
Archivradio – Geschichte im Original
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In den Jahren 1957 und 1958 sterben weltweit mehr als eine Million Menschen an der damals grassierenden Asiatischen Grippe. Es ist die zweitschlimmste Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts, übertroffen nur durch die Spanische Grippe 1918 bis 1920. Die Asiatische Grippe hatte ihren Ursprung in China und erreicht im Frühsommer 1957 Deutschland. Im Juni warnen Behörden im Gespräch mit Radio Bremen noch vor "Dramatisierung". Vier Monate später sieht die Situation schon ganz anders aus. Insgesamt fallen in Deutschland der Asiatischen Grippe rund 30.000 Menschen zum Opfer. Die Asiatische Grippe – Offenbar kein mediales Dauerthema Trotz dieser schweren Pandemie findet sich in den Archiven des Südwestrundfunks zur Asiatischen Grippe nur ein einziger Bericht aus dieser Zeit, gesendet am 16. Oktober 1957. Es geht, auch damals, um die Folgen für die Wirtschaft und das öffentliche Leben – und natürlich auch um Vorbeugemaßnahmen. Händewaschen wird dabei noch nicht genannt, dafür das Gurgeln mit Wasserstoffsuperoxid sowie das Einnehmen formalinhaltiger Tabletten. Vor allem Junge waren betroffen – Trotzdem kaum Schulschließungen Die Asiatische Grippe hat vor allem Kinder und Jugendliche getroffen. Insofern hätte es gute Gründe gegeben, die Schulen zu schließen, aber damit war man zurückhaltend. Der Unterricht fiel erst aus, wenn die Hälfte einer Klasse erkrankt war. Dass sich in den Archiven kaum Berichte finden, liegt z. T. auch daran, dass klassische Nachrichtensendungen noch kaum archiviert wurden. Ganz anders war es bei der SARS-Pandemie 2003 – sie war in den Medien sehr präsent. Mehr historische Aufnahmen zur Medizingeschichte: http://swr.li/medizingeschichte
- 07.10.202429 min
Otto Hahn war einer der bedeutendsten deutschen Chemiker des 20. Jahrhunderts. Sein Name ist, im Positiven wie im Negativen, eng verbunden mit den zerstörerischsten Kriegstechnologien. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er an der Entwicklung von Giftgas mit, das dann auch eingesetzt wurde. Zwischen den Weltkriegen setzte er seine Forscherkarriere fort und erbrachte den ersten direkten Nachweis der Kernspaltung. Dafür bekam er 1945 den Nobelpreis. Transkript der Rede von Otto Hahn Ansage: Erinnerungen eines Radios-Chemikers. Unter diesem Titel, meine Damen und Herren, bringen wir Ihnen heute die wesentlichen Ausschnitte eines Vortrages, den Nobelpreisträger Professor Doktor Otto Hahn auf dem letzten deutschen Apothekertag in Karlsruhe gehalten hat. Otto Hahn "Als ich vor mehr als 65 Jahren nach Marburg ging, um dort Chemie zu studieren, da war das Gebiet, dem ich später den größten Teil meines Lebens widmen sollte, doch noch weitgehend unbekannt. Zwar hatte ein Jahr vorher, im Jahr 1896, Henri Becquerel in Frankreich die fotografische Wirkung des Strahlen des Urans erkannt. Aber zunächst blieb das Echo dieser Entdeckung der sogenannten Becquerel-Strahlen oder genauer dann der Radioaktivität nur klein. Aber das Interesse wurde doch immerhin sehr viel größer, als einige Jahre später das Ehepaar Curie in Paris die beiden neuen stark radioaktiven Elemente Polonium und Radium entdeckten und anreicherten. Und doch blieb das nun einsetzende Studium dieser neuen rätselhaften Erscheinungen zunächst noch einem relativ kleinen Kreis von Physikern und Chemikern vorbehalten. Und auf dem Studiengang eines normalen Chemikers hatten die neuen Erscheinungen keinerlei Einfluss. Nach vierjährigem