ist weit mehr als nur ein Ort wirtschaftlicher und sozialer Erneuerungen. Sie ist ein vibrierender Umschlagplatz für neue Ideen mit hoher Sprengkraft. Wo die Gassen eng, die Wege kurz sind, wo man sich auf Plätzen und in Kneipen zwanglos austauscht und innovative Medien wie Buchdruck oder Flugblatt entstehen, wächst die geistige Unruhe. In diesen Druckkesseln zweifeln am Beginn der Neuzeit erst wenige, dann rasch immer mehr reformwillige Köpfe die religiöse und politische Ordnung an. Es sind Städte wie Basel, Mainz, Straßburg und Wittenberg, in denen die reformatorische Kritik an den Verhältnissen in Kirche und Staat zuerst aufflammt und Fuß fasst. Es sind die Städte, die Gärbottiche und Experimentierstuben der kulturellen Erneuerung, die das Mittelalter hinter sich lassen und die Zeitenwende der Reformation einläuten.
"Wohnung in idyllischer Lage zu vermieten, im Herzen Augsburgs, etwa 60 Quadratmeter groß mit Garten. Die Mietkosten: 88 Cent im Jahr und täglich ein Vater Unser, ein Ave Marie und das Credo für Jakob Fugger und seine Nachkommen". So könnte heute eine Wohnungs-Anzeige aussehen für die älteste Sozialsiedlung der Welt - die Fuggerei. Jakob Fugger genannt "Der Reiche" gründete sie 1521. Damals mussten die Mieter einen rheinischen Gulden pro Jahr bezahlen, heute wären das 88 Cent - und das ist die Summe, die tatsächlich auch heute noch als Jahreskaltmiete verlangt wird. Von Dorit Kreissl (BR 2014) Credits Autorin & Regie: Doris Kreissl Es sprachen: Herbert Schaefer, Johannes Hitzelberger, Beate Himmelstoß, Franziska Ball Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Sabine Darius, Brigitte Hahn Ein besonderer Linktipp der Redaktion: hr (2024): KRIEG IM SCHATTEN. Warum starb Nikola Milicevic? In der Nacht auf den 13. Januar 1980 kehrt der kroatischstämmige Emigrant Nikola Milićević nach einem Kneipenabend zu seiner Wohnung im Frankfurter Ostend zurück. Als er gegen 3 Uhr seinen Wagen auf dem Parkplatz vor seinem Wohnblock abstellt und aussteigt, treffen ihn sechs Kugeln. Erst am nächsten Morgen finden Nachbarn seine Leiche. Der 42-Jährige hinterlässt Frau und fünf Kinder. Es ist eine Abrechnung, so viel steht fest. Doch Nikola Milićević - mit dem Spitznamen Beban ist kein Kleinkrimineller. Auch persönliche Motive liegen nicht vor. Die verwendete Munition und die Art des Mordes lassen bei den Ermittlern stattdessen ganz andere Alarmglocken klingeln: Alles deutet auf den Jugoslawischen Geheimdienst hin. ZUM PODCAST Linktipps: Planet Wissen (2024): Die Fuggerei – Sozialbausiedlung seit 500 Jahren Guten Wohnraum für sozial Schwache schaffen, das wollte vor 500 Jahren Jakob Fugger, damals einer der einflussreichsten Unternehmer Europas. Er stiftete die Fuggerei in Augsburg. In der ältesten Sozialbausiedlung der Welt leben noch heute 150 Menschen. ZUM BEITRAG 3sat (2024): Die Fugger im Silberreich Die Fugger gelten als eine der wichtigsten deutschen Handelsdynastien des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Vor allem der Abbau von Silber in Schwaz trug zu ihrem Aufschwung bei. Doch es gibt auch Schattenseiten: Der Silberabbau in Tirol verlangt seine Opfer, das Leben der Bergleute ist hart und es gibt immer wieder Unfälle unter Tage. JETZT ANSEHEN BR (2023): Das Bayerische Jahrtausend – 16. Jahrhundert: Augsburg Augsburg zu Beginn des 16. Jahrhunderts: Eine Stadt der Gegensätze. In ihr leben Großkaufleute, die sich alles leisten können. Deshalb kommen die Wagen bepackt mit unvorstellbar kostbaren Gütern von überall her. Augsburg ist aber auch eine Stadt mit unsäglicher Armut. In ihren Mauern leben Menschen, die ihre Arbeit nicht ernährt, weil alles immer teurer wird. Zum Film geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 04:12 – Der Reiche TC 08:51 – Moderne Fuggerei TC 11:05 – Die Würdigkeit der Armen TC 13:59 – Wer hier wohnte TC 17:45 – Fünf Minuten Glocken Bimmeln TC 21:48 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK ZITATOR: Barfuß… „Nicht ganz im Klaren darüber, was arm sei, fragte ich zu Hause am Abend meine Tante. Meine Großmutter, die das auch hörte, rief gleich: »Wir sind arm. Der Graf ist reich.« – »Sind wir wirklich arm?«, fragte ich meine Tante nochmal. Ich dachte an unsere saubere Dreizimmerwohnung, an den Flur, der mit einem Läufer ausgelegt war, an das gute Wohnzimmer, das wir an gewöhnlichen Wochentagen zu betreten nicht nötig hatten. »Wenn wir auch nicht reich sind, zu den ganz Armen gehören wir nicht«, sagte meine Tante. Das überzeugte mich“. ERZÄHLER: Reiner Schmidt wuchs in den 1930er-Jahren in der Fuggerei auf. Seine Kindheits-Erinnerungen hat er in dem Erzählband „Barfuß durch die Finstere Gass“ aufgeschrieben. MUSIK ENDE ERZÄHLER: Betritt man heute die älteste Sozialsiedlung der Welt, ist nichts von Armut zu sehen, im Gegenteil: Sie liegt mitten im Zentrum Augsburgs - eine kleine Stadt in der Stadt mit acht Gassen, drei Toren, zwei Museen, einer Kirche und einem Brunnen - eine stille, idyllisch anmutende Welt, abends immer noch erhellt von Gaslaternen. Schnurgerade reihen sich die 67 ockerfarbenen, einstöckigen Häuschen mit grünen Fensterläden und russischen Giebeln links und rechts der Gassen aneinander. Sie beherbergen 150 Mieter. Auf meinem Rundgang durch die Siedlung begleitet mich Sabine Darius, langjährige Mitarbeiterin der Fuggerschen Stiftungs-Administration: ATMO Sägen O-Ton 1 Rundgang 1. Herrengasse – Das ist hier die Herrengasse. Wir sehen hier, wenn wir durchgehen, dass es in der Regel Türenpaare sind, Da geht immer eine Türe in die untere Wohnung und eine Türe in die obere Wohnung. […] Es hatte damals schon wie heute jeder seinen eigenen Eingang. Man teilt sich also keinen Hausgang mit seinem Mitbewohner. Das muss man sich mal vorstellen: bedürftige Leute, schon in der damaligen Zeit, jeder hat seinen eigenen Eingang, kommt deswegen schon mal nicht zum Streit. ERZÄHLER: Es war eine außergewöhnliche Siedlung, die Jakob Fugger 1521 gegründet hat. Die damals 52 Häuschen mit 106 Wohneinheiten gingen weit über den üblichen Standard der Armenhäuser hinaus, nicht nur was die separaten Eingänge betraf. Sabine Darius: O-Ton 2 Darius Wenn Sie sich denken, die Wohnungen sind rund 60 Quadratmeter groß. Eine Familie hat also Wohnraum gehabt von drei Zimmern und einer Küche. Er hätte ja den Wohnraum nicht so groß machen müssen. So groß hat ja draußen kaum jemand gewohnt. Er hätte auch ein Zimmer pro Familie zur Verfügung stellen können, dann wäre den Leuten auch geholfen gewesen. Aber er hat Wohnungen in einer Größe bauen lassen, wie wir sie ja heute noch sehen… Das ist modern, wie vor 500 Jahren. ERZÄHLER: In die Siedlung wurde nicht jeder aufgenommen. Würdige Arme wünschte sich der Stifter. Arbeitsame, in Not geratene Bürger sollten vorübergehend ein Heim finden, bis sie wieder auf eigenen Füssen stehen konnten: Fugger wollte keine Almosenempfänger, er bot Hilfe zur Selbsthilfe an, indem er bezahlbaren und angemessenen Wohnraum schuf, für: ZITATOR Fugger: „frome arme Taglöner und Handtwercker und Bürger und Inwoner dieser Stadt Augsburg, welche nicht betteln wollen“ O-Ton 3 Darius Viele sind dann hier in der Fuggerei auch ihren Handwerken nachgegangen. Es waren Weber in der Fuggerei, es waren Tagelöhner da, es waren Sackträger – Hucker wie man sie genannt hat – oder Doggenmacher, also Puppenmacher oder Vogelhäuslebauer. Solche Berufe haben die Bewohner gehabt, in der damaligen Zeit TC 04:12 – Der Reiche MUSIK ERZÄHLER: Um das Jahr 1500 lebten etwa 25.000 Menschen in Augsburg. Die freie Reichsstadt war der “wichtigste Finanzplatz der Christenheit und das bedeutendste Handelszentrum Mitteleuropas“, schreibt Bernd Roeck in seiner „Geschichte Augsburgs“. Allerdings… ZITATOR Roeck "…war es allein eine Handvoll Superreicher, höchstens 200, 300 Leute, von denen das Bild des „Goldenden Augsburgs“ geprägt wurde. Sie waren es, die das finanzielle Fundament legten. Schon Papst Pius II. war die Augusta als reichste Stadt der Welt erschienen.“ ERZÄHLER: Auf der anderen Seite gab es große Armut, und immer mehr karitative Stiftungen entstanden. Ihre Träger waren Kirche, Stadt und wohlhabende private Stifter. Zu den Reichsten der Reichen zählten die Gossembrot, die Rehlingers, die Welser und natürlich auch die Fugger. In dieser Familie stach einer heraus: Jakob Fugger, später auch der Reiche genannt: MUSIK ERZÄHLERIN: Jakob Fugger machte Geschäfte mit Gott und der Welt, er schuf einen Weltkonzern. Die Fugger verdienten unter anderem am Textilhandel, Bergbau, Metallhandel mit Kupfer, Gold und Silber und natürlich an Bankgeschäften mit Filialen in ganz Europa. Der Bankier finanzierte Kriege und Könige. Mittels Bestechung hob Jakob Fugger 1519 sogar einen Kaiser auf den Thron: Karl V. Dieser revanchierte sich, indem er die Rechte am Tiroler Erzhandel verlängerte und die Firma vor einer Anklage wegen Monopol-Vergehens rettete. Auch mit der Kirche machten die Familie Geschäfte, betrieb zeitweise sogar Inkassobüros zum Eintreiben von Ablassgeldern. Selbst Jakob Fugger soll ein Ablass-Zertifikat besessen haben. Der nüchterne Geschäftsmann war auch ein wohltätiger, sozial denkender Mensch und ein sehr gläubiger Katholik, für den Fegefeuer und Hölle nichts Irreales waren. Und so glaubte Jakob der Reiche, dass er sich mit dem Bau der Fuggerei sein Plätzchen im Himmel sichern könnte: O-Ton 4: Darius Das war die Denkweise des damaligen ausgehenden Mittelalters, dass man, wenn man sehr erfolgreich ist und gute Geschäfte macht, einfach auch die Armen nicht vergessen darf. Das ist das Eine. Das Andere war es auch wichtig, dass jemand nicht in Vergessenheit gerät und dass für ihn und seine Familie gebetet wird. ERZÄHLER: Jakob Fugger der Reiche sorgte dafür, dass er nicht in Vergessenheit geriet. Er dachte sich einen besonderen Mietzins aus, der bis heute gültig ist: ZITATORIN: alle Gebete ineinander verweben "Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen" ZITATOR: Ave Maria Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade. Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. ZITATORIN: Glaubensbekenntnis Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus,gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. ERZÄHLER: Seit 1521 muss jeder Fuggereibewohner täglich drei Gebete sprechen für den Stifter und seine Nachkommen: Das Vater Unser, das Ave Maria und das Glaubens-bekenntnis sind Teil der Miete bis heute. Ein Porträt des von Albrecht Dürer gemalten Jakob Fugger, erinnert in jeder Wohnung daran. Das sind unendlich viele Gebete über die Jahrhunderte. Der reale Mietzins dagegen ist denkbar gering: 1521 betrug die Jahreskaltmiete einen rheinischen Gulden - das war damals der Wochenlohn eines Handwerkers. Heute zahlen die Mieter im Jahr 88 Cent; Hinzu kommen monatliche Nebenkosten von etwa 85 Euro. Diese Einnahmen decken den jährlichen Unterhalt der Siedlung von etwa einer halben Million Euro nicht annähernd. Sabine Darius über die Finanzierung: O-Ton 5 Darius: schneiden Die Fuggerschen Stiftungen – es ist ja eine gemeinnützige Stiftung seit 1521 – finanziert sich durch Waldwirtschaft. Die Stiftungen sind ausgestattet mit 3.200 Hektar Wald, wo eben Holz verkauft wird. Das macht ungefähr etwa 70 Prozent der Einnahmen aus. Ca. 20 Prozent der Einnahmen kommen seit 2006 aus den Eintrittsgeldern der Fuggerei und ca. 10 Prozent aus Immobilienbesitz außerhalb der Fuggerei. MUSIK ZITATOR Finstere Gass. S. 33 Zu gewöhnlichen Zeiten, wenn es keine Baustelle gab, spielten wir natürlich in den Gassen, was streng genommen verboten war, weil es dabei immer laut zuging, in der Fuggerei aber Ruhe herrschen musste. Am liebsten spielten wir Verstecken. TC 08:51 – Moderne Fuggerei O-Ton 6 RUNDGANG 2 Darius Der Fuggereibrunnen ist das Herz der Fuggerei. Hier ist die Mittlere Gasse, die Ochsengasse, die Herrengasse, die laufen hier in der Mitte zusammen. Die Bezeichnungen der Gassen sind nach wie vor mittelalterlich. Hier vorne können wir sehen, das ist die Saugasse zum Beispiel, weil vor den dortigen Toren war der Saumarkt - die Herrengase, die Breite Gasse, wo wir im Hintergrund das Senioratsgebäude sehen und auch die Kirche. Wir gehen jetzt in die Ochsengasse rein und besuchen eine Bewohnerin … (Schritte) ERZÄHLER: Brigitte Hahn wohnt hier in der Ochsengasse. Ihre Zwei-Zimmer-Wohnung mit großer Küche und großem Bad ist ein kleines Schmuckstück. Die Rentnerin lebt seit 2007 in der Fuggerei. O-Ton 7 Hahn Ja, ich hab zwar 45 Jahre voll gearbeitet und auch einbezahlt, aber es langt halt nicht für draußen, für die hohen Mieten und zum Lebensunterhalt. Dann hab ich mich in der Fuggerei beworben, musste allerdings fünfeinhalb Jahre warten und dann hat es geklappt. (lacht) Wir waren sieben Kinder, am Anfang nur in der Fabrik. Dann hab ich aber selber durch die Hochschule Sekretärin gemacht und einen halben Bankkaufmann – war sieben Jahre in der Deutschen Bank und hab eigentlich immer ganz gute Jobs gehabt, aber es langt trotzdem net. ERZÄHLER: Die Reaktionen auf ihre neue Bleibe fielen sehr unterschiedlich aus: O-Ton 8 Hahn Also in meinem Verwandtenkreis und Bekanntenkreis, die haben es nicht richtig verstanden, weil ich ja die ganze Zeit auch gearbeitet hab, dass das so weit kommt. Andere, selbst in der Familie, schauen a bissle auf mich runter. Die sagen, also in der Fuggerei kann man nicht leben, die verstehen nichts vom Leben. Und andere sagen: „Das ist aber toll, da musst Du froh sein“ – das ist also ganz unterschiedlich… ERZÄHLER: Die Fuggerei-Wohnungen sind begehrt. Die Warteliste ist lang. Wer sich bewirbt, muss Augsburger Bürger, bedürftig, und katholisch sein. Diese Kriterien galten schon vor 500 Jahren. TC 11:05 – Die Würdigkeit der Armen MUSIK ERZÄHLER: Im 19. Jahrhundert wurde die unverschuldete Not und die Würdigkeit der Armen ganz streng geprüft: der sogenannte Armenabhörbogen umfasste 31 Positionen. Fiel die erste Beurteilung durch einen Augsburger Armenpfleger positiv aus, ging die Akte an den Administrator der Fuggerschen Stiftung. Der gab seine Beurteilung ab und leitete das Gesuch an den Familienseniorat weiter, dem Aufsichtsrat der Stiftung. Dieses Gremium hatte das letzte Wort und das ist heute noch so. MUSIK kurz hoch Im 19. Jahrhundert waren Krankheit, Tod eines Familienmitglieds sowie das Alter die Hauptursachen für den Abstieg in die Armut. Anke Sczesny dokumentiert in ihrem Band „Der lange Weg in die Fuggerei – Augsburger Armenbriefe des 19. Jahrhunderts“ die Biographien von Bedürftigen. Für viele war der Gang zum Armenpflegschaftsrat bitter, denn er machte die Armut öffentlich. Unter ihnen waren Handwerksmeister, Polizisten, Schreiber, Amtsboten, Kanzlisten, Musiker, Händler und Arbeiter. Viele konnten von einem Beruf nicht leben: ZITATORIN: „Joseph Neubold verdingte sich gleichzeitig als Taglöhner und als Fabrikarbeiter und der Schneidermeister Matthias Reichhardt, der „seit Jahren auf seiner Profession keinen Erwerb hat, nähret sich mit Einsammeln für Leichenkassen und Austragen für Redactionen von Zeitungsblättern“. Auch der 39-jährige Joseph Herzog, ehemaliger Bataillonstambour, bat dringend um eine Wohnung, da er seine sechsköpfige Familie als Webermeister und Laternenanzünder nicht mehr versorgen könne, obwohl seine beiden älteren Töchter zum Lebensunterhalt durch ihre Fabrikarbeit beitrügen“. ERZÄHLER: Mit 70 bis 80 Prozent traf die Armut am stärksten die Frauen. Sie verdienten weniger, denn meist waren sie beruflich unterqualifiziert. In der Fuggerei mussten sich alleinstehende Frauen oder Witwen die Wohnung teilen, da sie nur Anrecht auf eine halbe Wohnung hatten; für Männer galt diese Regel nicht. Manchmal war die Not so groß, dass sogar Kinder weggegeben wurden. Die 38-jährige Zimmermanns-Witwe Franziska Schweighoferin, schreibt im Mai 1839 in ihrem Gesuch: ZITATORIN: „Sie habe ihren schwerkranken Mann ein halbes Jahr gepflegt und während dieses langwierigen Krankenlagers habe aller Verdienst aufgehört, die Ausgaben aber sich immer mehrten, dass sie […]nicht mehr alle gedeckt werden konnten. Ferner habe sie acht Kinder, und obwohl nun diese Tage etwas gemildert werden konnten, daß vier meiner Kinder theils in das Waisenhaus, theils anderswo aufgenommen wurden, so bleibt doch mein Elend noch groß“ TC 13:59 – Wer hier wohnte MUSIK ATMO Schritte - Klingelton Schauwohnung ERZÄHLER: Wir ziehen an der Mittleren Gasse Nummer 13 an einem historischen Klingelzug, wie er noch an vielen Häusern funktioniert. Hier liegt die alte Schauwohnung, die inzwischen allerdings im neu gestalteten Museum überarbeitet wurde. Wie haben hier also die Menschen im frühen 19. Jahrhundert gelebt? Wir treten in den niedrigen Flur. Gleich im Eingangsbereich ist eine große Klappe eingelassen, unter der sich ein etwa ein Meter tiefer Stauraum verbirgt, in dem Vorräte gelagert wurden. Das war der Kühlschrank der damaligen Zeit, erzählt Stiftungsmitarbeiterin Sabine Darius: O-Ton 9 Rundgang 3 Historische Wohnung Wir sind jetzt hier in der Küche in der historischen Wohnung. Da ist eine offene Kochstelle mit einem Abzug oben. Das sind hölzerne Balken drüber zu sehen… und das Gewölbe diente einfach der besseren Wärmeverteilung im Raum. Was auch ganz modern ist: Man konnte von hier aus den Ofen heizen, der nebenan in der Stube steht. Man hat also nichts schmutzig gemacht in der Stube. ATMO Schritte O-Ton 10 Rundgang 4 Jeder, der größer ist als 1 Meter 70 muss den Kopf einziehen. Wir sind hier in der Schlafstube. Wir sehen hier ein Himmelbett sozusagen mit einem Holzhimmel. Das Bett ist relativ schmal und es ist auch relativ kurz. Die Leute haben damals mehr oder weniger im Sitzen geschlafen. Wir sehen auch hier vorne, da ist so eine Bettschere: Also wenn mehrere Personen im Bett gelegen sind, dass keiner vorne rausfällt. In früheren Zeiten konnte man diesen Raum natürlich auch nicht heizen, das war schon sehr, sehr kalt hier. Bevor man ins Bett gegangen ist, hat man hier, wie man unter dem Bett liegen sieht, eine Bettpfanne, da hat man glühende Kohlen reingegeben, und damit das Bett vorgeheizt. MUSIK ERZÄHLER: Früher lebten in der Fuggerei viel mehr Kinder. Im Jahr 1624 wurden 93 Familien mit 173 Kindern gezählt, für die eigens eine Schule gebaut wurde. Heute leben meist Alleinstehende oder Paare hier. Das liegt vor allem daran, dass die Zwei-Zimmer-Wohnungen für Familien etwas klein sind. Sabine Darius über die Bewohnerstruktur. O-Ton 11 Darius Es sind Leute, die schon in Rente sind, die vielleicht in Frührente sind, die vielleicht krank sind. Es gibt auch wenige Leute, die Hartz IV beziehen. Es gibt auch wieder Leute, die einer Arbeit nachgehen. …Da sieht man, wie aktuell die Fuggerei ist. Denn, es gibt heute sehr viele Menschen, die nicht so viel verdienen, dass sie draußen ein würdiges Leben führen können. Auch dafür ist die Fuggerei heute wieder da. ERZÄHLER: Brigitte Hahn genießt ihr Leben in der Fuggerei: O-Ton 12 Hahn Also am besten gefällt mir in der Fuggerei, dass es so eine kleine Stadt in der Stadt ist. Man hat sehr nette Nachbarn und ist eigentlich so toll integriert. Man ist nicht alleine. Wenn man eben mal a bissle a Rätschle machen will oder was, dann geht ma nebe hie und ansonsten ist man wirklich ganz toll aufgehoben. ERZÄHLER: A Rätschle machen kann Brigitte Hahn nicht nur mit den Nachbarn sondern auch mit den Touristen. Die fragen die Bewohner gerne aus, vor allem im Sommer, wenn diese in ihren kleinen Gärtchen sitzen, die zur Wohnung gehören. In Spitzenzeiten laufen 1.500 Besucher am Tag durch die Gassen; da ist es natürlich schon laut. O-Ton 13 Hahn Und Türen darf man auch keine auflassen, dann sind die sofort herin. Sehr neugierig (lacht). Nein, die stören mich nicht, im Gegenteil: das ist recht interessant, wenn‘s so durchgehen und wir werden auch viel gefragt zwischendurch und geben natürlich auch freudig Auskunft. TC 17:45 – Fünf Minuten Glocken Bimmeln ERZÄHLER: In derselben Gasse wie Brigitte Hahn lebte einst im Haus Nr. 52 Dorothea Braun. Die Pflegerin in der Krankenstube der Fuggerei war das erste Opfer des Hexenwahns in Augsburg. Eine tragische Geschichte, denn ausgerechnet ihre elfjährige Tochter bezichtigte sie der Hexerei. Unter schwerer Folter gestand die Mutter. Am 25. September 1625 wurde Dorothea Braun enthauptet und verbrannt. MUSIK ZITATOR Finstere Gass „War ein Fuggereibewohner gestorben, bimmelte fünf Minuten lang die kleine Glocke von St. Markus. Das konnte mitten am Tag, in einem Spiel oder einem aufregenden Streich sein. Wir Kinder wurden dann meist etwas verlegen, besonders wenn Erwachsene in der Nähe waren, die sich augenblicklich bekreuzigten. Eine Stunde später ging der Verwalter dann mit einer Liste von Tür zu Tür und sammelte für einen Kranz. Meine Großmutter war gehalten, zehn Pfennige zu geben, und auch mein Großvater gab diesen Betrag, wenn er selbst einmal zu dieser Zeit zu Hause war“. ERZÄHLER: schildert Reiner Schmidt in seinen Kindheitserinnerungen „Barfuß in der Finsteren Gass“. Das war in den 30er- und 40er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der erste Seelsorger der Fuggerei war Petrus Canisius, geboren im Gründungsjahr 1521. Später wurde er Domprediger in Augsburg und 1925 sogar heiliggesprochen. Die Reihenhaus-Siedlung hat auch heute noch ihren eigenen Priester, der Andachten und Messen in St. Markus hält. Die Kirche wurde 1581/82 erbaut, viele Male umgestaltet und 1950 neu erbaut nachdem sie durch Luftangriffe im zweiten Weltkrieg zerstört worden war. MUSIK O-Ton 15 Rundgang 5 Darius Hier sind wir in einer der Grünanlagen der Fuggerei, können hier ganz schön die alte Fuggerei-Mauer sehen. Hier war die ursprüngliche Begrenzung, hier unter diesen grünen Hügel ist der Bunker, der Weltkriegsbunker. Heute haben wir unten eine Dauerausstellung zur Zerstörung der Stadt Augsburg im Zweiten Weltkrieg und zum Wiederaufbau. ERZÄHLER: In diesem Bunker überlebten 200 Fuggerei-Bewohner die Bombenangriffe in der Nacht vom 24. auf dem 25. Januar 1944: ZITATOR: Finstere Gass Unzählige Pfeiftöne jagten einander, dauerten im Anschwellen unverschämt lange, wurden immer lauter, dröhnten kaum ertragbar … Der erste Einschlag! Es hob uns vom Stuhl, Kalk rieselte, das Licht ging aus. Die nächste Mine, die nächste Kugel. Die Dächer haben sich geschüttelt und ihre Platten auf die Gassen geworfen. ERZÄHLER: Die Siedlung wurde bei den Luftangriffen fast völlig zerstört – zum zweiten Mal in ihrer Geschichte; die erste Zerstörung erfolgte 1642 während des Dreißigjährigen Krieges. Aber die Mitglieder des Familienseniorats beschlossen auch dieses Mal, sie schnell wieder aufzubauen. Bereits in den 50er-Jahren war der Wiederaufbau abgeschlossen, danach wurde die Fuggerei sogar um ein Drittel erweitert. O-Ton 16 Rundgang 5 weiter Diese Häuserzeile, die gegenüber von dem Bunkereingang ist, die ist historisierend aufgebaut worden, das kam hier als Trümmergrundstück dazu. Wir sehen hier auch das Stifterdenkmal von Jakob Fugger und dahinter sehen wir das breite Dach: Das ist heute die Schreinerei und war in früheren Jahren der Pferdestall. MUSIK ERZÄHLER: Was Jakob Fugger 1521 begonnen hat, funktioniert 500 Jahre später immer noch. Seinen Nachfahren ist es gelungen, die Stiftung in seinem Sinn fortzuführen und im Familienbesitz zu erhalten. Viele Generationen erhielten durch die Fuggerei die Chance für einen neuen Anfang, fanden hier ein neues Zuhause, oft bis an ihr Lebensende. Und das ist bis heute so. TC 21:48 - Outro
Im 15. Jahrhundert ist Nürnberg Weltstadt! Fernreisende kommen an Nürnberg kaum vorbei. Die Routen Prag - Paris, Venedig - Hamburg, Krakau - Augsburg führen alle über Nürnberg. Exportschlager von der Pegnitz sind Nadeln, Schüsseln, Kannen, Becher, Leuchter, aber auch Plattenharnische und Kanonenrohre mit gezogenen Läufen. Alles Produkte des gerühmten Nürnberger Einfallsreichtums. Von Michael Zametzer (BR 2020) Credits Autor: Michael Zametzer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ester Guckenberger, Peter Fleischmann Linktipps: BR (2023): 1806 – Die Nürnberg Saga In drei Folgen erzählt "1806 - Die Nürnberg Saga", wie es dazu kam, dass Nürnberg bayerisch wurde: Vom Niedergang und Ende der Freien Reichsstadt bis zum atemberaubenden Wiederaufstieg Nürnbergs zum industriellen Zentrum Bayerns. JETZT ANSEHEN BR (2023): Das Bayerische Jahrtausend – 15. Jahrhundert: Nürnberg Im 15. Jahrhundert erhält Nürnberg die Reichskleinodien, den Kronschatz des Heiligen Römischen Reiches. Zugleich wird die Stadt ein Zentrum des Handwerks, der Wissenschaften und des Humanismus. Das neue Weltbild der Renaissance hält Einzug. Zum Film geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:20 – Der Anfang einer großen Stadt TC 05:02 – Probleme mit dem Burggrafen TC 07:02 – Der Nürnberger Witz TC 10:17 – Grausame jüdische Geschichte TC 13:40 – Heilig, heilig, heilig TC 17:21 – Kunst & Kultur TC 19:02 – Vorbei mit Glanz und Gloria TC 21:40 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO Touristen 1 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin Kommen Sie doch ein Stück näher an die Mauer. Dann zeige ich Ihnen von oben einmal die Abgrenzung der ehemaligen Megacity des Mittelalters… MUSIK Sprecher: Der Blick über die Altstadt ist beeindruckend, hier oben, von der Burg aus gesehen. Eingerahmt von der mächtigen, sechs Kilometer langen Stadtmauer mit den charakteristischen, runden Wehrtürmen… 2 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin …ja, jetzt sehen sie hier vorne bei uns die Sebalduskirche und etwas weiter hinten fast wie ein Zwilling die Lorenzkirche. ATMO Kirchenglocken Sprecher: …die beiden Hauptkirchen, die den Altstadtvierteln ihre Namen gegeben haben, getrennt durch die Pegnitz, die durch die Altstadt fließt. Hinten, fast am Horizont, der Reichswald. Heute Naherholungsgebiet, früher Brenn- und Baustofflieferant. 3 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin Ja also, ich muss sagen, das ist mein liebster Blick über meine Heimatstadt. Ich glaube, man kann es hören. Ich bin aus Nürnberg. Sprecher: In zwei Stunden führt Esther Guckenberger vom Verein „Geschichte für alle“ ihre Besucher durch die schönsten Ecken der Nürnberger Altstadt. Heute mit über 500.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Bayerns. Zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert aber war Nürnberg eine Metropole von europäischem Rang. 4 ZUSP Esther Guckenberger Also, Köln war zu der Zeit die größte Stadt im Heiligen Römischen Reich. Und Nürnberg und Augsburg waren immer die zweitgrößten und drittgrößten Städte. Wir wissen nicht genau, wie viele Einwohner es hatte. Aber wir rechnen so mit ungefähr 40.000. MUSIK Sprecher: Nürnberg im Mittelalter: das ist eine Handelsmacht, ein Zentrum der Metallverarbeitung. Ort der Innovation und Kunstfertigkeit, von Handel, Gewerbe, Wissenschaft und Kunst. MUSIK Sprecher: Nürnberg im Mittelalter: das ist auch große Politik: Hier halten 32 Kaiser ihre Reichstage ab, hier werden im 15. Jahrhundert die Insignien des Reichs aufbewahrt. „Das Schatzkästlein des Reiches“ – so wird die Stadt an der Pegnitz genannt. TC 02:20 – Der Anfang einer großen Stadt Sprecher: Dabei sind die Anfänge dieser Reichsstadt um das Jahr 1000 herum alles andere als verheißungsvoll. Die Standortfaktoren sind dürftig: Kaum fruchtbarer Boden, keine Bodenschätze. Nur ein bisschen Wald und – Felsen. 5 ZUSP Peter Fleischmann Ich denke das ganze Pegnitzbecken, das war völlig versteppte Landschaft. Sprecher: Peter Fleischmann ist Nürnberger und Historiker an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 6 ZUSP Peter Fleischmann Sie haben kaum Spuren von Zivilisation oder Siedlung gesehen, und wenn man sich diesen abgeaperten Burgfelsen genähert hat, hat man vielleicht aus der Ferne oben ein paar Holzbauten erkannt und auf der Südseite, am Südhang von diesem Burgfelsen einige Häuser, strohgedeckte Hütten, vielleicht ein Palisadenzaun drumrum, in der Mitte spitzt ein kleiner Kirchturm empor. Das dürfte Nürnberg im elften Jahrhundert gewesen sein. q Sprecher: Ins Licht der Geschichte tritt Nürnberg als „Nourenberc“ im Jahr 1050: Der Anlass – ein Freudiger. Der Salierkaiser Heinrich III. bestätigt auf einem Nürnberger Hoftag die Freilassung einer Leibeigenen mit Namen Sigena. Diese „Sigena-Urkunde“ ist der erste Nachweis für die Existenz Nürnbergs. Bescheidene Anfänge. Aber immerhin kamen schon Könige vorbei, hielten Gericht. Zur aufstrebenden Stadt wird Nürnberg aber erst unter der Herrschaft der Staufer. 7 ZUSP Peter Fleischmann Man muss sich zunächst die Frage stellen: Wovon lebt der König? Das Land des Reiches ist aufgeteilt als Lehenherrschaften. Das sind die großen Fürstentümer. Wo wird aber in der Tat etwas erwirtschaftet? Nur in den Städten, dort, wo Handwerk, wo etwas produziert wird, nicht bloß Ackerbau gemacht wird. Und dort haben die Staufer früh gesehen, dass sich das Kapital sammelt, das hier Waren geschaffen werden, die verkauft werden können. Und hier bekommt der König eine Reichssteuer, die er von den anderen Lehensherren nicht bekommt. MUSIK Sprecher: Um Nürnberg auch gegen Begehrlichkeiten des nahen Bistums Bamberg zu schützen, stellt Friedrich II. die Nürnberger 1219 mit dem „großen Freiheitsbrief“ unter königlichen Schutz. Kaufleute von der Pegnitz bekommen weitreichende Zollprivilegien, dürfen nicht von fremden Gerichten verurteilt werden. Diese Freiheiten sind erste Schritte auf dem Weg Nürnbergs zur freien Reichsstadt – und damit zur eigenen Verwaltung durch einen Stadtrat. Dreh- und Angelpunkt der Macht an der Pegnitz ist aber immer noch die Burg, die sich im Norden auf dem markanten Sandsteinfelsen erhebt. Genau genommen sind es sogar zwei Burgen. TC 05:02 – Probleme mit dem Burggrafen ATMO Burg Sprecher: Esther Guckenberger lenkt die Aufmerksamkeit auf eine seltsam leere Stelle zwischen der Kaiserburg im Osten und dem großen Getreidespeicher im Westen des Burgbergs. 9 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin Dort stand eine Burggrafenburg und sie sagen jetzt: wieso ein Burggraf? Nürnberg hat sich doch als Reichsstadt bezeichnet? Ja, und es war genau das Problem. Sprecher: Die Burggrafen sind die höchsten Vertreter des Königs in Nürnberg. Sie entstammen dem Hochadel und werden vom König belehnt. 1190 übernimmt ein bis dato eher unbedeutendes, schwäbisches Adelsgeschlecht das Burggrafenamt. Ein Geschlecht, das in der deutschen Geschichte aber noch eine entscheidende Rolle spielen sollte. 