Studium in Marburg und in München, wo ich noch beim Altmeister Adolf von Baeyer Chemie hören konnte, schloss ich mit einer Doktorarbeit aus dem Gebiete der organischen Chemie mein Studium in Marburg ab. Und da ich beabsichtigte, Chemiker in einer der chemischen Fabriken in der Nähe von Frankfurt am Main zu werden, war auch der weitere Entwicklungsgang eigentlich der übliche. Nach meiner Militärzeit war ich zwei Jahre Assistent bei meinem Chef, bei Geheimrat Zinke. Und nach dieser Zeit konnte man annehmen und hoffen, in der Industrie einen Platz zu bekommen – unter der Voraussetzung, mir noch einige Sprachkenntnisse, möglichst etwas Englisch zuzulegen, um eventuell mal später ins Ausland gehen zu können für die Fabrik. Und so ging ich mit einer Empfehlung meines Marburger Chefs nach London zu Sir William Ramsay, dem Mitentdecker des Argons und dem Entdecker der sogenannten Edelgase Helium, Krypton, Xenon usw. Ramsay interessierte sich damals für das neue Gebiet der Radioaktivität. Er hatte in Gemeinschaft mit Frederick Soddy den experimentellen Nachweis der Umwandlung des Radiums in Helium erbracht. Ramsay fragte mich, als ich zu ihm kam, ob ich über Radium arbeiten wolle. Und als ich ihm antwortete, dass sich eigentlich außer dem Namen von Radium gar nichts wüsste, da meinte er: Das ist die richtige Voraussetzung, [Publikum lacht] dann haben Sie keine falschen Vorbehalte und so weiter und gehen unbefangen an die Sache heran. Und er gab mir eine Schale mit einem, wie er sagte, radiumhaltigen Barium. Und daraus sollte ich nun das Radium rein herstellen, etwa zehn Milligramm, und eine Atomgewichtsbestimmung damit machen und die von der Frau Curie vorläufig gemachte nachprüfen. Es kam aber weder zur Herstellung des reinen Radiums, noch weniger zur Wiederholung der von Madame Curie bereits gemachten Atomgewichtsbestimmung. Ich fand nämlich außer dem erwarteten Radium eine unbekannte radioaktive Substanz. Das mir von Ramsay gegebene Präparat stammte nämlich nicht aus einem reinen Uran-Mineral, in dem sich Radium bildet, sondern aus einem Mineral, das das im Periodischen System der Elemente dem Uran damals benachbarte Element Thorium enthielt. Und da fand ich also zwangsläufig ein Umwandlungsprodukt des Thoriums. Und ich nannte diese damals als neues Element immer noch bezeichnete Substanz Radiothorium. [...]" ++++ Mitschnitt der Festansprache beim Deutschen Apothekertag in Karlsruhe am 7.10.1962 Erstausstrahlung: 21.4.1963 im Süddeutschen Rundfunk Lebendige Wissenschaft: Erinnerungen eines Radiochemikers +++++ Im Bild: Otto Hahn bei einem Gespräch in Hamburg, um 1962
Syrien und Ägypten greifen Israel am Feiertag Jom Kippur an 1973, am Versöhnungstag Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, wird Israel gleich von zwei Seiten angegriffen: von Syrien und von Ägypten. Zur Ausgangssituation: Israel hält zu dieser Zeit seit sechs Jahren – seit dem 6-Tage-Krieg 1967 – die Golanhöhen, das Westjordanland sowie die Sinai-Halbinsel bis zum Sueskanal besetzt. Mit den Angriffen an Jom Kippur versucht Syrien die Golanhöhen und Ägypten den Sinai zurückzuerobern. Die Kämpfe beginnen am 6. Oktober im Norden mit Luftkämpfen in den Golanhöhen und im Südosten des Libanons. Auch in Jerusalem gibt es Alarm, ARD-Korrespondentin Anne Ponger geht vorübergehend in den Luftschutzkeller, kommt aber für die Mittagssendung des Südwestfunks wieder nach oben. Während ihr Bericht im Radio läuft, hat Israel auch schon ägyptische Truppenbewegung im Sinai registriert. Tatsächlich überquert die