10 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin Es gab einen Burggrafen aus der Familie der Zollern oder Hohenzollern, wie sie sich später genannt haben. Und der war den Nürnberger natürlich ein Dorn im Auge, dieser Burggraf, der hier, mitten auf der Burg, auch ein Gebäude hatte, und was mitbestimmen wollte in dieser Stadt. Sprecher: Der Konflikt zwischen Burggrafen und der immer selbstbewusster auftretenden Nürnberger Stadt zieht sich über Jahrhunderte und führt immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die schließlich 1420 im Burggrafenkrieg münden – und der Zerstörung der Burggrafenburg. In der Folge ziehen sich die Hohenzollern aus Nürnberg zurück, um in der Fläche, in Ansbach und Bayreuth eine gewaltige Landesherrschaft aufzubauen. Nun sind die Nürnberger Herren über den Burgberg. MUSIK Sprecher: Nach dem Prinzip „Reichstreu, aber frei“ bekennt sich Nürnberg stets zum Kaiser und zahlt auch enorme Summen an Reichssteuern. Im Gegenzug winkt eine Fülle an Privilegien. Und - den Nürnbergern gelingt es 1427, das Amt des Reichsschultheißen, der als Statthalter des Kaisers die Stadt verwaltet hat, zu kaufen. Fortan ist dieser Reichsschultheiß städtischer Beamter. Und Nürnberg wird von einem Rat aus einer Reihe privilegierter Patrizierfamilien regiert. TC 07:02 – Der Nürnberger Witz 11 ZUSP Peter Fleischmann Man darf das überhaupt nicht demokratisch sehen, sondern das waren die alten Geschlechter. Das wichtigste Gremium werden die sieben älteren Herren, die sieben grauen Eminenzen. Und das war die eigentliche Stadtregierung. Sprecher: Dass diese sogenannte „Republik“ Nürnberg alles andere als demokratisch ist, zeigt auch die Tatsache, dass die eigentlichen Stützen von Wohlstand und Handelsmacht gar nicht vertreten sind: Die Handwerker. 12 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin Also wir haben die Rotschmiedgasse und die Kupferschmiedgasse und die Beckschlagergasse und so weiter, also die ganzen Gassen hier heißen auch immer noch so wie die Handwerker, die hier angesiedelt waren, und eine besonders schöne Straße, die wir hier haben, ist die Weißgerbergasse. Sprecher: Lederwaren und hochwertig verarbeitete Textilien sind im Hoch- und Spätmittelalter einer der wichtigsten Exportartikel der Reichsstadt Nürnberg. Aber längst nicht der einzige. Die besondere Spezialität der Nürnberger Handerker sind Metallwaren. MUSIK Sprecher: Aus dem Erz der Opferpfalz und dem Brennstoff der nahen Reichswälder entstehen Töpfe, Pfannen, Schüsseln, aber auch kunstvoll geschmiedete Plattenharnische und neuartige Kanonen mit gezogenem Lauf, mathematische Präzisionsinstrumente und Uhren. Der sprichwörtliche „Nürnberger Witz“ lobt nicht etwa den Humor, sondern die Gewitztheit der Nürnberger, sagt der Historiker Peter Fleischmann. 13 ZUSP Peter Fleischmann Das ist Innovationsfreude, das ist Ideenreichtum, Erfindergeist, und das macht eigentlich, das ist die Wurzel, der spin-off, das macht Nürnberg groß, weil man dann hier ein fantastisches Wissen und Erfahrung entfaltet hat, gerade mit der Metallbearbeitung in allen Varianten. Sie haben im Deutschen Reich keinen Ort, der ein so vielfältiges Handwerk kennt. Sprecher: Eine Spezialität der Nürnberger ist die Herstellung von gezogenem Draht - die Grundlage für allerlei kleine Metallprodukte wie Ösen, Nägel, Haken. Massenfertigung made in Nürnberg, nur echt mit dem Nürnberger Wappen - ein Exportschlager! „Nürnberger Tand geht durch alle Land“. 14 ZUSP Peter Fleischmann Das sind Gegenstände des Alltags, die Masse, und das war das Besondere. Hohe Arbeitsteilung, hoher Output und, ganz wichtig, mit einem Qualitätssiegel: Das ist durch die "Schau" – Qualitätskontrolle - gegangen. Da kann ich mich darauf vertrauen, dass das keine Billigware ist. Sprecher: Und für den gewinnbringenden Export des „Nürnberger Tands“ sorgen die günstige Lage an einer reihe wichtiger Fernstraßen, weitreichende Privilegien als Reichsstadt und geschäftstüchtige Handelsfamilien. 15 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin Ich zeig hier mal eine Grafik. Da, wo mein Finger ist, ist Nürnberg. Wir sagen oft: Nürnberg sitzt hier wie eine Spinne im Netz. Nach Venedig kamen die Schiffe aus dem Orient, und dann wurden die Gewürze über den Landweg nach Nürnberg transportiert. Ja, und da wurde zum Beispiel eben mit den Städten hier an der Küste Tuch gehandelt, den jetzigen Niederlanden. Dann kam aus Frankreich und Spanien kam Wein, aus Russland kamen Pelze, aus Ungarn kamen die Ochsen - die sind selber gelaufen. TC 10:17 – Grausame jüdische Geschichte ATMO Hauptmarkt Sprecher: Esther Guckenberger ist mit ihrer Führung mittlerweile auf dem Hauptmarkt angekommen. Die „gute Stube“ Nürnbergs. Er ist der zentrale Platz der Altstadt, am nördlichen Pegnitzufer gelegen. Hier lockt der Christkindlesmarkt jährlich Hunderttausende Besucher zu Glühwein und Lebkuchen – auch so ein Nürnberger Exportschlager übrigens. Und hier steht auch der „Schöne Brunnen“, in Form einer gotischen Kirchturmspitze - ein dreistöckiges Universallexikon des Mittelalters. 16 ZUSP Peter Fleischmann Und ich zieh ganz gern den Vergleich: Der schönen Brunnen mit seinem ganz reichhaltigen, Figurenschmuck, den wir heute nicht mehr verstehen, den aber die Zeitgenossen alle lesen konnten, das ist Bibel, Brockhaus und Grundgesetz in einem. MUSIK Sprecher: Der Hauptmarkt war aber nicht immer ein Marktplatz. Ursprünglich lebten hier ungefähr zwölfhundert Juden. Sie standen auch unter dem Schutz des Kaisers und mussten dafür die Judensteuer zahlen. Allerdings weckte die zentrale Lage des jüdischen Ghettos im 15. Jahrhundert Begehrlichkeiten bei den Nürnberger Patriziern. 17 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführererin Das war die Zeit, in der große Unsicherheit herrschte, da es viele Unwetter gab und Pestwellen. Und so wurden die Juden als Sündenbock aus den Städten getrieben. Sprecher: Mehrmals hat es im mittelalterlichen Nürnberg grausame Pogrome an der jüdischen Bevölkerung gegeben. In den Jahren 1348 und 1349 aber erlebt Nürnberg seine wohl größte Krise in der Zeit als Reichsstadt: Nach einem erbitterten Streit um die Nachfolge Kaiser Ludwig des Bayern geht Karl IV. siegreich hervor und reist nach Nürnberg, um sich seine Herrschaft auch vom Rat der Stadt anerkennen zu lassen. Allerdings kommt es darüber in der Stadtregierung zum Streit – der schließlich in die Absetzung des Rates und eine Revolte mündet. Um künftige Aufstände niederzuschlagen, erhält der Stadtrat von Karl IV. einen Freibrief, Aufrührer eigenmächtig zu bestrafen. Zugleich erlaubt diese Urkunde auch Gewalttaten gegen die Nürnberger Juden. Die Folge: ein blutiger Pogrom am 5. Dezember 1349. 18 ZUSP Peter Fleischmann An diesem Samstag, am Sabbat, bricht in Nürnberg ein Aufruhr los. Da stürmt ein aufgehetzter Pöbel das Ghetto, stürmt Judenhäuser und zerrt die Leute raus, schlägt sie tot. Oder sie werden auf dem heute noch so genannten Judenbühl im Norden Nürnbergs verbrannt. Sprecher: 562 Juden werden Opfer der Mordaktion, die vor allem kalt kalkulierte wirtschaftliche Motive hatte. Die Überlebenden der jüdischen Gemeinde fliehen aus der Stadt. Dort, wo die jüdischen Häuser standen, sichern sich einige Patrizier lukrative Grundstücke. Die Synagoge wird niedergerissen und an ihrer Stelle die Frauenkirche gebaut. Ihre Reichsarchitektur bestimmt bis heute das Bild des Hauptmarktes. 19 ZUSP Peter Fleischmann Anstelle der Synagoge baut man eine Marienkirche - ein Muster, das sich auch in Rothenburg oder in Würzburg oder in Regensburg wiederholt. Das ist nichts spezifisch Nürnbergisches. Aber die gewaltsame Vertreibung der Juden, daran sollte man denken, wenn man über den Hauptmarkt geht. MUSIK TC 13:40 – Heilig, heilig, heilig Sprecher: Mit dem Bau der „Goldene Straße“ nach Böhmen festigt Kaiser Karl IV. die Handelsverbindungen in Richtung Osten. Insgesamt 52mal weilt der Kaiser auf der Burg über der Pegnitz, hält Hoftage und lobt Nürnberg als „vornehmste und bestgelegene Stadt des Reiches“. Und die „Goldene Bulle“ von 1356, das erste „Grundgesetz“ des Reiches, legt nicht nur die Wahl des Königs durch die sieben Kurfürsten in Frankfurt fest, sondern auch dessen Krönung in Aachen, und – den Ort des ersten Reichstages: Nürnberg. 20 ZUSP Peter Fleischmann Es war die Repräsentation des Reiches, und der König hat Hof gehalten. Das war manchmal nur ein paar Tage, Wochen, es konnte sich aber auch außergewöhnlich über längere Wochen hinziehen – hat aber dann zu Schwierigkeiten bei der Versorgung geführt. Denn nach einer gewissen Zeit waren halt die Weinkeller ausgetrunken, die Getreidespeicher leer gefressen, und dann musste man weiter ziehen. Sprecher: Und der Reichstag ist nicht das einzige Großereignis im Nürnberger Kalender: 21 ZUSP Esther Guckenberger: Dazu möchte ich einen Blick auf das jetzt profanste Gebäude am Platze lenken, also wo das goldene “M” zu sehen ist… Sprecher: …Stadtführerin Esther Guckenberger deutet auf die Filiale eines bekannten Hamburgerrestaurants… 22 ZUSP Esther Guckenberger: …da stand einst ein richtig schönes Patrizierhaus der Familie der Schopper. Und vor dem Schopperschen Haus wurden zwischen den Jahren 1425 und 1524 die Heiltümer gewiesen. Sprecher: Die Heiltümer, das sind die Reichskleinodien, Insignien kaiserlicher Macht, wie Zepter, Reichsapfel, Schwert. Und eine Reihe von Reliquien. Kaiser Sigismund hat diesen Reichsschatz aus Sicherheitsgründen 1423 nach Nürnberg bringen lassen. 23 ZUSP Esther Guckenberger Und Sie glauben nicht, was unsere Kaiser als Reichschatz alles hatten: einen Zahn von Johannes dem Täufer und einen Span von der Krippe und die heilige Lanze – und in der heiligen Lanze, mit der Jesus angeblich in die Seite gestochen wurde, als er am Kreuz hing, war ein Nagel vom Kreuz eingearbeitet… 24 ZUSP Peter Fleischmann Das ist eine besondere Form der Volksgläubigkeit. Und das war wirklich beseelend. Wir haben zum Teil Verkehrszählungen aus dem 15. Jahrhundert, da sind Zigtausende nach Nürnberg gekommen, waren glücklich, daran, teilnehmen zu dürfen. Das gesehen haben zu können. Und der König war ja weg. Aber in diesen Gegenständen Krone, Reichsapfel, Schwert, Dalmatica - das war eine Verkörperung des Reichs. Da zeigte sich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. MUSIK Sprecher: Am Tag der Heiltumsweisung herrscht in Nürnberg Ausnahmezustand: Die Stadt ist zum bersten voll mit Besuchern von weither. Vor einem hölzernen Podest herab weist, also präsentiert, der Heiltumsschreier dem Volk die einzelnen Heiltümer. Und in der Menge halten einige Spiegel in die Richtung der kostbaren Stücke. So soll die wundertätige Kraft, die ihnen nachgesagt wird, eingefangen werden. Für zuhause. Für die kranke Großmutter zum Beispiel, die nicht dabei sein kann. Reichstage, Heiltumsweisungen, Handelsmessen – im 15. und frühen 16. Jahrhundert steht Nürnberg in voller Blüte und entwickelt eine enorme Anziehungskraft. TC 17:21 – Kunst & Kultur 25 ZUSP Esther Guckenberger Das Haus, das wir hier haben, ist die ehemalige Wohn- und Arbeitsstätte unseres wohl bekanntesten Stadtbürgers: von Albrecht Dürer. Sprecher: Dürer, der Meister. Das Universalgenie. Und – ein Beispiel für den Erfolg gelungener Integration: Denn Albrecht Dürer hatte Migrationshintergrund. Sein Vater, der ebenfalls Albrecht hieß, stammte aus Ungarn und kam als Goldschmied nach Nürnberg. Albrecht Junior lässt sich in Nürnberg zum Maler ausbilden. Und mehr noch: Er entwickelt ein Verkaufsgenie – und gilt als Erfinder des Labels. Das berühmte Monogram AD kennzeichnet jedes Bild, das seine Werkstatt verlässt. 26 ZUSP Peter Fleischmann Nürnberg war der Hotspot. Es heißt ja schon bei Martin Luther, Nürnberg ist das Auge und Ohr Deutschlands. Nürnberg lebt von der Zuwanderung. Auch die Zeitgenossen, Veit Stoß, Adam Kraft, die kommen von auswärts. Nürnberger haben natürlich auch eigene Leute rekrutiert. Aber Nürnberg war ein richtiger Magnet. Und weil hier ein Kunstmarkt war, weil hier auch Auftraggeber herkamen, die wussten: Da gibts bedeutende Malerwerkstätten. Da kann ich für eine Kirche einen Hochaltar in Auftrag geben. Oder ich kann wertvolle Goldschmiedearbeiten, Pokale, machen, das machen die Nürnberger am besten. MUSIK Sprecher: So entstehen in Nürnberg zu Beginn des 16. Jahrhunderts das Nürnberg Ei von Peter Henlein – die erste Taschenuhr, oder auch der berühmte Erdapfel, der Globus des Martin Behaim. Auf diese Blüte – die Stadt hat zeitweise etwa 50.000 Einwohner – folgt die Katastrophe. TC 19:02 – Vorbei mit Glanz und Gloria Sprecher: In der Reformationszeit bekennt sich Nürnberg sehr früh zum neuen, protestantischen Glauben. Mit gravierenden Folgen. 27 ZUSP Peter Fleischmann: Nürnberg war Kaiser- und Reichstreu, und das bricht der Stadt letztlich auch das Genick. Im 16. Jahrhundert hat der Kaiser als Schützer der Christenheit das Problem, dass die Stadt des Reiches Nürnberg sich der Reformation zuwendet und sich damit auch vom Kaiser abwendet und damit unterkühlt das Verhältnis zum Kaiser. Sprecher: Von den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges, bleibt die Stadt zwar militärisch verschont, die nahe Schlacht bei Zirndorf 1632 aber fordert auch innerhalb der Stadtmauer ihren Tribut. 28 ZUSP Peter Fleischmann In Nürnberg herrscht Chaos. Adlige, Bauern, alles flüchtet sich in die sichere Stadt. Es bleiben viele Verwundete, sieche Soldaten übrig. In Nürnberg grassiert die Hungersnot, und das ist der beste Nährboden, um alle rote Ruhr, Flecktyphus, um diese Seuchen hervorzurufen. Und es ist in der Tat so, dass jeder zweite Nürnberger in den folgenden Jahren 1632 bis 34 stirbt. MUSIK Sprecher: Und von diesem dramatischen demographischen Verlust erholt sich die Stadt nicht mehr, bis sie 1806 Teil des neuen Königreichs Bayern wird. Mit nur 25.000 Einwohnern sackt die einstige Reichsstadt in die politische Bedeutungslosigkeit ab. Was bleibt, ist die bürgerliche Kultur und die Kunstfertigkeit des Handwerks. Ein Herr Goethe kommt nach Nürnberg, weil er die besten Hersteller von mechanischen Instrumenten dort findet. Im 19. Jahrhundert wird Nürnberg zur Industriemetropole Bayerns. Der alte Glanz der Reichsstadt aber ist endgültig weg. MUSIK Sprecher: Und was alle Belagerungen und Plünderungen in über 500 Jahren nicht vermocht haben, das schaffen schließlich Fanatismus und Faschismus: Am 2. Januar 1945 wird das mittelalterliche Nürnberg, von Adolf Hitler zur „Stadt der Reichsparteitage“ zweifelhaft geadelt, von alliierten Bombern zu fast 90 Prozent zerstört. 29 ZUSP Esther Guckenberger, Stadtführerin Das Problem ist ja für Nürnberg: Das ist keine mittelalterliche Stadt mehr, sondern es ist eine wiederaufgebaute mittelalterliche Stadt. Und man hat dann direkt nach dem Krieg gesagt: Allmächt, was machen wir jetzt mit unserer Stadt? Es gab verschiedene Szenarien, und eine davon war: wir lassen sie liegen und vergehen und bauen daneben eine moderne Planstadt hin - Bin ich froh, dass es nicht so geworden ist! TC 21:40 - Outro
- 10.05.202424 min
Am 14.05.1948 endet das britische Mandat über Palästina. Noch am gleichen Nachmittag ruft David Ben Gurion den unabhängigen Staat Israel aus. Damit geht der Wunsch vieler Jüdinnen und Juden in Erfüllung, nach den letzten Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung zurückkehren zu können nach Zion, dem "Land der Väter". Der Weg von der Idee Theodor Herzls, in Palästina eine "Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen, bis zum Staat Israel war lang. Von Beginn an war er von Konflikten und Interessenskollisionen bestimmt. Von Ulrike Beck (BR 2018) Credits Autorin: Ulrike Beck Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Johannes Hitzelberger Technik: Miriam Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Gudrun Krämer, Peter Lintl Ein besonderer Linktipp der Redaktion: BR24: Lost in Nahost – Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza Der Konflikt im Nahen Osten ist kompliziert. Es ist schwer den Überblick zu behalten. Was werfen die gegnerischen Seiten einander vor? Warum wird so hart gekämpft? In diesem Podcast haben die Korrespondent:innen der ARD aus dem Studio Tel Aviv und Expert:innen aktuelle Fragen beantwortet, erklärt und eingeordnet. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:02 – Der Vater des Zionismus TC 06:43 – Eine Geschichte jüdischer Zuwanderung TC 10:07 – Zwischen den Stühlen TC 12:49 – Ein Ende der Zurückhaltung TC 15:13 – Die UN und das „Palästinaproblem“ TC 19:36 – (K)eine Lösung? TC 23:14 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro 1.O-Ton ( David Ben Gurion - unter dem Text weiterlaufen lassen) Nicht übersetzt: Proklamation Ben Gurion Erzähler Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion ruft am 14. Mai 1948 den unabhängigen Staat Israel aus. O-Ton aus Nur wenige Stunden nach dem Ende des britischen Mandats über Palästina. Damit geht für viele Juden der Wunsch in Erfüllung, nach den Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung nun nach Zion, in das „Land der Väter“ zurückkehren zu können. MUSIK Erzählerin Die Sehnsucht nach einer Rückkehr ins „verheißene Land“ ist nicht neu. Sie ist so alt wie das fast zweitausendjährige Exil nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. und der Vertreibung der Juden aus Palästina. Die Idee, in Eretz Israel, dem "Land Israel" einen israelischen Staat zu gründen, ist allerdings noch jung. Erzähler Sie entsteht Ende des 19.Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Zionismus. Was darunter zu verstehen ist, erklärt die Historikerin und Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer: MUSIK aus 2.O-Ton: (Krämer ab 0:01) Im weitesten Sinne die Sehnsucht nach Zion. Ein Alternativbegriff zu Jerusalem. Das kann religiös und kulturell sein. Es kann sich aber auch politisch zuspitzen. Ist dann eine Ausprägung des Nationalismus, wie er sich im 19.Jahrhundert in ganz vielen Formen herausbildete. Und beschreibt im konkreten Fall den jüdischen Nationalismus, der davon ausgeht, dass die Juden nicht nur eine religiöse Gemeinschaft sind, sondern auch eine politische und als solche auch den Anspruch besitzen, den andere Völker haben: die Bildung eines eigenen Staates. TC 02:02 – Der Vater des Zionismus MUSIK Erzählerin Als Vater des politischen Zionismus gilt Theodor Herzl. Ein jüdischer Intellektueller aus Wien, der ab 1891 als Korrespondent für die Zeitung „Neue Freie Presse“ in Paris arbeitet. Unter dem Eindruck der Affäre um Alfred Dreyfus, der als Hauptmann jüdischer Herkunft wegen angeblicher Militärspionage verbannt wird und zwei Jahre später trotz erwiesener Unschuld verurteilt bleibt, besteht für Herzl Handlungsbedarf. Erzähler Als Antwort auf den wachsenden Antisemitismus schreibt Herzl sein Buch „Der Judenstaat“, das zum Manifest für die Selbstbestimmung in einer eigenen Nation werden soll. Darin heißt es: MUSIK aus Zitator: (Herzl S. 4) „Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale, noch für eine religiöse. Sie ist eine nationale Frage und um sie zu lösen, müssen wir sie zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird.“ MUSIK Erzählerin Die von Herzl angesprochene „Judenfrage“ ist spätestens seit 1881 - nach dem Attentat auf den russischen Zaren Alexander II. - von existentieller Wichtigkeit. Obwohl die Täter der extremistischen Organisation „Narodnaja Wolja“, übersetzt „Volkswille“, angehören, wird die Schuld zunächst „den“ Juden angelastet. In der Folge kommt es bereits ab 1881 zu einer ersten Welle von Pogromen in Russland und in Polen. Wie mit dieser Situation umgehen? Der Politikwissenschaftler Peter Lintl: MUSIK aus 3.O-Ton (Lintl ab 1:03) Für die Genese des Zionismus (…) ganz zentral ist sicherlich der europäische Antisemitismus und die Frage - was in Europa als die sogenannte „jüdische Frage“ bezeichnet wird. Nämlich: Was soll man mit den Juden in Europa machen? Darauf gab es im Judentum auch unterschiedliche Antworten. Zum einen in West- und Zentraleuropa den Versuch, sich zu integrieren und zu akkulturieren, manchmal auch zu assimilieren, d.h. durch größtmögliche Anpassung die Judenfeindschaft zurückzudrängen. In Osteuropa war es eher das Anhängen an der Tradition. (…) da herrschte auch die Hoffnung vor, dass einfach durch Gottvertrauen der Antisemitismus als Phänomen in der Geschichte vorbei gehen würde. Der Zionismus hingegen sagt: Nein, die jüdische Frage kann nicht in Europa gelöst werden, sondern wir müssen unser Schicksal in unsere eigenen Hände nehmen und wir müssen unseren eigenen Staat gründen. Erzähler „Der Judenstaat“ erscheint am 14.Februar 1896 in Wien und wird in 18 Sprachen übersetzt. Darin entwirft Theodor Herzl ein Programm, wie es gelingen kann, einen Staat für das jüdische Volk zu schaffen. Als künftige Landessprache erscheint ihm Deutsch geeigneter, als das alttestamentarische Hebräisch. Als passenden Ort favorisiert er neben Palästina auch Argentinien. Gudrun Krämer: 4.O-Ton: (Krämer ab 0:56) Theodor Herzl war ein bürgerlicher Aktivist. Ein Journalist, der in ganz rechtlichen Bahnen dachte und als Voraussetzung für den Erfolg annahm, dass die (…) führenden europäischen Länder, bzw. Staaten plus die USA diese Idee eines jüdischen Staates unterstützen müssten. So dass hier nicht quasi wild Kolonien und Siedlungen errichtet würden, sondern dass von vornherein eine internationale Gemeinschaft hinter diesem Plan stünde und darauf dringen könnte, in Eretz Israel, also Palästina, oder auch an anderem Orte, einen wohlgeordneten jüdischen Staat entstehen zu lassen. Erzählerin Am 3.September 1897 gründet sich auf Initiative Herzls die Zionistische Weltorganisation. Auf ihrem ersten Kongress in Basel verabschiedet die ZWO ihr Grundsatzprogramm. Mit dem zentralen Ziel der „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Jetzt war also klar - es sollte um Palästina gehen. Erzähler Doch um dieses Ziel zu erreichen, braucht Theodor Herzl als Präsident der Zionistischen Weltorganisation Unterstützung. Was angesichts des wachsenden Antisemitismus in Europa ein Problem ist. Gudrun Krämer: 5.O-Ton: Er hatte nicht die Unterstützung der Regierungen, wie viele Teile auch der jüdischen Bevölkerung dieser Idee sehr skeptisch gegenüber standen, nicht so recht sehen konnten, wohin die Reise gehen würde. Er hatte Zuspruch unter jüdischen Gemeinschaften in Osteuropa, obwohl er selber ausgesprochen westeuropäischer Jude war und sich auch in erster Linie an die westeuropäischen jüdischen und nichtjüdischen Eliten richtete. Aber der Druck auf Juden war in Osteuropa stärker als in Westeuropa und daher auch die Zustimmung in jener Zeit der noch recht unspezifischen Idee eines jüdischen Staates. TC 06:43 – Eine Geschichte jüdischer Zuwanderung MUSIK Erzählerin Die ersten jüdischen Zuwanderer kommen bereits 1882 nach Palästina. Es sind rund 30.000 osteuropäische Juden, die vor allem wegen der antisemitischen Übergriffe in Russland und Polen auswandern. Sie kommen in ein Land, das damals Teil des Osmanischen Reiches ist: MUSIK aus Palästina. MUSIK Erzähler Das Land ist keineswegs unbewohnt. 350.000 Menschen leben hier. Die überwiegende Mehrheit sind Araber sunnitisch-muslimischen Glaubens. Neben ihnen gibt es auch eine große christliche Gemeinschaft und gläubige Juden. AKZENT Glockengeläut Muezzin Erzählerin Die Bewohner Palästinas sind Ende des 19.Jahrhunderts vor allem im Süden des Landes sesshaft. Die meisten von ihnen sind Bauern. Erzähler In den Städten leben Handwerker, Kaufleute, Unternehmer und die lokale Oberschicht, Notabeln genannt. Außer der Hauptstadt Jerusalem sind vor allem die Hafenstädte Haifa und Jaffa bedeutend, ebenso wie die Bergstadt Nablus. MUSIK Erzählerin Für die Bewohner Palästinas ändert sich mit den neuen Zuwanderern viel. Denn mit der sogenannten zweiten Alija, der zweiten Einwanderungswelle kommen ab 1903 rund 40.000 weitere jüdische Einwanderer, die vor den erneuten Pogromen in Russland und Polen fliehen. Und sich daran machen, auf dem Land Boden zu kaufen, um dort nach sozialistischem Vorbild in Produktionsgemeinschaften Landwirtschaft zu betreiben. Peter Lintl: 6.O-Ton: Insbesondere die zweite und die dritte Alija war sozialistisch geprägt. Das sieht man nicht nur an den Kibbuzim und Mosharim, also basisdemokratischen Kollektiven, die quasi ohne individuelles Eigentum oder mit sehr wenig individuellem Eigentum auskamen, aber vielmehr sieht man das auch noch in den Idealen, die die zionistische Bewegung der Zeit prägten. Also da war das Ideal des unabhängigen, heroischen Pioniers, des Haluts, des neuen Hebräers, der sein Land - Eretz Israel - bearbeitet und sich damit auch zu eigen macht. Das drückt sich z.B. sehr deutlich in der Formel „Erlösung des Landes durch die Eroberung des Bodens“ aus. Dazu kommt auch das Prinzip der hebräischen Arbeit. Man wollte unabhängig sein von arabischen Arbeitern und wollte alles selbst erarbeiten. Erzähler Die jüdischen Zuwanderer verwenden moderne Technologien, um den Boden zu bearbeiten und zu bewässern. Sie bauen Zitrusfrüchte an, die für den Export bestimmt sind. Die meisten von ihnen leben allerdings nicht auf dem Land, sondern lassen sich in den Städten nieder. Sie brauchen Platz. 1909 entsteht neben der alten Hafenstadt Jaffa die heutige Millionenmetropole Tel Aviv. Erzählerin Schon bald beginnen die jüdischen Bewohner Palästinas sich zu organisieren. Sie gründen nicht nur Vereine, Verbände und Clubs, sondern errichten auch Bibliotheken und das Technion in Haifa - die erste Universität. Mit Gründung der Gewerkschaftsorganisation Histadrud schaffen sie sich einen eigenen Arbeitsmarkt. Und organisieren zum Schutz ihrer Siedlungen Wächter, die Schomreen. Erzähler Zwischen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen Zuwanderern bilden sich in dem kleinen Land Parallelgesellschaften heraus. MUSIK TC 10:07 – Zwischen den Stühlen Erzählerin Bis 1917 steht Palästina unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Doch gegen die Osmanen formiert sich schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts die nationalarabische Bewegung. Ihr Ziel ist ein unabhängiges Vereinigtes Arabisches Königreich, das neben Palästina auch Syrien, den Libanon und Jordanien umfassen soll. Erzähler Ein Plan, der nicht aufgeht, denn im Ersten Weltkrieg erhöht sich der Stellenwert Palästinas für die europäischen Großmächte. MUSIK aus Großbritannien erobert das Land und erhält 1922 das Mandat über Palästina. Peter Lintl: 7.O-Ton Zunächst ist für Großbritannien Palästina strategisch wichtig. Der Zugang zum Suezkanal ist eine Sache. Ist ein Teil der Landbrücke nach Indien und alle Wege nach Indien sind für das britische Empire zur Zeit des Kolonialismus einfach zentral. In Palästina wird Großbritannien tatsächlich vor eine Herausforderung gestellt, weil es klar ist, dass es zwei verschiedenen Interessen gerecht werden muss. Einmal der palästinensischen Seite, die dort einen Staat errichten will. Zumindest im Laufe der Zeit kristallisiert sich der palästinensische Nationalismus immer klarer heraus. Und auf der anderen Seite dem Zionismus, der das ähnliche Ziel hat oder das nämliche. Deswegen spricht man von der doppelten Verpflichtung der Briten, der dual Obligation, die sie zu erfüllen hat. Erzählerin Schon rund fünf Jahre zuvor, am 2.November 1917, schreibt der britische Außenminister Lord Arthur Balfour an den Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung in England einen Brief, der als „Balfour-Erklärung“ von zentraler Bedeutung sein wird. Darin verspricht Balfour Lord Lionel Walter Rothschild: Zitator: "Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte." 8.O-Ton: ( Krämer ab ca. 15:15) Dieses Versprechen, das zunächst keine völkerrechtlich bindende Funktion hatte, wurde in den Mandatsvertrag übernommen, bzw. in dessen Präambel und erhielt dadurch ein ganz anderen rechtlichen Status. Hinzu kam aber eine Verpflichtung, die Großbritannien als Mandatsmacht gegenüber der lokalen Bevölkerung - mehrheitlich arabisch - sie bereit zu machen für die Übernahme politischer Verantwortung. In letzter Konsequenz für die Unabhängigkeit. Und wie sich herausstellen sollte, konnte man nicht beiden Seiten gerecht werden. TC 12:49 – Ein Ende der Zurückhaltung MUSIK Erzähler Ab 1919 kommen mit der dritten und vierten Alija 115.000 jüdische Zuwanderer nach Palästina. Es sind so viele, dass die arabische Bevölkerung befürchtet, bald in der Minderheit zu sein. Es kommt zu ersten blutigen Ausschreitungen, die sich ab 1920 zunächst gegen die Zionisten richten, bald jedoch auch gegen die britischen Mandatsbehörden. Der Konflikt führt dazu, dass sich die jüdischen Einwanderer militarisieren. Die jüdische Armee, die „Hagana“ formiert sich. Peter Lintl: MUSIK aus 9.O-Ton: Bis dato war eigentlich das Prinzip der Zurückhaltung - geprägt noch von einem jüdischen Quiezismus noch aus der Exilszeit zu sehen, aber danach mit der weiteren Eskalation des Konflikts kann man sehen, wie sich auch der Zionismus Stück für Stück militarisiert. Grundsätzlich ist natürlich der Konflikt: Wem gehört das Land? Und über diesen Konflikt kommt es zu mehreren Ausbrüchen von Gewalt. Ganz bekannt ist 1920/21, dann 1929 und dann zum größeren palästinensischen Aufstand 1936 bis '39, der dann von den Briten relativ blutig niedergeschlagen wird. Erzählerin Um die zunehmende Eskalation der Gewalt zwischen beiden Seiten einzudämmen, machen die britischen Mandatsträger im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges der arabischen Seite Zugeständnisse. Mit dem MacDonald-Weißbuch beschränkt Großbritannien im Mai 1939 die Einwanderung von Juden auf 75.000 für die nächsten fünf Jahre. Gudrun Krämer: 10.O-Ton: Die Konsequenzen waren von vornherein abzusehen. Die Briten banden die Zahl der Zuwanderer an die Aufnahmefähigkeit des arabischen Sektors - so war die Formulierung, also zunächst einmal an die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Setzten aber noch eins drauf, indem sie auch die politische Willigkeit der arabischen Bevölkerung mit in Rechnung nahmen. Und die Konsequenz war ganz klar, dass dieses die Zuwanderungsmöglichkeit der jüdischen Zuwanderer nach Palästina begrenzte. In einer Zeit, in der durch den Antisemitismus und die Judenverfolgung in großen Teilen Europas der Druck auf die jüdischen Bewohner Europas wuchs, sich eine Alternative zu suchen, also auszuwandern. Darunter auch nach Palästina. TC 15:13 – Die UN und das „Palästinaproblem“ Erzähler Bis über das Ende des Zweiten Weltkrieges hinaus versucht der britische Mandatsträger, europäische Juden daran zu hindern, in Palästina einzuwandern. Dennoch ist die Zahl der illegalen Immigranten in der Zeit der NS-Diktatur hoch. Rund 75.000 schaffen es, trotz der restriktiven Politik, nach Palästina zu kommen. MUSIK Erzählerin Als Exempel gegen die illegale Einwanderung wird zwei Jahre nach dem Ende des Holocaust die Odyssee des Schiffes „Exodus“ weltweit bekannt. Das Schiff steuert im Juli 1947 mit über 4.000 jüdischen KZ-Überlebenden an Bord den Hafen von Haifa an. 20 Meilen vor der Küste wird die „Exodus“ von britischen Kriegsschiffen angegriffen. Die Passagiere werden im Hafen auf drei britische Gefängnisschiffe verteilt und nach Frankreich zurückgeschickt. Erzähler Dort weigern sie sich, an Land zu gehen. Die Odyssee geht weiter - über Gibraltar nach Hamburg. Wo die jüdischen Flüchtlinge mit Gewalt von Bord geholt und in Lagern untergebracht werden. Gesichert mit Wachtürmen und Stacheldraht. Unter dem Druck der weltweiten Empörung kommen die Passagiere der „Exodus“ im Oktober 1947 frei. MUSIK aus Erzählerin Schon Monate vor dem Drama der „Exodus“ sieht sich die Mandatsmacht Großbritannien nicht mehr in der Lage, sowohl für den jüdischen, als auch für den arabischen Teil der Bevölkerung in Palästina eine annehmbare Lösung zu finden. Daher beschließt die britische Regierung am 14. Februar 1947, das „Palästinaproblem“ an die Vereinten Nationen zu übergeben. MUSIK Erzähler Damit übernehmen die 1945 gegründeten Vereinten Nationen als Nachfolger des Völkerbundes die Aufgabe, eine Lösung für die politische Zukunft Palästinas zu finden. Sie setzen eine Sonderkommission ein, das „United Nations Special Committee on Palestine“, kurz: UNSCOP. Erzählerin Das in seinem Bericht den Plan vorlegt, Palästina zu teilen. MUSIK aus In einen jüdischen Staat, bestehend aus 56 Prozent des Territoriums. Und einen arabischen Staat, bestehen aus 43 Prozent des Territoriums. Jerusalem mit seiner zentralen Bedeutung für Juden, Christen und Muslime soll als internationales Gebiet neutral bleiben. Erzähler Am 29.November 1947 stimmt die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181 dafür, Palästina zu teilen und das britische Mandat aufzuheben. 