ägyptische Armee bereits den Sueskanal. Die israelische Regierung ordnet eine Teilmobilmachung an. Zwei Tage später, am 8. Oktober ist der Krieg in vollem Gange. SWF1 bringt zur aktuellen Mittagssendung mehrere Korrespondentenberichte, die die Lage schildern. Ein weiterer Bericht handelt von Bundesbürgern, die sich als Freiwillige Kämpfer der israelischen bzw. der ägyptischen Armee anbieten. Am 11. Oktober berät die US-Regierung in Washington darüber, Israel in der aktuellen Situation mit Waffenlieferungen zu unterstützen oder, falls die Existenz des Staates auf dem Spiel steht, selbst ins Kriegsgeschehen einzugreifen. Außerdem schildert ein Reporter die aktuelle Situation auf den Golanhöhen. Lage entwickelt sich zugunsten Israels Am 22. Oktober hat sich die Lage sehr zugunsten Israels entwickelt. Syrien war faktisch besiegt, die ägyptische Armee am Sueskanal umzingelt. Der Weltsicherheitsrat hat beide Seiten zum Frieden aufgerufen und es gibt konkrete Vorschläge für eine Friedenslösung. Dieser Friedensplan bestimmt die Berichterstattung an jenem Tag. 24. Oktober: Es gibt einen Waffenstillstand – aber die israelische Opposition ist damit unzufrieden. Sie ist der Auffassung, Israel hätte den Krieg fortführen sollen, um die arabischen Gegner so weit in die Knie zu zwingen, dass sie einem echten Frieden zustimmen. 27. Oktober. Der Waffenstillstand hält. Grund sind auch Gespräche zwischen Washington und Moskau. Für US-Präsident Richard Nixon, der im eigenen Land gerade wegen der Watergate-Affäre massiv unter Druck steht, ist es wichtig, im Nahostkonflikt außenpolitisch zu punkten. Im Ergebnis bleibt Israel sowohl auf den Golanhöhen als auch im Sinai – zieht sich aber vom Ostufer des Sueskanals zurück; er steht dann wieder voll unter ägyptischer Kontrolle. Arabische Staaten reagieren mit Ölembargo Der Krieg ist zwar zu Ende, doch die arabischen Staaten revanchieren sich in der Folge am Westen mit einem Ölembargo, der zu Jahresende im Westen zur großen Ölkrise führt. Auch in Israel hinterlässt der Jom-Kippur-Krieg Narben. Vier Jahre nach dem Krieg geht Ägyptens Staatschef Anwar as-Sadat auf Israel zu und verhandelt schließlich mit Israels Ministerpräsident Menachem Begin den Friedensvertrag von Camp David.
- 02.10.202456 min
Was wenige wissen: Bei ihrer Gründung stand die DDR noch zum Ziel einer deutschen Wiedervereinigung. Die Staatsgründung selbst wurde maßgeblich von Moskau orchestriert – bis auf den großen Fackelzug am 11. Oktober 1949, den selbst der Kreml befremdlich fand. Stefan Nölke im Gespräch mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk (MDR 2024) | Mehr zur Sendung: http://swr.li/gruendung-ddr | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: daswissen@swr.de | Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@DasWissen und https://ard.social/@Archivradio
- 02.10.202492 min
Wilhelm Pieck – erster und einziger Präsident der DDR In ihren Anfängen hatte die DDR einen offiziellen Präsidenten, das war Wilhelm Pieck (1876 - 1960). Ins Amt gewählt wurde er am 11. Oktober 1949, vier Tage nach der Staatsgründung. Zu diesem Anlass veranstaltete die Freie Deutsche Jugend (FDJ) einen großen Fackelzug. FDJ-Vorsitzender war der spätere Staatsratsvorsitzende Erich Honecker. Mehrere zehntausend FDJ-Mitglieder (die FDJ selbst sprach von 200.000, aber die Zahl ist nicht belegt) marschierten an der Ehrentribüne vor der Berliner Humboldt-Universität vorbei. Margot Feist überreicht Blumen Sowohl in der Reportage von der Wahl als auch in der Übertragung des Fackelzugs ist Margot Feist zu hören – besser bekannt unter ihrem späteren ehelichen Namen Margot Honecker. Sie gratuliert Pieck öffentlich im Namen der Pionierorganisation Ernst Thälmann zu seiner Wahl und überreicht ihm einen Blumenstrauß. Am Ende der Aufnahme vom Fackelzug äußert sie sich noch einmal. Fackelzüge – eine deutsche Tradition? In Moskau, wo die Staatsgründung der DDR eigentlich orchestriert wurde, stieß der Fackelzug auf Skepsis. Denn 1933 gab es schon einmal einen Fackelzug der NSDAP unter den Linden. Jetzt wieder einer – wie soll das zum Bild eines antifaschistischen Staates passen? Doch Walter Ulbricht und Erich Honecker argumentierten, Fackelzüge seien nun mal deutsche Tradition – so ließ Moskau sie gewähren. Und so wurde das Ereignis im DDR-Rundfunk übertragen. Erich Honecker und Margot Feist kannten sich zu dem Zeitpunkt noch nicht näher. Sie lernten sich erst zwei Monate später kennen, als beide als Mitglieder einer DDR-Delegation zu den Feierlichkeiten von Stalins 70. Geburtstag nach Moskau reisten.
- 02.10.20248 min
Am Tag nach der Gründung der DDR kommt es vor dem Schöneberger Rathaus zu einer großen Kundgebung. Den West-Berlinern steckt noch die überstandene Berlin-Blockade in den Knochen, die Gründung der DDR zementiert die deutsche Teilung aufs Neue. Der Vorsteher der Berliner Stadtverordnetenversammlung, der Sozialdemokrat Otto Suhr, bringt seine Perspektive auf den Punkt: Zwei deutsche Staaten haben sich gegründet, die Berliner gehören keinem von ihnen an. Er meint die Bewohner im Westen der Stadt. Aber das Wort West-Berlin nimmt damals offiziell so noch niemand in den Mund. Die Reportage lief am 8. Oktober 1949 ab 16 Uhr in RIAS Berlin.
- 02.10.202410 min
Friedensvertrag und vereintes Deutschland am Horizont? Am 7. Oktober 1949 wird aus der sowjetischen Besatzungszone die DDR. Die provisorische Volkskammer wird ins Leben gerufen, freie Wahlen für das folgende Frühjahr angekündigt. Die neue DDR-Regierung nimmt für sich in Anspruch, das gesamte deutsche Volk zu vertreten. Das ist auch der Tenor des Kommentars von Karl-Eduard von Schnitzler im Berliner Rundfunk – dem Rundfunk der sowjetischen Besatzungszone. Schnitzler sieht einen Friedensvertrag und ein vereinigtes Deutschland am Horizont, dank der Unterstützung der Sowjetunion. Karl-Eduard von Schnitzler – ein linientreuer Journalist Karl-Eduard von Schnitzler zeigt sich hier bereits als linientreuer agitatorischer Journalist – eine Rolle, die er später weiter verfolgt als Moderator der Propaganda-Fernsehsendung des DDR-Rundfunks "Der Schwarze Kanal". In diesem Kommentar erklärt er: Durch die Gründung der DDR sei der deutsche Staat wiedererstanden. Dass sich fünf Monate zuvor bereits die Bundesrepublik als Staat gebildet hat, verschweigt er.
Als die provisorische Volkskammer der DDR am 7. Oktober 1949 ins Leben gerunfen wird, wird Johannes Dieckmann ihr Präsident. Seine wichtigste Aufgabe an diesem Tag ist es, die Abgeordneten über die neue Verfassung der DDR abstimmen zu lassen.
- 02.10.202415 min
Am 7. Oktober 1949 wird aus der sowjetischen Besatzungszone die DDR. Dazu wird in der Ost-Berliner Wilhelmstraße die provisorische Volkskammer ins Leben gerufen, provisorisch, weil die Wahlen erst im Folgejahr stattfinden sollten. Wichtigster Redner an diesem Gründungstag der DDR ist Wilhelm Pieck. Er ist zusammen mit Otto Grotewohl Vorsitzender der SED – und Präsident der Volkskammer. Vier Tage später wird er zum Präsidenten der DDR gewählt. Nach seinem Tod 1960 wird dieses Amt abgeschafft.