11.O-Ton ( UN-Vollversammlung) Erzählerin Gegen die Resolution stimmen nicht nur Afghanistan, Ägypten, Iran, Irak, Jemen, Libanon und Pakistan, sondern auch Griechenland, Indien und Kuba MUSIK Erzähler Für den Fall der Verwirklichung des Teilungsplanes kündigt die 1945 gegründete Arabische Liga bereits im Vorfeld an, militärische Maßnahmen zu ergreifen und eine „Arabische Befreiungsarmee“ aufzustellen. Unmittelbar nach dem UN-Beschluss kommt es in Palästina zu erbitterten Gefechten zwischen arabischen und jüdischen Militäreinheiten. Am 1. April 1948 beginnt der Plan Dalet. Eine Offensive der Hagana, der jüdischen Armee. Gudrun Krämer: MUSIK aus 12. O-Ton: Die Kommission der Vereinten Nationen hatte nach sorgsamer Betrachtung der Realitäten zwei Staaten vorgeschlagen, die jeweils aus nur lose miteinander verknüpften kleinen Territorien bestehen würde. Und hatte dabei der jüdischen Seite dabei mehr Land zugesprochen, als zu dieser Zeit von Juden rechtlich besessen war. Also erworben, gekauft worden war. (…) Das war natürlich konfliktträchtig. Und der Plan Dalet, Plan D., lief nun darauf hinaus, das Land, das die Vereinten Nationen den Juden zugesprochen hatte, auch tatsächlich militärisch zu kontrollieren. Also gewissermaßen im Vorgriff auf die Ausrufung des jüdischen Staates bereits Realitäten zu schaffen. Und dieses war nur möglich durch Anwendung von Gewalt. TC 19:36 – (K)eine Lösung? MUSIK Erzählerin Im Laufe der Militäroffensive kommt es am 9. April 1948 zum Massaker im arabischen Dorf Deir Yassin, bei dem 250 Menschen ermordet werden. Die meisten davon sind Frauen und Kinder. Verantwortlich für das Massaker sind die extremistischen Untergrundorganisationen Lehy und Irgun, die damit die arabische Bevölkerung einschüchtern und vertreiben wollen. Peter Lintl: MUSIK aus 13.O-Ton: Das Massaker von Deir Yassin wurde verübt von zwei Organisationen und die hatten ganz offensichtlich das Ziel, das Dorf zu säubern. Die Hagana selbst, also die Hauptverteidigungsarmee der Zionisten, hatte damit nichts zu tun und hat dieses Massaker auch verurteilt. Gleichwohl auch die Hagana hat dann in Flugblättern, die dann über Haifa abgeworfen worden sind, Andeutungen gemacht, dass es dieses Massaker gegeben hätte und hat das dann ein Stück weit instrumentalisiert. Sie wollten nicht sagen, dass sie das auch verüben, aber damit Furcht geschürt. Umgekehrt hat der jüdische Bürgermeister von Haifa die Araber, die daraufhin geflohen sind, aufgerufen, hier zu bleiben. MUSIK Erzähler Die radikalen Kampforganisationen „Irgun“ und „Lehi“ verüben auch Attentate gegen britische Verwaltungseinrichtungen und Politiker. Am 22. Juli 1946 sprengt ein Kommando der Gruppe „Irgun“ das „King David Hotel“ in Jerusalem in die Luft. Bei dem Sprengstoffattentat auf das Hotel, dem Sitz mehrerer Abteilungen der britischen Mandatsverwaltung, kommen 91 Menschen ums Leben. MUSIK aus Erzählerin Am 14. Mai 1948 verlässt der letzte britische Hochkommissar Sir Alan Cunningham Palästina. Einige Stunden nach dem Ende des britischen Mandats tritt der jüdische Volksrat im Stadtmuseum von Tel Aviv zusammen. Wo David Ben Gurion unter dem Porträt Theodor Herzls die Proklamation des Staates Israel verliest. 14.O-Ton (nochmal O-Ton Ben Gurion) Erzähler Mit der Gründung des Staates Israels wird Theodor Herzls Vision eines jüdischen Staates in Palästina Wirklichkeit. Nur wenige Stunden nach der Proklamation erkennen die USA und die Sowjetunion den neuen Staat an. Gudrun Krämer: 15.O-Ton: Aus zionistischer Sicht war das der Erfolg, den man herbeigesehnt hatte und den man mit allen Mitteln zu verteidigen gewillt war. Wenig überraschend ist auch die Reaktion auf arabischer Seite, wo selbstverständlich die Gründung dieses Staates als Desaster empfunden wurde. Zumal er sich verband nicht mit der Gründung eines palästinensisch-arabischen Staates, sondern der Vertreibung von etwa 700.000 Arabern aus dem nun jüdischen Staat. und daher das, was man im arabischen als „Nakba“ kennt, also die Katastrophe. MUSIK Erzählerin Am Tag nach der Staatsgründung wird Israel von den umliegenden arabischen Staaten angegriffen und muss sich gegen die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Libanon und des Irak zur Wehr setzen. Was mithilfe von Waffen aus dem Ausland gelingt. Der erste Nahostkrieg endet 1949 mit dem Sieg Israels. Ein Erfolg, durch den sich der noch junge Staat etabliert. MUSIK aus TC 23:14 – Outro
- 10.05.202426 min
Seit Jahrzehnten ist der Nahost-Konflikt ungelöst. Die Hintergründe sind kompliziert. Verbunden mit der Gründung Israels 1948 wurden Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben oder flohen. Die Vertreibung ist in der arabischen Welt unter dem Begriff Nakba ("Katastrophe") bekannt. Bis heute sind weltweit mehrere Millionen Menschen mit palästinensischen Wurzeln staatenlos. Auch für Palästinenser, die im Westjordanland leben, ist die Lage seit langem schwierig - und im Gazastreifen inzwischen verzweifelt. Ein Rückblick. Von Claudia Steiner (BR 2024) Credits Autorin: Claudia Steiner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Sebastian Fischer Technik: Miriam Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Sarah El Bulbeisi, Dr. Jan Busse, Prof. Eckart Woertz Ein besonderer Linktipp der Redaktion: BR24: Lost in Nahost – Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza Der Konflikt im Nahen Osten ist kompliziert. Es ist schwer den Überblick zu behalten. Was werfen die gegnerischen Seiten einander vor? Warum wird so hart gekämpft? In diesem Podcast haben die Korrespondentinnen und Korrespondenten der ARD aus dem Studio Tel Aviv zusammen mit Fachleuten aktuelle Fragen beantwortet, erklärt und eingeordnet. ZUM PODCAST Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:26 – Wie alles begann TC 04:16 – Zwei Staaten, eine Lösung? TC 06:55 – Tabu, Trauma & Identität TC 10:51 – Die Folgen der Vertreibung TC 15:34 – Im Gazastreifen TC 20:52 - Wendepunkte TC 24:30 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro ATMO (aus Archiv, z.B. Kampf-Geräusche) SPRECHERIN Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern beschäftigt die Welt seit Jahrzehnten. Es ist ein Konflikt, mit dem sich die Vereinten Nationen und viele Staats- und Regierungschefs befasst haben – immer wieder. Es gab verschiedene Ideen und Ansätze. Doch eine Lösung wurde bisher nicht gefunden. ATMO (aus Archiv, z.B. Kampf-Geräusche) SPRECHERIN Der Staat Palästina wurde 1988 formal proklamiert. Bis heute ist er von 139 Staaten anerkannt. Viele arabisch-sprechende Länder, aber auch Russland, große Teile Afrikas und Südamerikas, aber auch Schweden kennen den Staat Palästina an - die USA, Frankreich oder auch Deutschland nicht. Doch wer sind die Palästinenser? Was fordern sie? Und was bedeutet dieser Konflikt mit Israel für das Leben der Menschen im Gazastreifen, im Westjordanland, in den Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten oder im Exil in anderen Ländern? Die Lebenswirklichkeiten der Palästinenser unterscheiden sich – je nachdem wo sie ansässig sind - teils stark; und damit auch ihre Probleme und Ängste. Was viele eint, ist das Trauma der Nakba, also die Flucht und Vertreibung im Jahr 1948 und die Hoffnung, wieder in ihre Dörfer und Städte zurückkehren zu können. MUSIK (z.B. Dabke-Tanz/Musik) SPRECHERIN Die historische Region Palästina bezeichnet ein Gebiet an der südöstlichen Mittelmeerküste. In der Region herrschten unter anderem Philister, Israeliten, Assyrer, Babylonier, Perser, Römer, Byzantiner, verschiedene arabische Dynastien und die Osmanen. Seit dem späten 7. Jahrhundert lebten dort Juden, Christen und Muslime. Ebenso wie Israelis verweisen Palästinenser auf biblische Vorläufer, sagt der Politologe Jan Busse von der Universität der Bundeswehr München. O-TON 1 (Busse, 1.04) Also man beruft sich bei den Palästinensern ein Stück weit auf die Philister und sieht da auch eine sprachliche Nähe zu dem Begriff Palästinenser, ein Stück weit vielleicht auch zu den Kanaanitern, aber natürlich auch zu den großen arabischen Dynastien, den Umayyaden, Abbasiden, Fatimiden. (…) Aber ich glaube, entscheidend ist vielmehr diese Idee eines Nationalbewusstseins als modernes Phänomen. TC 02:26 – Wie alles begann MUSIK SPRECHERIN Im Jahr 1834 kam es im Osmanischen Reich zu einem Bauernaufstand, der sich gegen die Wehrpflicht und Steuerpolitik richtete. Manche Historiker betrachten diesen Aufstand als Geburtsstunde des palästinensischen Nationalismus. Andere sprechen erst gegen Ende des 19. beziehungsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einer nationalen Identität der Palästinenser. O-TON 2 (Busse, 2.20) Und die Soziologie hat es sehr gut gezeigt: Identitäten bilden sich eigentlich immer in Abgrenzung zu einem Gegenüber und vor dem Hintergrund – das gilt für beide Gruppen, für Israelis und Palästinenser - spielt eben dieses Andere, dieses Gegenüber da eine ganz zentrale Rolle. SPRECHERIN Im Ersten Weltkrieg eroberten britische Truppen Palästina – das Land wurde britisches Mandatsgebiet. 1882 waren noch mehr als 96 Prozent der Bevölkerung arabisch beziehungsweise palästinensisch. Juden machten nur etwas mehr als drei Prozent aus. Seit Ende des 19. Jahrhundert nahm die jüdische Zuwanderung zu – der in Europa entstehende politische Zionismus hatte das Ziel, einen jüdischen Nationalstaat zu gründen. Angesichts der Verfolgung in Europa wanderten schließlich immer mehr Juden ins biblische „Heilige Land“ ein. 1931 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung bereits 16 Prozent, 1946 dann 31 Prozent. Dies führte zu blutigen Zusammenstößen und Aufständen – die Gewalt ging von beiden Seiten aus: O-TON 3 (Busse, 7.52) Die britische Mandatsverwaltung hat selbst in den 30er-Jahren schon Teilungspläne vorgeschlagen, weil sie eben gemerkt hat, dass das eine Lösung darstellen könnte, weil es eben immer wieder zu Spannungen zwischen der damaligen arabischen und jüdischen Bevölkerung kam. TC 04:16 – Zwei Staaten, eine Lösung? MUSIK SPRECHERIN Um die aufgeheizte Stimmung in den Griff zu bekommen, schränkte die britische Besatzung den Zuzug von Juden ein – zu einer Zeit, in der die Verfolgung von Juden in Deutschland unter der NSDAP immer weiter zunahm. Doch Unmut richtete sich nun nicht nur gegen die jeweils andere Bevölkerungsgruppe, sondern auch gegen die britische Besatzung. Sowohl Araber als auch Juden nahmen die Briten als Besatzungsmacht wahr, die den eigenen nationalen Bestrebungen im Weg standen. Die Briten bekamen den Konflikt nicht unter Kontrolle und wollten die Verantwortung für das Mandat abgeben, auch wegen der Kosten. Sie baten deshalb die 1945 neu gegründeten Vereinten Nationen um Hilfe. Ein UN-Sonderausschuss erarbeitete einen Lösungsvorschlag. Im November 1947 verabschiedete die UN-Generalversammlung einen Teilungsplan. In der Resolution 181 (II) hieß es. Die Generalversammlung… ZITATOR …empfiehlt dem Vereinigten Königreich als der Mandatsmacht für Palästina und allen anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen hinsichtlich der künftigen Regierung Palästinas die Verabschiedung und Durchführung des nachstehend dargelegten Teilungsplans mit Wirtschaftsunion… SPRECHERIN 33 Staaten stimmten für die Resolution, 13 dagegen, unter ihnen mehrere arabische Staaten. Es gab zehn Enthaltungen. Der Plan sah eine Teilung des Gebiets vor, sagt Jan Busse. Doch: O-TON 4 (Busse, 6.02) Das Problem war allerdings, dass eben 56 Prozent dieses Staates einem jüdischen Staat zugeschlagen werden sollten und 43 Prozent einem arabischen, wohingegen das Bevölkerungsverhältnis so aussah, dass wir 70 Prozent Araber hatten und 30 Prozent Juden. Und vor dem Hintergrund lehnte die arabische Seite diesen Plan ab und war nicht zu einer Teilung bereit, was ihr teilweise bis heute vorgeworfen wird, wohingegen die Vertreter des politischen Zionismus auf jüdischer Seite diesen Plan eben zugestimmt haben. SPRECHERIN Offiziell zumindest, tatsächlich spekulierte die jüdische Seite auch auf Gebiete, die laut UN-Plan der arabischen Seite zustanden, sagt Professor Eckart Woertz. Er ist Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg. O-TON 5 (Woertz, 7.22) Wir wissen aus Hintergrundgesprächen, Tagebuchnotizen und so weiter vom israelischen Staatsgründer Ben-Gurion, dass das Verständnis auf israelischer Seite war: Na ja, jetzt akzeptieren wir das erst mal. Danach können wir immer noch vielleicht irgendwie expandieren. TC 06:55 – Tabu, Trauma & Identität SPRECHERIN Am 14. Mai 1948 verließen die letzten britischen Truppen Palästina. Der designierte Ministerpräsident David Ben-Gurion rief den Staat Israel aus. Schon in der darauffolgenden Nacht griffen Ägypten, Transjordanien, Syrien, der Libanon und der Irak Israel an. Das israelische Militär bestand aus Kämpfern aus Untergrundorganisationen und Freiwilligen. Dieser Krieg ging mit zwei Namen in die Geschichte ein: Für Juden ist es der Unabhängigkeitskrieg, für Araber die Nakba, die Katastrophe. Israelische Einheiten eroberten im Laufe des Kriegs etwa 40 Prozent des Gebiets, das laut UN-Teilungsplan der arabischen Bevölkerung zustand. Viele arabische Dörfer und Städte wurden zerstört. Nach Angaben der Vereinten Nationen flohen etwa 700.000 Palästinenser, die palästinensische Seite nennt höhere Zahlen. Die Menschen flüchteten unter anderem in den Libanon, nach Syrien, nach Jordanien, wo heute rund die Hälfte der Bevölkerung palästinensische Wurzeln hat, ins Westjordanland und in den Gazastreifen. ATMO (aus Archiv, z.B. Kampf-Geräusche) SPRECHERIN Es folgten zahlreiche weitere militärische Konflikte: 1967 kam es zum Sechstagekrieg. Israel reagierte auf eine Bedrohungslage durch Ägypten, Jordanien und Syrien mit einem Präventivschlag gegen die Luftwaffenbasen seiner Nachbarstaaten. Israel eroberte im Zuge des Kriegs das Westjordanland inklusive Ost-Jerusalem, den Gazastreifen, Teile der Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel. Erneut flüchteten Hunderttausende Palästinenser, zum Teil auch, weil ihr Land annektiert und ihnen damit ihre Lebensgrundlage entzogen wurde. Diejenigen, die blieben, lebten nun im Westjordanland, in Jerusalem und im Gazastreifen unter israelischer Besatzung und Militärverwaltung. Sarah El Bulbeisi vom Orient-Institut in Beirut spricht von einem kollektiven Trauma. Die Wissenschaftlerin, deren Familienangehörige im Gazastreifen leben, promovierte zum Thema Tabu, Trauma und Identität von Palästinensern in Deutschland und der Schweiz. O-TON 6 (Bulbeisi, 3.57) Mittlerweile verstehen Palästinenserinnen unter Nakba eben nicht nur diese Massenvertreibungen von 1947, 48, sondern die Vertreibungen, die bis heute andauern, also auch die Vertreibungen zur Zeit des Kriegs (…) 1967, die Vertreibungen, die im Zuge der Besatzung erfolgten, wo wieder mehrere Hunderttausend Palästinenser vertrieben wurden. (…) Aber mittlerweile verstehen Palästinenser unter Nakba auch die Vertreibung, deren Zeugen wir heute sind, die Vertreibungen, die im Zuge des Gazakriegs, die 2023 und 2024 erfolgen. SPRECHERIN Gemeint ist die jüngste Flucht der Menschen im abgeriegelten Gazastreifen vom Norden in den Süden nach dem brutalen Angriff der radikal-islamischen Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Nach israelischen Angaben wurden mehr als 1.200 Menschen getötet, mehr als 2.700 verletzt. Es gab Vergewaltigungen and andere Gräueltaten. Mehr als 250 Geiseln wurden verschleppt. Auf diesen Angriff reagierte Israel mit einem Gegenangriff. Nach Angaben des Palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza sind bei diesen Militäraktionen mit Stand Anfang April mehr als 33.000 Menschen getötet worden, knapp 76.000 Menschen wurden verletzt, und tausende Opfer, die noch nicht geborgen werden konnten, werden unter den Trümmern vermutet. Das palästinensische Gesundheitsministerium wird von der Hamas geführt, die Vereinten Nationen erachten aber die Zahlen als weitgehend richtig. TC 10:51 – Die Folgen der Vertreibung SPRECHERIN Viele Palästinenser kennen die Geschichte der Vertreibung aus Erzählungen ihrer Großeltern und Eltern. Viele jüngere Menschen mussten selbst schon fliehen oder wurden vertrieben. Die Folgen dieser Fluchterfahrungen seien verheerend, betont Sarah El Bulbeisi. O-TON 7 (Bulbeisi, 8.49) Also Vertreibung ist eigentlich nur eine Hälfte der Gewalterfahrung, die Nichtanerkennung dieser Gewalterfahrung, die Nichtanerkennung der (…) systematischen Vertreibung ist eigentlich das, was mindestens so prägend ist. Und wir wissen auch aus der Traumaforschung, dass Trauma nicht einfach ein einzelnes Ereignis ist, dass Trauma immer ein Prozess ist, und es ist essenziell, wie Gesellschaft, wie die Umwelt auf Gewalterfahrung reagiert. Und im palästinensischen Kontext war es eben so, dass diese Gewalterfahrung negiert und einem aberkannt wurde und diese Tabuisierung der palästinensischen Gewalterfahrung, die hat dazu geführt, dass Menschen, ganze Biografien (…) zerbrochen sind an diesem Gefühl, eigentlich keine Menschen zu sein. SPRECHERIN Das Trauma der Vertreibung beeinflusst das Leben vieler Palästinenser, in den besetzten Gebieten, aber auch in der Diaspora. Viele hegen den Wunsch auf Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren, betont Eckart Woertz. O-TON 9 (Woertz, 19.02) Selbst Kinder, die die Abstammungsregionen ihrer Eltern nie kennengelernt haben, sprechen dann von ihrem Heimatdorf, das da und da war und jetzt halt im heutigen israelischen Kernland ist. Also auch diese Vision, dass man da vielleicht noch einmal zurückkehren kann, das - denke ich - auch in einer Zwei-Staaten-Lösung so nicht realisierbar ist. Das ist, glaube ich, eine Pille, die die Palästinenser werden schlucken müssen, dass es ein Rückkehrrecht so nicht geben wird. Aber klar, das ist ganz klar ein Sehnsuchtsort auch für Palästinenser in der Diaspora. MUSIK SPRECHERIN Als Folge der ersten großen Vertreibung wurde Ende 1949 das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, kurz UNRWA, gegründet. Die Organisation soll palästinensischen Flüchtlingen Hilfe und Schutz gewähren. Eckart Woertz: O-TON 10 (Woertz, 21.07) Das UNRWA, das Hilfswerk speziell für die Palästinenser (…) ist ein ganz wichtiger Dienstleistungsfaktor in den palästinensischen Gebieten, von Nahrungsmittellieferung bis zum Schulwesen und so weiter. Wird hier auch von Israel kritisiert, dass die sagen: Da wird so ein Flüchtlingsstatus,- sagen wir mal - verewigt, weil, das gilt ja normalerweise nur für Leute, die diese Fluchterfahrung noch haben. SPRECHERIN Beim Palästinenserflüchtlingshilfswerk UNRWA sind 5,9 Millionen palästinensische Flüchtlinge registriert. Sie nehmen völkerrechtlich eine Sonderstellung ein: Nur den palästinensischen Flüchtlingen der ersten Vertreibung wird der Flüchtlingsstatus zuerkannt. Der Status wird aber auf Nachkommen vererbt. UNRWA kümmert sich um die Versorgung von registrierten Palästina-Flüchtlingen im Gazastreifen, im Westjordanland, Jordanien, Syrien und im Libanon. Weil sich mehrere Mitarbeiter des Hilfswerks am Angriff gegen Israel am 7. Oktober beteiligt haben sollen, gab es zuletzt scharfe Kritik an der UNRWA. MUSIK SPRECHERIN Viele UNRWA-Flüchtlinge und Palästinenser sind staatenlos. Das heißt: Sie können nicht eingebürgert werden, nicht arbeiten, nicht reisen. In Deutschland können sie zum Beispiel auch kein Asyl beantragen. Sie werden nur geduldet. Auch die Tatsache, dass die Palästinensische Befreiungsorganisation 1988 einen unabhängigen palästinensischen Staat ausrief, ändert daran nichts, denn Berlin hat zwar ein Vertretungsbüro in Ramallah, erkennt Palästina aber nicht als unabhängigen Staat an. Weltweit gibt es etwa 14,5 Millionen Palästinenser, davon etwa fünfeinhalb Millionen im Westjordanland und im Gazastreifen. Viele Palästinenser leben zudem in Golfstaaten, in Mitteleuropa, in Nordamerika oder auch in Chile. Jan Busse: O-TON 11 (Busse, 3.16) Und dann gibt es natürlich auch noch knapp zwei Millionen arabische Israelis, also Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und auch einen Teil in Ost-Jerusalem, was unter israelischer Kontrolle ist. TC 15:34 – Im Gazastreifen SPRECHERIN Im Gazastreifen, dem Küstenstreifen, dessen Grenzen von Israel und Ägypten kontrolliert werden, war die Lebenssituation der Menschen schon vor dem 7. Oktober 2023 schwierig. Nach Angaben der Weltbank waren dort rund die Hälfte der Menschen arbeitslos, mehr als zwei Drittel von Hilfslieferungen abhängig: Als Folge der israelischen Angriffe auf die Hamas im Gazastreifen liegen inzwischen weite Teile des Küstenstreifens in Trümmern. Auch im Westjordanland gibt es seit langem starke Einschränkungen. Jan Busse: O-TON 12 (Busse, 19.44) Es ist im Grunde so, dass das Leben im Westjordanland geprägt ist dadurch, dass es eben die israelische Besatzung gibt und die Präsenz von inzwischen, wenn man Ost-Jerusalem mitzählt, 700.000 Siedlerinnen und Siedlern. Das sorgt dafür, dass die Menschen dort mit einer extremen Unsicherheit konfrontiert sind, denn es kommt immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen von militanten Siedlern, die teilweise Olivenbäume zerstören oder auch gewalttätig Personen angreifen. SPRECHERIN Zudem ist im Westjordanland die Bewegungsfreiheit der Palästinenser massiv eingeschränkt, es gibt zahlreiche Kontrollpunkte. Viele Ortschaften sind abgeriegelt. 2016 bezeichnete der UN-Sicherheitsrat den Siedlungsbau als Verletzung des internationalen Rechts und forderte Israel auf, alle Siedlungsaktivitäten zu stoppen. Die Einflussmöglichkeiten der palästinensischen Autonomiebehörde von Präsident Mahmud Abbas von der Fatah-Bewegung sind begrenzt. Abbas, Nachfolger des einst populären ersten Palästinenser-Präsidenten Jassir Arafat, wird von vielen Palästinensern als kraftlos angesehen. Hinzu kommt, dass der Autonomiebehörde Korruption vorgeworden wird. Die Zustimmungswerte für Abbas waren 2023 Umfragen zufolge auf einem Tiefpunkt, zugleich stiegen die Zustimmungswerte für die Hamas. Die aus der Muslimbruderschaft entstandene Hamas verwaltet seit den Parlamentswahlen 2006 den Gazastreifen. 2007 kam es zum Bruch zwischen Hamas und Fatah, die Hamas riss in einer gewaltsamen Konfrontation die Macht an sich. Von der Europäischen Union und den USA wird die Hamas, die immer wieder Anschläge auf Zivilisten verübt und die Vernichtung Israels zum Ziel hat, als Terrororganisation eingestuft. Demokratisch legitimiert waren zuletzt weder die Hamas, noch die Fatah. Neuwahlen wurde zwar mehrmals angekündigt, fanden jedoch wegen Streitigkeiten zwischen beiden Seiten nicht statt. O-TON 13 (Busse, 21.50) Und wenn man sich dann vor Augen führt, dass im Gazastreifen rund die Hälfte der Bevölkerung minderjährig ist, dann hat niemand von denen jemals die Hamas wählen können oder auch abwählen können. Diese Menschen konnten den Gazastreifen nie verlassen, weil es seit dieser Blockade kaum möglich ist, und haben dafür aber tatsächlich mehrere Kriege schon miterlebt seit dieser Zeit 2008, 2009, 2012, 2014, 2022 und eben auch jetzt. SPRECHERIN Vertreibung, Flucht, Krieg, Gewalt – dies könnte zu einer weiteren Radikalisierung führen, befürchten Experten wie Jan Busse. O-TON 14 (Busse, 23.19) Ich denke, dass die Tatsache, dass der aktuelle Krieg, den Israel im Gazastreifen führt, mit der massiven Zerstörung, die dort stattfindet, sicherlich perspektivisch dazu führen wird, dass es eben alles andere als ein De-Radikalisierungsprogramm ist. Es gibt unzählige, es gibt Tausende Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Es gibt zahlreiche Menschen, die Familienangehörige verloren haben, die ihr Zuhause verloren haben. Und ich befürchte, dass das sicherlich die Grundlage sein könnte, dass sich in Zukunft mehr Menschen radikalen-bewaffneten Gruppen anschließen werden. SPRECHERIN Viele Palästinenser werfen dem Westen vor, dass er sich nicht kümmert. Sie fühlen sich allein gelassen und vergessen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International kritisieren die israelische Politik: Amnesty legte 2022 einen Bericht vor, in dem die Menschenrechtsorganisation Israel vorwarf, an den Palästinenserinnen und Palästinensern Apartheid zu verüben und damit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Die israelische Regierung wies den Bericht als – Zitat - „falsch, einseitig und antisemitisch“ zurück. Nahost-Expertin Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik empfahl damals: ZITATOR Die Bundesregierung sollte sich den Apartheid-Vorwurf vor einer sorgfältigen Prüfung durch die zuständigen Organe weder zu eigen machen noch ihn abtun. Sie sollte den AI-Bericht aber als Weckruf verstehen, gravierende Menschenrechts¬verletzungen nicht länger als eine Normalität hinzunehmen, und die andauernde Be¬satzung nicht als einen Zustand zu betrach¬ten, der losgelöst von einem „demokrati¬schen Israel“ existiert. SPRECHERIN Inzwischen ist auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag involviert. Das Gericht muss entscheiden, ob der palästinensische Vorwurf zutrifft, dass Israel in den besetzten Gebieten eine Form von Apartheid praktiziere. Das Gutachten steht noch aus. TC 20:52 - Wendepunkte MUSIK SPRECHERIN Die Lage seit dem 7. Oktober 2023 erscheint aussichtslos – in den 1990er Jahren hatte es zeitweise berechtigte Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung und Frieden gegeben. In der Präambel des Abkommen Oslo I erkannte die PLO das Existenzrecht Israels in den Grenzen von 1967, also nach dem Sechstagekrieg, an und Israel akzeptierte die PLO als Vertreter des palästinensischen Volkes. Für die Friedensverhandlungen erhielten PLO-Chef Jassir Arafat, Israels Außenminister Shimon Peres und Premier Jitzchak Rabin 1994 gemeinsam den Friedensnobelpreis. Doch die Gründung eines palästinensischen Staates scheiterte. O-TON 15 (Busse, 9.45) Die Rahmenbedingungen dafür waren tatsächlich sehr, sehr schlecht. Und das lag vor allem daran, dass es eben auf beiden Seiten auch Akteure gab, die diesen Oslo-Friedensprozess abgelehnt haben. Auf palästinensischer Seite ist allen voran sicherlich die Hamas und ähnliche Akteure zu nennen, die unter anderem durch Selbstmordattentate auch versucht haben, diesen Friedensprozess zu sabotieren. Auf israelischer Seite wurde der Siedlungsbau unvermindert fortgesetzt, also zwischen 1992 und 2000, also eigentlich dieser Oslo-Phase ungefähr, hat sich die Zahl der Siedler im Westjordanland verdoppelt, gleichzeitig gab es auch dort radikale Kräfte. Der Oppositionspolitiker Netanjahu hat damals sehr stark gegen den Premierminister Rabin gehetzt und ein rechtsextremer, ein jüdischer Attentäter hat Itzhak Rabin dann auch ermordet. SPRECHERIN Nach Oslo I und Oslo II 1995, das unter anderem den gestaffelten Rückzug israelischer Streitkräfte aus palästinensischen Regionen vorsah, gab es mehrere Anläufe, den Friedensprozess wiederzubeleben und mindestens ebenso viele Rückschläge. Die rechts-religiöse Koalition des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu legte 2022 im Regierungsprogramm ein – Zitat – „exklusives und unveräußerliches Recht des jüdischen Volkes auf das ganze Land“ fest. Die radikale Hamas fordert ein Palästina „From the river to the sea“ – also vom Fluss Jordan bis zum Mittelmeer - und stellt damit das Existenzrecht Israels infrage. Derzeit ist keine Lösung in Sicht, allerdings gab es in der Geschichte des Nahost-Konflikts schon oft beachtliche Wendungen. Jan Busse: O-TON 16 (Busse, 15.33) Ich glaube, es ist auch wichtig, die Hamas nicht als Blackbox zu behandeln, sondern sich auch vor Augen zu führen, dass es dort Hardliner gibt. Das sind diejenigen aus meiner Sicht, die eben hauptverantwortlich sind, auch für das Attentat vom 7. Oktober, aber eben auch potenziell Kräfte vorhanden sein könnten, die irgendwann mal einen gewissen Wandel einleiten könnten. Denn letzten Endes: Jassir Arafat ist ursprünglich als Terrorist aktiv gewesen, hat später den Friedensnobelpreis gekriegt. MUSIK SPRECHERIN Eine vergleichbare Wandlung gab es auch bei dem israelischen Politiker Menachem Begin, der von 1977 bis 1983 Ministerpräsident war. O-TON 17 (Weiter) Der hat den Friedensnobelpreis gekriegt für den Frieden mit Ägypten und die britische Mandatsmacht hat ihn Ende der 40er-Jahre noch als Terroristen steckbrieflich gesucht. Also so schnell kann sich da auch einen Wandel im Laufe der Jahrzehnte einziehen, auch wenn das momentan sicherlich schwer vorstellbar ist. MUSIK TC 24:30 – Outro
- 29.04.202435 min