Am Tag der Ermordung des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen: ein Nachruf von Sibylle Krause-Burger (SDR).
Alfred Herrhausen war ein untypischer Bankchef, der sich der Öffentlichkeit stellte, sich in Osteuropa engagierte und für einen Schuldenerlass gegenüber afrikanischen Ländern warb. Auch war er ein persönlicher Vertrauter des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Kurz vor seiner Ermordung – unmittelbar nach der Maueröffnung – sprach sich Herrhausen in einem Interview für eine rasche Wiedervereinigung aus. Das nährte Spekulationen, wonach die Stasi in den Mord verstrickt war. Der Anschlag, so ein Argument, war viel zu perfekt geplant gemessen an den sonstigen Methoden der RAF. War die Stasi beteiligt? Oder palästinensische Terroristen? Es ist bekannt, dass die DDR in früheren Jahren RAF-Mitgliedern Unterschlupf bot, und auch, dass die Stasi Sondereinheiten hatte, die Sabotage und Terrorakte in der Bundesrepublik trainierte. Doch ob sie tatsächlich auch aktiv wurde, ist bis heute unklar. Von Seiten der Ermittler wird der Mord der "dritten RAF-Generation vorgeworfen, zu der auch die im Februar 2024 festgenommene Daniela Klette gehörte. Eine weitere Spur führt nach Recherchen des ARD-Journalisten Egmont Koch in den Nahen Osten. Nach seiner Darstellung spreche vieles dafür, dass die Bombe, die Herrhausen tötete, von der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP) konstruiert wurde.
- 27.09.2024114 min
Die Parlamentsdebatten der 5. Wahlperiode bahnten das an, was im März 1933 zum sogenannten Ermächtigungsgesetz führte. Als die Nationalsozialisten Anfang 1933 die Macht übernahmen und die 8. Wahlperiode begann, wurde das Parlament unwichtig. Wie von der 6. und 7. ist auch von der 8. Wahlperiode wenig Originalton überliefert. Aber die entscheidende Sitzung der Machtübernahme am 23. März 1933 ist in größeren Teilen erhalten. Im Zentrum steht Adolf Hitlers erster Auftritt in diesem Parlament. Das Protokoll vermerkt, dass sich einige Abgeordnete der linken Fraktionen von Kommunisten und Sozialdemokraten demonstrativ in den "Urlaub" abgemeldet hatten. Tatsächlich waren mehr als 100 Abgeordnete vor allem der KPD, aber auch der SPD inhaftiert, geflohen oder untergetaucht.* Vor dem Interim-Parlamentsgebäude, der Kroll-Oper, trugen SA und SS zur Einschüchterung der Parlamentarier bei. Gleichheit vor dem Gesetz gilt nicht für jeden Hitler beginnt ruhig. Die Wissenschaftliche Dokumentarin im Deutschen Rundfunkarchiv Muriel Favre führt das unter anderem darauf zurück, dass er erst seinen Ton finden musste, wie er diesem Parlament gegenübertrat. Hitler bekommt seinen ersten Applaus, als er ankündigt, den vermeintlichen Reichstags-Brandstifter hinrichten zu lassen. Wenig später legt er programmatisch die Politik der Folgejahre dar. Er droht als erstes die Abrechnung mit den "Marxisten" an, will die Föderalstruktur des Reichs abschaffen, ebenso die Wahl des Parlaments. Die Gleichheit vor dem Gesetz, so Hitler, gelte nicht für jeden, sondern nur für bestimmte Kreise. Hitler nimmt Stellung zu Außenpolitik und Kultur Die Siegermächte müssten sich darauf einrichten, dass sich das Deutsche Reich gegen sie stelle, wenn sie weiter auf Reparationsleistungen bestünden. Die Kunst habe sich komplett an "Blut und Rasse" zu orientieren. Religiöse Grundwerte würden zwar von der neuen Regierung respektiert, aber auch die Gläubigen müssten sich nationalsozialistischen Gedanken beugen. Die zukünftig von den