Cinzia schafft es kaum noch, sich auf den Beinen zu halten. Drei Stunden Schlaf, mehr sind nicht drin. So beschreibt die Teenagerin ihre Arbeit auf dem Campingplatz. Dabei darf sie laut Gesetz noch gar nicht arbeiten - weil sie zu jung ist. Sie ist eine von ca. 336.000 Minderjährigen, die arbeiten müssen. Nicht vor langer Zeit, sondern heute. In unserem Nachbarland Italien. Kinderarbeit war in Deutschland länger ein Thema, als die meisten denken: Bis in die 1980er Jahre mussten viele Kinder auch hierzulande hart arbeiten, sogar noch dann, als es schon längst Gesetze dagegen gab. Credits Autorin: Paula Lochte Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Paula Lochte, Enrico Spohn, Kathrin von Steinburg, Marie Jensen Technik: Roland Böhm Redaktion: Andrea Bräu & Yvonne Maier Im Interview: Gertraud Seidl, Ines Kämpfer, Arne Bartram Besondere Linktipps der Redaktion: ARD (2024): Kein Spiel – Kinderarbeit in Deutschland nach 1945 Puppen – für die einen Kinder ein hübsches Spielzeug, für Erika Roth vor allem Arbeit. Schon mit sechs Jahren musste sie nach der Schule der Mutter beim Nähen von Puppenkleidern helfen. Heimarbeit von Kindern war bis in die späten 1970er-Jahre im fränkischen Mönchröden Normalität. Jeden Mittag gingen im Dorf die Fenster auf, die Mütter riefen ihre Kinder heim, zur Arbeit. Als ihre kleine Schwester geboren wurde, musste sich Erika zusätzlich um diese kümmern. Ein Dokumentarfilm von Kirsten Esch erzählt aus der Perspektive von Betroffenen die Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland, die schließlich erst in den 1980er Jahren ein Ende fand. Hier geht’s zum FILM. BR24: Die Entscheidung. Politik, die uns bis heute prägt. Wir haben "1 Thema, 3 Köpfe" weiterentwickelt! Neuer Name, neuer Zuschnitt, noch mehr Tiefe: Es gibt politische Entscheidungen, die unser Leben heute massiv beeinflussen. Wir wollen die Gegenwart verstehen und kehren deshalb mit euch zu diesen Entscheidungen zurück. Was ist damals passiert? Warum? Zusammen mit Expertinnen und Experten und Leuten, die wirklich dabei waren, puzzeln wir die wichtigsten Bausteine zusammen und klären, welche Folgen das Ganze bis heute für uns hat. Jeden Monatsanfang ein aktuelles Thema, tief diskutiert über mehrere Folgen. Hier geht’s zum PODCAST. Linktipps: radioReportage (2023): Mangel an Arbeitskräften – Rückkehr der Kinderarbeit in den USA Zu viel Arbeit für zu wenige Menschen. In vielen Ländern fehlen Arbeitskräfte - auch in den USA. Dort gehen einige Bundesstaaten deshalb einen umstrittenen Weg: Sie setzen darauf, dass Minderjährige mehr arbeiten und haben deshalb die Regeln gelockert. Kinderschützer schlagen Alarm. Sie warnen, dass vor allem junge Migranten ausgenutzt werden. Hier geht’s zur RADIOREPORTAGE. Save the Children (2023): It’s not a game – Save the Children’s Survey on Child Labour in Italy Die englische Zusammenfassung der Erhebung der Kinderrechtsorganisation Save the Children zur Kinderarbeit in Italien. Hier geht’s zu den ERGEBNISSEN. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:37 – Arbeiten wo andere Urlaub machen TC 09:57 – Es geht bergab TC 15:08 – Moderne Sklaverei für Kartoffeln und Salat TC 24:16 – Steckt’s in unserer Kultur? TC 28:52 – Raus aus dem Teufelskreis TC 32:32 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Autorin Sie schafft es kaum, sich auf den Beinen zu halten. Denn sie hat nur drei Stunden geschlafen. Wie gestern. Vorgestern. Und in den Nächten davor. Sie muss die Wasserflaschen in den Minimarkt tragen. Die Regale einräumen. Geputzt hat sie auch noch nicht. Aber die 12-Jährige ist so müde! Also schleppt sie sich zu einer der Liegen auf dem Campingplatz. Behält ihre Turnschuhe vielleicht einfach an. Nur kurz mal hinlegen, dann wird es wieder gehen. Der Chef ist ohnehin noch nicht da, der kommt meistens später. Der 12-Jährigen fallen die Augen zu. Vielleicht hört sie das Meer rauschen, vielleicht träumt sie längst. Über dem Küstenstädtchen Scalea im Süden Italiens färbt sich der Himmel hell ein. Wie viel Zeit ist vergangen? Eine halbe Stunde? Cinzia schreckt hoch. Und schaut direkt in die Augen ihres Chefs. MUSIK Autorin Hallo! Mein Name ist Paula Lochte. Ich bin Reporterin für Radiowissen beim Bayerischen Rundfunk und das hier ist der dreiteilige Podcast: KINDERARBEIT – BEI UNS DOCH NICHT! Ich wollte rausfinden, wie verbreitet Kinderarbeit in Deutschland und anderen Industrieländern war. Und wie wir sie überwunden haben. Im Laufe der Recherche habe ich aber gemerkt: Das alles ist noch nicht vorbei. Weil es Kinderarbeit bei uns viel länger gab, als die meisten denken. Weil die Folgen bis heute spürbar sind. Und weil Kinderarbeit zurückkehrt. Auch in Ländern, die uns ganz nah sind. Kinderarbeit – von wegen „alles Geschichte“. ZSP 01 Collage Ausschnitt Reportage USA (Archivnummer: W0654322 Z00), News: Federal Records described teens suffering injuries from chemical burns then going to school and falling asleep in class. Ines Kämpfer: Die Zahlen haben sich in den letzten paar Jahren wieder verschlechtert, das ist eine Entwicklung, die wir ganz klar in den USA sehen können, aber auch in europäischen Ländern. Cinzia: OV SPR 4 weiblich, jugendlich – Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13. Körperlich war ich am Ende: Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Ines Kämpfer: Wir müssen einen Weg finden, dass die Kinder wirklich zur Schule gehen können und nicht die ganze Familie die ganze Zeit arbeiten muss Ausschnitt Reportage USA (Archivnummer: W0654322 Z00), Gewerkschafter, bereits overvoiced: Gegen Kinderarbeit haben Gewerkschaften schon vor 150 Jahren gekämpft und wir dachten, wir hätten gewonnen Ines Kämpfer: Es ist wirklich ein Teufelskreis. Deshalb ist es so wichtig, den zu unterbrechen. Autorin Das ist Folge 3: Cinzia und der Campingplatz TC 02:37 – Arbeiten wo andere Urlaub machen ZSP 32a SPR 4 OV weiblich, jugendlich Cinzia Mein Name ist Cinzia. Ich bin 17 Jahre alt. Autorin Cinzia hat richtig lange braune Locken. Die gehen ihr bis zur Hüfte. ZSP 32b SPR 4 OV weiblich, jugendlich Cinzia Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13, auf einem Campingplatz. Autorin Einem Campingplatz in Kalabrien: ganz im Süden, am Fußrücken vom italienischen Stiefel, in der 11.000-Einwohner-Stadt Scalea. Die liegt direkt am Meer, umgeben von Bergen. Und ist genau so, wie man sich ein italienisches Küstenstädtchen ausmalt: Am Strand stehen die Liegen, die man mieten kann, dicht an dicht und es gibt eine mittelalterliche Altstadt mit sandfarbenen Häusern und kleinen Gassen, die sich einen Hügel hochschlängeln. Scalea ist ein beliebter Urlaubsort. Aber dort, wo wir unseren Urlaub verbringen, müssen Jungen und Mädchen wie Cinzia arbeiten. Nicht irgendwann mal vor hundert Jahren, sondern jetzt: ZSP 32c SPR 4 OV weiblich, jugendlich Cinzia Ich habe in der Strandbar Kaffee gemacht. Und auf dem Campingplatz gab es eine Art Supermarkt. Dort habe ich in den Schulferien Regale eingeräumt, die Wasserflaschen reingetragen. Ich habe geputzt... Ich war das Mädchen für alles. Die Atmosphäre war sehr angespannt. Und es war anstrengend, ich war ja erst zwölf Jahre alt und habe pro Nacht nur drei Stunden geschlafen. Autorin Drei Stunden Schlaf, bevor es wieder zurück an die Arbeit geht. Für ein Kind! Was klingt wie ein extremer Einzelfall, ist in Wahrheit nur ein Beispiel von vielen: ZSP 33 Collage Italien Sprecher OV ANTONIO: Ich habe mit 14 begonnen, auf dem Bau zu arbeiten. Sprecherin OV MICHAEL: Mit 13 bin ich in die Hotellerie. Sprecherin OV KELLNERIN: Ich habe einen Schusswechsel miterlebt, Schlägereien und Streit, weil ich nachts in einer Bar gearbeitet habe. Sprecher, OV ANTONIO: Ich war von neun Uhr morgens bis abends um acht auf der Baustelle. Für 20 Euro am Tag. Sprecherin, OV KELLNERIN: 14 Stunden am Stück habe ich gearbeitet. Das kam mir endlos vor. Bis auf eine kleine Essenpause stand ich die ganze Zeit hinterm Bartresen. Sprecher, OV VALENTINO*: Mich hat mal ein Obstverkäufer angesprochen und gefragt, ob ich für ihn arbeiten will. Für sechs Stunden Arbeit auf dem Markt habe ich insgesamt 10 oder 15 Euro bekommen. Autorin Das berichten Jugendliche in Italien, in Video-Interviews von Save the Children, der größten nichtstaatlichen Kinderrechtsorganisation weltweit. Im Jahr 2023 hat Save the Children eine Erhebung zu Kinderarbeit in Italien gemacht – und schätzt: 336.000 Kinder zwischen sieben und 15 Jahren haben Kinderarbeit erlebt. Ein Fünftel der 14- bis 15-Jährigen arbeite oder habe gearbeitet, noch vor dem gesetzlichen Mindestalter. Das liegt in Italien bei 16 Jahren. Und fast 30 Prozent dieser Jugendlichen würden unter Bedingungen arbeiten, die ihnen besonders schaden. Das heißt zum Beispiel nachts, oder wenn sie eigentlich zur Schule gehen sollten. Oder sie müssen körperlich anstrengende und gefährliche Aufgaben übernehmen: ZSP 34a Sprecher Auf der Baustelle ist einer der anderen Jungen vom Gerüst gefallen. … Autorin … erzählt beispielsweise ein junger Migrant aus Tunesien. ZSP 34b Sprecher Ich bin weggelaufen, denn wenn hier in Italien der Krankenwagen kommt, müssen die eine ordentliche Meldung machen an die Behörden. Weil der Junge ohne Vertrag gearbeitet hat. Autorin Genau wie er selbst. Oder wie Cinzia auf dem Campingplatz: ZSP 35 Cinzia - Cinzia, OV: Ich bin mit meiner Mutter arbeiten gegangen, die hat dort gearbeitet, also hat sie mich mitgenommen. -Nachfrage, OV: Sie wurde bezahlt? -Cinzia, OV: Ja, und ich bin mit, um ihr zu helfen. Also habe ich selbst keinen richtigen Lohn bekommen, halt manchmal ein bisschen was. Autorin Die zweite Stimme, die hier zu hören ist, gehört auch einer Jugendlichen. Die führt das Interview, im Rahmen eines Videoprojekts von Save the Children. Ich hätte gern selbst mit Cinzia und anderen Betroffenen gesprochen. Aber das war nicht möglich – um sie zu schützen. Denn die NGO will generell keine Medieninterviews mit arbeitenden Kindern und Jugendlichen vermitteln, weil die Folgen verheerend sein können: Die Arbeitgeber könnten die Kinder und ihre Familien unter Druck setzen. Viele sind eingewandert und haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus. Und manche der Kinder und Jugendlichen haben so Schlimmes erlebt, dass sie traumatisiert sind. Save the Children hat mir aber das Videomaterial zur Verfügung gestellt, 40 Interviews, die Jugendliche in Scalea, Turin, Palermo und Rom mit Betroffenen aufgezeichnet haben. Die Interviewten sind anonymisiert: Wir erfahren nur ihre Vornamen. Manche sind auch so gefilmt, dass ihr Gesicht nicht erkennbar ist. Cinzia hingegen spricht meist direkt in die Kamera: ZSP 36a SPR 4 weiblich, jugendlich Cinzia Ich musste Non-Stop arbeiten. Ich habe von morgens bis abends gearbeitet, drei Stunden geschlafen, dann ging es wieder los. Körperlich war ich am Ende. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Autorin Manchmal beginnt Cinzia schon um fünf Uhr morgens mit der Arbeit auf dem Campingplatz. Manchmal ist sie erst weit nach Mitternacht fertig. An einem Morgen ist sie so müde, dass sie denkt, sie kippt gleich um: ZSP 36b Cinzia Morgens, als ich am Campingplatz angekommen bin, war ich noch todmüde. Also habe ich mir eine Standliege geschnappt und mich hingelegt. Unser Chef kam sowieso immer erst später… Autorin Das ist der Moment vom Anfang dieser Folge. An diesem Morgen kommt der Inhaber doch früher: ZSP 36c Cinzia … Und ich weiß noch, wie er mich zusammengeschissen hat, weil er mich schlafend auf der Liege erwischt hat, weil ich eine halbe Stunde ein Nickerchen gemacht habe. Autorin Am liebsten würde ich mich vor Cinzia stellen und zurückstänkern: Er bricht hier Gesetze, er lässt ein zwölfjähriges Mädchen für sich arbeiten! Ohne Pausen oder genug Schlaf. Und dann spielt er sich auf, weil sie nicht mehr kann? MUSIK Autorin EU-weit gilt: Wer arbeitet, muss mindestens 15 Jahre alt sein. Da gibt es nur ganz wenige Ausnahmen, zum Beispiel in den Bereichen Kunst oder Sport. Beides war hier nicht der Fall. Auch in den Schulferien sind acht Stunden Arbeit pro Tag das Maximum. Cinzia musste mehr als doppelt so lang arbeiten! Und dann ja auch noch nachts. Das ist in dieser Form in EU-Ländern erst für Volljährige erlaubt. Immerhin: Nach einem Monat ist der Spuk vorbei. Cinzia geht wieder zur Schule und kehrt nie mehr auf den Campingplatz zurück. Sie wird zwar auch danach noch neben der Schule arbeiten, aber nur dort, wo man sie besser behandelt. Schwerer haben es da die vielen Kinder und Jugendlichen, die bei ihren eigenen Familien arbeiten müssen. Die können nicht einfach sagen: „Ich gehe.“ Wie zum Beispiel dieses 15-jährige Mädchen aus Rom, das anonym bleiben will: MUSIK TC 09:57 – Es geht bergab ZSP 37a Anonymes Mädchen Ich habe als Kellnerin in unserem Familienlokal gearbeitet. Nicht für mich, sondern um meiner Familie zu helfen. Autorin Das sagen viele Betroffene. Dass sie durch die Arbeit die Geldnot ihrer Eltern lindern und den Betrieb der Familie unterstützen wollen. Aber wer unterstützt die Kinder? Insbesondere Mädchen laufen Gefahr, bei der Arbeit Opfer sexueller Belästigung zu werden, gerade in Restaurants und Bars: ZSP 37b Anonymes Mädchen Einmal, als ich die Flaschen von den Tischen abgeräumt habe, hat mich plötzlich einer der Gäste angegrapscht. Mein Onkel hat ihm gesagt. „Nein!“. Und meinte dann zu mir, naja, das kann passieren, der hat ein bisschen zu viel getrunken. Für mich war das aber eine Grenzüberschreitung. Ich bin dankbar, dass mein Onkel da war und dem ein Ende bereitet hat. Ich habe auch gar kein Wort dafür, was da passiert ist. (Seufzt) Das war so respektlos. MUSIK Autorin Die meisten Kinder und Jugendlichen in Italien arbeiten, wie das eben gehörte Mädchen, in der Gastronomie, über ein Viertel. Gefolgt von der Arbeit in Geschäften, auf dem Feld oder der Baustelle. So das Ergebnis der Erhebung von Save the Children. Weil es keine offiziellen Zahlen zu Kinderarbeit in Italien gibt, hat die NGO selbst über 2.000 Kinder und Jugendliche befragt, in einer repräsentativen Stichprobe. Und ergänzend die Erfahrungen von Sozialarbeitern, Lehrerinnen und Sozialdiensten erhoben. ...
- 29.04.202430 min
Gertraud fügt sich ihrem Schicksal. Auf dem Hof ihrer Eltern übernimmt sie immer mehr Verantwortung. An einem Sommertag 1958 trocknet draußen das Heu, als ein Gewitter aufzieht. Gertraud muss schnell sein, damit die ganze Arbeit nicht umsonst war - und bringt sich in Lebensgefahr. Mehr als 100 Jahre früher: Die zwölfjährige Margaret "Mattie" Knight arbeitet in einer Baumwollfabrik, wo sie 1850 Zeugin eines Unfalls wird. Das bringt sie auf eine Idee. Was verbindet die beiden Mädchen? Und warum endet die Geschichte der Kinderarbeit nicht mit Mattie, und auch nicht mit Gertraud? Kinderarbeit war in Deutschland länger ein Thema, als die meisten denken: Bis in die 1980er Jahre mussten viele Kinder auch hierzulande hart arbeiten, sogar noch dann, als es schon längst Gesetze dagegen gab. Credits Autorin: Paula Lochte Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Paula Lochte, Enrico Spohn, Edith Saldanha, Kathrin von Steinburg Redaktion: Andrea Bräu & Yvonne Maier Im Interview: Gertraud Seidl, Ines Kämpfer, Arne Bartram Ein besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2024): Kein Spiel – Kinderarbeit in Deutschland nach 1945 Puppen – für die einen Kinder ein hübsches Spielzeug, für Erika Roth vor allem Arbeit. Schon mit sechs Jahren musste sie nach der Schule der Mutter beim Nähen von Puppenkleidern helfen. Heimarbeit von Kindern war bis in die späten 1970er-Jahre im fränkischen Mönchröden Normalität. Jeden Mittag gingen im Dorf die Fenster auf, die Mütter riefen ihre Kinder heim, zur Arbeit. Als ihre kleine Schwester geboren wurde, musste sich Erika zusätzlich um diese kümmern. Ein Dokumentarfilm von Kirsten Esch erzählt aus der Perspektive von Betroffenen die Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland, die schließlich erst in den 1980er Jahren ein Ende fand. Hier geht’s zum FILM. Literaturtipps: Sven Beckert (2019): King Cotton – Eine Geschichte des globalen Kapitalismus Vor mehr als 250 Jahren wurde das Reich errichtet, in dem King Cotton herrscht. Krieg, Sklaverei und Ausbeutung standen an seiner Wiege. Während fremde Kulturen rücksichtslos zerschlagen wurden, häuften Händler im Zusammenspiel mit der Staatsgewalt enorme Vermögen an. Ein neues ökonomisches Prinzip begann seinen Siegeszug. Sven Beckert schildert die Geschichte des Kapitalismus im Spiegel eines Produktes, das heute jeder von uns am Leibe trägt - der Baumwolle. Hier geht’s zum BUCH. Alexisde Tocqueville (1835): Notizen von einer Reise nach England Ein Bericht über die Zustände im englischen Manchester – die Wiege der Industrialisierung. Autumn Stanley (1995): Mothers and Daughters of Invention – Notes for a Revised History of Technology Über Margaret „Mattie“ Knight und andere vergessene Erfinderinnen. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 04:12 – Geboren in die Wiege der Industrialisierung TC 08:52 – Ein Tag mit 16 Stunden TC 14:30 – „Wer nicht hören will, muss fühlen“? TC 16:18 – Weberhusten TC 19:57 – Ein Tag, der Leben veränderte TC 23:35 – Der Unfall TC 29:10 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Autorin Ein Sommertag 1958 im Dorf Motzenhofen in der Nähe von Augsburg. Gertraud und ihre Geschwister sind erschöpft. Stundenlang haben sie Gras gemäht. Das liegt jetzt auf dem Feld und trocknet. Da zieht ein Gewitter auf. Jetzt heißt es schnell sein, sonst war die ganze Arbeit umsonst: Wenn das Heu in den Pfützen liegen bleibt, fault es. Die Eltern sind nicht da, deshalb sind die Kinder auf sich allein gestellt. Also schickt ihre große Schwester Gertraud auf den Scheunenboden, um die „Hoanzn“ zu holen – das sind Holzgestelle, auf denen man das Gras zum Trocknen aufhängen kann. Gertraud ist mittlerweile 14 Jahre alt. Und sie hat das schon zigmal gemacht. Hoch auf den Scheunenboden geht es am schnellsten, wenn sie nicht bis zur Leiter am anderen Ende des Stalls läuft, sondern einfach an der Bretterwand gleich neben dem Eingang hochklettert. Also hangelt sie sich Brett für Brett rauf. Unten wartet ihre Schwester, um die Gestelle entgegenzunehmen. Gertraud ist fast oben, da gibt das oberste Brett nach und sie stürzt mehrere Meter nach unten: ihr Kopf schlägt auf dem Betonboden auf. MUSIK Autorin Hallo! Mein Name ist Paula Lochte. Ich bin Reporterin für Radiowissen beim Bayerischen Rundfunk und das hier ist der dreiteilige Podcast: KINDERARBEIT – BEI UNS DOCH NICHT! Ich wollte rausfinden, wie verbreitet Kinderarbeit in Deutschland und anderen Industrieländern war. Und wie wir sie überwunden haben. Im Laufe der Recherche habe ich aber gemerkt: Es ist noch nicht vorbei. Weil es Kinderarbeit bei uns viel länger gab, als die meisten denken. Weil die Folgen bis heute spürbar sind. Und weil Kinderarbeit zurückkehrt. Auch in Ländern, die uns ganz nah sind. Kinderarbeit – von wegen „alles Geschichte“. ZSP 01 Collage Cinzia: OV SPR 4 weiblich, jugendlich – Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13. Körperlich war ich am Ende: Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Ines Kämpfer: Wir müssen einen Weg finden, dass die Kinder wirklich zur Schule gehen können und nicht die ganze Familie die ganze Zeit arbeiten muss Ausschnitt Reportage USA (Archivnummer: W0654322 Z00), Gewerkschafter, schon overvoiced: Gegen Kinderarbeit haben Gewerkschaften schon vor 150 Jahren gekämpft und wir dachten, wir hätten gewonnen Gertraud Seidl: Ich habe geheult, weil ich nicht mehr in die Schule hab gehen dürfen. Weil ich habe gerne gelernt. Arne Bartram: Der Trend aktuell ist, dass Gesetze aufgelockert werden und dass man das Risiko eingeht, dass man junge Menschen verheizt. Gertraud Seidl: Ich habe vier Wochen im Krankenhaus liegen müssen und habe nicht aufstehen dürfen. Ines Kämpfer: Es ist wirklich ein Teufelskreis. Deshalb ist es so wichtig, den zu unterbrechen. Autorin Das ist Folge 2: Mattie und der Webstuhl MUSIK Autorin Die Geschichte von Mattie erinnert an die von Gertraud. Auch sie arbeitet schon als Kind. Auch sie träumt davon, zur Schule zu gehen und zu studieren, vergeblich. Und auch sie erlebt einen Unfall – nur über 100 Jahre früher als Gertraud. In der Zeit, die den meisten von uns sofort in den Kopf kommt, wenn wir das Wort „Kinderarbeit“ hören: die Zeit der Industrialisierung. Kinderarbeit gab es zwar auch schon vorher. In Familien, für Feudalherren oder Sklavenhalter. Aber mit der industriellen Revolution ab Mitte des 18. Jahrhunderts nimmt die Kinderarbeit neue Ausmaße an. Warum müssen damals Millionen Kinder in Fabriken schuften, durch enge Kohleschächte kriechen und Ziegel schleppen? Wie gefährlich ist das? Und wann wird es unterbunden? Um diese Fragen geht es in dieser Folge. Und ich möchte auch erzählen, warum das Mädchen Mattie im Alter von gerade mal zwölf Jahren eine Schlüsselrolle spielt, als es darum geht, Unfälle in Textilfabriken zu verhindern. Dafür müssen wir in der Zeit zurückreisen. Ins 19. Jahrhundert. TC 04:12 – Geboren in die Wiege der Industrialisierung ATMO Fabriken, Dampfmaschinen, Webstühle Sprecher Ein dichter schwarzer Qualm liegt über der Stadt. Die Sonne scheint hindurch als strahlenlose Scheibe. (…) Tausend Geräusche ertönen unablässig in diesem feuchten und finsteren Labyrinth, die Schritte einer geschäftigen Menge, das Knarren der Räder, die ihre gezahnten Ränder gegeneinander reiben, das Zischen des Dampfes, der dem Kessel entweicht, das gleichmäßige Hämmern des Webstuhles, das schwere Rollen der sich begegnenden Wagen. Autorin So beschreibt der französische Publizist Alexis de Tocqueville 1835 in einem Reisebericht Manchester. Die englische Stadt gilt als Wiege der Industrialisierung. Sprecher Oben auf den Hügeln erheben sich dreißig oder vierzig Fabriken. Ihre sechs Stockwerke ragen in die Luft. (…) Um sie herum liegen wie willkürlich verstreut die kümmerlichen Behausungen der Armen; man gelangt zu ihnen auf zahlreichen gewundenen Pfaden. (…) Um dieses Asyl des Elends herum wälzt einer der Bäche langsam sein stinkendes, von den Industriearbeiten schwarz gefärbtes Wasser. Aus dieser stinkenden Kloake entspringt der stärkste Strom menschlichen Gewerbe-Fleißes, von hier aus befruchtet er die Welt. Autorin Nachdem er Manchester besucht hat, will der amerikanische Unternehmer Samuel Blodget genau so eine Stadt auch in den USA errichten: Er spricht vom „Manchester of America“. Und dieser Traum – oder eher Alptraum – wird wahr. Im Bundesstaat New Hampshire an der Ostküste entsteht eine neue Stadt, deren Fluss genauso stinkt und wo die Schlote der Textilfabriken genauso die Luft verpesten wie in England. Diese Stadt erhält 1810 denselben Namen wie ihr Vorbild: Manchester. Und in dieser Stadt wächst Mattie auf. MUSIK Autorin Sie hat dunkle Haare und helle Augen. „Mattie“ – das ist ihr Spitzname. Ihre Familie und Freunde nennen sie so. Geboren wird sie 1838 als Margaret Eloise Knight. Sprecherin Alles, was ich als Kind wollte, waren ein Klappmesser, ein Handbohrer und ein paar Holzstücke. Meine Freunde waren entsetzt. Man hat mich einen Tomboy, einen Wildfang, genannt, aber das hat mich nicht sonderlich beeindruckt. Manchmal seufzte ich, weil ich nicht wie die anderen Mädchen war, aber ich kam zu dem Schluss, dass ich nicht anders konnte und suchte Trost in meinen Werkzeugen. Autorin Das hat Mattie 1872 einer Reporterin erzählt. Mattie erinnert mich total an die Bauerntochter Gertraud. Denn die war als Kind auch ein Tomboy, hat sich also nicht an Geschlechterrollen gehalten. ZSP 24 Interview Gertraud - Gertraud: Ich weiß! 14 war ich. Da habe ich zum Geburtstag Seidenstrümpfe gekriegt. Das war ja vorher nicht. Und da habe ich Seidenstrümpfe gekriegt, aber am Nachmittag bin ich dann mit den Seidenstrümpfen den Baum hochgestiegen, da waren sie kaputt. (Lacht) - Autorin: (Lacht) Also Sie waren ein Wildfang! - Gertraud: Lebendig. Autorin Vielleicht hätte Mattie das an Gertrauds Stelle auch gemacht. Bei ihr selbst, rund 100 Jahre früher, hat das Geld vermutlich nie für teure Seidenstrümpfe gereicht. Als sie sechs ist, stirbt nämlich ihr Vater und ab da ist das Geld noch knapper als ohnehin schon. Ihr Vater war Schreiner. Und auch Mattie hat handwerkliches Talent, das wird später noch wichtig werden. Aber schon als sie klein ist, macht dieses Talent ihr Leben schöner – und das ihrer beiden älteren Brüder auch: Sprecherin Ich habe ständig etwas für meine Brüder gebastelt; wenn sie etwas zum Spielen brauchten, haben sie immer gesagt: „Mattie macht das für uns.“ Ich war berühmt für meine Drachen, und wegen meiner Schlitten haben mich alle Jungs in der Stadt beneidet und bewundert. Autorin Aber mit dem Tod des Vaters verändert sich das Leben der Kinder: Erst müssen die beiden älteren Brüder von der Schule abgehen und in der Textilfabrik malochen. Und dann auch Mattie. Mitte des 19. Jahrhunderts gehen in den USA nur die Hälfte der Kinder überhaupt zur Schule – bei den Mädchen nochmal weniger und bei nicht-weißen Kindern sind es sogar nur 17 Prozent. Um in den Fabriken die Maschinen zu bedienen, brauchen sie keine Ausbildung. Und eine allgemeine Schulpflicht, wie wir sie heute kennen, gibt es damals noch nicht. Die setzt sich in den USA genau wie in Deutschland erst durch, nachdem 1918 der Erste Weltkrieg endet: ZSP 25 Philipp Scheidemann (SPD) ruft die Republik aus Arbeiter und Soldaten, der unglückselige Krieg ist zuende! … Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik! ATMO Fabrik TC 08:52 – Ein Tag mit 16 Stunden Autorin Für Mattie auf der anderen Seite des Atlantiks kommen die neuen Gesetze zu spät. Die Grundschule kann sie zwar noch beenden, aber als sie etwa zehn Jahre alt ist, 1848, muss auch sie in die Fabrik. Genau wie ihre Brüder und ihre Mutter arbeitet sie nun für die Amoskeag Manufacturing Company– das ist zwischenzeitlich die größte Textilfabrik der Welt. Und ein Ort, der vielen von uns vertrauter ist, als wir denken: Denn hier weben Ende des 19. Jahrhunderts Kinderhände den Stoff für ein legendäres Kleidungsstück: die ersten Levi’s-Jeans. Die roten Backsteingebäude der Company erstrecken sich damals über die gesamte östliche Flussseite von Manchester in New Hampshire. Sprecher Jede der Fabriken hatte ihren eigenen Glockenturm. (…) Wenn die Glocken läuteten, war es Zeit, nach Hause zu gehen. Die Leute strömten durch die Fabriktore auf die Canal Street und über die Brücke. 9.000 Leute, die durcheinander wuselten, scherzten und versuchten, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Autorin So beschreibt es ein Arbeiter später. Unter diesen Tausenden von Menschen sind viele Kinder. Kinder wie Mattie. Von ihr selbst gibt es aber keinen Bericht darüber, wie es ist, in der Baumwollspinnerei zu arbeiten. Und das ist damals leider ein generelles Problem: Kinder schuften täglich bis zu 16 Stunden, fallen ins Bett, nur um am nächsten Morgen gleich wieder arbeiten zu gehen. Wer schafft es da noch, zum Beispiel Tagebuch zu schreiben? Und es können ja noch nicht mal alle schreiben. MUSIK Dass es überhaupt Zitate von Mattie gibt, kommt daher, dass sie ein paar Mal interviewt wurde. Vor dieser Recherche kannte ich sie zwar noch nicht, aber in den USA ist sie relativ berühmt. Warum – dazu kommen wir noch. ATMO Fabrik Autorin Mattie geht ab 1848 also nicht mehr zur Schule, sondern in eine Fabrikhalle. In Hallen wie diesen ist es heiß, stickig und so laut, dass man nicht mal sein eigenes Wort versteht. Sprecher „Kinder von 5 Jahren an sitzen in der unbequemsten Lage, mit zusammengezogenen Beinen und gebücktem Rücken in überfülltem Raume am Spulrad. (...) Schwächlinge, übermüdet, der Kopf grindig, die Augen triefend, die Brust schwindsüchtig, der Magen leidend; zum Militärdienst taugten sie nicht, in die Schule kamen sie nicht, und verirrte solch ein Geschöpf sich einmal dahin, so fand es wenigstens auf einige Augenblicke Schlaf und die Ruhe, welche ihm sonst die schreckliche Stimme des Werkmeisters raubten.“ Autorin Wie es in den neu errichteten Fabriken zugeht, schildern, wie in dem eben gehörten Bericht über deutsche Textilfabriken, meist Erwachsene. Vor allem Beamte, Mediziner oder Intellektuelle. Kinder kommen nicht zu Wort, haben keine Stimme. Auch auf meiner Suche nach Quellen von Kindern in Fachbüchern und Katalogen historischer Ausstellungen bleibe ich lange erfolglos. Aber dann werde ich doch noch fündig! Auf einer Plattform mit Arbeitsblättern für den Geschichtsunterricht lese ich zum ersten Mal den Namen Ellen Hootton. Ein Mädchen aus Großbritannien. Von ihr gibt es Zitate! Denn sie sagt 1833 vor der Königlichen Untersuchungskommission für Fabriken aus. Und zwar auf Initiative von Aktivisten aus der britischen Mittelschicht, die sich gegen Kinderarbeit einsetzen. Wie die zehnjährige Ellen ihre Arbeit beschreibt, könnte genauso gut von Mattie kommen: Sprecherin Mein Arbeitstag beginnt morgens um halb sechs und endet abends um acht. Ich bin Flicker an der Drosselspinnmaschine. Autorin Ein ähnlicher Job, wie ihn auch Mattie übernehmen muss: Sprecherin Ich arbeite in einem Raum mit 25 anderen: drei Erwachsene, der Rest sind Kinder. Ich knote gerissene Fäden wieder zusammen. Autorin Die Fäden, die auf den Spulen der Spinnmaschinen aufgezogen werden, reißen oft mehrmals pro Minute. Die Kinder haben also nur Sekunden, um sie wieder zusammenzuknoten. Sprecherin „Ich schaff das nicht“, das habe ich meiner Mutter gesagt. Aber die schickt mich trotzdem in die Fabrik. Ich bin deshalb schon mehrmals weggelaufen. Autorin Familien wie die von Ellen oder Mattie sind in so einer Geldnot, dass sie auf den Lohn der Kinder angewiesen sind, und sei der noch so klein. In einem deutschen Bericht über Kinderarbeit heißt es damals, Kinder unter zwölf bekämen nur etwa zehn Prozent des Arbeitslohnes eines Erwachsenen. Kinder sind also verdammt billige Arbeitskräfte und steigern so den Profit der Unternehmer. Die freuen sich auch, dass Kinder weil sie so klein sind, sogar durch die niedrigsten Stollen kommen. Oder dass ihre winzigen Hände so „flink“ Fäden zusammenknüpfen. Sprecherin Wenn ich einen Fehler mache, schlägt mich der Aufseher Mister Swanton – oder er nimmt einen Lederriemen und peitscht mich aus. Das passiert alle paar Tage. Mit seinen Händen macht er, dass mein Kopf wehtut. Autorin Das erzählt die zehnjährige Ellen Hootton vor dem Fabrikausschuss. Sprecherin Einmal, als ich zu spät gekommen bin, hat mir der Aufseher Eisengewichte umgehängt. Ich musste damit in der Fabrikhalle auf und ab laufen. Das ging nur gebückt, so schwer waren die. Die anderen Arbeiter haben sich über mich lustig gemacht. Sie haben mich im Vorbeigehen beschimpft und gezwickt, bis ich hingefallen bin. Autorin Kinder wie Ellen und Mattie sind in der Industrialisierung grauenhafter, für uns heutzutage unvorstellbarer Gewalt und Willkür ausgesetzt. TC 14:30 – „Wer nicht hören will, muss fühlen“? MUSIK Autorin Über 100 Jahre später, in den fünfziger Jahren. Im schwäbischen Dorf Motzenhofen – darf auch die Bauerntochter Gertraud auf keinen Fall zu spät zu kommen: ZSP 27a Interview Gertraud - Autorin: Wissen Sie noch, wovor Sie als Kind Angst hatten? - Gertraud: Ja, dass man einfach, wenn man nicht rechtzeitig zum Essen gegangen ist, dass man da… da hat es dann Schimpfe gegeben, wenn man nicht gekommen ist. Da hat dann Mama zur Tür rausgeplärrt, da sind wir gerannt. Vor was habe ich noch Angst gehabt? (Wird leiser, wirkt bedrückter) In Keller bin ich nicht gern gegangen, denn bei uns ist man, wenn man was angestellt hat, in den Keller gesperrt worden. Und da war ich mehrmals drunten. Keller habe ich gar nicht mögen! ...