Nationalsozialisten eingesetzten Richter dürften nicht (zum Beispiel wegen Befangenheit) absetzbar sein. Ende der Weimarer Demokratie In der zweiten Hälfte, immer häufiger von großem Applaus seiner Fraktion unterbrochen, nähert sich Hitlers Ton dem seiner Reden im Sportpalast und anderswo an. Er wird aggressiver. Jeder Landesverrat werde "künftig mit barbarischer Rücksichtslosigkeit ausgebrannt werden". Man werde die Armee aufrüsten, bis die Nachbarländer abrüsten. Es müsse ein Ende haben, von Siegern und Besiegten zu reden. Der eigentliche Sinn dieser Debatte war, dem neuen Reichskanzler und der NSDAP uneingeschränkte Macht zu geben. Die NSDAP setzte an diesem Tag mit Zustimmung des Zentrums das Ermächtigungsgesetz durch, einen Tag später trat es in Kraft. Damit war die Weimarer Demokratie abgeschafft. Die Redner: Hermann Göring (Reichstagspräsident) Franz Stöhr (NSDAP) Adolf Hitler (Reichskanzler) Thomas Esser (Zentrum) Otto Wels (SPD) Ludwig Kaas (Zentrum) 8. Wahlperiode. 1931/32 --- *In einer früheren Fassung des Artikels wurden die Angaben des Protokolls als Tatsachen dargestellt. Wir haben die Formulierung deshalb präzisiert.
- 22.09.202424 min
Hitler und Autobahn – das gehört im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zusammen. Dafür hat Hitler auch gesorgt. Es ist der 23. September 1933: Spatenstich für den ersten Autobahnabschnitt Frankfurt - Darmstadt. Schon den inszeniert Hitler als feierliche nationale Zeremonie. Die Aufnahme beginnt scheinbar harmlos mit der Beschreibung schöner Sommerwiesen, geht mit Sieg-Heil-Rufen weiter und findet in einer aufschlussreichen Rede Adolf Hitlers ihren Höhepunkt. Vorgeschichte Hitler hat die Autobahn nicht erfunden, Pläne für eine solche Schnellstraße gab es schon in den 1920er-Jahren: Eine Straße von Hamburg bis Basel. Und Konrad Adenauer eröffnete bereits 1932 als Kölner Oberbürgermeister eine vierspurige kreuzungsfreie Fahrbahn zwischen Köln und Bonn. Hätte es diese Pläne und Vorleistungen nicht gegeben, hätte Hitler nicht schon ein Dreivierteljahr nach der Machtübernahme den Spatenstich für die erste Reichsautobahn setzen können. Hitlers Rede Hitlers Rede ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Sie zeigt einen weitgehend ruhig sprechenden, nicht brüllenden Reichskanzler, der erst ein halbes Jahr im Amt, aber sich seiner Macht bewusst ist. Er spricht diese Macht an, und zwar im Zusammenhang mit seiner Herkunft als einfacher Arbeiter: Das "Verständnis", das er daraus ableitet, geht so weit, die Arbeiter vor den harten Wintern zu warnen, in denen sie nicht verzagen dürfen, worauf ihn das Publikum mit einem Sieg-Heil-Gruß bestätigt. "Dann sorgt Ihr dafür, dass durch Eure gesteigerte Konsumkraft wieder hunderttrausend andere in Fabriken und Werkstätten Arbeit bekommen. Es ist unser Ziel, die Konsumkraft der Massen langsam zu heben." Hitlers Autobahnbau war von Anfang an zur Ankurbelung der Wirtschaft gedacht. Historiker sind sich uneinig, ob das Projekt, 6400 Kilometer dieser "neuen großen Verkehrsstraßen" primär der Kriegsvorbereitung diente, wie viele Wirtschaftsprogramme Hitlers das taten. Er konnte sich dabei auf die zur Zeit seiner Machtübernahme extreme Arbeitslosigkeit stützen und gibt in dieser Autobahnrede die Schuld für "schwerste Not und das tiefste Unglück" nicht der Wirtschaftskrise, sondern pauschal den "letzten 15 Jahren" – also der Weimarer Republik. Später in der Rede kommt er auf seine "völkischen" Ideen zu sprechen, auf den "Prozess des inneres Zusammenschmiedens unseres Volkes", leistet sich aber keine Ausfälligkeiten gegen Bevölkerungsgruppen, die er davon ausschließen würde. Er fordert eine internationale starke Position Deutschlands, die der Autobahnbau symbolisiere, nämlich als "Markstein […] für den Bau der deutschen Volksgemeinschaft, einer Gemeinschaft, die uns als Volk und als Staat das geben wird, was wir mit Recht auf dieser Welt fordern und verlangen dürfen." Nach dem Ende der Rede beschreibt der Reporter, wie Hitler sich symbolisch mit Spaten und Lore an die Arbeit macht. Zur Aufnahmetechnik Die Tonaufzeichnungstechnik war damals so weit fortgeschritten, dass man in der freien Natur Reden und Reportagen in guter Qualität aufnehmen und speichern konnte. Die Nationalsozialisten wussten diesen technischen Durchbruch, der dem Rundfunk eine Nähe zur Realität verlieh, die er zuvor nicht besaß, zu schätzen und hatten im Sommer 1933 bereits die wesentlichen Teile des föderalen Rundfunkwesens in Deutschland zerschlagen und alles dem Propagandaministerium unterstellt. Auch diese Reportage mit anschließender Rede diente der Rundfunkpropaganda. Reporter: Paul Laven Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv
- 18.09.20245 min
CDU-Vorsitzende Merkel reklamiert auch Fraktionsvorsitz für sich 23. September 2002: Der Tag nach der Bundestagswahl. Angela Merkel, seit 2 Jahren CDU-Vorsitzende, reklamiert jetzt auch den Fraktionsvorsitz für sich. Den hatte bis dahin Friedrich Merz inne, der schließlich zu ihrem Stellvertreter degradiert wird.
- 18.09.20244 min
Im Oktober 2000 bringt Friedrich Merz – damals Fraktionsvorsitzender der Union – den Begriff Leitkultur erstmals in die politische Debatte ein, und zwar in einem Interview mit der Rheinischen Post am 18. Oktober. Das Interview wird nicht im Wortlaut abgedruckt, sondern nur indirekt wiedergegeben, im entscheidenden Satz heißt es: "Nach Auffassung des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz müssen sich Zuwanderer, die auf Dauer hier leben wollen, einer gewachsenen freiheitlichen deutschen Leitkultur anpassen." Und: "Zur maßgeblichen Leitkultur zählt Merz beispielsweise die Überzeugung, dass auch Zuwanderer einen eigenen Integrationsbeitrag leisten müssten; dass sie sich dabei anpassen müssten an die in diesem Land gewachsenen kulturellen Grund-Vorstellungen." Von den Regierungsparteien und der FDP erntet Merz damals erwartungsgemäß heftige Kritik, aber auch seine eigenen Parteifreunde sind nicht begeistert. Eine Woche nach Erscheinen des Artikels überwiegt in der CDU die Kritik an Merz – im Beitrag unter anderem von Günther Öttinger, Heiner Geißler und Laurenz Meyer. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel verteidigt Merz zwar, vermeidet es aber, das Wort zu wiederholt.
- 13.09.20249 min
2.700 Kilometer haben sie weitgehend ohne technische Hilfsmittel durchs Ewige Eis zurückgelegt, als sie am 12. Februar 1980 die McMurdo-Bucht erreichen. Nur auf dem letzten Stück hatten sie Gleitschirme benutzt, die sie und ihre Schlitten kräftig voranbrachten. Zwei Tage später läuft auf SDR1 dieses Interview mit Arved Fuchs. Welche Strapazen und Schwierigkeiten mit dieser Tour verbunden waren, macht ein anderes Interview deutlich, das SWF1 drei Wochen zuvor geführt hat. Denn zu dem Zeitpunkt gab es Zweifel, ob die beiden es schaffen würden. Zumindest die Bildzeitung hat daran gezweifelt. SWF1 telefoniert deshalb am 18. Januar mit einem der Beobachter der Expedition.