- 24.04.202427 min
Gertraud Seidl aus der Nähe von Augsburg ist stolz: Sie ist vier Jahre alt und darf nun endlich auch mit auf die Weide und ihren Schwestern beim Hüten der Kühe helfen. Es bleibt aber nicht bei dieser Aufgabe. Auf dem Bauernhof ihrer Eltern ist in den 1950er Jahren so viel zu tun, dass sie nur wenig Zeit zum Spielen und für die Schule übrig hat. Dabei macht ihr nichts so viel Spaß wie zu lesen und zu lernen. Als sie in der achten Klasse ist, treffen ihre Eltern hinter ihrem Rücken eine folgenschwere Entscheidung. Kinderarbeit war in Deutschland länger ein Thema, als die meisten denken: Bis in die 1980er Jahre mussten viele Kinder auch hierzulande hart arbeiten, sogar noch dann, als es schon längst Gesetze dagegen gab. Credits Autorin: Paula Lochte Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Paula Lochte, Enrico Spohn, Edith Saldanha Redaktion: Andrea Bräu & Yvonne Maier Im Interview: Gertraud Seidl, Ines Kämpfer, Arne Bartram Ein besonderer Linktipp der Redaktion: ARD (2024): Kein Spiel – Kinderarbeit in Deutschland nach 1945 Puppen – für die einen Kinder ein hübsches Spielzeug, für Erika Roth vor allem Arbeit. Schon mit sechs Jahren musste sie nach der Schule der Mutter beim Nähen von Puppenkleidern helfen. Heimarbeit von Kindern war bis in die späten 1970er-Jahre im fränkischen Mönchröden Normalität. Jeden Mittag gingen im Dorf die Fenster auf, die Mütter riefen ihre Kinder heim, zur Arbeit. Als ihre kleine Schwester geboren wurde, musste sich Erika zusätzlich um diese kümmern. Ein Dokumentarfilm von Kirsten Esch erzählt aus der Perspektive von Betroffenen die Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland, die schließlich erst in den 1980er Jahren ein Ende fand. Hier geht’s zum FILM. Literaturtipps: Anna Wimschneider (1985): Herbstmilch – Lebenserinnerungen einer Bäuerin „Herbstmilch“ ist die Lebensgeschichte der Bäuerin Anna Wimschneider – ein Dokument des 20. Jahrhunderts, das vom Schicksal der kleinen Leute handelt, von Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen und ihr Leben bewältigen, aufrecht und unerschütterlich. Anna Wimschneiders Erinnerungen beginnen mit dem frühen Tod der Mutter, die eine neunköpfige Familie hinterlässt und deren Pflichten ganz selbstverständlich die achtjährige Tochter Anna übernehmen muss. Hier geht’s zum BUCH. Heinrich von der Haar (2020): Kinderarbeit in Deutschland Über 500.000 Kinder arbeiten für Lohn, die Hälfte verbotenerweise – bei einem unzureichenden Kinderarbeitsschutz. Die familiären Notlagen sind weitgehend unsichtbar und scheinen unerheblich. Die Scham der aus Not arbeitenden Kinder und ihrer Familien verstärkt das Tabu und den Eindruck geldgieriger Kinder, sodass die Schutzbedürftigkeit unwesentlich zu sein scheint. Erschreckend wenig wissen wir über die Lage arbeitender Kinder. Gleichgültig stehen viele der Vernachlässigung der Schule und den gesundheitlichen Schäden durch Kinderarbeit gegenüber. Hier geht’s zum BUCH. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 04:06 – Eine Reise in Gertrauds Vergangenheit TC 09:14 – Tag ein, Tag aus TC 11:47 – Was dich nicht umbringt, macht dich stärker? TC 13:41 – Rübenzeit statt Schule TC 21:07 – „Schade, Gertraud“ TC 25:09 – Kampf gegen Armut TC 26:11 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Autorin Sie weiß noch, dass sie geweint hat. Vielleicht in ihrem Zimmer. Wenn es so war, dann musste sie die Treppe hoch, bis unters Dach. Weil sie sich den Raum mit ihren Geschwistern teilt, geht sie wahrscheinlich direkt zu ihrem Bett und zieht sich die Decke über den Kopf. Gertraud ist 13 Jahre alt. Das Bett ist ihr Versteck. Der einzige Ort, der nur ihr gehört. Irgendetwas drückt ihr schmerzhaft in die Rippen. Sie tastet nach der Ursache: ein Buch. Sie hat es im Bett versteckt, damit ihre Eltern es nicht bemerken. Abends, wenn sie eigentlich schlafen soll, liest das Mädchen. Mit Taschenlampe unter der Bettdecke. Die meisten Bücher aus der Bücherei hat sie schon zweimal gelesen. Sie träumt sich so weg: zu den Abenteuern von Winnetou und Old Shatterhand, nach Amerika. Dort will sie hin – obwohl sie kein Wort Englisch kann. Das Schulfach hatte sie nämlich noch nicht. Und das wird auch so bleiben. Gertraud wird nie Englisch lernen. Nie raus in die Welt, wie sie es sich erträumt hat. Denn ihre Eltern haben eine Entscheidung getroffen – gegen ihren Willen. MUSIK Autorin Hallo! Mein Name ist Paula Lochte. Ich bin Reporterin für Radiowissen beim Bayerischen Rundfunk und das hier ist der dreiteilige Podcast: KINDERARBEIT: BEI UNS DOCH NICHT! Ich wollte rausfinden, wie verbreitet Kinderarbeit in Deutschland und anderen Industrieländern war. Und wie wir sie überwunden haben. Im Laufe der Recherche habe ich aber gemerkt: Es ist noch nicht vorbei. Weil es Kinderarbeit bei uns viel länger gab, als die meisten denken. Weil die Folgen bis heute spürbar sind. Und weil Kinderarbeit zurückkehrt. Auch in Ländern, die uns ganz nah sind. Kinderarbeit – von wegen „alles Geschichte“. ZSP 01 Collage Ines Kämpfer: Die Zahlen haben sich in den letzten paar Jahren wieder verschlechtert, das ist eine Entwicklung, die wir ganz klar in den USA sehen können, aber auch in europäischen Ländern. Cinzia: OV SPR 4 weiblich, jugendlich Zum ersten Mal gearbeitet habe ich mit zwölf oder 13. Körperlich war ich am Ende: Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Ausschnitt Reportage USA overvoiced: Gegen Kinderarbeit haben Gewerkschaften schon vor 150 Jahren gekämpft und wir dachten, wir hätten gewonnen. Gertraud Seidl: Ich habe geheult, weil ich nicht mehr in die Schule hab gehen dürfen. Weil ich habe gerne gelernt. Arne Bartram: Der Trend aktuell ist, dass Gesetze aufgelockert werden und dass man das Risiko eingeht, dass man junge Menschen verheizt. Ines Kämpfer: Dass diese Kinder dann häufig in sehr gefährliche Arbeit eingegliedert werden. Gertraud Seidl: Ich habe vier Wochen im Krankenhaus liegen müssen und habe nicht aufstehen dürfen. Ines Kämpfer: Es ist wirklich ein Teufelskreis. Und Deshalb ist es so wichtig, den zu unterbrechen. Autorin Das ist Folge 1: Gertraud und der Bauernhof. ATMO Dorf Autorin Bei „Kinderarbeit“, da denke ich als Erstes an Länder wie Bangladesch. Oder ans 19. Jahrhundert. Ganz lang her, ganz weit weg. Das geht nicht nur mir so. Unter den häufigsten Google-Suchanfragen zu Kinderarbeit sind: „Kinderarbeit Industrialisierung“ und „Kinderarbeit in Indien“. Aber ich musste überhaupt nicht weit reisen, um hier und jetzt eine Person zu treffen, die als Kind schwer gearbeitet hat. Und die damit wohl für eine ganze Generation steht, vor allem auf dem Land. ATMO Straße/ Dorf/ Wind Autorin 25 Kilometer von Augsburg entfernt liegt das kleine Motzenhofen. Ich gehe jetzt hier an Feldern vorbei. Also da, wo der Ort beginnt, und da wo er aufhört, sind jeweils Felder. Und es ist eine ganz kleine Ortschaft: Die Häuser sind dicht an dicht, eine Straße führt durch den Ort und die ist schon ganz schön befahren. ATMO Auto fährt vorbei Hier treffe ich gleich Gertraud Seidl. Die ist hier geboren, aufgewachsen, jetzt fast 80, lebt hier immer noch und ich bin schon ganz gespannt, wie sie ihre Kindheit hier erlebt hat an diesem Ort, und wie er sich vielleicht auch verändert hat seitdem. TC 04:06 – Eine Reise in Gertrauds Vergangenheit ATMO Schritte Autorin Ich biege auf einen Hof ein. Vorne ein kleiner Gemüsegarten, hinten eine Scheune und ein weiß verputzter Stall mit Platz für mehrere Dutzend Kühe. Wo früher ein altes Bauernhaus war, steht jetzt ein Neubau. ATMO Klingel, Tür geht auf - Sohn: Hallo? - Autorin: Hallo, ich bin Paula Lochte vom BR, ich bin verabredet mit Ihrer … - Sohn: Mutter! - Gertraud: Huch, ich habe Sie gar nicht gehört! Grüß Gott. Oh, haben Sie kalte Hände! - Autorin: Ist ein bisschen kalt draußen. - Gertraud: Ich habe selbst immer warme. Ich schaue mal, ob ich Pantoffeln für Sie habe. Autorin Gertraud führt mich zu einer Eckbank in einer großen Wohnküche. Am Esstisch malen ihre zwei Enkelinnen mit Buntstiften Ausmalbilder aus. Ein Mehrgenerationenhaus: Unten wohnt Gertraud, oben ihr Sohn mit seiner Frau und den Zwillingstöchtern. - Gertraud: So, geht ihr hoch jetzt zum Papa, oder? - Enkelin: Ich bleib da! - Gertraud: Ja, bleibsch da. - Enkelin: kichert - Gertraud: Habt ihr überhaupt gesagt, wie alt ihr seid? - Enkelinnen: Vier! - Autorin: Vier! Atmo (unter Text) Autorin Gertraud nimmt gegenüber von ihren Enkelinnen Platz. - Gertraud: „Dann schauen wir mal: Oma hat Schulstunde. - Enkelin: Nur anschauen – Gertraud: Ja, nur mit den Augen anschauen, ein Mikrofon ist das, was die Frau da hat, siehst du. – Enkelin: Ja. (Lachen) MUSIK Autorin Auf einmal ist es wie bei diesen Postkarten mit den Wackelbildern: Ich sehe die Frau, die fast 80 ist. Aber wenn ich zu ihren Enkelinnen blicke, mit ihren zerzausten weißblonden Haaren und dem schelmischen Grinsen, dann ist es, als würde ich Gertraud als kleines Mädchen sehen. MUSIK hoch Als sie vier Jahre alt wird, 1948, da ist Gertraud richtig stolz. Denn sie ist endlich alt genug: ZSP Gertraud Kühe hüten (enthusiastisch) Zuerst ist man mitgelaufen und dann hat man, wenn die Großen das können, dann muss der Kleine hinten nach auch können. Man hat ja immer wollen! Autorin „Die Großen“, das sind ihre drei älteren Schwestern. Gertraud reicht ihnen zwar gerade mal bis zur Hüfte … ZSP 05b Gertraud Wusch „I war ja so a kleina Wusch.“ (lacht) Autorin … aber sie darf nun mit. Zum Kühe hüten! Gut, ein vierjähriger Fratz neben einer Kuh: Wer passt da eigentlich auf wen auf? ZSP 05c Gertraud Kühe hüten Kühe hüten, das war eigentlich, wenn schönes Wetter war, die tollste Arbeit. Da war man halt viel draußen. Da war nebendran ein Wald. Und da haben wir viel im Wald gespielt! Und einen Bach gab es da. Ja, das war schön! Da haben wir uns immer gestritten, wer da mitdarf. Meistens ein Größeres und ein Kleines dazu und so. MUSIK Autorin Kühe, Gänse und Schweine zu hüten war eine Aufgabe, die in Deutschland lang vor allem Kinder übernommen haben. Seien es die eigenen oder die sogenannten „Hütekinder“ oder „Schwabenkinder“. Das waren Kinder aus armen Bauernfamilien im Alpenraum, zwischen sechs und elf Jahre alt. Zigtausende von ihnen sind jedes Jahr ohne ihre Eltern nach Oberschwaben, also in den Süden von Bayern und Baden-Württemberg, gekommen. Um sich dort auf den Höfen anderer Familien zu verdingen: als saisonale Arbeitskräfte. Ihr Arbeitstag begann um vier, fünf Uhr morgens und endete, zumindest in der Erntezeit im Sommer, erst gegen 22:00 Uhr. Was mich besonders erschreckt, denn das ist ja immer ein Warnsignal, dass es Kindern nicht gut geht: Bettnässen war bei Hütekindern ein verbreitetes Problem. Das habe ich in der Recherche immer wieder gelesen. Denn die Kinder standen unter einem enormen Druck, dazu kamen der Schlafmangel und das Heimweh. Nicht allen Hütekindern ging es schlecht. In Überlieferungen von ihnen lese ich, dass manche genau wie Gertraud das Tiere hüten mochten. Dass sie auch „stolz“ waren auf ihre Arbeit. Oder es ihnen in der Fremde zumindest besser ging als zuhause, immerhin gab es genug zu essen. Aber es gibt auch Berichte von Misshandlungen und sexuellen Übergriffen durch die „Dienstherren“. Hütekinder gab es bis in die Nachkriegszeit. Sie haben schwer gearbeitet, aber zum Bruchteil des Lohns eines Erwachsenen. Manche der Kinder waren so arm, dass sie nicht mal Schuhe hatten. Und so sind ihnen, wenn es auf der Weide besonders kalt war, Zehen abgefroren. Eine Strategie dagegen war: die Füße in die warmen Kuhfladen zu stecken. Gertraud, die Bauerntochter aus dem schwäbischen Motzenhofen, hatte, als sie klein war, in den 50er Jahren, zum Glück immer Schuhe. Und Arbeitskleidung, wenn auch nur die abgetragenen Sachen ihrer Schwestern. Das „Arbeitsgewand“, wie sie es nennt, sah ungefähr so aus wie ein Dirndl: ZSP 06a Gertraud Arbeitsgewand Da waren da meistens Puffärmel dran. Im Winter dann natürlich lange Ärmel. Da vorne Knöpfe und ein Rock und darüber dann eine Schürze. So wie die, die da an der Tür hängt. Autorin Wie eine Küchenschürze also. Mit Taschen innen und außen. Praktisch, denn wenn die eine Seite schmutzig ist, kann man die Schürze einfach umdrehen. Und am Samstagnachmittag, wenn die Arbeit auf dem Feld getan ist … ZSP 06b Getraud Arbeitsgewand Da hat man dann das Arbeitsgewand gewaschen, mit der Bürste. Wenn man da flott war, hat man dann mehr Freizeit gehabt. TC 09:14 – Tag ein, Tag aus MUSIK Autorin Mir fällt auf, dass Gertraud kein einziges Mal jammert, als sie mir von ihrer Kindheit erzählt. Selbst wenn’s um harte Arbeit geht, die erst am Samstagabend endet. Oder um Situationen, in denen ihre Eltern sie seelisch verletzt haben (dazu kommen wir noch). Sie hat das alles stoisch ertragen. Verklärt vielleicht auch manches in der Rückschau, das machen wir ja alle. Aber wenn wir zu Erinnerungen kommen, die schön waren, dann merke ich schon einen Unterschied in ihrer Stimme. Da schwingt dann auf einmal Freude mit: ZSP 6c Interview Spiele - Gertraud: Wenn der Mais schön draußen gestanden ist und die Kolben angesetzt hat, dann haben wir die Maiskolben rausgerissen und Pferdl gespielt. - Autorin: Der Mais war dann das Pferd? - Gertraud: Ja, das Gelbe vom Mais ist das Pferd gewesen, weil die haben ja dahinten den Schwanz dran gehabt die Maiskolben, die haben doch da die Haare dran. Autorin Die Momente, in denen Gertraud und ihre Geschwister einfach nur spielen sind kostbar – auch weil sie so selten sind. Die meisten Tage sehen ganz anders aus: ZSP 07a Gertraud Tagesablauf Um sechse hat die Mama geweckt. … Autorin Eins der fünf Kinder muss aber immer schon eine Stunde früher aufstehen, um gemeinsam mit den Eltern auf dem Acker oder der Wiese das Futter für die Tiere zu holen. Einer übernimmt das Mähen, der andere lädt auf – zusammen geht es schneller. ZSP 07b Interview Tagesablauf - Gertraud: So um Dreiviertelsieben haben wir fertig sein müssen, da sind wir nach Hollenbach gegangen eine gute Viertelstunde zu Fuß in die Kirche: Da war um sieben Uhr jeden Tag eine Messe. Und nach der Kirche, um acht, ist dann die Schule angegangen. Die war gleich zwei Häusl weiter ungefähr. - Autorin: Und dann, nach der Schule? - Gertraud: Je nachdem, was für eine Arbeit angefallen ist. Erst war bei uns immer angestanden, Hausaufgaben machen. Autorin Also den Eltern ist, zumindest in den ersten Schuljahren, schon wichtig, dass sich die Kinder erst um die Schule kümmern, und dann um die Arbeit. Von der gibt es mehr als genug: ZSP 07c Gertraud Tagesablauf Unsere Eltern haben am Vormittag meistens eine Fuhre Futterrüben aufgeladen und die haben wir dann in den Keller schmeißen müssen. Und da war so eine Holzrutsche in den Keller, da sind sie dann runtergerollt. Autorin Und danach? Je nach Jahreszeit und Wetter … ZSP 08 Gertraud Aufgaben Den Hof zusammenkehren, Rüben und Kartoffeln am Acker das Unkraut raushacken, Disteln, da hat man die Wurzeln abgestochen im Getreidefeld. Holz reinholen, Holz nachfüllen, Reisig hacken, beim Kartoffelklauben haben wir natürlich auch geholfen, klar: Meine zweite Schwester, die war sehr kräftig, die hat dann immer die Körbe ausgeleert. Oder das Grünfutter gemäht, Klee, das haben wir alles gelernt: Getreide mähen mit der Sense und so. Das ist nicht so einfach. Das ist schon klar. MUSIK TC 11:47 – Was dich nicht umbringt, macht dich stärker? Autorin Das Gewicht von einem vollen Kartoffelkorb tragen, mit der Sense mähen, Stunden auf dem Feld ackern: Das sind Schwerstarbeiten. Was Gertraud und ihre Geschwister als Kinder leisten müssen, ist eine ganz andere Nummer als hier mal ein bisschen im Haushalt zu helfen oder dort mal ein wenig mitanzupacken – das würde auch nicht unter „Kinderarbeit“ fallen. Die UN-Kinderrechtskonvention verbietet seit 1989 Arbeit, die für Kinder gefährlich oder schädlich ist und dadurch deren Rechte verletzt. Wie das Recht auf Bildung, auf Sicherheit oder Gesundheit. Gemeint sind mit dem Begriff „Kinderarbeit“ also Aufgaben, für die Kinder eigentlich zu jung sind. Wer arbeitet, muss mindestens 15 sein, auf dieses Mindestalter haben sich Staaten mittlerweile in internationalen Abkommen geeinigt. ZSP 09a Gertraud Da gibt es ein Sprichwort, das heißt: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Autorin Das sagt Gertraud in unserem Gespräch immer wieder ZSP 09b Gertraud Was dich nicht umbringt, macht dich stärker – heißt es. Mich hat es stark gemacht. Autorin Vielleicht ist das eine typische Haltung für ihre Generation. Und es stimmt: Gertraud wirkt total fit, viel jünger als 80. Sie ist eher klein, aber bis heute ganz drahtig und hat kurze braune Haare. ...
- 19.04.202423 min
Bibliotheken haben bekanntlich keine Füße. Aber - Lion Feuchtwanger, der Meister des historischen Romans aus München, musste schnell sein, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. So baute er in seinem Leben drei Bibliotheken auf, mit jeweils mehr als 10.000 Büchern: in Berlin, im französischen und amerikanischen Exil. Diese Bibliotheken waren weit mehr als nur Bücher in Regalen - sie waren das immobile Alter Ego Lion Feuchtwangers. Von Michael Zametzer (BR 2024) Credits Autor: Michael Zametzer Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Udo Wachtveitl, Christopher Mann Technik: Stefan Oberle Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Julia Schneidawind, Dr. Heike Specht Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Wir bedanken uns bei der Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die uns bei dieser Folge wissenschaftlich beraten hat. Mehr Infos zum Projekt gibt es HIER. Literaturtipps: Julia Schneidawind (2023): Schicksale und ihre Bücher. Deutsch-jüdische Privatbibliotheken zwischen Jerusalem, Tunis und Los Angeles. Vandenhoeck & Ruprecht. Während eine nicht bezifferbare Masse an jüdischem Buchbesitz durch Raub, Verfolgung, und Krieg nach 1933 unwiederbringlich zerstört wurde, sind heute wenige Sammlungen über die Welt verstreut erhalten geblieben. Folgt man den Spuren der Sammlungen von ihrem Entstehungskontext an ihre heutigen Verwahrungsorte, eröffnen sich wichtige Erkenntnisse mit Blick auf die Frage nach Translokation materieller Kultur, aber auch dem Nachwirken deutsch-jüdischen Büchererbes heute in unterschiedlichen Räumen und Kontexten. Hier geht’s zum BUCH. Heike Specht (2024): Die Frauen der Familie Feuchtwanger. Eine unerzählte Geschichte. Piper Verlag. Die deutsch-jüdische Familie Feuchtwanger vollzog im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen spektakulären Aufstieg von der Fürther Provinz ins Großbürgertum der Residenzstadt München. Ein Aufstieg, der undenkbar gewesen wäre ohne vier Generationen starker Frauen, die die Familiengeschicke durch die historischen Wirren lenkten, als knallharte Geschäftsfrauen, als Pionierinnen und in Zeiten der Verfolgung als echte Heldinnen. Heike Specht erzählt die Geschichte der Feuchtwangers aus der weiblichen Perspektive und berichtet von außergewöhnlichen Lebensentwürfen aus fast 200 Jahren. Denn hinter großen Familien stecken oft mächtige Frauen. Hier geht’s zum BUCH. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 - Intro TC 02:12 – Die Bibliotheken deutscher Sprache TC 04:03 – Bayrisch-Barock & Jüdisch-Orthodox TC 07:46 – Wandel zum politischen Schriftsteller TC 13:41 – Französisches Exil TC 16:22 – In der Villa Aurora TC 19:30 – Die Hüter des Vermächtnis TC 22:10 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 - Intro MUSIK, kratzend, berstend, zerstörend, darüber Zitator (Lion Feuchtwanger): Wie gefällt Ihnen mein Haus, Herr X? Lebt es sich angenehm darin? hat der silbergraue Teppichbelag der oberen Räume bei der Plünderung durch die SA-Leute sehr gelitten? Sprecher: Im Jahr 1933 besetzen und enteignen die Nazis das Haus von Lion Feuchtwanger in Berlin… Zitator (Lion Feuchtwanger): Was fangen Sie wohl mit den beiden Räumen an, die meine Bibliothek enthielten? Bücher, habe ich mir sagen lassen, sind nicht sehr beliebt in dem Reich, in dem sie leben, Herr X. Und wer sich damit befasst, gerät leicht in Unannehmlichkeiten. Sprecher: Die Bibliothek umfasst über 30.000 Bücher. Erstausgaben, deutsche Klassiker, Jüdische Literatur. Das Arbeitswerkzeug des Schriftstellers, des Bestsellerautors Lion Feuchtwanger… Zitator (Lion Feuchtwanger) Kommt es Ihnen nicht doch manchmal merkwürdig vor, dass sie in meinem Haus sitzen? Ihr Führer gilt sonst nicht als Freund der jüdischen Literatur. Sprecher: Drei Bibliotheken hat Lion Feuchtwanger in seinem Leben aufgebaut. Die Erste in Berlin. Und noch zwei im Exil. Im französischen Sanary-Sur-Mer, und schließlich in Pacific Palisades, einer Villenkolonie nahe Los Angeles. Er, der Münchner Jude, der Weltschriftsteller, berühmt für seine historischen Romane, für Jud Süß, Erfolg, die Josephus-Trilogie, wird die USA nie mehr verlassen. Er bleibt staatenlos. Und die Bibliotheken erzählen vom Leben des deutschen, des bayerischen, des jüdischen Schriftstellers Lion Feuchtwanger. TC 02:12 – Die Bibliotheken deutscher Sprache 1 ZSP Julia Schneidawind Es sollte auch eine Bibliothek der deutschen Sprache werden… Sprecher: Julia Schneidawind hat für die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gearbeitet und forscht nun am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität. Für ihre Doktorarbeit hat sie die Schicksale von Privatbibliotheken deutsch-jüdischer Schriftsteller untersucht: Franz Rosenzweig, Jakob Wassermann, Karl Wolfskehl, Stefan Zweig und – Lion Feuchtwanger. Dessen letzte Bibliothek, in Pacific Palisades bei Los Angeles, hat für sie einen besonderen Stellenwert. 2 ZSP Julia Schneidawind Er hatte ja ganze Abteilungen, die sich wirklich deutschsprachigen Literaten und Schriftstellerinnen gewidmet haben, und es war ihm eben auch ein Anliegen, das zu zeigen. Und es waren zum einen die Exil-Schriftsteller, -Schriftstellerinnen, aber auch eben jene, die es nicht ins Exil geschafft haben. Und dafür stellt der Ort auf jeden Fall auch einen ja, wie wir heute sagen, eine Memorial Library dar. Sprecher: Aber egal, ob in Berlin, im französischen oder amerikanischen Exil - Natürlich war jede dieser drei Bibliotheken Feuchtwangers auch ein repräsentativer Ort. Besucher sollten nicht nur seltene Erstausgaben bewundern, sondern auch das intellektuelle Koordinatensystem erspüren können, in dem sich der Erfolgsschriftsteller bewegte. Die Bibliotheken waren aber noch mehr. Sie waren Feuchtwangers immobiles Alter Ego. Und als ihr Besitzer schnell sein musste, um zu entkommen, blieben Sie am Ort und waren den Nazis ausgeliefert. So erzählen diese Bibliotheken zunehmend auch von einem Menschen in der Fremde, der immer wieder versucht, mit Büchern eine Verbindung zum verlorenen Zuhause herzustellen. TC 04:03 – Bayrisch-Barock & Jüdisch-Orthodox MUSIK Kindheit und Jugend in München Sprecher: Lion Feuchtwanger kommt aus einem bürgerlichen Münchner Haus. Der Vater, Sigmund Feuchtwanger ist erfolgreicher Margarinefabrikant. Er stammt aus einer alten fränkisch-jüdischen Familie. Lion, ältestes von neun Kindern, wächst im Münchner St. Anna-Viertel auf. Die Familie gehört zum orthodoxen Münchner Judentum, lebt die strengen jüdischen Traditionen, aber… 3 ZSP Heike Specht Die Feuchtwangers waren eben eine wirklich besondere Mischung für die damalige Zeit. Bayerisch-Barock würde ich fast sagen, und jüdisch-orthodox. Das ging ganz gut zusammen. Sprecher: Die Schriftstellerin Heike Specht hat sich intensiv mit dem Leben der weitverzweigten Familie Feuchtwanger beschäftigt, mit ihren Traditionen und ihrem jüdischen Selbstverständnis. Ein Selbstbewusstsein, dass sich auch in der stattlichen Bibliothek des Elternhauses widerspiegelt. Julia Schneidawind. 4 ZSP Julia Schneidawind Das ist, denke ich, charakteristisch für diese Sammlungen um die Jahrhundertwende und des frühen 20. Jahrhunderts, dass diese Sammlungen natürlich seit der Jugend meistens wachsen, wenn man aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus kommt. Und natürlich spielen dann auch Antiquariate eine große Rolle. Und so wachsen sozusagen diese Sammlungen über die Generationen und kriegen natürlich immer einen sehr eigenen Zuschnitt über die Interessen, die man eben persönlich dann auch hat. Sprecher: Die Bibliothek von Vater Sigmund bietet einen Schatz an jüdischer und weltlicher Literatur und ist bei bibliophilen Menschen über die Grenzen Münchens hinaus bekannt. In den Regalen stehen Bibelinterpretationen ebenso wie die Märchen von Wilhelm Hauff und Werke der Deutschen Klassik, aber auch moderne Literatur von Wedekind bis Hauptmann. Prägender Lesestoff für den jungen Lion. 5 ZSP Julia Schneidawind Gerade in den Jugendjahren Feuchtwangers hat er vermutlich auch sehr stark auf die Bibliothek seines Vaters zurückgegriffen. Er hatte eine unglaublich einzigartige Sammlung, die heute komplett in Vergessenheit geraten ist und auch leider verschollen. MUSIK Sprecher: Seine Schulzeit in München, auf dem konservativen Wilhelmsgymnasium, beschreibt Lion Feuchtwanger nicht gerade überschwänglich positiv. Und zuhause wartet dann noch ein Privatlehrer mit den Studien von Talmud und Bibel. Aber – er beginnt früh zu schreiben, gewinnt schon als Gymnasiast einen Wettbewerb, studiert nach dem Abitur Geschichte, Philosophie und Deutsche Philologie, promoviert brillant über Heinrich Heines „Rabbi von Bacherach“. Eine akademische Laufbahn, eine Professur aber ist ihm – als Juden – de facto verwehrt. Er gründet eine Zeitschrift, schreibt Artikel, Theaterkritiken und lebt das Leben der Schwabinger Bohème. Feuchtwanger macht mit ersten Veröffentlichungen von sich reden, hält sich aber auch als Nachhilfelehrer finanziell über Wasser. Julia Schneidawind. 6 ZSP Julia Schneidewind Da gibt es Anekdoten darüber, dass er aufgrund seiner, ja, nicht Abneigung zum Glücksspiel häufig seine Bibliothek verspielte und dann die Bücher sozusagen abgeben musste. Sprecher: Wobei die ersten Bücherbestände Feuchtwangers wohl schwer den Namen „Bibliothek“ verdienen mögen. Den Luxus einer eigenen, großen, repräsentativen Bibliothek wird er sich erst Jahre später erfüllen können. Noch aber, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, ist das Geld knapp, und die Lust Lions am Leben groß. 1912 heiratet er Martha Löffler, die aus einer wohlsituierten, jüdischen Familie in München stammt. Das Paar schwimmt im Zeitgeist, im Leben der Bohème. Dann der Schicksalsschlag: Die einzige Tochter, Elisabeth, stirbt schon im Alter von zwei Monaten. TC 07:46 – Wandel zum politischen Schriftsteller MUSIK Sprecher: Das Paar macht eine ausgedehnte Reise, nach Südfrankreich, nach Italien und Nordafrika. Im August 1914 – sie sind gerade in der französischen Kolonie Tunesien – bricht der Weltkrieg über Europa herein. Feuchtwanger verfällt nicht in patriotisches Hurra-Geschrei wie viele seiner schreibenden Kollegen, entzieht sich aber auch nicht der Einberufung. Seine labile Gesundheit erspart ihm den Fronteinsatz. Die Entfesselung von Hass, Krieg und nationalistischem Rausch in Europa aber werden aus Lion Feuchtwanger einen politischen Schriftsteller machen. MUSIK Weimar Sprecher: Die ersten Jahre der Weimarer Republik werden zu den ersten Erfolgsjahren für Feuchtwanger. Nicht mehr nur seine Theaterkritiken, sondern auch seine Bühnenstücke werden gedruckt und – gespielt. Ein Stück aber findet bei den Verlagen gar keinen Anklang: Die Geschichte des Juden Joseph Süß Oppenheimer am Hof des Württembergischen Herzogs. In „Jud Süß“ behandelt Feuchtwanger die zentralen Fragen der Assimilation von Juden in Deutschland. Von Marta kommt der Vorschlag, den Stoff doch als historischen Roman umzusetzen. 7 ZSP Heike Specht Also sie hat ihn auf diese Spur gesetzt und das hat dann funktioniert und wurde ja dann wirklich schon in den Zwanzigern ein Weltbestseller, was ja überhaupt erst quasi das Fundament gelegt hat, dann auch für seinen Lebensstil in Deutschland noch und dann aber vor allem im Exil. Sprecher: „Jud Süß“ wird ein Welterfolg, der sich schon im ersten Jahr 100.000-mal verkauft. In Großbritannien und den USA erscheint der Roman ab 1926 auf Englisch unter dem Titel „Power“, später folgen Übersetzungen in 15 weitere Sprachen. Bittere Ironie der Geschichte: Der Roman liefert später die Vorlage für den wohl schlimmsten antisemitischen Propagandafilm der Nazis. MUSIK Akzent Sprecher: In den frühen 1920er Jahren wächst auch die Freundschaft zu Bertolt Brecht. Der bedingungslose Erneuerer des Theaters findet in Lion Feuchtwanger, dem Erfinder des dramatischen historischen Romans, einen streitfreudigen Partner. MUSIK Goldene Zwanziger, Berlin Sprecher: 1925 wird dem Paar dann München zu klein – und das Klima zu nationalistisch. Das heiße Pflaster der Weimarer Jahre liegt ohnehin nicht an der Isar, sondern an der Spree. In Berlin leben auch viele jüdische Intellektuelle, Schriftsteller, Filmemacher, Schauspieler. Wenn München Anfang des 20. Jahrhunderts noch leuchtete, so pulsiert Berlin nun im Takt der modernen Zeit. MUSIK weg Sprecher: Lebenslanges, intensives Lesen ist zentral für die Arbeit Lion Feuchtwangers. Dementsprechend richtet er ab 1932 im neuen Berliner Domizil, einer Villa am Grunewald, eine umfangreiche Bibliothek ein. In den Regalen seines Arbeitszimmers stehen dann etwa 300 Bücher, die er für das aktuelle Romanprojekt benötigt. Also eine Art Handapparat, das Handwerkszeug des Autors. Insgesamt wird die neue Sammlung über 10.000 Bücher umfassen. Eine Bibliothek zum Arbeiten, mit einigen wertvollen Bänden. 8 ZSP Julia Schneidawind: Lion Feuchtwanger war jetzt kein klassisch bibliophiler Sammler, aber er hat sich durchaus auch Erstausgaben gegönnt. Also da war er manchmal schon interessiert, gerade dann, wenn diese Werke auch Bezug zu seinen eigenen Arbeiten hatten. Sprecher: 1930 erscheint der Roman „Erfolg“. Er macht seinem Titel alle Ehre und beschert Feuchtwanger Ruhm und Geld. Der Schlüsselroman zeichnet ein karikaturenhaftes Bild vom gesellschaftspolitischen Klima der zwanziger Jahre in München. Das Personentableau verweist dabei direkt auf die Akteure jener Zeit, die den Nährboden des deutschen Faschismus mit gedüngt haben. Die Schriftstellerin Heike Specht: 9 ZSP Heike Specht: Genau dieser Blick ins Innere, dieses gnadenlose Wahrnehmen, wie die nichtjüdische Gesellschaft, die Mehrheitsgesellschaft tickt. Das ist tatsächlich prophetisch. MUSIK Unheil, Machtergreifung Sprecher: Von der Machtübernahme der Nazis erfahren die Feuchtwangers in den Vereinigten Staaten, wo sie seit 1932 auf einer langen Vortrags- und Lesereise unterwegs sind. Und – sie stehen ganz oben auf der Feindesliste der Nazis. Am 10. Mai 1933 brennen Feuchtwangers Bücher auf dem Berliner Opernplatz. Sein Name steht auf der ersten Ausbürgerungsliste und – die gleichgeschaltete Universität in München erkennt ihm den Doktortitel ab. Sprecher: Und zuhause, in der Berliner Villa, bleibt kein Buch neben dem anderen stehen. Julia Schneidawind: 10 ZSP Julia Schneidawind Die Bibliothek Lion Feuchtwangers in Berlin wurde tatsächlich schon 1933 von den NS-Behörden geplündert. Und das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Lion Feuchtwanger von Beginn ein sehr starker Kritiker des Regimes war und auch das öffentlich gemacht hat. Und das war auch der Grund, warum gerade diese Bibliothek schon 33 eben geplündert wurde in seiner Villa in Berlin. Während andere Bibliotheken erst später dann tatsächlich das Interesse der NS-Behörden auf sich gelenkt hatten, war es eben dieses Beispiel für sehr frühe Plünderung. Und wir wissen heute tatsächlich nicht, was mit den einzelnen Büchern passiert ist. Es gibt auch wieder nur Anekdoten darüber, dass die Bücher verschleudert wurden, also dass die Nazis das irgendwie versucht haben, zu Geld zu machen. Aber Anhaltspunkte dafür haben wir leider nicht. TC 13:41 – Französisches Exil Sprecher: Weil sie nicht nach Deutschland zurückkönnen, wählen Lion und Marta ein Exil in Frankreich, den malerischen Küstenort Sanary-sur-Mer an der Cote d’Azur. Dort stranden viele deutsche und österreichische Intellektuelle auf ihrer Flucht vor den Nazis: Hermann Kesten, Bertolt Brecht, die Brüder Mann, Arnold Zweig. Lion Feuchtwanger beginnt sofort mit dem Aufbau einer neuen, der zweiten Bibliothek. 