- 13.09.20245 min
Zweifel und Rückschläge: Extrembergsteiger berichten von ihrer Expedition Reinhold Messner begründete seinen Ruf als Extrembergsteiger in den 1970er- und 1980er-Jahren. Er war der erste Mensch, der alle Achttausender bestiegen hat. Er war der erste, der allein einen Achttausender bezwang. Und er war zusammen mit Peter Habeler der erste, der ohne zusätzlichen Sauerstoff auf den Mount Everest stieg. Das war am 8. Mai 1978. Zwei Wochen später, unmittelbar nach ihrer Rückkehr, erzählen die beiden im Südwestfunk von der Expedition.
- 13.09.20243 min
Am Brandenburger Tor in Berlin findet eine Kundgebung gegen Antisemitismus statt. Organisiert wird sie vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Im Sommer 2014 war die Lage im Nahen Osten eskaliert. Die Hamas schoss Raketen auf Israel, während Israel den Gaza-Streifen bombardierte. Tausende palästinensische Zivilisten starben. Auf Demonstrationen gegen das Vorgehen Israels wurden offen antisemitische Transparente gezeigt und Synagogen angriffen. Daraufhin organisierte der Zentralrat der Juden in Deutschland am 14. September 2014 unter dem Motto "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" eine Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Zahlreiche Prominente, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, besuchten die Veranstaltung. Aus Angela Merkels Ansprache "Wer Menschen, die eine Kippa oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle. Wer Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen schändet, der schändet unsere Kultur. Wer Synagogen zum Ziel von Hass und Gewalt macht, der rüttelt an den Fundamenten unserer freiheitlichen Gesellschaft."
- 13.09.20243 min
Sozialistischer Deutscher Studentenbund: Auflösung bahnt sich an Auch die Frauen rebellieren und vermissen das Thema Emanzipation. Helke Sander hält im Namen des Aktionsrates zur Befreiung der Frau eine flammende Rede gegen die Diskussionsunfähigkeit des SDS und bezeichnet diese als konterrevolutionären Vereinigung. SDS wurde 1946 gegründet Hier bahnt sich die Auflösung des SDS an, die zwei Jahre später endgültig erfolgen sollte. Gegründet worden war der Sozialistische Deutsche Studentenbund am 2. September 1946.
- 10.09.20246 min
Wirtschaftswunder: zusätzliche Arbeitskräfte werden gebraucht Das deutsche Wirtschaftswunder braucht Personal. Die Bundesrepublik wirbt schon in den 1950ern im Ausland um Arbeitskräfte – und bekommt sie, die "Gastarbeiter". Einen feiert sie ganz besonders. Der ahnt noch nichts von seinem "Glück", als er sich 1964 in Portugal in den Zug setzt und mit rund 1000 anderen Arbeitern aus Spanien und Portugal im Bahnhof Köln-Deutz ankommt. Losglück: Portugiese wird bei der Anreise im Zug ausgewählt Es ist bereits klar: Mit diesen Zügen wird die Zahl von einer Million Gastarbeitern überschritten. Daher wird im Zug ausgelost, welchem der Mitfahrer diese Ehre zuteilwird, der einmillionste zu sein. Es ist der 38-jährige Armando Rodrigues de Sá aus dem kleinen nordportugiesischen Dorf Vale de Madeiros. Als glücklicher Gewinner bekommt er ein Moped geschenkt. Selbst kommt er allerdings nicht zu Wort in diesem Bericht des WDR-Reporters Walter Hahn. Von Köln aus zieht Armando Rodrigues weiter nach Baden-Württemberg, wo er in Sindelfingen als Zimmermann arbeitet. Später zieht er um nach Wiesbaden. Bei einem Heimataufenthalt wird 1971 bei ihm eine Krebserkrankung diagnostiziert. Er bleibt in Portugal, wo er 1979 im Alter von 53 Jahren stirbt – wovon in Deutschland zunächst niemand Notiz nimmt.



