11 ZSP Julia Schneidawind: Lion Feuchtwanger hat dann sozusagen da auch Sammlungen gekauft, aber natürlich auch auf antiquarische Bestände zurückgegriffen. Es gibt diese eine Aufzeichnung in seinem Tagebuch, da schreibt er von einem Besuch von einem Herrn Spier. Ich konnte leider nicht genau rekonstruieren, um welchen Herrn Spier es sich handelt, der ihm die Bibliothek anbietet, und er notiert in das Tagebuch Bibliothek von Spier gekauft. Das ist ein Beispiel dafür. Sprecher: Diese zweite Bibliothek wächst in den folgenden Jahren auf über 20.000 Exemplare an. Sie ist vor allem eine Arbeitsbibliothek. MUSIK Frankreich-Exil Sprecher: Mit der Besetzung Frankreichs 1940 zieht sich auch für die deutsche Exilgemeinde die Schlinge nun zu. Lion Feuchtwanger kommt in das Lager Les Milles und später nach Saint Nicola bei Nimes. Marta, die selbst zeitweilig interniert war, gelingt es, mithilfe eines jungen Diplomaten der amerikanischen Botschaft, ihren Mann aus dem Lager zu holen – mit dem Auto, wie sie in den 1950er Jahren im Interview erzählt. Dabei bediente sie sich einer List: 12 ZSP Archiv: Marta Feuchtwanger Und dann gab ich ihm einen Zettel mit, da stand nur darauf: frag nicht, sag nix, steig ein. Und daraufhin ist mein Mann in das Auto eingestiegen. Und da gab ihm der Konsul einen Mantel und ein Tuch. Und da, wenn die Wachen ihn angehalten hatten, bei der Rückfahrt, hat er immer gesagt, das ist meine Schwiegermutter. Sprecher: Nach einer abenteuerlichen Flucht über Spanien und Portugal erreichen die Feuchtwangers schließlich die Vereinigten Staaten. Sprecher: Und die Bibiliothek in Sanary-Sur-Mer? Julia Schneidawind hat den Weg der Bücher rekonstruiert. Lion Feuchtwanger kann seine Mitarbeiterin Lola Sernau noch beauftragen, die Bücher aus der Villa in Frankreich zu holen und zum Verschiffen in Kisten zu verpacken. Allerdings sollen die Kisten über Jahre im Hafen von Lissabon feststecken. 13 ZSP Julia Schneidawind Es gab da Probleme eben mit dem Zoll und anderer bürokratischer Natur, und natürlich war das mit sehr hohen Kosten verbunden. Und der Zustand war nicht ganz so großartig. Und das ist tatsächlich heute aber auch der einzige Anhaltspunkt. Wir haben keine Listen, wir wissen nicht genau, welche Bücher tatsächlich damals in diesen Kisten waren. TC 16:22 – In der Villa Aurora MUSIK Sprecher: Nach wenigen Monaten in New York zieht das Paar 1941 nach Kalifornien und findet schließlich 1943 in Pacific Palisades ein neues Zuhause - ein kleiner Küstenort außerhalb von Los Angeles. Das Anwesen ist eine hochherrschaftliche Villa mit Meerblick, später „Villa Aurora“ genannt. Und – letztendlich kommen auch die Bücher aus Frankreich dort an. Sie werden zur Grundlage einer neuen, der dritten Bibliothek. Hermann Kesten, enger Freund Lion Feuchtwangers, äußert sich bewundernd über Feuchtwangers Lebensstil, der ganz den Geschlechterrollen der Zeit entspricht. Zitator: So sollten Schriftsteller wohnen, mit zwanzig Zimmern, mit 11tausend Büchern, einem hügeligen Park mit zwei acreas, einer Sekretärin und einer Frau, die kocht, gärtnert, bäckt, chauffiert und dem großen Dichter aufs Ergebenste dient, was für ein Leben. MUSIK Sprecher: Das Leben ist für die Exilanten unterschiedlich schwer zu meistern in den Staaten. Marta und Lion aber leben begünstigt. Von den Erlösen des eben erst veröffentlichten Romans „Die Brüder Lautensack“ können sie das Haus finanzieren. Und im Zentrum des Anwesens steht eine neue - die dritte Bibliothek Feuchtwangers. Ein weiterer Neuanfang. Das Projekt Bibliothek hilft ihm über die Frustration von Verlust und Neubeginn hinweg: 14 ZSP Julia Schneidawind Also wir können bei der Sammlung in Los Angeles tatsächlich auch von einer Rekonstruktion sprechen. Er hat auf die Netzwerke zurückgegriffen, die er früher kannte, also auch sehr viele Antiquare. Jüdische Antiquare, die auch im Exil lebten, konnten ihm dann auch wieder Bücher vermitteln. Und er hat sehr viele hiesige Antiquariate besucht. Aber auch über Kataloge, die er ständig auch aus Europa noch zugeschickt bekam, hat er versucht, diese Sammlung erneut aufzubauen. Sprecher: Grundlage für die neue Bibliothek sind aber die Bestände aus Sanary-Sur-Mer, oder wenigstens, die Bücher, die es in die Staaten geschafft haben. Eine Gedulds- und Zerreißprobe für den Schriftsteller, denn erst 1941 soll er – nach vielen Verzögerungen – seinen Schatz zumindest teilweise wieder in die Regale stellen können. Ludwig Marcuse, Freund und Nachbar der Feuchtwangers, schreibt in seinen Memoiren unter dem Titel „Mein zwanzigstes Jahrhundert“: Zitator (Marcuse): Abermals Wände aus Büchern, ein drittes Mal in einer Casa auf einem abgelegenen Hügel über der pazifischen Küste. Das war ein gewaltiges Mausoleum aus den Werken der Dichter: Ich ging immer zu ihm, wenn die Bibliothek meiner Universität versagte. MUSIK Kalifornien Sprecher: Martha Feuchtwanger macht derweil Promotion (engl.) für ihren Mann, fungiert als geschickte Agentin. Als charmante Gastgeberin und legendäre Köchin machte sie das Exil zu einem Anziehungspunkt inmitten dieser Emigrantenkolonie. Und das Zentrum dieses intellektuellen Clubs ist die prächtige Bibliothek. MUSIK Kriegsende TC 19:30 – Die Hüter des Vermächtnis Sprecher: Nach dem Krieg löst sich die Exilgemeinde am Pazifik langsam auf. Brecht, Thomas Mann, Döblin und Werfel kehren nach Europa zurück. Lion und Marta Feuchtwanger bleiben. Wegen des angenehmen Klimas, wie der Schriftsteller in einem Interview erzählt. Aber wohl vor allem, weil er stets fürchten muss, als Staatenloser nicht mehr in die USA zurückkehren zu dürfen, sollte er einmal ausreisen. MUSIK Thema Erinnerung Sprecher: Lion Feuchtwanger stirbt am 21. Dezember 1958. Seine Frau Marta überlebt ihn um fast 30 Jahre. Sie überträgt schon ein Jahr nach seinem Tod die Villa samt Bibliothek der University of Southern California, behält aber das Wohnrecht. Sie wird, bis zu ihrem Tod im Jahr 1987, zur Hüterin von Feuchtwangers Vermächtnis. 15 ZSP Marta Feuchtwanger: Da ich ja auch immer Führungen mache in der Bibliothek. Das sind sehr viele Inkunabeln und auch noch Manuskripte, handgeschriebene, zum Beispiel eine von Papst Innozenz dem Dritten und ganz einzigartige Ausgaben. Nach meinem Tod bleibt es aber genauso, wie es jetzt ist. Sprecher: Der Großteil der Bibliothek, etwa 20.000 Bände, befindet sich bis heute in der Villa Aurora, das mondäne Anwesen ist eine Künstlerresidenz für Stipendiaten aus aller Welt. Der Rest der Bücher ist Teil der „Lion Feuchtwanger memorial library“ an der „University of southern California“ im nahen Los Angeles. MUSIK, darüber Sprecherin: Eines verbindet die drei Bibliotheken, die Lion Feuchtwanger im Laufe seines Lebens aufgebaut hat: Sie waren nicht nur Werkstätten für den Schriftsteller, sondern auch Ankerplätze eines Menschen im Exil. 16 ZSP Archiv: Lion Feuchtwanger Im Übrigen bin ich deutscher Schriftsteller und suche mich immer zu umgeben mit deutschen Dingen, mit deutschen Büchern und dergleichen. Wenn ich deutsche Bücher lese, dann habe ich das Gefühl, ich unterhalte mich mit dem Autor. MUSIK Ende TC 22:10 - Outro
- 19.04.202423 min
Viele Jahrzehnte lang war der jüdische Orientalist und Historiker Karl Süßheim vergessen, obwohl er Anfang des 20.Jahrhunderts in Bayern durchaus ein Mann von Bedeutung war. Seine Leidenschaft für Orientalistik und seine Sprachkenntnisse machten ihn während des Ersten Weltkrieges sogar unentbehrlich. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich sein Leben schlagartig. Doch vergessen wurde Karl Süßheim erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Warum? Und wie wurde er wiederentdeckt? Von Ulrike Beck (BR 2024) Credits Autorin: Ulrike Beck Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Laura Maire, Stefan Merki, Christopher Mann Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Kristina Milz, Lisa D’Angelo Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Wir bedanken uns bei der Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die uns bei dieser Folge wissenschaftlich beraten hat. Mehr Infos zum Projekt gibt es HIER. Literaturtipps: Kristina Milz (2022): Karl Süßheim Bey (1878-1947). Eine Biografie über Grenzen. Metropol-Verlag. Er war ein glühender bayerischer Patriot, tiefgläubiger Jude und leidenschaftlicher Orientalist: Der in Vergessenheit geratene Karl Süßheim hat die Grenzen seiner Zeit herausgefordert wie kaum ein anderer. Er wuchs in Nürnberg auf, lebte als junger Mann lange im Nahen Osten. An der Universität München unterrichtete er bekannte Wissenschaftler wie Gershom Scholem und Franz Babinger, bis die Nationalsozialisten ihn entließen. Eine sehr ausführliche und detaillierte Biografie über das Leben und Werk Karl Süßheims. Hier geht’s zum BUCH. Kristina Milz (2022): Karl Süßheim (1878-1947). Ein verfolgter Wissenschaftler und seine Universität. In: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung. Ausgabe 02/22, S. 64 – 72. Immer wieder stößt die Wissenschaft auf faszinierende bayerisch-jüdische Biografien von Menschen, die aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden sind, obwohl ihre Rolle in der Geschichte eine besondere war: Protagonisten der Geschichte wie Karl Süßheim sind nicht zufällig vergessen worden. Die Reihe „Bayerns vergessene Kinder“ porträtiert jüdische Biografien, die eine damnatio memoriae zum Opfer gefallen sind – und ihrer Wiederentdeckung harren. Hier geht’s zum ARTIKEL. Barbara Flemming & Jan Schmidt (2002): The diary of Karl Süssheim (1878-1947). Orientalist between Munich and Istanbul. Stuttgart: Steiner Verlag. The orientalist Karl Süssheim kept his Diary in Turkish – and later in Arabic – from his early years in the Ottoman Empire through the Young Turk Revolution of 1908 and after his return to Germany, through war, revolution, and the horrors of Nazi rule. This book presents selected episodes in translation from the surviving parts of Süssheim’s Diary, covering the years 1908 to 1940. In its detached style it allows the reader a remarkable insight into Süssheim’s family surroundings, his academic career at Munich University, and the eventful times he lived through. Hier geht’s zum BUCH. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:48 – Orientalistik statt Hopfenhandel TC 04:34 – Die Zeit in Konstantinopel TC 08:30 - Schicksalsjahre TC 11:25 – Ein zweiseitiger Ruf TC 16:57 – Kampf ums Vermächtnis TC 22:03 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK Erzähler Karl Süßheim. Die Historikerin Kristina Milz wird hellhörig, als sie auf den Namen stößt. 1.O-Ton (Kristina Milz) Also ich habe an der LMU Magister Geschichte studiert und hab mich damit auseinandergesetzt, wie die Historiker an der LMU mit dem Nationalsozialismus umgegangen sind. Und dafür hab ich mir erstmal angeschaut, wer von 1933 bis 45 in der Fakultät überhaupt da war. Und da ist mir sein Name aufgefallen. Also er war 1933 noch da, im Sommersemester, und es war ein klar erkennbar jüdischer Name und verschwindet dann eben sang- und klanglos und man hört nichts mehr von ihm. Da war mir relativ schnell klar, er muss einer der Opfer der Rassenpolitik gewesen sein, also dieses Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Und dachte natürlich, dass sich im Historicum in der Bibliothek Literatur dazu finden lässt. MUSIK Erzählerin: Doch auch nach längerer Suche stellt sich heraus: Es gibt nichts. 2.O-Ton (Kristina Milz) Und so bin ich dann natürlich sehr neugierig worden. Erzählerin Das Ergebnis ist eine Dissertation, die 2022 als Biografie erscheint und den Titel trägt: „Karl Süßheim Bey. Eine Biografie über Grenzen“. Kristina Milz hat ihre Dissertation am Institut für Zeitgeschichte in München verfasst. Seit 2022 arbeitet sie auch für die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die sich der Erforschung und Vermittlung jüdischen Lebens in Bayern widmet. Erzähler Während der Recherchen zu ihrer Biographie stößt Kristina Milz darauf, dass Jahrzehnte vor ihr im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt auf Karl Süßheim aufmerksam geworden sind. Und in langjähriger Kleinarbeit seine Tagebücher ins Englische übersetzt haben. Erzählerin Es sind zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die Kristina Milz damit auf Englisch zur Verfügung stehen. Um mit den übrigen Quellen und dem Nachlass arbeiten zu können, nimmt sie Sprachunterricht am Münchner Nahostinstitut, wo der Name Süßheim ihrem Dozenten noch geläufig ist: 3. O-Ton (Kristina Milz) Das heißt, ich musste tatsächlich anfangen, erst mal Türkisch zu lernen, habe auch Arabischkurse belegt und habe dann eben das Osmanische […], dafür gibt es an der LMU auch Kurse, und da bin ich auch dringesessen. Mein Osmanisch-Dozent hat auch immer gesagt: Kristina, du lernst nicht Osmanisch, Du lernst Süßheim! TC 02:48 – Orientalistik statt Hopfenhandel MUSIK Erzähler Karl Süßheim kommt am 21. Januar 1878 in Nürnberg zur Welt. Sein Vater Sigmund betreibt einen florierenden Hopfenhandel, die Mutter Clara stammt als Tochter des Fabrikanten und Politikers David Morgenstern aus sehr wohlhabenden Verhältnissen. Erzählerin Karl wächst also gemeinsam mit seinem älteren Bruder Max und seiner jüngeren Schwester Paula in einer wohlsituierten und jüdisch-liberalen Familie auf. Erzähler Sigmund Süßheim möchte selbstverständlich, dass einer seiner Söhne das erfolgreiche Geschäft übernehmen soll. Doch der Hopfenhandel interessiert weder Max, noch Karl. Erzählerin Nachdem Max nach dem Abitur seinen Weg als Jurist und späterer SPD-Politiker im Bayerischen Landtag einschlägt, entscheidet sich auch Karl gegen den Wunsch des Vaters. Er beginnt 1896, Geschichte zu studieren. Zunächst in Jena, dann in München, Erlangen und Berlin. Erzähler In Berlin besucht Karl das Seminar für orientalische Sprachen und lernt dabei junge Gaststudenten aus dem Osmanischen Reich kennen. Woher sein Interesse an dieser Region kommt, lässt sich nur rekonstruieren. 4.O-Ton (Kristina Milz) Das durfte seine Familie auf keinen Fall wissen, weil die Orientalistik damals ja auch noch sehr so als Orchideenfach verschrien war. Und als Karl Süßheim dann in Berlin war, (…) war einige Jahre zuvor das sogenannte Seminar für Orientalische Sprachen gegründet worden. (…) Also in dieser Zeit muss man sich vorstellen, entsteht eigentlich die Islamwissenschaft. Es entsteht dieses Fach, das sich mit dem „zeitgenössischen Orient“, wie man damals gesagt hat, beschäftigt hat. Und das ist genau das, was Karl Süßheim dann interessiert hat. TC 04:34 – Die Zeit in Konstantinopel MUSIK Erzählerin Gleich nach der Abgabe seiner Dissertation über die „Preußischen Annexionsbestrebungen in Franken…“ zieht Karl Süßheim 1902 für einige Jahre nach Konstantinopel. Um dort seine Sprachkenntnisse im Türkischen und Arabischen zu vertiefen. Erzähler In Konstantinopel erlebt der frisch promovierte Historiker eine ganz andere Atmosphäre als im Kaiserreich. 5.O-Ton (Kristina Milz) Als er zuerst nach Konstantinopel gekommen ist und sich vor allem in diesem sultanstreuen Umfeld bewegt hat, war er ja durchaus an der einen oder anderen Stelle mit Antisemitismus konfrontiert. (…) Aber bei ihm ist es tatsächlich so, dass er erstmals in seinem Leben nicht in erster Linie als Jude wahrgenommen wird. In ihm wird vor allem der deutsche Wissenschaftler gesehen, der sich diese Sprachen so gut angeeignet hat und mit dem man jetzt eben über Politik und Geschichte und dergleichen diskutieren kann. Und noch sehr viel evidenter wird das dann, wenn er sich mit den sogenannten ‚Jungtürken‘ abgibt, also der osmanischen Opposition, die sehr nach Westen ausgerichtet war, die sehr auf Modernisierung geschaut hat und auch genau das einfordern wollte vom Sultan. Erzählerin Karl Süßheim ist selbst zunächst überzeugter Konservativer und Monarchist. 6.O-Ton (Kristina Milz) Als Karl Süßheim ins Osmanische Reich kam, war er politisch äquivalent eigentlich aufgestellt zu seiner Einstellung im Kaiserreich also sehr königstreu und patriotisch. Und hat dann aber eben dadurch, dass er diesen Kontakt mit den Jungtürken in Kairo hatte, zum ersten Mal die Idee des Tyrannensturzes für sich auch akzeptiert. Und war dann auch mitten im Zentrum dieser Revolution. Erzähler Die Jahre im Osmanischen Reich sind in Süßheims Leben in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt. Er, der Zeit seines Lebens kein guter Netzwerker war, sucht plötzlich die Nähe zu orientalischen Intellektuellen und knüpft Kontakte. Dabei findet er auch den Zugang zu seinem Glauben. 7.O-Ton (Kristina Milz) Er macht es in seinem Tagebuch gar nicht so explizit, an welcher Stelle es dann so ist, dass er wirklich jüdisch gläubig wird. Aber man sieht, er beschäftigt sich eben mit dem Islam auch sehr intensiv. Er hat zum Beispiel Kontakt mit dem Islamgelehrten Musa Kazim, der später dann der Scheichülislam, also der Großmufti eigentlich von Konstantinopel wird. Also das ist derjenige, der Süßheim zum Islam bringen will und da wird viel diskutiert. Und als er sich dann davon wieder abgrenzt und abwendet, findet er immer mehr Kontakt, auch mit den orientalischen Juden und beschäftigt sich dann damit und kommt dann eben sehr gläubig zurück. MUSIK Erzählerin Karl Süßheim ist 30 Jahre alt, als er zurückkehrt und an der Uni München beginnt, seine Habilitation zu schreiben. Darin beschäftigt er sich mit der Geschichte der Dynastie vor den Osmanen: den Seldschuken. Erzähler Als frisch habilitierter Privatdozent gibt er ab 1911 an der Münchner Universität Kurse in Arabisch, Persisch und Osmanisch. Anfangs ist die Zahl seiner Studenten noch überschaubar, aber mit Beginn des Ersten Weltkrieges ändert sich das schlagartig. Erzählerin Mit dem Osmanischen Reich als Verbündeten wollen plötzlich viele Studenten Türkisch lernen. Es entsteht ein regelrechter Boom auf die Expertise des Karl Süßheim. Wobei er nicht nur an der Uni gefragt ist. 8.O-Ton (Kristina Milz) Im Ersten Weltkrieg war es so, dass Süßheim nicht eingezogen wurde, weil er eben an der Heimatfront, wie man es nannte, unentbehrlich war. Das lag daran, dass er eben als einer der wenigen diese Sprachkenntnisse hatte und dann in vielerlei Hinsicht helfen konnte zu Hause. Zum einen bei der Zensur, also bei der bayrischen Militärzensur hat er gearbeitet. Er hat aber auch als Dolmetscher gearbeitet. Wenn zum Beispiel jungtürkische Delegationen zu Besuch waren, dann ist er mit denen mitgefahren und hatte eben übersetzt. TC 08:30 - Schicksalsjahre MUSIK Erzähler Ab 1919 unterrichtet Karl Süßheim als außerordentlicher Professor die Sprachen Arabisch, Persisch und Türkisch. Er ist inzwischen 41 Jahre alt und noch immer Junggeselle. Erzählerin Karl findet erst acht Jahre später die Frau, die zu ihm passt. Mit Karolina Plank, einer tiefgläubigen Katholikin. Ausgerechnet er, der als einziger in seiner Familie ein gläubiger Jude ist, lässt sich 1927 auf eine gemischt-konfessionelle Ehe mit Karolina ein. 9.O-Ton (Kristina Milz) Man muss aber schon auch sagen, das war sicher für ihn ein großer Schritt zu gehen, weil er davor sehr, sehr lange explizit nach einer jüdischen Frau gesucht hat. Er hat sich dann aber von seiner Frau versprechen lassen, dass er für die religiöse Erziehung der Kinder zuständig sein wird in der Ehe. Und wir reden vom Jahr 1927. Da hat sie sich auch darauf eingelassen, weil sie auch noch überhaupt gar nicht wusste, was das für Auswirkungen haben wird. Erzähler 1929 kommt Tochter Margot zur Welt, die zweite Tochter Gioconda wird 1934 geboren. Ein Jahr, nachdem sich für Karl Süßheim und seine Familie alles verändert hat. 10.O-Ton (Kristina Milz) 1933, kann man zweifellos sagen, dass das das allerschlimmste Jahr in seinem ganzen Leben war. Also neben der nationalsozialistischen Machtübernahme stirbt erstmal sein Bruder an einem Schlaganfall. Dann wird durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ihm seine Stelle an der Universität genommen. Und seine Mutter stirbt auch noch in diesem Jahr. Also alles passiert innerhalb eines Jahres, und da ist der Bruch zwischen der Zeit davor und diesem Jahr ganz extrem in den Quellen. Erzählerin Nach der Pogromnacht vom November 1938 wird Karl Süßheim für 16 Tage im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Er schreibt über diese Zeit auf Arabisch in sein Tagebuch und schafft damit laut Kristina Milz ein einzigartiges Dokument. In dem er nicht nur nüchtern Fakten für die Nachwelt festhält, sondern auch sehr akkurate Skizzen vom Konzentrationslager anfertigt, die er auf Arabisch beschriftet. 11.O-Ton (Kristina Milz) Und man muss sich vorstellen, er war jemand, der natürlich ein relativ behütetes Leben hatte. Und plötzlich kommt er in dieses Konzentrationslager, sieht, dass Menschen erschossen werden. Sieht, dass Menschen zusammenbrechen, wird geschlagen, weil er sich nicht als Judenschwein bezeichnen will. All diese Dinge passieren ihm dort. Und nachdem er zuvor immer gesagt hat, er geht nicht aus Deutschland weg, weil das seine Heimat ist – Bayern, seine Familie lebt seit Jahrhunderten in Bayern –, denkt er dann um. Dabei muss man aber auch wissen, dass er unterschreiben musste, dass er das Land verlassen wird, als er aus dem Konzentrationslager entlassen wird. TC 11:25 – Ein zweiseitiger Ruf Erzähler Erst im Sommer 1941 gelingt es Karl Süßheim mit seiner Frau und den Töchtern, nach Istanbul zu emigrieren. Sie sind eine der letzten Familien in Bayern, die der Schoa entkommen sind. Ein Teil seiner Privatbibliothek wird beschlagnahmt und landet in der Bayerischen Staatsbibliothek. Erzählerin Da aber auch die Türkei zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine deutschen Juden mehr aufnimmt, musste das türkische Kabinett eine Ausnahme für Karl Süßheim beschließen. Seine Aufenthaltsgenehmigung ist damit verbunden, dass er an der dortigen Universität unterrichtet. Damit steht er zwar unter Druck, aber auch endlich wieder im Hörsaal. Die Bedingungen an der Universität Istanbul brachten für Karl Süßheim einige Herausforderungen mit sich: Er musste um seinen Professorentitel kämpfen, seine Publikationstätigkeit war eingeschränkt. Auch in der Lehre musste er sich erst eingewöhnen. 12. O-Ton (Kristina Milz) Man muss sich auch diese Situation mal vorstellen, also er hatte jahrelang während des Nationalsozialismus wenige Schüler bis gar keine Schüler. Er hatte vielleicht noch ein paar Privatstunden gegeben für die Leute, die sich das getraut haben. Und plötzlich ist er da in der Türkei und steht vor vollen Hörsälen, und alle wollen über die türkische Geschichte bei ihm lernen. Es ist auch interessant, weil in seinem Nachlass finden sich die Inskriptionslisten, wo man die ganzen Namen der türkischen Studierenden sieht, die sich für seine Vorlesungen angemeldet haben. Und es sind seitenweise Einträge. MUSIK Erzähler Karl Süßheim bleiben nur wenige Jahre im Exil. Er stirbt am 13. Januar 1947 mit nur 68 Jahren an den Folgen einer Nierenerkrankung. Und wird auf dem jüdischen Friedhof in Istanbul beerdigt. An seinem Grab spricht der jüdische Romanist Erich Auerbach die Worte: Zitator Auf dem Gebiet der türkischen Geschichte wird der Name Karl Süssheim nicht vergessen werden und nicht vergessen werden können. Erzählerin Was Süßheims Reputation in der Türkei angeht, sollte Auerbach Recht behalten. Doch in Deutschland passiert das Gegenteil: Der einstige Professor für orientalische Sprachen und die „Geschichte der mohammedanischen Völker“ gerät in Vergessenheit. Erzähler Nicht zuletzt, weil die Ludwig-Maximilians-Universität keinen Nachruf auf ihren einstigen Professor Karl Süßheim herausgibt. Obwohl eine Würdigung von ehemals verfolgten Wissenschaftlern in der Nachkriegszeit eigentlich zum Standard gehört. Erzählerin Und auch Süßheims Witwe wird lange ignoriert. Karolina, die nach dem Tod ihres Mannes in die USA ausgewandert ist, wendet sich 1947 mit der Bitte um eine Witwenrente an die Uni. Und muss 11 Jahre lang dafür kämpfen: 13.O-Ton (Kristina Milz) Man könnte ja meinen, so wie ich auch eben damals auf ihn gestoßen bin, dass er eben einfach vergessen wurde. Man sieht aber sehr deutlich eben an den Quellen auch im Universitätsarchiv, dass das nicht der Fall war, weil die LMU fast 20 Jahre lang damit beschäftigt war, kein Geld auszugeben in der Sache Süßheim. Also diese Quellen im Universitätsarchiv, die betreffen die Universität, das Finanzministerium, das Kultusministerium und so weiter. Und man sieht daran auch, dass zum Beispiel noch mit nationalsozialistischer Gesetzgebung wirklich argumentiert wird. Also es wird dann zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob seine Witwe Witwenrente bekommt, mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums von 1933 argumentiert. Und es stellt sich bei ihm sehr lange nicht einmal die Frage in den Dokumenten, was denn mit ihm passiert wäre, wenn es den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte. MUSIK Erzähler Erst nachdem Karolina Süßheim 1951 die United Restitution Organization bevollmächtigt, sich ihres Falls anzunehmen, fordert das Kultusministerium die Personalakte Süßheims bei der Uni an. Erzählerin Es werden Gutachten in der Causa Süßheim eingeholt. Unter anderem vom Dekan der Philosophischen Fakultät Anton Spitaler, der während der NS-Zeit Stipendiat der gleichgeschalteten Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft bei der Korankommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war. Und im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht in Belgien und Frankreich als Dolmetscher gedient hatte. In seinem Gutachten fällt Spitaler ein vernichtendes Urteil über seinen ehemaligen Lehrer. 14.O-Ton (Kristina Milz) Anton Spitaler (…) wurde direkt gefragt, wie die Karriere von Karl Süßheim weitergegangen wäre, hätte es den Nationalsozialismus nicht gegeben. Und dieses Gutachten ist wirklich erstaunlich vernichtend. (…) Er macht seine Sprachenkenntnisse zum Beispiel sehr schlecht, sagt die wären nicht vorhanden gewesen. Das sind ganz offensichtliche Lügen, die in diesem Gutachten drinstehen. Und an einer Stelle schreibt er sogar noch, er hätte durchaus etwas von Karl Süßheim gelernt, aber das hätte er eher aus ihm herausgeholt, als dass Süßheim es ihm gegeben hätte. Das war natürlich schon sehr bezeichnend. Und man muss sich vor Augen halten, dass es zu dem Zeitpunkt ja überhaupt nicht mehr darum ging, Karl Süßheims Karriere voranzutreiben oder dergleichen, er war ja längst tot. Also es ging wirklich nur noch darum, seine Familie zu entschädigen. Erzähler Dieses Gutachten geht in die Bewertung des Falles ein. Erst 11 Jahre nach dem Tod ihres Mannes bekommt Karolina Süßheim ab 1958 eine entsprechend kleine Entschädigung. Weitere sieben Jahre später wird der Fall zu den Akten gelegt. TC 16:57 – Kampf ums Vermächtnis MUSIK Erzählerin Während in Bayern der Name Süßheim bis zu Beginn dieses Jahrhunderts in Vergessenheit gerät, machen sich im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt daran, Süßheims Tagebücher ins Englische zu übersetzen. Zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die lange Zeit unentdeckt waren. 15.O-Ton (Kristina Milz) Weil er sehr viele Handschriften gesammelt hat, im Laufe seines Forscherlebens also originale Handschriften aus dem Nahen Osten und die auch zusammengehalten hat. Seine Witwe hat diese Handschriftensammlung dann verkauft, und die ist in Teilen in Berlin und in Teilen in Washington gelandet. Und in Berlin – bei diesen Handschriften befand sich eben auch sein Tagebuch, was die Witwe bestimmt nicht gewusst hat, weil das natürlich nicht unterscheidbar war zu anderen Notizen, die er gemacht hat für sie, weil es in fremden Sprachen war. Und deswegen sind eigentlich Wissenschaftler erstmals wieder mit ihm in Kontakt gekommen, weil sie sich seine Handschriften angeschaut haben und dann das Tagebuch gefunden haben. Erzähler Die Edition „The Diary of Karl Süssheim“ erscheint 2002 und löst eine Welle der Erinnerung aus. Oder wie die FAZ damals schreibt: Zitator Erst die kommentierte Übersetzung der Tagebücher gibt Süssheim sein Leben zurück, macht aus dem Vergessenen und Unbekannten einen an allem interessierten Menschen im Wirbel des dramatischen Geschehens der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. MUSIK Erzählerin Nicht nur die Bayerische Staatsbibliothek setzt ab 2003 ein Restitutionsverfahren ein, sondern auch die Provenienzforschung des Stadtarchivs Nürnberg wird aktiv. Und setzt sich mit der Familie Süßheim in Verbindung. Für Lisa D’Angelo, der Enkelin von Karl Süßheim, eröffnet sich damit ein ganz neuer Zugang zur eigenen Familiengeschichte: 16.O-Ton (Lisa D‘Angelo) 2014 hatte ein Archivar das Internet genutzt, um meine 84-jährige Tante Margot in New York ausfindig zu machen, wo sie seit über 65 Jahren lebte. Er wollte sie wissen lassen, dass das Archiv ein antikes Buch mit dem Süßheimer Exlibris besaß. Und dieses Buch war von den Nazis beschlagnahmt worden, kurz bevor mein jüdischer Großvater und meine katholische Oma und ihre beiden Mädchen nach Istanbul geflohen waren. Und als das Nürnberger Archiv mit meiner Tante Margot Kontakt aufgenommen hat, hat sich uns natürlich eine ganz neue Welt der Familie Süßheim eröffnet. Erzähler Margot Süßheim ist es, die beginnt, als Zeitzeugin über ihren Vater zu sprechen. Und auch ihrer Nichte einige Details über die Schwierigkeiten ihrer Familie während der Nazizeit zu erzählen. Allerdings erst, als Lisa erwachsen ist. 17.O-Ton (Lisa D‘Angelo) Ehrlich gesagt, wusste ich nur sehr wenig über meinen Großvater. Als Kind hörte ich, dass mein Großvater ein Sprachwissenschaftler war, der etwa 15 Sprachen beherrschte. Ich hörte auch, dass seine Mutter Clara ein bisschen schwierig war. Und sie sammelte auch Dinge, die mein Großvater auch geerbt hatte. Und seine Vorliebe für das Sammeln von Büchern rettete tatsächlich die Familie, denn meine Oma verkaufte seine umfangreiche Büchersammlung an die Yale University in den USA, um die Schiffstickets zu kaufen, mit denen sie von Istanbul nach New York auswandern konnten. Erzählerin Lisa D’Angelo ist das öffentliche Gesicht der Familie Süßheim. Sie verwaltet nicht nur den privaten Nachlass ihres Großvaters, sondern reist auch nach Deutschland, um Ausstellungen zu eröffnen oder Vorträge zu halten. So wie 2022 im Münchner Literaturhaus. Da hatte sie die weite Anreise von Chicago auf sich genommen, um zur Vorstellung von Kristina Milz´ Biografie „Karl Süßheim Bey“ zu sprechen; der ersten umfassenden Biografie des bedeutenden bayerischen Orientalisten. MUSIK Erzähler Karl Süßheim hat ein kostbares Erbe hinterlassen. Eines, das viel zu lange im Verborgenen geblieben ist, sagt Kristina Milz: 18.O-Ton (Kristina Milz) Ich finde es vor allem eben sehr wichtig, weil oftmals davon ausgegangen wird, man hätte zum Nationalsozialismus schon alles erzählt. Und gerade die Geschichte von Karl Süßheim zeigt auch mal wieder, dass wir noch lange nicht fertig sind damit, diese Zeit uns anzuschauen. TC 22:03 – Outro
- 19.04.202423 min
Sie ist das wohl weitest gereiste Schmuckstück des "Israel Museum" in Jerusalem: eine aufwendig bemalte Laubhütte aus dem bayerisch-schwäbischen Fischach. Irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab der Kaufmann Jakob Deller diese "Sukkah" in Auftrag. Mit der rituellen Nutzung einer solchen Laubhütte erinnern gläubige Jüdinnen und Juden an den Auszug aus Ägypten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Laubhütte durch einen waghalsigen Transport per Zug und Schiff nach Palästina gebracht. Von Lukas Grasberger (BR 2023) Credits Autor: Lukas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Susanne Schroeder, Annette Wunsch Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Rahel Sarfati, Bernhard Purin, Klaus Wolf, Bernd Päffgen, Naomi Feuchtwanger-Sarig Ein besonderer Linktipp der Redaktion: Wir bedanken uns bei der Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die uns bei dieser Folge wissenschaftlich beraten hat. Mehr Infos zum Projekt gibt es HIER. Linktipps: Die Fischacher Laubhütte im Isreal Museum, Jerusalem Jüdisches Leben in Fischach, Infos des Hauses der Bayerischen Geschichte Literaturtipp: Heike Specht (2006): Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis. Wallstein Verlag Sie waren Stammgäste im Hofbräuhaus, fühlten sich in den Alpen wie zu Hause, liebten die Theater und Museen der Stadt, pflegten die landesübliche Feindschaft gegenüber Preußen und in »unserem München« galt ihnen auch der Berliner Jude als Zugereister. Über drei Generationen verband die Familie Feuchtwanger eine strenge jüdische Orthodoxie mit einer ausgeprägt bayerisch-barocken Lebensweise. Die Geschichte der Feuchtwangers ist aber auch eine Geschichte von Familienzusammenhalt und Familienzwist, von arrangierten Ehen und leidenschaftlicher Liebe, von glänzenden Erfolgen und bitteren Niederlagen. Hier geht’s zum BUCH. Rachel Sarfati (2013): Restoring the Fischach Succa In early 2004 the Israel Museum presented the exhibition “Succot from around the World.” A painted wooden succa that had been part of the permanent exhibition for many years was taken apart and rebuilt in the exhibition hall. When the exhibition closed, it was decided that the succa’s being dismantled and the museum’s being closed for renovations provided a fortuitous opportunity to have the 19th-century succa sent out for restoration - this revealed an intriguing history. Hier geht’s zum ARTIKEL. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 02:39 – Ihr sollt sieben Tage in Hütten wohnen TC 05:15 – Die Kunst aus Fischach TC 09:20 – Ein Inventar für jüdische Kultur TC 13:15 – Holz, das die Welt verbindet TC 21:50 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro Musik Erzählerin Der Münchner Hauptbahnhof, ein Tag im Jahr 1937. Reisende wuseln zu ihren Bahnsteigen, Abschiede allerorten, herzlich hier, wehmütig dort. Eine Mutter mit fünf Kindern und schwer beladen erregt Aufmerksamkeit. Berta Fränkel ist Jüdin – bald wird sie den Zug nach Triest besteigen, um dann per Schiff nach Palästina auszuwandern: Ob ihres sperrigen Gepäcks argwöhnisch beäugt von der allgegenwärtigen nationalsozialistischen Ordnungsmacht. O-Ton 1 Rachel Sarfati, Kuratorin, Israel Museum, Jerusalem engl. Sprecherin dt. OV „...und dieser Polizist beobachtete sie eine Weile, wie sie ihre Sachen in einer riesigen Holzkiste verstaute. Er ging zu ihr, und fragte Berta Fränkel: „Warum schleppen Sie diese riesige Holzkiste in die neue Heimat?“ Und sie antwortete: „Dort, in der Wüste, gibt es kaum Bäume. Ich brauche dieses Holz, um mir dort, in Israel, ein neues Haus zu bauen.“ Musik Erzählerin Der neugierige Polizist gab sich zufrieden, und ließ ab von Berta Fränkel. Dadurch entging ihm – Überlieferungen zufolge - der wahre Charakter der vermeintlichen Frachtverpackung. O-Ton 2 Sarfati Sprecherin OV „Die Innenseite dieser Holzplanken war nämlich kunstvoll bemalt. Es waren die Wände einer Sukkah, einer Laubhütte. Es war sehr mutig, sie so außer Landes zu schmuggeln. Denn damals hatten die Nazis den Export von Kulturgütern bereits untersagt. Durch diese Aktion Berta Fränkels blieb die Sukkah erhalten: Als eine von ganz wenigen Laubhütten, die die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg überleben sollten. Bis heute ist die Fischacher Sukkah ein faszinierendes Ausstellungsobjekt.“ Erzählerin ...sagt die israelische Historikerin Rachel Sarfati, Kuratorin am Jerusalemer Israel Museum, wohin die aus Bayerisch-Schwaben stammende Laubhütte letztlich auf abenteuerlichen Wegen gelangen wird. Mit Objekten wie der Fischacher Laubhütte beschäftigt sich auch die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in einem Teilprojekt namens „Spurensuche“. TC 02:39 – Ihr sollt sieben Tage in Hütten wohnen Musik Doch: Was ist das überhaupt - eine Laubhütte? Und welche Rolle spielt eine „Sukkah“ in der jüdischen Kultur und Religion? O-Ton 3 Bernhard Purin, Leiter Jüdisches Museum München, Teil 1 „In der Bibel ist – unter den vielen Geboten die man dort findet – ein Gebot: „Und ihr sollt sieben Tage in Hütten wohnen“. Das soll an den Auszug aus Ägypten und die Rückkehr ins Heilige Land erinnern.“ Erzählerin ...erklärt der Kulturwissenschaftler Bernhard Purin. Er leitet das Jüdische Museum München. O-Ton 3 Purin Teil 2 „Darum gibt’s jedes Jahr im Herbst das Laubhüttenfest, wo man aus seinem Haus quasi auszieht, und im Garten oder vor dem Haus, am Balkon – oder wo auch immer – eine Holzhütte aufstellt, die als besonderes Merkmal hat, dass sie kein Dach hat. Sondern nur ein Gitter, auf dem Laub liegt.“ O-Ton Bernd Päffgen NEU 1 „Die Laubhütte wird eine Woche lang aufgestellt, vom 15. bis 21. Tag im jüdischen Herbstmonat Tischri. Hier geht es, ja, um Erntedank, vor allem aber um Gastfreundschaft. Diese einmal ganz konkret, im Kreis der eigenen Familie. Aber auch enge Freunde werden eingeladen.“ Erzählerin ...ergänzt der Münchner Archäologieprofessor Bernd Päffgen, der die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ leitet. O-Ton Päffgen NEU 2 „Und dann gibt es aber auch den höheren Sinn: Man lädt auch Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Aaron, Josef und David ein. Man feiert nicht nur, man besinnt sich, bekennt sich zum jüdischen Glauben.“ Musik Erzählerin In der Laubhütte wird gebetet, gegessen, und zuweilen auch übernachtet. Was in unseren Breiten zuweilen empfindlich kalt werden kann – wenn das Laubhüttenfest dem jüdischen Kalender gemäß, in die zweite Oktoberhälfte fällt. Hierzulande nutzt und nutzte man daher auch Dachböden mit zum Himmel offenen Luken als Laubhütten. Doch auch die traditionellen, mobilen Holz-Sukkot waren verbreitet, erklärt Bernhard Purin. Diese boten ein Erscheinungsbild... O-Ton 4 Purin „...ähnlich wie man sich heute Gartenhütten vorstellen kann: Die außen ganz einfach waren, mit Fenster und einer Tür. Zerlegbare Hütten, die man im Garten aufgestellt hat. Die innen aber oft sehr reich bemalt waren, mit Bildern, die auf die Feiertage, auf´s Laubhüttenfest Bezug nehmen. (…) Man hat großen Wert auf diese Laubhütten gelegt – und die auch sehr schön ausgestaltet.“ TC 05:15 – Die Kunst aus Fischach Erzählerin Wohlhabendere Juden beauftragten Maler, um die Innenseiten der Laubhütten künstlerisch auszuschmücken. Wie etwa der Kaufmann Jakob Deller aus Fischach, einem Dorf gut 20 Kilometer südwestlich von Augsburg. Dort, im ländlichen Bayerisch-Schwaben, waren Juden von christlichen Grundherren aus wirtschaftlichen Motiven angesiedelt worden, erklärt der Augsburger Mittelalter-Experte und Universitätsprofessor Klaus Wolf. O-Ton 5 Klaus Wolf, Prof. für Deutsche Literatur und Sprache in Bayern, Uni Augsburg „Wir wissen ja, dass ab 1438/40 die Juden aus der Reichsstadt Augsburg vertrieben wurden. (…) Fischach gehörte zu Bayerisch-Schwaben, das damals natürlich kein Bestandteil von Bayern war, sondern weite Teile gehörten zum sogenannten Vorder-Österreich, waren also Habsburgisch. Und in diesen Territorien wurde es den Juden ermöglicht, sich anzusiedeln. Das hat die Obrigkeit natürlich nicht aus philanthropischen Gründen getan, sondern der steuerlichen Einnahmen wegen.“ Musik Erzählerin Jüdische Familien eröffneten für das wirtschaftliche Leben des Ortes bedeutsame Betriebe: Bald gab es jüdische Metzger und Bäcker, dazu kamen Textilgeschäfte, Viehhandlungen – oder der Laden für Zigarren, Wein und Spirituosen des Kaufmanns Deller. Fischach wuchs und florierte. Mitte des 19. Jahrhunderts war nahezu die Hälfte der gut 500 Einwohner jüdisch. Juden engagierten sich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens: In der Freiwilligen Feuerwehr, im Gemeinderat. Es gab eine israelitische Volks- und Religionsschule, eine Synagoge und auch einen jüdischen Friedhof. Und die Juden von Fischach begingen ihre Feiertage – wie das Laubhüttenfest. Die wohlhabenderen, weiß Bernd Päffgen, gaben bei örtlichen Künstlern und Handwerkern hölzerne Laubhütten in Auftrag. O-Ton 6 Prof. Bernd Paeffgen, Prof. für Archäologie, LMU München und Co-Sprecher der Ad hoc-AG „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“, BAdW „In der Biedermeierzeit, da beauftragten kurz vor 1840 Jakob und Esther Deller in Fischach einen einheimischen Schreiner mit dem Bau dieser Laubhütte. Ein schwäbischer Maler bekam den Auftrag, die Innenwände der Sukkah in diesen sehr kräftigen Farben zu gestalten. (…) Erzählerin Wie damals auch in Kunstwerken der christlichen Kultur nicht unüblich, ließ sich auch der Auftraggeber der Fischacher Laubhütte, Jakob Deller, mit seiner Frau Esther in seiner Sukkah verewigen. O-Ton Päffgen NEU 3 „Zu sehen ist da eben Fischach, mit dem jüdischen Viertel und der Synagoge. Das ist gewissermaßen ein kleines Jerusalem in Bayerisch Schwaben, das da dargestellt ist. (…) Und Frau Deller steht mit weißer Kittelschürze stolz vor der Eingangstüre ihres Hauses - so als will sie gleich Gäste in Empfang nehmen. Und ein ganz vornehmer Herr mit Gehrock und Zylinder geht mit einem Jäger und Jagdhund in den westlichen Wäldern auf die Jagd. Erzählerin Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache in Bayern und Vorsitzender der Synagogenstiftung im schwäbischen Ichenhausen ergänzt: O-Ton 7 Wolf „Ja, das ist so die Zeit zwischen Wiener Kongress und 1848, und das ist hier wunderbar eingefangen. Und das ist in dieser Form, will ich sagen, einzigartig. Es ist ein ganz wichtiges Zeitdokument und auch ein wichtiges kunstgeschichtliches Dokument.“ O-Ton 8 Naomi Feuchtwanger-Sarig, Kunsthistorikerin, Jerusalem, engl., Sprecherin dt. OV „Die Darstellungen sind einerseits eingebettet in die örtliche Umgebung, sehr typische Volkskunst aus dieser Region Deutschlands. Buchstäblich auf der anderen Seite der Sukkah findet man aber Bilder aus Jerusalem wie den Felsendom - oder biblische Motive wie etwa Moses auf dem Berg Sinai oder jüdische Festtage. Wie die Fischacher Sukkah solche Szenen verschmilzt: Das ist sehr besonders – und einzigartig.“ TC 09:20 – Ein Inventar für jüdische Kultur Musik Erzählerin Die Einzigartigkeit der Fischacher Sukkah, von der die Kunsthistorikerin Naomi Feuchtwanger-Sarig hier spricht: Sie musste auch ihrem Großvater Heinrich Feuchtwanger bewusst gewesen sein, als er sie entdeckte. Dieser hatte vor rund hundert Jahre eine Mission: zusammen mit dem Kunsthistoriker Theodor Harburger reiste er quer durch Bayern, um jüdische Kunst- und Kulturdenkmäler zu inventarisieren. Von Feuchtwangers und Harburgers akribischer Arbeit profitiert der Münchner Museumsleiter Bernhard Purin für ein Editionsprojekt zu den Inventaren der bayerischen Synagogen noch heute. O-Ton NEU Purin Er hat an die 3000 Objekte schriftlich beschrieben, handschriftlich auf kleinen Zetteln, die er mit nach Palästina genommen hat. Die seit vielen Jahrzehnten in einem Archiv in Jerusalem liegen. (…) Und es ist ein Ziel von unserem Projekt, herauszufinden, welche Objekte noch erhalten sind. Erzählerin Was nach einer nüchternen schlicht bürokratischen Aufgabe klingt, war dennoch fundamental, um jüdische Kultur zu bewahren - auch diese Fischacher Laubhütte, wie sich später herausstellen wird. Denn zu jener Zeit der Weimarer Republik lösten sich die jüdischen Landgemeinden in Bayern auf – ursprünglich mehrere Hundert an der Zahl. Da viele Juden seit dem 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert waren und auch immer mehr Landjuden in Städte wie München oder Nürnberg zogen. O-Ton 9 Purin „Und dann hat irgendwann mal im ausgehenden 19. Jahrhundert der Punkt begonnen, wo Antiquitätenhändler durchs Land gezogen sind und von den letzten Gemeindemitgliedern die Sachen abgekauft haben. Und da hat dann der Landesverband der jüdischen Gemeinden gesagt: Das müssen wir verhindern und hat Anfang der 20er Jahre die Regelung beschlossen, dass sich auflösende Gemeinden ihre Ritualgegenstände an den Landesverband geben müssen. Aber so eine Vorschrift kann man nur vollziehen, wenn man weiß, was es gibt. Und darum hat man dann den Kunsthistoriker Theodor Harburger beauftragt. Der hat über 200 Synagogen besucht und hat genaue Inventare gemacht und hat dann aber auch, wenn er an den einzelnen Synagogenorten war, sich so ein bisschen umgesehen, weil ihn das als Kunsthistoriker interessiert hat, was in Privatbesitz ist. Und so hat er dann die Fischacher Laubhütte gesehen.“ Erzählerin Die bevorstehende NS-Herrschaft, die Zerstörung der jüdischen Kultur, die Shoah: Sie waren also nicht der Anlass der Bestandsaufnahme. Spätestens mit Beginn der NS-Diktatur muss Heinrich Feuchtwanger aber die existentielle Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland geahnt haben. Noch zu Zeiten der Weimarer Republik plante Feuchtwanger ein Museum, das die Vielfalt jüdischer Kultur und Geschichte darstellt und bewahrt – ähnlich dem jüdischen Museum, das 2007 schließlich am Münchner Jakobsplatz eröffnet wurde. Seine Enkelin Naomi Feuchtwanger-Sarig erinnert sich. O-Ton 11 Feuchtwanger-Sarig OV Sprecherin dt. OV „Er und Harburger hatten versucht, ein solches Museum in München zu etablieren, aber es kamen schreckliche Zeiten auf. Deshalb streckte mein Großvater seine Fühler zum Museum nach Palästina aus, denn dorthin hatte er bereits Kontakte. Er selber war bereits 1935 emigriert, seine Familie folgte Anfang 1936. Erzählerin Die Fischacher Laubhütte, so hatte er es geplant, sollte einen Platz im Museum in Palästina finden. Fortsetzung O-Ton 11 Sprecherin dt. OV Doch wie sollte er jetzt die Sukkah heraus aus Deutschland bekommen? Er fragte Berta Fränkel, eine enge Verwandte, die in München lebte, und ebenfalls auf dem Sprung nach Palästina war, ob sie die Laubhütte nicht mit einpacken könnte. Und so entstand die Idee, die Laubhütte als Kisten-Verpackung zu tarnen.“ TC 13:15 – Holz, das die Welt verbindet Musik Erzählerin Es sollte noch bis 1937 dauern, bis die Fischacher Sukkah ins damals britische Mandatsgebiet Palästina gelangte. Der Transport war ein heikles Unterfangen. Denn die Nationalsozialisten hatten schon ein Auge auf die Feuchtwangersche Sammlung geworfen und bereits einige wertvolle Goldmünzen beschlagnahmt. Die Sorge, auch die Sukkah könnte den Nazis in die Hände fallen, war groß. O-Ton 13 Päffgen „... Man hat die einzelnen Bretter auseinandergenommen und hat daraus großformatige hölzerne Transportkisten (...) gemacht, die nach Palästina ausreisten, die bemalten Innenseiten, die hat man mit billigem Stoff bespannt, damit die nicht beschädigt wurden, aber auch nicht gesehen werden konnten. Und die Kisten wurden dann also von München nach Jerusalem verschifft. Kontrolliert wurde natürlich nur der Inhalt. An diesen Holzkisten war man natürlich nicht interessiert, und so kam die Fischacher Sukkah nach Jerusalem, da wurde sie wieder zusammengesetzt, und zunächst verwahrte sie Doktor Heinrich Feuchtwanger bei sich, in seinem Haus.“ Erzählerin ...ergänzt der Archäologe Bernd Päffgen, der zur jüdischen Geschichte in Bayern forscht. Die Laubhütte aus Bayerisch-Schwaben sollte schnell zum Schmuckstück und Anziehungspunkt im Bezalel Museum werden. Der Münchner Museumsleiter Bernhard Purin schreibt es der unermüdlichen Inventarisierungs-Arbeit von Feuchtwanger und Harburger am Vorabend der Shoah zu, dass die Sukkah, zahlreiche liturgische Gegenstände, weltliche wie religiöse Kunst und Kunsthandwerk gerettet und nach Palästina gebracht werden konnten. O-Ton 14 Purin „Das gab´s nur in Bayern, an keinem anderen Ort Deutschlands. Und Harburger ist dann immer an den Ort Deutschlands gefahren, wo es Synagogengemeinden gab, (...) und Stücke, die ihm interessant erschienen, hat er dann auch fotografiert. Und wir haben schon vor fast 25 Jahren die Fotos veröffentlicht: So circa 800. Und da kann man mit Erstaunen feststellen, dass sich doch relativ viel erhalten hat.“ Erzählerin Wie die Fischacher Laubhütte, deren wechselvolle Geschichte mit ihrer Ankunft in Palästina noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Für Naomi Feuchtwanger-Sarig ist diese Geschichte auch eine Familiengeschichte. Die Sukkah aus Schwaben: Sie ist der Enkelin von Heinrich Feuchtwanger seit ihrer Kindheit präsent. O-Ton 15 Feuchtwanger-Sarig Teil 1 Sprecherin OV „Ich erinnere mich an lebhafte Diskussionen, als ich ein kleines Mädchen war. Ich habe nicht viel verstanden – aber es ging wohl darum, ob man die Sukkah noch einmal nach Deutschland transportieren sollte. In Köln war für das Jahr 1964 eine Ausstellung von jüdischem Kulturgut geplant, bei der die Fischacher Laubhütte gezeigt werden sollte. Mein Vater – damals Kurator im Bezalel-Museum, wo diese Sukkah ausgestellt war – war vor allem aus konservatorischen Gründen dagegen, denn sie war in relativ schlechtem Zustand. Erzählerin Die Fischacher Laubhütte erneut auf Reisen nach Deutschland zu schicken – das war für Heinrich Feuchtwanger aber auch aus einem anderen Grund problematisch, sagt seine Enkelin. O-Ton 15 Feuchtwanger-Sarig Teil 2 Sprecherin OV „Als Jude, der vor den Nazis geflohen war, war er der Meinung, dass aus Deutschland gerettete jüdische Kulturgüter nicht mehr dorthin zurückkehren sollten. Er hat sich dann letztlich doch gebeugt. Er konnte überzeugt werden davon, dass mit einer erneuten Reise dieser Sukkah nach Deutschland quasi eine verbindende Brücke gebaut werden könnte. Mein Großvater wollte dieses Zeugnis des Judentums all dem Hass, all der Entfremdung entgegenhalten, und er reiste zur Vorbereitung der Ausstellung Anfang der 60er-Jahre dann auch selber in die Bundesrepublik. Diese Reise war sehr schwer für ihn, und möglicherweise emotional zu anstrengend. Er ist kurz danach gestorben.“ Erzählerin Heinrich Feuchtwangers Sorge um die Unversehrtheit der Fischacher Sukkah – sie sollte sich letztlich als berechtigt herausstellen. O-Ton 16 Sarfati Sprecherin OV „Die Ausstellungsmacher in Köln haben quasi als Dankeschön eine Restaurierung der Laubhütte vorgenommen. So kam es zu diesen, sagen wir mal, unprofessionellen Veränderungen der Fischacher Sukkah.“ Erzählerin …weiß die Jerusalemer Kuratorin Rachel Sarfati. O-Ton 17 Safarti Sprecherin OV „Ich habe eine neue Farbschicht entdeckt, die viele Fehler enthielt. Farben wurden von Hell nach Dunkel, und von Dunkel nach Hell verändert.“ Erzählerin Veränderungen, die zunächst unbemerkt blieben, sagt die Kunsthistorikerin Naomi Feuchtwanger-Sarig. Es erstaune sie, dass die „Verschlimmbesserung“ der Malereien bei einem so bekannten Objekt – das zudem als Leihgabe in anderen Museen ausgestellt war – zunächst niemandem auffielen. Naomi Feuchtwanger-Sarig veröffentlichte zwar 1988 eine Forschungsarbeit zur Sukkah aus Fischach und deren schicksalhafter Historie. Dass die Laubhütte vor Jahrzehnten unsachgemäß übermalt worden war – das fiel indes erst Mitte der 2000er-Jahre auf. Damals wurde die Sukkah abgebaut, um sie während der Renovierung des Museums routinemäßig einer Überholung zu unterziehen. O-Ton 19 Feuchtwanger-Sarig Sprecherin OV „Ursprünglich wollte man nur das Holz konservieren. Es war dann ein großer Schock, als man bei der Reinigung der Paneele entdeckte, dass es unter der oberen Farbschicht eine weitere gab.“ Erzählerin Die weitgereiste Fischacher Laubhütte ging daher erneut auf große Fahrt. Diesmal auf Erholungsurlaub, sozusagen. O-Ton 20 Sarfati Sprecherin OV „Ja, die Sukkah und ich, wir haben dann eine nette Zeit zusammen in Frankreich verbracht“ (lacht). Aber im Ernst: Israel ist ein sehr junger Staat, wir haben daher keine Tradition und Erfahrung mit Holzmalerei. Deshalb haben wir ein Labor im Ausland gesucht – und eines in West-Frankreich gefunden. Musik Erzählerin Die Restaurierung zog sich hin. Dass die Fischacher Laubhütte in ihren Originalzustand überhaupt zurückversetzt werden konnte – das ist einem Nachfahren ihres ursprünglichen Besitzers Jacob Deller zu verdanken: Alberto Deller, der als Kind vor den Nationalsozialisten nach Ecuador floh, besuchte Israel – und wollte dort die Sukkah seiner Vorfahren besichtigen. O-Ton 21 Sarfati Sprecherin OV „Alberto Deller stand jedoch vor verschlossenen Türen, denn das Museum war wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Die Sukkah seiner Familie war abgebaut und im Depot zwischengelagert worden – bis wir das Geld für ihre Restaurierung auftreiben würden. Diese Geschichte war also das Einzige, womit ich aufwarten konnte. Und ich erzählte ihm von der schwierigen Finanzierung der Restaurierung. Ich wusste damals nicht, dass Deller sehr wohlhabend ist und sich bereits einen Namen als Mäzen der Hebräischen Universität hier in Jerusalem gemacht hatte. Schließlich bot er an, die Kosten für die Restaurierung zu übernehmen.“ Erzählerin Nun ist die Fischacher Laubhütte wieder in ihrem Originalzustand, in ihrer alten, neuen Heimat Israel Museum. Musik Erzählerin Die Laubhütte von Fischach: Sie verbinde Familien und Generationen, über die Kontinente hinweg, sagt die israelische Kuratorin und Kunsthistorikerin Rachel Sarfati. O-Ton 23 Sarfati Sprecherin OV „Ja, es gibt Verbindungen, die sich über die ganze Welt erstrecken. Die Sukkah verbindet die Deller-Familie und ihre Nachfahren, die Sterns. Sie verbindet die Familien Fränkel und Feuchtwanger. Sie verknüpft die Kontinente und Länder: Israel, Europa – und Lateinamerika. Die Fischacher Laubhütte ist ein so seltenes und einzigartiges Stück, dass auch ich mich in besonderer Weise verbunden fühle.“ TC 21:50 – Outro
- 15.04.202422 min
Es war eine Sensation, als Archäologen vor rund 100 Jahren "Petra" ausgegraben haben: eine in Fels gehauene Stadt, die den Nabatäern als Handelsmetropole diente. Ihre Blütezeit hatten die Nabatäer zur Zeit Jesu. Sie beherrschten die Weihrauchstraße und organisierten den Handel zwischen Arabien und dem Mittelmeerraum. Bis heute stoßen Archäologen immer noch auf neue Erkenntnisse. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2016) Credits Autor: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Silke von Walkhoff Technik: Gerhard Wicho Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Stephan Schmid, Jane Taylor Linktipps: Das Kalenderblatt (2013): J.L. Burckhardt entdeckt Petra (22.08.1812) Die Felsenstadt Petra im heutigen Jordanien war bis ins 3.Jahrhundert n. Chr. als blühende Handelsstadt der Nabatäer bekannt. Am 22. August 1812 entdeckte der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt die sagenhaften Ruinen. JETZT ANHÖREN ZDFinfo (2020): Petra – Felsentempel in der Wüste Beeindruckende Felsformationen und mächtige Fassaden – mitten in der jordanischen Wüste fasziniert die antike Felsenstadt Petra Archäologen, Historiker und Touristen. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage TC 05:18 – Der Nomadenstamm TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste TC 15:06 – Im arabischen Olymp TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht TC 21:06 – Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK ATMO 1 Aufstieg Erzähler: Der Aufstieg ist beschwerlich. Von Petra, der faszinierenden Felsenstadt unten im Canyon, hinauf zum 1.200 Meter hohen Gipfelplateau des Umm al-Bijara (sprich: Umm all Bichara), übersetzt der „Mutter der Zisternen“. Hunderte von Stufen wurden in den vergangenen zwei Jahrtausenden in den Kalk - und Sandstein geschlagen, um auf den höchsten Berg der Gegend zu gelangen. Erzählerin: Immer wieder wurde der Weg von Sandstürmen verweht, von Geröll verschüttet, von Erdbeben zerstört und ein ums andere Mal wiederhergestellt. In den vergangenen beiden Jahrhunderten von Archäologen, zuvor von Beduinen, zur Zeitenwende vom geheimnisumwitterten Volk der Nabatäer! ATMO 2 Archäologengespräch Erzähler: Seit den neunziger Jahren graben und forschen Archäologen der Berliner Humboldt-Universität rund um Petra. Zahlreiche Gebäudekomplexe - Tempel, Gräber, Villen aus den ersten Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende - haben sie bereits freigelegt und dokumentiert. Auf dem Umm al-Bijara sind sie auf eine erstaunliche Anlage gestoßen. ATMO 3 kratzen TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo Erzählerin: Eine luxuriöse Wellness-Oase auf einem Berg mitten in der Wüste: mit Marmor-Badewannen, kunstvollen Mosaiken, Steinfiguren von badenden Jünglingen. Prof. Dr. Stephan Schmid ist der Ausgrabungsleiter: O-Ton 1 Schmid Luxusbad: „Man darf sich da durchaus den damals üblichen Luxus vorstellen, der dadurch fast pervers wirkt, dass er an einem sehr unwirtlichen Ort praktiziert wird. Wir haben eine Badeanlage gefunden, die mit 20 auf 30 Metern ein ganz anständige Dimension erreicht. Da gab`s beheizbare Räume mit Boden - und Wandheizung, es gab für den Endnutzer fließendes Wasser, das kommt zwar aus den Zisternen, wird aber in Zwischentanks erst mal eingefüllt und der Endnutzer kann richtig seine Badewanne mit fließend Wasser füllen lassen und das ist natürlich für ehemalige Nomaden schon eine Leistung.“ MUSIK Erzähler: Feinkeramik - und Glasscherben lassen vermuten, dass es sich die Badenden auf dem Berg gut gehen ließen. Die größte Badewanne, die mehreren Personen Platz bot, also eine Art antiker Whirlpool, ist direkt an der Felskante installiert, hinter der es Hunderte von Metern in die Tiefe geht – antike Wellness mit Nervenkitzel und einem fantastischen Panorama: Vom Plateau reicht der Blick über ganz Petra und auf der anderen Seite bis ins Jordantal, ins heutige Israel. Lage und Luxusausstattung des Berg-Bades waren vermutlich so etwas wie ein Architekturwettstreit mit Herodes dem Großen, der nebenan in Judäa pompöse Paläste bauen ließ. Ziel war es, Macht und Reichtum zur Schau zu stellen. MUSIK AUS TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage O-Ton 2 Schmid Herodes: „Die Nabatäer waren ja die direkten Nachbarn und auch direkt verschwägert mit Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern, da gab`s einen regen Austausch von Heiratspolitik, man hat sich auch hin und wieder bekriegt, man kannte sich jedenfalls sehr gut. Und im Königsreich von Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern kennen wir zahlreiche Höhenresidenzen, und unser Schlagwort ist, dass Um-el-Bijara, dieser Berg hier, die nabatäische Antwort auf Masada, die große Palastanlage von Herodes dem Großen am Toten Meer darstellen könnte.“ Erzählerin: Die exponierte Position dieser Anlage, die nicht nur aus Badewannen, sondern auch aus Wohn – und Wachgebäuden bestand, hatte auch einen strategischen Grund. O-Ton 3 Schmid Königsberg: „Unsere Arbeits-Hypothese ist die, dass sich hier oben eine Königsresidenz befunden haben könnte aus folgenden Gründen: Der Berg ist der Stadtberg von Petra, der überblickt das Stadtgebiet mit 300 Metern Höhendifferenz, Umm-al-Bijara, Mutter der Zisternen, also da wurde auch Wasser in Zisternen gesammelt. Offenbar wollte man hier oben größere Menschenmengen oder Menschen mit hohem Wasserbedarf bewirtschaften können. Der andere Punkt: Der Berg ist extrem wichtig für die Kontrolle des ganzen Gebietes. Petra selbst liegt ja in einem tiefen Talkessel, da hat man keine Sicht, keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Und das ist ab dem Zeitpunkt, wo man aus der nomadischen in die sesshafte Lebensweise wechselt, denkbar ungünstig. Und dazu dient dieser hohe Berg, man hat hier eine perfekte Fernsicht und kann kommunizieren mit einer ganzen Reihe von Wachtürmen die sich rund ums Siedlungsgebiet von Petra und befunden haben und diese Informationen eben mit dem Stadtgebiet eben austauschen und kommunizieren.“ TC 05:18 – Der Nomadenstamm MUSIK & ATMO 5 Kelle Erzähler: Wer waren diese Nabatäer, die in solch einem unwirtlichen, labyrinthartigen Schluchtensystem ihre Hauptstadt errichteten? ATMO 6 Schaufel Erzählerin: Neben den Tonscherben, Münzen oder Steinreliefs, die Archäologen wie Stephan Schmid zutage fördern, haben die Forscher nur einige schriftliche antike Quellen zur Verfügung: von den Geschichtsschreibern Strabon, Flavius Josephus oder Diodorus. Von den Nabatäern selbst wurden bisher nur wenige schriftliche Zeugnisse gefunden. Erzähler: In der Bibel tauchen die Nabatäer bei Paulus auf. Und zwar in Person von König Arétas, der als König von Damaskus bezeichnet wurde. Zu Jesu Zeiten reichte das Herrschaftsgebiet der Nabatäer bis ins heutige Syrien. Erzählerin: Zum ersten Mal wird der semitische Nomadenstamm vom griechischen Historiker Diodorus erwähnt: Im Jahr 312 v. Chr. kämpfte demnach ein griechisch-makedonisches Heer von fast 5.000 Mann gegen die Nabatäer, eroberte vorübergehend Petra und erbeutete große Mengen an Weihrauch und Myrrhe sowie 500 Talente Silber, was 70 Tonnen entspricht! MUSIK AUS O-Ton 4 Schmid Könige: „Die frühesten Belege stammen aus der hellenistischen Zeit, wo ein König der Araber genannt wird, der eigentlich nur Nabatäer sein kann und dann ab dem späten zweiten Jahrhundert werden sie dann auch richtig König der Nabatäer genannt. Auch auf ihren eigenen Münzen treten sie als solche auf. Zumindest nach außen muss das als monarchische Form wahrgenommen worden sein. Man kann sich gut vorstellen, dass es eine Art Scheichtum war, es gab eben einen Oberscheich und weil er der Oberscheich war, galt er für die Griechen und Römer als König.“ MUSIK Erzähler: Aus ihrer Nomadenzeit hatten die Nabatäer die Stammesstrukturen bewahrt, auch als sie rund um Petra sesshaft wurden. Wie früher, als sie durch die Wüstengegenden im heutigen Syrien, Jordanien, Irak, Palästina und Saudi Arabien zogen, lebten sie in Großfamilien und Clans. Davon zeugen große Versammlungsräume, die in die Felswände von Petra gebaut wurden. In diesen Bankettsälen finden sich sogenannte Triklinien, abgetrennte Räume, die an drei Seiten Sitzbänke hatten. In diesen Räumen wurde rituell gekocht, es wurden Tieropfer dargebracht und es wurde beratschlagt und zu Gericht gesessen. Erzählerin: Als Nomaden hatten die Nabatäer keine eigene Schriftsprache. Sie bedienten sich des Aramäischen, also der Sprache Jesu, vor allem, wenn es um Handelsverträge, Bauinschriften etc. ging. Mythische, rituelle oder alltägliche Dinge wurden mündlich überliefert. MUSIK AUS O-Ton Schmid 5 aramäisch: „Da muss man offenbar unterscheiden zwischen dem, was sie gesprochen haben, das scheint wirklich Arabisch gewesen zu sein, ein Früh-Arabisch, und dem, was sie geschrieben haben. Geschrieben haben sie tatsächlich Aramäisch, das war damals die lingua franca, die in diesem Teil der antiken Welt durch das persische Achämenidenreich flächendeckend als Verwaltungssprache eingeführt wurde. In dieser Sprache schreiben die Nabatäer, das ist eigentlich schriftmäßig die Ursprungssprache des modernen Arabisch und des Hebräisch. Aramäisch ist die Sprache von Jesus und auch die Bibel ist in Aramäisch abgefasst in weiten Strecken.“ Erzähler: Aus diesem frühen Aramäisch hat sich dann die Arabische Schrift entwickelt, wie wir sie kennen. TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren Erzählerin: Und wie sie die Nachfahren der Nabatäer benutzen, die heute in den Hügeln rund um Petra leben: ohne Strom und fließendes Wasser, in Zelten aus Tierleder, einem für die Männer, einem für die Frauen. ATMO 7 Mörser Kardamom O-Ton 6 Schäferin Name over weiblich: „Mein Name ist Haje (sprich: Ha-je), ich bin 50 Jahre alt und ich habe sechs Kinder.“ Erzähler: Die Frau sitzt auf einer staubigen Wolldecke vor dem Zelt, im Mörser zerkleinert sie Kardamom-Körner. Ihr schwarzer Umhang verhüllt den ganzen Körper, bis auf die Augen. O-Ton 7 Schäferin Tag over weiblich: „Unser Tag sieht so aus: Erst mache ich das Frühstück, meine Söhne gehen zum Wasser holen, die Töchter bringen die Ziegen zum Grasen. Wir essen Joghurt, Zwiebeln, Brot, trinken Tee. Sonst gibt`s kaum etwas. Fleisch nur, wenn Gäste kommen, dann schlachten wir eine Ziege “ ATMO 8 Brotbacken Erzählerin: Jetzt knetet die Frau Brotteig, den sie zu Fladen formt. Statt in einen Ofen steckt sie diese Fladen einfach in den heißen Wüstensand. Eine Viertelstunde später ist das Brot fertig gebacken und wird mit etwas Ziegenkäse und Wildkräutern gegessen. Erzähler: Das karge Leben der Beduinen dürfte sich kaum vom Lebensstil früherer Nomaden unterscheiden. Mit Geld kommen sie selten in Berührung, vielmehr tauschen sie Lebensmittel, Tiere oder Stoffe mit anderen Beduinen. MUSIK Erzählerin: Auch die Nabatäer haben in ihrer Nomadenzeit wohl so gelebt. Durch ihre steigenden Handelsaktivitäten und den aufkommenden Wohlstand änderte sich aber die Gesellschaftsform. MUSIK AUS Die Nabatäer suchten ein Zuhause, ein Zentrum, und fanden es in Petra. ATMO 11 Markt Erzähler: Den Marktplatz von Petra muss man sich wie einen großen Souk vorstellen, wie man ihn heute noch in Jordaniens Hauptstadt Amman findet. MUSIK An den Ständen bieten die Händler Gewürze, Gemüse, Fleisch, Fisch, Kaffee und Tee sowie Gebrauchsgegenstände aller Art feil. Erzählerin: Die Hauptstraße von Petra ist noch deutlich zu erkennen: die Pflastersteine sind gut erhalten und weisen keine Spuren von Rädern auf – der Boulevard war also eine frühe Fußgängerzone! Gesäumt von Brunnen, Badehäusern, Theater, Mausoleen. Zu Zeiten der Nabatäer war diese Prachtstraße noch beeindruckender als heute. Denn die meisten Gebäude waren mit kunstvollem Stuck verziert und farbenfroh gestrichen, während die Überbleibsel sandfarben sind. ATMO 12 Marktschreier Erzähler: Petras Marktschreier brachten die wertvollsten Produkte der damaligen Zeit unter die Leute: Luxusgüter wie Alabaster, Elfenbein, Perlen, Purpur oder Pfeffer. Auch Aromata wie Weihrauch, Myrrhe, Balsam oder Zedernduft. Vor allem die Einkäufer aus Rom rissen sich um die Zutaten für Salben, Cremes oder Badewasser, da die römische Kanalisation zum Himmel stank und mit Düften übertüncht werden musste. TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste Erzähler: In der Hochzeit reichte der nabatäische Karawanenstaat von Damaskus im Nordosten bis nach Medina im Süden, im Westen bis zum Sinai. Auf der arabischen Halbinsel kontrollierten sie die so genannte Weihrauchstraße, die von Jemen und Oman bis zum Mittelmeer führte und auf der neben Gewürzen aus Indien auch chinesische Seide transportiert wurde. Erzählerin: In der Oase Hegra im heutigen Saudi-Arabien übernahmen die nabatäischen Kaufleute die Ware von südarabischen Händlern, brachten sie in 30 bis 40 Tagesmärschen in Kamel- und Dromedarkolonnen nach Petra oder nach Gaza, dem wichtigsten Umschlagplatz am Mittelmeer. Von dort führte die Handelsroute nach Rom oder Athen. Die wichtigsten Karawanen-Strecken waren mit bewachten Brunnen, Warendepots und Versorgungsstationen versehen. MUSIK AUS ATMO 13 Petra Sprachen Erzählerin: Kaufleute aus vielen Regionen tummelten sich in Petra, das eine Art Wallstreet der Wüste war. Statt des Touristen-Mix‘ aus Englisch, Deutsch oder Japanisch war vor 2.000 Jahren ein Sprachengemisch aus Aramäisch, Persisch und Latein zu hören. Historiker schätzen, dass zur Hochzeit etwa 30.000 Menschen in Petra lebten, darunter zahlreiche Ausländer, die auch ihre Vorlieben mitbrachten. Der Archäologe Stephan Schmid stößt bei Grabungen immer wieder auf Keramik, Glas und Marmor aus Italien oder Griechenland. ATMO 14 Wasserplätschern Erzähler: Ein paar Kilometer von Petra entfernt sprudelt Quellwasser aus den Felsen. Laut Bibel soll Moses hier mit einem Stock auf einen Felsblock geschlagen und so die Quelle geöffnet haben. Diese Wasserstelle garantiert seit Tausenden von Jahren die Trinkwasserversorgung. MUSIK Erzählerin: Die Nabatäer entwickelten ein ausgeklügeltes Kanalsystem, das Wissenschaftler heute als „Wasserbaukunst“ bezeichnen: starke Regenfälle im Winter können die Schluchten rund um Petra komplett unter Wasser setzen, im Sommer fällt nahezu kein Regen. Diese Herausforderung meisterten die Ingenieure der Nabatäer, indem sie Dutzende von Barrieren bauten, um die Fließgeschwindigkeit des Wassers im Winter zu verringern. In Dämmen und unterirdischen Zisternen wurden enorme Wassermengen gesammelt, über ein weitverzweigtes Kanalsystem verbreitet. Erzähler: Rechnungen ergaben, dass rund ums Jahr etwa 45 Millionen Liter zur Verfügung standen. Eine immense Menge an Wasser, zumal mitten in der Wüste! Damit konnten die sesshaft gewordenen Nomaden auf bewässerten Terrassen Landwirtschaft betreiben, was den Fund zahlreicher Getreidemühlen, Wein – und Ölpressen erklärt. Luftaufnahmen deuten auch auf großzügig angelegte Gartenanlagen in Petra hin. Die Nabatäer hatten sich an einem der unwirtlichsten Plätze der Region ein Paradies geschaffen. ATMO 15 Petra Kinder MUSIK AUS TC 15:06 – Im arabischen Olymp Erzählerin: Die Frage ist: Warum taten sie das in diesem staubigen Schluchten-Labyrinth? Erzähler: Eine Möglichkeit, die von Historikern und Archäologen diskutiert wird: Eventuell hatten die Nabatäer einen mystischen Bezug zu diesem Ort. MUSIK Jedenfalls fanden die Forscher zahlreiche Stein-Stelen, die Götter symbolisieren. Inschriften auf Reliefs lassen den Schluss zu, dass Petra nicht nur ein Handelszentrum, sondern auch eine Pilgerstätte war. Vielleicht vermuteten die Nabatäer, dass die von ihnen angebeteten Gottheiten hier zuhause sind. Petra wäre demnach eine Art arabischer Olymp gewesen. O-Ton 12 Schmid Duschara: „Die Nabatäer hatten ein relativ detailliertes Pantheon, da gibt es eine ganze Reihe von Göttern, allerdings scheint es sich ein bisschen auf einen Hauptgott zu fokussieren, also eine stark trichterförmige Verengung oder Konzentration auf einen Hauptgott. Hier in Petra ist das eindeutig Duschara, d.h. der von den Schara-Bergen. Und die Schara-Berge, das ist diese Gebirgskette, die den Übergang von der innerarabischen Hochebene in den arabisch-afrikanischen Grabenbruch, in dem auch der Jordan, das Rote und Tote Meer liegen, darstellt. Dieser Duschara war ganz wichtig, denn von den Schara-Bergen kommt das segens-und kulturbringende Wasser, von daher kommt aber auch das alles zerstörende Wasser, wenn man eben nicht aufpasst und das ein bisschen domestiziert. Lustigerweise oder interessanterweise, wenn es um die bildliche Darstellung von Duschara in Griechisch-Römischen Bildchiffren geht, dann taucht er als Dionysos oder Bacchus auf. Das gibt uns eine gewisse Vergleichbarkeit.“ Erzählerin: Hauptgott Duschara wurde auch mit Vollbart, als Verkörperung des griechischen Zeus, dargestellt! So anpassungsfähig die Nabatäer in ihren Handelsstrategien waren, so flexibel waren sie mit ihrer Religion: Sie passten sich den Umständen an, lernten Gottheiten der Nachbarvölker kennen und adaptierten sie. Je nach Region beteten sie die lokalen Götter an, das konnten auch Flüsse, Quellen, Berge oder Bäume sein. In der Beschreibung der nabatäischen Gottheiten finden sich Merkmale arabischer, persischer und vor allem hellenistischer Götter wieder. So hatte jede Siedlung einen eigenen Hauptgott, zum Teil glaubten einzelne Familien an eigene Wesen. MUSIK AUS O-Ton 13 Jane gods OV weiblich: “Außerdem wissen wir von drei Haupt-Göttinnen in Petra, deren wichtigste Al-Huzza war. Ihr Name kann mit „Die Große“ übersetzt werden. TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht Erzählerin: Die britische Schriftstellerin und Fotografin Jane Taylor lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Jordanien, hat mehrere Dokumentationen über die Nabatäer veröffentlicht. Neben der sehr variablen Religion beeindruckt sie auch die relativ gleichberechtigte Rolle der nabatäischen Frauen: O-Ton 14 Jane women OV weiblich: „Es gibt Hinweise, dass die Nabatäer ihre Frauen wesentlich höher ansahen als etwa die Römer oder die Juden der Epoche. Ein Anzeichen dafür ist die Tatsache, dass auf den Münzen der Nabatäer nicht nur Könige, sondern auch Königinnen abgebildet waren. Das gab`s weder bei Römern noch bei den Juden. Es ist leider sehr wenig über das Alltagsleben der Ehefrauen, Mütter, Töchter überliefert, aber wir kennen relativ viele Namen von Königinnen und auch von Königstöchtern. Und diese wurden offenbar nicht viel anders behandelt als die Königssöhne.“ Erzähler: Die wenigen historischen Quellen vermitteln den Eindruck, dass die Nabatäer ein sehr verantwortungsvolles, gut organisiertes und um Frieden bemühtes Volk bildeten. Laut Geschichtsschreibern versuchten sie, mögliche Feinde eher mit Strategie und Diplomatie zu bezwingen als mit militärischer Gewalt. So führten sie ein römisches Heer fehl, damit dieses an keiner Oase vorbeikam und schließlich geschwächt ohne jeden Kampf aufgeben musste. MUSIK Als die Römer alternative Handelsrouten auf dem Seewege etablierten, verloren die Nabatäer ihr Handelsmonopol und wurden als Unterhändler quasi überflüssig. Relativ unspektakulär wurde ihr Reich von Rom geschluckt und ging in der Provinz Arabia auf. Aus Händlern wurden sesshafte Bauern. Erzählerin: Das Handelszentrum Petra geriet in Vergessenheit, stattdessen zogen die Karawanen nach Palmyra oder Aleppo. MUSIK AUS O-Ton 16 Schmid Ende: „Das nominelle Ende des nabatäischen Königreiches kommt 106 nach Christus, als die Römer hier einmarschieren und das Nabatäer-Reich in die Provinz Arabien umwandeln. Es ist immer noch nicht ganz klar, warum zu diesem Zeitpunkt, wenige Jahre später unternimmt der gleiche Römische Kaiser Trajan einen groß angelegten Feldzug in den damaligen Osten, das Partherreich wird bekriegt und teilweise erobert. Und möglicherweise war es für die Römische Verwaltung und Planung wichtig, in dieser Ecke der antiken Welt, wo wichtige Zufahrtsstraßen auch auf die künftigen Kriegsschauplätze hin durchführen, für Ruhe zu sorgen, prophylaktisch sozusagen.“ Erzähler: In der Folge vernachlässigten die Römer Petra. Viele Bewohner zogen weg, nur einige Christen nutzten die Höhlenverstecke auf ihrer Flucht vor den Römern. Die Stadt verfiel. Erzählerin: Und erlitt im Jahr 363 nach Christus sozusagen den Todesstoß. Ein schweres Erdbeben machte den Resten eines einst blühenden Handelsreichs ein Ende. Als der Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim 1812 Petra erreichte, existierte die Stadt schon lange nicht mehr. Wüstensand überdeckte die ehemalige Metropole wie ein Mantel des Schweigens. TC 21:06 – Outro
Lange bevor Erdöl und Erdgas die Arabischen Emirate reich machten, wurde von dort Fernhandel bis nach Indien betrieben. Gold, Perlen, Waffen im Tausch gegen Edelsteine, Hölzer, Gewürze. Die Region um Dubai war schon in der Stein-, Bronze-und Eisenzeit ein wichtiges Handelszentrum. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2023) Credits Autor: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Christian Baumann, Jenny Güzel Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Christian Velde, Ali Al Mansoori, Aisha Ahmet, Mansour Boraik, Abdullah Mansouri, Abdulla Rashed Al Suwaidi Linktipps: radioWissen (2023): Das Dromedar – Überlebenskünstler und Luxusrenntier Dromedar oder Kamel? Die Zahl der Höcker macht den Unterschied, Dromedare sind die mit einem Höcker. Der darin gespeicherte Fettspeicher ist einer der vielen Überlebenstricks der Schwielensohler in der Wüste. JETZT ANHÖREN 3sat (2020): Der Duft des Orient – Die Weihrauchstraße Weihrauch ist der Wundsaft eines knorrigen Wüsten-Baumes. Dieter Moor folgt den Spuren dieses gleichermaßen mythischen wie aromatischen Rauchs auf einer der ältesten Karawanen-Handelsstrasse der Geschichte. JETZT ANSEHEN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN Timecodes (TC) zu dieser Folge: TC 00:15 – Intro TC 01:59 – Mehr als Palmen, Datteln und Fisch TC 05:00 – Lehren aus dem Grab TC 07:30 – Ein Industriegebiet mitten in der Wüste TC 11:43 – Das Allrounder-Dromedar TC 14:03 – Auf der Weihrauchroute TC 16:57 – Die Macht der Perlen TC 19:06 – Äußere Einflüsse TC 22:20 - Outro Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: TC 00:15 – Intro MUSIK & ATMO 01 Geröll + ATMO Wüste Sprecherin: Er trägt immer sehr robuste Lederstiefel, denn er steht oft bis zu den Knöcheln in Haufen von scharfkantigen Muschelschalen und Knochenresten. Seit über 30 Jahren stochert der deutsche Archäologe Christian Velde in den Müllbergen der frühesten Bewohner von Ras al Khaimah, O 01 Muscheln: „Diese Hügel bezeichnen wir als Muschelhaufen, im Grunde ein Abfallhaufen, von dem, was Menschen gegessen haben. Für uns fantastisch, das ist das, was wir brauchen! Wir graben im Abfall der Menschen, die einmal gelebt haben. Man muss das nur wirklich aufheben (…) das hat ein Mensch vor drei bis vier Tausend Jahren ausgeschlürft und dann hierhin geworfen.“ ATMO Muschelhaufen Sprecher: Austern waren wohl schon in der Vorzeit eine Delikatesse oder eher ein Grundnahrungsmittel in dem nördlichsten der Vereinigten Arabischen Emirate. MUSIK Sprecherin: Der Archäologe steht in einer steinigen, staubigen Ebene. Ein paar Kilometer östlich beginnen die steilen Berghänge des Hajar-Gebirges, im Westen glänzt der Arabisch-Persische Golf in der Sonne. Sprecher: Aus dem Gebirge fließt nach Regenfällen kostbares Wasser herab. Und in den bergigen Regionen können Wildtiere gejagt werden. Aus dem Meer wiederum gibt es reichlich Fische und Meeresfrüchte zu essen. Diese Lage hat die Arabische Golfküste schon sehr früh attraktiv für eine Besiedlung gemacht. TC 01:59 – Mehr als Palmen, Datteln und Fisch O 02 Steinzeit: „Die frühesten Nachweise, wie wir jetzt wissen, sind etwa 200.000 vor der Jetzt-Zeit. Das ist die sogenannte Alt-Steinzeit, das ist die Zeit, in der sich die ersten Wellen früher Menschen aus Afrika weiter ausbreiten und das Faszinierende ist, dass man heute annimmt, dass sie auch über die Arabische Halbinsel nach Asien gekommen sind. Man kann das wirklich nachweisen, dass von 200.000 bis jetzt Menschen in diesem Raum gelebt haben.“ Sprecherin: Auf einer Insel, die zum Emirat Sharjah gehört, haben Forscher im Jahr 2022 Hinweise auf eine Siedlung aus der Altsteinzeit entdeckt, die ältesten Spuren der ganzen Region. Sprecher: Das hat die Wissenschaftler überrascht, weil in dieser Epoche lange Trockenzeiten auf der Arabischen Halbinsel vorherrschten. Offenbar waren die Menschen damals in der Lage, trotz der harschen Bedingungen zu überleben. Sprecherin: In der Jungsteinzeit, also etwa ab 10.000 vor unserer Zeitrechnung, haben sich die Lebensbedingungen erheblich verbessert. O 03 Monsun: „Vom Neolithikum mit einer kurzen Unterbrechung bis zum dritten Jahrtausend hat es hier eindeutig mehr geregnet als heute. Und zwar deswegen, weil in dieser Zeit der Monsun, der sich heute praktisch auf Indien beschränkt, damals bis in den Norden gekommen, d.h. es hat hier im Grunde zwei Regenzeiten gegeben.“ MUSIK Sprecher: Die Ebene, die heute auf dem Staatsgebiet von Ras al Khaimah liegt, hat sich damals zum Obst-und Gemüsegarten der Region entwickelt. ATMO 02 Wedel Sprecherin: Die Grabungsstätten des Archäologen Christian Velde sind eingerahmt von ausgedehnten Palmgärten. O 04 Datteln: „Wir wissen, dass es von etwa von 3000 vor bis in die Moderne hier Palmengärten gegeben hat, auch wenn wir die ersten Dattelkerne schon aus dem Neolithikum kennen.“ ATMO 03 Palmgarten Sprecher: Einer dieser Palmgärten gehört Ali Al Mansoori (sprich: Mansuri). Weiße Haare, weißer Vollbart, weißes Scheichsgewand, so steht der Dattelbauer zwischen seinen Palmen: O 05 dades OV männl.: OV- männlich „Die Menschen früher hatten wenig zu essen hier, eigentlich nur Datteln und Fisch. Das Gute an den Datteln: man kann sie auch ohne Kühlschrank ein Jahr lang aufbewahren. Und sie sind auch noch gesund! Eine Palme versorgt dich mit 120 Kilo Datteln, davon kann sich eine Familie ein Jahr lang ernähren.“ Sprecher: Zwischen den Palmen dringt Sonnenlicht hindurch, so können darunter zwei weitere Ebenen mit Obstbäumen und Boden-Gemüse gedeihen. MUSIK Sprecherin: Aber die Menschen lebten auch damals nicht nur von Datteln und Fischen. Tonscherben und Steinwerkzeuge, die in Ras al Khaimah ausgegraben wurden, deuten darauf hin, dass bereits im sechsten Jahrtausend vor Christus, in der sogenannten Obed-Zeit, Tauschhandel mit Mesopotamien betrieben wurde. TC 05:00 – Lehren aus dem Grab Sprecher: Im dritten Jahrtausend vor Christus lebte die Umm-an-Nar-Kultur im heutigen Emirat, im Anschluss die Wadi-Suq-Kultur. Aus dieser Epoche stammen bedeutende Funde von Christian Velde: Hunderte von Gräbern! Zusp. O 08 Gräber: „Wo wir etwas finden, ist jenseits der Palmengärten, wo die Menschen meistens ihre Toten bestattet haben und deswegen finden wir sehr häufig Gräber. Und die findet man tatsächlich in diesem Gebiet zwischen den Palmengärten, in den Schotterflächen am Rand der Berge. Das Faszinierende ist Shimal, wo sich ein gewaltiger Friedhof befindet mit mehr als 100 megalithischen Gräbern, die aus einer Zeit zu Beginn des zweiten Jahrtausends stammen, aus einer Kultur, die wir Wadi Suk-Kultur nennen, aus der Zeit zwischen 2000 und 1600 v.Chr.“ ATMO 06 Grab Sprecherin: Blickt man über die Ebene, reiht sich Hügel an Hügel, unter jedem Hügel ruhen Gruppen-Gräber, die meist für 30 bis 60 Personen angelegt wurden. Nur einige der Grabhügel sind bisher freigelegt worden, mit teils erstaunlichen Funden: O 09 Hund: „Ein komplettes Skelett einer jungen Frau, die angehockt – das sind alles Hockerbestattungen im 2. und 3. Jahrtausend – dort bestattet worden ist und das Faszinierende an dieser Bestattung ist, dass oberhalb ihres Kopfes ein Hund bestattet war. Sie ist also scheinbar mit ihrem Hund bestattet worden. Es ist ein Hund, der nachweislich seit den Beduinen hier existiert, aber sehr wahrscheinlich schon Jahrtausende davor existiert hat.“ Sprecher: Für Archäologen sind es oftmals die unspektakulären Entdeckungen, die für neue Erkenntnisse sorgen. So ergaben Untersuchungen an abgenagten Hühnerknochen, dass schon in der Bronzezeit Handel mit dem fernen Indien stattgefunden hat: 0 10 Huhn: „Das Huhn ist faszinierenderweise im Industal, also in Indien domestiziert worden, die Urform des Huhns. Und tatsächlich hat man die Reste von Hühnern auch hier gefunden. Tatsächlich scheinen im dritten Jahrtausend Hühner hierher exportiert worden zu sein.“ Sprecherin: Da sich abgeknabberte Hühnerknochen nicht so gut als Ausstellungsstücke für ein Museum eignen, werden im Nationalmuseum von Ras al Khaimah Steinpfannen, bemalte Becher, Bronzewerkzeuge und Waffen, etwa Dolche oder Pfeilspitzen gezeigt. TC 07:30 – Ein Industriegebiet mitten in der Wüste ATMO 07 Innenhof Sprecher: Im Innenhof des Museums hat die Museums-Führerin Aisha Ahmet gerade eine Studentengruppe verabschiedet. Für sie als Einheimische ist es etwas Besonderes, dass sich Besucher aus anderen Weltgegenden für die frühzeitliche Geschichte von Ras al Khaimah interessieren: O 11 map OV weibl.: OV- weiblich „Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich mir die alten Karten anschaue und sehe, dass mein Land schon vor sehr langer Zeit mit weit entfernten Gegenden der Welt vernetzt war. Und auch die Gäste hier im Museum - etwa die aus China oder Indien - staunen, dass unsere Länder schon in der Frühzeit Handel miteinander getrieben haben.“ MUSIK Sprecherin: Aufgrund seiner Lage in dem schmalen Streifen zwischen Meer und Berg war das heutige Ras al Khaimah prädestiniert für frühe Siedlungen. Aber auch in den anderen Emiraten entlang der Küste des Arabisch-Persischen Golfes wurden Belege für weitreichende Handelsaktivitäten gefunden. Sprecher: Eine Zufallsentdeckung sorgte im Jahr 2002 in Dubai für Schlagzeilen: Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, der Herrscher von Dubai, erspähte während eines Helikopterfluges ungewöhnliche dunkle Schattierungen im Wüstensand. Wie Wissenschaftler kurze Zeit später analysierten, handelte es sich um Schlacke, ein Abfallprodukt von Schmelzöfen aus der Eisenzeit. Sprecherin: Die umfangreichen Grabungsarbeiten förderten Tausende Metall-Objekte zu Tage, vor allem Waffen und Schmuck. Der Archäologe Dr. Mansour Boraik ist der Direktor des Saruq al Hadid-Museums, in dem die Exponate zu sehen sind: 0 13 Gold OV männl.: OV- männlich „Das war ein richtiges Industriegebiet für Metallarbeiten. Vor allem Waffen wurden hergestellt: Speerspitzen, Äxte, Pfeile. Daneben haben wir aber auch analysiert, dass hier Gold zu Schmuck verarbeitet wurde. Wir haben Goldkettchen gefunden, unbearbeitetes Gold, und auch Goldschmuck mit Perlen. Das Gold kam wohl aus Saudi-Arabien und Jemen und wurde hier bearbeitet.“ MUSIK Sprecher: Der Großteil der Fundstücke wird auf das Zeitfenster 1300 bis 800 vor Christus datiert. In den Öfen wurde Eisen geschmolzen, und aus Kupfer und Zink wurde Bronze hergestellt. Sprecherin: Für diese Prozesse sind Öfen notwendig, die auf über 1200 Grad heizen können. Für damalige Verhältnisse ein Kraftakt – mitten in der Wüste! Sprecher: Zwar gab es aufgrund höherer Niederschläge mehr Vegetation als heute, also mehr Bäume, etwa Akazien, trotzdem musste das Brenn-Holz für die Öfen aus einem weiten Gebiet zusammengetragen werden. Vermutlich holten die Arbeiter sogar aus dem Hajar-Gebirge brennbares Material. Sprecherin: Neben den industriell betriebenen Öfen waren aber auch Goldschmiede vor Ort. Das beweisen kunstvoll gestaltete Schmuckstücke, zum Beispiel Halsketten oder Armreife – besetzt mit wertvollen Steinen von weit her. Mansour Boraik: O 14 stones OV männl.: OV- männlich „Die Juwelen waren aus verschiedenen Edelsteinen und Halbedelsteinen gemacht: Amethysten, Achate, Karneole, Lapislazuli, Muscheln, Kristall, alles Mögliche. Das heißt, sie waren in Verbindung mit verschiedenen Handelsvölkern in Mesopotamien, Anatolien, im Industal oder Ägypten. Steine, Silber und Gold wurden weit gehandelt.“ Sprecher: So spektakulär die Funde in Saruq al Hadid waren, so rätselhaft sind die Hintergründe dieser eisenzeitlichen Industriestadt: O 15 mysteries OV männl.: OV- männlich „Wir haben über 20.000 Objekte ausgegraben. Aber wir stehen immer noch vor vielen Rätseln. Wir wissen nicht, wer diese Menschen waren, wohin sie gegangen sind, warum sind sie verschwunden. Warum haben sie so viele Gegenstände hier zurückgelassen? Diese Geheimnisse müssen erst noch enträtselt werden.“ TC 11:43 – Das Allrounder-Dromedar ATMO 08 Kamel + ATMO Wüste Sprecherin: In der Übergangsphase von der Bronze- zur Eisenzeit ist auf der Arabischen Halbinsel etwas geschehen, was die gesamte Region massiv verändert hat: Die Menschen erkannten, dass die einheimischen einhöckrigen Kamele, also Dromedare, als Reit- und Tragetiere benutzt werden können. Für Christian Velde war das ein Quantensprung: 0 16 Domestizierung: „Plötzlich haben die Menschen angefangen zu überlegen: Wir fangen die ein, packen sie in einen Pferch und haben unsere Fleischvorräte direkt bei der Hand. Damit fängt die Domestizierung des Kamels an, um 1500, wahrscheinlich als Fleischlieferant. Bis man dann entdeckt hat, die Viecher eignen sich hervorragend, um sie mit Gütern zu bepacken und durch die Gegend wandern zu lassen, weil sie ewig lange ohne oder mit sehr wenig Wasser auskommen. Und dann zweitrangig mit der Domestizierung und Nahrungsmittel-Fleisch-Lieferant Nummer 1 hat man gesehen: Mensch, das sind unsere Lasttiere!“ Sprecher: Damit war der Handelsweg zu Land nach Süden, Norden und Westen frei: 0 17 Wüste: „Und plötzlich ist die Wüste, die immer eine Trennung war – plötzlich konnte man die Wüste durchqueren mit diesen Kamelen. Und plötzlich, das sieht man im ersten Jahrtausend, fangen Handelskontakte mit Jemen an oder mit anderen Teilen der Arabischen Halbinsel weiter im Norden. Weil die weiten Strecken, die man durch den Sand durchgehen muss, mit sehr wenigen Wasserquellen, kann man jetzt überwinden. Das Kamel also, erst als Fleischlieferant und dann als das Lasttier, hat die Arabische Halbinsel in der Eisenzeit, also im ersten Jahrtausend v.Chr. sehr verändert.“ MUSIK Sprecherin: Mit den Karawanen fingen Menschen an zu wandern. Beduinen, also Nomaden, die vorher nur in gebirgsnahen Gegenden mit Wasserquellen unterwegs waren, konnten jetzt weite Handlungsreisen unternehmen. Sprecher: Die Königreiche im südlichen Arabien, wie die der Sabäer und Minäer, konnten ihre Waren auf dem Kamelrücken über die ganze Halbinsel bis nach Palästina, Syrien und zum Mittelmeer transportieren. Bekanntestes Beispiel ist die Weihrauch-Route: ATMO Wüste TC 14:03 – Auf der Weihrauchroute O 18 Weihrauch: „Mit der Entwicklung des Kamels und der Karawanenwege wurde dieses Produkt ein Verkaufsschlager Jemens in der gesamten mediterranen Welt, aber auch hier im Golf und der Arabischen Welt. Sprecherin: Die Karawanen funktionierten ähnlich wie heute Aktiengesellschaften. Kleine Händler konnten sich mit ihren Produkten einkaufen und auf einen großen Gewinn beim Weiterverkauf hoffen. Bezahlt wurde zunächst mit Gold und Silber, bis sich die ersten Münzen etablierten: O 19 Münzen: „Es hat sogar in dieser Zeit tatsächlich zum ersten Mal in diesem Bereich das Prägen von Münzen gegeben. Man hat Münzen aus dieser Zeit, man hat sogar eine Prägeform oder Gießform für Münzen gefunden. Das ist also die Zeit eines Beduinenreichs und diese Beduinen haben alle vom Handel gelebt, der Handel war der Kern dieses Beduinenreichs.“ Sprecher: Die Zeit von 300 vor bis 300 nach Christus war die Ära der Beduinenreiche an der Golfküste. ATMO Meeresbrandung Sprecherin: Da die Technik der Bootsbauer voranschritt und die Schiffe immer weiter segeln konnten, entwickelte sich ein wahrer Fernhandel. Die frühesten Seefahrer konnten mit ihren Schilfbooten nur überschaubare Distanzen zurücklegen. Sprecher: Die für den Arabisch-Persischen Golf typischen Holz-Dhaus kamen dann bis nach Indien und China. ATMO 10 Werft 1 + ATMO 11 Werft 2 Sprecherin: Dhaus, wie sie in der Werft von Abdullah Mansouri in Ras al Khaimah noch heute fabriziert werden: 0 20 Bootsbauer OV männl.: OV- männlich „Mein Großvater und mein Vater haben auch schon Dhaus gebaut. Sie haben es mir beigebracht, als ich 13 Jahre war. Seitdem bin ich jeden Werk-Tag hier in der Werft. Wir verwenden ausschließlich Holz, was Anderes kommt für mich nicht in Frage. Die Inspiration für die Boote hole ich mir aus alten Büchern.“ ATMO 11 Werft 2 + ATMO 12 Werft 3 Sprecher: Gewürze aus Indien, Keramik aus China, Silber aus Anatolien, Marmor aus Ägypten, Weihrauch aus Jemen - wo heute Dubai, Katar, Bahrain oder Ras al Khaimah globale Handelszentren bilden, waren auch in den Jahrhunderten vor unserer Zeitenwende schon Verkehrs-Knotenpunkte. O 22 Händler: „Es war sowohl in der islamischen als auch in der vorislamischen Zeit immer ein Handelsmittelpunkt- und Schwerpunkt und Händler ziehen immer andere Religionen, andere Sprachen an, also es dürfte hier immer multikulturell gewesen sein, auch im dritten und zweiten Jahrtausend v.Chr. und in den späteren Perioden auch. Händler sind immer offen, Händler nehmen alles auf, sind tolerant gegenüber allen Religionen, Völkern, Kulturen. Denn das Wichtigste ist für sie, Geld und Handel zu machen und nicht, irgendwelche Ideologien zu verbreiten.“ MUSIK TC 16:57 – Die Macht der Perlen Sprecherin: Das wertvollste Handelsgut, das Ras al Khaimah zu bieten hatte, waren: Perlen. In den von Mangroven gebildeten sandigen Lagunen entlang der Küste haben Austernmuscheln ideale Lebensbedingungen. Sprecher: Früher mussten Perlentaucher ohne technische Hilfsmittel auf mühsame und lebensgefährliche Art und Weise am Meeresboden nach den Muscheln suchen. Im 20. Jahrhundert ist die Zucht von Perlenaustern aufgebaut worden. Sprecherin: Die älteste Austern-Perle wurde in Abu Dhabi an einer Halskette als Grabbeilage einer Frau aus der Jungsteinzeit gefunden. Auch im Gilgamensch-Epos aus dem dritten Jahrtausend vor Christus werden Perlen erwähnt. Und der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere lobte die Perlen aus dem Arabisch-Persischen Golf als die feinsten der Welt. ATMO 13 Perlen Sprecher: Abdulla Rashed Al Suwaidi (sprich: Su-wa-i-di) betreibt in einer der Lagunen in Ras al Khaimah eine Perlausternfarm und demonstriert dort, wie die Perlen aus den scharfkantigen Muscheln gelöst werden. O 23 pearls OV männl.: OV- männlich „Wenn man wilde Austernmuscheln vom Meeresboden aufpickt, findet man in einer von 100 Muscheln eine Natur-Perle. Also etwa eine Quote von einem Prozent. Wenn man also 1000 öffnet, hat man zehn und davon sollte zumindest eine so groß und wertvoll sein, um die Ausgaben dafür zu begleichen. Es ist kein einfacher Job!“ ATMO 13 Perlen Sprecherin: Die weißen Naturperlen landeten und landen bis heute in Kronen, Zeptern oder kostbaren Schmuckstücken. O 24 power OV männl.: OV- männlich „Wer hat Perlen getragen? Könige, Sultane, Prinzen, Maharadschas, Kaiser, begehrten Perlen. Egal ob im alten Persien, in Indien, in China. Warum waren sie so angetan von Perlen? Weil sie Symbole sind für Geld und Vermögen und daraus resultiert: Macht. Perlen zeigten also ihre Macht!“ TC 19:06 – Äußere Einflüsse ATMO Meeresbrandung Sprecher: Durch die Erreichbarkeit und die Handelsaktivitäten wurde die Arabische Golfküste, die bis dato nahezu unbehelligt von Feinden war, für andere Völker attraktiv. MUSIK Sprecherin: Im vierten Jahrhundert vor Christus versuchte Alexander der Große, Fuß zu fassen an der Küste, starb allerdings auf dem Weg ins südliche Arabien in Babylon. Einer seiner Feldherren schaffte es bis zum nordwestlichen Ufer des Golfes. Erst Alexanders Nachfolger, die Seleukiden, konnten ihr Reich bis zu den heutigen Arabischen Emiraten ausweiten, wurden aber schon im zweiten Jahrhundert vor der Zeitenwende von den Parthern abgelöst. Sprecher: Mit den verschiedenen Völkern kamen immer auch unterschiedliche Religionen an die Golfküste. Einige der lokalen Gottheiten waren über die Grenzen bekannt und wurden Jahrhunderte lang verehrt. Etwa die Göttinnen Allat und Aluzza, die von Gläubigen in Mekka genauso angebetet wurden wie im nabatäischen Petra. Es existierten auch jüdische Gemeinden auf der Arabischen Halbinsel und später kamen christliche Gruppierungen dazu: O 25 Christen: „Man darf nicht vergessen, dass die Arabische Halbinsel vor der Islamisierung sehr stark christianisiert war. Es gab viele christliche arabische Stämme in allen Teilen Arabiens. Es gab auch jüdische Stämme, der Jemen war zwischendurch ein jüdisches Königtum. Und man weiß inzwischen auch, dass es Christen hier an der Küste gegeben hat, gerade vor kurzer Zeit ist eine Kirchenanlage, vielleicht ein Kloster, vielleicht eine Kirche und Kloster gleichzeitig, ausgegraben worden, eine sensationelle Neuentdeckung! 5. bis 7. Jahrhundert. Sehr wahrscheinlich sind das alles nestorianische Christen.“ ATMO 15 Strandfußball Sprecherin: An Stränden wie dem in Ras al Khaimah, wo heute Kinder Fußball spielen, landeten um 300 nach Christus persische Streitkräfte und setzten sich für mehrere Jahrhunderte fest: O 26 Sassaniden: „Die Sassaniden, die letzte große vorislamische Dynastie Persiens, die auch Mesopotamien beherrscht hat, die etwa genauso groß und mächtig gewesen sind wie die Römer. Und die haben vom 4./5. Jahrhundert an auch diese Seite des Golfes dominiert, sind mit ihren Schiffen und Truppen rübergekommen. Wir haben z.B. sassanidenzeitliche Überreste gefunden von einer größeren Gebäudestruktur, die eventuell ein Verwaltungsgebäude dargestellt hat. Denn wir wissen, dass die Sassaniden hier saßen und versucht haben, den Oman zu erobern. Das Ganze ist dann relativ abrupt zu Ende gekommen mit dem Beginn des Islam.“ MUSIK Sprecher: Im siebten Jahrhundert schließlich bewegten sich muslimische Truppen von Medina und Mekka aus über die gesamte Arabische Halbinsel. Auch an der Golfküste übernahmen sie die Macht von den Sassaniden – der Beginn einer neuen Zeitrechnung. MUSIK hoch und aus TC 22:20 - Outro



















